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Die Karikatur im Weltkriege

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Besonders interessant sind jene Dokumente, die angeblich authentische deutsche Originalaufnahmen bringen, während es sich tatsächlich um französische Fälschungen schlimmster Art handelt. Durch alle Blätter bei uns ging ja jene Illustration, die drei deutsche Offiziere mit ihrem „Raub aus französischen Schlössern“ zeigte, in Wirklichkeit die Abbildung dreier Kavallerieleutnants, die sich nach einem Herrenreiten mit den drei gewonnenen Preisen hatten photographieren lassen; der Hintergrund war vorsichtig wegretuschiert worden. Auf eine andere Fälschung aus dem „Matin“ (der überhaupt kaum zu überbieten ist) machte kürzlich der „Kunstwart“ aufmerksam: das Blatt hatte eine Aufnahme eines Berliner Photographen benutzt, die den Kaiser und den Kronprinzen in freundlichem Gespräche vorführte. Der „Matin“ fälschte nun in das Original verschiedene „Kleinigkeiten“ hinein und dann wurde der nötige Text zu dieser Fälschung fabriziert: „Explication orageuse des deux Willies. Les officiers de la suite sourient ironiquement.“ Noch toller aber ist, was sich das Blatt „L’Intransigeant“ kürzlich geleistet hat; es brachte eine Gruppe hoher deutscher Offiziere mit ausgesprochen tieftraurigen Gesichtern, alle Mienen verraten Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit. Die Unterschrift: „Offiziere des deutschen Großen Generalstabes beim Rückzug nach einem mißglückten Angriffsversuch.“ Die Photographie war allerdings vollständig Original und auch nicht gefälscht. Aber man sah in dem französischen Blatte die Figuren nur bis etwa zu den Knien, die ganze Aufnahme zeigte nämlich die so traurigen und kopfhängerischen deutschen Offiziere bei der Beerdigung eines auf dem Felde der Ehre gefallenen Kameraden!

Bei all diesen Hetzereien passieren auch originelle Schnitzer. Das „Journal“ brachte im Januar mit der nötigen Entrüstung eine Abbildung aus der „Jugend“: Kitchener als Frosch mit den Händen in einer blutigen Masse hingemordeter Menschen wühlend. Man hoffte wohl auf die Entrüstung der gekränkten Engländer. In Wirklichkeit handelte es sich aber um eine — französische Karikatur der „Assiette au Beurre“ aus der Zeit des Burenkrieges (wie die „Jugend“ auch richtig angegeben hatte).

Abbildung 76 zeigt eine Karikatur von L. Métivet, die in der letzten vor dem Kriege ausgegebenen Nummer von „Le Rire“ veröffentlicht worden ist. Sie bezieht sich auf die berühmte „Stiefeldebatte“ in der französischen Kammer, die sich um die mangelhafte Ausrüstung des Heeres drehte und über die ja in deutschen Witzblättern zahlreiche Satiren veröffentlicht wurden. Der Soldat ist in Betrachtung seiner beiden Füße versunken, deren einer bekleidet, deren anderer unbekleidet ist, und fragt verwundert, welcher nun eigentlich der „Kriegsfuß“ sei. Die Kritik des eigenen Heeres spielte in französischen Witzblättern ja überhaupt immer eine große Rolle, wenn sie auch ganz anderer Art war, als jene harmlosen Scherze, mit denen deutsche Witzblätter über den bisweilen etwas zu großen Schneid unserer Offiziere in liebenswürdiger Weise spotteten. Besonders die Zeichnungen von Jossot lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig; sie üben an der ganzen Organisation des französischen Heeres eine ätzende Kritik.

Es ist eigentlich jammerschade, daß das bedeutendste französische Witzblatt (und man kann wohl sagen: die bedeutendste Karikaturen-Zeitung der Welt überhaupt), die „Assiette au Beurre“ bereits vor mehreren Jahren ihr Erscheinen eingestellt hat. Es wäre doch sehr wichtig gewesen, gerade sie unter der Kriegsliteratur vertreten zu sehen. — Und dabei denkt man unwillkürlich ein bis zwei Jahrzehnte zurück, an die Zeit, als sich die ganze Schärfe des französischen Witzes mit aller Wucht und allem Haß gegen die jetzigen Verbündeten Frankreichs, die Briten, wandte, als sogar Sondernummern gegen die Engländer herausgegeben wurden, wie namentlich zur Zeit des Burenkrieges. Derselbe Willette, der sich heute in gehässigen Kartons gegen die deutschen „Barbaren“ nicht genug tun kann, brachte damals ein Blatt, auf dem der Tod die abgemagerte Britannia davonträgt. Darunter stand zu lesen: „Der Tag, an dem das perfide Albion verreckt, wird ein Freudentag der Menschheit werden!“ — Aber auch später haben die Pariser Witzblätter sich noch weidlich über England lustig gemacht. So nach den letzten englischen Manövern, die wegen totalen Wirrwarrs und weil niemand mehr ein und aus wußte, schließlich abgebrochen werden mußten. — Vielleicht ist die Zeit nicht allzu fern, wo sich die Stifte der französischen Zeichner wieder gegen jenen Feind wenden werden, der die Ursache der „Schmach von Faschoda“ war. Dann wird Frankreich einsehen, wie treffend die Situation jene als Abbildung 74 wiedergegebene Karte charakterisiert, die aus dem deutschen Großen Hauptquartier im Westen stammt. Frankreich erntet eben die Früchte seiner Revanchepolitik und wird wohl schließlich die Hauptzeche zahlen müssen, wenn die Engländer die Absicht haben, bis zum letzten Franzosen zu kämpfen.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 76. Métivet: Welches ist denn nun der „Kriegsfuß“?

(Le Rire, Paris, Juli 1914.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

LE SILENCIEUX: JOFFRE

Abb. 77. Charles Léandre, Le Silencieux: Joffre. Il ne dit rien, mais chacun l’entend.

(Le Rire Rouge, Paris.)

Eine andere Karte mit französischem Text hat das deutsche Große Hauptquartier im Westen sich von Trier zeichnen lassen. Sie zeigt einen Engländer, der im Blute watet und die darin ertrinkenden Franzosen mit folgenden Versen anredet (dieser Engländer scheint übrigens eine Ausnahme zu sein, denn die wenigsten, nicht einmal Herr Grey, beherrschen eine andere Sprache, als die englische):

Dans ce sang, versé pour me plaire, Vous vous noyez? Goddam, tant pis! Rappelez-vous, ce que Voltaire, Un des vôtres, un très fin esprit, A dit de l’histoire d’Angleterre; „On y voit“, pretend ce grand homme, „Le sang couler comme de l’eau, Elle pourrait aussi bien en somme, Etre écrite par un bourreau!“

(In diesem Blute, vergossen für mich, Ertrinkt ihr? Goddam, um so schlimmer! Euer Voltaire, denket dran, sicherlich Ein geistvoller Kopf, doch ein grimmer, Über Englands Geschichte äußert er sich, Der Spötter, der große, man sehe dort Wie Wasser fließen das rote Blut, Geschrieben sein könnt’ sie, mit einem Wort, Von Henkershand ebensogut!)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 78. E. Tap: Joffre, der treue Wächter.

(La Guerre sociale, Paris.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 79. Manfredini: Suprême serment. Schwöre mir, Otto, daß du mich nicht mit einer Französin betrügen wirst.

(Le Rire rouge, Paris.)

Als Ersatz für die nicht mehr erscheinenden Witzblätter mußten in den ersten Kriegsmonaten Ansichtskarten herhalten, die auf den Boulevards zu Tausenden gekauft wurden. Sie sind noch viel schlimmer als die deutschen „Ulkkarten“ aus den ersten Monaten des Krieges, und das will doch gewiß viel heißen! Irgend etwas Geistvolles bringt diese schmutzige Wut nicht fertig. Man sieht den deutschen Kaiser, dem täglich ein Glas Blut frischgeschlachteter Kinder serviert werden muß (der „Künstler“ nennt sich P. Carrère); sieht den Kaiser in der Uniform der Totenkopf-Husaren ein Kind als Zielscheibe festhalten, während ein „Boche“ mit kupferroter Nase es totschießt, auf einer andern den Kaiser vor der Bibel betend, während ein deutscher Soldat mit einem Schwein daneben auf einen Priester schießt (die letzteren beiden Karten sind erschienen bei La Litho Parisienne, 27 rue Corbeau; der Zeichner führt den urfranzösischen Namen Muller). Es wäre ganz verkehrt, diese Absurditäten tragisch zu nehmen und sich sittlich darüber zu entrüsten, sie sind unsagbar dumm; höchstens kann man bedauern, daß ein hochkultiviertes Volk so tief sinken konnte. Dann gibt es Karten mit dem abgehackten Kopf eines Deutschen als „Plat du jour“ und solche mit allen möglichen Schandtaten, die die Boches verüben. Wie traurig muß es um ein Volk bestellt sein, das zu solchen Mitteln greift! Das alles ist ja nun eigentlich nicht neu. Wer die Ausstellung von Kriegsliteratur der Jahre 1870/71 besichtigt hat, die die Berliner Kgl. Bibliothek kürzlich veranstaltete, der hat sich überzeugen können, daß es auch vor vierzig Jahren nicht anders war, und daß die Bezeichnung Hunnenfürst für den Repräsentanten des deutschen Kaisertums schon damals gang und gäbe war. Da heißt es in einem Erlasse: „Les hordes barbares de l’Attila moderne égorgent, violent, brûlent et saccagent tout dans nos plus riches départements; ils osent menacer Paris, la ville sainte, la capitale du monde civilisé.“ Und auch gegen den deutschen „Militarismus“ wurde schon damals für „Freiheit und Zivilisation der Welt“ gefochten; Napoleon III. ermahnt in einem Erlaß vom 28. Juli 1870 seine Soldaten: „La France entière vous suit de ses voeux ardents et l’univers a les yeux sur vous. De nos succès dépend le sort de la liberté et de la civilisation.“ Und auch von den Grausamkeiten der Deutschen war schon damals die Rede. Ein Manifest vom 18. Januar 1871 sagt wörtlich: „L’ennemi tue nos femmes et nos enfants, il nous bombarde jour et nuit, il couvre d’obus nos hôspitaux.“[1] Und daß die französischen Schulhefte als Titelblätter vor dem Kriege Hetzbilder gegen die Deutschen brachten, ist uns ja wohlbekannt. In dem gleichen Stile bewegen sich jene Karikaturenhefte, die zu billigem Preise in Paris verkauft werden. Man hat das Gefühl, als ob dieser wahnsinnige Haß allein noch die verschiedenen Parteien in Frankreich zusammenzuhalten vermag. Ein solches Album ist beispielsweise bei Ollendorff in Paris unter dem Titel „Boches“ erschienen. (Boches! Deutschland unter alles. Von Ricardo Florès. Preis 60 Centimes, Ollendorff Editeur, Paris. 16 Seiten in Großquart.) Abbildung 75 führt eine verhältnismäßig harmlose Seite daraus vor. Die übliche Ungenauigkeit der Franzosen bei Darstellung deutscher Verhältnisse zeigt sich auch hier wieder: Sie kennen nicht einmal den Namen des Generaldirektors der preußischen Museen (der übrigens sprechend unähnlich dargestellt ist). Die übrigen Tafeln zeigen die bekannten Darstellungen von Plünderung, Raub, Kindermord usw.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 80. Teddy: Conseil de Revision.

„Un rein flottant ...; mais c’est parfait, on va vous mettre dans la marine!“ (Eine flutende (Wander-) Niere ...; das ist ja ausgezeichnet, da kommen Sie zur Marine!)

(Le Rire rouge, Paris.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

„Da bleibt nur viererlei übrig: Hungertod, Selbstmord, sich gegenseitig auffressen, oder die Rettung durch einen deutschen Bergführer.“

Abb. 81. Willy Stieborsky: Verstiegen.

(Die Alliierten auf dem Balkan.)

(Muskete, Wien.)

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Abb. 82. Rata Langa: Uccidiamo il militarismo.

(L’Asino, Rom.)

Zu den widerlichsten Veröffentlichungen Frankreichs gehört das im Verlage der „Librairie de l’Estampe“ erschienene „La ‚Kultur‘ Germanique en 1914/15“. Blättert man diese vierzehn Zeichnungen durch, so fragt man sich unwillkürlich: Gibt es denn in ganz Frankreich keinen Menschen, der diese sinnlosen Roheiten öffentlich an den Pranger stellt? Auf dem Umschlag eine abgehackte, beringte Frauenhand und im Innern Darstellungen von Mord, Schändung, Vergewaltigung und den widerlichsten Grausamkeiten. Ein Volk, das solche Gemeinheiten duldet, hat wahrlich kein Recht, von andern als Barbaren zu sprechen. Wie weit sich aber in der französischen Presse die Schamlosigkeit offenbarte, dafür ist eine Karikatur von Maxa in dem so viel genannten „Matin“ vom 26. Januar ein charakteristisches Beispiel. Die „Frankfurter Zeitung“ bemerkt dazu treffend: „Der Pariser ‚Matin‘, der nicht auf den Krieg gewartet hat, um sich im Urteil der ganzen Welt einschließlich der damals noch etwas urteilsfähigeren öffentlichen Meinung Frankreichs selber als den Schandfleck der europäischen Presse zu dokumentieren, fürchtet jetzt offenbar, daß es irgendwo in der Welt noch jemand geben könnte, der an seinem völligen Verzicht auch auf den letzten Funken von journalistischem Anstandsgefühl zweifelt. In der Tat, nur als verzweifelte Bemühung der Schamlosigkeit, sich selbst zu übertreffen, ist das Bild zu verstehen, das der ‚Matin‘ in seiner Nummer vom 26. dieses Monats veröffentlicht, und das in den Zügen eines Affen den greisen Kaiser von Österreich erkennen lassen will. Die Infamie der bildlichen Darstellung aber ist noch gesteigert durch die Bezeichnung ‚L’Increvable‘, für die es weder im Deutschen, noch in der Sprache irgendeines Menschen, dem die Würde des Alters nicht als geeigneter Gegenstand scheußlichster Verhöhnung erscheint, eine dem gemeinen Gedanken entsprechende Übersetzung gibt. Der Geist, der aus diesem Schandprodukt spricht, ist im übrigen würdig des Blattes, das jetzt im Begriff ist, mit der Veranstaltung einer Volksausgabe (!) des französischen Greuelberichts ein Geschäftchen zu machen, zu dessen Hintertreibung sich der Pariser Rechtsgelehrte Charles Gide nicht umsonst gerade an den Senator Béranger in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Liga für die Bekämpfung der Pornographie gewandt hat.“ — Manchmal hat der „Matin“ auch Pech gehabt, wie mit seinem „Dardanellen-Thermometer.“ Als die Beschießung der Meerengen durch die Alliierten begann, erschien im „Matin“ ein „Thermometer“ von der Hand der Verbündeten gehalten. Unten lag Kum Kaleh, oben Konstantinopel, dazwischen die andern Orte der Dardanellen. Dieses Klischee sollte täglich gebracht werden und zeigen, wie die Quecksilbersäule immer höher steigt (durch das Feuer der Alliierten!), bis sie schießlich Konstantinopel erreichen würde. Aber schon am dritten Tag blieb das schöne Klischee aus den Spalten des „Matin“ wieder weg: die Quecksilbersäule war zu tief gefallen.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 83. Sacha Guitry: Die beiden Kaiser.

(Le Journal, Paris.)

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Abb. 84. Die „Permissions de quatre jours“.

Französische Karikatur auf den viertägigen Urlaub, den die Truppen im Interesse der Volksvermehrung erhalten und auf die sich darauf beziehenden Vorbereitungen der Pariser Damenwelt.

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Abb. 85. Djilio: Les Retraites.

(Le Rire rouge, Paris.)

Seit November 1914 erscheint „Le Rire“ wieder und zwar unter dem Titel „Le Rire rouge“ als Kriegsausgabe, nachdem dieses bedeutende französische Witzblatt kurz nach Ausbruch des Krieges, wie schon erwähnt, sein Erscheinen eingestellt hatte. Die erste Nummer zitiert Henri Lavedans Ausspruch: „Le soldat français rit, partout. C’est une de ses manières.“ Und dann heißt es weiter in der Ansprache an die Leser, die das Wiedererscheinen in so ernster Zeit rechtfertigen soll: „Le Rire ne sera pas le fou Rire, mais le Rire rouge. In der jetzigen tragischen, aber ungeheuer ruhmvollen Zeit, die wir erleben, ist Le Rire alles andere als unangebracht, im Gegenteil sehr notwendig; wieviel Wahrheiten müssen gesagt werden, wieviel Heldentaten von den Meistern der Satire und der Zeichnung festgehalten werden! Und was besonders Wilhelm II. betrifft (die Adjektiva sind hier in der Übersetzung weggelassen), muß nicht gerade er mit dem roten Eisen der Karikatur gezeichnet werden? Dieser Aufgabe werden sich unsere Mitarbeiter mit allem Eifer und allem Talent und aller patriotischen Begeisterung widmen usw. usw.“ Nicht immer scheint übrigens die Redaktion mit der Zensur Glück gehabt zu haben; schon in der zweiten Nummer beklagt sie sich darüber, daß ihr „deux admirables dessins de Willette“, mit denen sie den Haß gegen die „massacreurs des femmes et tueurs des enfants“ nähren wollte, gestrichen worden sind, aber die folgenden Nummern enthalten noch genug Roheiten, so daß die Redaktion nicht allzu viel Grund hat, sich über die Zensur zu beklagen. Hin und wieder erscheinen allerdings immer noch leere Flächen an den Stellen, wo das Blatt verkleinerte Abbildungen aus den Witzblättern des Auslandes bringt, übrigens sehr unparteiisch und bewundernswerterweise auch solche deutsche Karikaturen, die Frankreich in sehr derber Weise verhöhnen. So gibt es gleich in der ersten Nummer zwei leere Flächen mit der Unterschrift „Simplicissimus, Munich“. Sieht man nun von den Geschmacklosigkeiten des Inhalts ab, so muß man doch, wenn man gerecht sein will, anerkennen, daß künstlerisch „Le Rire Rouge“ auf einer höheren Warte steht. Kein Wunder: die bekanntesten und bedeutendsten Karikaturisten Frankreichs haben sich hier ein Stelldichein gegeben: Fabiano, Faivre, Gerbault, Guillaume, Léandre, Métivet, Steinlen, Willette usw., also auch ein großer Teil von denen, die früher an der „Assiette au Beurre“ mitgearbeitet haben. Mit dem Text sieht es natürlich böse aus: fast alles läuft auf eine Verhöhnung Deutschlands, besonders des Kaisers und des Kronprinzen, hinaus, und von dem berühmten französischen Esprit ist nicht viel zu spüren. Wie weit der Haß geht, und daß er auch vor den Kindern der Deutschen nicht Halt macht, davon möge die nachstehende Übersetzungsprobe ein Bild geben. Was werden wohl später die Franzosen sagen, wenn sie solche Roheiten wieder hervorholen; werden sie sich nicht selber schämen? Die Geschichte nennt sich „La Noël des petits Boches“:

Weihnachten bei den kleinen Boches. „Gut,“ sagte der liebe Gott zum Weihnachtsmann, „dies Jahr brauchst du dir augenscheinlich keine Sorgen zu machen; aus Amerika schickt man von allen Seiten Puppen für die kleinen Kinder in Frankreich, Belgien, England, Rußland und Serbien. Du kannst sie nun verteilen und hast es nicht nötig, auf den Lagern Umschau zu halten.“ — „Das ist alles ganz schön,“ antwortete der Weihnachtsmann, „aber es bleibt mir doch noch weitere Arbeit, wenn es auch nicht gerade die angenehmste ist ... Du wirst es begreiflich finden, daß niemand in der Welt daran gedacht hat, Puppen für die kleinen Boches zu schicken. Ich muß aber auch ihnen etwas bringen, denn das ist meine Pflicht.“ — „Geh zum Teufel (wenn es mir erlaubt ist, mich so auszudrücken)“, schrie der liebe Gott und stieß mit einem Fausthieb die Wolken weg, die ihm als Kissen dienten, so daß die Barometer in allen Ländern anfingen zu fallen, „ich will mit diesen Wilden und ihrem Auswurf nichts mehr zu schaffen haben!“ — „Aber, lieber Vater, wie soll ich mir die Puppen besorgen?“ — „Mach das, wie du willst; ich will mit der Sache nichts mehr zu tun haben!“ — Der Weihnachtsmann war sehr verstört, als er den lieben Gott verließ; er wußte nicht, was er nun anfangen und woher er die Puppen für die kleinen Boches nehmen sollte. Plötzlich schlug er sich an die Stirn. Warum war er auch nicht eher auf die Idee gekommen? Warum hatte er nicht schon früher daran gedacht, daß die Boches ja einen Gott für sich haben; sicher würde ihm dieser alte gute Gott die notwendigen Puppen nicht verweigern. Und er suchte und fand ihn zwischen grauen und schweren Wolken, die über der Provinz Brandenburg hingen. Dort trug er ihm sein Ersuchen vor. „Zum Teufel!“ schrie der alte gute pommersche Gott. „Du hast gut reden!... Übrigens habe ich deinen Besuch schon erwartet. Die Puppen sind fertig und eingepackt. Unser Michael wird dir die Lieferung übertragen; es ist alles erstklassige Ware, made in Germany.“ Sankt Michael führte den Weihnachtsmann mit verbundenen Augen zwischen vier Trabanten hindurch in ein Magazin, wo er ihm die Pakete aushändigte, die in schwarz-weiß-rotes Papier gepackt waren. Der Weihnachtsmann zog wieder ab, bis zur Himmelsgrenze von den vier Satelliten bewacht, die ihn nicht aus den Augen ließen. Dann begann er seine Reise und ließ die Pakete in die Schornsteine fallen. Oft mußte er sich die Nase zuhalten, denn aus den Essen drang der ekelhafte Geruch von Sauerkraut und Würsten und der noch üblere Duft der Boches. — Am nächsten Morgen aber klatschten die kleinen Boches vor Freuden in die Hände, als sie die Sendungen in den deutschen Farben erhielten. Und noch mehr freuten sie sich, als sie die Pakete geöffnet hatten und die schönen Puppen sahen. Das waren auch wirklich wundervolle Puppen! So herrlich, wie sie sie noch nie vorher bekommen hatten; sie stellten im kleinen ein vollständiges Abbild jener Art von Menschlichkeit dar, die ihre Papas zu verwirklichen sich bemühten: der einen Puppe war der Kopf gespalten, der anderen die Hände abgeschnitten, wieder einer anderen die Augen ausgestochen, und einer war der Bauch aufgeschlitzt. Es gab nicht eine einzige, die nicht sorgfältig verstümmelt worden war. — Und die kleinen Boches, aufs höchste erfreut und entzückt, drückten mit Freudentränen in den Augen ihre Puppen an die Brust und riefen: „Gott mit uns! Deutschland über alles.“ —

Diese Probe dürfte vollauf genügen, und wir brauchen nicht erst noch auf den „Carnet de Route de Fritz Schweinmaul“, den „Dentiste Boche“ und ähnliche „Scherze“ einzugehen. Der Inhalt beschäftigt sich sonst mit den üblichen Angriffen gegen den Kaiser und Kronprinzen, welch letzterer mit allen möglichen Gegenständen verschwindet, sogar mit dem Schachbrett Napoleons. Unterschrift: „Non content d’avoir volé le jeu d’échecs de Napoléon le kronprinz collectionne aussi les échecs sur les champs de bataille.“ Sehr eingehend beschäftigt sich „Le Rire rouge“ auch mit dem deutschen „Gretchen“, das für ihn die Repräsentantin der deutschen Frau ist, ein plumpes, fettes, ungeschlachtes Weib mit Bammelzöpfen und oft mit Brille (Abb. 79). Auf diesem Bilde treten auch, wie figura zeigt, wieder die obligaten Würste als Attribute des Deutschen in Aktion, die wir schon auf den englischen Karikaturen zu bewundern Gelegenheit hatten. Im Gegensatz dazu wird die Französin als vornehm und mondän gezeichnet, zum Beispiel in einem Bilde von Fabiano „Flirt 1914“, auf dem eine elegante Pflegerin einem verwundeten Senegalesen zärtlich die Hände streichelt, während ein im Nebenbette liegender Franzose sich dieser Bevorzugung nicht erfreuen darf.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 86. L. Vidaillet: Die Drückeberger in Frankreich.

„Nun schlagen wir uns schon über ein Jahr!“ — „Ja, wie die Zeit vergeht!“

Französische Karikatur aus „Le Rire Rouge“.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 87. Marcelle Arnac: Das harte Brot.

Französische Karikatur auf die angebliche Ungenießbarkeit des deutschen K-Brotes.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Le Barbier de CET’VILLE

Avec un impeccable maestria, Auguste exerce en plein vent ses fonctions de Figaro.

Son Salon de Coiffure extrarudimentaire est simple et de bon goût.

Une couverture protège les clients contre les morsures de l’aigre bise qui disperse aux quatre coins du camp les toisons multicolores. Les glaces sont absentes, les frictions et les schampoings sont passés à l’état de légende, mais Auguste a tourné la difficulté. Il a lancé la coupe “Aux Enfants Captifs” qui transforme les cranes en une superbe boule de billard.

Abb. 88. Federzeichnung aus „Le Héraut“.

Zeitung der französischen Gefangenen in Zossen bei Berlin.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 89. Gorrier und Billau (Gefangene im Lager von Zossen): Karikatur auf die mitgefangenen verbündeten Russen.

Nach einem Original-Aquarell.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 90. Gorrier und Billau (Gefangene im Lager von Zossen): Karikatur auf die mitgefangenen verbündeten Engländer.

Nach einem Original-Aquarell.

Aber auch gegen die eigenen Schwächen der Franzosen geht das Blatt bisweilen mit einer bewundernswerten Offenheit vor. So bekämpft es vor allen Dingen die gerade in Frankreich infolge der vielen Vetterschaften zahlreichen Drückeberger aller Art; gab es doch „Verwalter der eroberten Provinzen“, Registratoren der Milchkühe usw. (Abb. 86). Auf einem Bilde „Les Cadeaux du Trésorier-Payeur“ zeigt Métivet, wie ein Zahlmeister seiner Geliebten eine Menge von Geschenken in Gestalt von Schinken und allen möglichen andern Paketen überreicht („O, welche Fülle von Aufmerksamkeiten; wird Ihnen denn das nicht zuviel?“ — „Nicht im geringsten, — das war ja für die Schützengräben bestimmt“). Leroy zeichnet ein ganzseitiges farbiges Blatt „Les Inconscients“; man sieht die jammervolle Gestalt eines aus dem nordöstlichen Frankreich geflüchteten französischen Bauern am Tisch eines Ehepaares („Nun haben Sie mit uns gegessen, lieber Freund, nun erzählen Sie uns auch einmal, wie Ihre Kinder hingeschlachtet worden sind.“)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 91. Guido Cadorin: Deutsche Architektur im Orient.

(Die neue Hagia Sophia in Konstantinopel.)

(Il Numero, Rom.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 92. Guido Cadorin: Die Entente unter Dach und Fach.

(Il Numero, Rom.)

In allen Witzblättern werfen sich die Gegner jetzt gegenseitig vor, Kinder und Greise in das Heer einzustellen. Wenn in Deutschland und Frankreich Mütter voller Sorgen und doch voll Stolz ihre noch nicht militärpflichtigen Söhne als Freiwillige hingeben, so sollte das eigentlich kein Stoff für Scherze sein — auch in deutschen Blättern nicht. Wenn französische Blätter die beabsichtigte Einberufung siebzehnjähriger Franzosen als Kinderkreuzzug bezeichnen, so ist das doch nur Galgenhumor. Dieses Thema ist aber unerschöpflich, wie Abbildungen 94-97 zeigen. Die höchste Hyperbel erreicht Roger Cartier: in einer glänzend gezeichneten Linien-Karikatur zeigt er drei hochschwangere Frauen, deren Söhne bereits im Mutterleibe auf ihre militärische Brauchbarkeit hin untersucht werden. So absurd der Gedanke ist: die Karikatur selber gehört zu den witzigsten und besten des ganzen Krieges. Die Darstellung entbehrt jeder Roheit, und das außerordentlich heikle Thema ist hier mit einer Delikatesse behandelt, wie wir sie schon früher in den Zeichnungen französischer Graphiker beobachten konnten, die die gewagtesten Sachen mit so viel Geschick zu illustrieren wissen, daß diese Darstellungen mit pornographischen Erzeugnissen nicht das geringste mehr zu tun haben. In „Le Rire rouge“ begegnen wir einer ganzen Reihe solcher amüsanten Karikaturen, die um so mehr auffallen, als sie mit Produkten jammervoller Roheiten vereint stehen. Den größten Raum in „Le Rire rouge“ nehmen natürlich die Verhöhnungen der deutschen Truppen ein. In einer Zeichnung D’Ostoyas „En Serbie“ sieht man die weinenden Frauen und Kinder vor der deutschen Front („Und da sagt man immer, wir seien nicht galant, wir lassen die Damen sogar voran gehen!“) Eine große Rolle spielt Joffre, der französische Nationalheld der Gegenwart, der Hindenburg Frankreichs. Charles Léandre widmet ihm das in Abbildung 77 wiedergegebene ganzseitige Blatt „Le Silencieux: Joffre. Il ne dit rien, mais chacun l’entend.“ Er ist der Mann, der die Geschicke Frankreichs leitet, nicht der Präsident Poincaré, die sonntägliche Spießbürgertype, von dem die französischen Zeitungen eigentlich nur noch reden, wenn er anstandshalber einmal an die Front fährt. — Wie viel „Le Rire rouge“ zusammenlügt, zeigen die Bilder, die die Deutschen, besonders den Kronprinzen, auf der Flucht vorführen. Dieser Gedankengang kommt auch in einer Zeichnung von Djilio zum Ausdruck (Abb. 85), auf der ein Musikalienhändler dem Kaiser Noten anbietet: „Hier ist ein Marsch, ‚Berlin-Paris‘, ein ‚Triumphzug nach Warschau‘;“ darauf der Kaiser: „Haben Sie keine Retraiten (Rückzüge)?“ — Das alles in einem Lande, dessen Regierung dem Volke auch noch nicht eine Verlustliste zugemutet hat!

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 93. Scarpelli: Der Bibabo. („Sieh einmal, wie garstig er ist. Wenn du nicht artig bist, wird er dein Baby auffressen!“)

(Il Numero, Rom.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

THE LAST LINE.

Abb. 94. C. Harrison: Deutschlands letztes Aufgebot.

(Punch, London.)

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Abb. 95. Rea Irvin: Das fünfte deutsche Reservekorps, bestehend aus Männern zwischen 60 und 75 Jahren.

(Aus den „Letters of a Japanese School-boy“ im „Life“, New York.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 96. A. Johnson: Frankreichs letztes Aufgebot.

(Kladderadatsch, Berlin.)

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Abb. 97. Sidney Greene: Deutschlands letztes Aufgebot.

(Evening Telegram, New York.)

Ein anderes sehr beliebtes Thema ist das deutsche K-Brot, das sich die Franzosen als ein Brechmittel schlimmster Art vorzustellen scheinen (Abb. 87). Métivet zeichnet ein Bild „Boulangerie allemande“ mit der Unterschrift: „Après le pain K, le pain KK. Ça ne sent pas bon un K, deux K, trois K! Cette histoire-là finira par vingt Q.“ (Wortspiel für vaincu = besiegt). Ein anderes Bild von Maxa zeigt einen Offizier im Gespräch mit einem Kinde. „— M’sieur, J’veux faire du pain pour vos soldats! —“ ...??? — „ ... KK!“ — Am besten ist noch die große farbige Zeichnung von Abel Faivre „La grande vie à Berlin.“ In einem eleganten Lokale sitzt ein Deutscher, sehr nachlässig gekleidet, wie ihn sich der Franzose vorstellt; der Primgeiger tritt an den Tisch und fragt: „Quelle morceau, M’sieur, préfère-t-il?“ Die Antwort lautet: „Un morceau de pain.“

Der Verlag von „Le Rire“ hat zu Weihnachten und Neujahr eine Postkartenserie herausgegeben, um diese an die Soldaten ins Feld zu schicken: (Les Voeux de la France à nos Soldats pour Noël et le Jour de L’An. 12 Cartes Postales en couleurs. Publiées par le Journal Le Rire rouge.) Sie sind verhältnismäßig anständig, teilweise sogar sentimental. Es sind Zeichnungen von Barrère, Delaw, Faivre, Fabiano, Florès, Guillaume, Gerbault, Métivet (Joli cadeau a faire à nos soldats; eine elsässische Puppe mit dem Lorbeerzweig des Siegers), Meunier, Roubile, Vallet, Willette (Les étrennes de Marianne; die französische Republik mit Elsaß und Lothringen an der Hand). Die Karten tragen sämtlich französischen und englischen Text und sind sehr stark anglophil gehalten. Wollte man nun hiernach urteilen, so wäre es mit der angeblichen geheimen Feindschaft der Franzosen gegen die Engländer nicht so schlimm.

Als die deutschen Zeitungen berichteten, es würde notwendig sein, die zirka 20 Millionen Schweine in Deutschland aus Mangel an Futter zu schlachten, brachte Bigot ein Bild „Les derniers mobilisés“, ein Schwein, mit tränenden Augen im Gespräch mit einem Metzger: „Sagen Sie Sr. Majestät dem Kaiser, daß auch wir 22 Millionen Schweine bereit sind, unser Blut für das deutsche Vaterland zu vergießen.“

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 98. „Odaliske ‚Victoria‘, der Sultan ruft Euch!“ „Der ruft mich schon seit drei Jahren ... aber ich bin nicht für ihn geschaffen!“

(Pasquino, Turin.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 99. Ein Titelblatt der neugegründeten italienischen Zeitschrift „Il Numero“.

Wesentlich harmloser ist eine, für Freunde von Sprachscherzen nicht uninteressante Karte mit folgendem Text (ein Gespräch zwischen dem Kaiser und einem Arzt):

Docteur, je re Metz entre vos mains mon auguste Pér(s)onne. Je re.. Sens Toul les Meaux. J’ai mal dans l’Aisne et ma Vistule me fait souffrir. Je suis Arras..se. Mézières en Guise de Bouillon j’ai pris du Champagne et ça me Reims les boyaux.

Sire, quand on m’a appelé j’ai dit Givet de Spa. Quelle La Fère! votre Majesté était Seine quand elle vivait dans l’Oise..iveté elle marchait les Rhin Cambrai.

Oui, c’est l’Anvers de la médaille, je ne Craonne plus maintenant j’ai La Ferté bien abatue.

Je trouve votre pouls un peu Laon, il faudrait prendre de l’elexir de Longwy.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 100. Ein Titelblatt des neugegründeten italienischen Witzblattes „Il 42°“, das nach dem deutschen 42 cm-Mörser benannt ist.

Die durch fetten Druck hervorgehobenen Städtenamen bezeichnen die Orte, an denen nach Meinung der Franzosen die Deutschen Niederlagen erlitten haben oder zum Rückzug gezwungen wurden; diese sind mit gleichen oder ähnlich klingenden Worten der französischen Sprache, die Krankheitssymptome schildern, in Verbindung gebracht. Die Übertragung in richtiges Französisch lautet: „Docteur, je remets entre vos mains mon auguste personne. Je ressens tous les maux. J’ai mal dans l’aine et ma fistule me fait souffrir. Je suis harassé. Mais hier en guise de bouillon j’ai pris du champagne, et ça me rince les boyaux etc. — Je trouve votre pouls un peu lent, il faudrait prendre de l’élixir de longue vie.“ In deutscher Übersetzung: „Herr Doktor, ich lege in Ihre Hände meine hohe Person. Ich fühle wieder alle Übel. Ich habe Schmerzen in der Leistengegend, und meine Fistel läßt mich leiden. Ich bin abgemattet. Gestern habe ich an Stelle von Bouillon Champagner genommen, und das durchwühlt mir die Gedärme. — .... — Ich finde Ihren Puls etwas langsam, es würde nötig sein, Lebenselixir zu nehmen!“ —

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 101. Der Tapfere. „Madame, Sie haben kein Recht, mich feige zu nennen; wissen Sie nicht, daß die Fliegen (mouches) schädlicher sind als die Boches?“

(Le Matin, Paris.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 102. Schwedische Karikatur auf den Treubruch Italiens.

„Nun habe ich mein Schwert so lange geschliffen, bis ein Dolch daraus geworden ist“.

(Söndags Nissen.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Al primo degli italici cantori che ora fronteggia l’allemanno fuoco si mandera dell’oro affinchè un poco fronteggi il fuoco dei suoi creditori

Abb. 103. Italienische Karikatur auf D’Annunzio.

Aus der Weihnachtsnummer 1914 von „Il Numero“. (Die italienischen Verse ahmen den Stil Annunzios nach.)

„Dem ersten der italienischen Dichter, der jetzt dem deutschen Ungestüm die Stirn bietet, wird man Gold schenken, damit er auch dem Ungestüm seiner Gläubiger die Stirn zu bieten vermag“.

Solche Sprachscherze scheinen in allen Feldzügen aufzutauchen. Auch im amerikanisch-spanischen Kriege von 1898 waren sie an der Tagesordnung.

Vergessen werden dürfen auch nicht die Karikaturen der bekannten Pariser Tageszeitungen. Die meisten bringen täglich von bekannten Künstlern Beiträge, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen wie die Wochenblätter. Zeichnerisch sind sie meist recht gut. Mit wie wenig Strichen sind beispielsweise auf der hier abgebildeten Karikatur (Abb. 83) von Sacha Guitry aus „Le Journal“ die charakteristischen Züge des österreichischen und des deutschen Kaisers wiedergegeben! Das Gesicht Wilhelms II. ist nur durch eine einzige Schnurrbartlinie dargestellt, und doch wird ihn niemand nach der Abbildung verkennen. —

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 104. Robert Minor: Die Weckeruhr.

(World, New York.)

Der am wenigsten verhaßte von allen Geistern, die verneinen, muß sich ungleich zahmer betragen, wenn er sozusagen unter militärischer Kontrolle steht, wie es bei dem Blatte „Le Héraut“ der Fall ist, das die französischen Gefangenen im Lager von Zossen herausgegeben haben. Es ist nur eine Nummer erschienen, und diese ist schon heute eine bibliophile Seltenheit. Das vom lithographischen Stein abgezogene, vier Großfolioseiten umfassende Blatt ahmt nicht ungeschickt den Stil der großen französischen Tageszeitungen nach. Rédacteur principal ist ein gewisser Eugène Dienne; als Chefredakteur zeichnet Luc Fichtner, der auch im Anzeigenteil sein Pelzgeschäft in Paris empfiehlt. Dieser Annoncenteil ist durchaus ernst gemeint; er gibt ein treffliches Bild davon, welchen Ständen die französischen Gefangenen angehören. Wir finden da Inserate über die Baumschulen Legrux in Douai, über die Milchzentrifuge Cambraisienne in Maubeuge usw. usw. Leitartikel, wissenschaftliche und Sportnachrichten, nichts fehlt. „Le but essentiel du Héraut est de propager sous une forme gaie, vivante, et de faire comprendre, l’esprit de Fraternité.... Nos pensées restent graves; sans l’oublier jamais, qu’il nous soit permis de chasser le cafard, suivant l’expression imagée des coloniaux, surmontant le regret de la Patrie éloignée, par une réaction de gaité saine et de bon aloi, légitime et nécessaire ...“ — Nette Federzeichnungen sind in den Text eingestreut, von denen Abb. 88 eine Probe gibt.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 105. Der einzige Überlebende.

Amerikanische Karikatur.

Unter den Zossener Gefangenen sind auch eine Anzahl Künstler und Lehrer, die sich ihre freie Zeit durch Anfertigung von scherzhaften Originalaquarellen vertreiben, die von guter Begabung zeugen und denen infolgedessen auch ein künstlerischer Wert nicht abzusprechen ist. Zwei dieser farbigen Originale auf Postkarten sind hier in schwarzer Reproduktion abgebildet (Abb. 89 und 90), Spottblätter auf die mitgefangenen „Verbündeten“. Andere Karten zeigen zum Teil in sehr derber Darstellung, „Les Aborts“, „Toilette intime“, „A la Queue“ (das Essenfassen; hier hat der Künstler, um die Eßmarke im Original auf der Karte verwenden zu können, sogar auf die eigene Ration verzichten müssen).

In Frankreich selbst sind die in der Etappe, ja sogar im Schützengraben erscheinenden Zeitungen (im Stile unserer Bierzeitungen) fast noch zahlreicher als bei uns, wenn sie auch an Güte lange nicht an die Liller Kriegszeitung heranreichen, die wohl das weitaus Beste in ihrer Art darstellt. Auch in der Vergangenheit haben weltgeschichtlich bewegte Zeiten solche Gelegenheitszeitungen hervorgebracht. Man denke an die zur Zeit der Choleraepidemie 1831 erschienenen Blätter, an die zahlreichen kurzlebigen Zeitungen des Jahres 1848. Und ganz besonders hatte „Le Héraut“ schon 1870 einen Vorgänger in der Zeitung „Prométhé“, die französische Gefangene in Spandau herausgaben und die heute zu den gesuchtesten Seltenheiten zählt.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 106. F. Jüttner: Wilson will nicht.

(Lustige Blätter, Berlin.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Die kranke Marianne.

„Sie leiden an der Englischen Krankheit, Madame; ich habe Ihnen hier ein deutsches Pulver verschrieben, das wird helfen!“

Abb. 107. Arnold: Deutsche Feldpostkarte aus Lille.

Es gibt nur ein Land, dessen Presse Frankreich im Deutschenhaß zu überbieten suchte, und das ist Italien. Ist man doch dort so weit gegangen, zu dem Zwecke Deutschland und Österreich zu bekämpfen und Italien zum Kriege gegen seine Verbündeten zu hetzen, eigens Witzblätter zu gründen. „Il Numero“ ist ein solches Erzeugnis des Krieges, dem die Aufgabe zufiel, die Leidenschaften gegen die italienische Neutralität und die Zentralmächte, vor allen Dingen gegen Österreich, zu schüren. Von den italienischen Witzblättern steht künstlerisch dieser „Il Numero“ immerhin am höchsten. Was die andern leisten, ist unsagbar trostlos. Auch das Blatt des italienischen Klerus „Il Mulo“, das in Bologna erscheint und wohl so ziemlich das einzige ist, das nicht deutschfeindlich auftritt, sondern eher noch eine dem deutschen Reiche gegenüber freundliche Absicht verfolgt, besitzt unter seinen Zeichnern nicht einen, der auch nur den geringsten Ansprüchen, die man an einen Karikaturisten stellen muß, gerecht wird. Immerhin soll ausdrücklich anerkannt werden, daß der italienische Klerus hier ein Blatt geschaffen hat, das wenigstens das verbündete Deutschland und Österreich nicht angreift. „Il Mulo“ kämpft wie „Bastone“ „gegen französische Freimaurerei und englischen Krämergeist“. Ein doppelseitiger Karton in der Weihnachtsnummer richtete sich sogar ausdrücklich gegen Frankreich, weil es sich mit dem Waffenstillstand während der Weihnachtsfeiertage nicht einverstanden erklärt hatte.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 108. Rich. Rost: Im Dreadnought-Lazarett in Malta.

(Jugend, München.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 109. Max Richter: Der Saisontanz 1914/15.

(Ulk, Berlin.)

Ganz besonders arbeitet das Witzblatt „Asino“ gegen die beiden Kaiser der Zentralmächte; es ist auch nicht einmal andeutungsweise möglich, den Inhalt der Schmähbilder, die ein gewisser Rata Langa verbrochen hat, wiederzugeben. Die Existenz eines solchen Blattes wäre in Deutschland unmöglich, selbst wenn es sich nur gegen die Feinde richtete. Das, was „L’Asino“ bietet, stellt den tiefsten Grad von Verleumdung und Lügen dar, der denkbar ist. Dabei sprüht in dem ganzen Blatt kein Funke von Humor auf, der vielleicht noch mit einem oder dem andern der „Scherze“ versöhnen würde. Allerdings hat ja gerade Italien nie Überfluß an Witz besessen. Vielleicht sind auch diese Exzesse wüster Geschmacklosigkeit auf metallische Händedrücke der Alliierten zurückzuführen. Eine besondere Rubrik „Tedescherie“ verzeichnet Schandtaten der Deutschen, gegen welche jene in französischen Blättern beinahe als sanft bezeichnet werden müssen. Die meist in Grün und mit starkem Rot gedruckten Abbildungen haben schon äußerlich etwas Blutrünstiges. Abbildung 82 gibt eine der zahmsten wieder. Den Höhepunkt der Gemeinheit erreichte das Blatt in seiner Weihnachtsnummer, wo es unter dem Titel „Il Natale Tedesco“ einen betrunkenen deutschen Soldaten zeigt, wie er mit seinem Bajonett das Jesuskind aufspießt, während ein anderer die Mutter Maria ermordet, ein dritter den heiligen Josef erwürgt und zwei andere den Esel seiner Habe berauben!

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 110. Bülow: „Lieber Freund, hier bin ich!“ Salandra: „Einen Augenblick! Sieh dir mal erst ein wenig meinen Kopfschmuck an!“

(Il Punto.)

Das bereits erwähnte neue satirische Wochenblatt „Il Numero“ steht, wie schon gesagt, künstlerisch wesentlich höher. Eine ganze Reihe geschickter Zeichner arbeiten dafür. Die Nummern, die zehn Centesimi kosten, haben oft einheitlichen, geschlossenen Inhalt; so wendet sich beispielsweise ein Heft gegen die Schweiz, die angeblich ihre Neutralität in allzu deutschfreundlichem Sinne ausgenutzt hat. Auch der 42 cm-Mörser spielt in diesem Blatte eine große Rolle, wie in der Zeichnung „Der Gleichmacher“ von Nirsoli (Abb. 36). Cadorin zeichnet die kommende Hagia Sofia in Konstantinopel (Abb. 91). Ein anderer Künstler, Scarpelli (scarpe = Schuhe; daher die Signatur links unten) zeigt den deutschen Kaiser, wie er das durch die Neutralität „gefesselte“ Italien mit der Türkei schreckte (Abb. 93). Zu den zahlreichen Blättern gegen den österreichischen Kaiser gehört eine Zeichnung von Nasika „La Bocca del Cattaro“, ein Ausdruck der Freude über die Beschießung dieses süddalmatinischen Hafens durch die französische Marine, die ja übrigens recht trostlos verlief und an jenen berühmten „Sieg“ der Franzosen bei der Beschießung des Leuchtturmes Pelagosa erinnert; damals bestand die Beute aus den Unterhosen des Leuchtturmwächters, zwei alten Hennen, dreißig jungen Hühnern, zwei Tauben, einer Ziege, einem Kanarienvogel und einem halben Hektoliter Wein, die alle von den französischen Matrosen mitgeschleppt wurden. — Daß auch die italienischen Zeitungen den Krieg in Gestalt von Karikaturen verarbeiten, zeigt Abbildung 110; auch in dieser kurz vor Eintritt Italiens in den Krieg erschienenen Zeichnung kommt bereits die deutschfeindliche Tendenz zum beredten Ausdruck.

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 111. Grandjouan: Bulgariens Entscheidung.

L’Europe: „Que veux-tu, enfant terrible, du halva turc ou du caviar russe?“ Ferdinand: „Ah, maman Europe, comme j’aime la Macédoine!“

(Europa: „Was willst du, schreckliches Kind, türkischen Honig oder russischen Kaviar?“ Ferdinand: „Oh, Mama Europa, ich liebe Balkan-Allerlei!“ Macédoine bedeutet im Französischen sowohl Macedonien, wie auch ein Gericht von allerlei Gemüsen oder Früchten.)

(Le Rire Rouge, Paris.)

Seit dem Herbste 1915 ist aber Italien unzufrieden, auch mit seinen neuen Verbündeten. Die Ereignisse überstürzen sich, besonders auf dem Balkan! Rumänien, das früher schwankte (Abb. 113), will, wie Griechenland, seine Neutralität wahren und nicht mitmachen, Bulgarien hat seine Entscheidung getroffen und sich den Zentralmächten angeschlossen, weil es, seine Interessen richtig erkennend, sich nicht an ein abwärts rollendes Rad binden wollte (Abb. 111). Schon vor Monaten hat Jordaan im „Notenkraker“ gezeigt, wo man England an der Gurgel packen muß (Abb. 27).

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 112. Britisches Phlegma. „Ich möchte den Herrn General bitten, statt des Stacheldrahtes einen einfachen Zaun anlegen zu lassen, damit unsere Fußbälle nicht leiden.“

(Careta, Rio de Janeiro.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 113. Mad-Odessa: Das schwankende Rumänien.

(Le Rire Rouge, Paris.)

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 114. Die große Schlacht. Napoleon: „Herrlich, wie sich unsre Truppen verteidigen.“ Moltke: „Und unsre sich schlagen.“ Bismarck: „Fast noch besser als zu unsrer Zeit.“

(Campana de Gracia, Barcelona.)

Kein Wunder, daß der „Figaro“ schon im Oktober 1915 jammert: „Wenn die Deutschen in Konstantinopel einrücken, wenn sie weiter die große Handelsstraße von der Elbmündung zur Mündung des Euphrat und Tigris eröffnen, dann ist es um die englische Weltherrschaft geschehen. Das ganze großartige Gebäude des britischen Reiches wird dann bis in seine Fundamente ins Wanken gebracht, von Zypern bis nach Ceylon, vom Nil bis zum Ganges. Aber wenn die bepickelhaubten Hyperboreer und ihr Kaiser den Bosporus erreichen, so bedeutet das auch das Ende des russischen Reiches. Es ist desgleichen zu Ende mit der Bestrebungen Italiens in der Levante, die sie als Erbe der Cäsaren überkommen haben. Alles, was Italien dann zu tun hat, beschränkt sich darauf, wieder einmal wie zu Dantes Zeit, die Herberge des Volkes von vorwitzigen Altertumskrämern und teutonischen Hochzeitsreisenden zu sein (!), während zur selben Zeit germanische Eisenbahnlinien über die alten Römerstraßen laufen, östlich von der Adria wie im Asien des Lukullus und Pompejus.“

Illustration from Die Karikatur im Weltkriege

Abb. 115. Saturn zur Erde: Anfänger!!

Amerikanische Karikatur.

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