Zweites Buch
Reading edition
8
Ich war gefangen, gefangen im Paradiese. Die Wunder des Morgenlandes dufteten, glühten, rauschten um mich her, inmitten immerblühender Zaubergärten ragten schimmernde Paläste, dämmerten verschwiegene Lauben, sangen bunte Vögel – Wirklichkeit war auf einmal der nie erfüllte Nordlandstraum vom ewigen Licht. Sie fragten mich, was ich könnte, und ich wurde in die Gärten gestellt, in flammende Märchen getaucht, hatte Freiheit, so weit die Mauern um das Paradies, hatte Brot, Lager, Himmel, Sonne.
Wenige Wochen zuvor hätte mir das Herz gejubelt, heut schlug es kalt in aller Pracht und Herrlichkeit. Der Emir blieb unsichtbar; von Sklaven aus dem Abendlande sah ich nichts; die heidnischen, mit denen ich arbeitete, wußten nur wenige Worte Fränkisch. Es war gut. Ich war gezwungen, ihre Sprache zu erlernen, auch meine Gedanken waren dergestalt gefangen, solange es tagte. Nachts lag ich todmüde auf dem Lager, hatte meine eigene Hütte, meinen eigenen Herd, denn die Sarazenenküche widerte mich an. Ich arbeitete das Zehnfache dessen, was die Heiden trieben, ich wollte nicht denken. Sie überließen mich achselzuckend meinem Tun; auch hier ward ich keines Freund, keines Feind. Vielleicht wäre mir Flucht leicht geworden, aber ich wußte nicht mehr, wozu. Die Heimat mit ihren Gestalten wich ferner, mein Haß gegen den Bastard verebbte, ich suchte den Mann zu verstehen, und fand am Ende nichts zu verzeihen. Mein Herz, das heiß und leidenschaftlich mit Gott verbunden zu sein wähnte, sah das Ewige fortan durch eine klare Flamme; losgelöst von den Formen der Gemeinschaft, wurde ich eine Kirche für mich und gewann einen stillen, tiefen Glauben. Dies kam nicht von heut auf morgen, aber in drei endlosen Jahren der Welteinsamkeit. Und doch standen noch Stürme vor meinem Hause, und doch hatte der Kampf um meine Seele erst begonnen.
Nach und nach erfuhr ich einiges über den Emir von Bachara und erhielt das Bild eines außerordentlichen Mannes. Der älteste Aufseher liebte es, meiner Arbeit zuzuschauen, seine greise Geschwätzigkeit unterrichtete mich über Dinge und Menschen lebendig wie ein sprechendes Bild.
»Vor fünf Jahren, Christ, hättest du nachts nicht gewußt, wohin deine Striemen betten. Der Herr – Allah erhalte ihn uns! – schwang die Peitsche, seine nächsten Diener peitschten uns, wir peitschten die Sklaven. Der Fluß dort hinter der Mauer kann erzählen, wieviel verdorbenes Menschenfleisch in seinen Schoß versenkt worden ist. Da« – er stieß den Daumen über die Schulter nach dem Harem, dessen verhangene Fenster niemals geöffnet wurden – »da wimmelte ein Ameisenhaufe von Völkerchen; und jetzt kannst du Ohren haben, die das Gras wachsen hören, du lauschst vergebens auf den zierlichen Tritt einer schlanken Gazelle.«
Hierbei dämpfte er die Stimme und sprach wie aus Grüften, das runde Gesicht verzog sich zu einem schwermütigen Trauerlied und malte ergreifend das entvölkerte Lusthaus.
»Du hast die Ehre gehabt, meinen Herrn mit deinen ungläubigen Augen zu betrachten. Sage, Christ, gibt es in der ganzen Welt einen schöneren Mann?« Und fuhr fort, ohne den kleinsten Augenblick auf eine Antwort, die ihm selbstverständlich schien, zu warten: »Die weißen Sklavinnen, die ihm zugebracht wurden, schmolzen vor seinem Antlitz wie Tau in der Sonne, bis auf eine. Christ, ich habe sie gesehen, denn sie verschmähte den Schleier; sie war keine Lilie an Schönheit, aber an Blässe; nur wenn sie ihre Augen auftat, dann versank alles, Erde, Meer und Himmel, in diesen leuchtenden Tiefen. Du schautest in sie hinein wie durch zwei Fenster, und innen strahlte und schimmerte es wie in Allahs höchstem Freudensaal. Und wiederum, blickte sie auf dich, so blieb nicht eine winzige Schlechtigkeit in deinem Herzen, die süßen blauen Flammen brannten alles klar.«
Der alte, närrische Kerl spitzte seinen Mund und riß die schwarzen Augen weit auf, aber das Bild dieser wunderbaren Frau zu schaffen gelang selbst ihm nicht. Jedoch das feiste Schelmengesicht verlor seine Sattheit und bekam einen schier edlen Zug, derweil von dieser Frau aus Nordland die Rede war, die den Herrn mitsamt den Dienern bezaubert hatte. Mir zog es eigen durch das Herz, darin Aleit ihre stille, heilige Kammer hatte, und aus der Begeisterung dieses greisen Kindes leuchteten ihre Augen auf mich nieder.
»Christ, ich sage dir, das gab ein Aufräumen und Reinemachen! Um dieser blassen Stirn willen mußte der ganze Harem wandern, und schließlich saß unser Herr da und hatte ein einsames Lager. Denn die blonde Frau gab einem Kinde das Leben und schied bald hernach aus dieser Welt. Wir warteten alle gespannt auf das Ende der Totenstille, aber es gab kein Ende. Der Herr läßt das Haus verfallen bis auf Sobeidens Flügel, die Peitschen vermodern, die weißen Sklaven wurden freigelassen bis auf eine Amme, die ist jetzt auch weg; das Kind wird von einer Negerin betreut, einem wahren Drachenweibe! Ich wundere mich, daß du hier bist; der Herr sieht eure Haut nicht mehr gern, nur bei einer macht er eine Ausnahme.«
»Das Kind?« fragte ich erstaunt. »Ist es denn –«
»So weiß wie du an deinem Halse, Christ, denn der blonde Meerstern trug es schon, als er in unsere Hütte schien. Der Herr hat dessen kein Hehl, aber er hängt dennoch an dem kleinen Ding mehr als an allen seinen Schätzen und liebt es wie sein eigen Blut. Stundenlang spielt er Kind mit dem Kinde im Frauengarten, ein Anderer, Verwandelter, ein Bezauberter. Christ,« rief Abdullah plötzlich, »er ist verhext, glaub es mir. Ein Mann von eben dreißig, und hängt sein saftig Leben an eine Erinnerung!«
Darauf konnte ich wahrlich zuletzt etwas erwidern. Mein Leben war nichts als Erinnerung.
»Sage, hast du Weib und Kind in deiner Heimat?«
Selben Augenblicks wurde er abgerufen und wartete meine Antwort nicht ab. Er hätte auch keine erhalten. In einer Art Lähmung blieb ich in dem spitzen Schatten der Zeder sitzen und starrte auf die gelbe Lehmmauer, dahinter das Kind der toten blonden Frau seine Märchenjugend genoß. Ein Sehnsuchtsweh ergriff mich nach einem Menschen meiner Rasse, meines nordischen Geblüts. Das stählern blaue Gewölbe des wolkenklaren Himmels über mir trieb mir das Heimweh nach Wolken, Meer, Haide und Wald in das dürre Herz.
Was sollten mir Wolken und Land und See, da ich Aleit verloren hatte. Und dennoch – tief innen glühte eine Fackel für die Erde, die mich geboren, glühte sonder Nahrung durch Frauenliebe und Minneglück, von einem uralten, nimmer erloschenen Feuer genährt.
In dieser Nacht schlief ich nicht. Abdullah, dem es oblag, den Garten zu schließen, hatte mir seit langem den Schlüssel vertraut – es waren über der Mauer nach dem Harem keine Früchte mehr zu naschen. Ich aber saß droben auf den unkrautbewachsenen Steinen und suchte hinter den schwarzen Büschen, ob nicht ein Kindergesichtchen schelmisch hervorluge, ein lebendiges Stückchen Abendland, ein Tropfen Bluts aus nordischer Heimatwelle.
Nichts regte sich. Der Mond glitt silbern über verwehte Spuren der Liebenden. Das Kind schlief seinen guten Schlaf auf seidenem Pfühl.
9
Ich hatte eine neue Beschäftigung: das Kind zu belauschen. Stundenlang hockte ich in dem breiten, dichten Geäst eines Walnußbaumes, der über die Gartenmauer sah, und spähte in die Wildwuchsheimat Sobeidens. Ein klares blondes Flämmchen sprühvoll Lebens und zugleich ein stilles, blaues Märchen über Blumen und bunten Gräsern. O wie weh tut Armut! Hätt ich alle Schätze Salomos, ich gäb sie hin, um das Kind einen Herzschlag lang an meiner Brust zu fühlen. Jedoch auch so waren die verschwiegenen Stunden des Lauschens Glück genug; meine Einsamkeit war gebrochen, meine Gebete ein trunkener Rausch, ein seliges Ringen mit Gott um Segen für dies geliebte, zärtliche Köpfchen. Das Kind hielt mich stärker als alle Fesseln. Mit Schrecken sah ich die Regenzeit herannahen – Regenzeit, Tage und Wochen der Einsamkeit! Das Kind würde mir geraubt werden, all meine armselige Luft. Ich fühlte, wie es mein eigen ward, wie ich es liebte mit jener blinden, mütterlichen Glut, die Männerherzen sonst nicht beschieden ist. Der Emir allerdings – jedoch er war in Geschäften des Sultans nach Ägypten, im Frauengarten sah ich ihn nie. Auch er ward mit der Regenzeit erwartet, und die Eifersucht quälte und verzehrte mich lange zuvor. Er, der Ungläubige, durfte auf gestickten Kissen mit meiner Freude tollen, er fing mit ihr die bunten Federbälle, jagte durch die hohen Räume des Harems den schlanken, leichten Reifen nach und ließ von den grünen, schillernden Papageien Märchen erzählen, die er übertrug. Vielleicht sprachen sie Deutsch miteinander, die blonde Frau sollte aus Deutschland gekommen sein; aber im Garten, mit der schwarzen Sklavin, floß nur die Heidensprache süß und fertig von den Kinderlippen, kein Ausruf einer jähen Bewegung zeigte ihre Herkunft an.
Eines Tags stürzte Abdullah schnaufend über den Rasen und meldete die bevorstehende Ankunft des Herrn. Fieberhaft wurde gerüstet, Tausende von Blumen wurden in Kübel getopft und in den Palast getragen, alle Hände waren vollbeschäftigt, der Garten scholl von Arbeitslärm, ich konnte nicht daran denken, unbeobachtet in mein Versteck zu klettern. Der Herr kam und nahm mir meine Lust, denn wie sollte ich es ertragen, daß ein Fremder mein süßes Kind in den Armen hielt und hätschelte, indes ich verdurstete.
Düster starrte ich auf die Karren mit Beute oder Geschenken, hochbepackt, gesättigten Reichtums kamen sie angefahren. In Käfigen saßen wilde, fremdartige Tiere, ihr Geheul zerschnitt mir die Nachtruhe, aber ich wollte ohnehin wachen, um mit dem frühesten auf meinen Baum zu steigen, die Kleine zu erwarten. Morgens, wußte ich, war ihre Stunde; dann neigte sie mit lieblicher Gebärde die schönsten Blumenkelche gegeneinander und vermischte ihren blitzenden Tau – eine Blütenhochzeit voller Jugend, Anmut, Sonne; nie werde ich diese Bilder vergessen.
In der Nacht war der Emir eingetroffen, gewiß würde er noch um die frühe Stunde von den Anstrengungen der sehr weiten Fahrt schlummern und ließ mir ein ungestörtes Glück. Aber auch sein erster Gedanke war Sobeide, das sah ich, als ich meinen Baum erklommen hatte und über die Mauer blickte. Sklaven liefen eifrig in dem morgendlichen Garten umher und zimmerten einen grünen Baldachin; goldgestickte Ruhepolster lagen schon bereit, der Marmorbrunnen sprudelte wieder.
Vom Hof des Hauptpalastes erscholl das Geschrei der Bestien mit einemmal lauter, plötzlich überschrien von einem wilden menschlichen Entsetzen. Die Arbeiter unter dem Baldachin stutzten und rannten hinaus. Ein dumpfes Brüllen erschütterte die Luft, langsam trat durch das offene Tor ein Löwe in den Frauengarten, und mit ihm waren die Mauern jäh belebt von erregten Köpfen. Die schweren Flügel krachten zu, die Balken dahinter fielen in die eisernen Klammern, hier und da schon löste sich der Schrecken in ein heiseres Lachen über das gefangene Tier. Aber jetzt ward eine Stille, als hielte Gott den Atem an. Die Tür des Frauenhauses öffnete sich, das Kind sprang nichtsahnend über die Schwelle, sah den Baldachin und klatschte jubelnd in die Hände. Ich fühlte mein Herz nicht mehr, meine Augen verdunkelten sich. Mit einem Sprung stand ich auf der Mauer, flog in den Garten, stand jählings versteint in rasender Angst. Das Kind hatte den Löwen endlich gesehen und sank bleich und zitternd in die Knie. Zögernd streckte sich das Tier, fegte mit dem Schweif nachlässig den Boden. Meiner ward es noch nicht gewahr; ich wußte nicht, was beginnen, entschlossen jedoch, bei der geringsten Bewegung mit den nackten Fäusten wider die Gefahr zu springen. Da tönte ein leises Zischen neben mir, eine Lanze bohrte sich in den Boden, handgerecht, mit schwingendem Schaft. Mir war wie in der Schlacht, Blut rann mir vor den Augen, mit einem Sprung stand ich neben dem Löwen und jagte den Speer in die gelbe Flanke, mit solcher Wucht, daß die Spitze an der anderen Seite herausfuhr und in die Erde drang. Der Schaft brach in meinen Händen, ich fühlte einen furchtbaren Hieb mitten ins Gesicht, sah ein Blitzen lang den zottigen Nacken und schlug die Arme um den Hals der Bestie, so mächtig meine Kräfte waren. Es war ein Kampf, in welchem mir Zorn und Liebe mehr halfen als meine Stärke. Ich sah nichts mehr, meine Augen waren von Blut verklebt; ich schrie nicht, meine Zähne bissen sich in die zähe Haut des Gegners. Plötzlich schien der Himmel offen zu stehen, Drommeten schmetterten jubelnd aus lauter Licht. Vorsichtige Hände suchten meine Arme zu lösen, Fließendes, Kühles legte sich auf meine Stirn. Ich stammelte noch halb von Sinnen:
»Das Kind! Wo ist das Kind?«
Ich stand in Dunkel und Blut; plötzlich raste es in mir auf, ich sei blindgeschlagen, riß das Tuch von der Stirn, sah das Licht und ein blondes Köpfchen, und lachte und schluchzte selig ermattet.
»Ruhe, Christ!« sagte der Emir neben mir leise, faßte mich um den Leib und trug mich mehr als er mich führte auf ein Ruhebett. Da lag ich auf den golddurchwirkten Polstern des Kindes, und meine Seele sang ihren seligen Dank, indes der Schmerz ungezählter Wunden stetig wachsend mich an die Erde erinnerte. Kopf und Gesicht brannten wie in glühenden Kohlen, jeder Pulsschlag trieb Dolche in meine Stirn, ich konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Der Arzt des Emirs war um mich bemüht, wusch meine Wunden, wickelte mich in Verbände, auch die Augen. Ich biß die Zähne aufeinander, wollte keine Schmerzen zeigen, denn das Kind hatte sein schmales, kühles Händchen in meine heiße Faust gelegt, und ich hielt es in der hohlen Hand wie ein Rosenblatt und wagte nicht, es zu drücken.
»Ein Mann von Eisen!« hörte ich den Arzt sagen. Mir kam ein Lachen in die Kehle: dies Eisen hatte sehr, sehr weiche Stellen. Er träufelte mir ein bitteres Wasser in den Mund, ich schluckte notgedrungen und hörte ihn noch einmal wie aus Fernen:
»Schlaf ist das Beste. Es ist ein Wunder –«
10
Mehrere Tage sah ich nur den Arzt an meinem Lager, das im Palast aufgeschlagen und wie das eines hochgeehrten Gastes war. Da ich sprechen wollte, winkte mir der Greis Schweigen und zeigte mir in einem silbernen Spiegel meinen Kopf: aus einem Knäuel weißer Binden lugte nur ein Auge, sonst nichts. Der linke Arm, beide Beine waren eingepackt; Schmerzen verspürte ich nicht, sprechen konnte ich nicht, die Kiefer waren vom Verband fest aufeinandergepreßt. Der alte Mann erriet meinen fragenden Blick.
»Du wirst völlig wiederhergestellt, Christ; auch das andere Auge hoffe ich zu retten. Dein Glück wird so groß wie deine Tapferkeit sein, oder fast so groß, denn ich habe in meinem langen Leben keinen kühneren Mann gesehen als dich. Deine Sklaverei ist zu Ende, du wirst beschenkt wie ein König in deine Heimat ziehen, ohne Sorge dein Leben lang, und du verdienst es wahrlich.«
Ich zuckte unter den Binden schmerzhaft zusammen: dies dünkte mich ein schlechter Lohn, wenn ich überhaupt Lohn verdiente, das Kind zu lassen, um in eine geraubte Heimat zu fahren. Ich streckte die Hand aus und deutete dem Greise die Scheitelhöhe meines Lieblings an; er verstand mich sogleich.
»Hab Geduld, Christ, eine Woche noch. Sie würde zu sehr erschrecken, sähe sie den Retter so elend. Sie freut sich sehr auf dich und plappert den ganzen Tag von ihrem Riesen.«
Eine Woche noch, sieben lange Tage, sieben lange Nächte! Aber sie plauderte von mir, sie hatte mich nicht vergessen! Wie weit mochte der Emir in seiner Dankbarkeit gehen? Ich malte mir ein herrliches Leben aus: täglich durfte ich ihr Blumen bringen, sie sehen, mit ihr sprechen – ach, nur ein Ave lang!
Wie elend schleppten sich die Stunden, die Zeit stand still. Vielleicht vergaß sie meiner in sieben langen Tagen über ihren bunten Spielen, über den tausend Dingen, die ihr der Emir aus Ägypten sicherlich mitgebracht hatte. Ich mußte den Arzt fragen, abends, wenn er mir den Brei aus Eiern und süßem Wein einflößte; aber der Arzt beschwor mich, den Mund nicht zu bewegen, um die Narben nicht aufzureißen. So ergab ich mich denn, innerlich seufzend, und harrte auf den nächsten Morgen, wähnend, er müsse mir den Verband erneuern. Jedoch im Wein war ein Schlafmittel, meine Binden wurden gewechselt, ohne daß ich es merkte.
Dann endlich kam der siebente Tag.
»Die Kleine?« deutete ich mit der flachen Rechten an, und der Weise lächelte verstehend.
»Wir werden sehen, Christ. Der Emir bringt sie, wenn unsere Rechnung richtig ist und deine Wunden es gestatten.«
Er dämpfte das Licht mit Vorhängen und löste mit geschickten Händen den Verband. Neugierig hob ich das Lid des anderen Auges, es schmerzte ein wenig, die Farben rannen vor meinem Blick ineinander; erst allmählich gewöhnte es sich zu seinem Dienst. Ich versuchte einige Worte, aber sie klangen heiser vor Schmerzen. Meine Wangen waren wie von Nadeln zusammengekrampft, von den Schläfen zum Kinn schien eine stachelbesetzte Klammer zu liegen; hilflos sah ich auf den Arzt und deutete ihm, den Spiegel zu reichen.
Er gab die Silberplatte zögernd herüber; wie ein Träumender stierte ich in ein Gesicht, das nicht mehr menschlich, das kaum noch ein Gesicht zu nennen war. Das Nasenbein war völlig zertrümmert, die fleischigen Teile zerfetzt und nur ein blauroter Stumpf mit blutverklebten Löchern, die Wangen verschwunden, vom Scheitel bis zum Kinn nur furchtbare Wunden mit schlecht verharschten Rändern. Ein Wunder, daß Mund und Augen auf diesem Schlachtfelde lebten, wenn auch die Lippen nur mit Mühe die Worte bilden konnten. Daß einige Zähne fehlten, merkte ich erst später, der Mangel des Bartes fiel mir überhaupt nicht auf.
»Gott sieht das Herz an,« sagte der Heide sanft. »Kurz ist der Erdentag, du wechselst ihn wie ein Gewand oder wie bestaubte Reiseschuhe. Möge dein nächstes Leben reicher geschmückt sein!«
Ich verstand ihn nicht, wollte ihn nicht verstehen. Meine Augen füllten sich vor Leid: nie wird die Kleine mich ansehen, nie mich lieben können, so grausam häßlich, so widerlich wie ich war. Und als ihr Füßchen über den Gang trippelte, riß ich das Laken bis zur Augenhöhe über mein zerrissenes Gesicht, und das Herz bebte mir wie einem Buben in erster Liebe. Ich hörte den festen Schritt des Emirs neben ihr, und schon standen die beiden an der Schwelle; tief beugte sich der Arzt zu Boden. Der Emir hatte einen überaus kostbaren Säbel in der Hand, die goldene Scheide war mit den herrlichsten Farben ausgelassen, der Griff funkelte von Steinen. Er legte ihn auf mein Bett und sagte:
»Friede sei mit dir! Nimm dies Zeichen der Freiheit und sei fortan mein Freund, mein Bruder.«
Er hob das Kind, das ich nicht aus den Augen ließ, vor mein Gesicht, und die kühlen, süßen Kinderlippen berührten meine Stirn.
»Hab Dank, du tapferer Christ!« läutete das feine Stimmchen in einem wunderlichen Deutsch. Ich lächelte vor Glück, aber sie sah es gottlob nicht, denn mein verstümmeltes Lachen mußte einen schrecklichen Anblick gewähren. Der Emir deckte einmal flüchtig das Tuch auf, eine Wolke flog über seine Stirn, er wandte sich schweigend ab.
Das Kind saß auf meinem Lager, sein Händchen lag in meiner Rechten. Es plapperte und fragte und wollte wenig Antwort. Ob der böse Löwe mich sehr geschlagen, ob ich Schmerzen hätte. Ob ich Federball spielen könnte und wann ich aufstehen dürfte. Ich sagte nichts, ich wollte das Kind nicht mit der knarrenden Stimme erschrecken und lachte es nur mit den Augen an.
»Du darfst mit mir spielen, sagt Jussuf.«
Ließ sich der Emir nicht Vater nennen? Erkannte er sie nicht als Tochter an? Ich schielte zu ihm hin, doch er stand im Schatten, und seine Züge schienen sich nicht zu bewegen.
»Genug für heut!« flüsterte der Arzt mir zu. »Sobeide kommt nun jeden Morgen.«
Er zog sie von meinem Lager, und ihr Widerstreben überflutete mich mit Entzücken. Am Vorhang blieb sie noch einmal stehen, hob eine Schaumünze hoch und rief:
»Hier ist auch ein Löwe, aber der beißt nicht.«
Mit einem rauhen Schrei fuhr ich aus den Kissen und starrte auf die Kleine; der Arzt, der Emir liefen auf mich zu und legten mich sacht nieder, wähnend, die Erinnerung hätte meinen Schmerz überlaut gemacht. Ich aber winkte Sobeiden zu, die neben der Negerin stand und die Augen voll Tränen hatte.
»Die Münze!« ächzte ich. »Um Gott, zeigt her!«
Sie trugen Sobeide wieder auf mein Bett; an goldener Kette hing ein Braunschweiger Löwentaler um ihren Hals.
»Ihr Kind!« stammelte ich, überwältigt von Gottes rätselhaften Wegen, und fiel erschöpft in die Kissen zurück.
Der Emir blieb allein im Gemach, seine Hände zitterten leicht, als er mir über die Stirn strich.
»Du also bist es doch,« murmelte er vor sich hin und senkte den Kopf, als betete er.
Meine Schwäche wurde größer, ich mußte die Augen schließen und fühlte mich sanft entgleiten, als triebe meine Seele auf lauem Winde aus der engen Haft. Die Meilensteine meines irdischen Weges waren erwählt und gezeichnet; ja, wahrlich, kein Haar fiel von meinem Haupte ohne Seinen Willen.
11
Der Emir hatte mein Erwachen abgewartet; meine Rechte in seinen schlankem kühlen Händen haltend, begann er halb Deutsch und halb in seiner Heidensprache:
»Es ist besser, ich erzähle dir meine Geschichte sonder Zögern, denn Krankheit kennt keine Geduld. Ja, es ist Gertraudens Kind, aber nicht ich, sondern der Ritter von der Wilze zeugte es. Doch höre von Anfang an und lerne, wie diese Erde nur ein erbärmliches Staubkörnchen auf Gottes ewigen Wegen ist.
»Ich ritt – es sind wohl sechs Jahre her – über den Sklavenmarkt von Damaskus, mit einem dürren, früh verschwendeten Herzen ritt ich und prüfte Menschen wie Waren. Da stand sie unter einer Schar nackter Negerweiber, in einem linnenen Hemde, darüber die Münze, die du bei Sobeide erkanntest. Sie lehnte an einer Zeltstange, die Augen geschlossen, aber in der Haltung einer Sultanin. Ich kannte den Korsaren, dem Zelt und Ware zu eigen, er hatte mir oft genug weiße und dunkle Mädchen zugebracht. Er bemerkte meinen flüchtigen Blick, sprang dienstbeflissen hinzu und griff mit der rohen Faust an ihr Gewand, um mir ihre Glieder hüllenlos anzupreisen. Sie schrak zurück, schaute auf und überflutete mich mit einem Blick, den ich nimmer vergesse. Freund, ich kann es heute noch nicht erklären, ob es Liebe oder was immer war, genug, wir brannten ineinander, und der weite Markt um uns ward fremder als das Ende der Erde. Zum erstenmal empfand ich deutlich: es lebt niemand für sich allein. Wir alle sind schicksalhaft miteinander verbunden, mehr oder weniger schmerzhaft und lustvoll, mehr oder weniger auf Tod und Leben, auf Zeit und Ewigkeit.
»Der Händler wirbelte unter meiner Faust in die Zelttücher; ein Beutel Goldes, der für all seine Ware ausgereicht hätte, machte ihn wieder zahm. Eine Stunde später führte eine Sänfte sie inmitten meiner Krieger nach Bachara. Und dies war alles, was der Korsar von ihr wußte: Er hatte sie an einem Holze treibend nahe der Küste gefunden; ein riesenhafter Mönch hielt sie umklammert, faßte das rettende Tau. Aber indes die Räuber ihren Fund packen wollten, schlug der Retter mit dem Kopf an das Schiffsbord und versank; die weiße Frau war geborgen. Du warst es, Ronald, und nun hast du abermals in die Fäden meines Lebens eingegriffen, mir zum Heile schickte dich Gott aus deinem Abendland.«
Ich wußte nichts zu antworten. Ihm, dem Ungläubigen, zum Heile sollte Gott mich von meiner süßen Liebe gerissen haben? Wie würde der Emir sprechen, wenn er meine Geschichte erführe? Aber nimmer würde das sein.
»Ich vertat den Rest des Tages in Damaskus und machte mich in der Nacht mit wenigen Begleitern nach Bachara auf, in langsamem Trabe reitend, denn ich wollte die Sänfte nicht einholen, wußte jedoch keinen Grund für solche Zagheit. Daß jene weiße Frau mehr als je ein Mensch mich beeinflußte, wollte ich mir nicht eingestehen, und doch lag es klar in meinen Taten: nie hatte ich kläglichere Beute aus Damaskus heimgebracht. Ich wütete gegen mich selbst und suchte mit rohen und gemeinen Vorstellungen die Stimmen der Wahrheit zu übertäuben. Zu meiner Lust hatte ich die Fremde gekauft, eine von vielen war sie und sollte sie bleiben. Gleichviel, alle Gedanken gingen nach ihr, die Hufe pochten ihr Bild aus der Steppe, die Sterne verblaßten vor ihren Märchenaugen. Ich verfiel ihr, je näher wir Bachara kamen, und mit einem Gefühl halb Trotz, halb Furcht ließ ich sie zu mir rufen, kaum daß ich mir Bad und Nachtmahl gönnte.
»Schon ihr Anblick entwaffnete mich. Entgegen meinen gemessenen Befehlen trug sie ihr verschlissenes Linnen, trug es wie steinbesäte Seide. Sie berührte nicht den Boden mit ihrer Stirn, kaum merklich neigte sie ihr Haupt und sah mich mit den ernsten, tiefen Augen an, daß mir Zorn und Angst die Kehle zuschnürten. Endlich ermannte ich mich, ergriff sie beim Arm und zog sie neben mich, weiß nicht mehr, mit welchem rohen Wort, denn ich wollte sie und ihren Stolz verwunden. Sie verstand mich nicht, nur zu natürlich; außer ihrem Deutsch wußte sie nur wenige Worte der Lingua Franca, und darin tat sie mir kund, immer noch meinen Blick mit ihren Augen festhaltend: ›Es ist uns nicht beschieden, Emir.‹
»Ich wußte sehr wohl, was sie meinte, und so ungezwungen stellte sie sich neben mich, daß jede herrische Lust mich verließ und keine Waffe gegen ihre Art mir in Händen blieb, außer der Überlegenheit der männlichen Kraft. Nun mußt du wissen, Ronald, daß unglückliche Verkettungen die lasterhaften, grausamen, tierischen Seiten meines Wesens besonders gefördert hatten; aber unter den Augen dieser seltsamen Frau sprang Saft in die verdorrten Äste, trieben junge Wurzeln in heilige Gründe, blühte in mir das Ebenbild Gottes. Solches begann auf dem Markt zu Damaskus und hörte nimmer auf. Noch schlugen die Wogen der Leidenschaft hoch, als ich sie an mich riß, doch ihre wenigen Worte beschworen den Sturm, und wenn ich Beschämung verspürte, so gewiß nicht wegen meiner Niederlage. ›Wir haben uns etwas zu sagen,‹ fuhr sie fort, angestrengt nach den Worten suchend und nichts von Triumph verratend, ›doch es wird Zeit brauchen, da es keinen Dolmetsch verträgt. Ich bitte dich, laß mich nicht fürder bei deinen Dirnen hausen, sondern gönne mir ein Gemach in deinem Palaste, wo mein Schlaf nicht von der menschlichen Schande entehrt wird.‹
»Sehr verlegen und mit geröteten Wangen sann ich auf Antwort; fast kam mir ein Bedauern, diesen unbequemen Willen zu Gast zu haben. Ich bedeutete ihr, daß viele Augen auf mich gerichtet seien, und ich sonderlich in Frauendingen nicht tun könne, was ich wolle. ›Warum nicht?‹ fragte sie kühl dawider. ›Doch sei dem wie immer: hier in deinem eigenen Gemach bist du doch Herr, Emir von Bachara, und darfst mir wohl ein ehrenhaftes Lager neben dir gönnen.‹
»Eine flüchtige Glut streifte ihre Stirn und verschönte sie, daß mein Herz in hellen, reinen Flammen stand. Ich erschauerte in dem ungekannten Feuer, darin alles Unedle hinwegschmolz; eine Silbersaite klang in meiner Brust und schwang einen klaren Ton in die Sterne, die durch unser Fenster schienen. Meine unruhigen Hände dürsteten nach Beschäftigung, ich häufte ihr ein Lager aus herrlichsten Seiden; voll Zutrauen legte sie sich nieder und entschlummerte übermüdet, ihre regelmäßigen Atemzüge durchzogen das Zimmer wie sanfter Taubenflug.«
Emir Jussuf seufzte verhalten, dann füllte ein Lächeln seine strengen Mienen mit Milde. Ich fürchtete, er wolle seine Erzählung unterbrechen, und zupfte ihn ängstlich am Kleide. Er drückte mir beruhigend die gesunde Hand.
»Freund, meine Geschichte ist nicht lang, du sollst sie noch in dieser Stunde zu Ende hören, soweit sie ein Ende hat.«
Dies Letzte fügte er leiser hinzu, wie für sich, und sah mit hoffnungsheißen Augen über mich weg in das wolkenlose Blau des Himmels. Ich verstand ihn erst sehr viel später, und ach, das Ende seiner Geschichte lag, wie der Anfang, in meinen unglückseligen Händen.
»Laß dir sagen, Freund, ich besinne mich, oft den Schlummer eines Weibes gestört zu haben, aber damals habe ich ihn bewacht, wie eure Ritter ihres Herzogs Banner. Es war eine Nacht mit wechselnden Launen: jetzt kam ich mir großartig, im nächsten Augenblick abgeschmackt, im dritten schmachvoll übertölpelt vor. Ich spottete meiner selbst, indes ich der erzwungenen fleischlichen Fasten gedachte, jedoch das Spiel war neu für meine stumpfen Sinne und fesselte mich. Immerhin schien mir klar, daß ich in der nächsten Nacht an mein Ziel kommen müßte, sollte ich überhaupt als Mann bestehen. Denn siehe, Freund Ronald, im Sieg über das Weib erblickte ich zu jener Zeit meine Triumphe.
»Die Nachtwache und der helle Morgen kühlten meine Gelüste und dämpften meinen Mut. Ich ließ ihr, die mich freundlich begrüßte, ein Bad bereiten, und sie entstieg ihm, nun doch in einer lichten Seide, wie ich sie gebeten hatte, und nahm mit mir den Morgenimbiß. Mir war, als sei die Lieblingsfrau Saladins, mehr, des abendländischen Kaisers kühle Gemahlin bei mir zu Gaste; meine Verlegenheit wuchs unter den wenigen belanglosen Reden, die wir wechselten, und ich fühlte im Herzen am Stocken des Blutes: hier blieb mir nur Freveltat oder Flucht, da uns zu dem, was uns im eigentlichen beseelte, die gemeinsame Sprache fehlte. Mein alter Arzt kam als Retter, er war sprachenkundig wie Salomo. Ich stotterte von einer dringlichen Reise, befahl sie in die Obhut des Greises und wies ihr meinen Palast zur Wohnung an. Fort, nur fort und Atem holen.
»Drei Monde tummelte ich mich auf der Steppe, aber nicht ein Sandkorn rann durch die Stunde, ohne daß ich ihrer gedachte. Meine Freunde und Gesellen erkannten mich nicht wieder, aus einem zügellosen Erben war ein wortkarger, ernsthafter Mann geworden, dessen Leben eben erst im Anfang stand … Was ist dir?«
Meine Hand flog wie im Fieber, Nebel wallte mir vor den Augen. Jenseits einer ungeheuren Schlucht stand die Vergangenheit und winkte herüber. Wahrlich, klein wie Staub ist die Welt in Gottes Hand und dürftig ihre Schicksale.
»Nichts, nichts!« keuchte ich mühsam und stammelte von den Anfängen des Lebens, die sich absonderlich oft wiederholend berührten.
Der Emir sah mich nachdenklich an und fuhr, sichtlich in innerer Bewegung, fort:
»So kommt auch dem Abendlande die Erkenntnis der Ewigkeit dieses Erdendaseins? – Doch laß mich zu Ende berichten, Ronald, obzwar meine Geschichte nicht gar lustig auf ein Krankenlager gestimmt ist. Die Sehnsucht – Wünsche ohne Häßlichkeit – trieb mich wieder in mein Haus, ich sah sie, die heiteren Auges mir den Willkomm bot, und erkannte, daß sie gesegneten Leibes sei. In diesem Augenblick versank die eben emporgestiegene gute Welt in mir, ich wähnte mich von einer Dirne, die sich an Schranzen weggeworfen, in der lächerlichsten Weise betrogen und packte sie rauh bei der Schulter. Sie entzog sich mir nicht, sie richtete ihre Augen auf mich, und meine sinnlosen Worte erstarben, die freche Faust löste sich zu einem scheuen Streicheln, ich neigte den Kopf und ergab mich, bevor ich kämpfte. Der Arzt verließ lautlos das Zimmer.
»›Dies ist das letzte und beste Geschenk meines toten Gefährten,‹ sagte sie mit einem eigenen Lächeln, ›und mag uns noch so viel verbinden, Emir Jussuf, dies werdende Leben türmt eine Schranke, die uns zu überschreiten versagt ist.‹
»›So fühlst du ein Band zwischen dir und mir?‹ rief ich freudig aus, alles Trennende vergessend.
»Ihre Augen lagen wie ein Frühlingstag über mir, ich hätte ihr größere Dinge geglaubt als dies: ›Emir, wir sind einander begegnet, seien es tausend oder tausendmal tausend Jahre her, und unsere Seelen sind für immerdar nebeneinander in Gottes bunten Teppich geknüpft.‹
»Die Lingua Franca floß wie ein silbernes Bächlein von ihren feinen Lippen; für mich, für mich hatte sie die Worte gelernt. Und seit Ewigkeiten war unser Leben verbunden, würde es für Ewigkeiten sein! Mohammed, stiege er aus seinem himmlischen Glanze nieder und belehrte mich eines anderen, Mohammed hätte einen Tauben und Ungläubigen gefunden.
»›Das ist ein strahlend schönes Wunder,‹ versetzte ich leise, doch sie: ›Du magst es so nennen. Aber das ist dir kein Wunder, nach der kurzen Spanne eines armseligen Erdenlebens mit den ewigen Freuden im himmlischen Saal belohnt zu werden! Wie kannst du an Ewigkeit glauben, wenn du nicht selber ein Stück von ihr bist, und wo ist da Anfang und Ende? Dies irdische Gewand ist nichts als das wechselnde, gebrechliche Gefäß für deine Unsterblichkeit, aus Staub geboren, zu Staub verloren. Emir Jussuf‹ – ihre Stimme klang wie goldener Harfensang – ›du meinst, du dürstetest nach meinem vergänglichen Leibe, weil er dich vielleicht schön dünkt und deine Sinne reizt, aber ich sage dir, es steht besser mit uns, denn unsere Seelen kennen einander.‹
»Es durchschauerte mich, als hätte Gott mich berührt. Ich glaubte in einer kristallenen Kuppel zu weilen, klar bis in die letzten Tiefen sah mich die Unsterblichkeit an. Eine junge Sonne ging über meinem Leben auf, die dumpfe Schwüle irdischer Lust und Leiden löste sich und gab einer Reinheit Raum, die mich gleich einem lebendigen Quell durchströmte und erneuerte. Ein Wort der Offenbarung hob mich aus meiner starren Einsamkeit, nie wieder blieb ich allein. Und plötzlich ein Argwohn: ›Was hätten wir miteinander gemein? Du, die Christin, ich –‹
»Ihr helles, gedämpftes Lachen fiel mir in die Rede: ›Vor Christen, Moslem und Juden war Gott mit zahllosen Namen, und ehe du diese braune Haut und diese dunklen Haare hattest, sind wir beiden weiß und blond und blauäugig von den Nordmeeren in diese heiße Sonne gefahren – Geschwister vielleicht, vielleicht auch Mann und Weib, gewißlich aber einander vertraut und lieb und eines Blutes. Fällt dir der Glaube so schwer, Emir Jussuf?‹ fügte sie schelmisch bei.
»›Es muß so sein,‹ gab ich zu, überwältigt von der Erinnerung an unser erstes Begegnen in Damaskus, das nun auch mir ein Wiedersehen gewesen zu sein schien. ›Doch sage, wie liebst du mich heut?‹
»Ich harrte auf ihre Antwort wie auf Gottes Gericht; sie wiegte ernsthaft den feinen Kopf und errötete zart. Ich weiß nicht, Ronald, ob du ihre Stimme in deinem Gedächtnis bewahrt hast, sie klang warm wie ferne, schöne Glocken und kannte kein Arg.
»›Darüber grüble ich jetzt nicht,‹ sagte sie leise, ›mein Gemüt ist verwirrt von dem Vielen, das es in kurzen Monden erduldete. Laß mir Zeit und bleibe mein Freund, Jussuf; ein Jahr wiegt leicht auf unserem langen Wege.‹
»Die Art des Abendlandes, daß Frauen und Männer freundschaftlich nebeneinander hergehen, war mir noch zu wenig geläufig, daß ich sie nicht erschrocken fragte, ob sie mir ihren Anblick entziehen wolle. Und sie, munter und zwanglos: Warum sie solches tun solle? Wenn ich sie nicht mit unerfüllbaren Wünschen plage, wisse sie nichts Lieberes, als in meinem Palaste zu weilen. ›Im Palaste,‹ bedeutete sie mich und wies mit ernsten Brauen auf das Frauenhaus; ›du kannst nicht wollen, daß ich in der Schande untertauche.‹
»Die Schläfen klopften mir vor Scham, in meinem Herzen beschloß ich sogleich, den Harem und seine Völkerschaften auszutilgen, und dies, da es Tat ward, war mein erstes Geschenk an sie, das sie vor Freude erröten machte. Es war zugleich der sichtbare Abschluß einer stinkenden Vergangenheit, und so bewegte die fremde Frau mein ganzes weites Reich zum Guten. Aus den demütig ängstlichen Gesichtern um mich her wurden vertrauende und fröhliche, der Wohlstand im Lande hob sich mit der Abnahme meiner maßlosen Verschwendung; und ich entbehrte nichts. Statt in schwüler Liebe weitete ich meine Brust in dem süßen, kühlen Odem der Nordlandmeere, von denen sie mir sprach, und fremd aller Leidenschaft wuchsen wir zusammen, sie, ich und das sprossende Kind in ihrem reinen Leibe.«
Jussuf verstummte; ich weiß nicht, wie ich die Kraft fand, ihn trockenen Auges zu betrachten. Mein Herz floß in Tränen über, so stark überwältigte mich die Erinnerung an mein verwandtes, ach, allzu verwandtes Geschick. Nur daß sich hier Seelen trafen, indes mich der Engel mit dem Flammenschwerte aus dem Paradiese stieß. Jetzt verschattete sich sein eben noch verklärtes Antlitz, und mit dunkler Stimme nahm er seine Erzählung wieder auf:
»In diesem halben Jahr gewann ich die Schätze der Erde, um endlich doch mit leerer Hand und leerem Herzen an einem Grabe zu stehen. Sie, die viel voraussah, hatte ihr eigenes Ende nicht erschaut, denn wie hätte sie sonst diese heitere, wolkenlose Ruhe bewahren können. Mit heftigen Schmerzen traten die Wehen lange vor der Geburt auf, das Kind beschrie den Tag, die Mutter sank in Nacht. Sie schleppte sich noch einen vollen Mond durch ihre Qualen und genoß, den Tod im Herzen, die Freuden der Mutter, wie ein Verdurstender den endlichen Trank. Da sie heimging, noch bis zuletzt von Schmerzen gepeinigt, sprach sie, seltsam zu ihren ersten Worten an mich findend: ›Es ist uns nicht beschieden, Jussuf. Vielleicht, nein, gewißlich, treffen wir einander später unter besseren Sternen. Jetzt scheint das Kind dein Schicksal zu werden; halt es fest, mein lieber, lieber Freund!‹ Sie zog meinen Kopf mit ihren schwachen Händen nieder und küßte mich zum ersten- und zum letztenmal. Sie war befreit. Du bist Mönch, Ronald, und kannst nicht ermessen, was es heißt, die Liebste zu verlieren –«
Hierbei fühle ich noch heute, wie das Blut mir in die gespannten Wundennarben drang und mein Gesicht mit tausend Martern zerriß. Der Emir ahnte nicht, auf welch harte Folterbank er mich schnallte, und wie jedes seiner Worte ein Geißelhieb auf blutige Striemen war. Dennoch lauschte ich ihm gierig und gewann in aller Verzweiflung Trost in seinem Schmerz.
»Ich war nahe daran, mich hinterdrein in die dunkle Pforte zu stürzen, aber der lächelnde Friede ihrer Züge bannte mich auf die Erde, wo Aufgaben meiner harrten, Aufgaben aus ihrer lieben Hand. Das Kind wurde all mein Glück, und das Kind wird mein Schicksal.«
Wieder stockte seine Rede, aber die Stirn entwölkte sich, er sah versonnen, fast heiter aus, als verschwiege er noch ein Letztes, Schönstes.
»Nannte die Mutter ihr Kind Sobeide?« fragte ich, mich gewaltsam ablenkend.
»Nein. Sie gab ihm einen traurigen deutschen Namen, den ich zu verschweigen bitte, sie nannte es Herzeleide. Es war dies, glaube ich, eine Laune ihrer peinvollen Krankheit, und sie nickte mir freundlich Gewährung, als ich es für meinen Teil Sobeide rief. Jedoch – was fragst du nicht nach dir selbst? Du weißt, daß sie die Gabe der Weissagung besaß, obzwar mehr in Gefühlen und dunklen Bildern als in voller Klarheit. Eines Tags, ihrem irdischen Ende nahe, sagte sie von dir, du würdest mir den größten Dienst erweisen. Ich wunderte mich dessen, da ich annahm, du seiest sicherlich ertrunken; sie aber lächelte nach ihrer Art und deutete: ›Deine Lanze wird ihn treffen, aber nicht verwunden.‹ Dies ist mir geschehen, Ronald, jedoch ahnte ich den Priester nicht unter Helm und Kettenhemd und glaubte, nicht einmal nach deinem Namen fragend, an einen Zufall, bis Gott mich eines Besseren belehrte. Immerhin folgte ich einem zwingenden Triebe, daß ich dich mit nach Bachara nahm, denn seit Sobeidens erster Amme hatte ich keine christlichen Sklaven um mich geduldet. Nun hast du mir den größten Dienst geleistet, den mir ein Irdischer tun kann; du hast die vor einem entsetzlichen Tode bewahrt, die für mich wächst und die ich einstmals heimzuführen gedenke. Und nun genug. Ein Imbiß wartet deiner, und meiner warten die Geschäfte, die du, bist du genesen, brüderlich mit mir teilen sollst, wenn du nicht wieder in dein Abendland fahren willst.«
Er rührte mit der Hand an die Waffe auf meiner Decke und schloß:
»Ein Säbel ist ein merkwürdig Geschenk für einen Mönchen; doch siehe, er fiel von der Wand, als ich die Schatzkammer betrat, und ich nahm den Wink für eine Wahl. Wer weiß, wozu?«
Rasch entschwand er, verwirrt und verlegen, und noch mehr Verwirrung und Erstaunen ließ er zurück.
12
Zehn Jahre meines Lebens trieben in die Ewigkeit. Der Emir blieb jung, denn er sah in die Zukunft; ich wurde alt, denn ich vergrub mich in alte Tage. Er forschte meiner Vergangenheit nicht nach – was sollte ein Mönchsdasein Wichtiges bewegt haben? Eine schöne, ungetrübte Freundschaft umgab uns, mit lebendigen Armen über viele Klüfte greifend, und wo sie in kleinen Dingen versagte, reichte das Kind uns hilfreich die Hände. Aus der knospenden Lieblichkeit entfaltete sich eine lilienschöne Blüte, bei mir ein Vaterherz erschließend und randvoll füllend, bei jenem Jugend und Sehnsucht immer mächtiger weckend. Es wird der Wahrheit nahekommen, wenn ich meine, der Emir wollte in dem Kinde die Mutter lieben, aber aus dem gezwungenen Herzen wurde zusehends ein freiwilliges, je weiter Sobeide in die Jungfräulichkeit wuchs, und aus dem Berechnenden wurde ein Hingerissener, der sein südlich heißes Blut nur mit Mühe zügelte; denn trotz ihrer sechzehn Lenze war Sobeide im Herzen ganz Kind.
Wie sehr der Emir von Anfang darauf bedacht gewesen war, seinem Wunsche keine Hindernisse zu bereiten, zeigt, daß er dem Kinde auftrug, mich Vater zu nennen. Er wollte keinen Nebenbuhler, zu welchem ein Retter aus Lebensgefahr selbst aus so fernen Kindertagen leicht werden kann – wenn er nicht gerade mein verwüstetes und entstelltes Gesicht getragen hätte. Von all dem abgesehen, kannte er die abendländische Seele nicht gut genug, um zu wissen, daß ich ihm, den ich liebte und achtete, nichts von dem Seinen rauben würde. Ach, und dennoch welch ein trüber Ausgang!
Diese zehn Jahre wiegen alles Elend meines bunten Lebens auf, sie waren glücklich, rein und reich. Ich lehrte Sobeide mein Wissen und teilte ihr von meinem Glauben mit, was ich für gut und nötig hielt. Dabei muß ich erwähnen, daß viele Gespräche mit dem Emir mich von Grund auf gewandelt hatten. Ich vergaß die Formeln und lebte wie er in dem unerschütterlichen Vertrauen, der Tod sei nur ein Wechsel des irdischen Werkzeugs. Wie tief wurde mir da verständlich, daß alle Schuld sich auf Erden räche! Wie tief, daß alles Schicksal nur ein Prüfstein Gottes ist. Da verlor mein eigen Geschick seine Schrecken, wie es denn schon vordem in den seligen Rosentagen neben dem Kinde verblichen war.
Ich darf Jussuf über dem Kinde nicht vergessen. Der Emir war einer der fähigsten Köpfe, die mir je begegnet sind; in einer stolzen, wilden Seele barg er einen trefflichen Kern von Würde und Mannestum. Seine Vornehmheit saß unter dem Kleide und verriet ihn nie, in welche Lagen er auch durch sein leicht erregbares Blut kam. Mich umgab er mit rührender Freundlichkeit und erwies mir, der ich nur etliche Jahre älter war, eine schier kindliche Achtung. Seine Diener waren gewohnt, mich als zweiten Gebieter zu betrachten, und in der Tat führte ich oft während der Abwesenheit Jussufs die von ihm begonnenen Arbeiten weiter, als sei er der Sultan und ich sein Wesir. Geschenke überhäuften mich, ich war reicher als je und hätte ein großes Schiff gebraucht, wenn mich das Gelüst in die Heimat getrieben haben würde. Aber was war mir die Heimat! Hier hatte ich Kind und Freund, Arbeit und Jagd, und auch bei der Heirat Jussufs sollte das alte väterliche Verhältnis bestehen bleiben, dies war mir zugesichert.
Ich sah den beiden, je näher dieser Tag kam, um so nachdenklicher zu, wenn sie ihre Bälle im Garten warfen oder Schachzabel spielten, darin der Emir ein unerreichter Meister war. Ich spielte besser als Sobeide, aber dem Kinde gegenüber verlor der Emir seine Ruhe mehr und mehr und zog, nicht immer mit Absicht, so schlecht, daß ich verstohlen in mich hineinlächelte. Der Jungfrau harmloses Wesen nahm ich für Kindlichkeit, Jussuf dawider litt es allmählich wie Geißelhiebe, denn er glaubte es als Liebeskälte gegen ihn auslegen zu müssen. Sobeide war in einem Alter, darin die Frauen des Morgenlandes längst mannbar sind. Sie mochte es auch körperlich sein, aber das Herz schlug frei und leicht in ihrer Brust und wußte nichts von solchen unruhigen Dingen. Ich hütete mich wohl, sie zu wecken; alles Lebendige muß von selbst seine Hülle sprengen, wenn es reif geworden ist.
Von allen Menschen gönnte ich sie dem Emir am liebsten und rechnete den Unterschied des Alters nicht. Jussuf war gertenschlank wie ein Jüngling, sein kühnes Antlitz zeigte keine Runzel, seine Kraft war eben auf ihrer Höhe angelangt. Er war immer noch schön wie zu jener Zeit, da ich ihm begegnete; ich zweifelte nicht einen Atemzug lang, daß Sobeidens Herz sich eines Tags stürmisch zu ihm wenden würde. Aber »es war ihm nicht bestimmt«.
Mit den Zeitläuften befaßte ich mich so wenig wie möglich; ich wußte, daß die abendländische Ritterschaft hierzulande Feld um Feld verlor und in einem bedauernswerten Niedergang begriffen war. Es ging mir nahe, doch ich sah nur die Folgen schwerer Schuld. Wie schlimm es in Wahrheit stand, ahnte ich nicht. Im Herbst des Jahres 1187 kehrte Jussuf nach mondelanger Fahrt zurück, bat mich in sein Gemach und teilte mir mit, Jerusalem sei gefallen, Saladin Herr der heiligen Stadt. Bei dieser Nachricht wurden alte Vorstellungen und Bilder so stark in mir, daß mir die Tränen in die Augen traten und ich an mich halten mußte, um nicht meinen Kummer laut hinauszuschreien. Die bitterste Scham übermochte mich, hier tatlos gesessen zu haben, indes draußen auf dem Felde die Brüder den Tod starben, den Tod, ich überlegte nicht, für was, den Tod der Helden jedenfalls; und gleichviel für welchen Gedanken sie fochten, ich empfand meine Zugehörigkeit zu den abendländischen Scharen, das Gemeinsamkeitsgefühl der schimpflichen Niederlage vor den Sarazenen.
Der Emir prüfte mit feinem Takt, was mich bewegte, er drückte mir die Hand und sagte herzlich:
»Heute wir, morgen ihr, Freund Ronald! Gräme dich nicht, auch deine Riesenkräfte hätten das Verhängnis nicht gewendet. – Doch ich komme wegen anderer Dinge, vielleicht erfüllst du mir meine Bitte nicht ungern. Der Sultan hat angeordnet, möglichst viele der kriegstüchtigen Gefangenen eine Zeitlang in der Sklaverei zu behalten, wenn sie auch in der Lage seien, sich lösen zu können. Du kannst dir denken, warum: die Christen werden sicherlich versuchen, die Grabeskirche wiederzugewinnen; uns aber liegt nichts daran, ihre Scharen zu verstärken. Nun könnte es sein, daß Ritter deiner Heimat dort sind, denen du ihr Los erleichtern möchtest. Auch braucht Sobeide ein paar Gespielinnen, damit sie nicht in allzu langer Kindlichkeit verbleibe.«
Ich lächelte verständnisvoll, indes er unter der braunen Haut errötete.
»Ein eigentümlicher Auftrag für einen abendländischen Mönchen,« scherzte ich, frohgelaunt über die Abwechslung, und er, nicht minder heiter, tat einen Blick auf mein muselmanisch Gewand.
»Ein eigentümlich Kleid für einen abendländischen Mönchen,« rief er unter herzlichem Lachen, »es wird niemand deine Heiligkeit erkennen. Freund, wie wäre es denn, wenn du dir eine Liebste gewännest?«
Mit solchen lockeren Reden begann das traurige Abenteuer. Meine Vorbereitungen waren bald getroffen; das Kind jauchzte hellauf, als es hörte, was ihm beschert werden sollte; und ich ritt mit Dienern und Sänften gen Jerusalem zum Sklavenkauf, ohne daß ein leises Gefühl mich warnte, denn selbst die Scham erstarb unter meiner Unkenntlichkeit Je näher ich der Stadt kam, um so trostloser ward mir zumute; das Siegesgeschrei der Heiden, die Sklavenzüge der Männer, Weiber und Kinder meiner Art, das Elend der Vertriebenen, die an die Küste gezogen waren und obdachlos zurückkehrten, da die christlichen Schiffsherren sie ohne Geld nicht mitnehmen wollten, dies alles drückte meine Stimmung tief herab.
Nachdenklich ritt ich in Jerusalem ein, erstaunt über die Ordnung und Zucht der Sarazenen, die mit großer Schnelligkeit fast alle Spuren des Kampfes ausgetilgt hatten; aber Wehmut beschlich mich zuletzt und trieb mich rasch an meine Geschäfte. Für Sobeide suchte ich einige Waislein aus dem Deutschen Hause aus, das war bald geschehen; darauf ritt ich die Gassen der Gefangenen ab, und eine nicht zu verjagende Unruhe ward Herr über mich, da ich dem normannischen Haufen näher kam. Ich sah kein bekanntes Gesicht, junge Leute ohne Namen, Knechte ohne Herren, hochmütig noch im Unglück aus Unkenntnis dessen, was ihrer harrte. Plötzlich fühlte ich mein Herz erzittern, von Schwindel ergriffen sank ich im Sattel zusammen und starrte irren Auges auf den Hals meines Pferdes, darauf die feinen Adern zuckten. Irgendwo in der Menge hatte ich mein eigenes Gesicht erblickt.
Ich konnte erst wieder aufschauen, als ich mich besann, daß mein Antlitz undurchdringlich geworden war und mit seiner grausen Entstellung jeder Ähnlichkeit spottete. Doch war meine Verwirrung noch so mächtig, daß ich die Jahre vergaß und in dem Jüngling meinen Bruder zu erkennen glaubte. Armes Menschenherz, wie weit bist du von Gott entfernt, dem du dich so nahe wähntest! Der wilde Spuk erlosch nicht, als ich meinen Irrtum erkannte und sah, daß dieser Jüngling höchstens ein Sohn des Bastards sein konnte. Dies aber war mir gewiß.
Ich ritt auf ihn zu, mühsam beherrscht: Zug um Zug sah ich den Vater, und daneben in zorniger Wehmut an einem weicheren Spiel des Mundes die Mutter. Wählingerblut! Aber was für eins! Es sollte Tropfen um Tropfen für meine Leiden bezahlen.
»Wer bist du?« schrie ich hochfahrend auf normannisch.
Der Junge horchte auf, ein verträumtes Lächeln glitt über sein Gesicht, als er die Heimatlaute im Munde eines Moslem fand, dann spottete er herbe:
»Jedenfalls kein Überläufer wie du! Was treibst du für schmutzige Geschäfte, Alter? Pfui über dich! Warst du ein Normanne, so schäme dich doppelt: ich bin der Sohn und Erbe des Herzogs von Claraforte.«
»Mir unbekannt,« versetzte ich kalt. »Hier bist du nichts als eine Ware.«
Inzwischen winkte ich einen der Verkäufer heran und ward handelseinig. Mich hielt es nicht mehr auf dem Markt und in der Stadt, durch die ich einst mich so traurig geschleppt hatte, ich vergaß das Elend der abendländischen Ritterschaft, die nach allen Richtungen verstreut wurde, und sprengte mit meiner Beute von dannen, Herz und Haupt voll verworrener Bilder und Gelüste. Um den Sohn des Bastards kümmerte ich mich während der Reise nicht, er trabte gefesselt zwischen meinen Leuten. Ich hörte ihn hier und da in der Lingua Franca oder in schlechtem Arabisch lustige und freche Reden tun, die wenig Kummer verrieten. Er schien sich in der Gesellschaft wohlzufühlen, wie es dem Bastardblut geziemte, und in meine Gefühle mischte sich Ekel und Verachtung. Ich rang mit Entschlüssen, fand aber zu keinem Ende. Eine unerklärliche Schwermut, mit Sehnsucht gepaart, legte sich betäubend auf mein Gemüt, nach zehn Jahren eines wolkenlosen Glücks rauschten die dunklen Fittiche wieder über mir, und abermals fragte ich nicht nach Gottes Willen. In Bachara suchte ich sogleich das Lager, ohne selbst das Kind begrüßt zu haben, von Fieber umdüstert, von Dämonen zerrissen, aber von schlummerlosen Reisenächten gottlob ermattet, daß ich willenlos versank.
13
Wie aus schwerer Krankheit tastete ich in den Tag zurück. Die Erregung war einer Art von Gleichgültigkeit gewichen, die kundtat, wie sehr Rache und Zorn in der Erinnerung lagen und mich doch nicht mehr für immer erobern konnten. Und mählich klärte sich mein Besinnen: Was war Gott mir schuldig? Hatte ich nicht eine wundervolle stille Zeit verlebt? War nicht alles Vergangene Notwendigkeit für dies mein Glück? Also, sprach mein Kopf, sende den Erben von Claraforte zurück in seine Heimat und vergiß! Aber mein Herz war still dazu und zögerte.
Ich rief nach Bad und Morgenimbiß und ließ den Bastard zu mir kommen. Er musterte mit seinen schnellen Augen das Gemach, ohne mich zu grüßen, dann ließ er sich auf ein Polster nieder und schob die beiden zuspringenden Wachen mit mächtigen Armen beiseite. Ich winkte, sie gingen betroffen hinaus.
»Der Übertritt ist eine einträgliche Sache,« höhnte der Junge, und bis auf die Stimme glich er dem, der mich betrogen hatte. Jetzt wunderte ich mich, daß ich keinen Haß empfand, ja eher Bewunderung für die schöne, kühne, blonde Jugend, die kaum achtzehn Jahre zählen konnte und schon wie ein gewaltiger Streiter in seinem Kettenhemde dasaß. Über seine Frechheit weghörend, fragte ich kurz:
»Du heißt?«
»Harald,« entglitt es ihm; er biß sich hastig auf die Lippen und rief: »Was geht das dich an, alter Spitzbube? Hast du mich für dich gekauft oder hast du noch einen Beturbanten über dir? Schreib an die Juden in Genua, daß sie mich auslösen, und mach dein Geschäft an mir und dem christlichen Unglück, aber verschone mich mit deinem Anblick.«
»Du irrst,« bedeutete ich ihn gelassen, »an Lösung ist nicht zu denken, du bleibst Sklave. Wer dein Herr ist, kann dir einstweilen gleichgültig sein. Vergiß dein Herzogtum und tu deine Pflichten, die dir angewiesen werden, zur Zufriedenheit der Aufseher, so wird dir kein Leids geschehen.«
Er sprang auf, daß das Polster durch das Zimmer schoß, eine steile Lohe lief über seine Stirn, er sah aus wie mein Vater, wenn er von glühender Jagd heimstürmte; laut lachend brüllte er mich an:
»Mir ein Leids tun? Willst du das etwa versuchen? Oder vielleicht dein braunes Ziefer?«
Unwillkürlich mußte ich lächeln, eine Freudenwelle lief warm über mein Herz. Ach, du prächtige, großmaulige Jugend aus Nordland! Ach, ihr tolldreisten Riesen aus Schnee und Himmel und Gold! Ach, ihr hornhäutigen Drachen mit den Herzen aus Wachs!
Bastard oder nicht, der Junge war von echtem Korn, und wäre er eines anderen Sohn gewesen, ich hätte ihn am liebsten an meine Brust gezogen. Das würde freilich mehr ein Kampf denn eine Liebkosung geworden sein, da er gegen mich offenbar wenig Freundschaft zur Schau trug. Aber er brachte mir die Heimat mit rauschenden Buchen und grünen Hügeln, mit den Stimmen des Waldes und dem Leuchten der Wolken.
Derweilen sah ich, wie er knabenhaft verstohlene Blicke auf die Reste meines Mahles tat, er mußte noch nichts bekommen oder genommen haben. Ich legte eine Taube auf eine Scheibe Brot und bot sie ihm, der dunkel errötete. »Nimm sie getrost. Ich verstehe deine Abwehr gut, aber du darfst nicht verhungern, und alles kommt aus derselben Küche. Ich werde dir eine Beschäftigung zuweisen, die ich selbst einmal als Sklave gehabt habe, bevor ich –«
»Den Heiland verleugnete!« schrie der Junge trotzig und schlug das Brot aus meiner Hand.
Ich hob es ruhig auf und fuhr fort:
»Bevor ich den Dank des Emirs verdiente und sein Freund ward. Den Heiland habe ich nicht so sehr verleugnet wie du, der du sein Brot in den Staub wirfst.«
Der junge Riese wand sich vor Verlegenheit, er versuchte mich freimütig anzusehen und stammelte höflich:
»Vielleicht tat ich Euch unrecht, Alter, dann verzeiht.«
»Nimm und iß!« entgegnete ich ihm, und diesmal griff er zu, und ich sah seinem Hunger an, wie schwer ihm der Kampf gefallen sein mußte.
»Beruhige dich über deine Gefangenschaft; Saladin sorgt für Geiseln, denn da ihm das ganze Land zugefallen ist, wird die Christenheit vor neuem Streite stehen, mit ungewissem Ausgang.«
»Mit gewissem!« triumphierte die Jugend. »Glaubst du, König Richard ließe sich das gefallen? Und der Kaiser? Und mein Vater, wenn er erfährt –«
Das Blut drängte sich mir zu Herzen, ich senkte die Augen. »Warum zieht dein Vater nicht zu Felde? Warum schickt er dich statt seiner?« fragte ich leise. Meine Seele bebte in der Brust und sehnte sich, ein Wort von der Mutter zu hören, ob sie lebe, ob sie fröhlich sei.
Bereitwillig gab er Antwort:
»Mein Vater hat genug im eigenen Lande zu tun, insonderheit bei den Unruhen der englischen Krone, da lärmen die Söhne wider den Vater und untereinander. Dazu ist die Mutter krank, er mag sie nicht verlassen. Auch hat er mich nicht geschickt, ich bin davongelaufen, sonst wäre ich nie ins Morgenland gekommen; denn ich bin der einzige Erbe zu Claraforte, keine Schwester, kein Bruder, ein stilles Haus, Alter.«
Der Kopf war mir in die Hand gesunken, die alten Tage zogen wundersam leuchtend herauf. Alles war in Glanz getaucht, es gab keine Laster, keine Sünden, nur Glück, nur Heimat. Langsam nur traten seine Worte in mein Bewußtsein, herb und plötzlich schüttelte mich die Meldung, Aleit sei krank. Ich wagte nicht zu fragen, stand auf und bedeutete Harald, mir zu folgen. Durch Palmenwege schritten wir zu dem Garten, den ich einige Jahre verwaltet hatte; die Hütte, da mein Herd gestanden, war etwas zerfallen, denn niemand hatte sie bewohnt, der Garten wurde von dem Hauptgesinde mitbedient. Seit Sobeide erwachsen war, kam der Emir nicht mehr her; ich wußte, warum. In der Mitte des Geheges wogte ein Rosenhain voll der edelsten Sträucher, unwissend seiner Bedeutung hatte ich ihn damals aus alter Liebe besonders gepflegt. Es war der Platz, auf dem Gertraudens Leichnam verbrannt worden war, rätselhaft wie ihr Leben war ihr Bestattungswunsch gewesen.
Ich schloß die Tür zu dem verfallenen Hause auf.
»Ergib dich in dein Schicksal, Harald,« sagte ich mit verstellter Gelassenheit, »es ist, glaub es mir, gelinder als das meinige. Die Beschäftigung mit dem Boden, den Pflanzen, den Wolken und Winden tut wohl und macht ruhig. Niemand soll dich treiben; flick die alte Hütte und harre deiner Stunde in Geduld.«
Er warf den schönen Kopf in den Nacken und sah mich mit lachenden Augen an:
»Hütet Eure Pferde, Alter, ich sags Euch offen: kann ich fliehen, so geschieht es.«
Den anspringenden Schrecken – nachher wurde mir bewußt, wie sicher mein Herz empfunden – dämpfte ein fernes silbernes Gelächter; ich murmelte einige Worte zum Abschied und eilte hinaus, den Wachen die Fürsorge für den neuen Gärtner einschärfend.
Im Garten des Frauenhauses saß Sobeide im Kreise ihrer neuen Gespielinnen, und die jungen, schönen Gesichter strahlten Freude über ihr unfaßbares Glück, solcher Herrin zugeteilt worden zu sein. Sie hatten ein ganz anderes Los befürchtet.
»Vater, Väterchen!« rief das Kind und fiel mir um den Hals. »Nun hast du eine ganze Gemeinde für dich und kannst wieder Priester sein!«
Einen Augenblick war alles verstummt, dann brach ein tolles Gelächter aus, und ich stimmte von Herzen ein. Wilder konnten die Gegensätze nicht in ein paar Worte gesperrt werden. Oder vielleicht doch von der mundkargen Wirklichkeit, die hier Lust und Leben und Geselligkeit schuf und jenseits der Mauer ein junges Blut zur Einsamkeit verdammte. Jedoch in diesem Wirbel blauer Sterne war kein Raum für Trauer, ich vergaß und genoß.
14
Jussuf betrachtete Sobeide mit der Überschärfe der Sehnsucht, jede leichte Bewegung wurde ihm zum Wesensspiegel. Da er nach seiner Rückkehr sich über sie neigte und, wie er es gewohnt war, einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn drückte, errötete sie tief und barg verschämte Augen vor seinem heißen Blick; und als sie in der Abendstunde unter der Ampel des Schachspiels pflegten, merkten sie beide nicht, wie seltsam die Figuren unter ihren Fingern hüpften, toller schier als ihre Herzen. Jetzt bot der Emir Schach, bei ungedecktem König; sie achteten es beide nicht. In starker Verwirrung stürzte das Kind die Figuren um, die Augen voll Wasser, und lief schnell hinaus. Jussuf sah mich sprachlos an.
»Lieber Freund,« deutete ich in grenzenloser Torheit lächelnd, »nun ist ihr Gemüt doch wahrhaft genügend bewegt, und das Herzchen steht in Flammen.«
Der Emir griff wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm, seine Züge klärten sich auf, er faßte mich um die Schulter und stammelte:
»Meinst du wirklich? Ach, Ronald, das Kind verfolgt mich durch die Träume, aber ich kann, ich kann ihm nichts sagen, die klare Unschuld wehrt mich ab. Wie? – Geduld? – Ich habe sie all die Jahre gehabt, nun aber geht es über meine Kraft.«
Ich tröstete ihn, wie ich vermochte; es seien nun die letzten Wochen, die jungfräuliche Festung wolle ihren Stolz, sich nicht so leichtlich besiegen zu lassen, und was der Reden mehr sind. Er hörte sie mit halbem Herzen und ging seufzend in seinen Palast zurück. Wir waren ein paar alte Narren und wußten es nicht.
Emir Jussufs Liebeskummer griff allmählich auf mich über, auch mein Schlaf wurde blasser und wich einem fruchtlosen Grübeln. Ich hatte kein Arg, daß Sobeide ihn liebte, denn wie sollte ihr seltsames Benehmen anders zu erklären sein? Wen anders als ihn, der schön, treu und mächtig war? Es gab keine Wahl in ihrem Kreise; der Emir, an alles denkend, hatte sorglich jeden stattlichen Besuch vor ihr verborgen. Und doch fühlte ich ein Gewitter in der Luft, der schwüle Hauch ließ mich nicht ruhen. Eines Nachts wuchs dies so unerträglich, daß ich aufstand und ins Freie ging. Unwillkürlich lenkte ich meine Schritte an das Tor, hinter dem ich der Blumen gepflegt hatte; ich ließ mir von den Wachen aufschließen und trat ein, angenehm von meinen Gedanken abgezogen von einer schmunzelnden Erinnerung an den Jüngling, der dort sein Herzogtum verwaltete. Ich ging ohne Groll, ohne Haß unter den Sternen der kühlen Nacht, das Vergangene schien abgetan, das Tote tot. Alles war still, das Rosengrab Gertraudens stand vergessen und traurig entblättert, die Wege herum waren vernachlässigt und voll Unkraut, die Bäume und Büsche verwildert, unbeschnitten – Harald wünschte offenbar sein Brot nicht mit der Hände Arbeit zu verdienen. Eher beklommen und traurig als zürnend schlug ich den Pfad zu seiner Hütte ein; ich mußte wissen, was er trieb und dachte. Vielleicht hatte Verzweiflung ihn in den stählernen Fängen, und sein Lager war feucht von Tränen und Heimweh.
Mattes Licht schimmerte durch die Hecken, er saß noch wach. Verwundert rieb ich mir die Augen: die ärmliche Hütte war mit blühenden Rosen umrankt, in Töpfen standen flammende Tulpen auf dem flachen Dach, das elende Gemäuer sah wie ein Märchen aus. Hier also steckten seine Tage, nur für sich selbst hatte er Zeit gefunden. Leise schlich ich näher und spähte durch das Fenster, vor dem zu meinem höchsten Erstaunen ein seidener Vorhang hing. Aber meine Prüfung war noch nicht zu Ende, Geflüster drang aus dem Raum, der Junge stammelte unsinnige Brocken Deutsch und Normannisch durcheinander, und jetzt klang ein wehrendes, sehnendes Wort aus Mädchenmund – meine wilde Jugend stand so jäh vor mir, daß ich auf den Ärmel beißen mußte, um nicht laut aufzulachen. Der Tunichtgut hatte eine der Gespielinnen Sobeidens über die Mauer gehoben und koste mit ihr; und so alt ich war, es reichte noch nicht zu einer greisen Entrüstung. Auf Zehen schlich ich zurück und hinter eine hohe dunkle Staude, die Neugier hielt mich, ich wollte wissen, für welche der Schönen mein Herr Neffe sein Liebesnest mit Gertraudens Grabesrosen gerichtet hatte.
Meine Geduld wurde auf die Folter gespannt; doch endlich ging die Tür auf, der Junge stand breitbeinig davor und lauschte in die Nacht. Dann bog er sich zurück, ein zierliches Wesen, tief verschleiert, hüpfte in seinen Arm und ward auf leisen Sohlen an die Mauer getragen; vorsichtig machte ich mich hinterdrein. Behende schwang der Jüngling sich auf die Steine, kaum daß er den alten Nußbaum erklommen hatte, und ließ ein Seil herunter, daran ein Knüppel verknotet war. Die gefällige Schöne setzte sich rittlings darauf und schwebte sacht empor.
Ich ärgerte mich trotz allem inwendigen Lachen, daß mir ihr Gesicht entgehen sollte; aber jetzt, da die beiden auf der Mauer saßen, löste sich der Schleier zum Abschied, und ein roter Mund bot sich dem Beneidenswerten zu einem langen Kuß.
Wie eine Sturmglocke schwang das Herz in meiner Brust. Es war Sobeide.
15
Was zwischen zwei Atemzügen durch meinen Kopf ging, verschmolz in einer kalten Mordlust. Was rührte mich dieser Bastard? Er mußte sterben! Über ein halbes Menschenalter hatte der einzige Freund, den ich auf Erden besaß, seine Sehnsucht in verschwiegenem Busen getragen, damit ein hergelaufener Bube mit seiner hübschen, frechen Larve ihn um sein Eigentum betrog – er mußte sterben! Ihn davonzujagen hieße ewige Trauer in das Herz der verführten Unschuld pflanzen, nur das Grab setzt Lust und Jugend ein Ziel; er mußte sterben. Ungeheures wollte Gott von mir, damit ich meine Freundschaft beweise: den Sohn der Frau, die ich geliebt hatte und noch immer liebte, sandte er in dies ferne Land zum Opfer meiner Treue, den Erben meines Landes hieß Gott hinschlachten um der glücklichen zehn Jahre willen, und diesmal wollte ich meinem Schicksal männlich entgegengehen.
Darauf, so beschloß ich, nähme ich das Kind bei der Hand und geleitete es in den Garten an die Stelle, da ich ihn verscharrt haben würde, und also spräche ich zu ihr: Hier liegt einer, der eine deiner Gespielinnen mit dreisten Reden zur Zuchtlosigkeit verlockt hat. Er hat seine Strafe; forsche du der Dirne nach. Und damit du ein größeres Frauenrecht hast, wollen wir deine Hochzeit mit Jussuf auf den Neumond festsetzen.
So würde ich sprechen, und Jussufs Herz sollte von all dem unberührt bleiben. Wenn nicht der Bursche ihre Ehre beleidigt hatte; und dies mußte ich wissen. Ich zog mich in die Hütte zurück und barg mich in den Schatten, den blanken Dolch in der Faust. Seine sorglosen Schritte schollen über den Rasen, er pfiff eine sanfte Weise vor sich hin und zog die Vorhänge auf. Dann löschte er das Licht und ließ den Mond auf die kahlen Wände scheinen; träumerisch saß er am Fenster, das blonde Haupt von silbernen Liebesflammen umkränzt; nicht um mein Leben hätte ich ihn so erschlagen können. Mit einem Sprung stand ich vor ihm und packte ihn beim Handgelenk. Er erkannte mich sofort und tat eine kaum merkliche Bewegung.
»Alterchen, ist das eine Zeit, die Leute heimzusuchen?« fragte er gelassen und sah mich forschend an, ob ich von seinen Taten wüßte. »Und was willst du mit meinem Arm, Väterchen? Du meinst doch nicht, mich halten zu können!«
Er versuchte eine Befreiung, merkte den Widerstand und nahm all seine Kraft zusammen.
»Mein Gott, was seid Ihr für ein Goliath!« keuchte er, vor Unwillen und Anstrengung feuerfarben. »So laßt mich doch und sagt endlich Euer Begehren!«
»Ist das eines Herzogs würdig,« sagte ich, »die Braut eines anderen zu stehlen?«
»Ach, du Schleicher! – Die Braut eines – Mach dich nicht lächerlich, Alter; ich habe den ersten Kuß von diesen Lippen gepflückt. Ihr täuschtet Euch in der Dunkelheit und meintet eine andere.«
»Du willst noch lügen, Bube!« schrie ich empört. »War es nicht Sobeide, mit der du in deiner stinkenden Hütte freveltest?«
Der Junge tat ein wildes Lachen, aber es klang nicht echt.
»Ist Liebe Frevel? Und stinkende Hütte, sagst du? Wo sämtliche Rosen des Gartens zu ihrer Ehre um sie versammelt sind? Aber sage mir, wessen Braut soll Sobeide sein? Sie selber weiß es nicht, oder –?«
Er neigte plötzlich nachdenklich den Kopf und biß die Lippen – wie eng beieinander wohnen Liebe und Argwohn! Mit solchem Herzen wollte ich ihn nicht in die Ewigkeit entlassen und berichtete:
»Sie ist dem Emir bestimmt, allerdings ohne ihr Wissen. Genug davon: sage mir eins: Hast du sie angetastet?«
Der Junge sah mir verständnislos ins Gesicht, seine Augen gewannen eine Fülle rührender Kindlichkeit. Als er schließlich begriff, wogte ihm das Blut über die Stirn, er schlug mit der freien Hand auf meinen Arm und schrie:
»Lästere sie nicht! Gib mich endlich frei! Dem Ungläubigen willst du sie verschachern!«
Mit mächtigem Ruck riß er sich los und wich zwei Schritt zurück, Tod in den glühenden Augen. Es brauste in meinem Kopf, eine jubelnde Befreiung war in mir, daß es nun Kampf galt, daß ich ihn nicht abschlachten mußte wie ein Tier. Streitlust, die aller Gründe vergaß, faßte uns beide, und wie ein Sturmwind hausten wir umschlungen in dem Zimmer, lautlos, die Zähne verbissen, denn uns beiden war nicht um Horcher zu tun.
Wählingerblut! Er war es, bei Gott, denn solche Kraft war mir nirgends begegnet; ich keuchte unter seinen gewaltigen Armen und brauchte meine ganze Stärke; aber das zähere Alter blieb Sieger, ich warf ihn über die Schwelle, kniete auf seinem Leibe und drosselte ihn mit beiden Händen. Die Augen quollen ihm erschreckend aus den Höhlen, ich mußte wegschauen. Da leuchtete aus dem zerrissenen Hemd seine weiße Brust und unter dem Herzen das dreigespaltene Mal der Trebilons.
Ein eisiger Blitz durchfuhr mich vom Scheitel bis zu den Füßen, ich starrte entsetzt in das verkrampfte Gesicht vor mir. Ich wollte schreien, aber nur ein heiseres Wimmern brach aus der Kehle. Gott! Laß es nicht zu! Nicht zu!
Ich weiß nicht, wie ich es zustande brachte, das Richtige zu tun, überhaupt zu handeln. Wie eine Feder schwang ich den schweren Körper auf meine Arme und lief nach den Trögen, in denen das Regenwasser für den Garten stand, netzte seine Stirn, rieb seine Brust, arbeitete an dem leblosen Leibe, daß mir der Schweiß aus allen Poren drang, ohne aufzusehen, ohne Unterlaß, ohne auch nur dem heißen Drang nachzugeben, diese geliebten Lippen zu küssen. Ich betete und fluchte in einem, aber Gott rechnet das Gestammel der umdüsterten Seelen nicht. Seine Liebe ergoß sich auch über diese grauenvolle Stunde und prüfte mich nicht über meine Kraft. Denn ich hätte es nicht ertragen.
Er lebte, der bleiche Morgen beschien sein erstauntes Gesicht, unsicher blickte er mich an. Ich legte den Finger auf den Mund und hieß ihn schweigen.
»Ohne Sorge, ich bin dein Freund, mag es dir auch seltsam vorkommen. Bei dem ewigen Gott, ich will euch beiden helfen, wenn ihr es ehrlich miteinander meint!«
Ein besseres Mittel, ihn zum vollen Leben zu erwecken, konnte ich nicht finden. Er sprang auf, taumelte und stützte sich an mir.
»Väterchen,« stammelte er, »du hast eine eigene Art für Freundschaftsbeweise, aber Knochen wie ein Gaul oder wie mein Vater – sag, kann ich dir trauen? Und warum? Besinnst du dich auf dein christlich Herz?«
»Darum kümmere dich nicht, du arger Junge! Wie alt bist du?« Er ahnte nicht, mit welcher Spannung ich an seinen Lippen hing.
»Letzten Martin achtzehn geworden,« stotterte er verlegen, er fühlte seine grüne Jugend als wenig ausreichende Grundlage für Liebesdinge; »jedoch in unserem Geschlecht sind frühe Heiraten nicht selten.«
Ich hörte ihn kaum, eine tiefe Seligkeit entführte mich in eine wundersame Welt; er war mein Sohn, mein eigen Fleisch und Blut. Die Zeit stimmte, Aleit mußte gesegneten Leibes gewesen sein, und dies zu der Stunde, da ich Wildling sie schier zu Tode schlug. Späte Scham stieg mir in das früh ergraute Haar, aber die übergroße Freude ließ keine Schatten aufkommen. Ach, wie mußte ich mich bezwingen, mein Kind nicht in die Arme zu schließen! Ich wußte nicht, wie das anstellen, da half er mir selber:
»Alter, ich traue dir nicht! Wie willst du mir bürgen, daß du uns nicht beide verdirbst? Sobeide und mich! An mir ist nichts gelegen; doch wie kannst du, ein Christ, das Mädchen einem Ungeliebten verschachern?«
In einer jähen Erleuchtung griff ich an mein Herz, fast hätte ich laut gejubelt.
»Schwöre mir beim Leibe des Herrn, über das, was ich dir jetzt zeigen will, für immer zu schweigen!«
Er hob betroffen die Hand zum Himmel; ich aber schob mein Gewand zur Seite und zeigte ihm das Mal unter meinem Herzen.
»Auch ich bin ein Trebilon, wie du von der Seite deiner Ahne. Nun bin ich der Mönch Ronald und tot für mein Geschlecht. Glaubst du jetzt?«
Mit leerem Ausdruck saß der Junge da, dann sprang er auf mich zu, umarmte mich und küßte meinen zerschundenen Mund und rief:
»Den Papst zum Vetter! Dem Mütterchen eine Tochter, und dir – ein Bistum!«
Mich lähmte die Wonne, jauchzende Gebete stiegen lerchengleich aus meinem Herzen; alles, alles hatte mir Gott vergolten durch diesen einen kurzen Augenblick.
16
Der Rausch verflog, die Seele rüstete sich zum Kampf. Jussuf war für einige Tage verritten; ich hätte ihm nicht ins Gesicht sehen können. Der Himmel, der mich mit Freuden überschüttete, forderte von mir Verrat, und angstvoll lauschte ich in mich hinein, was das Schicksal von mir erwartete. Pläne wurden geboren und verworfen, es blieb nur die Flucht. Zuvor aber mußte ich Sobeide vor mir sehen, und zagenden Herzens schritt ich in das Frauenhaus.
Sie empfing mich mit glänzenden Augen, und so fröhlich mich sonst dieses Licht gemacht hätte, heut stimmte es mich schwermütig, denn ich kannte seinen Ursprung und trauerte, daß mein Kind Geheimnisse vor mir hatte. Mein Kind – war jener andere nicht viel mehr mein Kind? Ich schüttelte die Gedanken von mir ab, das Gebot der Stunde ertrug nicht die Betrachtung so kunstvoll ineinandergeschlungener Schicksalsfäden. Das Kind saß neben mir, ich hatte meinen Arm um seinen Hals gelegt.
»Diese Nacht belauschte ich dich,« sagte ich und fühlte, wie sie schwerer an meine Brust sank.
Plötzlich faßte sie meine beiden Hände, bebende Angst in den Augen.
»Ihm ist nichts geschehen, Vater?«
»Nein,« sagte ich und wußte genug.
Sie barg ihr Köpfchen an meine Schulter und weinte leise.
»Die langen Jahre hat Jussuf dich gehätschelt und verwöhnt, er liebt dich mit der Glut seines starken und treuen Herzens; nun läufst du ihm davon, mit irgendwem, mit nirgendwem! Dies ist Frauendank.«
So sprach ich und schlug ihr Herz blutig, indes meins vor Weh brechen wollte. Sie sank in sich zusammen und weinte auf meine Hände, unaufhaltsam quoll die bittere Flut aus ihren Augen.
»Ist denn nichts, was dich zu dem Emir zieht?«
Da sprach sie endlich ein paar zitternde Worte, und sie, die bis vor kurzem von Liebe nichts wußte, war nun ganz in Liebe getaucht.
»Doch, Vater, doch! Ich hab ihn lieb wie einen Bruder, er ist der edelste und gütigste Mensch – nächst dir, Vater,« verbesserte sie sich und streichelte meine Seele, »aber Harald hält mein Herz und ich seins. Straft mich, wenn es unrecht ist, doch ich kann nicht von ihm lassen, im Leben und im Tode nicht.«
Das waren große Worte, aber sie wuchsen aus dem schlichten Grunde ihres Wesens wurzelecht und selbstverständlich wie Opferflammen aus heiligem Herd. Jussufs Schale hob sich und verschwand in Fernen; mir blieb keine Wahl.
»Steht es so, Kind, so will ich euch helfen,« flüsterte ich; »doch des seid gewiß, wir alle spielen mit dem Tode. Nur die Flucht rettet euch, und wehe, wenn uns Jussuf einholt!«
»Dann sterben wir vereint!« erwiderte sie mit glücklichen Augen, sie hörte nur das Versprechen der Hilfe und sah keine Gefahren. »Du aber, Väterchen, mußt mit uns gehen, ich mag dich nicht lassen.«
Armer Jussuf! Drei Herzen sollten vor Seligkeit überströmen, und er, der unser aller Schicksal in den Händen hielt, blieb betrogen, einsam, leer in seiner Verlassenheit. Es mußte mir ein Wort hierüber entglitten sein, denn Sobeide schluchzte lauter auf, und ihr Leib zuckte hilflos in meinem Arm.
»Wär ich tot«, stammelte die Jugend, »und täte niemandem mehr ein Leid!«
Ich nickte betrübt; das Alter erst weiß, daß alles Leben währender Kummer ist. Nur die Erinnerung blickt über das flache Feld und sieht nichts als den hochragenden leuchtenden Mohn des Vergessens, der Freude, der Lust.
»Und deine Gespielinnen?« fragte ich, zur Wirklichkeit zurückkehrend. »Es ist unmöglich, sie alle mitzunehmen; je weniger wir sind, um so größer die ohnehin schwache Aussicht auf Rettung.«
»Der Emir ist gut,« sagte sie zuversichtlich und so ganz Weib, daß ich in aller Trauer lächeln mußte; »er wird ihnen nichts zuleide tun. Warum liebt er nicht ihrer eine statt meiner? Sie sind so schön und klug, viel besser als ich, die ich nichts als Ärger und Pein bringe.«
Sie meinte es ernst mit ihren Worten; die Schuld, die fremde Wünsche und Hoffnungen ihr auferlegten, drückte sie zu Boden; nur die junge, heiße Lebenskraft gab ihr den Mut, trotz allem nach den Sternen zu greifen.
»So bereite dich,« sagte ich entschlossen, »heute, vor Abend, reiten wir davon. Keins deiner Mädchen darf ein Wort erfahren; fort die Tränen, Verschwiegenheit ist unser halber Weg. Ich hole dich selbst.«
17
Ich schlenderte in die Ställe und musterte die Pferde. Jussuf, dies ist der Dank für deine königlichen Geschenke. Der Dank für zehn stürmelose Jahre, der Fußtritt des Gastfreundes, der wie ein Fürst neben dir gehen durfte.
Die drei Pferde wurden bereitgestellt; es lag nichts Auffälliges in meinem Befehl, da ich oft mit Sobeide ausritt. Darauf wandte ich mich in den Garten Haralds, der eben beim Mahle saß und mit dem gesunden Hunger seiner Jahre gewaltige Stücke von einer Hammelkeule biß.
»Vor Abend noch,« sagte ich, »du, Sobeide und ich. Der Emir wird kaum vor morgen erwartet. Lege dein altes Gewand an und darüber diesen Mantel. Und – hast du die andere Keule noch? Gut, pack sie ein, ich will mich nicht auffällig versehen. Du erhältst Bescheid.«
Ehe er seinen Dank sagen konnte, verließ ich ihn, meiner verworrenen Gefühle kaum mehr Herr. In meinem Zimmer ging ich auf und ab und grübelte über einen Brief für den Emir, doch die schönsten, tiefsten Worte, die ich fand, dünkten mich armselig und schal. Das Mahl stand unberührt auf dem Tische, ich packte ein Teil in ein linnenes Tuch, füllte zwei Schläuche mit Wasser, band mit schamroter Stirn eine Menge Goldes in meinen Gürtel und wählte für Harald eine Waffe. Ich selbst nahm den Säbel, den mir Jussuf auf mein Wundbett gelegt hatte, und all diese Dinge barg ich notdürftig unter meinem Mantel. Das Gewissen betäubte ich mit dem Vorsatz, von der Küste aus an Jussuf zu schreiben. Wie ein Dieb ging ich aus dem Hause meines Freundes – unter harten Augen verhehlte ich ein Herz, das seine Schuld in alle Winde schrie. Seine Schuld und seine Angst, denn es wußte nicht, wohin sich wenden nach solcher Tat. Noch auf dem Wege zum Frauenhause beschloß ich, die beiden Kinder nur bis ans Meer zu geleiten und dann männlich vor Jussuf zu treten: Hier bin ich, morde mich und kühle deine Rache in meinem Blut!
Dieser Entschluß verschaffte mir eine merkwürdige Erleichterung, meine Tatkraft spannte sich freudiger. Der Tod dünkte mich kein großes Ding, ich glaubte mein Leben hinter mir zu haben und war mit solchem Abschluß zufrieden.
Sobeide zitterte vor Scham und Leid; nun, da eine jähe Entscheidung verlangt ward, blutete ihr Herz um den Mann, dem sie eine sorglose Jugendzeit verdankte. Sie hatte ihr ärmstes Gewand angezogen, schmucklos bis auf den alten silbernen Löwentaler; nichts von all den Beweisen von Jussufs Liebe und Freundschaft wollte sie mit auf diesen Weg nehmen. Ich verstand sie und redete nichts dawider, stolz auf ihren hohen, adligen Sinn, und so wandten wir uns schweigend zu den Pferden, stiegen auf und ritten, das ledige Tier am Zügel führend, an die andere Seite des Gartens. Vom Sattel aus konnte ich die Mauer erreichen; Harald hörte meinen leisen Ruf, klomm über, und die Paläste versanken hinter uns. Erst weit in der Steppe hielten wir an, banden die Schläuche und Vorräte auf die Kruppen und bereiteten uns besser auf den langen Ritt. In purpurner Verlegenheit sah sich die Jugend zum erstenmal unter fremden Augen an; ihre holde, tastende Verwirrung hätte mich unter anderen Sternen mit Seligkeit erfüllt, jetzt verstörte es mein Gemüt noch ärger. Wir trieben die Pferde an und ritten wortlos in die nahende Nacht, von niemandem belästigt, von keinem verfolgt.
Sobeide lebte noch in dem Gedanken, ich würde sie in das Abendland begleiten; ich mühte mich ab, ihr meinen geänderten Entschluß in einer Weise mitzuteilen, die sie am wenigsten traurig machen würde, aber zum Erfinden taugte mein Kopf heute nicht, ich verschob die Aussprache bis an den Morgen. Endlich fiel mir ein, wie ich ihren Trennungsschmerz zu lindern vermöchte, ich besann mich auf meine Priesterrolle und stand so fern allen Formeln und Gebräuchen, daß ich voller Glück über meinen Plan ward: ich wollte die beiden vor der langen Reise selber ehelich miteinander verbinden; Gott, meinte ich, würde den Segen des Vaters dem des Priesters gleichstellen.
Der Tag begann mit karger Sonne, mir war nicht zum Beichten zumute. Bei kurzen Rasten ritten wir weiter dem Meere zu; es blieb uns keine andere Wahl als Tyrus, denn dies war der einzige Hafen, der der Christenheit noch im Morgenlande verblieben war, und von dem aus wir mit einiger Sicherheit auf Überfahrt rechnen konnten. Zu unserem Kummer lahmte Sobeidens Pferd; auch sie selbst war von der äußeren Anstrengung und inneren Erregung völlig erschöpft und hielt sich nur mit Zwang in den Bügeln. Es kam so weit, daß Harald seine Beute vor sich in den Sattel nehmen und mit seinem Arme stützen mußte. Für seine mächtige Kraft war dies eine kleine Last, und dennoch zitterten seine Hände, als ich ihm das Kind emporreichte.
Vor der zweiten Nacht, als wir uns um der Tiere willen zu einer längeren Ruhe bequemten, sprach ich den Kindern davon, sie gleich an Ort und Stelle zusammenzugeben, da niemand wisse, in welche Fährlichkeiten unsere Pfade führten. Sie griffen danach, als hätte ich ihnen die ewige Seligkeit geschenkt; es war doch ein Ziel dieser Flucht, das erreicht war. Ich nahm den Turban ab, und die beiden Kinder knieten unschuldig vor mir nieder, Hand in Hand. Die Stimme versagte mir fast, das Herkömmliche entfloh meinem Gedächtnis, ein paar Worte stiegen bebend aus tiefem Herzen; rasch segnete ich sie ein, zog sie an meine Brust und küßte sie beide in Herzenslust und Trauer.
Nun war an Schlaf nicht mehr zu denken, wir hatten alle inmitten der Nachtkühle fieberheiße Wangen und schlagende Pulse. Nach kurzer Weile bestiegen wir die Pferde und trabten langsam unter den Sternen dahin, die beiden eng umschlungen, ich mit Sobeidens Pferd am Zaum hinterdrein. Einmal war mir, als berühre eine Hand meinen Nacken, aber rückwärts schauend sah ich nichts als den leeren, flimmernden Himmelssaum über dem silbernen Steppengrase.
Doch das fremde Gefühl wollte mich nicht mehr verlassen, immer häufiger drehte ich den Kopf, und endlich glaubte ich in der Ferne das Blitzen eines Eisens zu sehen. Ein paar Sprünge brachten mich neben Harald, dem ich leise befahl, schneller fortzureiten, da ich, drohe Gefahr, rascher als er auf seinem doppelt belasteten Tier vorankäme. Er hatte kein Arg, trieb den müden Gaul zum Trabe und verschwand bald hinter den Hügeln.
Ich wandte mein Angesicht dem dunklen Schicksal zu, denn der aus dem Osten gegen mich anritt, war der Emir.
Sehr weit in der klaren Nacht erkannte ich den hemmungslosen Zorn in seinen Zügen; von seinem Renner flockte der Schaum wie Schnee; er, der keinen Sporn gebrauchte, trieb das geliebte Tier mit dem Dolche. Die Lanze steil auf meine Brust gerichtet, sprengte er heran, Mord in den verwilderten Augen, und unwillkürlich zog ich den Säbel aus der Scheide. Nicht um mein Leben zu retten; das war verwirkt. Aber ich wollte dem Tod so lange wehren, bis ich Jussuf das Glück der Kinder abgerungen. Ich rief und winkte ihm zu; vergebens, er wollte nichts hören und sehen, mit blinder Wut stachelte er sein Pferd und rannte auf mich ein.
Bei Gott, das Schicksal selber hat ihn getötet, nicht ich!
Da sein Eisen handbreit vor meiner Brust war, zerschlug ich den Speerschaft mit dem Schwerte. Der Emir tat eine unglückliche Wendung im Sattel und stieß mit Gewalt in die Klinge. Sein Hengst stand plötzlich still, friedlich beschnupperten sich die befreundeten Tiere; Jussuf sank ohne einen Laut in meinen Arm. Seine Mienen glätteten sich und wurden mild, je mehr das Blut aus ihnen wich; er schlug die Augen auf und sah mich erstaunt, fast heiter an. Ich hatte die Hand auf seine Wunde gepreßt, aber das Blut quoll und strömte unaufhaltsam über meine Finger, er war verloren. Zu sprechen vermochte er nicht, seine Arme lagen an meinem Halse, er drückte mich mit seiner schwindenden Kraft und legte den Kopf kindlich an meine Brust; ein Lächeln glitt über seine Züge und hielt mit einem an, als schaue er entzückt ein Wunderbares. Stöhnend strich ich ihm die Lider über die gebrochenen Augen, und meine Tränen wuschen ihn rein von Schweiß und Staub. Dann hob ich ihn aus dem Sattel zu mir und ließ ihn sanft zur Erde, stieg ab und kniete lange neben ihm, alles vergessend, versunken in den Anblick seines friedlichen Gesichts, das sein erschautes Wunder wie ein Spiegel festhielt und so schön war wie im glücklichen Leben. Vielleicht, daß Gertraude seiner scheidenden Seele winkend den Weg in die neue Heimat gewiesen.
Und ich? Wohin mich wenden? Sollte ich den Seinen den blutigen Leichnam und mich selbst zum Opfer bringen? Wem zuliebe, wem zuleide? Mittellos trabten die beiden Kinder der Küste zu, noch in jeder Stunde von Gefahr umgeben. Bei ihnen war mein Platz. Ich entschloß mich rasch und hart, die weicheren Gefühle erdrosselnd. Jedoch bevor ich ritt, hob ich mit dem Schwerte die Grasnarbe ab und grub dem Freunde ein Bett. Dann säuberte ich Pferde und Säbel mit meinem Mantel von den Blutflecken, legte ihn zu Jussufs Füßen und deckte das Grab zu. Ich sorgte, daß die Erde über ihm nicht von den Aastieren aufgescharrt werden könnte, indem ich eine Menge Steine zusammentrug und einen Hügel von Gewicht und Dauer aufschichtete. Darauf wechselte ich die Sättel und legte seinem Roß den Sobeidens auf, erstach das lahme Tier und ritt den Kindern nach.
18
Ich traf sie beim Morgenlicht; sie erschraken, da sie mich sahen, als ob ein Gespenst sie überrascht hätte. Und ich – gelassen bot ich des Emirs Grüße und in dem Pferde ein letztes versöhnendes Geschenk an Sobeide. Er habe sie nicht mehr sehen wollen und sei auf dem lahmen Tier langsam zu den Seinen verritten.
Sobeide beugte sich über meine Hand und schluchzte leise:
»Und du, Vater?«
Irgend etwas lachte in mir zornig und gepeinigt, ich starrte über die glühende Steppe und trotzte dem Gott, der mich verfolgte, indes mein Herz wie ein gefangen Wild in seinem Kerker tobte.
»Ich fahre mit euch in die alte Heimat!« schrie ich rauh. Aber sie blickten mich erstaunt an und hörten mich nicht; die Worte blieben mir in der Kehle stecken.