Drittes Buch
Reading edition
19
Es ist ein weiter Weg von Bachara nach Claraforte, zu Wasser und Lande voll von Ereignissen. Mein Gedächtnis ist mir ansonst ziemlich treu geblieben, aber von diesem Wege, seit dem Morgen, an dem ich Jussuf begrub, habe ich nur eine dumpfe, bleischwere Erinnerung, als sei ich ihn ohnmächtig und von Sinnen gefahren. Das Kind hat mir oft berichtet, wie ich bei Stürmen unvernünftig auf Deck hin und her gelaufen sei, daß Harald mich halten und in die Kajüte geleiten mußte; wie ich gedankenlos und ohne aufzuschauen durch Italien und über die Alpen geritten, und daß die Ärzte in Deutschland mich für zerrütteten Geistes erklärt hätten.
Ich war krank. Eine Nachtmahr lag auf meiner Brust und verließ mich erst zu der Stunde, da ich die Grenze meines Landes überschritt. Dort stand am Wege nach Osten zu eine uralte Linde mit zwei tief in den Stamm geschnittenen verschlungenen Herzen.
Harald, der mein Roß führte, hielt an und sagte zu Sobeide:
»Dies ist unsere Heimat, Liebe; sieh die Herzen, die mein Vater ehemals in den Baum geschnitten. Ich hätte Lust, auch unseren Bund hineinzuschreiben. Halt die Zügel und verzieh ein Weilchen.«
Drauf sprang er ab und begann seine Arbeit. Sobeide mochte es zu lange dauern, daß ihr Eheliebster ein paar Schritt fern war, sie glitt aus dem Sattel und stellte sich neben ihn, und plötzlich wich der Schleier von meiner Seele, ich starrte auf das Bild und sah zwei, die vor zwanzig Jahren die alten Herzen hineingegraben hatten, jung, schön, glücklich gleich jenen. Wie Geierflug raste mein Leben an mir vorüber, klar und hart wie ein Wintertag, und abermals hielt ich an der Grenze meines Herzogtums, ein zerfetzter, schuldbeladener, armseliger Greis. Hinter mir lag die Reisezeit gleich einer dunklen Lücke, ich ahnte, daß ich krank gewesen, ich fühlte, daß ich genesen sei.
Zu rechter Zeit, gewiß um keinen Tag zu früh, denn der Abend schon würde mir ein Wiedersehen bringen, schlimmer und tödlicher vielleicht als alle Kämpfe meines Daseins. Das flog durch meinen Sinn, ohne mich mehr als flüchtig nur zu rühren, denn mein Herz lag, kaum erstanden, in anderen Banden, die ich nie und nimmer so mächtig geglaubt. Ich sah den Himmel mit den wunderbaren Wolkenschlössern, die ruhvoll im Blauen schwammen und immer neu erwuchsen, ich atmete den Duft der Heimaterde, stark und lenzgeschwellt, mir war, als senke meine Seele selige Würzlein in die Scholle und begrüße Krume, Wurm und Wasser und sauge sich voll von dem lebendigen Blut, durstig und dankbar wie ein Kindlein an mütterlicher Brust.
Heimat, Heimat, ehe der Abend über mein Schreibwerk hereinbricht, will ich deiner gedenken, du Heilerin der Qualen, Trost im Elend, Treueste der Treuen! Deine Kinder treten dich mit Füßen, aber du vergißt ihrer nimmer. Du warst bei mir in der dürren Steppe, und ob ich deiner kaum gedacht, du warst es doch, die meine Träume füllte. Heimat, Heimat, dich hab ich behalten von allen Gütern, dich allein hab ich geliebt, ob ich dich auch hundertmal verriet, gehemmt von Leidenschaften und Wünschen. Du lebtest in allen, die mein Herz besaßen, und nichts war außer dir als toter Sand.
Ja, ich war genesen und sah mit einem inwendigen Lächeln dem Ende dieses Tages entgegen. Die Kinder merkten verwundert, wie ich verständig in ihre Reden eingriff, und in halb zweifelnder Freude ließ sich Harald den Zaum meines Rosses aus der Hand nehmen. Jetzt erst drang mir auch die äußere Veränderung unserer Leiber in das Bewußtsein; die Kinder trugen abendländische Edelmannstracht und ich selbst eine neue warme Kutte. Unwillkürlich tastete ich an meinen Kopf – gottlob, sie hatten wenigstens mein schütteres Haar mit der Tonsur verschont.
Die zarte Dämmerung der Nordländer geisterte im Walde, die Stille ging wie ein träumendes Märchen neben uns. Sobeide verstummte in bänglicher Erwartung des Herzogspaares, denn Claraforte rückte näher. Plötzlich lag die Burg vor uns, steil aus einer Lichtung ragend, und der Mond darüber lief wie ein silbernes Wiesel durch die gezackten Wolkenwälder. Wortlos hielten wir an, gebannt von der großen Art dieses Bildes, von Erinnerungen und Hoffnungen überwältigt.
»Dies ist unsere Burg, Vater,« sagte Harald leise zu mir. Ich neigte den Kopf; Gottes Wege, Gottes seltsame Schicksale schlossen langsam ihren Kreis. Ahnungslos führte mein eigen Kind den Flüchtling in das Haus seiner Väter zurück, Frieden und Liebe schienen am Ende des blutigen Pfades zu stehen.
Wir waren, ein jedes aus anderem Grunde, tief bewegt und schämten uns der nassen Augen nicht. Sobeide war von ihres Mannes Seite gewichen und hielt sich neben mir, da wir den Burgberg hinanritten; sie scheute sich, hier sogleich als künftige Herrin aufzutreten, als müsse ihre Ehe von den Eltern erst bestätigt werden.
Herzog und Herzogin schliefen schon. Aber der Lärm der Diener, als sie den Jungherrn sahen, hätte Tote auferweckt; notdürftig bekleidet liefen die Alten herbei, seltsamerweise aus verschiedenen Richtungen den Saal betretend. Ich hatte Muße, sie beide zu betrachten, denn es dauerte lange, ehe die Reihe an mich kam. Der Augenblick, in wieviel Stunden herbeigesehnt, ging nüchterner an mir vorüber, als ich gewähnt hatte, schon glaubte ich entsetzt, Hoffen und Harren hätten meine Liebeskraft verbraucht. Ich kann nicht einmal sagen, daß ich nur Augen für Aleit gehabt hätte, Wesen und Haltung des Bastards fesselten mich fast ebenso stark. Trotz allem mischte sich keine Bitterkeit in den Gedanken, daß ich, der ich recht eigentlich der Mittelpunkt dieser seltsamen Heimkehr war, verlassen im Hintergrunde stand, ein müßiger Zuschauer, der gewiß war, aus den Kelchen überschwenglicher Liebe zum Ende den schalen Rest der Höflichkeit zu bekommen.
Keinen hatte das Alter verschont; Aleit war bleicher und zarter, silberne Fäden trug sie im Haar, ihr Mund war weicher, ihr Blick versonnener. Mir schien, ihr fröhliches Wesen wäre schwerer geworden, und da ich, mit unbewegtem Gesicht, die Narbe auf ihrer Stirn betrachtete, glaubte ich den Grund zu erkennen. Es war ein feiner Unterschied in der Art, wie sie Sohn und Tochter umarmte; blindlings, mit allen Kräften, zog sie ihn an ihr Mutterherz, nichts fragend, weder mit Worten noch mit Augen, nur dem Triebe folgend und beseligt von seiner Nähe. Auf Sobeide ruhte ihr Blick für einen Atemzug, dann erst schloß sie auch die Tochter in die Arme. Niemand bemerkte die Prüfung außer mir; aber als der Bastard, nachdem er den Erben von Claraforte rasch und wild an sich gepreßt hatte, sich zu Sobeide wandte, lag sein Auge auf ihr, als erforschte er ihr Blut bis in die fernsten Geschlechter, und das Kind senkte die Lider. Robert lächelte: dies Lächeln war wie eine zweite Larve unter dem anderen, harten, strengen Antlitz, das Furchen tiefer Leidenschaft durchzogen. Er war gewandelt, wandelte sich noch; die Jahre hatten ihn furchtbar mitgenommen, und – weh! – mein arges Herz triumphierte darob.
Sie saßen mit uns zum Mahle nieder, Harald zwischen den Eltern, Sobeide neben Aleit, ich neben dem Bastard, und nun erst faßten sie mich genauer, soweit die spärliche Beleuchtung es zuließ. Harald erzählte kurz von der Flucht aus Bachara, der Bastard neigte sich verbindlich zu mir und sagte:
»Wir sind Euch sehr zu Dank verpflichtet, ehrwürdiger Vater. Verzeiht, wenn wir Euch über den Kindern vergaßen, es war die Freude des Wiedersehens. Morgen steigt ein neuer Tag herauf, der Euch gehört.«
Aleit sah mich an, ihre Augen waren weit und klar; ich vermeinte, eine jungfräuliche Röte überzöge sanft ihre Wangen. Es war unmöglich, daß sie mich erkannte, und doch fühlte ich in ihrem Blick eine liebkosende Berührung.
»Vater Ronald,« begann Harald; der Bastard horchte auf und starrte mich an, zum erstenmal klang der Name deutlich an sein Ohr.
»Ihr nennt Euch Ronald?« fragte er heiser und sichtlich mit großer Anstrengung. Aleit zeigte keinerlei Bewegung, es ward mir klar, sie wußte nichts von dem bösen Handel. Dies richtete mich auf und gab mir Trost, ohne daß ich zu sagen vermöchte, warum. Rasch antwortete ich, bevor das Benehmen des Bastards ihr auffällig werden konnte:
»Herr, das ist eine lange Geschichte, und die Stunde ist vorgerückt. Für heut, daß ich ehmals Benediktus hieß und nun eines Toten Namen trage.«
Der Bastard atmete auf, Blut kehrte in seine Wangen. Er legte das Messer, daran seine unruhigen Hände spielten, mit einem Ruck auf den Tisch und fragte mit bewundernswerter Gleichgültigkeit:
»Eines Toten? Ich kannte einen Mönch Ronald, vielleicht ist es derselbe; sagt mir, ehrwürdiger Vater, wann ihn das Schicksal traf.«
»Er fiel, mit hoher Tapferkeit fechtend, bei Akkon, da Rainald von Chatillon den Sultan zum letztenmal besiegte. Seht, Herr, er führte treffliche Zeugnisse mit sich, die ihm größere Freiheit verschafften, als sonst Klosterbrüdern zuteil wird, und ich nahm sie zu eigen; Gott möge es mir verzeihen.«
Der Bastard verzog die Lippen und verbarg ein Gelächter, da ihm die Vorzüglichkeit dieser Zeugnisse bekannt war. Und wiederum, zur selben Zeit, umdüsterte eine Trauer sein immer noch edles Haupt, Trauer um das Wählingerblut, das er nun unter dem Wüstensande modern glaubte.
»Benediktus oder Ronald,« sprach er höflich, »hier gilt das gleich. Wir hängen nicht an Formeln und bitten Euch, Vater, bleibet hier, so lang es Euch gefällt; übt Euren geistlichen Beruf oder ergötzt Euch an weltlichen Dingen, wie es Euch beliebt. Wir wollen Euch danken, so lange wir leben, denn Ihr habt unser bestes Gut gerettet.«
Er sah Harald an und schien mit Mühe eine tiefe Bewegung zu beherrschen, offenbar hing sein Herz an diesem Erben des Wählingerlandes, als sei es sein eigener Sohn.
»Und mehr dazu!« fügte Aleit leise seinen Worten an, indem sie Sobeide umschlang und mit herzlichem Takt in das Gehege der Sippe einbeschloß.
Ich mußte mich abwenden, meine Augen wurden verräterisch. Kein Wort, keine Bewegung, und doch irgend etwas, das ich, weiß nicht, mit welchem Sinn, wahrnahm, trennte den Bastard von der Herzogin und legte eine ewige Kluft zwischen sie.
Mitternacht ward, wir gingen zur Ruhe. Der Bastard selbst geleitete mich in mein Gemach; ein Handleuchter erhellte notdürftig den Weg. Ich merkte, er führte mich zu einem sehr schönen Turmzimmer für hohe Gäste, und folgte ihm mit sicheren Schritten; die mannigfachen Stufen fand ich blindlings und hatte noch eine kindliche Freude an dieser genauen Erinnerung.
Plötzlich sagte der Bastard rauh:
»Ihr wandelt durch die Gänge, als sei Euch das Haus von Kindesbeinen an vertraut.«
»Die Wüste erzieht Raubtiersinne,« gab ich sogleich zurück, »ich mache mich anheischig, Euch im Dunkeln zu folgen.«
Die rasche Antwort schien seinen Argwohn zu besänftigen, er hob die Riegel aus der Tür des mir bestimmten Zimmers und wünschte mir mit freierer Stimme eine geruhsame Nacht.
Geruhsame Nacht in der Burg meiner Väter, unter einem Dach mit meiner verlorenen Liebe, mit dem Mörder meines Glücks! Die Leidenschaften zerbrachen mit wilden Fäusten ihre Ketten und heulten wie Sturmwinde um mein Lager; stöhnend wälzte ich mich, von Flammen gepeinigt, sprang auf und trat nackt auf den Altan und starrte auf den mailichen Garten, darin aus Blütendüften eine Nachtigall dicht unter mir sang. Die Mauern, die Bäume, die Brunnen im Hofe schimmerten blau umsilbert in dem vollen Mond, die lauen Atemzüge der Frühlingserde bewegten kaum ein Blatt; trunken sog ich die Heimat in mich hinein und vergaß im Rausch.
Ich wachte nicht allein. Vom jenseitigen Turmerker blickte der Bastard zu mir her, ich sah seine Augen im Mondlicht funkeln und wich verstört ins Gemach, in unwillkürlicher Bewegung die Hand über das Mal auf meiner Brust deckend.
Was trieb der Bastard dort? Schlief er nicht in Aleits Kammer? Lebten sie auseinander?
20
Das Morgenmahl wurde mir an das Bett gebracht; der Mensch, der es trug, war schon in meinen Diensten gewesen, und um ein Haar hätte ich ihn bei Namen genannt. Ich besann mich und schwieg erbittert. Fort aus diesem Hause! Jeder Stein zermalmte mich mit Erinnerungen, ich konnte nicht atmen unter diesem Dach, das die Gespenster toter Lenze beherbergte. Kaum war ich in der Kutte, als der Bastard eintrat.
In seinem verschlossenen Gesicht stand kein Erkennen zu lesen, aber das Tageslicht zeigte deutlich an, wie wenig auch ihn ein frühes Alter verschont hatte. Er vertat seine Zeit nicht mit Worten, grüßte mit gleichgebliebener Freundlichkeit und bat mich, ihm und Harald auf einem Ritt durch das Herzogtum zu folgen. Den Frauen würde es lieb sein, einen Tag ganz für sich allein zu haben; zumal die Herzogin freue sich auf die junge, schöne Helferin und wäre, da sie schwacher Gesundheit, gern mancher Bürde ihrer Pflichten ledig.
Ich ordnete schweigend mein Gewand; er konnte nichts argwöhnen, denn was sollte er mich sonst zu solchem Ritt bitten? Wie es auch sei, ich wollte an Verschlossenheit und Zucht nicht hinter ihm stehen und stimmte zwanglos zu, im geheimen froh, Aleit nicht sogleich unter die Augen kommen zu müssen. Die Beobachtungen der Nacht hatten das Bild der heimatlichen Verhältnisse, das ich klar glaubte, völlig verwirrt, aufs neue rang die Seele um ihr himmlisch Teil. Und, ach, um ihr irdisches.
Harald erwartete uns schon mit den Pferden; wir saßen auf und trabten ohne Geleit in den lichten Morgen. Der Bastard erläuterte uns jedes Ding; seine Kenntnisse gingen bis ins kleinste, jede Hufe Landes hatte in seinem Munde ihre Geschichte. Ich fand mich bald nicht mehr zurecht, mit wachsendem Erstaunen lernte ich, was dieser Mensch aus meinem Reich gemacht hatte. Da war kein Ödland mehr, da standen keine verfallenen Katen, da traf das Auge keine hungernde Not. Strahlend sauber saßen die Häuser breit und behäbig auf ihren grünen Hügeln, das glatte, schiere Weidenvieh war einheitlich gezogen und warf satte, bunte Flecke auf schwellende Wiesen. Viele Felder waren eingezäunt, damit Hirsche und Sauen nicht den Schweiß des Bauern verderben konnten; wohin ich blickte, sah ich die ordnende, segenstiftende Hand, und was der Bastard auch an mir getan, er war ein Fürst und Herr von echten Gottesgnaden und hatte sein Pfund nicht vergraben oder gar vergeudet.
Auf der Burg eines seiner Vögte saßen wir zu Tisch; es war dies der Sohn meines alten Zechgenossen Roger des Wilden, den inzwischen der Teufel geholt hatte. Ich hatte den Jungen als ein böses Früchtchen im Gedächtnis, fand aber einen wackeren, tüchtigen Mann, der Land und Volk in Ordnung hielt und dessen Brut sauber gewaschen und gekämmt in guter Haltung uns den Willkomm bot. Da ich das Kreuzeszeichen über ihre Flachsköpfe machte, traf mein Auge zufällig den Blick des Bastards, der mir voll feinen Spottes über mein priesterlich Gebaren schien.
Nachher sahen wir die Marställe und Waffenkammern; der Herzog merkte mein Befremden über die Fülle und Güte der Tiere und Rüstungen und sagte fast heiter:
»So sind alle meine Burgen ausgestattet, Vater Ronald; da hängt das Geld, das wir nicht in den Abgrund der Kreuzzüge warfen. Das Wählingerland hat kaum einen Toten im Morgenlande zu beklagen außer denen, die uns dieser Wildling entführte.«
Lächelnd zwar, aber dennoch ernst nickte er Harald zu, der in fröhlichem Leichtsinn Antwort gab, daß ihm seine Kreuzfahrt Sobeide zugebracht und er keinen Grund zu Klagen hätte. Auch sei er nicht dummer geworden, seit er die Welt jenseits der Grenzpfähle kenne, zumal da ihm sein Vater hier jede Arbeit zuvortue und ihm nichts ließe als die Jagd.
»Dies kann bald genug anders werden,« sagte der Bastard leise; sein scharfer Blick verschleierte sich, ein Seufzer hob seine Brust. Er ärgerte sich über sein eigenes Wort, sah zum Himmel auf, daran die Wolken dunkler flogen, und bemerkte:
»Für heute mag es genug sein, Vater Ronald; mich deucht, der Tag wird mit Regen enden.«
So ritten wir zurück, nicht auf demselben Wege, denn der Bastard hatte es offenbar darauf abgesehen, uns zu zeigen, wie das Land in jedem Winkel blühe und reich und glücklich war, jedoch enthielt er sich alles eitlen Selbstlobes und ließ dem tüchtigen Blut des Wählingervolkes den Kranz. Zwischen seine Erklärungen flocht er prachtvoll klare Überblicke aus der Geschichte der letzten Jahre, legte den Finger auf die Wunden der Staatskunst seiner Nachbarn und des Rotbarts, der seinen besten Fürsten unbedacht der Meute seiner Herren und Bischöfe preisgegeben habe.
»Heinrich der Braunschweiger war ein Mann nach meinem Herzen,« sagte er schier zornig, »und wenn nicht England und Frankreich nach Claraforte schielten, so hätte ich ihm beigestanden. Beim Himmel, wir hätten gesiegt!«
Dies letzte kam wie Gewittergrollen aus einem Herzen, das zwanzig Jahre Frieden gehalten hatte und am liebsten Tag um Tag in der Schlacht gestanden wäre. In seinen Augen glomm ein gefährlicher Funke, sein Gesicht straffte sich männlich und gewann trotz aller Wildheit einen hohen, adligen Zug, daß ich ihn, alles vergessend, zum erstenmal mit ungemischter Freude betrachtete. Wahrlich, es fehlte nicht viel, so hätte ich ihm den Arm brüderlich um die Schulter gelegt.
Die Dämmerung war grau und trübe hereingebrochen, ein Regen, fein wie Nebel nur, schleierte die Landschaft, die Hufe pochten dumpfer auf den Boden.
»Reite voraus, Harald,« befahl der Bastard, »damit uns Alten das Mahl gerichtet ist, und laß in meiner Schlafkammer das Feuer zünden.«
Dem Jungen war nichts lieber, er hatte ohnehin genug von der Weisheit der Älteren und konnte die Zeit nicht erwarten, Sobeide in die Arme zu schließen. Jauchzend sprengte er von hinnen und verschwand im Laub. Der Bastard dagegen verhielt die Zügel, wandte sich zu mir und sprach mit klangloser Stimme:
»Bist du mit deinem Lande zufrieden, Bruder Robert?«
Ich starrte ihn an, mitten durchgerissen von seinem jähen Wort, und sah ein uraltes, verfallenes Antlitz, voll einer fassungslosen Traurigkeit. Dies war sein unverstelltes Wesen, mein Herz blutete vor Mitleid. Er hatte seine Rechte gegen mich ausgestreckt, sie schwankte und zitterte in den lenzlichen Lüften, der ganze mächtige Leib war von einem Beben ergriffen.
»Kannst mir die Hand ruhig geben, Bruder,« fuhr er müde fort, »ich habe dir nichts von dem Deinigen genommen, auch nicht Aleit, denn ich habe sie nicht berührt, und Harald ist dein Sohn.«
»Sie weiß?« stammelte ich aufgepeitscht, und er, zermalmt von unsichtbaren Fäusten:
»Nein. Aber es liegt eine Welt zwischen uns.«
Mit einemmal flutete das verloschene Sonnenlicht der langen dunklen Tage warm in meine Brust, ich stand in einer inwendigen Lohe wie in Gottes Mantel eingehüllt, und wie in Gottes Mantel ward ich kindlich rein, geläutert von den Schlacken meiner sündigen Begierden, befreit von dem lärmenden Streit zwischen Kopf und Herzen. Ich schob seine Hand beiseite und zog ihn an mich, wir küßten uns und tranken unsere Tränen.
Da er endlich seine Haltung zurückgewann, sagte er leise:
»Nun muß unser böses Spiel durchgeführt werden, bis wir Besseres wissen. Nicht um uns, aber um die anderen. Den Abend haben wir für uns, und du sollst Rechenschaft haben. Vorwärts, Bruder!«
Wie ein Vorhang fiel die starre, strenge Larve vor sein Gesicht, er reckte seine Gestalt, und wir ritten schweigend in unserer Väter Burg.
21
Das Mahl war stiller als am Vortage, doch um so inniger klangen die Seelen zusammen. Wir betrachteten einander heimlich; auch Aleit, obzwar in dem Anblick der Kinder wurzelnd, warf hin und wieder einen seltsamen Blick auf mich. Ich sah erst jetzt genauer, wie überzart sie geworden war. Ihre Gestalt hatte schier etwas Jungfräuliches, rührend Reines, ihre Hände lagen blaß und durchscheinend auf der Decke, die sie der Abendkälte wegen über Schultern und Knie gelegt hatte. Da saß sie, Jahrzehnte von mir getrennt, immer noch als mein eigen, und in tausend stillen Worten bat ich ihr alles ab, was Verzweiflung, Not und Elend in meinen Gedanken über sie gehäuft hatte. Die stete Flamme der Öllampe warf einen Schein um ihr Haupt, der mich Heiligung und Weihe dünkte, und zu meiner herzlichen Freude schmolz in der lauteren Lohe der letzte Groll in mir dahin.
Es ward mir schwer, mich aus der holden Stimmung loszureißen, doch der Bastard wurde ungeduldiger; ich merkte, wie er sich sehnte, sein Herz zu erleichtern, nahm Urlaub und folgte ihm in sein Gemach. Es war das schlechteste in der Burg und hätte einem Mönch besser angestanden als dem Fürsten. Ein Bärenfell, Schrein, Tisch und Stühle aus grobem Eichenholz, kahle, verräucherte Wände; doch ein Feuerlein sprang lustig im Kamin und spiegelte sich in einer mächtigen Silberkanne.
»Hier, Bruder, magst du sehen, was ich für mich selber gewonnen habe,« begann er ohne Umschweife. »Nur in einem nahm ich kühner: dieser edle Trunk aus deinem Keller geht zur Neige; doch ich bedurfte seiner in den bitteren Nächten.«
Er schenkte die Becher voll und bot mir von dem Blut, das schwer und süß in meine Sinne zog und mein Gebein wohltätig erwärmte; ich war der südlichen Sonne zu sehr gewohnt, um dieser feuchtkalten Heimatluft trotzen zu können.
»Ich ahnte dich gestern, da Harald deinen Namen nannte; aber erst in der Nacht, da ich dich Nackten auf dem Altan erspähte, ward mir Gewißheit.« Er legte seinen Finger leicht auf meine Kutte, darunter die Mitgift der Trebilons verborgen war, und fuhr drängender fort: »Schenke mir diesen Abend, du kannst nicht ermessen, wie heiß ich ihn erflehte. Bediene dich aus dem Vorrat, wenn ich es über meinem Bericht vergessen sollte, und verhalte dein Urteil über mich, bis ich ausgesprochen habe.«
Er setzte sich näher an die Scheite und warf wie damals spielerisch die Glut zusammen. Ihm selbst war es gleicherweise eine Erinnerung, er seufzte auf und sprach:
»So zieht das Leben seine Kreise, Bruder; aber Gott behält die Fäden in der Hand. – Als ich zuerst in Claraforte einritt, war es Nacht geworden, der Regen rann wie heute. Die Burg lag still, wie es dem Hause des Todes ziemte, niemand begegnete mir auf den Gartenwegen. So sehr war ich von meinem Ziel beherrscht, daß ich auch nicht einen Wimperschlag daran dachte, irgendwer könnte mich erkennen und entlarven. Aber gleich die erste Begegnung schien verhängnisvoll zu werden, denn von diesem Manne hattest du mir nichts erzählt. Es war der Arzt des Priors von Vargan, der mich auf der Treppe grüßte und vertraut ansprach. Er meinte, der Himmel müsse alles zum Besten wenden, und mir schien, als wolle er mich über Aleits Tod trösten. Wortlos wollte ich an ihm vorbei und in die Kemnaten, doch er zog mich an der Hand zurück und flüsterte, ich solle sie nicht stören. Dies dünkte mich für einen Pfaffen, für den ich ihn hielt, allzu frech, ich gedachte deines wüsten Lebens und lachte ihn aus: ob denn auch Tote gestört werden könnten. Worauf jener seine Demut verlor und mich mit verächtlichen Blicken maß: ›Tote nicht, Herr, aber Lebendige. Und ob es Euch lieb ist oder nicht, ich will mit Gott Eure edle Frau erretten. Und Euer Kind, Herr.‹
»Du weißt, Bruder, ich hatte mich trefflich in der Gewalt, aber bei diesem Wort brachen mir die Knie weg, und ich sank an die Wand, im selben Augenblick die geänderte Lage erfassend. Als ich mich aufraffte, war der Arzt verschwunden, ich hätte auch keine Frage für ihn gefunden. Wie ein Dieb öffnete ich die Tür, hinter der Aleit lag, ein weniges und starrte in die Kammer, die ein matter Ampelschein erhellte. Endlich gewöhnten sich meine Augen, ich sah Aleit auf dem Ruhbett liegen, die Stirn in Linnen, die Hand wächsern bleich auf der Brust, die leise atmete. Zu ihren Füßen saß eine ihrer Frauen und strickte. Ich zog die Tür vorsichtig zu und ging in dies Gemach; einem Diener, der mir begegnete, befahl ich, den Haushofmeister zu rufen. Das war Wipold, jetzt deckt ihn auch schon der Rasen. Er war, wie du dich erinnerst, deinen Taten nicht sonderlich zugetan, ich bemerkte sogleich an seinen Blicken, wie sehr er mich verachtete.«
»Mich!« verbesserte ich den Bastard, der eigen lächelte.
»Da könntest du immerwährend nörgeln, Bruder, doch höre lieber. ›Wipold,‹ sagte ich zu dem Alten, ›glaubst du mir, wenn ich ein neues Leben anzufangen verspreche?‹ – ›Nein, Herr,‹ sagte Wipold messerscharf, ›es gibt nichts, bei dem Ihr nicht schon geschworen habt.‹ – ›Doch,‹ erwiderte ich grimmig, ›ich schwöre bei dem Leben meines ungeborenen Kindes.‹ Der alte Mann starrte mich zornig an, an seiner Schläfe schwollen die Adern. Aber doch mußte ihm an meinem Ton etwas aufgefallen sein, er wurde unsicher und stammelte: ›Wenn ich dies glauben könnte, Herr, ich wäre der glücklichste Mann im Wählingerlande.‹ – ›Du kannst es glauben, Alter,‹ versetzte ich, sah ihn ernsthaft an und griff nach seiner zögernden Hand, ›diese Tage haben mir die Augen weit aufgetan. Du wirst hier keine Gelage mehr erleben; und jetzt schaff mir zu essen und eine Kanne Wein, ich verbringe die Nacht hier.‹
»Wipold war überzeugt, er kniete unter Tränen nieder und küßte meine Hände, und wenig fehlte, so hätte ich mit ihm geweint. Hier schlug ein Herz, dem das Wählingerland teurer als das Leben war, in einer jungen Hoffnung; er rannte die Treppen hinunter, und indes die Diener das Mahl trugen, kam er mit diesem Wein wieder. ›Herr, dieser Tag ist ein hohes Fest, darum kostet von dem besten Vermächtnis Eures Vaters.‹ – So, Bruder, bin ich an dies Faß geraten, das dein Wipold dir entzogen hatte, und sieh, ich habe sparsamen Gebrauch gehalten und nur in Herzensnot davon getrunken; dennoch, Bruder, sind nicht viele Tropfen mehr darin.«
Er schwieg mit bebender Lippe und griff zum Becher, den ich füllte.
»Wer ist nun Gast, und wer Hausherr?« scherzte er schwermütig über meinen Eifer, und ich:
»Wir sind beide Gäste desselben Schicksals und haben voreinander nichts voraus.«
»So ist es recht, Bruder; ich merke, du bist in einer strengen Schule gewesen, doch war auch vielleicht dein äußeres Leben bunter als meines, inwendig werde ich dir nichts nachgeben. Aleit lag fast zwei volle Monde auf dem Lager, stündlich vom Tode mit winkender Sichel bedroht, und ich hatte noch nicht den Mut gefunden, in ihre Kammer zu gehen. Dies fiel weniger auf, weil ich mich mit Macht der Geschäfte meines Landes annahm, und hiervon, Bruder, will ich dir lieber schweigen. Genug, beim Niedergang finden sich überall willige Helfer; beim Aufbau selten, denn keiner will opfern. Als ich mein Feld überblickte, begegnete ich störrigen Gesichtern, allen war meine Wandlung unbequem, außer dem geringen Volk und den wenigen von guter Art, denen eben dieses Volk am Herzen lag als der eigentliche Born ihrer Kraft und die Quelle und Zukunft ihrer Geschlechter. Aber nicht von dem zu hören bist du hier; es nahte die Stunde, wo ich Aleit besuchen mußte, der Keim des Argwohns war schon gepflanzt. Ich betrat allein ihr Zimmer, sie lächelte mir matt entgegen und hob beide Arme. Ob ihre Hände nun aus Schwäche oder einem tieferen Gefühl niedersanken, eh sie mich erreichten – kurz, sie sanken nieder, und in ihren Augen glomm eine schier hilflose Angst auf. Sie zog das Tuch über ihre Brust und errötete, als sei ich ein Fremder, indes trotz all dem kein Zweifel war, daß auch sie vom Betruge getäuscht war und gläubig vertraute, du stündest an ihrem Lager. Ich setzte mich still neben sie und schilderte in großen Zügen meine Arbeit während ihrer Krankheit, gewiß ohne Eigenlob und nur zu dem Zweck, sie durch Taten von meiner Wandlung zu überzeugen. Dann erst bat ich sie, mir zu verzeihen, und richtete mein gesenktes Auge auf sie. Sie lag und weinte lautlos, stumm wie Perlen rannen die Tränen über das regungslose Antlitz, das von einem ungeheuren Jammer ganz durchtränkt schien. Du weißt, Bruder, ich liebte sie schon lange vordem, hoffnungslos und ohne Wünsche, jetzt, da ich vor der Wirklichkeit eines vielleicht doch einmal geträumten Traumes stand, konnte ich das lebendig gewordene Bild nicht fassen. Einmal hinderte mich mein Gewissen, zum anderen stieß sie selbst mich zurück – zu meinem Glück, denn sonst säßen wir nicht vor diesen Flammen. Endlich streifte sie meine Hand mit ihrer zarten und flüsterte: ›Was soll ich dir verzeihen, Robert? Ich bin ja glücklich, daß ich Gottes Werkzeug sein durfte, dir den guten Weg zu weisen. Hab Geduld mit mir, Robert, mein Kopf ist trüb und wirr, ich weiß kaum, was ich rede.‹ Und wieder die entsetzte Angst in ihren Blicken, daß ich verstört vom Lager sprang. Vielleicht hatte der Unglückssturz wirklich ihr Gehirn erschüttert, und sie brauchte lange Zeit, wieder völlig zu genesen. Jedenfalls verstand ich, sie wollte allein sein, allein bleiben, und dies kam mir, der ich nicht daran dachte, dir, dem ich das Land genommen, auch die Ehre zu rauben – dies kam mir gelegen. Ich sprach ihr gut zu, erwähnte zwischen den Reden, daß ich oben im Turm mein Lager aufgeschlagen hätte und daß es vorerst das beste wäre, es bliebe so und sie pflegte sich in Ruhe, zumal wegen des Kindes. Bei diesen Worten schoß es heiß in mir auf, daß du von ihrer Schwangerschaft offenbar nichts wußtest, und daß ich ihr danken müsse. Ich fand stotternde Worte, die sie, fliegenden Purpur auf den Wangen, entgegennahm; mein Herz zitterte, wie es nimmer vor dem Tode gezittert hätte, ich beugte mich herab und wollte sie küssen, bei Gott, mitten in meiner Rolle und nicht aus Begier; doch sie wich mir erschrocken aus, von neuem in Glut getaucht. Sehr erleichtert drückte ich ihr die Hand und nahm Urlaub – Bruder, sie entließ mich mit einem Blick, den ich nie vergesse, als hätte ein Maler Schrecken und Frohlocken in einem blauen Glanz vereinigt.
»Aber in meinem Gemüt stießen sich die Gegensätze nicht minder. Zwar war ich nach dieser Begegnung erst wahrhaft Herr auf Claraforte und also unser Plan gelungen, jedoch barg die Zukunft Kämpfe einer Art, die ich nicht gewollt hatte und nicht auf mich genommen hätte, wäre die Entscheidung noch vor mir gewesen. Ich zog aus, ein Reich zu erobern, nicht aber ein Weib zu stehlen.
»Der Sommer war gekommen und Aleit außer Bett, genesen zwar, doch zarten Wesens und in ihrer zunehmenden Schwangerschaft doppelt der Schonung bedürftig. Niemand konnte Arges darin sehen, daß ich mein Lager im Turm beibehielt, zumal mich wachsende Geschäfte bis in die Nacht fesselten und wachzwangen. Am Martinstage ward Harald geboren, die Stunden fielen schwer und traurig über sie, und ich konnte ihr am wenigsten helfen. Unbekümmert um das Gerede der Leute, das ich sonst peinlich vermied, verritt ich tagelang und kehrte erst zurück, als der Sohn ihr im Arme lag. Ich freute mich seiner mehr, als sei es mein eigen Kind, denn so hatte das Land einen Erben, ohne daß ich eine ungeliebte Frau zu heiraten brauchte – dir zur Gesundheit, Bruder! – einen Erben vom echten Stamm!«
Hastig leerte ich den Becher und noch einen, da meine Zunge wie verdorrt im Gaumen lag. Aus seinen Worten stieg meine versunkene Jugendwelt auf, verscherzt, vertan, verloren. Und draußen wogte im treibenden Regen der Frühling und goß Flammen in meinen rüstigen Leib.
Der andere fuhr fort:
»Das Kind war ein neuer Grund, ihr fernzubleiben, und so lebte die Gewohnheit uns, die wir nie verbunden waren, langsam auseinander. In ihrer Güte erfand Aleit für das, was sie mir an Liebesbeweisen schuldig blieb, eine Fülle kleiner Aufmerksamkeiten, und wenn du meine kostbar gestickten Röcke musterst, weißt du, wie sie ihre Zeit verbrachte. Sie mußte in ihren Gedanken öfters bei mir weilen, vielleicht sehnte sie sich nach mir und überwand den ersten Schritt nicht, den ich zu tun mich nicht entschließen konnte, solange ich dich im Leben glaubte.
»Wer Schäden ausmerzt, findet wenig Freunde. Wipold starb; ich vereinsamte, mein ödes Herz verwilderte nach innen, denn nach außen hin hielt ich es hoch und spielte ein gewagtes Spiel. Einmal, im heißen Sommer, überwältigte mich die Leidenschaft. Sie spielte mit dem Kinde auf dem Rasen am Weiher, unter den drei Birken, und das liebliche Bild entzückte und riß mich hin. Dann ward das Kind von der Amme geholt; sie lag neben mir im Grase und sah mit den wundervoll tiefen Blicken über das spiegelklare Wasser in die Landschaft, die schwer von Segen unter der Sonne zu atmen vergaß. Ich fühlte die Wärme ihres Leibes schwüler als sonst –«
Er sprang auf und ging erregt im Zimmer hin und her, derweil mein Herz so laut schlug, daß es kaum vor ihm verborgen blieb. Aus der dunkelsten Ecke sprach er weiter, heiser und stockend:
»Bruder, ich würde es nicht berichten, wenn ich das seltsame Leben nicht vor dir und mir klären möchte. Ich riß sie in die Arme, ich fühlte den Druck der ihrigen, und ihre Lippen blühten mir entgegen, aber das war wie ein Vergessen nur, dann wandte sie totenblaß den Kopf und lief mit einer nichtigen Ausrede ins Haus. Nicht zu ihrem Kinde; die Amme kam bald darauf ahnungslos zurück und wollte das gestillte Kind der Mutter wiederbringen. Sie verweilte einen Augenblick, da der Junge nach meinen blanken Borten griff und munter krähte; doch ich, der ich in dem Kinde die Mutter sah, muß wohl eine wehrende Bewegung gemacht haben, und die beiden stoben eilends davon. Harald glich in seinen ersten Jahren mehr Aleit als dir, erst mit dem Jünglingsalter schlug das Wählingergesicht durch. – Ich blieb auf dem Platze, wie ein Besiegter auf dem Schlachtfelde, und meine Wunden brannten genau so todesbitter. Zu Anfang überwog die Eitelkeit und tobte fruchtlos. Danach kam die Erkenntnis meines Raubversuches und peitschte mein Gewissen. Es war ja nichts geschehen, aber doch kann ich selbst heute noch nicht ohne grimmige Scham an diese Stunde denken. Ich war ein unreines Tier, das sich von Begierden hetzen läßt und die edelste Frau zu zerbrechen willens war, betrügerisch und verächtlich mehr als im rohen Sturm der Leidenschaft.
»Spät schlich ich in die Burg. Die Möglichkeit, mich zu entschuldigen, war mir genommen. Was tut ein Mann seinem Weibe zuleide, wenn er nach einem Kuß Begehr trägt? Ich lag in meinen eigenen Stricken, und wahrlich, sie schnitten scharf genug ins Fleisch. Wir mieden uns eine Zeitlang mit gesenkten Lidern, dann schien sie den Vorfall vergessen zu haben und gewann ihre bescheidene Heiterkeit zurück.
»Als Harald älter wurde und der Mutter aus den Händen wuchs, fehlte ihr die tägliche Beschäftigung; sie fragte mich mehr denn früher nach dem Stand der Dinge im Lande und wurde mir in vielem eine kluge Beraterin, die oft mit klarem Herzen schärfer sah als mein Verstand. So, in ihrer fraulichen Reife, schien sie mir noch werter, sternenhafter; aber nie wieder versuchte ich sie auf die Erde zu reißen. Diese Gefühle sind niemals über unsere Lippen gedrungen, so daß in all den Jahren der leichte Hauch eines schamvollen Geheimnisses zwischen uns wallte und einen lockenden, doch ehern trennenden Schleier bildete. Es ist kein Tag vergangen, Bruder, den ich ganz gewonnen hätte, ein Herzschlag war in jedem, der mich erinnerte, wie kläglich und arm mein menschlich Teil geblieben war. Und noch heute habe ich es nicht überwunden, obzwar ich sehe, daß wir alle Gottes Wege gegangen sind.«
Die letzten Worte murmelte er vor sich hin, kaum daß ich sie verstand. Eine Frage schwebte mir lange auf der Zunge, und wenn ich ihn auch quälte, es mußte heraus:
»Kam dir nicht, da du Aleit am Leben fandest, der Gedanke, mich zurückzurufen? Ein Wanderer mit gewissem Ziel wäre rasch gefunden.«
Seine Züge vertieften sich und wurden hart, knisternd stob die Glut unter dem Schüreisen, die Flammen warfen flackernde Blitze über seine abgemagerten, blutleeren Hände. Er hob die Augen kühn zu mir und antwortete:
»Nein! Und wenn mich mein Herz nicht betrügt, so wirst du heute dankbar sein. Wir sind gegen das Schicksal angerannt und haben uns die Stirnen blutig geschlagen, aber wir möchten die Narben nicht missen. Das Wenige, das ich von deinem Leben weiß, lehrt mich deutlich, daß alles sein mußte. Gottes Werkzeuge waren wir, um unser Land und unser Geschlecht zu retten. Die furchtbare Schrift auf deinem Antlitz, die, dein irdisch Andenken für alle, die dich kannten, auslöschend, dir Tochter und Sohn brachte, diese Löwenschrift soll uns beiden eine währende Mahnung sein. Und nun, Bruder, sage mir offen, was du von deiner Heimkehr ersehntest?«
»Von meiner Heimkehr? Für mich?« stammelte ich, betäubt von dem unerwarteten Angriff. »Was soll ich hoffen? Ich brachte die Kinder, ich will nichts für mich. Nichts in deinem Hause, nichts in deinem Lande als dereinst ein paar Fuß Erde, die du mir nicht verweigern kannst.«
In steigender Erbitterung keuchte ich die häßlichen Worte, zornig über seine Frage, zornig über mich selbst, voller Groll über die Einsamkeit, in die er mich stieß. Er selbst blieb gelassen, ja, ein Lächeln spielte um seinen Mund.
»Es gibt zwei Wege,« sagte er ohne sichtliche Erregung, »einmal können wir Aleit und den Kindern alles erklären, und du gewinnst im Hause die alten Rechte. Dem Lande gegenüber scheint mir das nicht gut, es wäre richtig, wenn ich nach außen Herzog bliebe. Doch sei dir auch dies zugestanden, wenn du das Gerede nicht scheust. Zum anderen können wir unsere Geschichte in unserer Brust begraben, und du bleibst, ein Bruder und Freund, an meiner Seite, solange uns Gott den Atem schenkt. Wie du auch wählst, Bruder, du kannst mich nicht verletzen. Sage mir heute nichts, beschlaf es und künde mir morgen den Bescheid.«
Er erhob sich frei, mit heiterem, erlöstem Antlitz, seine strengen Augen lachten mich freundlich an.
Leicht wie ein Vogel ward mir das beschwerte Herz, fröhlich schwenkte ich die geleerte Kanne und rief:
»Bruder, sollen wir uns auf unsere alten Tage vor den Kindern zum Narren machen? Und Aleit dazu? – Wir wandern den zweiten Pfad, aber – wie stehts mit der Wegzehrung?«
Der Bastard lachte krampfhaft auf, griff mit zitternden Händen unter den Tisch und holte einen verborgenen Krug hervor.
22
Wir waren Brüder und wurden Freunde. Die Gemeinsamkeit der menschlichen Schulden drückte uns nicht mehr seit jenem Abend, da wir klar sahen, daß eine Entwirrung der verschlungenen Schicksale kein Entsühnen bedeuten könnte. Wir vermeinten, es genügte, wenn zwei alte Narren ihre Liebe begrüben; wir schmückten die Gruft mit Rosen und waren stolz darob. Aber es kommt nicht darauf an, was die Menschen in ihrem Gedächtnis behalten, sondern was Gott behält. Beidemal sind es zuletzt die großherzigen Taten; dort mit der Unvollkommenheit menschlicher Werkzeuge, hier mit dem unbestechlichen Auge der Ewigkeit erfaßt. Die Kinder gingen ihren Weg, wir Alten trabten glückselig nebenher und schafften Steine fort, an die ihr Fuß auch ohne uns nicht gestoßen wäre. Wir vergaßen Aleits.
Sie schien unter dem Einfluß der Jungen neue Kraft zu gewinnen, ihre Augen blickten fröhlich, ihre Bewegungen wurden lebhafter; wir freuten uns dessen und schrieben es der werdenden Mutterschaft Sobeidens zu. Es fiel mir nicht einmal auf, daß sie mich häufig suchte; sie fand schließlich Gefallen an meinen Geschichten aus dem Morgenlande und teilte sich andererseits gern dem Priester mit, den sie in mir vermutete. Jedoch mit der Zeit wuchsen wir so selbstverständlich zueinander, daß mir der Tag nichts galt, an dem wir nicht beisammen waren, und aus der heißen Jugendgier ward ein milder, schöner Abendschatten, warm noch von den verglühten Tagessonnen. Mitunter, wenn ihre Augen mich liebkosten und ich fühlte, wie etwas von meinem Wesen einen stillen Platz in ihrer Seele besaß, kam mir ein Bedauern für den Bruder und eine scheue Angst, zu nehmen, was mir nicht zukäme, und Verspieltes zurückzufordern. Ich stand eng genug mit ihm, um mich offen auszusprechen.
»Bruder,« entgegnete er gelassen, »ist es ein Wunder, wenn Aleit dich sucht? Wir beide haben das Selbstverständliche verkehrt, und nun will es sich Bahn brechen. Mich trifft es nicht, nur fürchte ich von Aleit, daß sie die Wahrheit nicht erträgt.«
»Hiervon ist keine Rede,« fiel ich ihm errötend ins Wort. »So lang Verstorbenes läßt sich nicht wieder aufwecken wie Jairi Töchterlein, und wäre es doch, es trüge den Verwesungsduft mit in sein kärglich Leben. Ich vermeine nur, wenn ihre Seele sich zu der meinen ahnend neigt, so sollst du nicht glauben, ich zöge sie mit Absicht.«
Der Bastard lächelte schmerzlich.
»Es kann mir nichts genommen werden, was ich nicht einmal besessen habe. Plage dich mit anderen Sorgen, Bruder, und genieße in Frieden, was dir ihr Herz bietet.«
Heiter verließ er mich; ich verfolgte ihn mit den Augen, wie er durch die herbstlichen Büsche ging, und mir schien, seine Schultern beugten sich mehr und mehr, und endlich, da er sich unbeobachtet wähnte, stand er vor einer Buche still und lehnte den Kopf an den Stamm, als überwältigte ihn ein plötzlicher Schwindel. Er riß sich zusammen und verschwand steten Schritts in den Gehegen. Ratlos blieb ich in meinem Stuhl sitzen, die Glieder versagten mir schier. Ich hatte ihn lieb, wie ich Jussuf geliebt hatte, und ich brachte ihm Schmerzen wie jenem. Wie oft mir Gott gezeigt hatte, wozu ich auf der Welt war, ich vergaß es immer wieder und verkam in Grübelei über mein unnützes, äußerliches Dasein.
Oft quälte ich mich mit dem Plan, Claraforte zu verlassen und abermals pilgernd die Erde zu durchwandern, dann wieder schien mir Friede in einer Einsiedelklause zu blühen; aber es kam zu keinem Entschluß, der Winter brach früh und hart herein, Schneewolken überschütteten das Land und trieben uns um das Herdfeuer, in dessen schattenhellem Licht die zarten Schwingungen der Seele noch ungebundener und lieblicher tönten.
Eines Abends, da ich allein in meinem Gemach weilte und vor dem flackernden Feuer alten Dingen nachsann, derweil ich das Haus schlafen wähnte, trat Aleit durch die Tür und setzte sich purpurn neben mich.
»Denk was du willst, Mönch,« sagte sie, die sonst gewohnt war, mich bei Namen zu nennen, mit fremder, trauriger Stimme, »ich muß mein Herz befreien, ich kann es nicht länger tragen. Seit du hier bist, bin ich gänzlich verändert.«
In diesen Worten gewann sie ihren Mut zurück und hob die klaren, ehrlichen Augen zu mir auf, der ich wie gelähmt auf meiner Bank saß und um Atem rang. Und sie:
»Es ist das zweitemal in meinem Leben, daß meine Seele vor Geheimnissen sonderer Art steht, und« – wie ein Hauch kamen die Worte von todblassen Lippen – »schlimmer fast als meine Seele meine immer noch wachen Sinne. Hör mich, Priester oder Mensch, und sei mir ein klarer Bronnen, darin ich mein Herz kühlen kann.«
Mitten in ihr Gemüt greifend, fuhr sie mit einer fast sachlichen Trockenheit fort:
»Der Herzog war nicht immer der, als den du ihn kennst. Er war ein wilder, oder richtiger, ein wüster Jüngling mit unbekümmerten Lastern von Vatersseite her, mit ererbten Freunden gleicher Gesinnung. Denke das Schlimmste, und du siehst recht.«
Aber ich dachte gar nichts, ich beneidete die Männer im feurigen Ofen um ihren kühlen Platz, denn was mir jetzt geschah, war grausamer als alle Martern, die menschlichen Gehirnen entsprungen waren. Feig zuckte das Herz in meiner Brust wie in einem Kessel geschmolzenen Bleies, die Augen glühten mir tränenlos in erstarrtem Angesicht. Sie sah es nicht, Nacht und Schatten verbargen mich.
»Mit Dirnen besudelte er meine Ehre und zuletzt mein Haus, und dies zu einer Zeit, da ich gesegneten Leibes war. Jedoch, Mönch, ich hatte ihn lieb und war sein eigen.«
Sie, die mich richtete, sprach diese Worte mit solcher schlichten Süße, daß ich den Blick auf sie zu heben wagte. Ich sah ein Antlitz, das verklärt in seiner Liebe leuchtete und schwärmerisch verzieh und entsühnte. Es wandelte sich jählings in Traurigkeit, sie berichtete schwerer als vordem, indes sie mit dem Finger die Narbe auf ihrer Stirn streifte:
»Diese Wunde war die letzte unbedachte Tat des Herzogs; ich reizte ihn so sehr, daß er sich vergaß, und habe die Schuld recht eigentlich selbst. Es wäre vielleicht nicht einmal geschehen, wenn er um meinen Zustand gewußt hätte; doch ich hatte noch keine Stunde gefunden, mich ihm mitzuteilen. Wie es kam, tut nichts zur Sache, du mußt nur wissen, daß ich viele Wochen zwischen Tod und Leben lag, zumeist von Sinnen. Der Herzog kam nicht an mein Krankenbett, wohl aber brachte mir die Kammerfrau Gerüchte über ihn, die mich mit Stolz und Freude füllten: er habe seinem wilden Volk den Abschied gegeben und schaffe von früh bis spät für das Wohl des Landes, sähe keine Dirne an, sei ein mäßiger Trinker worden, kurzum, ein gewandelter, tüchtiger Mensch. Ich vermag nicht zu sagen, in welch hohen Himmel mich die Seligkeit trug, denn all mein Sein und Wesen gehörte ihm; ich allein, vermeinte ich, kannte seit je seinen edlen, tapferen Kern, den er unter den Lastern barg, und ich war dankbar, daß ich ein Werkzeug für seine Umkehr hatte sein dürfen. Wie sehnte ich mich ihm entgegen, wie lüstete mich, ihn in die Arme zu schließen, mein Auge in sein kühnes, lachendes zu tauchen!«
Schweigend sann sie vor sich hin, es arbeitete in ihren Zügen, sie stritt mit ihrer Bitterkeit. Klanglos, fremd der zagsten Hoffnung, fuhr sie fort:
»Der Augenblick kam und zerriß mein Gemüt, daß es zwanzig Jahre Stunde um Stunde schmerzte. Der Herzog trat an mein Lager, seine Wangen glühten nicht vom Wein, sein Atem war nicht von Weibern verpestet, sichtbar hatte ihn die Arbeit geadelt und geläutert. Aber da er sich zu mir wandte, artig und in Züchten wie nimmer zuvor, ging eine Fremdheit von ihm aus, die wie eine Wand aus Eis zwischen uns emporwuchs. Mein Herz hörte auf zu schlagen, erstickt, erdrosselt von dem jähen, entsetzlichen Bewußtsein, daß es diesen Mann nicht mehr liebte – glaube mir, Mönch, denn du kannst es nicht wissen: es gibt nichts Schrecklicheres, als zu lieben aufzuhören. Du verarmst schneller, als der Blitz die Erde trifft, du verödest und stehst nackt und ohne Heimat, ohne Gott. Du bist tot, bevor du gestorben. Der Herzog bemerkte es und ging, verlassen von seiner wilden Weise, traurig fort.«
Die Erinnerungen schienen sie zu umstricken, sie lehnte erschöpft in ihrem Stuhl, den Kopf im Nacken, mit geschlossenen Lidern. Ich sah die blauen Adern auf der Schläfe pochen, der leichte Hauch ihres Atems dampfte in der Luft, die nicht mehr von den Kaminflammen erreicht wurde. Mit einem blickte sie auf mich, verzweifelt und entschlossen zugleich, und sagte:
»Das war nicht das Furchtbarste, Ronald. Der Herzog hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, da kam die alte Liebe wie ein Lenzsturm über mich, ich weinte und biß in die Kissen, um nicht all mein Sehnen hinauszuschreien, mein Sehnen und mein seliges Glück, zu lieben. Ich war zugleich gesättigt von Freude über Roberts Wandlung und dankte Gott, daß er mich unnütz Wesen zu solcher Glorie erkoren. Stunde um Stunde horchte ich auf seinen Schritt; mir schien, mein Gehör wurde feiner und schärfer, ich erkannte seine Stimme im Burghof und lauschte, wie männlich und fest sie geworden war. Golden lag die Zukunft vor mir, denn ich liebte, und er liebte mich, das stand in seinem Blick geschrieben. – Schläfst du, Ronald? Langweile ich dich?«
Ich hatte das Gesicht in den Händen vergraben, die Arme auf die Knie gestützt. Meine Brust ging schwer und keuchend, jeder Lichtstrahl, der mein Auge traf, war ein Dolchstoß in alte Wunden. Die Narben brannten, von der nahen Glut, der heißen Scham zermürbt, Vergangenheit und Gegenwart tanzten einen rasenden Wirbel in meinem Hirn.
»Sprecht weiter!« brachte ich hervor; jedes Wort mehr hätte mich verraten.
»Nach einer Zeit, die mich ewig dünkte, besuchte mich der Herzog zum zweitenmal, und, Ronald, meine Qual wuchs ins Unermessene. Ich liebte ihn nicht, er war und blieb mir fremd, ich konnte kaum aufsehen vor Scham, diesen gleichgültigen Menschen an meinem Lager zu wissen. Ich vermochte den Augenblick, da er mich verließ, kaum zu erwarten, und sieh, Mönch, da er gegangen war, hätte ich mein Leben, ja das Leben meines Kindes darum gegeben, ihn in die Arme schließen und herzen zu dürfen, recht mit der Glut und Innigkeit der Jugendsinne. War es seine Wandlung? Dann her, o Gott, mit dem alten, wüsten, lasterhaften Jüngling, den ich küssen durfte und dessen Seele rein in meiner Seele ruhte. Schon gab ich dem Gedanken Raum, die Wunde an meiner Stirn hätte meine Vernunft getrübt, aber nichts schien sonst auf eine derartige Folge hinzuweisen; der Arzt von Vargan, den ich befragte, sah mich erstaunt an und lachte. ›Herzogin,‹ sagte er, ›Ihr behaltet eine Narbe und einen der trefflichsten Männer. Seid dem Himmel dankbar, wie es das ganze Wählingerland ist; der Herzog ist genesen, wie Ihr es auch in Bälde seid. Haltet Euch munter und denkt an Euer Kind!‹
»Daran brauchte er mich nicht zu erinnern, ich dachte seiner schon genug. Mit unendlicher Liebe, wenn Robert fern war, mit Angst und Scham, wenn er neben mir saß. Der Herzog übrigens, der ehmals keine meiner kleinen Launen achtete, erfaßte mein verändertes Wesen mit vollkommenem Takt, und nur einmal strömte er über und riß mich an sich, stürmisch, einen Augenblick lang; sah mein verängstigt Gesicht und ließ mich wieder, für immer. Wir gewöhnten uns, nebeneinander zu gehen, er mit gleicher Güte, ich mit schuldbeladener Brust. Er tat seine Arbeit im Lande, ich zog den Jungen groß; unsere frischen Leiber verwelkten glücklos wie unter Priesterkutte und Nonnenschleier, nur daß der Bräutigam meiner Seele nicht Jesus hieß, und er, das fühlte ich in jeder Stunde, nicht die Gottesmutter erkoren hatte. Ohne das Kind hätte ich dies verzerrte Leben nicht ertragen; es kam mich hart an, Harald eines Tages den Männern überlassen zu müssen. Aber das Herz ist ein tapfer Wesen und stirbt nicht vom ersten Schlag.«
Aleit verhielt ihre Rede und unterdrückte einen Seufzer; ich betrachtete sie verstohlen von der Seite. Wahrlich, ihr Herz war die Tapferkeit selber und leuchtete siegreich wie ein Stern durch das arme, blasse Antlitz. Sie, die in kurzen Wochen ein Enkelkind erwartete, war schön und herbsüß wie in der Jugend; hingerissen und seltsam erlöst von der fiebernden Betrübnis sah ich sie an. Sie begegnete meinem Blick, las und senkte die Lider.
»Sieh mich nicht an, Mönch, ich habe noch Schlimmeres zu berichten, das dein Auge am wenigsten verträgt. In der Zeit, da uns Harald fortlief und gegen Heidenland zog, schloß ich mich mehr als sonst an den Herzog an und fand, was ich nicht suchte, einen wackeren Freund. Möglich, daß Alter und Entwöhnung unsere Sinne eingeschläfert hatten, jedenfalls saßen wir nun öfters des Abends ruhig beisammen und rätselten über den Jungen, der uns beiden teuer war und in dem sich unsere Liebe wunschlos fand. Das gemeinsame Leid ließ die Scheidewand schwinden, es fand sich hier und da Hand zu Hand, indes unsere oder zum mindesten – denn ich konnte nicht mehr wie sonst in seinem Herzen lesen – meine Blicke in die Ferne, nach Jerusalem gerichtet waren. Auch dies ging vorüber, du kamst hierher und brachtest die Kinder, und von Stund an senkte mich ein neues Geheimnis in neue Verwirrung. Ich habe mich lange und scharf beobachtet, es ist kein Zweifel, daß es so ist, wie ich erzähle. Gleich in den ersten Tagen nach eurer Ankunft bemerkte ich eine eigentümliche Freude in mir, es war selbstverständlich, daß ich sie auf die Heimkehr der Kinder schob. Jedoch kam hinzu, daß ich Robert mit veränderten Augen betrachtete und meine Sinne aufblühten, als zöge die alte Liebe erobernd in das alte Herz. Mir war, ich sei von Blindheit genesen, ich brannte, da wir alle beisammensaßen, ihn zu küssen, und nur eure Gegenwart hielt mich ab. Wir waren nie allein miteinander, und eines Abends überfiel es mich. Ich lief zu ihm hinüber in den Turm, beglückt von der jungen Glut, die mich durchlohte. Er saß noch auf und ordnete Pergamente, verwundert blickte er auf mich, die ich errötend vor ihm stand und schließlich vor Scham fast ohnmächtig wurde. Denn, Mönch, es war wie immer: ein Fremder, höchstens ein Freund, stand vor mir, meine Liebe war verflogen. Mir fiel keine Ausrede ein, ich mochte auch nicht lügen; einen Gruß stammelnd entfloh ich, und sein bitterschmerzliches Lächeln folgte mir in den Traum. Mönch, es war eine arge Zeit für mich, das Leben neben euch kostete mich viel. Es dauerte lange, bis ich die Ursache meines merkwürdigen Wesens fand; es waren nicht die Kinder: es war deine Gegenwart, die Totes aufweckte.«
Regungslos verharrte ich auf meiner Bank und erwartete das Beil in meinen Nacken zischen; ich fühlte mich entlarvt, nackend vor dem letzten Richter, vergaß, was ich selber gelitten, wußte nur meine jämmerliche Schuld.
Aleit brach das Schweigen, ihre Stimme war nun müde und hoffnungslos, daß ich sie kaum erkannte.
»Dies ist die Ursache, Mönch; nun sage, wenn du es vermagst, welch ein Rätsel Gott unter so seltsamer Hülle verbirgt. Du hast manche Schicksale und vielerlei Menschen kennengelernt, ist dir jemals Ähnliches begegnet?«
»Mir?« stotterte ich, wie ein Ertrinkender aus dem atemlosen Wasser auftauchend. Ich vergaß jede Höflichkeit, sprang ans Fenster, riß den Laden auf und stürzte die flammende Stirn den Schneewogen entgegen, die wie ungeheure graue Tiere durch den Nebel jagten und mit kühlen Zungen über mein Antlitz fuhren. Mitten in der Nordlandskälte sah ich aus brennenden Augen ein Bild: die dorrende Wüste, von heißen Sandwolken überfegt, ein steinerner Hügel, und darunter, im Frieden des Todes lächelnd, Jussuf.
Wohl ist dir! Wohl ist dir! schrie ich inwendig, von feigem Neid zerfressen und ermattet.
Aleit war hinter mich getreten und legte die Hand auf meine Schulter.
»Ronald,« klagte sie leise, »wendest du dich von so verirrter Seele ab? Ist deine priesterliche Gewalt nicht groß genug, meine Schulden mit dem Absolvo zu bedecken? Kann ein menschlich Herz, das wie das deine gelitten hat, so große Sünde nicht mehr fassen? – Einen weiß ich, der mich dennoch aufnimmt, denn ich fühle seinen kalten Atem hinter mir.«
Erschrocken blickte ich mich um und sah das totenblasse Angesicht von einem Schein verklärt, der nicht mehr von dieser Welt war. Von der eigenen Angst plötzlich befreit beugte ich den Kopf tief erschüttert auf die Brust. Aleit legte sorglich den Riegel vor den Laden, schürte das Feuer noch einmal und stand wartend zwischen Stuhl und Tür. Da riß ich mein lahmes Herz empor und haschte ihre Hand.
»Arme Frau,« sprach ich heiser vor Aufregung und unterdrückten Tränen, »wer wollte Euch richten? Hat Gott Euch in so schwere Schicksale verstrickt und habt Ihr Euch so tapfer gehalten, dann ziemt Euch himmlischer Lohn weit eher als irdische Sühne. Euer Leben ist seltsam zerbrochen worden, doch glaubet, Frau, wir leben nicht zum letztenmal auf dieser Erde! Ihr beide, Robert und Ihr, seid eins in zweierlei Gestalt, und wechselt ihr das verwesliche Kleid, so wird ein neues Dasein die Frucht des alten weiterreifen bis in Ewigkeit. Des seid getrost und freut Euch: nimmer könnt ihr zwei euch verlieren, ewig werdet ihr verbunden sein, und eure Hölle und euer Paradies liegen nicht über den Sternen, sondern hier auf der Heimatscholle.«
Ich sprach für mich selbst, für meine eigenen Wünsche, meinen eigenen Glauben. Und dies war es, was meinen Worten eine heiße Überzeugungskraft gab. Sie verstand nicht, was ich meinte, aber sie fühlte, wie ich in ihren aufleuchtenden Mienen las, eine Wahrhaftigkeit, die sie ergriff und erhob. Leise, mit schwingender Glückseligkeit fragte sie:
»So ist es wahr, daß Liebende sich wiedersehen?«
Ich antwortete, überwunden und siegreich in einem:
»Sie sehen sich nicht wieder, sie bleiben immerdar vereint!«
Unsere Augen tauchten ineinander, ruhig und warm wie Lichter in unbewegten Wassern, langsam lösten sich die Hände von ihrem festen Druck, und sie verließ mich wie ein Falter die Blüte, die er kosend öffnete.
23
Denen, die ihn brauchen, kommt der Frühling immer zu spät. Der Winter war so hart, daß wir fast täglich die Schneewehen im Hofe fortschaufeln mußten, um zu den Ställen und Nebengebäuden zu gelangen. Es wäre dies eine lustige Arbeit gewesen, wenn nicht Krankheit das Haus umdunkelt hätte. Aleit hatte recht gedeutet: der Unerbittliche stand hinter ihr, sie schmolz wie ein Licht, ohne Schmerzen, ohne daß der Arzt zu sagen gewußt hätte, warum. Wie Tag und Nacht liegen Leid und Lust beieinander; indes Aleit verblaßte, gebar Sobeide ein kräftiges Mädchen. Wir gaben es Aleit in die abgezehrten Arme, und ich taufte es selber; halb wider Willen und nur dem Drängen des Bastards nachgebend, ging ich der Kinder wegen noch einmal an die heiligen Dinge. Es ward Gertraude genannt, und das Bild der feinen, stolzen Frau mit den sternenhaften Augen schwebte vor mir, als ich die Tropfen der heimatlichen Quelle auf das rote, runzlige Gesichtchen sprengte. Der Rosengarten, der ihre Asche barg, duftete durch den Weihrauch, blendend klar schien sie aus den Höhen zu steigen und sich niederzuneigen. Vielleicht hatte ihre Seele dies kleine verwandte Wesen belebt, vielleicht weilte sie nun in Kindsgestalt unter uns, noch voll von himmlischen Erinnerungen des hohen Flugs auf Fittichen des Todes.
Nach der Taufe verweilten wir noch ein kleines bei Aleit, und allen fiel die übernatürliche Blässe ihrer Stirn gegen die saftige, kreischende Gesundheit auf, die ihr Lager mit Geschrei erfüllte; schuldbewußt blickte ich auf den Bastard und begegnete seinem Auge. Es war unsere Sünde, unser frevelhafter Streit gegen das Schicksal, was diese bleiche Liebe in allzu frühen Tod trieb. Auf ihren zarten Schultern trug sie unsere argen Taten und zerbrach darunter, klaglos, schier freudig. Denn mit geheimem Schmerz fühlten wir es beide: das Sterben ward ihr nicht sauer.
Über dem kam die kleine Gertraude zu kurz, wenigstens, was mich betraf; mein Herz dachte nur an Aleit. Über jene Nacht, da sie bei mir am Feuer gesessen, war nie wieder ein Wort zwischen uns gefallen; doch schien mir, sie sähe mich seit der Stunde noch lieber, heimlicher an. Seit Wintersonnenwende war sie bettlägerig, bedürfnislos und bescheiden, niemand zur Last als unseren Herzen. Selten besuchte ich sie unaufgefordert, doch sie bat mich öfters zu sich und plauderte mit mir über leichte Dinge, indes ich den Eindruck nicht verwischen konnte, sie verschweige tiefere Fragen und beschwere ihre Seele mit dem Unausgesprochenen. Im Hornung endlich, ich vermeine, auf St. Agathens Tag, löste sich der Bann. Wir waren im Zwielicht des Nachmittags beisammen, ihr Bett war dicht an den Kamin gerückt, die flackernden Flammen täuschten ihr ein Leben, das sie so glühend und emsig nicht mehr besaß. Draußen knarrte der Sturm und brach gefrorene Zweige, dumpf klatschten die Schneehauben der Pfosten und Erker in den Hof. Zwischen die Ölhäute der Fenster war ein Stückchen blauen Glases eingefügt, daraus sah eine märchenhafte, unwirkliche Welt.
»Ronald,« sagte sie ohne Brücke, »ich habe deine Worte lange in mir bewegt, ich tauche in sie hinein wie in ein Meer, darin ich eine herrliche Perle weiß; aber der Schatz entgleitet immer wieder meiner Hand, immer wieder muß ich erschöpft an das gewohnte Ufer. Ich wollte dir nicht mit Fragen lästig fallen, nun aber finde ich keinen Weg mehr und bitte dich, hilf mir Törichten. Du sagtest, nach der Erdenzeit wandere die Seele in einen anderen Leib; ich will es glauben. Zu gleicher Zeit sprachest du, daß Liebende sich nimmer verlören. Dies ist zu schön, um es nicht zu glauben. Jedoch: wenn zwischen dem Scheiden zweier, die sich liebhatten, Jahre und Jahrzehnte liegen, so kommen sie doch nie mehr in der gleichen Jugend zueinander.«
Sie sagte diese Worte mit meisterlicher Ruhe, aber mich betrog sie nicht mehr. Ich merkte an dem leisen Beben ihrer Hand die Angst ihres Herzens und fühlte mit ihr, da all dies auch in meiner Brust gekämpft und geblutet hatte.
»Ihr könnt es nicht zusammenbringen,« hob ich an, »wenn Ihr das Leben mit der Sanduhr meßt. Vor dem, dem tausend Jahre wie ein Tag, ist unser Dasein nur ein Augenwinken. Kam nicht alles, was Euer Leben vorwärts, Eure Seele empor trieb, plötzlich wie ein Blitz? Vergeßt den Alltag, der zwischen den göttlichen Funken liegt, und Ihr habt nicht länger gelebt als eines Pulses Länge, auch wenn Ihr hundert Jahre zähltet.«
Sie hörte mir gespannt zu, ihre kraftlosen Finger glitten dankbar über meine Hand, ihre Augen glänzten fröhlich.
»So ist es,« rief sie frohlockend, »hab Dank, Ronald, vielen, vielen Dank! Doch sprich, was verschweigen uns unsere Mönche dies Köstliche und malen Paradies und Hölle, wo nichts als grüne, blühende Erde ist? Steht es nicht also in den heiligen Büchern? Lehrte dies nicht der Heiland?«
Und wieder las ich die beherrschte Furcht in ihrem reinen, gläubigen Gemüt – um alle Seligkeit der Ewigkeit hätte ich sie nicht enttäuschen mögen.
»Frau, es fassen nicht viele so hohe Dinge, darum setzt die Kirche ein Bild an Stelle der Wirklichkeit, und nicht einmal alle Priester werden in die tieferen Geheimnisse eingeführt.«
»Du aber, Ronald,« bebten ihre Lippen, »sage, du gehörst zu den Eingeweihten?«
»Ja, Herrin,« log ich verzweifelt und wandte mich in den Schatten. »Doch was macht Ihr für ein Wesen aus diesen Dingen, da doch die Welt so voller Wunder ist!«
Sie antwortete nicht; ich fühlte, wie Trost und Ruhe in sie einzogen.
Der Abend war angebrochen, Dienstvolk ging mit Fackeln über den Hof, Lärm und Gelächter klangen herauf.
»Nimm mir die Wißbegier nicht übel, Ronald, denn ich habe es eilig. Mein Leib ist aufgebraucht und hält die Seele nur noch locker in dem lockeren Bau. Laß dir sagen, mein Freund, ohne dich wäre ich einen schweren Tod gestorben.«
Ich widersprach ihr nicht, die heißen Zähren liefen mir in den Bart. Sagen konnte ich nichts, mochte ich nichts, da ihr die Wahrheit auf dem weißen Antlitz stand. Wie Irrlichter zuckten die Gedanken über mein dumpfes, gebundenes Hirn, ich gönnte dem gepeinigten Weibe die endliche Ruhe, und zugleich mochte ich sie nicht in dem kalten Grabe wissen.
Die Schritte der anderen klangen in der Halle; ich schied hastig und verwirrt und drückte mich in meine Kammer, die Glocke überhörend, die zum Nachtmahl rief. Saß in der grimmen Kälte und weinte aufgelöst und ohne Weg in der Verworrenheit meiner Gefühle, bis der Bastard mich aufschreckte.
»Der Brei wird kalt, Ronald! – Du weinst?«
Er verstummte, er hatte nicht nötig, zu fragen. Schließlich machte er sich Luft und zeigte sein gepreßtes Herz:
»Sind wir nicht wie zwei Mörder? – Bruder, Bruder, was haben wir getan! Um uns verblutet sie und fährt dahin, nicht auf einen raschen Streich, nein, grausam in zwanzigjähriger Qual, Stich um Stich! Ich kann sie kaum mehr ansehen, ohne zu erröten; wir alle gewannen, nur sie verlor. Was prüft Gott ihr Herz in solcher grausen Folter? Ist dies die gelobte Güte? Dies die Allmacht, die nicht wagt, einmal von dem betretenen Wege zu lassen, und lieber das Edelste in den Staub tritt?«
Er starrte mich mit haßerfüllten Augen an, die Lästerungen strömten aus übervoller Brust, aber mir graute – graute vor mir selbst, der ich im eigenen Busen ein Echo seines Zornes fand. Ich hielt mir die Ohren zu und schrie verzweifelt:
»Halt ein! Nichts wider Gott! Unsere Frucht, unserer bösen Taten Frucht ernten wir jetzt und dürfen nicht murren.«
Jedoch mein Geschrei betäubte nicht die Gottesleere in meiner Seele und überzeugte ihn nicht. Er ging hinaus und rief einem Diener, daß er Mahl, Wein und Feuer schaffe und den Kindern melde, wir tafelten allein. Wir ertrugen, wie Kain, keines Menschen Blick.
Da saßen wir die halbe Nacht, verbissen, wortlos, vom Trunk nur noch trauriger gestimmt; denn das Blut der Traube macht nur den Fröhlichen froh.
24
Sie sah den Lenz nicht mehr. Eines Nachts rief mich die Kammerfrau mit einem Gesicht, das alles kündete. Eilig nahm ich die Stufen und stieß vor ihrer Tür auf den Bastard. Wir vermieden uns anzusehen, bebend schlichen wir in das Gemach. Aleit hatte den Nachmittag heiter mit uns allen verbracht; die kleinen Händchen Gertraudens hatten in ihrem nun völlig weißen Haar gespielt und ihr ein leises Lachen entlockt, das uns alle schmerzlich beglückte. Jetzt, da wir eintraten, sahen wir, es war der Abschied gewesen, sie wollte bei dem Letzten niemanden als uns beide um sich haben.
Nichts war in der Kammer als ihre Augen, aus denen ein Meer von Liebe floß und unsere zitternden Herzen in warmer Woge fing und still machte. Wir knieten an dem Lager nieder und hielten ihre Hände; mit einem entwand sie sich uns, überirdischen Glanz in den Mienen, hob sich und zog den Herzog an ihre Brust und küßte ihn lange auf den Mund.
»Lieber, Lieber du!« stammelte sie, ihre Wangen röteten sich noch einmal vor erstauntem Glück; sie ließ den Erschütterten, Fassungslosen, die Lider fielen ihr zu, sie sank in die Kissen zurück und schien mit einem Lächeln einzuschlafen.
Robert und ich standen auf und sahen uns scheu und blaß an; wir wußten beide, wem der Kuß gegolten, wir waren beide glücklich in dem Gefühl ihres Glücks, aber wir schämten uns voreinander und glaubten, jeder aus anderem Grunde, er habe den anderen beraubt. Wir ahnten nicht, daß sie schon gestorben sei, und waren noch bei ihren letzten Worten, doch endlich empfanden auch unsere groben Sinne den Tod.
Abermals brachen wir in die Knie, als habe ein flammendes Schwert uns mit einem Streich gefällt.
25
Mitten im Walde, rang ich ihm ab, wurde Aleit gebettet. Über ihre Gruft sollte mit Beginn der trockenen Jahreszeit eine Kapelle gebaut werden, und die sollte mein sein. Er gab meinem Wunsch nicht gern Raum, denn er wollte mich nicht im Hause missen. Ich aber setzte mich durch und zog im Sommer schier triumphierend in die Klause, die mich heute noch beherbergt. Die Quelle nahebei war die Tränke der Rehe und Hirsche, die mein altes Auge erfreuten; die Kinder und der Herzog selber kamen oft und ließen mir weder Hunger noch Durst. Es war kein Leben der Geißelung und sollte es auch nicht sein, ich wollte nichts als Ruhe und Frieden. Ein Gärtlein hatte ich angelegt, drin wachsen Blumen, Kräuter und Äpfel bunt durcheinander, und gottlob bedauert mich niemand mehr ob meiner selbstgewählten Einsamkeit, da ich sie so schön und farbenprächtig hergerichtet habe. Winters zieht der Schnee einen sicheren Schutz um mich.
Dann beginnt erst die rechte Freude. Ich habe mir einen hellen Stern am Himmel gesucht und traue, Aleit, in welchem Kleide sie auch wandelt, blickt auch auf ihn, und unsere Augen begegnen sich in seinem Licht. Diesen Stern und diesen Glauben habe ich allein für mich; denn der Herzog, weiß ich, hält an dem himmlischen Paradiese fest und wähnt, dorten sei aller Sehnsucht Ende, und alle Liebesströme verschmölzen in Gottes Herzen zu einem Kuß.
Bücher von Werner Jansen
Heinrich der Löwe / Roman
40. Tausend / In Ganzleinen 4,50 Goldmark
Werner Jansen, der dem deutschen Volke schon viele kraftvolle und stark verbreitete Sagenromane geschenkt hat, ist mit seinem neuesten Werke »Heinrich der Löwe« noch über sich hinaus gewachsen. Ein meisterlicher Stil vereinigt bei aller Ruhe eine solch hinreißende Wucht, daß man das Buch in einem Zuge liest. Friedrich Barbarossa und Heinrich der Löwe werden mit einer Lebendigkeit, mit einer plastischen Greifbarkeit geschildert, daß sie in dieser Form zum dauernden Volksgut werden können. Und die Gegenwart scheint gerade den rechten Boden zu bilden, um die Sturmwogen, die damals die deutschen Geschicke aufwühlten, recht zu begreifen. Die Meisterschaft, mit der dieser gewaltige Stoff dargestellt wird, wird heute von Wenigen erreicht. Jansen bietet mit diesem Buche dem deutschen Volke eine Gabe dar, die es mit Stolz annehmen soll.
(Badische Post, Heidelberg)
Das Buch Treue / Nibelungenroman
100. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark
… An diesem Buche weitet man sich, und Hoffnung strömt uns ins Tiefste, daß es nicht zu Ende sein kann mit dem deutschen Wesen! Werner Jansen hat das Alte neu werden lassen, und in mächtigem Strome rauscht es dahin, und stark und klingend ist die Sprache …
(Deutsche Warte)
Das Buch Liebe / Gudrunroman
80. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark
… Manche Abschnitte haben eine geradezu monumentale Wirkung. Die Sprache ist markig und dichterisch edel. Dies prächtige hohe Lied der deutschen Frau gehört ohne Unterschied jung und alt – dem gesamten deutschen Volke.
(Hamburger Nachrichten)
Das Buch Leidenschaft / Amelungenroman
60. Tausend / In Halbleinen 5,60 Goldmark
… Jansens Bücher mögen uns zur nationalen Bibel werden, auf daß in Finsternissen dieses Heute sie uns Priester seien und still, doch rastlos mitbauen am höchsten Ziele, das im tiefsten Grunde unserer Herzen uns allen vorschwebt: an der Erlösung unseres Volkes aus dem schmachvollen Joch der Gegenwart.
(Deutsch-österr. Tagesztg., Wien)
Diese drei Bände zusammen in farbigem Geschenkkarton 16,80 Gm.
Leben, Lieben, Wandern vor hundert Jahren
Roman eines fahrenden Gesellen, nach einer Handschrift von Emma Schumacher / Mit Bildern von Anton Kling
In Halbleinen 3 Goldmark
Ein liebes Buch aus glücklichen Tagen, zum Sinnen und Besinnen
Herr Reineke Fuchs
Eine unheilige Weltbibel oder lustiger Hof- und Regentenspiegel
Mit 20 Zeichnungen nach Kaulbach von Ernst Verchau
Die geniale, befreiende Neudichtung des alten Reineke Fuchs
In Halbleinen 2,75 Goldmark
Die Neugestaltung von Werner Jansen hat ein atembenehmendes Buch geschaffen … aber auch an der Spracheinkleidung ist zu spüren, daß hier ein begnadeter Dichter altes Literaturgut mit lebenweckendem Blut durchpulst. Kein Stilplunder wird hier geboten, nicht modische Schnörkeleien und Wort- und Satzverrenkungen, sondern die Redeweise ist edel und schlicht, untermischt mit kraftvoller Derbheit. Hier spricht ein Deutscher zu uns urdeutsch.
(Rudolf Borch)
Von Hertha Podlich wurden handgeschrieben und sorgfältig in Offset gedruckt:
Der Heiland / Worte des Reinen
Ein Buch des Glaubens an die Unvergänglichkeit des Heilandswortes, zugleich ein Buch des Glaubens an Deutschland, an die Heimat
In Halbleinen 3,50 Goldmark
Gottes deutscher Garten
Die Blüten der geistlichen Liederdichtung in ausgewählten einzelnen Versen – ein Buch voll ewiger Jugend
In Halbleinen 3,50 Goldmark / In Ganzleinen 4 Goldmark
Zwei köstliche Gaben verdanken wir Werner Jansen. Die eine umschließt Worte des Heilands. Es ist ein Buch heißen Glaubens an die Unvergänglichkeit des Heilandwortes, ein Buch auch des Glaubens an Deutschland, die Heimat. Das Gegenstück zu diesem köstlichen, von Hertha Podlich wundervoll geschriebenen Buch ist der von Werner Jansen bestellte »Gottes deutscher Garten«, ebenfalls von Hertha Podlich geschrieben. Aus dem blühenden Garten des evangelischen Kirchenliedes hat Jansen die schönsten Blüten zu einem reichen Kranze erlesen … Die Sonne ewiger Jugend leuchtet hier, das Herz der Heimat schlägt hier.
(Der Deutsche)
Die Bücher deines Volkes
Band 1: Die Märchen / Mit 25 farbigen und schwarzen Einschaltbildern von Prof. Paul Hey / Band 2: Die Volksbücher / Mit 25 farbigen und schwarzen Einschaltbildern von Adolf Hosse / Band 3: Die Volkssagen / Mit 25 farbigen und schwarzen Einschaltbildern von Prof. Paul Hey
Jeder der drei Ganzleinen-Prachtbände 30 Goldmark
Die köstlichsten Geschenkbücher für Menschen, deren Herz jung blieb
Werner Jansen, der Wiedererwecker der deutschen Heldensagen und gründliche Kenner aller Quellen deutschen Volkstums, war wie kein zweiter zur Herausgabe dieser Sammlung berufen. Der Schatz, den das deutsche Volk in Jahrhunderten geschaffen hat, wird hier zum erstenmal in einer meisterlichen Sammlung wahrhaft volkstümlich vereinigt. Nicht für den Wissenschaftler, allein für den Genießer wurde die Auswahl aus dem viele hundert Bände füllenden Stoff getroffen, wurden zwecklose, ermüdende Breiten gestrichen, verdorrte Strecken mit frischem Leben erfüllt. In seinen Märchen und Sagen lebt Deutschland mit seiner Sehnsucht nach allen Fernen, mit seinen Tugenden und Lastern, seinem Glauben und Aberglauben, seiner Werktüchtigkeit und seinen Feierstunden, seiner einfältigen Torheit, seiner tiefsinnigen Weisheit. Die gesamte Ausstattung ist in jeder Weise mustergültig und dem Inhalt angepaßt. In den Bildern von Paul Hey spiegelt sich das Märchen selbst, mit halb lachendem, halb weinendem Auge.
(Bremer Nachrichten)
Die frischen Kränze
Eine Sammlung deutscher Gedichte aller Zeiten
Bisher erschienen:
Band 1: Storm / Gedichte
Band 2: Mörike / Gedichte
Band 3: Eichendorff / Gedichte
Band 4: Keller / Gedichte
Jeder Band in hübschem, farbenfrohem Gewande 5 Goldmark
Eine handgeschriebene, in ihrer Art und Auswahl einzig dastehende Bücherreihe
In dieser von Werner Jansen herausgegebenen neuen Sammlung deutscher Gedichte aller Zeiten haben wir ein Werk vor uns, das inhaltlich und buchtechnisch unsere höchste Bewunderung und Liebe erregen muß … Bücher, die Sinne und Seele gleich tief in Schwingungen versetzen.
(Rhein.-Westf. Zeitung)
Ausführliches Verzeichnis steht auf Wunsch kostenlos zur Verfügung
Georg Westermann / Braunschweig / Hamburg