← Table of contents
Die Hochzeit der Esther Franzenius

Zweiter Abschnitt

Reading edition

IX

In einem kleinen schleswigschen Grenzort wollte Esther nach der zehnstündigen Bahnfahrt übernachten.

Es war ein langer, mühseliger Weg von der Bahnstation bis zum Gasthof. Esther ging ihn ganz allein, eine verschneite Landstraße hinauf, die nur durch Räderspuren kenntlich war. Sie trug ihre kleine Reisetasche bald in der einen, dann in der andern Hand. In der Kälte schmerzte der metallene Griff ihre Finger.

Weithin über dem Schneeland stand ein purpurner Mond.

Ein schwacher, gläserner Klang kam aus dem Dorf herüber: die Turmuhr schlug eine späte Abendstunde.

Esther ging immer langsamer. Eine schwere, herabziehende Müdigkeit erfüllte sie mehr und mehr. Sie konnte kaum mehr denken, empfing nur dumpf die Außeneindrücke, an die sich zerflatternde Reflektionen knüpften.

Neben der Straße lief ein halb zugeschneiter Graben. Da mußten im Sommer die vielen Feldstiefmütterchen wachsen – so immer zu hunderten auf einem Fleck, daß es aussah, wie ein großer, schwellender Strauß. Aber jedes Blümchen hat sein eignes ernstes Gesicht unter der violetten Haube – und wenn der Wind ja einmal durch den Graben fährt, dann reiben sie sich rischelnd aneinander, wie Kinder, die sich in die Ohren flüstern – – – –

Dicht und hoch lag jetzt der Schnee – – So ein paar Schritte zur Seite machen und sich da hinein fallen lassen – –

Kein Mensch würde wissen –

Und was ging sie überhaupt irgend ein Mensch an?

Doch – das ist ja nicht wahr –

Wie ein fremdes Heiligtum stieg die Liebe Adam Rudes vor ihr auf. Doch ihr war, als müßte sie in Ehrfurcht wegsehen. Als dürften auch ihre heimlichsten Gedanken nicht daran rühren. –

Eine ferne Sehnsucht kam über sie – kam und ließ sich schwer niedersinken auf ihr Herz –

Und dann war wieder alles wie einem andern Menschen angehörend – oder so wunderlich vereinzelt, ohne inneren Zusammenhang.

Und wieder kam eine lange, bittere und kummervolle Sehnsucht nach Eliza, dem Kind. Wie hatte sie es nur fertig gebracht sie allein zu lassen? Wenn sie schnell umkehrte? Morgen noch zurückreiste?

Ein Ruck ging durch ihren Körper: Adam Rude! – Aber das war ja Wahnsinn – Unmöglichkeit! –

Sie griff nach dem Brief, den sie in der Kleidertasche trug –

Und dann war plötzlich wieder alles Begreifen ausgelöscht – nur noch eine träge dämmernde Sehnsucht nach diesem Haus, das sie lieb hatte, in das sie hätte zurücklaufen mögen, wie eine Katze, die man fortgetragen hat. –

Und immer ging sie mechanisch weiter, den endlosen zugeschneiten Weg hinauf.

Dann kam das Gasthaus.

Sie mußte die Wirtsleute erst herausklopfen. Es waren freundliche Bauern, die sich in ihrem rauhen jütischen Dialekt nicht genug über die Ankunft einer Dame erstaunen konnten. Es schien, als gäbe es für diese Wirtschaft nichts Verwunderlicheres, als einen Gast!

Esther wurde in die Familienwohnstube geführt. Dort mußte sie sofort ein paar riesige Filzsocken für die nassen Stiefel eintauschen. Die Wirtin befahl das mit einer Autorität, die jeden Widerspruch vergeblich machte. Dann wurde ihr ein Kübel voll schwarzbraunem Thee zudiktiert.

Über dem Sofa hing das Bild des deutschen Kaisers neben einem andern, das die Photographie eines jungen Soldaten, wahrscheinlich der Sohn des Hauses, umgeben von allerlei »Scenen aus dem Soldatenleben« enthielt. Als Überschrift prangten die Worte: »Aus meiner Soldatenzeit.«

Die Frau folgte Esthers Blicken, dann erklärte sie entschuldigend, er, der Sohn, wollte »das« dort haben. Und voll Groll und Verachtung: »Seit er gedient hat, ist er ja ein Deutscher!«

Der Wirt, der mit einer langen Pfeife jenseits des Tisches saß, zog die Stirn in kummervolle Falten. Er sagte: »Die dort in Berlin, die werden sich freuen, daß sie ihn herumgekriegt haben! Bei der Leibgarde ist er gewesen – so 'ne Schande!«

Esther bekam ein ganz böses Gewissen, daß sie sich nicht als Deutsche eingeführt hatte; ganz gedankenlos hatte sie noch dänisch gesprochen. Sie fühlte sich recht bedrückt im Gedanken an die warmen Filzsocken und das Wohlwollen der Wirtin, die sie immer schlechtweg »Kind« anredete, – das alles wäre der Deutschen gewiß nicht zugefallen!

Und am nächsten Morgen gar, wie die Alte gehört hatte, daß Esther auch der entsetzlichen Stadt patriotischer Verführung zureiste, gab es so viele gute Wünsche und Ermahnungen, daß Esther vor Beschämung nicht mehr die Augen aufzuschlagen wagte.

Aber sie konnte doch wirklich nicht jetzt auf einmal mit ihrer Enttäuschung herauskommen?

Und gegen Abend gelangte Esther an ihr Reiseziel.

Die Droschke hielt vor einem hohen, eingezwängten Haus, dessen Eingang in der Pracht verschiedenster Imitationen strahlte. Eine imitierte Eichenthür öffnete sich in eine imitierte Marmorhalle, die mit imitierten Gobelins und imitierter Glasmalerei ausgestattet war.

Der Hausmeister bemächtigte sich des Koffers, und in feierlich langsamer Fahrt hob sich der Lift zu seinem Endziel, der fünften Etage.

»Also hier wohnt Fräulein Schulze?«

»Jawoll, klingeln Sie man!«

Nach einer Weile kam ein ältliches, verblaßtes Mädchen und öffnete. Sie führte Esther über einen kurzen, düsteren Flur, der nur in einer Ecke durch ein kleines stark riechendes Lämpchen erhellt wurde und dann durch ein langgestrecktes Zimmer.

»Bei uns müssen wir immer durch die Berliner Stube gehn,« erläuterte das Mädchen.

Eine große, starke Dame in Lahmannkleidung sah Esther mit unverhohlener Neugier nach und erwiderte ihren Gruß mit einem resoluten Nicken.

Dagegen bemerkte sie erst im Hinausgehen, daß sich ein kleines, dunkelgekleidetes Geschöpf auf sie zu bewegte.

»Verzeihen Sie – ich bin Fräulein Schulze,« sagte die kleine Dame und sah Esther fragend unter einem spanisch drapierten Kopfputz hervor an.

»Ich bin Esther Franzenius.« Esther mußte unwillkürlich dem kleinen fragenden Gesicht der Spanierin zulächeln.

Fräulein Schulze machte ein paar ratlose Bewegungen nach rechts und links, dann kam es ihr wie eine Erleuchtung: »Darf ich Sie nach Ihrem Zimmer führen?« Und sie trippelte Esther und dem Kofferträger voran, zur Thür hinaus, über einen langen und niedrigen Korridor, den man gar nicht in dem prunkvoll imitierten Marmorpalais erwarten durfte, und öffnete die Thür zu einem kleinen viereckigen Zimmerchen, das durch ein winziges schräges Dachfenster nach dem Hof hinaus lag.

Während Fräulein Schulze noch ein paar Fragen über die »gute Reise« an Esther richtete, bemühten sich das Mädchen und der Dienstmann, für den Koffer einen Platz zu ermöglichen.

Endlich waren alle Ankunftsfeierlichkeiten bewältigt, und auch die Spanierin verließ das Zimmer.

Esther nahm den Leuchter mit der dünnen übelriechenden Kerze und beleuchtete ihre Umgebung. Da gab es nur die allernötigsten Gebrauchsgegenstände, denen allen es wie ein Ausdruck schamhaftester Dürftigkeit anhing. Und jedes Ding schien sich zu bemühen, etwas anderes zu imitieren. Sogar das Bett hatte die Aufgabe, tagsüber ein Sofa darzustellen, und der Waschtisch war unter dem Äußern einer Komode verborgen. Als der Koffer untergebracht war, konnte man sich nur noch in einer kleinen Schlangenlinie durch das Zimmer winden. Esther lehnte sich unwillkürlich weit zum Fenster hinaus – dort sah man in den Hof hinab, wie in einen spärlich beleuchteten Schacht. Dann führte sie das Licht an den Wänden entlang – die Tapete trug ein Muster von lauter Lilien.

Eine stumpfe Trostlosigkeit überkam Esther in diesem imitierten Liliengarten.

»Nancy! Nancy!«

Esther erwachte. Wer rief denn da? Und wo war sie?

Weshalb verflog doch so schnell der Traum von einem Frühlingsgarten und dem weißen Haus im Mondlicht? – Sie wollte so gern weiterschlafen. Sie fürchtete das Erwachen. –

»Nancy! Nancy! Schläfst du noch?«

Das war wieder diese rauhe Stimme, und nun folgte ein endloser Hustenanfall.

Esther sah sich um. Das war ja das Lilienzimmer. Diese kahlen und dürftigen Gegenstände, die aussahen, als seien unzählige verschwiegene Sorgen in sie gebettet, schienen ein kraftloses Grauen auszuströmen.

Nancy mußte inzwischen geantwortet haben, denn die gequälte Stimme des Zimmernachbars begann von neuem: »Hast du gut geschlafen, Nancy? Wie fühlst du dich heute?«

Und wieder nach einer Weile, während der Esther aufzustehen begann: »Mußt du nicht über die Hofjagd referieren? Wir könnten zusammen einen Wagen nehmen, wie?« – Hier eine Pause für Nancys Antwort – Und wieder: »Nancy! Nancy! Mir fällt etwas Köstliches ein! Paß auf: Ein Wagen kostet 10 Mark – zu zahlen von meiner löblichen Redaktion! Ein Wagen für dich zu 10 Mark – haben deine Braven zu blechen. Daß wir uns zusammenthun, geht niemanden was an. – Bin ich nicht ein Rechengenie?! Hahaha!!«

Und wieder ein gräulicher Hustenanfall.

Esther machte ihre Anwesenheit bemerkbar und die nachbarlichen Stimmen verhandelten gedämpfter.

»Wer wohnt da nebenan?« fragte Esther das Mädchen, das Feuer machte. Es baute mit virtuoser Vorsicht ein paar Holzspähne aneinander und deckte das spärliche Flämmchen mit den drei für »eine Heizung« abgezählten Preßkohlen.

Ida warf über die Schulter einen verächtlichen Blick auf das Nachbarzimmer. »Ach, das ist man bloß Redakteur Engel,« sagte sie im Ton würdevollster Herablassung.

»Ist der Herr sehr leidend?«

»Ja – er hat es auf der Brust. Seine Verlobte, das Fräulein Maceday auch. Schon den ganzen Winter. Und wie sie zu uns gekommen sind, sahen sie auch halbverhungert aus. Das Fräulein wohnt ja doch neben ihm, und sie pflegen sich immer nur einer den andern.«

»Aber das ist ja schrecklich,« sagte Esther in bedauerndem Entsetzen unwillkürlich vor sich hin.

Das Mädchen mißverstand die Worte. Es wurde plötzlich vertraulich und gesprächig. »Ja, nicht wahr, Fräulein? Uns ist das auch recht peinlich. Verlobt sind sie und wohnen Thür an Thür! – Und dann wollen sie sich immer noch das Essen allein besorgen! Sie können es gar nicht billig genug kriegen. Und was für Sachen sie dann kochen! Ach Gotte doch! puh!«

Ein unbestimmter Ekel – vor diesem Geschwätz – vor ihrer ganzen Umgebung – vor der Lage, in der sie sich befand, erfüllte Esther. Sie verließ die Stube und ging nach dem Eßzimmer, um zu frühstücken. Auf dem Gang begegnete ihr eine kleine abgehärmte Person mit den glühroten Backenknochen der Schwindsucht. Sie sah auf Esther mit glänzenden, argwöhnischen Augen.

Und Esther hätte ihr etwas Gutes sagen mögen – irgend eine kleine, gleichgültige Freundlichkeit erweisen. Sie grüßte höflich. Die andere dankte kurz, abweisend, höhnisch.

Esther fiel eine kleine Begebenheit aus ihrer Kindheit ein: Wenn sie zur Schule ging, kam sie immer an einem vergitterten Hof vorüber, an dessen Thür ein mageres, jämmerliches Hündchen stand und giftig auf die Vorübergehenden bellte. Dann warfen die Jungen mit Steinen nach ihm, reizten und höhnten es; das nahm es aber nur wie die gebührende Antwort auf sein Gebell entgegen. Das Tier that Esther so leid. Sie versuchte es einmal, sich ihm freundlich zu nähern, es zu streicheln. Da geriet es aber ganz außer sich vor Wut. Und jedesmal, wenn Esther wieder vorüberging, wußte es sich in seinem Zorn gar nicht mehr zu lassen. Es hatte die Freundlichkeit augenscheinlich als unvergeßliche Beleidigung empfunden. –

»So 'ne einjebildte Jöhre!« hörte Esther das Fräulein Nancy noch in der Stube des Verlobten in accentuiertem Berliner Jargon ausrufen. – – – –

Das war der Beginn der freiwillig angetretenen Epoche der Arbeit und Entbehrung.

Später gab es Stunden, in denen Esther sich fragte, warum sie nicht einmal den Versuch gemacht hatte, diese besonders antipathische Umgebung mit einer andern zu vertauschen. Und sie kam auf die wunderliche Erklärung, daß die Macht des Ekels sie fesselte.

Ja, wir haben diese seltsam kraftlosen Zeiten, in denen wir wie gelähmt vom Abscheu und unfähig zur Gegenwehr, auf eine krankhafte Weise angezogen auf das starren müssen, was unsern Ekel erregt.

Wir sind unfähig, uns durch einen Entschluß loszureißen, ja irgend einen Entschluß zu fassen vermögen wir nicht einmal. Nur noch ein alter Wille leiert sich mechanisch in stumpfen Handlungen ab. Wie im Traum gehen wir da – und das kraftlose Entsetzen des Traumes bedrückt uns, während wir ganz im geheimen eine andere Wirklichkeit wie die Ahnung des Erwachens in uns tragen. Und so versäumen wir die Empörung gegen das Traumschicksal.

X

Arbeit – Arbeit –

Trübe, matte Tage schleppen sich in sinnloser Gleichförmigkeit vorüber. Es ist wie das Abschnurren eines aufgezogenen Rades.

Die Seele schweigt. Nur kleine Erinnerungen ziehen vorbei – der Zeitbegriff ist von ihnen genommen – Begebenheiten aus der Kindheit scheinen ebenso nahe zu liegen, wie eben erlebte Geschehnisse. Doch ihre Verbindung mit der eignen Persönlichkeit ist gleichsam abgeschnitten.

Arbeit – Arbeit –

Ein stumpfes, langsames Vorwärts – ohne Kampf, ohne Ehrgeiz, ohne Zielbewußtsein. –

Viele andere sind Esther voraus. Auch welche, die zu gleicher Zeit angefangen haben. Sie arbeiten so merkwürdig reinlich und abgerundet. Es ist, als wären sie schon mit dieser gewissen Manier zur Welt gekommen. So tadellos fertig sieht alles aus, was unter ihren Händen hervorgeht. Fast scheint es, sie verlieben sich in diese eintönigen mechanischen Schwierigkeiten der Anfangsgründe. Und das ist ihr gutes Recht. Es muß sie im voraus entschädigen für alle späteren Enttäuschungen. Denn sie werden versagen, sobald die Beweglichkeit der Natur im Gegensatz zu der methodischen Steifheit der Musterblätter sie zu verwirren beginnt.

Arbeit – Arbeit –

Nicht zur Seite schauen. Stumpf abgeschlossen nach innen – gleichgültig nach außen. Ein langsames, zähes Vorwärtskriechen – ohne Kampf, ohne Ehrgeiz, ohne Zielbewußtsein. – – – –

Esther benutzte jede freie Zeit, besonders die langen Abende zu Zeichenstudien.

In ihrem Lilienzimmer saß sie bei einer kleinen Stehlampe, die fortwährend Petroleum aus dem Behälter schwitzte. Vom Nachbarzimmer herüber drangen zuweilen vorsichtig gedämpfte Unterredungen des schwindsüchtigen Brautpaars.

Fräulein Nancy schminkte sich jetzt seit einiger Zeit, und Herr Engel lebte nur noch von Morphium.

Wenn sie miteinander sprachen, so schien es sich stets um irgend welche Berechnungen zu handeln, die sie mit ihren rauhen, kranken Stimmen aufstellten.

Esther mußte daran denken, daß sie einmal »halbverhungert« hier aufgetaucht waren. Woher mochten sie kommen? Welchen Weg durch Entbehrungen mußten sie gegangen sein?

Mißtrauisch und argwöhnisch zeigten sie sich gegen jeden, der sich ihnen nicht feindlich näherte, denn sie glaubten sofort, der wollte etwas von ihnen. Warum sollte er denn sonst auch freundlich sein?

Unter jenen hatten sie gelebt, die sich auf den Fußbreit Erde drängen, den einer unter ihnen strauchelnd verliert. Sie hatten jeden Glauben an uneigennützige Güte verloren. Güte war ihnen nichts als Dummheit oder Verstellung. Selbst Fräulein Nancys Toilettenkünste mochten nicht weiblicher Gefallsucht, sondern einzig dem Ehrgeiz entspringen, noch als vollzählige Konkurrentin zu gelten – vollwertig an Kraft und Gesundheit, eine nicht zu übersehende Nummer unter denen, die neiden und beneidet werden. Sie wollte bis zuletzt als Rivalin im Kampf um die Arbeit mitrechnen.

Und doch gab es einen Funken von Güte auch unter ihnen. Das war die seltsame Liebe, die sie für einander hatten, diese rührende, oft grotesk wirkende Zärtlichkeit, deren unfreiwilliger Zeuge Esther zuweilen wurde. Die Besorgnis, die einer für das Wohlsein des andern hatte, und die sich oft im allernaivsten Materialismus ausdrückte.

Esther beschäftigte sich so viel mit dem möglichen Schicksal dieser Nachbarschaft, daß sie es zuletzt förmlich noch zu allem andern sich selbst auflud – zu allem Dumpfen und Erdbedrückten, was sie schon zu tragen hatte.

Mit den andern Bewohnern der Pension kam sie selten außer den Mahlzeiten zusammen.

Da gab es ein »Fräulein Doktor«, die nächst dem Baron Ehrhard von Dunkelmann den Stolz des Hauses bildete. Ja hier war sowohl der Geburtsadel wie der Adel des Geistes vertreten, wie Fräulein Schulze Esther gleich anfangs versicherte. Außerdem erschien noch eine kleine, zarte und sehr bescheidene Musikschülerin bei Tisch, die Fräulein Schulzes Wohlwollen unter der unausgesprochenen Voraussetzung besaß, daß sie sehr wenig aß.

Fräulein Doktor Obenauf, Assistentin an der Frauenklinik des Professors D., führte zumeist die Unterhaltung. Sie war sehr aufgeklärt und benutzte gewöhnlich die mittäglichen Zusammenkünfte, um auch der übrigen Tischgesellschaft den Segen geistiger Freiheit zu gewähren.

»Stellen Sie sich einmal vor,« schrie sie mit ihrem weithintönenden Organ, »wo sollte denn eine Seele sich verstecken? Das ist alles Humbug, alles!

Glauben Sie nicht, ich habe genug Menschenleiber zersäbelt, um wissen zu können, wo eine Seele Raum haben könnte? Da ist ganz einfach kein Platz sage ich Ihnen, kein Platz!«

Fräulein Schulz, die eine Pastorentochter war, machte hier einen Einwand: »Es glauben aber doch so viele Leute daran,« sagte sie und machte eine abwartende schiefe Kopfbewegung.

»Glauben! Hahaha glauben! Als ob das nur der allergeringste Beweis wäre!« trompetete die Obenauf. »Ich als Ärztin sage Ihnen, daß kein Platz für eine Seele ist, und damit Punktum.«

»So, so – ja gewiß,« sagte Fräulein Schulze und kroch in sich zusammen. »Als Ärztin müssen Sie das natürlich wissen.«

Esther hielt sich gern von solchen Debatten fern. Die kleine Musikschülerin schwieg, weil sie sich vor der Stimme der Ärztin zu fürchten schien, und weil sie sich vielleicht auch noch nicht weiter über seelische Angelegenheiten beunruhigt hatte. Der wirkliche Baron aber lächelte vielsagend.

Man wußte sehr wenig über das Leben des Barons. Er hatte jedoch einmal den Ausspruch gethan, daß ein Künstler die moralische Verpflichtung habe, sich nie durch eine Ehe zu binden, denn in diesem Falle würde er durch den heiligen Egoismus des Genies sowohl sich als seine Frau unglücklich machen, denn er sei infolgedessen nicht fähig, die Verantwortung auch noch für eine andre Individualität zu übernehmen.

Er sah sehr bewegt aus bei dieser Erklärung, und so schloß man fortan, daß er selbst zu jenen leidgekrönten Egoisten gehöre. Sobald die Rede auf eine Streitfrage der Kunst kam, mußte seine Autorität zur Entscheidung aufgerufen werden.

Und er hatte dann eine ganz eigenartig rätselhafte Art, in der er seine Aussprüche hervorbrachte.

»Die Dekadence vergleiche ich mit dem müden, rosigen Licht der Ampel,« sagte er. »Und ist dieses gedämpfte Licht der Nacht nicht sinnberückender als der grelle, plumpe Sonnenschein?«

Fräulein Schulze horchte andächtig auf, wagte aber nichts zu antworten, weil sie befürchtete, es möchte vielleicht nicht zart genug ausfallen.

Zuweilen kamen die Briefe aus Dänemark. Esther öffnete sie immer wie unter einer dumpfen Angst.

Es war kaum die Furcht vor schlimmen Nachrichten. Sie wußte ja, daß dort alles in dem lieben alten Gleichmaß vor sich ging. Aber die Erinnerung war es, die mit der Zeit immer mehr etwas unsäglich Bedrückendes für sie hatte – ein unbestimmtes Schuldbewußtsein kam nach und nach an Stelle jenes Gefühls, nur nach einer Notwendigkeit gehandelt zu haben.

Aber hätte es denn für sie eine andere Möglichkeit überhaupt gegeben? Hätte sie die Pflicht gehabt, dieses Verhältnis weiter zu tragen, weil sie es einmal eingegangen war?

Ihre Begriffe begannen unsicher und schwankend zu werden.

Und doch: Hier lag nicht das Verfehlte – aber dann wo? – –

Heftete sich das Unglück an ihre Person wohin sie trat? Gehörte sie zu den Vom-Schicksal-Gezeichneten, die überall das Unheil mit sich führen – ungewußt und ungewollt? – –

Ein Brief von Eliza kam, einer ihrer süßen unschuldigen Briefe, die ihre Art so unvermittelt übertragen konnten.

Und sie erzählte diesmal von einer großen Neuigkeit in Eriksgaard: Arne hatte sich verlobt.

Esther unterbrach sich im Lesen. Das war ja wie eine Erlösung!

Also war sie doch im Recht gewesen, wenn sie geglaubt hatte, daß eine noch unbewußte Liebe zu Thora ihn in jene zwiespältige Lage gebracht hatte! Sie selbst war nur zur rechten Zeit gegangen, wo das Ende sich schon vorbereitete.

Sie griff wieder zu dem Brief und las weiter –

Aber was war denn das?

»Seine Verlobte ist ein Fräulein Ingeborg Peersen, die er diesen Winter in Fredensborg kennen gelernt hat.«

Esther ließ den Brief sinken.

Sie schämte sich plötzlich. Es war kein großes, quälendes Schamgefühl – nur ein peinliches Erröten – jenes Empfinden, unter dem ein anständiger Mensch immer den Wunsch hat, zur Seite zu sehen. –

XI

Esther war jetzt über die mechanischen Vorübungen hinausgekommen. Die Arbeit fing an ein tieferes Eingehen zu beanspruchen.

Ihre Gedanken konnten nicht mehr wie bisher beständig die alten, ausgetretenen Wege, an toten und niedergehaltenen Empfindungen vorüber, gehen. Sie brauchte den ganzen Intellekt für ihre Thätigkeit, der sie sich mit immer größerem Eifer hingab.

Fast unwillkürlich gewann sie sich aus den Eindrücken ihrer Umgebung nur mehr Studien über Licht- und Farbenwirkungen und beobachtete die Gesetze der Plastik, die so eigentümlich von der Beleuchtung abhängig sind.

Erst jetzt verstand sie, wie viel Drangabe des reinen Intellektes jede Kunst beansprucht, die sich der Dilettant immer als eine mühelose Himmelsgabe vorstellt, wie viel Arbeit vor allem dazu gehört, den Zufall zu beherrschen.

Denn was ein einziges Mal unwissend wohlgelungen ist, soll wieder und wieder gelingen können unter der Leitung eines bewußten Willens. Das erst ist Können – Kunst!

Und so kam es, daß sie nach und nach mit ihrer ganzen Persönlichkeit überging zur Arbeit.

Ihr Gefühlsleben schrumpfte gleichsam zusammen bis zu jenen kleinen Alltagsempfindungen, die sozusagen zu den Anstandspflichten des Herzens gehören.

Sie war Zuschauer, nichts als Zuschauer gegenüber dem Leben.

Und das Leben rächte sich, so daß ihr jeder menschliche Eindruck zur hohlen, seelenlosen Karrikatur wurde.

In den freien Zeiten schlenderte sie oft durch die Straßen, ohne viel zu denken. Zuweilen erregten die Vorübergehenden ihre Aufmerksamkeit. Dann dachte sie noch einen Augenblick über sie nach, bis diese lässige Müdigkeit alles mit Gleichgültigkeit zudeckte.

Und doch war es in diesen Stunden körperlicher und geistiger Abspannung, daß ein Erlebnis an sie herantreten wollte.

Sie kam an einer der großen Kunsthandlungen vorüber, in deren Schaufenstern an jedem Sonnabend eine neue Ausstellung für die kommende Woche arrangiert wird.

Nach ihrer Gewohnheit blieb sie stehen, um die Bilder zu betrachten.

Und heute –

Sie sah und sah –

Und da war alles vergessen, was schwer auf ihr gelegen.

»Die Schönheit,« dachte sie nur, »die Schönheit!«

Auf der Höhe des Berges küßt der Mann in der Tracht eines fahrenden Sängers das Weib. Ganz zart berührt er ihre nackte Schönheit. Seine Augen sind geschlossen, um den Mund die Keuschheit des Betenden. Und über allem der stille, ruhende Ausdruck der Erlösung.

In dichter Fülle schlingen sich Rosen unter der goldenen Leiste hin, die den Abschluß des Bildes angiebt. Schwere brokatene Vorhänge, die in ihrer massigen Farbenauftragung den Vordergrund bilden, sind wie vor einem Heiligenbild zurückgezogen.

»Auf freier Höhe« heißt das Bild.

Und Esther stand davor und sah bald in den zart verblassenden Himmel, von dem sich eine kleine zitternde Birke abhebt – und dann auf die ruhige Schönheit der Frau, die mit einem entrückten Ausdruck ins Weite sieht, und sie betrachtete das Gesicht des Mannes, in dem noch die Qualen verflossener Jugendzweifel zu kennen sind hinter der Ruhe der Befreiung.

Endlich riß sie sich los.

Und es war, als sei noch einmal ihre Seele im Erblühen gewesen unter dem tiefen Eindruck der Schönheit.

Sie sagte sich: das ist es, was ich einmal können will – Aber giebt es denn noch etwas zu wollen, wenn das geschaffen ist? Ist nicht alles damit ausgesprochen, so daß jedes, was noch kommen kann, nur ein Stammeln und Nachbeten bleibt?

Und dann kam eine kurze Zwischenzeit, die ein scheues Glück für sie brachte.

An jedem Tag ging sie zu den Schaufenstern der Kunsthandlung. Und dort stand sie vor dem Bild, das in ihr die Sehnsucht geweckt hatte, auf die freien Höhen der Kunst zu gelangen.

Immer wieder ging sie dorthin und träumte von einem kühlen, lichten Glück – von der klaren, sanften Erlösung aus bedrückendem Menschentum – durch die Kunst. –

Aber die Kunst will die freie Lust und den heißen Lebenswillen eines übervollen Herzens, und es heißt ihre Göttlichkeit beleidigen, wenn man ihr auf den Trümmern eines zerbrochenen Schicksals den Tempel erbauen will. –

Als einmal das Bild nicht mehr im Fenster hing, sank Esther müde in sich zusammen – wie beim Erlöschen des Lichts.

Noch in den ersten Tagen des März erweiterte sich Fräulein Schulzes Pension um einen neuen Gast.

Um seinetwillen hatte man eine Tafel in den alten Ausziehetisch eingefügt, und der Braten erschien fortan auf einer noch pomphafteren Schüssel als bisher und lag in einem förmlichen Wald von Petersilienkraut versteckt, der seine Blätter üppig über den Schüsselrand hängen ließ.

Ja, Fräulein Schulze wußte, was sie dem Rufe ihrer Pension schuldig war.

Ihr kleines, bleiches Gesicht unter dem Spitzentuch erstrahlte förmlich bei der Vorstellung: »Fräulein von Preller – Schriftstellerin.«

Fräulein von Preller hatte ihren Platz zwischen Esther und der Ärztin bekommen.

Esther sah flüchtig auf und begegnete dunklen Augen mit einem guten Blick, die den Haupteindruck in dem etwas fahlen Gesicht machten. Der Mund war stark und tiefgekerbt in den Winkeln. Es war eine ursprünglich rohe Form, die beim Sprechen durch den Ausdruck von Grazie und Lieblichkeit veredelt wurde.

Die Doktor Obenauf nahm gleich Beschlag von ihrer Tischnachbarin.

»Sie kommen hierher, um Studien in der Großstadt zu machen, nicht wahr? O, da könnte ich Sie mit Verhältnissen bekannt machen – mit Verhältnissen –!«

Sie ließ durch einen Augenaufschlag die Art dieser Verhältnisse ahnen, fuhr jedoch, als keine Nachfrage entstand, von selbst mit einer Schilderung fort:

»Ich sage Ihnen, da kommt man manchmal in Häuser – Menschliche Wohnungen – nein! menschliche Wohnungen ist nicht der passende Ausdruck für solche Viehställe!

Denken Sie mal, da hat man kürzlich ein Gesetz erlassen, daß es verboten ist Schweine und Geflügel auf der Etage zu halten. Denn es ist vorgekommen, daß man in einem Zimmer den Hausherrn, die Hausfrau, zwei erwachsene Töchter, einen Zimmerherrn und ein Schwein einquartiert fand –

Faktisch, ich sage Ihnen: das alles ganz gemütlich in einem Zimmer!

Es lohnt sich wirklich, so was anzusehen!«

Wie sie jetzt einen Augenblick schwieg und beifallsuchend über die verlegene Tischgesellschaft hinsah, erwiderte Fräulein von Preller mit ruhiger Liebenswürdigkeit im Ausdruck:

»Ach nein, um solche Studien zu machen, bin ich keineswegs hergekommen. Es wäre mir zu unerträglich, derartige Zustände mit anzusehen, ohne da helfen zu können.

Ich könnte mir denken, daß einen das ganz mut- und kraftlos macht für jede gewohnte Thätigkeit, wenn man einsehen muß, daß man so machtlos davorsteht.

Ich wenigstens möchte einen solchen Versuch mir nicht zutrauen.«

Doktorin Obenauf lachte dröhnend. »Das müssen Sie sich aber abgewöhnen, wenn Sie Schriftstellerin sein wollen! Man muß alles sehen können! Leute mit Nerven taugen nichts!« schrie sie, so daß die kleine Musikschülerin entsetzt zusammenzuckte.

Ehrhard, Baron von Dunkelmann lächelte überlegen.

Als keine Antwort von seiten der Angeredeten erfolgte, knüpfte Doktorin Obenauf mit einer neuen Frage an:

»Sie können gewiß gar nichts vertragen, nicht wahr?

Da müßten Sie sich mal zur Abhärtung die Bilder in einem meiner medizinischen Werke betrachten! Donnerwetter, da würden Sie schön Ihre Nerven bekommen!

Die könnten Sie nicht ansehen – und da die Fräulein Franzenius auch nicht, – das versichere ich Ihnen!«

Die beiden also Zusammengestellten betrachteten sich unwillkürlich lächelnd. Dann wandte sich Fräulein von Preller zu der Doktorin.

»Sie könnten vielleicht in Ihren Voraussetzungen recht haben, Fräulein Doktor,« sagte sie. »Darin nämlich, daß es nicht das Ziel meiner Wünsche ist, physiologische Abnormitäten mit Wohlgefallen betrachten zu lernen. Im übrigen kann ich Sie aber über den Zustand meiner Nerven vollkommen beruhigen.«

Die Obenauf fühlte nun doch eine Zurückweisung durch und lenkte ein:

»Wie wollen Sie denn aber als Schriftstellerin das Leben, wie es nun einmal ist, richtig beschreiben, wenn Sie sich vor jedem dritten Eindruck fürchten?«

»Ich glaube, so viele Schriftsteller es giebt, aus so viel verschiedenen Gründen schreiben sie – und eben so verschiedenartig sind die Eindrücke, die sie dazu veranlassen. Ich kenne zum Beispiel ein junges Mädchen, der es möglich ist, sich jeden Kummer wegzuschreiben. Manchmal fängt sie weinend an und über dem Arbeiten wird sie ganz froh und ruhig. Ihren Sachen sieht man es aber keineswegs an, daß sie alle unter Thränen und Traurigkeit entstanden sind – sie reden alle von dem, wohin sich nur eines Menschen Sehnsucht gern verlieren mag.«

»Das ist aber nicht das richtige. So egoistische Leute, die nur für sich allein was schaffen, sind keine Künstler,« erklärte die Ärztin. »Die Kunst muß social sein in allererster Linie.«

»Es mag wohl sein, daß sie keine wirkliche Künstlerin ist,« sagte Fräulein von Preller. »Man kommt ja oft ganz von ungefähr zu seinem Titel – So verdanke ich ihn im Augenblick nur Fräulein Schulzes Liebenswürdigkeit die –«

»Aber gnädiges Fräulein!« rief hier Fräulein Schulze ganz ängstlich, »entschuldigen Sie doch, aber ich habe Ihnen heute selbst einen Brief gebracht, der so adressiert war!«

Fräulein von Preller lachte. »Ja dann wird am Ende so eine fremde Redaktion besser wissen, was ich bin, als ich selbst!

Den Titel aber überlasse ich trotzdem lieber denen, die sich einen Beruf aus dem machen, was mir etwa nur – Erleichterung ist.«

Da bekam die Ärztin ein ganz strenges Gesicht. Sie drückte ihren ausgestreckten Zeigefinger in die Schulter ihrer Nachbarin und fragte ausdrucksvoll: »Jetzt sagen Sie mir aber mal, mein bestes Fräulein, mit welchem Recht machen Sie mit ihren leichtsinnigen Anschauungen da denen Konkurrenz, die von nützlichen und angebrachten Dingen aus selbstgeschöpfter Erfahrung zu reden wissen, und die auch die Unannehmlichkeiten ihres Berufs nicht scheuen?«

Da bekam das junge Mädchen einen ganz eigen hoheitsvollen und abweisenden Ausdruck.

Es giebt Menschen, die ihre Wahrheiten in keiner Stunde der Intimität verraten, denen es aber nicht darauf ankommt, sie in freier Willkür gleichsam denen vor die Füße zu werfen, die ihnen mit unverständigen Angriffen begegnet sind. Es ist das ein unerklärliches Bedürfnis, sich gerade da auszusprechen, wo man gewiß ist, tauben Ohren zu begegnen.

So sagte sie: »Ich schreibe, weil es so viele Dinge giebt, nach denen ich mich sehne – Und ich schreibe, weil ich alles das loswerden will, was in meinem Leben traurig und verfehlt gewesen ist.

Zu lange und zu schwer an den Dingen tragen entkräftet – da wird man ihrer ledig – in der Kunst –

Und Ideale giebt es, die sind schön und zart über die Maßen – aber sie taugen nicht in das Leben – da trägt man sie hinüber in die Kunst.

Denn es gilt vor allem, das Leben zu hüten, weil nur von einem ganzen Menschen ganze Kunst kommen kann.

Aber sollte es dennoch eine Wahl geben zwischen Leben und Kunst, so würde ich immer sagen, ›das Leben ist das bessere – das Leben!‹«

»Welche Lästerung der Kunst!« schrie die Ärztin entsetzt, wandte sich ab und vertiefte sich fortan nur mehr in die Genüsse, die der Wald aus Petersilienkraut verbarg.

XII

Esther konnte oft des Nachts nicht schlafen. Sie hörte dieses gequälte Husten des Schwindsüchtigen, und wenn es so ganz unerträglich wurde, fühlte sie sich immer versucht, aufzuspringen und irgendwie zu helfen.

Sie litt mit unter diesen entsetzlichen Anstrengungen des Atemholens. Sie machte jeden Anfall mit durch, der ihn mit einem leisen, keuchenden Husten durchschüttelte, und sie selbst atmete erleichtert auf, wenn sich endlich dieses verzweifelte Ringen nach Luft wieder legte. –

In einer Nacht, da mußte es wohl besonders schlimm sein. Sie hörte ihn nach der Verlobten rufen:

»Nancy! Nancy! Hilf –«

Und nach einer halben Minute wieder: »Kommst du nicht?« –

»Sei still, sei still!

Bleib nur ganz ruhig liegen. Ich bin schon da.«

Die Stimmen und Geräusche klangen mit einer hohlen Deutlichkeit durch die Stille der Nacht.

Esther konnte hören, wie Nancy ihm sein Morphium gab und sich dann ans Bett setzte und hüstelte.

»Ist dir auch nicht kalt, Nancy?«

»Bewahre, ich bin abgehärtet.«

Eine Weile war alles ruhig, dann: »Mir ist so gut jetzt – aber magst du noch ein bißchen dableiben?«

Esther verstand diesmal keine Antwort.

»Erzähle mir, Nancy, sprich davon, wie es sein wird, wenn wir verheiratet sind und drüben in Königs-Wusterhausen in dem kleinen Häuschen am Walde wohnen –«

»Ja, das wird gut sein,« sagte Nancy – »gut für uns beide. Dann haben wir uns ein nettes bißchen Geld zusammengekratzt und können auf die elende Hetzerei mit den Redaktionen pfeifen.

Dann schreibst du in aller Gemütsruhe an deinem Roman, und wenn die Hofjagden sind, dann verständigen wir uns mit ein paar Zeitungen und können in aller Bequemlichkeit das Material für die interessantesten Berichte sammeln.«

»Ach Gott ja, mein Roman! – Elend lange liegt der nun schon!«

»Na Schatz, dann hast du ja doch Zeit die schwere Menge!« –

»Famos ist Wusterhausen – findest du nicht?

Der Park mit den Linden –

Und so überall diese Ruhe –

Man sollte denken, da könnte eins in aller Geschwindigkeit wieder zu Kräften kommen!«

»Sprich nicht so viel. Ich erzähle dir lieber –

Weißt du noch, wie wir zum ersten Mal dort waren und über die Heide fuhren? So viele gelbe Blumen blühten gerade. Der Kutscher sagte, daß es Ginster wäre. Wir haben dann ja auch 'n ganzen Packen abgerupft, aber in der Bahn haben wir sie vergessen.

Und dann bei der Mühle. Da hingen die Zweige von den Kastanienbäumen bis ganz ins Wasser – höchst malerisch! muß man sagen. Man hätte 's gleich für 'n Gedicht verwenden können – wenn man nicht die Lyrik so schlecht bezahlt wäre.«

»Das elende, elende Geld!«

»Gut genug, wenn man's hat!«

»Nancy, rechne mal: wann haben wir genug zusammen?«

»Na, warte mal –

Wenn wir uns vielleicht an dem Preisausschreiben beteiligen – wir können ja gut zusammenarbeiten – und wenn wir dann vielleicht den dritten Preis zu 5000 Mark bekommen, dann steht doch überhaupt nichts mehr im Wege, dächt' ich?

Dann gingen wir vielleicht erst noch den Winter über nach Davos – Du weißt ja, da ist jetzt die großartige Einrichtung für unbemittelte Lungenkranke. Und wenn wir dann unser bißken los sind – und 's wird recht schön warm bei uns hier – so gegen Mai hin – dann siedeln wir über.«

»Nancy, weißt du's noch genau: wie heißen gleich die Bedingungen für das Preisausschreiben?«

»Ein moderner Stoff, der Tagesfragen berührt – nicht über 20.000 Zeilen –«

»Nicht über? – Das ist gut! Als ob jemand mehr schriebe, wenn nicht Zeilenweise bezahlt wird!«

»Tagesfragen – liegen uns ja nahe.«

»Können wir – mit Leichtigkeit.«

»M. w. – m. w.!« sagte Fräulein Nancy.

»Nancy – war nicht neulich in der ›Litterarischen Praxis‹ nicht auch ein Preisausschreiben zur Reklame für eine Strumpfwirkerei?«

»Jawohl: 300 Mark als erster Preis. M. w. ebenfalls.«

»Nancy – ich bin – jetzt – müde.«

»Na, dann gute Nacht, mein Schatz!«

Esther hörte Fräulein Nancy in ihr Zimmer zurückgehen. – – – –

Am nächsten Morgen kam Fräulein Schulze ganz verstört zu Esther hereingestürzt.

»Ach Gott, mein liebstes, bestes Fräulein,« rief sie, »ich möchte ja nicht, daß es jemand anders erfährt, aber zu Ihnen muß ich mich nun aussprechen – sie haben es auch am Ende so dicht nebenan schon selbst gehört: Ihr Zimmernachbar ist heute früh gestorben – an einem Blutsturz – so ganz auf einmal!«

Esther fühlte, wie sich ihr die Kehle zusammenschnürte vor Mitleid und Entsetzen.

»Weiß es denn schon die Braut?« fragte sie endlich.

»Jawohl, die sitzt bei ihm und will niemand bei sich haben. Sie sagt, daß sie ausziehen will, sowie er unter der Erde ist.«

»Kann man denn nichts für sie thun?« fragte Esther mechanisch. Und dann noch einmal voll Wärme: »Besinnen Sie sich doch, Fräulein Schulze, was man da thun könnte!«

»Da kann nur unser Herrgott helfen – für mich ist dieses ganze Vorkommnis ja auch sehr peinlich – wer weiß, ob niemand deshalb auszieht,« sagte Fräulein Schulze und wischte sich mit dem Taschentuch die Augen.

»Ach nein, vielleicht ist es doch möglich,« meinte Esther, »ich will jetzt gleich vor der Malstunde einmal hinübergehen.« –

Sie klopfte an und trat auf ein rauh hervorgestoßenes »Herein!« in das Zimmer.

Es war ein ganz winziges Kämmerchen – ungleich dürftiger noch als das ihre.

Der Tote lag ausgestreckt auf seinem Bett. Er hatte ein leidensverzerrtes Christusgesicht.

Esther ging auf Fräulein Nancy zu, die ihr feindlich entgegenstarrte. Sie wagte kein Wort des Beileids zu sagen, bot nur ganz schlicht ihre Hilfe an.

»Lassen Sie mich in Ruhe,« sagte Fräulein Nancy, »ich gehe Sie nichts an, und Sie gehen mich nichts an. Das hier ist allein meine Angelegenheit.«

Esther ging still wieder hinaus. Sie traf Fräulein Schulze im Gang. »Nun,« fragte die, »haben Sie was erreicht?«

Esther verneinte niedergeschlagen.

»Ich sagte es Ihnen ja, liebes Fräulein, da kann nur unser Herrgott helfen!«

XIII

In den Straßen ging die Luft weich und wehend. Esther spürte diesen feinen, durchdringenden Geruch des einbrechenden Frühlings, und da stieg es plötzlich in ihr auf wie eine leise Neugier nach fernen, fernen, halbvergessenen Dingen.

Wie ist doch das?

Man geht an Frühlingstagen wie durch ein Feld, auf dem Erwartung und Sehnsucht nach künftigem Genießen sproßt.

Ist es wohl so? –

Aber sie – sie gehörte doch zu denen, die für sich selbst nichts mehr zu erwarten haben – denen sich das Leben geweigert hat. Zu denen, die nur noch tapfer sein wollen.

Doch der Wind streifte sie wie ein verwehter Klang der Heimatssprache.

Wie träumend ging sie von dem gewohnten Rückweg aus der Malschule ab und verfolgte die Richtung nach dem Tiergarten.

Überall standen an den Straßenecken Blumenverkäufer mit italienischen Anemonen und Mimosenzweigen, deren linder Geruch gleichsam die Luft verjüngte.

Esther trat in einen Blumenkeller und kaufte ein paar Narzissen – ihre Lieblingsblumen. Sie trug sie sinnend vor sich her.

Über den Straßen des Tiergartenviertels glänzte weißes, trocknes Licht. Aus den Gärten herüber drang üppiger Blumenduft der ausländischen Pflanzen, vermischt mit dem herben Geruch von jung keimendem Grün.

Und dann war der Tiergarten erreicht.

Ein zartgrünes, durchdringendes Licht spiegelte von den jungen Blattknospen auf den Weg herab.

Wie schön das alles war. Ja, sie wußte, daß alles das schön war, was sie umgab – aber sie vermochte es nicht zu fühlen. Eine lähmende Starrheit lag über ihrer Seele, die der alte leichtbewegliche Schönheitssinn vergeblich zu durchbrechen suchte.

Wie Scham über ein heimliches Gebrechen empfand sie diese Starrheit plötzlich. Und sie quälte sich damit und suchte nach Gründen.

Sie dachte: Wie kann es nur sein, daß eine bloße Enttäuschung, die uns nicht einmal im tiefsten traf, so zu töten vermag, während ein großer, echter Schmerz lebenschaffend wirkt?

Sie erinnerte sich, wie sie einmal das Leid getragen hatte wie ein heimliches Glück. Wie ringsum alles zu Leben erstand – geheimnisreich und tief. Wie jeder Vorgang bedeutungsvoll wurde, weil er sich in einem heißen Herzen spiegelte.

Doch dann war jener Irrtum des Fühlens gekommen, der die Lebenskraft langsam, fast unmerklich in sich sog, der sie ganz im geheimen leer und unfähig machte, während ihr schien, sie habe kaum etwas daran gesetzt. – –

Sie ging an den Teichen entlang, dann über eine Brücke.

Schwäne kamen fauchend und mit erhobenen Flügeln angeschwommen. Wie ein hellgrünes Netz über schwarz-goldenem Grund spiegelten sich die jungen Knospen im Wasser.

Esther blieb stehen, senkte den Kopf immer tiefer, lehnte sich an den Brückenpfeiler.

Da kamen ihr ein paar Worte – arme, geborgte Worte – sie hatte wohl keine eigenen mehr: Verfehlte Liebe – verfehltes Leben – –

Und die Schwäne reckten sich zischend zu ihr herauf, und die Worte fielen wie eine geheimnisvolle Last in das golden schwarze Wasser. – – – –

»Fräulein Franzenius, da stehen Sie nun immer und unterhalten sich mit den Schwänen?«

Esther sah auf. Fräulein von Preller stand neben ihr.

»Ich habe Sie gar nicht gesehen,« sagte Esther mit einem scheuen Lächeln.

»Natürlich nicht,« meinte die andre und sah ihr mit einem sonderbar guten und warmen Blick entgegen.

Esther dachte: »Sie ist schön.« Und dann: »Hat sie mir auch jetzt eben gewiß nichts ansehen können?«

Nein, gewiß ahnte sie nichts dergleichen. Sie fragte ganz harmlos: »Darf ich nun mit Ihnen zurückgehen? Denn wir müssen doch gewiß recht pünktlich zum Mittagessen kommen, sonst machen wir das arme Fräulein Schulze ja unglücklich.«

»Gern, wenn Sie mögen.«

Esther war ganz erleichtert, daß sie sich nicht durchschaut fühlen mußte.

So gingen sie nebeneinander durch den Tiergarten zurück.

Fräulein von Preller machte kleine Bemerkungen über die Umgebung. »Schade, daß ich kein Brot für die Schwäne mithabe,« sagte sie. »Sie erwarten es eigentlich nicht anders von jedem Vorübergehenden. Sie stellen sich auf und fordern Zoll. Und wer nichts zu geben hat, den verfolgen sie höchst ärgerlich noch ein Stückchen auf dem Land, dort wo es ihnen eigentlich schon fast unmöglich ist, sich fortzubewegen. Alles das, weil sie sich recht sehr enttäuscht fühlen.«

Dann kam ein Kinderfräulein vorbei mit einer Schar kleiner aufgeputzter Judenkinder. Sie trippelten alle ganz vorsichtig in ihrem Staat einher und hatten traurige, müde Augen.

Fräulein von Preller sagte: »Es thut mir immer weh, wenn ich Kinder sehe, die nicht laufen und springen dürfen. Mir scheint, solche Kinder haben für ihre kleinen beständigen Entsagungen mehr zu dulden, als irgend ein Erwachsener über seinen reifen Kummer, den ihm das Schicksal auferlegt. Immer wenn ich solchen kleinen unglücklichen Wesen begegne, wünsche ich mir nichts mehr, als an Stelle dieser leeren Holzpuppen zu sein, und dann würde ich selbst mit den Kindern um die Wette Kinderstreiche machen. – Natürlich wäre ich dann bald genug von der betreffenden gnädigen Mama entlassen,« setzte sie lachend hinzu.

Esther hörte gern zu. Die alleralltäglichsten Sachen klangen gut und warm durch die Art, wie sie gesprochen wurden, und die etwas tiefliegende Stimme war wie von Leben durchzittert.

Da plötzlich nach einer kleinen stummen Pause brach Fräulein von Preller in die Worte aus: »Ich wollte, alle Geheimnisse wären so schön wie die eines Frühlingstages. Kein Mensch dürfte etwas Trauriges verbergen – dann würde ein jeder umhergehen und den andern glücklich machen mit dem, was er verschweigt.«

»Was kann ein Mensch dazu thun, wenn er trübe Geheimnisse tragen muß?« sagte Esther leise.

»Sie tot machen! Sie ganz ertöten und überwinden, und dann – ein neues Glück darauf bauen!«

»Glauben Sie nicht, daß es Verhältnisse giebt, die kein neues Glück zulassen – die das Glück nicht zulassen?«

»Nein – nie!«

»Sie meinen?«

»– daß jedes Glück gewollt und erzwungen werden kann.«

»Glauben Sie nicht, das ergäbe eine recht billige Moral?«

»Ich weiß, daß sich das, was ich jetzt sagen will, sehr leicht mißverstehen läßt – trotzdem: ich glaube, daß für jeden Menschen, auch für den, der gewohnt ist, nie nach billigen Moralen zu handeln, einmal der Augenblick kommt, wo er sich jenseits der Moral stellt. Es ist für ihn der Ausnahmefall – das Zugeständnis an die Forderung des brutalen Lebens. Wann diese Zeit aber gekommen ist, hat jeder anständige Mensch allein mit sich selbst abzumachen. Er allein muß wissen, wie viel Kampf und Schmerz er einzusetzen hat, ehe er sich sein Glück nimmt.

Man hat viel von einer Moral gesprochen, die im Namen der Schönheit und Freiheit verkleideten Häßlichkeiten das Wort redet. Darüber sind wir jetzt hinaus. Unsre ganze Zeit ist darüber hinaus. Wir wissen nur mehr von einer Ästhetik, die sich mit Ethik deckt.

Wir haben uns von den mißverstandenen Idealen der Freiheit entfernt und lassen wieder die Gesetze der Güte und Großmut über uns stehen, die im Grunde stets für den besseren Menschen gegolten haben. Und an wen es nun kommt, daß er abweichen muß, von dem, was er für gut hält, der hat einen strengen Kampf mit sich selbst zu führen – und er wird ihn hart kämpfen – nur sich nicht zerstören lassen.«

»Aber könnte es nicht einmal – die Pflicht eines Menschen sein, sich in diesem Sinn zerstören zu lassen!«

»Nie. – Allein schon darum nicht, weil ein gebrochener Mensch – ganz objektiv geurteilt – durch seine Person ebensoviel Unheil anrichten muß, wie er sonst Glück geben könnte. Sein Bestes kann ja nur noch Resignation sein.«

»Und das Unglück, das er anrichtet, wenn er sich nimmt, was ihm nicht zukommt?«

»Das – muß er als ehrlicher Streiter thun. Und noch einmal: Er muß wissen, wann er es thun darf – er allein.

Ein guter und ganzer Mensch wird immer von guten Instinkten geleitet – ein gebrochener kann nur noch Unheil anrichten – ganz unbewußt und ungewollt vielleicht.« –

Sie gingen nun das letzte Stück schweigend nebeneinander. Das helle Frühlingslicht floß zitternd an ihnen herab. Esther war es, als hörte sie ganz von ferne Glocken klingen. Feiertagsglocken waren das – wurde nicht das Leben eingeläutet?

Das alles drängte sich ihr so heiß zu Herzen. Und auch das Traurige wurde milde.

Esther dachte: »Das war es – ja, das war es: ich mußte Unheil anrichten – überall wohin ich kam. Ich hatte nichts Ganzes und Gutes einzusetzen, weil ich dort nicht kämpfen durfte, wo meine Seele begehrte. – –

»Mit meiner ganzen Seele begehre ich nach dir!«

Ja, mit diesen Worten dachte sie plötzlich an den alten Wunsch. Lebensvoll wie nur je trat er hervor aus langem, langem Schweigen.

Der Kampf war zu Ende.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings