Erster Abschnitt
Reading edition

I
Auf dem Fluß hingen des Morgens Nebel, die sich in zarten Tönungen auch noch über die Uferwiesen hin erstreckten. In den Straßen sangen nach altem thüringer Brauch die »Kurrendeschüler« mit ihren schwarzen Chormäntelchen angethan. Sie zogen von Haus zu Haus, sangen mit Engelsstimmen und schimpften einander dazwischen, als die Gassenbuben die sie waren. Von den Bäumen plauzten schon die reifen Kastanien, zerbarsten und rollten schillernd über den Weg.
In wenig Tagen würde man auch das Schwimmbad schließen müssen, denn schon traute sich niemand mehr in das abgekühlte Wasser, ausgenommen Fräulein Esther Franzenius. Fräulein Esther aber würde gewiß nicht eher aufhören ihre sehr schlanken, kraftvollen Glieder gegen das Wasser zu spannen, bis ihr das erste Nachteis die Haut ritzte.
Esther Franzenius ging über die Wiesen, da steifte sich ihr der Wind entgegen und zerrte an ihren vom Wasser feuchtdunklen Haarsträhnen, die immer zu lang in das Gesicht fielen. Und sie bog ein wenig den Oberkörper zurück, und eine Tragkraft ging durch ihren ganzen Leib, als sei er ein feiner, stolzer Bau, den festgefügte Steine gen Himmel heben.
Dann ging sie durch die grauen Gassen mit dem Pflaster von Anno dazumal und zuletzt die kleine Anhöhe hinauf.
Ja, ganz versteckt lag das Haus, in dem Esther wohnte. Eine hohe, breitbuchtende Ligusterhecke umsperrte den Garten.
Maria kam über den Weg ihr entgegen. Maria war schön und strahlend – auch in ihrem Mißmut. Maria nahm alle Herzen hin, und selbst die Baumwürzelein freuten sich, wenn sie vom Kleidersaum der Allerschönsten gestreichelt wurden. Ja, Maria hatte ein gesegnetes Angesicht.
»Ist er noch nicht bei Dir?« frug Esther die Schwester.
»Oh, er wird schon kommen.«
Und da war er auch schon.
Erst gingen seine Augen zu der blonden Maria, wie das ganz natürlich war. Sie verfingen sich förmlich in ihren Blicken, sie ließen nicht los, so daß die Hände ungeleitet zu einander tasten mußten.
In Esther klang das wieder, was er fühlte in diesem Augenblick: Es mußte ihm sein, wie ein Ausruhen nach langem ermüdendem Steigen – ein Erlösungsgefühl – und Dank.
Immer wußte sie, was er empfinden würde bei all den kleinen, feinen Anlässen, in denen sich das Leben unter der Hülle der Geschehnisse abspielt. Sie besaß zu seiner die Schwesterseele – aber das wußte nur sie.
Sie erschrak förmlich, und ihr war, als hätte nun auch er ihre Gedanken begleitet, als er plötzlich die Hände seiner Braut losließ und sich nun zu ihr wandte.
»Sie sind vorhin immer vor mir hergegangen, Esther – ich habe Sie gesehen.«
Sie erschrak, weil sie seine Worte wie die Brücke zu tieferem Sinn nahm – aber dann fiel ihr ein, daß ja nur sie es war, die ihn erkannt hatte. Da tauchte auch wieder die Wirklichkeit an die Oberfläche.
»Jetzt ist Esther das Hausmütterchen, ja?« wandte sich nun Maria zu ihr. – Und sie gingen hinein in das Haus, und Esther trug Obst auf den Tisch und Wein, der aus einem feinen, hohen Krug gegossen wurde. Und alles ordnete sie Maria zu Händen. Und alles sah aus, als sei es nichts als ein Opfer, Marias Schönheit gebracht.
»Die ungleichen Schwestern,« sagte Lothar; dabei hingen aber seine Augen selbstvergessen nur an der, die er liebte.
Und Esther übersetzte in Gedanken seine Worte: Wir demütigen uns vor ihr. – Und sie lächelte zu der schönen Schwester hinüber.
Maria erzählte von einem Lied, das sie gestern niedergeschrieben hatte. Sie dichtete in Tönen und Worten. Das stimmte auch zu ihrer Persönlichkeit. Esther und Lothar aber übten nur die schweigsame Kunst der Malerei, die sich im Bewundern und genießendem Verstehen bescheidet.
Dann setzte sich Maria an das Klavier und gab zu einer einfachen Melodie ihr Lied, das sie nur mit ganz leiser, halb sprechender Stimme sang:
»Legt Narzissen auf mein Grab,
Ich habe mich zu viel gesehnt –
Schwarze Tujazweige drüber,
Weil mir keiner Liebe gab.
Rote Rosen streut zu Füßen,
Die bedeuten meine Träume,
Und zu Häupten eine Lilie,
Daß mich eure Engel grüßen –
Und dann laßt mich dem Vergessen.«
Es klang so weich und rührend, wie die schöne Maria mit ihrer zu schwachen Stimme sang. Man vergaß darüber, daß sie die schöne Maria war, der ja alle Liebe stets zu Füßen lag, die nie eine vergebliche Sehnsucht gekannt hatte. Und das Herz that sich auf in Zärtlichkeit für diesen melancholischen Liebreiz.
Esther verstand nicht mehr. Ein häßlicher Gedanke drängte sich ihr auf. »Tändeln mit dem Schmerz,« dachte sie.
Sie sah hinüber zu Lothar. Der saß in die stumme Anbetung versunken, die man dem Leid eines geliebten Menschen weiht. Da stieg eine gegenstandslose Scham in ihr auf.
»Aber die Dichter lügen zu viel!« – Hatte sie selbst denn dieses spottsüchtige Citat gesprochen?
Lothar sah sie mit ganz erstauntem Mißfallen an. Und Maria – die arme, schöne Maria machte so hilflose Kinderaugen. – – –
Als Lothar dann fortging, sprach er. Er traf mit Esther im Hausflur zusammen, denn er war zuletzt allein mit Maria gewesen, und sagte: »Warum haben Sie ihr das angethan? Man darf ihr nicht wehe thun – Sie gehört zu den Menschen, denen man nicht weh thun darf.«
Und Esther senkte den Kopf. »Ich weiß es. Ich weiß es wohl.«
Zuweilen kam eine Sehnsucht nach starken, heißen Farben über sie. Am Berg standen Ebereschen. Dort war es am schönsten, wenn die brennroten Beeren durch den Nebel schimmerten. Das gab ein Gefühl der Abgeschlossenheit mit dieser einzigen Farbe.
Immer wieder mußte sie dorthin gehen wie zu einem Geheimnis. Sie lächelte über sich selbst.
Ihr Weg führte an vielen Wachholdersträuchen vorüber, die sich wie sagenhafte Linien entfernter Pyramiden abhoben. Und über Felsgeröll mußte sie klettern, bis endlich das Plateau mit den Ebereschen erreicht war.
Die roten Beeren aus dem Nebel leuchtend – mit der grellen Deutlichkeit einer verzückten Vision – – – –
Ein unbeschreiblicher, verschwiegener Genuß.
Zuweilen bettete der Nebel die Luft so dicht ein, daß sie unbeweglich lag – Dann war das Gefühl jener köstlichen Gemeinsamkeit am stärksten. – –
Anders war es in den klaren Tagen. Da lag alles wie ein Spiegel stiller und weiter Gedanken.
Das war eine gute und fruchtbare Einsamkeit, die auch oft zum Mitleben in andern, wesensfremden Naturen lockte.
Da war die Freundschaft mit Lydia.
Lydia besaß einen langen Hals und eine kränkliche Stimme. Und sie gehörte zu den Ausgestoßenen.
»Du mußt mir erzählen wie es dort ist, wo du jetzt bist,« sagte Esther.
Lydia errötete und schob das Kinn über den schwankenden Hals hinaus. »O, es gefällt mir ganz gut.«
»Du wünschest dir nichts anderes?«
»Nein.«
»Sind auch die Leute gut zu dir?«
»Was denn? Sie gehen mich nichts an. Ich will nichts von ihnen – sie wollen nichts von mir, als daß ich ihren Kindern Stunden gebe. Warum sollten sie gut zu mir sein?«
»Wolltest du nie jemanden, den du liebst, und der dich lieb hat, Lydia?«
»Ich habe ja dich. Ich möchte niemand sonst.«
»Möchtest du keinen Mann, wie die andern Mädchen?«
Da kam eine plötzliche Energie in die Haltung des blassen Mädchens, und sie richtete ihre, sehr schönen, ausdrucksvollen Augen auf Esther: »Wer auch zu mir käme, ich wollte niemand als dich. Du bist gut zu mir gewesen wie sonst kein Mensch. Und ich habe alles von dir bekommen – alles!«
Esther dachte: Ich habe ja so wenig zu geben – es ist alles so fest in mich eingewachsen, daß nicht Wort und nicht Gebärde es lösen könnte. – Ich gehöre ja zu denen, die schweigen müssen. Weshalb glaubt sie nur an mich? – Und sie sagte: »Wenn du nur nicht einmal siehst, daß ich dir nicht genüge.«
»Ich will nichts von dir. Ich will dich nur lieb haben dürfen,« sagte die andre.
Und sie saßen nieder an einer Hügelböschung. Vor ihnen lief der Fluß, und das Wasser war so blank wie Glas. Drüben am andern Ufer wurde Heu gemacht. Das Uferschilf rasselte manchmal in die Stille hinein, wie ein wohlbewaffnetes Heer, das unversehens aus seinem Versteck brechen will. –
Ganz plötzlich kam ihr der Wunsch wohlzuthun. Sie nahm die Hand des häßlichen Mädchens und küßte sie.
Später, zum Frühling hin, geschah es.
Da war Esther einmal im Nebenzimmer, wie Maria und Lothar in der Dämmerung zusammensaßen. – Ja, es war in der Dämmerung, wo sich die Seelen näher kommen, wo jenseits alles Fremden und Irreleitenden ein Ich zum andern findet.
Esther hörte es.
Sie hörte ihre freien, glücklichen Zärtlichkeiten und ihre Worte der Zusammengehörigkeit.
Da streifte Maria das leichte Gewand der Melancholie herunter, und sie zeigte sich ihm, wie sie im Grunde war: die Glückspendende – die Priesterin der Seligkeit.
Sein Herzschlag mußte sich jetzt mit ihrem einen – –
Wie denn? – Er lachte – denn er konnte mit all seiner Schwermut und Herbe versinken in ihrem leichten Glückswagemut.
Esther fühlte ihm nach –
Nein, sie fühlte ihm nicht mehr nach! Zum erstenmal löste sich ihre Persönlichkeit von seiner, nicht um zurückzutreten, sondern sie stellte sich ihm entgegen. Sie fühlte, wie es sein müßte, wenn er zu ihr, zu Esther gefunden hätte. So ganz anders wäre das gewesen: Schwer und mit Thränen müßten sie zusammenkommen – und es würde sein wie ein tiefes Leid. – Und sie würden ringen aneinander, weil keiner zum andern fände – weil sie zu ähnlich waren und keiner den andern auslösen könnte. –
Und drüben hörte sie seine entzückte Stimme. – »Maria Liebe – Liebste du –«
Da war ihr, als müßte sie das Gesicht verbergen. Und sie lief hinaus in ihre Kammer. Und sie konnte nicht weinen – und saß auf ihrem Bett und starrte in das Dunkel. – Ja, sie sah das Dunkel von Angesicht zu Angesicht, wie es ihr schweigend entgegenblickte.
Und da fand sie einen neuen Willen.
II
Esther wollte sich Neuland erobern.
Doch es wurde Frühling und Sommer, bis sie ihren Plan ausführte. Sie hing so stark an der Heimatserde. Und sie dachte an die süße Hilflosigkeit Marias, und auch die praktische Abhängigkeit des Vaters, der als Gelehrter jeder Änderung seiner Gewohnheiten angstvoll, ratlos gegenüberstand, fiel ihr aufs Herz.
Aber ihrer Familie gegenüber fand sich Ersatz für ihre Abwesenheit.
Lydia kam in ihrer bescheidenen Selbstverständlichkeit. Lydia zog ein in Esthers Zimmer, und es war, als hätte sie nie einen andern Wunsch gehabt, als nun Hintergrund für Marias Schönheit zu sein.
Am letzten Abend ging Esther mit Lydia durch den Garten. – Sie strich ganz heimlich mit der Hand über die Zweige der Büsche und sah das Bild ihrer einstigen Heimkehr. Sie sah sich wiederkommen – getrieben vom Heimweh nach alten Schmerzen – und wollte doch davon nichts wissen, denn sie ging ja in das neue Leben, um zu überwinden.
»So schwer wird mir das Fortgehen,« sagte sie müde.
Und Lydia darauf: »Ich weiß, du läßt deine Jugend zurück.« – – – –
Den ganzen andern Tag hörte sie in sich dieses Wort nachklingen, stieß es zurück, holte es mit einer seltsamen heimlichen Lust an seinem Klang wieder hervor und verläugnete es um so heftiger.
Sie reiste ganz nach dem Norden von Dänemark. Die Fahrt von Hamburg nach der kleinen Küstenstadt machte sie in der Nacht.
Sie konnte nicht zum Schlafen kommen, saß die ganze Nacht über am geöffneten Fenster und spürte den tragischen Reiz der hellen nordischen Sommernacht.
Lange, lange Wiesen mit dem weidenden Vieh, das jetzt zum Schlafen hingestreckt lag, aber gleich darauf vom Lärm des Zuges geschreckt in die dämmernde Ebene hineingaloppierte.
Und am Himmel wechselte ein leuchtendes Farbenspiel. Dort glühten die sehnsüchtigen Wünsche über der verhaltenen Resignation der Ebene.
Nach Mitternacht wehte Seeluft herüber. Und dann lag im Morgennebel der bläuliche Fjord mit seinen verträumten grünen Ufern.
Weiter noch gen Norden blühte die Heide, wie in einem weiten, jubelnden Ton des Erwachens.
Nun kamen die kleinen Ortschaften, alle durch eine hohe grüne Baumhecke gegen die Windseite geschützt, zuweilen aus ihrer Mitte den kahlen und nüchternen Bau einer Missionskirche förmlich ausstoßend. – Und einzelne Bauernhöfe lagen am Weg mit den tiefgedachten Häusern, die sich ganz niederkauern im üppigen Grün ihrer Gärten, die in Wohllustschlaf versunken scheinen ob all dem Blühegeruch ringsum.
Endlich, gegen Mittag kam das Reiseziel.
Vor dem Bahnhof waren grüne Anlagen, in die man beim Einfahren hineinsah. Und ganz plötzlich kam bei diesem Anblick die wunderliche Vorstellung einer Heimkehr über Esther. Sie fühlte einen Augenblick lang diese Ankunft im fremden Land wie eine Wiederkehr zu alt vertrauter Umgebung. Ja, sie glaubte sogar die Wege schon zu kennen, die hinter den verdeckenden Bäumen in die Stadt hineinführen mußten.
Sie stieg aus und wurde von fremden Menschen empfangen, und ging doch lange noch wie von einem Traum verwirrt.
Esther verstand reichlich wenig von der Tischunterhaltung, obschon ihre Mutter eine Dänin gewesen und früher zuweilen mit den Kindern in ihrer Muttersprache geredet hatte. – Es war so ein großer lärmender Kreis, und es lag wie Kinderlust über den Menschen, eine Atmosphäre der Harmlosigkeit und leichtesten Lebensfreude, die Esther nicht sogleich aufzufassen vermochte. Doch das alles kam ihrem Herzen nahe.
Da gab es noch fünf Gäste außer ihr, und sie alle waren mit einer schier unglaublichen Eß- und Lachlust angethan.
Neben Esther saß Louise, die Tochter des Hauses. Sie hatte einen feinen, leicht vorgebeugten Nacken und eine liebliche Art, sich zu bewegen. – Esther sah immer wieder zu ihr hin, und dann war es, als ob eine ganz leise Melodie zwischen ihnen anhebe – durch all den frohen Lärm hindurch eine ganz heimliche, einsame Melodie der Harmonie. – – – –
Esther wachte auf und hörte Musik.
Es war ganz ruhig im Haus und schon dämmerig. Sie erinnerte sich, nach Tisch auf ihrem Bett eingeschlafen zu sein.
Ein feiner, klagender Singsang erfüllte die Stille, und sie besann sich vergeblich, von welchem Instrument der wohl herrühren mochte.
Dann ging sie den Klängen nach: durch den dämmerigen Hausflur, eine Treppe hinauf und zu einer angelehnten Thür hinein. Da stand sie nun in einem Zimmer voll altväterischer Möbel, zwischen denen ein Spinett, an dem Louise saß und spielte.
Es war, als lägen die Erlebnisse weiter Vergangenheiten in diesem Raum, und wer auch zu den Fenstern hinaus auf das Meer sah, bekam ganz unwillkürlich den Blick gereifter Erfahrung in die Augen. –
Luise brach plötzlich und scheu ihr Spiel ab, wie sie Esther kommen hörte.
Sie sagte: »Oh, ich glaubte mich allein im Haus,« und strich mit einer verlegenen Bewegung über die Tasten, gleich als hätte sie einen entblößten Körper zu verdecken.
»Und wolltest du nicht spielen, wenn jemand es hörte?«
»Doch – ja – nur zuweilen darf niemand zuhören.«
Esther antwortete nicht. Sie setzte sich an das Fenster, von dem aus man so weit über das Meer sehen konnte, daß es den Leuten einen gereiften Blick gab. Sie sagte erst nach einer Weile: »Was für ein Lied hast du gespielt – wenn du mir das sagen magst –?«
»Ein ganz altes Volkslied ist es – das Lied vom ›Herre Peder‹ und der Helelide.«
»Willst du mir sagen, wie es geht?«
Luise gab leise die Melodie in den zitternden Tönen des Spinetts an und sprach dazu:
»Junkherr Peder warf Runen über den Pfad,
Den Helelidens Fuß betrat.
Dann lichtet' er sein Anker,
Er hatte guten Wind,
Und segelte von Dänemark
Und seinen Frauen lind. –
Holde Worte
Erfreuen die Herzen,
Holde Worte
Verschulden die Schmerzen –
Holde Worte!
Helelide ging am Strande harrend,
In die tiefen, salzen Wasser starrend.
Dann lichtet' sie ihr Anker,
Sie hatte guten Wind,
Und segelte von Dänemark
Mit ihren Frauen lind.
Holde Worte
Haben mich tief bethört,
Holde Worte
Haben mein Herz versehrt –
Holde Worte!
Da rief der Wächter, als das Schiff in Sicht:
›Uns bringt der Wind das Sonnenlicht!‹
D'rauf hat der Junkherr Peder
Vor Freuden schier gelacht,
Als Helelide Ehre
Und Treue ihm gebracht.
Holde Worte
Bringen viele Freuden,
Holde Worte
Schaffen manche Leiden –
Holde Worte.«
Luise stand auf und trat zu Esther ans Fenster. – Esther fragte: »Waren die Runen Liebesworte, die Junkherr Peder zu Helelide sprach?«
Und Luise: »Ich weiß es nicht. Aber ich meine, wir hören zuweilen einen Menschen etwas sagen, das kaum für uns berechnet war, das gewiß in keiner persönlichen Absicht zu uns gesprochen wurde, und doch kommt es zu uns, ja es – ›verführt‹ uns.«
Esther mochte nicht Louise ansehen. Sie neigte nur den Kopf und sah wie bisher weit hinaus auf das Meer. Und ganz da draußen, dort wo die Unendlichkeit beginnt, konnten sich vielleicht ihre Blicke begegnen. Und vielleicht wurde dort das Schweigen gebrochen, das sich hier jetzt über sie legte.
Am andern Tag wurde ein Ausflug nach einem benachbarten Gutshof gemacht.
Man ging die braun-violetten Heidehügel bergan und bergab. Der Wind strich in unausgesetztem, immer gleich starkem Zug über das Land, so daß es klang wie der thränenlose Jammer des Wahnsinns.
Stärker wurden die Stimmen und klang voller in der kräftigen Luft. Auch gab der weite Horizont dem Blick eine stolze Kühnheit.
Am Gipfel des »Himmelsberges«, ein Hügel, der die andern Buchtungen um weniges überragte, lagerte man sich.
Frau Olga Bergsö, die immer Lebensvolle, versammelte ihr kleines Heer um sich. Da lag sie halb aufgerichtet an einen hohen Merkstein gelehnt, mit ihrem seltsamen Dreimaster einem Feldherrn gleichend. Feine, energische Linien begrenzten ihr Profil wie einen Schattenriß am weißlich hellen Himmel.
Ihr zur Seite rangen Julie und Alexandra, die beiden Sechzehnjährigen, im liebevollsten Zweikampf miteinander in den weichen Büscheln des Heidekrautes.
Herr Bergsö ging mit der vierzehnjährigen Tule Arm in Arm, denn sie waren sehr gute Freunde.
Hinter Frau Olga jedoch kauerte die zarte, stets von Bewunderung erfüllte Fräulein Missus. Sie war Olgas Lehrerin gewesen und besuchte diese nun in jedem Sommer, um ganz im Innern ihrer kleinen zerknirschten Gouvernantenseele wahre Orgien der Bewunderung für ihre frühere Schülerin zu feiern. Alexandra erzählte in Bezug auf sie die sehr seltsame Geschichte, daß sie, Alexandra, einmal zu noch morgendlicher Stunde am Fenster von Fräulein Missus' Stube vorbeigegangen sei. Zu ihrem großen Entsetzen hätte aber auf dem Kopfkissen des Fräuleins, statt deren wohlfrisiertem Haupt, nur ein großes, nacktes, gelbliches Ei gelegen. – Diese denkwürdige Historie reizte fortan die jüngeren Bewohner des Hauses Bergsö zu morgendlichen Spaziergängen vor den nunmehr hoffnungslos verhängten Fenstern des armen Fräuleins. –
»Für jeden sind zwei ›Boller‹ mitgebracht und Brot so viel ihr wollt,« erklärte Olga ihren Gästen.
Und die Gäste griffen gehorsam zu, um sich ihr Anrecht auf die beiden zudiktierten Boller zu sichern. – –
Nun gab es nur noch einen kurzen Weg, und ganz unvermutet sah man »Eriksgaard« in einer kleinen Senkung liegen.
Man trat aus der wehenden Haide ganz unversehens in das Schweigen eines sommerlichen Blumengartens ein. Hohe, grüne Mauern ließen hier den Wind verstummen. Und mitten auf dem Rasenplatz wiegte sich in üppigster Schönheit eine große rote Rose. – »Sie heißt Camille de Rohan,« sagte Herr Adam Rude zu seinen Gästen.
In dem weiten, steifmöblierten Saal des Hauses hatte Eliza Rude den Tisch gedeckt und die übliche Chokolade aufgetragen.
»Eliza ist meine kleine Hausmutter,« sagte der alte Rude. Und das schlanke Kind mit den etwas zu weit auseinanderliegenden breiten Augen und dem keuschen Madonnenkinn lächelte in beginnender Koketterie. Sie nahm die Art einer Dame an und bat die Gäste würdevoll, einzutreten.
Für »das deutsche Fräulein« hatte Eliza eine große und plötzliche Liebe gefaßt. Jene auf unfehlbarem Instinkt beruhende Leidenschaft der Seele, wie sie heranwachsende Menschen oft zu Personen des eigenen Geschlechtes überkommt. Ein Gefühl, das weder unter dem Begriff »Liebe« noch »Freundschaft« steht, vielmehr eine unendlich verfeinerte Essenz dieser beiden Empfindungen darstellt. Man könnte denken, es sei eben nur ein Vorrecht der ganz reinen Seelen, weil die vernünftigen und gereiften Menschen nur mit dem vernünftigen und gereiften Spott darauf herabzulächeln pflegen, den sie für alle hohen, der baren Nutzbarkeit entfremdeten Dinge bereit halten. –
Eliza saß neben Esther und strich ihr heimlich unterm Tisch über die Hände. Sie war von Ungeduld erfüllt, die andere möge sich mit tieferen und innerlichen Worten ihr nähern, und wartete nur auf das erlösende bedeutsame Wort. – Und sie quälte Esther mit wunderlichen Fragen und Forderungen.
Endlich sagte sie noch: »Wie reden bei Ihnen die Leute, die sich lieb haben? Giebt es ein Lied, das von ihrer Liebe erzählt? Sagen Sie mir eins, das Sie selbst leiden mögen.«
Esther fiel ein altes kleines Liedchen ein, und sie sprach es lächelnd:
»Ich bin dein,
Und du bist mein –
Des sollst du gewisse sein.
Du bist geschlossen in mein Herze ein,
Verloren ist das Schlüsselein,
Drum mußt du ewig drinnen sein.«
Eliza ließ es sich zweimal sagen und Worte, die sie nicht verstand, übersetzen. Dann meinte sie nachdenklich: »Es ist ein schönes Lied. Ich werde es mir für Sie merken, Fräulein Esther.«
Und dann: »Kommen Sie ein wenig mit mir, wo die andern nicht sind. Ich möchte einmal mit Ihnen allein gewesen sein.«
Esther folgte ihr mit einem ernsten Lächeln. Sie stand noch nicht der Kindheit fern.
So saßen sie in einer Lindenlaube und sahen durch das grüne Licht hinaus in den Garten, wo sich Camille de Rohan einsam in selbstbewußter Schönheit vor der Sonne neigte.
»Dem Vater haben Sie auch gefallen,« fing das Kind wieder an. »Ich kann es an seinen Augen sehen, wenn ihm jemand gefällt. Hat er nicht schöne Augen, mein Vater? Und ist er nicht ein schöner Mann?«
Esther sagte: »Ja, er ist ein schöner alter Herr.«
»Und meinen Bruder Arne sollten Sie sehen! Er ist jetzt nicht hier. In Kopenhagen ist er. – Schriftsteller!« Das letzte Wort sprach sie mit nachlässig verstecktem Stolz. – »Aber wenn Sie ihn sehen würden – er ist der schönste junge Mann, den ich kenne!«
»Wie alt bist du eigentlich?« fragte Esther.
»Im September ist mein sechzehnter Geburtstag.«
Esther war erstaunt, sie hatte Eliza für jünger gehalten. Aber gleich darauf begriff sie. – »Ah, du wirst also fünfzehn, wenn dein sechzehnter Geburtstag ist?«
»Nein, nein! – Ja, es ist schon so, aber Sie müssen nicht immer alles gleich entdecken!« Eliza war sehr indigniert und auf einmal eine zürnende junge Dame geworden. Aber gleich darauf erklärte sie – wieder Kind –: »Ich wollte ja nur nicht so viel jünger sein als Sie – ich dachte, daß man sich um jüngere Kinder weniger kümmert. Aber wenn Sie mich auch so ein wenig gern haben, ist schon alles gut – – –«
»Ja; ich habe dich ›auch so‹ gern!« –
Drüben, im Sonnenlicht schaukelte Camille de Rohan. – – – – –
»In nächster Zeit wollen wir Ihnen einen Besuch wegnehmen, Frau Bergsö,« sagte Herr Rude, als die Gäste sich verabschiedeten. Und Eliza drückte Esther bedeutungsvoll die Hand, denn es war zwischen ihnen schon ausgemacht, daß Esther den »sechzehnten Geburtstag« mit auf Eriksgaard feiern sollte.
III
Das war zu Ende des August, als Esther nach Eriksgaard kam.
Sie wollte den Weg allein gehen. Eine plötzliche und starke Sehnsucht nach Einsamkeit drängte sie dazu. Denn schon lag alles Frohe und Leichte ihrer Umgebung wie am andern Ufer. Und es war wie ein zögerndes Umwenden und Zurückgrüßen, als sie das Haus am Meer verließ.
Sie ging über die weiche, nun schon verblühende Heide wie über das zottige Fell jener Märchenungetüme, die vor verwunschenen Schlössern liegen. Sie sah am Himmelsrand in grauer Wolkenferne die Erdriesen kämpfen, und sie vernahm die Seufzer unstillbarer Sehnsucht aus dem Reich der Unterirdischen.
Ja, alle Dinge sprachen zu ihr. Aber sie ging mit den stillen Augen des Lauschenden, und in ihr erstand eine zarte und weltfremde Liebe – eben zur Welt. – – – – –
Da lag Eriksgaard. Und Eliza kam mit ihrem keuschen, erwartungsvollen Lächeln ihr entgegen.
»Du kommst allein über die Heide, Esther? Jeden Tag habe ich auf dich gewartet! Jeden Tag bin ich dir entgegengegangen.« – Sie bemerkte gar nicht, daß sie plötzlich das Du brauchte.
Dann faßte sie Esther bei der Hand, und sie traten ein in das Haus. In die Thür war ein Herz geschnitten, man konnte dadurch in das Innere des Hauses blicken, aber man sah nur das Dämmern des dunkleren Raumes, weil man im hellen Tageslicht stand. – Esther dachte: ein Herz ist in die Thür geschnitten – – – –
»Vater! da ist sie!« rief Eliza.
Adam Rude kam aus einem halbdunklen Zimmer und begrüßte den Gast. Seine Augen waren wie im Traum gewesen.
»Dort hängt das Bild meiner Mutter,« sagte Eliza später. »Er geht zuweilen hin und ist mit ihr allein.« Sie sprach wie von einer lebenden Person von dem Bild der Toten.
»Wie war deine Mutter?«
»O – zart und fein. Nicht sonderlich schön, aber voll Anmut. Und sie war gut gegen ›Gerechte und Ungerechte‹. Ich entsinne mich, wie unser Haus eben gebaut war, kam ein Bettelweib – eine alte Frau, die oft betrunken war. Die hat meine Mutter nun überall herumgeführt und ihr alles gezeigt und sprach mit ihr, wie mit einer guten Bekannten. Dann hat sie ihr auch etwas gegeben – wohl nicht viel, denn die Eltern waren nicht reich damals und meine Mutter ängstlich und sparsam. Aber ich habe die Frau dann fortgehen sehen – mit einem so glücklichen Gesicht.«
Eliza hatte eine seltsame frühreife Art zu sprechen. Die Art sehr gewissenhafter und beobachtender Menschen: es war wie eine plastische Nachgestaltung der Geschehnisse. – Sie dachte ein wenig, wobei sie ganz unerwartet ihrem Vater ähnlich wurde und sprach fort: »Ja – und dann erzählte Mutter uns aus der Geschichte. Aber alles, was schrecklich und traurig darin war, verschwieg sie uns. Ich weiß gar nicht, wie sie das möglich machte, aber wir erfuhren nichts über Tod und Entsetzen. So, daß wir es dann später gar nicht verstehen konnten, als sie uns starb. Wir hatten einfach den Schmerz nicht begreifen gelernt.«
»Du und dein Bruder?«
»Nein, der war schon von Hause fort. Ich und eine Schwester, die jetzt tot ist. Sie war zarter als ich und hat nie das Entbehren lernen können – obschon wir nicht sehr traurig waren, als Mutter starb.«
Über Elizas Hände ging die letzte Sonne. Es waren überzarte Hände. Esther dachte: sie haben einen Zug der Unwirklichkeit.
»Du verstehst alles so sehr,« sagte sie zu dem Kind und strich ihr über die Hände. Ja, es lag über diesen Händen wie die Ahnung von künftigem Leid.
Da ließ das Mädchen mit einer sonderbar hilflosen Bewegung den Kopf auf Esthers Schulter sinken und weinte. –
Sie weinte immer mehr und sagte dazwischen: »ich weiß gar nicht, warum es ist – ich verstehe mich gar nicht.« – Und Esther zog sie zu sich heran. Sie fühlte die Wärme ihres Körpers zu der andern übergehen wie im instinktiven Beschützenwollen erwachender Mütterlichkeit und spürte, daß Eliza ruhig wurde und auf ihren Herzschlag hörte.
Doch da geschah etwas ganz Seltsames: Esther erhob die Augen von dem Kind, das da an ihrer Brust weinte und sah plötzlich in ein Gesicht, das mit dem Ausdruck verzehrender Sehnsucht zu ihr gewandt war. Sie sah ratlos zur Seite und dann wieder hin – aber da stand im beschatteten Rahmen der Thür Adam Rude mit seinem gewohnten verschlossenen Gesichtsausdruck. Er nahm sich in der Dämmerung aus wie ein alter Van Dyck. Langsam kam er jetzt auf die beiden Mädchen zu und strich seiner Tochter über das Haar. Dabei sah er mit einem verlorenen Blick zum Fenster hinaus und sagte: »Kind – Kind.« – Und wieder: »Kind, Kind!«
Dann wandte er sich schwerfällig und verließ das Zimmer. – –
Zwischen den beiden Mädchen blieb es jetzt still. Draußen ging die Dämmerung und verhüllte das Land. Und an dem dichtgrünen Schutzzaun nagte der Wind, vergebens mit seinem leisen, gierigen Stöhnen Einlaß suchend. – Über die Menschen kam ein Gefühl der Geborgenheit.
Esther war schon einige Wochen auf Eriksgaard und fühlte sich mehr und mehr mit der seltsamen Eintönigkeit des Hauses und seiner Bewohner verwachsen.
Sie gewöhnte sich an Adam Rudes absonderliche Art, durch das Haus zu irren und zerstreute Worte zu stammeln. – Sie wurde vertraut mit dem überreifen, so oft das Unwirkliche streifenden Wesen Elizas.
Und in dieser traumhaften Umgebung versank ihre Kraft fast unmerklich aber stetig im erschlaffenden Nachgeben.
Seltsame heiße Bilder, die nur ganz entfernt die Wirklichkeit berührten, kamen zu ihr. Die unterdrückte Sehnsucht nach dem einen geliebten Menschen lebte sich in ziel- und gestaltlosen mystischen Phantasien aus. –
Und dann gab es eine Nacht, in der sie nach schlaflosem Hindämmern ganz plötzlich in ihrem Bett kniete – den Kopf vornübergebeugt und die Hände verschränkt – und immer liefen Thränen vor ihr nieder. Und sie warf den Kopf zurück und senkte ihn wieder und wollte – beten? – –
Und immer liefen Thränen vor ihr nieder.
Aber es gab kein Wort und keinen Gott – nur allertiefste Verlassenheit war um sie.
Und das Zeitgefühl schwand, und der Körper wurde wesenlos. Es war wie der Tod im Leben. –
Und dann fand sie sich wieder: mit zurückgeworfenem Kopf und schlaff herabhängenden Armen – schon lange thränenlos. Die Glieder waren ihr ganz kalt und taub geworden und gingen schwer zu bewegen. Und sie fand sich allmählich wieder ganz zurück in die Wirklichkeit und legte sich ruhig nieder – ja ganz ruhig und – gebrochen.
IV
Esther saß im Gartenzimmer und malte. Sie war allein im Haus geblieben, während Eliza mit ihrem Vater hinüber zu den Pächtersleuten ging, die den vom Wohnhaus ziemlich entfernt gelegenen Gutshof verwalteten.
Über der stillen, weiten Stube lag etwas Festliches. Vielleicht war es nur der Sonnenschein und die Einsamkeit.
Esther legte Pinsel und Palette nieder und betrachtete die Leinwand vor sich. Sie hatte ein Phantasiestück zu malen begonnen, das wenig Zeichnung und recht viel Farbenreiz enthielt. Es war nichts als Heide und Himmel: ein rechtes Motiv für Gedanken der Schwermut und Leidenschaft. – – –
Esther errötete plötzlich und schob das Bild zur Seite. Sie stand auf und trat hinüber in den Sonnenschein. Sie streckte die Hände aus und fühlte darauf die prickelnde Wärme. Da beugte sie auch den Kopf, denn höher oben lag Schatten, bis sie im vollen Lichte stand.
Die Einsamkeit machte es, daß sie auf ihr Atmen zu horchen begann – und dann plötzlich fing sie an zu singen.
Sie schloß die Augen vor dem Licht und ließ es über sich gleiten – und sang dazu eine Melodie, die sie irgendwann einmal gehört hatte, von der die Worte längst vergessen waren.
Da hörte sie die Hausthür gehen und war still. Sie setzte sich wieder zu ihrer Malerei, doch in ihr blieb eine leise, festliche Freudigkeit zurück.
Und dann stand dort, wo sie eben noch gewesen war, ein anderer drüben im Sonnenschein.
»Ich bin Arne Rude,« sagte er und verbeugte sich mit einem harmlosen kleinen Gut-Jungen-Lächeln.
Esther war ein wenig verwirrt. »Herr Rude und Eliza sind ausgegangen,« sagte sie.
»Sie werden wiederkommen,« meinte Arne in zuversichtlichem Ton. Und dann mußten sie beide lachen über den allzugroßen Geistesaufwand seiner Antwort.
»Darf ich mich so lange ein bischen zu Ihnen setzen, Fräulein – Esther? – Sie müssen nämlich wissen, daß man mir immer nur von ›Esther‹ schreibt, so daß ich gar nicht zweifeln kann, nun ›Esther‹ vor mir zu sehen –«
»Ja, ich bin ›Esther‹,« sagte sie freundlich. Dabei sah sie zufällig nieder und auf die langen, sehr modischen Schuhe des jungen Mannes. Sie mißfielen ihr ein wenig, und deshalb stieg ihr Blick an der ganzen elegant umschneiderten Person empor, bis sie an diesem gutmütig lächelnden, hübschen Jünglingsgesicht haften blieben, das recht wenig mit der leichten Geziertheit der Kleidung in Einklang stand.
»Und das Ganze ist also ein ›Dichter‹,« zog sie für sich das Resumée ihrer Betrachtungen.
Arne ließ sich im Bewußtsein seiner Vorzüge beruhigt mustern. Dabei stand der Ausdruck des innigsten Wohlgefallens sowohl an sich selbst, wie an der jungen und schönen Dame auf seinem Gesicht.
»Sie haben gemalt?« fragte er dann und wollte sich dem Bild nähern.
Esther schob es aber wie achtlos zur Seite. Um keinen Preis sollte er es sehen! – Sie war selbst ganz erstaunt über die Heftigkeit dieses inneren Widerstrebens.
Um abzulenken richtete sie rasch eine Frage an ihn: »Sie kommen direkt von Kopenhagen?«
»Ja; ich pflege immer meine Familie recht unversehens zu überfallen. – Sie wissen, wir Leute der Feder sind gewöhnlich ein Stück bohémien. Mir besonders sind lange Vorbereitungen entsetzlich. Leute, die sich den einen Tag überlegen, was sie an den sechs andern essen wollen, sind mir noch gruseliger, als Papierkragen und wollene Hemden – Sie verzeihen!«
»O, ich habe nichts zu verzeihen, ich trage ja keine,« erklärte Esther, die von seiner knabenhaften Lustigkeit angesteckt wurde, was über ihre sonst zu herbe Erscheinung eine ungewöhnliche Anmut brachte.
»Wollen Sie nicht lieber den andern entgegengehen?« fragte sie bald darauf.
»Ah – Sie schicken mich fort?«
»Nicht doch – ich dachte nur –«
»Ach, wenn Sie nur das nicht dachten, dann mögen Sie vielleicht auch Eliza entgegengehen – und ich darf Sie begleiten?«
»Nein,« sagte Esther. Und dann, um die Schroffheit der Antwort zu mildern: »Nein, ich muß noch eine Kleinigkeit fertig malen, sonst trocknen die Farben ein.«
Arne ging also allein. –
Esther war plötzlich verstimmt.
Weshalb hatte sie diese kleine dumme Höflichkeitslüge gesagt?
Da kam ein fremder großer Junge in Lackschuhen, mit dem redete sie allerhand alberne intime Sachen, und zuletzt glaubte sie noch eine kleine Zurückweisung mit einer Höflichkeitslüge umkleiden zu müssen.
Sie packte die Malgeräte zusammen, trug sie hinauf in ihr Zimmer und stellte die Leinwand zum Trocknen auf. Dann sah sie mit mancherlei kleinen, zerstreuten Gedanken hinaus in den Abendhimmel, wo die große rote Sonne sich feierlich dem Horizont zuneigte. – – – –
Am Abendbrottisch dozierte Arne. – Er besaß einen nach jeder Richtung hin unfehlbaren Geschmack.
Unter anderm gab es da ein Buch von Peter Nansen – »Gottesfriede«. – Esther hatte es schon vor einigen Jahren gelesen, Arne durch Zufall erst jetzt.
»Ich bereue die Zeit, in der ich dieses Buch nicht kannte,« erklärte Arne.
»Es ist das Hohelied vom Weibe. Es ist das holdeste und keuscheste Buch, das ich kenne. Wer dafür kein Verständnis hat, mit dem ist von vornherein nicht zu reden!«
Esther lächelte. »Dann müssen Sie mit mir gewiß nicht drüber sprechen – mich hat es unwahr berührt.«
Arne runzelte ungnädig die Stirn. »Was ist ›unwahr‹ daran?«
»Es ist nicht ›rein‹, wenn ein Mädchen nichts anderes von der Liebe will, als Mutter werden –«
»Das ist die Reinheit der Natur!«
»Doch wohl nicht so ganz –« Esther zögerte ein wenig sich auszusprechen, aber dann sagte sie: »Das ist vielleicht die Natur des Tieres und ursprünglich des Menschen auch – wie wir aber jetzt sind, haben wir zu sehr die zweite Natur: die Seele in uns entwickelt, als daß uns nicht andere und – göttlichere Dinge zusammenführen. Mir scheint, eine vollkommene Liebe ist Sehnsucht nach der andern Seele – nicht nur Mittel zu einem Zweck der Natur.«
Arne lächelte überlegen.
Esther dachte: Wie nur alles Feine und Unantastbare so in die Verachtung der Menschen geraten kann – nur weil es vielleicht zu lange schon ein mißverstandenes und mißbrauchtes Ideal gewesen sein mag? – Und sie dachte weiter: alles, woran die Menschen eine Zeitlang mit ihren Gedanken rühren, wird so schmutzig und verbraucht, daß es ihnen zuletzt selbst zum Ekel und zum Wegwerfen ist. Und dann kommen ein paar Nachzügler, sammeln es aus der Verachtung heraus und machen es zu neuen und wieder verspotteten Heiligtümern. – – So dachte sie und vergaß wirklich dabei sich gegen das überlegene Lächeln zu wehren.
Doch Arne begann noch einmal: »Verzeihen Sie, aber wie läßt sich eine ›Seele‹ erkennen? Die Menschen haben edle und unedle Aufwallungen – ein Fazit läßt sich da kaum ziehen –, sie haben ansprechende und abstoßende Gesichtszüge – und oft spiegelt ein bißchen Bleichsucht eine schöne Mädchenseele vor. Der Körper ist das einzige, was sich erkennen läßt – und der erotische Instinkt ist von vornherein göttlich!«
Esther schwieg noch immer. Der junge Mann wußte alles so genau. Er sprach mit einer so verblüffenden Sicherheit, die jede Gegenrede auszuschließen schien. – So sagte sie nur noch ganz zögernd mehr für sich selbst als im Anschluß an das, was gesprochen wurde: »Ich meine, man müßte an einer Liebe, die nie die höchste Vereinigung erreichen kann oder doch will, zu Grunde gehen.«
»Wir sind alle für die Einsamkeit geschaffen,« klang da die eintönige Stimme des alten Rude hinein.
Diese Worte legten sich für den Augenblick wie eine trostverlassene Prophezeiung auf alle Anwesenden.
Eliza blickte schutzflehend von einem zum andern.
Aber da setzte die kraftfrohe, junge Stimme Arnes ein. Und er sagte so zuversichtlich: »Der Trost hierfür ist eben die Liebe – die Liebe auf Gnade und Ungnade – die Liebe um jeden Preis und über alle Unzulänglichkeiten hinaus!«
Eliza lächelte ihrem Bruder zu. Sie stand mit der Zwanglosigkeit eines unerzogenen Kindes vom Tisch auf und ging mit ihren leichten, leichten Schritten hin vor einen Spiegel. Sie sah dort lange und ernsthaft sich selbst ins Gesicht, wandte sich dann um und sagte im Ton eines Babys: »Eliza bekommt Kummerfalten von euren traurigen Gesprächen!«
»Eliza soll herkommen zu mir!« bat Arne.
Eliza lehnte sich an seine Schulter. Da strich er ihr zärtlich über das Gesicht und sah sie mit guten, frohen Augen an.
Diese Berührung schien das Mädchen seltsam wohlthuend und beruhigend zu empfinden. Es war, als ginge von seiner Hand Lebensfreude aus. –
Esther dachte plötzlich, diese Hand müßte warm und trocken sein und ein wenig hart. In der Bewegung des Handgelenkes lag Energie und eine gewisse nervöse Sensitivität.
Arne war es, der neben Esther über den Kamm des Heidehügels ging. Er machte pompöse Handbewegungen, die rings das ganze Land einschlossen und philosophierte.
»Es giebt eine neue Religion – die Religion der Wissenschaft,« sagte er. »Die sollte man verbreiten im Volk, und der alte Aberglauben von einer Belohnung im Jenseits muß ihnen genommen werden. Sie müssen die Wahrheit verstehen lernen.
Einen neuen Messias brauchen wir, der sie auf das Leben weist, der aus Stubenhockern Leute der Freiheit und Freude macht.«
»Es könnten nicht alle die Hoffnung auf das Jenseits entbehren.«
»Wollen Sie denn einen Himmel?«
»Ich habe nicht von mir gesprochen.«
Er fuhr fort: »Wir brauchen nicht mehr die trügerische Hoffnung. Wir haben die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse. Wir wissen, daß ein Fortleben unmöglich ist, weil das Leben nicht mehr ist, als die Wärme, die beim Zusammenreiben von zwei Steinen erzeugt wird. Sie entsteht und verflüchtigt sich. Die tote Materie bleibt zurück.«
Esther dachte: Ob es nicht vielleicht in der Natur des Glückes liegt, sich die Ewigkeit erzwingen zu wollen – über alle Erkenntnis hinaus? –
Da sagte er: »Mich würde kein Schmerz fahnenflüchtig machen.«
Sie lächelte vor sich hin. Wie war es doch gekommen, daß sie einzig Glück als ein Gegenargument genommen hatte, sie, die doch das Glück nie kannte? – Freilich, es mochte wohl meist der Schmerz sein, der die Menschen zwang, eine Hoffnung auf das Jenseits zu bauen – der Schmerz, den sie keine Stunde tragen möchten, wenn nicht die mystische Wandlung zu ewiger Freude bevorstände. – –
Arne hielt ihr Schweigen für widerstandslose Einsicht. Er war sehr zufrieden mit dem Sieg der Wissenschaft und ein bißchen auch mit dem seines Geistes.
Er sah sie an, folgte ihren Bewegungen, und das Gefühl seiner Überlegenheit steigerte nur die Freude an ihrer jungen und anmutigen Weiblichkeit.
»Übrigens liebe ich es, wenn Frauen ein wenig Christentum haben,« sagte er da gönnerhaft.
Sie hatte plötzlich Lust, ihn an den Ohren zu reißen und einen kleinen, dummen Jungen zu nennen. Sie sagte aber nur mit ironischer Demut: »Ich danke Ihnen im Namen aller Frauen!«
Er schielte herüber, ob sie auch nicht zu sehr den Sinn seiner Worte verstanden habe und wurde verlegen. Er wurde so verlegen, daß es ihn nach einer Kraftäußerung gelüstete, und da kam ihm ein sumpfiger Kuhpfad zu statten, der hier den Weg überquerte.
Eifrig rief er: »Sie müssen es schon erlauben!« und hob Esther auf seine Arme. Mit der leichten Kraft eines jungen Centauren trug er seine Last über den Sumpf.
»Bin ich Ihnen denn nicht zu schwer?« fragte sie.
Er lachte glücklich und verneinte.
Sie sah nieder auf seinen jünglingshaften Hals. Sie war ihm gut – und dankte ihm für etwas Unbestimmbares – vielleicht daß so viel Jugend von ihm ausging.
Neben einer Weide, die sich, aus einer Böschung herauswachsend, tief über den Weg bückte, ließ er sie wieder zu Boden gleiten.
»Glaubten Sie denn, ich könnte nicht auf eignen Füßen gehen?« fragte sie lachend.
Er errötete wie ein Knabe. »Doch – Sie sind ein guter Kamerad,« sagte er.
Sie wurde auf einmal ernst. »Lassen Sie mich das bleiben,« sagte sie frei.
Er schüttelte heftig ihre dargebotene Hand.
»Heute abend geben wir ein Fest,« erklärte Arne eines Tages.
»Vater mag nicht, wenn so viele Menschen kommen,« meinte Eliza.
»Dummerlein! Gar keine Menschen sollen kommen! Wir geben das Fest ganz für uns allein.
Diese Zimmer sind so ganz versunken in Traurigkeit und Langeweile – man muß sie ein bißchen fröhlich machen!« – –
Nach dem Pachthof zu lag ein Wald. Die drei jungen Menschen machten sich auf zu einer Entdeckungsreise – Ein Fest braucht Blumen und Kränze.
Sie bahnten sich einen Weg durch Brombeerhecken und Haselnußgebüsch, sie gingen bis zu den Knöcheln im weichen, modernden Laub und wählten das Froheste unter den frohen Farben des Herbstes.
Ein kleiner Hügel kam; auf dem gab es ein Rankengewirr aus Jelängerjelieber und Waldrebe, das schon von feinen staubweißen Samenperücken übersponnen war.
Arne trat vor und schnitt ein paar lange Guirlanden herunter. An der einen saß noch ein Blütenbüschel. Er brach dieses rötliche Sträußchen und überreichte es Esther ganz feierlich. »Je länger – je lieber.«
Esther nahm es, drehte es zwischen den Fingern und lächelte. Sie lächelte und sah zwischen den Baumzweigen hindurch nach dem Himmel; der war von blauem Glas. – Es roch gut nach feuchter Erde, fast wie Veilchen, und kräftig nach welkem Buchenlaub und Baumrinde, die schon des Nachts bereift gewesen. – Beim Stillstehen fühlte sie das Blut wie heißen Wein durch ihren Körper rinnen.
Und sie lächelte und drehte den Blütenstiel zwischen den Fingern – ging ein paar Schritte – drehte – und ließ achtlos die Blüten fallen.
Nur Eliza hatte es gesehen.
Sie hob sie auf, trat hin zu Esther und fragte: »Warum thust du das?«
Wie ein schmerzlicher Vorwurf klang dieses »Warum thust du das?« – Und dann: »Wenn du sie nicht haben willst, gieb sie mir – aber du darfst nicht fortwerfen, was er dir giebt.«
Esther zog die Augenbrauen hoch, antwortete nichts und ging zur Seite. Eliza folgte ihr niedergeschlagen.
Sie kamen auf einen Feldweg. Am Waldrand rief Arne: »Fräulein Esther! Eliza! Hier diesen Weg müssen wir zurück! Sie gehen falsch!«
Eliza berührte mit den Fingerspitzen Esthers Arm und sagte ängstlich: »Er meint, wir gehen falsch!«
Esther wandte ihr Gesicht, das in übermütiger Lustigkeit einen knabenhaften Zug erhielt, zu dem Kind und sagte: »Laß ihn nur – er wird uns schon nachkommen!«
»Das thut er nicht,« meinte Eliza zweifelnd.
Aber da sahen sie schon wie Arne, den Kampf gegen die Ackerschollen aufnehmend, querfeldein herübergestiegen kam.
Eliza bog den Kopf zur Seite und sah Esther sanft und verwundert an.
Esther lächelte nur – ein ganz kleines, spitzbübisches Lächeln.
»Du bist anders geworden,« sagte Eliza.
Das Gartenzimmer stellte einen prächtigen Tanzsaal vor. – Ein ganz besonderer Luxus war mit den hohen, dicken Wachskerzen getrieben, die ihr Licht so seltsam einschmeichelnd verteilen, wie eine Stimme, die von verborgner Liebe redet.
In einer halberhellten Ecke saß der alte Rude in seinem steifen hochlehnigen Sessel. Er saß steif und aufrecht und glich mehr als je einem Gemälde der niederländischen Schule – jenem Typ voll Charakter und fast einfältiger Würde, von dem man jedoch sicher ist, daß er klug zu reden und klug zu schweigen versteht.
Eliza trug ein weißes Kleid. Sie mochte nie tanzen, saß auf einem Tisch und geigte. Sie machte große ernste Augen und spielte so ungewöhnlich leise. Ein recht eigenartiges Spiel war es: ganz ohne Kraft und Temperament – nur eine Tonreihe kleiner überzarter Liebkosungen.
Es gab nur das eine Paar, das tanzte. – Sie waren zusammengeheftet – konnten nicht aufhören.
Die Lichter schwirrten – warme Luft zog wellengleich vorüber. Esther fühlte sich ermatten – so ganz weich, langsam, leise. – Sie tanzte mit gelösten Gliedern.
Und da war der, der sie hielt und leitete. Sie spürte seine warme, ruhige Kraft. – Sie sah zu ihm auf und lächelte ein wenig unsicher. – Plötzlich sah sie – rote Beeren durch den Nebel schimmern? – Ja, es war dieses alte, alte Gefühl der Lust, das sie einmal überkam, wenn sie die roten Beeren der Eberesche durch den Nebel leuchten sah.
Das Blut lief ihr mit einem heißen, schmerzhaften Ruck durch den Körper – – Rote – Beeren – durch den – Nebel – leuchten –
»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein Esther?«
»Nur ein bißchen schwindelig.«
»Sie waren so blaß geworden. Setzen wir uns hier.« –
»Woher haben Sie die rote Rose, die Sie mir vorhin gaben?«
»Es ist die letzte Blüte von Camille de Rohan.«
»Ich weiß noch, wie sie in der Sonne stand – –«
Sie waren still – saßen nebeneinander und schwiegen. Auch Eliza hatte die Geige sinken lassen. Für einen Augenblick hörte man nur das Brennen der Kerzen wie einen leisen Atem durch den Raum.
Esther dachte: Etwas kommt zu mir – eine tiefe Angst. Ich verliere mich, und alles ist fremd und seltsam und bethörend – –
Sie sagte: »Ich bin müde – möchte hinauf gehen.«
Sie ging langsam durch das Zimmer und fing das Licht in ihren Augen auf, die vielen kleinen stolzen Flammen. Sie erhob den Kopf und war froh, und ein Gefühl der Macht ging ihr durch den Körper.
»Gute Nacht, Herr Rude.«
Der Alte hielt ein wenig ihre Hand. – »Gute Nacht, Kind,« sagte er, gab aber ihre Hand noch nicht frei – fügte dann ganz leise hinzu: »Kind – Kind – Königin Esther!«
Ihr erschien das nicht einmal wunderlich.
Und sie beugte sich zu Eliza: »Gute Nacht, Eliza –«
Das Kind bog sich leise zurück. – »Gute Nacht.«
»Du bist anders zu mir?«
»Du bist es, die anders geworden ist. Ich kenne dich nicht mehr.«
Esther senkte den Kopf. Das Weinen preßte ihr plötzlich die Kehle. Es war heute so, daß ein jedes Wort sie tief und innerlich traf und wie mit einer geheimnisvollen Bedeutung.
Und ihr war, als schickte sie sich an zu einem Verbrechen. Scham und Entsetzen waren in ihr. – Was denn? – Aber sie that doch nichts Häßliches?
Nur die Schwermut war es, die von ihr wich – nur diese glücksfremde, von Jugend und Leben gewandte Seele schwieg endlich einmal –
Es starb – es starb in ihr. – –
Auf der Treppe traf sie noch einmal mit Arne zusammen. Er sagte nichts – nahm nur ihre Hände und küßte sie.
Und sie ließ ihm die Hände. Gab sie ihm wie einen Trunk und schaute zu. – Und sie fühlte seine Liebe kommen. Und seine Liebe trat bis heran zu ihrem Herzen.
Und es war wie ein stiller, seliger Trost in ihr: nicht mehr allein – endlich nicht mehr allein sein – – – –
Dann zog sie leise die warmgeküßten Hände zu sich.
Und seine frohe, junge Stimme kam ihr noch einmal im Gutenachtgruß nach.
V
Am nächsten Morgen kam Esther früher als die andern Hausbewohner ins Eßzimmer herunter. Erst stand sie ein wenig am Fenster und sah in den Garten. Dort, wo sich einst Camille de Rohan in der Sonne wiegte, graste jetzt der Wind am welken Laub der Beete. Ja, eingedrungen war der Sturm in den stillen Garten und hastete suchend um das Haus.
Esther blickte fremd auf die beginnende Zerstörung. Sie fühlte nur das Geborgensein.
Dann trat sie vom Fenster zurück, ging langsam durch das Zimmer. Immer noch schien niemand außer ihr aufgestanden zu sein.
Sie wollte aber so gern mit irgend jemand reden – gleichgültig was und mit wem. So eine Unruhe war in ihr. Vielleicht war die alte Karen in der Küche! –
Nein, auch Karen war nicht zu finden. Nur das friedliche Summen von kochendem Wasser ließ sich hören. Über einen Nagel am Thürpfosten war ein Rock Arnes zum Ausbürsten aufgehängt. Esther trat hin und strich mit der Hand über den Ärmel. Dann horchte sie, ob auch niemand käme. Und sie that noch einmal dasselbe – wie eine scheue Liebkosung war es. Und plötzlich drückte sie auch ihre Stirn hinein.
Dann ging sie leise und wie mit einem kindlich bösen Gewissen wieder hinaus. Dabei war ihr im Innersten eine stille keimende Freude.
Sie kam am Postkasten vorbei, der unter dem freien Herzausschnitt der Hausthür angebracht war. Man hatte ihn gestern vergessen zu leeren –
Sonst würde sie diesen Brief von Lydia schon einen Tag früher gelesen haben.
Sie that ihn zögernd von einer Hand in die andere. Plötzlich kam es ihr: Wenn sie ihn nun gar nicht öffnete? Wenn sie so alle Verbindung mit der Vergangenheit abbrechen könnte? So daß ihr Leben gleichsam neu wurde und rein von Schmerzen – –
Aber was waren das für sinnlose Gedanken! Nein, standhalten wollte sie von nun an allem, was dort drüben her ihrer Sehnsucht winkte. –
Sie ging in die Stube zurück und las den Brief –
Lydia erzählte allerhand Kleinigkeiten aus der Heimat, ihre eigne Person immer nur nebensächlich berührend.
Da fand sich auch eine Stelle, als Esther die las, war der ganze übrige Brief vergessen. Sie las noch einmal – da war schon das alte Herzweh wieder eingedrungen.
»– – ja, es ist noch das alte Glück. Ich hörte ihn zu deiner Schwester sagen: ›Du bist es, die für mich ist‹. Und sie antwortete: ›Und du für mich‹ –«
Weiter kam Esther nicht. Sie mußte dasselbe immer wieder lesen.
Und da stieg ein Bild des Glückes vor ihr auf – des Glückes in seiner Vollkommenheit. Es war nicht mehr die Liebe zu diesem Mann, der so gesegnet rein und voll empfinden konnte – Sie hätte nur seine Worte nehmen mögen, stehlen mögen, um sie dem andern zu schenken, den sie liebte –
Sie hätte zu dem kommen mögen, den sie liebte und allen Reichtum dieser Worte über ihn ausschütten: »Du bist es, der für mich ist.«
Aber das – das würde ja für sie nur eine neidische Lüge sein. Denn sie war genügsam geworden bei einem halben Verstehen, bei einschläfernden Zärtlichkeiten. Sie hatte gewußt, daß sich ihr nirgends Heimat bot – und da nahm sie die warme Hand, die sich ihr entgegenstreckte –
Ja, der Wille zu einem Götterglück war allzufrüh in ihr gebrochen – und da griff sie nach einem kleinen frohgemuten Trost. – – –
Sie hatte nicht bemerkt, daß jemand eingetreten war.
Arne ging auf sie zu mit einem frohen fragenden Blick.
Sie gab ihm flüchtig die Hand. Seine Augen wurden ernst und die Frage darin eindringlicher.
Sie spürte die Verpflichtung, etwas zu sagen, fand kein Wort und wurde dadurch verlegen.
Er bemerkte den Brief in ihrer Hand. »Sie haben Nachrichten von zu Hause, Fräulein Esther?«
»Ja, sie schreiben – ich werde bald reisen müssen.«
»Sie wollen wieder fort, Fräulein Esther? Hier im Hause hofft man, daß Sie immer bleiben möchten.«
»Ich bin so lange schon fort,« sagte Esther eintönig.
Er antwortete gar nicht, sah sie nur mit dem traurig befremdeten Blick eines Hundes an, der Güte und immer nur Güte von seinem Herrn zu erwarten gewohnt war und sich nun getäuscht sieht. Er ging. Es war ein stummes Richten.
Aber sie dachte nichts als: es ist gut so, denn es wäre eine Lüge gewesen.
Doch nun würde sie auch nicht länger in diesem Hause bleiben können.
Die Heimkehr stieg vor ihr auf – nicht die Heimkehr mit den tausend Masten der Sehnsucht – es würde die stille dumpfe Heimkehr des Ausgestoßenen vom fremden Lande sein. Und wie gegen das Schicksal gerichtet erhob sich bei diesem Gedanken eine flehende Abwehr in ihr. Nur nicht zurück auf den Ausgangspunkt ihres Leides!
Eine alte Sage fiel ihr ein: Der Tod kommt zu einem Mann und spricht: »In dieser Nacht noch schickt mich der Herr, dich zu holen.«
Und von Entsetzen und Widerstand gegen das Schicksal ergriffen, will der Mann dem Gebot Gottes entfliehen. Er besteigt sein schnellstes Pferd und jagt über das Land. Er spornt das Tier, daß es die Luft schneidet, als bräche ein Sturm entgegen, daß es schäumt und keucht, lange Wolkenzüge von aufgewirbeltem Staub hinter sich läßt im rasenden Ritt.
Und wie Mitternacht kommt, ist der Mann weit im Innern der Wüste angelangt, wo kein andrer Mensch mehr nah und fern zu finden ist.
Da läßt er das erschöpfte Tier Schritt gehen, selbst in Mattigkeit zusammenbrechend.
Doch plötzlich – gar nicht weit von sich – sieht er eine dunkle Gestalt in wartender Ruhe. Es zieht ihn hin – da steht der Tod.
»Wahrlich des Herrn Wege sind wunderbar,« spricht der Tod. »Fast zweifelte ich heute an der göttlichen Allwissenheit, als der Herr mir befahl, dich hier an dieser Stelle der Wüste zu erwarten.« – – – – –
»Wollen Sie mit mir eine Tour über Land gehen?« fragte später am Nachmittag Adam Rude.
Esther war gleich bereit. Eliza und Arne saßen schon seit Stunden überm Schachbrett, Esther hatte ein Buch genommen, aber die gelesenen Worte bekamen keinen Sinn in ihren Gedanken.
Nun schritt sie neben dem alten Rude über das Heideland. Er hatte ihre Hand durch seinen Arm gezogen, »damit Sie nicht ermüden, denn wir wollen weit gehen«.
»Wohin gehen wir?«
»Nach einem Bauernhof, drüben im Rottbüllwald. Recht merkwürdige Leute sitzen dort, hören Sie nur:
Vor zwanzig Jahren starb der Bauer. Er hatte aber ein Testament gemacht, nach dem die Bäuerin den Hof verlieren sollte, wenn sie innerhalb zwanzig Jahren wieder heiraten würde. So sehr hatte er sich ihrer Treue versichert!
Kaum aber ist der Mann tot, so hat die Bäuerin nichts Eiligeres zu thun, als ihre Gunst dem Großknecht zu schenken. Aber heiraten dürfen sie nun ja mal nicht, weil sie sonst den Hof verlieren. Also sie warten zwanzig Jahre, und jetzt im Frühling hielten sie Hochzeit.
Weil aber im Laufe dieser Zeit an zwölf Kinder gekommen waren, schlug ihnen der Pfarrer vor, die Hochzeit doch wenigstens etwas in der Stille zu feiern. Das war aber nun gar nicht nach ihrem Sinn – es mußte im Gegenteil eine ganz große Hochzeit sein, denn sonst, wissen Sie, wären die Brautleute ja um die schon lange entbehrten Hochzeitsgeschenke gekommen!«
Esther amüsierte sich. Der Alte konnte mit so viel verstecktem Humor erzählen, wie sie es seiner feierlichen Art gar nicht zugetraut hatte.
Aber es that ihr wohl – gerade heute. Und sein kräftiger Schritt unterstützte so harmonisch den ihren. Sie schmiegte sich an ihn und sah zutraulich zu ihm auf.
Ein herber Wind ging über die abgeernteten Felder; er trug den Geruch von Erde und Gras, das auf sandigem Boden wächst. Auch überreife Brombeeren mochten dazwischen sein.
Alles ringsum war klar und einfach – allem heißen Zweifeln der Sinne und der Seele fremd.
Was heute früh geschehen war, klang nur noch wie ganz aus der Ferne herüber. Ein hohes Bild verblaßte. Eine überzärtliche Sehnsucht entblätterte im Nordlandswind.
War hier nicht alles gesund und stark und gut? Redeten nicht alle Dinge in einer herzlichen und bekannten Sprache zu ihr? Wozu dann einen festen und treuen Gewinn des Lebens aufgeben, um sich selbst ins Ungewisse zu verstoßen?
Wie denn? Das waren alles Worte, um einen Willen zu verkleiden. Ja, ganz einfach: sie wußte, daß sie sich hier nicht loszureißen vermochte – sie wollte hier bleiben.
Wieder sah sie mit einem freudigen und zuversichtlichen Ausdruck auf den Menschen, der neben ihr ging. Sie wollte ihm so gern etwas Liebes sagen. »Erzählen Sie mir ein wenig von sich selbst,« meinte sie plötzlich.
»Das kann ich so schlecht,« antwortete er. »Ich bin nicht gewohnt, von mir zu sprechen.«
Sie glaubte, daß er nun nicht weiter reden würde, aber er fing nach einem gewaltigen Besinnen wieder an, und es war, als müßte er erst die Worte aus schlafender Versunkenheit wecken.
Und dann kam eine Geschichte von Arbeit und Entbehren. Absichtslos erzählt, ohne zu verdecken oder zu übertreiben – von der einfältigen Wahrhaftigkeit eines Menschen, der noch vor keinem Spiegel in müßige Selbstbeschau versunken gewesen, und der in natürlicher Vornehmheit nichts zu verheimlichen oder zu verschönen an sich weiß.
Und in diese Geschichte der Arbeit und des Enbehrens trat eine Frau. Sie ging einfach und klar hindurch – und doch wie etwas Ungeahntes und Überirdisches. – Sie erschien ihm so fein, daß er sie nicht anzurühren wagte mit seinen rauhen Arbeitshänden. Aber sie neigte sich ihm. Doch immer wenn er fort von ihr war, konnte er es noch nicht glauben, daß sie ihm gehörte – wirklich ihm! Und er dachte die ganze Zeit, während er arbeitete, an sie, und daß er sich eilen wollte, wieder zu ihr zu kommen. Und auf seinem Heimweg sah er sie dann, wie sie ihm entgegenkam. Sie ging ihm entgegen mit dem sorgenvollen Blick, der ihr eigen war. Und sein Glück war es dann, zu erwarten, daß sie ihn erkannte: dann sah er, wie sich ihre Züge zur Freude veränderten. Ja, diese Wandlung immer wieder zu sehen, war das köstliche Glück seiner Tage. – Er erzählte und kam immer wieder darauf zurück, und dann lächelte er – und schwieg einen Augenblick – und erinnerte sich.
Esther ging neben ihm und nahm sein Vertrauen wie ein Heiligtum entgegen, denn sie verstand wohl seinen Wert.
Und wie er zu Ende war, da wußte sie nichts zu sagen, blieb an einem Berberitzenstrauch stehen und brach sich Zweige voll der roten Beeren.
Und er griff auch in die Dornen und half ihr. Aber seine Hand zitterte, so daß ihn die Dornen verletzten. Und er wußte nicht, daß er ihr mit blutenden Händen den kindlichen Schmuck überreichte.
Und sie nahm den Hut herunter und krönte sich mit den Zweigen in einer unbewußt feierlichen Gebärde. Und die roten Beeren hingen in ihrem Haar, wie Blut, das unter einem Dornenkranze niedertropft.
Späte, warme Tage kamen, so daß die langverblühte Heide noch einmal purpurn schillerte vor lauter Sonnenlicht.
Nicht weit von Eriksgaard lag ein kleiner Friedhof. Gräber mit alten, verwitterten Steinen, in die so wunderliche Namen eingeschnitten waren, gab es dort. Esther ging oft allein dorthin und las die Geschichten von »Jung-Svend«, von »Eike« und »Gerdine«. Sie lasen sich einfältig und überzeugend wie alte Märchen. Mit trocknen Wirklichkeitsworten war dort von der Liebe über den Tod und vom Wiedersehen im Jenseits erzählt. Man wußte, weder Jung-Svend, Eike oder Gerdine, noch ihre Nachredner hatten diese Hoffnung auch nur in den Bereich des Geheimnisvollen verlegt – sie war ihnen so selbstverständlich wie das Tagewerk und das Kinderzeugen gewesen.
Reseden gab es noch auf den Gräbern und die nachzüglerischen Rosen des Kirchhofs. Über die Schutzmauer aus Feldgestein hob sich nur ein untersetzter Nußbaum mit seinen glatten blankflimmernden Blättern.
Einmal, wie Esther durch das Kirchhofspförtchen trat, fand sie Arne unter dem Nußbaum. Er sah verlegen aus und war bemüht, das Zusammentreffen als ein zufälliges hinzustellen, denn sie waren sich in einem stillen Übereinkommen seit jenem Morgen ausgewichen.
Esther ging auf seine Bemühungen ein. Es war etwas Hilfloses über ihm, das sie rührte. Sie setzte sich sogar neben ihm an die kleine Hügelböschung unter der Steinmauer und redete ein paar Gleichgültigkeiten, ihn dabei ernst und freundlich ansehend.
Er schien ihr ein wenig verändert in dieser letzten Zeit, wenigstens war seine Kleidung nicht mehr so dandy like, und auch der sonst so wohlfrisierte Scheitel war in wirren Knabenlocken verloren gegangen. Eine leichte Unrast lag in seinen Bewegungen.
Plötzlich begann er ganz unvermittelt und vor unterdrückter Bewegung fast automatenhaft redend: »Wir sprachen neulich einmal über die Möglichkeit eines immateriellen Fortbestehens, Fräulein Esther.
Wissen Sie noch, ich leugnete das Jenseits und die Seele? – Ich habe Unrecht gehabt. Ich weiß jetzt, daß ich Unrecht hatte.
Es giebt eine Seele, und es giebt einen Himmel, in dem uns wird, was wir auf Erden entbehrt haben. Das läßt sich nicht mit Sätzen der Wissenschaft beweisen – das muß man gefühlt haben.
Man muß nur einen Menschen über alles lieb haben, dann will man auch mit ihm die Ewigkeit. Dann will man nichts von der ewigen Seligkeit, als diesen einen Menschen – dann glaubt man an das Jenseits und die ewige Vereinigung der Seelen – trotz aller Erkenntnisse der Wissenschaft.«
Er schwieg und sah sie erwartungsvoll an. Doch als sie nichts sagte, nur den Kopf tiefer senkte, fragte er wie mit zugeschnürter Stimme: »Fräulein Esther, wollten Sie keinen Himmel?«
Sie sah ihn nicht an, antwortete nur still vor sich hin: »Menschen wie ich bin, wollen keinen Himmel. Es ist ihnen kein Verzichten auf Erkenntnis – es giebt ja zu viele unerklärliche Dinge, an die sie glauben, als daß nicht auch der Traum von einem Jenseits zur Wirklichkeit werden könnte. – Wir wollen nur keinen Himmel, weil wir dort drüben nicht zu leben verstünden. Denn wir sind nicht zur Freude geschaffen – wir würden den Kampf entbehren – und den Schmerz – und die Einsamkeit. Denn das alles haben wir lieben gelernt, als uns die Erde nichts anderes zu bieten hatte.
Wir können nie mehr in der Freude zu Hause sein.«
Und wieder war es still zwischen ihnen, bis auf das heimliche, bebende Leben über den Gräbern. Ein leichter Wind rührte die Blätter des Nußbaums. Das war wie ein Aufseufzen der Toten, die Rede begehrten.
Doch zwischen den Lebenden blieb das Schweigen. Nur war es Esther plötzlich, als würde sie weit fortgetragen – weit, durch ein stürmisches, sonniges Land. Felsen sah sie ragen und rote, heiße Blumen an Abhängen blühen. Und das wilde Lied des Lebens klang um sie. –
Sie sah auf und in ein bleiches, vor Erregung verzerrtes Gesicht.
»Esther! Esther! Sie wissen, was ich sagen will – Esther, deine Seele will ich – –«
Sie sah ihn starr und wie ganz aus der Ferne an. »Meine Seele?« sagte sie, und langsam gingen Thränen aus ihren Augen. Sie vergaß in diesem Augenblick den Menschen neben sich.
Doch der sprach weiter: »Esther, ich glaubte zu wissen – ja, Sie haben es mir gezeigt, daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin – Esther – –«
Sie sah plötzlich wieder sein gequältes Gesicht über sich – und da legte sie ganz leise den Arm um seinen Hals und sagte: »Ja, ich habe dich lieb.«
Und sie küßten einen leisen, zitternden Kuß.
Und keines von ihnen wiederholte die Zärtlichkeit. Schweigend gingen sie nebeneinander zurück über die Heide, die purpurn schillerte vor lauter Sonnenlicht.
VI
Purpurn schillerte die Heide vor lauter Sonnenlicht.
Sie gingen nicht mehr zusammen auf den kleinen Kirchhof – sie suchten alles auf, was froh und leuchtend war.
Wie die Kinder gingen sie miteinander Hand in Hand. Und sie machten Entdeckungen in der altgewohnten Umgebung, ihre Blicke waren so sonderbar für alle Außenwelt geschärft, und sie fanden auf einmal wundersam schön, was sie früher gar nicht beachtet hatten.
In den Wald kamen sie am oftesten. Es gab da so viel Buschholz, daß man sich schon verirren konnte, oder sich doch auf Augenblicke der aufregenden Vorstellung hingeben, man wüßte nicht mehr den Heimweg zu finden, und wenn auch das einmal nicht möglich war, so konnte man wenigstens dem andern diese Möglichkeit vortäuschen.
Esther gab sich in dieser Zeit ganz der Gegenwart hin.
Eine übermütige Knabenlust, ihre Körperkräfte zu erproben, überfiel sie manchmal. Dann forderte sie Arne zum Ringkampf heraus und sie balgten sich miteinander wie Gassenbuben.
Dann lagen sie wieder ausgetobt und beschaulich geworden am Waldsaum.
»Ach wenn ich doch lieber ein Mann wäre!« seufzte Esther.
»Dann wärst du kaum erst mit dem Gymnasium fertig – ein Student in den ersten Semestern!«
»Ja, das ist wahr: man kommt sich als Frau älter vor.
Eine Zeitlang war ich ganz alt. Nun ist es aber wieder, als sollte alles erst anfangen – fast als ob ich noch nicht mitrechnete unter den ›Erwachsenen‹.
Weißt du noch, wie man als Kind die Erwachsenen sieht: so unendlich weise und interessant und eingeweiht in die Geheimnisse des Lebens.
Und man denkt daran, wie an eine ferne bevorstehende Ehrung, daß man auch einmal zu ihnen gehören wird.«
Er sah sie an mit seinem strahlenden, frohgemuten Blick. »Mir ist es nun doch lieber, du bist eine Frau und kein Mann,« sagte er mit recht viel Überzeugung.
Sie wurde nachdenklich. »Hast du noch nie eine Frau vor mir geliebt?« fragte sie ernst.
»Nie,« sagte er. »Und wenn ich es wagte zu dir zu kommen, so ist es nur, weil du die erste bist.«
Da beugte sie sich nieder und küßte seine Hand.
Adam Rude hatte wieder seine Tage, wo er in »böser Laune« umherging.
Des Vaters »böse Laune« war ein nahezu geheiligter Zustand. Keinem fiel es ein, nach ihrer Ursache zu fragen – man nahm einfach die Thatsache hin, beugte sich darunter wie unter das Schicksal.
Mit finsterem Gesicht wanderte Adam Rude durch das Haus. Den größten Teil des Tages schloß er sich in dem Zimmer ein, wo das Bild seiner Frau hing – gleich einem Priester, der sein Leben im Marienkult verzehrt.
Auch zu der Verlobung seines Sohnes mit Esther hatte er erst kein Wort geäußert. Kaum wußte man, ob er wirklich verstanden hatte, bis er plötzlich bei Tisch auf eine zugleich feierliche und finstere Art den beiden zutrank.
»– und dann ist es jetzt wohl an der Zeit,« fuhr er fort, »daß man auch mich nicht mehr ausschließt, wenn alle sich du nennen.«
Er blickte zürnend um sich. Esther hatte im ersten Augenblick diese wunderliche Ausdrucksweise nicht verstanden, bis Arne über den Tisch rief:
»Der Vater möchte dich du nennen, Esther!«
Esther errötete. Sie sah Adam Rudes Blicke so unbegreiflich zornig und schmerzlich auf sich gerichtet, wurde davon ganz verwirrt und wußte keine Antwort. Sie hob nur in schweigender Erwiderung ihr Glas gegen ihn.
Eine quälende Stille wurde nur ab und zu durch Arnes ungedämmte Fröhlichkeit unterbrochen. Eliza duckte sich ganz verstört zusammen wie ein Vogel im Gewitter.
Nach Tisch ging Esther dem Alten nach. Sie sagte: »Sie sollen mir nicht böse sein, ich wollte ja so gern, daß Sie mich Du nennen – aber ich habe es lieber, wenn ich zu Ihnen Sie sagen darf.«
Vielleicht sah sie recht hilflos aus mit ihrer Bitte. Auf jeden Fall war etwas in ihrer Art, das seine Ritterlichkeit hervorrief.
Er sagte: »Wie du willst, Kind – wie du willst.«
Und als sie nicht gleich wieder ging, beugte er sich mit einem seltsamen Ausdruck von Güte und Wehmut über sie und berührte mit den Lippen ihre Schläfe. – Dann sagte er: »Wie du es willst, so wird es gut sein.«
Danach aber versank er wieder in seine »böse Laune«.
Sie saßen allein zusammen in der Abenddämmerung und machten Zukunftspläne.
Fast vergaßen sie die Gegenwart über den Gedanken an das Kommende. Esther sagte: »Du mußt erzählen, wie es dann sein wird.«
»Dann« war nach der Hochzeit.
Sie wollte immer hören, wie es »dann« wäre – sie hatte eine feste und gläubige Zuversicht in dieses zukünftige Ereignis gefaßt, als ob damit durch eine magische Gewalt die letzten zögernden Vergangenheitszweifel vernichtet werden müßten.
Ja, sie wollte ihm gehören – sich ihm so mit allem Willen hingeben, daß einmal jenes letzte, seligste Wort auch zwischen ihnen zur Wahrheit werden könnte. – – – –
»Du mußt erzählen, wie es dann sein wird!«
Er hatte die Hände in die Hosentaschen versenkt und lehnte sich zu ihr hinüber, so daß sie sein Haar roch, aus dem irgend ein künstlicher Wohlgeruch stieg. Er senkte die Stimme zu einem Flüstern, das Esther ein wenig affektiert klang, und erzählte die Geschichte mit den Worten, wie er sie jedesmal begann: »Am Abend kommen wir in Kopenhagen an – und am andern Morgen zeige ich dir die Stadt.«
Sie verspürte so eine unwiderstehliche Lust, über ihn zu lachen. Durch die Dämmerung sah sie aber, daß er jenen aus Zufriedenheit und Sentimentalität gemischten Ausdruck hatte, den zu unterbrechen man nicht leicht einem Menschen gegenüber genug Grausamkeit aufbringt.
Sie bemühte sich also ernst zu bleiben, während er, an ihre Schulter gelehnt, lispelnd und mit gefühlvoller Betonung ein gefühlvolles Glück unter den Sensationen der Großstadt beschrieb.
Nein, sie konnte es nicht mehr aushalten, ohne zu lachen! Sie griff irgend einen kleinen motivierenden Einfall auf, lachte und sagte: »Weißt du noch, Arne, was für kluge Dinge in deiner Novelle standen, die du mir neulich zeigtest?«
»Welche?« fragte er unwillig über die Unterbrechung.
»Sie hieß ›Moderne Frauen‹. Und die moderne Frau – sie trug einen ›high life-Gürtel‹, weil die Novelle im Jahre 95 geschrieben war – war so ungehalten über die ungesellschaftliche Pose, in der sie ihren Ehemann überraschte – ich glaube, er saß rittlings über einer Stuhllehne –, daß sie sich von ihm scheiden ließ.«
Er fuhr aus seiner nachlässigen Haltung auf und setzte sich kerzengerade. »Unsinn! Das hast du ganz falsch verstanden!« berichtigte er scharf. »Deshalb war es doch nicht, daß sie sich scheiden ließ!«
»Ich dachte!« meinte Esther und trat leise vor sich hinsummend zum Fenster.
Er ging ihr nach, und nun sah sie im hellen Mondlicht, daß er ein überaus beleidigtes Gesicht machte. Ja doch – sie hatte ja seine Dichterwürde gekränkt!
Wenn sie doch nur dieses dumme Lachen überwinden könnte! – Sie sah ja, wie es ihn immer mehr reizte.
Sie trug einen weißen Shawl; den schlang sie jetzt in nervöser Hast bald um die Schultern, bald um den Kopf. Das Heliotrop im Fenster roch stark zu ihnen herauf. Dicht vor ihr war das helle, nun durch den Zorn ein wenig ins Antike veredelte Gesicht Arnes.
Fortwährend wurde sie von dem Gedanken gepeinigt, er werde nun gleich in Worte des Vorwurfs ausbrechen – sein Schweigen begann sie schon zu quälen – aber trotzdem zwang diese Erregtheit sie, immer weiter zu lächeln.
Sie zog den Shawl wieder über die Augen, so daß nur noch ihr lachender Mund im Mondlicht stand. Und da – fühlte sie plötzlich seine schweren und heißen Lippen auf ihrem Mund – fühlte sie ganz unerwartet und wie eine unerhörte Beleidigung seinen Kuß. Und er ließ sie nicht los, preßte seine Zähne nur fester gegen ihre Lippen, so daß sie aufstöhnte vor Schmerz und Empörung.
Und sie riß sich los und lief in ihr Zimmer. Dort fing sie an sich zu waschen – wusch sich immer wieder den Mund – rieb und wusch, als wäre der Kuß eine äußerliche Verunreinigung gewesen.
Am andern Morgen begegneten sie sich mit einer zornigen Scheu. Esther versuchte anfänglich den Vorgang des letzten Abends zu ignorieren und ging mit ihm, wie sie sonst immer gethan, den alten Weg über die Heide nach dem Walde zu.
Aber sie fanden kein zusammenführendes Wort – gingen nur immer schneller, wie hastend nach einem rätselhaften Ziel.
Da, wo Wald und Heide sich scheiden, ruhten sie nach alter Gewohnheit.
Vielleicht suchte er nach einem versöhnenden Wort – vielleicht sie –
Aber beide vermochten sie das Schweigen nicht mehr zu entwirren, und wie von einem dumpfen Schicksalszwang getrieben warf er sich über sie und drückte ihren Kopf nieder in das Heidekraut und seine Lippen wühlten an ihrem Mund.
Und da kam es, daß sie seine Küsse erwiderte, und ihr Körper zitterte unter ihm. –
Und dann lösten sie sich langsam und sahen mit bethörten Augen weit, weit hinaus, wo sich die Heide vor ihnen hinstreckte – purpurn schillernd vor lauter Sonnenlicht –
Gleich dem lockenden Bild der Leidenschaft.
VII
Graue Tage kamen. Über der Heide hob und senkte sich der Nebel wie Atemzüge.
Arne legte seinen Arm um Elizas Schulter und sah ihr in das kleine blasse Gesicht. »Was fehlt unserm Kleinsten?« fragte er zärtlich.
»Es geht umher und friert.« Das Kind lächelte müde zu seinen Worten.
»O nein, frieren lassen wir es doch nicht!« meinte Arne. »Wir wollen uns einmal recht amüsieren, daß wir die häßlichen Regentage ganz unvermerkt überspringen; dann wird dir auch schon wieder schön warm werden.«
»Was wollen wir denn thun?« fragte Eliza zweifelnd.
»Nun – spielen wir vielleicht Theater? Wir bitten die Bewohner von Villa Marina dazu und spielen ein nettes, lustiges Stück.«
Eliza war wie umgewandelt. »Ja! ja! Theater spielen wir!« rief sie und schlenkerte vergnügt mit den Armen durch die Luft.
»Sind Ihrer Majestät, der Königin Esther, unsre Pläne angenehm?« wandte sich nun Arne zu Esther. Seine Augen leuchteten immer so zärtlich, wenn er mit ihr sprach.
Ja, Ihre Majestät genehmigte den Vorschlag, und nun schleppte man alles herbei, was das Haus an dramatischer Litteratur bergen mochte.
Vor allem mußte der gute alte Holberg herhalten, dem sein unvergleichlicher Humor nun einmal die ewige Jugend verliehen hat. Die große Schwierigkeit blieb nur, daß kein Stück die gebührenden Rollen für die Bewohner beider Häuser vereinigte. Man verfügte zwar recht kategorisch über die Abwesenden, kam aber doch zu keinem befriedigenden Beschluß.
»Wenn wir nun ein paar Akte aus einem modernen Drama spielten und danach eine kürzere Holberg-Komödie?« meinte Esther endlich.
Ja, so ging es.
Man wählte ein Stück aus Hedda Gabler, das sich ganz gut außer Zusammenhang spielen läßt, und danach Holbergs »Der verwandelte Bräutigam«.
»Ich bin Pernille!« bestimmte Eliza eifrig. Die andern mochten ihretwegen sehen, wie sie auskamen. Eliza begann im kokettesten Kammerzofenschritt umherzuwandeln, schon jetzt ihre Rolle vorkostend.
»Aber wer ist Hedda Gabler?« meinte Esther nachdenklich.
»Die bist du – und er ist Ejlert Lövborg, der Dichter, natürlich!« erklärte Eliza.
»O nein, dann bin ich schon lieber dein Tesmann, Frau Hedda – du sollst mir auch im Spiel mit keinem andern verheiratet sein!«
Eliza sagte: »Aber Ejlert ist doch er, den sie liebt!«
»Aber Tesmann ist es, der sie hat,« entschied Arne selbstzufrieden.
Esther dachte: geht denn auf einmal alles im Gleichnis?
»Ich mag nicht Hedda Gabler sein!« sagte sie plötzlich.
»Aber Esther! liebe, kluge Esther, verdirb es uns jetzt nicht!« bat Eliza.
»Nun – wenn Ihr es denn wollt – –«
Mit dem Spiel kam Leben und Heiterkeit nach Eriksgaard.
Da waren die vielen Proben, die wechselseitig in den beiden Häusern abgehalten wurden. Man spielte flüchtig die beiden Stücke durch, denn es war doch gewiß nicht nötig, daß sie schon so bald in untadeliger Glätte gingen und diesen angenehmen Zusammenkünften durch die Aufführung ein Ziel gesetzt wurde. Und nach den Proben kam erst noch die eigentliche Unterhaltung.
Das weite Zimmer mit dem Spinett wurde zum Tanzsaal. Da klangen nun nicht mehr die alten sehnsüchtigen Liebeslieder unter verträumten Mädchenhänden – Es war jetzt das Fräulein Luise, die junge wohlerzogene Dame, die ihre gut eingeübten Walzer der tanzlustigen Gesellschaft zum besten gab.
Und spät in der Nacht dann fuhr man heim. In diesen kalten Spätherbstnächten, wo man die Sterne zucken sieht, so kalt ist es, und wo der Atemdampf des Pferdes den ganzen Wagen einhüllt, und wo die Töne scharf klingen und kurz abbrechen. – –
Ja doch – man spielte »Hedda Gabler.«
Da gab es einen neuen Gast bei Bergsös, das Fräulein Thora Ingermann. Zart und zierlich war sie und trug eine hellgelbe Lockenmähne – darunter ein keckes freundliches Gesicht. Sie war wie geschaffen für die Rolle der Frau Elvsted.
Und dann führten sie diese Scene auf, in der Hedda, die den Mann ihrer Liebe verloren hat, zusieht, wie sich ein leises, noch so harmloses Verständnis zwischen dieser kleinen harmlosen Frau und dem ehrbaren, allerharmlosesten Tesmann anspinnt. Wie auch der, dem sie die Treue eines Lebens geben wollte, ihren Händen entgleitet. – – – –
Fräulein Thora Ingermann war verlobt. Sie hatte eine Menge Bilder ihres Verlobten mit. Er war ein Seeoffizier mit prächtigem Schnurrbart.
»Tesmann! Sehen Sie, ist er nicht einzig? Haben Sie schon je einen so schönen Mann gesehen?«
Tesmann-Arne betrachtete das Bild und stimmte freundlich, wenn auch vielleicht nicht aus überzeugtem Herzen, zu.
Das Fräulein machte ein schmachtendes Gesicht und sah Arne verführerisch an. »Ich liebe ihn so!« sagte sie. »Sie können es nicht begreifen, wie ich ihn liebe!« – –
Auf dem Rückweg meinte Arne zu Esther: »Ist es nicht ein liebes kleines Ding, der neue Besuch bei Bergsös? Sie hat so eine schöne rührende Liebe für ihren Verlobten.«
»Ja, es ist rührend,« sagte Esther.
Arne suchte zwischen seinen Manuskripten. Sie lagen schön geordnet in einer geschnitzten Eichentruhe und waren stoßweise mit goldenen Schnüren umwickelt.
Er war sehr eifrig. – »Esther, was rätst du mir Fräulein Thora zu geben?«
»Gieb ihr doch dein letztes Buch.«
»Das will sie eben nicht. Sie sagt, sie möchte etwas Handschriftliches von mir lesen. Da wühle ich nun immerzu in meinen Sachen und weiß wirklich nichts Passendes zu finden!«
»So schreibe ihr etwas Passendes.«
»Ja, meinst du, daß ich das kann?«
»Warum nicht, wenn du es willst?«
Arne besann sich. »Ich werde etwas über sie und ihren Verlobten schreiben,« sagte er endlich.
»Thu das, lieber Arne.«
Arne zog sich für ein paar Stunden zurück. Dann kam er erhitzt und triumphierend mit einem kleinen Manuskript herein, das bereits recht sauber mit einer Goldschnur geheftet war.
Esther las:
»Im Frühsommer.
»Eine ganze Bucht von Heckenrosen hängt über den Rand des Hohlweges, bauscht sich in blühender Fülle und wölbt lange, geschmeidige Zweige von einer Wand hinüber zur andern – ganz, als sei für den einziehenden Sommer ein Triumphbogen errichtet. – Und so zahllos sind die Blüten – sie wetteifern mit dem Abendhimmel, wer das köstlichste Rot aufweisen kann.
»Aber da, wo der Sommer einziehen sollte, kommt jetzt ein junges Menschenpaar. Wie im Traum gehen sie beide, und er hat ganz zaghaft den Arm um ihre Schulter gelegt. So leise berührt er sie, daß bei jedem Schritt seine Hand ein wenig zittert – denn sie haben sich ja eben zum erstenmal von Liebe gesprochen. Nun wissen sie plötzlich nichts mehr zu reden. Es ist, als ob ringsum alles Stimmen bekommen hätte: Von den Rosen tönt eine ganz leise, feine, süße Melodie, und das Gras zu ihren Füßen seufzt – nur die Luft im Hohlweg hält den Atem an und staut sich in dichten, berauschenden Duftwolken.
»Und jeder Schritt, den sie vorwärts thun, führt tiefer – tiefer in diese seltsame Märchenwelt hinein.
»Nun kommt das Ende der Rosenhecke, schon sehen sie das Korn, welches dahinter steht, in blausilbernem Schimmer hindurchblinken – und dazwischen die feurigen Mohnen. – Ein leichtes Zurückschauern durchbebt das Mädchen – –: der brennend, brennend rote Mohn – – –
»Dann gehen sie ruhig weiter – zwischen dem sommerduftenden Korn mit den heißroten Blumen – immer noch schweigend – nur seine Hand hat sich fester um ihre Schulter gelegt.«
Esther gab es ihm zurück. – »Ich dachte, du wolltest von Fräulein Thora und ihrem Verlobten schreiben?«
Er lächelte verlegen. »Ja, aber von dem Verlobten weiß ich doch nichts Genaues – so habe ich nur an Fräulein Thora gedacht – und wie sie wohl sein könnte, wenn ein Mann sie liebt.
Und dann ist nur so ganz im allgemeinen ein Bild der Liebe daraus geworden.
Aber wie gefällt es dir?«
Er sah mit herausfordernder Selbstgefälligkeit um sich. Sie hatte ihm sagen wollen, es sei das beste, was sie von ihm kannte. Zum erstenmal war er ihr seelisch nähergetreten durch seine Kunst – fast als ob er mit ihren Worten spräche – Nun war sie plötzlich unfähig, das verlangte Lob zu geben.
»Es wird Fräulein Thora schon gefallen,« sagte sie nur.
Er runzelte die Stirn: »Aber dein Urteil, Esther – hast du auch daran wieder etwas auszusetzen?«
»Du meinst, ob ich es fehlerlos finde?«
»Nun?« Er sah sie mit der spöttischen Überlegenheit eines Handlungsgehilfen an.
Sie hielt eine heftige Antwort zurück und gab dafür nur eine kühle Verstandeskritik.
»Es stört mich nur eine Kleinigkeit – das ist diese Zusammenstellung von Mohn und Heckenrosen, die in Wirklichkeit recht schlimm aussehen würde.«
Arne wurde immer gereizter. »Du verstehst mich nicht. Ich brauche Heckenrosen und Mohn ja nur als Allegorie für die zarte Brautliebe und die Ahnung künftiger Leidenschaft.«
»Ich weiß wohl – aber ich meine, daß man auch beim Schreiben ein wenig die malerische Wirkung beachten müßte – das heißt, wenn man Bilder gebraucht, muß man sie sich so vergegenwärtigen, daß man die Wirkung voll beurteilen kann.«
Er antwortete nicht gleich, stand erst eine Weile mit gesenktem Kopf und klimperte nervös an seiner Uhrkette.
»Es ist eben nur das eine, daß dir schon im vorhinein nichts gefällt, was ich arbeite,« sagte er dann mißmutig und verließ das Zimmer.
Eliza hatte dem Gespräch schweigend zugehört. – »War es denn so schlecht, was er geschrieben hatte?« fragte sie.
»Nein – es war gut.«
»Und warum sagtest du ihm davon kein Wort?«
Esther schwieg.
»Du solltest ihm ein wenig Anerkennung geben. Er braucht das, glaube ich.«
Esther antwortete wieder nicht. Sie wußte es ja – er brauchte das. Er brauchte Bewunderung oder – Nachsicht. Doch immer Lob.
Sie sahen einander an, und ihre Augen hielten und verstanden sich.
Esther dachte: Woher weißt du es nur – weiß ich es denn schon selbst? Muß ich mich nicht schämen, daß du es weißt?
Und plötzlich stand Eliza auf, hängte sich Esther um den Hals und weinte. Ganz stumm – bis die Dämmerung sank.
»Kommst du wieder zu mir, mein Liebling?« fragte Esther leise.
Das Kind sagte: »Ja, weil du wieder traurig bist.«
»Hast du mich denn nur lieb, wenn ich traurig bin?«
»Ich weiß nicht –
Ich verstehe alles Traurige –«
Arne kam herein – jung, strahlend, liebenswürdig.
»Seid Ihr denn schon zurück?« fragte Esther.
»Ja; zu schade, daß du zu dieser Probe nicht mitfahren konntest! – Aber wie geht es deinem Kopfschmerz?«
Esther lächelte ein wenig müde. »Komm, setze dich zu mir und erzähle, wie es war.«
»O, so lustig sind wir gewesen! Bis es Fräulein Luise zu viel wurde. Findest du nicht, daß sie ein bißchen altjüngferlich ist? Vor der Zeit – so ein klein wenig?«
»Das habe ich nie gefunden.«
»Na – ja – freilich. Ich mag nun die Leute nicht, die keinen kleinen Scherz vertragen können.
Da ist Fräulein Thora ganz anders. Temperament hat sie – das reine Zigeunerblut – und ist doch zart und fein und rührend, wie ein kleines Kind!«
»Hat sie wieder von ihrem Verlobten erzählt?«
»Diesmal nicht. Wir machten nur lauter Tollheiten. Zuletzt war sie so müde davon, daß sie neben mir saß und beinahe schlief. Fast wäre sie gegen meine Schulter gesunken und eingeschlafen!«
»Was sagte sie denn zu deinem Manuskript?«
»Sie fand es schön. Sie sagte nicht viel, aber ich sah es an ihrem Gesicht.
Aber etwas anderes hat sie gesagt. Wir sprachen von meinen andern Sachen, und sie hat alles gelesen. Und da sagte sie: ›Ich bin gewiß ein schlechter Kritiker – aber mir gefällt alles so unmäßig, was Sie schreiben‹.«
Er saß eine Weile ganz ruhig und sah vor sich hin. Dann redete er plötzlich wie aus einem Traum, und seine Stimme hatte einen gebrochenen Ton. »Ist das nicht das Zeichen, daß sie mich ganz verstanden hat,« sagte er, »daß sie es ist, die mich so ganz versteht –«
Esther erhob sich und trat dicht zu ihm hin. In ihr war eine eigentümliche, fast unpersönliche Liebe.
»Du mußt zu ihr gehen,« sagte sie. »Ihr gehört zusammen.«
Er sah sie an. Es war, als könnte er nicht verstehen, als fühlte er nur hinter einem Verstehen das Entsetzen dämmern.
»Was – was sagst du da?
Ja, ist es denn, daß du mich nicht mehr willst? Schickst du mich denn fort?«
Und plötzlich kniete er vor ihr, und seine Arme schlangen sich zuckend um ihren Körper. »Geh nicht fort von mir! Geh nicht! – Ich kann nicht ohne dich leben!«
Sie war ganz ratlos. Alles schien ihr plötzlich unverständlich. Sie fühlte nur immer seine Küsse auf ihren Händen – und dann auf dem Mund –
Und unter diesen Küssen wurde sie so seltsam kühl und gleichgültig. – –
Die Aufführung war überstanden. Man hatte auch getanzt und Bowle getrunken, bis die allgemeine Stimmung ihren Höhepunkt erreichte. Jeder beschäftigte sich nun nur noch mit sich selbst, und wenn es hoch kam, mit seinem Nachbar.
Herr Nyblom aus Hönegaard stand neben Esther in der Fensternische.
»Ihre fremdartige Aussprache paßte so gut für die Rolle der Hedda,« sagte er. »Sie haben sie noch anziehender und eigenartiger dadurch gemacht, gnädiges Fräulein.
Überhaupt liebe ich so den deutschen Accent und alles Ausländische. Sie sind viel feuriger dort unten im Süden, als wie hier oben.
Ho! Sie haben Feuer für Blut – Wir sind Fische dagegen!
Aber ich bin auch einmal in Deutschland gewesen – bis hinunter nach Heidelberg. Meine Frau und ich, wir haben unsre Hochzeitsreise dorthin gemacht.
Und die Studenten gaben gerade ein Fest – mit Pechfackeln zogen sie vorbei – und da schielten sie nun immer herüber zu meiner Frau – hahaha! – –«
Esther bemerkte, daß die Geschichte von Herrn Nybloms Hochzeitsreise nach Heidelberg sich auch ohne nachhelfende Antworten abzuwickeln vermochte und wandte ihre Aufmerksamkeit mehr der übrigen Gesellschaft zu.
Nicht weit entfernt saß Arne neben Fräulein Thora auf einem Ecksofa. Sie hatten traurige Gesichter und schwiegen beide. Aber ihre Augen hingen ineinander.
Dann sagte Fräulein Thora: »Ja, das ist es wohl – es ist nun wohl das letzte Mal. Wir werden uns nie wiedersehn.«
»Wir werden uns nie wiedersehn,« sprach Arne wie mechanisch nach und senkte seinen hellen Lockenkopf.
»Ich hätte Ihnen noch etwas zu sagen,« fing Fräulein Thora wieder an, »wenn wir nur in andern Verhältnissen wären –
O Gott! Ich werde selbst nicht aus mir klug – es ist alles so wunderlich – –!«
Arne nickte stumm und sah mit einem demütig-sehnsüchtigen Ausdruck zu Fräulein Thora auf – mit diesem rührenden Blick eines treuen Hundes, den Esther so wohl an ihm kannte. –
»Ist das nicht komisch?!« hörte Esther Herrn Nybloms amüsierte Stimme neben sich. Und gleich darauf wiederholte er: »Gnädiges Fräulein, finden Sie das nicht auch recht toll?«
»Ja, es ist toll,« sagte Esther und wandte sich langsam nach dem Fenster um.
Und drüben lag das Meer – weit und schwerdunkel – nur nach den Ufern zu schäumten die Wellen weiß auf im Mondlicht.
Lange stand sie so und sah hinaus, und als sie die Augen wieder zurückwandte, war alles so klein und vergänglich um sie her geworden, wie ein kurzes Komödienspiel. – Und sie sah auf diese Menschen mit denen sie lebte – und alles war fremd und ferngerückt. – Und sie fühlte ihr Herz leer – aber weit vor Sehnsucht zum Unbekannten. – –
VIII
Und sie sprach noch einmal mit Arne.
Sie sagte: »Zwischen uns ist ein Mißverständnis, Arne, wollen wir es nicht fortthun?
Wir waren bestimmt Kameraden zu sein – gute Kameraden, die einer am Leben des andern teilnehmen, aber nicht das Leben teilen. Wir haben uns geirrt.«
Arne sah finster zu ihr auf. »Was willst du mir denn sagen – mit deinen schöngewählten Worten – du?«
Das Blut stieg ihr heiß ins Gesicht. Er hatte sie so getroffen mit seiner verborgenen Anklage: sie wählte die Worte, weil sie nichts mehr fühlte.
Sie sah ihn hilflos an und wartete, ob er noch sprechen wollte – aber er schwieg.
Zwischen beide drängte sich wie entschleiernd das helle, kalte Licht des Vormittags. Esther konnte jeden Zug seines Gesichtes deutlich unterscheiden – und er wurde ihr immer fremder. Zuletzt sah sie nur noch die malerische Wirkung der Linien.
»Ich habe es ja gesehen – gestern abend –« sagte sie endlich nur unter dem Gefühl, daß eine Antwort von ihr erwartet würde. Ihre Stimme war fast tonlos.
»Was hast du gesehen?
Du hast gesehen, daß mir jemand Kamerad und Freund wurde, weil du es nicht sein wolltest. Weil du mir nichts gegeben hast von deiner Seele – und für meine kein Verstehen.
Und trotz alledem ist mir noch jetzt ein gutes Wort von dir lieber, als die ganze Seele jeder andern Frau –
Verstehst du das? Es ist, weil ich dich liebe! – Und nur, weil ich weiß, daß ich deine Liebe nicht habe, war ich fortgegangen.«
Da fühlte sie, wie seine Worte eine Schuld auf sie luden. Und sie preßte die Hände ineinander und wagte nicht mehr aufzusehen. Ja, das war es: ihre Liebe war der seinen nicht ebenbürtig.
»Ich fühle mich so arm vor dir,« sagte sie endlich ganz leise und demütig.
Er starrte sie an – ohne zu begreifen. Ganz überrascht und entsetzt sah er aus, wie jemand, der ganz unvorbereitet etwas Unglaubliches erfährt.
Esther sah das und dachte: So hat er nur seine Vorwürfe gemacht, um widerlegt zu werden? – hat gar nicht daran geglaubt, daß alles dieses, was er sich selbst und mir zur Entschuldigung vorbringt, sich wirklich so verhalten könnte?
Und sie erkannte ihn plötzlich, wie er sich unter der stets bereiten Selbstverzeihung einem Wohlgefallen hingegeben hatte, das bald der Liebe glich. Und dann war er plötzlich nach beiden Seiten gebunden, denn er konnte weder ihre Liebe, noch Thoras Bewunderung entbehren. Und – er würde nicht lange einsam bleiben, wenn sie ihn jetzt verließ.
Sie sah ihm ruhig, wie einem Fremden in das verstörte Gesicht. Eine leichte, fast mehr physische als seelische Abneigung stieg in ihr auf.
»Also du – du liebst mich nicht? Du hast mich nur in dieser ganzen Zeit betrogen?!« brach er gegen sie aus.
Sie fühlte gar nicht seinen Zorn und die Absicht zu beleidigen – »Ich habe dich nicht mehr betrogen, als mich selbst,« sagte sie. »Denn ich habe dich zu lieben geglaubt. Und ich habe keinen andern Willen gehabt, als die Liebe zu dir. Aber ich habe mich in mir selbst getäuscht.«
»Das siehst du ein bischen spät ein!« fuhr er sie herausfordernd und höhnisch an. Er war ganz kampfbereit.
Sie sah fremd und verwundert auf ihn und ging still aus dem Zimmer.
Nun kamen noch wenige Tage von jener quälenden, niederdrückenden Trostlosigkeit, wo wir das Leben ohne den Maskenstaat der Wünsche und Hoffnungen nur mehr in seiner plumpen Alltäglichkeit sehen – wo wir uns fürchten aufzublicken, weil uns alle Dinge mit fremden, verzerrten Gesichtern anschauen könnten – wo uns vor der köstlichsten Speise graut, weil wir den Ekel dahinter spüren. – – – –
Esther erwartete nur die Antwort einer Berliner Pensionsdame vor ihrer Abreise.
Gleichgültig und ohne den kleinsten Aufschwung der Phantasie hatte sie den Beschluß gefaßt, sich dort im Malen auszubilden.
Selten wohl ist jemand mit so geringen Erwartungen der Kunst entgegengegangen. – –
»Ich kann dich nicht halten, Kind – ich weiß, daß ich dich hier nicht festhalten darf,« sagte der alte Rude zu Esther – und dabei sah er sie doch suchend an, als könnte sie ihm jetzt noch sagen: alles soll gut werden.
Und wie sie stumm blieb, wiederholte er sein altes Wort: »Wie du es willst, wird es schon recht sein.«
Da trat sie mit einer leichten scheuen Bewegung zu ihm hin und lehnte sich an ihn. Und er legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich, bis sie ganz leise weinte an seiner Brust. Es war jedoch nicht lange gewesen, dann machte sie sich schon wieder los.
Er sagte aber: »Ich danke dir.«
Eliza kam am letzten Abend zu ihr. Sie schlüpfte zu Esther ins Bett, weinte viel und ließ sich gerne trösten. Sie wollte immer neue Liebkosungen von Esther haben und spielte stundenlang eine kleine, sanfte Komödie des Schmerzes. Es war so schön, wenn Esther sie küßte und ihr gute Worte sagte! –
So kam es, daß sie erst im letzten Augenblick die Trennung wirklich begriff. Und nun stand sie, mit ihren seltsamen Augen, die alles Traurige verstanden, starr vor sich hinblickend in stummer Erschütterung.
Es wird erst kommen, wenn ich fort bin, dachte Esther, und ihr Herz zog sich bei dem Gedanken zusammen, daß sie nun nicht mehr dieses Kind schützen und trösten dürfe – daß diese Seele mit der frühen Todesahnung dem Leben preisgegeben war. –
Neben ihr im Wagen saß Arne. Er hatte darum gebeten, sie nach der Bahn fahren zu dürfen. – Adam Rude hatte sich eingeschlossen und durch Arne einen Brief geschickt, den Esther erst unterwegs lesen sollte. »Es steht alles drin,« mußte Arne ausrichten.
Arne hatte den hellen Kopf die ganze Zeit gesenkt, und Esther wunderte sich plötzlich, warum es ihr früher nie aufgefallen sei, daß seine Traurigkeit etwas so Unreifes, Knabenhaftes hatte – es war jene Traurigkeit, für die ringsum die ganze Erde ein Garten des Trostes bleibt.
Und sie wünschte ihm, schon wie aus der Ferne, ein künftiges Glück, als sie sich mit einem einfachen »Lebewohl« trennten. Sie saß schon im Zug und sah noch einmal zum Fenster hinaus, da wollte er noch etwas sagen – aber die Thränen nahmen seine Stimme. »Leicht getrocknete Jugendthränen,« dachte Esther. Und plötzlich sah sie ihn wieder, wie er mit seiner warmen, strahlenden Jugend zu ihr gekommen war – zu ihr, die nur Schmerz und Schweigen kannte. Und ihr Herz füllte sich mit einem Dank, der ohne Bitterkeit war. –
Neben ihr saß als einzige Reisegefährtin eine Pflegeschwester. Sie las erst aus einem kleinen, schwarzen Gebetbuch, wobei sie die Lippen bewegte und andächtig vor sich hinsah.
Dann begann sie ein Gespräch. – »Reisen Fräulein weit?«
»O ja,« sagte Esther zerstreut.
Die Schwester ließ sich nicht einschüchtern. »Wohl gar bis Kopenhagen?« fragte sie.
»Bis Berlin.«
Die Schwester machte andächtige Augen. »Ja, waren Sie denn schon einmal in Deutschland, und können Sie die Sprache verstehen?«
»Ich bin Deutsche,« sagte Esther.
Da drückte sich die Schwester ängstlich in eine Wagenecke und sah erschrocken und unentwegt auf das junge Mädchen. –
Esther nahm den Brief des alten Rude heraus und öffnete ihn – und las:
»Mein einzig liebes Kind!
Nun gehst Du fort, und ich konnte Dir nicht Lebewohl sagen. Ich konnte es nicht, weil ich meiner nicht sicher war, weil ich mich vielleicht verraten hätte. Und was soll die Liebe eines alten Mannes zu einem Kind?
Du bist durch mein Leben gegangen wie ein lichter Traum; das ist es, was ich Dir zu danken habe.
Zuerst sah ich Dich wie ein Kind – ein schönes, liebes Kind, an dem ich meine Freude haben durfte. Aber Du bist vor mir gewachsen – mit jedem Tag gewachsen zu dem einzig begehrten Weib.
Du bist mir alles geworden, und ich hätte alles für Dich hingegeben, wenn ich nicht immer gewußt hätte, wie vergeblich solche Liebe ist. Und ich wollte Dir nichts anthun, Dich nicht damit erschrecken, mein einzig liebes Kind, darum habe ich immer geschwiegen.
Aber heute, nun Du gehst, will ich Dir meine Liebe mitgeben wie einen Dank, und Du darfst sie nehmen, weil sie so ganz anspruchslos ist und nichts will, als Dich feiern.
Lebe nun wohl, Du, die alles Glück zu vergeben hat – und mögest Du den finden, der dieses Glückes würdig ist.
Dein Adam Rude.«