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Die Frau von dreißig Jahren

5. Kapitel. Die beiden Begegnungen.

Walter Heichen translation

Ein ehemaliger Ordonnanzoffizier Napoleons, den wir nur den General oder den Marquis nennen werden, und der unter der Restauration zu großem Vermögen gekommen war, war nach Versailles gezogen, um dort die schönen Tage zu verleben. Er bewohnte ein Landhaus, das zwischen der Kirche und der Barrière de Montreuil lag, an dem Wege, der nach der Allee von Saint-Cloud führt. Sein Dienst bei Hofe gestattete ihm nicht, sich von Paris zu entfernen.

Einst zu dem Zwecke erbaut, den flatterhaften Liebschaften irgendeines Grandseigneur zum Asyl zu dienen, war dieser Pavillon ein sehr weitläufiges Gebäude. Da er mitten im Garten errichtet worden war, lag er nach rechts und nach links gleich weit ab von den ersten Häusern von Montreuil und den Hütten der Umgebung der Barrière. Ohne völlig abgesondert zu sein, hatten auf diese Weise die Herren des Besitzes in unmittelbarer Nähe einer Stadt alle Vorzüge der Einsamkeit genossen.

Eigentümlicherweise lagen die Fassade und die Eingangstür des Hauses unmittelbar nach dem Wege zu, der ehemals vielleicht wenig begangen gewesen war. Diese Vermutung erscheint wahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß er an den köstlichen Pavillon grenzte, den Ludwig XV. für Fräulein de Romans erbauen ließ. Ehe man dorthin kommt, trifft man denn auch hie und da mehrere Kasinos, deren Inneres und Ausschmückung auf die geistvollen Ausschweifungen unserer Vorfahren hindeuten, die doch immerhin den Schatten und die Verborgenheit aufsuchten, um sich der Zügellosigkeit hinzugeben, deren man sie beschuldigt.

An einem Winterabend befanden sich der Marquis, seine Frau und seine Kinder allein in diesem verlassenen Hause. Ihre Leute hatten die Erlaubnis erhalten, in Versailles die Hochzeit eines unter ihnen zu feiern; und in der Annahme, die Weihnachtsfeier, die sich an die Hochzeit anschloß, wäre eine triftige Entschuldigung, die die Herrschaft wohl gelten lassen würde, trugen sie kein Bedenken, die Festlichkeit länger auszudehnen, als die Hausordnung ihnen eigentlich erlaubte.

Da jedoch der General als ein Mann bekannt war, der bisher noch immer mit unbeugsamer Rechtschaffenheit sein Wort gehalten hatte, so tanzten die ungehorsamen Diener nur noch mit Beklommenheit, als die ihnen zugebilligte Frist abgelaufen war. Es hatte elf Uhr geschlagen, und noch war niemand von den Leuten zurückgekehrt. Das Schweigen, das rings auf dem Lande herrschte, war so tief, daß man von Zeit zu Zeit den Wind durch die schwarzen Zweige der Bäume pfeifen hörte – dann wieder heulte er ums Haus oder verfing sich in den langen Korridoren.

Der Frost hatte die Luft so rein gemacht, den Boden und das Pflaster so gehärtet, daß von allem jene trockenen, hellen Töne hallten, deren Klarheit uns stets verwundert. Der dumpfe Schritt eines verspäteten Zechers oder der Lärm einer nach Paris zurückkehrenden Droschke hallten lauter und blieben auf größere Entfernung hörbar als sonst. Die toten Blätter, die plötzliche Wirbelwinde zum Tanze trieben, raschelten über die Steine des Hofes hin, so daß sie der Nacht eine Stimme verliehen, als sie stumm werden wollte.

Kurz, es war einer jener scharfen Abende, die unserer Ichsucht ein unfruchtbares Mitleid mit den Armen oder dem Reisenden abnötigen und uns den Kamin zu dem wollüstigsten Eckchen machen.

In diesem Augenblick bekümmerte sich die im Salon beisammensitzende Familie weder um die Abwesenheit der Diener, noch um die Leute ohne Herd, noch um die Poesie einer funkelnden Winternacht. Ohne zwecklos zu philosophieren, vertrauten Frau und Kinder dem Schutze eines alten Soldaten und gaben sich ganz den Freuden hin, die das häusliche Leben mit sich bringt, wenn man sich in seinen Gefühlen keinen Zwang anzutun braucht, wenn Liebe und Offenherzigkeit Worte, Blicke und Spiele beleben.

Der General saß, oder besser gesagt, versank in einem hohen, geräumigen Lehnstuhl, der in der Kaminecke stand. Im Ofen leuchtete ein wohlgenährtes Feuer und strömte die starke Wärme aus, die stets ein sicheres Zeichen ist, daß draußen außerordentliche Kälte herrscht. An die Rückenlehne des Stuhls gelegt und ein wenig zur Seite geneigt, ruhte der Kopf dieses braven Vaters in einer Haltung, deren Nachlässigkeit eine vollkommene Ruhe, ein süßes Behagen ausdrückte. Seine wie im Halbschlaf lose über die Seiten herabhängenden Arme vollendeten das Bild gelassener Glückseligkeit.

Er betrachtete das kleinste seiner Kinder, einen kaum fünf Jahre alten Jungen, der, halb nackend, sich durchaus nicht von der Mutter ausziehen lassen wollte. Der kleine Kerl riß aus vor dem Nachthemd und dem Nachthäubchen, das die Mutter ihm manchmal hinhielt. Er behielt seinen gestickten Kragen um und lachte seine Mutter aus, wenn sie ihn rief, weil er recht wohl merkte, daß sie selbst über diese kindliche Meuterei lachte. Er fing dann wieder an, mit seiner Schwester zu spielen, die ebenso naiv, aber schon etwas schalkhafter war als er. Sie sprach auch schon deutlicher, während seine undeutlichen Worte und wirren Gedanken selbst für seine Eltern kaum verständlich waren.

Die kleine Moina, die etwa zwei Jahre älter war als er, rief durch Neckereien, die in ihr schon das Weib erkennen ließen, endloses Gelächter hervor, das ganz plötzlich losbrach und eigentlich keinen Grund zu haben schien. Aber als sie sich alle beide so drollig vorm Feuer herumkugelten, in heller Ungeniertheit ihre hübschen fleischigen Leiber und ihre weißen zarten Glieder zeigten, die Locken ihres schwarzen und blonden Haars vermischten, die rosigen Gesichter aneinander stießen, in die die Freude allerliebste Grübchen zeichnete, da konnte man es wohl nachfühlen, daß ein Vater und namentlich eine Mutter diese kleinen Seelen in ihr Herz geschlossen hatten. Gegen die lebhaften Farben ihrer feuchten Augen, ihrer leuchtenden Wangen, ihrer weißen Haut erblaßten selbst die Blumen des weichen Teppichs, des Tummelplatzes ihrer Lust, auf dem sie hinstürzten, sich überschlugen und miteinander rangen, ohne Schaden zu nehmen.

Die Mutter saß ihrem Manne gegenüber in der andern Ecke des Kamins auf einem Sofa, von umhergestreuten Kleidungsstücken umgeben, einen roten Kinderschuh in der Hand, in einer Haltung zwangloser Gemütlichkeit. Ein Anflug von Ernst erstarb in einem sanften Lächeln, das um ihre Lippen schwebte. Sie mochte sechsunddreißig Jahre alt sein und war noch von großer Schönheit, dank der seltenen Regelmäßigkeit der Gesichtszüge, denen die Wärme, das Licht und das Glück in diesem Augenblick einen fast übernatürlichen Glanz verliehen. Oft hörte sie auf, den Kindern zuzusehen und richtete die liebkosenden Augen auf das ernste Gesicht ihres Mannes; manchmal begegneten sich ihre Augen, und die Eheleute tauschten einen Blick stummer Freude und tiefen Sinnens.

Der General hatte ein stark gebräuntes Gesicht. Über seine breite, reine Stirn spannen sich ein paar Flechten ergrauenden Haares. Der mannhafte Blick seiner blauen Augen, die in den Falten seiner schlaffen Wangen ausgeprägte Tapferkeit ließen erkennen, daß er sich das rote Band, das das Knopfloch seines Rockes schmückte, sauer verdient hatte. In diesem Augenblick spiegelte sich die unschuldige Freude, in der seine beiden Kinder schwelgten, auf seinem Antlitz wider, das bei aller Festigkeit und Kraft von großer Gutmütigkeit und Offenherzigkeit zeugte.

Dieser alte Soldat war ohne große Mühe wieder jung geworden. Liebe zur Kindheit ist ja immer bei einem Soldaten vorhanden, weil er vom Unglück des Lebens genug kennen lernt, um einzusehen, wieviel Elend die Gewalt mit sich bringt und welche Vorzüge die Schwäche genießt.

Ein wenig abseits saß an einem runden Tisch im Licht von Astrallampen, deren heller Schein mit dem blassen Schimmer der auf dem Kamin stehenden Kerzen kämpfte, ein etwa dreizehn Jahre alter Knabe, der rasch die Blätter eines dicken Buches umwendete. Er ließ sich durch das Geschrei seiner Geschwister nicht ablenken, und sein Gesicht verriet die Wißbegier der Jugend. Daß er so völlig in dem, was er las, aufging, war wohl begreiflich, denn das Buch vor ihm enthielt die fesselnden Wunder von »Tausendundeiner Nacht«, und der Knabe trug die Uniform der Lyzeumsschüler. Er saß unbeweglich da, in nachdenklicher Haltung, einen Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf auf eine der Hände gestützt, deren weiße Finger sich in braunem Gelock vergruben. Das Licht fiel ihm voll aufs Gesicht, während der andere Teil seines Körpers im Dunkeln blieb. So glich er einem der schwarzen Selbstporträts Raphaels, auf denen er sich mit aufmerksamem, gesenktem, an die Zukunft denkendem Gesicht dargestellt hat.

Zwischen diesem Tisch und der Marquise arbeitete ein großes, schönes Mädchen an einem Stickrahmen, bald beugte es sich darüber hin, bald lehnte es sich zurück, und ihr ebenholzschwarzes Haar, das künstlich zu Locken gewickelt war, erstrahlte im Lichtschein. Schon Helene für sich allein gab ein herrliches Bild ab. Ihre Schönheit zeichnete sich durch eine seltene Verschmelzung von Kraft und Eleganz aus. Obgleich sie das Haar in straffem Zug um den Kopf gelegt trug, war es doch so übervoll, daß es aus dem Kamme hervorsprang und sich am Anfang des Nackens übermütig ringelte. Ihre sehr dichten, regelmäßig gezeichneten Augenbrauen traten um so mehr hervor, als die Stirn rein und blendend weiß war. Sie hatte sogar auf der Oberlippe einen leichten Flaum mannhafter Kraft – ihre Nase war griechisch und von ganz vollendetem Schnitt. Aber die entzückende Rundung der Formen, der freimütige Ausdruck der Züge, die Leuchtkraft eines zarten Fleisches, die wollüstig weichen Lippen, das feine Oval des Gesichts und vor allem die reine Keuschheit ihres jungfräulichen Blicks verliehen auch dieser kraftvollen Schönheit die weibliche Anmut und Zartheit und die bezaubernde Bescheidenheit, die wir von diesen Engeln des Friedens und der Liebe fordern.

Nur hatte dieses Mädchen nichts Gebrechliches, nichts Schwaches an sich, und ihr Herz mußte ebenso sanft sein, ihre Seele ebenso stark, wie ihr Äußeres gebieterisch und ihr Gesicht lieblich war. Sie beobachtete das gleiche Schweigen, wie ihr Bruder, der Lyzeumsschüler, und schien ganz in eine jener mädchenhaften Grübeleien versunken zu sein, die oft dem Auge eines Vaters, ja dem Scharfblick einer Mutter entgehen. Man weiß dann nicht, ob man die Schatten, die unbestimmt über das Gesicht huschen, wie schwache Wölkchen über einen klaren Himmel, dem Spiel des Lichts oder geheimem Kummer zuschreiben soll.

Der Mann und die Frau beschäftigten sich in diesem Augenblick gar nicht mit den beiden älteren Kindern. Dennoch hatte mehrmals ein prüfender Blick des Generals die stumme Szene überschaut, die den zweiten Teil dieses häuslichen Gemäldes bildete und schon eine anmutige Verwirklichung der Hoffnungen darstellte, die das Kinderspiel im Vordergrunde leise andeutete. Diese Gestalten gaben ein Abbild des menschlichen Lebens in seinen verschiedenen Abstufungen und schlossen sich zu einer Art lebenden Gedichts zusammen. Die luxuriöse Ausstattung des Salons, die verschiedenen Stellungen, die Gegensätze der verschieden gefärbten Kleidung, die Kontraste der Gesichter, die die Altersunterschiede an sich schon und dann auch die Lichteffekte hervortreten ließen, breiteten über dieses Menschheitsbild all den Reichtum und die Mannigfaltigkeit, die man von den Darstellungen eines Bildhauers, eines Malers, eines Schriftstellers fordert.

Schließlich verliehen noch die Stille und der Winter, die Einsamkeit und die Nacht dieser erhabenen und naiven Szene die ihnen eigne Majestät, einen köstlichen Natureffekt hinzufügend. Das eheliche Leben hat viele solcher geheiligten Stunden, deren unerklärlicher Reiz vielleicht auf das Hineinspielen einer bessern Welt zurückzuführen ist. Ohne Zweifel schimmern himmlische Strahlen über diesen Szenen, die den Menschen für einen Teil seiner Leiden belohnen und ihm das Erdenleben erträglich machen sollen. Dann gewinnt für unser Auge die ganze Welt eine wohlgefällige Form, wir erhalten Einblick in die erhabene Ordnung des Weltgeists, und auch die Gesetze des Gesellschaftslebens erscheinen uns gerechtfertigt im Sinne der Zukunft.

Obwohl Helene einen zärtlichen Blick auf Abel und Moina warf, als die beiden wieder einmal in hellen Jubel ausbrachen, und obwohl ihr Gesicht vor Glück strahlte, wenn sie verstohlen ihren Vater betrachtete, so lag doch der Ausdruck einer tiefen Schwermut in ihren Gebärden, in ihrer Haltung und vor allem in ihren von langen Wimpern verschleierten Augen. Ihre weißen, kräftigen Hände, durch die das Licht fiel, um ihnen ein durchscheinendes, fast flüssiges Rosa mitzuteilen – jawohl, diese Hände zitterten. Ein einziges Mal begegneten sich unversehens Helenens Augen und die der Marquise. Diese beiden Frauen sagten sich da mit einem einzigen Blick ihre Meinung: er war kalt und ehrerbietig bei Helene, finster und drohend bei der Mutter.

Helene schlug sogleich die Augen zu ihrer Arbeit nieder, bewegte flink die Nadel und hob lange Zeit den Kopf nicht wieder, der ihr fast zu schwer zu werden schien. War die Mutter übermäßig streng gegen ihre Tochter, und hielt sie diese Strenge für notwendig? War sie eifersüchtig auf die Schönheit Helenens, mit der sie schließlich noch den Kampf aufnehmen konnte, freilich nur, wenn sie allen Zauber der Toilette entfaltete? Oder hatte dieses Mädchen, wie viele Mädchen, wenn ihr Blick sich klärt, Geheimnisse durchschaut, die die dem Anschein nach ihren Pflichten so treue Frau in ihr Herz ebenso tief wie in ein Grab zu versenken geglaubt hatte?

Helene war in ein Alter gekommen, wo die Reinheit der Seele manchmal eine Gesinnung mit sich bringt, deren Härte gegen sich selbst das richtige Maß überschreitet, und zu einem fast unnatürlichen Gefühl wird. In gewissen Geistern nehmen Fehler die Größe von Verbrechen an; dann wirkt die Phantasie noch auf das Gewissen ein, und die jungen Mädchen übertreiben dann die Bestrafung, die sie sich selbst auferlegen, als wenn sie eine Missetat begangen hätten.

Helene schien sich selbst für ganz unwürdig zu halten. Ein Geheimnis ihres früheren Lebens, ein unglücklicher Zufall vielleicht, den sie zuerst gar nicht verstanden, der aber, als ihr Verstand empfänglicher wurde und der Einfluß religiöser Begriffe sich geltend machte, an Bedeutung immer mehr gewonnen hatte, schien vor kurzem erst schließlich dazu geführt zu haben, daß sie in romantischer Übertreibung sich in ihren eigenen Augen tief erniedrigt hatte.

Dieses veränderte Benehmen hatte an dem Tage begonnen, als sie in einer vor kurzem erschienenen Ausgabe ausländischer Theaterstücke die schöne Tragödie ›Wilhelm Tell‹ von Schiller las. Die Mutter schalt die Tochter, daß sie das Buch hatte fallen lassen, und bemerkte dann, daß der Aufruhr, den diese Lektüre in Helenens Seele hervorgerufen hatte, im besondern auf die Szene zurückzuführen war, wo der Dichter eine Art von Brudergemeinschaft aufstellt zwischen Wilhelm Tell, der zur Befreiung eines ganzen Volks Menschenblut vergießt, und zwischen Johann Parricida.

Helene wurde demütig, fromm und nachdenklich und wünschte nicht mehr zu Balle zu gehen. Noch nie war sie so zärtlich zu ihrem Vater gewesen, besonders wenn die Mutter ihre mädchenhaften Schmeicheleien und Liebkosungen nicht mitansah. Und wenn auch in dem Verhältnis zur Mutter eine gewisse Kälte herrschte, so kam sie doch so wenig zum Ausdruck, daß der General nichts davon bemerken konnte, so eifersüchtig er auch auf Einmütigkeit in seiner Familie hielt. Keines Menschen Augen wären scharfblickend genug gewesen, die Tiefen dieser beiden Frauenherzen zu ergründen: das eine war jung und edelmütig; das andere stolz und feinfühlend; das erste voll Duldsamkeit, das zweite voll Klugheit bei aller Liebe. Wenn die Mutter einen gewissen Despotismus gegen die Tochter walten ließ, so merkte jedenfalls niemand, als die Tochter selbst, auch nur das geringste von dieser weiblichen Zucht.

Übrigens ließen erst die Dinge, die da kommen sollten, diese unlösbaren Mutmaßungen aufkommen. Bis zu dieser Nacht war noch nie der Blitz einer Anklage diesen beiden Seelen entfahren; aber zwischen ihnen und Gott stand sicherlich ein finsteres Geheimnis.

»Nun, hurtig, Abel,« rief die Marquise und benützte einen Augenblick, wo Moina und ihr Bruder ermüdet waren und sich still verhielten, »komm, mein Sohn, du mußt zu Bett …«

Und sie warf ihm einen gebieterischen Blick zu und nahm ihn rasch auf die Knie.

»Was?« sagte der General, »es ist halb elf Uhr, und von unserer Dienerschaft ist noch niemand zurückgekommen? So eine Sippschaft! – Gustav,« setzte er hinzu, sich zu seinem Sohne wendend, »ich habe dir das Buch nur unter der Bedingung gegeben, daß du es um zehn Uhr weglegen solltest. Du hättest es zu der festgesetzten Stunde von selbst zuklappen und schlafen gehen sollen, wie du es mir versprochen hattest. Wenn du einmal ein tüchtiger Mensch werden willst, muß dir dein Wort ein zweites Glaubensbekenntnis sein, und du mußt daran festhalten, wie an deiner Ehre. Fox, einer der größten Redner Englands, zeichnete sich ganz besonders durch Schönheit seines Charakters aus. Die Treue gegen die übernommenen Verpflichtungen ist die hauptsächlichste seiner Eigenschaften. In seiner Kindheit hatte sein Vater, ein Engländer vom alten Schlage, ihm eine sehr nachdrückliche Lehre erteilt, die einen untilgbaren Eindruck auf das Gemüt eines kleinen Kindes machen mußte. Als Fox so alt war wie du, war er während der Ferien bei seinem Vater, der, wie alle reichen Engländer, einen ziemlich großen Park um sein Schloß hatte. In diesem Park stand ein alter Kiosk, der niedergerissen und an einer andern Stelle, von wo man eine großartige Aussicht hatte, wieder aufgebaut werden sollte. Kinder sehen nun gern zu, wenn etwas niedergerissen wird. Der kleine Fox wollte noch ein paar Tage länger Ferien haben, um beim Abbruch des Pavillons mit dabei zu sein; aber sein Vater verlangte, daß er pünktlich zum Schulanfang ins Gymnasium zurückkehrte. Da gab es nun einen kleinen Aufstand zwischen Vater und Sohn. Die Mutter, wie alle Mamas, stand dem kleinen Fox bei. Der Vater versprach daher seinem Sohne feierlichst, mit der Niederreißung des Kioskes bis zu den nächsten Ferien zu warten. Fox kehrte ins Gymnasium zurück. Der Vater glaubte, ein kleiner Junge würde über seinen Studien die ganze Geschichte vergessen; er ließ den Kiosk ruhig abreißen und an einer andern Stelle wieder aufbauen. Der eigensinnige Knabe aber dachte nur an den Kiosk. Als er wieder zu seinem Vater kam, war sein erstes, nach dem alten Bauwerk zu sehen; aber er kam ganz traurig zum Frühstück heim, und sagte zu seinem Vater: »Ihr habt mich belogen.« Der alte Gentleman verlor in seiner Verwirrung seine Würde nicht und antwortete: »Das ist wahr, mein Junge, aber ich werde meinen Fehler wieder gutmachen. Auf sein Wort muß man mehr halten als auf sein Geld, und alles Geld wäscht den Fleck nicht vom Gewissen, den ein Wortbruch zurückläßt.« Der Vater ließ den alten Pavillon, genau wie er gewesen war, wiederaufbauen, und als dies geschehen war, befahl er, ihn vor den Augen seines Sohnes abzutragen. Dies, Gustav, diene dir zur Lehre!«

Gustav hatte seinem Vater aufmerksam zugehört und schloß sofort das Buch. Einen Augenblick herrschte Schweigen, und der General nahm Moina an sich, die mit dem Schlaf kämpfte, und legte sie sanft auf seinen Schoß. Die Kleine ließ den haltlosen Kopf auf des Vaters Brust sinken und schlief dort gleich ein, eingehüllt in die goldenen Vorhänge ihres hübschen Haars.

In diesem Augenblick hallten eilige Schritte auf der Straße, und plötzlich geschahen drei Schläge gegen die Tür und weckten das Echo des Hauses. Diese langanhaltenden Schläge hatten einen ebenso eindringlichen Klang wie der Schrei eines Menschen in Todesgefahr. Der Wachhund heulte wütend. Helene, Gustav, der General und seine Frau zitterten heftig; aber Abel, dem die Mutter das Nachtkleid vollends übergezogen hatte, und Moina wurden nicht munter.

»Der hat's eilig!« rief der Soldat und legte sein Kind auf den Sessel. Er verließ rasch den Salon, ohne auf die Bitte seiner Frau zu hören, die ihm nachrief:

»Lieber Mann, geh' doch nicht hin –«

Der Marquis ging in sein Schlafzimmer, nahm ein Paar Pistolen an sich, brannte seine Blendlaterne an, eilte zur Treppe, rannte blitzschnell hinab und stand binnen kurzem an der Tür seines Hauses, wohin der Sohn ihm unerschrocken folgte.

»Wer ist da?« fragte er.

»Machen Sie auf!« antwortete eine Stimme keuchend und ganz außer Atem.

»Gut Freund?«

»Ja, Freund.«

»Allein?«

»Ja – doch auf, auf, sonst kommen sie!«

Sobald der General die Tür ein wenig geöffnet hatte, schlüpfte ein Mensch mit der phantastischen Geschwindigkeit eines Schattens herein; der General mußte nachgeben, denn der Unbekannte stieß die Pforte mit einem kraftvollen Fußtritt auf und lehnte sich gleich darauf entschlossen mit dem Rücken dagegen, wie um zu verhindern, daß man sie wieder öffne. Der General hob rasch die Pistole und die Blendlaterne zur Brust des Fremden, um ihm Respekt einzuflößen, und sah einen Mann von mittlerem Wuchs vor sich, der in einen weiten, nachschleppenden Pelzrock gehüllt war, wie ihn alte Leute tragen. Das Kleidungsstück schien daher auch nicht für ihn gemacht. Der Flüchtling trug, ob aus Vorsicht oder Zufall, den Hut tief auf der Stirn, bis an die Augen hinabgedrückt.

»Mein Herr,« sagte er zum General, »senken Sie die Mündung Ihrer Pistole. Ich will ja ohne Ihre Einwilligung gar nicht hierbleiben; aber wenn ich gehe, wartet meiner der Tod an der Barrière. Und welcher Tod! Sie hätten sich vor Gott dafür zu verantworten. Ich bitte Sie um Gastfreundschaft auf zwei Stunden. Bedenken Sie, mein Herr, so flehentlich ich auch bitte, so muß ich doch auch mit dem Despotismus der Notwendigkeit Forderungen stellen. Ich verlange arabische Gastfreundschaft. Ich muß Ihnen heilig sein. Wo nicht, so öffnen Sie, und ich werde sterben. Verschwiegenheit, ein Obdach und Wasser, das ist's, was mir nottut. O, Wasser!« wiederholte er in röchelndem Tone.

»Wer sind Sie?« fragte der General, überrascht von der fieberhaften Zungenfertigkeit, mit der der Unbekannte sprach.

»Ach, wer ich bin? Gut, so öffnen Sie, und ich gehe,« antwortete der Mensch im Tone höllischer Ironie.

Trotz der Geschicklichkeit, mit der der General das Licht seiner Laterne spielen ließ, konnte er nur den unteren Teil dieses Gesichts sehen, und da sprach nichts zugunsten einer so seltsam geforderten Gastfreundlichkeit: die Wangen waren blaß und zuckten, die Züge krampfhaft zusammengezogen. In dem Schatten, den der Hut warf, loderten die Augen wie zwei Lichter, die fast den schwachen Schein der Kerze überstrahlten. Doch, es mußte ihm eine Antwort gegeben werden.

»Herr,« sagte der General, »Ihre Rede ist so sonderbar, daß Sie wohl an meiner Stelle –«

»Mein Leben liegt in Ihrer Hand!« schrie der Fremde mit entsetzlicher Stimme, seinen Wirt unterbrechend.

»Zwei Stunden?« fragte der Marquis unschlüssig.

»Zwei Stunden,« wiederholte der Mensch.

Aber plötzlich stieß er mit einer Gebärde der Verzweiflung den Hut zurück, entblößte die Stirn und warf, als wollte er einen letzten Versuch machen, einen Blick, dessen heller Glanz dem General in die Seele drang. Dieser Strahl von Geist und Willenskraft glich einem Blitz und wirkte ebenso zermalmend; denn es gibt Augenblicke, wo den Menschen eine unerklärliche Macht verliehen ist.

»Nun denn, wer Sie auch sein mögen, Sie sollen unter meinem Dach in Sicherheit sein,« sagte der Hausherr ernst und glaubte einer jener triebartigen Regungen zu gehorchen, über die der Mensch sich manchmal keine Rechenschaft geben kann.

»Gott vergelte es Ihnen,« setzte der Fremde hinzu und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Sind Sie bewaffnet?« sagte der General.

Statt aller Antwort öffnete der Fremde seinen Pelz und schlug ihn schnell wieder zusammen, so daß der General nichts Genaues hatte sehen können. Er war anscheinend ohne Waffen und in der Kleidung eines jungen Mannes, der vom Ball kommt. So flüchtig der Überblick des mißtrauischen Soldaten gewesen war, so sah er doch genug, um aufzurufen:

»Wo zum Teufel können Sie sich so beschmutzt haben? Es ist doch trockenes Wetter.«

»Noch immer Fragen?« versetzte der Unbekannte in hochmütigem Tone.

In diesem Augenblick bemerkte der Marquis seinen Sohn und erinnerte sich der Lehre, die er ihm eben über strenge Befolgung des gegebenen Wortes erteilt hatte. Es verdroß ihn so sehr, ihn nun hier zu sehen, daß er in zornigem Tone zu ihm sagte:

»Wie, Hans Narr, du bist hier, statt im Bett zu sein?«

»Ich glaubte, ich könnte Ihnen in der Gefahr von Nutzen sein,« antwortete Gustav.

»Marsch, auf dein Zimmer,« sagte der Vater, von der Antwort seines Sohnes besänftigt. »Und Sie,« wendete er sich an den Unbekannten, »folgen Sie mir!«

Sie beobachteten nun Schweigen, wie zwei Spieler, die einander mißtrauen. Der General begann sich sogar finstern Ahnungen hinzugeben. Der Unbekannte lastete ihm bereits wie ein Alpdruck auf der Seele; aber da er ihm sein Wort gegeben hatte, so führte er ihn über die Korridore und Treppen seines Hauses und ließ ihn in ein großes, im zweiten Stock gelegenes Zimmer, gerade über dem Salon, treten.

Dieser unbenutzte Raum diente im Winter als Trockenboden und hing mit keinem andern Gemach zusammen. An seinen vier vergilbten Wänden war weiter kein Schmuck, als ein unschöner kleiner Spiegel, den der frühere Besitzer auf dem Kaminsims hatte stehen lassen, und ein großer Spiegel, für den sich beim Einzug des Marquis keine Verwendung gefunden hatte. Man hatte ihn daher zufälligerweise dem Kamin gegenüber aufgehängt. Der Fußboden dieser großen Mansarde war nie gescheuert worden, die Luft war eisig, und zwei alte Stühle, an denen das Stroh zerrissen war, bildeten das einzige Mobiliar.

Nachdem der General seine Laterne auf den Ofensims gestellt hatte, sagte er zu dem Unbekannten:

»Sie müssen sich mit dieser kläglichen Mansarde begnügen, um in Sicherheit zu sein. Und da Sie mein Wort haben, daß ich Verschwiegenheit wahren werde, so erlauben Sie mir wohl, Sie einzuschließen.«

Der Mensch senkte den Kopf, zum Zeichen des Einverständnisses.

»Ich habe nichts verlangt als ein Asyl, Verschwiegenheit und Wasser,« bemerkte er.

»Wasser werde ich Ihnen bringen,« antwortete der Marquis, der sorgsam die Tür zuschloß und sich zum Salon hinabtastete, um dort einen Leuchter zu nehmen und dann aus der Geschirrkammer selbst eine Karaffe zu holen.

»Nun, was gibt es?« fragte die Marquise lebhaft ihren Mann.

»Nichts, meine Liebe,« antwortete er in kaltem Tone.

»Aber wir haben doch genau gehört, daß Sie jemand dort hinaufgeführt haben.«

»Helene,« versetzte der General und sah seine Tochter an, die den Kopf zu ihm erhob, »bedenke, die Ehre deines Vaters hängt von deiner Verschwiegenheit ab. Du darfst nichts gehört haben.«

Das junge Mädchen antwortete mit einem bezeichnenden Kopfnicken. Die Marquise war verwundert über die Methode, die hier ihr Mann anwandte, um der Tochter Schweigen aufzuerlegen. Ja seine Worte gaben ihr einen Stich ins Herz. Der General holte eine Karaffe und ein Glas und stieg in das Zimmer hinauf, wo sich sein Gefangener befand. Der Mann lehnte mit entblößtem Haupte, aufrecht stehend, an der Wand, in der Nähe des Kamins. Den Hut hatte er auf einen der Stühle geworfen. Er war jedenfalls nicht darauf gefaßt gewesen, plötzlich so hellem Licht ausgesetzt zu sein. Seine Stirn legte sich in Falten, und sein Gesicht nahm eine besorgte Miene an, als sein Blick den durchdringenden Augen des Generals begegnete; aber er beruhigte sich und zeigte ein freundliches Gesicht, um seinem Beschützer zu danken. Als der letztere das Glas und die Karaffe auf den Ofensims gestellt hatte, richtete der Unbekannte wieder einen so flammenden Blick wie zuvor auf ihn und brach das Schweigen.

»Mein Herr,« sagte er mit einer sanften Stimme, die nichts mehr von dem Röcheln von vorhin, doch noch immer ein inneres Beben verriet, »ich werde Ihnen absonderlich erscheinen. Entschuldigen Sie Absonderlichkeiten, die die Not gebietet. Wenn Sie hier bleiben, so bitte ich Sie darum, mir nicht beim Trinken zuzusehen.«

Ärgerlich, beständig einem Menschen gehorchen zu müssen, der ihm mißfiel, drehte der General sich brüsk um. Der Fremde zog ein weißes Tuch aus der Tasche, umwickelte sich damit die rechte Hand, ergriff dann die Karaffe und leerte sie auf einen Zug. Der Marquis hatte das stillschweigend gegebene Versprechen nicht brechen wollen, aber er blickte mechanisch in den Spiegel, und die gegenseitige Stellung der beiden Glasscheiben erlaubte ihm, den Fremden vollständig zu überschauen.

Da sah er denn das Tuch plötzlich sich rot färben; denn die Hände, die es berührten, waren voll Blut.

»Ah, Sie haben mich beobachtet,« rief der Mann, als er getrunken hatte. Er hüllte sich in den Mantel und betrachtete den General mißtrauisch. »Ich bin verloren – sie kommen, da sind sie!«

»Ich höre nichts,« sagte der Marquis.

»Sie sind nicht mit dem Herzen dabei wie ich und können die fernen Geräusche nicht so hören.«

»Sie haben also ein Duell gehabt, daß Sie so mit Blut bedeckt sind?« fragte der General, tief ergriffen, als er die Farbe der großen Flecke erkannte, mit denen die Kleider seines Gastes getränkt waren.

»Ja, ein Duell, Sie haben es getroffen,« wiederholte der Fremde, und ein bitteres Lächeln huschte über seine Lippen.

In diesem Augenblick erklang das Geräusch mehrerer scharf galoppierender Pferde in der Ferne; aber es war so schwach wie der erste Lichtschein am Morgen.

Das geübte Ohr des Generals erkannte die Gangart von militärisch gedrillten Pferden, die gewohnt waren, in der Schwadron zu laufen.

»Das ist Gendarmerie,« sagte er.

Er warf dem Gefangenen einen Blick zu, der ihn über die Zweifel beruhigen sollte, die seine unwillkürliche Neugierde in ihm erweckt haben mochte, nahm das Licht und kehrte in den Salon zurück. Kaum hatte er den Schlüssel zu dem oberen Zimmer auf den Kamin gelegt, als der Lärm der Reiter deutlicher wurde und sich mit einer Schnelligkeit, über die er erschrak, dem Pavillon näherte.

In der Tat machten die Pferde vor der Pforte des Hauses Halt. Nach ein paar Worten mit seinen Kameraden stieg ein Reiter ab, klopfte ungestüm und nötigte den General, zu öffnen. Dieser vermochte eine geheime Erregung nicht zu verbergen, als er sechs Gendarmen sah, deren goldbetreßte Hüte im Mondlicht blitzten.

»Gnädiger Herr,« fragte ein Brigadier, »haben Sie nicht eben jetzt einen Menschen nach der Barrière zu laufen hören?«

»Nach der Barrière zu? Nein.«

»Sie haben Ihre Tür niemand geöffnet?«

»Pflege ich denn meine Tür persönlich zu öffnen –?«

»Verzeihung, General, auch jetzt, dünkt mich –«

»Ach was!« rief der Marquis zornig, »wollen Sie sich über mich lustig machen? Wie kommen Sie dazu?«

»Keineswegs, keineswegs, gnädiger Herr,« versetzte der Brigadier höflich. »Sie werden uns unsern Diensteifer nicht verübeln. Wir wissen recht wohl, ein Pair von Frankreich läßt sich nicht dazu herbei, zu solcher Stunde der Nacht einen Mörder aufzunehmen; aber der Wunsch, Erkundigungen einzuziehen –«

»Einen Mörder!« rief der General. »Und wer ist denn der –?«

»Baron de Mauny ist eben durch einen Beilhieb getötet worden,« erwiderte der Gendarm. »Aber der Mörder wird eifrig verfolgt. Wir sind gewiß, daß er sich in dieser Gegend befindet, und werden ihn aufspüren. Entschuldigen Herr General!«

Der Gendarm bestieg bei diesen Worten sein Pferd, so daß er glücklicherweise nicht das Gesicht des Generals sehen konnte. Der Brigadier, gewohnt, überall auf der Lauer zu sein, hätte vielleicht Verdacht geschöpft beim Anblick dieses offenen Gesichts, das die Seelenregungen so getreu widerspiegelte.

»Kennt man den Namen des Mörders?« fragte der General.

»Nein,« antwortete der Reiter. »Er hat den Schreibtisch voll Gold und Banknoten gelassen, ohne etwas anzurühren.«

»Also ein Racheakt,« sagte der Marquis.

»Ah bah – an einem alten Manne? – Nein, nein, der Galgenvogel hat nur nicht Zeit gehabt, sein Werk zu vollenden.«

Und der Gendarm setzte seinen Kameraden nach, die schon in die Ferne sprengten. Der General stand eine Weile in einer Verblüffung da, die leicht begreiflich ist. Bald darauf hörte er seine Diener kommen; sie sprachen hitzig miteinander, und ihre Stimmen hallten laut auf der Montreuiler Straße. Sein Zorn suchte einen Vorwand, sich Luft zu machen, und entlud sich nun, als sie ankamen, wie ein Donnerschlag über ihren Häuptern. Seine Stimme hallte durch das Haus, daß es zitterte.

Als der Beherzteste und Gewandteste unter ihnen ihre Verspätung damit entschuldigte, daß sie am Eingang von Montreuil von Gendarmen und Polizisten aufgehalten worden seien, die einen Mörder gesucht hätten, beruhigte er sich plötzlich wieder und schwieg. Durch diese Ausrede an die Pflichten seiner sonderbaren Lage erinnert, befahl er kurzweg allen seinen Leuten, auf der Stelle schlafen zu gehen. Sie wunderten sich darüber, daß der Kammerdiener mit seiner Lüge so gut durchgekommen war.

Aber während dies sich im Hofe zutrug, hatte ein anscheinend ganz unbedeutender Vorfall die Lage der andern Personen, die in dieser Geschichte mitwirken, umgestaltet. Der Marquis war kaum hinausgegangen, als seine Frau abwechselnd den Mansardenschlüssel und ihre Tochter ansah und schließlich, sich zu ihrer Tochter neigend, mit leiser Stimme sagte:

»Helene, Dein Vater hat den Schlüssel auf dem Kaminsims liegen lassen.«

Das junge Mädchen hob erstaunt den Kopf und sah zaghaft die Mutter an, deren Augen vor Neugierde blitzten.

»Und – was denn, Mama?« antwortete sie bestürzt.

»Ich möchte wissen, was dort oben vorgeht. Wenn jemand da ist, so hat er sich jedenfalls noch nicht gerührt. Geh hinauf …«

»Ich?« fragte das junge Mädchen entsetzt.

»Fürchtest du dich?«

»Nein, Mama, aber ich habe den Schritt eines Mannes gehört.«

»Wenn ich selbst gehen könnte, würde ich dich nicht gebeten haben, hinaufzugehen, Helene,« versetzte die Mutter in einem Tone kalter Würde. »Wenn dein Vater wiederkäme und mich nicht fände, würde er mich vielleicht suchen. Dich wird er nicht vermissen.«

»Madame,« antwortete Helene, »wenn Sie es mir befehlen, so geh' ich – aber ich werde die Achtung vor meinem Vater verlieren …«

»Wie?« versetzte die Marquise in ironischem Tone. »Doch da du ernsthaft aufnimmst, was nur ein Scherz war, so gebiete ich dir jetzt, geh' hinauf und sieh nach, wer dort oben ist. Hier ist der Schlüssel, meine Tochter. Wenn dir dein Vater Schweigen über das, was in diesem Augenblick bei ihm vorgeht, auferlegt hat, so verbot er dir damit keineswegs, in dieses Zimmer zu gehen. Geh' und wisse, daß sich eine Tochter niemals ein Urteil über ihre Mutter erlauben darf …«

Diese letzten Worte sprach die Marquise mit aller Strenge einer gekränkten Mutter, dann nahm sie den Schlüssel und gab ihn Helene, die sich ohne ein Wort erhob und den Salon verließ.

»Meine Mutter wird freilich seine Verzeihung zu erlangen wissen, aber ich werde meines Vaters Gunst für alle Zeit verscherzt haben. Will sie mich der Liebe berauben, die er für mich hat, will sie mich aus dem Hause jagen?«

Diese Gedanken gärten plötzlich in ihrem Geist, während sie ohne Licht den Korridor entlangschritt, an dessen Ende die Tür des geheimnisvollen Zimmers lag. Als sie dort ankam, waren ihre Begriffe in fast unheilvolle Verwirrung geraten. Die unklaren Ideen hatten mit einem Schlage tausend bisher in ihrem Herzen zurückgehaltenen Gefühlen freien Lauf gegeben. Sie glaubte vielleicht schon nicht mehr an eine glückliche Zukunft und verzweifelte nun in diesem Augenblick vollends an ihrem Leben.

Als sie den Schlüssel dem Schloß näherte, zitterte sie krampfhaft, und ihre Aufregung wurde so stark, daß sie einen Augenblick innehielt, um die Hand aufs Herz zu pressen, als hätte sie die Macht, das heftige, laute Pochen zu unterdrücken. Endlich machte sie die Tür auf. Der Mörder hatte ohne Zweifel auf das Kreischen der Angeln nicht geachtet. Obgleich sein Gehör sehr scharf war, blieb er regungslos, anscheinend in Gedanken verloren, stehen, wie an die Wand geklebt. Der Lichtkreis, den die Laterne warf, beleuchtete ihn matt, und er glich in diesem Helldunkel jenen finsteren Ritterstatuen, die, immer in aufrechter Haltung, an den Ecken schwarzer Gräber über gotischen Kapellen stehen.

Perlen kalten Schweißes standen auf seiner gelben, breiten Stirn. Eine unglaubliche Kühnheit erleuchtete das heftig zusammengezogene Gesicht. Seine starren, trockenen Augen glühten und schienen über einen Kampf in dem Dunkel, das vor ihm lag, nachzusinnen. Stürmische Gedanken jagten schnell über dieses Gesicht hin, dessen fester, entschlossener Ausdruck auf eine Seele höherer Art deutete. Sein Körper, seine Haltung, seine Größenverhältnisse stimmten mit diesem wilden Geist überein.

Dieser Mann war ganz Kraft und Gewalt, und er spähte in die Finsternis, als erblickte er darin das deutliche Abbild seiner Zukunft. Der General, gewohnt, die energischen Gesichter der Riesen zu sehen, die sich um Napoleon drängten, und überdies von einer berechtigten Neugierde beherrscht, hatte auf das eigentümliche Äußere dieses Mannes kaum geachtet; aber Helene, die, wie alle Frauen, äußeren Eindrücken sehr zugänglich war, fühlte sich sogleich durch die Mischung von Licht und Schatten, von Grandiosem und Leidenschaft, von einem poetischen Chaos gefesselt, das dem Unbekannten das Aussehen des sich von seinem Fall erhebenden Luzifers verlieh.

Plötzlich folgte dem Sturm, der sich auf seinem Antlitz malte, wie durch Zauber die Ruhe, und eine unerklärliche Macht, für die der Fremde, vielleicht ohne sich dessen selbst bewußt zu sein, Quelle und Gegenstand zugleich war, breitete sich mit der Geschwindigkeit der Überflutung um ihn her aus. Eine Sturzwelle von Gedanken schien von seiner Stirn hinwegzuströmen, als nun seine Züge ihre natürliche Form wiedergewannen.

Das junge Mädchen, bezaubert von der Seltsamkeit dieser Begegnung und von dem Geheimnis, in das sie drang, konnte nun ein sanftes, interessantes Gesicht bewundern. Sie stand eine Zeitlang in magischem Schweigen da, von Regungen erfüllt, die bisher ihre junge Seele nicht gekannt hatte. Doch bald darauf – ob nun Helene unwillkürlich einen Ausruf getan, eine Bewegung gemacht, oder ob der Mörder, von der Gedankenwelt zur wahren Welt zurückkehrend, außer seinem eigenen Atemzug noch einen andern gehört hatte – drehte er plötzlich den Kopf der Tochter seines Wirtes zu und sah undeutlich im Schatten die hohe Gestalt und die majestätischen Formen eines Geschöpfes, das er für einen Engel halten mußte, als er es so unbeweglich und undeutlich wie eine Erscheinung dastehen sah.

»Herr,« sagte sie mit bebender Stimme.

Der Mörder zitterte.

»Ein Weib!« rief er in sanftem Tone. »Ist's möglich? Entfernen Sie sich,« fuhr er fort, »ich gestehe niemand das Recht zu, mich anzuklagen, mich freizusprechen oder zu verurteilen. Ich muß für mich allein leben. Gehen Sie, mein Kind,« setzte er hinzu, mit einer überlegenen, herrischen Handbewegung, »ich würde den Dienst, den der Herr dieses Hauses mir erwiesen hat, schlecht vergelten, wenn ich eine einzige der Personen, die es bewohnen, die gleiche Luft mit mir atmen ließe. Ich muß mich den Gesetzen der Welt unterwerfen.«

Dieser letzte Satz wurde mit leiser Stimme gesprochen. Indem er das ganze Elend, das dieser schwermütige Gedanke in sich schloß, sich vor seines Geistes Auge zu rufen schien, warf er auf Helene einen schlangenartigen Blick und wirbelte damit im Herzen dieses seltsamen jungen Mädchens eine Welt von Gedanken auf, die bisher darin geschlummert hatten. Es war wie ein Licht, das unbekannte Länder erleuchtet. Ihre Seele wurde zu Boden gedrückt und unterjocht, ohne daß sie die Kraft fand, sich gegen die magnetische Gewalt dieses Blickes zu wehren, so zufällig er auch auf sie gerichtet schien.

Beschämt und zitternd, ging sie und kehrte in den Salon zurück. Da im nächsten Augenblick auch der Vater hereintrat, so konnte sie ihrer Mutter nichts sagen.

Der General, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, schritt schweigend auf und ab. Mit gekreuzten Armen ging er in militärischem Takt von den Fenstern, die auf die Straße hinausführten, bis zu den Gartenfenstern, und wieder zurück. Seine Frau betrachtete den schlafenden Abel. Moina, die auf dem Sessel lag, wie ein Vogel in seinem Nest, schlummerte sorglos. Die ältere Schwester hielt ein Knäuel Seide in der einen, eine Nadel in der andern Hand und starrte ins Feuer.

Das Schweigen, das im Salon draußen und im ganzen Hause herrschte, wurde nur durch die schleppenden Schritte der Dienstboten unterbrochen, die einer nach dem andern schlafen gingen, durch ein unterdrücktes Lachen, ein letztes Echo ihrer Freude und des Hochzeitsfestes, dann durch die Türen ihrer Kammern, die sie, miteinander sprechend, öffneten und gleich darauf schlossen. Einige dumpfe Geräusche schallten auch noch um die Betten her. Ein Stuhl fiel um. Das Husten eines alten Kutschers erklang leise und verstummte.

Aber bald herrschte überall die düstere Majestät, die um Mitternacht über der entschlafenen Natur liegt. Nur die Sterne funkelten. Frost hatte die Erde gepackt. Kein Wesen sprach, nichts regte sich. Nur das Feuer brauste und machte, daß die tiefe Stille nur noch tiefer erschien. Die Uhr in Montreuil schlug eins. In diesem Augenblick hallten äußerst leichte Schritte im Oberstock.

Der Marquis und seine Tochter glaubten bestimmt, den Mörder des Herrn de Mauny eingeschlossen zu haben, schrieben dieses Geräusch einer der Frauen zu und wunderten sich nicht weiter, als sie die Tür des vor dem Salon liegenden Zimmers aufgehen hörten.

Plötzlich erschien der Mörder unter ihnen. Die Verblüffung des Marquis, die lebhafte Neugierde der Mutter und das Erstaunen der Tochter erlaubten ihm, bis in die Mitte des Salons vorzutreten, und in einer seltsam ruhigen und klangvollen Stimme zum General zu sagen:

»Herr, die zwei Stunden gehen zu Ende.«

»Sie hier!« rief der General. »Wie haben Sie es vermocht – –?«

Und mit einem furchtbaren Blick fragte er seine Frau und seine Kinder. Helene wurde rot wie das Feuer.

»Sie,« fuhr der General in bebendem Tone fort, »Sie mitten unter uns! Ein mit Blut bedeckter Mörder hier! Sie beschmutzen dieses Bild! Fort, fort!« setzte er in wütendem Tone hinzu.

Bei dem Wort Mörder stieß die Marquise einen Schrei aus. Für Helene aber schien es die Entscheidung des Lebens herbeizuführen, ihr Gesicht verriet nicht das geringste Erstaunen. Sie schien diesen Menschen erwartet zu haben. Allen ihren weiten Gedanken wohnte nur ein Sinn inne. Die Strafe, die der Himmel ihr für ihre Fehler vorbehalten hatte, brach herein. Das junge Mädchen hielt sich für ebenso verbrecherisch, wie dieser Mann es war, und sah ihn nun heiteren Auges an. Sie war seine Gefährtin, seine Schwester. Nach ihrer Überzeugung offenbarte sich ein Gebot Gottes in diesem Zufall. Einige Jahre später hätte eine reifere Vernunft sie über das Wesen ihrer Gewissensbisse besser aufgeklärt; jetzt aber beraubten sie sie aller Besinnung. Der Fremde blieb unbeweglich und kalt stehen. Ein verächtliches Lächeln lag auf seinen Zügen und auf seinen vollen, roten Lippen.

»Sie erkennen schlecht den Edelsinn an, den ich in meinem Verhalten gegen Sie beobachtet habe,« sagte er langsam. »Ich habe das Glas, darin Sie mir Wasser reichten, meinen Durst zu stillen, nicht mit den Händen berühren wollen. Ich habe nicht einmal daran gedacht, meine blutenden Hände unter Ihrem Dach zu waschen, und wenn ich es verlasse, dann bleibt von meinem Verbrechen« – bei diesen Worten zogen sich seine Lippen zusammen – »nichts hier, als der Gedanke daran. Ich habe dieses Haus gestreift und lasse keine Spur zurück. Ich habe nicht einmal Ihrer Tochter erlaubt –«

»Meine Tochter!« rief der General und warf einen Blick des Entsetzens auf Helene. »Ha, Unglückseliger, geh' oder ich bringe dich um!«

»Die zwei Stunden sind noch nicht verflossen. Sie können mich weder töten noch ausliefern, ohne die Achtung vor sich selbst zu verlieren – und auch die meine.«

Bei diesem letzten Worte versuchte der verblüffte Soldat den Verbrecher anzusehen; aber er mußte die Augen niederschlagen, er fühlte sich nicht imstande, das unerträgliche Feuer eines Blickes auszuhalten, der ihn zum zweitenmal in innerster Seele verwirrte. Als er erkannte, daß seine Willenskraft abermals schwach wurde, fürchtete er, wiederum weichen Stimmungen nachzugeben.

»Einen Greis zu ermorden! Sie können nie etwas von Familienleben kennen gelernt haben?« sprach er zu ihm und wies mit einer patriarchalischen Gebärde auf Frau und Kinder.

»Ja, einen Greis!« wiederholte der Unbekannte, leicht die Stirn runzelnd.

»Fliehen Sie!« rief der General, doch noch immer wagte er es nicht, den Blick zu seinem Gast zu erheben. »Ich werde Sie nicht töten. Nein, ich werde mich nie zum Geschäftsführer des Schafotts hergeben. Aber gehen Sie – Sie flößen uns Abscheu ein.«

»Das weiß ich,« antwortete der Verbrecher resigniert. »In Frankreich gibt es kein Fleckchen Erde mehr, darauf ich in Sicherheit den Fuß setzen könnte. Aber wenn die Gerechtigkeit im Sinne Gottes die besondern Fälle zu beurteilen wüßte, wenn sie sich herabließe, zu erforschen, wer von beiden das eigentliche Ungeheuer ist, der Mörder oder sein Opfer, dann würde ich mit Stolz unter den Menschen bleiben. Können Sie sich nicht denken, welche Verbrechen ein Mensch begangen haben muß, ehe er von einem andern Menschen mit dem Beil niedergeschlagen wird? Ich habe mich zum Richter und Henker aufgeworfen, ich habe die ohnmächtige menschliche Gerechtigkeit ergänzt. Das ist mein Verbrechen. Adieu, Herr! Trotz der Bitternis, mit der Sie Ihre Gastfreundschaft vermischt haben, werde ich deren gedenken. In meiner Brust wird gegen einen Menschen auf dieser Erde allzeit ein dankbares Gefühl wohnen, und dieser eine Mensch sind Sie … Aber ich hätte doch gewünscht, Sie wären edelmütiger gewesen.«

Er ging auf die Tür zu. In diesem Augenblick neigte sich das junge Mädchen zu ihrer Mutter und sagte ihr ein Wort ins Ohr.

»Ah …!«

Der General erschrak über den Schrei, der seiner Frau entfuhr, so heftig, als hätte er Moina tot gesehen. Helene stand hochaufgerichtet da, und der Mörder war unwillkürlich umgekehrt, und auf sein Gesicht trat der Ausdruck einer gewissen Sorge um diese Familie.

»Was haben Sie, liebe Frau?« fragte der Marquis.

»Helene will mit ihm gehen,« sagte sie.

Der Mörder errötete.

»Da meine Mutter so schlecht einen fast unwillkürlichen Ausruf auslegt,« sagte Helene mit leiser Stimme, »so werde ich zur Tat machen, was sie im Herzen wünscht.«

Nachdem das junge Mädchen einen stolzen, fast wilden Blick um sich her geworfen hatte, senkte sie die Augen und stand in einer bewundernswerten Haltung der Bescheidenheit da.

»Helene,« sagte der General, »du bist in die Kammer hinaufgegangen, in die ich diesen Menschen gebracht hatte –?«

»Ja, mein Vater.«

»Helene,« fragte er mit einer von heftigem Zittern entstellten Stimme, »ist es das erstemal, daß du diesen Menschen gesehen hast?«

»Ja, mein Vater.«

»Dann ist es unnatürlich, daß du die Absicht hast …«

»Wenn es unnatürlich ist, so ist es doch wenigstens wahr, mein Vater.«

»Ha, meine Tochter,« sagte die Marquise mit leiser Stimme, doch so, daß ihr Mann es hörte, »Helene, du verleugnest alle Grundsätze der Ehre, der Bescheidenheit, der Tugend, die ich in deinem Herzen zu entwickeln versucht habe. Wenn du bis zu dieser unseligen Stunde nie anders als verlogen gewesen bist, dann bist du nicht zu bedauern. Ist es die moralische Verkommenheit dieses Unbekannten, die dich verlockt? Wäre es die Gewalt, die allen Menschen zu eigen sein muß, die ein Verbrechen begehen – –? Ich achte dich immer noch zu sehr, als daß ich glauben könnte –«

»O, glauben Sie immerhin alles, Madame,« antwortete Helene in kaltem Tone.

Aber trotz der Charakterstärke, die sie in diesem Augenblick bewies, vermochte das Feuer ihrer Augen kaum die Tränen aufzuzehren, die ihr dieselben füllten. Der Fremde erriet aus diesen Tränen des jungen Mädchens, was die Mutter gesprochen hatte und warf den Blick eines Adlers auf die Marquise, die, durch eine unwiderstehliche Macht gezwungen, diesen schrecklichen Verführer ansah.

Als die Augen dieser Frau den hellen, leuchtenden Augen dieses Mannes begegneten, empfand sie in tiefster Seele einen Schauer, ähnlich dem Grausen, das uns beim Anblick eines Reptils befällt – ähnlich den Schlägen, die uns bei Berührung einer Leydener Flasche durchzucken.

»Mann,« rief sie ihrem Gatten zu, »es ist der Teufel! Er errät alles –«

Der General erhob sich, um nach einer Klingelschnur zu greifen.

»Er stürzt Sie ins Verderben,« sagte Helene zu dem Mörder.

Der Unbekannte lächelte, tat einen Schritt, hielt den Marquis beim Arm fest, zwang ihn, einen Blick auszuhalten, der ihn betäubte, und raubte ihm so alle Willenskraft.

»Ich werde Ihnen Ihre Gastfreundschaft lohnen,« sagte er, »damit werden wir quitt sein. Ich werde Ihnen eine ehrlose Handlung ersparen, indem ich mich selbst ausliefere. Was soll ich schließlich noch im Leben beginnen?«

»Sie können bereuen,« antwortete Helene und sah ihn mit einem jener hoffnungsvollen Blicke an, die nur in den Augen von jungen Mädchen aufleuchten können.

»Ich werde nie bereuen,« versetzte der Mörder mit tiefer Stimme und warf stolz den Kopf zurück.

»Seine Hände sind mit Blut befleckt,« sagte der Vater zu seiner Tochter.

»Ich werde sie abwischen,« erwiderte sie.

»Aber,« fuhr der General fort, doch wagte er nicht, bei diesen Worten gleichzeitig auf den Unbekannten hinzuzeigen, »weißt du denn auch, ob er dich überhaupt haben will?«

Der Mörder schritt auf Helene zu, deren Schönheit, so keusch sie auch war, und so sehr sie sich zu beherrschen wußte, von einer innern Glut erstrahlte, deren Widerschein die kleinsten Züge und zartesten Linien färbte und sozusagen hervortreten ließ. Nachdem er nun auf dieses entzückende Geschöpf einen sanften Blick geworfen hatte, dessen Feuer jedoch noch immer furchtbar war, sagte er im Tone tiefer Ergriffenheit:

»Zum Zeichen, daß ich Sie um Ihrer selbst willen liebe und keinen Vorteil aus ihrer Leidenschaft für mich selbst ziehen will – zum Zeichen, daß ich die zwei Stunden Leben, die Ihr Vater mir gewährt hat, zu bezahlen weiß – zum Zeichen dessen weise ich Ihr Opfer, Ihre Hingebung zurück.«

»Auch Sie stoßen mich von sich!« rief Helene in herzzerreißendem Tone. »Dann lebt wohl, ihr alle. Ich gehe in den Tod!«

»Was bedeutet denn das?« fragten Vater und Mutter in gleichem Atem.

Helene schwieg und senkte die Augen, nachdem sie die Marquise mit einem vielsagenden Blick forschend angesehen hatte. Seit dem Augenblick, wo der General und seine Frau versucht hatten, durch Wort oder Handlung das seltsame Vorrecht anzugreifen, das der Unbekannte sich anmaßte, indem er in ihrer Mitte blieb, und seit dieser letztere das betäubende Licht, das seinen Augen entströmte, voll auf sie gerichtet hatte, befanden sich beide im Banne eines unerklärlichen Zaubers; alle Vernunft war in Fesseln geschlagen und war nicht imstande, die übernatürliche Macht zurückzustoßen, unter der sie zusammenbrachen.

Die Luft dünkte sie jetzt schwer und dick, und sie atmeten mühsam. Dabei vermochten sie nichts gegen den zu sagen, der sie so im Zaume hielt, obwohl eine innere Stimme ihnen deutlich sagte, der zauberhafte Mensch allein sei der Urquell ihrer Ohnmacht. In diesem geistigen Todeskampfe erkannte der General dennoch, daß seine Bemühungen sich jetzt nur darauf richten müßten, auf die schwankende Vernunft seines Kindes einzuwirken. Er nahm Helene um den Leib und trug sie in eine Fensternische. Hier war sie dem Mörder fern.

»Mein geliebtes Kind,« sagte er mit leiser Stimme zu ihr, »wenn eine seltsame Liebe plötzlich in deinem Herzen entstanden ist, so haben mir dein Herz, dein Leben voll Unschuld, deine reine, fromme Seele so viel Beweise deines Charakters gegeben, daß ich unmöglich glauben kann, es fehle dir nun an der nötigen Energie, eine Regung des Wahnwitzes zu bezähmen. Wenn du trotzdem daran festhältst, so steckt eben ein Geheimnis dahinter. Nun, mein Herz ist ein Herz voll Duldsamkeit, du kannst ihm alles anvertrauen. Und wenn du es zerrissest, mein Kind, so würde ich den Kummer still in mir tragen und über dein Bekenntnis ein unverbrüchliches Schweigen bewahren. Sprich, bist du etwa eifersüchtig auf unsere Liebe zu deinen Brüdern und deiner jüngeren Schwester? Hast du Liebeskummer? Fühlst du dich hier unglücklich? Sprich, erkläre mir die Gründe, die dich dazu treiben, deiner Familie den Rücken zu kehren, ihr ihren größten Schatz zu rauben, deine Mutter, deine Brüder, deine kleine Schwester zu verlassen?«

»Mein Vater,« antwortete sie, »ich bin weder eifersüchtig, noch in jemand verliebt, nicht einmal in Ihren Freund, den Diplomaten, Herrn de Vandenesse.«

Die Marquise erbleichte, und ihre Tochter, die das bemerkte, hielt inne.

»Muß ich nicht früher oder später sowieso unter dem Schutze eines Mannes leben?«

»Das ist wohl wahr.«

»Wissen wir jemals,« fuhr sie fort, »an was für ein Wesen wir unser Schicksal knüpfen? Ich – ich glaube an diesen Mann.«

»Kind,« sagte der General, die Stimme erhebend, »du bedenkst nicht, was alles für Leiden auf dich einstürmen werden!«

»Ich denke an sein Leid.«

»Was für ein Leben wird deiner harren?« rief der Vater.

»Ein Frauenleben,« antwortete die Tochter leise.

»Du bist ja schon sehr klug,« rief die Marquise, die Sprache wiederfindend.

»Madame, die Fragen schreiben mir die Antworten vor; aber wenn Sie es wünschen, so werde ich deutlicher reden.«

»Sagen Sie alles, meine Tochter – ich bin Mutter.«

Die Tochter sah die Mutter an, und die Mutter änderte ihren Ton.

»Helene, ich werde Ihre Vorwürfe auf mich nehmen, wenn Sie welche gegen mich zu erheben haben. Das soll mir lieber sein, als Sie mit einem Menschen gehen zu sehen, den alle Welt mit Abscheu flieht.«

»Sie sehen somit selbst, Madame, ohne mich würde er ganz allein sein.«

»Genug, Madame!« rief der General. »Wir haben fortan nur noch eine Tochter.«

Und er sah Moina an, die noch immer schlief.

»Dich werde ich in ein Kloster bringen,« setzte er hinzu, sich zu Helene wendend.

»Meinetwegen, mein Vater,« antwortete sie mit der Ruhe der Verzweiflung. »So werde ich dort sterben. Sie haben für mein Leben und für seine Seele ja nur Gott Rechenschaft abzulegen.«

Ein tiefes Schweigen folgte plötzlich auf diese Worte. Es war ein Auftritt, der alle alltäglichen Begriffe des Lebens über den Haufen warf, und die daran Beteiligten wagten nicht, einander anzusehen. Plötzlich erblickte der Marquis seine Pistolen, ergriff eine, lud sie schnell und richtete sie auf den Fremden. Bei dem Geräusch, das der Hahn machte, drehte der Mann sich um und heftete seinen ruhigen, durchdringenden Blick auf den General.

Von einer unüberwindlichen Schwäche befallen, sank der Arm des alten Soldaten herab, und die Pistole fiel auf den Teppich.

»Meine Tochter,« sagte nun der Vater und gab den entsetzlichen Kampf auf, »du bist frei. Küsse deine Mutter, wenn sie damit einverstanden ist. Was mich betrifft, ich will von dir nichts mehr sehen und hören …«

»Helene,« sagte die Mutter zu dem jungen Mädchen, »bedenke doch, du wirst im Elend leben –!«

Ein Röcheln, das aus der breiten Brust des Mörders drang, lenkte ihren Blick auf diesen. Ein Ausdruck der Verachtung war auf seinem Antlitz zu lesen.

»Es kommt mir teuer zu stehen, daß ich Ihnen Gastfreundschaft gewährte,« rief der General. »Vor kurzem haben Sie nur einen alten Mann umgebracht. Hier morden Sie eine ganze Familie. Was auch geschehen möge, diesem Hause steht Unglück bevor!«

»Und wenn Ihre Tochter glücklich ist?« fragte der Mörder und sah den Soldaten fest an.

»Wenn sie glücklich ist mit Ihnen,« antwortete der Vater, sich mit Mühe aufraffend, »so werde ich sie nicht bedauern.«

Helene kniete schüchtern vor ihrem Vater nieder und sagte in liebkosendem Tone zu ihm:

»O, mein Vater, ich liebe und verehre Sie, ob Sie nun die Schätze Ihrer Güte oder die Strenge des Zorns über mich ausschütten. Doch lassen Sie diese jähzornigen Worte nicht Ihre letzten sein!«

Der General wagte nicht, seine Tochter anzusehen. In diesem Augenblick trat der Fremde vor und sah Helene mit einem Lächeln an, das zugleich etwas Höllisches an sich hatte.

»Du, der ein Mörder kein Entsetzen einflößt, Engel des Mitleids,« sagte er, »komm, da du darauf bestehst, mir dein Geschick anzuvertrauen.«

»Unbegreiflich!« rief der Vater.

Die Marquise warf ihrer Tochter einen seltsamen Blick zu und öffnete ihr die Arme. Helene sank ihr weinend an die Brust.

»Leb wohl,« sagte sie, »leb wohl, meine Mutter!«

Helene gab entschlossen dem Fremden einen Wink. Der Mann zitterte. Sie küßte ihrem Vater die Hand, küßte in Eile, doch ohne Freude, Moina und den kleinen Abel und verschwand mit dem Mörder.

»Wohin sind sie gegangen?« rief der General, auf die Schritte der beiden Flüchtlinge lauschend.

»Madame,« fuhr er fort, sich an seine Frau wendend, »hinter diesem Abenteuer steckt ein Geheimnis. Sie müssen es kennen.«

Die Marquise zitterte.

»Seit einiger Zeit,« antwortete sie, »war Ihre Tochter äußerst romantisch geworden und zeigte oft seltsame Überschwenglichkeit. Trotz all meiner Sorge, diesen Hang ihres Charakters zu bekämpfen …«

»Das ist nicht klar.«

Aber der General glaubte jetzt im Garten die Schritte seiner Tochter und des Fremden zu hören und sprach nicht weiter, sondern stürzte ans Fenster und riß es auf.

»Helene!« schrie er hinaus.

Die Stimme verhallte in der Nacht wie eine vergebliche Prophezeiung. Indem der General diesen Namen aussprach, der auf dieser Welt nun nichts weiter mehr war als ein Name, brach er wie durch Zauber den Bann, in den eine diabolische Gewalt ihn geschlagen hatte. Wie das Leuchten eines Geistes huschte es ihm übers Gesicht. Er sah deutlich die Szene vor sich, die sich eben abgespielt hatte, und verwünschte seine Schwäche, die ihm unbegreiflich war. Wie eine heiße Welle flutete es ihm vom Herzen zum Kopfe und zu den Füßen. Er wurde wieder er selbst, und in schrecklicher Wut, in rasendem Rachedurst stieß er einen fürchterlichen Schrei aus.

»Hilfe! Hilfe!«

Er rannte zu den Klingeln und zog an den Schnüren, als wollte er sie zerreißen, und erweckte so ein Schellen aller Glocken, wie man es im Schlosse noch nie vernommen hatte. Alle seine Leute fuhren entsetzt aus den Betten. Er schrie noch immer, riß die Fenster nach der Straße auf, rief die Gendarmen, fand seine Pistolen, feuerte sie ab, um die Reiter, seine Leute und die Nachbarn zu schnellerem Laufe anzutreiben. Die Hunde erkannten nun die Stimme ihres Herrn und bellten, die Pferde wieherten und stampften. Es war ein schrecklicher Tumult in dieser ruhigen Nacht. Als der General die Treppe hinablief, um hinter seiner Tochter herzueilen, sah er seine entsetzten Leute von allen Seiten zusammenkommen.

»Meine Tochter! – Helene ist entführt worden! – Geht in den Garten – bewacht die Straße – laßt die Gendarmen herein – sucht den Mörder!«

Gleich darauf zerriß er in seiner Wut einfach die Kette, an der der große Wachhund lag.

»Helene! Helene!« schrie er dem Tier zu.

Der Hund machte einen Satz wie ein Löwe, bellte wütend und stürzte so schnell in den Garten hinein, daß der General ihm nicht folgen konnte. In diesem Augenblick erklang der Galopp von Pferden auf der Straße, und der General öffnete selbst in aller Eile.

»Brigadier,« rief er, »schneiden Sie dem Mörder des Herrn de Mauny den Rückweg ab. Sie wollen durch meine Gärten. Schnell, besetzt die Wege nach der Pikardie … ich mache eine Treibjagd durch alles Land, durch alle Gärten und Häuser. – Ihr andern,« sagte er zu seinen Leuten, »bewacht die Straße und besetzt die Strecke von der Barrière bis nach Versailles! Vorwärts, allesamt!«

Er ergriff ein Gewehr, das ihm sein Kammerdiener brachte, eilte in die Gärten und schrie dem Hunde zu:

»Such!«

Aus der Ferne antwortete ihm furchtbares Gebell, und er wandte sich nach der Richtung, aus der das Geheul des Hundes zu kommen schien.

Um sieben Uhr morgens hatten die Nachsuchungen der Gendarmerie, des Generals, seiner Leute und der Nachbarn noch keinen Erfolg gehabt. Der Hund war nicht wiedergekommen. Erschöpft von der Anstrengung und durch den Gram dieser Nacht rasch gealtert, kehrte der Marquis in den Salon zurück, der für ihn nun verödet war, obgleich seine drei andern Kinder noch da waren.

»Sie sind stets sehr kalt zu Ihrer Tochter gewesen,« sagte er, mit einem Blick auf seine Frau. »Hier ist uns doch etwas von ihr geblieben,« setzte er hinzu, auf den Stickrahmen zeigend, darauf er eine angefangene Blume erblickte. »Eben war sie noch hier – und nun verloren – verloren!«

Er weinte, vergrub den Kopf in den Händen und saß eine Weile schweigend da. Er mochte sich nicht mehr in dem Zimmer umsehen, das ihm einstmals das Gemälde süßesten Hausglücks dargeboten hatte. Das Licht des Morgens kämpfte mit den erlöschenden Lampen; die Kerzen versengten ihre Papiermanschetten; alles stand im Einklang zu der Verzweiflung dieses Vaters.

»Das Ding da muß vernichtet werden,« sagte er nach einem Augenblick des Schweigens und zeigte auf den Stickrahmen. »Ich kann nichts mehr sehen, was mich an sie erinnert.«

Die entsetzliche Weihnacht, in der der Marquis und seine Frau das Unglück hatten, ihre älteste Tochter zu verlieren, ohne daß sie sich der seltsamen Gewalt widersetzen konnten, die ihr Verführer – eigentlich ja ein Verführer wider Willen – auf sie ausgeübt hatte, diese entsetzliche Nacht war gleichsam ein Wink vom Schicksal selbst. Kurz darauf richtete der Bankerott eines Wechselagenten den Marquis zugrunde. Er nahm auf die Güter seiner Frau Hypotheken auf, um eine Spekulation zu versuchen, deren Gewinn der Familie allen früheren Reichtum wiedergeben sollte. Die Spekulation schlug fehl und ruinierte ihn vollends. In seiner Verzweiflung, alles zu versuchen, wanderte der General aus. Sechs Jahre waren seit seiner Abreise verflossen. Die Familie hatte nur selten Nachricht von ihm erhalten. Sechs Tage vor dem Erlaß, durch den Spanien die Unabhängigkeit der amerikanischen Republiken anerkannte, hatte er seine Rückkehr angemeldet.

An einem schönen, heitern Morgen befanden sich mehrere französische Handelsmänner, voller Ungeduld, in ihr Vaterland zurückzukehren, mit den Reichtümern, die sie in langer, saurer Arbeit und auf gefährlichen Reisen teils durch Mexiko, teils durch Kolumbia erworben hatten, auf einer spanischen Brigg, nur noch wenige Meilen von Bordeaux entfernt. Ein durch Mühseligkeiten oder Gram über seine Jahre hinaus gealterter Mann lehnte an der Schanzverkleidung und schien keinen Sinn für das Bild zu haben, das sich den Blicken der in Gruppen auf dem Verdeck herumstehenden Passagiere bot. Den Gefahren der Seefahrt entronnen und durch die Schönheit des Tages angelockt, waren alle auf Deck gestiegen, um die Heimat zu grüßen.

Die Mehrzahl unter ihnen wollte durchaus in der Ferne schon die Leuchttürme, die Häuser der Gascogne, den Turm von Corduan zwischen den phantastischen Gebilden einiger weißen Wolken erkennen, die am Horizont heraufstiegen. Wäre nicht die silberne Furche gewesen, die der Kiel vor sich aufpflügte, wäre nicht die Schleppe gewesen, die er hinter sich herzog, so hätten die Reisenden glauben können, sie lägen regungslos mitten auf dem Ozean, so ruhig war die See.

Der Himmel war von entzückender Reinheit. Die tiefe Färbung seines Gewölbes ging in unmerklichen Abstufungen in die bläuliche Farbe des Wassers über; wo beide aufeinanderstießen, sah man nur eine zarte Linie, von der flimmernden Helligkeit der Sterne. Die Sonne ließ Millionen von Spiegelscheiben auf der unermeßlichen Fläche des Meers aufblitzen, so daß die weiten Gefilde des Wassers vielleicht noch mehr leuchteten als das Firmament selbst.

Ein wunderbar milder Wind blähte alle Segel der Brigg, und die schneeweißen Tücher, die gelben, wehenden Wimpel, das Labyrinth von Tauwerk zeichneten sich haarscharf auf dem glänzenden Grunde des Himmels, der leuchtenden Luft und des Meeres ab, ohne andere Farben anzunehmen, als die Schatten, die die Wolken von Segeln warfen.

Ein schöner Tag, ein frischer Wind, der Anblick des Vaterlandes, eine hübsche, einsame Brigg, die wie eine zum Stelldichein fliegende Schöne über das Meer hinglitt – das war ein Bild voll Harmonie, eine Szene von köstlichem Reiz. Von einem Punkt aus, auf dem alles reges Leben und Bewegung war, umfaßte die Menschenseele weite Fernen, die bewegungslos blieben, die unwandelbar sich ringsum ausdehnten. Es war eine wundersame Gegenüberstellung von Einsamkeit und Leben, von Stille und Lärm, ohne daß man hätte sagen können, wo der Lärm und das Leben, das Nichts und das Schweigen wäre. Denn keine menschliche Stimme unterbrach diesen himmlischen Zauber.

Der spanische Kapitän, seine Matrosen und die Männer aus Frankreich standen oder saßen und überließen sich in frommer Schwärmerei ihren Erinnerungen. Die Luft selbst atmete Müßiggang. Die strahlenden Gesichter verrieten ein völliges Vergessen der schlechten Zeiten, die man überstanden hatte, und die Menschen wiegten sich auf ihrem schönen Schiff wie in einem goldenen Traume.

Dennoch sah der alte, an die Schanzverkleidung gelehnte Passagier von Zeit zu Zeit voll Unruhe nach dem Horizont. In seinen Zügen prägte sich die Ahnung eines Unglücks oder ein Mißtrauen gegen die Güte des Schicksals aus, und er schien zu befürchten, daß man den Boden Frankreichs nicht schnell genug betreten könne. Dieser Mann war der Marquis. Das Glück hatte gegen seine verzweifelten Anstrengungen sich nicht spröde gezeigt. Nachdem er fünf Jahre alles mögliche versucht und bitter gearbeitet hatte, war er nun im Besitz eines beträchtlichen Vermögens. In seiner Ungeduld, die Heimat wiederzusehen und seiner Familie das Glück zu bringen, war er dem Beispiel einiger französischen Handelsleute von Habana gefolgt und hatte sich mit ihnen auf einem spanischen nach Bordeaux bestimmten Fahrzeug eingeschifft.

Seine Phantasie, überdrüssig, immer Unglück vorauszusehen, spiegelte ihm die köstlichsten Bilder aus dem Glück seiner Vergangenheit wider. Beim Anblick der fernen braunen Linie, die das Land beschrieb, glaubte er seine Frau und seine Kinder zu sehen. Er saß an seinem Platze am Kamin und war umringt und liebkost von seinen Kindern. Er stellte sich Moina vor, schön, groß geworden, imposant wie ein junges Mädchen. Als dieses Bild der Phantasie ihm so klar vor Augen stand, wie ein Bild der Wirklichkeit, rannen ihm Tränen die Wangen hinab, und um seine Aufregung zu verbergen, sah er nach dem Horizont in der entgegengesetzten Richtung der verschwommenen Linie, die das Land bezeichnete.

»Das ist er!« rief er. »Er verfolgt uns.«

»Was gibt's?« rief der spanische Kapitän.

»Ein Schiff,« antwortete der General mit leiser Stimme.

»Ich habe es schon gestern gesehen,« antwortete Kapitän Gomez.

Er sah den Franzosen fragend an.

»Er hat bis jetzt Jagd auf uns gemacht,« sagte er dann dem General ins Ohr.

»Ich begreife nicht, warum er uns nicht schon eingeholt hat,« versetzte der alte Soldat, »denn er ist ein besserer Segler, als Ihr verwünschter Sankt Ferdinand.«

»Er wird Havarien erlitten oder Wasser übergenommen haben.«

»Er kommt auf,« rief der Franzose.

»Er ist ein kolumbischer Korsar,« sagte der Kapitän ihm ins Ohr. »Wir sind noch sechs Meilen von der Küste entfernt, und der Wind flaut ab.«

»Er fährt nicht – er fliegt – als wenn er wüßte, daß ihm in zwei Stunden seine Beute entschlüpft sein wird – welche Tollkühnheit!«

»Der!« rief der Kapitän. »Ja, der heißt nicht umsonst der Othello. Er hat letztens eine spanische Fregatte in den Grund gebohrt und führt doch nur dreißig Kanonen. Ich habe die ganze Zeit über Angst vor ihm gehabt, denn ich wußte wohl, daß er in den Antillen kreuzte. Ah! ah!« fuhr er nach einer Pause fort, während deren er die Segel seines Schiffes beobachtet hatte, »der Wind frischt auf, wir werden unser Ziel erreichen. Das ist auch nötig, denn der Pariser würde kein Erbarmen kennen.«

»Aber auch er erreicht sein Ziel,« antwortete der Marquis.

Der »Othello« war nur noch drei Meilen entfernt. Obwohl die Mannschaft das Gespräch zwischen dem Marquis und Kapitän Gomez nicht mitangehört hatte, war doch die Mehrzahl der Matrosen und der Passagiere durch das Auftauchen dieses Segels nach der Stelle hingelockt worden, wo die beiden sich unterhielten. Aber alle hielten diese Brigg für ein Handelsschiff und betrachteten sie mit Interesse, als plötzlich ein Matrose in energischem Ton rief:

»Beim heiligen Jakob, wir sind des Todes! Das ist der Pariser Kapitän!«

Bei diesem schrecklichen Namen griff das Entsetzen im Schiff um sich, und eine Verwirrung entstand, die sich nicht beschreiben läßt. Der spanische Kapitän hielt durch seine Befehle noch eine Zeitlang seine Matrosen in Zucht und flößte ihnen Tatkraft ein. Er wollte um jeden Preis das Land erreichen und versuchte in aller Eile sämtliche hohen und niedrigen Leesegel auf Steuer- und auf Backbord zu hissen, um dem Winde alle Leinwand zu bieten, die seine Rahen trugen.

Aber diese Manöver waren nur mit großer Schwierigkeit auszuführen; es fehlte an der bewundernswerten Zusammenarbeit, die auf einem Kriegsschiff so sehr besticht. Obwohl der »Othello« wie eine Schwalbe segelte, dank der geschickten Stellung seiner Segel, so kam er doch anscheinend so wenig auf, daß die unglücklichen Franzosen sich einer holden Illusion hingaben. Als nach unerhörten Anstrengungen infolge gewandter Manöver, die Gomez durch Winke und Befehle angeordnet hatte, der »Sankt Ferdinand« von neuem schnell seinem Ziel näherkam, legte plötzlich der Steuermann durch eine falsche Bewegung des Ruders, die er wahrscheinlich mit Absicht machte, die Brigg quer. Nun von der Seite gefaßt, killten die Segel so heftig, daß sie back braßten. Die Klüverbäume brachen, und das Schiff kam völlig aus dem Kurs. Vor unaussprechlicher Wut wurde der Kapitän weißer als seine Segel. Mit einem Satz sprang er auf den Steuermann zu und stieß so wütend mit dem Dolche nach ihm, daß er denselben wohl verfehlte, doch ihn dabei ins Meer stürzte. Dann packte er selbst das Steuer und versuchte der schrecklichen Zügellosigkeit Herr zu werden, in die sein braves, mutiges Schiff versetzt worden war. Tränen der Verzweiflung traten ihm in die Augen; denn wenn wir durch einen Verrat um einen Erfolg gebracht werden, den unsere Fähigkeiten errungen haben würden, so schmerzt uns das tiefer als selbst ein drohendes Ende. Aber je mehr der Kapitän fluchte, um so weniger glückte ihm sein Vorhaben. Er schoß selbst die Alarmkanone ab, in der Hoffnung, von der Küste aus gehört zu werden.

In diesem Augenblick antwortete der Korsar mit einem Kanonenschuß, dessen Kugel zehn Klafter vom »Sankt Ferdinand« ins Wasser schlug.

»Donnerwetter!« rief der General. »Gut gezielt. Sie haben ausgezeichnete Karonaden.«

»O, der!« antwortete ein Matrose. »Sehen Sie, wenn der spricht, heißt's schweigen. Der Pariser würde sich vor einem englischen Kriegsschiff nicht fürchten.«

»Es ist nichts zu machen,« rief der Kapitän im Tone der Verzweiflung. Er hatte sein Fernrohr ans Auge gesetzt und keine Spur von Land unterscheiden können. »Wir sind noch weiter von Frankreich entfernt, als ich gedacht habe.«

»Warum wollen Sie verzagen?« versetzte der General. »Alle Ihre Passagiere sind Franzosen, und denen gehört die Fracht Ihres Schiffes. Dieser Korsar ist ein Pariser, sagen Sie? Nun wohl, hissen Sie den weißen Wimpel, und …«

»Und er wird uns in den Grund bohren,« antwortete der Kapitän. »Was wird weiter geschehen, da ihm einmal darum zu tun ist, sich einer reichen Beute zu bemächtigen?«

»Ah! wenn er ein Seeräuber ist – –«

»Seeräuber?« rief einer der Matrosen in wildem Tone. »Ha, er tritt immer manierlich auf, und es geht dabei alles ganz ordnungsgemäß her, wie es sich gehört.«

»Nun gut,« rief der General, die Augen zum Himmel aufschlagend, »ergeben wir uns.«

Er hatte noch Kraft genug, die Tränen zurückzuhalten.

Als er diese Worte beendet hatte, traf ein zweiter, besser gezielter Kanonenschuß das Hinterteil des »Sankt Ferdinand« und schlug ein Leck.

»Beidrehen!« befahl der Kapitän in traurigem Tone.

Und der Matrose, der der Anständigkeit des Parisers das Wort geredet hatte, betätigte sich in sehr geschickter Weise bei diesem verzweifelten Manöver.

Die Mannschaft wartete in tiefster Bestürzung eine tödliche halbe Stunde lang. Der »Sankt Ferdinand« führte vier Millionen Piaster, die das Vermögen von fünf Passagieren bildeten. Davon betrug das des Generals eine Million einhunderttausend Frank.

Der »Othello«, der noch um zehn Flintenschüsse entfernt war, zeigte jetzt deutlich die drohenden Mündungen von zwölf schußbereiten Kanonen. Er flog vor einem Winde hin, den der Teufel eigens für seine Segel blasen zu lassen schien; aber das Auge eines geschickten Seemanns konnte ohne Schwierigkeit das Geheimnis dieser Geschwindigkeit erkennen. Man brauchte nur einen Augenblick den schlanken, langgestreckten Bau der Brigg zu betrachten, ihre Schmalheit, die Höhe ihrer Masten, den Schnitt ihrer Segel, die bewundernswerte Leichtigkeit ihrer Takelage und die Flottheit, mit der alle ihre Leute, so einmütig, als wenn nur ein einziger Mensch dort tätig wäre, die weiße Fläche richteten und ordneten, die ihre Segel darboten.

Alles verriet eine unglaubliche Kraft und Sicherheit an diesem flinken Geschöpf aus Holz, das ebenso rasch, ebenso klug war wie ein Rennpferd oder ein Raubvogel. Die Mannschaft des Korsaren verhielt sich still und war bereit, falls sie auf Widerstand stoßen sollte, das arme Handelsschiff zu vernichten, das sich zu seinem Glück ganz ruhig verhielt, wie ein Schüler, den sein Lehrer über einer Dummheit ertappt hat.

»Wir haben Kanonen!« schrie der General und drückte dem spanischen Kapitän die Hand.

Der letztere warf dem alten Soldaten einen Blick voll Wut und Verzweiflung zu und sagte zu ihm:

»Und die Leute?«

Der Marquis betrachtete die Mannschaft des »Sankt Ferdinand«, und ihn schauderte. Die vier Handelsleute waren blaß und zitterten vor Angst; während die Matrosen sich um einen unter ihnen scharten und sich dem Anschein nach verabredeten, auf die Seite des »Othello« zu treten, denn sie sahen mit begehrlichen Blicken nach dem Korsaren hin. Der erste Maat, der Kapitän und der Marquis allein tauschten Blicke aus, die eine einmütige und tapfere Gesinnung verrieten.

»Ah, Kapitän Gomez, einstmals habe ich mit vor Kummer erstorbenem Herzen meinem Vaterland und meiner Familie Lebewohl gesagt. Soll ich sie auch nun nicht wiedersehen, wo ich eben meinen Kindern die Freude und das Glück bringen will?«

Der General drehte sich um und ließ eine Träne der Wut ins Meer fallen. Dabei erblickte er den Steuermann, der auf den Korsaren zuschwamm.

»Diesmal,« antwortete der Kapitän, »werden Sie ihm ohne Zweifel für alle Zeit Lebewohl sagen müssen.«

Der Franzose erschrak über den stumpfsinnigen Blick, den der Spanier ihm zuwarf. In diesem Augenblick waren die beiden Schiffe fast an Bord; und beim Anblick der feindlichen Mannschaft glaubte der General an die unselige Prophezeiung seines Kapitäns. Drei Mann standen an jedem Geschütz. Wenn man ihre athletische Haltung, ihre eckigen Züge, ihre nackten, sehnigen Arme sah, hätte man sie für Statuen von Bronze halten können. Sie wären im Tode noch auf ihrem Posten geblieben, ohne umzufallen. Die Matrosen, gut bewaffnet, standen unbeweglich da, aber man sah ihnen an, wie flink und gewandt sie sein konnten, sobald ein Befehl sie aus ihrer Starrheit erweckte. Alle diese energischen Gesichter waren stark von der Sonne verbrannt und von der Arbeit gehärtet. Ihre Augen leuchteten wie Feuerfunken und verrieten Tatkraft, Intelligenz und höllische Freude.

Die tiefe Stille, die auf diesem von Menschen und Hüten schwarzen Verdeck herrschte, zeugte für die unversöhnliche Disziplin, unter die ein gewaltiger Wille diese menschlichen Teufel gezwungen hatte. Der Anführer stand vor dem Hauptmast, ohne Waffen und mit gekreuzten Armen. Nur ein Beil lag ihm zu Füßen. Auf dem Kopfe trug er zum Schutze gegen die Sonne einen Filzhut mit breiter Krempe, dessen Schatten sein Gesicht verbarg. Gleich Hunden, die vor ihrem Herrn liegen, sahen Kanoniere, Soldaten und Matrosen abwechselnd auf den Kapitän und das Handelsschiff. Als die beiden Briggs zusammenstießen, erweckte die Erschütterung den Korsaren aus seiner Träumerei, und er sagte einem jungen Offizier, der zwei Schritt vor ihm stand, ein Wort ins Ohr.

»An die Enterhaken!« rief der Leutnant.

Und der »Sankt Ferdinand« wurde von dem »Othello« mit bewundernswerter Geschwindigkeit geentert. Gemäß den Befehlen, die der Korsar mit leiser Stimme erteilte und der Leutnant wiederholte, gingen die Leute, wie Seminaristen, wenn sie zur Messe gehen, an Bord der Prise, fesselten die Matrosen und Passagiere und bemächtigten sich der Schätze. In einem Augenblick waren die Tonnen voll Piastern, die Lebensmittel und die Mannschaft vom »Sankt Ferdinand« auf das Verdeck des »Othello« gebracht worden.

Der General glaubte im Banne eines Traumes zu stehn, als ihm die Hände gefesselt und er auf einen Ballen geworfen wurde, ganz als ob er selber nur ein Stück Ware sei. Eine Beratung fand zwischen dem Korsaren, dem Leutnant und einem Matrosen statt, der den Posten eines ersten Maats zu haben schien. Als die Unterredung, die nur kurze Zeit währte, zu Ende war, rief der Matrose durch einen Pfiff seine Leute herbei. Er erteilte ihnen einen Befehl, und sie sprangen alle auf den »Sankt Ferdinand«, kletterten am Tauwerk in die Höhe und begannen, das Schiff seiner Rahen, Segel und Takelage zu berauben, mit der gleichen Geschwindigkeit, mit der ein Soldat auf dem Schlachtfelde einen toten Kameraden entkleidet, dessen Schuhe und Mantel ihm begehrenswert erschienen sind.

»Wir sind verloren,« sagte zum Marquis der spanische Kapitän, der mit den Blicken die Gebärden der drei Anführer während ihrer Beratung und die Bewegungen der Matrosen verfolgt hatte, die die regelrechte Plünderung seiner Brigg vornahmen.

»Wieso?« fragte der General gelassen.

»Was denken Sie, was sie mit uns machen werden?« versetzte der Spanier. »Sie haben ohne Zweifel erkannt, daß sie den »Sankt Ferdinand« nicht gut in den Häfen von Frankreich und Spanien verkaufen können, und so wollen sie ihn nun versenken, um ihn los zu werden. Und was uns betrifft, glauben Sie, sie werden sich damit befassen, uns durchzufüttern, da sie nicht wissen, an welchem Hafen sie uns absetzen könnten?«

Kaum hatte der Kapitän diese Worte beendet, als der General ein entsetzliches Geschrei und den dumpfen Fall mehrerer Körper hörte, die man ins Meer warf. Er wandte sich um und sah die vier Handelsleute nicht mehr. Acht Kanoniere mit wilden Gesichtern standen noch mit in die Luft gereckten Armen da, als der Soldat mit Entsetzen zu ihnen hinsah.

»Habe ich's Ihnen nicht gesagt?« meinte der spanische Kapitän trocken.

Der Marquis erhob sich rasch. Das Meer war schon wieder ruhig geworden. Er sah nicht einmal mehr die Stelle, wo seine unglücklichen Gefährten verschwunden waren. Mit zusammengebundenen Händen und Füßen lagen sie wohl schon am Grunde der See, wenn nicht Haifische sie zerrissen hatten.

Ein paar Schritte von ihm schlossen der treulose Steuermann und der Matrose des »Sankt Ferdinand«, der vorhin die Macht des Pariser Kapitäns gerühmt hatte, Brüderschaft mit den Piraten und bezeichneten mit dem Finger diejenigen von den Seeleuten der Brigg, die nach ihrer Meinung würdig waren, in die Mannschaft des »Othello« eingereiht zu werden. Den andern fesselten zwei Schiffsjungen trotz der gräßlichen Verwünschungen, die sie ausstießen, die Füße.

Als die Auswahl beendet war, packten die acht Kanoniere die Verurteilten und warfen sie ohne Umstände ins Meer. Die Korsaren betrachteten mit boshafter Neugierde die verschiedenen Bewegungen der Unglücklichen, wie sie hinabfielen, was für Gesichter sie schnitten, wie ihr letzter Todeskampf verlief. Aber ihre Züge verrieten weder Hohn, noch Schreck, noch Mitleid. Es war für sie eine ganz einfache Sache, an die sie gewöhnt waren.

Die älteren unter ihnen betrachteten daher auch lieber mit einem finstern, verhaltenen Lächeln die mit Piastern gefüllten Tonnen, die vor dem Hauptmast standen. Der General und Kapitän Gomez saßen auf einem Warenballen und sahen sich fragend an. Sie waren nun noch die einzigen, die von der Mannschaft des »Sankt Ferdinand« noch am Leben waren. Die sieben Matrosen, die von den beiden Verrätern ausgewählt worden waren, hatten sich inzwischen schon zu fröhlichen Piraten umgewandelt.

»Was für schändliche Kerle!« rief plötzlich der General, und eine gerechte, edelmütige Entrüstung ließ ihn seinen Kummer und die Vorsicht vergessen.

»Sie gehorchen der Notwendigkeit,« antwortete Gomez ruhig. »Wenn Sie einem dieser Menschen einmal wieder begegneten, würden Sie ihm nicht Ihren Degen durch den Leib rennen?«

»Kapitän,« sagte der Leutnant, sich an den Spanier wendend, »der Pariser hat von Ihnen sprechen hören. Sie sind, sagt er, der einzige, der die Antillendurchfahrt und die brasilianische Küste genau kennt. Wollen Sie –?«

Der Kapitän unterbrach den Leutnant mit einem Ausruf der Verachtung und antwortete:

»Ich werde den Seemannstod erleiden als treuer Spanier und Christ – verstehst du?«

»Ins Meer mit ihm!« rief der junge Mann.

Auf diesen Befehl packten zwei Kanoniere Gomez.

»Ihr seid feige Hunde!« schrie der General und versuchte die Korsaren zurückzuhalten.

»Alter,« sagte der Leutnant zu ihm, »regen Sie sich nicht auf. Wenn Ihr rotes Band am Knopfloch auch auf unsern Kapitän einigen Eindruck macht, ich lächle darüber. Auch wir beide werden sogleich eine kleine Unterhaltung miteinander haben.«

In diesem Augenblick verkündete ein dumpfer Fall, in den kein Laut der Klage sich mischte, dem General, daß der wackere Gomez den Seemannstod erlitten hatte.

»Mein Geld oder den Tod!« schrie er in einem furchtbaren Wutanfall.

»Ah, Sie sind vernünftig,« antwortete der Korsar spöttisch. »Sie wissen nun doch, daß Sie eins von beiden bestimmt von uns erhalten werden …«

Auf ein Zeichen des Leutnants eilten zwei Matrosen herbei, um dem Franzosen die Füße zusammenzubinden. Aber der General stieß sie mit einer unerwarteten Kühnheit zurück, befreite sich mit fast übermenschlicher Gewalt von dem Strick, womit seine Hände gefesselt waren, riß mit einer Bewegung, mit der niemand gerechnet hatte, den Säbel an sich, den der Leutnant an der Seite trug, und begann mit der Gewandtheit eines alten Kavalleristen, der sein Handwerk versteht, zu fechten.

»Ha, Briganten! Ihr sollt einen alten Soldaten Napoleons nicht wie eine Auster ins Meer werfen!«

Pistolenschüsse, auf den um sich schlagenden Franzosen abgefeuert, lenkten die Aufmerksamkeit des Parisers auf diese Szene, der inzwischen die dem »Sankt Ferdinand« geraubte Takelage auf sein Schiff hatte herüberschaffen lassen. Kaltblütig packte er nun den mutigen General von hinten, hob ihn rasch empor, schleppte ihn an den Bordrand und war im Begriff, ihn wie eine unbrauchbare Spiere ins Wasser zu werfen.

In diesem Augenblick sah der General in das wilde Auge des Mannes, der seine Tochter entführt hatte. Der Vater und der Schwiegersohn erkannten sich auf der Stelle. Der Kapitän gab seiner Bewegung plötzlich eine andere Richtung, und statt den General ins Meer zu werfen, stellte er ihn in raschem Schwunge, als wenn der schwere Mann gar nichts gewogen hätte, vor den Hauptmast. Ein Murmeln erhob sich auf dem Verdeck. Aber der Korsar warf seinen Leuten nur einen Blick zu, worauf tiefstes Schweigen eintrat.

»Es ist Helenens Vater,« sagte der Kapitän mit klarer, fester Stimme. »Wehe dem, der es an Achtung gegen ihn fehlen läßt!«

Ein freudiges Geschrei erklang auf dem Verdeck und stieg gen Himmel, wie ein Gebet in einer Kirche, wie der ernste Ruf des Tedeums. Die Schiffsjungen schaukelten sich im Tauwerk, die Matrosen warfen die Mützen in die Luft, die Kanoniere trampelten mit den Füßen, alles war in Bewegung, schrie, pfiff und fluchte. Diese Heiterkeit hatte etwas so Fanatisches an sich, daß der General unruhig und beklommen wurde. Er schrieb den Aufruhr einem entsetzlichen Geheimnis zu, und sein erster Ruf, als er die Sprache wiederfand, war das Wort:

»Meine Tochter! Wo ist sie?«

Der Korsar warf dem General einen jener tiefen Blicke zu, die, ohne daß man sich's erklären konnte, die unerschrockensten Seelen niederwarfen, und der Soldat verstummte, zur großen Befriedigung der Matrosen, die sich darüber freuten, daß ihr Führer über alle Menschen Gewalt zu haben schien. Dann führte der Räuber ihn an eine Treppe, hieß ihn hinabsteigen, brachte ihn vor die Tür einer Kabine, öffnete sie rasch und sagte:

»Sie ist hier.«

Dann verschwand er, während der alte Haudegen verblüfft das Bild betrachtete, das sich seinen Blicken bot. Als Helene die Tür des Gemachs so ungestüm öffnen hörte, war sie von dem Divan aufgestanden, auf dem sie lag. Doch nun erblickte sie den Marquis und stieß einen Schrei der Überraschung aus. Sie war so verändert, daß es des Auges eines Vaters bedurfte, um sie zu erkennen. Die Tropensonne hatte sie noch schöner gemacht. Ihr weißes Gesicht war braun geworden und hatte ein wunderbares Kolorit erhalten, das ihr einen Ausdruck orientalischer Poesie verlieh. Dieses Antlitz trug den Stempel der Größe, Majestät, Energie und einer Seelentiefe, die auf die rohesten Gemüter Eindruck machen mußte.

Ihr langes, überreiches Haar fiel in dicken Locken auf einen vornehmen Hals und gab dem Stolz dieses Gesichts einen machtvollen Rahmen. In ihrer Haltung und Gebärde verriet Helene, daß sie sich ihrer Macht auch vollauf bewußt war. Eine an Triumph grenzende Zufriedenheit blähte leicht ihre rosafarbenen Nasenflügel, und ihr ruhiges Glück erkannte man allein schon daran, in welchem Maße ihre Schönheit sich entfaltet hatte.

Dabei hatte sie gleichzeitig doch eine unsagbare jungfräuliche Weichheit an sich und jenen besonderen Stolz, der allen denen eigen ist, die sich über alles geliebt wissen. Sklavin und Herrscherin zugleich, wollte sie gern gehorchen, da sie regieren konnte.

Sie war mit einer Pracht gekleidet, die der Anmut und Vornehmheit nicht ermangelte. Ihre ganze Toilette bestand aus indischem Musselin; der Diwan und die Kissen waren von Kaschmir, und ein persischer Teppich bedeckte den Boden der geräumigen Kabine. Ihre vier Kinder spielten zu ihren Füßen und bauten sich phantastische Schlösser aus Perlenhalsbändern, aus kostbaren Schmucksachen, aus wertvollen Gegenständen. Ein paar Vasen aus Sèvresporzellan, von Madame Jaquotot bemalt, enthielten seltene, duftende Blumen: Jasmin aus Mexiko und Kamelien. Zwischen diesen Blumen flatterten gezähmte kleine Vögel aus Amerika herum, die in ihrer Buntfarbigkeit Rubinen, Saphiren und lebendigem Golde glichen.

Ein Piano stand in diesem Salon, und an den Wänden hingen hier und dort Bilder, die nicht groß waren, aber von den besten Malern herrührten: ein »Sonnenuntergang« von Hippolyt Schinner neben einem Ter Borch, eine Heilige Jungfrau von Raphael neben einer Skizze von Géricault; ein Gerard Dow neben Porträtmalern des Kaiserreichs.

Auf einem Lacktisch befand sich eine goldene Schüssel voll köstlicher Früchte. Kurz, Helene schien die Königin eines großen Reiches zu sein, und ihr gekrönter Gemahl schien in diesem Boudoir die schönsten Dinge der Erde zusammengetragen zu haben.

Die Kinder sahen ihren Großvater neugierig an; gewohnt, wie sie waren, an Kampf und Lärm, glichen sie den kleinen neugierigen, nach Krieg und Blut lüsternen Römerkindern, die David auf seinem Gemälde »Brutus« dargestellt hat.

»Wie ist das möglich?« rief Helene und faßte ihren Vater an, um sich von der Leibhaftigkeit dieser Erscheinung zu überzeugen.

»Helene!« – »Mein Vater!«

Sie sanken einander in die Arme, doch die Umarmung des Greises war die weniger starke und liebevolle.

»Sie waren auf diesem Schiffe?«

»Ja,« antwortete er traurig, setzte sich auf den Diwan und betrachtete die Kinder, die sich in naiver Wißbegierde um ihn scharten. »Ich wäre nicht mehr am Leben, wenn nicht –«

»Wenn nicht mein Mann gewesen wäre,« unterbrach sie ihn. »Ich errate es.«

»Ach!« rief der General, »warum muß ich dich wiederfinden, Helene, dich, die ich so sehr beweint habe! Ich werde also alle Zeit dein Schicksal zu beklagen haben!«

»Warum?« fragte sie lächelnd. »Werden Sie nicht zufrieden sein, wenn Sie erfahren, daß ich die glücklichste aller Frauen bin?«

»Glücklich!« rief er und sprang erstaunt auf.

»Ja, mein guter Vater,« fuhr sie fort, ergriff seine Hände, drückte sie auf ihren wogenden Busen und sah ihn mit vor Freude funkelnden Augen an.

»Und inwiefern glücklich?« fragte er, neugierig, das Leben seiner Tochter kennen zu lernen. Vor diesem strahlenden Angesicht vergaß er alles andere.

»Hören Sie, mein Vater,« antwortete sie, »ich habe zum Geliebten, zum Gatten, zum Diener, zum Herrn einen Mann, dessen Seele ebenso groß ist wie dieses grenzenlose Meer, ebenso unerschöpflich an Milde, wie der Himmel. Kurz, er ist ein Gott! Seit sieben Jahren ist ihm niemals ein Wort, ein Gefühl, eine Gebärde entschlüpft, die einen Mißklang in die göttliche Harmonie seiner Rede, seiner Liebkosungen und seiner Liebe hätten bringen können. Er hat mich immer nur mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen und mit freudestrahlenden Augen angesehen. Dort oben übertönt seine donnernde Stimme oft das Heulen des Sturms oder den Kampfeslärm. Aber hier ist sie sanft und klangvoll wie die Musik Rossinis, dessen Werke mir vor kurzem geschenkt worden sind. Alles, was die Laune einer Frau sich nur ersinnen kann, bekomme ich. Ja, meine Wünsche werden oft noch überboten. Kurz, ich gebiete über das Meer, und man gehorcht mir dort wie einer Herrscherin. – O, glücklich!« fuhr sie fort, sich selbst unterbrechend, »glücklich ist nicht der richtige Ausdruck für mein Glück. Mein Glück ist anders als das aller Frauen. Eine Liebe zu fühlen, eine grenzenlose Hingebung zu dem, den man liebt, und in seinem Herzen eine ebenso grenzenlose Liebe zu finden, eine immer sich gleiche Liebe, in der die Seele der Frau sich baden kann – sagen Sie, ist das nicht Glück? Hier bin ich Gebieterin. Noch nie hat ein Geschöpf meines Geschlechts den Fuß auf dieses edle Schiff gesetzt, wo Victor nur ein paar Schritte von mir entfernt ist. – Er kann sich von mir immer nur so weit entfernen wie bis zum Heck oder zum Bug,« fuhr sie mit einer feinen Schelmerei fort, »und sieben Jahre! eine Liebe, die sieben Jahre lang so innig bleibt, die sieben Jahre lang fast alle Augenblicke eine Probe zu bestehen hatte – ist das nicht Liebe? Ja, es ist weit, weit mehr noch als Liebe! Es ist das Herrlichste, das ich mein Leben lang kennen gelernt habe! Die menschliche Stimme hat keine Ausdrücke für ein himmlisches Glück.«

Ein Tränenstrom entrann ihren brennenden Augen. Die vier Kinder stießen ein klägliches Geschrei aus und liefen herbei, wie Küchlein die Mutter umringend. Der älteste Knabe schlug nach dem General und warf ihm drohende Blicke zu.

»Abel,« sagte sie, »mein Engel, ich weine ja doch vor Freude.«

Sie nahm ihn auf die Knie; das Kind liebkoste sie zutraulich, indem es die Arme um den majestätischen Hals Helenens schlang, wie ein kleiner Löwe, der mit seiner Mutter spielen will.

»Und du hast keine Langeweile?« rief der General, betäubt von der überschwenglichen Antwort seiner Tochter.

»Doch,« antwortete sie. »Wenn wir mal an Land gehen; denn auch dann verlasse ich meinen Mann nie.«

»Aber du liebtest doch Festlichkeiten, Bälle, Musik?«

»Musik – das ist seine Stimme; meine Festlichkeiten – das sind die Stunden, zu denen ich mich für ihn schmücke. Wenn ich ihm in meinem Putz gefalle, ist's dann nicht, als ob die ganze Erde mich bewunderte? Und deshalb allein werfe ich diese Diamanten, diese Halsbänder, diese Diademe von Edelsteinen, diese Reichtümer, diese Blumen, diese Meisterwerke der Künste nicht ins Meer. Er bringt sie mir in Fülle und sagt dann immer: >Helene, da du nicht in die Welt gehst, soll die Welt zu dir kommen.‹«

»Aber auf diesem Schiffe gibt es Menschen – entsetzliche, tollkühne Menschen, die in ihrer wilden Leidenschaft …«

»Ich verstehe Sie, mein Vater,« sagte sie lächelnd. »Doch beruhigen Sie sich. Selbst eine Kaiserin ist noch nie so ehrerbietig behandelt worden wie ich. Diese Leute sind abergläubisch; sie glauben, ich sei der Schutzgeist dieses Fahrzeugs, ihrer Unternehmungen und Erfolge. Und dann ist er ein Gott für sie. Eines Tages – ein einziges Mal – ließ ein Matrose es an Achtung gegen mich fehlen … nur in Worten,« setzte sie lachend hinzu. »Ehe Victor es erfahren konnte, warfen die Leute den Mann ins Meer, obwohl ich ihm Verzeihung gewährte. Sie lieben mich wie ihren guten Engel, ich pflege sie, wenn sie krank sind, und habe schon das Glück gehabt, durch die Ausdauer weiblicher Sorge ein paar von ihnen vom Tode zu erretten. Diese armen Menschen sind zugleich Riesen und Kinder.«

»Und wenn Kämpfe stattfinden?«

»Daran bin ich gewöhnt,« antwortete sie. »Nur das erstemal habe ich gezittert. Jetzt ist meine Seele gegen diese Gefahr gefeit, und dann – ich bin doch Ihre Tochter,« setzte sie hinzu, »ich liebe sogar den Kampf.«

»Und wenn er den Tod fände?«

»So würde ich mit ihm sterben.«

»Und deine Kinder?«

»Sie sind Söhne des Meers und der Gefahr, sie teilen das Leben ihrer Eltern … Unser Dasein ist eines und unteilbar. Wir führen alle das gleiche Leben, sind durch ein und denselben Eid aneinander gebunden und an ein und dasselbe Lebensschiff gefesselt – das wissen wir wohl.«

»Du liebst ihn also so sehr, daß du ihn allem andern vorziehst?«

»Allem,« antwortete sie. »Doch dringen wir nicht in dieses Geheimnis ein. Sehen Sie dieses teure Kind an! Es ist sein Ebenbild.«

Sie preßte Abel mit großem Ungestüm an sich und drückte ihm leidenschaftliche Küsse auf die Wangen und auf das Haar …

»Aber,« rief der General, »ich werde nie vergessen können, daß er eben neun Menschen hat ins Meer werfen lassen.«

»So mußte es eben sein,« antwortete sie, »denn er ist menschlich und edelmütig. Er vergießt so wenig Blut wie möglich, nur daß er unter allen Umständen für die Erhaltung und die Interessen der kleinen Welt sorgen muß, die er beschützt, und die heilige Sache nicht vernachlässigen darf, der er sich gewidmet hat. Sprechen Sie mit ihm über das, was Ihnen unrecht erscheint, und Sie werden sehen, er wird Sie zu einer andern Meinung bekehren.«

»Und sein Verbrechen?« sagte der General, wie mit sich selbst redend.

»Aber,« versetzte sie mit kalter Würde, »wenn das nun eine tugendhafte Tat war? Wenn die Justiz der Menschen ihm die Rache versagte?«

»So darf man sich nicht selbst rächen!« rief der General.

»Was ist denn die Hölle anders,« fragte sie, »als eine ewige Rache für die paar Sünden eines einzigen Tages?«

»Ah! Du bist verloren, er hat dich in Bann geschlagen, dich verwandelt, dich verdorben. Deine Vernunft ist aus den Fugen.«

»Nein, mein Vater, glauben Sie das nicht; denn wenn Sie ihn nur anhören, ansehen wollten, so werden Sie ihn lieben.«

»Helene,« sagte der General ernst, »wir sind nur noch wenige Meilen von Frankreich entfernt.«

Sie zitterte, dann sah sie zu den Fenstern der Kajüte hinaus und zeigte auf das Meer, das dort seine unermeßlichen Savannen grünen Wassers ausbreitete.

»Das ist meine Heimat,« antwortete sie und klopfte mit der Fußspitze auf den Teppich.

»Willst du nicht mitkommen, deine Mutter, deine Schwester, deine Brüder wiedersehen?«

»O ja,« sagte sie, mit Tränen in der Stimme, »wenn er es will und mich begleitet.«

»So hast du nichts mehr, Helene,« versetzte der Soldat streng, »weder Heimat noch Familie?«

»Ich bin sein Weib,« versetzte sie mit Stolz und Adel. »Dies ist seit sieben Jahren das erste Glück, das nicht von ihm kommt,« setzte sie hinzu, ergriff die Hand ihres Vaters und küßte sie, »und es ist auch der erste Tadel, den ich hören muß.«

»Und dein Gewissen?«

»Mein Gewissen – ist er.«

In diesem Augenblick zitterte sie heftig.

»Da kommt er,« sagte sie. »Selbst in einem Kampfe erkenne ich unter allen Schritten den seinen heraus, wenn er über das Verdeck eilt.«

Plötzlich färbte eine Röte ihre Wangen blutrot, ließ ihre Züge sich aufhellen und strahlen, ließ ihre Augen flammen. Glück und Liebe sprach aus all ihren Zügen, aus den bläulichen Adern, die leicht hervortraten, und aus dem unwillkürlichen Zittern ihres ganzen Körpers. Diese tiefinnere Bewegung rührte den General.

In der Tat erschien einen Moment später der Korsar, setzte sich auf einen Fauteuil, nahm seinen ältesten Sohn zu sich und begann mit ihm zu spielen. Ein Weilchen herrschte Schweigen; denn der General versank in einen Zustand, der etwas Traumhaftes an sich hatte, und betrachtete diese elegante Kabine, in der diese Familie seit sieben Jahren zwischen dem Himmel und dem Meere dahinschwamm, von der starken Hand eines Mannes durch die Gefahren des Kampfes und des Sturms geführt, wie im Leben ein Hausstand von dem Familienvater mitten durch das soziale Elend hindurchgesteuert wird.

Er betrachtete mit Bewunderung seine Tochter, das phantastische Abbild einer Meeresgöttin, mild an Schönheit, reich an Glück. Die Schätze ihrer Seele, das Leuchten ihrer Augen und die unbeschreibliche Poesie ihrer Person überstrahlten alle Schätze, die sie umgaben.

Diese Verhältnisse waren von einer Seltsamkeit, die ihn verblüffte, und alle Gefühle und Gedanken schienen hier auf eine so erhabene Höhe gehoben, daß die alltäglichen Ideen umgeworfen wurden und keine Geltung mehr hatten. Die kalten, kleinlichen Berechnungen der Gesellschaft erloschen vor diesem Gemälde.

Der alte Soldat fühlte das alles und begriff auch, daß seine Tochter ein so vielgestaltiges, an Kontrasten und Eindrücken so reiches Leben, das von einer so wahren Liebe ausgefüllt wurde, niemals aufgeben würde. Da sie nun einmal der Gefahr getrotzt hatte, ohne davor zurückzuschrecken, so konnte sie nun nicht mehr in die kleinlichen Szenen der läppischen, dünkelhaften Welt zurückkehren.

»Bin ich Ihnen hier im Wege?« fragte der Korsar, indem er das Schweigen brach und auf seine Frau blickte.

»Nein,« antwortete ihm der General. »Helene hat mir alles gesagt. Ich sehe, sie ist für uns verloren.«

»Nein,« antwortete der Korsar lebhaft, »noch ein paar Jahre, dann ist meine Tat verjährt, und ich werde nach Frankreich zurückkehren können. Wenn das Gewissen rein ist und der Verstoß gegen eure gesellschaftlichen Gesetze nur zurückzuführen war auf …«

Er schwieg, denn er verschmähte es, sich zu rechtfertigen.

»Fühlen Sie in diesem Augenblick,« fragte der General, ihn unterbrechend, »keine Reue über die neuen Mordtaten, die Sie unter meinen Augen begangen haben?«

»Wir hatten keine Lebensmittel mehr,« antwortete der Korsar ruhig.

»Aber dann konnten Sie diese Leute in einem Boot die Küste erreichen lassen –«

»So hätten sie uns ein Kriegsschiff auf den Hals gehetzt, das uns den Rückweg abgeschnitten hätte, und wir würden nicht nach Chile entkommen können.«

»Ehe diese Leute von Frankreich aus die spanische Admiralität benachrichtigten, konnten Sie längst …«

»Schon in Frankreich könnte man Anstoß daran nehmen, daß ein Mann, der noch vom Gericht gesucht wird, sich einer Brigg bemächtigt hat, deren Fracht Einwohnern von Bordeaux gehörte. Übrigens, haben Sie auf dem Schlachtfelde nicht auch manchmal ein paar Kanonenschüsse zu viel abgefeuert?«

Wiederum eingeschüchtert durch den Blick des Korsaren, schwieg der General, und seine Tochter betrachtete ihn mit einer Miene, die in gleichem Maße Triumph wie Betrübnis ausdrückte.

»General,« sagte der Korsar mit tiefer Stimme, »ich habe es mir zum Gesetz gemacht, niemals etwas von der Beute beiseite zu bringen. Aber ohne Zweifel ist mein Anteil an dem gesamten Gewinn beträchtlicher, als Ihr Vermögen gewesen ist. Erlauben Sie mir, es Ihnen in anderm Gelde zurückzuerstatten –«

Er nahm aus dem Kasten des Pianos ein Pack Banknoten, zählte die Scheine nicht erst und legte etwa eine Million in die Hände des Generals.

»Sie begreifen,« fuhr er fort, »ich habe kein Verlangen, mir die Müßiggänger auf den Straßen von Bordeaux anzusehen. Andererseits soll aber auch durch die reizvollen Gefahren unsers Zigeunerlebens, durch die Szenerie des südlichen Amerika, durch unsere tropischen Nächte, durch unsere Schlachten und durch das Vergnügen, die Flagge einer jungen Nation oder eines Simon Bolivar zum Siege zu führen, Ihre Vaterlandsliebe nicht zum Wanken gebracht werden. Wir müssen uns also trennen. Eine Schaluppe und zuverlässige Leute werden Sie begleiten. Hoffen wir auf ein drittes und dann glücklicheres Zusammentreffen.«

»Victor, ich möchte noch einen Augenblick mit meinem Vater sprechen,« sagte Helene in schmollendem Tone.

»In zehn Minuten kann uns eine französische Fregatte auf den Fersen sein. Doch, mir soll's recht sein! Wir werden ein Tänzchen aufführen. Meine Leute –«

»O, gehen Sie, mein Vater!« rief die Frau des Seemanns, »und bringen Sie meiner Schwester, meinen Brüdern und – und meiner Mutter,« setze sie hinzu, »diese Pfänder des Andenkens.«

Sie nahm eine Handvoll kostbarer Steine, Halsbänder und Schmucksachen, wickelte sie in einen Kaschmirschal und bot sie schüchtern dem Vater an.

»Was soll ich ihnen von dir sagen?« fragte er und schien betroffen, daß seine Tochter so auffällig gestockt hatte, ehe sie das Wort Mutter aussprach.

»O, können Sie an meiner Seele zweifeln? Ich bete täglich um Ihrer aller Glück.«

»Helene,« antwortete der Greis und sah sie aufmerksam an, »soll ich dich nicht mehr wiedersehen? Werde ich niemals den wahren Beweggrund deiner Flucht erfahren?«

»Dieses Geheimnis gehört nicht mir,« sagte sie in ernstem Tone. »Und hätte ich das Recht, es Ihnen mitzuteilen, so würde ich es vielleicht dennoch nicht sagen. Ich habe zehn Jahre lang unerhörtes Unrecht erlitten …«

Sie sprach nicht weiter und streckte dem Vater die Kostbarkeiten hin, die sie für ihre Angehörigen bestimmt hatte. Der General war vom Kriege her gewöhnt, im Punkte der sogenannten Beute ein weites Gewissen zu haben, und nahm die Geschenke an, die die Tochter ihm bot. Er dachte bei sich, daß unter der Einwirkung einer so reinen und erhabenen Seele, wie Helene sie besaß, der Pariser Kapitän ein ehrlicher Mensch bleiben und sich darauf beschränken würde, gegen die Spanier zu kämpfen.

Er ließ sich daher von seiner alten Vorliebe für alle Tapferkeit hinreißen. Überdies, dachte er sich, wäre es auch lächerlich gewesen, sich zugeknöpft zu verhalten; er drückte somit dem Korsaren kraftvoll die Hand, küßte seine Helene, seine einzige Tochter, mit der den Soldaten eigenen Herzhaftigkeit und ließ eine Träne auf das Gesicht fallen, dessen stolzer, fast mannhafter Ausdruck ihm mehr als einmal zugelächelt hatte.

Der Seemann hielt ihm gerührt seine Kinder hin, daß er sie segne. Endlich sagten sie sich alle mit einem letzten, langen Blick voll Zärtlichkeit Lebewohl.

»Seid allzeit glücklich!« rief der General und eilte aufs Verdeck.

Auf der See bot sich dem General ein seltsames Schauspiel. Der in Brand gesteckte »Sankt Ferdinand« loderte wie ein riesiges Strohfeuer. Die Matrosen, die damit beauftragt worden waren, die spanische Brigg zu versenken, hatten an Bord eine Ladung von Rum entdeckt, davon man auf dem »Othello« reichlichen Vorrat führte, und sie fanden es nun spaßhaft, mitten auf dem Meer eine große Punschbowle anzuzünden.

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