5. Kapitel. Die beiden Begegnungen. (continued 2)
Walter Heichen translation
Für Leute, die die anscheinende Eintönigkeit des Ozeans alle Gelegenheiten ergreifen ließ, um eine Abwechslung in ihr Leben zu bringen, war das eine verzeihliche Zerstreuung. Als der General von der Brigg in die Schaluppe des »Sankt Ferdinand« stieg, die mit sechs kräftigen Matrosen bemannt wurde, war seine Aufmerksamkeit unwillkürlich zwischen dem Brande des spanischen Schiffs und seiner Tochter geteilt, die an der Seite des Korsaren stand. Beide waren auf das Heck ihres Fahrzeugs getreten.
Bestürmt von einem Heere von Erinnerungen, sah er nun das weiße Kleid Helenens leicht wie ein Schleier im Winde wehen, sah gegen den Hintergrund von Meer und Himmel diese schöne, hehre Gestalt, die ihre ganze Umgebung, ja die weite Flut selbst zu beherrschen schien – und da vergaß er mit der Sorglosigkeit eines alten Soldaten, der über Berge von Leichen geritten war, daß er auf dem Grabe des wackeren Gomez schwamm.
Über ihm erhob sich eine ungeheure Rauchsäule, wie eine braune Wolke, und die Sonne durchdrang sie hier und dort und erleuchtete sie in poetischem Schimmer. Es war ein zweiter Himmel, ein finsterer Dom, unter dem es zuckte und glühte und über den sich der unabänderliche Azur des Firmaments wölbte, das durch diese flüchtige Gegenüberstellung nur noch tausendmal schöner erschien.
Die bizarren Farben dieses Rauchs, abwechselnd gelb, goldig, rot, schwarz, dunstig durcheinander gemischt, überzogen das Schiff; es knisterte, krachte und kreischte. Die Flamme zischte, das Tauwerk zerfressend, und lief in dem Fahrzeug herum, wie ein Volksaufstand durch die Straßen einer Stadt läuft.
Der Rum erzeugte blaue Flammen, die auf und nieder tanzten, als wenn der Genius des Meers diesen rasenden Likör angesteckt hätte, gerade wie die Hand eines Studenten bei einer Zecherei das lustige Feuerwerk eines Punsches spielen läßt. Allein die Sonne mit ihrer noch gewaltigen Leuchtkraft, eifersüchtig auf diesen dreist auflodernden Schein, ließ in ihren hellen Strahlen kaum das Farbenspiel dieses Brandes erkennen.
Der »Othello« benützte, um sich zu entfernen, den geringen Wind, den er auf seinem neuen Kurse auffangen konnte, und neigte sich bald nach der einen, bald nach der andern Seite, wie ein Papierdrache, der in den Lüften schaukelt.
Die schöne Brigg nahm geradeswegs Kurs nach Süden, und bald verschwand sie den Blicken des Generals im phantastischen Schatten von Wolken, bald zeigte sie sich wieder, anmutig über die Flut dahingleitend.
Jedesmal, wenn Helene ihren Vater sehen konnte, winkte sie mit dem Taschentuche noch einen Gruß herüber. Binnen kurzem versank der »Sankt Ferdinand« und rief einen Strudel hervor, der sich aber bald auf der weiten Meeresfläche verlaufen hatte. Von der ganzen Szene war nun nichts mehr zu sehen, als eine Rauchwolke, die vom Winde hinweggetragen wurde. Der »Othello« war schon fern. Die Schaluppe näherte sich dem Lande, und die Wolke schob sich zwischen das kleine Fahrzeug und die Brigg. Zum letztenmal sah der General seine Tochter durch eine Spalte, die der Wind in den schwimmenden Rauch riß.
Eine prophetische Vision! Das weiße Taschentuch und das weiße Kleid allein hoben sich gegen diesen dunkeln Hintergrund ab. Zwischen dem grünen Wasser und dem blauen Himmel war die Brigg selbst nicht mehr zu sehen. Helene war nur noch ein kaum erkenntlicher Punkt, eine zarte, von allem andern losgelöste Linie, ein Engel im Himmel, eine Idee, eine Erinnerung.
Nachdem der Marquis den Reichtum seiner Familie wiederherstellt hatte, starb er, von den großen Anstrengungen der letzten Jahre aufgerieben. Wenige Jahre nach seinem Tode mußte die Marquise mit Moina in ein Bad der Pyrenäen fahren. Das launenhafte Kind wollte die Schönheiten dieser Berge kennen lernen. Als sie von einem Ausflug ins Gebirge nach dem Bade zurückkehrten, trug sich folgende Szene zu:
»Mein Gott,« sagte Moina, »wir sind töricht gewesen, Mama, daß wir nicht noch ein paar Tage länger in den Bergen geblieben sind. Wir wären dort besser aufgehoben gewesen als hier. Hast du das fortgesetzte Jammern dieses verwünschten Kindes und das Geplärr dieser unglücklichen Frau gehört, die ohne Zweifel lauter Kauderwelsch zusammenredet, denn ich habe noch kein Wort von dem, was sie sagt, verstanden. Was für eine Sorte Menschen hat man uns da zu Nachbarn gegeben? Diese Nacht war eine der schrecklichsten, die ich in meinem Leben zugebracht habe!«
»Ich habe nichts gehört,« antwortete die Marquise, »aber ich werde die Wirtin aufsuchen, mein liebes Kind, und mir die Stube nebenan ausbitten. Dort werden wir ungestört sein und keinen Lärm mehr hören. Wie fühlst du dich heute morgen? Bist du abgespannt?«
Bei diesen Worten war die Marquise aufgestanden, um an Moinas Bett zu treten.
»Laß sehen,« sagte sie zu ihr und suchte nach der Hand der Tochter.
»O, laß mich, Mutter,« antwortete Moina, »du bist kalt.«
Indem sie so sprach, drehte sie sich schmollend auf dem Kopfkissen herum, aber die Bewegung war trotzdem so anmutig, daß eine Mutter sich nicht wohl dadurch gekränkt fühlen konnte. In diesem Augenblick erscholl in dem Nachbarzimmer ein Klagelaut, so langgezogen und innig, daß ein Frauenherz davon tief gerührt werden mußte.
»Aber wenn du das die ganze Nacht mitangehört hast, warum hast du mich dann nicht geweckt? Wir hätten – –«
Jetzt unterbrach ein lautes Stöhnen die Marquise, und sie rief:
»Da stirbt jemand.«
Und sie ging rasch hinaus.
»Schicke mir Pauline,« rief Moina, »ich will mich anziehen.«
Die Marquise ging sogleich hinunter und fand die Wirtin im Hofe, zwischen mehreren Leuten, die ihr aufmerksam zuzuhören schienen.
»Frau Wirtin, Sie haben jemand neben uns einquartiert, und diese Person scheint sehr viel zu leiden –«
»Ach, sprechen Sie nicht davon!« rief die Wirtin. »Ich habe eben nach dem Bürgermeister geschickt. Stellen Sie sich nur vor, es ist eine Frau, eine arme Unglückliche, die gestern abend zu Fuß angekommen ist, von Spanien her. Sie hat keinen Paß und kein Geld. Sie trug auf dem Rücken ein kleines Kind, das im Sterben ist. Ich konnte mir nicht versagen, sie hier aufzunehmen. Heute morgen bin ich selbst zu ihr gegangen; denn gestern bei ihrer Ankunft war mir's nicht so recht geheuer. Die arme kleine Frau! Sie hatte sich mit ihrem Kinde hingelegt, und beide rangen mit dem Tode. ›Frau‹, sagte sie zu mir und zog einen goldenen Ring vom Finger, ›ich besitze nichts mehr als das, nehmen Sie ihn, um sich bezahlt zu machen. Er wird dafür ausreichen, denn mein Aufenthalt hier wird nicht lange währen. Armes Kleinchen, wir werden zusammen sterben.‹ – Damit meinte sie ihr Kind. Ich habe ihren Ring genommen und sie gefragt, wer sie sei. Aber sie wollte mir um keinen Preis ihren Namen sagen. Ich habe nun nach dem Arzt und dem Bürgermeister geschickt.«
»Aber,« rief die Marquise, »lassen Sie ihr alle Hilfe angedeihen, die ihr vonnöten ist! Mein Gott, vielleicht ist's noch Zeit, sie zu retten. Ich werde Ihnen alles bezahlen, was die Sache kostet.«
»Ach, Madame, sie scheint recht stolz zu sein, und ich weiß nicht, ob sie das annehmen wird.«
»Ich werde sie aufsuchen.«
Sogleich stieg die Marquise zu der Unbekannten hinauf. Sie dachte nicht daran, wie sehr sie noch das Leid der schon im Sterben Liegenden vermehren sollte; denn Frau d'Aiglemont ging noch in Trauer. Die Marquise erbleichte beim Anblick der Unglücklichen. Trotz der schrecklichen Leiden, die Helenens Schönheit entstellt hatten, erkannte sie ihre ältere Tochter.
Als Helene eine schwarz gekleidete Frau erblickte, richtete sie sich auf, stieß einen Schrei des Entsetzens aus und sank auf ihr Bett zurück – sie sah in dieser Frau ihre Mutter vor sich.
»Meine Tochter,« sagte Frau d'Aiglemont, »was fehlt Ihnen? – Pauline! Moina!«
»Nichts fehlt mir,« antwortete Helene mit schwacher Stimme. »Ich hoffte, meinen Vater wiederzusehen. Doch Ihre Trauer verkündet mir –«
Sie beendete den Satz nicht, drückte ihr Kind ans Herz, wie um es zu wärmen, küßte es auf die Stirn und warf ihrer Mutter einen Blick zu, der noch immer, wenn auch gemildert durch Verzeihung, einen Vorwurf ausdrückte. Die Marquise wollte diesen Vorwurf nicht sehen; sie vergaß, daß Helene ein einstmals in der Zeit der Tränen und der Verzweiflung empfangenes Kind war, das Kind der Pflicht, ein Kind, das die Ursache ihres größten Unglücks, ihrer schwersten Leiden gewesen war; und sie trat sanft auf die ältere Tochter zu, an nichts mehr denkend, als daß sie Helenen zuerst die Wonne der Mutterschaft verdankt hatte. Die Augen der Mutter waren voll von Tränen, und ihre Tochter küssend, rief sie:
»Helene, meine Tochter!«
Helene schwieg. Sie hatte auf den Seufzer ihres Kindes gelauscht.
In diesem Augenblick traten Moina, ihre Kammerfrau Pauline, die Wirtin und ein Arzt ein. Die Marquise hielt die eisige Hand ihrer Tochter in den ihren und sah sie mit aufrichtiger Verzweiflung an. In wildem Grimme über das Unglück – denn die Witwe des Seemanns war einem Schiffbruch entronnen und hatte daraus von ihrer ganzen schönen Familie nichts als ein Kind gerettet – sagte sie in furchtbarem Tone zu ihrer Mutter:
»Dies alles ist Ihr Werk! Wenn Sie mir das gewesen wären, was –«
»Moina, geh' hinaus – gehen Sie alle hinaus!« rief Frau d'Aiglemont, Helenens Stimme überschreiend. »Um Gottes willen, meine Tochter,« fuhr sie fort, »lassen Sie uns in diesem Augenblick nicht den unglücklichen Kampf von neuem beginnen …«
»Ich werde schweigen,« antwortete Helene mit einer übernatürlichen Anstrengung. »Ich bin selbst Mutter und weiß, Moina darf nicht – wo ist mein Kind?«
Moina, von Neugierde getrieben, kehrte zurück.
»Meine Schwester,« sagte dieses verzogene Kind, »der Arzt …«
»Alles ist unnütz,« antwortete Helene. »Ach, warum bin ich nicht mit sechzehn Jahren gestorben, als ich mir das Leben nehmen wollte? Das Glück ist niemals außerhalb der Gesetze zu finden – Moina – du –«
Sie starb – ihr Kopf sank über den des Kindes hernieder, das sie krampfhaft an sich gepreßt hatte.
»Deine Schwester hat dir ohne Zweifel sagen wollen, Moina,« sagte Madame d'Aiglemont, als sie in ihr Zimmer zurückgekehrt war, wo sie in Tränen zerfloß, »daß ein Mädchen niemals das Glück in einem romantischen Dasein, außerhalb der einmal gültigen und ihr eingeprägten Begriffe, und vor allem nicht fern von der Mutter finden kann.«