Leopold Schefer Die Deportirten (continued 3)
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Phylax, der mir nachgekommen, sprang an Crabbe in die Höhe, und grüßte ihn mit Gebell. Nun herein! rief Crabbe, hinein! Dabei drängt’ er mich so in das Zimmer, daß ich sehr uns schicklich und plötzlich vor der Gesellschaft darinnen erschien, und der freundliche Stoß sie um meinen gehorsamen Diener brachte. Capitain York bewillkommnete mich schon von weitem, Stephan und William hingen an meinem Halse, und selbst Mistriß Distreß freute sich, daß sie mich wieder sahe. Das konnt’ ich ihr glauben. Wer sich freut, daß er einen Andern wiedersieht, der lebt ja selber! Mich aber freut’ es am meisten, auch um meinetwillen, den Vetter Tydal zu sehen! Auch der gute dicke Roßborn fiel leicht in die Augen, und die Stimme des braven Predigers Patrik war nicht zu verhören. Heut, hier, lernte ich mir ihn nun ordentlich auswendig: Ein sehr schöner, hoher, hagerer Mann mit schwarzem kurzem Haar, schwarzen glühenden Augen und länglichem edlen feinen Napoleonfarbigem Gesicht; ein Napoleon an Freimuth und Kraft und durchdringendem Verstand, mein unvergeßlicher Patrik, redlich und offen, furchtlos und kindgut, wie kaum ein Mensch jemals wo und mehr in der Welt. Jeder König hätte Muth bedurft ihn zu hören, ja jeder Geistliche; den allergrößten Muth aber hätte der Papst zu einem öffentlichen Colloquio mit ihm bedurft. Denn Er, nämlich, versteht sich Patrik, leuchtete ganz vom Geiste der Wahrheit und brannte freileuchtend, wie ein großes stilles Gestirn — am nächtlichen Himmel. Und mir war er — Freund. Es ging gleich zu Tische. Auch Lisanna war dabei; und jedes Wort, das Capitain York sprach, mich zu legitimiren, war mir in Ihrer Gegenwart eine Guinee werth. Doch als man zuletzt Herrn Tydal eine Gesundheit „auf die Bevölkerung von van Diemensland“ zutrank, als der Vetter zum Vater ward, da ertrug es das gute Kind nicht länger, und ging vom Tische. Sie sprang auf Talo zu, schien ihr etwas zu sagen und hielt sie dabei umarmt. Sir Samuel schien noch etwas ungehalten, aber er hielt sich doch, und Frau Russel war am meisten darüber unwillig, daß sie sich mit all’ ihrer Klugheit doch getäuscht hatte!
Doctor Toland besänftigte Beide und sprach: Die Deportirten kommen ja nicht ohne Fehler hierher, sondern grade sie abzulegen; und der kleine lebendige Fehler der Miß Clara ist so munter und holdselig, daß wir ihrer Schamhaftigkeit schon vergeben müssen, wenn sie lieber länger das Ansehen eines lobenswerthen Jünglings, als eines tadelnswerthen Mädchens haben wollte! —
Auch ist sie ja Herrn Tydal nur aus Liebe hieher gefolgt, nahm Herr Roßborn das Wort; und um das Glück ihrer Verbannung mit ihm zu erlangen, täuschte sie nur mit schwerem Herzen! und langte nur mit ihren sehr niedlichen Fingern in Strandstreet im Laden nach dem — freilich nicht ihr gehörigen — unbedeutenden Malergeräth, das ihr aber ganz Hobarttown werth war! Auch ist sie selbst so darüber erschrocken, und wie versteinert stehen geblieben, daß die schwerste That — sich selbst zu verrathen, ihr leicht gemacht ward von ihrem reinen Gefühl. Herr Prediger Patrik wird sie dann trauen, und ein Viertelstündchen nachher das Kind taufen, damit doch einigermaßen die Ordnung hergestellt werde, was unsere Pflicht ist! —
Ich ward bald blaß bald roth, und herzte die Knaben links und rechts. Am meisten beschämte mich Capitain York’s Toast auf mein-Wohlergehn. Er dankte mir, zur Rede aufgestanden, „daß ich das Schiff Sr. Majestät durch meine Bemühung erhalten“ — ohne auf das Wunder Rücksicht zu nehmen, das uns gerettet. — Er sagte „ich hätte das Wort Gnade noch einmal über 100 Menschen ausgesprochen.“ — Ist mir ganz unbewußt! — „Und es müsse und werde mir hier und dort wohlgehen.“ In van Diemensland und in England! dacht’ ich bei mir; denn Der in dem wahren Dort weiß Alles das ja besser. — „Unterdeß wird sich Sir Samuel für uns Alle abfinden.“ — So kann es Einem gehen, wenn man nicht ertrinken will! dacht’ ich bei mir; und wenn ich recht gehört, so weinte Lisanna in dem Jubel. Herr Roßborn erklärte mich für frei, und dankte gleichfalls, bat aber nicht um Verzeihung. „Ich habe meine Schuldigkeit gethan, sagt’ Er, und Sie, Herr Lambton, sind so ein pflichtdurchdrungener Mann, daß ich mir von Ihnen meine Pflicht nicht darf vergeben lassen! Ich werde mit dem Gouverneur Macquarie sprechen, der dieser Tage hier ankommen wird, und einen guten Gehalt als Lancaster- und Sonntagsschulmeister, wenn Ihnen Beides nicht zu viel ist, kann ich Ihnen im voraus versprechen — wenn Sie bleiben wollen. Aber Sie wollten doch nur gute Menschen aus Kindern bilden in ihrem Rowlandhill — und hier sind Kinder! und hier ist Rowlandhill!“ — Ich konnte für so viel Glück und Gnade gar keine rechte Worte finden, und bat nur Sir Samuel mit Thränen, mich in seinem Hause zu behalten! — „Ist denn mein Haus Ihr Glück? oder in meinem Hause?“ sprach er, mich lächelnd von der Seite anblickend, und dann sich im Zimmer umsehend. Lisanna verbarg sich hinter Talo, welche für sie und für sich ein gleichsam doppelt lächelndes Gesicht annahm, und nach Sir Samuel sah. „Daß ich gut gegen Sie denke, sollen Sie erfahren, Herr Lambton;“ fuhr er fort. „Ein Schulmeister muß eigene Kinder haben, wenn er Anderer Kinder lieben soll. Die Liebe zu Andern ist bloß eine Uebertragung unserer Liebe zu den Unsern: auf Andre. Aber als diese Versetzung oder Phantasie ist sie noch alles, und alles von Allen zu fordernde Mögliche, jedem nun klare wohlthät’ge Himmlische; und zu Kindern gehört, meines Wissens, eine Frau nothwendig; und für diese Noth hab’ ich Rath und That. Moses hat bei Jethro Schafe gehütet, und ist Moses worden. Jacob hat um Rahel 7 Jahr gedient, und gewiß allerlei Vieh gehütet, und auch wohl mit dem Bieseln der Kühe seine tausendste Noth gehabt, wie Sie! und die rothe Brausche auf Ihrer Stirn, die Ihnen heut’ Morgen der Bock gestoßen, wird sich auf einige Weinumschläge verziehen, noch ehe Sie ein Bräutigam werden, wie man sagt. Uebrigens pflege ich Jeden, den ich in mein Haus nehme, zuerst an Gehorsam und Arbeit zu gewöhnen, welche nicht nur verstatten „ein Mensch zu sein,“ sondern erst recht zu werden. Auch Lisanna erzieh’ ich nach alter Weise, welche die einzig wahre bleibt, um sie glücklich zu machen! Denn die alten Königstöchter trugen Wasser vom Brunnen, spannen und webten — und liebten, daß sie vor Freuden vom Cameele fielen, wenn sie ihren Bräutigam sahn, und waren glücklicher als die neuen. War ich oft hart gegen das liebe Kind, so hatte das seine Ursachen, die an Ihr und Mir nicht liegen, deren Wirkungen wir Beide nur dulden — um der argen Welt willen, um nicht zu sagen der „schönen Welt.“ —
Darauf schwieg er mit finstrem Gesicht. Herr Prediger Patrik nahm in dieser Frist das Wort und sprach: Ja, Gehorsam und Arbeit sind die beiden Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft und des allgemeinen Glückes! Wehe denen, die sie nie gekannt, nie gelernt haben und an sie nicht gewöhnt sind! Jeder Mensch darf nur arbeiten, wozu er Neigung hat; und aus den verschiedenen Neigungen, welche weise von der Vorsehung allen verschieden zugetheilt sind, entsteht doch ein mit Allem wohlversorgtes, wohl in Ordnung gehaltenes Ganze. Und jeder Mensch darf nur so viel arbeiten, als die Bedingung gesund zu bleiben erfordert. Faulheit ist die Quelle aller mit Recht so genannten Unthaten; und die Quelle der Faulheit ist die Unkenntniß des wirklich Guten. Denn Jeder ist eifrig, ja unermüdlich nach dem, was Er für reizend und strebenswerth hält. — Und den Gehorsam, die Gewöhnung einem fremden, ja nur dem eigenen Willen unterthan zu sein, o mein Gott, wenn ich diese nur mit Engelszungen predigen könnte! Allen Müttern und Vätern zuerst, die ihn das Volk der Kinder lehren sollen! Denn im Leben verlangt ein Gott den unverbrüchlichsten, ruhigsten, immergleichen Gehorsam gegen die Gesetze seiner Welt von jedem, der glücklich sein will. Er läßt dagegen denken und handeln — aber die Gesetze walten allmächtig und eisern fort, und zermalmen den ohn’ Erbarmen, der sich nicht fest an sie anhält. Denn so nur besteht seine Welt, und gehen seine Sterne so richtig. Welcher Sohn seinem Vater nicht gefolgt, der wird ein Ungehorsamer bleiben gegen Gott und Menschen; und welche Tochter ihrer Mutter nicht Arbeit abgelernt, die wird ihrem Manne und ihren Kindern verderblich sein. Denn wo das Gute nicht ist, da ist das Böse! Wo Frühling ist, da hat der Winter die Macht verloren, und das Menschengeschlecht darf nicht das Böse ausrotten, nur das Gute pflanzen. Deßwegen muß die Schule eine ernste, kirchenheilige Anstalt sein! Ein guter Lehrling wird ein guter Meister, ein guter Schulknabe ein guter Bürger. Denn im Leben ändern sich nur die Gegenstände, die uns beschäftigen — das Gemüth, der Eifer, der Sinn, die Thätigkeit sollen dieselben bleiben. Nur andere Zwecke, so ist die Schulstube das Vaterland und die Welt für den Menschen. Wie das Vaterhaus Ihr Vaterhaus war, muß das Haus (Parlament) Ihr Haus — wie der Vater Ihr Vater war, der König Ihr König sein, die Gesetze Ihre Gesetze, und seine Diener im ganzen Reiche Ihre Diener, Alle Menschen umher ihre Gehülfen, Lehrer oder Lehrlinge und Ordner, wie in der Lancasterschule. Wie schon als Kind findet sich dann im Leben jeder berechtigt, zu helfen, zu lehren, zu warnen und abzuwehren! Wenn Menschenliebe, das heißt also menschliche Liebe, in ihnen lebt und strebt, dann bedarf es keiner Gesetze; denn die Gesetze überflüssig machen, allmälig alle einschlafen lassen bis auf das Eine, das Selige: die Liebe zu den Unsern und durch sie zu den andern Bildern des Menschen — das ist der Triumph des Volkes, und der Beweis seiner Bildung. Der Liebe fähig, beladen von ihr ist die ganze Welt; auf Erden haben sie alle Gebilde, alle — niederträchtig oder unbedacht sogenannten Thiere, von Maus bis Elephanten, von Wallfisch bis Biber. Aber die Thiere haben keine Phantasie, und lieben aus eingeborener Kraft und Macht nur sich und die Ihren, aber sie sind furchtbar allen Andern, eben nur ohne die einzige wahre Mittlerin: die Phantasie. Fähig der Phantasie ist auf Erden nur der Mensch, — der Mann, das Weib, die Jungfrau, der Jüngling, schon das Kind mit seiner eingeborenen Liebe, und durch sie folgsam jedem Gesetz Gottes oder der Menschen, wenn es außer Ihr noch Eines gäbe! Der Mensch voll Liebe und, wohlgemerkt, voll aufgethaner Phantasie — der Einbildungskraft, der heiligen Kraft sich in Andere einzubilden, und somit Andere, alle Anderen so treu und lieb zu empfinden wie sich — der Mensch wird kein Gesetz übertreten, Keinen beleidigen, sondern Jedem helfen, wo und was er kann, und unendlich mehr thun, als man ihm vorschreiben könnte. Und wo, wandte sich Herr Patrik an mich, wo werden solche Menschen gebildet, durch Gottes in allen Menschen bereite gestaltete Kraft? Schüler, die einst Führer der Andern zu sein verstehen, künftige Armenpfleger, Vormünder der Waisen, Beistände der Wittwen? Wo, Herr Lambton? — Ich antwortete fragend: Wohl in der Lancasterschule! — Wo, fuhr er fort, hat man nur Eine Tafel mit dem Ordnungsgesetz, und nur Eine mit dem Sittengesetz? Wo lehrt man Einen den Andern lehren, sein Leben ordnen, und es Andern ordnen? Wo, mein Lambton? —
Wohl in der Lancasterschule! versetzt’ ich.
— Ja, wohl, sehr wohl, am besten da! sprach Er. Und wo wird dem Könige, dem Richter, dem Prediger ein gehorsames arbeitsames, wohlgesittetes und belehrtes Volk zugebildet, und dadurch wieder dem Volke wohlgesittete, wohlbelehrte, arbeitsame, getreue Richter, Prediger, und dadurch endlich eine glückliche, selige Menschheit, ein Reich Gottes — Lambton?
In der Lancasterschule! bestand ich mein Examen. —
Und das wollen Sie bei Uns, nach allen Ihren Kräften, allem Ihrem Verstande treu und fleißig thun, lieber Lambton? frug mich Herr Patrik gerührt, und reichte mir seine Hand dar.
— Ich schlug ein, und unter einer rauschenden Gesundheit „Lancaster für immer!“ weinten wir Beide.
Da ging die Thür auf, und blieb offen stehn, es schallte Gescharr und Wirwarr herein. Was war zu sehn? — Hobday hatte Crabben vorher schon weggewinkt, und Crabbe wiederum Stephan und William. Und wahrlich nunmehro ganz zur Unzeit brachten sie lärmend den von den Lichtern geblendeten stutzigen Bock, als Sieger bekränzt, hereingeführt und nachgestoßen an unseren Tisch, wo ihn jeder besah, am Barte bezupfte und mit Dessert fütterte. An Mistriß Distreß stieg er, unter einem lächerlichen Hurrah! auf die Hinterbeine, und ließ sich ihren Blumenstrauß schmecken. In dem Aufruhr schlich ich in die Küche, wo Lisanna beschäftigt stand, ein Häutchen aus einer Eierschale zu schälen. Schweigend sah ich der Schweigenden zu. Kein Wort, kein Blick. Dann trat sie vor mich, strich mir die Haare aus der Stirn, und ein wenig auf die Zehen gestellt, legte sie mir es auf, mit einigem sanften Schlagen wohl mehr als nöthig war. „Das hätte eigentlich gleich geschehen sollen!“ sprach sie. Ich aber, um indeß nicht die Hände steif am Leibe hinunter zu halten, und die schlank Ausgedehnte im Gleichgewicht zu erhalten, daß sie mich nicht berühren müsse, nicht an meine Brust antreffen — legte meine Hände sanft in ihre Seiten, hielt den Athem an, und schloß die Augen. Aber ich fühlte doch Ihren Hauch — ach, wenn Sir Samuel Sie mit dem Glücke gemeint hätte, was ich ganz leise leise in meinem dunkeln seligen Kopfe meinte! Und ich weiß nicht, sie lächelte doch horchend, als ich sie wieder ansah, stand noch ein Weilchen — erröthete, und schwebte dann von der Flamme des Herdes beglänzt hinaus. — Denn Doctor Toland kam — und gab mir — was gab er mir wieder — mein Tagebuch! Heben Sie es besser auf! sprach er zu mir. Doch werden Sie mir vielleicht und dem Schicksal danken, daß ich es fand, und als das beste Recept für Lisanna’s Krankheit, es ihr verschrieben. Denn die Russel, gestern Abend, um den leidenden Zustand des lieben Kindes ernstlich besorgt, hatte mich zu ihr geschickt, und als ich leise zu ihr eingetreten, verrieth sie sich selbst durch schwere Seufzer und Klagen über einen gewissen Lambton! Ich schlich wieder aus dem dunklen Stübchen hinaus, holte Licht und kam nun laut geschritten, und setzte mich zu Ihr, um etwas vorzulesen. Sie ließ Alles geschehn. Ich las, sie ward still; sie setzte sich auf in den Kleidern; sie sank wieder hin, und weinte wieder, aber Freudenthränen, Reuethränen — ich las nun von Ihr — dann sprang sie auf, sie! mir um den Hals — ja sie küßte mich sogar still und fest, und versiegelte mir Lippen mit Lippen, und lachte und jammerte und war zornig auf mich und Euch. Sagt was Ihr wollt, aber jede Verwirrung ist eine Krisis, je ärger, je kräftiger! kürzer! Die krumme Linie ist auch ein Weg! der Gestirne Weg durch den Himmel! Alles verdankt Ihr Clarken! Verdankt es ihm auch! Sie, die nunmehrige Clara Tydal, läßt Euch bitten, ihr Kind aus der Taufe zu heben. Das Heft hatt’ ich in Miß Clara’s — und Eurem Zimmer gefunden, — auch Sir Samuel hat heute schon darin geblättert und die Russel mit der Brille ihm über die Achsel gesehen. Nun, werden Euch auch Sir Samuel’s, Roßborn’s und Patrik’s Tischreden verständlich sein! und wer das Gedicht an das Nordlicht gemacht hat — Ihr ließet Euch ja nicht sehn. Nun frisch, angezogen, und Pathe gesessen meinetwegen, wenn Ihr vor Freude und Scham nicht stehn könnt. Talo wird auch getauft! —
Ich glühte über und über! Er war wie verschwunden, während ich auf mein Heft sah!
In meinen Rock war bald gefahren, und mit erleichtertem Herzen ging ich die Treppe wieder nach unserem Stübchen. Darin fand ich die ganze untere Gesellschaft schon versammelt, den Bock ausgenommen. Miß oder in Wahrheit und Ehren: Mistriß Clara, in dem weißen Sonntagskleide der Lisanna, sehr blaß und lächelnd, hieß mich willkommen, wie einen bekannten Freund, oder Bruder. Sie putzte an dem Kinde, welches Talo auf den Atmen hielt; und diese schien nun, anstatt in Clarke, in das Kind verliebt! — Wunderbar! — Tydal machte den Kindtaufen-Vater, stellte den Tisch in die Mitte, half ihn mit dem weißen feinen Tuche behängen und die 4 Zipfel aufstecken, stellte das silberne Becken darauf, und die gefüllte silberne Kanne darein, und fühlte noch mit dem Finger nach der Wärme des Wassers. Lisanna nahm nun das Kind von Talo’s Armen, und die schöne, vor heiligem Zagen blasse Talo trat nun mit dem sinnigen, friedevollen Gesicht als Taufkind vor den Tisch. Herr Roßborn, Doctor Toland und Mistriß Distreß, stellten sich als Pathen um sie, dieß Mal alle Drei der unmöglichen Mühe überhoben, das Taufkind zu halten, und für dasselbe dem Teufel zu entsagen. Nach einer schönen Rede, die ich leider nicht erhalten konnte, weil sie Herr Patrik aus dem Kopfe, nein, aus dem Herzen sprach, tauft’ er die rührend Hingebeugte. Sie weinte in Einem fort, nur nicht störend, wie ein kleines Kind; aus ihren Augen tröpfelte der fromme Thau in das ausgegossene Wasser, und sie ward mit ihren eigenen Thränen getauft. Dann trat sie zurück, sahe Alle mit himmlischem Lächeln an; fiel mir als ihrem Lehrer in die Arme, und wollte mir danken, aber sie schluchzte nur. —
Herr Patrik stand indeß mit gefalteten Händen, und erwartete das Brautpaar. Bei der Trauung von Tydal und Clara hörte ich mit Erstaunen ihren wahren Namen. Welch vornehmes Kind! welcher reichen Eltern! Ob aber der Malerkunst wegen in Tydal verliebt, oder Tydal’s wegen in die Malerkunst, das ließ mir ihr unwidersprechliches Talent zu lieben und zu malen, nur zu errathen übrig.
Talo war deßwegen zuerst getauft worden, daß Sie — zugleich mit Lisanna und mir, nun bei Clara’s Kinde Pathe stehen könne. Frau Russel bemerkte halbleise gegen Sir Samuel: „der Taufstein trennt! Sie dürfen nicht zusammen stehn!“ — Er zuckte die Achseln, aber, sich fügend, winkte er Herrn Patrik auf die Seite, und sprach heimlich und lächelnd mit ihm; dazwischen ließ er ihm etwas Goldfunkelndes — gewiß zwei Ringe, in die Hand fallen, und sie klangen leise! — In Gottes Namen, sagte nun dieser ganz laut, trau’ ich sie erst. — Wen konnt’ er meinen? War Talo ein Mann, wie Clarke ein Weib! und wollt’ er Talo und Lisanna trauen? — das wäre herzbrechend! — Oder war gar Lisanna ein Mann? — das wäre entsetzlich! wenn sich gleich Talo darein gefunden und ergeben, daß Clarke Clara war! — Ich sahe sie an — nein, sie war ein Weib! in vollem Wuchse, voller Schöne, in der Halle der Jugend, mit einer Hand noch die Jungfrauen, ja die Kinder haltend, mit der andern von den Weibern gefaßt und gezogen, ihre Königin zu werden. — Oder wollt’ er mich und die Talo traun? War Sie das Glück in Sir Samuel’s Hause? Ach, Talo hatte ja vorhin ihm zugelacht und genickt! Mein Gott — und Talo sahe mich jetzt auch lächelnd an! Um Gotteswillen, was wird daraus werden? Muß ich mir denn geradezu Alles gefallen lassen, weil ich — Lambton bin! Doch so schön auch Talo war, ich hätte am Altare, denn das bedeutete nun der Tisch abwechselnd mit Taufstein, am Altare noch Nein! Nein! Nein! um Hülfe gerufen! Herr Toland aber, der Menschenfreund! faßte meine linke Hand und — Lisanna’s rechte — ja die rechte! und führte uns, die wir uns ansahen, anglühten — zögern wollten, nein, nicht wollten, nur vor Entzücken scheuten, und doch führen ließen vor den Tisch des Herrn. Frau Russel, deren Fortschleichen ich gar nicht bemerkt, kam jetzt leise hinter Lisanna getreten, und setzte ihr einen grünen Jungfraunkranz von den schon schlafenden Myrten leicht in das Haar. Sie ahnete ihn mehr als sie ihn fühlen konnte, und erröthete rosig im Antlitz, und rosig über, Nacken und Brust. Herr Patrik nahm das sechste Gebot zu seinem Text, als Casualprediger, und bearbeitete ihn so, wie ich es in meinem Leben nicht gehört. Und doch weiß ich die Worte nicht mehr, ich fühle sie nur, ihre Glut durchrollt mich warm, wie ein Fluß, von der Sonne erwärmt, die schöne Sommernacht noch lieblich dahinfließt, wenn nur der safranfarbige Nachtschein in ihm glänzt. Trauen sehen, und getraut werden, ist doch ein Unterschied! Das kleine Zimmer war mir nicht allein eine Kirche, ach, der Himmel! Mutter und Vater erschienen mir im Geiste, und der Großvater stand hinter ihnen mit einem Heft Lieder mit goldenem Schnitt, wie Hochzeitgedichte unter dem Arm — aber er stand da in seinem abgetragenen, braun gewordenen grauen Rocke, seine alte Mütze in der Hand, daß es recht gut war, daß er unsichtbar war! Sogar die alte Anna erblickt’ ich; sie hielt die blaue Schürze vor die Augen und weinte, und wandte den Kopf seitwärts und horchte auf die Traurede. Auch Marion stand vor mir da, und beurtheilte Lisanna, und Sir Horazio, und seine Theano mit dem Kopf auf seine Schulter sich lehnend — und über Alle sahe der rothe Daniel hinweg, und kümmerte mich wenig. Nun war Ich so weit, wie viele Tausende vor mir. Nun sollt’ Ich die Erde füllen, so sprach Gott zu mir und meiner Lisanna, das erste Wort, was er zu Menschen geredet. Meinetwegen hatt’ Er von Adam die Ribbe genommen, der gute Vater! Meinetwegen hatte Lisanna’s Mutter Schmerzen ertragen, Nächte durchwacht. Die gute Mutter! Gott segne sie! Wer und wo sie sei! — Aber Lisanna blieb — Lisanna! Ihre Eltern unbekannt, und ich mußte sie nehmen, und nahm sie voll Freude, wie eine köstliche Blume voll Pracht des Wuchses, der Bildung und der Farben, nur unbenannt. Sir Samuel weinte laut während der Trauung, und ich hörte ihn sogar seufzen: „O wie glücklich könnt’ ich sein!“ Nach der Einsegnung schloß er Lisanna in seine Arme, und mich Frau Russel in die ihren! Polizeidirector Roßborn, Capitain York und Steuermann Crabbe unterschrieben sich unter Patrik’s Trauschein als Tranzeugen. Ich weiß nicht, was ich geredet, gehört und gesehen habe, und was geschehen, bis Tydal’s Kind — das Gott sei ewig Dank, nicht Lambton hieß! getauft wurde. Ich war so von Kräften, daß ich wirklich nicht stehen konnte, und mußte Pathe sitzen, wie es mir Doctor Toland vorausgesagt. Er hatte also auch alles Andre vorausgewußt, und vielleicht, o gewiß, mir bereiten helfen! Der Menschenfreund! Gott segne ihn, und Sir Samuel, und sogar auch die böse Russel! Sie bedarf Gottes Segen am ersten, am meisten. So betet’ ich im Herzen. Denn ich war ihr nun Dank schuldig, so schönen Dank, wie Lisanna!
Lisanna schwebte dann leise hinaus, hinab, hinüber in den Garten unter die duftenden Brotfruchtbäume. Es war später Abend, oder frühe Nacht, und von dem Tage im Vaterlande schimmerte nur ein Safranschein, wie der Rand eines goldenen Tellers herauf. Aber ich war ihr nahe gefolgt, auch sah sie sich heut’ nach mir um! ja unter den Cocospalmen erwartete sie mich. „Nun muß ich Dir um den Hals fallen!“ sprach sie feurig. „Nun muß ich Dich an das Herz drücken!“ sprach ich. Das war unsre ganze Rede. Dann setzten wir uns in die Blumen, und hielten uns umarmt: Sie lehnte das Köpfchen an meine Brust; ich sahe hinaus über das murmelnde Meer, daraus silberner Duft aufstieg, und in dem Dufte strahlte das schönste Sternbild, das ewige Kreuz, golden hervor mit seinen ewigen Lampen, und stand wie ein Geist, herauf getaucht, auf den Wassern, bis es unsichtbare Engel schienen in den Himmel zu heben. Ueber uns in den Zweigen ließen junge Vögel im Nest ihre zarte Stimme hören, und Mutter und Vater redeten ihnen zu, und zwitscherten sie in den Schlaf. Sterne fielen von Zeit zu Zeit, und drunten im Flusse sprangen die Fische plätschernd aus der schimmernden Flut; in die laue Nacht. — So saßen wir, wer weiß wie lange! denn der Mond ging nun auf, und beleuchtete uns. Darum schlichen wir nach dem Hause. Ich nahm an der Thür zu Lisanna’s kleinem Zimmer gute Nacht mit einem Kuß, und immer wieder; und sie küßte mir gute Nacht, und entließ mich doch nicht, noch nicht! Drinnen aber hatte sich der Mond schon auf ihr Bett gelegt! Und heut’ bedeutete mir sein feuriger Schein des Nordlichts Glanz:
Der wallend in das freundliche Gemach, Wie eine Rosenflut vom Himmel floß, Und blinkend schien das reinliche Gefäß Vom Simms der Wand und schattete sich ab; Und glimmend, und doch nicht verglimmend, schwamm Im kühlen Feuerglanz der feine Flachs Geröthet, und die Spindel eingetaucht, Womit die Liebliche des Abends spann, Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt — — Da hielt sie mich mit langen Küssen fest — Und ich, der ich nicht gehen mußte — blieb!
Am Morgen erschrak ich natürlich nicht wenig, daß ein schönes, glühendes Mädchen, mit weißen, vollen Armen, in meinem Bette lag! Entsetzt darüber, wollt’ ich hinausspringen — noch einen Blick forschend über sie hin — das Herz pochte mir laut, und die Sonne, die ihr Licht über sie ausgoß, sagte mir: es sei Lisanna! und mein Gewissen sagte mir: Lisanna sei mein Weib! Und nun bestaunt’ ich sie lange, und dankte Gott für sie, und betete laut; im Bett aufsitzend. Davon erwachte sie, schlug ihre Augen auf, erröthete holdselig, setzte sich auf und verbarg sich verschämt an meinem Halse! Nur Eins fühlt’ ich, was Patrik in unserer Trauung gesagt: „Muß denn der Mensch Böses thun, um selig zu sein? Anderen rauben, um zu haben? Alle seine Kräfte zerstreuen, oder sammeln, um reich zu werden? Sein Leben an Vieles, oder an Eines setzen, um das Leben zu gewinnen! Nur auf dem Wege zum Himmel wandelt der Mensch in Blumen, und der einfache, reine Weg ist der reichste, der seligste! Wenn er auch nicht so reich, so selig wäre, daß das Herz in voller Gnüge schwelgt“ — und fast zerspringt, wie mir! setzt Ich hinzu. Das war wohl kein Jammer!
Hobarttown, Pfingsten 1820.
Seit Ostern hätte ich nichts einzutragen gehabt als: Arbeit und Freude! Freude und Arbeit! Arbeit und Freude! Ich hatte meine Schule und mein Weib, meine Arbeit und meine Freude. Ich denke immer: der Ehestand ist der Stand, wo man sich nicht etwa das Leben unangenehm machen, einander verbittern soll! Nein: angenehm und süß! Eines dem Andern! Und so thaten wir einander. Wer nur wenigstens die Seinigen immer so höflich, so liebreich behandelt, wie Fremde, die einen Augenblick in das Haus treten — wie freundlich behandelt Der sie schon! Aber hat, was mein ist, dem Ich angehöre, mit dem ich immer leben soll, nicht mehr verdient? ja Alles, mich selbst, meine größte Sorgfalt, unwandelbare Freundlichkeit und Liebe? Ich weiß nicht — ich denke mir immer, wenn ich aus Gewohnheit, daß Lisanna — der Engel — mein ist, einen Augenblick ihr nicht zulächle: daß sie ein Engel sei, der vorher nie gesehen und fremd, mir vom Himmel in das Haus gesandt ward — und gleich ist es gut! Und so denk’ ich auch von den Kindern: sie sind Engel! die nicht erst längst auf der Erde sind, und bald wieder fortwandeln; und rechne mir es zur Ehre, daß ich sie lehren kann von ihres Vaters Reich! Manchmal denk’ ich auch: es sind meine Kinder, und nun lehr’ ich mich warm und satt, daß ich ganz das Essen vergesse, bis Lisanna geduldig nur leise winkt! Ja ich glaube: daß der Herr 40 Tage gefastet hat, daß man 7 Körbe voll Brot nach der Bergpredigt aufgehoben! Ein voller Geist fühlt keinen leeren Magen. Das müssen die Obern in England auch wissen, da sie die Prediger und Schullehrer so dürftig abspeisen! Aber man hat ja Frau und — — — — Kind! siehe mir nicht in’s Buch! das schreibe ich, daß Du es lesen sollst, Lisanna!
Schiff Argo, am Johannistage 1820.
Ach, was soll ich sagen? Ach, meine Schule hab’ ich nur gegründet! Von meinen Kindern hab’ ich mit Thränen Abschied genommen, und sie von mir! Ich schreibe schon im Schiffe auf der Fahrt in das Vaterland, und Lisanna begleit’ ich, und Toland begleitet uns. Sie sitzt und weint; aber ich kann mir nicht helfen. Warum ist sie nicht Lisanna! Warum bin ich Lambton, und bleib’ es vielleicht, vielleicht auch nicht! Sir Samuel hat nicht wohlgethan!
Aber warum kriecht auch die alte Russel immer in die Rauchkammer? nach Zungen, die Leckerzunge! Warum fällt auch die Thür hinter ihr zu? Warum fällt uns keinem die Rauchkammer ein, wo sie weinen, dursten, husten und niesen sitzt, zwei lange Tage lang. Denn wir suchten sie außer dem Hause und überall, nur nicht, wo sie war, und hörten ihr Gedonnere nicht auf dem Boden noch obendrein in dem Sturme, der so wüthete, daß Hobday sagte: die Russel hat sich gehangen! was Sir Samuel gar nicht bezweifelte. Der deportirte Phylax war ihr Retter, der, immer von ihr gefüttert, nun hungrig, sie gesucht und gefunden, kam und uns anboll, zerrte und voran lief. Und als wir sie endlich erlöst, von allem Jammer sterbensmatt, von all’ den aus Hunger gegeßnen geräucherten Würsten sterbenskrank, und vor Durst ganz verlechzt, von dem unendlichen Husten ganz aufgedunsen, mit ganz roth-gebeizten Augen, und die Thränen und den Rauch im ganzen Gesicht herumgewischt, — da war sie fast selbst geräuchert, und sah’ aus wie eine schwarze so genannte ägyptische Marie. Warum stellte sie Doctor Toland doch wieder her! Er war ja kein Arzt, kein Carrhadis unter van Diemensländern, welche ihn zur Dankbarkeit mit der Lanze erstechen, wenn der Kranke stirbt. Wir Europäer bezahlen den Tod ja mit schwerem Gelde, sonst lernte auch keiner mehr curiren. Und was bezahlt’ ich nicht erst für der Russel ihren! Warum gaben die hängenden Schinken ihr nicht ein schweigendes Beispiel? Warum war ihre Zunge wenigstens nicht geräuchert, verzeihe mir Gott die Sünde, daß sie Herrn Patrik beichten konnte; daß dieser Herrn Roßborn verlangte, daß Beide schrieben, Zeugnisse aufnahmen, und selbst Sir Samuel in die Enge trieben mit lauter Menschenliebe! Denn, obgleich Sie nun besser ist, so ist mir doch schlimmer! Sie hat nur den Rauch des Fegefeuers gekostet, mich hat sie wirklich hineingestoßen!
Acht Tage nach ihrer Erlösung, aus der Marterkammer nämlich, besuchte mich Sir Samuel des Abends, und lud mich zu einem Gange in’s Freie ein. Wir gingen schweigend und weit hinaus, und lange stumm wie unsere Stöcke. Es war bald lächerlich — nein, sehr bald zum weinen! — Herr Lambton, sprach er endlich, was ich Ihnen zu sagen habe, ist ein Glück für Sie und Lisanna! —
Ich verlange kein größeres, noch Lisanna; unterbrach ich ihn nicht grade, denn er hielt von selbst inne, und wußte nicht recht anzufangen, und kämpfte mit sich selbst. —
Freilich! begann er wieder: wer ein Glück nicht begehrt, den macht es nicht glücklich; es ist ihm fremd! Jeder kann nur in der Lage glücklich sein, die ihm natürlich ist. Denn jeder Mensch, ja jegliches Wesen hat sein eigenes Glück, das in dem allgemeinen beruht, was der Welt überhaupt, und seinem Geschlechte in’s Besondere zugetheilt ist. Nur durch Vertauschung unserer angeborenen Zustände werden wir unglücklich! — Der Esel im Pallaste, der Lachs im Punsche befänden sich beide schlecht. Dem Biber ist in seinem Häuschen wohl, der Spinne in ihrem Netz. Aber wer die meisten, die Edelsten Bedürfnisse hat, die er befriedigen kann, ist der Glücklichste, und diese hat vorzugsweise der Mensch. Ein sicherer, bequemerer Platz auf Euere Art in’s Größere zu wirken, reicher bewußt zu leben, kann Euch nicht schaden, und ich bin gezwungen, Euch in denselben zu verpflanzen! —
Zu was ist das die Vorrede? Sir Samuel! fragte ich traurig.
Zu großem Vermögen, und hohem Stand; sagt’ er, nicht ungerührt. Wer immer reich war, an dessen Glück verzweifl’ ich; wer arm, glücklich war, kann auch reich glücklich bleiben! und das hoff’ ich von Euch, und wünsch’ ich.
Aber was haben Sie mit uns vor, Sir Samuel! fragt’ ich ganz erschrocken. So viel haben ist genug, als man selbst bewalten kann! Alles dieß schon, jedes Einzelne, sei es nun ein Kind, ein Lamm, ein Pflug, macht uns Sorge, es zu erhalten, und beunruhigt uns schon genug, wenn es nicht in dem Stande und Gange ist, wie wir es brauchen und wünschen. Diese Sorge aber wohnt dem menschlichen Leben unabänderlich und nothwendig bei, und Jeder muß sie ertragen. Haben wir aber nun mehr, als wir selbst bewalten können, selbst bedürfen, dann wird unsre Sorge so groß, so vielfach, als sie der Mensch eigentlich nicht haben soll, wenn wir uns so darum kümmern, wie es Dinge, die wir besitzen, doch immer erheischen! Kümmern wir uns aber nicht um dieselben, sind sie unsern Gedanken nicht täglich da, bilden sie nicht den Kreis, in welchem wir uns bewegen: so besitzen wir sie wiederum nicht, und sind so arm, wie die Uebrigen — und die Hoffnung des täglichen Brotes, der Erlösung von dem Uebel, hat jeder täglich, der das Vaterunser betet. — Verschonen sie uns also, verschonen Sie uns, Sir Samuel!
Sie sprechen fast wörtlich aus Patrik’s Predigten, bester Lambton! Aber hören Sie! und wenn Sie Lisanna lieben, werden Sie um Ihres Glückes willen Ihr eigenes Glück mit in den Kauf nehmen.
Selbst um mein Unglück! sprach ich hastig. Es wird wohl so sein! —
Hören Sie ruhig zuerst mein Unglück! und wer ein größeres kennt, als ein treuloses Weib, dem will ich nachstehen; sprach Sir Samuel. Doch nach und nach gewöhnt sich der bessere Mensch, nur das für Glück oder Unglück anzusehen, was Er Gutes oder Böses thut, nicht was ihm gethan wird. Ich habe 15 Jahre nicht geweint, bis zu Ihrer Trauung; denn Lisanna konnte mein sein, meine Tochter sein von meinem Weihe. Aber als ich erst unglücklich ward, war ich das Unglück nicht eben gewohnt; das ist das Unglück des Unglücks; und leider wird man erst besser durch schlechter sein, als gut ist. Das mag mich im Voraus entschuldigen! Jetzt bin ich im Klaren, und wenn ich Allem nachdenke: so fehlt’ ich zuerst gegen die alte Regel, und glaubte nicht, daß eine Tochter so wird, wie die Mutter gewesen ist. Das Schicksal begünstigte mich wenigstens mit keiner Ausnahme. Mir hatten Canova’s glatte Weiber und die Venus von Medicis den Kopf verwirrt — mich reizte nur die schöne Form, ohne mit Augen zu sehen, daß man sie auch dem Marmor aufdrücken kann. Die schönsten Blumen riechen nicht, die schönsten Vögel singen abscheulich; Ihr Schmuck ist ihr Werth, und die Schönheit ist gewiß das Anlockendste für den Liebenden. Aber das Weib muß mild sein, schweigsam gleich der Natur, sich immer gleich, wohlthätig, uneigennützig, ja großmüthig; sie muß den ewigen Sinn der Natur, so weit ihn eine menschliche Seele fassen kann, aus sich kund geben, das heißt: lieben! — Daß davon Gelehrsamkeit, — nicht weiser Sinn; Schautragen von Schönheit und Reizen, — nicht Schönheit und Reize; Werthlegen auf weltliche Güter, — nicht ihr Besitz selbst, ganz ausgeschlossen sei, ist eine Bedingung, die unerläßlich ist, wenn der Mann nicht bloß Menschliches, Weibisches, Gemeines in ihr erkennen, und — Sie fliehen soll! nicht sehen soll, daß sie Viele, oder nur Zwei liebe, also Ihn nicht, und überhaupt nicht liebe. Denn die Liebe ist das Erfülltsein von Einem, die Liebe liebt Eines, das Einzige, Schönste für sie. Deßwegen sind Schönheit, Rang und Gold auch wiederum nicht im Stande, so die Jungfrau zu gewinnen, als die süße Sprache des Herzens, voll Gefühl, Tapferkeit, kurz alles dessen, was überhaupt den Mann sie ahnen läßt. Feigheit — nicht Versöhnlichkeit, Verschwendung — nicht Armuth, kaltes oder gar schlechtes Herz — nicht ein begrabenes, und vollends Lächerlichkeit, die Travestie der Menschenwürde, zersetzen gewiß, und oft plötzlich, die Liebe auch in den vorher befangensten Jungfrauen. Wir sahen daher so viele, schöne, reiche und vornehme Männer, die nie geliebt waren, weil ihnen Eines fehlte: das Gemüth! der Sinn zur Natur, zu welcher das Weib auch dann, und dann erst eben recht und weiblich hinstrebt, wenn sie dem Manne sich ergiebt. — Mein Vergehen, das mich hieher geführt, auf meinen und meines Weibes Fehler gegründet, liegt in diesen Worten eingehüllt. Es half mir nichts, daß ich mein schönes Weib liebte, unaussprechlich liebte! Sie wissen, Lambton, um mich Ihnen verständlich zu machen: wenn Zwei Substantiva zusammenkommen, so steht das Eine im Genitiv, oder: die Liebe hat auch das mit dem Magnet gemein, daß sie positiv und negativ zugleich in den Liebenden ist, wenn auch die Pole wechseln. Ganz gleich lieben sich nie zwei Liebende, oder Eheleute, und wenn sich auch beide noch so sehr lieben! Ich liebte mehr — und stand also im Genitiv! Daß wir kein Kind, zu unserem Erbe hatten, war ein Antrieb für ihre ausgelernte, weltlichgesinnte Frau Mutter, dem Verführer eine Brücke zu ihr zu bauen, und für Sie selbst — sie zu halten. So thöricht macht ein großes Besitzthum die Menschen: sich Erben für dasselbe zu ersündigen, oder einzuschwärzen — die doch dann Ihre Erben nicht sind! Und wenn auch alles Andere ungewiß ist, was die Weiber sind, so sind sie doch kinderliebend gewiß; und was man liebt — begehrt man. Indeß wäre meine Theano so schnell nicht gefallen!
„Theano!“ rief ich, und schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. Doch erzählte er eisern fort: Aber Sir Horazio, mein Freund auf Reisen, lud uns nach Schloß Rowlandhill.
„Rowlandhill! — Horazio!“ rief ich nun wieder. Nun war es richtig! Da sanken mir die Arme wie gelähmt. Mir war, wie gewissen Abergläubigen, denen ihre Götter und ihre Göttin in den Koth gefallen — und Ich sollte sie aufheben, rein waschen und allen wieder als ungefallene Götter aufstellen! Doch er erzählte eisern fort: Ich jagte sein Wild im Walde, Er indeß das meine im Hause. Er feierte Feste und Bälle . . . . und die Lust ruft die Lüste, die Lüste die Laster. Alle sanften Vergnügen und Empfindungen erweitern das Herz, alle rauschenden verengen, bedingen es. Der Mensch steht dann dem bloß sinnlichen Geschöpf, dem Thier, näher als der Gottheit; und ein leises Uebergewicht, so sinkt er zu ihm hinab. Die rauschenden Feste und Lüste sind furchtbarer, als man glaubt, oder aus Drang dazu sich gesteht; sie lösen das Herz auf; über alle süße und gewohnte Bande fühlt sich der Mensch emporgetragen, sein Sinn taumelt und raset über die schon bedingenden Schranken; er fühlt sich frei! Scham und Sitte stehen im Hintergrunde, die Frechheit naht sich wohlbekannt, und gern verkannt; das Ohr hört günstig den Verführer, der Mund lächelt wenigstens selbstzufrieden über die gepriesenen Vorzüge, wenn er auch nichts erwiedert — und das geduldete Böse wird das verschuldete. Alle Sünden des Herzens werden durch auflösende Lust begründet, alle Verbrechen der sanften Leidenschaften begangen. Nur die ungeheuern Verbrechen des Verstandes kommen nicht aus der Lust, als Verrath und Meuchelmord. Sie werden in der Stille, im giftigen Winkel neben der Kreuzspinne ausgebrütet und angeknüpft, aus vergällter — Lust, und vergifteter — Liebe. Und so war auch das meine! Ich will mir nicht wieder das Herz zerreißen durch Nachgefühl des Jammers bei meinen Entdeckungen. Vielleicht war ich zu rasch, zu rachsüchtig, zu gewaltthätig, zu guter Kenner böser Weiber und Männer, und trieb mein Weib durch meinen Verdacht, durch meine Veranlassung erst zu dem Verführer, dann in das Verbrechen, erst als sie sich aufgegeben sahe von mir. So schmeichelt es mir noch heute zu muthmaßen — doch es wäre zum Verzweifeln, wenn ich Unrecht gehabt, wenn Theano unschuldig, nur Freundin meines Freundes — wenn Horazio ein ehrlicher Freund gewesen und also Lisanna doch meine Tochter wäre! Denn auch — bei Weibern ist nichts unmöglich. Aber — an den Weibern muß man den Verdacht strafen, den sie erregen; so thut schon die Welt — und ich wollte nicht klüger sein, als sie. Weibliche Sünden sind unsichtbar, und Geister fängt man nicht. Darum verlangt das kein Richter. Ich konnte Horazio nach unserm Gesetz am Beutel strafen; aber was half es mir, ihm zu nehmen, was er genug hatte, Geld! Weibertreue ist unschätzbar, und Untreue hat keinen Preis, wie eine zerbrochene Perle. Eine untreugewordene Frau ist schon zuvor nichts für uns werth gewesen — als unser zerflossene Wahn. Und welche Schande für ein Weib sich mit Geld ersetzen zu lassen. Die frechste Strafe ist immer und überall die Geldstrafe: der Reiche lacht dazu, — was er eben wohl nur soll, muß man wirklich glauben; den Armen beraubt sie. Geld paßt nur als Ersatz für das, was Geld Alles vorstellen kann, selbst Arbeit und Zeit. Für alle Seelenleiden, alle Ehrenkränkungen, für verlorene Freiheit, verlorenes Weib und Kind, kurz für alles, was der Seele des Menschen verdient theuer zu sein, als ein unschätzbar Gut, dafür mit Geld zu bezahlen, es bis auf den Bajoch auszurechnen, und das empörendste der Werke herauszugeben, dazu gehört das ausgebrannte Gemüth eines armen Italieners — wie heißt doch schon der Mann? Und doch verkaufte auch Ich mein Weib, nach unserm Gesetz, dem Horazio, aber Ihr, der Verliebten, zum Schimpf nur für Ein Pfund — Sterlinge. Ihn konnte ich nicht strafen, als dadurch, ihm wieder an’s Herz zu greifen, wie er mir gethan, — und an Einer Stelle ist Jeder verwundbar, von Achill bis auf den gehörnten Siegfried. Die Gelegenheit fand sich erst nach 5 Jahren. Denn dem Horazio ward seine junge süße Tochter Elisa auf dem Christkindmarkt in London geraubt, während er einen Freund begrüßte, und sie von der Hand gelassen. Unrecht Gut gedeiht nicht! Die bestrafte Theano versprach die lockende, für ein Kind wie Elisa noch immer erbärmliche Belohnung von 10,000 Pfund, nebst Interessen — jetzt 15,000 Pfund — au porteur! Aber wer sie geraubt, brachte sie nicht aus Furcht der Strafe; das Mädchen mußte von Andern erkannt und verrathen werden — nur von Mir nicht! Denn in einem begonnenen Gemälde meines Freundes, des berühmten Malers L . w . . . ce, erkannte ich Elisa in dem Mädchen Maria, welches die Stufen zum Tempel hinaufging, um dem Hohenpriester vorgestellt zu werden, der sie oben mit ausgebreiteten Armen erwartete. In der Ecke, welche die Treppe mit der Mauer bildet, saß ein altes Weib und verkaufte Maria’s Mutter junge Tauben zum Opfer. Das ganze Bild erinnerte fast zu sehr an Tizians „Präsentation der Maria“ in der Carità zu Venedig. Ich ließ das Werk vollenden, nur bat und bewog ich meinen Freund, dem angelegten Hohenpriester meinen Kopf zu geben, und Maria’s Mutter das Gesicht der Theano, deren schönes wohlgetroffenes Portrait ich von seiner eigenen Hand, noch in meinem Schlosse gemalt, besaß. Ich wollte das Bild Lady Theano in die Hände bringen, abwechselnd aus Mitleid und Wiedervergeltung. Ich sahe hinter einem Vorhange verborgen die Scene, fast meine Eifersucht verwünschend, und das Weib in der unbeschreiblichen Mutter vergessend, als Theano Elisa erkannte. Sie rief nach ihr, wollte in ihrer Betäubung sogar den Fuß auf die gemalte Treppe setzen, ihr Kind herabzuziehen, und glühte und starrte in der Unmöglichkeit, es in dem Bilde, wie in dem Spiegel eines See’s zu erreichen, indeß das Kind, ihre jammervolle Klage überhörend, den nach ihm ausgestreckten Armen schweigend entgegen ging! — Ich hatte längst Bekanntschaft mit der Russel gemacht, welche die Taubenhändlerin im Gemälde, und die Modell-Zuführerin des Malers war, die er ihr ohne Weiteres nannte. So ward denn dieser der Raub des Kindes zugeschrieben. Nicht mir — dem Erkäufer der Russel. Ich brachte Elisa in Sicherheit. Meine Russel leugnete kalt und störrisch, obgleich die Mutter sich ihr im Gericht zu Füßen warf, und sie um des letzten Gerichtes willen beschwur. Sie leugnete — nicht mehr: sie sprach gar nicht mehr, auch überwiesen, und ward zur Deportation verurtheilt. Theano ward ohnmächtig hinweggetragen. Ich saß unter den Zuschauern. Ein hartes Wort machte mich zum Ableiter ihres innern Grimms und verdächtig; aber nur verdächtig. Doch kam nun meine bisher verschwiegene — Scene zur Sprache; und als ich dafür zum Deportirten ernannt (eine Stelle, die ich mit Freuden annahm, um meinen Raub zu vollenden) — in van Diemensland eingetroffen, mit der, einem auswandernden Freunde anvertrauten Elisa — Ihrer Lisanna, bester Lambton, vergalt ich der Russel, wie ich konnte, und wie sie fähig war. So hatte denn Ich etwas gethan, was kein Gesetz im Stande ist, nämlich eine unsittliche Handlung bestraft durch eine unsittliche Handlung, und zugleich den Beweis für die Welt, wenigstens meiner Seele gegeben, daß man Unrecht nur durch Unrecht strafen, durch Strafwürdiges Strafwürdiges ausgleichen kann, was nur der Gottheit zukäme, wenn sie nicht die Gottheit wäre. Seit der Zeit ist mir Strafe als Strafe ein Unding, ein Verbrechen. Der Mensch, der strafen will, unterfängt sich Unmögliches, oder Teuflisches. Sieben Mal siebenzig Mal soll Jeder dem Andern täglich Alles, Alles vergeben! Vergebet also auch, Lambton, der Russel und mir!
Ich mußte mich vor Wehmuth wegwenden. Doch hatte ich die Hand schon gleichsam vorräthig in der Tasche — zur Vergebung.
„Und er sprach: Ich will Euch noch mehr Stoff zur Vergebung sagen: Manchmal wollt’ ich das Kind verderben, verwahrlosen! an Geist und Körper zerrüttet seinen Eltern wiederschicken, mit dem ärgsten Verbrecher durch Verbrechen verbunden — wenn der Engel nur das leiseste Versehen hätte begehen können! Wenn ich es nur über ihre Schönheit, ja über die treuen jungen Züge ihrer einst geliebten Mutter vermocht! Denn ich hatte doch einen Ersatz: ich hatte mein Weib wieder — als Kind! als zartes Mädchen — als rosige Jungfrau! Wie ich Jene nie gesehen, wie selten ein Mann seine Frau schon gesehen hat: in ihren Spielen, in ihrer Unschuld, ihrer Entwickelung zur reizendsten Jungfrau — so sah ich Sie! Und, Lambton, ich gönne Euch dasselbe Glück: einst Elisen so zu sehen in ihrer — Eurer Tochter. Es ist gar so süß! Und so muß sich der Mensch das Leben zusammenstellen, wenn er Alles haben will, was es nicht zu enthalten scheint, und doch so wunderbar, so lieblich enthält! Auch ohne daß sich die Russel an Patrik verrathen und dieser sie und mich an Roßborn, der nun auf Wiedersendung des Kindes an seine Eltern dringt, hätte ich Euch eines Tages gewiß zu ihnen geführt; denn meine Zeit hier ist zwar aus, aber nicht mein Ehrgefühl, und die Scham vor den — eingebildeten — Guten und Glücklichen. Wie mein Auge den Thränen, ist meine blasse Wange dem Blute verschlossen, um vor jedem Menschen immer wieder zu erröthen; und man möchte mich für verstockt, für aus- — geschämt halten. Das hält die meisten Entlassenen hier, wie die Gewohnheit den Genesenen im Bett. Hier: bin ich ein Fürst, der Schlangenkönig! der ohne Gift ist, wie der Weisel ohne Stachel. Indeß wird Doctor Toland mit Euch gehen. Elisa’s Anerkennung kann nicht fehlen; es ist Alles dazu eingeleitet. Nur an Elisa — Eure Lisanna — verrathet nicht, wer, wie reich und vornehm ihre Eltern sind! es soll sie überraschen. Doch, daß sie mich leichter vergißt, und selbst die alte Russel, die sie, wie das Kind die häßliche Ziegen-Amme, die es gesäugt, unglaublich liebt; daß sie mit Hoffnung nach England zieht sagt ihr, Ihr führet sie zu ihren wiedergefundenen Eltern. Das erlaub’ ich Euch; denn, wie sie fromm gesinnt ist, nähme sie Tagelöhner mit Freuden dafür an. In England aber sagt nicht, am wenigsten ihren Eltern, daß Ihr Elisa’s Gatte seid, so lieb Euch Elisa ist! Auch Sie soll nicht offenbaren: daß sie Euere Gattin ist, so lieb ihr Lambton ist, bis Toland es Euch Beiden gestattet. Nur das sind meine Bedingungen, die Ihr mir mit Handschlag gelobt! Das Schiff geht Montag; die Argo, worauf Ihr Euch das goldene Vließ in die Heimath führt. Gut’ Nacht!“ —
Er ließ mich stehen. Er schied; und was schied alles mit ihm von mir! Was war alles über mich gekommen! Was war alles schon um mich und für mich vorhanden gewesen! Welche Riesenhand vorräthig — wie meine Hand in der Tasche — zur Vergebung. Was wollte mir die große Geisterhand aus ihrer Tasche — der Welt — reichen? Doch nicht bloß die Hand! Wie Ich sogar nicht! — Mein erster Blick war zum Himmel; er war mir auf einmal fremd, so fremd geworden! Die Sterne zogen hoch und glänzten hell. — Ich ging ihnen nichts mehr an, wie ein Sterbender! Die dämmernden Berge, die säuselnden Cocos, die geschlossenen Blumen — sie waren mir gleichsam vom Herzen gefallen! Sie gehörten nun Andern, mir nicht mehr! — die Hügel, die Bäume, der Fluß und die Felsen hatten mir die kurze Scene gebildet, aus der ich — hinausging. Und Lisanna! — Mir war so Angst, als sollt’ ich vom Felsen in’s Meer springen, wie die verlassene wahnsinnige Herzogin! Mir fiel aller Muth. Denn Sir Samuel schien mir immer noch etwas, wie Rache, im Schilde zu führen, ja gerade dadurch, daß er an Sir Horazio und Lady Theano die Tochter zurückgab — jetzt erst, und verheirathet! und mit wem? wenn auch mit keinem Verbrecher, aber doch mit einem Schulmeister; welcher sonst höchstens eine ruinirte, und ihn vollends ruinirende Kammer-Jungfer, so zu sagen, zur Frau erhält, so zu sagen! Ach, ach! ja in der Eltern Sinn und Glauben nicht einmal verheirathet — wie Lisannen und mir bei dem äußersten Verluste zu sagen verboten war! — und doch, ach, ach, war sie gewiß dort Mutter von einem, ach, ach, Kinde! — Und sollt’ Ich der Giftbaum sein, welchen Sir Samuel in den Park des Horazio pflanzte? Das Gespenst des Schlosses Rowlandhill? der Nagel zum Sarge für Lady Theano? und der Schminktopf der zu Miß Elisa erhobenen Lisanna? Und wie paßte zu allen ihren hohen Namen — zu dem classischen: Horazio! zu dem Homerischen Namen der: göttlichen Theano! — wie zu dem Virgilisch-Carthagischen Königinnamen: Elisa! wie paßte da mein geringer Name: Esau Lambton! der mich an den Verlust meiner Erstgeburt jetzt erinnerte, und mich sauer, wie Linsen anroch. Ich sahe Elisa im Geiste sich schon vor mir auf dem Absatz umkehren, wenn sie sich kannte, wie Mistriß Distreß, da sie mich kannte, und höchstens sprach sie nur auch: Schade! Schade! ja sie ward mir die wahre Mistriß Distreß, meine „Frau Unglück.“ — Kurz, mein Entschluß war gefaßt, mich von ihr zu scheiden, bei Ehren zu bleiben — und selber nach Bedlam zu gehen, ehe man mich dahin brachte.
So stand ich vor meiner Schule; ich hörte Lisannen draußen im Hause frisch gebackenes liebes Brot mit anklopfendem Finger prüfen, ob es wohl gerathen sei — o wie dauerte sie mich bei solchen Geschäften armer Leute, mit ihren weißen Armen im Backfaß zu kneten, mit den vornehmen Händchen zu wirken! statt Spitzen und Hauben! Und wie man sonst mit dem Finger nur an die Stubenthür anklopft, klopft’ ich schon an der Hausthür an. Sie glaubte, ich wollte sie necken, und ihr antworten auf das Brotanklopfen, und sie klopfte wieder, die arme Seele! und trug es hinein. Dann blieb ich an der Stubenthür stehen, wie man bei vornehmen Leuten steht. Lisanna war mir auf einmal eine Respectsperson geworden, und ich blinder Thor, ich sahe nun wirklich erst, daß sie die, — nur junge, kummerlose, schöne Lady Theano war! Sie stand so hoch, so blendend über mir, daß ich nicht wagte, sie anzuschauen, mich demüthig vor ihr verbeugte, und wehmüthig die Hand küßte, aber die Augen nicht zumachte, damit die Thränen ihr ja nicht darauf fielen. Ach, sie glaubte, ich scherze, verneigte sich, küßte Mir die Hand und sprach: „Ihre Dienerin, mein Herr Schulmeister!“ — Das waren lauter Dolchstiche! Nun ging es zum Abendbrot, das heißt: Brot des Abends. Gott, wie schonte sie für sich die Butter, wie bestrich sie mir es fett; wie geduldig, wie munter aß sie, mit welchem geringen Messer; wie bald war — die Tafel — und das Brot aufgehoben! Nur die Bananas in ihrer Hand freute mich, die ganze! in England bekäme sie nur ein Schnittchen! Vor ihrer Zärtlichkeit, ihren Küssen blieb kein Mittel, als mich vom heutigen Abend an, auf das liebe neugebackene Brot, Gott verzeihe mir die Sünde! das mir von ihrer Hand sonst immer so wohl, so süß, aber wirklich heut’ etwas bitter geschmeckt — mich krank zu stellen! Wenn ich nur vorher nicht immer so ein rüstiger Mann Gottes gewesen! Sie wollte die Nacht noch im Regen zu Doctor Toland. Ich heuchelte nach einander nun Chiragra und Podagra, Gesichtsschmerz und Schmerzen an allen Gliedmaßen, daß sie nur von fern um mich schleichen, mich nicht anrühren durfte! Ich that ihr so leid, so leid! und sie mir, wenn sie nahe vor mir kniete, zu mir herauf sah, oder die Haare auf meiner Schulter doch in ihre Hand nahm, und sie streichelte und küßte statt meiner! Das war wohl ein Jammer! —
Doctor Toland hatte sie unterrichtet, sie gehe zu ihren Eltern; sie hatte beschworen, nicht vor der Zeit zu verrathen, ich sei ihr Lambton. Aber sie wollte nicht reisen, weil Ich krank war — und: Ignoti est nulla cupido, auch wenn Cupido selbst, oder Vater und Mutter die Unbekannten sind. So mußt’ ich denn an mir selbst ein Wunder thun, was noch kein Wunderthäter gethan noch vermocht, und mich gesund machen, was spottleicht war — um Ihr das ihr zuständige Glück zu verschaffen. Es that mir wieder wohl, ihr nahe zu ruhen, und mich mit dem Hirten Anchises zu vergleichen, der das himmlische Kind Aphrodite in seine sonnenbraunen tüchtigen Arme — wie meine — geschlossen. Nun erst fühlt’ ich die sammet-weiche Haut an Schulter und Nacken Elisa’s, ganz heimlich und leise, wenn sie schlief! Nun erst sah ich das erhabene Gesicht, auf dem der Adel ihrer Familie lag; sahe die zartgebildete Hand, vornehm und fein, und feiner bis auf die Nägel an ihren Fingern, und das rosige Roth, wie der rosenfingrigen Aurora, wenn sie eben draußen am Himmel die Nachtgewölke zu Taggewölken färbte und die Spitzen der Berge berührte! Dann blickt’ ich wehmüthig zum goldenen großen Morgenstern, und war doch selig und selbst zufrieden darüber, was ich, und daß ich es besessen! um dieß niedrige Wort zu gebrauchen. Ach, dacht’ ich, es ist doch ganz ein anderes Ding um ein vornehmes Kind! Doch, wenn ich nun gar an mein Anchisesloos dachte, dann kann sich kein Grieche so vor dem großen Aeneas, dem Hasenfuß, gefürchtet haben, als ich vor einem kleinen! Der brachte mich um! —
Toland, der Menschenfreund, glich aus, was auszugleichen war, und tröstete Lisanna und mich. Sein Wort: „Elisa wird keines Trostes mehr bedürfen!“ war mein Trost und Gram. Denn, daß ich doch etwas Uebles von ihr sage, muß ich gestehen, daß sie sich nicht wenig darauf einbildete, des Lancaster-Schulmeisters — Lambton — Ehefrau — zu sein! Darin lag gar viel Samen des Unglücks für mich, und Alles kam darauf an, wie sie in ihrem Herzen den Ton auf die Worte legte, ob auf Schulmeister? oder Lambton! ja, ach, ach, Ehefrau! Denn von Lancaster wußte sie so viel, wie die großen Herrn von mir! Ich hoffte wirklich manchmal noch, daß Sie mein bleiben werde, oder doch wollen werde, wenn auch die Eltern nicht — und dann lächelte ich sie an, wie mein! nicht bloß wie eine Fremde, nach meiner Ehestandsregel. Sie erinnerte sich meiner doch — und
Frei ist die Zunge genug, der man — zu schweigen vergönnt!
sagt Owen, dacht’ ich!
In den letzten Tagen vor unserer Abreise aus dem nie wiederzusehenden schönen unvergeßlichen Lande — meinem Paradiese — lief ich auf jeden Hügel, schaute in jeden Quell; ging die Wege, die ich sonst gegangen, und rührte doch noch einmal die Bäume an, in deren Schatten ich gesessen, ja selbst von meinen Rindern, meinem Bocke nahm ich Abschied. Das Leben scheint uns eine Vorbereitung, ein geschäftiger Sonnabend. Mit dem Gefühle, als werde man Alles immer wieder thun und schauen, als sei aller Reichthum der unwandelbaren Natur Uns unwandelbar und immer gegenwärtig bei der Hand — schaut und thut und liest man dieß und das, als einen Versuch, im Scherz — und kaum ist es gethan, so ist es unwiderruflich und ein rechter Ernst: es war die Sache selbst! — So war es auch hier mit meinem Aufenthalt, — so war er, so blieb er! Wenn nur auch mit meiner Ehe! — wehe! — Mit allem Nothwendigen versah uns Sir Samuel reichlich, und die Russel schickte noch ein Fäßchen, ein Päcktchen, ein Fläschchen, eine Kiste, ein Täschchen, einen Topf, einen Korb nach dem andern für uns in’s Schiff mit süßen Pataten, herrlicher Schafbutter, Blumenkohl, Broccoli, Schinken, geräucherten Fettgänsen, frischen Austern, Eiern, frühen Kirschen, grünen Mandeln, Ananas, Bananas, Cananas — das ganze Alphabet von Früchten durch, bis auf die Yamswurzeln und den Apricosen-Zider, den sie mit dem Z. auf den Zettel geschrieben, so gut wie das Co in „Cocosmilch“ mit Cow, als wenn sie von der Kuh käme; aber ganz frisch war sie! Wie schwer schied die Russel von Lisanna! und Lisanna dankte ihr noch tausend Mal für alle Liebe, alles Gute, und küßte ihr die kinderräuberischen Hände! Ich wußte das freilich besser, aber ließ ihr auch die süße Wehmuth zu scheiden ungetrübt. Wie glücklich macht die Unwissenheit, die so gut wie Dummheit ist, und die Dummheit so gut wie Unwissenheit; darum dringen die großen — Gelehrten so darauf. Wissen macht ein schweres Herz; der Glaube macht selig! aber was steht dahinter! Ach, ach!
Sir Samuel, Tydal, Roßborn und Patrik begleiteten uns in das Schiff; Mistriß Clara führte die weinende, nur zur Erde sehende Lisanna. Der Maler Clarke, ihn noch einmal so zu nennen, gab mit zum Andenken für mich und Lisanna eine kleine Mappe mit Ansichten von Hobarttown und Sir Samuel’s Besitzungen, dem Park und den Weideplätzen. Der Schalk, der bucklige kleine Hobday, brachte mir selber die getrocknete Haut von dem armen Ziegenbocke mit nunmehr ihren, nicht seinen großen herrlichen Hörnern „weil er ausgemeckert, ausgestoßen hat“ wie er sagte. Die gute Ofa brachte mir heimlich auch meinen Rinderhirtenstab, den ich küßte! Und was, was that mein Lambton da, aus Ueberstürzung von seinem genossenen und verlorenen Glück — — er küßte Ofa dazu! Die einzige, erste und letzte Ueberraschung, die meinem Lambton je geschehen! — Aber er weinte dazu — und unter reinen andächtigen Thränen geschieht nichts Arges. — Und war er nicht ganz voll Thränen? Hatte nicht Homer, wie von der heißen und kalten Quelle, von seinen Augen gesagt „er weinte mit einem Auge süße Thränen mit dem anderen bittere.“ Ja bittere! Denn wem sein Vaterland zum Unglücksort werden soll durch dumme — verzeihe mir Gott — Menschen, wem sein Vaterland schlechter, verwünschter sein soll als ein, wenigstens freies Verbrecherland, der möchte wohl aus einem Auge sogar Göttergalle weinen, aus dem andern vom zerrissenen Herzen heraufstürzendes Herzblut.
Doch, was red’ ich von mir! Ich verging fast ganz und gar in meine blasse ernste Lisanne, die sich in eine fremde Gestalt, in Elisa verwandeln sollte, und leis verwandelte, aber ihres Lebens Kern und Gehalt in die neue Gestalt mit hinüber nahm, ihre Liebe! Ihre Liebe zu mir. Wie ihr aber dabei zu Muthe war, das träumt nur eine Chrysalide, sogar meine Liebe nicht aus. Die herzige Talo war untröstlich von ihrer Gebieterin zu scheiden. Sie mußte zurückgeführt werden. Doch litt sie es nur bis hinter die ersten Gebüsche — um doch nachzusehen!
Am Ufer umgaben uns Matrosen aus Capitain Yorks Themis, die noch ausgebessert ward. Manche von ihnen hatten sehr anziehende, aber nur nothdürftig angezogene malayische Weiber mitgebracht, ihre schwarzen Haarflechten mit rothem Ocker gepudert. Herr Patrik schalt die Matrosen: Weiberräuber! „Wollt Ihr Europäer nur Europäer für Menschen ansehen, denen Ihr Rechte schuldig seid, aber in allen andern vier Welttheilen macht alle Welt was sie will? Man kann auch Leuten Unrecht thun, die kein Gesetz haben, die uns nicht vor dem unseren belangen können. Aber das ist eben das himmelschreiende Unrecht! Ist nicht Ulimaroa und alle Welt so gut doch wie Neuseeland, wo für jeden Raub, jede schlechte Behandlung im voraus Caution gestellt werden muß? Doch man glaubt das nicht im Hause, wie es in der Welt zugeht!“ Die Weiber starrten ihn an, die Matrosen schlichen sich fort. Das schlägt in mein Fach, sagte Roßborn, ich werde mit dem Gouverneur sprechen. — Wir waren indeß eingestiegen, der Anker war aufgezogen unter dem taktmäßigen Geheul der Matrosen. Da kniete im Sande des Ufers noch ein alter Mann, der seine Zeit der Verbannung ausgestanden. „Ich habe nichts verdienen können, ich war fast immer krank!“ rief er zum Capitain; „ich kann England nicht bezahlen, und mein Weib, und meine Kinder möcht’ ich doch nur noch einmal sehen in dieser Welt.“ — Ich fühlte nach den 100 Pfund der Marion, auch die Interessen, die ich mir erübrigt hatte, waren dabei. Aber es rief in mir: nicht Unrecht thun und könnt’ ich der ganzen Welt die Heimkehr erkaufen! So straft’ ich mein blutendes Herz. Lisanna zählte ihr armes Beutelchen durch. Immer kniete der Mann das Schiff noch an, wie der erste Mexikaner das erste Roß. Sir Samuel nahte ihm sanft und schob ein kleines Blatt in seine Hand. Endlich sah der Alte es in seiner Verzweiflung an, erkannte die Banknote, sprang auf, um nach dem Schiffe zu stürzen, aber that mit einsinkenden Knieen immer kürzere Schritte, bis er lang hinfiel, und doch nicht aufstand, und still war. Und so blieb er, als man ihn umwandte; denn die Freude hatte ihn getödtet. Er hielt die Banknote noch immer in seiner Hand. Patrik segnete ihn ein, daß wir Alle weinten von seinen Worten, dann nahm er sanft und selber weinend das Blättchen von ihm, gab es Sir Samuel zurück und sprach: „Der Himmel wird Euch danken; denn dahin habet Ihr ihm die Ueberfahrt bezahlt! Er ist im Vaterlande! Grämet Euch nicht, daß Ihr so gewirkt. Wir Menschen wissen nicht, was wir ernten, nur was wir säen; nicht was wir thun, nur wie wir thun.“ — Sir Samuel nahm die Banknote, legte noch eine dazu, und übergab sie Herrn Roßborn, der sie dem Capitain übergab für Weib und Kinder des armen Seligen, der auf dem Rücken liegend, so unbeschreiblich in den blauen Himmel hinauf lächelte, als lachten ihn sein Weib und alle seine Kinder an, ja selbst der göttliche Vater, wie die stille Sonne.
Durch seinen Anblick schieden wir Alle ernster und gefaßter, und nur still weinend; und indeß unsere Blicke an den hohen Platanen und Cocospalmen um Sir Samuel’s Wohnung hingen, wandte sich das Schiff aus dem Derwent um das Vorgebirge nach Morgen, und Hobarttown verschwand allmälig immer weiter in die Bai geschoben, wie Kinder langsam ihre bunte Stadt zusammenrollen. Dann zerschmolz gleichsam die nächste Küste im Meere, der niedrige Gürtel Heidelandes; dann die höhere Ebene mit ihren Eichenwipfeln bis an die Hügel; dann auch die ewiggrünen Hügel, die Berge, der letzte schneeige Gipfel. Dann sanken die Wolken am Horizont herab, und deckten das Land zu; und wie wir von ihnen herauf höher und höher bis zu denen sahen, die über uns hoch in der Bläue schwebten, erhoben sie unsre Gedanken zugleich in den Himmel. Während uns so van Diemensland, das Land ohne Mißwachs, ohne Ueberschwemmung, in ewigem Ueberfluß, wie das Paradies untersank, stand Doctor Toland mit dem Capitain der Argo zurückgewandt und sprach: „Ein Land für tausend Städte und hunderttausend Dörfer! und hat nur zwei bis drei! Wenn man sieht, wie ich gesehen habe, daß aus Mördern und Räubern sich und andern nützliche Menschen werden, ja sittliche, welche durch Warnung und festen Sinn sogar ein besseres Geschlecht erziehen, als andere Eltern, die theils nicht wollen, theils nicht können, und selber gemächlich, gemächliche Menschen der Welt zum Glück oder Unglück überlassen, so dächt’ ich: es wäre doch Schade, wenn man sie gehangen hätte, oder Andre, die thaten, wie sie, und wie ich. Der Mensch ist doch keine Maschine, die immer dasselbe thun muß, bis sie zerbricht. Der Todtschläger keine Guillotine; der falsches Banknotenmacher keine Kupferstichpresse; der Dieb kein Rabe, wie Patrik sagt, sondern es sind gerade die ärmsten unglücklichsten Menschen, die gleichsam in der sinkenden Wagschale der Fortuna stehen, damit die Andern oben schweben.“ — „Am Ende wird man noch jeden, der einen Frevel begangen hat, beklagen, trösten, beschenken und lieben sollen!“ entgegnete ihm der Capitain. — „So ungefähr mein’ ich’s! versetzte Doctor Toland, und so meint es unseres Königs Majestät. Wie viele sind zuvor nur in 20 Jahren in England hingerichtet worden! wie viele in ganz Europa! — alle nach dem Gesetz, aber nicht durch das scharfe Gesetz, sondern durch scharfe Richter. Gewiß eine halbe Million Unglücklicher mit Weib und Kindern, welche, statt sich selbst ohne Nutzen und der Welt zum Gräuel — wenn sie ihn empfindet — zu Grunde gegangen zu sein, jetzt schon die hundert Städte van Diemenslandes mit einer Million ehrlicher Leute erfüllen würden! O! was ist den Völkern heilsamer, als die unbeschränkte, über allem Gesetze waltende Macht, die sie unbeschränkt liebt! Gott segne die Monarchen, die nicht am Historischen hängen, sondern an Gott, bloß an Gott.“ — Die Thräne, die ihm dabei im Auge stand, war gewiß Cleopatra’s Perle werth, ja alle Perlen in allen Kronen.
„Ich will nicht nach Europa!“ bat Lisanna, sich fest an mich schmiegend, und einen ängstlichen Blick nach Morgen richtend.
Ist Toland nicht auch aus Europa, und Er ist ja ein Menschenfreund, und dort sind ihrer noch viele, wenn sie auch nicht Toland heißen! tröstet’ ich sie.
Und Lisanna sprach beschämt: und Du ja auch, Lambton und Sir Samuel, und die gute Russel! Gott segne sie! Und Du ziehst ja mit und Doctor Toland.
„Zieh nur hin, mein Kind,“ sagte er; „dort ist Alles prächtig, Alles spricht schön, dort sind Millionen Kirchen, die zum Ersticken voll sind alle Sonntage, und man betet dort das Vaterunser zu Dutzenden in einer Viertelstunde.“ —
Lisanna freute sich holdselig, und lächelte vor sich hin. Und ich, der ich mich schon vor englischer Rang- und Titelschaft genug zu fürchten hatte, sprach in mir leise: o selige Unwissenheit!
Steinkohlenwerk Aloa, in Südschottland, den 1. Advent 1820.
Dießmal segelten wir nach Morgen, der Passatwinde wegen, in die Heimath. Zuerst um Südcap auf Tawai-Poenamu mit seiner Bergkette und dem Pic Egmont, frei, hoch und schön, wie — Egmont. Dann um Cap Horn. In Rio Janeiro, wo wir acht Tage lang gleichsam Mittag machten auf unserer Reise, war Elisa krank, aber nicht seekrank, sagte mir Doctor Toland, nicht von Amphitrite, sondern von Aphrodite. Ach, ach! Ich war beständig um sie, und sahe auch hier wiederum nichts von allem Schönen — als Sie! Ach, und alles Andere konnt’ ich vielleicht wiedersehen, immer sehen — Sie hatt’ ich ja nur, so lange das Schiff uns trug! Ich wünschte, die Fahrt dauere ewig; ewig daure die Hoffnung, nach dem Vaterlande zu steuern, und nimmer anzukommen; wie man von bezauberten Schiffen erzählt, die endlos auf dem Ocean umhersteuern, voll Freunde, die nie sterben. Sonst hatten wir keine Beunruhigung als von den Ratten, für welche der Stewart, wie er sagte, eine Lectüre hinlegte, um daran zu lecken und einzuschlafen.
Aber was mußt’ ich von Doctor Toland hören, dem Menschenfreunde! Der Capitain fragte ihn eines Tages, ob er in Hobarttown nichts von der Geschichte gehört, die sich in London zugetragen? von einem Doctor, Apotheker und wüthigen Hunde? Toland ließ sich erzählen, daß ein junges Weib von einem läufischen Mops leicht geritzt worden sei, und daß sich darauf selbst bedenkliche Folgen gezeigt. Der Doctor, ihr Mann, habe vergebens die bekannten Mittel dagegen angewandt, und daher den Wirth seines Hauses, einen Apotheker, um das Arcanum gebeten, weßwegen dieser eben mit der Regierung um eine große Leibrente in Unterhandlung gestanden. Der Apotheker habe es ihm zu geben verweigert, um es durch seine, dem Doctor leicht erkennliche Substanz nicht zu verrathen. Der Doctor habe an den Sheriff geschrieben, um den Apotheker zur Herausgabe des Mittels zwingen zu lassen. Dieser aber habe geantwortet: „das Gesetz kann keine sittliche Handlung gebieten, noch alle unsittlichen verbieten; Ihnen nach ist nur das Pflicht, was sie erzwingen können; unrecht und ungesetzlich ist daher zweierlei. Der Apotheker kann nicht gezwungen werden; auch kein Doctor.“ — Aber zwingen kann er! habe der Doctor gesagt, den Apotheker mit dem Mops in Ein Zimmer gesperrt, in welchem er ihn zur Beobachtung aufbewahrt. Von dem nun auch verletzt, habe der Herr Apotheker endlich das Recept für sich und des Doctors Frau gemacht, es ihr selbst eingegeben, was ihm gleich hätte einfallen können, und Apotheker und Frau leben heute noch. Der Apotheker aber habe geklagt, und sei als „unschuldig“ freigesprochen, der Doctor aber nach Hobarttown deportirt worden. — Haben Sie den Doctor nicht etwa gesehen? fragt er. „Der Doctor bin Ich!“ sprach Toland lächelnd. Der Capitain und, wir Andern traten einen Schritt von ihm weg. Er aber sagte mit Nachdruck: „Nur aus Pflichten, die sich auf menschliche, körperliche und geistige Anlage gründen, kann das Haus ein Gesetz machen; und das soll das Haus aber auch. Sittliche Freiheit besteht darin, das Gute nicht thun zu können, Tugend darin, es zu wollen, und bürgerliche Freiheit darin, es thun zu dürfen. Aeußere und innere Gesetzgebung sind daher Eine und dieselbe, obgleich die äußere, das Gesetz, nur die bürgerlichen Pflichten des Menschen gegen seine Mitbürger in Betrachtung zieht und wägt. Aber die Sittlichkeit, die einzig göttliche Kraft der Religion, ist die Quelle aller Pflichten, auch derer, die ich im Gegensatz adlige trennen möchte; und jeder Gesetzgeber im Hause muß die Gesetze aus ihr herleiten, sie immer vor Augen und im Herzen haben, bei Beurtheilung und Unterlegung von Handlungen unter das Gesetz. Denn Sittlichkeit und Unsittlichkeit erscheint auch schon in äußeren Handlungen unverkennbar. Zu diesen äußeren, hülfreichen, mit Einem Worte, guten Handlungen muß auch das Haus zwingen können, auch schon als bloße gemeinschaftliche Sicherheitsanstalt. Denn es ist einerlei, jemanden ermorden, oder nicht das Leben retten. Der Hauptzweck des Hauses aber muß sein, eine sittliche Ordnung einzuführen; das ist Gottes Wille, darum Volkswille. Auch das Strafrecht nimmt sich ja schon die Freiheit, auf die Triebfedern zu wirken. Wer aber den Menschen in die Seele greift, der braucht ihnen nicht in den Arm zu greifen; wo die sittliche Ordnung herrscht, kann die bloß rechtliche, auch Kirchen-rechtliche aufhören, hört mit jedem Gebildeten auf, und hat bei Vielen schon aufgehört.“ — Der Capitain warf ein: „das Haus trägt aber nicht die Schuld, daß wir lieben Menschen noch nicht so gebildet sind, das Gute aus freiem Willen ohne Gesetz zu thun“ — — „das Böse nicht ohne Strafe! wollen Sie sagen;“ unterbrach ihn Doctor Toland. Der Capitain fuhr fort: „und wenn wir keine das Gute gebietende Gesetze haben, so liegt es daran, daß sie sich höchstens geben, lehren, verbreiten lassen; aber Sie wissen ja, es fehlt das eilfte Gebot, die Kraft und der Zwang: du sollst die zehn Gebote halten!“ —
Ich, als von geistlichem Stande, der von dem Hause im Collegio Stipendien genossen, nahm aus Dankbarkeit nun das Haus in Schutz, und sprach endlich auch mit darein, also: das Gesetz, welches das Gute gebietet, ist da! es ist Religion! und da es eben so viele Geistliche, Pfarrherrn, Schullehrer und Vicare giebt, als Richter und Polizeimeister, für welche das Haus sorgt, und die geistlichen Rechte für die höchsten hält, so ist das Haus entschuldigt!
— „Ich entschuldige auch das Haus!“ schloß Doctor Toland. „Nur daß es trennt, was es zusammennähen sollte, ist der Fehler. Die Religionsgesetze sollen die Staatsgesetze allein, und ganz allein sein, was man noch nicht einmal versucht hat! Das Haus soll nicht unterscheiden: Religion und Recht, sondern Wollen und Thun. Das Thun aber wenigstens muß gleich sittlich sein, und nicht nach dem Recht, dem todten Buchstaben des Gesetzes, sondern nach dem lebendigen Wort gerichtet werden, wie es aus ihm geboten ist. Wenn Einer von uns beiden nach Botanybai wandern mußte, so war es — der Apotheker! Dixi!“ — Dabei kehrt’ er sich um. Der Capitain raunte mir in’s Ohr: er glaubt gewiß das Hosenband verdient zu haben für seinen Apothekerzwang! Der ist von der Pfahlwurzel der Radicalen! ein Unverbesserlicher, der glaubt, er denke und lebe recht.
— So Gott will! seufzte ich aus tiefer Brust. Wie Gott will! —
Ich sah eben England! und konnte nichts als weinen, weil ich da meine Lisanna verlieren mußte! Wir segelten an der Küste hinauf bis an den Meerbusen von Forth, in den Hafen von Aloa. —
Im Gasthause schrieb Doctor Toland sogleich einen Brief an Sir Horazio, den Baronet, nach Rowlandhill; und ich überschickte heimlich Marion sogleich ihre 100 Pfund nebst Interessen 6 pro Ct. richtig, nur mit der Bitte, es Niemandem zu sagen, bis ich entschuldigt wäre in Aller Augen. Denn, daß man selbst eine Pflicht nachholt, giebt uns gerade den Schein einer Pflichtverletzung. Ich war freilich ein besserer Bote nach dem Tode, als nach Gelde, doch ein ehrlicher, der nur einen kleinen Abstecher von 18,000 Seemeilen gemacht. — Sir Horazio antwortete, daß er nach Aloa kommen würde, und bestimmte den Tag.
Je näher nun dieser rückte, je ängstlicher ward mir; ich hätte mich lieber in die Erde verborgen! Und so that ich auch wirklich. Denn als Elisa, Toland und ich, uns die ungeheuern Steinkohlengruben besahen, welche 2000 Fuß tief sich unter dem Schwalle des Meeres hinausziehen, faßt’ ich den Entschluß, mich zur Ruhe zu setzen und Steinkohlen zu graben. Meine Schulmeisterstelle war besetzt; an andern Orten fehlten mir die Gönner; ich schämte mich vor allen Menschen, aber am meisten Sir Horazio und Lady Theano vor Augen zu treten, deren einzige Tochter ich so herabgewürdigt hatte. Aber hier unter der Erde und unter dem Meere zugleich, mein Schachtlicht vor der Brust, wußte ich nichts von der Welt und ihrem Geräusch und Treiben — nicht, ob über mir Schiffe fahren im Sonnenlicht oder im Mondenschein, ob der Donner rollt, Blitze ein Schiff zerschmettern, ob es sinkt und versinkt über meinem Kopf — mich kümmert es nicht, mich trifft es nicht — unwissend sing’ ich mein Abendlied, und verdiene mir morgen es wieder zu singen! Ach, wäre ich nur eher hierher gegangen, als nach Hobarttown! Wie selig könnt’ ich hier leben! — Doch war es hier noch am besten; ich ließ mich zu der Arbeit dingen und verschwand den Tag vor Sir Horazio’s Ankunft. Denn die letzte Nacht fragte Elisa mich noch, so ganz im sorgenlosen Flusse des Gesprächs: „wie ich wohl würde einen Knaben nennen?“ und ich sagte, nichts ahnend, und wie einen Spruch betend: „Er soll Aeneas heißen!“ — bis mir die Frage auffiel, centnerschwer. Nun war kein Bleibens mehr! Ich schied selbst ohne Kuß von ihr — ohne mehr sie anzusehen. Das war ein Jammer! — Nun Gott segne Sie, Sie! für sich und mich, für Sir Samuel und die Russel! für Horazio und Theano, für die ganze Welt! — Das fleht’ ich im Fortwanken und Weinen. Wo ich hinging, hatte ich auch dem Doctor Toland verschwiegen. Nur bat ich ihn, mir Nachricht zu geben von Lisanna, vom Ausgange der Schlacht des Weibes, wie Euripides sagt, — und ließ ihm meine Adresse. Denn eines Tages, als ich mit Lisanna die Stadt, ihre Glas-, Tauwerk- und Segeltuchfabriken und die Schneidemühlen besah, traf ich den alten Kleinhändler Oldham aus der Taverne im Hafen zu Portsmuth, hier an seinem Wohnorte wieder an. Er erkannte mich, führte uns in sein Haus, zeigte mich seiner Frau, und dankte mir, daß ich ihren Augen hätte geholfen, den Staar stechen! Ich verneinte das; er bejahte es und erklärte, daß ein geiziger Arzt es nicht habe umsonst, noch auch nur ein Auge um weniger Geld als seine Taxe, thun wollen; darum habe er die Häfen durchstrichen, wo die Matrosen gewöhnlich das Geld wegwerfen, um es nur los zu werden. — So waren meine Leidenthaler Freudenthaler geworden! Nun wußte Lisanna, was ich damals selbst nicht wußte. Diesem dankbaren alten Oldham entdeckt’ ich nun auf sein Gewissen, wo ich zu finden sei; und an diesen wies ich den Doctor Toland, den Menschenfreund, wenn er mir einmal schreiben wolle. Dazu lacht’ er nur, und sagte: Wir müssen uns freilich trennen; wir werden Euch aber schon zu finden wissen! Gebt die Adresse! Gedenkt an Euere Zeilen von der Geduld, und kommt uns ja nicht nach! —
Das war doch gewiß keine Einladung, mit nach Rowlandhill zu gehen, noch Sir Horazio abzuwarten! Er zwingt ja sonst die Leute zum Guten, also muß es wohl etwas Böses sein, daß ich dort erscheine! Aber hat doch Elisa die große, wundervolle Gruft gesehn, worin Ihr Lambton sich selber beigesetzt! Doch ach, Ich lebe! und Sie unter dem Himmelsgewölbe ist für mich todt! Ich kann mich gar nicht mehr satt an dem Morgenstern sehen, wenn ich meine Nachtschicht abgefahren habe und hinaustrete unter das Firmament, und wenn Er mich noch immer ansieht, wie damals an Lisanna’s Seite! Mstr. Oldham hatte ein Lied unter seinen Liedern „Der Morgenstern,“ das ich einsteckte. Das Lied spricht mir ordentlich aus dem Herzen, und das sollen die besten Lieder sein, die allen Leuten gleichsam aus dem Herzen sprechen und singen. Das Lied sing’ ich dann in der Frühe:
Die Sterne thaten überaus geschäftig, Sie regten sich, und hatten ihr Begehn, Sie blinkten gar so silbern, frühlingskräftig; Doch ach, wer hatte Zeit hinauf zu sehn? An Ihrer treuen Brust so treu geborgen Verweilt’ ich bei ihr, lang’ und gern; Drauf scheidend, brannte nur im Purpurmorgen Der Morgenstern.
Sind nun die Sterne wieder so geschäftig, Da mein’ ich, müßt’ ich wieder zu ihr gehn! Sie blinken ja so silbern, frühlingskräftig, Doch ach, nun hab’ ich Zeit hinauf zu sehn! Die treue Brust, die mich so treu geborgen, Der holde Geist ist ewig fern! Und weinend findet mich am Purpurmorgen Der Morgenstern.
Und thut der Stern so überaus geschäftig, Und regt er sich, und hat er sein Begehn, Da mein’ ich holdgetrogen, liebekräftig: Ich war bei ihr! ich habe sie gesehn! — „Du hast sie jetzt gesehn!“ so raunt’s verborgen — Dann seh’ ich Sie! und seh’ so gern: Sie ist’s! das schöne Licht im Purpurmorgen: Der Morgenstern!
Steinkohlenwerk Aloa, am heiligen Dreikönigstage 1821.
Gestern brachte mir Mstr. Oldham einen Brief von Dr. Toland in den Schacht; und ich las ihn entfernt von den andern Arbeitern in einer Seitenhalle bei meinem einsamen Grubenlicht. Den Brief muß ich eintragen, und schreibe also Folgendes noch einmal selber an mich.
Schloß Rowlandhill, Neujahrstag 1821.
Guter Lambton!
Ihr arbeitet in der Grube ohne Mond und Sterne, Ich unter dem hellen Himmel im Sonnenschein, und auch die Sterne fehlen nicht, auch nicht günstige. Mein Werk ist halb gethan. Doch vom Anfang ist anzufangen. Ihr wißt, Was ich sage, ist immer aufrichtig; aber ich sage nicht immer Alles. Das hab’ ich mir an dem Krankenbett angewöhnt, wo die Anverwandten uns Doctoren beständig um das Prognostikon plagen. Auch Lisanna war krank, recht krank, als Ihr Euch uns entzogt. So stellte ich Ihr nun das Prognostikon: es werde so gut für Sie und Euch. „Wenn es nur gut für Ihn,“ seufzte sie, „bin ich zufrieden, und will leiden, meiden und schweigen.“ Das Recept, worin ich für ihre Sehnsucht, als Basis, ihr Vater und Mutter verschrieben, schlug vortrefflich an; das Adjuvans war ein Mann, und das Bindemittel der Fenchelzucker der „guten Hoffnung.“ Also noch in Forth, auf, einem Spaziergange vor die Stadt, landeinwärts, begegnete ich Sir Horazio zu Pferde. Er war stark geritten, hielt seinen Hut in der Linken, und rieb sich mit dem gelbseidenen chinesischen Tuche die wenigen schwarzen Haare zusammen, und trocknete sich den Schweiß von seiner hohen Stirn. Daran schon erkannt’ ich ihn, trat ihm in den Weg und sagte: „Ich bin Doctor Toland.“ — Er hielt, und erkannte mich, da ich früher sein Hausarzt gewesen war. Ich sagte ihm nun mündlich, daß Ich ihm seine Tochter, seine Elisa, die verlorne, wiederbringe. Er blinzte mit den Augen. „Wie wird sich meine Theano freuen — wenn es wahr ist!“ war seine Freude: dann war er beinahe kalt, ernst, und ging sehr vorsichtig zu Werke, welches ein Rechtschaffener jedem gern gestatten kann. Zu uns eintretend, grüßte er nur leicht Lisanna, der ich Namen, Wohnort, Stand und Vermögen ihrer Eltern bisher alles verschwiegen hatte. Ich verzieh ihm den leichten Gruß, und Elisa dankte ihm nicht einmal, denn sie war eingeschlafen. Sie lehnte rückwärts mit dem Köpfchen an der Tapetenwand, und saß ihrem Vater gleichsam Probe. Während er erröthete, erblaßte, auf die Lippen biß, die Augen fest zudrückte, und warm und kalt anzufühlen war, legt’ ich ihm Roßborn’s Zeugniß und Aufnahme der Aussage der Russel vor. Er bezweifelte die Wahrheit ihrer Worte, ja er mochte wohl glauben, es sei dieselbe Russel nicht. Ich zeigte ihm das Bild unserer Russel, den schönen Kopf von Clarke gemalt, und die Treue und Aehnlichkeit desselben gestempelten Bildes mit der in der Rauchkammer krank gewordenen Russel, gleichfalls beglaubigt von Roßborn und Patrik. Horazio stieß ihr mit der Faust in’s Gesicht, welches mit keinem Auge blinkte, keine Miene verzog, sondern ohne Furcht ihn ansah. So etwas macht Eindruck. — „Warum gestehst du jetzt erst, alter Satan!“ redete er sie an, „da Theano dich umsonst beschworen, da ich Dir vielleicht Verzeihung ausgewirkt, Dir noch 10,000 Pfund gegeben hätte, wenn Du meiner Theano ihr Kind wiedergabst!“ — Wer ein Gespräch gern erlöschen sehen will, der darf nur nicht antworten; und so that die Russel. Dafür entgegnete Ich ihm: Glauben Sie einem Doctor, Sir Horazio, daß vor dem Tode mancher Menschen die Zunge Dinge verräth, welchen der Tod nur Strick und Schwert erspart. Der Mensch braucht dann Vergebung — und vergiebt. Er muß alles geraubte, unrecht erworbene Gut zurücklassen — und er giebt es von selbst wieder, um Ersatz zu leisten. Er hofft die Seinigen wiederzusehen, und erfreut beraubte Eltern mit den Ihrigen! Vieles, vieles, und grade das Schwerste, das Ungeheuerste kommt freilich niemals an die Sonne! und kein Mensch erfährt es! Das hab’ ich auch gesehen in Krankheiten und Todeskämpfen; aber ich habe auch gesehen, daß sich die Menschen mit verborgener Sünde die Seele vergiften, daß gegen diese Aqua Toffana kein Mittel ist, und daß leider Viele, Viele daran sterben. — „Sie ist ja aber nicht gestorben! les’ ich;“ warf mir Sir Horazio ein. — In der Welt der Täuschungen gilt der Wahn für die Wahrheit; man macht auch Testamente auf den Todesfall — Schenkungen unter den Lebendigen; begegnet’ ich ihm. Dabei hielt ich Sir Samuel’s Bild in den Händen, dem er Elisa’s Erziehung und sie selbst jetzt hauptsächlich zu danken habe. — Er that einen wunderlichen Blick darauf, und vor Zorn und Mitleid, Haß und Neigung traten ihm die Thränen in die Augen. Er deckte das daneben liegende Bild darauf, Lambton, es war das Eure! und als er Euch nun sah, tief er aus: „Eine schöne Gesellschaft Menschen! Das ist der reisesüchtige Thor, der, um seine Lust zu befriedigen, ein Mädchen um ihre Erbschaft, und dadurch um einen Mann gebracht, und sich um die Schule und meine Gunst; und nur auf Theano’s wunderliche Fürbitte habe ich ihn nicht lassen in die Zeitung setzen, wie noch geschehen kann!“ — Ihr seht, mein unschuldiger Lambton, es möchte also nur Ein Mittel geben, Euch wieder zu Eurer Stelle zu helfen; und Sir Samuel, wohlweise, und die vornehme Welt kennend, hat es mir vorgeschrieben. Das ist mir desto lieber; denn es schmeckt nicht ganz süß, und dauert mich einzugeben. Aber das Mittel, das anschlägt, ist dem Doctor unschätzbar, wenn er ein Menschenfreund ist, wie Ihr mich immer zu nennen beliebt. — „Viel Anstalten! viel Auslagen! klug ersonnen! aber die niedergelegte Summe ist auch nicht klein;“ murmelte Sir Horazio. Ich machte die Thür auf, um ihn die Treppe hinunter zu werfen, und faßte ihn schon beim Kragen. Der Lärm erweckte Lisanna, und ein Blick auf sie ließ mich meine Hitze bereuen. Sie sprang auf, sie stand, sie kam auf uns zu und rief ängstlich: „Was beginnt Ihr?“ — Sir Horazio sahe ihre Bewegung, ihren Wuchs, ihre Stellung und hörte ihre Stimme, ja grade diese Worte mit sichtbarem Erstaunen. Er nahm den Hut, schied übereilt, und sagte mir nur auf der Treppe: „Morgen nach London, Toland!“ —
Und so geschah’s. Dort erhielt Lisanna schöne Kleider, die sie noch einmal so schön machten. Auch als Doctor, und gerade als Doctor, der die Menschen alle für Stative, für nur überfleischte Todtengerippe ansieht, muß ich sagen: Der Putz ist wirklich kein leerer Schein! Der Häßliche mag sich schmücken und anziehen wie er will, der Schöne ist doch geputzt am schönsten, und schöner als er sonst selber! so wohlgeordnet jede Locke und jede Falte wohlgelegt! Und ist das Weib nicht immer so, kann sie doch immer wieder so schön sein — wenn sie sich wieder putzt. Ich sehe, der Putz ist den Frauen unentbehrlich, wenn sie Alles sein wollen, was sie können; und darum mag ihn keine entbehren, kein Mann ihn seiner Frau, kein Vater ihn seiner Tochter entbehren lassen. Kurz, Lambton, die vornehmen jungen Herren ritten und fuhren uns nach, selbst die Damen blieben stehen, und einige aus den 40,000 Jungfrauen riefen auch wohl bezaubert das „schöner Engel!“ ihr zu. Denn, wenn auch Lady Theano das große Bild „die Präsentation“ in Schloß Rowlandhill besitzt, so sind doch hin und wieder in London in reichen Häusern andere Gemälde desselben Meisters, zu welchem er das schöne, schöne Kind Elisa als Vorbild, oder Natur, wie die Maler sagen, benutzt, und sie als Engel hinein gemalt hat. Selbst mit der Krone, als das Kind, das Macbeth wahrsagt, hab’ ich sie sehen im Kessel stecken, über dem Feuer und unter den Hexen in Dampf und Glut. Solche Bilder nun zu sehen, fuhren wir in der Stadt hin und wieder. Horazio verglich dann Farbe des Haares, Colorit, Oval des Gesichts, Braun der Augen, Gliederung der Hand, und was weiß ich Alles mit ihr, doch ohne daß es Lisanna bemerkte, die ihren Vater nicht erkannte, so wenig, als den Maler L . w . . . ce, und nur mit gefalteten Händen und befremdeten Blicken vor den rührenden köstlichen Gemälden stand; besonders vor einem, worauf sie als des verlornen Sohnes kleine Schwester ihm unter der Treppe heimlich ihre Feige zusteckt, wie dem Lambton manchmal Nektarinen; und vor dem andern, worauf sie als Engel im Felde den Hirten große Freude verkündigt! — In den Zwischentagen habe ich Eure Kisten alle verkauft, die ich mir hatte aus Forth nach London nachkommen lassen. Das kostbare Herbarium vivum, die Sämereien, die gottgemalten und im Feuer der Natur vergoldeten Conchylien, die Incrustationen von den Bergen, die Versteinerungen, Mineralien, Schiefer, Asbest, gediegenes Eisen, Carneole, Basalte, Bergkrystall, Chrysolith, Jaspis und Marmorarten — Alles ist fort! Ich bin zufrieden 3010 Pfund dafür bekommen zu haben, was Ihr in Eurer Unwissenheit Alles zusammen gerafft und womit Ihr Euch oft die Taschen entzwei geschleppt habt. Ich schicke Euch davon 10 Pfund zu Kleidern; mehr kann ich nicht entbehren; denn ich habe eine Speculation.
Den Ausschlag für Lisanna’s Anerkennung gab endlich in der Christwoche ein Abendbesuch in Piccadilly bei den ausgestellten Spielsachen. Dieselben offenen Läden, dieselbe freundliche Alte, dieselben Spielsachen, diese ewigen Stereotypen der Natur für die ewige Kindheit auf Erden, da wunderlich und friedlich, schimmernd von Gold und Farben, lockend und schweigend beisammen, funkelnd in dem Glanz der Kerzen! Davor standen, an der Hand ihrer Mütter und Väter und Wärterinnen, die Kinder umher und erstaunten! Welches zusammengedrängte Leben! welche großen Gestalten, ja Riesen und riesenartig! denn sehen wir Großen in Wahrheit nicht Alles klein, selbst in sehr mäßiger Ferne? Sind wir nicht eigentlich die wahren Kinder? Indeß den noch mit der Täuschung der Ferne nicht bekannten im Natur-Scheine seligen Kindern erscheint ein Püppchen: ein wirklicher Mensch, ein Pferdchen: ein großes Pferd, ein Ziegenböckchen: ein hoher Bock, ein winziges Bäumchen: ein mächtiger Baum, ein Lämmchen: ein Lamm. O wie glücklich kann man die Kinder machen! glücklicher als sie je als — Menschen werden können. Ach, wer es kann, sollte es nicht versäumen, ihnen Freude zu machen, denn Freude ist des Lebens Kern, und sie klingt uns ewig nach aus der vergessenen Kindheit und giebt uns Kraft! Die ganze bunte Erde ist ihnen künftig keine Weihnachtsbude mehr! Aber jetzt, hier vor ihnen — Alles ist ihnen ja das, was sie sehen; es bedeutet es ihnen nicht bloß! es ist die Welt, ihre Welt, bequem, nahe, still, freundlich — und Alles ihr Eigenthum; Alles lebt, denn sie leihen ihm Leben in dem seligen Kindertraume. — Sollt’ ich mich wundern, wenn auch das ärmste, frierende Kind mit den Händchen langte nach den bewunderten Schätzen, geliebt von ihm, wie dereinst die Welt! Hatt’ ich nicht Lust zu weinen, wenn die arme Mutter, die ihm nur das Entzücken des Anstaunens hatte gewähren können, nun das weinende, schluchzende, zurück verlangende Kind forttrug, um nicht den Andern die Freude zu stören! Aber ich hatte nicht Zeit solchen zu kaufen, auch ist ihrer das Reich Gottes — ich hatte genug an Lisanna zu sehen, die selbst, wie ein Kind vor dem Himmel der Kinder stand, an dem sie lieben gelernt, und es nun konnte, aber vergessen zu haben schien. Sie war wie verwandelt und starrte und hörte, und scheute sich, anzurühren. So stand sie in tiefen Gedanken, wie nachsinnend und dann vom Traum erwachend, immer röther und röther, wie eine Rose im Morgenschein. Jetzt war der Moment gekommen; Sir Horazio, der sie bisher an der Hand gehalten, ließ sie los, und entfernte sich aufmerksam. Und mit unbeschreiblicher Angst wandte sie sich um, und rief auf einmal laut: „Vater! Vater!“ und trennte die Menge. Sie stand im Dunkeln abwärts allein, hielt die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich. Sir Horazio nahte sich ihr gerührt und überzeugt, und schloß das bewegte Kind in seine Arme. „Ja, Du bist es, Du bist Elisa, unsere Elisa,“ stöhnt’ er, vom langen Verhalten der wachsenden Freude wie ermüdet. „Vater, Vater!“ waren die letzten Worte, die in meine Seele durch die Dunkelheit drangen. „Vater, Vater!“ die ersten, die mir wieder in die Seele dringen. „Sei willkommen, sei tausend Mal willkommen, unser theueres einziges, lange, lang’ entbehrtes Kind! Wie wird sich Theano freuen!“ rief er — und versank in sich selbst. „Der Thor, der Samuel!“ sprach er, wie aus dem Traume. — Darauf war er wieder ernst, ja ernster als zuvor, und Lisanna, die an ihm hing, schien ihn zu belästigen.
Wie wir zu Hause im Zimmer auf- und abgingen, hatte Elisa schüchtern und kleinlaut in ihrem neuen Stand und Verhältniß, als Erbin einer schönen Baronie, sich in die Ecke, des Sofa’s gedrückt und war gewiß voll Hoffnungen und Erinnerungen eingeschlafen. Sie sprach bald im Traume losgerissene, herausperlende Worte aus ihrer Seele, die wie ein klarer Quell bis in den tiefsten Grund aufgeregt worden war. Ein sehnliches „Lambton!“ perlte herauf, und zerstob auf ihren halb geschlossenen Lippen, so, daß es nur wie Lamm klang. Dann rief sie hastig: „Mutter! — Mutter!“ und innerlich weinte sie sehr, aber die Thränen flossen nur bis auf die halbe Wange. Wir traten theilnehmend und innig gerührt vor das liebe Kind, und sahen dem Schlafwandeln ihres Geistes in seiner stillen Werkstatt zu. Die Seele ist ja der Traum des Gehirns. Wie wir bald sie, bald uns ansahen, streckte sie die Arme aus, und rief, wie aus weiter Ferne: „Sir Samuel! — Sir Samuel!“ — Der bange Laut ihrer Stimme, der Name selbst empörten Horazio. — „Ja, rufe nur Samuel! Samuel!“ sprach er leise, aber desto schauerlicher; — „du weißt nicht, Wen du rufst! Das hat er angerichtet: die Eifersucht bestraft sich selbst! O daß sie auch nur sich quälte! Doch leider, ist’s nicht so. Wir Alle haben gelitten; selbst die Armen, um die wir uns nicht kümmerten in unserer eigenen Angst! Es giebt Menschen, die aus Uebermaß ihres Glücks, vielleicht bei überwiegender Phantasie, die immer zur Wehmuth neigt, eine herzerquickende Freude, ein ihnen eigenes Entzücken darin finden, in Eifersucht zu schwelgen! In diesem süßen Gefühl versäuert sie endlich und wird Gift. Die Wahrheit hält sie für Lüge, Entschuldigung für Frechheit, nur ihren Schmerz und Wahn für wohlbegründet! Sonst hätte Sir Samuel nicht Theano für Desdemona gehalten — aber, o daß er es hätte! dann hätt’ er nicht rasend zum Kopfkissen des Othello gegriffen! Da kauft’ ich das göttliche Weib um jeden Preis ihm ab, Ihr Leben zu sichern und seines — meines verirrten Freundes! Aber die Scene hatte Zeugen herbeigerufen, das „was beginnt Ihr?“ war erschollen, und obgleich Theano alles aufbot, ihn zu retten, und außer Besinnung vor den lächelnden Richtern bekannte, daß Er sie doch habe das Vaterunser beten lassen, was gerade gegen ihn zeugte, als sie bekannte, daß Elisa“ — —
Da bewegte sich unsre Elisa schmerzlich im Schlafe, rang sich mit der Russel, jammerte laut, erwachte darüber, wie ein Kranker und — störte uns.
Doch weiter! Sir Horazio hatte beschlossen, Elisa seiner Theano zum heiligen Christ zu bescheren; ja, sie sollte sich selbst als der Engel ihr wieder bescheren. Dazu ließ er ihr ein schneeweißes Gewand, große goldene Flügel, ein Sternendiadem aus Juwelen, einen Gürtel und eine künstliche duftende Lilie machen. Ich selbst ward zum Knecht Ruprecht ausstaffirt, um auch dabei zu sein. Devisen wurden gedruckt und in vergoldete Nüsse gesteckt; Lisanna’s Kinderkleidchen, welche ihr die Russel mitgegeben, wurden noch einmal gewaschen, geplättet und gefaltet; ihr Amulet an der Halskette ward in einem goldenen Apfel verborgen, der bei’m Anfassen des Stieles sich aufthat. Ehe dieß Alles fertig war, stellte mir Sir Horazio die Anweisung der Prämie für die Wiederbringung der Tochter aus — au porteur — und ich erhob 15 bis 16,000 Pfund mit Einer Hand, ja mit zwei Fingern. Bin ich nicht ein starker Mann? Spart Eure Bewunderung, Seufzer und Thränen! Denn nun reiseten wir nach Rowlandhill, und trafen in der Dämmerung des heiligen Christabends dort ein. Der Schnee flimmerte in blitzenden Sternchen vor den Hügeln, Christbäume brannten in den Stuben, und die Kinder jubelten um sie her. Wir sahen Licht im Schlosse. „Das ist in Elisa’s Zimmer!“ sagte Sir Horazio. „Nur alle heilige Christabende wird es geöffnet und betreten. Da steht in der Mitte derselbe Christbaum! Da werden dieselben Wachskerzen ein Viertelstündchen angezündet, die endlich niedergebrannt, dieß Jahr, heut! kaum noch ihr letztes Viertelstündchen leuchten; da stehen die Spielsachen umher aufgeputzt, die das Kind erwarteten, das ich bringen sollte und verlor. Da liegen die Puppen, wie weinend um sie, auf dem Gesichte, und der Nußknacker macht sein erstauntes Gesicht, und die Engel halten ihre Schrift über der Erscheinung des Kindes: Gloria in Excelsis Deo! während die Hirten niederfallen und anbeten, der Morgenstern über dem Hause stehen bleibt, die heiligen Drei Könige erscheinen, worunter der Mohrenkönig ist, und selbst Oechslein und Eselein an der Krippe sich wundern. Nun: Gloria in Excelsis Deo!“ rief er aus. In einiger Entfernung stiegen wir ab; ich trug meine Sachen, Sir Horazio Lisanna’s, die wie im Traume wandelte. So schlichen wir in das Schloß, auf die Zimmer. Marion ward gerufen und bedeutet. Sie half Lisanna als Engel kleiden, mir half Sir Horazio in den Knecht Ruprecht fahren. Marion brachte Nachricht, Lady Theano sitze in Miß Elisa’s Zimmer vor dem brennenden Christbaum, und träume: ihr Kind zu erwarten! Sie könne es nicht mehr ansehen!
„Da kommen wir recht!“ flüsterte Horazio. So gingen wir. Elisa zitterte, daß sie fast die Bescherung aus den Händen verlor. So traten wir ein. Wir konnten uns nicht der Thränen enthalten, als Elisa in ihrem funkelnden Diadem, ihren goldenen, jetzt blitzenden Flügeln leise und schüchtern näher, und nahe vor ihre Mutter trat, und das arme Weib mit der Lilie an ihrer gesenkten Stirn berührte. Wir schauerten! Theano machte eine Bewegung aufzustehen; aber sie versank in sich, mit geschlossenen Augen, häufige Thränen vergießend. Der himmlische Gruß bebte Elisen von den Lippen! Sie bescherte ihr darauf eine Nuß nach der andern, so wie sie die darin enthaltene Devise gelesen, deren Inhalt die Mutter allmälig auf das Entzücken vorbereiten sollte.
„Nichts ist den Lebendigen verloren, als die Todten!“ gab sie ihr zuerst in der goldenen Nuß. Dann in der silbernen:
„Eure Kinder sind auch Gottes Kinder!“ und zuletzt in der grünen:
„Die Todten stehen nicht auf, aber die Verlorenen kehren wieder!“
Mein Gott! rief Theano, was willst Du? was sagst Du? Ach, ich habe ausgelernt zu hoffen! —
Ausgelernt? o Theano! — so kannst Du es ja! o hoffe! flüsterte Horazio ihr lächelnd und weinend zu. —
Da überreichte ihr Elisa den goldenen Apfel; Theano nahm ihn an dem Stiel, er sprang auf, und sie zog das Halsband ihres Kindes halb daraus in die Höhe, und ließ Apfel und Halsband fallen, und die Aufgerichtete sank in den Sessel. —
„Bist Du ein Engel, daß Du mir diese Gaben wiederbringen kannst?“ fragte sie Elisen mit halber Stimme.
Elise nickte, und bewegte doch gleich ihr Köpfchen wie zu einem: Nein! — Darauf legte sie ihr die Kinderkleidchen nach einander hin, auf die Kniee. Theano entfaltete sie, und hielt sie in die Höhe. „Meine Stickerei! meine Blumen — Elisa’s Kleidchen“ — sprach sie fast athemlos; „ach, was bringst Du mir Alles, Alles wieder; nur mein Kind, mein theures Kind nicht!“ schluchzte sie erschüttert — darauf sahe sie Elisa groß an, und an dem Lächeln ihres Antlitzes zündete sich ein leises Lächeln im Antlitz der Mutter an, das in beiden schmolz, wuchs, sich verklärte bis zu himmlischer Freundlichkeit.
Da fragte die Mutter: „Wer bist Du?“ und zog Blick, Haupt und Gestalt langsam zurück.
„Der Engel ist auch Dein Kind! Nimm sie wieder, Elisa! Gloria in Excelsis Deo!“ rief Horazio seiner Theano zu.
Sie wollte die Hände ausbreiten, aber sie sanken, und regungslos blieb sie ihm in den Armen; Elisa, die schon halb vor der Mutter hingekniet, war ganz umgesunken — die goldenen Flügel knisterten, die Lilie lag am Boden, und Sie, wie ein Engel, wie eine Lilie, blaß und schön daneben. Die Lichter am Christbaume flackerten auf und verschwanden; die Helle des Himmels schien in das Zimmer; die Uhr schlug Neun und nach dem Schlage spielte sie ihr Lied.
Lambton, hab’ ich je geweint, so war es da; und wenn die Worte meines Briefes verwischt sind, so ist es von den großen warmen Thränen, die darauf gefallen. Nun gehabt Euch wohl!