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Die Deportirten

Leopold Schefer Die Deportirten (continued 2)

Reading edition

Fast am Ende der Stadt gewahrt’ ich einen schönen Brunnen am Wege, und sah hinein, indeß Herr Samuel vorausging. Was erblickt’ ich! Tief und geräumig ausgemauert und reinlich, enthielt er eine niedrige Pumpe in seinem Grunde; aus dem vorüberfließenden Bache fiel ein abgeleiteter Strahl in denselben hinab. In dem davon unten gesammelten Wasser stand ein junger Mann schon bis an die Lenden umspült; es schwoll allmälig höher und höher, und ich sahe vor Augen, er mußte zuletzt ertrinken, wenn er nicht pumpte! Er stand mit übergeschlagenen Armen. Besorgt um ihn, rief ich ihm zu. Er sah empor, und ich traute meinen Augen kaum, als ich unsers alten ehrwürdigen Rectors Sohn, den falschen Spieler auf Jamesstreet in London, an dem Gesicht erkannte, das von der hinabfallenden Helle des Himmels erleuchtet erschien. Verlegen begrüßt’ ich ihn ehrerbietigst, und machte einen Diener nach dem andern hinab, und entschuldigte mich, ihn hier drinnen gesehen zu haben. Er aber griff zum Schwengel der Pumpe, und pumpte gelassen und träg, wie ein vornehmer Herr arbeitet, nur aus Noth, nicht zu ertrinken, mit den Händen, die vorhin nur Karten gehalten. Herr Samuel, der mich vermißt hatte, kam zurück, und da er mich neugierig sah, sagt’ er: Das ist der Appelmannsborn! Herr Lambton, worin die vornehmen Sünder an Arbeit gewöhnt werden. Und nach einigen Monden Uebung werden die Hände gangbar und geschmeidig; jede andere Arbeit wird ihnen auf diese leicht, und darum werden sie dann auch willig dazu, und ihr Lebensglück ist gegründet! — Im Gehen erklärt’ er uns weiter: Ich verschrieb gleich im ersten Jahre Sämereien aus Holland, und statt des Samens ist der Zettel aufgegangen, in welchem sich jener befand, und trägt nun gute Früchte! Das Blatt war Seite 302 und 3 aus Philipps von Zesen Beschreibung der Stadt Amsterdam, wo 1595 unter den vier Bürgermeistern Reinier Kant, Balzar Appelmann, Bartel Krumhaut und Jakob Buhlensen das Clarissenkloster in ein Arbeitshaus verwandelt, und Isebrand Benne, Isebrand Harmann, und Heinrich Bauch zu Zuchtmeistern bestellt wurden, die alle verstellte Besessene, Taube, Blinde und Lahme von der Straße durch den segensreichen Appelmannsborn zur Arbeit brachten. Da war auch „das Zimmer der Unsichtbaren,“ als ungerathener Kinder und böser Weiber, welche der Mann zum Schein in das Bad schickte, die aber unterdessen hier gebessert wurden, ohne Schande davon zu haben. Ein solches Zimmer der Unsichtbaren ist nun zwar ganz van Diemensland, aber den Appelmannsborn können wir nicht entbehren, und mit gutem Gewissen ihn recommandiren!

Herr Samuel führte uns am linken Ufer des Flusses hinauf, während er uns die schönen Meiereien zeigte und ihre Besitzer nannte. Als wir unter Bewunderung der reizenden Lage bis dahin gekommen, wo der Derwent eine Wendung nach Morgen macht, wodurch gegenüber ein malerisches Vorgebirge entsteht, von den frischesten höchsten Platanen bewachsen, wendeten wir uns links in ein mäßig breites Thal, welches sich sanft nach Abend erhob, wie ein rückwärts hingelehntes Gemälde. Hier lag seine Meierei in einem großen Park. Ein klarer Kieselbach rauschte in mehrern kleinen Wasserfällen, die in der Sonne blitzten, uns entgegen, als wir den sanften Weg hinanstiegen. Unter blühenden Apfelbäumen standen kleine niedliche Tischchen, Bänkchen und Stühlchen, um welche viele kleine Mädchen und Knaben versammelt waren, eine kleine Schule voll, die unmöglich alle Herrn Samuel gehören konnten, und also Kinder aus der Stadt sein mußten, die hier spielten. Gleichwohl hatten sie sich allerhand herrliche Blumen und prachtvolle Blüthen abpflücken dürfen! Die Mädchen putzten sich mit den Granatblüthen, ließen einander — diese von ihrer Winterfeige, die andre von ihrer Orange essen. Die Knaben verfolgten sich mit blühenden Nectarinenzweigen; die größern liefen fliegenden Eichhörnchen nach; die kleinern kollerten abgefallene Cocosnüsse den Abhang hinunter, oder hämmerten daran. Jetzt kamen sie um Herrn Samuel und langten an ihm herauf, und hingen sich an ihn. Das ließ er zu ihrer Gnüge geschehen. Durch blühende Sträucher und üppige Baumgruppen, mit unzähligen Singvögeln und Papageien besetzt, kamen wir an eine Brücke, wo sich das Thal in zwei schmälere Gründe theilte, welche sich in der Entfernung immer weiter aus einander zogen. Aus jedem derselben rauschte ein Bach her, welcher sich hier mit dem andern in seiner Natursprache murmelnd begrüßte und, wenigstens doch vor seines klaren Laufes Ende mit ihm vereinigt, eilte, die Wasserfälle zu bilden, die uns geblinkt hatten. Jetzt betraten wir den mit einem sogenannten unsichtbaren Zaune umgebenen Ziergarten des Parks. Er nahm den Abhang der zwischen beiden Bächen hoch in der Mitte liegenden breiten Ebene ein, auf deren vorderem Raume ein einfach geschmücktes geräumiges Wohnhaus uns entgegen schimmerte. Als wir droben auf dem kostbaren Rasenstück vor demselben angelangt waren, wendeten wir uns erst, um die Aussicht zu bewundern. Denn wirklich war sie wundervoll. Uns gegenüber das Vorgebirge mit seinen Platanen; rechts und links zu unseren Seiten das fruchtbarste, sorgsamst bestellte Feld; vor uns im Thale der majestätische Fluß, in demselben hie und da kühn und hoch emporsteigende Felsen, wie Pfeiler einer uralten Riesenbrücke, oben mit überhangendem Gebüsch gekrönt, von girrenden Tauben bewohnt, und weißen Wasservögeln umschwärmt. Rechts weiter hinaus der Meerbusen von sanften Hügeln umlagert, voll immergrünender Bäume; in seinem Schooße die sicher ruhenden Schiffe von schwarzen Schwänen und Enten umsteuert; uns zu Füßen die wohlgebauete Stadt, jedes freundliche Haus in seinem Garten, in seinen Blumen! Und nun erst die röthlichen Ufer des Derwent hinauf; hier Cocospalmen, weiter hin einzelne Mahagonibäume, die, wie neugierige Kinder, sich bis an die steilen Abhänge gewagt, sich mit ihren Wurzeln anklammerten, um hinunter zu sehen; andere, die auf blumigen Hügeln, wie Wanderer vor Verwunderung, stehen geblieben zu sein, oder dem Fluße immer weiter entgegen zu gehen schienen, bis wo er in Nordwest aus Marmorfelsen hervorglänzt.

Und doch bot sich die schönste Aussicht uns erst hinter dem Hause dar. In bequemer Nähe lag der reinliche geräumige Meierhof in Frucht- und Küchengärten; noch weiter hinaus die Schäferei, und hinter derselben die fette grüne unabsehliche Trift in immer blasserem Schimmer bis hin an die sonnigen Berge, von Thälern und Schluchten durchbrochen, durch deren Lücken die fernern Gebirge hereinsahen nach der nie gesehenen, reizenden Pflanzstadt. —

So sieht ein englisches Kind von 15 Jahren aus! bemerkte Herr Samuel, immer noch mit Vaterlandesstolz, als wir in die schöne Rundansicht versenkt schwiegen. Hier kann ein Engländer England vergessen! rief ich aus. Wenn er muß, und dann noch nicht, erwiederte Herr Samuel mit leisem Tone. — Wenigstens Rowlandhill mitten im Lande, schränkt’ ich ein. — Rowlandhill! wiederholt’ er. Ihr seid von Rowlandhill? Lambton! frug er mit einem düsteren Blicke, der keine Antwort begehrte. Er setzte sich auf eine Marmorbank und zeichnete mit dem Stocke ein T in den Sand, machte ein Ausrufungszeichen dahinter, und verzog Alles wieder. Wen er aber mit dem H gemeint, welches er aus Punkten in die Erde gestochen, den schien er gleichsam durch tiefes Einbohren mit der Spitze des Stockes erstechen zu wollen. Als er darauf in sich versunken lange sitzen blieb, gingen wir, schüchtern gemacht, indeß auf das Haus zu. Aus der Thür trat uns eine reinliche, braungekleidete Alte entgegen, welche mit scharfen Blicken ohne Gruß an uns vorüber eilte, da eben Herr Samuel rief: „Frau Russel!“ Dieß war also ihr Name, der mehr sagt, als wenn ich sie beschreiben wollte, und sagen, sie war eine halbe Kalmuckin, rauh, ja roth, hatte dunkelrothe Backen u. s. w. Nachdem sie mit Herrn Samuel einige Zeit vor ihm stehend gesprochen hatte, kam sie wieder zu uns und hieß uns willkommen, indem sie einen Schlüssel aus dem ihr anhangenden Bunde suchte. Wir freuten uns erstaunend, sie zu sehen, scilicet mit Worten; aber im Herzen war die Freude noch zu ertragen. Doch muß ich ihr nachrühmen, daß sie so viel Sittsamkeit besaß, die etwas steile Treppe nicht vor uns hinaufzusteigen; sondern sie commandirte uns im Rücken wie ein braver Offizier: vorwärts! — links! — über den Saal! — rechts in das kleine Giebelstübchen mit einem Bett, — welches sie mir und Clarken anwies. Clarke wollte einige Einwendungen gegen das Schlafen in Einem Stübchen und in Einem breiten Himmelbett machen mit bevorstehenden heißen Nächten, Enge des Bettes; aber sie entschied: Miß Lisanna könne erst in 14 Tagen mit den neuen Betten fertig werden, welche sie nähe und stopfe, da ihr die Sorge für den Garten obliege; und sie selbst habe Haus, Küche und Rauchkammer zu versehen!

Clarke war roth und verdrüßlich, worauf sie keine Rücksicht nahm. Sie sagte uns kurz und deutlich, wozu wir im Hauswesen bestimmt seien, nämlich zur Landwirthschaft! Clarke solle die einjährigen Lämmer hüten, ich aber, Lambton der Schulmeister, die Rinder! — Das edle Wort bubulcus, der Hirtenname Mopsus, das „Tityrus — sub tegmine fagi“ und das „o Corydon, Corydon!“ dienten mir jetzt gleichsam als eine trockene Magenstärkung oder als Geist gegen den Schwindel; ja ich sahe die geliebte Gestalt „des göttlichen Sauhirten Eumäus“ zu der offenen Thür hereintreten, und mir die braune magere Hand reichen.

Clarke war nun zufriedener; er wischte den Spiegel ab, stellte sein Malergeräth auf dem Tische darunter auf, besichtigte dann das Kamin und prüfte die blanken Zangen. Ich aber trat, während Frau Russel die Decke vom Bette nahm, manches Nöthige herbeitrug, manches Unnöthige aus dem Stübchen hinauspracticirte, an das geöffnete Fenster, und sah in den freundlichen blauen Himmel, und meine Seele sprach eine in ihrer Kindheit auswendig gelernte Stelle, wahrscheinlich im Vorbewußtsein, daß sie derselben einst bedürfen werde:

Geduld, die seligste der Tugenden, Ist nicht umsonst! Du kaufst sie nur durch Dulden; Auch nicht auf einmal wie ein andres Gut; Allmälig wird sie Dein durch Stillesein Und Tragen, Lieben, Hoffen und Verzeihen. Der gute Mensch nur kann geduldig sein, Geduldig werdend, wird er gut zugleich. Drum, willst Du das, so lern’ ein wenig tragen Und lieben, hoffen und verzeihn; dann immer Und immer mehr, und immer lieber, bis Du dieß am liebsten, dieß allein nur thust; Und also gut geworden, Dir zugleich Geduld, die seligste der Tugenden, Erworben: tausend Schätz’ um Einen Schatz.

In der Ferne erblickt’ ich eine große Heerde Schweine, und die waren mein Augen- und Seelentrost! Denn wenn ich bedachte, daß mich Herr Samuel sogar zum Sauhirten hätte ordiniren können, so dankt’ ich billig Gott, welche unanständige Erinnerung er mir erspart hatte, wenn da droben auf unsern Anstand auf Erden gesehn wird, wie zu bezweifeln steht. Denn derselbe Dichter sagt ja schon die Worte, welche mir wieder einfielen:

Dem Menschen sei ein jegliches Geschäft So leicht als gleich! Denn jedes gönnet ihm Ein Mensch zu sein! Das ist die Sache. Wer Gelebt hat, der hat viel gethan, der war viel, Viel in der Halle dieser schönen Welt! Drum denket würdig von dem Menschenleben, Und würdig denkt von Euch, ihr Lebenden! Ein heil’ges Wesen ist, wer diesen Aether Einathmet! Unter diesen goldnen Sternen Ist Niemand groß noch klein, nur göttlich Alles! Und Niemand ist gering, wer dieß erkennt; Der Erde ew’gen Schätzen gegenüber Ist Niemand reich; dem Himmel gegenüber Ist Niemand arm! und Keiner ist verachtet, Den selbst Allvater für sein Kind erkennt, Wer ihn darf Vater nennen, und das hört er Von Allen gern.

Ich hatte heut mein Morgengebet nicht verrichtet, und ich bat den Himmel, jetzt diese apokryphen Worte dafür anzunehmen, nachträglich. So bedurfte ich nun kaum des Trostes, den mir die alte Russel einsprach: ich würde nicht so viel Noth mit dem wohlgewöhnten verständigen Viehe haben, als vielleicht mit mancher lieben Schuljugend! Es sei das schönste Vieh van Diemenslandes, und die Häute davon gingen bis Port Jakson, Ostindien, auf das Cap, ja bis Altengland. Selbst Se. Majestät könne vielleicht Stiefel davon tragen! vielleicht auch nicht! —

Alles das konnte mir so einerlei sein, wie den Häuten selber. — Sie eilte darauf, Clarke mit seinen Lämmern, und mich mit meinen gehörnten Zöglingen bekannt zu machen, die ihren neuen Präceptor anbrummten und berochen. — Das rothe Tuch Eurer Uniform macht sie nur scheu, belehrte mich Frau Russel; morgen sollt’ ihr einen ihnen bekannten Anzug, die Namensliste und Stammbäume des nobeln Viehes erhalten, damit Ihr Euch schätzen lernt. — Ich erwartete das. Clarken gefielen seine Lämmer, die sie durch die Beine herausließ und ihm vorzählte. Wir freuten uns auf die schönen Tage, die heitern Berge, und die stille Zeit des Hirtenlebens.

Ueber all’ dem Umsehn und Einrichten war die Mahlzeit herangekommen. In dem Unterzimmer war ein großer Tisch für Alle im Hause gerüstet, woran gewiß Herr Samuel präsidirte, für welchen der mit rothem Sammet und goldenen Zwecken beschlagene Sessel hingestellt ward. Aber er selbst erschien diesen Abend nicht. Dagegen begrüßten uns neugierig und schalkhaft ein Paar andere von dem Hausgesinde, wovon Einer, der Kleine, eine wahre Diamond-Edition von Spitzbuben schien! Noch trat Jemand zum Gebet mit an den Tisch, den Frau Russel unter dem Anruf „Herr Doctor Toland“ einlud, heut Abend den Wirth zu machen. Sie beteten darauf das in Altengland gebräuchliche Gebet: von den jungen Raben, denen der Herr ihre Speise giebt zu seiner Zeit; und der kleine Dieb betete bei den abwechselnd einfallenden Stimmen, diese Worte grade allein. Mehrere schlanke, kernige, schöne Mädchen, sichtlich von dem schönen Malayischen Menschenstamme — „Race“ getrau’ ich mich von den lieblichen, edlen Geschöpfen nicht zu sagen — kamen noch während des Gebetes herzu, und trockneten sich die Hände. Zuletzt aber kam die wiederholt gerufene Miß Lisanna, leise wie eine Erscheinung, und darum uns so plötzlich, so überraschend! Hocherröthet, nach schüchterner Verbeugung setzte sie sich auch an den Tisch, mir und Clarken gegenüber — an ihre Stelle. Wie die Weiber sind, hätte sie uns gern angesehen, welches aber Clarke’s offenes lächelndes Gesicht ihr unmöglich machte, so oft sie es unternehmen wollte. Meine Augen fanden an Clarke den einzigen Haft und Trost. Als ich jedoch am Ende der Mahlzeit von dem Herrn Doctor Toland eingeladen ward, auf Sir — ich hörte recht — Sir Samuels! Gesundheit zu trinken, getraut’ ich mich Miß Lisanna anzusehen, die von meinen Blicken, wie ergriffen auf einem Verbrechen, überrascht zusammenschauderte, und eine Minute lang mit vergehenden Augen da saß, still und blaß wie ein schönes Marmorbild aus Sir Horazio’s Bibliothek. Clarke trat mir auf den Fuß — wie Mistriß Distreß im Schiffe, und trank mir zu. Dabei fiel mir der Schulmeister schwer auf das Herz! Ich hörte wieder das „Schade, Schade!“ Dennoch segnet’ ich meine glänzende Interims-Uniform, die mir doch wenigstens einen seligen Augenblick, die aufkeimende Neigung, das Sprengen der Knospe ihres Herzens, bei einem so schönen jungen Mädchen zu schauen vergönnt, wie Miß Lisanna! Denn aus Ovidius wußte ich, daß eine gewisse allmächtige Leidenschaft mit Erschrecken und Zittern, mit Furcht und Beben beginnt. Auch aß sie keinen Mundbissen. Auch ich war satt, und wußte doch nicht von was. Ich vergab daher endlich auch ganz und gar der Marion, die selbst den rothen Daniel dem schwarzen Lambton vorgezogen, und wünschte ihr fröhliche Sechswochen. Nur die 100 Pfund! die 100 Pfund brannten mir auf dem Herzen! Besonders seit Roßborn meine Vollmacht, sie zu heben, kannte, und Ich die 100 Pfund redlich gezeigt, aber grade zum Schaden meiner Redlichkeit! — Miß Lisanna ging zeitig vom Tische, sagte leise gute Nacht, und sah sich selbst in der Thür nicht einmal um, so sehnsüchtig ich nach ihrem Blicke war! Denn — ach, sie ging! sie sahe nicht auf, mich nicht an! sie wird mich nie wieder ansehen! Heut ist mein letzter Ehrentag — morgen trag’ ich den Tityrus-Rock! stöhnt’ ich, und ballte die Faust in der Tasche. Wehmüthig ging ich mit Clarke zu Bett, der mich frug, was ich so verzweifelt aussehe! Er legte nur Rock und Stiefel ab, schlüpfte in das Bett, legte sich hart an die Wand und schlief seufzend ein. Vielleicht seufzt’ er gar auch nach Lisanna! Ein Maler versteht sich auf Schönheit, und schön ist er selber. Darum fühlt’ ich die schrecklichste Eifersucht und Todesangst im Voraus, als er im Schlafe näher und nahe an mich rückte, seinen Arm um meinen Nacken schlang, und mich, noch lange gedankenvoll Wachenden, drückte; ja er wollte mit seinem Lockenkopfe auf meiner Brust ruhen! Jetzt ward ich ernstlich böse — aber die Hand ließ ich doch dem armen Schelm in seiner. Er liebt ja Lisanna! — Also Lisanna! das arme Kind! du armer Lambton! unterbrach ich unwillkürlich mehrere Male mein Nachtgebet, bis Sir Horazio’s Marmorbilder, Lisanna, Theano, die alte Russel, die Wasserhose, der Gott Tangalon, Roßborn, Sir Samuel, Lämmer und Rinder mich in holder Verwirrung umgaukelten, und in den Schlaf brummten, blökten, blickten, erschreckten, und entzückten — jedes nach seiner Art. —

Sonnabend Abend.

Man soll nicht aus der Schule schwatzen, denn wie die Weiber sind; aber aus der Schule, die ich von dem andern Morgen an, den ganzen Tag über alle Tage mit dem lieben Viehe hielt, will ich gern kein Wort verrathen. Doch ging es im Ganzen besser, leichter und lustiger, als ich mir vorgestellt, und die bekannte Methode, mir Ordner, auch unter den Ochsen zu wählen, bewährte sich auch hier. Wenn nur die vermaledeiten Bremsen nicht waren! Denn es war zum Verzweifeln, wenn die Ordner an der Spitze, und dann die ganze Schule stückweise davon galopirte, durch allerhand Sorten Getreide, wie Hannibals Ochsen. Ich wartete es geduldig ab, ohne mich mehr, wie das erste Mal, in Galop zu setzen, wo ich gleichsam mitbieselte, mit aufgehobenem Stocke. Denn der deportirte Pudel, Herr Phylax, nahm sich darauf meiner an, wie ich mich seiner durch Crabben verlassenen Person angenommen, und sammelte wieder die keuchenden Schüler. Wenn nun die gewaltigen Thiere, wie so viel Joves, auf solche Ermüdung lange nicht fraßen, sondern sich hinlegten, so waren die Bremsen meine Götter, die mir diese Ruhe „machten.“ Doctor Toland gab mir endlich ein Kraut, es den Thieren anzuhängen. Er ist ein Menschenfreund!

Clarke sahe meine Angst jedes Mal von weitem, mitten unter seinen geduldigen Lämmern, und ich verstand an seiner Bewegung recht gut, daß er sich todt lachen wollte. Ich bedauerte ihn, und dachte; Schafe hüten ist keine Kunst, aber Rindvieh. — Lisanna brachte uns das Mittagsessen in’s Feld, und sie tröstete mich freundlich, ob sie gleich nur mit Mühe das Lachen verbiß; die Thränen aber standen ihr in den Augen. Betrübt und ernst, wie ich wohl Ursache hatte zu sein, sah ich vor mich nieder und hätte auch lieber geweint. Dann wußte sie es zu machen, daß sie beim Hinreichen des Korbes meine Hand berührte, oder ich die ihre mit faßte — darauf enteilte sie. Sie ist ein Engel, der Engel Tobiä! sprach ich zu mir, während ich mich in die Blumen zum Essen setzte und ihr nachsah, und sah — wie sie neben Clarke sich setzte! und lange mit ihm sprach! Das war auch ein Jammer. Doch wenn ich unterdeß im Grunde des Körbchens noch Orangen, Feigen und frühe Nectarinen fand, die sie mir versteckt: so wußte ich nicht, was ich denken sollte. So lieb mir sonst Clarke war, so verhaßt und täglich verhaßter ward er mir nun. Traf uns Lisanna zuweilen beisammen, setzte sie sich zu uns, so sprach sie mit Ihm, sahe Ihn an, während der Wind ihr das schwarze Haar über die Wange wehte, oder ein Wolkenschatten über uns hinflog, und sie wieder hervorglänzte, als verkläre sie sich und schwebe. Das Alles mußt’ ich mit ansehn! Und sie bemerkte, ohne herzublicken, daß ich sie ansah; und doch sahe sie mich nicht an, und sprach nur desto holdseliger mit ihm, und lächelte so hold, so lieb! Wenn Clarke nicht dabei gewesen, wäre ich ihr vielleicht um den Hals gefallen — vielleicht auch nicht, wie die Russel sagt. Und doch verdroß es mich von Ihm, wenn er so unbescheiden war, ihre Hand im Gespräch zu ergreifen, ja ihr die Locken aufzurollen, wenn sie zwischen uns saß, aber immer näher an seiner Seite. Erbittert stand ich dann auf, und schlug nun erst das Rind, das zu Schaden fraß, wozu ich vorher nicht Zeit gehabt; so pflichtvergessen konnt’ ich sein! Dann aber blieb auch Lisanna nicht bei Clarke, und das war mein ganzer Trost. Kurz an meiner Eifersucht merkt’ ich, daß ich — daß ich — armer Lambton! Ich hätte das nie gedacht, ach — weil ich es nie gefühlt, ja nicht geträumt — das Wort, das umgekehrt Roma heißt! Mehr kann ich nicht sagen, ich schäme mich vor mir selber. Auch sucht’ ich mir nichts merken zu lassen. Aber Clarke hatte zu schlaue Augen, und lachte mich aus, wenn wir allein waren. Er versicherte mich, von Ihm hab’ ich nichts zu fürchten, und dabei sah’ er so ehrlich aus, daß ich ihm gern geglaubt hätte, wenn es ihm nur nicht wiederum auch lieb geschienen, daß ich eifersüchtig auf ihn war. Warum? war mir undeutlich. Er ist einmal ein eigner Mensch. Grade so wie er aussieht, liegt ein schöner marmorner Jüngling auf einem gesteppten Pfühl in Sir Horazio’s Bibliothek. Ich dächte, er nannt’ ihn einen Aphroditenhermes. So war’s doch; und so ist Clarke. Und hatte sich ihm Lisanna nicht halb vertraut? Denn er wußte und sagte mir: daß sie nicht Sir Samuels Tochter sei, daß sie der Frau Russel als ihrer Pflegemutter am nächsten angehe. Denn weder Findelhaus, noch Waisenhaus gebe es in Hobarttown. Was bedürfe aber eine Waise dringender, als Eltern, oder doch einer Mutter, so arm sie sei, und Pflege, Lehre und Liebe, so gering sie sei. So gäbe man Waisen an gute kinderlose Eltern, um Zweien so gut, wie möglich, zu helfen. Und mit schwerer Hand freilich, aber doch thu’ ihr Frau Russel alles Gute. Dagegen bleibe Sir Samuel so launisch gegen sie, daß sie ihn durch die größte Stille, den emsigsten Fleiß bis tief in die Nacht, doch nimmer zufrieden stelle. Es sei ihr drückend, daß er ihr Alles wie nur aus Erbarmen gewähre, ja zuwerfe — doch hasse er sie nicht! Er beweise ihr wiederum so viele, viele Güte, Zärtlichkeit, ja etwas Wehmüthigeres, als Liebe, ach, nur nicht lange! Er halte ihr Lehrer — und schicke sie wieder fort! Er lasse sie sticken und zeichnen — und verderbe ihre Zeichnungen und Stickereien! Oft schenk’ er ihr schöne Kleider, und sehe sie gern darin; dann müsse sie sich einfach, ja schlechter tragen als die malayischen Mädchen Talo und Ofa, und sehe sich bloß in die Küche verwiesen, und dürfe selbst nicht am Tische erscheinen, woran doch sogar der kleine arge Hobday esse, und Talo und Ofa, und nun Herr Clarke — und Herr Lambton! — — Das Alles that mir zu hören noch mehr wohl, wie weh! Denn wie sich zur Liebe für dieß schöne gute Wesen noch Mitleid gesellte, dann schmolz mich gleichsam ein wehmüthiges Gefühl; und hatte ich sie bisher schon geliebt, jetzt hätte ich sie fast angebetet. Aber Sir Horazio sagte, wenn er von den schönen Madonnenbildern in Italien sprach: „Ein Weib werde mehr, wenn sie nur ein Bild erscheine! Denn das Vollkommene sei sich allein immer gleich, und darum auch in vollkommener Ruhe. Darum erlangten die Todten auch schon etwas Heiliges und Göttliches über uns, die wir mit zitterndem Herzen vor ihnen stünden, sie beweinen — und ahnen: daß vollkommene Ruhe vollkommene Seligkeit sei. Und der Todte sei ein göttliches Bild, und ein Bild ein göttliches Todtes. Wenn nun ein Weib uns anders nahe, als in der Gestalt, in welcher wir sie zuerst geliebt; wenn sie nun auch gehe, esse, schlummere, rede, nur ein anderes Kleid anlege, dann werde sie gleichsam so vielmal verdoppelt, als wir sie anders in anderen Tagen gesehen, und es fehle ihr die eine, die selige Gestalt; Deßwegen bete man jene Bilder wohl an, weil sie nur Bilder sind.“ — Sonst glaubt’ ich Ihm das fast; jetzt — jeden Tag weniger, da ich an Lisanna sehe, oder an meiner Seele, daß die Liebe ein immer Neues, Schaffendes, Belebendes ist — und die Liebe ist ja das Vollkommene! und doch ist mir — mir Lisanna’s erstes Bild das liebste von allen, welche ich von ihr in meiner Seele, wie in meiner wahren ruhigen Wohnung aufstelle, oder wie in einem Rahmen an den Orten wieder erblicke, wo sie mir in andrer Gestalt erschienen. Und so habe ich schon eine Madonna mit dem Sympathievogel, eine mit dem Schnabelthier, eine mit dem Lamme, und eine mit Lambton; also vier Gemälde, so gut wie Sir Horazio, die ich mit seinen nicht vertausche; und vielleicht kommen noch mehrere hinzu — vielleicht auch nicht!

Sonntag Abend.

Unsere Englischen Geistlichen haben den Vers verkehrt verstanden: unser Herr Gott arbeitete sechs Tage an der Welt und ruhte Einen; sie arbeiten Einen und ruhen sechs. Nur den armen Schulmeistern hat man den Text richtig ausgelegt. Immer freut’ ich mich daher auf den Sonntag; und wenn ich ihn wieder herangelehrt und gekämpft, und noch müde vom Joche ihn früh für einen gewöhnlichen Tag hielt, bis ich den Küster hereintreten sah, den kind-hohen Kirchenschlüssel auf den Arm gehangen — dann ward mir gleich so wohl, so feierlich zu Muth! Himmel und Erde sahen mir auf einmal so geistlich, so geschmückt aus, und wenn es auch draußen neblig war, daß ich die Lindenstämme vor meinen Fenstern nicht sah. Heut’ ist mir wieder so wohl! Es ist Sonntag in der ganzen Welt, auch für Clarke und Lambton, und jeden geplagten Schulmeister, wie für die Ochsen und Schafe; und der Mensch läßt seinen frommen Sinn auch der Natur angedeihen, selbst dem fühllosen Pflug’ und dem bräunlichen Acker. So ist denn das Christenthum wahrlich auch denen gegeben, die es nicht verstehn! nur genießen — der ganzen Welt. Also Sonntag!

Neue Verlegenheit! In meinem Bubulcus-Gewande konnt’ ich doch heute nicht hinunter zu Sir Samuel gehen, und in meiner Uniform — schämt’ ich mich. So saß ich allein auf dem Bett in allerhand Gedanken; denn Clarke war schon, dacht’ ich, bei Lisanna — als Frau Russel herauf kam, mich zu holen. Denn es sei Pflicht, daß jeder Deportirte zur Kirche der Deportirten gehe, Herrn Patrik zu hören; übrigens sei der Sonntag unser. So erschien ich denn in Galla. Alle saßen bereit in Sonntagskleidern. Lisanna stand auf und holte das Frühstück. Wie ihr das Leibband nachflatterte! wie lieblich ihr der englische Hut stand! wie freundlich Sir Samuel war, als er sagte: Sonntag mag Euer Rock passiren, Herr Lambton, dann hab’ ich Respect vor Euch; wochentags verlang’ ich ihn vor mir. Das schien auszudrücken, daß, wie die heidnischen Römer bloß an den Saturnalien schon ihre Diener bedienten, Er als ein Christ alle Sonntage mich so gut hielt, wie sich, als wenn alle Menschen gleich wären! Gott segne ihn! Nur ob Lisanna nach meinem oder Clarke’s Bilde im Spiegel sah, das möcht’ ich wissen! Aber sie lehrte mich dadurch, sie unbemerkt anzusehen. Dann gingen wir Alle zur Stadt, und die malayischen Mädchen bewahrten das Haus. Denn sie beten noch den Donner an, aber Ofa nur dann, wenn es einschlägt; daher sagt Sir Samuel: sie haben keine Religion! Ich soll eine Sonntags-Schule anlegen, und Talo unterrichten, auch Lisanna soll zuhören! Wie wird Sie meine Seele erheben! —

Im Vorübergehn zeigte uns Frau Russel die Kirche, in die Ich und Clarke zu gehen hätten! Lisanna seufzte schwer — vielleicht über mich — wendete sich ab, und sah zu den Wolken. Doch mir ist diese gute List zu wohl bekannt: hinauf zu sehn, wenn man weinen möchte und nicht darf, und die Thränen Einem in’s Auge treten! sie verziehn sich dann, oder man kann sie der Blendung zuschreiben, oder niesen. Ach, wenn sie nur wüßte, nur glaubte, daß ich unschuldig bin! Brächte nur die Golette den Capitain York! das wünscht’ ich sehnlich.

In der Kirche fanden wir alle unsere Gefährten, die uns heimlich und freundlich grüßten. Ihre Gesichter schienen verwandelt, diese heitrer, jene ernster, aber alle gefaßter, ruhiger — sonntäglicher! Auch ihre sauberen Kleider erfreuten mich. Ich konnte mir gar nicht mehr einbilden, daß ich der einzige Unschuldige unter ihnen sei! Der englische Geistliche betete uns dann die Collecten, Psalmen, Bibelabschnitte, die Litaneien, die mosaischen Gebote und das Vaterunser mit Ausdruck zwar, doch mit unerhobener Stimme vor; denn er schien alle seine Kraft für die Predigt zu sparen, und dazu braucht’ er sie wirklich.

Denn diese „Verdammten-Predigt“ — (condemned Sermon) — die Uns zum Leben und nicht zum Tode bereitete, die ich mir darauf von Herrn Patrik in der Handschrift ausbat, und jetzt mir hier, hoffentlich zum Andenken, in mein Reisebuch einschreibe, lautete mit allen, von der Vernunft gezogenen himmlischen Glocken also:

„Meine Herren Deportirten! und Brüder in Christo! Vielleicht Handwerker, Pächter, Gentlemen, Esquires und was weiß ich . . . . . . aber gewiß: Spitzbuben, Mörder, Auferstehungs-Engel oder Teufel, falsche Spieler, Banknoten-Pfuscher, Brandstifter und Kinderräuber — — — — Ihr wundert Euch, daß ich Euch bei Eueren Namen nenne? Doch Ihr seid nur hier, weil Ihr Euch früher nicht selbst so genannt, noch ein Anderer! Darum muß ich Euch nun mit schwerem Herzen so nennen! Hier ist das Land, wo man die Menschen kennt, und Jeder sich selbst. Denn die Liste seiner Sünden kommt als seine Ahnentafel, sein offener Pathenbrief mit ihm in diese neue Welt. O daß er Euch so bei Eurer Geburt in die alte Welt wäre mitgegeben worden, Jedem so mitgegeben würde, dann könnten Eltern und Erzieher sich danach richten, dann kamet Ihr nicht hierher vor meine Kanzel! O Gott! o traurige Wallfahrt der Menschheit aus dem Paradies in das Himmelreich!

Nun laßt mich offen zu Euch reden! Und Ihr, höret mich offen an!

Erstens, verschreibe ich Euch das allervortrefflichste Mittel gegen das Heimweh. Es wächset im Walde und heißt — der Galgen, der Euch in der Heimath erwartet, wenn Ihr vor der Euch bestimmten Zeit zurück — flieht. Ihr könnt auch hier in die Berge fliehn zu den Wilden, wenn Ihr, die Ihr so lange gegessen habt, auch einmal wissen wollt, wie dem ist, der gegessen wird. Also bleibt in der Lehre und Zucht! entlauft nicht von der Bleiche, als halbe Mohren, als Seelen-Mulatten! —

Zweitens, erinn’re ich Euch und frage: haben Euch Euere Todfeinde je so viel Herzeleid und Schmach angethan, als Euere Laster? diese falschen Freunde und süßen Schmeichler des Bösen, die für Eine angstvolle Lust nicht unter Ein Hundert Schmerzen bereiten. Sie setzten Euch gefangen, sie brachten Euch Verwünschung und Verachtung, Enterbung und Verweisung; Sie machten, daß Ihr zum Weinen jämmerlich hier vor mit dasteht! Erkennt sie nun, und jagt sie aus Herzen und Haus! —

Drittens, vergleiche ich Euch mit jener Palme in Japan, die keine Nässe verträgt, sondern davon verdorrt. Nichts Anderes hilft sie herzustellen, als sie auszureißen, sie dürren zu lassen, und dann in eine im Sande bereitete Grube zu setzen. Da, im Trockenen grünen ihre Zweige wieder saftig, und kräftig trägt sie auf’s neue die süße Frucht. Wieder vergleiche ich Euch mit dem Trauerbaum in Indien, der nur blüht, wenn die Sonne untergegangen, und vor dem Tage die Blüthen abwirft. Ich vergleiche Euch mit den Giftpflanzen, die meistens in sumpfigen Gegenden wachsen. Wenn man sie in reinen guten Boden versetzt und anbaut, verlieren sie ihr Gift. Der weise König Salomo sagt: sie schlafen nicht, sie haben denn Böses gethan; sie ruhen nicht, sie haben denn Schaden gethan — so sage ich Euch denn, die Ihr Beides: Uebels und Schaden gethan: so schlaft denn! so ruht denn! —

Viertens, dinge ich Euch, Ihr Tyburn entfloh’nes Gesindel, gewesene Räuber! gewesene Mörder! Für Euch ist kein froheres, kein trostreicheres Wort, als das sonst so furchtbare, die ganze Natur zerstörende Wort: gewesen! Nach Allem was der Mensch gethan, gelitten, geliebt und gehaßt hat, bleibt er ein Mensch! Und was könnt Ihr mehr sein wollen, als: Menschen? Aber wollt auch Menschen sein! Nicht was Ihr bis hieher gewesen: Füchse, Luchse, Marder, Maulwürfe, Schlangen und Ottern. Streift alle die Häute ab, und verwandelt Euch in Menschen! Bildet Euch etwa nicht ein, daß es lebenslängliche Mörder, Ehebrecher und Diebe giebt, wie es Thiere giebt, die zeitlebens Hyänen, Böcke und Raben bleiben bis auf den letzten Pelz und die letzte Mauser. Bilder Euch also nicht ein, daß Ihr bleiben müßt, was Ihr vielleicht nur Eine Stunde waret! Denn welcher Mensch weiß am Morgen, was ihm des Tages über begegnen wird? Was er denken, empfinden, beschließen, welcher Mensch, welche Lust ihn reizen, welche Leidenschaft seine Seele empören wird! Ach, — ich hoffe, ich wünsche es — Alle haben die Nacht zuvor in Frieden geschlafen, ihr Morgengebet verrichtet und auch die Worte gesprochen: Führe uns nicht in Versuchung! Aber die Leidenschaft ist wie der Wind, von dem Niemand weiß, woher er kommt und wohin er fährt, und Jeder hört doch sein Brausen. Doch sein Vorüberziehn richtet oft Grauses an, wirft um, was nicht mehr aufgebaut wird, wie ein Todter nicht wieder erweckt wird. Und so ist auch der böse Mensch kein Fehler — er fehlt nur! ein Mensch fehlt! ein Mensch hat gefehlt. Die Menschen sind Raqueten, die gefüllt und trocken ruhig an dem Gerüst des Lebens hängen, bis ein Funke sie entzündet. Die Menschen sind Kanonen, die nur donnern und morden, wenn sie losgebrannt werden; sonst stehen alle umher und schlafen wie die Menschen — ach, und wer es sich nicht eingebildet, von wem man es nie gedacht hat, den führt man am Abend in Ketten herein, als leichten oder groben Verbrecher. — Ihr seid losgebrannt — entladen! Ihr seid hereingeführt. Wer wird nicht aufgeweckt aus seinem schläfrigen Lebensgange, wenn er einen Fehltritt that? etwa einen tiefen — von der Höhe der Menschheit plötzlich herab? Wem schlägt das Herz nicht, der geraubt und gemordet hat, wenn er auch nie mehr von dem schlafenden Engel in uns, von dem Gewissen gewußt hätte als seinen Namen! Wem droht dann nicht sichtbar ein Finger vom Himmel? Wer hört den Vater nicht, wenn er sich an dem Kinde vergriff? Wer erkennet den Gott nicht, wenn er des Teufels war? Glaubt mir, meine Brüder in Christo, immer noch von der Gesellschaft Jesu, Spitzbuben, Räuber und Mörder, Ihr habt hinfort mehr Anspruch und Hoffnung auf ein ruhiges, ja seliges Leben, als alle die Millionen Schlafwandler, die noch gut heißen, weil sie schlafen. Ja, sie sind darum vielleicht werther und bedürftiger als Ihr, meine Predigt zu hören. Denn ich verbürge nicht hier mit meiner Sanduhr, daß in 8 Tagen auf der ganzen Erde nicht Hundert — eingeführt sind, die heut, jetzt noch sehr liebe Männer scheinen, und vielleicht sind. Ihr stahlet — dieweil Ihr schliefet! Ihr habt aber das ewige heilige Gesetz, Ihr habt den Gott in Euch erfahren, Ihr fühlt ihn noch und immer, der da heißt: Licht, Rath, Kraft, ewig Vater, Friedefürst! Das Herz des Menschen ist voll Irrthümer. Der Tag, wo Ihr keinen einseht, ist ein verlorner. Denn wenn Christus selber sagte: „was nennst Du mich gut? Gott allein ist gut,“ so kann unser Bestreben nur sein: besser zu werden, aber immer besser, ohne Ende, ohne Ermüdung, ohne müßige Zufriedenheit mit uns selbst; und in diese verfielen wir, wenn wir leidige Menschen je glaubten gut zu sein. Und wie sehr, wie rasch könnt Ihr Euch bessern! und wie viel Irrthümer habt Ihr abzulegen! Ich wünsche Euch Glück dazu! Der Wille besser zu werden, der ja ein guter Wille ist, wenn nicht mehr, vertilgt durch sich selbst alle Sünde, und Eine gute That aus vollester Seele ist allen guten Werken gleich. Denn das Gute umher in aller Welt schafft Gott. So ding’ ich Euch denn und geht Ihr spät zur Arbeit in den Weinberg — Ihr sollt auch noch eueren Groschen bekommen.

Fünftens, tröste ich Euch: Was Ihr auch gethan habt — Gott hat es ausgeglichen! Wenn den Menschen die Leidenschaft — der Teufel — ergreift, dann ergreift ihn ihrerseits der Gottheit Hand, damit er Andere und sich nicht ganz verderbe, im Gegentheil ihnen nütze. Der Mensch ist und wird so lange unmündig, als er seiner Vernunft nicht mächtig ist; und der Ober-Vormund Aller wird, bis sie wieder hell ihn erleuchtet, auch der seine. Die durch Euch Verarmten hat er wieder reich gemacht, wenn sie nicht besser arm blieben! Denen Ihr die Tochter oder den Sohn geraubt, die hat er wieder mit Kindern gesegnet, wenn Ihr jene nicht raubtet zu ihrer Strafe, um Eltern und Kindern so auf besonderem Wege das ihnen von Gott zugedachte Gute zu thun. Die Ihr getödtet, sie schlummern ruhig in seiner Erde, und ihre Geister leben in seinem Geist. Und doch hat Er Euch dadurch aufgeweckt. Eine Seele auferwecken ist ein größeres Wunder, als einen todten Leib erwecken — sagt Augustinus recht sonderbar nun hier, nun heute durch mich und aus mir. Gebt in den Sarg der vergangenen Tage alle eure Werke mit! Seien sie todt und begraben. Ihr aber erwacht! erwacht! erwacht! und wandelt in einem neuen Leben!

Sechstens, frage ich Euch, arme Sünder, wo ist ein Mann dem Gesetze verfallen, der eine Million Pfunde oder Menschen commandirt? Wann ist eine Prinzessin an den Pranger gestellt worden? Wo ist ein Königssohn gehangen worden? — außer in China. Ihr seht also, welche durchgängig tadellosen, welche vortrefflichen Leute die reichen Leute sind! wie leicht ihnen der Anstand wird; wie keck der Arme ist, weil er Nichts hat. Vor dem Gesetze sind Alle gleich, das ist die große Lüge in den Welt-Menschen, die die Welt-Menschen schon allein verdirbt. Geben die Georgen, unsere Könige, einem zudringlichen Bettler eine Maulschelle, das ist nur Rang- und Machtvollkommenheit; aber giebt ein beleidigter armer Schuster dem Bischof Eine dergleichen — welcher Gottesschänder! Aber ich sage Euch: Der Mächtige und Wohlerzogene, der Unrecht thut, ist doppelte Streiche werth; werth, doch bei dem Werthe verbleibt es. Der gemeine Mann, der arme Mann sollte, um pari zu wiegen, wenigstens tausendmal besser sein als der Reiche. Denn Netto und Sporco-Gewicht ist erstaunend verschieden. O Brutto! O Tara! Ihr Netto-gewogenen, Ihr seid darum alle wahrscheinlich arm, und dumm, weil Ihr bös, und bös weil Ihr dumm war’t: Drei Fehler, wovon schon Einer den Menschen in der Gesellschaft zu Grunde richtet, aber alle Drei ihn gewiß aus Altengland nach Vandiemensland bringen. Darum werdet reich! Ich sage reich: an Verstand, klug im Sinn, gut von Gemüth — um keines Gesetzes, also auch keines Richters mehr zu bedürfen, als dessen — der im Verborgenen richtet; und Ihr — werdet die Wahrheit erkennen; und die Wahrheit wird Euch frei machen. Also sonst Nichts, aber sie gewiß!

Siebentens, fordere ich nicht von Euch, daß Ihr Einen Fehler ablegen sollt. Denn die ganze Welt konnte es bis heute noch nicht. Und welche Veränderungen auf der Erde würd’ es hervorbringen, wenn alle Menschen nur Einen Fehler ganz ablegen wollten! zum Beispiel: nur den groben Mord, das Tödten! — Aus wäre Krieg und Streit, das Himmelreich begönne auf Erden, als da, wo es eben bloß nöthig ist, und nicht im Himmel. Was halfen bis jetzt alle spätere Propheten seit Moses, was selbst allein und für sich ohne Thäter des Wortes, die göttlichste Lehre. — Das Menschengeschlecht steht noch, Auge um Auge, Zahn um Zahn fordernd, am Berge Sinai, es ist in der Hauptsache: in der Menschen-Liebe kaum einen Schritt aus seiner alten Wüste geschritten, trotz der unendlichen Mühe von hundert Orden (etwa von Malta) und tausend Klöstern, trotz redlicher Päpste und löblicher Clerisey, trotz Wiklef, Knox und Warden bis heute auf mich herab, der ich im Kehrwinkel der Welt hier stehe vor Mördern predigend! Untersteht Euch zu leugnen, was ich sage! Seid nur ruhig! Denn darum verlange ich nicht, daß auch Ihr Einen Fehler ganz ableget — sie werden alle zugleich nur seltener, nur schwächer — legt Alle nur erst ein wenig ab — ich meine: bezwingt sie, dämpft sie, leitet sie ab! Laßt den Mord — eine Ohrfeige werden — dann die Ohrfeige wieder ein sanftes Streicheln der Wange; den Ehebruch: ein Anlächeln, dann das Anlächeln ein Auslachen; den Raub: ein bloßes Handausstrecken, dann das Handausstrecken — ein Handeinstecken; den Verrath ein Lallen mit der Zunge, dann das Lallen: ein Schweigen. (Und das Alles als das halbe Werk, bis die Zunge Gutes spricht, die Hand giebt, der Fuß zur Rettung eilt.) So wie Oben gesagt, so thut die Welt, so thun die Bessern selbst und heißen die Guten, bis sie besser werden. Denn ohne Sünde ist Keiner! und auch nicht Einer!

Achtens, warne ich Euch: seid nicht so anmaßend zu glauben: Ihr leidet um Eurer eigenen Fehler willen! Dazu seid Ihr die Leute nicht! Ihre eigenen Fehler büßen nur die größten Männer aller Zeiten, und genießen ihres eigenen Guten. Das Menschengeschlecht ist so verwickelt, so in einander verwachsen, aus tausend Absätzen zu einem einzigen Rohre hinaufgeschosset, daß Eines für des Andern Verschulden leidet, das lebende Geschlecht für das vergangene, ja die vergangenen alle; die Kinder leiden für die Mängel und Versehen der Eltern, das Volk um — das Land, der König für das Volk. Ihr seid die verkörperten schlechten Seelen Euerer Eltern, die Spiel- und Weinsucht des Vaters, der Putz und die fette Küche der Mutter; Ihr seid die Dummheit Euerer Lehrer, die ferne und kalte Schule; Ihr seid die Saumseligkeit, die Hartherzigkeit, die Lieblosigkeit Euerer Nebenmenschen. Ihr seid der Beweis noch vielfach-irrenden mangelhaften Geschlechtes, die Opfer eiserner und doch nicht bindender Gesetze. Ihr seid der Fensterladen eines Zahnarztes in England, den er mit allerhand bösen Zähnen geschmückt, zum Beweise: was für ein braver Ausreißer er sei, was er für Schmerzen gestillt und erregt. Ihr könntet euch freuen und stolz sein, wenn Ihr die Opfer für das Glück eueres Volkes wär’t, wenn um so viel schlechter Ihr seid, alle jene Zurückgebliebenen nun besser wären, so wie der Wein, der seine Hefen ausgestoßen. Aber — aber! ich höre von Schiffen die noch kommen sollen! Ich hörte Viele sich glücklich preisen, die — meine Rede hörten! Und wieder auch, daß sie kommen, ist der schönste Beweis für das freieste Land! den besten König! Darum segnet Ihn, und segnet Altengland, denn —

Neuntens, lehre ich Euch: Es hat Jemand ein Wort gesagt, das dem Jemand Ehre und Schande macht, so einfach und albern, so schlecht und gerecht, so erhaben ist es; der Jemand, der mit dem ersten Buchstaben — Robespierre heißt, sagte, als das seinem — Menschenköpfe liebenden Gemüth mit Himmelsgewalt abgepreßte Wort: „Das erste Recht des Menschen ist das Recht zu existiren.“ Und nur der Gegenhändler der Schöpfung, Satan, kann das bestreiten — wollen. Da aber der, welcher nun gütigst existiren darf, ein von Gott mit Geist begabtes, nie ruhendes rastlos vor und fortschreitendes Wesen ist, so ist ihm Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich mit der bloßen Existenz zugleich gütigst zugestanden. Mit Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich — das bekanntlich und lautausgesprochenermaßen nur in uns liegt, also in uns lebenden Menschen, also nicht künftig erst wo da draußen in der Luft voll Goldstaub, der Sterne heißt — mit Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich, ist dem Menschen, also allen Menschen, allem Volke auf dem Lande, in den Städten und Pallästen, summarisch: allem Pallast-, Stadt und Landvolke, der Weg und jedes Mittel zu Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich zugestanden! Und da schon das bloße Himmelreich aus Friede, Freiheit und Gerechtigkeit besteht, so ist Allen alle Weisheit, alle Lehre, alle Kenntniß zugestanden — nicht bloß schändlicher Weise: dreißig Tropfen davon auf Zucker, mit dem alten Worte: Gott wird helfen! Und zu aller Weisheit und aller Lehre gehören allem Volke mit dem bloßen göttlichen Rechte der bloßen Existenz: alle Lehrer frei, alle Rede frei, alles Lernen frei, alle Schrift frei, in dem Hause Gottes, wie ja in jedem Hause der Menschen. Nun hört mich: Wer nun Einen oder Mehrere — Menschen — an der Existenz gefährdet, verliert der den Anspruch auf Bildung, oder bekommt er Einen mehr? Hat er sich derselben als unbedürftig und unfähig gezeigt, oder hat er die unerläßliche Nothwendigkeit: ihrer theilhaft gemacht zu werden, grade durch seine schlechte That laut schreiend und unzweifelhaft an den Tag gelegt? Von der Masse des Volks, die so fort faselt, faselt man: sie sei auf dem Wege zum Guten, oder zum Bessern. Er, hat seine Unbildung, sein Herz, seinen Sinn verrathen! Seine Tyrannei! Er, er sei wer er sei — — Er muß also gebildet werden, fähig das Leben zu leben, und Andern zu helfen, diesen Schatz zu heben. Dazu nun darf der Mensch der menschlichen Gesellschaft, die ihn allein nur bilden kann, nie beraubt werden, am wenigsten aber — seines Kopfes, als welchen er eben am nöthigsten braucht. Christus hat zwar den Teufeln erlaubt: Säue in’s Meer zu stürzen, aber den Menschen nicht: Menschen vielleicht in die Hölle (und — „Viel besser ist nun ein Mensch denn ein Schaf;“ Matth. XII 12.), denn es wäre ein ganz unverzeihliches „dahero retour!“ dem Himmel in Armesünder-Kleidern Kandidaten zu schicken — die der Erde zu schlecht sind, weil man glaubt: Gott müsse verzeihen, die sündigen Menschen brauchen es nicht; ja es wäre ein Mißbrauch der Unsterblichkeit, weil sie nur ewiges Leben ist, zu welcher auch dieses Leben gehört. Denn Lucä II. 35. steht ein gar bedenkliches Wort von denen: „Welche aber würdig sein werden, jene Welt zu erlangen, und die Auferstehung von den Todten!“ Demnach kann und wird es also Viele geben — die da nicht würdig sein werden. Und man kennt sie schon hier. Der Abgethane aber, wie man so bequem die so bequem gemachte Sache ausdrückt, ist verloren für seinen Zweck auf der Erde, für sich und die Menschheit. Wie der Baum fällt, bleibt er liegen. Wenn man nun des Beispiels wegen abthut, unbetrachtet: daß man Niemandem die Nase abschneiden soll, um den Andern eine Maske zu machen — und jede Verstümmelung wird, — außer das Kopfabschneiden — mit dem Tode bestraft — ist das nicht im Gegentheil grade das beste Beispiel, welches man dem Volke geben kann: daß verwiesene Verbrecher gute Menschen werden, die ihren göttlichen Zweck noch erreichen! Was bedarf ein Gefallener eher als des Aufhebens, des Tröstens, nicht des in die Erde-Tretens! Was bedarf ein Böser mehr, als guter Menschen, daß er bei ihnen bleibe, bleibe wie sie, und nicht wieder falle. Man zähmt das Thier, und lehrt den Menschen! — dann wehrt er dem Bösen selber. So wird edel und wahrhaft auch für die Sicherheit gesorgt — denn eben nicht die, welche Böses verübet, sind am meisten zu fürchten, sondern die Freiwandelnden, noch Unerkannten; und so gäbe es keine äußere gnügende Sicherheit, selbst wenn um jedes Haus eine wolkenhohe Mauer gezogen würde, und jeder Mann und selbst die Wiegenkinder schußfeste Harnische als Kleidung trügen. Aber — ein gutes Herz bewacht sich selbst, den Nächsten und ein ganzes Reich, ein guter Gott die ganze Welt. Also den Störer der Menschheit bilden, ihn seinen Zweck erkennen lehren, Gut und Böse unterscheiden, den Trieb zum Guten zur Blüthe bringen und dazu ihn der gewohnten Gesellschaft die nöthige Zeit lang entziehen, ihm mit den Mitteln, deren sein verstocktes, verworrenes, verdunkeltes und reuiges Herz fähig und bedürftig ist, ernst und stetig beistehen als Einem an dem Herzen oder dem Geiste Kranken — und der Lasterhafte ist der leidendste Kranke — ihm Arzt und Pfleger verordnen; wenn er geneset, wenn er schwach noch schwankt, einen Führer zu geben, das hielt der Königliche Stifter von Bontanybay, von Georgtown und Hobarttown für seine königliche Pflicht. Denn wenn ein furchtsamer Hase trommeln lernt, der Canarienvogel eine Kanone abfeuern und ein Floh eine Kutsche ziehn — wenn ein Mensch sich die Mühe giebt, die Geschicklichkeit das zu lehren und die dazu erforderliche Geduld hat, dann soll ein Volk sich schämen, das mit seiner Männer Weisheit es nicht dahin bringt, daß ein Mordbrenner über die Brandstätte mit Kindergebeinen weint, und weint das Haus wieder aufzubauen, und weint, „daß diese Gebeine wieder lebendig werden!“ Aber freilich ist kein Ruhm und kein Verdienst dabei, als — eine Seele zu erretten. Und bessern schwere Ketten und dumpfe Mauern, schlechte Kost und harte Schläge, Zuchtmeister und Spießgesellen und Ränkemeister? oder — die Lehre und das Beispiel, der Umgang mit festen guten Menschen mit einem Worte: das Leben? Und so lernt Ihr hier leben! Euer Leben ordnen Männer, die gleichsam die Seelenverwandlung deutlich machen, die selbst wie aus Bären in Menschen gefahren sind, und die nun weder mehr zerreißen, rauben noch tödten wollen, sondern mit der Glut der Erkentniß warnen, bewahren, lehren und bessern. Niemand ist zuverlässiger als ein gebesserter Mensch. Er hat gelernt, ja erfahren, und er wird es nie vergessen: daß das Böse bös ist, und das Gute gut, was jedes Kind begreifen sollte, und was einzusehen den Meisten doch so viel Leiden und Reue kostet. Darum ist Euer Kerker: das Wohnhaus des Gerechtwordenen, Euere Spießgesellen sind: gute Kinder und ein frommes Weib — Eure Ketten: Bande der Liebe! Euer Zucht- und Arbeitshaus: die schöne Natur, die Euch zuflüstert Worte des Vaters, und Nachts das Kreuz aus Sternen über Eueren Häuptern glänzen läßt, und Euch umfängt, trägt, segnet als ihre liebsten Kinder! Wenn Ihr das empfindet, ach, dann vergeht nicht in Reue — sie will Euch selbst mit ihrer Liebe nicht tödten, nein, erwärmen, beleben, wieder an’s Herz des Vaters ziehen.

Aber ich hab’ Euch kein Wort von Euerer Strafe gesagt? Unsere Strafe sollte bis heut noch Rache heißen, denn Strafe als Strafe ist Rache; wahre Strafe ist aus der mildesten Liebe fließende Warnung, Führung zum Rechten und Guten, wenn auch auf rauhen Wegen, durch bittere Mittel. So strafet selber die Gottheit, und der Gestrafte wird bei ihm der Gesegnete vorzugsweise. Drüben auf den Sandwich-Inseln opfern sie ihren Götzen Menschen. Wir: alten fratzenhaften Gesetzen. Sind die Worte: „Beispiel, Strafe, Sicherheit,“ etwas Anderes als Götzen, mexikanische, unchristliche Götzen! Gestehen wir nur, es ist selbst in Altengland noch ein gut Theil jüdischer Rache, aus den Zeiten der Wüste, darin erscholl: Auge um Auge! Zahn um Zahn! Keine Vergebung! Keine Menschlichkeit, keine Göttlichkeit! Und wie Mühl-Rosse konnten die Rechtsgelehrten aus ihrer Mühle: dem Rechte keinen Ausgang finden, weil barbarische Römer, Republik-Männer ohne Herz und christliche Liebe — die sie noch nicht haben konnten bis Christus erschienen, auf ihnen schädliche Verbrechen den Tod gesetzt; weil Jemand schlecht geboren: ihn zu hängen, weil er schlecht erzogen: ihn zu rädern, weil er verführt, verwöhnt, verloren: ihn zu köpfen. Da erschien fortan und auf immer die Quelle aller menschlichen Gesetze. Wen hat, oder wen hätte Christus kreuzigen lassen, wenn Er am Palmensonntage König der Juden geworden? Selbst keinen Juden! Keinen Pharisäer — er lehrte sie, denn Er war Christus und ist noch Christus, der Herr aller Herren auf Erden. Und Wer sich zu Ihm bekennt — ein Jeglicher soll gesinnt sein, wie Jesus Christus auch war! Also doch wohl vor allen andern: Papst und Jesuiten, Könige und Räthe, Gesetzgeber und Richter. Unfehlbar! unerläßlich! Furchtbar, wenn nicht unfehlbar! Unerläßlich, wenn nicht unerläßlich! Wann wird Petrus aufhören, Christum zu verleugnen? oder wer statt Petrus es thut! Wann werden Christen anfangen: Christi Gesetze zu Gesetzen zu machen, da doch das schauderhafte Parlament in Frankreich durch einen eigenen Beschluß Gott erlaubte: Gott zu sein! und dieser Gott sprach: Dieser ist mein lieber Sohn, Den sollt Ihr hören! und dieser sein Sohn sprach: Was heißet Ihr mich aber Herr! Herr! und thut nicht was Ich Euch sage? — Jetzt aber kniet Alle nieder, und betet ein inbrünstiges Vaterunser für Alle, welche — sie wußten nicht was sie thaten — Menschen hängen, köpfen, rädern, spießen, mit glühenden Zangen zwicken, mit Pferden zerreißen ließen, oder selber zerrissen, es war nun zur Ehre Gottes, oder zur Rache für Menschen. Kniet und betet! ich bete still mit Euch! — — — — Und nun hört das Göttlichste, was auch Christus gesagt hat, als das Furchtbarste in dieser Welt; hört, was Er sprach: „Wenn aber des Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle heilige Engel mit ihm; dann wird Er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit. Und werden vor ihm alle Völker versammelt werden — (auch Jene, welche die armen sündigen Menschen enthaupten, verbrennen und mit Pferden zerreißen ließen). Und Er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Und Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, und die Böcke zur Linken. Da wird denn der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das Euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. Denn ich bin hungrig gewesen, und Ihr habt mich gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und Ihr habt mich getränket. Ich bin ein Gast gewesen, und Ihr habt mich beherbergt. Ich bin nacket gewesen, und Ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und Ihr habt mich besuchet. Ich bin gefangen gewesen, und Ihr seid zu mir kommen. Dann werden ihm die Gerechten (oder Gerichten) antworten, und sagen: Herr, wann haben wir Dich hungrig gesehen, und haben Dich gespeiset? Oder durstig, und haben Dich getränket? Wann haben wir Dich einen Gast gesehen und beherberget? oder nacket, und haben Dich bekleidet? Wann haben wir Dich krank oder gefangen gesehen, und sind zu Dir kommen? Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch: Was Ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr Mir gethan. — Und nun seht, auch Jene, die geköpft oder köpfen lassen, verbrennen, rädern, mit glühenden Zangen zwicken, mit Pferden zerreißen. — — Wem, ich frage, und Gott sagt es: Wem haben Sie das gethan? mir schaudert die Wahrheit zu legen! aber mit Schaudern sag’ ich die Wahrheit: sie haben es Gott gethan, denn Mir habt Ihr es gethan, spricht Christus. Ihr aber verstummt vor Entsetzen, und betet noch ein inbrünstiges Vaterunser! — — — — Und nun steht auf von Eueren Knieen! denn —

Zehntens, begrüße ich Euch: So seid denn aufgenommen durch die Gnade des Königs in diese große, freie Lancaster-Schule! Er läßt seine christliche Gnade über das alte heidnische Gesetz walten, an denen, die das Gesetz nicht, sondern die Menschheit beleidigt haben; in ihrem Namen hat Er Euch vergeben, und ließ Euch nicht an einem — wohlfeilen — Stricke in eine andere Welt fahren, nein, im Schiffe in das neue Leben, wohl versehen, wohl bewirthet, wohl empfangen und eingerichtet, in ein schönes Land wie Elysium, einen einsam gelegenen blühenden Genesungsgarten. Daß er Millionen kostet, bedauert Er nicht, da das kranke Kind dem guten Vater Ersparniß zum Verbrechen macht, da Ihr die Verwundeten im Kriege des Lebens seid, in dem das Menschengeschlecht wie ein unermeßliches Heer in ewigen Kämpfen dahin zieht, die eben so viele unsterbliche Siege sind. Daran erfreuet Euch hier, einsam genesend und lernend, aus der Ferne. Die Erde ist das echte Vorbild auch dieser Lancaster-Schule, wo ja Einer den Andern erzieht, lehret, pfleget, warnet, heilet, ernähren hilft, und wieder von ihnen beschützt, genährt und geliebt wird. — Die Erfindung lag so nahe! Aber sie war zu einfach und groß, und das Nächste ist oft das Fernste, weil reine helle Augen dazu gehören, es zu schauen, und eine vorurtheilsfreie Seele, von keiner Gewohnheit, von keiner Furcht, nur von Liebe eingenommen. Benutzt diese Schule wohl! Duldet, ehret, warnet, lehret, liebet einander. Gleicht nicht dem übrigen Menschenvolke, wo Einer den Andern vor einer ihm oder den Nebenmenschen schädlichen That nicht warnt, ihm zu einer guten nicht hilft, ihn durch Handel und Wandel, durch Streit und Rache in Krankheit, Armuth und Elend, in Haß und Verachtung rennen läßt, wenn er ihm vielleicht nicht die Grube selber gräbt! Welche aber das wissentlich thun oder auch nur geschehen lassen, denn die Sünde der Gleichgültigkeit gegen Böses und Gutes, und die daraus quillende Unterlassungssünde ist die unverzeihliche Sünde gegen den heiligen Geist — die wird der Gewissensrichter dereinst aus dem Himmel in die Hölle exportiren lassen, wie Diejenigen von Euch Deportirten, die unverbesserlich sich stellen oder scheinen — das sag’ ich der Menschheit und Gott ihrem Künstler zu Ehren — Exportirte werden, Verlassene, Ausgesetzte ohne Weib und Kind, ohne Rath und That, auf wüstem Eiland! Aber weil Gott will, daß Allen Sündern geholfen werde, darum —

Eilftens, stelle ich Euch Euer Ziel: Sittlich, und bürgerlich frei und selbstständig sollt Ihr werden — statt furchtbar: fruchtbar, statt ehrlos: ehrbar, statt nichtswürdig: vielwerth! Mein Gott! Ihr sollt ja Nichts, als Euch den Hudeleien der Menschen entziehen durch gehaltenes Leben; den Plackereien der Richter, Constablen und selbst der Gesetze, durch Schuldlosigkeit; den bösen Gläubigern und unbarmherzigen Mahnern durch Schuldlosigkeit; allen Zwischenhändlern zwischen Menschen und Satan, die das Himmelreich aufhalten sich niederzusenken, wie die glühende Wüste die fruchtbare Wolke über sich weg jagt, durch stillen Wandel nach menschlichem Ziel. Und verlangt keinen Lohn dafür: daß Ihr gut seid; der Strebende wäre unvernünftig und vorlaut, der richtig Wandelnde unbescheiden, ja frech, nicht klar über sein Glück im Herzen und durch sein Herz! O Himmel! der Himmel hört es und sieht es: Der schönste Lohn des Lebens ist das Leben, das reine menschliche Leben, und ferner sich liebend und glücklich zu fühlen. Das macht die Menschen geringe, wie man sie vielleicht haben will, legt sie an irdische Ketten, und prägt ihre unsterbliche Seele mit dem Bilde des Kaisers, nicht Gottes, daß sie wegen ihrer Pflicht gelobt und belohnet — abgelohnet — werden, und mit Dingen, die kein Lohn, sondern oft nur Fröhnung der Eitelkeit und Verführung des Sinnes vom Leben sind, zu stolzer Erhebung über den Bauer im Kittel, der statt des Ordens darauf, ein redliches Herz darunter trägt und mit herzlicher Gnüge arm und ungeachtet ist. Aber — ein Feld es zu bauen, ein Haus zum wohnen, ist nur der Ort und das Mittel zu leben und zu wirken, und das gönnet Se. Majestät Jedem von Euch, der es aus reinem Drange zu echtem Leben, bedürftig, der mündig ist, und frei vom Gesetz. Die es aber noch nicht fähig sind, diese leben bei Andern, welche sie getreu zu leben lehren. Das ist eine Strafe, die den Menschen besser macht, das ist ein Lohn, der dem Menschengeschlecht ertheilt wird in Euch. Denn was schaden denn eigentlich alle Vergehen und Verbrechen, warum sind sie so nachtheilig, daß man glaubte, sie sogar mit dem Tode, dem ganz außer Thätigkeit Setzen des Fehlenden bestrafen zu müssen? (denn dem zu schwer Bereuenden die Last des Lebens abzunehmen, ihm aus Liebe, aus Hülfe für seine zerrüttete Seele den Tod und den Himmel zu geben, ist wohl in keines Henkers Herz gekommen;) — Das schaden Vergehen: der Verbrecher raubt sich und Andern die Zeit und die Mittel zum wahren Leben, zum arbeiten, froh und gut zu sein. Denn die Zeit ist das unschätzbareste Material dessen wir bedürfen, und nichts anderes als Zeit, wenn wir es recht verstehen, bedarf die ganze Welt! und auch Ihr nur: Euch zu bessern, ich: Euch zu lehren. Wenn aber Andere meiner Amtsgenossen ein halbes Stündchen am Sonntag lehren, und die übrige Woche die Menschen wenig erbauen, und wie unsichtbar sind, so will ich alle Werkeltage über von Morgen bis Abend bei Euch sein, daß Christi Wort Euer täglich Brot wird, und am Sonntage wollen wir unser Herz und unsern Sinn erbauen, als den Tempel Gottes und der seid Ihr!

Zwölftens bete ich: Der Herr segne Euch und behüte Euch! Er sei Euch gnädig, und gebe Euch Frieden!“ —

* * *

Das war eine Casualpredigt, ganz ad homines! Zu Anfang einschneidend, wühlend wie nach der Kugel in der Wunde, nach dem Pfahl im Fleisch; dann schmerzlindernd, tröstend, erhebend, zuletzt Balsam aus Mekka, Wein aus Bethlehem. Es war große Bewegung unter den Deportirten! Der Geschworne, Herr Wardrop, gab Zeichen großer Herzensangst von sich. Der Fleischhauermeister Cornbull griff mit der Hand in die Tasche; sein blinder John rollte die Augensterne, und wollte gern den Prediger sehen! Limmerik nannte ihn einen Mammuths-Pfarrherrn! Herr Tydal blickte gerührt auf meinen Hund Phylax, der auch nicht fehlen wollen. Alle waren bewegt, nur die Weiber waren — geputzt; wie die Weiber sind.

In der Kirche hatte Clarke seinen Vetter, den Maler Tydal herausgefunden, und sie gingen dann beide Hand in Hand hinaus in die Gefilde, um die schönsten Aussichten für ihre Landschaften aufzusuchen. Sie wollten sich nach acht langen Tagen wieder genießen, und ihre Leiden klagen, sagte Herr Tydal mir lächelnd, worüber Clarke die Augen niederschlug. Ich konnte dawider nichts haben, und blieb allein mir selbst überlassen; aber es that mir weh. O, was ist ein Freund in der Fremde für ein Schatz! Mittheilung des Neuen, Erinnerung des Alten, Vergleichung der Heimath und der Fremde, und jeder Genuß wird durch ihn erst recht lebendig. Einen Freund in der Ferne neben uns — und wir sind nicht entfernt, nur wie entzaubert auf einen Tag! Und wieder in der Heimath haben wir an ihm die Fremde! Er hat ihren Duft eingesogen, wie die Veilchensteine auf den Gebirgen; er glänzt von ihrer Sonne, wie der Bononische Stein. Er hat gesehen, was wir gesehen; und wenn wir ihn daheim betrachten, können wir wähnen, er sehe das Alles noch, und wir stünden nur abgewendet, mit dem Rücken gegen die sonnige Landschaft. Aber mit einer Geliebten reisen, dächt’ ich, müßte dasselbe, und noch ganz etwas Seligeres sein, vorzüglich, wenn sie dann in der Heimath unser Weib ist. — Armer Lambton! es giebt so viel reine Seligkeit in der Welt zu genießen, die so heimlich, und doch so gewiß vorhanden ist — wem sie gewährt wird. Aber die Gesegneten beschreiben sie nicht einmal uns andern armen Menschen — sie genießen sie nur. Ich denke immer: noch kein Glücklicher hat ein Buch geschrieben, höchstens einen Brief. Darum machen die Bücher auch nicht glücklich, sie zerstreuen bloß die Gleichgültigen oder Unglücklichen; nur das Leben beseligt. Wer nur recht leben könnte! Oder wem nur das beste Glück des Lebens gewährt würde — wenn Ich es nennen sollte, ich nennt’ es nach meiner Art: Lisanna! Hätt’ ich dann nicht Alles, was Ich mir wünsche? und ich weiß ja die Stelle auswendig:

Der, wer des Lebens beste Güter hat, Begehre nicht die kleinen auch zugleich! Im Großen und im Ganzen segnet’ ihn Ein Gott; und macht die Sonn’ ihm hellen Tag, Was soll ihm all’ der kleinen Kerzen Schein!

Des Armen bestes Gut ist Wünschen und Hoffen. Hab’ ich doch nun mein eignes Bett: von Lisanna berührt, und kann unbemerkt und ungestört träumen und weinen — wenn Clarke die Nacht seufzt, ja stöhnt. So lange Er seufzt, bin Ich glücklich! Wenn er nur auch weinen wollte! dann könnt’ ich lachen — aber ich würde nicht!

Weihnachts heiliger Abend 1820.

In Altengland ist heut’ Christbescherung, und die Christkinder — — wer sie wohl eigentlich sein sollen! wohl gar — — oder doch Engel — sie schweben mit ihren großen goldenen Flügeln und Kronen in dem sternehellen, blinkenden Winterabend, wie von den Sternen hernieder, um die Hütten der Menschen, und treten mit ihrem himmlischen Gruß hinein zu den Kindern, mit ihrem Körbchen mit Geschenken voll eigenen Duftes; und die Kinder weinen vor heiliger Scheu, und verstecken sich hinter der Mutter. Auch die arme Lady Theano wird vor dem Christbaum sitzen und weinen und Marion wird ihr Alles bescheren — nur ihr Kind nicht, das arme schöne Kind! Daniel ließ sich niemals nehmen, den Knecht Ruprecht zu machen, so gern ich es neben Marion gewesen — gewesen! Nun hat er freien Platz. Nun freut Euch nur in Rowlandhill mit Schneebällen — hier blühen die Schneebälle, hier stehen die Gefilde in voller Pracht; ja, das Jahr schickt sich gemach zur Ernte. Auch diese Vergleichung mit Sommer und Winter, dieß süße Wissen, daß beide zugleich sind, dieß Hinüberempfinden und Herziehen im Geist, ist eine von den so heimlichen, und doch so gewiß vorhandenen Freuden in der Welt. Ich muß mich auch an solche halten. Andere habe ich keine erlebt. Doch stille Wunder giebt es hier viel. Wenn ich hier wieder durch Blumen und blühende Pflanzen ziehe, die mir bis an den Gürtel reichen, wähn’ ich wieder: ich bin ein Kind, wie einst, als sie mir um die Brust leuchteten! Aber sie waren mir nur so groß, weil Ich so klein war. Denn, wenn ich neben meiner Mutter einzigen Ziege stand, war sie höher als ich; selbst die Lilie war größer als ich, ich mußte sie beugen, um in den Kelch zu sehen, und zu riechen. Es ist ganz richtig, daß jeder glaubt, eine Welt verloren zu haben, wenn er kein Kind mehr ist; ich glaubt’ es auch, und konnte sie nie vergessen. Das zog mich auch so zu den Kindern, daß ich lieber nicht mochte Vicar werden. Und einen Schulmeisterposten sollte man im Grunde theurer verkaufen, als eine Stelle im Parlamente; denn sie erhält uns das Paradies um uns. — Hier nun mitten in den hohen Blumen auf den unabsehlichen Wiesen fand ich, Kinderloser, jene erste, liebliche Welt nun wieder; ich bin wieder im Jugendlande, im Paradiese. Froh in ihm wandelnd, habe ich ein Herbarium vivum angelegt, und nicht aus dem Grunde, aus welchem mir Doctor Toland freundlich dazu gerathen, scilicet in England ein groß Stück Geld dafür zu lösen! Ich lege die Blumen und Pflanzen nur sauber in die Bogen, schreibe die Zeit dazu: wann, und die Gegend, wo sie blühen, ob hoch oder niedrig, feucht oder trocken, und sammele ihren Samen unter Nummer einer jeden. Den Namen weiß ich kaum von Einer; ich glaube, sie haben auch keinen, wie Findelkinder; wer sie findet, benennt sie. Aber das untersteh’ ich mich nicht, weil ich es nicht verstehe. Es muß aber nicht gut sein, die Namen schöner Blumen zu wissen; denn wenn ich welche bringe, und Dr. Toland Eine oder die Andere sieht, sagt er nur: Aha, das ist diese oder jene — — perennis, diese oder jene palustris; dann hat er Alles gesagt, und läßt die Blume Blume sein! Mir aber stehen noch die Augen auf ihr fest, und gehen mir über. Behüte doch Gott jede Blume vor einem Namen! Ich glaube, es wäre auch besser, wenn die Menschen keine hätten, besonders keine Titel, z. B. Schulmeister. Die Leute sprechen dann nur wie Doctor Toland: Ah, das ist der und der — und kehren Einem den Rücken, wie Mistriß Distreß, ohne zu denken, daß man ein Mensch ist, zuerst und zuletzt! Und die Rücken gefallen mir einmal nicht, weder an Frau noch Mann; sie sehen alle aus, wie Bracteaten auf einer Seite geprägt.

Clarke hat Sir Samuel gemalt, und so getroffen! Die hohe gefurchte Stirn, die zusammengezogenen Augenbraunen, das düstere und doch feurige Auge, den Mund so bitter lächelnd. Das Bild ist darum fast ganz Sir Samuel, weil es auch nicht spricht. Ich dächte, man könnte nur einen Todten im Bilde ganz ähnlich finden, weil er uns in der Erinnerung lebt, und das Bild auch nur Eine Miene, Einen Augenblick darstellt. Das ist das Elend der Bilder! Man sollte tausend von jeder Landschaft, von jedem Menschen haben, nur ein Jahr betrachtet, wenn sie noch hinreichten! Auch die alte Russel hat er verdoppelt, und nennt sie einen schönen Kopf! Wenn man sie lieber könnte ein gutes Herz nennen, wär’ es für uns Alle besser; und doch versteht sich die alte Hexe auch auf Malerei, und giebt ihm Rath; und als ich mich mußte malen lassen, gab sie mir die Stellung, und ich mußte sie beständig ansehen, während sie strickte. Ich konnte den schönen Kopf nicht an ihr, oder auf ihr finden, besonders da Lisanna hinter ihr stand, wie die Rose auf dem Dornstrauch. Doctor Toland hat die Bilder in der Stadt gezeigt, und Clarke’s Glück ist gemacht. Alles will sich malen lassen, und den Seinigen nach England senden. Die Hoffnung bezahlt der Mensch am theuersten, und so verdient er viel. Sir Samuel hat ihn auch von den Lämmern genommen, und ich weide allein meine Unverbesserlichen. Clarke hat Lisanna’s Bild, das er noch vollenden zu müssen vorgiebt, auf unser Zimmer genommen. Es hängt über seinem Bett! Dadurch seh’ Ich es freilich besser — ach, und seh’ auch, daß es sein ist, und Sie vielleicht bald dazu. Denn Sir Samuel befördert nicht ihr Beisammensein, das sei ferne — er kümmert sich so gut wie gar nicht um das Glück oder Unglück des armen Kindes; und die Russel — verkaufte sie sogar, wenn van Diemensland von französischen Schiffen besucht würde! Am Ende muß ich Lisanna’s Schicksal segnen, wenn sie nur noch Clarke’s Weib wird! O Himmel, Lambton! Letzthin besah’ ich Clarke’s Blätter in seiner Mappe während seiner Abwesenheit, und fand zwei Gedichte hineingeschoben. Wer malen kann, kann am Ende auch dichten, oder vielleicht gar schon vor dem Malen. Ich trau’ es ihm zu: denn welche schöne Hand schreibt er, so gleich und leicht, als wenn er nie einen Apfel aufgehoben hätte. Ich schrieb sie mir ab. Das Erste „Gemeinsamer Stoff“ überschrieben, lautet — ja wirklich, es lautet mir immer in den Ohren:

Wenn ich die Rosen seh’ im Mondenschein So dämmernd blühn wie Er, und ihr Gedüft Mich würzig anhaucht, so wie seines — wenn Die Stillgeliebte mir so sanft daherkommt, So Licht-beglänzt, wie Nachtgewölk am Himmel, Mir ihre Stimme bang und reizend klagt, Wie Nachtigallen im Gebüsch; wenn Ihr Im schwarzen Haare nun Johanniswürmchen, Die Ich Ihr in die Locken eingestreut, So golden schimmern, wie die goldnen Sterne, Wenn Ihr die Thränen auf den Wangen schimmern, Die sie um mich geweint, wie Thau auf Lilien — Dann scheinet mit Entzücktem Alles, Alles, Die Rosen und der Mond, die Nachtigallen, Die Feuerwürmchen und die Sterne, ja Die schlummernde Geliebte, und ich selbst Mir nur aus Einem Stoff gewebt, und Alles Scheint mir so selig, wie ich selber bin! Ich küsse dann die Rosenknospen, statt Der Lippen meiner hold Entschlummerten! Küß’ Ihre sanftgeschloßnen Augenlieder, Wie das Gewölk, das leicht den Mond bedeckt! Und wenn Sie mich an ihren Busen drückt, Geschieht mir, als umarmte mich Beglückten Die heil’ge Nacht! die schöne Frühlingserde!

Es trifft Alles zu: Lisanna’s schwarze Locken, die großen Blumenglocken-artigen Augenglieder, die Lippen wie Rosenknospen, und auch die Johanniswürmchen fliegen jetzt! Aber das folgende Gedicht zeigt schon von früherer Vertraulichkeit: denn der Nordschein blühte ja gleich die ersten Wochen, als wir hergekommen. Ach, wehe Dir, Lisanna, wenn es nur nicht auch von genauerer, vielleicht sogar verbotener zeugte. Aber, daß sich die Verliebten solche Gedichte geben! Ich schämte mir die Augen aus. Aber Clarke malt auch Manches als von hier, was ich doch nirgends hier gesehen habe. Doch ach, Lisanna spinnt ja, sie hat ein kleines Stübchen! Der feine Flachs, der Berg, die alten Weiden — o es trifft Alles! Ich will es mir zum Jammer herschreiben, das Gedicht, wenn es eins ist, — vielleicht auch nicht!

Wir mochten endlich eingeschlummert sein — Doch Traum und Schlaf sind göttlicher Natur, Und kennen selig nicht das Maß der Zeit! — Da stieß mich leise die Geliebte an, Und zeigte mir der Morgenröthe Glanz, Die wallend in das freundliche Gemach Wie eine Rosenflut vom Himmel floß; Und blinkend schien das reinliche Gefäß Vom Simms der Wand und schattete sich ab; Und glimmend, und doch nicht entlodernd, schwamm Im kühlen Feuerglanz der feine Flachs Geröthet, und die Spindel eingetaucht, Womit die Liebliche des Abends spann, Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt, Daß selbst die Spinne an zu weben fing, Ihr Tagewerk beginnend, und der Hahn Erregte laut die ganze Nachbarschaft Und alle krähten rings den Morgen an. Da trieb Sie mich mit bangen Küssen fort, Und ich, der ich nicht bleiben konnte, ging, Noch oft zurückgewandt zum kleinen Haus. Der Sonne wartend, steh ich auf dem Berg’ Nun einsam hier, und sehe ganz erstaunt Das Morgenroth erbleichen und gemach Und allgemach erlöschen, aber nicht Und immer nicht die Sonne mit dem Blitz’ Erscheinen! ja dagegen treten leis’ Die größeren Gestirne wieder vor, Und selbst der kleinen Silberflimmer blinkt Aus lichter Bläue; rauschend flammt der Wald, Denn feurig geht der Vollmond gar nun auf! Die Lerche, die schon an zu singen fing, Steigt wieder stumm, getäuscht und wie beschämt Vom Himmel nieder in die junge Saat! Bang ächzend schwirrt die Eule wieder um, Die alte Weide leuchtet wie ein Geist, Und nach der Sterne Stand ist’s Mitternacht!

Ist’s nicht genug, daß Menschen Liebende So oft beleidigen? — Nun fängst du selbst, O Himmel, sie zu täuschen an, und schickst Als Irrlicht gar das schöne Nordlicht mir?

Das war ein Schweres! Ja „Nordlicht“ ist es auch überschrieben. Aber ich stehe mit meinem Kopfe für Lisanna, daß sie ein Engel ist, an Reinheit und Liebe. Ach, ich hab’ es da selbst gesagt: an Liebe! Auch die Engel lieben, und sollen ja lieben! Wenn man nur nicht auch die Engel lieben müßte! — Doch dabei will ich ein redlicher Schulmeister bleiben, und ihr in der Sonntagsschule das sechste Gebot so treulich erklären, als wenn sie mein Weib werden sollte. Und wenn mir Gott Kinder und Halberwachsene genug zuschickt, nimmt mir Sir Samuel auch das liebe Vieh und die Kälber ab, wie Clarken die Lämmer, was wohl darum geschah, weil er sie immer nur hingejagt, wo schöne Aussicht war, bis auf die höchsten Berge, wo Tydal saß. Aber auch auf Clarke möcht’ ich trauen! Ich seh’ und hör’ ihn selber so gern! Er ist lange in London gewesen, und weiß tausend Dinge Lisannen und den malayischen Mädchen zu erzählen, und ich nicht einmal viel von Rowlandhill, wo ich nur erst zwei Jahre Schulmeister war. Was erfährt der in der Schule? Die Kinder wollen von ihm erfahren, und das Wenige, was ich von Lady Theano und Sir Horazio etwa weiß, hatte mir die Russel in einigen Abenden schon abgefragt. Ja Clarke gefällt auch den Männern durch sein feines Aussehn, welches sie ihm doch nicht beneiden! Er ist so gewandt, so angenehm, und mischt, mit ungewöhnlicher Höflichkeit von Mann gegen Mann, oft sogar kleine Schmeicheleien für sie mit ein. Freundlich gegen den Geringsten, hülfreich selbst den Weibern in der Küche, und Miß Lisannen beim Sticken einer Geburstagsweste für Sir Samuel, wozu er ihr Blumen gezeichnet, ist er der Liebling im Hause. So rohe Scherze wir anfangs von den Hausgenossen, vor allen aber von dem frechen kleinen buckligen Hobday über die Mädchen, und selber Lisannen, anhören mußten, und so sehr ich mich bestrebte, in ihrer unvermeidlichen Gesellschaft nichts aufkommen zu lassen, was mich als Schulmeister oft zwang, brummend fortzugehen: so muß ich doch Clarke die Ehre geben, daß Er durch seine glückliche Unterhaltungsgabe, durch die Gegenstände seines Gesprächs, durch Abbrechen desselben und Hinwerfen eines neuen, endlich — wenn auch nicht das schöne Gefühl der Schamhaftigkeit in Hobday und Consorten erweckt, doch eine gewisse Scheu in seiner Gegenwart ihnen aufgelegt hat, deren Gewohnheit sie bändigt, auch wenn er nicht da ist. Das freut mich um Lisanna’s willen, die ganz unglücklich wäre, wenn Sir Samuel und Frau Russel nicht beständig wegen ihr uneins wäre, so daß Eines von ihnen sie immer niederdrückt, wenn das Andre sie aufrichtet. Was ich mich nicht getraue, aus falscher Schamhaftigkeit, thut Clarke: er tritt auf ihre Seite! Dafür segnet ihn der Herr sichtbar. Er ist ordentlich dick und fett geworden, als sollt’ er hier Mayor werden. Ich würde es dem gesunden Klima zuschreiben, wenn Ich nicht hagerer und blässer würde! Aber auch Er sieht dabei blässer und bekümmerter aus. Auf einem dicken Bauch steht also nicht immer ein fröhliches Haupt. Er läßt sich auch verlauten, er wolle sich in der Stadt wo einrichten. Frau Russel, der er gefällt — und wer der Mutter gefällt, den soll gewöhnlich die Tochter heirathen — hat ihm, horribile dictu, Lisannen angetragen! Und er macht Ausflüchte! Sie ist ihm wahrscheinlich zu arm. Mir sollte sie das versuchen! Ach, und doch wie unglücklich würd’ es mich machen, wenn mich Lisanna liebte — dann ginge erst meine Noth an. — Sprachbemerkung: „Anna“ darf in Compositis niemals voran stehen, denn wie schön klingt Marianna! und wie häßlich Annamarie! wie hübsch, wenn Rose vorn steht, und Anna hinten: Rosanna! und wie garstig Annarose! Wie lieblich Lisanna, und wie abscheulich . . . . . ! und so ruft doch die Russel Lisannen, wenn sie ihre Laune gegen sie hat, und sie ist doch immer so schön, so geduldig, mit Einem Wort: Lisanna!

Osterfeiertage 1820.

Was ich heut’ einzutragen habe, das geht zu weit! und kann doch noch weiter gehen! Es waren Handelsschiffe angekommen, um Producte von van Diemensland zu laden. Da hatten wir denn viele Tage Schlachtvieh und Schafe herbeizutreiben und zu schätzen, Wolle zu wiegen, Häute zu zählen, Schinken und geräucherte Zungen aus der großen Rauchkammer zu holen und einzupacken, und Mehl zu messen. Darauf war Sir Samuel, der sich immer Geschäfte macht, um nur nicht an sich zu denken, auf den Seekalbfang in die Bassestraße geschifft; auch Tydal war mit seinem Schutzherrn fort, und Doctor Toland regierte das Haus. Clarke hatte eine bestellte Landschaft: die Gegend um einen Meierhof, und ich begleitete ihn Sonntags nach Mittage dahin, als grade wieder solche Beleuchtung war, wie er brauchte. Das Haus stand noch unbewohnt, rings umher war mit leichter Mühe und ohne Kosten der fruchtbare Boden urbar gemacht, indem man nur das wuchernde Gras und die köstlichen Blumen abgebrannt! Das macht mir den Ort schon verdrüßlich. Er malte auf einem großen, aber eben nicht hohen bemoosten Steine. Ich sah in die Gegend. Ganz von weitem erblickt’ ich Lisanna und Doctor Toland, welche kamen — Herrn Clarke zu besuchen. Ich hatte nun freilich keine Augen für sein fertig werdendes Bild.

Nach ziemlich langem, verdrüßlichem Schweigen sprach er zu mir: „Freilich, wenn man die beste, gelungenste Landschaft, die der Geist der Erde, wie Tydal sagt, durch die Maler gleichsam ein zarteres kleineres Mal nachgeschaffen hat, mit diesen natürlichen Landschaften hier vergleicht, so kann man nur unsern Herrgott für einen Meister halten! Menschliches Wesen ist Schülerwerk; und doch versteht man nur diese schöne Welt als ein großes Kunstwerk, vollendet ausgeführt bis auf die feinste Ader im kleinsten Blatte, und das schimmernde Sandkorn, wenn man versucht, durch Kunst das so nachzumachen. Die Kunst schließt den Künstlern den Geist auf, und die Natur; Kunstwerke aber dann wieder den Menschen. Damit muß ein Vernünftiger zufrieden sein, wenn auch keins seiner Werke nur die entfernteste Aehnlichkeit mit den lebendigen leuchtenden Werken der Natur hat — in denen man spazieren gehen kann — keins seiner Marmorbilder dem Meisterstück der Natur, dem schönen Menschen, gleicht — das mit uns reden, uns lieben kann — nicht das wärmste frischeste Gemälde seinem Urbilde. Dazu sind sie auch nicht; sie stellen nur vor, was man in sich tragen muß, um sie nur zu erkennen. Denn auf dem Bekannten beruhen sie, gleichsam in den Himmel aus einem Prisma hinausgestellt, wie der Regenbogen beruht auf Wolken und Sonne.“ —

Dabei that er etwas stolz. Ich fragte ihn nur in aller Unschuld: Hat denn nur der die Gabe, die Natur zu verstehn, der sie wieder darstellen kann, der Künstler? Sind nur die Künstler die Glücklichen? Aber ich kunstloser Mensch verstehe doch Gedichte, auch zur Noth ein Gemälde, und wer Kunstwerke versteht, sollte doch die Natur weit leichter verstehen, Clarke! — Das kommt mir vor, sprach er, wie einen Goldfasan mit Federn eher essen zu können, als einen gebratenen, Lambton! —

In der Rede sieht man kein Komma, und sie klang mir gar zu besonders! Doch sagt’ ich ihm nun, wie ich denke: Ich halte den Menschen für unglücklich, der keinen Sinn, keine Fähigkeit hat, Gottes Werke selbst aufzufassen, und so arm ist, ihren Anblick, ihre Fassung zu betteln beim Künstler. Liebe als das Mittelbare ist mir das Unmittelbare, das allen Menschen unendlich schöner, reicher, neuer und umsonst Gegebene, nur um den Gang, nur um ein Weilchen Harren! Und erst die stillen Wunder der Pflanzenwelt, nur die Staubfäden, den Staub, den Schimmer und Glanz! Wie Wenige sehen, was Allen da ist! Von Felsen stürzen, schäumen, oder hoch ragen, ja Feuer speien muß, was sie locken und rühren soll. Eine einzige Blume ist ein Weltwunder — aber sie ist vielmal, ist immer wieder da, sie kostet kein Geld, der Mensch hat sie nicht gemacht, sie ist nicht — gemalt! —

Man will also doch auch gemalte Natur, spitzte mich Clarke, und von diesem Wahne leben wir Maler! Es muß etwas dahinter sein, sonst verhungerten wir! —

Aber ich hoffe von den Menschen, versetzt’ ich ihm, wenn Jederman: Hausflur, Saal und alle Zimmer bis auf den Boden wird voll Gemälde haben, daß er sich dann wieder hinaus in’s Freie begeben wird, um das ihm selten Gewordene zu sehen. Ich — ich bleibe gleich lieber draußen! —

„Freilich, wer mit der Natur selbst verkehrt, wer ihre Morgenröthen, ihre Abendscheine, die Frühlingserde, die bunte Herbstlandschaft oft bestaunt, als Gotteswerk, wie Ihr, guter Gottesmann Lambton, und dabei ein armer Schelm ist, für den mal’ ich keine Gemälde.“ —

Ihrentwegen, sprach ich über die Anspielung auf meinen Beutel ärgerlich, miß’ Ich wenigstens niemals den Sonnenaufgang, oder das unheimliche Helldunkel der Sonnenfinsterniß, die selige Ahnung bei Mondverschattung — oder das feurige „Nordlicht!“ Ich verließe gern die kleine Hütte des Nachts um — — — „Das Nordlicht!“ wiederholte Clarke, und erröthete, als wenn es ihn eben anglüh; ach, das Nordlicht! seufzt’ er, und senkte sein Kinn auf die Brust. —

Getroffen! dacht’ ich, und fuhr fort: Nicht um alle gemalten St. Johannes- und Christus-Kinder, wollte ich missen, Ein lebendes kleines schönes Kind zu betrachten, besonders, wenn es mein eigenes wäre. —

Mein eigenes! wiederholte Clarke unruhig, und hörte auf zu malen.

Nun mußt’ ich das Schreckliche wagen und sagen: Nicht um alle Magdalenen, Marien, Annen und Lisen wollt’ ich nicht mehr Lisanna sehen! —

— „Auch Sie hab’ ich getäuscht, was wird Sie sagen? und erst Sir Samuel, Roßborn und — Patrik!“ sprach Clarke, nur eben noch verständlich vor sich hin. —

Das war die bitterste Stunde meines Lebens! Es gab mir einen Stich in’s Herz, und der helle blaue Himmel ward mir dunkel und schwarz. Unfähig, mich sitzend zu erhalten, sank ich mit dem Gesicht in das grüne Moos auf dem Felsen und athmete kaum.

Das war wohl ein Jammer! — Nach einiger Zeit hörte ich eine Stimme rufen: Clarke! Herr Clarke! — und nach einer Pause erst wieder: Lambton! Herr Lambton! o lieber Lambton! Es war Lisanna unten am Steine. Ich regte mich nicht, und nun erst brachen die Thränen mir aus, daß ich schluchzte. Endlich kam sie herauf und stand vor mir und klagte: Mein Gott, bester, einziger Lambton, was ist geschehen? Wie seht Ihr aus, blaß und außer Euch. Ihr weint!

Sie kniete zu mir, und beugte sich über, daß ihre Locken meine Stirn berührten. O! seufzt’ ich, und wollte sie wegdrängen von mir — aber sie hing mit ihrem Engelsgesicht über meinem, ihre großgeöffneten Augen schwammen in Thränen, ihr Gesicht war lilienblaß, und ihre Züge sprühten doch gleichsam Angst, Hast und Zärtlichkeit, indeß ihre Lippen bebten! Und so voll unendlichen Mitleids mit ihr, sagt’ ich nur leise: „Gehe zu Clarke!“ —

Von dem komm’ ich ja! erwiederte sie — der liegt unten am Felsen und regt sich nicht. Ermuntere Dich — ! — lieber Lambton, komm’, hilf ihm, o komme, wenn Du — — mich lieb hast — ! —

So eilte sie vor mir hinunter. Als ich ihr nachkam, kniete sie schon bei Clarke, und hielt seine rechte Hand in ihren; seine linke hielt noch den Malerstock. Gewiß war er, von Gefühlen überwältigt, rücklings übergesunken, und an dem langen grünen Grase hinunter geglitten. Mich jammerte sein und Lisanna’s! Es that ihm ja leid! —

Wo ist Doctor Toland? fragt’ ich sie, mich besinnend. —

Er ist nach Hanse gegangen. —

Hol’ ihn! mein Mädchen! —

Sie eilte fort, wie mit Flügeln.

So blieb ich allein mit Clarke, und wußte nicht, was ich anfangen sollte, ihm Hülfe zu leisten. Aus Mitleid und Angst umarmt’ ich ihn, drückte ihn, und küßte ihn auf die Stirn, auf die Lippen; mit ward so eigen! Ich band ihm das Halstuch ab — er schlug die Augen auf, und wollte mich abwehren. Ich schöpfte nun Trost und riß ihm die Weste auf, ihm Luft zu schaffen. Da fiel er wieder in Ohnmacht. Aber Er nicht — so viel sah’ ich — o Gott! ich schäme mich noch, und halte mir die Augen zu — Sie fiel in Ohnmacht, Sie, Miß Clarke — Clarke war ein Weib! Das Blut schoß mir in’s Gesicht vor Erstaunen. Dann stand ich auf, rieb mir die Hände wie thöricht — ich wusch sie mir gleichsam, um so zu sagen, in Unschuld, und vor unaussprechlicher Freude fing mein Lambton an — was er, in seinem Leben nicht gethan hat — zu tanzen. „Ho! ho! ho! Jetzt ist mit geholfen!“ rief er aus, jetzt bin ich glücklich! Gestern war das Jahr um, von dem meine Mutter sagte „wenn Du das überstanden hast — dann — dann — dann!“ — Nun! nun! nun! rief er aus, ist es überstanden. Victoria! —

Dann aber schämte er sich, Clarken so zu vergessen — ach, und das Erste, das Unerläßlichste war — er mußte ihm die Weste wieder zuknöpfen. Sie konnte erwachen und sehen, daß sie verrathen sei! ach Gott, daß er knöpfte! Lisanna konnte jeden Augenblick kommen, und sehen, was er, und daß er gesehen habe! Jeder, der jemals in eine so unglückliche Lage gerathen ist, wird seine Angst begreifen. — Aber — und so ein Aber giebt es nicht mehr in der Welt — aber wollte er Sie nicht beschämen, nicht auf immer vor Clarke beschämt stehen, mußt’ er sich entschließen. Er nannte sich zu täuschen, zu betäubst, zu beruhigen, sie seinen Clarke! Clarke! Er band sich Clarke’s Halstuch breit über die Augen, und wie er die Soldaten gesehen hatte ihre Knöpfe auf dem Knopfholz putzen, schob er Clarke’s Malerstock in die Weste, und knöpfte sie hochgehoben eilend und mit zitternden Händen zu. Das Sprichwort „was man selbst thut, ist gleich gethan,“ traf nicht bei Lambton ein. Denn er hörte schon Stimmen und Tritte sich nahen. Das war das schwerste Werk in seinem Leben, die sauerste Weste, die er zugeknöpft.

Da kam der Doctor Toland, Lisanna voraus, ihm die Stelle zeigend, und hinter ihnen, von Neugier gelockt, die malayischen Mädchen und Hobday. Lambton sagte nur eilig noch Toland, daß sie — — daß Clarke die Augen aufgeschlagen; — und als sie sich um Sie bemühten, lief er in die Felder, froh wie der König von Ulimaroa!

— Ich habe dieß Alles in tertiâ personnâ von Lambton erzählt — ganz natürlich ist mir das eingekommen, da ich es von mir per Ich! Ich! Ich! aus bitterer Scham doch unmöglich konnte, unmöglich Mich zu dem närrischen Menschen bekennen, der ich, oder er, da war; denn ich bin’s ja nicht mehr, und war es vorher nicht! „Ich“ wird siebenzig Jahr alt — der Mensch sollte alle Tage anders heißen, oder kurz weg: Anders! Immeranders! — Und doch war das der Wendepunkt meines Lebens.

Aber die Verlegenheit war damit nicht aus! Die Verwirrung ging nun erst recht an! Daß ich erst spät, spät nach Hause kam, war natürlich. Daß ich bloß an unserm Stübchen horchte, war natürlich. Daß Hobday mich anlachte und sagte: „Der Maler Clarke ist in die Wochen gekommen, und hat den Schulmeister Lambton um die Kinderruthe und die Schule gebracht“ — natürlich! so entsetzlich ehrenrührig es auch war — das heißt, Gott sei Dank nur für mich armen Schulmeister sein sollte. Aber meine Unschuld war — natürlich; Kindergeschrei — natürlich. Daß Lisanna die Hände rang, sich einschloß und schluchzte, daß ich es unter ihrem Fenster hören konnte — gleichfalls natürlich — wenn sie mich liebte! scilicet. Und daß die alte Russel alle Hände vollauf zu thun, und nicht Beine genug zu laufen hatte, war Alles natürlich! Aber unnatürlich, daß sie mir nachschrie „Ein schöner Schulmeister! ein schöner Maler! Es ist nur noch ein tausendes Glück, daß wir dahinter gekommen sind, ehe unsre Lisanna den Clarke geheirathet hat! Was daraus Alles hätte entstehen können! Nun Gott sei ewig gedankt! Man denkt, man ist in van Diemensland, in Hobarttown, wo altes Elend bloß abgebüßt wird! Aber, du lieber Himmel, es ist hier wie in Rowlandhill, in London, in England, in Europa, in der ganzen Welt!“

Ich ließ sie hausen, lief in die Nacht und in das Freie hinaus und dachte: Iliacos muros intra peccatur et extra! Aber Wer gesündigt hatte, und vielleicht extra, sc. muros schon — das wird schon zur Welt kommen, wie das unschuldige, liebe Neugeborne. Und doch that ich die ganze Nacht kein Auge zu, bloß um Lisanna, die Ich erst so ungerechter Weise mit Clarke beeifersüchtigt hatte, — besonders zuletzt auf dem elenden Steine — so gewiß es an sich möglich war! — — Aber o Gott, wenn sie nur auch wirklich über mich weinte! seufzt’ ich — Dann ist mir geholfen, und Ihr zu helfen. Ueber was weint sie denn aber sonst, und worüber kann sie weinen? Ueber — die Ausnahme von der Regel, die heut zu Tage bald die Regel ist? Ueber ein neugebornes Kind? Mein Gott, das weint ja selber genug! Aber, aber wenn Sie so schlecht ist, von mir, von Lambton, so schlecht zu denken — ach, wie ich doch schlecht genug gewesen war, von Ihr zu denken, einen Augenblick einen bösen, den elendesten Augenblick meines Lebens — wie sollte ich ihr da am Morgen vor die Augen treten? Wie sollt’ Ich ein Wort herausbringen, mich zu entschuldigen, wenn es nicht Clarke that — oder vielleicht der — Vetter Tydal! Da ging mir ein Licht auf, grade mit der Sonne, und so froh, wie sie, daß ich endlich einschlief, wie die Menschen in England, bei denen sie jetzt unterging. Man wird ganz confus in diesem Lande! Dort gehen sie schlafen, hier wachen sie auf! Ich möchte wohl wissen, wer eigentlich Recht hat?

Nun in dem kummervollen Schlafe in der Morgenkälte hatte ich wunderliche Träume auf meinem Steine; aber ich war auch wieder in England, in Rowlandhill! Ich sahe einmal die alte Anna, und die Schulkinder, und freute mich, daß mir die Glieder zitterten, und die Zähne klappten. Sir Horazio besuchte mich in der Schule, und ich machte ihm lauter gehorsame Diener. Das mußte mir wohl von dem öfteren Nicken und plötzlichen Vorfallen des Kopfes im Schlafe, im Traum einkommen! denn mich erweckte mit einem tüchtigen Stoße vor die Stirn unser großer Ziegenbock, der an mich gewöhnt, jetzt früh zu mir gekommen, mich nicken gesehen, und geglaubt hatte, sein Präceptor wolle sich heute einmal zu ihm herablassen, und sich mit ihm stoßen; und auf meine wiederholten Aufforderungen: „Butz! Butz!“ hatte er es gewiß erst mit schwerem Herzen gewagt und gestoßen! und ganz freimüthig, also tüchtig und derb-gehorsam als tüchtiger Ziegenbock. Er hatte mich auch überwunden, und stand über mir wie ein vierbeiniger Triumphbogen, mit seinem Bart, und leckte mir nun mitleidig das Gesicht, und funkelte mich mit den Augen an. Ich war ganz naß vom Nachtthau und zitterte noch vom Morgenfrost, und hatte Ohrenklingen, wie das Bild Memnonis beim Aufgang der Sonne. Daß ich meine Linden, meine Kinder, meine Anna wiedergesehen, hatte mich heiter gestimmt; daß mein untergebener Bock mich so subordinations- und respect-widrig behandelt hatte, brachte mich zum Lachen! und wer in irgend einer Lage lacht, der lacht; und der lacht, er mag wollen oder nicht, versteckt zugleich über seine ganze Lage; denn der ganze Mensch lacht, und auch weinen kann man nicht mit Einem Auge. Ich lachte und ärgerte mich dann wirklich weit weniger. Dennoch ließ ich mich nicht sehen. Denn man konnte ja — da man mich einmal schuldig glaubte, mich nun noch gar für schamlos und frech halten, wenn ich kam! und ach, auch wiederum für hartherzig, daß ich nicht nach Mutter und Kind sahe; wie es bloß die vornehmen Herren können, wenn sie ein armes Mädchen unglücklich gemacht haben. Darum wäre ich bald hingegangen! Aber Lisanna, Lisanna! Ich war so böse auf sie, daß ich sie auch bald Anneli — — gescholten hätte. Mich für so schlau, so versteckt und so verstellt zu halten, daß ich unter dem Deckmantel der Liebe zu ihr — — Aber war der Schein nicht wider mich, und Clarke’s Schönheit? Und in dem Liebes-Rechtshandel trat ein vierbeiniger hölzerner Zeuge, der für zwei lebendige Zweibeinige gelten konnte — das frühere Eine Bett — gegen mich auf; das Zusammensein, das Schwatzen mit Clarke bis tief in die Nacht. Doch that er mir leid — wie mußte ihm zu Muthe sein! Und nur das Vertraun auf Doctor Toland den Menschenfreund, und auch meinen, beruhigte mich über seine Behandlung, wenn etwa das Mädchen oder Weib — ja ja Weib, das ist mir eine Herzstärkung von ihm zu vermuthen — nun büßen sollte, was Clarke der Maler durch seine Kleidung verschuldet. Vielleicht auch nicht.

Nur die schöne Talo war mir ein lächerlicher Trost. Hatte sie sich nicht in Clarke verliebt? und hatte Clarke das sinnige arme Kind nicht manchmal mitleidig sogar umfaßt und geküßt, um sie mit geistigem Zuckerbrot zu nähren wie einen Canarienvogel mit dem wahren leiblichen vom Zuckerbäcker. Das gefällt mir jetzt allerdings von ihm. Doch verrieth ich es auch damals nicht, so sehr ich zürnte über allen Scherz in der Liebe, und warnte bloß die kindgute Talo in Lisanna’s Gegenwart, vielleicht etwas zu schulmeisterhaft; zu sehr überzeugt, daß der Scherz in der Liebe der bittersüßeste Ernst sei; denn alle großen Leidenschaften spielen mit dem Leben, und Scherz, Herz und Schmerz reimt jedes Kind zu leicht! Denn Talo, die treue Seele, fing — damals — an zu weinen! und auch Lisanna — als wenn ich Sie auch mit ihm verdächte. Und ich will mich von dem Doppelsinn meiner Warnung nicht frei sprechen! Ich hätte Talo vielleicht — schändlicher Weise — gar nicht oder doch nicht so gewarnt, wenn ich nicht Lisannen warnen wollte! Ach, die Liebe ist wohl der Grund von allen guten und bösen Gedanken und Werken in der Welt! Aber das Böse ist nur der Schatten der Liebe! man haßt den Einen nicht, man liebt nur den Andern; wie der arme Vater Brot nimmt, und seinen hungrigen Kindern bringt! Mir kommt es immer so vor, als wenn er es nur brächte; nur bringen, nicht nehmen wolle. Ich kann auf keinen Menschen böse sein, höchstens thut mir einer leid, recht leid, noch ohne daß er einmal ein Vetter von mir ist! Was muß also nicht erst der fühlen, der ihr Vater ist? Wenn Er immer die Liebe ist: Liebe! Ich getraue mich hierin Recht haben zu wollen. Mir thut es bitterlich weh, daß ich mich auf dem Steine so abscheulich mit Clarke gezankt hatte, oder, daß ich ihn doch hatte so angreifen wollen, und er es sich so zu Gemüthe gezogen, daß er sich sogar entpuppt hatte; was freilich wohl Alles auch ohne mich, vielleicht zu selbiger Stunde, geschehen wäre. Ich hatte das Heimweh so arg, wie eine Krankheit; ich durfte es haben, denn das Patrik’sche Patent-Mittel dagegen, wuchs ja für mich in Altengland nicht — vielleicht auch ja!

Ich sahe in meiner Angst schon am Morgen von der Höhe im Felde in das Meer hinaus, sahe Schiffe kommen, und erkannte zuletzt das meines Herrn Samuel! Mir klopfte das Herz; ich trieb in den dunkelsten Wald. Spät nach Mittage hört’ ich Talo’s Stimme mich rufen. Ich war in keiner geringen Verlegenheit, als ich vor Sir Samuel erscheinen sollte! Aber zur Abendmahlzeit! Was sollte das bedeuten? Talo sagte mir weiter kein Wort, denn sie schämte sich vor mir, wie ich mich vor ihr, und eilte mir voraus. Ich trieb meine Schüler nach der Hürde, langsam und zögernd. Dann schlich ich nach dem Wohnhaus. In der Hofthür begegnete mir Lisanna. Wir standen beide, stumm uns ansehend, vor einander; die Füße versagten mir den Dienst. Ich lehnte mich mit dem Gesicht an die Wand und hielt mich fest mit flachen Händen; sie schlich nur an mir vorüber. Als ich mich umsah, war sie verschwunden. Ich bedauerte herzlich, und mit gefalteten Händen, daß man die Unschuld, die Gedanken, die Liebe nicht sehen kann! Das wäre doch viel besser, und ersparte tausend, ja alle Mißverständnisse, Spione, Foltern, Inquisition und Justizmorde. Auch die Gesandten hätten es leichter. In Summa: dadurch würde eine neue Welt, eine neue Sprache, ein neues Menschengeschlecht, ja ich behaupte: Engelsgeschlecht! Dem Herrn, der so viel Wunderbares eingerichtet, der das Johanniswürmchen erleuchtet, den Diamant durchsichtig geschaffen, war die Kleinigkeit auch noch eine Kleinigkeit! Wie gute Wege den Verkehr verkürzen, so würde, wenn jede Brust ein illuminirter Telegraph wäre, jedes Geschäft viel kürzer, das Leben also viel länger sein. Auch viel süßer und sicherer! denn Jeder kennete seinen Mann, und seine Frau, Notabene. Und wie keine Frau, ja kein Mann mit Flecken im Kleide gehen will, so müßten dann Alle mit reiner Seele erscheinen. Das wäre wohl Manchem und Mancher ein Schweres, es gäbe dann wohl so viele arme Seelen — wie jetzt arme Schelme in Lumpen. Und wenn der Mensch einmal durchsichtig wäre, dann sähe man auch, was jeder im Magen hätte; und welcher Schulmeister ließe gern alle Tage dreimal seine richtigen Kartoffeln darin bedauern? Ich schon nicht! „Das allzuschwere Fleisch,“ wie Hamlet sagt, ist also recht weise den armen Seelen zum Kleide gegeben, wie die Kleider eine Wohlthat für die Häßlichen und Alten sind. Man sieht doch ein Halstuch mit Spitzen; einen seidenen Rücken, feine Casimirhosen und blanke Schuhe, statt magerer Beine &c.; wie man nun feine gefällige Rede hört, statt List und Trug. — „So“ ist gut! sagt ja Crabbe. —

Ich hatte kaum seiner gedacht, als mich der leibhafte Crabbe, wie der Wolf in der Fabel, umarmte! Ich traute meinen Augen kaum.

Ja, ja, sagt’ er lachend, Wir sind die Seekälber, die Herr Samuel das Mal mitgebracht hat! Das war ein wüstes Leben in der Wüste, wo wir mit dem Boot in der Wasserhosennacht gestrandet! —

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