Front matter (continued 2)
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Der häßliche Mischmasch mit den Tischplätzen war von Suschen und Linchen gekartet worden. Caspar hatte, nach Gustchens Anordnung neben letzterer, und Alonso, wie sich von selbst verstand, neben Hulda sitzen sollen. Casperchen aber erklärte seiner Schwester, daß, wenn er nicht neben Hulda zu sitzen komme, er gleich nach Hause fahre, und Linchen steckte Suschen, der junge Mexikaner habe sich recht bitterlich bei ihr beklagt, beim Tische ihre Nachbarschaft einzubüßen, und so hatte denn Maklers Suschen den Wechsel der Plätze eigenmächtig veranstaltet, und freute sich, dem Bruder der Freundinn und dem armen Capitain geholfen zu haben; auch Hulda, meinte sie, werde ihr heimlich Dank wissen, denn was konnte ihr an dem Amerikaner liegen, der in wenigen Tagen, vielleicht auf ewig, wieder in See stach, statt daß Casperchen sich mit seinem in London ihm zugeströmten Gelde hier niederließ, und nach dem, zwischen den beiden Müttern längst verabredeten, der armen Hulda aber noch nicht bekannten Plane, dieser ehestens seine Hand zu bieten bestimmt war.
Hulda aß, vor Unmuth über den unwillkommenen Nachbar, an dessen Stelle sie sich einen ganz andern gedacht hatte, keinen Bissen, und sprach kein Wort. Casperchen erzählte ihr von London, von seinen Geschäften und von seinem Gelde, lobte ihre schöne, weiße Haut und ihr Fleisch, und versicherte recht spaßhafter Weise, daß eine Brittinn, mit der er eine kleine vorübergehende Liebschaft gehabt habe, ihr ähnlich sehe, wie eine Schwester der andern, ließ nicht undeutlich fallen, daß er, des Herumschwärmens müde, nunmehr in den Stand der heiligen Ehe zu treten, nicht übel Willens sey, daß er, wie er sich recht zart ausdrückte, glaube, seine Hörner abgelaufen zu haben, und nun eine Frau suche, die sich in der Welt zu zeigen wisse, ihn seinen Gang gehen lasse, und dabei so hübsch sey, daß sich alle Leute wundern müßten, wie er zu der schönen Frau kam.
Hulda hörte von dem unerträglichen Gespräche keine Sylbe; sie sah links weg; schräg über, weit unten am Ende der fast unabsehbaren langen Tafel, saß Alonso; er aß und trank, als sollte er von morgen an, zeitlebens auf der Hungerinsel Kodiak hausen; man sah es ihm an, er aß und trank nur aus Verdruß. Der zudringlichen Karoline, die ihn mit tausend Fragen peinigte, antwortete er nur mit Kopfnicken oder Schütteln, denn sprechen konnte er nicht, weil er beständig entweder volle Backen, oder das Glas am Munde hatte. So ärgerlich Hulda auch war, sie mußte doch über ihn lachen; je zärtlicher ihm Karoline zusetzte, desto größere Bissen steckte er sich in den Mund; je deutlicher die Ausbrüche ihres Liebesdranges wurden, in desto längeren Zügen schlürfte er seinen Wein, so daß, als sie alle Register vergeblich gezogen hatte, und er auf alles nichts, oder höchstens ein kurzes hm, erwiederte, sie eher neben einem Kannibalen, als neben einem Neuspanier zu sitzen wähnte.
Jetzt kam — der Spaßvogel, der Herr Oberkonstabler hatte die witzige Gesundheit:
Es lebe, wer gern trinkt und liebt, Und seiner Nachbarinn ein Küßchen giebt
ausgebracht, — die Reihe an Alonso. Linchen machte die Schalkhafte; sie breitete die Serviette, wie einen Vorhang, zwischen sich und ihm, und versteckte sich schäkernd dahinter, den Sturm des liebeglühenden Amerikaners mit Verlangen erwartend. Alonso aber that, als habe er von der ganzen Gesundheit keine Sylbe gehört, und als Linchen des längern Harrens müde, den zärtlichen Schelmenblick über den obern Rand ihres Keuschheitserviettchens warf, saß er ganz ruhig und bearbeitete die gutgespickte Brust eines feisten Fasans, mit unendlichem Appetite; die Umsitzenden lachten laut, und Linchen schmollte mit dem mexikanischen Klotze, wie sie ihn nun nannte, von Grund des Herzens.
Gustchen, das am ganz entgegengesetzten Ende der Tafel saß, und in der Meinung stand, Alonso und Hulda im traulichsten Gespräch zusammen zu finden, erstaunte, als sie jetzt an des Bräutigams Arm die Runde machte, um mit den Gästen ihres Vaters ein freundliches Tischwort zu wechseln, nicht wenig, Freund Alonso hier neben Hafencapitains Linchen, und drüben schräg über, Hulda neben Casperchen zu finden. Sie fragte Alonso heimlich, was ihn bewog, seinen Platz, den sie ihm neben Hulda bestimmte, zu wechseln; dieser aber, da er hörte, daß ihm sein Recht, durch die Eigenmächtigkeit eines Dritten, gekürzt wurde, sprang auf, eilte, mit zornfunkelnder Röthe im ganzen Gesichte, zu Casperchen, tippte ihm so kräftig auf die Achseln, daß dieser noch acht Tage daran zu fühlen hatte, und ersuchte ihn, augenblicklich aufzustehen, und ihm Platz zu machen. Hulda zitterte vor Schreck am ganzen Körper, Casperchen aber sah sich um, affektirte den Unbefangenen, und that, als verstände er die sonderbare Zumuthung nicht.
Herr, sagte Alonso, seiner Wuth fast nicht mehr Meister: ich breche Ihnen hier auf dem Fleck Ihre kranken morschen Knochen in einander, wenn Sie mir nicht den Augenblick meinen Platz räumen. Zaudern Sie nur eine Sekunde, so trete ich Ihnen das Lebenslicht mit den Beinen aus. Er blickte ihm dabei so grimmig in die Augen, und griff ihm in das mürbe Schulterblatt, auf dem zufällig seine Hand lag, so gräßlich, daß Casperchen wohl abnahm, wie mit dieser Riesenkraft nicht zu spaßen sey.
Um kein Aufsehen zu machen! entgegnete Casperchen, und die Lippen flogen ihm, daß er kaum reden, und die Kniee schlotterten ihm, daß er kaum gehen konnte; und so schlich er, hinter der Tafel, die ihn fast laut bespöttelte, zur böslicher Weise verlassenen Lina, die das erbärmliche Surrogat ihres verlornen Mexikaners kaum eines Blickes würdigte.
Was haben Sie gemacht? fragte Hulda den siegreichen Alonso, mit verhaltenem Unwillen. Die ganze Gesellschaft sieht mit zweideutigem Blick auf mich; ich sitze wie am Pranger, und morgen bin ich das Gespräch aller Zirkel in der ganzen Stadt.
Was ich gemacht habe? erwiederte Alonso, bis zum Muthwillen fröhlich — mir mein Recht bewahrt, und das ist jedes Ehrenmannes Pflicht. So lange ich glaubte, daß der Wirth des Hauses mich da hinüber neben die Schmachtlampe bestimmt hatte, so lange mußte ich, als Gast, seine getroffene Einrichtung ehren; sobald aber Gustchen mir sagte, daß mir Unrecht geschah, sobald mußte der Patron, der mir schon vom ersten Eintritt in die Gesellschaft, wie Brechpulver war, wieder herausgeben, was er mir raubte; und hätte es mir, oder ihm, auf der Stelle das Leben kosten sollen, ich wäre nicht gewichen. Der Seelenverkäufer hat mir eine Stunde gestohlen, die mir mit dem ganzen Lumpenleben dieses Lurrendrehers[29] nicht ersetzt werden kann — und was die Stadt anbelangt, die lassen Sie sprechen, was sie will; sie soll hoffentlich noch mehr von uns zu erzählen bekommen; glauben Sie, die meisten Menschen, selbst in den Zirkeln der höheren Stände, die wir für die geistreichern halten sollen, wüßten oft gar nichts zu reden, wenn sie nicht über die Leute sprechen dürften. Die Stadt wird uns ordentlich verbindlich seyn, wenn wir ihr einmal etwas zu reden geben. — Hulda, setzte er ernster werdend hinzu: meine einzige, liebe Hulda, reichen Sie mir Ihre Hand, ich bringe Ihre Gesundheit aus, und die ganze Stadt weiß alsdann, woran sie ist. —
Hulda verging fast vor Todesangst, denn er griff schon zum Glase, und wollte sich vom Stuhle erheben.
Stürmisches Ungethüm, sagte sie, und wollte böse seyn, und konnte doch nicht auf ihn grollen; aber mit Wort und Blick bat sie auf das dringendste, sie nicht in diese entsetzliche Verlegenheit zu setzen. Sie haben vorhin Ihrer Eltern erwähnt, fügte sie, mit niedergeschlagenen Augen hinzu, denn sie fühlte, daß das, was sie sagen wollte, mehr, als ein halbes Jawort war, aber der Dränger — preßte er es ihr nicht durch den kecken Vorsatz ab, ihre und seine Gesundheit, als Braut und Bräutigam, ausbringen zu wollen? Mußte sie, um ihn davon abzuhalten, nicht zum letzten Mittel greifen? Sie haben vorhin Ihrer Eltern erwähnt; was würden die meinigen von Ihnen halten müssen, wenn Sie hier, ohne ihnen ein Wort gegönnt zu haben —
Darf ich kommen? wann? morgen früh? wie viel Uhr? fiel er ihr in die Rede, und küßte, vor Freude halb unsinnig, ihr die Hand bald wund.
Aber Alonso, sagte flehentlich die vom ganzen Umkreise mit Lorgnetten und Brillen Beliebäugelte: die ganze Gesellschaft sieht ja auf uns; wir sind ja nicht allein!
Wollte doch Gott, erwiederte er lachend: wir säßen auf den berüchtigten Inseln zwischen dem Nordcap Tschalaginskoi und Siberien; die sind von Rhinoceros- und Elephantenknochen zusammen gefroren; auf denen wohnt kein Mensch; dort sähe uns Niemand!
Hulda wollte sich dieses paradisische Eldorado verbitten, aber eben kam Gustchen, und meldete ihr den Wunsch des Vaters, baldigst zu Hause zu kommen, weil die Mutter wieder recht krank sey. Sie stand daher eilig auf, bat, vorfahren zu lassen, und hörte, von der unerwarteten Nachricht erschüttert, nur mit halbem Ohr, Alonso’s Bedauern, daß sie die Gesellschaft so zeitig verlasse, so wie seine wiederholte Frage, ob und wann er morgen früh kommen dürfe, und seine kaum gewagte Bitte, heute Abend noch, oder wenn dieß nicht möglich seyn sollte, wenigstens morgen ihrer Blumen auf dem Balkon zu gedenken. Er begleitete sie bis zum Wagen, und schien wohl auf einen Gutenachtkuß im Stillen gerechnet zu haben, aber, vor dem Kutscher und den zwei Bedienten mit Windlichtern und Fackeln, hatte der Schüchterne doch nicht den Muth, sich vielleicht einer abschlägigen Weisung auszusetzen.
Was sollte er jetzt noch in der Gesellschaft! er flüchtete in seine stille Kajüte, und blickte, von Zeit zu Zeit, mit der stillen Sehnsucht glühender Liebe, nach dem Balkon hinauf, aber es ward tiefe Mitternacht, und Hulda blieb aus.
Die Kindespflicht fesselte sie an das Bette der leidenden Mutter, die wieder recht krank gewesen war, jetzt aber ein wenig mehr Ruhe bekam, und nach einer Weile einschlummerte.
Der Vater winkte dem Mädchen in das Nebenzimmer.
Wie ist es gekommen, fragte Hulda ängstlich, daß Mutterchen so plötzlich wieder erkrankt ist? sie befand sich heute Mittag so wohl! hätte ich den Rückfall nur ahnen können, ich hätte ja keinen Fuß aus dem Hause gesetzt; ich mache mir jetzt ordentlich ein Gewissen daraus!
Wie ist es gekommen, erwiederte der Vater verdrüßlich: Du warst kaum fort, so ließen sich Maklers melden; ich kann die scheinheiligen Menschen, die ewig und immer die Gottesfurcht im Munde und die unmenschlichste Kälte im Herzen haben, nicht leiden, und bat, daß sie ihnen absagen lasse; aber sie meinte, daß ihr recht wohl sey, daß sie sich nach Unterhaltung sehne, daß sie die Veranlassung des Besuches schon wisse, und sie daher nur kommen möchten. Ich ging, weil ich das frömmelnde Wesen der beiden Menschen nun einmal platterdings nicht ausstehen kann, auf die Ressource, und kam vor einer Stunde erst wieder. Da rief mich denn die Mutter an das Bette, und machte mich, nach einer langen, weit ausgeholten Einleitung über die Nothwendigkeit, auf Dein zeitliches Glück nun mit Ernst bedacht zu seyn, mit dem ihr, diesen Nachmittag, eröffneten Antrage der Eltern bekannt, Dich ihrem Caspar zur Frau zu geben?
Mich? — dem Caspar? fragte Hulda erbleicht.
Mach’, was Du willst, fuhr der Vater fort: aber ich kann mir nicht denken, daß ein reines keusches Mädchen, wie Du, meine Hulda, mit dem ausgemergelten Menschen glücklich seyn kann. Ich habe ihn heute früh gesehen. Wie die leibhaftige Sünde sieht er aus, und dabei so brutal, so plump, so ungeschlacht! das soll englisch seyn! der Narr! Die Britten sind Ehrenleute, die auf feine Manier und Anstand, auf Sitte und Anspruchlosigkeit eben so streng halten, als wir. — Mein einziges Kind diesem entnervten Wüstlinge in die Arme zu legen! — nein, es wäre mir nicht möglich. — Ich entgegnete dieß der Mutter, aber sie bestand mit ungewohnter Festigkeit darauf; sie lobte die Eltern, als fromme christliche Leute, den Sohn als gewandten, mit Glücksgütern reich begabten Kaufmann; und das Suschen, das einfältige Ding, das allen Menschen nach dem Munde redet, um sich bei allen einzuschmeicheln, als ein gefügiges liebenswürdiges Wesen, versicherte wiederholentlich, daß sie für Dich und uns kein größeres Glück kenne, als Dich in diesem Hause aufgehoben zu wissen, in welchem Religion und Tugend heimisch wären, und wo in einem Tage mehr und frömmer und andächtiger gebetet werde, als in der ganzen Stadt in einem Jahre, und bestürmte mich um meine Einwilligung in die Verbindung.
Ich war bis dahin recht ruhig geblieben, und hatte mich möglichst zu fassen gesucht; als ich aber aus ihren Reden merkte, daß von Caspars Eltern, die, wie Du weißt, auf die Mutter von je an, einen unbegreiflichen Einfluß gehabt haben, diese Parthie schon seit längerer Zeit abgekartet war, und ich gewahrte, daß sie, ohne meinen Einwendungen vorhaltende Gründe entgegen zu setzen, auf ihrem Willen fest beharrte, mochte ich — es galt ja Dein ganzes Lebensglück, mein einzig liebes Kind — mochte ich wohl etwas zu heftig geworden seyn. Unser Zweisprach ward immer lebhafter, ich vergaß, daß die arme Mutter krank war, ich platzte mit dem, seit Jahren schon verhaltenem Grolle gegen das Schleichervolk, die Maklers, aus der Brust heraus, und das erschütterte dann die Mutter so, daß sie in die heftigsten Krämpfe verfiel, und ihr Zustand so bedenklich ward, daß ich Dich holen lassen mußte. Habe ich gefehlt, so mag mir Gott verzeihen, aber sprach ich nicht für Dich, wer sollte Deiner sich annehmen, und wo ist der Vater, der bei ruhigem Blute bleiben kann, wenn er sieht, daß sein Kind, sein einziges Kind, aus bloßem Vorurtheil, aus blinder Geistesbefangenheit, um das Heil seines ganzen Lebens hienieden gebracht werden soll. Jetzt geh, meine Tochter, und leg’ Dich nieder, und bete zu Gott, daß er der Mutter erkaltetes Herz erwärme, damit sie von Dir nicht fordere, was Deinen Vater in die Grube bringen würde; denn den Menschen an Deiner Seite als meinen Schwiegersohn, zu sehen, würde ich kein halbes Jahr überleben.
Seyn Sie auf die Mutter nicht böse, mein Vater, hob Hulda an, und weinte kindlich fromme Thränen: sie meint es gut mit mir, und glaubt, mein Glück durch diese Verbindung zu begründen; wenn ich ihr aber sagen werde, daß ich den Menschen nie lieben kann, wird sie sicher von dem Plane abstehen. Sie ist ja gut und verständig; ich will schon mit ihr reden, daß meine Worte Eingang finden sollen in ihr mütterliches Herz.
Thue das, mein Kind, sagte der Vater: und leg Dich nun zur Ruhe, und bereite Dich zu morgen vor, daß Du gefaßt bist, und ihre Wünsche zurückweisen kannst, ohne Gefährdung ihrer Gesundheit.
Hulda legte sich wohl nieder, aber schlafen konnte sie nicht; die Augen fielen ihr vor Müdigkeit zwar hundertmal zu, aber sie schlug sie auch hundertmal wieder auf, denn bald umklammerte sie Caspar mit seinen langen dürren Armen, bald sah sie sich von einem Schlangenindianer an den Gewässern der Columbia verfolgt; bald lustwandelte sie mit Alonso am Meerbusen von Florida, umduftet von den hier wild wachsenden Orangen, im Schatten der breitblättrigen Banane und des zierlichen Bambusbusches; bald sprang das sanftmüthige flüchtige Thier, die Antelope, an den himmelhohen Basaltwänden des obern Missuri vor ihnen vorüber; — bald hörte sie seine sanfte Rede, und sah in das dunkele Veilchenblau seiner großen Augen und fühlte das Schwellen seiner frischen Lippen auf ihrem rosigen Munde. Bald schwebte sie, umschlungen von seinem kräftigen Arm, und unter vollstimmiger Begleitung eines köstlichen Walzers, zum Ballsaal hinaus, über die blauen Berge am Kanhawa, über die goldgedeckten Tempel der Omegas im Innern von Guyana hin, bis zu den blumenreichen Küsten des stillen Meeres; — bald kamen wieder die Bilder am gestrigen Abendhimmel ihr vor die träumende Seele, und das lange hohe Kreuz und die drohende Mutter und die dürre Gestalt des Eskimos auf Labrador. — Da habe ich ja, sagte sie von der Stille der Mitternacht umdunkelt, leise zu sich selbst: da habe ich ja die Deutung jener Himmelsbilder! das Kreuz — ach es ist so schwarz und so schwer, und das Gesicht der Mutter so kalt und finster — und der entsetzliche Eskimo mit der grausenden Larve — weg, weg mit den schrecklichen Bildern — an ihn will ich denken, der so freundlich mit mir sprach, dessen Rede mir so wohl klang, dessen Seele so klar vor mir liegt, wie die Krystallquellen am Fuße der Luftvulkane[30] bei Turbako; in dessen Armen mir war, als stände ich kühl beschattet vom silberglänzenden Laubwerk des Riesenbaums.[31] — Aber, kann ich denn auch im Traume nicht aus dem verwünschten Amerika heraus, sagte sie jetzt völlig erwacht, und konnte nun nicht mehr schlafen, und wiederholte sich, vom Frühroth des ersten Morgengoldes im Bettchen freundlich begrüßt, alles, was er gesprochen, und hatte vor der heutigen Unterhaltung mit der Mutter keine Angst mehr, denn er wollte ja selbst kommen, und mit ihm hielt Casperchen keinen Vergleich aus; sah die Mutter auf zeitliches Gut, so wog der zwanzigste Theil von Alonsos Vermögen, den ganzen Caspar auf, und da Alonso erklärt hatte, daß die Wahl des künftigen Wohnorts lediglich von ihr abhängen solle; so verstand es sich, daß sie ihrem gestrigen Versprechen eingedenk, die Mutter nicht verlassen, sondern wenigstens so lange als diese lebe, hier bleiben werde, und somit war jede Schwierigkeit beseitiget.
Armes, getäuschtes Mädchen!
Beim Frühstück schon, trat die Mutter mit den Absichten hervor, die ihr Caspars Eltern gestern eröffnet hatten; sie erinnerte Hulda an deren gegebenes Versprechen, sich nicht außerhalb des Orts zu verheirathen; hielt der Familie, in deren Kreise sie künftig leben werde, die gebührende Lobrede, und ließ sich über Caspars wohlgeordnete Vermögensumstände und seine, im Auslande erworbene Bildung des weiteren aus; vergaß auch nicht die Schwierigkeit, bei der gegenwärtigen Heirathscheu der meisten jungen Leute im Orte, eine ähnliche vortheilhafte Parthie sobald wieder zu finden, in das gehörige Licht zu setzen, und schloß mit der Bemerkung, daß sie auf dieß alles, von der gehorsamen und liebenden Tochter, eine, den elterlichen Wünschen entsprechende Erklärung erwarte.
Hulda bog freundlich lächelnd aus; kam Alonso, der blühend schöne, frische Mann, dem der liebe Herr Gott die Reinheit des unverdorbensten Herzens, die Unschuld der zartesten Sitte, und die Gediegenheit der ehrenfesten Grundsätze auf jeden Zug seines einnehmenden Gesichts geprägt hatte, und hörte die Mutter von den zehn Millionen Piaster, die ihm der alte Handelsgerichtsdirector nachrechnen wollte, und erfuhr sie, daß ihr Hulda nicht aus dem Hause geführt werden, sondern bis an des Lebens Ende bei ihr bleiben sollte, so war von dem Casperchen keine Rede mehr; das stand mit mathematischer Gewißheit ihr im Köpfchen geschrieben; und kommen wollte er ja; er hatte es versprochen, und dieser wunderhübsche Mund hatte gewiß noch keine Lüge gesagt. Sie küßte der Mutter die Hand, nahm die ganze Sache als einen leichten Scherz, indem es bei ihrer Jugend keine Eile habe, meinte, daß es ihr ordentlich lächerlich sey, jetzt an das Heirathen zu denken, und betheuerte, daß vor allem erst die geliebte Mutter gesund werden müsse, und sich dann hierüber ja wohl werde ein Mehreres sprechen lassen.
Damit kam die Schlaue aber nicht los. Die Mutter ward empfindlich und begriff nicht, wie der besonnenen Hulda, die kein Kind mehr sey, ein so wichtiger Schritt, als die Verbindung eines Mädchens mit einem jungen Manne, auf die ganze Lebenszeit wäre, lächerlich seyn könne, und bat sie, dem sehr wichtigen Gegenstande einen Augenblick ernster Betrachtung zu schenken. Meine Tage, setzte sie hinzu: sind gezählt, ich habe auf dieser Welt keinen Wunsch mehr, als Dich glücklich zu wissen; ich habe zu Gott gebetet, daß er mir in dieser letzten Sorge hienieden, seinen Beistand nicht versage; er hat mir in den Eltern des, Dir vom Schicksal Bestimmten, christlich gesinnte Rathgeber geschenkt, und daß der Himmel unsern Beschluß segnet, beweis’t, daß der junge Mann, der Deine Hand begehrt, noch ehe ich die Augen schließe, glücklich und mit dem reichen Erwerbe seines redlichen Fleißes hier eintrifft, und ich die Freude noch erlebe, Dir den Brautkranz in das Haar zu flechten, und Deinen Ehrentag mit zu feiern. Ich bin daher fest überzeugt, daß das Werk, was wir mit frommem Gebet begannen, ein Gott wohlgefälliges sey, und Dein Glück und Deine Zufriedenheit begründen werde. Ich sehe also keinen Grund ab, warum Du mit Deiner Erklärung bis zu dem sehr ungewissen, und wahrscheinlich nie eintretenden Zeitpunkt meiner Genesung, Anstand nehmen willst, besonders da eine Menge Eltern hier, welche unbescholtene und mannbare Töchter haben, den von Dir herbeigeführten Aufschub mit Freuden benutzen, und den Entschluß des jungen Mannes, Dir seine Hand zu bieten, durch allerhand Zwischenträgereien schwankend, und ihn, am Ende, Dir selbst abwendig zu machen suchen würden. Alle diese Umstände bestimmen mich, Deine Erklärung und, da Du gegen das Haus so wenig als gegen ihn selbst etwas einwenden kannst, Dein Jawort in dieser Sache jetzt zu gewärtigen.
Die arme Hulda verlor fast die Fassung. In diesem Augenblicke der Mutter zu sagen, daß ihr Herz nicht mehr frei sey, war nicht möglich. Die Mutter kannte ja den nicht, dem es gehörte. — Sie hatte, als der Vater zum ersten Male von ihm sprach, und ihn vom Kopfe bis zum Fuß beschrieb, gesagt: nichts weiter, wenn ihr nicht wollt, daß ich sterben soll; als der Vater vorgestern Abend bei Tische von ihm wieder anfing, legte sie Messer und Gabel weg; wie dieser äusserte, daß des jungen Mannes Schiff ihren Namen führe, klagte sie über heftigeres Uebelseyn; gestern früh erregte der schwarze Krepp, den Tante Sophie, von Lima aus, im Traume sandte, ihr spöttelndes Gelächter. Sie eiferte gegen die spanische Sprache; — alles das zusammen genommen, webte in dem feinfühlenden Mädchen eine Ahnung, deren Daseyn es sich kaum selbst recht bewußt war; aber es mußte etwas seyn, was mit ihm, wenn auch, wie natürlich, in ganz entfernter Beziehung stand, und was der Mutter an ihm unlieb war; doch sie hatte ihn selbst ja noch nicht gesehen, ihm konnte, nach Almas Geständniß, kein Mädchen gram seyn; bei seinem Anblick war bestimmt auch die Mutter gewonnen; er kam gewiß heute, spätestens morgen, allerspätestens übermorgen. Drei Tage also bat sich Hulda Bedenkzeit aus, küßte der Mutter beide Hände, und ärgerte sich, daß sie nicht einmal so viel Gewalt über sich hatte, wenigstens ein ernsthaftes Gesicht zu machen. Aber der ewig wolkenlose Südhimmel des paradisischen Climas, in dem ihr Alonso geboren wurde, lag in ihrer Seele, in ihrem Auge; die heimliche Freude, die Mutter mit einem zehntausendmal bessern Schwiegersohne zu überraschen, blitzte ihr aus allen Mienen, und sich zu verstellen, hatte ja das reine Wesen nie gelernt.
Die drei Tage sind Dir vergönnt, sagte die Mutter nach einigem Besinnen höchst mißgelaunt; aber ich begreife Dich nicht; Du behandelst den Schritt, zu dem jedes wohlgesittete Mädchen mit feierlichem Ernst sich vorbereitet, so leichtsinnig, als wäre es eine Ballangelegenheit; wenn Du vorliesest, so steht Dir bei irgend einer sentimentalen Stelle gleich das Wasser in den Augen, und jetzt ist Dir das Lachen näher, als das Weinen, und wo hier zwanzig Mädchen aus den ersten Familien mit beiden Händen zugreifen würden, thust Du, als ob Dir die angetragene, weiß Gott, doch höchst ehrenwerthe Parthie noch nicht gut genug wäre. Auf was willst Du denn warten? Auf was bildest Du Dir denn ein, Ansprüche machen zu können. Unsere Umstände sind, wie Du weißt, im Gegensatz vieler hier weit reicheren Häuser, nicht glänzend; und Dein Bischen Larve — mein Kind, es hat schönere Mädchen gegeben, und sie sind alle verblüht. Also sehe ich nicht ab, auf was Du glaubst groß pochen zu können, oder — fragte sie nach einer kurzen Pause, die Worte scharf und hart betonend, und durchbohrte das Mädchen mit stechendem Blick: steckt Dir etwas anders im Kopfe?
Nichts, als der gestrige Ball, entgegnete erschrocken das wahrhafte Kind, das noch nie gelogen, und bückte sich auf die Hand der Mutter tief nieder, denn das erste Morgenroth der heimlichen Liebe überhauchte die Lilienwangen der Liebreizenden, mit dem dunkelsten Purpur.
Warum nicht auch Deine Puppen, erwiederte die Mutter mit saurer Bitterkeit: wahrhaftig, man sollte denken, Du hättest noch gestern damit gespielt, so kindisch benimmst Du Dich heute. Geh und sammle Dich; und wenn Du Deinen Ball, und Deine Narrenpossen verschlafen hast, so komme wieder, daß wir, wie es einem Mädchen Deines Alters ziemt, ein verständiges Wort weiter über die Sache reden können.
Sie wendete sich in ihrem Bette verdrüßlich nach der Wand zu, und Hulda, der es nun anfing recht ernsthaft zu Muthe zu werden, flüchtete zum Vater, der von einem Geschäftsgange eben jetzt zu Hause kam.
Nun Mädchen, rief dieser ihr entgegen: Du siehst ja recht bedeutsam aus! hat die Mutter mit Dir schon gesprochen?
Ich habe drei Tage Bedenkzeit, entgegnete triumphirend die Tochter, und sah den Vater, der sie so unaussprechlich liebte, der so herzensgut war, und von dem jungen Seemanne gestern und vorgestern nichts als Liebes und Gutes gesprochen hatte, mit einem Blicke an, als fragte sie sich, ob sie es wagen dürfe, ihm ehrlich und offen zu beichten. Väterchen, hob sie an, und lehnte die Wange an seine Brust, damit er ihr zu dem, was sie ihm zu sagen habe, nicht in das Gesicht sehen möge: liebes Väterchen, mit dem Caspar ist es nichts.
Gut, mein Kind, erwiederte der Alte lächelnd: darüber sind wir, Gott sey Dank, einverstanden, und die Mutter wird am Ende auch die Idee aufgeben.
Aber, fuhr sie leiser fort, und senkte die Augenlieder, als schäme sie sich vor sich selber: aber mit einem andern — vielleicht — da ist es nicht ganz richtig. Sie lag mit dem Ohr dicht an des Vaters Herzen; sie hörte es schlagen — das Herz, das es so redlich mit ihr meinte, es schlug ruhig fort — der Vater sprach kein Wort, er schien noch Näheres von ihr zu gewärtigen.
Dir, mein liebes Väterchen, fuhr sie mit verhaltener Stimme fort, und schlang beide Arme dichter um ihn: muß ich mich vertrauen; noch ist das heilige Geheimniß über meine Lippen nicht gekommen, noch weiß es, außer Dir —
Die ganze Stadt, fiel ihr der Vater lachend in das Wort, und küßte segnend dem einzigen, dem lieblichen Kinde Stirne und Mund, und die hellen Thränen der süßesten Freude des Menschen, der Elternfreude über das Glück des geliebten Kindes, zitterten ihm im Auge.
Die ganze Stadt? wiederholte Hulda staunend, und sah dem Vater in das freundlich naße Auge, und las in diesem ihr Glück und ihre Hoffnungen.
Wo ich bei unsern Bekannten heute früh hinkam, versetzte der Vater: machte man mir große Gratulationen; die Menschen waren gestern auf dem Balle gewesen, und hatten von da das Gerücht Deiner Brautschaft mitgebracht; ich werde neugierig, der Sache näher auf die Spur zu kommen, steige zu Directors, und höre denn da zu meiner nicht geringen Verwunderung, daß mein Herr Mexikaner — o, nun weiß ich wohl, warum mich der Patron immer bei der Hauptwache abgepaßt hat. Höre, Huldchen, etwas Schlechtes hast Du Dir nicht ausgesucht, den alten Linsing hat er zu seinem Brautwerber erkohren, und sich an den Rechten gewendet; der Mann ist in ihn selber verliebt, wie ein Mädchen. Wenn er nur halb so brav und gut ist, als der Director ihn schildert, so mag er um Deine Hand werben, Hulda, und er soll mir willkommen seyn.
Mein Vater, mein einziger lieber englischer Vater! rief Hulda im Uebermaße ihres Entzückens, und sank ihm, trunken vor Freude und Wonne, in die Arme.
Sein Vermögen, fuhr der Alte fort, und hob die Brust höher, denn es that ihm wohl, seine Tochter im Besitz solcher unermeßlichen Reichthümer zu sehen, — der alte wackere Linsing hat ihm gesagt, daß, wenn er sich mit der Sache befassen solle, der junge Mann ihm über seine Lage reinen Wein einschenken, und seine Angaben ihm möglichst belegen müsse; die Nachweisung seines Vermögens wird nur glaubhaft, wenn man sie nach dem Maßstabe berechnet, der nur dort, in jener Heimath des Reichthums und Ueberflusses denkbar ist. Nach unserm Gelde angeschlagen, reicht Dir der Ehrenmann mit seiner Hand, ein Besitzthum von ungefähr funfzehn Millionen[32] Thalern — ich kann Dir zehn deutsche Fürsten nennen, die mit diesem mexikanischen Krösus gern tauschen würden, und von der Seite also betrachtet, ist das Glück meines Kindes gesichert; er hat zwar geäußert, sich, wenn Du es durchaus wünschest, hier ansiedeln zu wollen: allein, wenn es ihm irgend schwer wird, sein Vaterland Preis zu geben — ich ziehe mit der Mutter den Augenblick hin; dort, wo der Oelbaum gedeiht, und der Paradiesfeigenbaum, wo der Weitzen dreißigfältig trägt, die Ananas, wie bei uns die Heidelbeeren, in den Wäldern überall wild wachsen, und die Sonnenblume sechsmal größer ist, als hier zu Lande; dort, wo ein ewiger Frühling blüht, und den dunkelblauen Himmel keine Wolke trübt; wo nur leichte Morgennebel und des Thaues Perlentropfen die blumenbedeckten Fluren netzen, und des Meeres Winde die Lüfte kühlen; dort muß ja auch der Mensch kräftiger aufleben und der Kranke genesen — Der einzige Zweifel —
Hulda zog die schönen Augenbrauen zusammen, und harrte mit ängstlichem Blick auf die Zweifel des Vaters, der recht bedenklich den Kopf wiegte, und mit der Sprache nicht heraus zu wollen schien.
Der einzige Zweifel ist jetzt daher nur der, ob auch Du, meine Hulda, in seine und meine Wünsche Dich fügen, ob Du Dich entschließen wirst, ihm Deine Hand, und Dein Herz —
Mein Väterchen — unterbrach ihn Hulda verschämt lächelnd: was können Sie einem angst machen! Dieser einzige Zweifel wird sich wohl heben lassen. Sprechen Sie ihn nur erst selbst, und sein treues biederes Herz, sein fröhlicher Sinn, sein offenes trauliches Wesen, seine anspruchlose Natürlichkeit werden Ihnen gewiß gefallen; auch ist er — setzte sie, mit gesenktem Köpfchen schmunzelnd hinzu: nicht ganz häßlich.
Nun aber sag’ mir Kind, fragte der Vater, das Lächeln mit Mühe verhaltend: wie hat sich das alles so schnell gemacht? Du bist ja kaum drei, vier Stunden auf dem Balle gewesen?
Mit der Liebe? entgegnete Hulda, und machte ein recht naives Professorgesicht dazu: mit der Liebe, ich meine die so recht eigentliche liebe Liebe, ist es, glaube ich, wie mit der Ewigkeit; sie hat keinen Anfang und kein Ende. Ich weiß selbst nicht, wie das alles kam. Auf dem Balle aber sahen wir uns auch nicht zum ersten Male; wir kennen uns schon viel länger, und nun erzählte sie, wie er ihr in der Kirche gegenüber saß, und von dem Zusammentreffen in der Modehandlung, und von der Unglücksgeschichte mit der Glashändlerinn und dem Gipsitaliener, und von den Kinderstreichen auf dem Verdecke seines Dreimasters, und oben im Mars, und von dem verwünschten Sehrohre, und der schmachtenden Flöte, und von — Babette platzte zum Zimmer herein, und meldete den Capitain Don Mantequilla.
Hulda rief fröhlich: das ist er! schlüpfte — denn wie sie war, im nachlässigsten Morgenputz, konnte sie sich nicht vor ihm sehen lassen, — schlüpfte durch eine Seitenthür und eilte auf ihr Zimmer, um sich anzukleiden.
Er war gekommen, er hatte Wort gehalten. Er sprach die Eltern um ihre Hand an.
Wer mahlt des Mädchens Entzücken, wer das süße Beben ihres in Liebe und Freude erglühenden Busens!
Blumen, Band, Perlen, Häubchen, nichts paßte ihr heute in das Haar; die Locken liefen nicht, wie sie sollten; beide Händchen flogen ihr zitternd; sie konnte nicht zu Stande kommen. Das Morgenkleid war zu einfach, das zu geschmückt, alle Kasten standen offen, alle Kommodenfächer, alle Schränke, alle Cartons! Sie holte aus allen das Beßte, und nichts war gut genug; der Spiegel — sie kam sich bleich, reizlos, nicht ein Bischen hübsch vor; nein der Spiegel war Schuld daran, der hing im allerschlechtesten Lichte — aber der in der Toilette, den sie nach allen Weltgegenden richtete, gab ihr Bild um kein Haar besser zurück; am Ende war sie in ein blaßblaues Kleid und in rothe Schuhe gefahren, und hatte auf den gelben Morgenhut ein grünes Bouquet gesteckt — blau, roth, gelb und grün — i Gott bewahre, rief sie lachend: lieber gar alle Farben mit einander, daß er denkt, es komme ein lebendiges Prisma, — in zwei Minuten hatte sie alles wieder von sich geworfen, und machte ihre Toilette von Neuem — lassen wir die Selige in dem bunten Chaos ihrer Garderobenherrlichkeiten fröhlich gewähren — es war ja ohnehin fast das letzte Scheide-Lächeln ihrer untergehenden Freudensonne; denn ach! nur zu bald trübten sich am Horizonte ihres Lebens die Wolken, aus denen der Sturm sich gestaltete, der alle ihre Blumen entblättern, alle ihre Bänder zerreißen, alle ihre Hoffnungen zertrümmern, ihr ganzes Lebens-Glück auf immer und ewig vernichten sollte! —
Wahr und ehrlich, kurz und offen hatte Alonso mit dem Vater gesprochen. Es bedurfte keines weitläufigen Eingangs; Director Linsing hatte beiden schon die nöthigen Präliminarien eröffnet. Alonso machte seinen Antrag mit so zarter Bescheidenheit; legte in denselben so viel Feierliches; sprach von der Unmöglichkeit, ohne Hulda leben zu können, mit so vieler Rührung; entschuldigte seine, durch den Drang der für den Seemann vollgiltigen Umstände herbeigeführte Eile, die ihn nöthige, vielleicht schon in wenigen Tagen die Anker zu lichten, so wahr und einfach, und gelobte, den Pflichten des Gatten und des Sohnes bis zu seinem Tode treu zu seyn, mit solch’ frommer Rede, daß der alte Herr sich der Thränen nicht länger enthalten konnte, den jungen Mann an sein Herz drückte, und ihm, aus voller Brust und im heiligsten Vertrauen auf dessen Rechtlichkeit, sein einziges Kind, das Liebste dieser Welt, in die neue mitzugeben unbedenklich versprach.
Auf Alonso’s Wunsch, der Mutter jetzt vorgestellt zu werden, erwiederte indessen der Vater, daß er sie, ihrer Kränklichkeit halber, erst dazu ein wenig vorbereiten müsse; er bäte daher, ihn morgen wieder mit seinem Besuche zu beehren, wo er ihn bei ihr einführen wolle; zugleich ersuchte er ihn, nicht gleich das erste Mal, des eigentlichen Zwecks seines Besuches zu erwähnen, sondern unter dem Vorwand zu kommen, daß er hörte, sie habe eine Schwester in Lima, und er wolle sich daher erkundigen, ob sie dahin ihm etwa Aufträge mitgeben wolle.
Auch Hulda darf ich nicht sehen? fragte Alonso mit kindlicher Befangenheit, und versicherte, daß ihm die Zeit von gestern Abend bis jetzt eine halbe Ewigkeit gedauert habe; da ließ denn der Vater das Mädchen holen, und es kam im einfachsten Hauskleide, bloß, dem neuen Vaterlande zu Ehren, eine prächtige, blühende Datura[33] am Busen, und drei von Tante Sophie zum Geschenk erhaltene Schnüre californischer Perlen um den Hals. Aber schön war Hulda zum Entzücken; die Liebe hatte ihre Wangen geröthet, die Freude lachte ihr im ganzen Gesichtchen, und das bräutliche Schmachten der keuschesten Jungfräulichkeit schwamm in dem Feuerblick ihres großen himmlischen Auges. Mit frommer Weihe legte der Alte das unberührte Kleinod seines Vaterherzens an die Brust des schönen jungen Mannes aus der neuen Welt, den der Zufall zweitausend Meilen weit hergeführt hatte, um zu den Füßen eines der reizendsten Mädchen unsers alten ehrlichen Welttheils, das zarte Geständniß abzulegen, daß das eigentliche wahre Glück des Menschen nur in den Armen einer liebenden Gattinn heimisch sey, die unsere Freuden und Leiden redlich theile, und durch ihre Reize, wie durch ihre Tugenden, unsere Tage verschönere.
Braut Hulda hob den Entzückten an ihre treue Brust, und wie die bekannte wunderschöne Gruppe von Amor und Psyche, so lieblich in einander verschlungen, stand das Paar, Auge in Auge, Mund an Mund, und feierte die seligste Minute glücklich Liebender, die Minute des Verlobung-Kusses.
Alonso zog sich einen prächtigen Smaragdring vom Finger, überreichte ihn der überraschten Hulda, und sagte: aus Deinen Brüchen an der Küste von Manta[34] nimm dieß als Morgengabe von mir gütig an, doch mein ganzes Hab’ ist ja Dein. Den leisesten Deiner Wünsche — vertrau’ ihn mir, meine einzige, meine himmlische Hulda, und ich werde kein größeres Glück kennen, als ihn Dir zu erfüllen. Ich könnte zehnmal reicher seyn, als ich es bin; allein ich achtete des eiteln Geldes nicht, weil ich tausendmal mehr hatte, als ich brauchte; jetzt Dir die Welt zum Paradies zu schaffen, ist mein Streben; nun will ich erst mit Freuden mich in die Geschäfte werfen; ich habe einen Zweck, das Lächeln Deiner Huld! Des Meeres Wogen, der Winde Hauch, des Nordens Eis und Schnee, der Sonne Gluth in unserm Süden, kurz, alle Elemente will ich mir zinsbar machen, und meines Vaterlandes Kern ist rein gediegenes Gold; heraus aus meiner Erde tiefen Schachten sollen, meine Hulda, Dir, mein Fleiß und meine Kunst das mächtige Metall im Ueberflusse fördern! Vor Dir will ich die Früchte meines Fleißes, die Schätze, die des Handels Treiben mir zusammen häufet, niederlegen, und Deiner Lippen süßer Kuß, ein Blick aus Deinem Augenpaar, und das Geständniß Deines Rosenmundes, daß Dich es nicht gereut, Dein Herz und Deine Hand mir fremdem Mann vertraut zu haben, — dieß, Hulda, dieß soll mehr mir seyn, als all das kalte Gold, das im ersten beßten Brennspiegel sich zu nichts verflüchtiget, das immer irdisch bleibt, und droben gar nichts gilt.
Ehe sich Alonso verabschiedete, lud er den Vater und Hulda ein, sich es bei ihm heute Abend, am Bord seiner Antoinette gefallen zu lassen.
Der Vater sah die Tochter, die Tochter den Vater an. Beiden war es um die Mutter zu thun; sah man das Mädchen mit dem Vater am Bord des mexikanischen Dreimasters, so war Huldas Verbindung mit Alonso, von dem zur Zeit die Mutter noch kein Wort wußte, in den Augen der ganzen Stadt keinem Zweifel mehr unterworfen, und daß dieß gegen die Mutter nicht gerechtfertigt werden konnte, fühlten beide, indessen Hulda richtete den bittenden Blick, daß er zusagen möge, zu freundlich auf den Vater, und diesem that die kleine Eitelkeit, den Leuten möglichst bald kund zu thun, daß der mexikanische Capitain Mantequilla mit dem Dutzend dreimastigen Schiffen auf der See, und den Silbergruben in Loretto, den Goldbergwerken in Oaxaca, den Zuckerplantagen unfern Vera-Crux und den 15 Millionen Thalern, und den andern unzähligen Herrlichkeiten, der Herr Schwiegersohn des Herrn Admiralitätraths Splügen sey, zu wohl, auch hatte der lebensfrohe Alte einen vergnügten Abend zu lieb, als daß er abschlagen konnte.
Alonso eilte fröhlich von dannen, und der Vater und Hulda überboten sich einander in dem Lobe des Liebenswürdigen; — doch die Mutter, die Mutter fiel beiden nur zu bald ein, aber sie wichen von einander in den Ansichten ab, wie ihr die Sache, die den Plänen mit Casperchen so ganz entgegen war, am beßten beizubringen sey.
Hulda, welche in ihrem süßen Liebeswahn die Ueberzeugung hatte, daß Alonso’s persönliche Anmuth die Mutter am meisten bestimmen würde, den werthlosen Caspar fallen zu lassen, war der Meinung, daß es das Gerathenste gewesen wäre, den Capitain gleich jetzt der Mutter vorzustellen, sie jedoch später erst, wenn sie den liebenswerthen Mann hätte selbst näher kennen gelernt, von seinen Heirathanträgen zu unterrichten; der Vater hingegen, der, wie alle fröhliche Leute, jede Unannehmlichkeit gern so weit als möglich hinaus schob, der im Voraus sah, daß die Erscheinung des jungen Mannes, welcher der Mutter längst entworfenen Pläne mit einem Male vernichten sollte, sehr harte Auftritte herbeiführen würde, und, nach seiner Ansicht sehr richtig berechnete, daß, wenn er mit Hulda diesen Nachmittag den Capitain am Bord besuchte, und sich dadurch das Gerücht von dessen Verbindung mit seiner Tochter gehörig in der Stadt verbreitet habe, die Mutter dann, um der Ehre ihres Kindes willen, diesen einmal geschehenen öffentlichen Schritt nicht zurück nehmen könnte, behauptete, daß es viel besser sey, wenn er ihr heute den Mexikaner vorläufig auf morgen anmelde, daß man, bei der Reizbarkeit ihres Charakters überhaupt alles sogenannte, mit der Thüre in das Haus fallen, vermeiden müsse, und daß daher alles viel besser gehen werde, wenn es nicht zu übertrieben rasch gehe, weil, wie auch Hulda selbst wisse, der Mutter, im Allgemeinen, jeder Schein von Uebereilung, besonders in einer so delikaten Angelegenheit, verhaßt sey.
Hulda äußerte, auch wieder sehr richtig, die Besorgniß, daß Caspars Eltern, die von ihrem bekannt gewordenen Verhältniß zu Alonso eben so genau unterrichtet wären, als alle andere Leute auf dem gestrigen Balle, es gewiß an nichts fehlen lassen würden, um die Mutter davon in Kenntniß zu setzen; dadurch aber würde Alonso’s Spiel unendlich erschwert werden, denn, daß ihn diese schleichende Kopfhänger-Familie dabei in das allernachtheiligste Licht setzen werde, sey im Voraus anzunehmen; doch der Vater beschwichtigte ihre Furcht durch die Versicherung, dem vorzubauen. Er gab zu dem Ende allen Domestiken im Hause, unter dem Vorwande, daß seine Frau, ihrer Gesundheit wegen, aller lästigen Besuche heute überhoben seyn wolle, den Befehl, Niemand, ohne Unterschied, zu ihr zu lassen, und um ihr, wenn sie es etwa klingeln hörte, keinen Anlaß zu geben, zu fragen, wer da war, so umwickelte er den Klöppel der Hausglocke eigenhändig mit Papier und Leinwand.
So glaubte er, in jeder Hinsicht seine Sache ganz vortrefflich gemacht zu haben, und lächelte bei sich selbst über die Heimlichkeit, zu der er sich, wie er es entschuldigte, durch den Drang der Umstände bequemen müsse.
Dem Zartfühlenden regte sich wohl etwas in der Brust, was ihm sagte, daß nicht recht sey, was er thue, daß alle Heimlichkeiten zwischen Eheleuten nichts taugen, und daß aber — beruhigte er sein Gewissen: hat es nicht Antoinette an Dich gebracht? warum besteht sie auf Hulda’s Verbindung mit dem unerträglichen Caspar, als läge alles Heil der Erden in diesem widrigen Menschen? Warum hört sie auf das Zuflistern gehaltloser Frömmelei mehr, als auf das Wort der Vernunft und des Herzens? Warum gibt sie gleich Krämpfe und Schwindel und Anwandelung von Ohnmachten vor, wenn irgend ein Gegenstand im Gespräch berührt wird, von dem sie nicht sprechen will? Mit den Waffen, mit denen sie, aus blinder Vorliebe für eine einmal eingewurzelte Marotte, auf das Glück ihres eigenen Kindes los geht, als wollte und müßte sie es vernichten, wollen wir ihre Batterie demontiren. Maklers müssen außer Einfluß gesetzt, das heißt, entfernt gehalten werden; heute sind wir auf dem Dreimaster unten im Hafen noch recht lustig, und morgen stelle ich meine Heeresmasse in Schlachtordnung; die Mutter wird totaliter aus dem Felde geschlagen, und über’s Jahr, wenn wir das Kind in seinem Mexiko besuchen, und dieses uns einen bausbäckigen Enkel entgegen bringt, und unser europäisches genügsames Auge fast erblindet, vor dem Glanz des Ueberflusses und des Glücks, in dem Hulda dort schwelgt, und ihr Mund freudig bekennet, daß sie, an Alonso’s Seite, die neidenswertheste Frau in allen fünf Welttheilen sey, da, da — soll die Mutter mir danken, daß ich ihrem kleinen Eigensinne nicht fröhnte, sondern dem herz- und marklosen Casperchen die Thür wies, und —
Die gedämpfte Klingel klapperte draußen; der Admiralitätrath hielt lauschend mitten in seinem Monologe inne.
Es war richtig Casperchen. Die Frau Räthinn schlafe, hieß es, und der Ehelustige zog ab. Später kam Suschen; dann der Herr Makler; den Beschluß machte dessen liebwertheste Hälfte.
Dasselbe Manöuvre begann auch nach dem Essen; alle viere kamen einzeln und alle viere wurden abgewiesen.
Schlafen, schlafen, und immer schlafen, hatte die Maklerinn, vor innerer Bosheit kochend, mit freundlichem Lächeln zu Babette gesagt: sie haben der Frau am Ende ein Ruhepülverchen gegeben, aber, und wenn sie Mithridat genossen, ich muß sie aufwecken, aufrütteln muß ich sie, da es noch Zeit ist; ich komme wieder, mein Lämmchen, und zum dritten Male laß ich mich nicht abweisen.
Meine Frau will allein seyn, entgegnete der Admiralitätrath der berichtenden Babette: verstehst Du, sie will heute Niemand sprechen; darnach wird sich gerichtet.
Mit diesen Worten ging er, Hulda am Arme, in den Hafen. Der Mutter hatte er gesagt, sie wollten nur einen kleinen Spaziergang machen, weil der Nachmittag gar zu schön sey.
Schon lange lag Alonso’s große Barkasse nebst der Travalje und der Kapitains-Schaluppe am Lande; alle drei Fahrzeuge hatten sich unterdessen allmählig mit den eingeladenen Gästen aus der Stadt gefüllt, und sobald jetzt Hulda und der Admiralitätrath an den Bord der Barkasse gekommen waren, und sich die drei Fahrzeuge, nach der Antoinette zu, in Bewegung setzten, gab der mexikanische stolze Dreimaster eine Kanonensalve, daß alle Fenster in der Stadt klirrten; — und sämmtliche, im Hafen liegende Schiffe begrüßten die Ankommenden mit dem Donner ihres Geschützes, denn auf alle Fahrzeuge klein und groß im ganzen Hafen, hatte der überglückliche Alonso, Speise und Trank in Ueberfluß vertheilt, so daß die Matrosen, ohne Ausnahme, des süßen Weines voll waren und die neue Capitainfrau immer drauf los leben ließen, noch ehe sie dieselbe gesehen hatten; alle Capitaine aber, so viel ihrer im Hafen vor Anker lagen, hatte Alonso auf seinem Schiffe, heute Mittag schon, stattlich bewirthet, und hielt sie noch um sich versammelt, so daß die Herren lustig und guter Dinge waren, und der heranschwimmenden jungen, himmelschönen Frau Kolleginn zur See, die gebührende Ehre, von den, unter ihren Befehlen stehenden Schiffen aus, geziemend erweisen zu lassen, sich nicht versagen mochten. Und Alonso’s scharf gebautes Prachtschiff, und die Fahrzeuge aller Nationen im Hafen, strichen vor der liebreizenden Königinn des Tages, Flaggen und Segel, und von den buntbewimpelten Masten und im hohen Tauwerk aller Schiffe, erscholl aus dem Munde des Schiffvolks aller Welttheile, ein tausendstimmiges Hurrah, Hurrah, Hurrah! und in dieß alles schmetterte und wirbelte das, aus der Stadt geholte große Musikchor auf der Antoinette, mit Trompeten und Pauken, daß kein Mensch sein eigenes Wort zu hören im Stande war. Alonso selbst, in der herrlichen Uniform der spanischen Marine, stand, kräftig und schön, wie ein junger Gott, auf der Steuerbordseite der Antoinette, und kommandirte Listo, Saltad a la banda![35] und ein Theil seiner Neger, die alle sich in das beßte Zeug geworfen hatten, und recht stattlich aussahen, stellten sich eilends an beiden Seiten der Fallreepstreppe, von oben nach unten, in Parade; und das Fallreep[36] selbst war oben am Schiffe, an einem metallenen Köcher mit Kupidos goldenen Pfeilen befestiget, und mit purpurrothem Tuche überzogen, und von Knopf zu Knopf[37] hingen leichte Gewinde von brennender Liebe, deren Deutung Hulda, bei der Erinnerung ihrer ersten Bekanntschaft mit Alonso im Putzladen, nicht schwer ward.
Die allgemeine Huldigung, mit der die Bescheidene, vor den Augen der, am Ufer, in dichten Massen zusammengedrängten Neugierigen, vom ganzen Hafen bewillkommt wurde, hatte Hulda sonderbar bewegt; es traten ihr, als sie den Fuß auf die unterste Stufe der Fallreepstreppe setzte, und mit diesem gleichsam den ersten Schritt in ihr nunmehriges Vaterland, in die neue Welt that, Thränen in’s fröhlich lachende Auge. Alonso umschlang öffentlich, vor Hafen und Stadt, im Angesichte seines Meeres und ihrer Erde, die liebreizende Braut, und seine Neger, über funfzig an der Zahl, riefen dreimal Hurrah, und warfen sich ihrer milden Gebieterinn zu Füßen. Der Pilot,[38] der Primero Contramaestro[39] und der Guardian[40] aber, näherten sich der neuen Herrinn, und überreichten ihr, nach ächt altmexikanischer Sitte,[41] einen Strauß von frischen Blumen; der Pilot, ein kräftig schöner, schwarzer Mann, redete die Gefeierte spanisch an, prieß Don Alonso, als ihren gütigen Herrn, und wünschte sich und all den tausend Sclaven in der fernen Heimath Glück, daß der Kapitain ihnen eine Mutter zuführe, deren Tugenden Don Alonso’s Auswahl verbürge. Du bist, setzte er im Ueberwallen seines Gefühls, und im Glauben seiner Väter, hinzu: Du bist herrlich, wie die Sonne, und freundlich, wie der Mond, und wer den milden Sternen Deiner Augen folgt, wird den Pfad zum Himmel nicht verfehlen. Sey, Du blendend weißer Engel, uns und unsern Kindern unsere Sonne, unser Mond; Tonatiuh[42] hat Dich geschmückt mit ihrem Roth, und Meztli Dich mit seinem Glanze; Du bist so schön, als wärest Du das Kind von beiden; wir werden göttlich Dich verehren, denn nur in Deiner zarten Hand liegt unser Glück. Sey immer gütig uns. Die Sonne zürnt ja nie, und nie der Mond, und schwebst Du einstens spät hinüber, wo keine Stürme heulen, und keine Donner brausen, so soll der Weg nach Deinem Hügel unserer Enkel Alameda[43] seyn; sie werden räuchern Dir das stille Blumen-Grab mit Cobans beßtem Weihrauch und mit Ambra von Masaya, und Dir die Gruft umpflanzen mit Pomeranzen und Limonen, und mit Cypressen und mit des ewigen Friedens schattenreichen Palmen. Da sollst Du schlummern kühl, denn, unserer Enkel Thränen um die verlorne Mutter, werden netzen jene Bäume, daß sie gedeihen, und noch in fernster Zeit, wie feste Denksäulen des Dankes, hoch hinaus ragen in unsers Himmels schöne Luft.
Hulda reichte dem Sprecher, dem die hellen Zähren über die schwarzen Backen rollten, die weiße Hand, und beantwortete seine herzliche Rede, in recht geläufigem Spanisch.
Der alte Admiralitätrath dachte, es wäre Pfingsten, so hatte sich der Geist des Herrn über sein gelehriges Töchterlein ergossen. Es war aber der heilige Geist der Liebe, der das holde Mädchen, das im Spanischen früher wohl hinlänglichen Unterricht, aber wenige Uebung gehabt hatte, jetzt ohne Anstoß und Furcht in fremder Zunge reden ließ, daß die ganze Mannschaft der Antoinette darob laut entzückt war.
Der blendend weiße Engel, das himmlische Kind der Sonne und des Mondes, versprach ihnen, ihr und der Ihrigen Schutzgeist zu seyn; ihre Frauen und ihre Kinder begrüßte sie in der Ferne, als ihre Pfleglinge; ihr Wohlstand solle das Ziel ihrer Wünsche werden, und im Zauberergusse ihres glühenden Gefühls, gelobte sie ihnen und allen ihren Familien, mit dem Beistande ihres Gottes, und von Don Alonso’s menschenfreundlicher Güte unterstützt, ihr zeitliches Glück nach Kräften begründen zu wollen.
Sämmtliche Neger drängten sich, von den Reizen des schneezarten Seraphs, und dessen einfacher Rede tief ergriffen, um sie herum, und küßten ihr den Saum ihres Gewandes, und schworen ihr unaufgefordert Liebe, Treue und Gehorsam. Alonso aber, hingerissen von dem Entzücken seiner ehrlichen Neger, und bezaubert von der, in ihrer Art einzigen Gruppe der schwarzen Figuren, um seine schlanke Lilie, schenkte mit feierlichen Worten, zum ewigen Andenken des heutigen Festes, den Sclaven ihre Freiheit, und Hulda mischte in den Jubel der Freigelassenen, ihren herzlichen Dank, und betheuerte dem edlen Menschen, daß er ihr kein erfreulicheres Brautgeschenk hätte ersinnen können.
Jetzt ging es zur Tafel, und was beide Welten, und das Meer und die Erde dem leckern Gaum zu bieten nur vermochten, das war mit verschwenderischer Pracht hier aufgetischt. So gegessen und getrunken war in der ehrsamen Hafenstadt, seit der Legung ihres ersten Grundsteins, nicht geworden, und alle Gäste versicherten einstimmig, daß Capitain Mantequilla der vortrefflichste Mensch unter der Sonne sey. Die Seeluft macht durstig; wenigstens leerte man alle Flaschen des köstlichen Weins, so daß viele Gäste, die rank[44] worden waren und übervolle Ladung hatten, das Wasser des ganzen Binnenhafens, für lauter Champagner ansahen, andere den großen Mastbaum, als ihren dicksten Freund, inbrünstiglich umarmten, und andere wieder, in der Weinrührung, so windelweich wurden, daß sie in das Besahnsegel, heimlicher Weise Thränen der zärtlichsten Freundschaft weinten. Alonso hatte den Nachtisch mit lauter amerikanischen Früchten besetzen lassen; Aepfel von Gili, von der Größe eines Menschenkopfs; sechszehnlöthige Pfirsichen von Valparayso und Mendoza; zwölfpfündige Weintrauben von Talca, Vanille von Paraguay, Pisangäpfel, Pomeranzen und Limonen, und zwanzig andere saftreiche und kühlende Obstarten; jetzt aber zu guter Letzt, credenzte er den feurigsten Liqueurwein seines Vaterlandes, den kostbaren Rebensaft von Passo del Norte.[45] Der brachte mit seinem dunkelflüssigen Golde alle gute Geister in Aufruhr, und Alles erklärte, mit tausend Freuden dahin zu gehen, wo dieses Götterblut flösse. Alonso stand, vom rauschenden Gewühl der Gäste entfernt, mit Hulda vorn am Bratspill, hielt die Glückliche im Arme, und fragte scherzend: ob er die Anker lichten, und mit der ganzen Gesellschaft, wie sie hier wäre, in die neue Welt segeln solle?
Ich bin wohl bereit, entgegnete Hulda mit bräutlicher Liebe, und schmiegte sich dichter an den Mann, der sie zweitausend Meilen weit, über das Meer führen wollte, und an dem sie sich fest halten sollte in allen Stürmen des Lebens: die alle hier aber mag ich nicht mitnehmen. Mit Dir allein, Alonso, will ich seyn; an Deiner Seite bedarf ich keines Menschen. Dir will ich folgen, wohin Du willst. Auf Deinem Eigenthume, hier auf Deinem Schiffe, auf dem Dein kühner Arm mich durch des Meeres wilde Wogen, und durch der Winde grausende Gewalt hinüber führen will, in Deines Vaterlandes weite Ferne, hier laß mich Liebe Dir, und Treue schwören. Dein menschlich fühlend Herz, gab Deinen armen Negern das höchste Gut, die Freiheit. Mir kann es Höheres nicht geben, als sich selbst. Schwöre mir Alonso Deine Liebe, und auf Dein Herz will ich meine Rechte legen, und Gott der Herr soll meinen Eid der Treue hören. Ihr glaubig frommer Blick flog auf zu dem, den sie zum Zeugen ihres Schwures gefordert hatte, da schwebte am Wolkenhimmel — auf derselben Stelle — sie schrak zurück, und barg das geisterbleiche Antlitz an Don Alonso’s Brust.
Was ist Dir, Hulda? fragte dieser erstaunt; sie aber schauerte kalt in einander, und wieß, ohne aufzusehen, nach dem Abendroth, und fragte: siehst Du nichts?
Dort, erwiederte Alonso lächelnd: die Gottheit meiner Schwarzen, schließt dort ihr müdes Auge, und zieht sich vor ihr Lager den Wolkenvorhang lauschig zu; mit Gold hat sie die Zipfel all gesäumt; sie macht das stets recht zierlich; und rechts am Bette steht ein Baum, ein blühend schöner Bananas.
Ein Baum? fuhr Hulda ängstlich auf! Ein Kreuz, Alonso, ist’s. Ein hohes, langes Kreuz — und dicht daneben liegt — mein Heiland und mein Gott — am Stamme des Kreuzes betet meine Mutter —
Aber liebholdes Wesen, entgegnete beruhigend Alonso: was regt Dich so allmächtig auf! Ein Kreuz? — nun ja, wenn Du ein Bischen davon, und ein Bischen dazu thust, und überall mit Deiner Phantasie nachhelfen willst, verwandelt sich am Ende mein Paradiesfeigenbaum[46] in Dein Kreuz, und — die Wolke da unten — hm — ja — eine weibliche Figur ist es — aber, was bringst Du Deine gute Mutter in dieses Nebelspiel, und wie, ich bitte Dich, wie kann ein bischen Wasserdunst solch Gaukelwerk erhitzter Phantasie Dir gleich zusammen treiben? der Passo del Norte hat Dich nicht etwa, setzte er in süßer Liebeständelei hinzu, und tippte auf Hulda’s Stirn: mein trautes Kind, berückt?
O scherze nicht, Alonso, entgegnete Hulda erschüttert, und bat, sie und den Vater bald zu entlassen, weil sie zur Mutter müsse.
Du kömmst mir nicht vom Bord, erwiederte Alonso, und umfaßte Hulda mit inniger Liebe: ich bin fest segelklar[47] und warte nur auf guten Wind. Beim ersten Lüftchen setze ich meine Segel bei, und steche frisch und wohlgemuth, mit meinem Bräutchen, in die hohe See.
Alonso, doch nicht ohne meiner Mutter Segen? fragte Hulda ernst: und doch nicht ohne des Dieners Christi fromme Weihe?
Das wird mir alles viel zu lang, entgegnete Alonso mit heißer Ungeduld. Die Mutter — ja; die werd’ ich morgen sprechen; sie soll uns segnen, Hulda. Was aber das Copuliren hier betrifft — ich bitte Dich, eh’ sich das alles ordnet, der Trauschein meiner Eltern, das Zeugniß meiner Taufe — das alles muß herbei, ehe wir das Aufgebot verlangen können. — So lange kann und darf ich hier nicht warten. Viel besser ist’s, Du gehst als Braut zu mir an Bord. Auch mitten auf der See ist unser Gott bei uns. Wirf Deine Anker in mein Herz, sie greifen da in festen Grund. Als Braut, vertraue mir, als unberührte Braut führt Dich Alonso heim. Es liegt für mich ein namenloser Zauber in dem Gedanken! Gewähre mir, zum Zeichen Deines Glaubens an meine Ehrfurcht vor Deiner Tugend, diesen Wunsch. Sechs Monden sind es nur, dann steigt die Jungfrau an das Land der neuen Welt, und sinkt in Mexiko, vor Gottes Hochaltar in unsrer goldgeschmückten Kathedrale, als junge Frau an meine Brust, zu lohnen mir die uns selbst aufgelegte süße Pein der schmerzlichsten Entsagung, durch ihrer Liebe Vollgenuß.
Gib den Gedanken auf, versetzte bittend Hulda: ich traue Dir und mir, denn keuscher Liebe ist die schwerste Prüfung leicht; die Eltern aber würden darein sich nimmer fügen; doch morgen früh darüber mehr! Vielleicht läßt sich das alles leichter machen, als Du denkst, das liebe Gold ist ja der beßte Hebel aller Hindernisse, und auch die gute Kirche läßt das Dispensiren sich bezahlen. Jetzt lebe wohl, Alonso, gute Nacht, und süße Träume!
Ein langer, langer Abschiedkuß, und Hulda fuhr mit ihrem Vater an das Land zurück. Trompeten schmetterten ihr nach, und wilde Paukenwirbel; und Hurrah schrie das Schiffsvolk aller Decke, und des Kanonendonners furchtbares Krachen verkündete dem Hafen und der Stadt, daß jetzt des Mexikaners schöne Braut nach Hause fahre. Alonso wehte ihr mit weißem Tuche, so lang sein Blick sie noch erreichen konnte, den Wunsch der guten Nacht noch nach, und alle seine Gäste, die Becher in der Hand, schrien Vivat, Vivat hoch, und blieben bis zur späten Mitternacht, und tollten auf des Bräutigams Schiffe, als wäre morgen Hochzeit, und heute Polterabend.
Alonso nahm, sobald Hulda ihn verlassen hatte, an dem Tanz und dem rasenden Lärmen der fast überlustigen Gäste keinen unmittelbaren Antheil; er blieb zwar der Rolle des gastlichen Wirths, mit der artigsten Aufmerksamkeit, treu; aber, wo er konnte entfernte er sich, und wenn er allein war, und ungesehen, so stellte er sich hin, und schaute durch die Dunkelheit der Nacht hinauf nach dem bewußten Balkon.
Endlich erschien etwas Weißes da oben, und kaum gewahrten dieß einige, die ihn belauscht hatten, als der Spektakel von neuem begann, und die ganze Gesellschaft der weißen Erscheinung mit Trompeten und Pauken, und dem Hurrah der Neger, ein Vivat ausbrachte, daß es drüben an den Mauern der schlummernden Stadt widerhallte.
In dem Augenblicke zündeten die Mexikaner, und hundert Matrosen anderer Schiffe, die sie sich zur Hülfe geholt hatten, mehrere tausend Laternen an, die an den Seiten des Schiffes, am Tauwerk, und an den Mastbäumen, bis zum Mars hinauf, in zierlicher Ordnung hingen, und einen unbeschreiblich schönen Anblick gewährten. Oben auf dem Topp des großen und des Fockmastes, waren Sonne und Mond in herrlichen Transparents zu sehen, und die unzähligen Lichter auf dem kaum merkbar hin und her schwankenden Schiffe, die sich in dem schillernden Wasser rings um, hundertmal wiederspiegelten, stellten den ganzen hochbeleuchteten Dreimaster in einen zauberisch schönen Feuerkreis.
Alonso freute sich, daß diese feenartige Ueberraschung, die er Hulda zu Ehren veranstaltet hatte, nicht von ihr unbemerkt geblieben war; sie hatte ihm, von der Höhe ihres Balkons herab, einen herzlichen Kuß zugeworfen, und er schwamm nun in einem Meere von Fröhlichkeit. Er gab noch heraus, was Butlerei[48] und Kambüse[49] vermochten, und man schwärmte bis zum hellen Morgen, wo die armen, diese Nacht oft gestörten gelbgefiederten Schreihälse auf dem benachbarten canarischen Schiffe, den Tag verkündeten, und man die gastliche Antoinette verließ.
Doch einen Augenblick noch auf Hulda zurück. Als sie mit dem Vater zu Hause kam, empfing sie die Mutter mit verweinten Augen.
Ihr habt Euch auf Eurem Spaziergange ja recht lange verweilt, sagte sie kalt, und durchbohrte Hulda mit einem pfeilscharfen Blicke.
Wir sind in Gesellschaft gewesen, entgegnete Hulda offen, und morgen früh wird —
Erspare Deine Bekenntnisse, fiel sie dem Mädchen, das ihr jetzt das Geständniß seiner glücklichen Liebe ablegen wollte, bitter in das Wort. — Deine zärtliche — fuhr sie zum Manne fort: Deine zärtliche Vorsorge für meine Ruhe hat Dir wenig geholfen; ich weiß alles, leider durch Fremde. Mein Kind hat sein Vertrauen zu mir verloren; wo Vertrauen fehlt, ist auch keine Liebe, Hulda, ich bitte Dich um Gotteswillen, womit habe ich dieß verdient? Ich habe seit Empfang dieser Zeilen — sie wies auf ein Billet der Maklerin — Stunden gelebt, die mir den Abschied aus diesem Leben leider recht erleichtern. Ich träumte, wenigstens von meinem einzigen Kinde geliebt zu seyn! — und dieses hintergeht mich, hintergeht mich da, wo andere gute Töchter sich der Mutter, ihrer ersten, ihrer treuesten Freundin, vor allen andern vertrauen. — Die ganze Stadt weiß, was mir, von Dir, von meinem Kinde verborgen wird. Gott im Himmel! habe ich denn auf der ganzen Welt keinen Freund mehr, als den Tod? —
Antoinette! hob der Vater ruhig an: seit Du mir Deine Hand gabst, habe ich nie hinter Deinem Rücken gehandelt; traue mir so viel Selbstgefühl zu, daß ich jetzt nicht anfangen werde, mich einem Fehler Preis zu geben, der — er sagte das mit weicher Stimme — auch den letzten Pfeiler unsers häuslichen Glücks untergraben würde. Was ich gethan habe, kann jeder wissen. Der Mann, der sich um Hulda’s Hand bewirbt, wollte heute früh schon Dich begrüßen; ich hielt ihn davon ab, und bat um Aufschub bis morgen, weil ich auf den Besuch Dich vorbereiten wollte; von seiner jugendlichen Raschheit mußte ich fürchten, daß er gleich heute mit seinem Anliegen hervortreten möchte; von Deiner Liebe zum einmal gefaßten Plane aber, daß Du, krank und mißgelaunt, nicht möchtest Dich ihm so erklären, wie wir mit ihm es wünschen. Ein solcher Schwiegersohn, ist er einmal gekränkt, kömmt nicht leicht wieder, und darum rieth mir die Vernunft, mit Vorsicht hier an’s Werk zu gehen. Er lud uns beide zu sich ein; ich sagte zu, um unterdessen, bis ich mit Dir darüber sprechen konnte, den Mann, dem wir das Kind auf Lebenszeit hingeben sollen, noch näher zu ergründen. Daß seine Absicht ruchtbar ward, daß Maklers sie Dir hinterbringen, und ihres Sohnes Nebenbuhler in schwarzen Schatten stellen würden, konnte ich mir denken, und darum suchte ich die Menschen, wenigstens bis morgen, von Dir zu entfernen, damit Du ihn dann ohne Vorurtheil sähest, und zwischen ihm und Maklers Caspar freie Wahl hättest. Wenn ich hierinn gefehlt habe, so verzeihe mir Gott; ich that es nur, um Hulda’s Beßten willen. Du liebst das Kind, wie ich, und darum wirst auch Du mir gern vergeben, wenn mein Verfahren Dich beleidigt hat. Wehe wollte ich damit, beim Himmel, Dir nicht thun. Den Zweck, Alonso näher zu erforschen, habe ich nun zwar ganz verfehlt, denn in dem Saus und Braus von hundert frohen Gästen, ließ sich des Menschen Herz nicht sonderlich sondiren; indeß, was ich sah und was ich hörte, bezeichnet wohl den Mann, der unserm Kinde, außer Glanz und Reichthum, ein reines Herz darbringt, und, gute Antoinette, das ist in der Liebe und in der Ehe, ja doch immer der beßte Hausrath!
Die mexikanischen Weine müssen Euch über die europäischen Hindernisse hinweggehoben haben, oder ich begreife Dich und Hulda nicht, entgegnete die Mutter mit erzwungener Ruhe: lies doch den Brief meiner ehrlichen Maklerin. Der Mensch kann der gefährlichste Abenteurer seyn; das kümmert euch nicht. Er lügt Euch seine Piaster millionen weise her, und ihr seyd, mit der ganzen Stadt, gutmüthig genug, seine Prahlereien ihm auf’s Wort zu glauben. Er will von deutscher Abkunft seyn, und nennt sich Mantequilla! er hat gar, hie und da, den kecken tollen Wunsch geäußert, das Kind als Braut nach Mexiko zu nehmen, weil ihm der Trauschein seiner Aeltern und sein Tauf-Zeugniß nicht herzuschaffen seyen. Wer weiß, was für verlaufenes Gesindel seine Eltern sind! daß sie niemals getraut, und daß er nicht getauft — beweis’t sein leerer Vorwand! Und einem solchen soll mein Kind, mein einziges Kind, geopfert werden? Nein — nimmermehr. Wär’ frommer Sinn in seiner Heidenbrust, und hätte alles, was er sagt, recht seinen Grund, so gäbe er der Sache Raum, und käm nach Jahresfrist zurück, und brächte die Documente alle mit, die wir verlangen müssen, wenn uns der Vorwurf unsrer Mitwelt nicht treffen soll, daß wir ganz ohne Kopf handelten.
Das alles, liebe Frau, begann der Vater sanft: läßt morgen sich besprechen; das Mädchen ist noch jung, und kann das Jahr noch warten. Zwei tausend Meilen hin, zwei tausend Meilen her, sind wohl kein kleiner Weg; indessen muß Alonso sich, bestehest Du darauf, mit kindlichem Gehorsam darein fügen; die Liebe mag ihm Zeit und Weg verkürzen. Auch hat er sich, wenn Du es wünschest, schon erklärt, sein Vaterland ganz aufzugeben, und hier bei uns sein Lebenlang zu bleiben; ich mochte ihm sein Wort deßhalb nicht fodern, denn aus dem ungeheuern Geschäft, was dort sich um ihn treibt, sich hieher in unsern Hökerkram zu setzen, kann seine Jugendkraft, die immer höher strebt, nicht reizen. Der zärtlichen Mutter aber, die das Kind ungern von sich ziehen sieht, ist wohl ein Vorschlag dieser Art nicht zu verargen. Sprich morgen selbst mit ihm. Vielleicht erfüllt er Deine Wünsche.
Die Mutter hatte still und ruhig zugehört; ihr Gesicht schien sich bei dem, was der Vater zuletzt anführte, ein wenig aufzuheitern.
Hulda kniete neben dem Bette nieder, und küßte ihre Hand, und fragte leise, ob Mütterchen noch böse sey.
Sie schwieg und lächelte, und eine stille Thräne zitterte ihr im halb erloschenen Auge.
Der Vater benutzte die in ihrem Innern vorgehende mildere Stimmung, und erzählte, daß der alte Linsing, der recht geläufig spanisch spreche, sich mit dem Steuermann und dem Guardian, so wie mit einigen Matrosen auf der Antoinette unterhalten, und sie, hinsichtlich der Vermögenslage ihres Capitains, recht umständlich über dieß und jenes ausgefragt, daß aber, nach dem was sie darüber hätten fallen lassen, Alonso eher zu wenig, als zu viel davon gesagt habe. Er kann, setzte er hinzu, weil er bemerkt hatte, daß die Idee von Alonso’s hiesiger Niederlassung, der Mutter vorzüglich zusagte: mit seinen funfzehn Millionen hier leben, wie ein Fürst.
Und meine Hulda liebt den fremden Mann? fragte die Mutter mit mildem Worte.
Wie keinen andern, lispelte Hulda leise, und bog sich auf der Mutter Hand herab.
Ich werde, versetzte die Mutter mit einem Tone, als wolle sie Hulda und den Vater überzeugen, daß beide sich in ihr geirrt hatten: ich werde meines Kindes Glück nicht stören. Ich habe zwar geglaubt, daß der, den ich im Stillen erwählte, auch Hulda werde wohlgefallen, doch, wenn das nicht soll seyn, kann ich mich gern fügen. Ist das, was von Alonso’s fabelhaftem Reichthum Ihr erzählt, zur Hälfte nur gegründet, und ist er meines Kindes Liebe werth, und kann er meinen Wunsch erfüllen, und seinen Wohnplatz bald, auf immer her verlegen! so kenne ich meine Mutterpflicht, und werde ihr nichts schuldig bleiben. Mit Freuden opfere ich dann jene kleine Grille, und segne Euren Bund.
Hulda traute ihrem Ohre kaum; sie umschlang die zärtliche Mutter, und bedeckte ihre bleiche Wange mit den Küssen der kindlichsten Liebe. Noch danke nicht, mein Kind, sagte die Mutter freundlich: erst wünsche ich den Mann zu sehen, dem es gelang, dieß reine Herz so schnell für sich zu gewinnen; doch — jetzt nichts, nichts mehr davon. Ihr wißt, ich liebe nicht viel Worte.
Da eilte Hulda von dannen und flog in den Garten, um dem vor Freude und Entzücken fast zerspringenden Herzen Luft zu machen. So rasch, so leicht der Mutter Sinn zu wenden, hatte sie sich nicht gedacht. Die Schickung wollte alles so; der Finger dessen, der das Herz des Menschen lenkt, ließ sich hier nicht verkennen. Den ganzen Tag war sie noch nicht auf dem Balkon gewesen, und hatte es Alonso doch versprochen! Ein wenig mußte sie hinauf, und kaum, als sie sich sehen ließ, stand, wie durch einen Zauberschlag, das ganze Schiff, vom Wasserspiegel bis zum Topp, so herrlich groß beleuchtet — ganz oben — höher noch als sie, die Sonne und der Mond — der Mexikaner sanfte Götter! verschwunden war am schwarzen Himmel das Kreuz und alle dräuende Gestalten. Nur Jauchzen hörte sie vom Schiff herauf und laute Freude, und mit der Liebe glücklichstem Entzücken warf sie dem schönen Mann, der beide Arme ihr entgegen breitete, die süßesten der Küsse zu.
Er kam den folgenden Morgen bei früher Tageszeit, hörte von Hulda und dem Vater, wie die Sachen sich unterdessen gestaltet hatten, und welche Wünsche ihm würden eröffnet werden, und trat, in beider Mitte, in das Zimmer der Mutter.
Ein Fieberblitz zuckte dieser durch alle Glieder, als sie seiner ansichtig ward; sie schrie laut auf und verhüllte das Gesicht mit ihrem Tuche, als hätte sie ein Gespenst gesehen.
Der Capitain Don Mantequila, hob der Vater, wegen dieses sonderbaren Auftritts, sehr verlegen an, und wollte ihr Alonso vorstellen. Sie aber rief: um Gotteswillen weg, weg — das ist sein Gesicht — das ist er selbst. Warum — ich frage Dich furchtbare Allmacht, warum mir hier, am Rande des Grabes, noch diese ungeheure Qual! —
Antoinette, sagte der Vater höchlich bestürzt: was ist Dir? Mütterchen, rief Hulda, und stürzte vor ihr Bette auf die Knie nieder: um Gotteswillen sprich — was hast Du für ein böses Traumgesicht?
Laßt mich sterben! tödtet mich! macht meinem entsetzlichen Leben ein Ende! entgegnete die Mutter aus schwer gepreßter Brust, und rang die Hände mit abgewendetem Gesicht — das, das soll Hulda’s Gatte seyn? Ein Teufel ist es, den die Hölle ausgespien! Ich habe ihm geflucht! Sie richtete sich in die Höhe, die Augen rollten funkelnd ihr im Kopfe, die bleichen Wangen brannten dunkelroth, und krampfhaft bebten ihr die blassen Lippen — Es ist die letzte Stunde meines Lebens! des Todes Schauer rieseln kalt mir durch die Seele — die Rache Gottes führt Dich Sünder zum Gericht. Ich fluche dreimal Dir — Fluch, Fluch, Fluch, Dir schauderhaftem Ungeheuer! —
Um Jesus Christi willen, Mutter! schrie Hulda außer sich, und faßte die drohende Rechte der Schrecklichen, die vor ihr grausend lag, wie jenes Wolkenbild am Himmel.
Der Mutter aber war der Athem ausgegangen — der Tod schlug grinsend seine kalten Arme um die sichere Beute — die Pulse stockten, und wie das letzte Gift des unversöhnlichsten Ingrimms, so trat ihr der weiße Schaum auf die zuckenden Lippen. —
Alonso schwankte vom Vater begleitet lautlos zur Thüre hinaus.
Der Mutter brechendes Auge suchte ihn, und da es ihn nicht mehr fand, ward sie ruhiger. — Sie athmete schwer. — Sie seufzte tief — eine Riesenlast lag ihr auf dem Herzen. Sie hatte aber nicht die Kraft mehr, sich sie abzuwälzen. Nur abgebrochene Worte, die kaum mehr verständlich waren, konnte sie hervorbringen.
Sie faßte Hulda’s Hand, und drückte sie heftig in die ihrigen. Mit höchster Anstrengung sammelte sie den Rest ihrer Kräfte, und sprach in kurzen Sätzen, halb laut — Die letzte Bitte Deiner Mutter! schwöre mir, ihm nimmer zu gehören —
Du bist krank, meine Mutter, sagte Hulda weinend: Deine Phantasie —
Nein, erwiederte die Sterbende: ist er es nicht, so ist’s sein Sohn; ich habe ihm geflucht bis in das dritte Glied — Sophie wird Dir alles sagen.
Der Heiland hat verziehen, entgegnete Hulda: er betete für seine Feinde; und Du, mein Mütterchen, willst scheiden aus der Welt mit solchem Groll, und wie — wie kann Alonso den verdienen, da Du ihn nie sahest?
Gott strafte auch der Väter Sünde bis in’s vierte Glied. Alonso soll des Vaters Sünde büßen.
Kennst Du den Vater denn?
Ein schwerer Seufzer war die Antwort; das Auge fand die letzten Thränen; — die Arme schluchzte laut, das hart gequälte Herz ward endlich weich und milde.
Nimm Mutter, Deinen Fluch zurück, bat Hulda christlich fromm, in Angst und Schmerz ganz aufgelös’t. Der Tod versöhnt ja alles! Laß beten mich für Deiner Seele Ruhe. O — Mutter richte nicht! Ich weiß nicht, was man gegen Dich verbrochen hat. Alonso aber ist nicht schuldig! Und Gott allein ist unser Richter. Mach’ Dir die Sterbestunde leicht. Vergib, so wird auch Gott Dir gern vergeben, und Engel werden Deine fromme Seele zu seinen Himmeln sanft geleiten.
Da fiel ein Schuß, ein zweiter, und ein dritter, und von dem Hafenfort erdonnerte des Abschiedgrusses Antwort.
Alonso geht in See, schrie händeringend Hulda, und sank ohnmächtig in einander. —
Die Unglückliche hatte sich nicht getäuscht.
Alonso, bis in den Grund der Seele erschüttert, des Mutterfluches grause Worte in dem Herzen, kam todtenbleich an seines Schiffes Bord.
Er fand den alten Linsing, warf weinend sich ihm in die Arme und rief, vom scharfen Schmerz zerrissen: Ich muß von dannen, ich muß fort. Allmählig nur gelang dem antheilvollen Freunde, das schreckliche Begebniß ihm abzufragen.
Alonso, hob er tröstend an: nur hier nicht gleich so rasch gehandelt. Die Frau hat phantasirt; ein Mißverständniß seltner Art muß hier zum Grunde liegen. Mein Freund, mein lieber Sohn, sey ruhig. Es wird, es muß sich alles noch enträthseln.
Kann Hulda den je lieben, den ihrer Mutter Fluch getroffen hat? fragte Alonso und starrte dunkeln Blickes vor sich hin. Ich ahne Gräßliches! Ein Mißverständniß ist es nicht. Die Frau gehörte dieser Welt schon nicht mehr an, und drüben sieht man heller, als wir blöde Menschen. Sie hat sich nicht geirrt. Mein Vater — und ihr Bild! Im Sterben noch war sie sich ähnlich. — Antoinette nannte sie der Mann — des Vaters Lieblingsname — zu ehren ihn, hab’ ich mein Schiff also genannt. — Aus Frankfurt sagt Auguste — aus jedem Umstand press’ ich einen Tropfen zu dem Gifte, das mir in ihrem Fluche liegt. Und Hulda — mein ganzes Glück, mein Leben — dem Fluchbedeckten darf sie ja die reine Hand in Ewigkeit nicht reichen. — O — hätt’ ich doch aus meinem Scherze Ernst gemacht; ich wollte gestern mit ihr fort, — da hielt sie mich, um ihrer Mutter Segen willen. Statt dessen schleuderte die Sterbende, aus ihres Grabes Schauertiefe, mir ihren Fluch in’s todte Leben nach! — So wahr mein Gott im hohen reinen Himmel — ich büße eine fremde Schuld. — Was helfen nun mir alle Millionen! Das Höchste meines Lebens, das Herz des Engels ist mir freventlich geraubt, und ich bin bettelarm! So lang ich athme, wird das meine ihr allein gehören. — Nein, außer ihr kann Keine ich je lieben! — Mein alter Herr und Freund, bringt meine Schwüre ihr. Der Sonne Strahl soll langsam quälend mich vertrocknen, des Mondes mildes Licht mir nimmer wieder scheinen, und meines großen Gottes Rache fort und fort mich überall verfolgen, wenn meinen Schwur der Treue ich je breche. Bringt, Freund, ihr diesen Kuß! Ich kann sie nimmer wieder sehen.
Alonso, liebster Freund, ermahnte bittend der Director: ach haltet diesesmal nur Euern raschen Sinn im Zügel. Die Mutter ist ja krank, sie kann sich bessern; das böse Wort, dem Irrthum bloß enteilt, kann sie ja widerrufen. — Sie kann vielleicht auch sterben, und dann ist Hulda frei! —
So denkt Ihr hier in Eurer alten Welt? fragte Alonso bitter. Ein Irrthum war es nicht! Der Geist des höhern Lichts sprach aus des Todtenrichters Munde. Und lebt sie Jahre noch, sie wird, sie kann nicht widerrufen. Und thät sie es — meint Ihr, daß sie damit den in Gift getauchten Dolch mir aus dem Herzen ziehen könnte, den sie tief hinein gestoßen hat? Was ich hörte, ich kann es nicht ungehört machen. Ich könnte nimmermehr mit Liebe mich ihr nahen; ich könnte nie Vertrauen zu ihr fassen. Sie könnte Mutter nimmermehr mir seyn. — Und frei, sagt Ihr, sey Hulda wenn sie stürbe? Wohl werden Wunder nicht geschehn, wenn Hulda mir die Hand nach ihrer Mutter Tode gäbe. Kann Hulda aber das? Kann Hulda an der Seite des Verfluchten sich eine Stunde nur des Lebens freuen? — Beim kleinsten Mißgeschick — muß sie nicht immer gleich des Mutterfluches harte Folgen fürchten? — Das Drohbild, was sie gestern in den Wolken sah! — Mein Gott und Herr, soll das ein Vorgefühl des Jammers, den der Zorn der Mutter uns bereitet hat, gewesen seyn? — Ich kann nicht bleiben; — ich muß fort. Sie noch einmal zu sehen, ist mehr als ich ertragen kann. — Mein Arm darf sie nicht mehr umfangen! Sie muß mich fliehen, ich bin geächtet. — In wenig Stunden bin ich der ganzen Stadt Gespött! man zeigt mit Fingern auf den kühnen Fremden, der sich erdreistete, der Blumen lieblichste Europa’s Gärten zu entführen, und den ein Weib mit Fluch und Bann belegte! — Nein! fort von hier! hinaus in’s wilde Meer! vielleicht wirft bald eine Welle mich in des Abgrunds dunkle Tiefe! — Gott sey mir Armen gnädig.
Mit wildem Ungestüm sprang er zum Fockmast vor, und schrie den Negern zu: Listo! levad el ancla,[50] und andern: Listo! dad vela[51]; und pfeilschnell flogen sie auf ihre Posten. Die schweren Anker wanden sich aus ihrem Grunde, und in die aufgehießten Segel blies der leichte Landwind seewärts.
Alonso ließ ein kleines Boot aussetzen, um den alten Linsing an das Land zu bringen. Noch einmal schloß er ihn in seine Arme. Ein heißer Thränenstrom entstürzte seinen Augen. Mein letztes Wort ist Hulda! rief er im Schmerz der Trennung fast vergehend. Beschwöret sie, mit Liebe meiner immer eingedenk zu bleiben. — Doch ihre Hand sey frei. Kann sie mit einem Andern glücklich seyn, so segne ich den Bund, mag es mir auch das Leben kosten. Kein Bild, kein Blatt, nicht eine Locke, ich habe nichts von ihr, das süße Wehe nur in der gequälten Brust. Noch höre ich den Wohllaut ihrer Stimme, noch sehe ich die reizende Gestalt; mein guter Gott, laß mir dies beides nur, so lange ich das Leben hier noch friste. — Noch einmal laßt mich athmen tief — es ist die Luft in der sie lebt, laßt ihres Athems Würze mich einsaugen. — Ich sehe sie ja nie — verstehst Du alter Freund, verstehst Du dieses Schreckenswort? — Ich sehe nie sie wieder; — die Lootsen kommen an den Bord, aus Euerm Hafen mich zu bringen. Gehabt Euch wohl. Ich steure meinen Cours in’s Grab. Mein Herzensfreund, wenn Du mich liebst, so bitte mit mir Gott, daß er das liebeleere Leben mir bald ende. Dort oben gilt kein Fluch. Dort seh ich Hulda wieder! — Dank Dir, mein alter Freund, daß Du die bittere Scheidestunde mir versüßest. Bring Frau und Kindern meinen Gruß. Dieß, Linsing, meiner Hulda!
Er gab ihm aus einem neben ihm stehenden Blumentopfe, einen Zweig brennender Liebe, drückte ihm einen Kuß auf die Lippen, zog ihn noch einmal an sein Herz, und die Kanonen seines Schiffes sagten dem Hafen Lebewohl.
Linsing ließ sich an das Land setzen, und Alonso stand wie ein Wahnsinniger, mit starrem Blicke nach dem Balkon gerichtet.
Weiter und weiter trieb der Wind die Antoinette hinaus, dem unermeßlichen Weltmeere zu — Hulda erschien nicht — Alonso’s Kräfte schwanden. Die starke Eiche brach, wie mürbes Rohr, zusammen. Er stieß der bittersten Verzweiflung lauten Schrei aus der zerrissenen Brust, und stürzte halb todt auf das Verdeck; da eilten seine treuen Neger schnell herbei, und trugen ihren Herrn erstarrt in die Kajütte.
Wer mahlt der armen Hulda namenlosen Schmerz, als sie erwachte. Die Mutter lag entseelt vor ihr im Bette. Das Herz, es schlug nicht mehr, kein Athemzug — das starre Auge hatte nicht mehr Leben, vom bittern Todeskampf war das Gesicht entstellt — der Fluch — es war, als hätte sie ihn nicht zurück genommen, als wäre sie mit ihm zur Unterwelt gefahren.
Des Kindes Angstgeschrei rief den Vater und die Bedienung herbei. Auch der Arzt kam. Alle Mittel, des Todes Macht zu bannen, blieben erfolglos.
Hulda konnte nicht bleiben; das furchtbar zürnende Gesicht der — mein Jesus, rief sie laut: ich will ja, Mutter, Deinen Willen thun, nur zürne mir im Tode nicht! Ich war Dein liebes Kind ja immer, und Gott wird Kraft mir geben, daß ich — O Mutter, Mutter, höre noch aus Deiner fernen Welt auf Deines Kindes banges Flehen — geh’ nicht mit diesem Groll in Deine stille Gruft.
Der Vater bat weinend die Umstehenden, Hulda auf ihr Zimmer zu bringen. Bete mein Kind, sagte er, ihr ängstliches Zagen beschwichtigend: auf Deinen Knieen um die Ruhe der Verklärten. Alles meines Bestrebens ungeachtet, hat ihr das Leben der Freuden wenig nur geboten. Sie nannte oft den Tod nur ihren einzigen Freund. Sein sanfter Schlaf möge ihr die Erquickung schenken, die sie hier nirgends finden konnte, und jenseits, wo uns kein Kummer trüben soll und wo wir klarer schauen werden, wird sich vielleicht auch mir des Trübsinns Grund eröffnen, der überall die Rosen ihres Lebens bleichte.
Hulda, in Thränen der kindlichsten Wehmuth zerfließend, lag in ihrem Zimmer, vor ihrem Gott gebeugt, als der alte Linsing eintrat, die brennende Liebe ihr reichte, Alonso’s Scheidekuß ihr auf die Lippen drückte, und ihre vorhin geäußerte, über das plötzliche Verscheiden der Mutter aber wieder entschwundene Ahnung von Alonsos Abreise, durch die einfachen, im Munde des tief gerührten Mannes kaum vernehmbaren Worte: Er ist fort! bestätigte.
Sie sah den Todesboten mit thränenschweren Augen an, that aus der blutenden Brust einen lauten Schmerzensschrei und sank, dem Jammer des Lebens auf ewig verfallen, ohne Besinnung zu Boden.
Nach einer Stunde erst kam sie so weit wieder zu sich, daß sie ihrer Sinne mächtig ward. Unter dem Vorwande, frische Luft zu schöpfen, ging sie in den Garten, trat später in den Saal und bestieg den Balkon.
Auf der Stelle im Hafen, wo die prächtige Antoinette vor Anker lag, befand sich jetzt ein unansehnlicher Grönlandsfahrer; draußen auf dem Meere, ganz oben, auf der fernsten Höhe des Wasserspiegels, gewahrte sie einen schwarzen Punkt. Das war Alonso’s Schiff; mit gebrochenem Herzen rief sie dem Entschwindenden, der unauslöschlichen Liebe verzweiflungvolles Lebewohl, leise nach, und sah, still vor sich weinend, starren Auges, nach dem immer mehr und mehr enteilenden Punkte hin, bis er verschwand.
Zehnmal wischte sie sich die aus der gepreßten Brust unaufhaltsam hervorquellenden Thränen von den Wimpern, um noch einmal, nur noch ein einziges Mal das fliehende Schiff zu erspähen. Aber ihr Auge erreichte es nicht mehr! —
Die Mutter todt, Alonso fort! — Vielleicht auf immer und ewig fort! —
Die Unglückliche drückte das letzte Zeichen seiner Treue, die brennende Liebe, an die Lippen, und überließ sich, still weinend, der schmerzlichsten Trauer.
Die Leiche der Mutter zu sehen, hatte sie absichtlich gemieden; das zürnende Drohgesicht — es wich nicht von ihrem innern Auge; sie sah es wachend und träumend.
Am Begräbnißtage — sie hatte den entsetzlichen Augenblick lange gefürchtet, wo sie der Hülle der Vorangegangenen zum letzten Mal sich nähern sollte, um ihr der Kindesliebe frommen Dank zu bringen, und ihr zur Nacht des langen Schlafs, die Ruhe der Seligen zu wünschen — am Begräbnißtage trat sie an den Sarg.
Der Mutter Züge hatten sich verändert; nichts trübte mehr die qualerfüllte Brust, in der das frömmste Herz geschlagen. Der Kummer dieses Lebens drückte nicht mehr auf die Engelreine. Versöhnt mit dem Geschick, und harrend ihres Lohns, der droben guter Menschen wartet, lag sie, wie eine Gottverklärte da. Ein mildes Lächeln schwebte in jedem ihrer Züge; es war, als spräch’ ihr blasser Mund, mein Glück war nicht von dieser Welt. Jetzt ist mir wohl. Der Gott, der jede still geweinte Thräne zählt, wiegt jede mir durch tausend Freuden auf.
Mein Mütterchen, sagte Hulda mit der Wehmuth leisestem Tone, und kniete am Sarge nieder: Du zürnest nicht mehr mit mir? Du behältst mir drüben Deine Liebe? Dein Kind darf furchtlos an das Wiedersehen denken? — Der in den letzten Augenblicken Deines Lebens den Frieden Deiner Seele störte, er hat zum Opfer sich und mich gebracht. Das Kind soll folgsam seiner Mutter seyn. So hat sein edles Herz gewollt. Laß nun auch ab von Deinem Hasse gegen ihn, und kann aus jenen Lichtgefilden, in denen Deine Seele schwebt, auf Dein verwais’tes Kind Dein mütterlicher Segen wirken, so gib mir Kräfte, daß ich ertrage, was Dein Gebot mir auferlegt; und ist es in dem Plane des Geschicks, daß des irdischen Lebens Glück unwiderruflich mir verloren sey, so rufe Du mich bald, daß ich Dir folge, denn diese arme Welt gewährt mir keine Freude mehr. Schlaf sanft, mein Mütterchen! die Klage meiner Leiden soll in Deiner Ruhe Dich nicht stören. Kein Vorwurf soll in Deine stille Kammer Dich begleiten. Mein Heiland starb am martervollen Kreuze; er duldete und schwieg; auch ich will schweigend dulden. Vergebung flehete er, weil sie nicht wußten, was sie thaten. Vielleicht hast Du, mein Mütterchen, auch nicht gewußt, warum Du mir gethan, was meines Lebens Blüthe vernichtet hat, auf ewig. Mein Jesus lehrte mich, in diesem Fall, Vergebung Dir erbitten; und so soll Gott sich Deiner mild erbarmen, und wenn Du fehltest, mit seiner Liebe nur Dich richten. In Deinem Willen lag gewiß mein Wohl, und darum sey entladen aller Schuld, und kehre ein in Deiner Freuden Reich.
Sie neigte ihr Haupt auf die gefalteten Hände, und wimmerte, leise schluchzend. Da traten die mit schwarzem Krepp umflorten Träger ein, und verschlossen den Sarg. Einen Blick noch warf sie auf die Entschlafene, einen Blick der Liebe, der Verzeihung und des Friedens; und der Gott, der den schuldlosen Kindern das Himmelreich verheißet, und in seinem unerforschlichen Willen von seinen Auserwählten oft der Prüfung schwere Opfer fodert, schenkte ihrem Herzen wohlthätige Thränen und sanften Trost.
Mit einem spanischen Schiffe, das einige Wochen später nach dem Hafen von Calao[52] abging, hatte Hulda den Tod der Mutter deren Schwester, der Tante Sophie in Lima berichtet, sie von ihren Verhältnissen zu Alonso in Kenntniß gesetzt, und sie zugleich um die Aufschlüsse über der Mutter unerklärliche Abneigung gegen letztern gebeten.
Der Kummer über den Verlornen; der Schmerz, daß die erste Freundinn ihres Herzens, ihre Mutter, ein Bündniß nicht gebilliget hatte, in dem Hulda ihr ganzes Lebensglück zu finden meinte; die zweitausend Meilen weite Trennung von dem Treugeliebten; der sich täglich mehr begründete Zweifel eines möglichen Wiedersehens; das heimliche Spötteln mancher werthlosen Menschen; die heimtückische Rachsucht der Makler-Familie, die sich freute, das unglückliche Mädchen auf alle ersinnliche Art zu kränken; das lange vergebliche Harren auf eine endliche Nachricht von ihm und der Tante — Alles dieß nagte zerstörend an Hulda’s frischer Jugendkraft. Sie verlor allen Reiz am Leben, zog sich aus allen gesellschaftlichen Kreisen, mied alle Zerstreuungen, und lebte nur ihrem stillen Kummer und der Erinnerung der seligen Stunden, die ihr in Alonso’s Nähe vom Geschick, nur viel zu spärlich, zugemessen gewesen waren.
Einem reinen, zartfühlenden Mädchen ist kein Gift gefährlicher, als das des Grams der Liebe. Wie schmerzlich hatte dieses hier gewüthet! Die schöne Knospe, sie war geknickt. Verwelkt waren Blätter und Zweige; verdorrt der Saft des Lebens!
Ich kannte Hulda’s Lage, und meine herzliche Theilnahme erwarb mir ihr freundliches Wohlwollen.
Sie sprach, wenn sie mit Gustchen, ihrer vertrautesten Freundinn allein war, gern von Alonso, — aus der geheimsten Tiefe ihrer Seele schien dann immer noch ein schwacher Strahl der Hoffnung aufzublitzen, daß eine Verbindung mit dem Geliebten ihres Herzens doch möglich sey.
Ihre blasse Wange röthete sich dann ein wenig, und das thränenmüde Auge blickte mit wehmüthigem Lächeln in die Zukunft. Sie glich der Sonne am frühen Herbstabend, die, hinter trüben Wolken hinabsinkend, noch einmal der Erde den freundlichen Scheideblick zuwirft. In ihrem großen, geistvollen Auge lag ein Himmel voll Seligkeit, und wenn sie vom Herzen zum Herzen sprach, glaubte man eine Heilige der christlichen Vorwelt zu hören, so demüthig war ihr Sinn, so gottergeben ihr engelreines Gemüth, so vorbereitet ihre Seele auf das Jenseit, dem sie, durch Vollendung ihres edlen Selbst, entgegen reifte. Nur wenn die Rede auf ihn kam, an dem ihr Herz mit unaussprechlicher Liebe hing, trat die Anhänglichkeit an das Irdische mit all ihrem Zauber wieder vor; sie erschrak dann über die kalte Hand des Todes, die ihr den Blüthenreiz der Jugend so grausam abgestreift, das frische Purpurroth auf ihrer Lilienwange in kranke Leichenblässe gewandelt, und des Fleisches kräftige Frische so unerbittlich gewelkt hatte. Ihr Lieblingsaufenthalt war auf dem Balkon; wer die süßeste Sehnsucht der Liebe mahlen wollte, mußte dieß Mädchen sehen, wenn es oft Stunden lang, unverwendeten Blickes, in das unermeßliche Weltmeer schauete; und dann, heimlich vor sich hin, die Augen voll Wasser, den Kopf schüttelte, und leise sagte: er kömmt immer noch nicht.
Endlich, nach vierzehn langen Monaten, trafen Briefe von der Tante Sophie ein.
Der Mutter Wille, schrieb diese unter andern: ist, wie Du mir sagst, daß ich Dir das dunkele Räthsel löse, das der Unglücklichen Leben bis zur letzten Stunde trübte, und Dir, meine theure Hulda, alle Deine Hoffnungen, all’ Dein Glück, unwiederbringlich vernichtet hat.
Ich erfülle diesen Willen mit schwerem Herzen, weil ich des Unerforschlichen Wege, auf denen sich Folgen an Ursachen in ewiger Kette fortreihen, hier so sichtbar gezeichnet finde, daß ich alle Menschen laut und dringend beschwören möchte, jeden ihrer Schritte, jede ihrer Handlungen, und alles, was der Natur der Dinge nach, daraus entstehen muß, prüfend zu berathen, um seine Seele nicht mit Vorwürfen zu belasten, die keine Macht der Welt von uns zu nehmen vermag.
Antoinette ward, in der Blüthe ihrer Jahre, von einem jungen Manne geliebt, der ihren Reizen und ihren Tugenden mit unbeschreiblicher Leidenschaftlichkeit huldigte. Selbst ohne Vermögen, bot er, in leichter Hoffnung auf künftiges Glück, und ohne zu überrechnen, was zur Führung eines auch nur mittelmäßigen Hausstandes unentbehrlich nöthig ist, dem Mädchen seines Herzens die Hand; unsere Eltern aber, wie die seinigen, konnten diesen raschen Schritt nicht billigen, und empfahlen dem Heirathlustigen, die Verbesserung seiner Lage abzuwarten, die ihm, bei seinen Kenntnissen, mit der Zeit nicht entstehen könne.
Man hielt die Trennung beider Liebenden für das zweckmäßigste Mittel, ihn von allen Zerstreuungen abzuhalten, um sich desto bestimmter seinem Berufe widmen, und die Begründung seiner künftigen Selbständigkeit desto ungestörter bewirken zu können.
Er verließ, unter den heiligsten Schwüren ewiger Treue, unser Frankfurt, und ging nach Hamburg, um auf dem Comptoir eines der ersten dasigen Häuser zu arbeiten. Mangel an festen Grundsätzen, rasches Temperament, und Gelegenheit — wie viele junge Männer unsrer Zeit mögen diesen verführerischen Dämonen ihres Lebensglücks sich nicht schon in die Arme geworfen haben, ohne die Folgen ihrer Unbesonnenheit zu berechnen — Ein junges, unerfahrnes Mädchen von gutem Herkommen, wohnt mit ihm in einem und dem nämlichen Hause; sie sehen sich täglich; ihr beiderseitiger Umgang wird vertrauter, und der Mann, der vor wenigen Monaten noch, zu Antoinettens Füßen die Reinheit seiner Liebe mit tausend Eiden bekräftigte, mußte, um die Gefallene nicht dem Spotte der Welt Preis zu geben, mit ihr flüchten. In Mexiko gebar sie Alonso, und starb vor Gram über ihren Leichtsinn, der sie aus dem Kreise ihrer achtbaren Familie in einen fremden Erdstrich bannte, worin sie sich arm und verlassen fühlte und, nachdem der erste Rausch der Leidenschaft verflogen war, sich von dem nicht mehr geliebt sah, dem sie alles geopfert hatte. Alonso’s Vater machte seine Talente bald geltend; wer hier Thätigkeit mit Umsicht verbindet, muß sein Ziel erreichen; das Glück war dem Manne, der sich nun mit rastlosem Eifer in die Geschäfte warf, vorzüglich günstig, und so hinterließ er seinem eingebornen Sohne ein Vermögen, welches, selbst nach hiesigem Maßstabe, zu den bedeutendern gehört. Seinen deutschen Namen, Schmalz, hatte er, wahrscheinlich um unentdeckt zu bleiben, oder weil die sechs Consonanten in Einer Sylbe, dem spanischen und indischen Munde seiner Geschäftsverbündeten und Untergebenen unaussprechbar waren, in das Spanische übersetzt, und sich daher Mantequilla genannt; oft schon hatte ich von dem reichen Mantequilla in Mexiko gehört, ohne zu ahnen, daß dieß der Unbesonnene sey, der meiner Antoinette das Herz gebrochen hat.
Auf diese hatte seine Treulosigkeit einen furchtbaren Eindruck gemacht. Sie war von dem Augenblicke an, da sie die Nachricht seiner Flucht hörte, wie umgewandelt; sonst die fröhliche Unbefangenheit, die Gutmüthigkeit, die Liebe selbst, ward sie kalt und verschlossen; sie haßte das Leben und seine Freuden; in ihrem Innern gährte eine Säure, eine Bitterkeit, die sie gegen alle Menschen immer mehr und mehr verfeindeten; ihre Vernunft nur und ihr Pflichtgefühl, zügelten ihren heimlichen Ingrimm gegen die ganze Welt; sie glaubte an keine Eide mehr; sie hielt das ganze Menschengeschlecht für entwürdiget.
Dein Vater, von dem Reize ihrer blendenden Schönheit hingerissen, warb um ihre Hand; er ward von allen seinen Freunden gewarnt; allein der joviale Mann hielt ihre Kälte für Tiefe des Gemüths; ihre Zurückgezogenheit für Folge ihrer bisher eingeschränkten Lebensweise; ihre Bitterkeit, für Witz. Sie gab ihm ihre Hand ohne Liebe; sie gab sie ihm, weil es unsere Aeltern wünschten, weil sie jede ihrer Wünsche als unwiderrufliches Gesetz ansah, und weil sie jede ihrer Pflichten mit einer Strenge gegen sich selbst erfüllte, die an Märtyrerwahn gränzte. Es that ihr wohl, sich dem älterlichen Willen zum Opfer zu bringen; ihr Leben hatte, nach ihrer trüben Ansicht, doch nun wenigstens einen Zweck gehabt.
Es gibt, für den Mann von Gefühl, kein entsetzlicheres Loos unter dem Monde, als mit einer Gattinn verbunden zu seyn, die ihm, aus mehreren bewegenden Nebenumständen, nur nicht aus dem Drange ihres Herzens, ihre Hand gegeben. Antoinette erkannte alle Bemühungen Deines Vaters, ihr das Leben angenehm zu machen, sich in ihre unermüdlichen Launen zu fügen, und ihr Beweise seines herzlichsten Wohlwollens, seiner innigsten Liebe zu geben, an; aber sie konnte ihm dafür nichts, als bloßen Dank wiedergeben; sie haßte sich darüber selbst; sie klagte, in jedem ihrer Briefe, sich deßhalb selber an; die engelgleiche Schonung, mit der Dein Vater ihr zurückstoßendes Benehmen trug, und gegen andere sogar entschuldigte, drückte sie noch tiefer nieder; sie setzte sich in ihren schwermüthigen Selbstbetrachtungen zusammen, daß sie ihm und andern eine Last sey, und zerfiel so mit dem innern Glauben an sich und ihren Werth immer mehr. Eine sonderbare Frömmelei, der sie sich, nach ihren Briefen, besonders in der spätern Zeit, hingegeben zu haben, und in der sie, wie aus mehreren ihrer Aeußerungen hervorging, von einem dortigen mit ihr befreundetem Hause, bestärkt zu werden schien, dämpfte ihre zuweilen rege werdenden Bemühungen, sich aus sich selbst heraus zu reißen, noch mehr. Sie hielt jede Widerwärtigkeit für eine ausdrückliche Schickung Gottes, welcher die züchtige, die er lieb habe, und fügte sich zur Duldsamkeit der strengsten Büßerinnen unsrer christlichen Vorzeit. Ewig und ewig wühlte aber das Andenken an die Wehthat des Meineidigen, in ihrem tausendfach zerrissenen Herzen. Ach könnten die Männer das Unermeßliche der Liebe ahnen, das im keuschen Busen der Jungfrau so allmächtig wogt, sie würden die ungeheure Qual verstehen, die eine solche Liebe leidet, wenn sie betrogen wird! Verdamme nicht Deine unglückliche Mutter, wenn sie, — diese brennende Qual mehr denn zwanzig Jahre im gewaltsam verschlossenen Herzen, in der Stunde des ersehnten Todes, Alonso erkennend, — den wortbrüchigen Vater verfluchte! Es liegt in diesem Fluche etwas so schauderhaft Gräßliches, daß mir die Sinne vergingen, als ich ihn las. Hörten ihn doch alle, die sich eines gleichen Verbrechens schuldig wissen!
Deine Briefe, meine Hulda, bestimmten mich zu einer Reise nach Mexiko. Nach meiner festen Ueberzeugung galten die grausenden Verwünschungen der Sterbenden nicht dem schuldlosen Sohne, sondern der Sünde des Vaters. Alonso’s Aehnlichkeit mit diesem hatte der Unglücklichen, die auf der furchtbaren Schauerbrücke zwischen dieß und jenseits stand, wo alle Sehnen, alle Nerven, alle Fibern im Kampfe mit dem wüthenden Tode, bis zum Zerspringen gereizt, wo ihre Sinne krampfhaft zerrüttet, wo die unsichtbaren Bande zwischen Seele und Körper, von der erbarmunglosen Parze schon halb zerschnitten waren, jene Aehnlichkeit, sage ich, hatte in diesem entsetzlichen Augenblicke, ihrer verworrenen Phantasie das Bild des Treulosen wie mit einem Zauberschlage vorgeführt; dem Jahre lang, unter der Gewalt der Vernunft erlegenen Herzen entstürzte fest das bitterste aller Gifte, das Gift gekränkter Liebe. Das Recht, was sie sich anmaßte, den Vater im Sohne noch zu hassen, ist ein Beweis ihres Wahnsinns mehr. Ihr frommer Geist war schon von ihr gewichen; diese Aeußerung war nur die letzte Zuckung ihres verblutenden Herzens. Nur einen lichten Augenblick hätte sie noch haben dürfen, nur der ernsten Zusprache eines verständigen Freundes hätte es bedurft, und jene unseligen Worte wären über ihre Lippen nicht gekommen, oder von ihr, mit ihrem milden christlichen Sinne, widerrufen worden.
Im Plane der Vorsehung hat es anders gelegen! Jene Sünde des Vaters hat den schuldlosen Sohn zum Opfer gefordert.
Bereite Dich vor, meine Hulda, das Schmerzlichste zu hören.
Ein Schwarzer empfing mich und meinen Gatten in Alonso’s fürstlichem Palaste.
Auf unsere Frage nach seinem Herrn, brach der Mann in sanfte Thränen aus. Nur zu seiner Ruhestätte kann ich Euch geleiten, entgegnete er, mein edler Herr ist todt!
Hulda, halte fest an Gott und seinen Glauben! Alonso ist in der Blüthe seines Lebens, in des Todes kalte Arme gesunken.
Wenige Tage nach seiner Abfahrt aus Euerm Hafen, hatte ihn, wie der Neger erzählte, ein hitziges Fieber befallen. Der Steuermann, der Bootsmann, der Guardian, alle bitten ihn, zurückzukehren; er aber besteht auf der Fortsetzung der Fahrt; nach zwei langen Monaten fängt die Kraft des Rüstigen endlich an, sich allmählig wieder zu regen; alles preis’t Gott, der ihn, ohne ärztliche Hülfe wieder genesen ließ; nur ihm macht die Rückkehr in das Leben keine Freude; er, sonst der Lebendigste, der Heiterste auf dem Schiffe, sitzt in sich gekehrt und still, mit dem Gesichte nach Europa gewendet; spricht kein Wort, ist weich wie ein Kind, und hat oft heiße Thränen im Auge. Der Pilot, ein verständiger Mann, naht sich ihm mit bescheidener Frage nach der Ursache seines Kummers, glaubt, daß er körperlich leide, und bitter, seinen Cours auf die zunächst liegende Insel richten zu dürfen, um da für seine Gesundheit besser sorgen zu können; Alonso aber reicht ihm freundlich dankend die Hand, bittet, die Fahrt nach Vera-Cruz möglichst zu beschleunigen, behauptet, daß ihm auf dieser Welt Niemand helfen könne, setzt späterhin sein Testament auf, und übergibt es, für den Fall seines Todes auf der See, gedachten drei Schiffsoffizieren mit den gewöhnlichen Förmlichkeiten.
Ein anhaltender, sehr bedeutender Sturm, der das Schiff mehrere hundert Meilen verschlägt, und die angreifendsten Anstrengungen nöthig macht, deren sich Alonso, um die Mannschaft zu retten, Tag und Nacht unterzieht, bewirken in seiner Krankheit einen gefährlichen Rückfall. Seine Kräfte schwinden immer mehr, und nur mit Mühe gelingt es ihm, kaum noch lebend nach einer höchst mühvollen Fahrt, im Hafen von Vera-Cruz, endlich an das Land zu setzen. Man bringt ihn in das benachbarte Xalappa[53], das eine gesündere und angenehmere Lage hat, als Vera-Cruz selbst; allein er dringt darauf, nach Mexiko geschafft zu werden; die erdrückende Hitze auf den Dünen[54], über die ihn, in einem Ruhebette, seine treuen Sclaven tragen, verschlimmert seine Krankheit, und kaum in Mexiko angelangt, verscheidet er nach kurzem Leiden.
Sein letztes Wort war Dein Name, meine unglückliche Hulda. An Dich sind die Zeilen gerichtet, die er am Bord der Antoinette geschrieben, und unter Deiner Adresse versiegelt hinterlassen hat, und die mir, da ich mich als Deiner Mutter Schwester auswies, zur Weiterbeförderung an Dich, ausgehändigt worden sind. Alonso muß ein sehr edler Mensch gewesen seyn. Er hat im Testamente seinen sämmtlichen Sclaven die Freiheit geschenkt, und sie mit Mitteln zur Rückkehr in ihre Heimath versehen. Ganz Mexiko rühmt ihn, als ein Muster von Sittenreinheit; der Ruf seiner Tugend, seiner Kenntnisse und seines Wandels hat ihm die Liebe und Achtung der ganzen Stadt gewonnen, und ein recht rührender Beweis der zarten Anhänglichkeit seiner Umgebungen war, daß uns alle Personen im Hause, als wir nach seinem Grabmal wandelten, schweigend Hand und Fuß küßten, als wollten sie uns für die letzte Ehre danken, die wir ihrem angebeteten Herrn erwiesen. Das Monument, unter dem seine Hülle ruht, ist ein einfacher Würfel von weißlich grauem, sehr schön geschliffenen Granit. Es liegt unfern der Stadt, auf dem Hügel von Toatihuacan, zwischen den majestätischen Trümmern der, den indischen Göttern, dem Monde und der Sonne, geweihten Pyramiden, in der Mitte eines heiligen Palmenhains, rings umgeben von einem Kranze frisch gepflanzter brennender Liebe. Wir knieten, vom Dunkel der stillen Friedens-Palmen umschattet, am Grabe nieder, und beteten für Alonso und für Dich. —