LANDSCHAFTEN
Reading edition
MANN AM SEE
Der Mann steht unter dem eingedrückten Hut schon spät in der Landschaft. Kühl und von grauenden Nebeln verwäscht die Luft. Weißer Riese, der Berg, geht über den See, dunkeln die Wasser, und es verlöscht links geräuschvoll der Wald. Blauen die Sterne schon angestrengt herunter, nasse Lichter ziehen um die Horizonte herum, der See geht auf, biegen die Ufer, und er versenkt immer wieder sich in den Himmel, eine große Kehle. Stumm segeln Küsten vorbei. Rufe, sagenhaft, schlagen an das Herz des späten Mannes, doch er bleibt herbstend, ungenau erregt, während auf den Wassern Bäume in schattenhaften Kugeln jagen über den Berg und den Wald, der sich immer wieder hebt und in die Kniee legt.
ABENDSONNE
Grüne Berge, weitgeflächt, schaukeln in den Himmel auf, Schluchten rote Rosen, ausgefaltet, scheinen himmelauf. Flüsse werden gläsern dicht und brennen in der Erde, springen weiße schlanke Hirsche durch die Luft, schwarze Pferde, aufgenüstert seliger Gebärde, sternen glanzvoll ein in Duft. Schreie wiegen über Gipfel und der See voll roten Mohn rundet sich zu einem dünnen angestrengten Ton. Schäumende Sonnen voller Salz geht mein Atem abendverzückt und ciaconnen über Wiesen und Herz. Flüsse fiebern in den Fersen, Knie spannen sich verzückt und aus weitgetanen Seelen glückt tierisches Verversen. Rasen mildgedehnte Hände und das gezeltete Gehirn abendsternt. Gehen die verschichteten Gelände der Luft über das himmlische Angesicht, verschmelzen im Blitz der blauenden Brände Ampel und Dunkelheit, Mond und Licht. Grünen die Büsten auf gefeuerten Balkonen, Brust der Menschheit wehet auf, dröhnen die wiegenden Anemonen mitten im himmlischen Verlauf.
SPÄTE LANDSCHAFT
Die Bitterkeit der Abende fließt sickernd durch die Landschaft auf das Feld. Gezinkter Stern für Stern verschießt. Stumpf und mit der Fülle Mond entseelt ein großer Wald sich ein. Gehäusig und verdichtet fällt der Himmel ständig und ein Stein auf diese unerschöpflich dunkle Nebelwelt. Schweben langsam Himmelstücher auf und eine Wolke schaukelt vor den Mond. Summende Erde wiegt verschlossen auf und über allen Gräsern tont ein Schatten aquamarin, körperlos gefüllt. In Schleier grau und wehend eingehüllt frauengleichem Moll weich schreiten Terzen, und unaufhörlich rollt um sanft gespannte Herzen der nächtliche Verlauf.
NACHT
Magischer Urwald des Himmels breitet sich, Wolken schleichen schwarze Panther. Grau verliert ihr Schritt. Der Mond reitet auf, das große Zeichen der gekreuzten Sterne phosphoresziert grün und grundlos. Voller Nässe wäscht die Ferne zusammen und schwimmt aufgeblasen, Nacht und Regenmesse dröhnt mit schwarzen Stimmen an die Scheiben der Luft, heimatlos und irrend unter keinem Dach. Menschen schon verglimmen und die dunklen Spiegel rasen.
OHNMÄCHTIGE STUNDE, VERSAILLES
O, gehn wir den Weg bis zum Wasser, den langen, ausgehöhlten, die Bäume stehen kalt und grau auf beiden Seiten in Kutten, die Mönche des Herbstes. Der Weg ist bilderlos und lang, wie ein Gang in den Klöstern. Kein Leben schreit auf, nicht eine Krähe wirrt und der See glänzt bös und angefault. Mein Herz schlägt ohne Atem, angehalten, fröstelnd und schwer in den Klöstern des Bluts.
LANDSCHAFT
Der Berg geht über den Wiesen auf großtümlich und mit offenen Armen. Kühe weiden ernst und voll sanfter Bückung. Fern und in glänzender Verrückung faltet sich mit einiger Mühe der Himmelssturz hinauf. Seine Fasern gelben wie alterndes Pergament und die Wolken eilen fußlos unten vorbei, segelnde Unbesorgtheit. Weit und leise tönt ihre weiße Reise zurück, Krähen stechen, mit dickem Schrei blitzen sie ein in das Firmament.
NASSER ABEND
Dumpfen die kugelnden Sternbilder nassen Abend ein und die Luft schleiert in den hängenden Fäden des Regens langsam und grau zu einem Weiher ein. Dünn geht ein Schein durch die hängenden Wasser und in die Ermüdung eines Bewegens aufglotzender Chimären, naßstechend, bettet sich Spleen. Fernen stehen undurchsehbar um mich herum, und welches Wissen, daß sie ohne mich weiter unter dem Himmel ziehn, sonnig blau beschienen und freundlich, während ich stumm einsame unter den fallenden Kuttichen, wie ein Mönch mich zwänge durch der Regen lange, drohend dunkle kalte Klostergänge.
MITTERNACHT
Über die sich verschließenden Wiesen jagen letzte, tuschtiefe Wolken leicht, Nacht schwebt in Sänften vorübergetragen, Monde galeeren, Sterne verflaggen und das Firmament glast und entweicht. Gehen die stürmischen Himmel schon ein in das verzückte Luftreich da oben, sammelt sich rötlich verfließender Schein, Wolken verweiden, Bläuen vertoben, schaukeln die Erde in Finsternis ein. Herrisch ziehen die Planeten auf wachsen zu Wäldern, Schluchten und Ozean schleifen zerstörend stromauf — sinken die Sterne und der Mond, vertan, spreizt ein breites Gesicht. Zartes wogendes Bewegen schleiert und dunkelt, und das Herz seelt aufgetan durch die Landschaften des Äthers nachtverwegen.
MITTAG
Opium kriecht spurig im Gedächtnis auf, schwarzes Morphium tont die Welt, der Landschaft weißkohlenes Vermächtnis mittagdunkelt überhellt. Rote Striche schießen nieder, platzt das kugelnde Firmament, heiß wirren die gezogenen Lider, das kühle Zimmer verbrennt. Maulwurf hält leise angeschienen, Sonne knäult das Blut, in den Hintergründen tut Muschel des Horizonts sich auf. Jagen über die Gipfel der Herzen Blumen und ich verstreue mein Blut an die staubende Seele, himmelhoch schichtet mein Fuß in den Ruhmen — stürzet die Landschaft und bronzen zerwässert der Tag.
WINTER
Steinen die Gefühle in müder Erschrockenheit unerwartet ein, und in der Menschen sich schließenden Brust verglasen die Weiher. Vor dem schon immermehr dünnenden Sonnenschein steht in geschichteten Scheiben die Luft, klirrend und gefroren und das heiße Rasen der Herzen hält verwirrend. Breitet das Eis sich hart und stumm auf Bewegen, steifen die Gedanken und verloren, plötzlich schon alt, fahlen Gesichter und letzte herbstrote Ranken. Tiere in Käfigen gehen unruhig um, werden sprachlos und kalt.
SOMMERABEND
Gehen über den Fluß leichte versonnte Schritte des Himmels schon und die Wolken schatten einen blauen undurchwirkten Ton auf die rundenden Wellen. Dunkelt der Grund grün und scheinen schlanke blitzende Forellen vorbei, sickert ein grelles Weinen der gehenden Sonne nach durch die Fasern der Luft, Feldblumen schließen sich, Büsche und Sträucher schleiern in Duft. Silbern verschießen Villen und Brunnen und der Polarstern heilt, nachtblauender Heiland. Bäume verelfen aufrecht und hinter der weißenden Wiese steht der Horizont getan, hebt breite Hände gleichmäßig gegen diese verballende Abendnacht, die kühl und schäumend sich verteilt.