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Der Zauberberg. Erster Band

Fünftes Kapitel (continued 3)

Reading edition

Es war ein Bruststück in Halbprofil, etwas unter Lebensgröße, dekolletiert, mit einer Schleierdraperie um Schultern und Busen, in einen breiten, schwarzen, nach innen abfallenden und am Rande der Leinwand mit einer Goldleiste verzierten Rahmen gefaßt. Frau Chauchat erschien da zehn Jahre älter, als sie war, wie das bei Dilettantenporträts, die charakteristisch sein wollen, zu gehen pflegt. Im ganzen Gesicht war zuviel Rot, die Nase war arg verzeichnet, die Haarfarbe nicht getroffen, zu strohig, der Mund verzerrt, der besondere Reiz der Physiognomie nicht gesehen oder nicht herausgebracht, durch Vergröberung seiner Ursachen verfehlt, das Ganze ein ziemlich pfuscherhaftes Produkt, als Bildnis seinem Gegenstande nur weitläufig verwandt. Aber Hans Castorp nahm es mit der Ähnlichkeit nicht weiter genau, die Beziehungen dieser Leinwand zu Frau Chauchats Person waren ihm eng genug, das Bild sollte Frau Chauchat darstellen, sie selbst hatte in diesen Räumen dazu Modell gesessen, das genügte ihm, bewegt wiederholte er:

„Wie sie leibt und lebt!“

„Sagen Sie das nicht“, wehrte der Hofrat ab. „Es war ein klotziges Stück Arbeit, ich bilde mir nicht ein, so recht damit fertig geworden zu sein, obgleich wir wohl zwanzig Sitzungen gehabt haben, – wie wollen Sie denn fertig werden mit einer so vertrackten Visage. Man denkt, sie muß leicht zu erwischen sein, mit ihren hyperboreischen Jochbeinen und den Augen, wie aufgesprungene Schnitte in Hefegebäck. Ja, hat sich was. Macht man die Einzelheit richtig, verpatzt man das Ganze. Das reine Vexierrätsel. Kennen Sie sie? Möglicherweise sollte man sie nicht abmalen, sondern nach dem Gedächtnis arbeiten. Kennen Sie sie denn?“

„Ja, nein, oberflächlich, wie man hier die Leute so kennt ...“

„Na, ich kenne sie ja mehr inwendig, subkutan, verstehen Sie, über arteriellen Blutdruck, Gewebsspannung und Lymphbewegung, da weiß ich bei ihr so ziemlich Bescheid – aus bestimmten Gründen. Das Oberflächliche bietet größere Schwierigkeiten. Haben Sie sie schon manchmal gehen sehen? Wie sie geht, so ist ihr Gesicht. Eine Schleicherin. Nehmen Sie zum Exempel die Augen, – ich rede nicht von der Farbe, die auch ihre Tücken hat; ich meine den Sitz, den Schnitt. Die Lidspalte, sagen Sie, ist geschlitzt, schief. Das scheint Ihnen aber nur so. Was Sie täuscht, ist der Epikanthus, das heißt eine Varietät, die bei gewissen Rassen vorkommt und darin besteht, daß ein Hautüberschuß, der von dem flachen Nasensattel dieser Leute herrührt, von der Deckfalte des Lides über den inneren Augenwinkel hinabreicht. Ziehen Sie die Haut über der Nasenwurzel straff an, und Sie haben ein Auge ganz wie von unsereinem. Eine pikante Mystifikation also, übrigens nicht weiter ehrenvoll; denn bei Lichte besehen, läuft der Epikanthus auf eine atavistische Hemmungsbildung hinaus.“

„So verhält sich das also“, sagte Hans Castorp. „Ich wußte es nicht, aber es interessiert mich schon längst, was es mit solchen Augen auf sich hat.“

„Vexation, Täuschung“, bekräftigte der Hofrat. „Zeichnen Sie sie einfach schief und geschlitzt, so sind Sie verloren. Sie müssen die Schiefheit und Geschlitztheit zuwege bringen, wie die Natur sie zuwege bringt, Illusion in der Illusion treiben, sozusagen, und dazu ist natürlich nötig, daß Sie über den Epikanthus Bescheid wissen. Wissen kann überhaupt nicht schaden. Sehen Sie sich die Haut an, die Körperhaut hier. Ist das anschaulich, oder ist es nicht so besonders anschaulich Ihrer Meinung nach?“

„Enorm,“ sagte Hans Castorp, „enorm anschaulich ist sie gemalt, die Haut. Ich glaube, ähnlich gut gemalte ist mir nie vorgekommen. Man meint die Poren zu sehen.“ Und er fuhr leicht mit dem Handrande über das Dekolleté des Bildes, das sehr weiß gegen die übertriebene Rötung des Gesichtes abstach, wie ein Körperteil, der gewöhnlich dem Lichte nicht ausgesetzt ist, und so, absichtlich oder nicht, die Vorstellung des Entblößtseins aufdringlich hervorrief, – ein jedenfalls ziemlich plumper Effekt.

Trotzdem war Hans Castorps Lob berechtigt. Die matt schimmernde Weiße dieser zarten, aber nicht mageren Büste, die sich in der bläulichen Schleierdraperie verlor, hatte viel Natur; sichtlich war sie mit Gefühl gemalt, aber unbeschadet einer gewissen Süßigkeit, die davon ausging, hatte der Künstler ihr eine Art von wissenschaftlicher Realität und lebendiger Genauigkeit zu verleihen gewußt. Er hatte sich des körnigen Charakters der Leinwand bedient, um ihn, namentlich in der Gegend der zart hervortretenden Schlüsselbeine, durch die Ölfarbe hindurch als natürliche Unebenheit der Hautoberfläche wirken zu lassen. Ein Leberfleckchen links, wo die Brust sich zu teilen begann, war nicht außer acht gelassen, und zwischen den Erhebungen glaubte man schwach-bläuliches Geäder durchscheinen zu sehen. Es war, als ginge unter dem Blick des Betrachters ein kaum merklicher Schauer von Sensitivität über diese Nacktheit, – gewagt zu sagen: man mochte sich einbilden, die Perspiration, den unsichtbaren Lebensdunst dieses Fleisches wahrzunehmen, so, als würde man, wenn man etwa die Lippen darauf drückte, nicht den Geruch von Farbe und Firnis, sondern den des menschlichen Körpers verspüren. Wir geben mit alldem die Eindrücke Hans Castorps wieder: aber wenn er besonders bereit war, solche Eindrücke zu empfangen, so ist doch sachlich festzustellen, daß Frau Chauchats Dekolleté das bei weitem bemerkenswerteste Stück Malerei in diesen Zimmern war.

Hofrat Behrens schaukelte sich, die Hände in den Hosentaschen, auf Absätzen und Fußballen, während er seine Arbeit zugleich mit den Besuchern betrachtete.

„Freut mich, Herr Kollege,“ sagte er, „freut mich, daß es Ihnen einleuchtet. Es ist eben gut und kann gar nicht schaden, wenn man auch unter der Epidermis ein bißchen Bescheid weiß und mitmalen kann, was nicht zu sehen ist, – mit anderen Worten: wenn man zur Natur noch in einem andern Verhältnis steht als bloß dem lyrischen, wollen wir mal sagen; wenn man zum Beispiel im Nebenamt Arzt ist, Physiolog, Anatom und von den Dessous auch noch so seine stillen Kenntnisse hat, – das kann von Vorteil sein, sagen Sie, was Sie wollen, es gibt entschieden ein Prä. Die Körperpelle da hat Wissenschaft, die können Sie mit dem Mikroskop auf ihre organische Richtigkeit untersuchen. Da sehen Sie nicht bloß die Schleim- und Hornschichten der Oberhaut, sondern darunter ist das Lederhautgewebe gedacht mit seinen Salbendrüsen und Schweißdrüsen und Blutgefäßen und Wärzchen, – und darunter wieder die Fetthaut, die Polsterung, wissen Sie, die Unterlage, die mit ihren vielen Fettzellen die holdseligen weiblichen Formen zustande bringt. Was aber mitgewußt und mitgedacht ist, das spricht auch mit. Es fließt Ihnen in die Hand und tut seine Wirkung, ist nicht da und irgendwie doch da, und das gibt Anschaulichkeit.“

Hans Castorp war Feuer und Flamme für dies Gespräch, seine Stirn war gerötet, seine Augen eiferten, er wußte nicht, was er zuerst erwidern sollte, denn er hatte vieles zu sagen. Erstens beabsichtigte er, das Bild von der beschatteten Fensterwand fort an einen günstigeren Platz zu schaffen, zweitens wollte er unbedingt an des Hofrats Äußerungen über die Natur der Haut anknüpfen, die ihn dringlich interessierten, drittens aber einen eigenen allgemeinen und philosophischen Gedanken auszudrücken versuchen, der ihm ebenfalls höchlichst am Herzen lag. Während er schon die Hände an das Porträt legte, um es abzuhängen, fing er hastig an:

„Jawohl, jawohl! Sehr gut, das ist wichtig. Ich möchte sagen ... Das heißt, Herr Hofrat sagten: ‚Noch in einem anderen Verhältnis.‘ Es wäre gut, wenn außer dem lyrischen – so, glaube ich, sagten Sie –, dem künstlerischen Verhältnis noch ein anderes vorhanden wäre, wenn man die Dinge, kurz gesagt, noch unter einem anderen Gesichtswinkel auffaßte, zum Beispiel dem medizinischen. Das ist kolossal zutreffend – entschuldigen Herr Hofrat –, ich meine, es ist darum so hervorragend richtig, weil es sich da eigentlich gar nicht um grundverschiedene Verhältnisse und Gesichtswinkel handelt, sondern genau genommen immer um ein und denselben – bloß um Spielarten davon, ich meine: Schattierungen, ich meine also: Variationen von ein und demselben allgemeinen Interesse, von dem auch die künstlerische Beschäftigung bloß ein Teil und ein Ausdruck ist, wenn ich so sagen darf. Ja, entschuldigen Sie, ich hänge das Bild ab, es hat ja hier absolut kein Licht, Sie werden sehen, ich trage es mal eben zum Sofa hinüber, ob es denn da nicht doch ganz anders ... Ich wollte sagen: Womit beschäftigt sich die medizinische Wissenschaft? Ich verstehe ja natürlich nichts davon, aber sie beschäftigt sich doch mit dem Menschen. Und die Juristerei, die Gesetzgebung und Rechtsprechung? Auch mit dem Menschen. Und die Sprachforschung, mit der ja meistenteils die Ausübung des pädagogischen Berufs verbunden ist? Und die Theologie, die Seelsorge, das geistliche Hirtenamt? Alle mit dem Menschen, es sind alles bloß Abschattierungen von ein und demselben wichtigen und ... hauptsächlichen Interesse, nämlich dem Interesse am Menschen, es sind die humanistischen Berufe, mit einem Wort, und wenn man sie studieren will, so lernt man als Grundlage vor allem einmal die alten Sprachen, nicht wahr, der formalen Bildung halber, wie man sagt. Sie wundern sich vielleicht, daß ich so davon rede, ich bin ja bloß Realist, Techniker. Aber ich habe noch neulich im Liegen darüber nachgedacht: es ist doch ausgezeichnet, eine ausgezeichnete Einrichtung in der Welt, daß man jeder Art von humanistischem Beruf das Formale, die Idee der Form, der schönen Form, wissen Sie, zugrunde legt, – das bringt so etwas Nobles und Überflüssiges in die Sache und außerdem so etwas von Gefühl und ... Höflichkeit, – das Interesse wird dadurch beinahe schon zu etwas wie einem galanten Anliegen ... Das heißt, ich drücke mich höchstwahrscheinlich unpassend aus, aber man sieht da, wie das Geistige und das Schöne sich vermischen und eigentlich immer schon eines waren, mit anderen Worten: die Wissenschaft und die Kunst, und daß also die künstlerische Beschäftigung unbedingt auch dazu gehört, als fünfte Fakultät gewissermaßen, daß sie auch gar nichts anderes ist, als ein humanistischer Beruf, eine Abschattierung des humanistischen Interesses, insofern ihr wichtigstes Thema oder Anliegen doch auch wieder der Mensch ist, das werden Sie mir zugeben. Ich habe ja bloß Schiffe und Wasser gemalt, wenn ich mich in meiner Jugend mal in dieser Richtung versuchte, aber das Anziehendste in der Malerei ist und bleibt in meinen Augen doch das Porträt, weil es unmittelbar den Menschen zum Gegenstand hat, darum fragte ich gleich, ob Herr Hofrat sich auch auf diesem Gebiet betätigten ... Würde es hier nun nicht doch ganz erheblich günstiger hängen?“

Beide, Behrens sowohl wie Joachim, sahen ihn an, ob er sich dessen nicht schäme, was er da aus dem Stegreif zusammengeredet. Aber Hans Castorp war viel zu sehr bei der Sache, um verlegen zu werden. Er hielt das Bild an die Sofawand und verlangte Antwort, ob es da nicht bedeutend besser belichtet sei. Gleichzeitig brachte das Dienstmädchen auf einem Brett heißes Wasser, einen Spirituskocher und Kaffeetäßchen. Der Hofrat wies sie ins Kabinett und sagte:

„Dann müßten Sie sich aber eigentlich nicht so sehr für Malerei interessieren, als in erster Linie für Skulptur ... Doch, da hat es natürlich mehr Licht. Wenn Sie meinen, daß es soviel davon verträgt ... Für Plastik, meine ich, weil die es doch am reinsten und ausschließlichsten mit dem Menschen im allgemeinen zu tun hat. Daß uns aber das Wasser nicht wegkocht.“

„Sehr wahr, die Plastik“, sagte Hans Castorp, während sie hinübergingen, und vergaß, das Bild wieder aufzuhängen oder abzustellen: er nahm es mit, trug es bei Fuß ins anstoßende Zimmer. „Sicher, so eine griechische Venus oder so ein Athlet, da zeigt sich das Humanistische zweifellos am deutlichsten, es ist wohl im Grunde das Wahre, die eigentlich humanistische Art von Kunst, wenn man es sich überlegt.“

„Na, was die kleine Chauchat betrifft,“ bemerkte der Hofrat, „so ist das wohl jedenfalls mehr ein Gegenstand für die Malerei, ich glaube, Phidias oder der andere mit der mosaischen Namensendung, die hätten die Nase gerümpft über ihre Art von Physiognomie ... Was machen Sie denn, was schleppen Sie sich denn mit dem Schinken?“

„Danke, ich stelle es erst mal hier an mein Stuhlbein, da steht es ja für den Augenblick ganz gut. Die griechischen Plastiker kümmerten sich aber nicht viel um den Kopf, es kam ihnen auf den Körper an, das war vielleicht gerade das Humanistische ... Und die weibliche Plastik, das ist also Fett?“

„Das ist Fett!“ sagte endgültig der Hofrat, der einen Wandschrank aufgeschlossen und ihm das Zubehör zur Kaffeebereitung entnommen hatte, eine röhrenförmige türkische Mühle, den langgestielten Kochbecher, das Doppelgefäß für Zucker und gemahlenen Kaffee, alles aus Messing. „Palmitin, Stearin, Oleïn“, sagte er und schüttete Kaffeebohnen aus einer Blechbüchse in die Mühle, deren Kurbel er zu drehen begann. „Die Herren sehen, ich mache alles selbst, von Anfang an, es schmeckt noch mal so gut. – Was dachten Sie denn? Daß es Ambrosia wäre?“

„Nein, ich wußte es schon selber. Es ist nur merkwürdig, es so zu hören“, sagte Hans Castorp.

Sie saßen im Winkel zwischen Tür und Fenster, an einem Bambustaburett mit orientalisch ornamentierter Messingplatte, auf der das Kaffeegerät zwischen Rauchutensilien Platz gefunden hatte: Joachim neben Behrens auf der reichlich mit seidenen Kissen ausgestatteten Ottomane, Hans Castorp in einem Klubsessel auf Rollen, gegen den er Frau Chauchats Porträt gelehnt hatte. Ein bunter Teppich lag unter ihnen. Der Hofrat löffelte Kaffee und Zucker in den gestielten Becher, goß Wasser nach und ließ das Getränk über der Spiritusflamme aufkochen. Es schäumte braun in den Zwiebeltäßchen und erwies sich beim Nippen als ebenso stark wie süß.

„Ihre übrigens auch“, sagte Behrens. „Ihre Plastik, soweit davon die Rede sein kann, ist natürlich auch Fett, wenn auch nicht in dem Grade wie bei den Weibern. Bei unsereinem macht das Fett gewöhnlich bloß den zwanzigsten Teil vom Körpergewicht aus, bei den Weibern den sechzehnten. Ohne das Unterhautzellgewebe, da wären wir alle bloß Morcheln. Mit den Jahren schwindet es ja, und dann gibt es den bekannten unästhetischen Faltenwurf. Am dicksten und fettesten ist es an der weiblichen Brust und am Bauch, an den Oberschenkeln, kurz, überall, wo ein bißchen was los ist für Herz und Hand. Auch an den Fußsohlen ist es fett und kitzlich.“

Hans Castorp drehte die röhrenförmige Kaffeemühle zwischen den Händen. Sie war, wie die ganze Garnitur, wohl eher indischer oder persischer, als türkischer Herkunft: der Stil der in das Messing gearbeiteten Gravierungen, deren Flächen blank aus dem matt gehaltenen Grunde traten, deutete darauf hin. Hans Castorp betrachtete die Ornamentik, ohne gleich klug daraus werden zu können. Als er klug daraus geworden war, errötete er unversehens.

„Ja, das ist so ein Gerät für alleinstehende Herren“, sagte Behrens. „Darum halte ich es unter Verschluß, wissen Sie. Meine Küchenfee könnte sich die Augen daran verderben. Sie werden ja wohl weiter keinen Schaden davontragen. Ich habe es mal von einer Patientin geschenkt bekommen, einer ägyptischen Prinzessin, die uns ein Jährchen die Ehre schenkte. Sie sehen, das Muster wiederholt sich an jedem Stück. Ulkig, was?“

„Ja, das ist merkwürdig“, erwiderte Hans Castorp. „Ha nein, mir macht es natürlich nichts. Man kann es ja sogar ernst und feierlich nehmen, wenn man will, – obgleich es dann am Ende auf einer Kaffeegarnitur nicht ganz am Platz ist. Die Alten sollen ja so etwas gelegentlich auf ihren Särgen angebracht haben. Das Obszöne und das Heilige war ihnen gewissermaßen ein und dasselbe.“

„Na, was die Prinzessin betrifft,“ sagte Behrens, „die war nun, glaub ich, mehr für das erstere. Sehr schöne Zigaretten habe ich übrigens auch noch von ihr, das ist was Extrafeines, wird nur bei erstklassigen Gelegenheiten aufgefahren.“ Und er holte die grellbunte Schachtel aus dem Wandschrank, um sie anzubieten. Joachim enthielt sich, indem er die Absätze zusammenzog. Hans Castorp griff zu und rauchte die ungewöhnlich große und breite, mit einer Sphinx in Golddruck geschmückte Zigarette an, die in der Tat wundervoll war.

„Erzählen Sie uns doch noch etwas von der Haut,“ bat er, „wenn Sie so freundlich sein wollen, Herr Hofrat!“ Er hatte Frau Chauchats Porträt wieder an sich genommen, hatte es auf sein Knie gestellt und betrachtete es, in den Stuhl zurückgelehnt, die Zigarette zwischen den Lippen. „Nicht gerade von der Fetthaut, das wissen wir ja nun, was es damit auf sich hat. Aber von der menschlichen Haut im allgemeinen, die Sie so gut zu malen verstehn.“

„Von der Haut? Interessieren Sie sich für Physiologie?“

„Sehr! Ja, dafür habe ich mich schon immer im höchsten Grade interessiert. Der menschliche Körper, für den habe ich immer hervorragend viel Sinn gehabt. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob ich nicht Arzt hätte werden sollen, – in gewisser Weise hätte das, glaube ich, nicht schlecht für mich gepaßt. Denn wer sich für den Körper interessiert, der interessiert sich ja auch für die Krankheit, – namentlich sogar für die, – tut er das nicht? Übrigens hat es nicht viel zu sagen, ich hätte Verschiedenes werden können. Ich hätte zum Beispiel auch Geistlicher werden können.“

„Nanu?“

„Ja, vorübergehend ist es mir schon manchmal so vorgekommen, als ob ich dabei eigentlich ganz in meinem Element gewesen wäre.“

„Warum sind Sie denn Ingenieur geworden?“

„Aus Zufall. Das waren wohl mehr oder weniger die äußeren Umstände, die darin den Ausschlag gaben.“

„Na, von der Haut? Was soll ich Ihnen denn von Ihrem Sinnesblatt erzählen. Das ist Ihr Außenhirn, verstehen Sie, – ontogenetisch ganz desselben Ursprungs wie der Apparat für die sogenannten höheren Sinnesorgane da oben in Ihrem Schädel: das zentrale Nervensystem, müssen Sie wissen, ist bloß eine leichte Umbildung der äußeren Hautschicht, und bei den niederen Tieren, da gibts den Unterschied zwischen zentral und peripher überhaupt noch nicht, die riechen und schmecken mit der Haut, müssen Sie sich vorstellen, die haben überhaupt bloß Hautsinnlichkeit, – muß ganz behaglich sein, wenn man sich so hineinversetzt. Dagegen bei so hoch differenzierten Lebewesen, wie Sie und ich, da beschränkt sich der Ehrgeiz der Haut auf die Kitzlichkeit, da ist sie bloß noch Schutz- und Meldeorgan, aber höllisch auf dem Posten gegen alles, was dem Körper zu nahe treten will, – sie streckt ja sogar noch Tastapparate über sich hinaus, die Haare nämlich, die Körperhärchen, die bloß aus verhornten Hautzellen bestehen und eine Annäherung schon spüren lassen, bevor die Haut selbst noch berührt ist. Unter uns gesagt, es ist sogar möglich, daß sich der Schutz- und Abwehrberuf der Haut nicht bloß aufs Körperliche erstreckt ... Wissen Sie, wie Sie rot und blaß werden?“

„Ungenau.“

„Ja, ganz genau wissen wir es, offen gestanden, auch nicht, wenigstens was das Schamrotwerden betrifft. Die Sache ist nicht ganz aufgehellt, denn erweiternde Muskeln, die durch die vasomotorischen Nerven in Bewegung gesetzt werden könnten, haben sich bis dato an den Gefäßen nicht nachweisen lassen. Wieso dem Hahn eigentlich der Kamm schwillt – oder was sich sonst für renommistische Beispiele anführen ließen –, das ist sozusagen mysteriös, besonders da es sich um psychische Einwirkung handelt. Wir nehmen an, daß Verbindungen zwischen der Großhirnrinde und dem Gefäßzentrum im Kopfmark bestehen. Und bei gewissen Reizen also, zum Exempel: Sie schämen sich mächtig, da spielt diese Verbindung, und die Gefäßnerven nach dem Gesichte spielen, und dann dehnen und füllen die dortigen Blutgefäße sich, daß Sie einen Kopf kriegen wie ein Puter, ganz hochgeschwollen von Blut sind Sie da und können nicht aus den Augen sehen. Dagegen in anderen Fällen, Gott weiß, was Ihnen bevorsteht, was ganz gefährlich Schönes möglicherweise, – da ziehen die Blutgefäße der Haut sich zusammen, und die Haut wird blaß und kalt und fällt ein, und dann sehen Sie aus wie ’ne Leiche vor lauter Emotion, mit bleifarbenen Augenhöhlen und einer weißen, spitzen Nase. Aber das Herz läßt der Sympathikus ordentlich trommeln.“

„So kommt das also“, sagte Hans Castorp.

„So ungefähr. Das sind Reaktionen, wissen Sie. Da aber alle Reaktionen und Reflexe von Hause aus einen Zweck haben, so vermuten wir Physiologen beinah, daß auch diese Begleiterscheinungen psychischer Affekte eigentlich zweckmäßige Schutzmittel sind, Abwehrreflexe des Körpers, wie die Gänsehaut. Wissen Sie, wie Sie eine Gänsehaut kriegen?“

„Auch nicht so recht.“

„Das ist nämlich eine Veranstaltung der Hauttalgdrüsen, die die Hautschmiere absondern, so ein eiweißhaltiges, fettiges Sekret, wissen Sie, nicht gerade appetitlich, aber es hält die Haut geschmeidig, damit sie vor Dürre nicht reißt und springt und angenehm anzufassen ist, – es ist ja nicht auszudenken, wie die menschliche Haut anzufassen wäre ohne die Cholesterinschmiere. Diese Hautsalbendrüsen haben kleine organische Muskeln, die die Drüsen aufrichten können, und wenn sie das tun, dann wird Ihnen wie dem Jungen, dem die Prinzessin den Eimer mit den Gründlingen über den Leib goß, wie ein Reibeisen wird Ihre Haut, und wenn der Reiz stark ist, so richten auch die Haarbälge sich auf, – die Haare sträuben sich Ihnen auf dem Kopf und die Härchen am Leibe, wie einem Stachelschwein, das sich wehrt, und Sie können sagen, Sie haben das Gruseln gelernt.“

„Oh, ich“, sagte Hans Castorp, „ich habe das schon manchmal gelernt. Mir gruselt es sogar ziemlich leicht, bei den verschiedensten Gelegenheiten. Was mich wundert, ist nur, daß die Drüsen bei so verschiedenen Gelegenheiten sich aufrichten. Wenn einer mit einem Griffel über Glas fährt, so kriegt man eine Gänsehaut, und bei besonders schöner Musik kriegt man auch plötzlich eine, und als ich bei meiner Konfirmation das Abendmahl nahm, da kriegte ich eine über die andere, das Graupeln und Prickeln wollte gar nicht mehr aufhören. Es ist doch sonderbar, wodurch nicht alles die kleinen Muskeln in Bewegung gesetzt werden.“

„Ja,“ sagte Behrens, „Reiz ist Reiz. Der Inhalt des Reizes kümmert den Körper den Teufel was. Ob Gründlinge oder Abendmahl, die Talgdrüsen richten sich eben auf.“

„Herr Hofrat,“ sagte Hans Castorp und betrachtete das Bild auf seinen Knien; „worauf ich noch zurückkommen wollte. Sie sprachen vorhin von inneren Vorgängen, Lymphbewegung und dergleichen ... Was ist es damit? Ich würde gern mehr davon hören, von der Lymphbewegung zum Beispiel, wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, es interessiert mich sehr.“

„Das will ich glauben“, erwiderte Behrens. „Die Lymphe, das ist das Allerfeinste, Intimste und Zarteste in dem ganzen Körperbetrieb, – es schwebt Ihnen wohl vermutungsweise so vor, wenn Sie fragen. Man spricht immer vom Blut und seinen Mysterien und nennt es einen besonderen Saft. Aber die Lymphe, die ist ja erst der Saft des Saftes, die Essenz, wissen Sie, Blutmilch, eine ganz deliziöse Tropfbarkeit, – nach Fettnahrung sieht sie übrigens wirklich wie Milch aus.“ Und aufgeräumt und redensartlich begann er zu schildern, wie das Blut, diese theatermantelrote, durch Atmung und Verdauung bereitete, mit Gasen gesättigte, mit Mauserschlacke beladene Fett-, Eiweiß-, Eisen-, Zucker- und Salzbrühe, die achtunddreißig Grad heiß von der Herzpumpe durch die Gefäße gedrückt werde und überall im Körper den Stoffwechsel, die tierische Wärme, mit einem Worte das liebe Leben in Gang halte, – wie also das Blut nicht unmittelbar an die Zellen herankomme, sondern wie der Druck, unter dem es stehe, einen Extrakt und Milchsaft davon durch die Gefäßwände schwitzen lasse und ihn in die Gewebe presse, so daß er überall hindringe, als Gewebsflüssigkeit jedes Spältchen fülle und das elastische Zellgewebe dehne und spanne. Das sei die Gewebsspannung, der Turgor, und wieder der Turgor seinerseits mache, daß die Lymphe, wenn sie die Zellen lieblich bespült und Stoff mit ihnen getauscht habe, in die Lymphgefäße getrieben werde, die vasa lymphatica, und zurück in das Blut fließe, es seien täglich anderthalb Liter. Er beschrieb das Röhren- und Saugadersystem der Lymphgefäße, redete von dem Brustmilchgang, der die Lymphe der Beine, des Bauches und der Brust, eines Armes und einer Kopfseite sammle, von zarten Filterorganen sodann, welche vielerorts in den Lymphgefäßen ausgebildet seien, Lymphdrüsen genannt und gelegen am Halse, in der Achselhöhle, den Ellbogengelenken, der Kniekehle und an ähnlich intimen und zärtlichen Körperstellen. „Da können nun Schwellungen vorkommen,“ erklärte Behrens, „und davon gingen wir ja wohl aus, – Verdickungen der Lymphdrüsen, sagen wir mal: in den Kniekehlen und den Armgelenken, wassersuchtähnliche Geschwülste da und dort, und das hat immer einen Grund, wenn auch nicht gerade einen schönen. Unter Umständen wird einem der Verdacht der tuberkulösen Lymphgefäßverstopfung näher als nahgelegt.“

Hans Castorp schwieg. „Ja,“ sagte er leise nach einer Pause, „es ist so, ich hätte gut Arzt werden können. Der Brustmilchgang ... Die Lymphe der Beine ... Das interessiert mich sehr. – Was ist der Körper!“ rief er auf einmal stürmisch ausbrechend. „Was ist das Fleisch! Was ist der Leib des Menschen! Woraus besteht er! Sagen Sie uns das heute nachmittag, Herr Hofrat! Sagen Sie es uns ein für allemal und genau, damit wir es wissen!“

„Aus Wasser“, antwortete Behrens. „Für organische Chemie interessieren Sie sich also auch? Das ist allergrößtenteils Wasser, woraus der humanistische Menschenleib besteht, nichts Besseres und nichts Schlechteres, es ist keine Ursache, heftig zu werden. Die Trockensubstanz beträgt bloß fünfundzwanzig Prozent, und davon sind zwanzig Prozent gewöhnliches Hühnereiweiß, Proteinstoffe, wenn Sie es ein bißchen nobler ausdrücken wollen, denen eigentlich nur noch ein bißchen Fett und Salz zugesetzt ist, das ist so gut wie alles.“

„Aber das Hühnereiweiß. Was ist das?“

„Allerlei Elementares. Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Schwefel. Manchmal auch Phosphor. Sie entwickeln ja eine ausschweifende Wißbegier. Manche Eiweiße sind auch mit Kohlehydraten verbunden, das heißt mit Traubenzucker und Stärke. Im Alter wird das Fleisch zäh, das kommt, weil das Kollagen im Bindegewebe zunimmt, der Leim, wissen Sie, wichtigster Bestandteil der Knochen und Knorpel. Was soll ich Ihnen denn noch erzählen? Da haben wir im Muskelplasma ein Eiweiß, das Myosinogen, das im Tode zu Muskelfibrin gerinnt und die Totenstarre erzeugt.“

„Ja so, die Totenstarre“, sagte Hans Castorp munter. „Sehr gut, sehr gut. Und dann kommt die Generalanalyse, die Anatomie des Grabes.“

„Na, selbstredend. Das haben Sie übrigens schön gesagt. Dann wird die Sache weitläufig. Man fließt auseinander, sozusagen. Bedenken Sie all das Wasser! Und die anderen Ingredienzien sind ohne Leben ja wenig haltbar, sie werden durch die Fäulnis in simplere Verbindungen zerlegt, in anorganische.“

„Fäulnis, Verwesung,“ sagte Hans Castorp, „das ist doch Verbrennung, Verbindung mit Sauerstoff, soviel ich weiß.“

„Auffallend richtig. Oxydation.“

„Und Leben?“

„Auch. Auch, Jüngling. Auch Oxydation. Leben ist hauptsächlich auch bloß Sauerstoffbrand des Zelleneiweiß, da kommt die schöne tierische Wärme her, von der man manchmal zu viel hat. Tja, Leben ist Sterben, da gibt es nicht viel zu beschönigen, – une destruction organique, wie irgendein Franzos es in seiner angeborenen Leichtfertigkeit mal genannt hat. Es riecht auch danach, das Leben. Wenn es uns anders vorkommt, so ist unser Urteil bestochen.“

„Und wenn man sich für das Leben interessiert,“ sagte Hans Castorp, „so interessiert man sich namentlich für den Tod. Tut man das nicht?“

„Na, so eine Art von Unterschied bleibt da ja immerhin. Leben ist, daß im Wechsel der Materie die Form erhalten bleibt.“

„Wozu die Form erhalten“, sagte Hans Castorp.

„Wozu? Hören Sie mal, das ist aber kein bißchen humanistisch, was Sie da sagen.“

„Form ist ete-pe-tete.“

„Sie haben entschieden was Unternehmendes heute. Förmlich was Durchgängerisches. Aber ich falle nun ab“, sagte der Hofrat. „Ich werde nun melancholisch“, sagte er und legte seine riesige Hand über die Augen. „Sehen Sie, das kommt so über mich. Da habe ich nun Kaffee mit Ihnen getrunken, und es hat mir geschmeckt, und auf einmal kommt es über mich, daß ich melancholisch werde. Die Herren müssen mich nun schon entschuldigen. Es war mir was Besonderes und hat mir allen möglichen Spaß gemacht ...“

Die Vettern waren aufgesprungen. Sie machten sich Vorwürfe, sagten sie, den Herrn Hofrat so lange ... Er gab beruhigende Gegenversicherungen. Hans Castorp beeilte sich, Frau Chauchats Porträt ins Nebenzimmer zu tragen und wieder an seinen Platz zu hängen. Sie betraten den Garten nicht mehr, um in ihr Quartier zu gelangen. Behrens wies ihnen den Weg durch das Gebäude, indem er sie bis zur Verbindungsglastür geleitete. Sein Nacken schien stärker als sonst herauszutreten in dem Gemütszustand, der plötzlich über ihn gekommen war, er blinzelte mit seinen Quellaugen, und sein infolge der einseitigen Lippenschürzung schiefes Schnurrbärtchen hatte einen kläglichen Ausdruck gewonnen.

Während sie über Korridore und Treppen gingen, sagte Hans Castorp:

„Gib zu, daß das eine gute Idee von mir war.“

„Jedenfalls war es eine Abwechslung“, erwiderte Joachim. „Und ausgesprochen habt ihr euch ja über mancherlei Dinge bei dieser Gelegenheit, das muß man sagen. Mir ging es sogar ein bißchen zu sehr drüber und drunter. Es ist nun hohe Zeit, daß wir vorm Tee doch wenigstens noch auf zwanzig Minuten in den Liegedienst kommen. Du findest es vielleicht ete-pe-tete von mir, daß ich so darauf halte, – durchgängerisch, wie du neuerdings bist. Aber du hast es ja schließlich auch nicht so nötig wie ich.“

Forschungen

So kam, was kommen mußte, und was hier zu erleben Hans Castorp noch vor kurzem sich nicht hätte träumen lassen: der Winter fiel ein, der hiesige Winter, den Joachim schon kannte, da der vorige noch in voller Herrschaft gewesen, als er hier eingetroffen war, vor dem aber Hans Castorp sich etwas fürchtete, obgleich er sich ja bestens dafür gerüstet wußte. Sein Vetter suchte ihn zu beruhigen.

„Du mußt es dir nicht allzu grimmig vorstellen,“ sagte er, „nicht gerade arktisch. Man spürt die Kälte wenig wegen der Lufttrockenheit und der Windstille. Wenn man sich gut verpackt, kann man bis tief in die Nacht auf dem Balkon bleiben, ohne zu frieren. Es ist die Geschichte mit der Temperaturumkehr oberhalb der Nebelgrenze, es wird wärmer in höheren Lagen, man hat das früher nicht so gewußt. Eher ist es schon kalt, wenn es regnet. Aber du hast ja nun deinen Liegesack, und geheizt wird auch ein bißchen, wenn Not an den Mann kommt.“

Übrigens konnte von Überrumpelung und Gewalttätigkeit nicht die Rede sein, der Winter kam gelinde, er sah vorderhand nicht sehr anders aus, als mancher Tag, den auch der Hochsommer schon mit sich geführt hatte. Ein paar Tage lang hatte Südwind geweht, die Sonne drückte, das Tal schien verkürzt und verengt, nahe und nüchtern lagen die Alpenkulissen des Ausgangs. Dann zogen Wolken auf, drangen vom Piz Michel und Tinzenhorn gegen Nordosten vor, und das Tal verdunkelte sich. Dann regnete es schwer. Dann wurde der Regen unrein, weißlichgrau, Schnee hatte sich dareingemischt, es war schließlich nur noch Schnee, das Tal war angefüllt mit Gestöber, und da das reichlich lange so ging, auch die Temperatur unterdessen beträchtlich gefallen war, so konnte der Schnee nicht ganz wegschmelzen, er war naß, aber er blieb liegen, das Tal lag in dünnem, feuchtem, schadhaftem weißen Gewand, gegen welches das Nadelrauh der Lehnen schwarz abstach; im Speisesaal erwärmten die Röhren sich laulich. Das war Anfang November, um Allerseelen, und es war nicht neu. Auch im August war es schon so gewesen, und längst hatte man sich entwöhnt, den Schnee als ein Vorrecht des Winters zu betrachten. Stets und bei jeder Witterung, wenn auch nur von ferne, hatte man welchen vor Augen gehabt, denn immer schimmerten Reste und Spuren davon in den Spalten und Schründen der felsigen Rätikonkette, die dem Taleingang vorzuliegen schien, und immer hatten die fernsten Bergmajestäten des Südens im Schnee herübergegrüßt. Aber beides hielt an, der Schneefall und der Wärmerückgang. Der Himmel hing blaßgrau und niedrig über dem Tal, löste sich in Flocken hin, die lautlos und unaufhörlich fielen, in übertriebener und leicht beunruhigender Ausgiebigkeit, und stündlich wurde es kälter. Es kam der Morgen, da Hans Castorp in seinem Zimmer sieben Grad hatte, und am folgenden waren es nur noch fünf. Das war der Frost, und er hielt sich in Grenzen, aber er hielt sich. Es hatte bei Nacht gefroren, nun fror es auch am Tage, und zwar von morgens bis abends, wobei es weiterschneite, mit kurzen Unterbrechungen den vierten und fünften, den siebenten Tag. Der Schnee sammelte sich nun mächtig an, nachgerade wurde er zur Verlegenheit. Man hatte auf dem Dienstwege zur Bank am Wasserlauf, sowie auf dem Fahrweg hinab ins Tal, Gehbahnen geschaufelt; aber sie waren schmal, es gab kein Ausweichen darauf, bei Begegnungen mußte man in den Schneedamm zur Seite treten und versank bis zum Knie. Eine Schneewalze aus Stein, von einem Pferde gezogen, das ein Mann am Halfter führte, rollte den ganzen Tag über die Straßen des Kurortes drunten, und eine Schlittentram, gelb und von altfränkisch postkutschenhafter Gestalt, mit einem Schneepfluge vorn, der die weißen Massen schaufelnd beiseite warf, verkehrte zwischen dem Kurhausviertel und dem „Dorf“ genannten nördlichen Teil der Siedelung. Die Welt, die enge, hohe und abgeschiedene Welt Derer hier oben, erschien nun dick bepelzt und gepolstert, es war kein Pfeiler und Pfahl, der nicht eine weiße Haube trug, die Treppenstufen zum Berghofportal verschwanden, verwandelten sich in eine schiefe Ebene, schwere, humoristisch geformte Kissen lasteten überall auf den Zweigen der Kiefern, da und dort rutschte die Masse ab, zerstäubte und zog als Wolke und weißer Nebel zwischen den Stämmen dahin. Verschneit lag rings das Gebirge, rauh in den unteren Bezirken, weich zugedeckt die über die Baumgrenze hinausragenden, verschieden gestalteten Gipfel. Es war dunkel, die Sonne stand nur als ein bleicher Schein hinter dem Geschleier. Aber der Schnee gab ein indirektes und mildes Licht, eine milchige Helligkeit, die Welt und Menschen gut kleidete, wenn auch die Nasen unter den weißen oder farbigen Wollmützen rot waren.

Im Speisesaal, an den sieben Tischen, beherrschte der Anbruch des Winters, der großen Jahreszeit dieser Gegenden, das Gespräch. Viele Touristen und Sportsleute, hieß es, seien eingetroffen und bevölkerten die Hotels von „Dorf“ und „Platz“. Man schätzte die Höhe des geworfenen Schnees auf sechzig Zentimeter, und seine Beschaffenheit sei ideal im Sinne des Skiläufers. An der Bobbahn, die drüben am nordwestlichen Hange von der Schatzalp zu Tal führte, werde eifrig gearbeitet, schon in den nächsten Tagen könne sie eröffnet werden, vorausgesetzt, daß nicht der Föhn einen Strich durch die Rechnung mache. Man freute sich auf das Treiben der Gesunden, der Gäste von unten, das nun sich hier wieder entwickeln werde, auf die Sportsfeste und Rennen, denen man auch gegen Verbot beizuwohnen gedachte, indem man die Liegekur schwänzte und entwischte. Es gab etwas Neues, hörte Hans Castorp, eine Erfindung aus Norden, das Skikjöring, ein Rennen, wobei sich die Teilnehmer auf Skiern stehend von Pferden ziehen lassen würden. Dazu wollte man entwischen. – Auch von Weihnachten war die Rede.

Von Weihnachten! Nein, daran hatte Hans Castorp noch nicht gedacht. Er hatte leicht sagen und schreiben können, daß er kraft ärztlichen Befundes mit Joachim den Winter hier werde zubringen müssen. Aber das schloß ein, wie sich nun zeigte, daß er hier Weihnachten verleben sollte, und das hatte ohne Zweifel etwas Erschreckendes für das Gemüt, schon deshalb, aber nicht ganz allein deshalb, weil er diese Zeit überhaupt noch niemals anderswo als in der Heimat, im Schoß der Familie, verlebt hatte. In Gottes Namen denn, das wollte nun in den Kauf genommen sein. Er war kein Kind mehr, Joachim schien auch weiter keinen Anstoß daran zu nehmen, sondern sich ohne Weinerlichkeit damit abzufinden, und wo nicht überall und unter welchen Umständen war in der Welt schon Weihnachten begangen worden!

Bei alldem schien es ihm etwas übereilt, vor dem ersten Advent von Weihnachten zu reden; es waren ja noch reichlich sechs Wochen bis dahin. Diese aber übersprang und verschlang man im Speisesaal, – ein inneres Verfahren, auf das Hans Castorp ja schon auf eigene Hand sich verstehen gelernt hatte, wenn er es auch noch nicht in so kühnem Stile zu üben gewöhnt war wie die älter eingesessenen Lebensgenossen. Solche Etappen im Jahreslauf, wie das Weihnachtsfest, schienen ihnen eben recht als Anhaltspunkte und Turngeräte, woran sich über leere Zwischenzeiten behende hinwegvoltigieren ließ. Sie hatten alle Fieber, ihr Stoffumsatz war erhöht, ihr Körperleben verstärkt und beschleunigt, – es mochte am Ende wohl damit zusammenhängen, daß sie die Zeit so rasch und massenhaft durchtrieben. Er hätte sich nicht gewundert, wenn sie Weihnachten schon als zurückgelegt betrachtet und gleich von Neujahr und Fastnacht gesprochen hätten. Aber so leichtlebig und ungesetzt war man mitnichten im Berghofspeisesaal. Bei Weihnachten machte man halt, es gab Anlaß zu Sorgen und Kopfzerbrechen. Man beriet über das gemeinsame Geschenk, das nach bestehender Anstaltsübung dem Chef, Hofrat Behrens, am heiligen Abend überreicht werden sollte, und für das eine allgemeine Sammlung eingeleitet war. Voriges Jahr hatte man einen Reisekoffer geschenkt, wie diejenigen überlieferten, die seit mehr als Jahresfrist hier waren. Man sprach für diesmal von einem neuen Operationstisch, einer Malstaffelei, einem Gehpelz, einem Schaukelstuhl, einem elfenbeinernen und irgendwie „eingelegten“ Hörrohr, und Settembrini empfahl auf Befragen die Schenkung eines angeblich im Entstehen begriffenen lexikographischen Werkes, genannt „Soziologie der Leiden“; doch fiel ihm einzig ein Buchhändler bei, der seit kurzem am Tische der Kleefeld saß. Einigung hatte sich noch nicht ergeben wollen. Die Verständigung mit den russischen Gästen bot Schwierigkeiten. Die Sammlung spaltete sich. Die Moskowiter erklärten, Behrens auf eigene Hand beschenken zu wollen. Frau Stöhr zeigte sich tagelang in größter Unruhe wegen eines Geldbetrages, zehn Franken, die sie bei der Sammlung leichtsinnigerweise für Frau Iltis ausgelegt hatte, und die diese ihr zurückzuerstatten „vergaß“. Sie „vergaß“ es, – die Betonungen, mit denen Frau Stöhr dies Wort versah, waren vielfach abgestuft und sämtlich darauf berechnet, den tiefsten Unglauben an eine Vergeßlichkeit zu bekunden, die allen Anspielungen und feinen Gedächtnisstachelungen, an denen es Frau Stöhr, wie sie versicherte, nicht fehlen ließ, Trotz bieten zu wollen schien. Mehrfach verzichtete Frau Stöhr und erklärte, der Iltis die schuldige Summe zu schenken. „Ich zahle also für mich und für sie,“ sagte sie; „gut, nicht mein ist die Schande!“ Endlich aber war sie auf einen Ausweg verfallen, von dem sie der Tischgesellschaft zu allgemeiner Heiterkeit Mitteilung machte: sie hatte sich die zehn Franken auf der „Verwaltung“ auszahlen und der Iltis in Rechnung stellen lassen, – womit die träge Schuldnerin denn überlistet und wenigstens diese Sache ins gleiche gebracht war.

Es hatte zu schneien aufgehört. Teilweise öffnete der Himmel sich; graublaue Wolken, die sich geschieden, ließen Sonnenblicke einfallen, die die Landschaft bläulich färbten. Dann wurde es völlig heiter. Klarer Frost herrschte, reine, gesicherte Winterspracht um Mitte November, und das Panorama hinter den Bogen der Balkonloge, die bepuderten Wälder, die weichgefüllten Schlüfte, das weiße, sonnige Tal unter dem blaustrahlenden Himmel war herrlich. Abends gar, wenn der fast gerundete Mond erschien, verzauberte sich die Welt und ward wunderbar. Kristallisches Geflimmer, diamantnes Glitzern herrschte weit und breit. Sehr weiß und schwarz standen die Wälder. Die dem Monde fernen Himmelsgegenden lagen dunkel, mit Sternen bestickt. Scharfe, genaue und intensive Schatten, die wirklicher und bedeutender schienen als die Dinge selbst, fielen von den Häusern, den Bäumen, den Telegraphenstangen auf die blitzende Fläche. Es hatte sieben oder acht Grad Frost ein paar Stunden nach Sonnenuntergang. In eisige Reinheit schien die Welt gebannt, ihre natürliche Unsauberkeit zugedeckt und erstarrt im Traum eines phantastischen Todeszaubers.

Hans Castorp hielt sich bis spät in die Nacht in seiner Balkonloge über dem verwunschenen Wintertal, weit länger als Joachim, der sich um zehn, oder doch nicht viel später, zurückzog. Sein vorzüglicher Liegestuhl mit dem dreiteiligen Polster und der Nackenrolle war nahe an das Holzgeländer gerückt, auf dem ein Kissen von Schnee sich hinzog; auf dem weißen Tischchen daneben brannte die elektrische Lampe und stand neben einem Stapel Bücher ein Glas fetter Milch, die Abendmilch, die allen Bewohnern des „Berghofs“ noch um neun Uhr aufs Zimmer gebracht wurde, und in die Hans Castorp sich einen Schuß Kognak goß, um sie sich mundgerechter zu machen. Schon hatte er alle verfügbaren Schutzmittel gegen die Kälte aufgeboten, den ganzen Apparat. Bis über die Brust stak er in dem knöpfbaren Pelzsack, den er in einem einschlägigen Geschäft des Kurorts rechtzeitig erstanden, und hatte um diesen die beiden Kamelhaardecken nach dem Ritus geschlagen. Dazu trug er über dem Winteranzug seine kurze Pelzjacke, auf dem Kopf eine wollene Mütze, Filzstiefel an den Füßen und an den Händen dickgefütterte Handschuhe, die aber freilich das Erstarren der Finger nicht hindern konnten.

Was ihn so lange draußen hielt, bis gegen und über Mitternacht (wenn das schlechte Russenpaar die Nachbarloge längst verlassen hatte), war wohl auch der Zauber der Winternacht, zumal sich bis elf Uhr Musik darein wob, die von näher und ferner her aus dem Tale heraufdrang, – hauptsächlich aber Trägheit und Angeregtheit, beides zugleich und im Verein: nämlich die Trägheit und bewegungsfeindliche Müdigkeit seines Körpers und die beschäftigte Angeregtheit seines Geistes, der über gewissen neuen und fesselnden Studien, auf die der junge Mann sich eingelassen, nicht zur Ruhe kommen wollte. Die Witterung setzte ihm zu, der Frost wirkte anstrengend und konsumierend auf seinen Organismus. Er aß viel, nutzte die gewaltigen Berghofmahlzeiten, bei denen auf garniertes Roastbeef gebratene Gänse folgten, mit jenem übergewöhnlichen Appetit, der hier durchaus und im Winter, wie sich zeigte, noch mehr als im Sommer, an der Tagesordnung war. Gleichzeitig beherrschte ihn Schlafsucht, so daß er bei Tage wie an den mondlichten Abenden über den Büchern, die er wälzte, und die wir kennzeichnen werden, oftmals einschlief, um nach einigen Minuten der Bewußtlosigkeit seine Forschungen fortzusetzen. Lebhaftes Sprechen – und er neigte hier mehr als ehemals im Tiefland zu schnellem, rückhaltlosem und selbst gewagtem Plaudern – lebhaftes Sprechen also mit Joachim während ihrer Dienstgänge im Schnee erschöpfte ihn sehr; Schwindel und Zittern, ein Gefühl von Betäubung und Trunkenheit kam ihn an, und sein Kopf stand in Hitze. Seine Kurve war angestiegen seit Einfall des Winters, und Hofrat Behrens hatte etwas von Injektionen fallen lassen, die er bei hartnäckiger Übertemperatur anzuwenden pflegte, und denen zwei Drittel der Gäste, auch Joachim, sich regelmäßig zu unterziehen hatten. Mit der gesteigerten Wärmeerzeugung seines Körpers aber, dachte Hans Castorp, hatte gewiß die geistige Erregung und Rührigkeit zu tun, die ihn an ihrem Teil bis tief in die glitzernde Frostnacht auf seinem Liegestuhl festhielt. Die Lektüre, die ihn fesselte, legte ihm solche Erklärungen nah.

Es wurde nicht wenig gelesen auf den Liegehallen und Privatbalkons des internationalen Sanatoriums „Berghof“, – namentlich von Anfängern und Kurzfristigen; denn die Vielmonatigen oder gar Mehrjährigen hatten längst gelernt, auch ohne Zerstreuung und Beschäftigung des Kopfes die Zeit zu vernichten und kraft inneren Virtuosentums hinter sich zu bringen, ja, sie erklärten es für das Ungeschick von Stümpern, sich dabei an ein Buch zu klammern. Allenfalls möge man eines auf dem Schoß oder dem Beitischchen liegen haben, das genüge vollauf, sich versorgt zu fühlen. Die Anstaltsbücherei, polyglott und an Bilderwerken reich, der erweiterte Unterhaltungsbestand eines zahnärztlichen Wartezimmers, bot sich der freien Benutzung an. Romanbände aus der Leihbibliothek von „Platz“ wurden ausgetauscht. Dann und wann trat ein Buch, eine Schrift auf, um die man sich riß, nach der auch die nicht mehr Lesenden mit nur erheucheltem Phlegma die Hände streckten. Zu dem Zeitpunkt, wo wir halten, ging ein schlecht gedrucktes Heft von Hand zu Hand, das Herr Albin eingeführt hatte und das „Die Kunst, zu verführen“ betitelt war. Es war sehr wörtlich aus dem Französischen übersetzt, ja selbst die Syntax dieser Sprache war in der Übertragung beibehalten, wodurch der Vortrag viel Haltung und prickelnde Eleganz gewann, und entwickelte die Philosophie der Leibesliebe und Wollust im Geist eines weltmännisch-lebensfreundlichen Heidentums. Frau Stöhr hatte es bald gelesen und fand es „berauschend“. Frau Magnus, dieselbe, die Eiweiß verlor, pflichtete ihr rückhaltlos bei. Ihr Gatte, der Bierbrauer, wollte für seine Person bei der Lektüre manches profitiert haben, bedauerte aber, daß Frau Magnus die Schrift in sich aufgenommen, denn dergleichen „verhätschele“ die Frauen und bringe ihnen unbescheidene Begriffe bei. Diese Äußerung verstärkte die Begierde nach dem Buchwerk nicht wenig. Zwischen zwei im Oktober zugereisten Damen der unteren Liegehalle, Frau Redisch, der Gattin eines polnischen Industriellen und einer gewissen Witwe Hessenfeld aus Berlin, von denen jede behauptete, sie habe sich vor der anderen zur Lektüre gemeldet, kam es nach dem Diner zu einer mehr als unerquicklichen, eigentlich gewalttätigen Szene, der Hans Castorp in seiner Balkonloge zuzuhören hatte, und die mit einem hysterischen Schreikrampf einer der beiden Damen – es konnte die Redisch, konnte aber auch die Hessenfeld sein – und der Verbringung der Wuterkrankten auf ihr Zimmer endigte. Die Jugend hatte sich des Traktates früher bemächtigt als die reiferen Jahrgänge. Sie studierte es teilweise gemeinsam nach dem Souper auf verschiedenen Zimmern. Hans Castorp sah, wie der Junge mit dem Fingernagel es im Speisesaal einer jungen, frisch eingetroffenen Leichtkranken, Fränzchen Oberdank, einhändigte, einem blond gescheitelten Haustöchterchen, das erst kürzlich von seiner Mutter heraufgebracht worden war.

Vielleicht gab es Ausnahmen, vielleicht solche, die die Stunden des Liegedienstes mit irgendeiner ernsten geistigen Beschäftigung, einem irgendwie förderlichen Studium erfüllten, sei es auch nur, um dadurch eine Verbindung mit dem Leben der Ebene zu bewahren oder der Zeit ein wenig Schwere und Tiefgang, damit sie nicht reine Zeit und sonst überhaupt nichts sei, zu verleihen. Vielleicht war außer Herrn Settembrini, mit seinen Bestrebungen, die Leiden auszumerzen, und dem ehrliebenden Joachim mit seinen russischen Übungsbüchern, noch dieser und jener, der es so hielt, wenn nicht unter den Insassen des Speisesaals, was wirklich unwahrscheinlich war, so möglicherweise gerade unter den Bettlägrigen und Moribunden – Hans Castorp war geneigt, es zu glauben. Ihn selbst angehend, so hatte er sich seinerzeit, da Ocean steamships ihm nichts mehr zu sagen hatte, zusammen mit seinem Winterbedarf, auch einige in seinen Lebensberuf einschlagende Bücher, Ingenieur-Wissenschaftliches, Schiffsbautechnisches, von zuhause heraufkommen lassen. Diese Bände lagen aber vernachlässigt zugunsten anderer, einer ganz verschiedenen Sparte und Fakultät angehöriger Lehrwerke, zu deren Materie der junge Hans Castorp Lust gefaßt. Es waren solche der Anatomie, Physiologie und Lebenskunde, abgefaßt in verschiedenen Sprachen, auf deutsch, französisch und englisch, und sie wurden ihm eines Tages vom Buchhändler des Ortes heraufgeschickt, offenbar, weil er sie bestellt hatte, und zwar auf eigene Hand, stillschweigend, gelegentlich eines Spazierganges, den er ohne Joachim (da dieser gerade zur Injektion oder zum Wiegen bestellt gewesen) nach „Platz“ hinunter gemacht hatte. Joachim sah die Bücher mit Überraschung in seines Vetters Händen. Sie waren teuer gewesen, wie wissenschaftliche Werke sind; die Preise standen noch an den Innenseiten der Deckel und auf den Umschlägen vermerkt. Er fragte, warum Hans Castorp sie sich nicht, wenn er dergleichen schon lesen wolle, vom Hofrat geliehen habe, der diese Literatur doch sicher in guter Auswahl besitze. Aber Hans Castorp erwiderte, er wolle sie selber besitzen, es sei ein ganz anderes Lesen, wenn das Buch einem gehöre; auch liebe er es, mit dem Bleistift dareinzufahren und anzustreichen. Stundenlang hörte Joachim in seines Vetters Loge das Geräusch, mit dem das Papiermesser die Blätter broschierter Bogen trennt.

Die Bände waren schwer, unhandlich; Hans Castorp stützte sie im Liegen mit dem unteren Rande gegen die Brust, den Magen. Es drückte, aber er nahm das in Kauf; halboffenen Mundes ließ er seine Augen über die gelehrten Seiten hinuntersteigen, die fast unnötigerweise vom rötlichen Schein des beschirmten Lämpchens erhellt waren, da sie notfalls im starken Mondlicht lesbar gewesen wären, – folgte mit dem Kopf, bis sein Kinn auf der Brust lag, eine Haltung, worin der Lesende, bevor er das Gesicht zur nächsten Seite hob, wohl nachdenkend, schlummernd oder im Halbschlummer nachdenkend etwas verweilte. Er forschte tief, er las, während der Mond über das kristallisch glitzernde Hochgebirgstal seinen gemessenen Weg ging, von der organisierten Materie, den Eigenschaften des Protoplasmas, der zwischen Aufbau und Zersetzung in sonderbarer Seinsschwebe sich erhaltenden empfindlichen Substanz und ihrer Gestaltbildung aus anfänglichen, doch immer gegenwärtigen Grundformen, las mit dringlichem Anteil vom Leben und seinem heilig-unreinen Geheimnis.

Was war das Leben? Man wußte es nicht. Es war sich seiner bewußt, unzweifelhaft, sobald es Leben war, aber es wußte nicht, was es sei. Bewußtsein als Reizempfindlichkeit, unzweifelhaft, erwachte bis zu einem gewissen Grade schon auf den niedrigsten, ungebildetsten Stufen seines Vorkommens, es war unmöglich, das erste Auftreten bewußter Vorgänge an irgendeinen Punkt seiner allgemeinen oder individuellen Geschichte zu binden, Bewußtsein etwa durch das Vorhandensein eines Nervensystems zu bedingen. Die niedersten Tierformen hatten kein Nervensystem, geschweige daß sie ein Großhirn gehabt hätten, doch wagte es niemand, ihnen die Fähigkeit der Empfindung von Reizen abzusprechen. Auch konnte man das Leben betäuben, dieses selbst, nicht nur besondere Organe der Reizempfänglichkeit, die es etwa ausbildete, nicht nur die Nerven. Man konnte die Reizbarkeit jedes mit Leben begabten Stoffes im Pflanzen- wie im Tierreich vorübergehend aufheben, konnte Eier und Samenfäden mit Chloroform, Chloralhydrat oder Morphium narkotisieren. Bewußtsein seinerselbst war also schlechthin eine Funktion der zum Leben geordneten Materie, und bei höherer Verstärkung wandte die Funktion sich gegen ihren eigenen Träger, ward zum Trachten nach Ergründung und Erklärung des Phänomens, das sie zeitigte, einem hoffnungsvoll-hoffnungslosen Trachten des Lebens nach Selbsterkenntnis, einem Sich-in-sich-Wühlen der Natur, vergeblich am Ende, da Natur in Erkenntnis nicht aufgehen, Leben im Letzten sich nicht belauschen kann.

Was war das Leben? Niemand wußte es. Niemand kannte den natürlichen Punkt, an dem es entsprang und sich entzündete. Nichts war unvermittelt oder nur schlecht vermittelt im Bereiche des Lebens von jenem Punkte an; aber das Leben selbst erschien unvermittelt. Wenn sich etwas darüber aussagen ließ, so war es dies: es müsse von so hoch entwickelter Bauart sein, daß in der unbelebten Welt auch nicht entfernt seinesgleichen vorkomme. Zwischen der scheinfüßigen Amöbe und dem Wirbeltier war der Abstand geringfügig, unwesentlich, im Vergleiche mit dem zwischen der einfachsten Erscheinung des Lebens und jener Natur, die nicht einmal verdiente, tot genannt zu werden, weil sie unorganisch war. Denn der Tod war nur die logische Verneinung des Lebens; zwischen Leben und unbelebter Natur aber klaffte ein Abgrund, den die Forschung vergebens zu überbrücken strebte. Man mühte sich, ihn mit Theorien zu schließen, die er verschlang, ohne an Tiefe und Breite im geringsten dadurch einzubüßen. Man hatte sich, um ein Bindeglied zu finden, zu dem Widersinn der Annahme strukturloser Lebensmaterie, unorganisierter Organismen herbeigelassen, die in der Eiweißlösung von selbst zusammenschössen, wie der Kristall in der Mutterlauge, – während doch organische Differenziertheit zugleich Vorbedingung und Äußerung alles Lebens blieb, und während kein Lebewesen aufzuweisen war, das nicht einer Elternzeugung sein Dasein verdankt hätte. Das Ende des Jubels, mit dem man den Urschleim aus den äußersten Tiefen des Meeres gefischt hatte, war Beschämung gewesen. Es zeigte sich, daß man Gipsniederschläge für Protoplasma gehalten. Um aber nicht vor einem Wunder haltmachen zu müssen – denn das Leben, das aus denselben Stoffen sich aufbaute und in dieselben Stoffe zerfiel wie die unorganische Natur, wäre, unvermittelt, ein Wunder gewesen –, war man trotzdem genötigt, an Urzeugung, das hieß an die Entstehung des Organischen aus dem Unorganischen, zu glauben, die übrigens ebenfalls ein Wunder war. So fuhr man fort, Zwischenstufen und Übergänge zu ersinnen, das Dasein von Organismen anzunehmen, die niedriger standen, als alle bekannten, ihrerseits aber noch ursprünglichere Lebensversuche der Natur zu Vorläufern hatten, Probien, die niemand je sehen würde, da sie sich unter aller mikroskopischen Größe hielten, und vor deren gedachter Entstehung die Synthese von Eiweißverbindungen sich vollzogen haben mußte ...

Was war also das Leben? Es war Wärme, das Wärmeprodukt formerhaltender Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie, von welchem der Prozeß unaufhörlicher Zersetzung und Wiederherstellung unhaltbar verwickelt, unhaltbar kunstreich aufgebauter Eiweißmolekel begleitet war. Es war das Sein des eigentlich Nicht-sein-Könnenden, des nur in diesem verschränkten und fiebrigen Prozeß von Zerfall und Erneuerung mit süß-schmerzlich-genauer Not auf dem Punkte des Seins Balancierenden. Es war nicht materiell, und es war nicht Geist. Es war etwas zwischen beidem, ein Phänomen, getragen von Materie, gleich dem Regenbogen auf dem Wasserfall und gleich der Flamme. Aber wiewohl nicht materiell, war es sinnlich bis zur Lust und zum Ekel, die Schamlosigkeit der selbstempfindlich-reizbar gewordenen Materie, die unzüchtige Form des Seins. Es war ein heimlich-fühlsames Sichregen in der keuschen Kälte des Alls, eine wollüstig-verstohlene Unsauberkeit von Nährsaugung und Ausscheidung, ein exkretorischer Atemhauch von Kohlensäure und üblen Stoffen verborgener Herkunft und Beschaffenheit. Es war das durch Überausgleich seiner Unbeständigkeit ermöglichte und in eingeborene Bildungsgesetze gebannte Wuchern, Sichentfalten und Gestaltbilden von etwas Gedunsenem aus Wasser, Eiweiß, Salz und Fetten, welches man Fleisch nannte, und das zur Form, zum hohen Bilde, zur Schönheit wurde, dabei jedoch der Inbegriff der Sinnlichkeit und der Begierde war. Denn diese Form und Schönheit war nicht geistgetragen, wie in den Werken der Dichtung und Musik, auch nicht getragen von einem neutralen und geistverzehrten, den Geist auf eine unschuldige Art versinnlichenden Stoff, wie die Form und Schönheit der Bildwerke. Vielmehr war sie getragen und ausgebildet von der auf unbekannte Art zur Wollust erwachten Substanz, der organischen, verwesend-wesenden Materie selbst, dem riechenden Fleische ...

Dem jungen Hans Castorp, der über dem glitzernden Tal in seiner von Pelz und Wolle gesparten Körperwärme ruhte, zeigte sich in der vom Scheine des toten Gestirnes erhellten Frostnacht das Bild des Lebens. Es schwebte ihm vor, irgendwo im Raume, entrückt und doch sinnennah, der Leib, der Körper, matt weißlich, ausduftend, dampfend, klebrig, die Haut, in aller Unreinigkeit und Makelhaftigkeit ihrer Natur, mit Flecken, Papillen, Gilbungen, Rissen und körnig-schuppigen Gegenden, überzogen von den zarten Strömen und Wirbeln des rudimentären Lanugoflaums. Es lehnte, abgesondert von der Kälte des Unbelebten, in seiner Dunstsphäre, lässig, das Haupt gekränzt mit etwas Kühlem, Hornigem, Pigmentiertem, das ein Produkt seiner Haut war, die Hände im Nacken verschränkt, und blickte unter gesenkten Lidern hervor, aus Augen, die eine Varietät der Lidhautbildung schief erscheinen ließ, mit halb geöffneten, ein wenig aufgeworfenen Lippen dem Anschauenden entgegen, gestützt auf das eine Bein, so daß der tragende Hüftknochen in seinem Fleische stark hervortrat, während das Knie des schlaffen Beins, leicht abgebogen, bei auf die Zehen gestelltem Fuß sich gegen die Innenseite des belasteten schmiegte. Es stand so, lächelnd gedreht, in seiner Anmut lehnend, die schimmernden Ellbogen vorwärts gespreizt, in der paarigen Symmetrie seines Gliederbaus, seiner Leibesmale. Dem scharf dünstenden Dunkel der Achselhöhlen entsprach in mystischem Dreieck die Nacht des Schoßes, wie den Augen die rot-epithelische Mundöffnung, den roten Blüten der Brust der senkrecht in die Länge gedehnte Nabel entsprach. Unter dem Antriebe eines Zentralorgans und im Rückenmark entspringender motorischer Nerven regten sich Bauch und Brustkorb, die Pleuroperitonealhöhle blähte sich und zog sich zusammen, der Atemhauch, erwärmt und befeuchtet von den Schleimhäuten des Atmungskanals, mit Ausscheidungsstoffen gesättigt, strömte zwischen den Lippen aus, nachdem er in den Luftzellen der Lunge seinen Sauerstoff an das Hämoglobin des Blutes zur inneren Atmung gebunden. Denn Hans Castorp verstand, daß dieser Lebenskörper in dem geheimnisvollen Gleichmaß seines blutgenährten, von Nerven, Venen, Arterien, Haarfiltern durchzweigten, von Lymphe durchsickerten Gliederbaus, mit seinem inneren Gerüst von fettmarkgefüllten Röhrenknochen, von Blatt-, Wirbel- und Wurzelknochen, die aus der ursprünglichen Stützsubstanz, dem Gallertgewebe, mit Hilfe von Kalksalzen und Leim sich befestigt hatten, um ihn zu tragen; mit den Kapseln und schlüpfrig geschmierten Höhlen, Bändern und Knorpeln seiner Gelenke, seinen mehr als zweihundert Muskeln, seinen zentralen, der Ernährung, Atmung, Reizmeldung und Reizentsendung dienenden Organbildungen, seinen Schutzhäuten, serösen Höhlen, absonderungsreichen Drüsen, dem Röhren- und Spaltenwerk seiner verwickelten, durch Leibesöffnungen in die äußere Natur mündenden Innenfläche: daß dieses Ich eine Lebenseinheit von hoher Ordnung war, bei weitem nicht mehr von der Art jener einfachsten Wesen, die mit ihrer ganzen Körperoberfläche atmeten, sich ernährten und sogar dachten, sondern aufgebaut aus Myriaden solcher Kleinorganisationen, die von einer einzigen her ihren Ursprung genommen, sich durch immer wiederkehrende Teilung vervielfältigt, sich zu verschiedenen Dienststellungen und Verbänden geordnet, gesondert, eigens ausgebildet und Formen hervorgetrieben hatten, die Bedingung und Wirkung ihres Wachstums waren.

Der Leib, der ihm vorschwebte, dies Einzelwesen und Lebens-Ich war also eine ungeheuere Vielheit atmender und sich ernährender Individuen, welche, durch organische Einordnung und Sonderzweckgestaltung, des ichhaften Seins, der Freiheit und Lebensunmittelbarkeit in so hohem Grade verlustig gegangen, so sehr zu anatomischen Elementen geworden waren, daß die Verrichtung einiger sich einzig auf Reizempfindlichkeit gegen Licht, Schall, Berührung, Wärme beschränkte, andere es nur noch verstanden, ihre Form durch Zusammenziehung zu verändern oder Verdauungssekrete zu erzeugen, wieder andere zum Schutz, zur Stütze, zur Beförderung der Säfte oder zur Fortpflanzung einseitig ausgebildet und tüchtig waren. Es gab Lockerungen dieser zum hohen Ich vereinigten organischen Pluralität, Fälle, in denen die Vielzahl der Unterindividuen nur auf leichte und zweifelhafte Art zur höheren Lebenseinheit zusammengefaßt war. Der Studierende grübelte über der Erscheinung der Zellkolonien, er vernahm von Halborganismen, Algen, deren einzelne Zellen, nur in einen Mantel von Gallerte eingehüllt, oft weit voneinander lagen, mehrzellige Bildungen immerhin, die aber, zur Rede gestellt, nicht zu sagen gewußt hätten, ob sie als Siedelung einzelliger Individuen oder als Einheitswesen gewürdigt werden wollten und in ihrer Selbstaussage zwischen dem Ich und dem Wir wunderlich geschwankt haben würden. Hier wies die Natur einen Mittelstand auf zwischen der hochsozialen Vereinigung zahlloser Elementarindividuen zu Geweben und Organen einer übergeordneten Ichheit – und der freien Einzelexistenz dieser Einfachheiten: der vielzellige Organismus war nur eine Erscheinungsform des zyklischen Prozesses, in dem das Leben sich abspielte, und der ein Kreislauf von Zeugung zu Zeugung war. Der Befruchtungsakt, das geschlechtliche Verschmelzen zweier Zellenleiber, stand am Anfange des Aufbaues jedes pluralischen Individuums, wie er am Anfange jeder Generationenreihe einzeln lebender Elementargeschöpfe stand und zu sich selbst zurückführte. Denn dieser Akt war nachhaltig durch viele Geschlechter, die seiner nicht bedurften, um sich in immer wiederholter Teilung zu vermehren, bis ein Augenblick kam, wo die ungeschlechtlich entstandenen Nachkommen zur Erneuerung des Kopulationsgeschäftes sich wieder angehalten fanden, und der Kreis sich schloß. So war der vielfache Lebensstaat, entsprungen aus der Kernverschmelzung zweier elterlicher Zellen, das Zusammenleben vieler ungeschlechtlich entstandener Generationen von Zellindividuen; sein Wachstum war ihre Vermehrung, und der Zeugungskreis schloß sich, wenn Geschlechtszellen, zum Sonderzwecke der Fortpflanzung ausgebildete Elemente, sich in ihm hergestellt hatten und den Weg zu einer das Leben neu antreibenden Vermischung fanden.

Ein embryologisches Volumen in die Herzgrube gestützt, verfolgte der junge Abenteurer die Entwicklung des Organismus von dem Augenblick an, wo der Samenfaden, einer von vielen und dieser zuerst, sich antreibend durch die peitschenden Bewegungen seines Hinterleibes, mit seiner Kopfspitze an die Gallerthülle des Eies stieß und sich in den Empfängnishügel einbohrte, den das Protoplasma der Eirinde seiner Annäherung entgegenwölbte. Keine Fratze und Farce war auszudenken, in der die Natur bei der Abwandlung dieses stehenden Herganges sich nicht ernstlich gefallen hätte. Es gab Tiere, bei denen das Männchen im Darm des Weibchens schmarotzte. Es gab andere, bei denen der Arm des Erzeugers der Erzeugerin durch den Rachenschlund in das Innere griff, um seine Sämereien dort niederzulegen, worauf er, abgebissen und ausgespien, allein auf seinen Fingern davonlief, zur Betörung der Wissenschaft, die ihn lange auf Griechisch-Latein als selbständiges Lebewesen ansprechen zu müssen geglaubt hatte. Hans Castorp hörte die Gelehrtenschulen der Ovisten und Animalculisten sich zanken, von denen die einen behauptet hatten, das Ei sei ein in sich vollendeter kleiner Frosch, Hund oder Mensch und der Samen nur der Erreger seines Wachstums, während die anderen im Samenfaden, der Kopf, Arme und Beine besaß, ein vorgebildetes Lebewesen sahen, dem das Ei nur als Nährboden diente, – bis man übereingekommen war, der Ei- und der Samenzelle, die aus ursprünglich ununterscheidbaren Fortpflanzungszellen entstanden waren, gleiche Verdienstlichkeit einzuräumen. Er sah den einzelligen Organismus des befruchteten Eies auf dem Wege, sich in einen vielzelligen umzuwandeln, indem es sich furchte und teilte, sah die Zellenleiber zur Schleimhautlamelle sich zusammenschmiegen, die Keimblase sich einstülpen und einen Becher und Hohlraum bilden, der das Geschäft der Nahrungsaufnahme und Verdauung begann. Das war die Darmlarve, das Urtier, die Gastrula, Grundform alles tierischen Lebens, Grundform der fleischgetragenen Schönheit. Ihre beiden Epithellagen, die äußere und die innere, das Hautsinnesblatt und das Darmdrüsenblatt, erwiesen sich als Primitivorgane, aus denen durch Ein- und Ausstülpungen die Drüsen, die Gewebe, die Sinneswerkzeuge, die Körperfortsätze sich bildeten. Ein Streifen des äußeren Keimblattes verdickte sich, faltete sich zur Rinne, schloß sich zum Nervenrohr und wurde zur Wirbelsäule, zum Gehirn. Und wie der fötale Schleim sich zu faserigem Bindegewebe, zu Knorpel befestigte, indem die Gallertzellen statt Mucin Leimsubstanz zu erzeugen begannen, sah er an gewissen Orten die Bindegewebszellen Kalksalze und Fette aus den umspülenden Säften an sich ziehen und verknöchern. Der Embryo des Menschen kauerte in sich gebückt, geschwänzt, von dem des Schweines durch nichts zu unterscheiden, mit ungeheurem Bauchstiel und stummelhaft formlosen Extremitäten, die Gesichtslarve auf den geblähten Wanst gebeugt, und sein Werden erschien einer Wissenschaft, deren Wahrheitsvorstellung unschmeichelhaft und düster war, als die flüchtige Wiederholung einer zoologischen Stammesgeschichte. Vorübergehend hatte er Kiementaschen wie ein Roche. Es schien erlaubt oder notwendig, aus den Entwicklungsstadien, die er durchlief, auf den wenig humanistischen Anblick zu schließen, den der vollendete Mensch in Urzeiten geboten hatte. Seine Haut war mit zuckenden Muskeln zur Abwehr der Insekten ausgestattet und dicht behaart, die Ausdehnung seiner Riechschleimhaut gewaltig, seine abstehenden, beweglichen, am Mienenspiel lebhaft beteiligten Ohren zum Schallfang geschickter gewesen als gegenwärtig. Damals hatten seine Augen, von einem dritten, nickenden Lide geschützt, seitlich am Kopfe gestanden, mit Ausnahme des dritten, dessen Rudiment die Zirbeldrüse war, und das die oberen Lüfte zu überwachen vermocht hatte. Dieser Mensch hatte außerdem ein sehr langes Darmrohr, viele Mahlzähne und Schallsäcke am Kehlkopf zum Brüllen besessen und auch die männlichen Geschlechtsdrüsen im Innern des Bauchraumes getragen.

Die Anatomie enthäutete und präparierte unserem Forscher die Gliedmaßen des Menschenleibes, sie zeigte ihm ihre oberflächlichen und ihre tiefen, hinteren Muskeln, Sehnen und Bänder: diejenigen der Schenkel, des Fußes und namentlich der Arme, des Ober- und Unterarms, lehrte ihn die lateinischen Namen, mit denen die Medizin, diese Abschattung des humanistischen Geistes, sie nobler- und galanterweise benannt und unterschieden hatte, und ließ ihn vordringen bis zum Skelett, dessen Ausbildung ihm neue Gesichtspunkte lieferte, unter denen die Einheit alles Menschlichen, die Beschlossenheit aller Disziplinen darin sich betrachten ließ. Denn hier fand er sich aufs merkwürdigste an seinen eigentlichen – oder muß man sagen: früheren – Beruf, die wissenschaftliche Charge erinnert, als deren Zugehöriger er bei seiner Ankunft hier oben sich den Begegnenden (Herrn Dr. Krokowski, Herrn Settembrini) vorgestellt hatte. Um irgendetwas zu lernen – es war recht gleichgültig gewesen, was –, hatte er auf Hochschulen dies und das von Statik, von biegungsfähigen Stützen, von Belastung und von der Konstruktion als einer vorteilhaften Bewirtschaftung des mechanischen Materials gelernt. Es wäre wohl kindlich gewesen, zu meinen, daß die Ingenieurwissenschaften, die Regeln der Mechanik auf die organische Natur Anwendung gefunden hätten, aber ebensowenig konnte man sagen, daß sie davon abgeleitet worden seien. Sie fanden sich einfach darin wiederholt und bekräftigt. Das Prinzip des Hohlzylinders herrschte im Bau der langen Röhrenknochen dergestalt, daß mit dem genauen Minimum von solider Substanz den statischen Ansprüchen Genüge geschah. Ein Körper, hatte Hans Castorp gelernt, der den Anforderungen gemäß, die durch Zug und Druck an ihn gestellt werden sollen, nur aus Stäben und Bändern eines mechanisch brauchbaren Materials zusammengesetzt wird, kann dieselbe Belastung ertragen wie ein massiver Körper des gleichen Stoffes. So auch ließ bei der Entstehung der Röhrenknochen sich verfolgen, wie, schritthaltend mit der Bildung kompakter Substanz an ihrer Oberfläche, die inneren Teile, da sie mechanisch unnötig wurden, sich in Fettgewebe, das gelbe Mark, verwandelten. Der Oberschenkelknochen war ein Kran, bei dessen Konstruktion die organische Natur durch die Richtung, die sie den Knochenbälkchen gegeben, auf ein Haar die gleichen Zug- und Druckkurven ausgeführt hatte, die Hans Castorp bei der graphischen Darstellung eines so in Anspruch genommenen Gerätes korrekterweise einzutragen gehabt hätte. Er sah es mit Wohlgefallen, denn er fand sich zum Femur, oder zur organischen Natur überhaupt, nun schon in dreierlei Verhältnis stehen: dem lyrischen, dem medizinischen und dem technischen, – so groß war seine Angeregtheit; und diese drei Verhältnisse, fand er, waren eines im Menschlichen, sie waren Abwandlungen eines und desselben dringlichen Anliegens, humanistische Fakultäten ...

Bei alldem blieben die Leistungen des Protoplasmas ganz unerklärlich, dem Leben schien es verwehrt, sich selbst zu begreifen. Die Mehrzahl der biochemischen Vorgänge war nicht nur unbekannt, sondern es lag in ihrer Natur, sich der Einsicht zu entziehen. Man wußte von dem Aufbau, der Zusammensetzung der Lebenseinheit, die man die „Zelle“ nannte, fast nichts. Was half es, die Bestandteile des toten Muskels aufzuweisen? Der lebende ließ sich chemisch nicht untersuchen; schon jene Veränderungen, die die Totenstarre hervorrief, genügten, um alles Experimentieren nichtssagend zu machen. Niemand verstand den Stoffwechsel, niemand das Wesen der Nervenfunktion. Welchen Eigenschaften verdankten die schmeckenden Körper ihren Geschmack? Worin bestand die verschiedenartige Erregung gewisser Sinnesnerven durch die Riechstoffe? Worin die Riechbarkeit überhaupt? Der spezifische Geruch der Tiere und Menschen beruhte auf der Verdunstung von Substanzen, die niemand zu nennen gewußt hätte. Die Zusammensetzung des Sekrets, das man Schweiß nannte, war wenig geklärt. Die Drüsen, die es absonderten, erzeugten Aromata, die unter Säugetieren zweifellos eine wichtige Rolle spielten, und über deren Bedeutung beim Menschen man nicht unterrichtet zu sein erklärte. Die physiologische Bedeutung offenbar wichtiger Teile des Körpers war in Dunkel gehüllt. Man konnte den Blinddarm beiseite lassen, der ein Mysterium war, und den man beim Kaninchen regelmäßig mit einem breiigen Inhalt angefüllt fand, von dem nicht zu sagen war, wie er wieder hinausgelangen oder sich erneuern mochte. Aber was hatte es auf sich mit der weißen und grauen Substanz des Kopfmarks, was mit dem Sehhügel, der mit dem Optikus kommunizierte, und mit den grauen Einlagerungen der „Brücke“? Die Hirn- und Rückenmarksubstanz war dermaßen zersetzlich, daß keine Hoffnung bestand, je ihren Aufbau zu ergründen. Was enthob beim Einschlafen die Großhirnrinde ihrer Tätigkeit? Was hinderte die Selbstverdauung des Magens, die sich bei Leichen in der Tat zuweilen ereignete? Man antwortete: das Leben; eine besondere Widerstandskraft des lebenden Protoplasmas, – und tat, als bemerke man nicht, daß das eine mystische Erklärung war. Die Theorie einer so alltäglichen Erscheinung wie des Fiebers war widerspruchsvoll. Der gesteigerte Stoffumsatz hatte erhöhte Wärmeproduktion zur Folge. Aber warum steigerte sich nicht, wie sonst, kompensatorisch die Wärmeausgabe? Beruhte die Lähmung der Schweißsekretion auf Kontraktionszuständen der Haut? Aber nur bei Fieberfrost waren solche nachweisbar, denn sonst war die Haut vielmehr heiß. Der „Wärmestich“ kennzeichnete das Zentralnervensystem als Sitz der Ursachen für den erhöhten Umsatz wie für eine Hautbeschaffenheit, die man abnorm zu nennen sich begnügte, da man sie nicht zu bestimmen wußte.

Aber was bedeutete all dieses Unwissen im Vergleich mit der Ratlosigkeit, in der man vor Erscheinungen wie der des Gedächtnisses oder jenes weiteren und erstaunlicheren Gedächtnisses stand, das die Vererbung erworbener Eigenschaften hieß? Die Unmöglichkeit, auch nur die Ahnung einer mechanischen Erklärbarkeit solcher Leistungen der Zellsubstanz zu fassen, war vollkommen. Der Samenfaden, der zahllose und verwickelte Art- und Individualeigenschaften des Vaters auf das Ei übertrug, war nur mikroskopisch sichtbar, und auch die stärkste Vergrößerung reichte nicht hin, ihn anders denn als homogenen Körper erscheinen zu lassen und die Bestimmung seiner Abkunft zu ermöglichen; denn bei einem Tier sah er aus wie beim anderen. Das waren Organisationsverhältnisse, die zu der Annahme zwangen, daß es sich mit der Zelle nicht anders verhielt als mit dem höheren Leib, den sie aufbaute; daß also auch sie schon ein übergeordneter Organismus war, der seinerseits und wiederum sich aus lebenden Teilungskörpern, individuellen Lebenseinheiten zusammensetzte. Man schritt also vom angeblich Kleinsten zum abermals Kleineren vor, man löste notgedrungen das Elementare in Unterelemente auf. Kein Zweifel, wie das Tierreich aus verschiedenen Spezies von Tieren, wie der tierisch-menschliche Organismus aus einem ganzen Tierreich von Zellenspezies, so bestand derjenige der Zelle aus einem neuen und vielfältigen Tierreich elementarer Lebenseinheiten, deren Größe tief unter der Grenze des mikroskopisch Sichtbaren lag, die selbsttätig wuchsen, selbsttätig, nach dem Gesetz, daß jede nur ihresgleichen hervorbringen konnte, sich vermehrten und nach dem Grundsatz der Arbeitsteilung gemeinsam der nächsthöheren Lebensordnung dienten.

Das waren die Genen, die Bioblasten, die Biophoren, – Hans Castorp war erfreut, in der Frostnacht ihre namentliche Bekanntschaft zu machen. Nur fragte er sich in seiner Angeregtheit, wie es bei abermals verbesserter Beleuchtung um ihre Elementarnatur bestellt sein mochte. Da sie Leben trugen, mußten sie organisiert sein, denn Leben beruhte auf Organisation; wenn sie aber organisiert waren, so konnten sie nicht elementar sein, denn ein Organismus ist nicht elementar, er ist vielfach. Sie waren Lebenseinheiten unterhalb der Lebenseinheit der Zelle, die sie organisch aufbauten. Wenn dem aber so war, so mußten sie, obgleich über alle Begriffe klein, selber „aufgebaut“, und zwar organisch, als Lebensordnung, „aufgebaut“ sein; denn der Begriff der Lebenseinheit war identisch mit dem des Aufbaues aus kleineren, untergeordneten, das hieß: zu höherem Leben geordneten Lebenseinheiten. Solange die Teilung organische Einheiten ergab, die die Eigenschaften des Lebens, nämlich die Fähigkeiten der Assimilation, des Wachstums und der Vermehrung besaßen, waren ihr keine Grenzen gesetzt. Solange von Lebenseinheiten die Rede war, konnte nur fälschlich von Elementareinheiten die Rede sein, denn der Begriff der Einheit umschloß ad infinitum den Mitbegriff der untergeordnet-aufbauenden Einheit, und elementares Leben, also etwas, was schon Leben, aber noch elementar war, gab es nicht.

Aber obschon ohne logische Existenz, mußte zuletzt dergleichen irgendwie wirklich sein, denn die Idee der Urzeugung, das hieß: der Entstehung des Lebens aus dem Nichtlebenden, war ja nicht von der Hand zu weisen, und jene Kluft, die man in der äußeren Natur vergebens zu schließen suchte, die nämlich zwischen Leben und Leblosigkeit, mußte sich im organischen Inneren der Natur auf irgendeine Weise ausfüllen oder überbrücken. Irgendwann mußte die Teilung zu „Einheiten“ führen, die, zwar zusammengesetzt, aber noch nicht organisiert, zwischen Leben und Nichtleben vermittelten, Molekülgruppen, den Übergang bildend zwischen Lebensordnung und bloßer Chemie. Allein beim chemischen Molekül angekommen, fand man sich bereits in der Nähe eines Abgrundes, der weit mysteriöser gähnte als der zwischen organischer und unorganischer Natur: nahe dem Abgrund zwischen dem Materiellen und dem Nichtmateriellen. Denn das Molekül setzte sich ja aus Atomen zusammen, und das Atom war bei weitem nicht mehr groß genug, um auch nur als außerordentlich klein bezeichnet werden zu können. Es war dermaßen klein, eine derart winzige, frühe und übergängliche Ballung des Unstofflichen, des noch nicht Stofflichen, aber schon Stoffähnlichen, der Energie, daß es kaum schon oder kaum noch als materiell, vielmehr als Mittel und Grenzpunkt zwischen dem Materiellen und dem Immateriellen gedacht werden mußte. Das Problem einer anderen Urzeugung, weit rätselhafter und abenteuerlicher noch als die organische, warf sich auf: der Urzeugung des Stoffes aus dem Unstofflichen. In der Tat verlangte die Kluft zwischen Materie und Nichtmaterie ebenso dringlich, ja noch dringlicher nach Ausfüllung als die zwischen organischer und anorganischer Natur. Notwendig mußte es eine Chemie des Immateriellen geben, unstoffliche Verbindungen, aus denen das Stoffliche entsprang, wie die Organismen aus unorganischen Verbindungen entsprangen, und die Atome mochten die Probien und Moneren der Materie darstellen, – stofflich ihrer Natur nach und auch wieder noch nicht. Aber angelangt beim „nicht einmal mehr klein“, entglitt der Maßstab; „nicht einmal mehr klein“, das galt bereits soviel wie „ungeheuer groß“; und der Schritt zum Atom erwies sich ohne Übertreibung als im höchsten Grade verhängnisvoll. Denn im Augenblick letzter Zerteilung und Verwinzigung des Materiellen tat sich plötzlich der astronomische Kosmos auf!

Das Atom war ein energiegeladenes kosmisches System, worin Weltkörper rotierend um ein sonnenhaftes Zentrum rasten, und durch dessen Ätherraum mit Lichtjahrgeschwindigkeit Kometen fuhren, welche die Kraft des Zentralkörpers in ihre exzentrischen Bahnen zwang. Das war so wenig nur ein Vergleich, wie es nur ein solcher war, wenn man den Leib der vielzelligen Wesen einen „Zellenstaat“ nannte. Die Stadt, der Staat, die nach dem Prinzip der Arbeitsteilung geordnete soziale Gemeinschaft war dem organischen Leben nicht nur zu vergleichen, sie wiederholte es. So wiederholte sich im Innersten der Natur, in weitester Spiegelung, die makrokosmische Sternenwelt, deren Schwärme, Haufen, Gruppen, Figuren, bleich vom Monde, zu Häupten des vermummten Adepten über dem frostglitzernden Tale schwebten. War es unerlaubt, zu denken, daß gewisse Planeten des atomischen Sonnensystems – dieser Heere und Milchstraßen von Sonnensystemen, die die Materie aufbauten, – daß also einer oder der andere dieser innerweltlichen Weltkörper sich in einem Zustande befand, der demjenigen entsprach, der die Erde zu einer Wohnstätte des Lebens machte? Für einen im Zentrum etwas beschwipsten jungen Adepten von „abnormer“ Hautbeschaffenheit, der im Gebiete des Unerlaubten ja nicht mehr all und jeder Erfahrung entbehrte, war das eine nicht nur nicht ungereimte, sondern sogar bis zur Aufdringlichkeit sich nahelegende, höchst einleuchtende Spekulation von logischem Wahrheitsgepräge. Die „Kleinheit“ der innerweltlichen Sternkörper wäre ein sehr unsachgemäßer Einwand gewesen, denn der Maßstab von Groß und Klein war spätestens damals abhanden gekommen, als der kosmische Charakter der „kleinsten“ Stoffteile sich offenbart hatte, und die Begriffe des Außen und Innen hatten nachgerade gleichfalls in ihrer Standfestigkeit gelitten. Die Welt des Atoms war ein Außen, wie höchstwahrscheinlich der Erdenstern, den wir bewohnten, organisch betrachtet, ein tiefes Innen war. Hatte nicht die träumerische Kühnheit eines Forschers von „Milchstraßentieren“ gesprochen, – kosmischen Ungeheuern, deren Fleisch, Bein und Gehirn sich aus Sonnensystemen aufbaute? War dem aber so, wie Hans Castorp dachte, dann fing in dem Augenblick, da man geglaubt hatte, zu Rande gekommen zu sein, das Ganze von vorn an! Dann lag vielleicht im Innersten und Aberinnersten seiner Natur er selbst, der junge Hans Castorp, noch einmal, noch hundertmal, warm eingehüllt, in einer Balkonloge mit Aussicht in die mondhelle Hochgebirgsfrostnacht und studierte mit erstarrten Fingern und heißem Gesicht aus humanistisch-medizinischer Anteilnahme das Körperleben?

Die pathologische Anatomie, von der er einen Band seitlich in den roten Schein seines Tischlämpchens hielt, belehrte ihn durch einen Text, der mit Abbildungen durchsetzt war, über das Wesen der parasitischen Zellvereinigung und der Infektionsgeschwülste. Diese waren Gewebsformen – und zwar besonders üppige Gewebsformen –, hervorgerufen durch das Eindringen fremdartiger Zellen in einen Organismus, der sich für sie aufnahmelustig erwiesen hatte und ihrem Gedeihen auf irgendeine Weise – aber man mußte wohl sagen: auf eine irgendwie liederliche Weise – günstige Bedingungen bot. Weniger, daß der Parasit dem umgebenden Gewebe Nahrung entzogen hätte; aber er erzeugte, indem er, wie jede Zelle, Stoff wechselte, organische Verbindungen, die sich für die Zellen des Wirtsorganismus als erstaunlich giftig, als unweigerlich verderbenbringend erwiesen. Man hatte von einigen Mikroorganismen die Toxine zu isolieren und in konzentriertem Zustande darzustellen verstanden, und es verwunderlich gefunden, in welchen geringen Dosen diese Stoffe, die einfach in die Reihe der Eiweißverbindungen gehörten, in den Kreislauf eines Tieres gebracht, die allergefährlichsten Vergiftungserscheinungen, reißende Verderbnis bewirkten. Das äußere Wesen dieser Korruption war Gewebswucherung, die pathologische Geschwulst, nämlich als Reaktionswirkung der Zellen auf den Reiz, den die zwischen ihnen angesiedelten Bazillen auf sie ausübten. Hirsekorngroße Knötchen bildeten sich, zusammengesetzt aus schleimhautgewebartigen Zellen, zwischen denen oder in denen die Bazillen nisteten, und von welchen einige außerordentlich reich an Protoplasma, riesengroß und von vielen Kernen erfüllt waren. Diese Lustbarkeit aber führte gar bald zum Ruin, denn nun begannen die Kerne der Monstrezellen zu schrumpfen und zu zerfallen, ihr Protoplasma an Gerinnung zugrunde zu gehen; weitere Gewebsteile der Umgebung wurden von der fremden Reizwirkung ergriffen; entzündliche Vorgänge griffen um sich und zogen die angrenzenden Gefäße in Mitleidenschaft; weiße Blutkörperchen wanderten, angelockt von der Unheilsstätte, herzu; das Gerinnungssterben schritt fort; und unterdessen hatten längst die löslichen Bakteriengifte die Nervenzentren berauscht, der Organismus stand in Hochtemperatur, mit wogendem Busen, sozusagen, taumelte er seiner Auflösung entgegen.

So weit die Pathologie, die Lehre von der Krankheit, der Schmerzbetonung des Körpers, die aber, als Betonung des Körperlichen, zugleich eine Lustbetonung war, – Krankheit war die unzüchtige Form des Lebens. Und das Leben für sein Teil? War es vielleicht nur eine infektiöse Erkrankung der Materie, – wie das, was man die Urzeugung der Materie nennen durfte, vielleicht nur Krankheit, eine Reizwucherung des Immateriellen war? Der anfänglichste Schritt zum Bösen, zur Lust und zum Tode war zweifellos da anzusetzen, wo, hervorgerufen durch den Kitzel einer unbekannten Infiltration, jene erste Dichtigkeitszunahme des Geistigen, jene pathologisch üppige Wucherung seines Gewebes sich vollzog, die, halb Vergnügen, halb Abwehr, die früheste Vorstufe des Substanziellen, den Übergang des Unstofflichen zum Stofflichen bildete. Das war der Sündenfall. Die zweite Urzeugung, die Geburt des Organischen aus dem Unorganischen, war nur noch eine schlimme Steigerung der Körperlichkeit zum Bewußtsein, wie die Krankheit des Organismus eine rauschhafte Steigerung und ungesittete Überbetonung seiner Körperlichkeit war –: nur noch ein Folgeschritt war das Leben auf dem Abenteuerpfade des unehrbar gewordenen Geistes, Schamwärmereflex der zur Fühlsamkeit geweckten Materie, die für den Erwecker aufnahmelustig gewesen war ...

Die Bücher lagen zuhauf auf dem Lampentischchen, eins lag am Boden, neben dem Liegestuhl, auf der Matte der Loggia, und dasjenige, worin Hans Castorp zuletzt geforscht, lag ihm auf dem Magen und drückte, beschwerte ihm sehr den Atem, doch ohne daß von seiner Hirnrinde an die zuständigen Muskeln Order ergangen wäre, es zu entfernen. Er hatte die Seite hinunter gelesen, sein Kinn hatte die Brust erreicht, die Lider waren ihm über die einfachen blauen Augen gefallen. Er sah das Bild des Lebens, seinen blühenden Gliederbau, die fleischgetragene Schönheit. Sie hatte die Hände aus dem Nacken gelöst, und ihre Arme, die sie öffnete, und an deren Innenseite, namentlich unter der zarten Haut des Ellbogengelenks, die Gefäße, die beiden Äste der großen Venen, sich bläulich abzeichneten, – diese Arme waren von unaussprechlicher Süßigkeit. Sie neigte sich ihm, neigte sich zu ihm, über ihn, er spürte ihren organischen Duft, spürte den Spitzenstoß ihres Herzens. Heiße Zartheit umschlang seinen Hals, und während er, vergehend vor Lust und Grauen, seine Hände an ihre äußeren Oberarme legte, dorthin, wo die den triceps überspannende, körnige Haut von wonniger Kühle war, fühlte er auf seinen Lippen die feuchte Ansaugung ihres Kusses.

Totentanz

Kurz nach Weihnachten starb der Herrenreiter ... Aber vorher spielte eben noch Weihnachten sich ab, diese beiden Festtage, oder, wenn man den Tag des heiligen Abends mitzählte, diese drei, denen Hans Castorp mit einigem Schrecken und der kopfschüttelnden Erwartung entgegengesehen hatte, wie sie sich hier wohl ausnehmen würden, und die dann, als natürliche Tage mit Morgen, Mittag, Abend und mittlerer Zufallswitterung (es taute etwas), auch nicht anders, als andere ihrer Gattung, heraufgekommen und verblichen waren: – äußerlich ein wenig geschmückt und ausgezeichnet, hatten sie während der ihnen zugemessenen Frist ihre Bewußtseinsherrschaft in den Köpfen und Herzen der Menschen geübt und waren unter Zurücklassung eines Niederschlages unalltäglicher Eindrücke zu naher und fernerer Vergangenheit geworden ...

Der Sohn des Hofrates, Knut mit Namen, kam auf Ferienbesuch und wohnte bei seinem Vater im Seitenflügel, – ein hübscher, junger Mann, dem aber ebenfalls schon der Nacken etwas zu sehr heraustrat. Man spürte die Anwesenheit des jungen Behrens in der Atmosphäre; die Damen legten Lachlust, Putzsucht und Reizbarkeit an den Tag, und in ihren Gesprächen handelte es sich um Begegnungen mit Knut im Garten, im Walde oder im Kurhausviertel. Übrigens erhielt er selbst Besuch: eine Anzahl seiner Universitätskameraden kam in das Tal herauf, sechs oder sieben Studenten, die im Orte wohnten, aber beim Hofrat die Mahlzeiten nahmen und, zum Trupp verbunden, mit ihrem Kommilitonen die Gegend durchstreiften. Hans Castorp mied sie. Er mied diese jungen Leute und wich ihnen mit Joachim aus, wenn es nötig war, unlustig, ihnen zu begegnen. Den Zugehörigen Derer hier oben trennte eine Welt von diesen Sängern, Wanderern und Stöckeschwingern, er wollte von ihnen nichts hören und wissen. Außerdem schienen die meisten von ihnen aus dem Norden zu stammen, womöglich waren Landsleute darunter, und Hans Castorp fühlte die größte Scheu vor Landsleuten, oft erwog er mit Widerwillen die Möglichkeit, daß irgendwelche Hamburger im „Berghof“ eintreffen könnten, zumal Behrens gesagt hatte, diese Stadt stelle der Anstalt immer ein stattliches Kontingent. Vielleicht befanden sich welche unter den Schweren und Moribunden, die man nicht sah. Zu sehen war nur ein hohlwangiger Kaufmann, der seit ein paar Wochen am Tische der Iltis saß, und der aus Cuxhaven sein sollte. Hans Castorp freute sich im Hinblick auf ihn, daß man mit Nicht-Tischgenossen hierorts so schwer in Berührung kam, und ferner darüber, daß sein Heimatsgebiet groß und sphärenreich war. Die gleichgültige Anwesenheit dieses Kaufmanns entkräftete in hohem Grade die Besorgnisse, die er an das Vorkommen von Hamburgern hier oben geknüpft hatte.

Der heilige Abend also näherte sich, stand eines Tages vor der Tür und hatte am nächsten Tage Gegenwart gewonnen ... Es waren noch reichlich sechs Wochen bis zu ihm gewesen, damals, als Hans Castorp sich gewundert hatte, daß man hier schon von Weihnachten sprach: so viel Zeit also noch, rechnerisch genommen, wie die ganze Dauer seines Aufenthalts nach ihrer ursprünglichen Veranschlagung, zusammen mit der Dauer seiner Bettlägrigkeit betragen hatte. Trotzdem war das damals eine große Menge Zeit gewesen, namentlich die erste Hälfte, wie es Hans Castorp nachträglich schien, – während die rechnerisch gleiche Menge jetzt sehr wenig bedeutete, beinahe nichts: die im Speisesaal, so fand er nun, hatten recht gehabt, sie so gering zu achten. Sechs Wochen, nicht einmal so viele also, wie die Woche Tage hatte: was war auch das in Anbetracht der weiteren Frage, was denn so eine Woche, so ein kleiner Rundlauf vom Montag zum Sonntag und wieder Montag war. Man brauchte nur immer nach Wert und Bedeutung der nächstkleineren Einheit zu fragen, um zu verstehen, daß bei der Summierung nicht viel herauskommen konnte, deren Wirkung überdies und zugleich ja auch eine sehr starke Verkürzung, Verwischung, Schrumpfung und Zernichtung war. Was war ein Tag, gerechnet etwa von dem Augenblick an, wo man sich zum Mittagessen setzte, bis zu dem Wiedereintritt dieses Augenblicks in vierundzwanzig Stunden? Nichts, – obgleich es doch vierundzwanzig Stunden waren. Was war denn aber auch eine Stunde, verbracht etwa in der Liegekur, auf einem Spaziergang oder beim Essen, – womit die Möglichkeiten, diese Einheit zu verbringen, so gut wie erschöpft waren? Wiederum nichts. Aber die Summierung des Nichts war wenig ernst ihrer Natur nach. Am ernstesten wurde die Sache, wenn man ins Kleinste stieg: jene sieben mal sechzig Sekunden, während derer man das Thermometer zwischen den Lippen hielt, um die Kurve fortführen zu können, waren überaus zählebig und gewichtig; sie weiteten sich zu einer kleinen Ewigkeit, bildeten Einlagerungen von höchster Solidität in dem schattenhaften Huschen der großen Zeit ...

Das Fest vermochte die Lebensordnung der Berghofbewohner kaum zu stören. Eine wohlgewachsene Tanne war schon einige Tage zuvor an der rechten Schmalseite des Speisesaals, beim Schlechten Russentisch, aufgerichtet worden, und ihr Duft, der durch den Brodem der reichen Gänge hindurch die Speisenden zuweilen berührte, rief etwas wie Nachdenklichkeit in den Augen einzelner Personen an den sieben Tischen hervor. Beim Abendessen des 24. Dezembers zeigte der Baum sich bunt geschmückt mit Lametta, Glaskugeln, vergoldeten Tannenzapfen, kleinen Äpfeln, die in Netzen hingen, und vielerlei Konfekt, und seine farbigen Wachskerzen brannten während der Mahlzeit und nachher. Auch in den Zimmern der Bettlägrigen, hieß es, brannten Bäumchen; jedes hatte das seine. Und die Paketpost war reich gewesen schon in den letzten Tagen. Auch Joachim Ziemßen und Hans Castorp hatten Sendungen aus der fernen und tiefen Heimat bekommen, sorglich verpackte Bescherungen, die sie in ihren Zimmern ausgebreitet hatten: sinnreiche Kleidungsstücke, Krawatten, Luxusgegenstände in Leder und Nickel, sowie viel Festgebäck, Nüsse, Äpfel und Marzipan, – Vorräte, die die Vettern mit zweifelnden Blicken betrachteten, indem sie sich fragten, wann hier je der Augenblick kommen werde, davon zu genießen. Schalleen hatte Hans Castorps Paket hergestellt, wie er wußte, und auch, nach sachlicher Besprechung mit den Onkeln, die Geschenke besorgt. Ein Brief von James Tienappel lag bei, auf dickem Privatpapier, doch in Maschinenschrift. Der Onkel übermittelte darin des Großonkels und seine eigenen Fest- und Genesungswünsche und fügte aus praktischen Gründen gleich die nächstens fälligen Neujahrsgratulationen hinzu, wie übrigens auch Hans Castorp verfahren war, als er rechtzeitig seinen Weihnachtsbrief nebst klinischem Rapport an Konsul Tienappel liegend aufgesetzt hatte.

Der Baum im Speisesaal brannte, knisterte, duftete und hielt in den Köpfen und Herzen das Bewußtsein der Stunde wach. Man hatte Toilette gemacht, die Herren trugen Gesellschaftsanzug, man sah an den Frauen Schmuckstücke, die ihnen von liebender Gattenhand aus den Ländern der Ebene gekommen sein mochten. Auch Clawdia Chauchat hatte den ortsüblichen Wollsweater gegen ein Salonkleid vertauscht, das aber einen Stich ins Willkürliche oder vielmehr ins Nationale hatte: es war ein helles, gesticktes Gürtelkostüm von bäuerlich-russischem, oder doch balkanischem, vielleicht bulgarischem Grundcharakter, mit kleinen Goldflittern besetzt, dessen Faltigkeit ihrer Erscheinung eine ungewohnt weiche Fülle verlieh und ausgezeichnet mit dem zusammenstimmte, was Settembrini ihre „tatarische Physiognomie“, insbesondere ihre „Steppenwolfslichter“ zu nennen beliebte. Man war sehr heiter am Guten Russentisch; dort zuerst knallte der Champagner, der dann fast an allen Tischen getrunken wurde. An dem der Vettern war es die Großtante, die ihn für ihre Nichte und für Marusja bestellte, und sie traktierte alle damit. Das Menü war gewählt, es endete mit Käsegebäck und Bonbons; man schloß Kaffee an und Liköre, und dann und wann rief ein aufflammender Tannenzweig, der Löscharbeit forderte, eine schrille, übermäßige Panik hervor. Settembrini, gekleidet wie immer, saß gegen Ende des Festessens eine Weile mit seinem Zahnstocher am Tische der Vettern, hänselte Frau Stöhr und sprach dann einiges über den Tischlerssohn und Menschheits-Rabbi, dessen Geburtstag man heute fingiere. Ob jener wirklich gelebt habe, sei ungewiß. Was aber damals geboren worden sei und seinen bis heute ununterbrochenen Siegeslauf begonnen habe, das sei die Idee des Wertes der Einzelseele, zusammen mit der der Gleichheit gewesen, – mit einem Worte die individualistische Demokratie. In diesem Sinne leere er das Glas, das man ihm zugeschoben. Frau Stöhr fand seine Ausdrucksweise „equivok und gemütlos“. Sie erhob sich unter Protest, und da man ohnedies die Gesellschaftsräume aufzusuchen begonnen hatte, so folgten die Tischgenossen ihrem Beispiel.

Die Geselligkeit dieses Abends erhielt Gewicht und Leben durch die Überreichung der Geschenke an den Hofrat, der mit Knut und der Mylendonk auf eine halbe Stunde herüberkam. Die Handlung vollzog sich in dem Salon mit den optischen Scherzapparaten. Die Sondergabe der Russen bestand in etwas Silbernem, einem sehr großen, runden Teller, in dessen Mitte das Monogramm des Empfängers eingraviert war, und dessen vollkommene Unverwendbarkeit in die Augen sprang. Auf der Chaiselongue, die die übrigen Gäste gestiftet hatten, konnte man wenigstens liegen, obgleich sie noch ohne Decke und Kissen war, nur eben mit Tuch überzogen. Doch war ihr Kopfende verstellbar, und Behrens probierte ihre Bequemlichkeit, indem er sich, seinen nutzlosen Teller unter dem Arm, der Länge nach darauf ausstreckte, die Augen schloß und zu schnarchen begann wie ein Sägewerk, unter der Angabe, er sei Fafnir mit dem Hort. Der Jubel war allgemein. Auch Frau Chauchat lachte sehr über diese Aufführung, wobei ihre Augen sich zusammenzogen und ihr Mund offen stand, beides genau auf dieselbe Weise, so fand Hans Castorp, wie es bei Pribislav Hippe, wenn er lachte, der Fall gewesen war.

Gleich nach dem Abgange des Chefs setzte man sich an die Spieltische. Die russische Gesellschaft bezog, wie immer, den kleinen Salon. Einige Gäste umstanden im Saale den Weihnachtsbaum, sahen dem Erlöschen der Lichtstümpfchen in ihren kleinen Metallhülsen zu und naschten von dem Aufgehängten. An den Tischen, die schon für das erste Frühstück gedeckt waren, saßen vereinzelte Personen, weit voneinander entfernt, verschiedentlich aufgestützt, in getrenntem Schweigen.

Der erste Weihnachtstag war feucht und neblig. Es seien Wolken, sagte Behrens, in denen man sitze; Nebel gäbe es nicht hier oben. Aber Wolken oder Nebel, auf jeden Fall war die Nässe empfindlich. Der liegende Schnee taute oberflächlich an, wurde porös und klebrig. Gesicht und Hände erstarrten im Kurdienst weit peinlicher als bei sonnigem Frost.

Der Tag war ausgezeichnet durch eine musikalische Veranstaltung am Abend, ein richtiges Konzert mit Stuhlreihen und gedruckten Programmen, das Denen hier oben vom Hause „Berghof“ geboten wurde. Es war ein Liederabend, gegeben von einer am Orte ansässigen und Unterricht erteilenden Berufssängerin mit zwei Medaillen seitlich unter dem Ausschnitt ihres Ballkleides, Armen, die Stöcken glichen, und einer Stimme, deren eigentümliche Tonlosigkeit über die Gründe ihrer Ansiedelung hier oben betrübende Auskunft gab. Sie sang:

„Ich trage meine Minne mit mir herum.“

Der Pianist, der sie begleitete, war ebenfalls ortsansässig ... Frau Chauchat saß in der ersten Reihe, benutzte jedoch die Pause, um sich zurückzuziehen, so daß Hans Castorp von da an der Musik (es war Musik unter allen Umständen) mit ruhigem Herzen lauschen konnte, indem er während des Gesanges den Text der Lieder mitlas, der auf dem Programm gedruckt stand. Eine Weile saß Settembrini an seiner Seite, verschwand aber ebenfalls, nachdem er über den dumpfen bel canto der Ansässigen einiges Pralle, Plastische angemerkt und sein satirisches Behagen darüber ausgedrückt, daß man auch heute abend so treu und traulich unter sich sei. Die Wahrheit zu sagen, spürte Hans Castorp Erleichterung, als sie beide fort waren, die Schmaläugige und der Pädagog, und er in Freiheit den Liedern seine Aufmerksamkeit widmen konnte. Er fand es gut, daß in der ganzen Welt und noch unter den besondersten Umständen Musik gemacht wurde, wahrscheinlich sogar auf Polarexpeditionen.

Der zweite Weihnachtstag unterschied sich durch nichts mehr, als durch das leichte Bewußtsein seiner Gegenwart, von einem gewöhnlichen Sonn- oder auch nur Wochentag, und als er vorüber war, da lag das Weihnachtsfest im Vergangenen, – oder, ebenso richtig, es lag wieder in ferner Zukunft, in jahresferner: zwölf Monate waren nun wieder bis dahin, wo es sich im Kreislauf erneuern würde, – schließlich nur sieben Monate mehr, als Hans Castorp hier schon verbracht hatte.

Aber gleich nach dem diesjährigen Weihnachten, noch vor Neujahr, starb denn also der Herrenreiter. Die Vettern erfuhren es von Alfreda Schildknecht, genannt Schwester Berta, der Pflegerin des armen Fritz Rotbein, die ihnen das diskrete Vorkommnis auf dem Gange erzählte. Hans Castorp nahm eindringlich Anteil daran, teils weil die Lebensäußerungen des Herrenreiters zu den ersten Eindrücken gehört hatten, die er hier oben empfangen, – zu denen, die zuerst, wie ihm schien, den Wärmereflex in seiner Gesichtshaut hervorgerufen hatten, der seitdem nicht mehr daraus hatte weichen wollen, – teils aus moralischen, man möchte sagen: geistlichen Gründen. Er hielt Joachim lange im Gespräch mit der Diakonissin fest, die Ansprache und Austausch mit klammernder Dankbarkeit genoß. Es sei ein Wunder, sagte sie, daß der Herrenreiter das Fest noch erlebt habe. Längst habe er sich als zäher Kavalier erwiesen gehabt, allein womit er zuletzt noch geatmet, sei keinem begreiflich gewesen. Seit Tagen schon habe er sich freilich nur mit Hilfe gewaltiger Mengen Sauerstoffes gehalten: gestern allein habe er vierzig Ballons konsumiert, das Stück zu sechs Franken. Das müsse ins Geld gelaufen sein, wie die Herren sich ausrechnen könnten, und dabei sei zu bedenken, daß seine Gemahlin, in deren Armen er danach verschieden, völlig mittellos hinterbleibe. Joachim mißbilligte diesen Aufwand. Wozu die Quälerei und kostspielig künstliche Hinfristung in einem ganz aussichtslosen Fall? Dem Mann sei es nicht zu verargen, daß er das teure Lebensgas blindlings verzehrt, da man es ihm aufgenötigt hatte. Dagegen die Behandelnden hätten vernünftiger denken und ihn in Gottes Namen seines unvermeidlichen Weges ziehen lassen sollen, ganz abgesehen von den Verhältnissen und gar nun mit Rücksicht auf diese. Die Lebenden hätten doch auch ein Recht und so weiter. Dem widersprach Hans Castorp mit Nachdruck. Sein Vetter rede ja fast schon wie Settembrini, ohne Achtung und Scheu vor dem Leiden. Der Herrenreiter sei doch am Ende gestorben, da höre der Spaß auf, man könne nichts weiter tun, um seinen Ernst zu erweisen, und einem Sterbenden gebühre jeder Respekt und Ehrenaufwand, darauf bestehe Hans Castorp. Er wolle nur hoffen, daß Behrens den Herrenreiter zuletzt nicht angeschrien und pietätloserweise gescholten habe? Kein Anlaß, erklärte die Schildknecht. Einen kleinen, unbesonnenen Versuch zu entwischen habe der Herrenreiter zwar zuletzt noch gemacht und aus dem Bett springen wollen; aber ein leichter Hinweis auf die Zwecklosigkeit solchen Beginnens habe genügt, ihn ein für allemal davon abstehen zu lassen.

Hans Castorp nahm den Verblichenen in Augenschein. Er tat es aus Trotz gegen das herrschende System der Verheimlichung, weil er das egoistische Nichts-wissen-, Nichts-sehen-und-hören-wollen der andern verachtete und ihm durch die Tat zu widersprechen wünschte. Bei Tische hatte er den Todesfall zur Sprache zu bringen versucht, war aber auf einmütige und so verstockte Ablehnung dieses Themas gestoßen, daß es ihn beschämt und empört hatte. Frau Stöhr war geradezu grob geworden. Was ihm einfalle, von so etwas anzufangen, hatte sie gefragt, und was er denn eigentlich für eine Kinderstube genossen. Die Ordnung des Hauses schütze sie, die Patientenschaft, sorgfältig davor, von solchen Geschichten berührt zu werden, und da komme nun so ein Grünschnabel und rede ganz laut davon, noch dazu beim Braten und dazu wieder in Gegenwart des Dr. Blumenkohl, den es täglich ereilen könne. (Dies hinter der Hand.) Wiederhole sich das, so werde sie klagbar werden. Da war es, daß der Gescholtene den Entschluß gefaßt und ihm auch Ausdruck verliehen hatte, für seine Person dem abgeschiedenen Hausgenossen durch einen Besuch und stille Andachtsverrichtung an seinem Lager die letzte Ehre zu erweisen, und auch Joachim hatte er bestimmt, das zu tun.

Durch Vermittlung Schwester Alfredas erlangten sie Eintritt in das Sterbezimmer, das im ersten Stock unter ihren eigenen Zimmern gelegen war. Die Witwe empfing sie, eine kleine, zerzauste, von Nachtwachen mitgenommene Blonde, das Taschentuch vor dem Munde, mit roter Nase und in dickem Plaidmantel, dessen Kragen sie aufgestellt hatte, denn es war sehr kalt im Zimmer. Die Heizung war abgestellt, die Balkontür offen. Gedämpft sagten die jungen Leute das Erforderliche und gingen dann, durch eine Handbewegung schmerzlich eingeladen, durch das Zimmer zum Bett, – mit ehrerbietig vorwärts wiegenden Schritten gingen sie, ohne Benutzung der Stiefelabsätze, und standen in Betrachtung am Lager des Toten, ein jeder nach seiner Art: Joachim dienstlich geschlossen, in salutierender Halbverbeugung, Hans Castorp gelöst und versunken, die Hände vor sich gekreuzt, den Kopf auf der Schulter, mit einer Miene, ähnlich derjenigen, mit der er Musik zu hören pflegte. Des Herrenreiters Kopf lag hoch gebettet, so daß der Körper, dieser lange Aufbau und vielfache Zeugungskreis des Lebens, mit der Erhöhung der Füße am Ende unter der Decke, desto flacher, fast brettartig flach erschien. Ein Blumengewinde lag in der Gegend der Knie, und der daraus hervorragende Palmzweig berührte die großen, gelben, knöchernen Hände, die auf der eingefallenen Brust gefaltet waren. Gelb und knöchern war auch das Gesicht mit dem kahlen Schädel, der gehöckerten Nase, den scharfen Backenknochen und dem buschigen, rotblonden Schnurrbart, dessen Dicke die grauen, stoppligen Höhlen der Wangen noch stärker vertiefte. Die Augen waren auf eine gewisse unnatürlich feste Weise geschlossen, – zugedrückt, mußte Hans Castorp denken, nicht zugemacht: den letzten Liebesdienst nannte man das, obgleich es im Sinne der Überlebenden mehr, als um des Toten willen geschah. Auch mußte es beizeiten, gleich nach dem Tode geschehen; denn wenn erst die Myosinbildung in den Muskeln vorgeschritten war, so ging es nicht mehr, und er lag und starrte, und um die sinnige Vorstellung des „Schlummers“ war es getan.

Sachkundig und in mehr als einer Beziehung in seinem Elemente stand Hans Castorp am Lager, bewandert, aber fromm. „Er scheint zu schlafen“, sagte er aus Menschlichkeit, obgleich große Unterschiede vorhanden waren. Und dann begann er mit schicklich gedämpfter Stimme ein Gespräch mit der Witwe des Herrenreiters, zog über die Leidensgeschichte ihres Gatten, seine letzten Tage und Augenblicke, den zu bewerkstelligenden Transport des Körpers nach Kärnten Erkundigungen ein, die von einer teils medizinischen, teils geistlich-sittlichen Teilnahme und Eingeweihtheit zeugten. Die Witwe, in ihrer österreichisch schleppenden und näselnden Sprechweise und zuweilen aufschluchzend, fand es bemerkenswert, daß junge Leute zur Beschäftigung mit fremdem Kummer sich so aufgelegt zeigten; worauf Hans Castorp erwiderte, sein Vetter und er, sie seien ja selber krank, überdies habe er, für seine Person, frühe an den Sterbebetten naher Angehöriger gestanden, er sei Doppelwaise, von langer Hand her sei ihm der Tod vertraut, sozusagen. Welchen Beruf er gewählt habe, fragte sie. Er antwortete, er sei Techniker „gewesen“. – Gewesen? – Gewesen insofern, als nun ja die Krankheit und ein noch recht unbestimmt begrenzter Aufenthalt hier oben dazwischengekommen sei, was doch einen bedeutenden Einschnitt und möglicherweise etwas wie einen Lebenswendepunkt darstelle, was könne man wissen. (Joachim sah ihn mit forschendem Schrecken an.) Und sein Herr Vetter? – Der wolle Soldat sein im Tieflande, er sei Offiziersaspirant. – Oh, sagte sie, das Kriegerhandwerk sei freilich auch ein Beruf, der zum Ernst anhalte, ein Soldat müsse damit rechnen, unter Umständen mit dem Tode in nahe Berührung zu kommen und tue wohl gut, sich frühzeitig an seinen Anblick zu gewöhnen. Sie beurlaubte die jungen Leute mit Dank und freundlicher Fassung, die Achtung erwecken mußte in Anbetracht ihrer beklommenen Lage und besonders der hohen Oxygenrechnung, die der Gatte zurückgelassen. Die Vettern kehrten in ihr Stockwerk zurück. Hans Castorp zeigte sich befriedigt von dem Besuch und geistlich angeregt durch die empfangenen Eindrücke.

„Requiescat in pace“, sagte er. „Sit tibi terra levis. Requiem aeternam dona ei, Domine. Siehst du, wenn es sich um den Tod handelt und man zu Toten spricht oder von Toten, so tritt auch wieder das Latein in Kraft, das ist die offizielle Sprache in solchen Fällen, da merkt man, was für eine besondere Sache es mit dem Tode ist. Aber es ist nicht aus humanistischer Courtoisie, daß man Lateinisch redet zu seinen Ehren, die Totensprache ist kein Bildungslatein, verstehst du, sondern von einem ganz anderen Geist, einem ganz entgegengesetzten, kann man wohl sagen. Das ist Sakrallatein, Mönchsdialekt, Mittelalter, so ein dumpfer, eintöniger, unterirdischer Gesang gewissermaßen, – Settembrini fände kein Gefallen daran, es ist nichts für Humanisten und Republikaner und solche Pädagogen, es ist von einer anderen Geistesrichtung, der anderen, die es gibt. Ich finde, man muß sich klar sein über die verschiedenen Geistesrichtungen oder Geistesstimmungen, wie man wohl richtiger sagen sollte, es gibt die fromme und die freie. Sie haben beide ihre Vorzüge, aber was ich gegen die freie, die Settembrinische meine ich, auf dem Herzen habe, ist nur, daß sie die Menschenwürde so ganz in Pacht zu haben glaubt, das ist übertrieben. Die andere enthält auch viel menschliche Würde in ihrer Art und gibt Veranlassung zu einer Menge Wohlanstand und properer Haltung und nobler Förmlichkeit, mehr sogar als die ‚freie‘, obgleich sie die menschliche Schwäche und Hinfälligkeit ja besonders im Auge hat und der Gedanke an Tod und Verwesung eine so wichtige Rolle darin spielt. Hast du mal im Theater den ‚Don Carlos‘ gesehen und wie es zuging am spanischen Hof, wenn König Philipp hereinkommt, ganz in Schwarz, mit dem Hosenbandorden und dem Goldenen Vließ, und langsam den Hut zieht, der beinahe schon aussieht wie unsere Melonen, – so nach oben hin zieht er ihn und sagt: ‚Bedeckt euch, meine Granden‘ oder so ähnlich, – im höchsten Grade gemessen ist das, darf man wohl sagen, von Gehenlassen und schlottrigen Sitten kann da nicht die Rede sein, im Gegenteil, und die Königin sagt denn ja auch: ‚In meinem Frankreich wars doch anders‘, natürlich, der ist es zu akkurat und umständlich, die möchte es fideler haben, menschlicher. Aber was heißt menschlich? Menschlich ist alles. Das spanisch Gottesfürchtige und Demütig-Feierliche und streng Abgezirkelte ist eine sehr würdige Fasson der Menschlichkeit, sollte ich meinen, und andererseits kann man mit dem Worte ‚menschlich‘ jede Schlamperei und Schlappheit zudecken, da wirst du mir recht geben.“

„Da gebe ich dir recht,“ sagte Joachim, „Schlappheit und Gehenlassen kann ich natürlich auch nicht leiden, Disziplin muß sein.“

„Ja, das sagst du als Militär, und ich gebe zu, beim Militär versteht man sich auf diese Dinge. Die Witwe hatte ganz recht, von eurem Handwerk zu sagen, es habe eine ernsthafte Bewandtnis damit, denn immer müßtet ihr mit dem äußersten Ernstfalle rechnen und damit, es mit dem Tod zu tun zu bekommen. Ihr habt die Uniform, die ist knapp und propper und hat einen steifen Kragen, das gibt euch bienséance. Und dann habt ihr die Rangordnung und den Gehorsam und erweist euch umständlich Ehre untereinander, das geschieht in spanischem Geiste, aus Frömmigkeit, ich mag es im Grunde wohl leiden. Bei uns Zivilisten sollte von diesem Geiste auch mehr herrschen, in unseren Sitten und unserm Gehaben, das wäre mir lieber, ich fände es passend. Ich finde, die Welt und das Leben ist danach angetan, daß man sich allgemein schwarz tragen sollte, mit einer gestärkten Halskrause statt eures Kragens, und ernst, gedämpft und förmlich miteinander verkehren im Gedanken an den Tod, – so wär es mir recht, es wäre moralisch. Siehst du, das ist auch so ein Irrtum und Eigendünkel von Settembrini, noch einer, es ist ganz gut, daß ich gesprächsweise mal darauf komme. Nicht bloß die Menschenwürde meint er in Pacht zu haben, sondern auch die Moral, – mit seiner ‚praktischen Lebensarbeit‘ und seinen Fortschritts-Sonntagsfeiern (als ob man nicht gerade Sonntags an was anderes zu denken hätte als an den Fortschritt) und mit seiner systematischen Ausmerzung der Leiden, wovon du übrigens nichts weißt, aber mir hat er zu meiner Belehrung davon erzählt, – systematisch will er sie ausmerzen, vermittelst eines Lexikons. Und wenn mir nun das gerade unmoralisch vorkommt, – was dann? Ihm sage ich es natürlich nicht, er redet mich ja in Grund und Boden mit seiner plastischen Mundart und sagt: ‚Ich warne Sie, Ingenieur!‘ Aber denken dürfen wird man sich ja sein Teil, – Sire, geben Sie Gedankenfreiheit. Ich will dir was sagen“, schloß er. (Sie waren in Joachims Zimmer hinaufgelangt, und Joachim machte sich zum Liegen bereit.) „Ich werde dir sagen, was ich mir vorgenommen habe. Man lebt hier so Tür an Tür mit sterbenden Leuten und mit dem schwersten Kreuz und Jammer, aber nicht allein, daß man so tut, als ob es einen nichts anginge, sondern man wird auch geschont und geschützt, daß man nur ja nicht damit in Berührung kommt und nichts davon sieht, und den Herrenreiter, den werden sie nun auch wieder heimlich auf die Seite bringen, während wir vespern oder frühstücken. Das finde ich unmoralisch. Die Stöhr wurde ja schon wütend, weil ich den Todesfall nur erwähnte, das ist mir zu albern, und wenn sie schon ungebildet ist und glaubt, daß ‚Leise, leise, fromme Weise‘ im ‚Tannhäuser‘ vorkommt, wie es ihr neulich bei Tische passierte, so könnte sie dabei doch etwas moralischer empfinden, und die anderen auch. Ich habe mir nun vorgenommen, mich in Zukunft etwas mehr um die Schweren und Moribunden im Hause zu kümmern, das wird mir wohltun, – schon unser Besuch eben hat mir gewissermaßen gut getan. Der arme Reuter damals, auf Nr. 25, den ich in meinen ersten Tagen durch die Tür einmal sah, ist gewiß schon längst ad penates gegangen und heimlich auf die Seite gebracht worden, – er hatte schon damals so übertrieben große Augen. Aber dafür sind andere da, das Haus ist voll, es fehlt nie an Zuzug, und Schwester Alfreda oder auch die Oberin oder sogar Behrens selbst werden uns gewiß behilflich sein, eine oder die andere Beziehung herzustellen, das wird sich ja unschwer machen lassen. Nimm an, jemand Moribundes hat Geburtstag, und wir erfahren es, – das läßt sich ja in Erfahrung bringen. Gut, wir schicken dem Betreffenden – oder ihr – ihm oder ihr, je nachdem – einen Blumentopf aufs Zimmer, eine Aufmerksamkeit von zwei ungenannten Kollegen, – beste Genesungswünsche, – das Wort Genesung bleibt höflicherweise immer am Platz. Dann werden wir dem Betreffenden natürlich doch genannt, und er oder sie läßt uns in ihrer Schwäche einen freundlichen Gruß durch die Tür sagen, und vielleicht lädt sie uns auf einen Augenblick ins Zimmer ein, und wir wechseln noch ein paar menschliche Worte mit ihm, bevor er sich auflöst. So denke ich es mir. Bist du nicht einverstanden? Für mein Teil hab ichs mir jedenfalls vorgenommen.“

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