ZWEITES BUCH. DER WOBBLY (continued 3)
Reading edition
Wir kamen auf dem Rancho an. Aber niemand kümmerte sich um mich. Mrs. Pratt fuhr das Auto unter ein Strohdach und ließ es dort stehen. Ich hing noch immer in dieser unglücklichen Stellung in der Klappe. Endlich aber wurde mir diese Lage doch zu unbequem. Ich zerrte mich heraus und setzte mich in die Polster.
Als ich erwachte, stand die Sonne tief. Ob sie aufgehend oder untergehend war, wußte ich nicht, weil ich ja hier fremd war und die Himmelsgegenden nicht kannte.
„Hallo, Sie da unten, haben Sie jetzt Ihren Suff ausgeschlafen?“ rief da Mrs. Pratt von der Veranda des Rancho-Hauses herunter. „Sie scheinen mir ja gerade das richtige Hühnchen zu sein, das mein alter Esel da auf der Straße aufgelesen hat. Sie werden wohl mit der Herde am Panama-Kanal landen, Sie Trunkenbold. Dem Himmel sei Dank, daß da der Kanal ist, sonst könnten wir der Herde bis nach Brasilien nachlaufen. Wer weiß, wo Sie mit ihr hingeraten. Kommen Sie rein zum Essen.“
Zum Essen. War das nun Frühstück oder Abendessen? Ich sah nach meiner Uhr. Stehengeblieben. Natürlich. Wenn man so ein verfluchtes Ding mal wirklich braucht, dann steht sie. Am liebsten möchte ich sie gleich gegen die Wand pfeffern. Was tu ich mit einer Uhr, die stehnbleibt, wenn man mal eine Flasche Bier trinkt und lustig ist und singt! Also rauf zum Essen. Nur um die gute Frau nicht noch mehr zu ärgern, aß ich von allem etwas. Mr. Pratt saß gleichfalls am Tisch und piekte in seinen Tellern herum. Er sah nicht auf, und er tat, als ob er mich gar nicht kenne. Wenn ich das Wort an ihn richtete, brummte er nur. Ich kannte den Schwindel schon. Er hatte seiner Frau erzählt, daß ich ihn verführt hätte, und daß er fertig mit mir sei, aber da er doch schon die Kosten der Fahrt für mich bezahlt habe, wolle er mich mit der Herde losschicken und dann nie wiedersehn.
Als Mrs. Pratt einmal aufstand, um zur Küche zu gehen, sagte Mr. Pratt: „Hallo, Boy, machen Sie das Konzert ein wenig mit. Morgen ist es verraucht. Sie ist gar nicht so. Eine prächtige Seele. Nur mit dem Trinken kann sie sich nicht befreunden.“ Nun änderte er den Ton: „Es war unanständig von Ihnen, daß Sie mich immerfort aufforderten, auf die Gesundheit des Präsidenten, auf die Fahne, auf das Vieh zu trinken. Ich hatte Ihnen im voraus gesagt, daß ich trocken bin und nie trinke. Aber wenn Sie mit Gesundheittrinken kommen, das ist ein unfaires Spiel.“
Nanu? Was war denn das mit einem Male? Ach so, Mrs. Pratt war wieder hereingekommen, und er hatte das Konzert zu machen. Er verstand es. Er hatte die letzten Sätze so hinausgedonnert, daß Mrs. Pratt sich ganz aufrecht auf ihren Stuhl setzte, als ob sie damit sagen wollte: Da können Sie sehen, was für einen anständigen Mann ich habe; er tut es nur aus Patriotismus, während Sie es aus Verkommenheit tun.
Nach dem Essen wurden wir in Gnaden entlassen. Mir wurde meine Stube gezeigt, und ich legte mich schlafen.
Am folgenden Morgen, gleich nach dem Frühstück, sattelten wir auf und ritten erst einmal nach der Pferdeprärie hinaus, damit ich mir ein Pferd aussuchen möge. Die Pferde werden draußen auf der Prärie gezeugt und geboren. Sie kommen nie in einen Stall und wachsen völlig wild auf. Ställe gibt es überhaupt nicht. Pferde und Vieh sind Sommer und Winter im Freien. Die Pferde werden durchaus menschenscheu und fliehen, wenn sie nur einen Menschen in der Nähe riechen.
Zweimal oder dreimal im Jahr werden die Pferde, die man nicht gebraucht, eingefangen und in einen Korral, eine kleine Umzäunung in der Nähe des Hauses, gebracht. Hier werden sie gefüttert, damit sie sich des Menschen nicht ganz entwöhnen, werden angebunden, werden geduldig aufgezäumt, aufgesattelt, endlich wird aufgesessen, und dann werden sie wieder entlassen. Hier wird das alles mit großer Geduld getan, um den Charakter des Pferdes nicht zu brechen, seinen Stolz nicht zu verletzen, sein natürliches Feuer nicht auszulöschen.
In Amerika geschieht das Brechen der wild aufgewachsenen Pferde mitleidloser. Sie werden in den Korral gebracht, sehr fest gezäumt, fest gesattelt, und gleich springt ein Mann rauf, den das Pferd nicht mehr abwerfen kann, weil der Mann in dem Stocksattel sehr fest sitzt. Dann wird das Tier gepeitscht, und es rast nun herum, bis es schäumend und in Schweiß gebadet, keuchend und völlig ermattet zusammenbricht. Dann zittert es tagelang nachher noch, wenn es nur den Sattel spürt. Aber es wehrt sich nicht mehr. Es ist zahm. Man kann es nun reiten. Aber es ist nicht mehr „das Pferd“, es ist nur „ein Pferd“. Ein Pferd unter tausend gleichen Pferden.
Ich suchte mir ein Pferd aus, von dem ich glaubte, daß es die anstrengende Reise aushalten könne. Wir umzingelten es, lassoten es ein und brachten es zurück zum Rancho. Ich band es an einen Baum und ließ es ganz in Ruhe. Dann etwas später warf ich ihm Mais vor, den es nicht nahm. Dann Gras, das es auch nicht fraß. Hierauf ließ ich es den Rest des Tages und die Nacht hungern und dursten. Am Morgen gab ich ihm Gras. Es lief fort, soweit die Leine reichte. Dann stellte ich ihm Wasser hin, das es umschüttete, weil es nicht gewöhnt war, aus einem Eimer zu trinken. Es hatte immer nur am Teich getrunken.
Mit der Zeit brachte ich es, oder richtiger: sein eigner Hunger brachte es zum Essen und Trinken. Und da es sein Essen und Trinken nur bekam, wenn ich dabeistand, verband es das Essen mit meiner Gegenwart, und nach zwei Tagen bereits kannte es mich, und ich durfte ihm nahe kommen und es ganz leicht auf den Nacken klopfen. Es zitterte zwar ein wenig, aber bald verschwand auch das Zittern.
Natürlich konnte ich mich nicht die ganze Zeit über mit dem Pferde beschäftigen, sondern eben nur, wenn ich zum Essen zum Rancho kam, weil wir den ganzen Tag mit dem Blockieren zu tun hatten.
Als es sich an mich noch besser gewöhnt hatte, zäumte ich es auf ohne Maulknebel, nur mit Riemenzaum, der außen um das Maul gelegt wird. Man kann die Pferde, wenn sie nicht durch falsche Behandlung verdorben sind, gut ohne eisernen Maulknebel reiten. Sie gehen wundervoll dabei; denn es ist eine irrige Annahme, daß man ein Pferd nur meistern könne, wenn man seine Mundwinkel aufreißt oder wundscheuert. Das ist lediglich die Folge falscher Behandlung. Kühen steckt man ja auch keine Eisenknebel ins Maul.
Dann sattelte ich es, und jedesmal, wenn ich zum Essen hereinkam, zog ich die Gurten fester. Jedesmal drückte ich fest auf den Sattel, als ob ich mich aufschwingen wolle. Dann ließ ich die Steigbügel hängen und ließ sie baumeln, so daß sie gegen die Weichen schlugen. Erst leise, dann immer ein wenig mehr. Beim ersten Male schlug das Pferd aus. Aber auch an dieses Baumeln und Schlagen der Steigbügel gewöhnte es sich nach zwei Tagen völlig. Dann hüpfte ich halb auf den Sattel und ließ mich sofort wieder heruntergleiten.
Während der ganzen Zeit war das Pferd angebunden. Bald sehr lang, bald sehr kurz. Endlich wagte ich das Aufsitzen. Ich verband ihm die Augen und sprang auf. Es stand und zitterte am ganzen Leibe. Sofort war ich wieder herunter. Ich klopfte es auf den Nacken, auf den Rücken und sprach unausgesetzt mit ihm. Wieder sprang ich auf. Es drehte sich und wendete sich, sprang aber nur wenig. Bald ließ es auch das Springen sein, nachdem es sich gegen den Baum gestoßen hatte. Nun blieb ich im Sattel sitzen und schlug mit den Füßen in den Bügeln gegen die Weichen. Nur beim ersten Male wurde es unruhig, dann wußte es, daß es davon nicht stürbe. Endlich band ich das Tuch los. Das Pferd gucke sich um. Ich, oben sitzend, sprach beruhigend auf das Tier ein, klopfte es, und wieder fühlte es, daß ihm nichts Böses geschehe. Dann kam der Prüfungstag, ob es überhaupt zum Reiten zu gebrauchen sei. Ich hatte schon immer mit der Gerte hinten ein wenig aufgeklopft, damit es sich auch an dieses Signal gewöhne. Nun saß ich wieder auf und ließ losbinden. Es stand ganz ruhig, denn es wußte ja nicht, was es tun solle. Ich gab ihm einen Klaps mit der Gerte, aber es reagierte nicht. Nun bekam es einen unerwarteten tüchtigen Hieb, und da setzte es los. Ich hatte es gut in der Hand, und es war Platz genug zum Auslaufen. Ich ließ es nun erst einmal rennen, hielt aber mehr und mehr zurück, bis es das Gefühl bekam, daß dies ein Signal sei zum Halten oder zum Fallen in eine andre Gangart. Es wurde ein gutes Pferd, sein kühner Stolz wurde nicht gebrochen. Ich nannte es Gitano.
Zuerst blockierten wir die Stiere aus, weil ich mir einen Leitstier suchen mußte. Wir kreisten die ein, die wir haben wollten, und trieben sie in einen Korral. Dort ließ ich die, die ich für die geeignetsten hielt, hungern. Nebenher wurden unausgesetzt die zwei- und dreijährigen Kühe ausblockiert, die Ochsen und die übrigen Stiere. Ich sah mir jedes einzelne der Tiere an, ob es gesund sei, dann kamen alle in eine große umzäunte Weide, damit die, die den Transport mitzumachen hatten, wußten, daß sie zusammengehörten. Als wir etwa dreihundert blockiert hatten und sie in der Sperrweide waren, hielt ich die Stiere für reif.
Ich jagte sie in die Sperrweide, und hier ging der Entscheidungskampf, wer der Leitstier sein würde, los. Die keinen Wert darauf legten, Herrscher zu sein, drückten sich so weit wie möglich. Fünf kämpften sich aus. Der Sieger raste, noch schwer blutend, gleich auf eine der schönsten Kühe, die sich schon erwartungsvoll herangedrängt hatten. Die übrigen Stiere mußten wir sofort doktern. Als der Sieger ausgetobt hatte und wieder Vernunft annahm, bekam er auch seine Medizin. Denn wenn man die Wunden nicht gleich behandelt, sind in ein paar Tagen dicke Würmer drin, und die wieder herauszukriegen, dauert lange. Inzwischen kann das Tier draufgehen.
Fängt es an zu magern, setzt eine andre Gefahr ein. Dann wird es von den Zecken bei lebendigem Leibe aufgefressen. Die Zecken gehen hauptsächlich an magerndes Vieh, an gesundes gehen sie nur in kleiner Anzahl, die sich leicht bekämpfen läßt.
18
Als wir die tausend Köpfe ausblockiert hatten, gab mir Mr. Pratt fünf drauf als Krankgut, weil zwischen tausend Stück Vieh immer einiges sein mochte, das krank war, ohne daß man es gleich sah, und das den Transport nicht aushielt.

Dann bekam ich hundert Pesos Wegegeld und einige Schecks, die ich unterwegs einlösen durfte, wenn mir Geld fehlte. Ferner erhielt ich den Lieferschein und endlich eine Karte, eine Land- und Wegkarte.
Von dieser Karte, obgleich sie eine amtliche Karte war, will ich besser nicht sprechen; denn auf eine Karte aus Papier kann man alles mögliche zeichnen: Wege, Flußläufe, Dörfer, Städte, Grasflächen, Teiche, Gebirgspässe und was sonst nicht noch alles. Das Papier weigert sich nicht, das alles aufzunehmen.
Aber was darauf gezeichnet ist, braucht noch lange nicht in Wirklichkeit auch da zu sein. Ich habe auf Reisen Karten gehabt, amtliche Karten, die als die besten galten. Da war eine Stadt mit Namen drauf gezeichnet. Als ich zu der Stelle kam, war noch nicht einmal eine Indianerhütte zu finden. Die Stadt war vor zwanzig Jahren geplant worden und wurde seitdem in jeder Karte geführt, obgleich nie jemand daran ging, sich dort niederzulassen. Das wäre auch nicht gut gegangen, weil da meilenweite Sümpfe und Moraste waren.
Böser ist es schon mit solchen Sachen, die nicht auf die Karte gemalt sind, die aber in Wirklichkeit vorhanden sind, und, was das Allerschlimmste ist, ganz unerwartet vorhanden sind.
Es ist unangenehm, wenn man denkt, man kommt in ein sandiges Gelände und verschwindet mit seiner ganzen Herde in einem Sumpf. Und es ist ebenso peinlich, wenn auf der Karte eine schön grün gemalte Prärie eingezeichnet ist, und in Wahrheit ist es eine weite Sandwüste oder ein unwegsames Felsengebirge, das man zu kreuzen hat. Reist man allein, so ist das schon widerwärtig genug. Reist man aber in Begleitung einer Rinderherde, für deren Wohl man verantwortlich ist, so fängt es an, tragisch zu werden. Die Herde will essen und trinken, sie soll kein Gewicht verlieren, sondern zunehmen. Und am zweiten Tage fängt das arme Vieh in seinen Durstqualen an zu brüllen, daß man nur gleich so mitbrüllen möchte aus Mitleid.
Wären die Karten aber wieder gut, so gut wie sie in den alten dichtbesiedelten Ländern sind, dann könnte man solche großen Herden nicht züchten und nicht transportieren. Mr. Pratt hatte zwölftausend Stück Rindvieh, und er war nur ein kleiner Züchter. Denn wie sollen gute Karten gemacht werden, wenn weder das Geld dafür vorhanden ist noch die Bevölkerung, die ein Bedürfnis für solche Karten hat? Die großen Minen- und Ölkompanien machen sich ihre Karten selbst, aber nur gerade die Distrikte, wo sie interessiert sind, und in diese Karten zeichnen sie nur eben das ein, was für die Kompanie speziellen Wert hat. Im Verhältnis zur Größe des Landes sind diese Distrikte nur Pünktchen auf der Karte.
Ein Kompaß war für meine Zwecke ohne Nutzen, weil er nicht das sagt, was man wissen will, und das ist: Wo sind die Weiden? Wo ist Wasser für tausend Köpfe Vieh? Wo sind die Pässe über die Gebirge? Wo sind die Furten durch die Ströme?
Drei Packmulas nahm ich mir mit und Medizin, um krank werdendes Vieh zu doktern, Kreolin, Alkohol, Salbe und eine Eisensäge, falls Hörner gekappt werden müssen. Denn die Hörner des Viehes unterliegen hier denselben Krankheiten wie die Zähne der zivilisierten Menschen. Die Fäule frißt im Innern des Hornes, und das Tier magert ab, weil es vor Zahnschmerzen – richtiger Hornschmerzen – nicht mehr frißt.
Mit Mrs. Pratt war ich in den Tagen, die wir für das Ausblockieren und Vorbereiten des Transportes brauchten, sehr gut Freund geworden. Sie war keineswegs ein solcher Hausdrachen, wie sie am ersten Tage erschienen war. Ganz im Gegenteil, sie war ein lustiger Bursche, immer vergnügt und guter Dinge. Sie hätte die Banditen bekämpft wie ein alter Rancher. Jetzt in den letzten drei Jahren kam es nur ganz selten vor, daß sich Banditen auf dem Rancho sehen ließen, aber vordem war beinahe jede Woche was los, und das Ranchohaus zeigte Dutzende von Kugellöchern.
Fluchen konnte Mrs. Pratt, daß es eine wahre Freude war, ihr zuzuhören. Das ging bei jedem zweiten Wort „Son of a bitch“, „Bastard“, „F-ing Injun“, „F-yeself“ und was der schönen Dinge mehr sind. Auf einem solchen Rancho ist es ja nun verflucht einsam, und die Nächte sind lang. Selbst im Hochsommer ist es um sieben Uhr stockfinster, weil es Dämmerungen nicht gibt. Und man konnte es Mrs. Pratt nicht verdenken, daß sie das Leben so intensiv lebte, wie es das Dasein auf einem Viehrancho nur zuläßt. Wie soll so eine arme Frau die überschüssigen Kräfte, die ihr verbleiben, weil sie nicht im Dorfe oder in der Stadt den ganzen Tag mit den Nachbarn herumschwätzen und klatschen kann, verwenden? Sie flucht wie ein alter Steuermann eines Klippers. Und alles ist „Hurensohn“, ihr Mann, ich, die Indianer, die Fliege, die in die Kaffeetasse fällt, das Indianermädchen in der Küche, der Finger, in den sie sich geschnitten hat, die Henne, die auf den Tisch flattert und die Suppenschüssel umwirft, ihr Pferd, das zu langsam läuft, na, kurz: jedes lebende und leblose Ding zwischen Himmel und Erdmittelpunkt ist ein Hurensohn.
Sie hatten ein Grammophon, und wir tanzten beinahe jeden Abend. Ich tanzte zwar lieber mit dem indianischen Küchenmädchen aus mancherlei Gründen, aber Mrs. Pratt tanzte bei weitem besser. Wir kamen zu so guten Verhältnissen miteinander, daß sie mir eines Abends in Gegenwart ihres Mannes ganz offen sagte, daß sie mich zu heiraten wünsche, falls ihr Mann stürbe oder sich scheiden ließe. Sie erklärte mir gleichfalls in Gegenwart ihres Mannes, daß sie mich recht gern habe, und daß mein einziger Fehler das Saufen sei. Aber das sei kein unausrottbarer Fehler, und sie würde mir diesen Fehler schon bald austreiben und mir den Tequila so lange mit Petroleum mischen, bis ich mich davor ekle. So habe sie ihrem Manne das Saufen auch abgewöhnt, dem Hurensohn.
Mir war nicht bange davor. Das Resultat, das sie bei Mr. Pratt erzielt hatte, gab mir die Sicherheit, daß wenn ich Mrs. Pratt als nachgelassene Witwe eines Tages heiraten sollte, ich keine Sorge zu haben brauche, daß ich den Tequila oder sonst etwas abschwören müßte. Wenn Mr. Pratt die Wege fand und er den Petroleum nicht herausschmeckte, was bei dem Tequila überhaupt schwer ist, weil er an und für sich nach Petroleum schmeckt, so würde ich wohl auch zu der einem Manne zukommenden Ration gelangen. Schließlich mußte man ja auch Vieh verkaufen in der Stadt, und da konnte sie einem ja nicht immer nachlaufen, auch wenn sie mitreisen sollte. „Nur nicht von Weibern sich unterkriegen lassen, wenn man etwas für notwendig und vernünftig hält. Es führt zu nichts Gutem, und man gewöhnt sich nur Laster an, die man nicht wieder los wird. Entweder man säuft, oder man läuft mit andern Weibsbildern herum“, sagte mir Mr. Pratt. „Eine Erholung von der Ehe muß der Mensch doch haben, wenn er das Leben ertragen will.“
Er hatte ganz recht. Am besten, man stellt der Frau vorher die Frage:
„Soll ich zum Tequila halten oder lieber Mäuschen jagen?“ Jedenfalls, wenn es dazu kommen sollte, daß es mit Mrs. Pratt und mir ernst wird, werde ich ihr diese Frage stellen. Dann habe ich von vornherein die Offensive ergriffen, und sie kann sich entscheiden. Ich glaube dann nicht, daß sie mir den Tequila mit Petroleum mischen wird, sondern sie wird eine gute Sorte im Hause halten. Wenigstens für die Nachtkappe. Sie ist eine feine Frau, Mrs. Pratt. Ich lasse nichts auf sie kommen. Eine Frau, die mit dem wildesten Pferd fertig wird, die fluchen kann, daß sich ein Wachtmeister vor Scham in eine Erdhöhle verkriechen muß, die ihrem Manne alle Wünsche und jede Laune erfüllt – wie er mir einmal vertraulich erzählte, ohne dabei seine Frau zu beleidigen –, vor der die indianischen Cowboys zittern und die Banditen nicht wagen, die Veranda zu betreten, eine Frau, die mir in Gegenwart ihres Mannes, den sie liebt, ganz sachlich erklärt, daß sie mich zu heiraten wünscht, wenn er stirbt, oder wenn er ihr fortläuft – verflucht noch mal, eine solche Frau kann einen wohl bis in den tiefsten Busch und in die fernsten Gedanken verfolgen, auch wenn man sich sonst nicht gerade viel aus dem kreuzgottverfluchten Weibsvolk macht.
„He, cantinero, una botella de tequila, eine ganze Flasche. Auf dein Wohl, Ethel Pratt. Ich besaufe mich jetzt auf deine Gesundheit. Der Petroleumgeschmack soll mich erinnern an – na – na ja, an dich, ganz wie du bist, an alles, was du hast. Salud, Ethel!“
Sie stand auf der Veranda und winkte mit der Hand: „Viel Glück, Boy. Sind immer willkommen auf dem Rancho. Hey, Suarez, du Himmelhund, du verdreckter Sohn einer alten gottverfluchten alten Hure, siehst du denn nicht, daß der schwarze Jungstier ausbricht, er bockt, der Hurensohn von einem Stier. Wo hast du denn deine stinkenden verfi– Augen? Well boy, good-bye!“
Ich schwenkte den Hut, und Gitano fegte ab mit mir.
19
Es ging los, das Geschrei und das Gejohle, das Zurufen, das Heulen und Schrillen der Indianer, das Pfeifen der kurzstieligen Peitschen, das Trampeln der Hufe, das Toben einer scheu werdenden Kolonne, die plötzlich losraste und einblockiert werden mußte, damit sie den Anschluß an den Haupttrupp nicht verliere. Den ersten Tag begleitet uns Mr. Pratt. Der erste Tag gehört mit zu den härtesten. Die Herde ist noch zu lose. Das Zusammengehörigkeitsgefühl stellt sich erst nach einigen Tagen des Transportes ein. Dann kennt die Herde die Leitstiere und bekommt den Geruch der Verwandtschaft zueinander. Dann bildet sich die Familie oder, eigentlich besser, das Volk. Nach einigen Tagen weiß jedes Tier, daß es hier zu diesem Trupp gehört, und sie bleiben zusammen.

Freilich darf man nicht glauben, daß sie so schön zusammenbleiben wie eine Schafherde in Europa, die von einem Hirten und einem Hunde zusammengehalten wird. Solche Rinder, die ihr bisheriges Leben auf einer unermeßlichen Prärie verbracht haben, sind an Räumlichkeiten gewöhnt. Sie drängen nicht aufeinander, sie streuen fortgesetzt. Die paar Hunde, die wir mit hatten, konnten nicht viel schaffen. Sie ermüdeten und waren nur für Kleinarbeit zu gebrauchen. Immerfort mußte blockiert und eingekreist werden. Ein unausgesetztes Galoppieren und Schreien und Schrillen.
Ich hatte eine Trillerpfeife als Signalpfeife für die Boys, und der Vormann hatte eine einfache Pfeife, damit man beide Signale unterscheiden konnte. Dem Vormann gab ich die Spitze, und ich nahm den Schwanz. In der Rückgarde übersieht man besser das ganze Feld des Transports. Es läßt sich besser dirigieren, während die Front natürlich auch wieder ihre besonderen Kniffe verlangt.
Oh, was für einen schöneren Anblick gibt es, als so eine Riesenherde gesunder halbwilder Rinder! Dort vor einem trampt und stampft sie, die breiten Nacken, die runden Leiber, die mächtigen stolzen Hörner. Das ist ein wogendes Meer voll unsagbarer Schönheit. Gigantische Stärke lebendiger Natur gebändigt unter einem Willen. Und jedes Hörnerpaar ist ein Leben für sich, ein Leben mit eignem Willen, eignen Wünschen, eignen Gedanken, eignen Gefühlen.
Von der Höhe seines Pferdes aus überblickt man das Gewoge der Hörner und Nacken. Man könnte so von einem Rücken zum andern Rücken über die ganze Herde wandern bis zu den läutenden Stieren an der Front.
Die Tiere brüllten ab und zu, oder zankten sich und stießen sich. Es wurde geschrien und gerufen. Die Glocken läuteten. Die Sonne lachte und glühte. Alles war grün. Das Land des ewigen Sommers. O du schönes, o du wunderschönes, uraltes, sagen- und liederreiches Land Mexiko! Deinesgleichen gibt es nicht wieder auf dieser Erde.
Ich mußte singen. Und ich sang, was immer mir einfiel, Choräle und süße Volkslieder, Liebeslieder und Gassenhauer, Opernarien, Sauflieder und Dirnenlieder. Was kümmerte mich der Inhalt der Lieder? Was ging mich die Melodie der Lieder an? Ich sang aus froher freier Herzensfreude.
Und welch eine Zauberluft! Der heiße Odem des tropischen Busches, die warme, schwüle Ausdünstung dieser Masse von wandernden Rindern, die schweren Wellen eines fernen Sumpfes, die vom Winde getragen herüberwogten.
Dicke Schwärme summender Beißfliegen und andrer Insekten kreisten über der trottenden Herde, und dicke Schwaden schillernder grüner Fliegen folgten uns nach, um sofort über den Dünger herzufallen. In ganzen Völkern begleiteten uns Schwarzvögel, die sich auf die Rücken der Tiere niedersetzten, um die Zecken aus der Haut zu picken. Millionen von Lebewesen fanden ihre Nahrung durch diese gewaltige Herde. Leben und Leben, und überall nichts als Leben.
Unser Marsch führte nun einige Tage über Landwege. Zu beiden Seiten waren die Felder und Weiden eingezäunt mit Stacheldraht.
Umzäunte Weiden dürfen ohne ausdrückliche Genehmigung des Besitzers nicht eingebrochen werden. Unsre Herde mußte auf den Wegen weiden. Sie hatte reichlich zu fressen, und wir trafen auch genügend Pfuhle an, die noch von der Regenzeit her mit Wasser gefüllt waren.
Aber wenn Autos oder Fuhrwerke oder Karawanen die Wege passierten, gab es Arbeit. Wir mußten die Tiere zur Seite drängen. Dabei scheuten sie, brachen aus oder kehrten um und rasten einzeln oder in Trupps kilometerweit zurück, und wir hatten hinterherzujagen und sie wieder zum Anschluß zu bringen.
Viel schwerer war die Arbeit, wenn wir auf offne Weiden kamen, wo andres Vieh in großen Herden bereits weidete, oft ohne Aufsicht. Nicht immer, aber doch zuweilen mischen sich die Herden, und man muß sie lösen. Wir hatten einmal dreiviertel Tag zu arbeiten, um die Mischung zu lösen. Denn von dem fremden Vieh darf man nicht ein einziges Stück aus Versehen mitführen. Das gibt heillosen Spektakel. Ich und an letzter Stelle Mr. Pratt waren verantwortlich für Vieh, das durch unsern Transport einer andern Herde verlorenging.
Zuweilen wird man die fremden Tiere nicht los. Sie wollen durchaus folgen. Vielleicht, daß sie den Stier mögen, oder daß sie den Geruch unsrer Herde lieben. Ebenso kommt es vor, daß sich ein Stück unsrer Herde mit einer weidenden Herde mischt und dort nicht mehr heraus will, sondern bei jener fremden Herde bleiben möchte. Das soll man auch immer gleich wissen, daß man ein fremdes Stück in der eignen Herde transportiert, oder daß ein eignes Stück dort zurückgeblieben ist. Die Brandzeichen sind oft sehr ähnlich, oft sehr verwischt und unleserlich.
Es ist dann gut, wenn man die eigne Herde gut erzogen hat, so daß sie sich nicht mit den andern mischt und die fremden Tiere ganz von selbst ausscheidet.
Jagt man die fremde Herde beiseite, was der Vormann zu tun hatte mit Hilfe eines der Treiber, ehe unsre Herde nahe kam, so konnte es doch auch oft geschehen, daß einige Dutzend Köpfe der eignen Herde glaubten, sie seien gemeint, und mit der fremden Herde davonjagten. Dann wurde das Durcheinander beinahe unentwirrbar, und es kostete Schweiß und Kehlen, die von dem vielen Schreien rauh waren wie Sandpapier.
Ein General braucht sich gar nichts auf seine Kunst einzubilden. Ein Armeekorps Soldaten über Land zu bringen, ist die reine Spielerei gegenüber der Arbeit, tausend Köpfe wild aufgewachsener Rinder durch unwegsames und halbzivilisiertes Land zu transportieren. Den Soldaten kann man sagen, was man von ihnen will. Rinderherden kann man nichts sagen, da hat man alles selbst zu tun. Man ist Kommandant und Kommandierter in derselben Person.
Gegen fünf Uhr des Nachmittags machten wir in der Regel halt. Manchmal früher, manchmal später. Das hing davon ab, ob wir Weide hatten und Wasser. Einen Tag können es die Tiere ohne Wasser aushalten, wenn sie frisches Gras haben, im Notfalle auch zwei Tage. Aber am dritten Tage wird die Sache bedenklich. Hatte ich keinen Führer bekommen können, oder war kein Wasser zu sehen, dann ließ ich die Tiere laufen. In den meisten Fällen fanden sie selbst Wasser. Aber das Wasser lag dann oft so, daß wir einen, zwei oder gar drei Tage, wenn nicht mehr, in unsrer Weglinie verloren, weil wir ganz quer abwandern mußten.
Wir bildeten zwei Lager des Nachts. Eines in Front, eines im Schwanz. Es wurde Feuer gemacht, Kaffee gekocht, Bohnen oder Reis gekocht, Brot gebacken und getrocknetes Fleisch dazu gegessen. Dann wickelten wir uns in unsre Decken und schliefen auf der glatten Erde, mit dem Kopf auf dem Sattel.
Zwei Wachen mit Ablösung stellte ich aus, um Tiger zu verscheuchen, und um zu verhindern, daß einzelne Tiere abstreuen. Unter dem Vieh gibt es ebensogut Nachtbummler wie unter den Menschen.
Die Tiere sind lange vor Sonnenaufgang auf und beginnen zu weiden. Wir ließen ihnen Zeit, und dann ging es weiter. Mittag rasteten wir abermals, damit die Tiere sich etwas suchen konnten, und damit sie verdauen und käuen können.
Bis jetzt hatte ich nur einen Stier verloren. Er hatte gekämpft und war so schwer gespießt worden, daß wir ihn abstechen mußten. Wir schnitten das beste Fleisch aus, schnitten es in schmale Streifen und trockneten es. Für den Verlust aber hatte eine Kuh ein Kalb geworfen, eine Nacht vorher. Das gibt eine neue Schwierigkeit. Das kleine Kälbchen kann den Marsch nicht mitmachen. Aber töten möchte man es auch nicht. Man möchte ihm gern sein junges freudiges Leben lassen, und man fühlt auch mit der Mutter, die es so liebevoll beleckt und abschleckt. Was blieb übrig? Ich nahm das Kälbchen zu mir aufs Pferd, und wir wechselten ab: alle halbe Stunde nahm es ein andrer aufs Pferd.
Das Kälbchen war unser Liebling. Es war eine Freude, rührend mitanzusehen, wenn wir haltmachten und die Mutter herbeikam, um ihr Kindchen in Empfang zu nehmen. Sobald wir es vom Pferde ließen, war die Mutter da. Sie wußte, daß das Kälbchen im Transport ist, und sie hielt sich immer in der Nähe des Reiters, der es vor sich im Sattel hatte. Das war eine Schleckerei und Leckerei, eine Blökerei und eine Brummerei, wenn wir das Kälbchen der Alten an den Euter setzten. Die Alte brachte sich bald um vor Freude.
Als das Kleine schwerer wurde, mußten wir es auf eines der Packmulas verladen. Es dauert lange, ehe so ein Jungtier marschieren kann. Hätten zu viele Kühe geworfen, dann wäre es uns nicht möglich gewesen, den Müttern diesen kleinen Liebesdienst zu erweisen. Aber es kam doch noch dreimal vor, und ich brachte es nicht fertig, die Kleinen zu töten.
20
Undankbar zu sein, ist eine Charaktereigenschaft der Menschen, die den Menschen so sehr Natur ist, daß man es am besten dabei bewenden läßt und sich deswegen nicht kränkt. Die Natur aber ist dankbar für jede Kleinigkeit, die man ihr erweist. Kein Tier und keine Pflanze vergißt den Trunk Wasser, den man ihnen spendet, oder die Handvoll Futter oder die Mütze voll Dünger, die man ihnen gab. So dankbar zeigten sich auch die Kälbchen und die Mütter der Kälbchen für den Liebesdienst, den wir ihnen erwiesen hatten.

Wir kamen an einen Fluß, und weder wir noch der Führer konnten eine Furt ausmachen. Weiter stromabwärts fanden wir eine Fähre. Aber der Fährmann forderte für jeden Kopf so viel, daß das Übersetzen eine beträchtliche Summe ausgemacht haben würde. Solange man die hohen Fähr- und Brückengelder sparen kann, tut man es; weil noch genügend Brücken und Fähren kommen können, die man unbedingt gebrauchen muß, wenn der Strom zu breit oder zu reißend ist, oder wenn man an den Fluß nicht heran kann.
Während ich mit dem Fährmann verhandelte, rastete die Herde etwa sechs Kilometer stromauf. Wir hielten hier für zwei Tage, weil vortreffliche Weide war und wir die Tiere einmal gründlich vollsaufen und gründlich baden lassen wollten. Sie müssen zuweilen baden, des Ungeziefers wegen, das beim Baden abstirbt. Die Tiere bleiben zu diesem Zweck stundenlang im Flusse stehen, an Stellen, wo ihnen das Wasser bis zur Hälfte des Bauches reicht.
Nun aber, nachdem die beiden Erholungstage vorüber waren, mußten wir den Fluß kreuzen. Die Herde mußte durch. Wir begannen zu treiben, aber sobald die Tiere den Boden verloren, kehrten sie zum Ufer zurück. Der Fluß war nicht sehr breit, hatte aber in der Mitte tiefe Rinnen.
Endlich kam ich auf einen Gedanken. Wir hackten mit den Machetes Stämme ab, schälten Bast und bauten ein kleines leichtes Floß. Dann knüpften wir die Lassos zu einer langen Leine zusammen, und ein Indianer schwamm hinüber zum andern Ufer mit dem Ende der Leine. Wir knüpften die Leine am Floß fest und machten eine zweite Leine an. Dann packte ich eins der Kälbchen rauf, und drüben der Mann zog das Floß rüber und landete das Tierchen. Wir zogen mit unsrer Leine das Floß zurück und das zweite Kälbchen wanderte rüber. Nach wenigen Minuten hatten wir alle vier Kälber auf der andern Seite. Und als sie dort so ärmlich und wackelnd auf ihren mageren stöckigen hohen Beinen allein standen, fingen sie erbärmlich an zu blöken. Es hörte sich kläglich an. Und wenn uns schon das traurige Blöken dieser kleinen hilflosen Geschöpfe zu Herzen ging, um wieviel mehr den Müttern. Kaum hatten die Kleinen ein paarmal geblökt, da setzte eine der Mütter ins Wasser und schwamm rüber. Gleich darauf folgten die andern drei Mütter. Das Wiedersehen war herzlich. Aber wir hatten keine Zeit, uns lange darum zu bekümmern; denn hier kriegten wir jetzt tüchtig Arbeit. Die Kühe drüben blökten nun auch, weil sie von der Herde getrennt waren. Sie fürchteten sich allein, und sie sehnten sich zurück nach ihrem Volke. Die Stiere hörten das Blöken eine Weile, und dann machten sie den Übergang. Der Leitstier war nicht dabei. Es waren jüngere Stiere, die offenbar glaubten, sie könnten dort drüben auf diese Weise ein eignes neues Reich gründen, wo sie von den stärkeren Stieren nicht gestört würden. Nun aber erwachte hier die Eifersucht der größeren Stiere und auch des Leitstieres. Sie schnaubten und dann sausten sie los, um den naseweisen Grünlingen da drüben die Flötentöne beizubringen.
Auf der Wasserfahrt aber kühlten sie ab, und als sie drüben waren, hatten sie die Lust zum Kämpfen verloren, trotzdem sie hier so wütend geschnauft hatten. Aber die Stiere waren drüben und brüllten, und die Kühe hier auf dieser Seite hatten keine Lust, ihr ferneres Leben ohne Stiere zu verbringen. Und da sie gewöhnt waren, den Stieren immer und überall zu folgen, so folgten sie auch jetzt, und bald war das Wasser angefüllt mit schnaubenden, plantschenden, prustenden Rindern, die sich bemühten, hinüberzukommen. Es war ein wildes Durcheinander von gehörnten Köpfen und schlagenden und peitschenden Ungetümen. Manche kehrten wieder um, wenn es ihnen zu gefährlich schien.
Und das war der Augenblick, wo wir eingreifen mußten. Es durfte nicht zur Manie werden, dieses Umkehren, sonst konnte die halbe Herde umkehren, weil sie ja keine Richtung im Wasser halten können, sondern nur drauflos platschen und auf ein Ufer losgehen.
Wir schrien und peitschten und setzten mit den Pferden rein und jagten die Tiere zusammen und immer rüber und rüber zur andern Seite.
Einzelne kamen ins Schwimmen und ins Treiben. Die hatten wir abzufangen und sie zum Ufer zu dirigieren. Drei gingen mir verloren, die abtrieben und die wir nicht holen konnten. Das war der ganze Verlust, den ich bei diesem Übersetzen hatte. Er war billig. Oft wird es teurer. Die Verlorenen waren an sich nicht viel wert. Sie hatten uns schon auf dem Transport Schwierigkeiten gemacht. Sie gehörten zu den Schlappen. Und je kleiner man den Trupp der Marschhinker halten kann, um so besser. Wir ließen die Tiere drüben wieder rasten und machten gleich Lager für die Nacht. In derselben Nacht wurde mir eine schöne Zweijährige von einem Jaguar zerrissen. Es war so rasch und so lautlos zugegangen, daß niemand etwas gehört hatte. Wir sahen es am nächsten Morgen nur an dem Kadaver und an den Fährten, was sich in der Nacht abgespielt hatte.
In jeder Hinsicht war ich billig davongekommen. Das Übersetzen mit der kleinen Fähre würde nach meiner Schätzung eine volle Woche gedauert haben. Auch dabei konnten Tiere verlorengehen, die abspringen, oder die man bei einem so langen Aufenthalt an einem Fluß durch Tiger und Alligatoren einbüßt. Man hat an tausend verschiedene Kleinigkeiten und Nebenumstände zu denken. Dazu kam noch das Fährgeld. Und was ich an Fährgeldern, Brückengeldern, Wegegeldern, Weide- und Wassergebühren sparte, ging in meine Tasche und gehörte mit zu meinem Verdienst.
Was ich hier bei diesem Übergang über den Fluß gespart hatte, verdankte ich niemand sonst als meinen lieben kleinen Kälbern. Sie hatten die Liebe, die wir ihnen und ihren Müttern entgegengebracht hatten, reichlich vergolten.
21
Es wäre ja kein echter Transport gewesen, wenn er ohne die Mithilfe von Banditen zu Ende gegangen wäre. Man erwartet sie eigentlich immer, und man wundert sich nur dann, wenn wieder einmal ein Tag vorüber ist, ohne daß sich der eine oder der andre Trupp hat sehen lassen. Ein solcher großer Viehtransport geht ja nicht schweigend vor sich. Dutzende von Indianern sehen ihn, und es spricht sich herum. Und man weiß nie, wer den Kundschafter macht für eine Horde. Die Mehrzahl der Banditenhorden sind die Überbleibsel der Revolutionsarmeen, die gegen die Arbeiterarmeen kämpften. Es sind die Reste jener Truppen, die von den Diktaturanhängern, von den großen Landeigentümern, von einer Clique amerikanischer Kapitalisten geworben wurden, und die bei Beendigung der Revolution übrigblieben, weil sie das Freischärlertum vorzogen.

Eines Morgens kamen sie. Genauer gesagt, eines Morgens trafen wir sie. Sie kamen ganz unschuldig angeritten. Sie konnten Peons sein, die irgendwohin zum Markte ritten oder auf der Arbeitsuche waren. Sie kamen aus der Flanke. Wir zogen auf einem breiten Buschwege, und plötzlich standen sie an der Seite des Weges, am Ausgange eines schmalen Buschpfades.
„Hallo!“ rief der Führer. „Keinen Tequila?“
„Nein“, sagte ich. „Haben keinen. Aber wir haben Tabak mit. Könnt hundert Gramm abbekommen.“
„Gut. Nehmen wir. Habt Ihr Maisblätter?“
„Zwei Dutzend können wir wohl abgeben.“
„Nehmen wir auch.“
„He, wie ist es denn mit Geld? Der Transport hat doch Geld für die Fähren und Brücken und so.“ Jetzt wurde es heiß. Das Geld.
„Wir haben kein Geld mit“, sagte ich. „Wir haben nur Schecks.“
„Schecks ist Dreck. Kann ich nicht lesen.“
Die Leute sprachen etwas zueinander, und dann kam der Sprecher herangeritten und sagte: „Wegen des Geldes wollen wir doch einmal nachsehen.“
Er durchsuchte meine Taschen und das Sattelzeug, aber ich hatte kein Geld. Er fand nur die Schecks, und er sah ein, daß ich recht hatte.
„Kühe können wir auch gebrauchen“, rief er nun.
„Die brauche ich selbst“, sagte ich. „Ich bin nicht der Besitzer, ich habe nur den Transport.“
„Dann tut es Ihnen ja nicht weh, wenn ich mir ein paar aussuche.“
„Bitte,“ sagte ich, „helfen Sie sich nur. Ich habe eine hufkranke Kuh. Die Kuh ist gut, sie milcht in drei Monaten. Den Huf können Sie kurieren. Ist frisch.“
„Wo ist sie denn?“
Ich ließ sie heraustreiben, und sie gefiel ihm. Während der ganzen Zeit wanderte der Transport natürlich weiter. Der läßt sich ja nicht so auf Kommando halten, besonders wenn keine Weide da ist, sondern nur so dünnes mageres Gras am Wege entlang steht. Die guten Leute ritten neben mir her.
Der Führer sagte: „Schön, eine haben Sie mir gegeben, jetzt bin ich an der Reihe und darf mir eine aussuchen.“
Er suchte sich eine aus, aber er verstand nichts von Vieh. Sie war nicht viel wert. Ich verschmerzte sie leicht.
„Nun dürfen Sie mir wieder eine aussuchen.“
Er bekam sie. Dann suchte er wieder eine aus. Diesmal nahm er eine der milchenden.
„Jetzt sind Sie wieder an der Reihe, Senjor“, sagte er.
Ich versuchte es mit einem Scherz. Ich rief einen meiner Leute heran, der das Kalb jener Kuh trug, die sich der Wegelagerer ausgesucht hatte. „Hier haben Sie das Jungtier dazu“, sagte ich und händigte ihm das Kälbchen ein. Mit dem Angebot war er sehr zufrieden, und er ließ das Kalb für ein Volltier gelten. Das tat er nicht aus Generosität. Nein, viele der Indianer können die Kühe nicht melken. Sie können nur melken, wenn das Kalb gleichzeitig saugt, sonst kriegen sie keinen Tropfen aus den Zitzen. Die Milch muß so halb von allein fließen, die Kuh muß glauben, daß sie die Milch dem Kalb gibt. Darum war ihm das zugehörige Kalb so willkommen, denn nun konnte er die Kuh melken, und sie hatten Milch daheim.
Dann war er wieder an der Reihe. Als sie fortritten, zogen sie mit sieben Kühen und einem Kalb von dannen. Kostete mich, wenn ich das Kalb nicht rechnete, hundertfünfundziebzig Pesos. Denn auf welche Weise ich die Tiere verlor, das war gleichgültig. Was mir fehlte, wurde mir abgezogen. Mit den Banditen wurde gerechnet und mit den Zöllen, die man ihnen zu zahlen hatte. Es kam eben darauf an, wie man mit ihnen handelseinig wurde. Man mußte handeln mit ihnen wie mit Geschäftsleuten. Diplomatie spielte eine Rolle. Sie hätten ja auch mit fünfzehn abziehen können oder mit vierzig.
Das alles sind Transportunkosten. Gehört zur Fracht. Kann überall geschehen. Woanders entgleist ein Zug, oder es verbrennt oder scheitert ein Schiff, und der Transport ist fertig. Zu all dem hat man die hohen Versicherungsprämien zu zahlen. Hier versichert niemand. Keine Versicherungsgesellschaft übernimmt das Risiko, oder sie übernimmt es nur zu Sätzen, die zu zahlen sich nicht lohnt. Woanders sind es die Verladekosten, die Fütterungskosten und wer weiß was sonst noch alles für Kosten. Hier sind es die Flußläufe, die Bergübergänge, die Pässe, die Schluchten, die Sandstrecken, die wasserlosen Strecken, die Banditen, die Jaguare, die Klapperschlangen, die Kupferschlangen, und wenn es ganz schief gehen soll, eine Seuche, die dem Vieh auf dem Marsche irgendwo von anderm Vieh, dem es begegnet, mitgegeben wird.
Wenn man am Schlusse die Rechnungen vergleicht, sind die Unterschiede in den Transportunkosten nicht so groß, wie man vielleicht erwartet. Hier trägt es die Masse, die Masse der Aufzucht und die Masse des Transportes. Man kann sich natürlich mit den Banditen in einen Streit einlassen oder in eine Schießerei oder in Drohungen mit dem Militär. Warum nicht? Es gibt immer noch hin und wieder einen Narren, der es tut, und man sieht es manchmal so schön im Kino, wie die Banditen rennen, drei Dutzend vor einem smarten Kuhjungen. Ja, im Kino. In Wirklichkeit ist das alles ganz, aber ganz, ganz anders. Die Banditen rennen nicht so schnell. Und mit den Drohungen! Ach, du blauer Himmel! Das Militär ist weit, und das Land ist groß. Die Dörfer der Banditen sind unzugänglich, und die Offiziere der Regierungstruppen finden sie nicht auf den Karten. Die Familie des Banditen hat sechs Brüder, drei dienen beim regulären Militär, drei dienen bei den Banditen, die nur darauf warten, daß wieder ein Diktator, der von den amerikanischen Ölkompanien und Minenkompanien genügend unterstützt wird, irgendwo auftaucht. Und wie das so wechselt. Die drei Brüder, die bei den regulären Truppen dienen, fressen morgen vielleicht etwas aus und finden Unterschlupf bei den Banditen, während die drei Brüder bei den Banditen sich freiwillig der Gnade des Gouverneurs unterwerfen und sich in die reguläre Armee einreihen lassen, wo sie vortreffliche Banditenjäger werden, weil sie alle Pfade und Tricks kennen.
Ausrottung der Banditen. Das läßt sich alles so schön in den Zeitungen empfehlen, und es läßt sich noch viel schöner von der amerikanischen Regierung, die das Land im Interesse der amerikanischen Großkapitalisten als Kolonie betrachten möchte, kommandieren, mit der Drohung, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen. Aber die Banditen lesen keine Zeitungen, und sie hassen die Amerikaner, und sie finden ihre Körbe am besten gefüllt, wenn es infolge der diplomatischen Auseinandersetzungen im Lande unruhig wird.
Abgesehen von allem, es ist das gute Recht eines Banditen, sich zu nehmen, was er braucht. Dreihundert Jahre Sklaverei und Verluderung durch die spanischen Herren und Peitscher und Folterknechte, dann hundert Jahre Militärdiktatur und kapitalistische Cliquendiktatur von gewissenlosen Räubern und Banditen mit polierten Fingernägeln und Klubsesseln müssen das wundervollste und liebenswerteste Volk der Erde in Grund und Boden verlottern. In zivilisierten Ländern haben fünf Jahre Krieg die Völker so verludert, daß sie zwischen Recht und Unrecht nicht mehr durchfinden können, daß die Hälfte der Bevölkerung in jenen Ländern Verbrecher und die andere Hälfte Polizisten, Gefängniswärter und Staatsanwälte sind.
Meine Banditen waren zufrieden, daß sie alles so leicht, so vergnügt und mit so angenehmer Unterhaltung bekommen hatten. Und ich war zufrieden, daß sie nicht mehr genommen hatten, und daß ich so billig loskam. Was hat sich da die Polizei hineinzumischen? Man wird ganz gut fertig, wenn man sich nicht um die Polizei kümmert. Ehe man nicht erschlagen ist, hilft einem die Polizei nicht. Und wenn sie endlich hilft, dann hilft sie nur dem Mörder und nicht dem Erschlagenen. Was hat der Erschlagene davon, wenn der Mörder oder der Bandit auf den Friedhof geführt und erschossen wird? Er wird davon nicht lebendig.
Wir hatten jetzt einen weiten Umweg zu machen. Eine größere Stadt lag auf unserm Wege, und die mußten wir weitab liegen lassen, denn da gab es keine Weiden. Einen langen Flußlauf hatten wir hinauf zu wandern, und dann kam der Übergang über das Gebirge.
Es wurde recht kühl. Reichlich Wasser war vorhanden, aber die Weiden wurden knapp. Die Tiere aßen das Laub der Bäume. Das Laub war ebenso sättigend wie Gras. Es schien dem Vieh eine angenehme Abwechslung zu sein, Laub zu weiden. Wenn ich die Rinder so geschickt das Laub abstreifen sah, so kam mir manchmal der Gedanke, daß die Rinder in einer fern zurückliegenden Zeit vielleicht gar keine Steppen- und Prärietiere gewesen sein mögen, sondern Waldtiere, in Wäldern, die Sträucher und niedrige, buschähnliche Bäume hatten. Wälder, die heute verschwunden sind, weil nur die hoch emporwachsenden Bäume überleben konnten.
Der Paßübergang war mühevoll, und wir mußten alle unsre Aufmerksamkeit anwenden, um die Tiere gut zu leiten; denn sie waren Gebirge ja nicht gewohnt. Zwei rutschten ab. Darunter ein prächtiger Jungstier. Er rutschte mit seiner Kuh, während er gerade so lustig am Springen war. Liebestragödie. Wir konnten sie unten in der tiefen Schlucht liegen sehen, zerschmettert. Ich hatte auf mehr Abstürze gerechnet.
Zwei Schlangenbisse erlebten wir auch. Wir sahen es am Morgen an den geschwollenen Füßen zweier Kühe. Wir untersuchten und fanden die Einhiebe der Fänge. Aber die Kühe hatten Glück gehabt. Die Schlangen hatten vorgebissen, auf Holz oder auf irgendein wildes Tier. So bekamen die Kühe nicht die volle Ladung eingespritzt. Wir behandelten sie mit Schneiden, Abknebeln und achtundneunzigem Alkohol. Da wir hier, nachdem wir den Übergang durch hatten, zwei Tage haltmachten, kamen die Kühe schön wieder hoch, und ich sparte sie.
Am Abend fingen zwei Indianer an, sich gräßlich darüber zu streiten, was es für Schlangen gewesen seien. Der eine behauptete, es seien Klapperschlangen gewesen, während der andre darauf bestand, daß es Kupferschlangen gewesen seien.
Ich schlichtete den Streit, der sehr ernst zu werden drohte, mit einem Vergleich. Ich sagte zu Castillo: „Wenn Sie geschossen oder gar erschossen sind, so ist es Ihnen doch sicher ganz gleichgültig, ob Sie mit einem Revolver oder mit einem Gewehr, ob mit einer Achter oder mit einer Siebener erschossen sind.“
„Freilich, Senjor, ist das egal, wenn man schon geschossen ist, denn geschossen ist geschossen.“
„Sehen Sie, Senjores, so ist es auch mit den Kühen. Sie sind von einer Giftschlange gebissen, und es ist ihnen ganz und gar gleichgültig, ob sie von einer Rattler oder einer Copper gebissen sind. Sie sind gebissen, und es tut ihnen weh. Um das übrige kümmern sie sich nicht einen Dreck.“
„Sie haben recht, Senjor, es war eine Giftschlange, und was es für eine war, tut jetzt nichts mehr zur Sache.“
Meinen Richterspruch fanden sie so klug, daß sie nicht mehr von den Schlangen sprachen, sondern nur von der Heilbarkeit der Schlangenbisse. Sie brachten alle möglichen indianischen Hausmittel zur Sprache, und dadurch endete der Streit der beiden.
22
Eines Morgens bei Sonnenaufgang, als wir den Aufbruch riefen und ich auf einen Hügel ritt, um von dort aus die Herde übersehen zu können und in die vorteilhafteste Richtung zu lenken, sah ich in der Ferne die Türme der Kathedrale liegen. Von leuchtendem Golde umflossen, stand das Ziel vor meinen Augen. Die Mühen waren zu Ende, und die Freude wartete in der Stadt, die im Glanze der Sonne badete. Ich ließ die Herde hier auf der Prärie und ritt zur Stadt. Ich sandte ein Telegramm an Mr. Pratt mit der Nachricht, daß ich hier sei. Dann ritt ich zurück zur Herde. Es war Abend, als ich zurückkam. Unsre Feuer loderten, und die beiden Männer, die Wache hatten, ritten gemächlich um die Herde und sangen die Tiere zur Ruhe.

Die Nächte in den Tropen haben für den Menschen, der, solange wir ihn kennen, ein Taggeschöpf ist, etwas unsagbar Unheimliches an sich. Viel unheimlicher noch sind die tropischen Nächte für die Tagtiere. Kleine Herden kommen des Abends zum Ranchohaus, um in der Nähe der Menschen zu sein. Sie wissen es ganz genau, daß der Mensch sie beschützt. In den Wochen nach der Regenzeit, in denen die Moskitos und die Beißfliegen in der Luft schwirren, dick wie aufgewirbelter Staub, kommen die Rinder selbst am Tage von den Prärien heim und drängen sich um das Ranchohaus, wo sie auf Hilfe hoffen. Man kann ihnen keine Hilfe gewähren, weil man selbst Kopf, Gesicht und Hände mit Tüchern umwickelt hat, um sich gegen die Geister der tropischen Hölle zu schützen.
Aber selbst die Riesenherden fangen an, unruhig zu werden, sobald die Sonne untergegangen ist. Sie umzirkeln die Hütten der Herdenaufseher und lagern sich rundherum. Die Wachleute umreiten die Herden während der ganzen Nacht. Abends, nach Sonnenuntergang, ziehen alle Männer herum und singen die Herde in den Schlaf. Dann erst beginnen die Tiere sich zu legen. Manche großen Viehzüchter überlassen es den Herdenmännern, den Cowboys, ob sie singen wollen oder nicht; sie halten es für überflüssig, für alten Kohl. Aber Vieh, das nicht eingesungen wird, ist nicht so gut wie andres, das in den Schlaf gesungen wird. Das Vieh bleibt die ganze Nacht hindurch unruhig, legt sich für zehn Minuten und springt wieder auf, um umherzuwandern und andres Vieh zu streifen und die Kameradschaft zu fühlen. Dieses Vieh ist am Morgen schläfrig, und weil es am andern Tage den verlorenen Schlaf nachholen muß, frißt es nicht so gut wie das gesungene. Es kommt infolgedessen viel langsamer in Form. Auf Transporten muß man erst recht singen; denn hier ist das Vieh viel unruhiger, weil es ja auf ungewohnten Prärien lagert. Würde man die Herde hier nicht in den Schlaf singen, hätte man es an der Marschzeit schwer zu büßen, weil die Herde dann am Tage mehr ruht, als es für den Marsch gut ist.
Ich jedenfalls ließ jeden Abend singen, und die Männer taten es mit Vergnügen. Sie ritten langsam und gemütlich, steckten sich zuweilen eine Zigarette an, und dann sangen sie wieder. Und bei dem Singen legten sich die Rinder in dem Bewußtsein absoluter Geborgenheit hin und ruhten. Schläfrig sahen sie dem reitenden Manne nach, brummten und begannen zu schlafen. Wird auch des Nachts ab und zu gesungen, so ist das den Tieren nur um so lieber. Sie wissen, daß ihnen dann nichts geschehen kann, denn der Mensch ist in der Nähe und beschützt sie gegen die Schrecknisse der Nacht. In der Tat verscheucht das Singen der Männer die Jaguare und Berglöwen. Daß dieses Singen der Kuhmänner auch alle Menschen verscheucht, die sich unter Singen eben Singen vorstellen, erwähne ich nicht. Man braucht mich nur singen zu hören, dann weiß man die letzten Geheimnisse der Welt.
Ich hatte die Kopfwache, die der Vormann hielt, auch hierher genommen, damit wir die letzten paar Abende noch alle zusammen sein konnten. Die Vorwache war überflüssig geworden, weil drüben der Fluß lag, der sich bis zur Stadt hinstreckte. Die Flanken konnten leicht gehalten werden von den beiden Wachen. Während die Leute rauchten und schwatzten, sattelte ich noch einmal auf und ritt die Herde ab, singend, pfeifend, summend und den Tieren zurufend.
Klar wie nur der Nachthimmel in den Tropen sein kann, lag die schwarzblaue Wölbung über der singenden Prärie. Wie kleine goldne Sonnen standen die strahlenden Sterne in der satten Nacht. Und Sterne flogen umher, hunderte, tausende, als wären sie heruntergekommen von dem hohen Dom der Welt, um Liebe zu suchen und Liebe zu spenden und dann wieder zurückzukehren in die stille einsame Höhe, wo keine Brücke führt von dem einen zum andern. Die Glühkäferchen waren das einzige sichtbare Leben hier unten. Aber das unsichtbare sang mit Milliarden Stimmen und Stimmchen, musizierte mit Geigen und Flöten und Harfen, mit Zimbeln und Glöckchen. Und da lag meine Herde. Ein schwarzer, dunkler Brocken neben dem andern. Brummend, atmend und einen warmen, vollen, schwer lastenden Hauch erdischer Gesundheit verbreitend, der so reich war in sich, in seinem Unbewußtsein, der so wohl tat und so unendlich zufrieden machte.
Mein Heer! Mein stolzes Heer, das ich über Flüsse führte und über Felsengebirge, das ich beschützte und behütete, dem ich Nahrung brachte und erfrischendes Wasser, dessen Streitigkeiten ich schlichtete und dessen Krankheiten ich heilte, und das ich Abend um Abend in den Schlaf sang, um das ich mich sorgte und härmte, um das ich zitterte, und das meinen Schlaf beunruhigte, um das ich weinte, wenn eines mir verlorenging, und das ich liebte und liebte, ach, so sehr liebte, als wäre es mein Fleisch und Blut! O du, der du ein Kriegerheer über die Alpen führtest, um in friedliche Länder den Mord und den Brand zu tragen, was weißt du von der vollkommenen Glückseligkeit, ein Heerführer zu sein!
23
Am nächsten Morgen kam der Salztransport heraus, und ich salzte die Tiere. Ich hatte ihnen nur einmal Salz gegeben während des ganzen Marsches. Man kann sich darauf nicht gut einlassen, wenn man nicht ganz genau weiß, daß man viel Wasser noch am selben Tag erreichen wird. Jetzt aber war das Salz von großem Wert. Sie konnten sich tüchtig danach volltrinken und kamen in Glanz und Pracht, als hätten sie neue Uniformen erhalten. Ihre Felle schimmerten, als wären sie mit Bronzelack übergossen worden. Ich konnte mich mit meinem Transport sehen lassen. Drei Tage später kam Mr. Pratt mit dem Kommissionär, der den Verkauf übernommen hatte.

„Donnerwetter! Donnerwetter nochmal!“ sagte er immer wieder. „Das ist Vieh. Das geht wie warme Butter fort.“
Mr. Pratt schüttelte mir die Hand und sagte: „Mensch, Gale, wie haben Sie denn das nur fertiggebracht? Ich habe Sie nicht vor Ende nächster Woche erwartet. Vierhundert habe ich schon verkauft. Dadurch, daß Sie so früh hier sind, rechne ich, daß wir innerhalb einer Woche das letzte Paar Hörner los sind. Es ist noch ein zweiter Transport von einem andern Züchter unterwegs. Und wenn Sie später gekommen wären, hätte das auf den Preis gedrückt; zweitausend Kopf in derselben Woche kann der Markt nicht tragen, ohne erheblich zu pressen. Kommen Sie nur mit zur Stadt gefahren, der Vormann kann den Rest jetzt allein schaffen.“
Die beiden Herren waren mit dem Auto herausgekommen, und wir waren am frühen Nachmittag schon in die Stadt zurück. Wir rechneten ab, und ich bekam ein recht nettes Sümmchen. Zwei Kälbchen waren noch hinzugeboren worden, und so hatte ich im ganzen fünf, die mir als volle Köpfe angerechnet wurden, wodurch meine Verluste sich um diese fünf Köpfe verringerten.
„Mache ich einen guten Preis,“ sagte Mr. Pratt, „dann gebe ich Ihnen noch einen Hunderter zur Belohnung. Sie haben ihn verdient. Mit den Banditen sind Sie ja billig losgekommen.“
„Kein Wunder,“ sagte ich, „den einen kannte ich gut, ein gewisser Antonio. Ich habe einmal Baumwolle mit ihm gepflückt, und wir waren gute Freunde. Er sorgte dafür, daß es billig wurde.“
„Ja, das ist es,“ meinte Mr. Pratt, „Glück muß man haben. Überall. Ob man Vieh züchtet, oder ob man sich eine Frau nimmt.“
Er lachte laut auf und sagte: „Sie, hören Sie einmal, Junge. Was haben Sie denn mit meiner Frau gemacht?“
„Ich? Mit Ihrer Frau?“ Mir blieb der Bissen im Munde stecken, und ich bin sicher, ich wurde etwas blaß. Frauen können so wundervoll unkontrollierbar sich benehmen. Sie kriegen zuweilen Einfälle und manchmal Anfälle. Fallen sogar ganz aus heiler Haut heraus in die Beichtwut. Die Frau wird ihm doch nicht etwa was geläutet haben? Sie sah mir gar nicht so aus, als ob sie alle ihre Geheimnisse an die Glocke hänge.
„Als Ihr Telegramm ankam, da war sie wie toll und rief: Da siehst du wieder einmal, was du für ein Nichtstuer bist, und was du für ein überflüssiges Werkzeug bist. Da bringt dieser Junge die Herde rüber, als ob er sie in seiner Basttasche habe, und als ob sie ihm am Sattelknopf hinge. Das schaffst du in deinem ganzen Leben nicht. Das ist ein andrer Bursche, dieser F-ing son of a bitch.“
„Um des Himmels willen, Mr. Pratt, Sie werden sich doch nicht etwa scheiden lassen.“
„Scheiden lassen? Ich? Warum denn? Wegen so einer Kleinigkeit?“
Er lächelte wieder so eigentümlich. Wenn ich doch nur wüßte, wie er das meint: „Kleinigkeit“? Das kann heißen, daß er alles weiß, und das kann auch ebensogut heißen, daß er überhaupt nichts weiß.
„Nein“, fuhr er fort. „Warum soll ich mich denn scheiden lassen? Haben Sie Angst, daß ich mich scheiden lasse?“
„Ja“, gestand ich.
„Warum denn aber?“
„Weil mich Ihre Frau dann doch heiraten würde. Sie hat es doch ganz offen erklärt.“
„Ach so, ja. Ich erinnere mich, das hat sie gesagt. Wenn meine Frau so was sagt, dann tut sie es auch. Da kommen Sie nicht los davon, Junge.“
Mir wurde ungemütlich zumute. Mr. Pratt merkte es, und er fragte:
„Warum haben Sie denn da eine solche Angst? Gefällt Ihnen denn meine Frau nicht? Ich denke doch, daß –“
Ich ließ ihn nicht zu Ende reden, denn vielleicht kam jetzt das heraus, was er wußte. Und ich hielt es für besser, diese Angelegenheit in der Schwebe und unentschieden zu lassen.
„Freilich. Ihre Frau gefällt mir sogar sehr gut“, gestand ich.
„Kann ich mir denken“, sagte Mr. Pratt.
Das war nun wieder so, daß es alles und nichts bedeuten konnte.
„Sehen Sie, Mr. Pratt,“ sagte ich nun, „es ist so eine dumme Sache. Ihre Frau gefällt mir sogar sehr. Aber, bitte, lassen Sie sich doch nicht scheiden. Sie vertragen sich doch so gut. Ich müßte sie ja dann heiraten. Es wäre ja vielleicht so übel nicht. Aber ich weiß doch gar nicht, was ich mit meiner Frau, entschuldigen Sie, bitte, was ich mit Ihrer Frau machen sollte.“
„Na, was man mit jeder Frau macht. Ihr die Freude machen, die sie gern hat.“
„Das ist es nicht. Es ist etwas andres. Ich weiß nicht, wie ich mit der Ehe fertig werde.“ Ich versuchte es ihm klarzulegen. „Ich weiß nicht, wie ich mich da benehmen soll. Ich halte das einfach nicht aus. Ich kann nicht stillhalten. Ich kann nicht stillsitzen auf dem Ursch, verstehen Sie. Ich muß vagabondieren. Da kann ich doch meine Frau nicht mitschleifen. Ich würde ausrücken, weil ich das nicht vertrage, den ganzen Tag und jeden Tag vor einem ordentlichen Tisch zu sitzen und jeden Tag ein richtiges Frühstück und Mittagessen zu bekommen. Das verträgt auch schon mein Magen nicht. Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen –“
„Jeden. Schon erfüllt“, sagte Mr. Pratt gutgelaunt.
„Lassen Sie sich nicht scheiden von Ihrer Frau. Sie ist eine so gute Frau, eine so schöne Frau, eine so kluge Frau, eine so tapfere Frau. So eine kriegen Sie nie wieder, Mr. Pratt.“
„Das weiß ich. Deshalb lasse ich mich ja auch nicht scheiden. Ich habe nie daran gedacht. Ich weiß überhaupt gar nicht, wie Sie auf solchen Cabbage kommen. Hopp auf, wir gehen jetzt die Ablösung vom Kontrakt einweichen.“
Wir zogen ab.
Was ist denn da los? So viele Indianerweiber mit ihren Körben habe ich ja nie gesehen. So viele Tortillas zu verkaufen?
„Was ist denn eigentlich los hier?“ fragte ich Mr. Pratt. „Man sieht ja nichts weiter als Tortillas und Tortillas und Tortillas.“
„Die Bäcker streiken. Die Leute haben kein Brot und müssen alle Tortillas essen“, erklärte mir Mr. Pratt.
„He, Mr. Pratt,“ rief ich da laut, mitten auf der Straße stehenbleibend, „da sehen sie gleich an diesem Beispiel, wie bitter Unrecht Sie und Mr. Shine mir getan haben.“
„Mr. Shine und ich? Inwiefern?“
„Sie haben doch beide behauptet, daß ich mich immer nur um Streiksachen kümmere, und daß überall, wo ich arbeite, ein Streik losgeht. Hier an dem Bäckerstreik bin ich doch ganz und gar unschuldig. Ich war doch wochenlang gar nicht hier. Wie kann ich denn da etwas mit dem Bäckerstreik zu tun haben?“
„Das sagen Sie, Gale. Aber nun gehen Sie einmal in die La-Aurora-Bäckerei und hören Sie, was Senjor und Senjora Doux den Leuten erzählen.“
„Was können denn die Leute von mir erzählen?“ fragte ich.
„Die behaupten und erzählen es jedem Gast, daß Sie den Streik angezettelt haben.“
„Das sind nichtswürdige Verleumder, diese Douxens. Ich habe mit dem Streik gar nichts zu tun. Ich habe für Sie einen Transport gebracht und weiß gar nichts von einem Bäckerstreik.“
„Die Douxens aber behaupten, seit Sie dort gearbeitet haben, sind die Arbeiter in der Bäckerei mit nichts mehr zufrieden, nicht mehr mit dem Essen, nicht mehr mit dem Schlafen, nicht mehr mit dem Lohn und nicht mehr mit der langen Arbeitszeit. Und kaum waren Sie fort, ging es los. Zuerst in der La Aurora und dann am folgenden Tage in sämtlichen Bäckereien. Die wollen zwei Pesos Mindestlohn, luftige Schlafräume und achtstündige Arbeitszeit.“
„Nun will ich Ihnen aber doch die Wahrheit sagen, Mr. Pratt“, sagte ich darauf. „Mit dem Streik habe ich wirklich nichts zu tun. Ich habe Ihnen ja schon damals gesagt, als wir uns zum ersten Male trafen und Sie mir das mitteilten, was Mr. Shine über mich erzählt hat, daß rein zufällig immer da, wo ich arbeite oder wo ich gearbeitet habe, gestreikt wird, sobald ich mich da auch nur umgesehen habe. Dafür kann ich doch aber nicht. Das ist doch nicht meine Schuld, wenn es den Leuten nicht mehr gefällt und sie es besser haben wollen. Ich sage nie etwas. Ich bin immer ganz ruhig und lasse immer die andern reden. Aber weiß der Kuckuck, überall, wohin ich komme, behaupten die Leute, ich sei ein Wobbly, und ich versichere Sie, Mr. Pratt, das ist –“
„– die reine und unverfälschte Wahrheit“, beendete Mr. Pratt meinen Satz, den ich ganz anders zu beenden gedachte.
Aber so geht das immer, wenn einem die Leute die Worte aus dem Munde nehmen und dann gar noch herumdrehen. Da braucht man sich wahrhaftig nicht zu verwundern, wenn sich die Menschen falsche Meinungen bilden. Sie sollen einen andern auch einmal reden lassen. Aber stets und immer müssen sie sich in die Ansichten, die andern Leuten gehören, hineinmischen. Kein Wunder, daß dann lauter Unsinn herauskommt.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
(mehrfache Fälle) ... Da kam der Chink mit einer Literflasche voll kaltem Kaffee hervor. ... ... Da kam der Chinc mit einer Literflasche voll kaltem Kaffee hervor. ...
... „Mag sein, davon verstehe ich nichts“, wandte Mr. Gale ein. „Nun ist der ... ... „Mag sein, davon verstehe ich nichts“, wandte Mr. Shine ein. „Nun ist der ...
... wollte, sich mit ihr zu vereinen, und sie rief: „El amor y la algeria, ... ... wollte, sich mit ihr zu vereinen, und sie rief: „El amor y la alegria, ...
... und der Schaffner steckt einem eine kleines Kärtchen in das Hutband, ... ... und der Schaffner steckt einem ein kleines Kärtchen in das Hutband, ...
... Stämme ab, schälten Bast und bauten eine kleines leichtes Floß. Dann ... ... Stämme ab, schälten Bast und bauten ein kleines leichtes Floß. Dann ...