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Der Wendekreis - Erste Folge

Ungnad

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Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein überlegener Charakter.

In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen, brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei Monate darauf war gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung, als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei angeklagt.

Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad’schen Hause außerdem wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte; das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern, Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetem Besitz, in hundertjährigen Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten.

Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus’ Schuld am Mißlingen war nicht zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können, im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die Versöhnung mit Marietta.

Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis, die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so; nichts sei geeigneter, die Öffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu verstimmen als ostensible Herzenspassionen.

Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile, Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen. Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres. Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie; eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten; unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und körperlich ein Krüppel.

Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichung gefaßt sein. Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet. Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen Gegensatz zu ihrem Wesen stand.

Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte, pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen, er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich, und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit; ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen Bemühungen, daß man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort beendet war, unmittelbar nach London befahl.

Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkömmliche und vorgeschriebene gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio; und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; nach seiner Meinung viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender Würde. Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte um die Last, seine Haltung deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild für Unsichere. Die Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war. Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche Nachdenken darüber war Verzierung, die man sich in Mußestunden gestattete. In der Führung der Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit, gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue hatten schwärmerische Lobredner.

Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trübung, nur über das Äußere und Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin. Dem vorwärts- wie dem zurückschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmückter Weg, umfriedetes Revier, Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden, erschlossene Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem sonst trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle Aufzüge, veranstaltet von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge; illuminierte Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben; fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das er in wenigen Exemplaren für seine Freunde drucken ließ. Es wurde damals als die feinste Blüte aristokratischer Lebensauffassung und Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand, oft ein bißchen einfältig sogar, wie eine Fibel einfältig ist. In der Mischung von Bescheidenheit, Wißbegier und unschuldiger Philosophie drückte sich Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flüssen, in der Nacht, auf Booten mit Lampions behängt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und Gärten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch; hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von Blumen, Gerüche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genießen.

Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle Berückungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum und die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden spendend. Die Künste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer des Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche war Nahrung für den Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden auf lichtverklärte Höhe gehoben und sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das rubenshaft glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken.

Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen Bezirken, eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben lähmte; der Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren frißt; die Guirlanden waren weggerissen; die Blöße der Leiber stierte einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die Existenz ins Enge und Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der beständige wütende Sturm, der die Blätter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not der Länder schrie, des eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut, suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, fürchtete, wartete, Jahr für Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten vorbereitet, in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit dann wirklich machte.

Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preußischen Oberst Grimm nach Armenien entsendet, um Bericht über die Zustände zu erstatten, die der feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und Beamte begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein künstliches Schaugepränge vorgeführt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der Katholikos in Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins gesehen und so prunkvolle goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war, blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewänder. Vor den Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des Taurus, und alle überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen; Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf dem Schloßhof unten stand eine tausendköpfige Menge, und von ihr stieg ein eigentümliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, daß sie hungern. Die türkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich schaute, während das eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den Schnee des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die glühenden Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei und über Schlachtfelder. Wüste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste kamen, lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern, viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder. Die türkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben. Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie schändet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.«

Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen Reise ziemlich angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernünftiger Mann; weit trätabler als seine preußischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert; stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militärischen Gruß zu geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem.

Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, während er allein die Reise fortsetzte.

Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wußte nicht, wie man sich seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Höhe, unangreifbar, unerreichbar. Man genoß verbrieften Schutz von altersher. Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen bis jetzt. Man war gewohnt, viel Raum um sich zu haben. Raum feite, Raum trennte. Die andern, die Leute, bewegten sich weit draußen. War doch schon ihr respektvolles Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über die Dinge. Die Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen wählte. Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war, schrieb das Maß vor.

Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste Institutionen, auf auserlesene Formen, auf Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde. Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hämisch, so erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges Gespenst.

Man saß aufrecht und hielt sich bereit.

Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen herangewachsene zwanzigjährige Pauline. Es waren im ganzen vier Schwestern. Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher Ursache. Es hieß, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er in der Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte. Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war Mutter von zwei Kindern geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt.

Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfältig vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt, Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus Konstantinopel zurückgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der Gräfin Rienburg für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle Ereignisse, und der politische Himmel war schwarz verhängt wie ein Sarkophag.

An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, daß Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts anderes bedeuten, als daß sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls erwartete. Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, in welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus’ Zukunft auf dem Spiel stehe; daß er zu lange schon seine besten Kräfte und besten Jahre damit vergeude, die Ketten abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen; daß er allmählich in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende Verbindung einzugehen, und daß die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen, sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstärke wende, die ihr zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen würden.

Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt entschieden widerriet. »Soll denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen?« rief Francine erregt aus; »Bruch, Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht länger zu ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelächter der Welt.« Nora Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da käme Erasmus erst recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verführerischer man ihm den Köder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das Zugreifen; je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle es listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau. Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. Francine umarmte sie und sagte, sie sei ein Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte sie; »vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber debattiert wurde, ob die Lehndorffs oder die Klingenbergs älter seien. Ich versichere dir, ihr Großvater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er Statthalter gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen sein, Georg Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.«

Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl gewesen, spöttisch, glatt, ausweichend, habe sie beständig abzulenken gewußt; habe sie einmal, als sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie aufzukommen; wenn man noch beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon, und jeder Satz habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je; als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; bestrickend und anmutig, das reine Wunder.

Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, höhnte; stieß Gegenstände aus dem Weg; schwor, daß sie die gefährliche Komödiantin vernichten wolle, vergoß Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich vergebliche Mühe, sie zu besänftigen.

Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten Freunden. Er war in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn gewirkt hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories vorbehaltenen Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner vollkommenen Diskretion.

Mit Männern konnte er sich im allgemeinen schwer verstehen. Sie vermaßen sich an ihm. Sie wollten in ihn eindringen und bedachten nicht, daß das verletzt. Männer im allgemeinen wußten wenig von dem Grad der Verletzlichkeit eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete nie und insistierte nie. Manchmal plapperte er und erzählte Klatsch; indem er seine Nichtigkeiten von sich gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam einen plötzlich die Lust zu Eröffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; man wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlich erstaunte Augen machte, bei ganz verkehrten Anlässen bedauernd den Kopf wiegte und sich dann und wann zu einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen aus sich hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, Drückendes wich, wenigstens für die Stunde, Vergangenes ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu besorgen, keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperçus und beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von Geist so verdrießlich waren.

Schon am Tage nach seiner Rückkunft sagte er sich bei Ferry Sponeck an, der in einem kleinen alten Palais in einer kleinen alten Gasse wohnte. Langsam und versonnen ging Erasmus hin. Er spürte das Unheil in der Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend vor dem großen Erdbeben dieselbe andauernde Qual in allen Nerven empfunden. Er erinnerte sich, daß er dann, ins Hotel zurückgekehrt, einen Weinkrampf gehabt hatte.

Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der Lampe gegenübersaß. Dieser braute Kaffee in einer kupfernen Maschine und blies bisweilen in die Spiritusflamme, wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie der Boreas auf alten Bildern.

»Drüben im Ministerium geht alles drunter und drüber,« sagte Erasmus. »Sie transportieren Aktenschränke auf den Dachboden und lassen Telegramme unbeantwortet liegen.«

Ferry Sponeck seufzte.

Erasmus schaute grübelnd vor sich hin. »Ich verschließe mich der Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, daß wir leichtsinnig gewirtschaftet haben,« sagte er mit seiner trägen und verschleierten Kopfstimme; »wir hatten keine Führer; keiner war der Herr. Manche haben das Unglück kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist groß, und der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene Rebellion, das darf nicht sein. Wenn das eintritt, geht die Welt unter. Rebellion ist Satans Werk. Rebellion heißt, daß Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen wird. Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, schlagen sie ihn ans Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.«

Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schäumte braun unter der Glaskuppel, und er drehte bedächtig den Hahn auf. Der kochende Strahl rann schwarz in die goldene Tasse.

Erasmus sagte: »Die murren, werden täglich mehr. Noch wagen sie einen nicht anzuschauen, aber hinterrücks zücken sie das Messer. Sie tragen das Messer aufgeklappt in der Tasche; morgen werden sie auf einen losgehen. Hast du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann hört man Geschrei, fernes Geschrei.«

»Du denkst zuviel nach, Mumu,« tadelte Ferry Sponeck liebevoll; bei intimen Anlässen nannte er Erasmus Mumu, wie man ihn als Kind gerufen. »Bist du denn ein Gelehrter, daß du fortwährend denken mußt? Wir könnens nicht ändern, wir beide, wir müssens geschehen lassen.«

Erasmus sprach stockend weiter: »Ich bin einmal von Corfu nach Athen mit einem alten Segelschiff gefahren, da sind nachts die Ratten über meine Bettdecke gerannt. Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei der nächsten Fahrt gesunken.« Seine Stimme wurde leiser, und er rieb nervös die Finger aneinander. »Gefürchtet hab ich mich nicht, aber Ratten, das wirst du zugeben, das ist das Ekligste auf der Welt. Im Finstern verlassen sie sich auf ihre scharfen Zähne; im Finstern sind sie frech. Sie selber sind geschützt, natürlich; durch ihre Zahl sind sie geschützt, durch den Unrat und durch das Grausen.« Er machte eine Pause und lächelte kränklich und hochmütig. »Einschüchtern darf man sich nicht lassen. Keine Schwäche zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon wissen sie freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt, haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. Das Ungnadsche Wappen hat eine schöne Devise: fort et modeste. Ehestens wird das nicht mehr viel bedeuten. Ehestens vielleicht werden sie das Wappen zerschlagen. Zerschlagen mögen sie es immerhin; besudeln sollen sie es nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend machen, daß alle Legitimität von Gott stammt.«

Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich lässig auf den langen Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall ich, daß alle Legitimität von Gott stammt.«

Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda berichtete, erklärte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte, worum es sich handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschütteln oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. »Ist es aus zwischen dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« Darauf Francine, entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« Er, kühl und gezwungen: »Ach ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im Juni getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich über den Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe zwischen ihr und Erasmus der Gipfel des Wünschbaren sei. Er hörte still zu und sagte dann: »Es ist möglich, daß du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.« Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, an die Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem Tag kommen würde.

Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft. Man würde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der abstoßendsten Art vor; geschwätzige Personen, zudringliche Personen. Verpflichtungen würden entstehen; diesen oder jenen würde man verletzen und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang würde ausgeübt werden; Lärm würde sein; irgendeiner würde da sein, der Türen warf oder des morgens um fünf Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede einen Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen, Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich zu einem Gebirge, und er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurück. Er sagte, man bedürfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise um eine Woche Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, daß er am Sonntag reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, war Erschütterung. Er erklärte Francine, daß eine wichtige ministerielle Sitzung ihn verhindere, früher als Mittwoch zu reisen. Francine starrte ihn sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt nicht weiter hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben.

Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter denen, die hinten standen, denn vermöge seiner Länge konnte er über die Köpfe schauen.

In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten herein, ein schwarzer, breiter, klebrig fließender, stummer Menschenstrom. Sie kamen zur Verkündigung der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die wie bodenlose Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber und Gesichter, schwoll durch Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend ruhig vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt für Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem großen Platz die Straße verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe zählbarer Einzelner war, sondern ein Element für sich, zu einem Willen verschmolzen, kroch und wogte vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich, fortbewegt durch einen gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, gierig schluckte.

Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte ihre Kehlen. Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.«

Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck in dessen Wohnung. Sie vermieden es, über das Gesehene zu sprechen. Sie erstickten es in sich. Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts zu tun; sie stießen es wieder weg und gruben es zu.

Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von der Straße. Aber diese Straße der alten Paläste war still; sie lag noch in einem vergangenen Jahrhundert und träumte. Sie war wie von einem verstaubten Seiden-Gespinnst überzogen.

Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar Wochen nach Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals aufgefordert, übrigens sei er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht besonders, daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht bloß wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem, sondern auch, weil man sie schonen müsse.

Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe. In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das war genau, was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen; er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer, und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort:

Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Sänger passierte, sei sie achtzehn Jahre alt gewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage sich gefügt und dem die Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den Enttäuschungen, Demütigungen und Kämpfen ihren großen Charakter gestählt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich eine neue Position zu schaffen und außerdem noch soviel Kraft erübrigt, ihm, dem jüngeren Bruder, eine tätige und hilfreiche Freundin zu sein. Das müsse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde.

Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte Erasmus zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: »Ich habe oft darüber nachgedacht, warum es so kommen mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis geworden ist, ein Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger Moment, wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. Es fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken wovon; zum Beispiel, man geht über eine Brücke und sieht, wie ein Weib sich über das Geländer beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt das ganze Leben, wie wenn ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmack gibt. Man kommt nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.«

Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit über seine Welt. »Jaja,« murmelte er; »schon; natürlich; so was ist schlimm, armer Kerl, sehr schlimm.«

Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben der Gräfin Marietta Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glück und Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen bewahrt werden muß, oft Pein.

Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte es nicht. Sie hatte den Knaben während des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie das Kind geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf in sicherer Hut.

Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit ihrem Willen empfangen. Während sie es getragen, war sie sich völlig klar darüber gewesen, was sie auf sich nahm. Sie mußte es durchsetzen gegen die Welt; es vorbereiten auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der Welt abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von Anfang an belastet. Erasmus war der Mann nicht, den ein Kind inniger an die Geliebte bindet. Ihr gegenüber war ein Kind seine Furcht und sein Aberglauben stets gewesen. Der Grund davon hätte ihr schmeicheln dürfen, wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung geworden wäre. Die Frau in ihr war spät erwacht. Sie mußte etwas haben wider ihn und für sich; und für ihn und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand gebraucht und eine Bestätigung. Es kam nicht darauf an, daß er es erfuhr; vielleicht würde er es niemals erfahren; mit Empfindsamkeiten rechnete sie nicht; zärtliche Rührung war weder ihre noch seine Sache. Ihr diente es. Sie wurde befestigt. Und über Pfand und Bestätigung hinaus war es auch Bild, noch dazu ein schönes, lebendiges. Die Väter waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefühle glaubte sie wenig. Und ihm ein Kind präsentieren, das außerhalb der Ehe gezeugt war, das hieß alle patriarchalischen Vorurteile in ihm wachrufen, sie wußte es, und seine ängstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. Anlaß genug zu schweigen.

Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie durfte er ahnen, daß und wie sehr es Kampf war. Sie hatte sich losgerissen von Fesseln, und die Haut blutete; für ihn mußte es sein, als hätte sie sich einen Kranz vom Haar genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, war ihm ehrwürdig; worunter sie seufzte, war ihm von heiliger Bedeutung. Immer sein Zagen, sein Zurückhalten; sein Warnen, sein Nichtbegreifen, wenn sie vorwärts wollte; wieviel List war da nötig; wieviel Geistes- und Herzensgut zerstäubte; wieviel Erklügelung forderte es, ihn so zu führen, daß er zu führen im Wahn blieb. Voneinandergehen: Ungewißheit; Wiederkommen: Hangen und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein: Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte und verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer so lange mißtraute, bis er wehrlos wurde? und sich dann schemenhaft entzog? Marietta schlug den Funken, wärmte den Freund mit Blick und Atem, prägte sich ihm ein, die Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles hing davon ab, daß er nicht vergaß, daß er immer wieder zu ihr fand und sie sich finden ließ, nicht mit zu leichter Mühe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im Begriff, einem Joch zu entschlüpfen, dem die Sanktion fehlte, das Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die Wagschalen sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, geduldig, heiter, geschmückt, in Hader mit ihrer Kaste, die soziale Tyrannei geistig überwindend, im Gefühl ihr verfallen, und so, mit einer Existenz am Rande der Gesellschaft, am Rand des Möglichen und Anerkannten, in unaufhörlicher Schwebe.

Sie hatte lange gezögert, ob sie ihn rufen solle. Beim Abschied hatten sie einander feierlicher als sonst entsagt. Sie nannte das die Erklärung des Desinteressements. Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung und damit die Pläne, die andere mit ihm vorhatten, nicht seine allenfallsigen Entschließungen hemmen konnten. Ihr blieb nichts übrig, als zu warten. Die Jahre untergruben auch in ihr langsam das Vertrauen zu der Macht, die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war er zu betrügen.

Sie ließ früh die Lichter anzünden. Da sie sich seit dem Morgen unpäßlich gefühlt hatte, legte sie sich auf die Chaiselongue und ergab sich dem Vorüberrinnen der Stunden. Den November hatte sie von jeher gehaßt. Sie war überzeugt, daß es der Monat sei, in dem sie sterben würde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmück, huschte auf dem Teppich hin und her, um den Teetisch zu richten. Das kostbare Geschirr klirrte melodisch. Sie war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit breiten Valencienner Spitzen an den weitoffenen Ärmeln. Die Farbe brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie auch das tiefe Goldrot der Überfülle ihres Haares.

Die Glocke läutete; nun kam er. Den zaghaft und fast lautlos Eintretenden begrüßte sie mit zartest-unbefangenem Lächeln, entschuldigte sich, daß sie lag, reichte ihm die Hand, die er ergeben an die Lippen führte. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte er allerlei, um zu rechtfertigen, daß er sich nicht selbst gemeldet. Sie wunderte sich und schnitt die kläglichen Versuche sanft ab. Indes brachte der Kalmück den Tee, und man hatte Beschäftigung. Marietta übernahm die Leitung des Gesprächs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu sprechen. Sie erzählte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth, schilderte ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nächtlichen Gang in der erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der gestürzten Minister, den Eindruck der Lektüre von Barbusse’ l’enfer, die Verabschiedung einer unverschämt gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. Sie ließ die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, daß die Stimme noch ihre sinnliche Magie besaß.

Zuerst dünkte ihm, er hätte die Stimme nie gehört. Jetzt erkannte er sie wieder. Der Klang; diese Pausen, diese Einschiebsel, diese Raschheit, diese Belebtheit. Er war zu schwerfällig, im gleichen Tempo mitzugehen; er blieb gewöhnlich im Erwägen und Verstehen um einen Schritt zurück, auch um zwei oder drei; manchmal wartete sie gutmütig, bis er nachgekommen war, manchmal auch nicht, dann ergötzte sie seine Verwirrung und sein galanter Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn völlig ahnungslos zu wissen über die Absichten, die sie verfolgte, ihn raten zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen zu beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem Mutwillen, aber hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, und das gab dem Ausdruck Reiz und Wechsel.

Ohne Übergang sagte sie plötzlich: »Es ist keine üble Idee von Francine, dich zu Rienburgs auf Werbung zu schicken. Ich bin ganz einverstanden damit. Der Versuch vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf steckengeblieben, und du hast dir nichts vergeben und nichts verdorben. Wie alle früheren Heiratsprojekte verfehlt waren, so auch dies. Sebastiane wäre nicht die richtige gewesen. Pauline ist vielleicht die richtige.«

Sie sah mit lächelnd-gleitendem Blick an ihm herab, der betreten vor sich hinschaute, und fuhr fort: »Ich kenne ja die Familie gut, wie du weißt. Lix war eine Zeitlang in mich verliebt, war hinter mir her wie mein Schatten, und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen Korrespondenz. In der unglücklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie dann Theosophin geworden, was ein jämmerlicher Trost für eine elegante junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist vielleicht die rechte, weil wir ja noch die kleine Aglaia haben, und es wäre immerhin zu bedenken, ob sie nicht vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich Castellani darüber gesprochen; nur um ihn auszuholen, denn er ist ja gescheit wie der Tag, und weil er viel mit Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit dir zugleich dort sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider ist der Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu groß; zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. Außerdem ist sie ein Wildfang; du würdest Mühe mit ihr haben. Geht denn das? Kannst du Mühe aufwenden? eine Widerspenstige zähmen? Das ist nichts für dich. Pauline ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast du ja gern. Sie gibt Rätsel auf, aber die Rätsel sind leicht zu raten. Sie hält sie freilich für unlösbar; das ist nur eine Chance mehr für dich; es beschäftigt sie. Du brauchst eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht adoriert; adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet, in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidität, sondern aus Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, so läufst du Gefahr, daß sie sich und dich nach drei Wochen zu Tode langweilt. Oder sie stellt Ansprüche, und das würde dich deine Nerven kosten. In deine Hintergründe ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bißchen Geist und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. Verliebe dich nicht in beide zugleich, oder mach dir nicht selber Opposition, indem du eine gegen die andere ausspielst und dann bei allen zweien verspielst. Sei kühl, aber sträube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; halt dein Herz nicht zu fest und laß deine Augen nicht zu gierig sein.«

Erasmus hatte sein spleeniges Lächeln, als er zögernd erwiderte: »Deine Fürsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. Leider ist sie nicht genügend motiviert. Ich leugne nicht, daß die Verbindung mit Rienburgs ihre Vorteile hat, aber du weißt doch, du sagst es selbst, wie wenig ich mich für die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Nützliche und Förderliche ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, scheint es mir vollkommen töricht, daß ich ja oder nein sagen soll. Warum rücken einem die Leute so nah mit ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lästig, sich entscheiden zu müssen. Ich will mich nicht entscheiden.«

»Du willst dich nicht entscheiden,« wiederholte Marietta leise, mit einem unhörbar bittern Unterton; »das begreife ich. Du willst, daß für dich entschieden wird, und möglichst zu deiner Bequemlichkeit. Du rührst nicht hin; alles soll sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht außerhalb von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darüber nachgedacht, was für ein mörderisches Ding das Vielleicht ist, und was für ein unredliches das Nochnicht? Du eignest dich für die Ehe nicht mehr und nicht minder als jeder verwöhnte und egoistische Mann in deinen Jahren. Man darf sich nicht kostbarer fühlen als die Welt einen wertet, sonst wird man gleich ein bißchen lächerlich. Was riskierst du? Höchstens, eine Frau unglücklich zu machen. Fällt das so schwer ins Gewicht? Ist es so verführerisch, als bisweilen eingeladener, bisweilen übergangener, mäßig interessanter Sonderling in einer öden Wohnung zu hausen, mit Köchinnen, die rappelköpfig sind, und Dienern, die einem die Wäsche auftragen und die Zigaretten stehlen? Weshalb die Skrupel? Worauf wartest du?«

Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen und betrübten Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: »Keineswegs konnte ich darauf gefaßt sein, gerade in dir einen so eifrigen Anwalt für meine Verheiratung zu finden. Es ist mir neu –«

Marietta wandte sich ihm mit großem Blick zu. »Ja, siehst du, Lieber,« sagte sie langsam und freundlich, »ich muß nun auch daran denken, mein Leben unter Dach und Fach zu bringen. Für so naiv wirst du mich doch nicht halten, daß ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Als ich ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene hieß es. Diese Dame blickt von einem Felsen an der Küste sehnsüchtig aufs Meer hinaus; es standen auch die Worte kummervoll und tränenleer darauf. Ich konnte das Bild nie anschauen, ohne mich über die dumme Gans zu ärgern. Daß ich solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch nicht zumuten. Kummervoll und tränenleer; nein, ich danke. Ich bin für Erledigungen.«

»Ich verstehe nicht,« murmelte Erasmus, »wir sind jedesmal übereingekommen –«

»Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn scharf und hob den Kopf ein wenig. Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale.

»Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und Fach bringen?«

»Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.«

Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen Brauen. »Heiraten? Du? Wen denn, um Gotteswillen?«

Die Anrufung Gottes und die zwei bestürzten Zirkumflexe auf seiner Stirn brachten Marietta zum Lachen. Er zuckte zusammen. Er liebte dieses Lachen an ihr, das den Mund einer aufgeschnittenen Frucht ähnlich machte und sie zwanzigjährig erscheinen ließ. Es enthielt Erinnerung an Reiz und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, Unvergeßbares, heimlichstes Wunder des Geschlechts. Innere Unruhe zwang ihn äußerlich zur Unbeweglichkeit; er schaute sie an wie eine Frau, der man zum erstenmal begegnet, von der man aber berückende Wissenschaft hat.

Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das Triviale daran bot die Gewähr; von den Finessen war sie satt. Als sie im Sommer mit Helene Gravenreuth in Bern gewesen, habe sie einen jungen Holländer kennengelernt, reich, luxuriös, durch und durch lebendig, mit exzellenten Manieren, und dieser Holländer nun, den Namen bitte sie vorläufig verschweigen zu dürfen, habe sich mit äußerster Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, und als sie mit Helene nach Pontresina gefahren, sei er eines Tages dort erschienen, man habe gemeinsame Ausflüge gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so weiter, wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, er habe ihr geschrieben, an Helene geschrieben, immer stürmischer, immer offener, und jetzt habe ihn Helene nach Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie vorher bei ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei wahrscheinlich schon dort; sie werde übermorgen von Eichfurth aus hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg nicht viel mehr als zwei Wegstunden auseinander lägen, sei es eine reizende Fügung, meinte sie zum Schluß ihres Berichts, daß sie sich über den Fortgang der beiderseitigen Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag kameradschaftlich aussprechen könnten, wenn sie Lust dazu verspüren sollten.

Ja, es sei merkwürdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg er. Marietta schwieg ebenfalls. Sie ließ ihre Fußspitze kreisen, und Erasmus sah dem Spiel des Fußes zu. Sie blickte an die Decke, und ihre vollen, leidenschaftlich gewölbten Lippen öffneten sich zu einem schimmernden Spalt. Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. Ging ohne Hast, wie nach einem vorgefaßten Rhythmus, und ihre Gestalt hob sich wiegend ab von überlegt gestimmtem Hintergrund. Mit lässiger Hand berührte sie bald eine Vase, bald ein Stück Stoff, ohne die Hand zu heben, im Gleiten nur.

Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fuß aufsetzte, bewußt, ihn leicht und kräftig aufzusetzen, so daß die Gelenke entlastet wurden und die Hüfte nur unmerklich zitterte. Der straff gehaltene Oberkörper folgte der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Maß, aber auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes und gefeiltes Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das Gehen, als trüge sie sich in eigentümlicher Weise selber. Jede Veränderung einer Linie an ihrem Körper umschloß den Keim zu einer Gebärde, die er kannte und die ihm vertraut war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden kamen wieder, während sie so ging und schöne Gegenstände an rührte, viele seiner Gedanken, Wunsch und Erfüllung.

»Und du? Du liebst ihn?« fragte er scheu.

»Bah, Liebe,« antwortete sie; »es geht nicht um Liebe. Es geht um Halt, es geht um Dauer. Ich bin manchmal müde, weißt du. Es ist so gut, bei einem zu ruhen. Davon zu träumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig an die letzten Barrièren gehetzt, nicht bloß ich und du. Aufatmen, ausatmen, o!« Sie blieb stehn und schaute zu einem Bild an der Wand empor, ohne es zu sehen. »Was ich tue, ist mir klar,« fuhr sie mit tiefsonorer Stimme fort, in der sich Blut und Natur verriet; »wenn man mit meinen Erfahrungen eine neue Ehe schließt, gibt es keine Illusionen mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die Finsternis; ich habe ihn getan. Kommt man mit halbwegs heilen Gliedern davon, so hat man höchstens gelernt, daß man einen langen Löffel haben muß, um mit dem Teufel eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der süße Tag verspricht. Wir sind leichtgläubige Geschöpfe. Heute ... ich will froh sein, wenn der, dem ich mich überlasse, mir mit der Achtung begegnet, die eine anständig erworbene Invalidität verdient.«

Erasmus sagte: »Wir haben manches zusammen erlebt, in langer Zeit, und daß es zu Ende sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.«

»Sonderbar, daß du mir nie und durch nichts fremder wirst, aber auch nie und durch nichts vertrauter,« sagte Marietta, indem sie sich auf den Rundstuhl vor dem Flügel setzte und den Deckel öffnete; »du warst eigentlich immer der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt. Du kannst nicht Aug in Auge sein. Du fürchtest den Blick, der dich fordert. Warum nur?« Sie schlug ein paar Akkorde an, sehr leise, und sprach weiter: »Wir haben manches zusammen erlebt, gewiß; doch nicht so zusammen, wie du glaubst,« sie neigte das Haupt tiefer; »oft in unsern schönsten Zeiten, und es waren schöne Zeiten, ich will nicht undankbar sein, hatte ich das Gefühl: du hast ihn sich selber gestohlen, und er trägt dir den Diebstahl nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt Ressentiments, und eines Tags wird er mit der großen Liste kommen und abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende zu machen; meinst du nicht?«

Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte abwehrend die Arme aus.

Vierundzwanzig Stunden später war Erasmus in entlegener Welt, ein Hinbefohlener, um Glück zu suchen. Die Freude, mit der er aufgenommen wurde, bedrückte ihn, da er das Programm zu spüren glaubte, und er gab sich spröder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die arglosen Gespräche schlossen ihn auf, die unbefangene Nähe der heitern Frauen. An viel Gemeinsames konnte angeknüpft werden. Der leichte Zwang zur Geselligkeit überschritt liebenswürdige Formen nicht, der Tag teilte sich natürlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lästig. Am Abend versammelten sich alle in dem entzückenden Speisesaal im Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches Gepräge. Auf der Tafel und auf sechs Konsolen brannten Kerzen in silbernen Kandelabern. Die Gräfin nahm ihre Vorliebe für Kerzenlicht zum Anlaß einer Philippika gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die delikate Farben wirkungslos und zarthäutige Frauen schlecht aussehend mache. Graf Castellani, mit seiner Meinung stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei, Hofmann, der er war.

Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach dem Frühstück durch den Park gingen: »Die gute Gräfin denkt, wenn sie fünfundzwanzig Kerzen brennen läßt, hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob achtzehntes Jahrhundert bloß ein niedlicher Illuminationsscherz wäre. Heute sind alle so. Leere Prätensionen. Eine herzlich angenehme Frau, aber ohne Tournüre. Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.«

Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. Er machte sich nichts aus Frauen. Als Mitglieder der Gesellschaft und vernunftbegabte Individuen konnte er sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden verbarg er die Geringschätzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; als Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden für ihn. Er hatte sich darauf eingerichtet, den ganzen Winter auf dem Gut zu bleiben; er empfand sich, in historischer Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nächste Freund des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane begegnete ihm mit scheuer Verehrung. Es hieß, er benutze die ländliche Muße zur Niederschrift seiner Memoiren, die Hauptbeschäftigung der großen Aristokraten nach dem Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich Überfülle des Stoffes, da er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle bedeutenden Welthändel von Algeciras bis Brest-Litowsk tätig eingegriffen hatte.

Polyxene sagte zur Erasmus: »Man erfährt durch ihn Dinge, die in keinem Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, ist er unwiderstehlich; wenn er schweigt, ist etwas Schauerliches um ihn. Er hat die Aura des Verhängnisses.«

Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, die Aura des Verhängnisses. Sie belehrte ihn gern.

Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit Erasmus über ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft die langwimprigen Lider senkte, sobald er einen seiner vergifteten Redepfeile abschoß. Sie erzählte, daß er in Paris eines Tages seinen Diener auf die Straße geschickt habe, damit er einen Kommissionär heraufhole; als dieser vor ihm stand, habe er bloß gefragt, wo der nächste Friseurladen sei und ihn nach geschehener Auskunft gnädig entlohnt.

Keine der Frauen ließ Erasmus merken, daß sein Besuch einem Zweck gelte; keine schien davon zu wissen. Infolgedessen gewann er Freiheit und faßte den Zweck selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nüchternen Gedanken, sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, zu erobern. Aber hier fing schon die Mißlichkeit an. Da vier anmutige und besondere Geschöpfe ihre Lockfäden um ihn spannen, vergaß er, daß mindestens zwei von ihnen seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch im allgemeinen wurde rege. Wohl wußte er, daß das gefährlich war und daß es ihn aus der Bahn des Ersprießlichen lockte; aber er ließ es geschehen, daß das Nützliche zurücktrat gegen das Wohlige, und indem er sich der ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, wuchsen Mut und Unternehmungsgeist in ihm. Es war so läßlich betäubend, das alles, so von der Zeit entfernt, in der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art gemäß, und es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten seiner Natur.

Kaum aber wurden die fünf Damen, die ja im Grunde fünf Verschworene waren, seiner Empfänglichkeit inne, so trugen sie Sorge, daß die günstige Entwicklung tunlich gefördert werde. Jedoch sehr heimlich; von einer Unterredung zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb auf keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wußten zu genau, daß eine Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline verhielt sich bei den Beratungen passiv, wurde auch nur hinzugezogen, wenn es sich darum handelte, ihr notwendige Verhaltungsmaßregeln einzuschärfen oder sie wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. Aber um ihr behilflich zu sein, mußten sich alle einem gewissen Plan fügen, der darin bestand, Pauline vorzuschieben und sie der Gelegenheiten möglichst wenig zu berauben.

Das klang in der Theorie selbstverständlich und schien ohne weiteres befolgbar. In der Praxis war dabei mit der Gegenpartei zu rechnen. Zum Beispiel fand es Polyxene beschwerlich, daß sie auf die Gesellschaft von Erasmus verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. Sie sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit einem vernünftigen Menschen unterhalten zu können; ihm auszuweichen, wenn er sie suche, dazu erblicke sie keinen Anlaß. Sebastiane wieder erklärte es unter ihrer Würde, daß sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht einmal feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden und ob Erasmus gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu beschäftigen, wie man annehme. Aber ehe Erasmus gekommen war, hatte sie sich am eifrigsten für den Heiratsplan eingesetzt und der jüngeren Schwester vortreffliche Ratschläge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten über Aglaia zu beklagen, die sich, wie sie äußerte, in jedes Gespräch dränge, sich mit ihrer agassanten Koketterie lästig mache und es anscheinend nicht ertragen könne, wenn man sie fünf Minuten lang unbeachtet ließ. Aglaia lachte zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder könne sich sein Vergnügen verschaffen, wo er wolle, und wem sie im Wege sei, der möge ihr den Rang ablaufen, das Aschenbrödel abzugeben, habe sie keine Lust. Die Gräfin beschwichtigte die erregten Gemüter, appellierte an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias gutes Herz, doch dauerhaft war der Frieden nicht, den sie mit Aufwand vieler Worte stiftete.

Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren Ursache er war und denen er in fühlloser Unschuld täglich neue Nahrung gab. Er überließ sich dem Antrieb und der Stunde, der augenblicklichen Neigung und Verführung, nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, was hinter den Wänden vorging und sich hinter den klaren Stirnen verbarg.

Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr Wesen gebreitet war. Sie hatte den überschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch Schultern und Hände waren überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen gehen, mit dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. In den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe, welche sinnliche Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten beständig wie bei einem äugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und andeutend von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hörte gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe galten mehr ihrem Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen Fieberhaften, verheißend Glühenden ihres Innern als ihrer Rede.

Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem winzigen Haupt und der graziösen Haltung, die so ausgeglichen war; und klug; und ein bißchen trocken und mißtrauisch. Er hatte sie für temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen aus dem Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen und sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte, mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn wegzureißen und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie spürte, daß etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lächelte verstohlen in ihrem nachstürmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein vierjähriges; die standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um die Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine Frau, eine unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, und sie schien ihm höher dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrückter.

Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit jungen Mädchen gemacht; man kam mit ihnen ermüdend oft auf einen toten Punkt und ließ sich aus Kümmernis der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus Bosheit zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem man dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit, kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel ihm so häufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte lachen; was war denn das, ein Nebelhuhn?

Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug seines Charakters war, daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was nicht hinderte, daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er zuerst beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im Geleise.

Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; bald neugierig, bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte üppig entwickelte Formen, im Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender Durchsichtigkeit. Sie war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; die beklommene Lässigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten jungen Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit für ihn. Es war zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten Weg. Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ er sich dann wieder anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl und flüchtete in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia.

Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde Fontäne, lärmend und erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin, Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. Sie sagte Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum Erröten brachten und hegte noch die zärtlichsten Empfindungen für ihre Puppen. Sie war ruhelos, naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte, spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen Gesten und Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit gewöhnt sind, weinte und lachte über ein Nichts und war der Despot im Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie verabredet.

An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen etwas zeigen.« Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar unbewohnte Räume in den Ahnensaal, dessen Wände von Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild einer kühnblickenden, reichgeschmückten Dame und sagte: »Das ist meine Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine Polin. Es heißt, daß sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer außerdem, daß Ludwig der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufständischen vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So muß eine Edeldame leben, und so muß sie sterben, finden Sie nicht?«

Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang.

Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise zu beschränken. Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als daß es als Ideal aufgestellt werden könnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten ungebührlich zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach einem andern Maßstab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mühe haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten.

Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit funkelnden Augen erst unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie aus: »Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter Barbara der Angstschweiß ausbricht.«

Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich den Kopf. Hierauf sah er das Mädchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen Unverschämtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte sich ihr, und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände im Nacken und straffte sich. Er warf einen hastigen Blick nach der Tür und küßte sie rasch auf den Mund. Sie schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch viel leiser, und lief davon.

Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der wich er feig zurück, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten. Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter allen Vieren richtete er Verwirrung an.

Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er war voller Gewissen und Rechtschaffenheit. Er verführte durch seine Weise, zu sein, die keine ränkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine lasterhafte, nur eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch Verführbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der bereitwilligste Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb schüchterne, halb kühne Versprechungen gab, die nichts mehr mit Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was Lix Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte.

Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen und dem nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen Verbindlichkeiten nicht zu verwechseln. Beziehungen knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine geflüsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein Komplott; Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt, körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur Verräterin; jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte die Huldigung, den Glanz, den Wetteifer des andern, und er mußte darauf bedacht sein, zu glätten und vor allem, daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand.

Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten Fruchtschale; alle konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, wo er einmal das Wort vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad.

Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte von ihren kostbar dünnen Gelenken. Der Ausspruch der Frühentschlossenen wollte ihm nicht aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich verschenken. Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute nacht, wenn du willst.

Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch über Metempsychose vor. Sein Blick hing an ihren Händen, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt umdrehte, glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner Haut zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und einem Gespräch mit einem Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, während Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht.

Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrten sie im Gebüsch neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war außerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte weiter verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken, und indem er redete, schien ihm, daß sie sich vertrauensvoll an ihn drängte, unbewußt, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde ängstlich; nahm seine Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet doch ins Netz.

In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und Überschwang setzte er sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal, weil er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit ging; einmal, weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr eifersüchtige Vorhaltungen machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die wohl seine Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu können, zählte er von eins bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter.

Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck ein, welches lautete: Komme morgen mit meinem Freund Eugen Sparre. Nun wußte jedoch niemand, weder die Gräfin, noch eine der Töchter, wer Eugen Sparre war; sie wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg Ulrich Castellani konnte sie aufklären, als beim Mittagessen davon gesprochen wurde. Er lachte unter seinem gewölbten Schnurrbart, der den Mund wie ein schwarzseidener Vorhang bedeckte, und sagte: »Sparre, ach ja, ich erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzählt. Er ist ein junger Mediziner oder angehender Arzt, der in einem herausfordernden Gegensatz zur gesamten bisherigen Wissenschaft steht und seine eigenen, ich weiß nicht ob bewährten oder fragwürdigen, wahrscheinlich aber fragwürdigen Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges Penchant für ihn, seit er im Sommer an einer Neuralgie gelitten und ihn dieser, wie war der Name? Sparre? und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwört, vollständig geheilt hat. Man muß Ferry seine kleinen Bêtisen nachsehen. Manchmal greift er über sein Ressort, aber es ist harmlos. Das Harmlose kränkt einen nicht.«

Die Damen zeigten Interesse für den unbekannten Sparre; Aglaia sagte, vielleicht habe er auch für die Pferdekuren etwas Neues erfunden; der Falb fresse seit gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine Ordination bitten. Worauf die Gräfin verweisend bemerkte, man habe schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; daß einer Sparre heiße, sei noch kein Grund, sich über ihn lustig zu machen, im übrigen sei ja Ferry Sponeck alt genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen dürfe.

Während des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete über Unruhen, die in einigen Dörfern der Umgegend ausgebrochen seien. Eine bewaffnete Bande habe in vergangener Nacht die Försterei des Fürsten Colalto überfallen.

Castellanis Gesicht verdüsterte sich, und er sagte: »Bien, man wird schießen.«

»Und Sie, Erasmus?« fragte Sebastiane, den Arm um die Schulter ihres ältesten Mädchens legend, »werden Sie uns verteidigen?«

Er antwortete: »Ich wollte, ich wäre so beredt, Sie darüber beruhigen zu können.«

Die Gräfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre gewohnte Partie Piquet zu spielen.

Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und Eugen Sparre blieb auch nach der Ankunft der beiden bestehen. Man lernte in diesem Sparre einen ungefähr sechsundzwanzigjährigen, brünetten, untersetzten, nicht ohne Sorgfalt gekleideten, äußerst wortkargen Menschen mit zurückhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft markanten Zügen kennen, von dem nicht erfindlich war, was ihn an die Person des Grafen Sponeck fesselte. Ferry Sponecks ihn rühmende Reden ließ er gleichmütig über sich ergehen und bat die Zuhörer durch einen kühlen Blick um Entschuldigung, man wußte nicht, ob für sich oder seinen Gönner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen allerdings einen Ton, wie wenn einer eine Jagdtrophäe oder eine klug erhandelte Antiquität vorweist; doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben gemengte Bewunderung für Leute der Wissenschaft. Es hatte den Anschein, als betrachte er Eugen Sparre als seinen Leibarzt; er richtete alberne Fragen an ihn, betreffend die Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die Grundsätze der Prophylaxis und war bemüht, ihn zur Gesprächigkeit zu ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing so ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, daß sein Betragen zum Spott aller wurde.

Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen Herzlichkeit, mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er, er müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, der den Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert habe, daß er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht zu stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel eine Grobheit und eine Selbstdemütigung enthielt, er habe eine angefangene Arbeit mitgenommen, der er den größten Teil des Tages widmen müsse.

Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die Georg Ulrich Castellanis.

Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob es ein Zerwürfnis gegeben hätte?

Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vier wunderbaren Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war, ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene.

»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.«

Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht. Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Das après nous le deluge ist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken, Sie haben recht.«

»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns unfähig macht, einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton.

»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und stand hingebungsvoll dienend vor ihr.

Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube, Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre Augen blitzten vermessen.

Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach, warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen, dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war gemeinsam.

Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er mit Lix zusammen. Sie war strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway, nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös.

Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach, trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor.

Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu fürchten.

Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, mußten die Fenster geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht, welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls, jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen Arm, und man ging zu Tisch.

Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin sagte.

Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des Fünften.

Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums. Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es bedeutet pur et simple einen Gipfel der Welt, eine Kulmination der Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann. Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein, anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren, Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube, der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir lacken lehr. Welche tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung, d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja, die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt, Jahrhunderte lang.«

»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,« ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden Widerspruchs zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl, die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich. Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil, sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen, deren sich die großen Herren bedient haben, um ihre kleinen Zwecke durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen Brunnenvergiftung.«

Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter zeigten.

»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,« antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen, es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich? Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl und die Modalität des Sterbens letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude, vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.«

»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken.

»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,« fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich, wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in den er tritt, mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet, fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf, bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie, die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.«

Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die Gefahr, es völlig mit Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß ich da weder Glorie, noch Geheimnis erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und verächtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden, weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle Rassetiere im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, um zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu befördern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lüge –«

Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige Gespräch ab,« sagte er scharf.

»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,« wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn.

»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte die Gräfin verbindlich.

Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu fehlt momentan die nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« erwiderte er mit steifer Verbeugung.

Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: »Gaffen hat er sich bis jetzt genug geleistet.«

Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, denn er merkte endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag mir doch, Mumu,« raunte er Erasmus zu, »was hat es denn eigentlich gegeben?«

Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus stand, horchte auf; dies Geräusch zu dieser Stunde war ungewöhnlich. Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage: »Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins Haus führen müssen?«

Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Gräfin gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar Worte ins Ohr geflüstert. Die Gräfin sprang mit verändertem, erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter sie erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth ist angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind geflüchtet. Das Schloß brennt.«

»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet.

Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus. Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit: »nom de Dieu; nom de Dieu,« Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder zu binden.

Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff, weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich, davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein sechzehnjähriger Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie Schiffbrüchige.

Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt. Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte, erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt, Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon –« Frau von Gravenreuth antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter. Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand, führte sie an die Lippen und sagte: »Ich empfinde tief mit Ihnen, bis ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der Katastrophe.«

Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos; der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in der Nacht herüberkommt.«

Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen –«

Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf, meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen ersetzen zu können.«

Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben wollen –«

Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Das mußt du verhindern. Um jeden Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin, sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag sie sterben.«

Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr. »Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs. Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde nachkommen.

Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße stockfinster und grundlos, außerdem –« Erasmus schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab, »wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.«

Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer Brandröte.

Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen, die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen, Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel, durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der schlaftrunken döste.

Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht; Inbegriff des Hassenswerten. Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ...

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