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Der Wendekreis - Erste Folge

Ungnad (continued 2)

Reading edition

Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf.

Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt. Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei; es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seine bête noire entdeckt, das wird es wohl sein.«

Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren sei, um den Arzt zu holen.

Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen hatte. Eines Tages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour. Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf; denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.«

Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt.

Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die wasserhelle Bläue der Luft.

Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von Gravenreuth sei bei ihr.

Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fuß klebte im Schreiten. Erasmus frühstückte mit Sponeck allein; die Damen schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt, heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei außer sich, da er erfahren habe, der Eisenbahnverkehr sei für die Dauer von drei Tagen eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus gerichtet.

»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus.

»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry Sponeck; »er wird Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten oben nehmen.«

»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus.

Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, als seien Türen offen, die hätten geschlossen und andere geschlossen, die hätten offen sein sollen. Er grübelte darüber nach wie er es anstellen könnte, zu Marietta zu gelangen. Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem Mund.

Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, ihr Aufklärungen zu geben. Er wurde beredt. »Sie müssen es verstehen, Gräfin,« sagte er. »Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren Sie es nicht auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem Gesicht alles Böse zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die Anmaßung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt und den Purpur mit Füßen tritt –?«

»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, halb entsetzt; »Sie übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben ungeheuerlich.«

»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken vermag, mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskräftiger erscheint. Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es steckt mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für dergleichen Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns gekommen, daß wir wie Schlachttiere unsern Hals hinhalten müssen. Er ist nicht bloß ein Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und daß er hier in unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals. Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar gewesen ist, ihn an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ändert das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch immer nahe steht. Sie müssen das begreifen.«

»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« antwortete die Gräfin, milder gestimmt; »aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation ist unmöglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die jungen Mädchen, – unmöglich. Auf irgendeine Manier müssen wir aus diesem Wirbel heraus. Irgend etwas muß beschlossen, muß getan werden.«

Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen Sie mir Zeit,« flehte er; »vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig bouleversiert. Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.«

Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den Erregten, »machen Sie keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht; fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer Freund.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen.

An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein Gang durch den Park mit Aglaia.

Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen, trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lächelte abwesend und schal. Die Freundlichkeit, mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte es in der Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin Marietta,« sagte sie; »sie war unbeschreiblich schön, als sie gestern naß und elend im Flur stand. So habe ich mir immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« Sie stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen Blick wieder aus. »Darf man sich dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist Todsünde, ich weiß es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie über alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide ich sie.«

»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum beneiden Sie Marietta?«

»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; »ich kann es nicht sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, und ich könnte von jetzt an bis zum Abend Marietta sein, und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht sterben, nicht eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.«

»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm war zumut, als habe sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnürt. Sie übte, während er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen Ausflucht verließ er sie.

Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« sagte sie.

Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen zurück und verzögerte den Schritt, als ob er Wichtiges verabsäume, wenn er sich zu weit entfernte.

»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, »wir sind Ihnen unsagbar lästig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist mißglückt. Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?«

»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus.

»Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,« entgegnete Aglaia; »das ganze Arrangement hat mir ohnehin nie recht gefallen; je besser ich Sie kennengelernt habe, je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich engagiert, und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglück. Daß das Unglück viel größer wäre, wenn sie Ihre Frau würde, kann man ihr vielleicht sagen, aber sie wird es nicht einsehen. Unterbrechen Sie mich nicht, Erasmus, ich hab mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu lesen und will es auch tun. Es ist sträflicher Leichtsinn, daß Sie überhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn ernst damit? Gott bewahre. Sie machen es wie die Indianer auf dem Kriegspfad; Sie stecken sich bunte Federn auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann schleichen Sie sich durch die Wälder, um ein bißchen zu wegelagern. Und wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam führen. Was da geschieht; je vois ça d’ici. Wenn sie meine Freundin wäre, würde ich sie auf den Knien beschwören, sichs dreimal zu überlegen, und noch dreimal, und dann erst recht davonzulaufen. Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,« sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und fließendem Gefühl an, »daß ich Ihre Vorzüge nicht kenne. Sie sind nur nicht der Felsen, auf den ich bauen möchte.«

»Es erstaunt mich, Aglaia,« antwortete Erasmus befangen, »daß Sie sich so urteilen getrauen; so dezidiert, so ... kühn. Wo haben Sie das her? Soviel Kenntnis, kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?«

Sie sagte spöttisch: »Keine Geringschätzung gegen die Jahre, Erasmus. Solange es grauhaarige Dummköpfe gibt, darf es auch siebzehnjährige Komtessen mit gesundem Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind zu allerlei nütze, und meine zwei Augen verraten mir, daß Sie jedes Herz lieblos zerzupfen, daß sich Ihnen schenkt. Es tut Ihnen leid, aber Sie können nicht anders.«

Erasmus nickte melancholisch. »Wenn es nur nicht so schwer wäre, Aglaia,« erwiderte er mit seiner verdeckten Stimme; »man weiß nie das Richtige. Kommt es einem mal so vor, als hätte man sich zum Richtigen entschlossen, so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre. Man liebt jemand, schön; aber weiß man denn, wie lang es dauert? Und die Betreffende bildet sich ein, es dauert ewig. Weiß man denn, was es mit der Betreffenden auf sich hat? ob sie sich nicht selber täuscht? ob es nicht ein Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem so viel wie sie sein möchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. Über einem ist ein Gesetz; das Gesetz muß man erfüllen; wenn aber der Augenblick da ist, wo es Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil man Angst hat; die Verantwortung ist zu groß. Es gibt bestimmte Zeichen, aber vielleicht deutet man sie falsch. Geschehenes kann man nicht rückgängig machen. Ich darf mich nicht betrügen lassen von meinen Sinnen. Ich darf mir nicht genug sein. Ich bin bloß einer aus der Mitte heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein Zweifel übrigbleiben. Wenn ich so einen Entschluß fasse, muß ich das Bewußtsein haben: Gott will es. Kann ichs noch unterlassen, so heißt das so viel wie Gott will es noch nicht. Man muß sich in acht nehmen und darf nicht vorwitzig sein.« Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sah kränklich aus.

Aglaia faltete die Hände und blickte mit drolliger Verzweiflung gen Himmel. »O Erasmus,« seufzte sie, »Sie zerreißen mir das Herz. Und da gibt es Menschen, die einem harmlosen jungen Mädchen zumuten, Hoffnungen auf Sie zu setzen. Es muß ja jammervoll in Ihnen aussehen. Das ist schlimmer als die zehn ägyptischen Plagen. Nein; um Himmelswillen, niemals! Passen Sie auf, Erasmus,« fuhr sie zutraulich fort, »ich bin kein trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fängt. Ich glaube, ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs leugnen? Ich glaube, ich könnte sogar Tollheiten für Sie begehen; nicht ganz große Tollheiten, gemäßigte nur. Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie es ein Wort sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden ist, ist ja Spiel und Zauberei davon weg. Und sehen Sie, wie hübsch, daß ichs gefunden habe, bei Spiel und Zauberei müßt es auch bleiben. Das andere, das muß schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komödiantin oder eine Heilige könnte es aushalten.«

Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinüber. Er hatte sein spleeniges Lächeln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal, dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene da gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht ganz, wollte ihm scheinen.

Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt. Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre beiden Mädchen im Sand, und der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. »Merkwürdig, wie ähnlich er Ihnen sieht,« sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend.

Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl nieder, und im spärlich fließenden Gespräch mit Sebastiane, die von der halbverwachten Nacht müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, seine Füße, sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens, hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn höflich an wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch blühten. Die Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu antworten; der groß vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über sich selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch sich zu ihnen hingezogen gefühlt; die Empfindung für Sebastianes Kinder hatte ihnen nur in der Vereinigung mit der schönen Mutter gegolten.

Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen spürte, dünkte er sich alt. Er erschien sich wie ein Baum, belastet mit Jahren, beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele stürmische Tage und Nächte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein Schößling, zart und kräftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer unbekannten und zu fürchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten Wege waren ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses war eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum Fluß gehen, Wolf?« fragte er. Der Knabe bejahte erfreut.

»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe.

Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du, ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde; eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er Heilung finden. Der Dalailama ist der oberste Priester der indischen und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt, als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« – »Das ist alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« – »Ja,« antwortet er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr, älter nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das ist meine Geschichte.«

»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern gefallen.

Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse, daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.

Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und Tücher. Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben. In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut, unvergangene Schönheit.

Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur, arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes, nicht Teil seines Lebens mehr.

Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand.

Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus. Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein Kind. Wolf ist dein Sohn.«

Regungslos starrte er Marietta an.

Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir vereint waren und uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der Hand halten und auf deine Auferstehung warten.«

Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an.

Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß.

»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir. Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach, Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.«

Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst, Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich er aus. Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit, die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und unwiderruflich, unwidersprechlich ist.

Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab. Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus, während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.«

Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesicht war ein Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick.

Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort, das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum: alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und verkrampfte sich ins Arge.

Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft, ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand, das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und Nachfolge.

Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen des Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf einem Säulenpostament neben der Tür des Musikzimmers gestanden, war heruntergefallen und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal kamen die Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flüchtete zur Herrin; die Gräfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren Scherben zu sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog sich zum Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand. Erasmus, ebenso unwillkürlich, umfaßte die Hand des Knaben mit tröstendem Druck, und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte, war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte und eine formelhafte Beschwichtigung flüsterte. Schwere aber lastete nun auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen war und jetzt zurückkehrte.

Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen Schriften zur Hand, die er stets mit sich führte. Aber er konnte seinen Geist nicht zur Lektüre sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer mit aufgestütztem Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend. Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb im Traum.

Es war wie Traum, als Sparre eintrat.

Die anfängliche Empörung Eugen Sparres hatte nicht lange gedauert, obwohl Ferry Sponeck täppisch wie ein Bauer gewesen war. Da er die Abneigung des Grafen Ungnad deutlich gespürt hatte, war ihm dessen Verhalten nicht einmal so rätselhaft wie seinem Botschafter, um so weniger, als sich Sponeck bemüßigt glaubte, zur Entschuldigung des Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen ihm und der Kranken hinzuweisen. Was für Dickhäuter diese Menschen doch sind, dachte Sparre; als ob dadurch der Schimpf harmloser würde.

Man könne vorläufig nichts Rechtes unternehmen, faselte Ferry Sponeck, der nicht wußte, wessen Partei er ergreifen sollte und zwischen der alten Anhänglichkeit an Erasmus und der bewundernden Dämonenfurcht schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer kritischen Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob Sparre an ritterliche Austragung denke? doch wohl kaum? Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich Castellani beraten; jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer verteufelten Zwickmühle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; er gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und wünsche sie zu erhalten, wie es sich für gesittete Menschen zieme. Er fühle sich so wenig beleidigt, wie wenn er im Wald über eine Baumwurzel gestolpert wäre; »man war achtlos,« sagte er, »das nächste Mal wird man aufpassen. Mit Ehrenkränkung hat das nichts zu tun.« Worauf ihn Ferry Sponeck kopfschüttelnd für einen unmäßig interessanten Mann erklärte.

Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und hatte Nachsicht. Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der Sturm verschlagen, die seine eigene aufwühlte, in die er wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht aus Schrecken über den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen hatte, die ihm eine vorübergehende Ruhestatt zu bieten versprach, fühlte er stärker noch als unter dem ersten Eindruck das Erstaunen über alles, was ihn umgab.

Diese Menschen waren ihm wie alte Gemälde. Tod war über sie hinweggegangen; Leben in seinem Sinn hatten sie nicht. Etwas wie goldner Staub hing an ihnen, Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjährte Ehrwürdigkeit. Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die der Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lächeln war bedungen, ihr Lachen klang aus der Erde. Alles an ihnen war bedungen, gekettet, befohlen und vorgesetzt; ihr traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter der Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lüge von Herrschaft hingegeben, und sie wußten um die Lüge, lange schon, aber jeder schmeichelte dem andern die Lüge weg. Sie glichen den Schwerkranken, denen man Gesundheit einredet, mit leichter Mühe, weil ihre Seele getrübt ist; die in jede Gebärde, in jeden Hauch ein Übermaß von Hoffnung und Sorglosigkeit legen und nur die Täuschung wollen, sonst nichts. Diese Stuben, diese Gänge, die glänzenden und alten Dinge, es war ein Mausoleum, ausgeschaltet aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft, ohne Farbe. Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, worauf sie ängstlich lauschten; Menschenforderung galt ihnen für Unbill; sie wohnten noch in der alten Form, sie hielten noch die abgeschnittenen Zügel in ihren Händen, lächelnd, indes der Wagen still stand und die Pferde entführt waren.

Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund zuschritten, dessen Phosphoreszenz sie über seine verschlingende Gewalt betrog. In einer Sehnsucht schmolzen sie, die keine Erfüllung mehr finden konnte, aber sie ahnten vom Unmöglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter der Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tändelnden Idiom aus verwehten Epochen; nur kein Aufwachen, flehten ihre Mienen, nur kein rauhes Berühren. Die glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die ihre Fantasie noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits hinter der Wand aufbrüllte; sich als Letzte spürend, aber nicht als Vergangene, als Entrückte, aber nicht als Verlorene.

Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und eines Kindes. Die Regionen und die Jahre, aus denen er kam, hatten ihn in der Strenge der Betrachtung geübt. Empfundenes und Geschautes nicht zu verfälschen war sein innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und die Bahn hinter ihm. Unverwöhnt und unerweicht, besaß er die Kraft, Leiden zu überwinden und zu erkennen. Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger Rauch. Er hatte gegen jede Art von Bedrückung getrotzt, jede Art von Erniedrigung erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und sie zu eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht zu werden. Hinaufgeklommen an den schlüpfrigen Quadern des Riesenbaus, von dem auf halbem oder Viertelweg die Schwächlinge und Übergierigen abgestürzt waren, um sich unten die Schädel zu zertrümmern, hatte er mit kühlem Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er gewählt, die ihn gewählt, unerschütterlich gehorsam und schicksalkennend wie nur diejenigen sind, deren Herzschlag der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der großen Wandlung gehört; er hatte sie errechnet, sie war ihm Ergebnis logischer Erwägung, und mitten in der Taifunwelle war er leidenschaftslos geblieben, Beobachter, Arzt. Er war heiter geblieben, ohne aufrührerische Gelüste, dem Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwüstung eine höhere Ordnung vorauswissend, denn alles war Notwendigkeit, Geballtes, Gerafftes, Gefügtes, Wüten von Lebenskeimen gegen Todeskeime, Erneuerungsraserei des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt aus Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen im unsterblichen Ganzen.

Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf Erasmus Ungnad seine Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. Der erste Anblick des gespannten, leidenden, hochmütigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als Erscheinung berührt. In einem Nu hatte er so scharf wie den andern sich selbst erfaßt, eben sein Anderssein und Andersmüssen, das völlige Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und Sonderbares war geschehen: er hatte Schmerz verspürt. Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt; umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; in finster gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, als sei noch Licht die Fülle; müde wie einer, der Schätze getragen hat; ungegenwärtig, verfangen, versponnen, tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen begleitet, der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der adlige Mann, Überbleibsel und Anachronismus, der, dem auch Gott nur eine Form ist, wie Graf Castellani gesagt hatte, der es nicht nahm, nicht wollte, daß sein Reich aufgehört hatte zu sein und der von der Zeit nichts zurückbehalten hatte als die Jahre, geschäftige Symbole, doch leer und sinnlos.

Die Erschütterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war derart, daß sie auch durch die beleidigende Feindseligkeit des Grafen nicht vermindert wurde und gab ihm so viel zu denken, daß er seine Arbeit darüber vergaß. Die persönlichen Verhältnisse Ungnads flößten ihm, jenem Allgemeinen gegenüber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem horchte er bei den Andeutungen Ferry Sponecks auf. Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur Verschwiegenheit verbunden; was alle Welt wußte, konnte auch Sparre wissen; für Sparre war es Bestätigung, die den Charakter noch tiefer erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was seinem Auge entging, vervollständigte die Kombination. Diese Geschicke ließen sich wunderlich leicht entziffern; ihre Hieroglyphen bedurften nicht einmal der Geduld. So zuckte für ihn greller Schein um die Szene im Flur, als er ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden. Sekundenkurzes Schauen genügte; haften blieb in Blick und Gedächtnis der mädchenhaft zarte Knabe neben dem überschlanken Erasmus Ungnad, das Gebeugte und Zerquälte an ihm, das zitternd Aufgestörte im Wesen des Kindes, die unverkennbare Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung beider, etwas Unsagbares von Verkettung.

Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene die Scherben auf; Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um ihr zu helfen. Da sagte Sparre, man möge ihm die Stücke überlassen; wenn er Klebestoff bekommen könne, getraue er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen schon oft versucht, und mit Glück. Die Beschädigungen waren in der Tat nur geringfügig; die beiden Henkel und ein Teil des oberen Randes waren abgebrochen, ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah ihn verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: »Ja, darauf versteht er sich, er hat auch mir einmal eine Sevreschale geleimt, er ist überhaupt ein Tausendkünstler.« Die beflissene Fürsprache erweckte Heiterkeit, auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer Weile ein Töpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die Vase samt den Scherben in ein Tuch und begab sich damit in sein Zimmer.

Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche Vorstellung. Es war ihm ein in das Kleid einer Parabel gehüllter Scherz; eine Mitteilung von ungewisser Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Während er mit Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfügte, kleine Splitter mit geschickter Hand einpaßte, lächelte er häufig. Als er nach zweistündiger Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; Ungnads Zimmer lag dem seinen schräg gegenüber, wie er wußte. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er die Vase vorsichtig in die Hand, prüfte das Werk noch einmal, überzeugte sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten Teile und verließ das Zimmer.

Erasmus fuhr auf. »Was wollen Sie?« stotterte er, »was bedeutet das?« Er starrte auf das tönerne Gefäß.

Sparre stellte die Vase auf den Tisch. »Wenn man morgen die Bruchlinien abfeilt, wird der Schaden kaum mehr bemerkbar sein,« sagte er.

»Aber was soll es denn heißen?« murmelte Erasmus. Er hatte sich erhoben, stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend.

»Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall nah gegangen,« sagte Sparre; »ich weiß selbst kaum, warum ich mich verpflichtet fühlte, ihn wieder gutzumachen. Vielleicht wollte ich damit auch eine mir geschehene Widerwärtigkeit aus der Welt schaffen. So etwas ist störend, wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeinträchtigen kann. Wo der Hieb nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie mich als Arzt für einen Menschen verpönt haben, habe ich mich begnügt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das Ding ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.«

Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Baßtiefe schleifend.

»Ich verstehe nicht,« stieß Erasmus hervor; »Sie wollen sich über mich mokieren, scheint mir ...«

Sparre blickte zu Boden. »Merkwürdig, daß Sie es nicht verstehen,« sagte er wie im Selbstgespräch. »Gibt Ihnen denn das keinen Fingerzeig, daß ich, der Mensch, den Sie hassen oder glauben hassen zu müssen, der Mensch Ihrer Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente Ehre einer entscheidenden Funktion zuweisen, daß dieser selbe Mensch etwas Zerbrochenes für Sie wieder ganz gemacht hat?«

Erasmus stutzte. Vor Unwillen rötete sich seine Stirn. »Für mich ganz gemacht? Für mich? Wirklich, Sie erlauben sich ungebührlichen Spaß, Herr Doktor Sparre ...«

Sparre schlug langsam den Blick auf. »Ich möchte gern in anderm Ton mit Ihnen sprechen, Graf Ungnad,« sagte er verhalten. »Sie gehen im Wesentlichen fehl. Ihre Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not. Als der Krug da herunterstürzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel mit dem Tier? Er fühlte sich aber schuldig, und als Sie seine Hand faßten, hatte ich den Eindruck, als ob Sie sich für seine Schuld mitverantwortlich fühlten. Aber Sie haben es doch nicht gewagt, für ihn einzustehen. Was liegt an diesem altertümlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn ihn das Aufräumweib vor mir auf den Kehricht wirft, schau ich nicht einmal darnach hin. Es entspricht auch nicht meiner Überzeugung, daß man Zersplittertes wieder kitten soll. In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die Überzeugung zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei nützlich. Ich dachte, ich könne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen Sie mich noch immer nicht?«

In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe stülpte sich; die Handfläche rieb sich an der Lehne des Stuhls.

»Also will ich klarer sein,« fuhr Sparre etwas gedrückt fort, denn er hatte flüssigere Verständigung erwartet; »ich habe etwas über mich vermocht, was meiner Natur und Lebensrichtung diametral entgegen ist. Ich habe etwas versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen können, das geistig Geschiedene zu überbrücken, dem, was streng und unbedingt jenseitig für mich ist, mich zu nähern. Ist es hoffnungslos? Diese Tonvase, ich stelle sie her wie einen Markstein, an dem wir uns treffen können, Sie von Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der nie wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich jetzt antreibt und erfüllt, ist sicher nur eine einmalige Flamme. Vielleicht ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen Verwandlungsinstinkt der Insekten. Vielleicht kann ich den analogen Prozeß in Ihnen beschleunigen. Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang der Sterne ist kein Heroismus, das Unabänderliche verfluchen keine Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, bis zu dem mühsam geleimten Krug auf dem Tisch da, so seien Sie nicht taub für mein qui vive; Sie wissen ja, die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht Kameradschaft; ich habe nur erfaßt, was mir, was uns dienen kann. Es gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf Ungnad, verschiedenerlei Mut und verschiedenerlei Feigheit, verschiedenerlei Grausamkeit und verschiedenerlei Güte. Ich und die meinen, wir können nutzen, was Sie und die Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die Scheunen gebracht haben, an blutgehärtetem Stahl und geraffter Muskel und geweihter Lehre und dem Glauben daran und an Erfahrung, die durch die Geschlechter veredelt ist, an geschmolzenem und gemünztem Gold des Lebens. Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und Anprall erholt haben. Denn sonst sind wir auf unserer Seite so verloren wie Sie auf Ihrer; ein Rachen wird uns schlucken, der keinen Unterschied macht zwischen mehr oder weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie die zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen Sie das Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es noch so meisterhaft gekittet ist, auf den Kehricht. Alte Form muß sterben. Und Gesetze sterben wie Formen und wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das Leben.«

Er stand noch eine Weile und schaute über Erasmus hinweg, der sich nicht rührte. Dann verließ er mit zeremoniöser Verbeugung den Raum.

Erasmus rührte sich noch immer nicht. Suada haben diese Leute, dachte er, und senkte in peinlicher Benommenheit den Kopf. Aber die Benommenheit wuchs und wuchs. Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien ihm, als zerspalte sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte er und lauschte, weil ihn dünkte, das Seufzen käme aus der Mauer. Wenn man die Schwere der Niederlage mildern könnte, ging es ihm, scheinbar zusammenhanglos, durch den Sinn. Und darauf wieder: ich weiß, daß sie sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich weiß es. »Erlöse uns von dem Übel,« murmelte er vor sich hin, das Taschentuch an die Lippen pressend, »und führe uns nicht in Versuchung.«

Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch lag in den Ohren weitentferntes, gräßliches Geschrei. Jemand ging im Korridor vorüber. Er öffnete die Tür; es war finster. Der Schlaf der Bewohner wälzte sich her, zu schwarzem Schlamm gestockt. Er zündete eine Kerze an und ging, die Flamme mit der Rechten schützend, den Flur entlang. Auf einmal prallte er zurück. Auf der Schwelle einer Tür stand eine Frau. Sie hatte die Hände vors Gesicht gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer gewandt, in dem eine umhüllte Lampe brannte.

Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, ließ matt die Arme fallen. »Schlimm steht es,« hauchte sie.

Er schwieg.

»Kommen Sie herein,« sagte sie, »hier schläft Wolf; die Pflegerin hat mich eben jetzt bei Marietta abgelöst. Aber leise, bitte, das Kind schläft spinnwebdünn heute.«

Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er die Kerze verlöscht und weggestellt hatte. Er flüsterte: »Es ist alles so sonderbar, Baronin, so sehr sonderbar.« Seine Wangen wurden fahl, plötzlich kniete er nieder und betete.

Frau von Gravenreuth schloß die Tür. »Ich war nicht vorbereitet,« sagte sie mit erstickter Stimme, als Erasmus sich erhob, »bin es noch immer nicht. Was wird werden, Graf?«

Erasmus setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sie wissen ja, weshalb ich hierhergekommen bin,« sagte er.

Sie nickte. »Ich weiß,« erwiderte sie. »Sie wollten um eine der Komtessen werben, Sie wollten heiraten.«

Er fuhr fort: »Nun wird es anders kommen. Nicht eine Frau werd ich heimbringen, sondern einen Sohn.«

»Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem Sohn?« fragte Frau von Gravenreuth mit bleichen Lippen.

Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: »Es muß in Liebe werden und im Gesetz, denk ich.«

Ein Geräusch ließ beide zusammenfahren. Wolf war erwacht. Er hatte sich aufgerichtet und schaute mit den tauhaft strahlenden Augen herüber, mit denen Kinder den Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die Arme aus, als beschwöre sie ihn; Erasmus trat neben ihr an das Bett.

»Erzähl mir vom Dalailama,« sagte die helle Glockenstimme des Knaben.

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