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Der Snob

DER DRITTE AUFZUG

Reading edition

Salon eines Hotels, reich mit Blumen geschmückt. Im Hintergrund ein breiter Vorhang.

ERSTER AUFTRITT

Christian im Frack und Orden unter dem Mantel, Marianne Brautkleid unter dem Überwurf treten auf.

CHRISTIAN:

Endlich Luft, Ruhe.

MARIANNE:

Diese Blumen.

Bei einem Strauß:

Vaters.

Sie nimmt eine Karte und liest:

Für meinen verlorenen Engel Marianne. Und hier hier — welch himmlische Orchideen!

Liest:

Von einer Unbekannten.

CHRISTIAN:

So? Sentiment. — Was sprach er am Tisch fortwährend mit meinem alten Herrn. Hörtest du die beiden?

MARIANNE:

Wer soll das sein?

CHRISTIAN:

Fiel's dir nicht auf? Keiner war für seine Tischdame zu haben. Die dicke Gräfin ...

MARIANNE:

Tante Ursula ist fast taub und hatte schließlich das halbe Essen auf der Serviette.

CHRISTIAN:

Wer war der Johanniter zwei Plätze rechts von ihr?

MARIANNE:

Mutters Vetter Albert Thüngen.

CHRISTIAN:

Der Bengel starrte mich unaufhörlich wie eine Erscheinung an und aß darüber nicht.

MARIANNE:

Er hat eine richtige Froschschnute; heißt Frosch darum.

CHRISTIAN:

Seltene Dekorationen waren am Tisch. Bist du mit der Prinzessin so intim, wie sie dich behandelte?

MARIANNE:

Wir wurden sieben Jahre gemeinsam erzogen.

CHRISTIAN:

Sieben Jahre. Ihr duzt euch?

MARIANNE:

Sind doch durch unsere Urgroßmutter miteinander verwandt.

CHRISTIAN:

Die Erzherzogin?

JUNGFER tritt auf:

Wollen gnädigste Komtesse sich nicht umkleiden?

MARIANNE:

Ich bin nun gnädige Frau geworden, Anna.

JUNGFER:

Gut, gnädige Komtesse.

MARIANNE:

Aus mit der Komtesse und Albernheiten. Ich verlange Respekt!

JUNGFER schluchzt:

Ja, gnädige Frau.

MARIANNE:

Was gibt's?

JUNGFER auf Mariannes Hand gebeugt:

Es ist alles so rührend; gnädige Frau gehören uns nicht mehr.

MARIANNE:

Mir selbst nicht mehr. Mädchenlos. Auch deins.

Beide durch den Vorhang ab.

ZWEITER AUFTRITT

CHRISTIAN springt an den Vorhang und lauscht nach hinten:

Diese Anna, das richtige Galgengesicht. Was solche Domestikenbagage hinter Schlüssellöchern auffängt und weitergibt ...

DER JUNGFER STIMME:

... Sahen überirdisch aus. Der Herr Pastor weinte ...

MARIANNES STIMME:

... alte Jansen ... Unsinn!

DER JUNGFER STIMME:

... echte Brüsseler Spitze ... nein, Brüsseler in breiten Volants ... Rosenknospe ...

MARIANNES STIMME:

... Ilse Zeitlow hellblau Atlas zum blonden Haar ...

DER JUNGFER STIMME:

... Sah man doch

leiser:

ihren Busen mit Absicht.

MARIANNES STIMME:

Um Gottes willen!

Gekicher, dann Geflüster.

CHRISTIAN sich näher hinbeugend:

Ah! Das Gewisper wie stets und überall. Wo ich hinkomme, erschlägt's das Wort. Flüstern und zu Boden sehen.

Gelächter in Absätzen.

DER JUNGFER STIMME:

... Schnurrbartspitzen.

CHRISTIAN:

Das bin ich! Jener Tag war mein Waterloo.

DER JUNGFER STIMME:

... ein bißchen lächerlich.

MARIANNES STIMME:

Still!

CHRISTIAN:

Canaille! Hab's schon gehört, Marianne. Doch diesen Abend noch dringe ich in den Tempel deines Herzens und stelle fest, was du weißt.

Neues Gelächter.

CHRISTIAN:

Nur gelacht. Schadenfreude heraus! Öffne, Viper, alle Ventile in ihre Blutbahnen. Denn nachher spüle ich mein Weib bis zum letzten Molekül rein von deinem Gift.

DER JUNGFER STIMME:

Es war zu komisch.

CHRISTIAN:

Nicht so, Äffin, wie du meinst, und noch ist nicht aller Tage Abend. Meine Konterminen sind geladen. Losgeschossen, überdonnern sie alles, was vorher laut wurde.

Es ist hinten ganz still geworden.

Still? Was haben sie jetzt?

Er kniet zur Erde und versucht, unter dem Vorhang hindurchzusehen:

Wäsche, Fleisch und Gesten. Aber ein Wort ist hier not, das Geständnis, wieviel die Welt dir geklatscht, vom Vater angefangen bis zu dieser Laus. Ich habe einen so bedeutenden Plan angelegt, es aus dir herauszulocken, daß es dir schwer werden soll, ein Tittel für dich zu behalten. Du trittst nicht über die Schwelle meines Namens, Weib, es sei denn, derselbe ist ehrfürchtig und gerührt von dir empfunden.

DIE JUNGFER tritt auf:

Darf ich an den Koffer der gnädigen Frau?

Sie entnimmt demselben einen Gegenstand und verschwindet durch den Vorhang.

CHRISTIAN:

Man ließ mich nicht früher an dich heran, wie man sich selbst verhüllte. Doch heute bist du mir zum Examen ausgeliefert. Mit Finessen will ich rekognoszieren, wo in deiner Familie mein grimmigster Feind sitzt. Er muß mit all seinen Schikanen ans Licht, und sollte ich dein Gewissen bis zum Zerreißen spreizen.

Er stiert in den Koffer:

Was stopfte man dir in die Tasche? Was gibt's in dem Koffer an Büchern? Schmähschriften?

Er zieht ein Buch aus dem Koffer:

Das Neue Testament. Was mag tiefer in den Eingeweiden gegen mich aufgehäuft sein? Das wollen wir bei Gelegenheit bis in die Nieren bloßlegen.

DRITTER AUFTRITT

Theobald im Frack steckt den Kopf durch die Tür:

CHRISTIAN:

Das ist unerhört!

THEOBALD:

Nur einen Augenblick.

CHRISTIAN:

Was gibt's noch?

THEOBALD:

Zärtlichkeit.

CHRISTIAN:

Du bist betrunken.

THEOBALD:

Teilweise. Aber ich bin auch zärtlich. Wollte den ganzen Abend dir einen Kuß hinhauchen, doch erwischte ich dich nicht. Räsoniere nicht, Bengel. Du bist ein Tausendsasa und ich durch und durch stolz auf dich. Du hast mir alle Vorbehalte von der Seele gerissen wie Papierhemden. Als Sieger bist du über meine Meinungen und Prinzipien hinweggegangen. Ich lebte allzeit von Sprichwörtern: Schuster, bleib bei deinen Leisten und so weiter. Du aber ganz einfach aus dir selbst. Wie du heute mit diesen Leuten umgingst, nicht wie mit deinesgleichen, sondern fast von oben herab; wie sie dich voll bodenlosen Respekts anstaunten, und wie du dir so ein adeliges Hühnchen ins Bett holst, das brachte mein Bürgerblut zum Sausen. Da hast du mich weich gemacht; ich sinke hin an deine Brust.

Umarmt ihn.

CHRISTIAN:

Leise, sie ist dort. Bist du nicht betrunken?

THEOBALD:

Teilweise. Aber was ich sage, gilt für voll. Bei Tisch, als alles in Orden prangte, war es dein stolzes Köpfchen ...

CHRISTIAN:

Vater!

THEOBALD:

Stolzes Köpfchen, mein geliebter Junge, wie ich sage. Unsere Mutter hätte dabei sein sollen. Morgenröte, Morgenröte war mein Gefühl, soll man's für möglich halten!

CHRISTIAN:

Ist es denn wahr?

THEOBALD:

In dir ist alles Maskesche um ein paar Löcher weiter geschnallt. Ich seh doch, wie's in den Scharnieren hinaufgleitet. Du hast mich völlig in dir; schweig. Jetzt kommt das Geständnis, eine ehrwürdige Sache. Das sagt sonst ein Vater zum Sohn nicht: Ich bin überflüssig, verschwinde in die Versenkung. Meine Beziehung zur Welt, der höhere Sinn von mir — bist du. Wegjagen wolltest du mich. Hattest es schon eher im Bewußtsein, doch mir schien es Gewaltsache mit Feindlichkeiten. Heute ist es ein angenehm glattes Ding: beiderseitige grenzenlose Zufriedenheit. Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder. Glücklich nach Zürich, große Hauptgasse No. 16. Da lebt Maske als Kanzleirat a. D. und stiert begeistert seinen Sohn an.

CHRISTIAN:

Man kommt!

THEOBALD:

Laß sie. Wir sind jetzt ein und dieselbe Sache. Mach weiter so und keinen Fehler ... Sie haben Mißtrauen, Abscheu, Haß und so weiter; aber sie haben bodenlose Achtung aus Verständnislosigkeit.

CHRISTIAN:

Das sagst du?

THEOBALD:

Auf der Basis einer allgemeinen großen Trunkenheit habe ich mich in ihr Vertrauen geschlichen. Da man das Band des Adlers von Hohenzollern für das Eiserne Kreuz hielt, öffneten sie sich bis in die Eingeweide.

CHRISTIAN:

Und der Alte? Der Lapsus jenes fatalen Tages?

THEOBALD:

Da hatte er wohl Verdacht, und er mag in ihm weitergelebt haben. Da aber heute die Tafelrunde: als schließlich ich mich lichterloh an dir entzündete, ergriff ihn die Flamme gleichfalls. Zudem hatte die rührende Taube da drin das Vaterherz schon vorher mürbe gemacht. Es kapitulierte vollständig.

CHRISTIAN:

Fertig also mit ihnen?

THEOBALD:

Sie sind hin. Und nun greif fester zu. Nicht nachlassen. Auf meine Art hatte ich stets die Überzeugung von der Bedeutung unseres Stammes. Konnte sie aber nur den Allernächsten mitteilen.

CHRISTIAN:

Mir!

THEOBALD:

Und du schnellst uns weiter.

CHRISTIAN:

Ich spannte den Bogen. In meinen Fäusten klirrt die Sehne.

THEOBALD:

Ihr den ersten Pfeil. Triff tief.

CHRISTIAN:

Wir kletten uns fest.

THEOBALD:

Ins Gewebe.

CHRISTIAN:

Ich setze den Trumpf auf. Den Trumpf!

THEOBALD späht durch den Vorhang:

Respekt!

CHRISTIAN:

He?

THEOBALD:

Hehe!

Beide kichern und fallen sich in die Arme.

CHRISTIAN:

Maske for ever!

THEOBALD:

Verstehe, oder so ähnlich. Blutsache!

Er hüpft zur Ausgangstür, wirft Kußhände. Exit.

CHRISTIAN:

Hier stand Leben auf der Höhe eines Schauspiels. Ein Ziel ward gekrönt. Zerknirschung des Feindes, Verbeugung vor dem Sieger. Abgang durch die Mitte. Aber es kommt noch bedeutender: Probe auf das Exempel, wie weit wirklich die nähere Umgebung hinsank; und dann soll die Frau, auf die es vor allem ankommt, an diesem feierlichen Abend grenzenlose Ehrfurcht zelebrieren. Das muß vor mir ein glattes Hinschlagen sein.

VIERTER AUFTRITT

MARIANNE in einem Negligé tritt auf:

Gefall ich dir?

CHRISTIAN zu sich:

Darauf kommt jetzt nichts an.

MARIANNE:

Die Spitzen haben eine zärtliche Geschichte. Mutter trug sie an dem betreffenden Abend ihres Lebens.

CHRISTIAN:

Nichts entspricht.

MARIANNE:

Ich — keiner aus deiner Vergangenheit? Sag mir alles. Du sollst kein Geheimnis vor mir haben. Die wievielte bin ich, und welche war besonders? Ist ein Gedanke, ein Hauch von einer anderen noch bei dir?

CHRISTIAN:

Welche Sprache! Wie komme ich da zur Vernunft?

MARIANNE die Arme um seinen Hals:

Einmal mochte ich einen Fähnrich; ich erst sechzehn. Er weiß und rosa mit blonden Haaren auf der Lippe; weiter wußte ich nichts von ihm.

CHRISTIAN:

Was weißt du von mir?

MARIANNE:

Schließe ich die Augen: Du bist groß und dunkel, hast breite Glieder und wippst beim Gehen.

CHRISTIAN:

Ist das wahr?

Er geht vor den Spiegel und macht ein paar Schritte.

Allenfalls könnte man von einem wiegenden Gang sprechen. Rhythmus ist in der Bewegung.

MARIANNE lacht hell:

Und wie marschiere ich?

Hebt den Rock und trippelt.

CHRISTIAN:

Was sonst noch? Was ich treibe?

MARIANNE:

Geschäfte.

CHRISTIAN:

Welcher Art?

MARIANNE:

Bank. Kommt es darauf an?

CHRISTIAN:

Mit sechsunddreißig Jahren bin ich Generaldirektor unseres größten wirtschaftlichen Konzerns. Kontrolliere einen fünften Teil des Nationalvermögens.

MARIANNE:

Tiens!

CHRISTIAN:

Das Wort gehört deinem Vater. Sprach er von meinen Angelegenheiten mit dir?

MARIANNE:

So hin.

CHRISTIAN:

So hin. Darin liegt alles.

MARIANNE:

Ich bin müde.

CHRISTIAN für sich:

Aufforderung zum Tanz.

Laut:

Zu früh. Bin ich dir nicht ein völlig Fremder, da dein Vater nicht ernsthaft über mich sprach — wirklich nie, denke nach! Kam er nicht eines Tages fieberhaft erregt nach Haus? Besinne dich!

MARIANNE:

Fieberhaft erregt sah ich ihn nie.

CHRISTIAN:

Also wirklich nicht!

Kurz, es ist Verdienst, steht ein Mann so jung auf solchem Posten. Wie wenn einer mit sechsunddreißig Jahren General wäre.

MARIANNE:

Das kann höchstens ein Prinz.

Sie sitzt auf seinem Schoß.

CHRISTIAN:

Oder?

MARIANNE:

Wer?

CHRISTIAN:

Denk nach.

MARIANNE:

Ich weiß nicht.

CHRISTIAN:

Der geniale Mensch. Man wollte im Verlauf dieses Jahres bei einundvierzig Gesellschaften die Emission neuer Aktien im Gesamtbetrage von etwa dreiviertel Milliarde Mark beantragen. Da sagte ich, aus folgenden Gründen sei ich dagegen: Für diese siebenhundertfünfzig Millionen werden dem Publikum in der Hauptsache nicht gefundene Schätze, sondern das Produkt der Anstrengungen rund einer halben Million Menschen mehr geboten, die das Land ermutigt wird, hervorzubringen. Das Aktienkapital der Industriegesellschaften besteht in Hauptsache und Zinsen überhaupt nur aus Menschenmasse und deren Arbeitsresultat. Verstehst du?

MARIANNE immer auf seinem Schoß:

Ich versuche.

CHRISTIAN:

Gib acht! Ist keine Arbeit da, stopft die Masse den Zeugungsapparat. Wachsen neue Kamine hoch, öffnet man hastig das Ventil. So stehen wir Kapitäne, sagte ich, am Haupthahn der Bevölkerungsdichte und müssen sorgen, daß die geschafften Kapitale dem natürlichen Zuwachsbedürfnis nicht vorgreifen, sondern es äquilibrieren. Verstehst du?

MARIANNE:

Ich glaube.

CHRISTIAN:

Eher müssen wir durch Verlangsamung des Menschenproduktionstempos für bessere Qualität sorgen. Da hast du einen kleinen Eindruck, wie ich Nationalökonomie praktisch treibe.

Er hat sie vom Schoß gestoßen und geht aufgerichtet durchs Zimmer:

He? Das ist Klasse, hätte Helmholtz gesagt.

Er faßt Marianne bei einem Knopf ihres Kleides und schüttelt sie sanft hin und her, während er ihr starr ins Auge sieht:

Ich könnte dir noch einen ähnlich fabelhaften Bescheid meinerseits in Fragen der Herabsetzung der Zwischendecksrate bei unseren Schiffsgesellschaften anführen. Die Menschen sind kurzsichtig, und in den Händen weniger ruht das wirtschaftliche Schicksal von Millionen.

MARIANNE:

Bist du so reich?

CHRISTIAN:

Ein Krämerwort. Ich habe Macht zu dem Erdenkbaren aus der Kraft meines Blutes. Du sahst nun meinen Vater einige Male. Persönlichkeit! Wie? Schon prägten sich auch in ihm markant die besonderen Eigenschaften der Rasse aus. Nichts überflüssig, höchst zweckvoll alles. Merktest du, wie er heute bei Tisch am aller bedeutendsten zum Glase griff? Schade, daß du meinen Großvater nicht kanntest. Ein tolles Huhn — aber —! Das wächst mir also alles aus Ahnen zu, fand aber doch erst in meiner Person den konsequentesten Ausdruck.

DIE JUNGFER tritt auf:

Wollen gnädige Frau die Brillanten nicht in Verwahrung nehmen? Hier im Hotel — der gnädige Herr vielleicht?

Christian nimmt ein Diadem in Form einer Krone.

JUNGFER:

Gute Nacht.

Exit.

CHRISTIAN:

Welch merkwürdige Form eigentlich.

MARIANNE setzt es auf:

Eine Marquiskrone. Aus deren Vermächtnis sie stammt, für die Frauen unseres Geschlechts am Hochzeitstage zu tragen, war eine Marquise d'Urfés, Großtante meiner Mutter.

CHRISTIAN:

Bon. — Was sagte ich noch? — Aber ich habe eine Überraschung für dich.

MARIANNE klatscht in die Hände:

Zeig!

CHRISTIAN:

Dreh dich um einen Augenblick, bis ich ausgepackt und bereitgestellt.

MARIANNE abgewandt:

Eins zwei drei —

CHRISTIAN hat ein Bild, das in ein Tuch gehüllt an der Wand lehnte, freigemacht und gegen seine Beine gelehnt vor sich gestellt:

Jetzt sieh her.

Marianne sieht auf ein weibliches Porträt.

CHRISTIAN:

Meine Mutter, Marianne, die dich an diesem Tag auch von Angesicht zu Angesicht sehen will. Meine Mutter, die ihren Jungen heiß geliebt.

MARIANNE:

Welch bedeutendes Antlitz!

CHRISTIAN:

Nicht wahr. Von Renoir gemalt.

MARIANNE fliegt Christian an den Hals:

Ich will ihn liebhaben über mich selbst hinaus, deinen Sohn, meinen Christian.

CHRISTIAN:

Sachte; daß du ein solches Kunstwerk nicht beschädigst.

Er hat das Bild gegen einen Tisch gelehnt.

MARIANNE:

Das dichte braune Haar. Deine Farbe. Und solch ein Teint!

CHRISTIAN:

Sie kam aus einem Jahrhunderte alten Bauerngeschlecht. Wikingersachen werden gefaselt. Sieh den tüchtigen Familienschmuck, die rote Koralle im Ohr. Einer ihrer Altvordern war Amtmann auf Dalarö in den schwedischen Schären. Von seiner Begegnung mit Karl XII. existiert eine Anekdote.

MARIANNE:

Das wundervolle Haar!

CHRISTIAN:

Es reichte aufgelöst bis in die Kniekehlen. Renoir sah sie eines Tages im Bois de Boulogne. Der Entschluß, sie zu malen, soll augenblicklich festgestanden haben.

MARIANNE:

Das läßt sich denken.

CHRISTIAN:

Aber der Anlaß! Das war ja das Allerbeste. Nun knöpf mal deine Öhrchen auf, es kommt das Niedlichste von der Welt. Vater und Mutter also im Bois, nach einem solennen Frühstück in den Kaskaden, spazierend. Eine Flasche Burgunder hatte nicht gefehlt. Plötzlich — die Frau steht wie angewurzelt, weicht nicht von der Stelle. Vater, den grauen Zylinder keck auf dem Kopf — er hat mir die Situation oft geschildert — ruft, lockt — sie weicht nicht.

MARIANNE:

Was hatte sie?

Christian flüstert ihr ins Ohr.

MARIANNE hell auflachend:

Die Hose! Aber das ist ja entzückend! Himmlisch!

CHRISTIAN aus vollem Halse lachend:

Und nun Renoir! Kannst du dir vorstellen; er hat mir das oft erzählt. Aus dem Häuschen, aber aus dem Häuschen. Es soll ein Anblick für Götter gewesen sein.

MARIANNE:

Die entzückende Frau so in der Sonne stehend.

CHRISTIAN:

Kurz. Er verschafft sich Zutritt in die junge Menage und mit ihm ein französischer Vicomte, der die Szene gleichfalls sah.

MARIANNE:

Wie lange ist das her?

CHRISTIAN:

Es mag ein Jahr vor meiner Geburt gewesen sein.

MARIANNE:

Wie das persönliche Erlebnis einem die Menschen näher bringt. Ich kenne sie jetzt viel besser. Für deinen Vater war die Lage nicht angenehm.

CHRISTIAN:

Der war immer und ist der bon garçon mit Sinn für das appetitlich Komische. Er adorierte sein junges Gespons und war gleichfalls ganz gefangen von dem Charme der Erscheinung.

MARIANNE:

Viel Geschmack im Anzug.

CHRISTIAN:

Darin war sie Meister.

MARIANNE:

Eine reizende Mode! Wie kleidsam die Kapotte. Und all die himmlischen Frauen, die sich so trugen, sind tot.

CHRISTIAN:

Ich lasse ihr in Buchow ein Monument errichten.

Er hängt das Bild an die Wand.

MARIANNE:

Hast du das Gut gekauft?

CHRISTIAN:

Ich kaufe es. Zu diesem Zweck in erster Linie. Die Frau war alles in allem etwas so Überlebensgroßes, daß sie ein Recht auf solche Ehrung hat.

MARIANNE:

Wie falsch ich die Deinen bis hierher sah. Jetzt erst habe ich den rechten Begriff von ihnen. Du hast die Gabe, Menschen plastisch zu machen.

CHRISTIAN:

Besser gesprochen nennt man's die Fähigkeit der Begriffsbildung. Was aus der Menschen Mund gewöhnlich kommt, sind Worte, nur Worte.

MARIANNE:

Ich brauche Anna noch einmal.

CHRISTIAN:

Doch nicht wieder das Mädchen!

MARIANNE:

Ich kann das Kleid auf dem Rücken nicht öffnen.

CHRISTIAN:

Gib her.

Er fängt an, die Ösen zu suchen.

Worte, unter denen nicht zwei Gehirne das gleiche verstehen, durch die man sich also auch nicht von Mensch zu Mensch restlos verständigen kann.

Marianne gähnt.

CHRISTIAN:

Die reine Vernunft reißt Gruppen gleichartiger Gebilde der Erscheinungs- oder Willenswelt in einen Ausdruck hinein, der den Komplex in seinem Wesentlichen festlegt, und der Begriff heißt.

MARIANNE gähnt:

Aha!

CHRISTIAN knöpft:

Überwindung von Mannigfaltigkeit ist das. Das Unterhemdchen auch?

MARIANNE:

Bitte.

CHRISTIAN:

Überhaupt, Marianne, und jetzt höre ernsthaft zu: Alle Tat, die Menschengeist verrichtet, will schließlich nur das eine: sie orientiert über das ungeheure Gebiet umgebender Welt, indem sie Mannigfaltigkeit überwindet. So: Buche, Eiche, in deren Namen schon vorher die eigene Mannigfaltigkeit bezwungen ist, sind schließlich Wald.

Er ist mit Knöpfen fertig.

MARIANNE:

Danke.

Sie setzt den Fuß auf einen Stuhl und knöpft die Stiefel auf.

CHRISTIAN:

Ein Dummkopf würde den Witz machen: man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Marianne geht durch den Vorhang ins Schlafzimmer.

CHRISTIAN:

Wo willst du hin? Während es heißen muß: man sieht keinen Baum mehr vor lauter Wald.

Er ist ihr gefolgt und bleibt im Vorhang stehen:

Wenn du das begriffst, hast du eigentlich die ganze Erkenntnistheorie in der Tasche.

Er kommt nach vorn zurück, sagt laut nach hinten:

Jedenfalls einen Begriff von der Arbeit eines Gehirns wie das meine. He?

Reibt sich die Hände, zu sich:

ça marche ce soir.

Bleibt vor dem Bilde stehen, und sagt tief ergriffen:

Meine gute Mutter!

laut:

Als junges Mädchen machte sie mit Freunden eine Reise in die Vereinigten Staaten und kam von dort über die Südseeinseln, Asien zurück. In Honolulu verliebte sich der König Kalakaua sterblich in sie.

Man hört, wie hinter dem Vorhang jemand zu Bett geht:

Das war achtzehnhundertachtzig oder einundachtzig.

Er hat sich die Stiefel ausgezogen und dann erst den Mantel abgelegt, so daß er plötzlich im Glanze seiner Orden dasteht.

Er hebt die Arme und sieht sich wie wartend um.

Pause.

MARIANNES STIMME:

Was wurde denn aus dem Vicomte?

CHRISTIAN:

Welcher Vicomte?

MARIANNES STIMME:

Der die Geschichte im Bois de Boulogne sah und deine Eltern kennen lernte.

CHRISTIAN:

Ach, der Vicomte! Tja — — der —

Er steht vor dem Bild der Mutter starr. Pause.

MARIANNES STIMME:

Was wurde denn mit ihm?

CHRISTIAN zu sich:

Donnerwetter!

Er geht durchs Zimmer am Spiegel vorbei.

Hm.

MARIANNE:

Ist denn da ein Geheimnis?

CHRISTIAN zu sich:

Wüßte ich jetzt — aber natürlich — o großer Gott! Da packe ich dich, da schmeiße ich dich ganz, Komteßchen.

Er geht zum Vorhang und flüstert hinein:

Marianne!

MARIANNE mit erregter Stimme:

Ich komme!

Sie erscheint in einem übergeworfenen Schlafrock.

CHRISTIAN:

Ich sehe Schicksal in deiner plötzlichen Frage.

MARIANNE:

Was sagte ich denn?

CHRISTIAN:

Mit dem Vicomte; was wurde?

MARIANNE:

Ja?

CHRISTIAN:

Nie hätte ich die Zähne geöffnet.

MARIANNE:

Christian! Was denn?

CHRISTIAN:

Unmöglich! Nie!

MARIANNE:

Christian! Ich bin dein Weib — habe ein Recht ...!

CHRISTIAN:

Ich bin auch ein Sohn.

MARIANNE:

Du hast Pflichten vor mir.

CHRISTIAN:

Aber auch Scham und Ehrfurcht vor der Mutter.

MARIANNE:

Jener ...?

CHRISTIAN:

Du bekommst kein Wort aus mir heraus.

MARIANNE:

Der also — der Vicomte ...?!

CHRISTIAN stark:

Und ich verbiete dir, für unser ganzes Leben, jemals daran zu rühren; jemals jemanden, auch mich selbst, ahnen zu lassen, was du vermutest, was du meinst. Ich heiße Maske und basta!

MARIANNE erschüttert:

Heiland im Himmel! Gewiß ich schweige. Wie ich dich aber von jetztab sehe, das ist meine Sache.

Leise:

Und mir ist, als ob doch eine letzte Wand zwischen uns niederfällt, als ob erst jetzt ich ungehemmt in dich versänke.

Mit ausgebreiteten Armen vor dem Bild:

Süße Mutter Ehebrecherin!

An Christian niedergleitend:

Mein lieber Mann und Herr!

Christians Lächeln und erlöste große Gebärde.

FINIS.

Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.

Druck der Offizin W. Drugulin in Leipzig.

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