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Der Sinn und Wert des Lebens

Die Folgerungen aus dem Gesamtbilde des Lebens.

Reading edition

Folgerungen für das Leben des Einzelnen.

Wie jede Lebensordnung sich am Dasein des Einzelnen zu bewähren hat, so muß es auch die unsrige tun; sie tut das, indem sie auch im Einzelleben eine hohe Aufgabe findet, ihm einen inneren Zusammenhang gibt, es den Widersprüchen entwindet, die es zu zerstören drohen. Diese Widersprüche stammen vornehmlich daher, daß der Mensch kraft seiner geistigen Anlage der bloßen Natur entwächst und bei ihr kein Genüge mehr findet, daß der Durchschnitt seines Daseins aber geistiges Leben nicht genügend entfaltet, um ihm Selbständigkeit zu erringen; so schwebt der Mensch in unsicherer Mitte, und da die Versuche einer Hilfe sich bald als unzulänglich erweisen, so läuft das Ganze schließlich in trübe Entsagung aus; das Leben erscheint nach dem Ausdruck Schopenhauers als ein Geschäft, das seine Kosten nicht deckt.

Der Verlauf des Lebens durch die verschiedenen Alter hindurch stellt sich zunächst als ein Aufstieg, bald jedoch als ein Abstieg dar, damit aber als ein überwiegender Verlust, als eine herbe Enttäuschung. Beim Eintritt in das Leben wird das Individuum vom engen Kreise der Seinigen freudig begrüßt und zärtlich gepflegt, auch den Weg des Heranwachsenden behüten Liebe und Güte, und was an kleinen Sorgen und Schmerzen erscheint, das stört nicht die Lebensfrische und Lebenslust. Da die Abhängigkeit noch nicht drückend wirkt, so hat das Kindesalter einen Stand harmlosen Glückes, nach dem das spätere Leben oft wie nach einem verlorenen Paradiese zurückschaut. Dann aber erwacht ein Verlangen nach voller Selbständigkeit, das Leben drängt ins Freie und Weite, der Mensch sucht eigene Wege und schließt in Freundschaft und Liebe selbstgewählte Bünde; neue Triebe erwachen und neue Wünsche steigen auf, schwellende sinnliche Kraft führt auch dem geistigen Leben fruchtbare Antriebe zu. Ins Endlose geht hier das Sehnen und Hoffen, unbegrenzte Möglichkeiten stellen sich zur Wahl vor den strebenden Geist, das ursprüngliche Aufquellen frischer Kraft erzeugt das Gefühl, daß jetzt erst die Welt ihren Lauf beginne, jetzt erst die Sonne voll leuchte, jetzt erst Lust und Liebe ihren Zauber entfalten. Die Vergangenheit dünkt dabei leicht eine bloße Vorstufe dessen, was jetzt an den Punkt der Entscheidung gelangt, eben jetzt wird die Zukunft geschmiedet, eben jetzt aller Folgezeit der Weg gewiesen. So groß kann die Jugend nicht von sich denken, ohne auch manche Sorgen und Schmerzen auf sich zu nehmen, die hochfliegenden Pläne selbst lassen den Widerstand der Erfahrung mit besonderer Stärke empfinden. Aber ein freudiges Kraftgefühl schöpft daraus mehr Antrieb als Hemmung; auch waltet ein fester Glaube an die Macht der Einsicht und der Gerechtigkeit in menschlichen Dingen, ein Glaube auch an eine Überlegenheit freier Entscheidung über alle starre Gewöhnung.

Aus der Zeit der Entwürfe und Pläne tritt der Mensch mit beginnendem Mannesalter in die Zeit der Arbeit ein, nun gilt es selbst Hand anzulegen, nun das Vermögen in Tat umzusetzen; ein Beruf wird ergriffen, ein eigenes Heim begründet. Das bringt dem Leben eine gewisse Verengung und lenkt es in eine ruhige Bahn. Aber wenn der Sturm und Drang der Jugend verfliegt, so verflicht sich dafür das Leben enger mit seiner Umgebung und gewinnt es einen festeren Boden; klarer stehen die Ziele vor Augen, und das Wirken gewinnt an Sicherheit. Aus emsiger Arbeit quillt Liebe und Freude hervor, die Hingebung und Opfer zu erzeugen vermag und zur ethischen Erhöhung wirkt. Aber diese Wendung bringt das Leben bald an einen kritischen Punkt, den am meisten kritischen Punkt unseres Daseins. Die Arbeit zwingt, das Streben auf die Leistung zu richten, sie lenkt damit den Menschen vom eigenen Innern ab, sie verlegt den Schwerpunkt des Lebens mehr und mehr in das Verhältnis zur gesellschaftlichen Umgebung und unterwirft den Einzelnen ihren Forderungen. Das ergibt so lange keine schwere Verwicklung, als das Feuer der Jugend noch anhält und das Werk des Tages erwärmt; aber allmählich erlischt jenes Feuer, es erschlafft mehr und mehr die Jugendkraft der Natur, und es fragt sich nun, ob, was damit verloren geht, irgendwelchen Ersatz erhalte. Damit aber wird das Leben vor eine folgenschwere Entscheidung gestellt. Nur geistige Kraft vermöchte die sinkende Natur zu ersetzen, sie könnte das aber nur, wenn die geistige Anregung, die dem Individuum zugeführt wurde, in ihm tief genug Wurzel geschlagen hätte, um eine Selbständigkeit zu erreichen und den Hemmungen gewachsen zu werden. Dies aber geschieht, wie der Augenschein zeigt, in den meisten Fällen nicht, das geistige Leben wird weniger durch eigene Kraft als durch das verwickelte Triebwerk des gesellschaftlichen Lebens aufrecht gehalten; das aber besagt gerade nach unserer Darlegung deshalb einen schroffen Widerspruch, weil geistiges Leben ein Selbständigwerden der Innerlichkeit bedeutet; eine Beugung unter eine fremde Ordnung muß es verflachen und entstellen, ja setzt es schließlich zu bloßem Aufputz und Schein herab. Das muß auch das Individuum am eigenen Leibe erfahren: es kann nicht vornehmlich nach draußen blicken und die Wirkung auf die Umgebung berechnen, ohne daß die Kraft des Lebens sinkt und seine Gefühle ermatten; ursprüngliches Schaffen weicht träger Gewöhnung, und eine geistlose Mechanisierung gewinnt immer weiteren Raum. Die Arbeit sinkt zur Routine, und was feurige Liebe schuf, das muß die Gewohnheit des Alltags und kühle Erwägung der Zweckmäßigkeit mühsam aufrecht erhalten. Zugleich weicht das stürmische Hochgefühl der Jugend einem nüchternen Realismus, der Trägheitswiderstand der Verhältnisse, der die Jugend so wenig bekümmerte, wird nun überschätzt und lähmt allen kühnen Aufschwung; dasselbe gilt von der Macht des Kleinen und Gemeinen, sowie des Zufalls, der oft mühsame Arbeit und wohlerwogene Pläne in spielender Laune zerstört. Ist es dem Individuum zu verdenken, wenn solche Eindrücke und Erfahrungen es auf eine Beherrschung der Dinge verzichten und möglichst eine Anpassung an seine Umgebung suchen lassen? Auch unterstützt das gesellschaftliche Leben eine derartige Wendung, indem es sich eifrig bemüht, den Menschen die drohende innere Leere nicht voll empfinden zu lassen. Die Gesellschaft läßt es an Anerkennung der Leistung nicht fehlen, sie stachelt den Ehrgeiz des Individuums an und schmeichelt mit mannigfachen Mitteln seiner Eitelkeit; oft verkehrt sich das in wunderlicher Weise dahin, daß das Nichts dem Nichts eine Bedeutung zuspricht und ihm damit ein Selbstbewußtsein verleiht; auch ersinnt die Gesellschaft mit großem Geschick Unterhaltungen und Zerstreuungen, Spiele, Sport usw., Ersatzmittel echten Lebens, die durch unablässige Erregung der einzelnen Augenblicke die Leere des Ganzen verdecken möchten. Aber das Gefühl der Leere verscheuchen, heißt nicht die Leere vertreiben, in aller künstlich erzeugten Erregung führen die Seelen kein wahrhaftiges Leben, sind sie, innerlich angesehen, tote Seelen, geistig tot, bevor der körperliche Tod sie dahinrafft. Und nun erwacht oft eine wehmütige Sehnsucht nach der Kindheit, wo das Leben in so weitem Ausblick vor dem Menschen lag, wo alle Möglichkeiten noch offen standen, und die Pulse so viel kräftiger schlugen.

Schließlich versagen die Kräfte zur Arbeit, und gilt es ein Scheiden von ihr, das Greisenalter beginnt. Dieser Abschied von der Arbeit, die mehr und mehr zu einer lastenden Bürde wurde, mag zunächst wie eine Erleichterung und Befreiung erscheinen, die Ruhe wird zum Genuß, der harte Kampf erlischt, die Stimmung wird weicher, das Urteil des unbeteiligten Zuschauers milder; zugleich wird er selbst, da er nun ja aus der Wettbewerbung ausschied, freundlicher beurteilt oder doch schonungsvoller behandelt. Das Greisenalter ist die Zeit der Selbstbetrachtung, aber einer Betrachtung, die sich vom Schaffen abgelöst hat; so hat diese Weisheit einen matten und unfruchtbaren Charakter, sie erleichtert mehr das Scheiden vom Leben, als sie diesem nachträglich einen Wert verleiht. Die Beleuchtung, welche sein Verlauf beim Rückblick erhält, gibt eher dem Pessimismus als dem Optimismus Recht. Die Natur versah jeden von uns mit einem Kapital für das Leben, aber dieses Kapital war begrenzt, und wir haben es allmählich aufgezehrt; was sollen wir nun noch beginnen? Wir hatten manche Erfolge, aber sie ließen die Seele vergessen und verkümmern, und sie selbst geraten in Unsicherheit, wenn der Sinn und Wert des gesamten Lebens zweifelhaft wird, und wie sollte das hier nicht geschehen? Wir strebten von Augenblick zu Augenblick und hofften stets mit dem Erklimmen der nächsten Höhe den höchsten Gipfel gewonnen zu haben, aber immer wieder erschienen neue Höhen und zwangen uns weiter zu wandern. Das Leben kam nicht zu sich selbst und ging nicht in ein Ganzes zusammen; so hatte es dem Strom der Zeit nichts entgegenzusetzen, sondern trieb wehrlos mit ihm dahin. Im Hoffen und Harren auf ein Glück, das irgendwoher kommen sollte, entrann uns die Gegenwart und schließlich das ganze Leben, es war mehr ein Suchen und Haschen, ein Verlangen nach Leben als wahres und wirkliches Leben.

Zugleich verschiebt sich durch den Verlauf des Lebens in schmerzlicher Weise das Verhältnis des Einzelnen zur Zeit und zur menschlichen Umgebung. Im Aufstreben fühlte er sich seiner Zeit aufs allerengste verbunden, und ihre Förderung bildete den Hauptantrieb seines Strebens. Am Schluß aber entweicht ihm die Zeit, die alten Probleme treten zurück und machen neuen Platz; das macht ihn fremd in der Zeit und mit seinem Hangen an der Vergangenheit selbst zu einer Vergangenheit. Nicht viel anderes erfährt er mit den einzelnen Menschen. Als er aufstrebte, hatte er viele Genossen, deren Teilnahme er sicher war, und die er zu führen oder doch zu fördern hoffte. Diese Genossen und Freunde werden ihm nach und nach entrissen, und Fremde besetzen ihren Platz. So findet er sich immer weniger verstanden, und muß sich immer einsamer fühlen, ja schließlich mag er sich wie ein bloßes Überbleibsel erscheinen, das die Wogen des Geschickes bisher verschonten, nun aber bald dahinraffen werden. Das alles führt zu der Stimmung, der Goethe den Ausdruck gab:

»Ein alter Mann ist stets ein König Lear. Was Hand in Hand mitwirkte, stritt, Ist längst vorbei gegangen, Was mit und an dir liebte, litt, Hat sich wo anders angehangen; Die Jugend ist um ihretwillen hier, Es wäre thörig zu verlangen: Komm ältele du mit mir.«

Solchen Zweifeln und Enttäuschungen gegenüber ist es ein bloßer Scheintrost, daß unsere Arbeit der Heranbildung eines neuen Geschlechtes diene, unsere Mühe diesem fromme. Denn was wird damit gewonnen, wenn das neue Geschlecht auch nur wieder ein neues heranzieht, und dieses wieder ein anderes, wenn jedes die Frage einem anderen zuschiebt, und damit das Leben nie über das Suchen hinaus zu einem Beisichselbstsein gelangt? Schließlich erscheint das unermüdliche Streben von Geschlecht zu Geschlecht als ein bloßes Mittel, die Menschheit physisch zu erhalten; es mag dann eine grobe Irrung dünken, daß wir uns als einen Selbstzweck behandeln und vom Leben einen Inhalt begehren. Alle solche Größen stellen sich dann als bloße Lockmittel heraus, die uns vorgespiegelt werden, um uns aus natürlicher Trägheit aufzurütteln. Wir alle werden damit bloße Durchgangspunkte des Lebens, Wogen, die sich rasch zusammenballen und ebenso rasch zerrinnen, Wogen, die einander unaufhörlich verdrängen. Dieser Stand der Dinge mag so lange verborgen bleiben, als der Blick nur an einzelnen Geschehnissen haftet; sobald aber ein überschauendes Denken die Erfahrungen ins Ganze faßt, wird die Sinnlosigkeit dessen offenbar, und das letzte Wort behält die Verneinung.

So pflegt es zu sein, so braucht es aber nicht zu sein; daß es so ist, das liegt am Menschen selbst, der sein Leben allein auf die Umgebung richtet und es von ihr abhängig macht, statt ihm eine Selbständigkeit zu erringen und die Bildung des Innern voranzustellen. Wir sahen, wie hohe Ziele das menschliche Leben enthält, auch der Einzelne kann sie ergreifen, sein Dasein in Tat verwandeln, eine Unendlichkeit in der eigenen Seele entdecken, den Kampf gegen alles Schicksal getrosten Mutes unternehmen. Er kann das von der Überzeugung aus, daß überlegene Macht in ihm ein neues Leben und eine ursprüngliche Quelle erschließt; zu dessen Aneignung und Entfaltung aber bedarf es seiner Gesinnung und Tat. Das Leben erhält einen völlig anderen Anblick, wenn es nicht bloß an uns vorgeht, sondern unser eigenes Werk werden kann, wenn es nicht eine vorgeschriebene Linie nur fortsetzt, sondern die Forderung einer großen Wendung in sich trägt, die Forderung eines Überlegenwerdens nicht nur gegen die Natur, sondern auch gegen den flachen und widerspruchsvollen gesellschaftlichen Durchschnitt, die Forderung, das Ganze der Lebenswelt im eigenen Wesen zu ergreifen. Es stehen dabei nicht bloß einzelne Leistungen in Frage, sondern ein einziges aller Mannigfaltigkeit überlegenes Ziel, die Erhebung des Menschen zu einem selbständigen Lebenszentrum, die Bildung eines geistigen Kernes, einer geistigen Energie, die Geburt eines Geistesmenschen statt des bloßen Daseinsmenschen. Denn »der Mensch muß zweimal geboren werden, einmal natürlich und sodann geistig, wie der Brahmine« (Hegel). Brahminen in diesem Sinne sind aber wir alle, mag der Daseinskreis des Einzelnen noch so bescheiden sein. So darf es mit Goethe heißen: »Gott begegnet sich immer selbst; Gott im Menschen sich selbst wieder im Menschen. Daher keiner Ursache hat, sich gegen die Größten gering zu achten.«

Zum Gelingen der Wendung bedarf es einmal eines unablässigen Hochhaltens der Gesinnung, es bedarf aber auch einer emsigen Arbeit, welche dem Menschen einen eigenen Bereich erringt, ihm eine eigentümliche Wirklichkeit schafft und ihn sich darin befestigen läßt. Die Bewegung bleibe nicht ein bloßes Wogen und Wallen, sie strebe auch zu irgendwelchem geschlossenen Werke, weniger wegen der Leistung, die stets unvollkommen bleibt, als zur notwendigen Aufrüttelung, Zusammenfassung und Lenkung der Kräfte; ohne das kann das Leben nicht stark in sich selbst und zur vollen Wirklichkeit werden. Gewiß wird es so gefaßt alles eher als ein sicheres Fortschreiten oder gar ein behagliches Genießen. Mit seiner Forderung, Unendliches im Endlichen, Zeitüberlegenes im Zeitlichen, Freischaffendes im Gegebenen und Gebundenen, Liebe in der Welt der Selbstsucht und des Streites zur Macht und Wirkung zu bringen, enthält es einen durchgängigen Widerspruch; diesen Widerspruch kann das Alltagstreiben verdunkeln und vergessen, den Höhen menschlichen Strebens aber war er mit voller Klarheit gegenwärtig: die edelsten Menschen machten sich die meisten moralischen Sorgen, »die Heiligen pflegen sich für Sünder und die Sünder für Heilige zu halten« (Pascal), die größten Künstler fühlten besonders schmerzlich den weiten Abstand zwischen Wollen und Vollbringen, und tiefste Denker fühlten sich namentlich getrieben, einer Überschätzung des menschlichen Erkenntnisvermögens entgegenzuwirken und scharf seine Grenzen zu ziehen. Aber das alles kann nicht erschrecken, wenn der Mensch der lebendigen Gegenwart erhöhender Mächte gewiß ist und sein Werk nicht als eine Privatangelegenheit, sondern als eine ihm zugewiesene, aber zugleich vom Gesamtleben getragene Aufgabe führt, nicht aus eigener, sondern aus verliehener Kraft. Dabei fällt auch das ins Gewicht, daß das Leben des Menschen verschiedene Schichten enthält, und daß selbst das Mißlingen bei einer von ihnen für das Ganze ein Gewinn werden kann. Wir haben uns zunächst im Bereich der Natur und des gesellschaftlichen Zusammenseins zu erhalten, über die dort waltende Notwendigkeit und Nützlichkeit erhebt weltbauendes geistiges Wirken und Schaffen in ein Reich der Geisteskultur, über diesem aber wölbt sich als letzter Abschluß ein Reich weltüberlegener Innerlichkeit und weltüberwindender Liebe. In diesem letzten kann auch das einen Wert erlangen, was äußerlich nicht zur vollen Wirkung kam, ja es verschwinden hier alle Unterschiede der Leistung. Denn hier wird zum entscheidenden Hauptwerk die Gesinnung, Gesinnung als tätige Haltung, nicht als passiver Zustand, hier gilt das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, das auch die geringste Arbeit nicht verwirft, wenn sie nur aus der treuen Einsetzung der ganzen Seele hervorging.

Steht es so mit dem Menschen, so kann er den Gefahren trotzen, welche sein Leben nach kurzem Aufschwung in ein Stocken und Sinken zu bringen drohten. Nun kann er dem Schicksal, das ihn umfängt, ein ursprüngliches Leben entgegensetzen und damit sein Dasein in einen unablässigen Kampf zwischen Schicksal und Freiheit verwandeln; nun kann er die entweichende physische Jugend durch eine geistige ersetzen und gegenüber einem erstarrenden Mechanismus das Leben in frischem Fluß erhalten. Auch erschöpft sich nunmehr das Leben nicht mehr in ein Nacheinander einzelner Vorgänge, es bleibt kein bloßes Kommen und Gehen, sondern nunmehr vermag es gegen den Wirbel und Wandel eine Hauptrichtung festzuhalten und eine beharrende Gegenwart auszubilden, die alles, was dem inneren Fortgang dient, verbinden und durcheinander befestigen kann. Hat unser Leben so viel bei sich selbst zu tun und verheißt sein Verlauf so reichen Gewinn, so kann es auch nicht mehr echte Weisheit bedeuten, das Leid, das uns traf, einfach abzuschütteln und möglichst alle Spur von ihm auszutilgen, sondern dann hat es einem Ganzen des Lebens gegenwärtig zu bleiben und zu seiner Förderung zu wirken.

Solche innere Bildung vermag durch den ganzen Verlauf des Lebens im Aufstieg zu bleiben und an geistiger Frische zu wachsen; es wird von hier aus die Forderung der Mystik verständlich, der Mensch solle jeden Tag jünger werden, jeden Tag mehr aus der Zeit in die Ewigkeit treten; nur werden wir dabei weniger mit der Mystik an bloße Kontemplation als an schaffende Tätigkeit denken. Wie in diesem Zusammenhange das Leben sich nicht als ein Aufzehren eines gegebenen und begrenzten Kapitals darstellt, sondern als das Schaffen eines neuen, das ins Grenzenlose zunehmen kann, so wird nun das sentimentale Zurückblicken auf die Jugendzeit und das Klagen über den Verlust ihrer Frische und Spannkraft zu einem Ausdruck matter und flacher Denkart, ja zu einem Zeugnis dessen, daß das Leben sein Ziel verfehlte.

Nicht minder als dem Sinken der Jugendkraft läßt sich auch der Mechanisierung der Arbeit und dem Unterliegen unter starre Routine erfolgreich Widerstand leisten. Uns bezwingen nicht sowohl die Außendinge als unsere innere Schwäche, unser Unvermögen, inmitten der Arbeit ein Werk des ganzen Menschen zu wahren und von ihm aus die Arbeit zu beseelen. Werfen wir nicht auf das Schicksal, was in Wahrheit wir selbst verschulden!

Wenn die Festhaltung einer durchgehenden inneren Aufgabe das Leben in ein fortlaufendes Werk verwandelt und der Verlust nach außen hin sich durch einen inneren Gewinn ersetzen läßt, so behalten auch die späteren Lebensstufen ein eigentümliches Recht und einen eigentümlichen Wert. Auch Güter wie Kraft und Schönheit beschränken sich nicht auf die Jugendzeit, auch die späteren Alter können sie besitzen, nur werden diese sie anders gestalten und mehr ins Seelische wenden müssen. Wir ergeben uns gewöhnlich viel zu früh und machen weit weniger aus uns, als wir könnten, unser schlimmster Feind ist die eigene Verzagtheit, ist der Mangel an rechtem Glauben. Richtig verstanden hat auch das Greisenalter seinen besonderen Wert, es braucht kein mattes Verklingen zu sein, es kann ein inneres Zusammenfassen des Lebens werden und eine Emporhebung über alle äußeren Maße vollziehen. Wohl lockert sich das Verhältnis zur Zeit, jedoch nur das zu ihrer Oberfläche, nicht zu dem Ewigkeitsgehalt, der allein den Zeiten eine Tiefe gibt und sie zu einem gemeinsamen Werke verbindet. Auch das Einsamerwerden gegen die Menschen braucht keine Vereinsamung zu bedeuten, wenn Liebe zum Menschenwesen bleibt und immer neue Tätigkeit wachruft, wenn vor allem der Mensch in den Zusammenhängen des geistigen und göttlichen Lebens sich sicher geborgen fühlt und als Glied einer ewigen Ordnung weiß. Dann mag das Leben nach dem Ausdrucke Leibnizens gegenüber der früheren Evolution eine Art von Involution vollziehen, eine Einkehr in sich selbst, aber es fällt damit nicht ins Leere, wenn es von innen her eine Welt zu eigen gewann, die den Grundbestand aller Wirklichkeit bildet, der gegenüber alles Dasein zu einer niederen Stufe herabsinkt. So erscheint das Greisenalter als ein Prüfstein für den Ertrag des Lebens, für sein Gelingen oder Mißlingen. Wir erwähnten vorhin ein trübe gestimmtes Goethewort; wie der große Lebensweise sich selbst über solche Stimmung hinaushob, das zeigt ein anderer Ausspruch, der seine individuelle Art in unnachahmlicher Sprache verkörpert:

»Die Jahre nahmen dir, du sagst, so vieles: Die eigentliche Lust des Sinnenspieles, Erinnerung des allerliebsten Tandes Von gestern; weit und breiten Landes Durchschweifen frommt nicht mehr; selbst nicht von oben Der Ehren anerkannte Zier, das Loben, Erfreulich sonst. Aus eignem Tun Behagen Quillt nicht mehr auf, dir fehlt ein dreistes Wagen! Nun wüßt ich nicht, was dir besondres bliebe.« »Mir bleibt genug! Es bleibt Idee und Liebe.«

Folgerungen für die Aufgaben der Gegenwart.

So gewiß in den Bewegungen der Weltgeschichte die philosophische Arbeit nur einen bescheidenen Platz einnimmt, so ist sie doch unentbehrlich bei den Fragen, die den ganzen Menschen und die Gesamtrichtung des Lebens betreffen. Daß aber die von uns vertretene Gedankenwelt nach dieser Richtung hin wohl einiges nützen kann, das sei an einigen Hauptpunkten kurz gezeigt.

1. Wir gehen vom Begriff des Lebens aus und stellen uns damit in einen zwiefachen Gegensatz, in einen Gegensatz zu allem Beginnen vom Sein und in den einer Voranstellung besonderer Tätigkeiten. Was jenen betrifft, so geht er freilich mehr die eigentliche Philosophie als das Leben an, so sei hier nur das bemerkt, daß beim Ausgehen vom Leben das Erkennen nicht auf eine gegebene Welt, nicht auf ein starres Ding an sich gewiesen wird, und daß überhaupt ein Leben sich weit leichter und weit reicher eröffnen kann als ein Sein. Auch die Religion stellt sich anders dar, wenn ihr höchstes Ziel nicht ein absolutes Sein, sondern das absolute Leben bildet. Hier aber liegt uns vor allem an dem Gegensatz des Lebens als eines Ganzen zu seinem Auseinandergehen in die Besonderheit der Verzweigung. Es ist ein Hauptzug des modernen Lebens, die Eigentümlichkeit der Einzelgebiete mehr zu entwickeln und stärker hervorzukehren als frühere Zeiten es taten. Diese Verstärkung aber hat bei allen Erfolgen mangels eines Gegengewichts immer mehr dazu geführt, daß die Gebiete auseinandergingen und wohl gar in einen schroffen Gegensatz zueinander gerieten. Da ihrer Arbeit naturgemäß die Menschen folgten, so entstand eine ungeheure Zerklüftung und Zersplitterung, wie wir heute schmerzlich empfinden. Mit diesem überwiegenden Eingehen in die Verzweigung hängt auch zusammen, daß das Leben sich mehr ins Technische wendet und immer komplizierter geworden ist, daß einfache Grundgedanken den Spezialproblemen immer mehr weichen mußten. Dem muß begegnet werden, dem läßt sich aber nur begegnen durch ein Zurückgehen auf ein überlegenes Ganzes des Lebens. Es steht zu hoffen, daß, wenn die großen Lebenswahrheiten und Lebensnotwendigkeiten kräftiger herausgearbeitet und bewußter angeeignet werden, unser Lebensstand eine Verjüngung und Vereinfachung erfährt, daß die Menschen gemeinsame Aufgaben erkennen und sich bei ihnen zusammenfinden. Alle schönen Worte von Menschenwürde und Humanität überwinden nicht die Kluft, das kann nur durch eine Verstärkung der gemeinsamen Aufgaben erfolgen, an deren Lösung das Gelingen und der Sinn alles Lebens hängt, bei denen wir aber zugleich uns aufeinander angewiesen und innerlich verbunden fühlen. Hier gilt es ein Bauen von innen heraus.

2. Das Leben als Grundlage dessen nehmen konnten wir nicht, ohne anzuerkennen, daß ein derartiges Leben nicht ein Erzeugnis bloßmenschlichen Vermögens ist, daß es vielmehr aus größeren Zusammenhängen stammt, und daß damit innerhalb des Menschen etwas Übermenschliches ersichtlich wird. Aus solcher Überzeugung läßt sich der heutigen Unsicherheit in der Schätzung des Menschen entgegenwirken. Es war der Neuzeit eigentümlich, beim Bilde der Welt wie bei der Gestaltung des Lebens vom Menschen auszugehen und ihn damit sehr zu steigern. Es hat das aber neben großem Gewinn auch manche Verwicklung gebracht, im besonderen die Gefahr, daß der bloße Mensch die Rechte und Ansprüche an sich riß, die nur dem schaffenden Leben gebühren. Solche Mißstände wurden so lange minder bemerklich, als von früheren Lebensordnungen her noch ein Glanz auf der Menschheit lag und sie als ein Glied größerer Zusammenhänge sehen ließ. Aber diese Verklärung ist mehr und mehr gewichen, und der Mensch hat sich immer ausschließlicher auf sein natürliches und gesellschaftliches Dasein gestellt. Wenn dabei manche Grenze und Schwäche sich nicht verkennen ließ, so suchte man das wohl durch eine Summierung der Kräfte zu überwinden, sei es in dem Nacheinander der Geschichte, sei es in dem Nebeneinander der Gesellschaft. Wie wenig das aber auslangt, das hat sich unserer Erörterung oft erwiesen; die Eindrücke des Krieges bekräftigen das, indem sie den Menschen mit sehr widersprechenden Zügen zeigen, im Verhältnis der Nationen unermeßlich viel Haß und Neid, Unwahrheit und Ungerechtigkeit, innerhalb der Nationen aber viel Kraft und Aufopferungsfähigkeit, wie wir das auch unseren Gegnern zuerkennen müssen; so ein höchst verworrenes Bild des Menschen. Die Unsicherheit, ja Hilflosigkeit wird dadurch verstärkt, daß die moderne Wissenschaft die Bedeutung des Menschen im Weltall immer geringer anschlägt; wir auf unserem kleinen Planeten und mit unserer zeitlich begrenzten Dauer scheinen völlig nebensächlich und gleichgültig im Ganzen der Wirklichkeit. Und doch können wir unmöglich auf eine Schätzung der Menschheit verzichten, wenn unser Handeln hohe Ziele entwerfen und unserem Vermögen sie zu erreichen vertrauen soll. So geht ein Sehnen durch die Menschheit der Gegenwart, den Menschen von innen heraus zu erhöhen. Das aber kann unmöglich vom bloßen Dasein aus geschehen, es verlangt die Eröffnung einer neuen Welt, einer Tatwelt, in der menschlichen Seele, und die Schöpfung eines selbständigen Lebens im Menschen; unsererseits bedarf es dabei einer kräftigen Herausarbeitung jenes Übermenschlichen im Menschen und zugleich eines Zusammenschlusses der Streiter für eine echte Geisteskultur zu einer festen Gemeinschaft; früher haben die Kirchen sich dieser Aufgabe angenommen, vieles in ihnen ist sicherlich heute veraltet, aber der sie beseelende Grundgedanke bleibt schlechterdings unentbehrlich und wird sich durch alle Verneinung und Bekämpfung hindurch immer wieder Geltung verschaffen.

3. Wir verlangten für das Leben die Bildung eines festen Kerns im Menschen, eines Selbst, das alle Mannigfaltigkeit trägt, sich erhöhend in sie hineinlegt, damit aber das Leben zu einem Beisichselbstsein erhöht. Wir verlangen zugleich einen Lebensinhalt und eine Wesenskultur. Damit widersprechen wir einer bloßen Kraftkultur, wie sie in der Neuzeit die Herrschaft an sich gerissen hat. Auch hier lag zugrunde eine unverwerfliche Forderung. Die früheren Lebensordnungen nahmen den Menschen zu sehr als eine fertige Größe und setzten daher nicht genügend den ganzen Umfang seiner Kraft in Bewegung. Nun zeigte die Neuzeit, wieviel sich im Menschen steigern und in den Verhältnissen bessern läßt; darüber ist aber die Steigerung zum Selbstzweck geworden, und es entsteht die Gefahr, das Beisichselbstsein des Lebens und alle Inhaltsbildung als nebensächlich, ja gleichgültig zu behandeln. Denn mag die Kraft in der einen Richtung als Wachstum materiellen Vermögens, in der anderen als eine Steigerung des seelischen Standes mittels eines durchleuchtenden Denkens verstanden werden, weder hier noch da kommt es zu einem wahrhaftigen Leben, wird das Leben mehr als ein bloßes Lebenwollen, als ein ruheloses Hasten und Jagen. Wollen wir aber dem mit Aussicht auf Erfolg widerstehen, so gilt es gegenüber dem Kraftideal ein neues Ideal zu gewinnen und durchzusetzen; das aber kann nur durch eine Wesensbildung mit ihrer Vertiefung des Lebens geschehen.

4. Jene Wesenskultur erhebt den Anspruch, allein dem Leben einen Selbstwert und eine innere Freudigkeit zu verleihen. Damit stellt sie sich in Gegensatz zu einer Gestaltung des Lebens, welche die materiellen Aufgaben zur Hauptsache macht und die ideellen nur als einen Anhang und eine Hilfe behandelt. Auch hier entspringt die Gefahr aus einer Wendung des Lebens, die viel Förderung mit sich brachte. Die wirtschaftlichen Fragen waren in früheren Zeiten viel zu sehr im Hintergrunde geblieben, und es hing damit eng zusammen, daß die geistige Bewegung in vollem Sinne auf enge Kreise beschränkt blieb, daß die Kultur sich zu wenig von unten her emporhob, zu sehr nur von oben her niedersenkte. So tun sich neue Ausblicke auf, wenn darin eine Wandlung erfolgt. Aber wiederum entsteht die Gefahr, daß dies Neue das ganze Leben und alle Kraft des Menschen an sich reißt und im Gewinn selbst den Gesamtstand niederdrückt; die wirtschaftlichen Fragen nehmen schon jetzt die leitende Stellung ein, wie auch der gegenwärtige Weltkrieg im letzten Sinne einen wirtschaftlichen Grund hat: das gewaltige wirtschaftliche Vordringen Deutschlands, der Widerstand und der Neid der anderen Völker dagegen. Die Notwendigkeit, die ungeheuren Verluste dieses Krieges leidlich wieder auszugleichen, drohen die wirtschaftlichen Fragen noch mehr zur Hauptsache zu machen. So elementaren Forderungen gegenüber vermögen schöne Worte und salbungsvolles Zureden nichts, sondern ihnen ist nur dadurch eine Schranke zu ziehen, daß die innere Leere aller bloßmateriellen Erfolge durchschaut wird, und daß zugleich eine starke Sehnsucht nach einem Lebensinhalt erwacht, dieser Sehnsucht aber auch die Möglichkeit einer Erfüllung geboten wird. Es muß eine Bewegung entstehen, welche die Hauptrichtungen des schaffenden Lebens in Religion, Philosophie und Kunst wieder mehr in ein ursprüngliches Wirken versetzt, aus eigener Erfahrung, nicht aus der vergangener Zeiten, welche damit der sichtbaren Welt eine innere Welt entgegenhält, welche nicht den Menschen, wie er ist, befriedigt, sondern wesentlich mehr aus dem Menschen macht. Schließlich gilt es heute einen Kampf um eine geistige Selbsterhaltung, nicht bloß des einzelnen Menschen, sondern der gesamten Menschheit, um die Rettung einer Seele des Lebens, für die alle Erfolge nach außen hin keinen Ersatz gewähren. Solcher Kampf fordert neben anderem auch eine Selbstbesinnung und Selbstvertiefung durch Denkarbeit. Und wie der Ausgangspunkt, so ist auch das Hauptproblem des Denkens das Leben sowohl in dem, was es uns bietet, als in dem, was es von uns fordert.

Folgerungen für die Ausbildung eines deutschen Lebensstiles.

Es liegt in der deutschen Art, die Probleme der Zeit mit großem Ernst und Eifer mitzuerleben; zugleich aber haben wir auch bei uns besondere Probleme, für die vielleicht auch eine Philosophie des Lebens nicht nutzlos ist. Diese Probleme erwachsen aber vornehmlich aus der Schwierigkeit, die gemeinsamen Aufgaben der Menschheit mit ganzer Seele festzuhalten und dabei einen eigentümlich deutschen Lebensstil auszubilden.

1. Es hat aber diese Schwierigkeit zwei Hauptgründe: einmal sind uns die Grundelemente geistigen Lebens zunächst von draußen zugeführt, und es besteht die Gefahr, daß wir sie uns nicht genügend in Fleisch und Blut verwandeln; sodann aber enthält unser eigenes Wesen Gegensätze, die sich schwer miteinander ausgleichen lassen. Was jenes betrifft, so empfingen wir unsere Religion vom Christentum; gewiß entsprach im innersten Wesen des Christentums manches der deutschen Art, und hat der Deutsche diese Art eben durch das Christentum erst voll zur Geltung gebracht; aber alle Anerkennung dessen läßt die Frage offen, ob die Form, in der das Christentum vom sinkenden Altertum her an den Deutschen kam, nicht auch manches ihm Fremde enthält, und ob hier nicht eine Aufgabe vorliegt, die auch durch die Reformation noch nicht genügend gelöst ist. Die Kultur aber kam uns vom Altertum her, und am Empfangenen haben wir unsere eigene Art herangebildet, gerade an den Höhepunkten unseres Schaffens erwies sich die Berührung als fruchtbar. Und doch ist der Zweifel nicht abzuweisen, ob die Verbindung von Altem und Neuem vollauf gelungen ist, ob hier nicht auch Elemente in unser Leben eingeflossen sind, die wir als halbfremd empfinden, wie zum Beispiel selbst bei den Schöpfungen des späteren Goethe, ob demnach nicht auch hier noch manches zu klären und sichten bleibt. Endlich aber sind uns von den westlichen Völkern nicht nur äußere Lebensformen, sondern auch politische Ideale zugeführt; wir haben dadurch manche Aufrüttelung und Förderung erfahren, aber zugleich wird uns auch viel Fremdes auferlegt und oft zu bereitwillig aufgenommen. Jene Völker haben zum Beispiel einen eigentümlichen Begriff von Freiheit, der sich von dem in unserem Wesen angelegten wesentlich unterscheidet: jene erstreben mehr eine Gleichheit, während wir auf eine Gliederung nicht wohl verzichten können; so ist ihr Begriff von Demokratie sehr verschieden von dem, den wir gemäß unserer Art fordern müssen. Daß wir in all diesen Punkten viel zu nachgiebig sind, viel zu wenig unsere eigene Art herausarbeiten und zur Geltung bringen, kann kein Unbefangener leugnen. Der Deutsche bleibt hier sich selbst eine Aufgabe, eine Aufgabe gerade am heutigen Tage.

Daß aber die Herausarbeitung des eigenen Wesens so viel Mühe macht, das liegt zum guten Teil daran, daß dieses Wesen in sich selbst verschiedene, ja entgegengesetzte Bewegungsrichtungen trägt, ja daß es eine eigentümliche Doppelheit aufweist. Als Hauptgegensatz erscheint dabei der von Seele und Arbeit, er geht durch die ganze deutsche Geschichte. Einmal enthält unsere Art das Verlangen, eine selbständige Innenwelt zu bilden und von ihr aus, ja für sie das Leben zu führen. Zugleich aber enthält sie ein nicht minder starkes Verlangen, in der sichtbaren Welt zu wirken und sie den Zwecken des Menschen zu unterwerfen. Daraus entsteht leicht eine Gefahr für das Ganze des Lebens, denn wenn diese beiden Forderungen sich nicht genügend zusammenfinden, ja sich miteinander zerwerfen, so ist ein Sinken nicht zu verhüten; die seelische Tätigkeit wird sich dann leicht von der Welt ablösen und ins Formlose verlieren, die Arbeit aber zu sehr ein bloßstoffliches Sammeln und Anhäufen werden. Schon das treibt den Deutschen über den nächsten Stand der Dinge hinaus, daß zur Überwindung dieses Gegensatzes der Gewinn eines neuen Standortes unentbehrlich ist; ja man darf sagen, daß schon durch diesen Gegensatz der deutschen Art ein Zug zur Metaphysik unausrottbar eingepflanzt ist. Weitere Konflikte aber erzeugt die geistige Arbeit selbst. Denn einerseits sehen wir die Deutschen eifrig bemüht, alle Mannigfaltigkeit zusammenzuhalten, alle Gegensätze auszugleichen, nichts vom Lebensbestande aufzugeben, alles in eine Harmonie oder doch in eine zusammenhängende Bewegung zu bringen, kurz in einem versöhnenden Sowohl — Als auch zu denken. Nicht minder stark aber wirkt im deutschen Wesen das Verlangen, die Gegensätze mit vollster Schärfe hervorzukehren, das Unterscheidende jeder Seite zu betonen, alle Vermittlung oder Abschwächung als eine Verflachung abzuweisen, das Leben damit unter ein unerbittliches Entweder — Oder zu stellen. Jenes gewahren wir in Persönlichkeiten wie Leibniz, Goethe, Mozart, Hegel, die andere Art bei Luther, Bach, Kant, Schiller, Beethoven. Jene Art enthält die Gefahr einer Abschleifung und eines zu raschen Hinwegeilens über die Dunkelheiten des Lebens, diese die andere, das Leben auseinanderzureißen und auseinanderfallen zu lassen. So haben beide Seiten dem Ganzen des deutschen Lebens gegenwärtig zu bleiben. Das kann aber nur geschehen, wenn der Gesamtbegriff des Lebens aller besonderen Gestaltung überlegen bleibt, und somit jene beiden Richtungen gleichberechtigte Antriebe werden, die sich gegenseitig sowohl ergänzen als steigern können. Das alles steckt dem deutschen Leben hohe Ziele und legt ihm schwere Aufgaben auf, notwendig wird damit der Mensch auf größere Zusammenhänge gewiesen, und zu Hauptzügen seines Lebens werden tiefer Ernst und aufrichtige Ehrfurcht werden. Uns wird das Leben nicht leicht gemacht, und wir empfinden oft schmerzlich den weiten Abstand zwischen der von unserm eigenen Wesen geforderten Höhe und dem Durchschnitt des Alltags; vielleicht ist er größer als bei irgendeinem anderen der leitenden Völker. So haben wir jene Höhe stets mit allem Eifer neu zu erringen und müssen zugleich nach verschiedensten Richtungen hin einen Kampf gegen drohende Verflachungen führen. Zahlreich sind heute diese Verflachungen; wir möchten nur eine von ihnen erwähnen, da sie mehr empfunden als ausgesprochen zu werden pflegt, das ist die von der Reichshauptstadt, von Berlin, ausgehende Verflachung, der Berlinismus, wie es kurz heißen könnte. Wir hegen die aufrichtigste Hochachtung vor dem Eifer des Strebens und der Tüchtigkeit der Arbeit, die dort geleistet wird, wir wissen zugleich, wie viele Männer und Frauen dort übereinstimmend mit uns denken, aber das kann und darf uns nicht verhindern, die Gefahr für die innere Lebenshaltung zu bezeichnen, die von dortigen Massenwirkungen ausgeht. Mangels einer großen Tradition wird das Leben dort überwiegend auf den freischwebenden Verstand gestellt, und es erhalten damit unvermeidlich Reflexion, Kritik und Verneinung eine übergroße Macht; formale Gewandtheit und Geschicklichkeit, oft auch bloße Redefertigkeit, sollen geistigen Gehalt ersetzen; man kennt keine offenen Probleme; wie man sich selber fertig fühlt, so vollzieht man überall einen raschen Abschluß; die großen Lebensfragen, an denen aller Sinn und Wert unseres Daseins hängt, finden wohl ein lebhaftes »Interesse« und eine »geistreiche« Erörterung, aber nicht das Einsetzen einer Wesenstiefe und den ehrfurchtsvollen Ernst, worauf sie bestehen müssen. Daß Ernst und Ehrfurcht keine Gedrücktheit zu erzeugen brauchen, vielmehr mit innerer Frische und Fröhlichkeit ganz wohl vereinbar sind, das zeigt zum Beispiel die Gestalt eines Luther. Wehren wir uns also dagegen, daß uns für echte Kultur ein bloßer Kulturersatz aufgedrängt werde!

2. Weitere Schwierigkeiten bereitet die Frage, einen dem deutschen Wesen gemäßen Typus für unser Staatsleben zu erreichen, auch hier stehen wir in nicht geringer Verwicklung; das aber namentlich durch einen unausgeglichenen Streit zwischen alter und neuer Art. Unsere Geschichte war bei aller geistigen Fruchtbarkeit und aller Durchbildung der Einzelnen politisch wenig glücklich, war doch der Erbe des römischen Weltreichs schließlich zu kläglicher Ohnmacht gesunken und zu einem Spielball fremder Mächte geworden. Wir können daher nicht dankbar genug dafür sein, daß die Entwicklung des preußischen Staates einen festen Kern für die Sammlung der deutschen Stämme gewinnen ließ. Das aber trieb notwendig dort die politische Gestaltung in eine Einseitigkeit, indem allen anderen Aufgaben voran die Aufgabe trat, die Macht des Staates zu stärken und zu steigern. So entstand der Obrigkeitsstaat, der für jenen Zweck Hervorragendes geleistet hat, der überhaupt viel tüchtige Verwaltungsarbeit verrichtet und weiteste Kreise zu treuer Pflichterfüllung gebildet hat. Aber die selbständige Tätigkeit der Einzelnen sowohl als die der kleineren und größeren Kreise kam dabei zu kurz, der Obrigkeitsstaat wurde nicht genügend zum Volksstaat. Das wurde namentlich als ein Mißstand empfunden, als der industrielle, überhaupt der wirtschaftliche Aufstieg ein neues Deutschland erstehen ließ, neue Schichten der Gesellschaft emporhob, sie berechtigte Ansprüche auf selbständige Teilnahme am Staatsleben stellen ließ. Es ist eine Torheit, sich einer solchen aller menschlichen Willkür überlegenen Wandlung starr zu verschließen, aber es ist eine nicht geringere Torheit, die Verwicklung summarisch durch einfache Übertragung ausländischer, namentlich romanischer Staatsformen auf deutsche Verhältnisse lösen zu wollen. Dafür sollte man zu hoch vom deutschen Wesen und Geiste denken, um sich auf diesem Hauptlebensgebiet eine bloße Nachahmung genügen zu lassen. Wir haben unsere eigenen Begriffe von staatlichen und gesellschaftlichen Dingen, wir denken viel zu hoch vom Beruf, um ihn bei der Volksvertretung vollständig auszuschalten und alles Heil von der bloßen Masse zu erwarten; wir verlangen mehr Recht der Persönlichkeit, mehr Selbstverwaltung und Gliederung; da wir das Bewußtsein haben dürfen, für die innere Freiheit der Geister mehr getan zu haben als irgendein anderes Volk der Neuzeit, in Luther für die religiöse, in Kant für die philosophischmenschliche, in Goethe für die künstlerische Freiheit, so dürfen wir hoffen, daß es uns auch gelingen wird, für die unentbehrliche Freiheit im menschlichen Zusammensein eine Form zu finden, die unserer eigenen Art entspricht. Die erste Bedingung dessen ist aber, daß wir dieser Art deutlich inne werden, und daß wir von dem Zufälligen und Angreifbaren scheiden, was in ihr wesentlich und wertvoll ist. Dazu bedarf es wiederum energischer Selbstbesinnung durch Denkarbeit, dazu bedarf es auch einer Klärung der gemeinsammenschlichen Ziele, innerhalb derer wir unsere Aufgabe suchen müssen.

3. Eine weitere Aufgabe stellt uns endlich die durch den Weltkrieg erzeugte Lage. Wir haben im Verhältnis zu anderen Völkern schwere Enttäuschungen erfahren und sind zwingend auf die eigene Kraft zurückgeworfen. Das treibt dazu, unsere nationale Art stärker herauszuarbeiten und auch der Vergangenheit gegenüber mehr Selbständigkeit zu erringen. Aber es gilt dabei die Gefahr einer Verengung fernzuhalten, die Gefahr, uns vom Ganzen der Menschheit abzusondern, das doch vom Beisichselbstsein des Lebens her seinen unantastbaren Wert behält, die grundgeistigen Aufgaben vor den Forderungen des Tages zurückzustellen, auch über einem Hangen am Augenblick zu vergessen, daß wahre Gegenwart nicht innerhalb des Zeitlaufs liegt, sondern nur in Erhebung über ihn entstehen kann. Früher ließ uns das Streben nach Weite des Lebens oft die Sorge um seinen Charakter vergessen, nun wollen wir über dem erstrebten und höchst notwendigen Charakter nicht die Weite verlieren!

So dringen von allen Seiten her Forderungen auf uns ein, denen wir ohne eine Selbstvertiefung und ein Ergreifen innerer Zusammenhänge unmöglich entsprechen können. Zu einem glücklichen Fortgang bedarf es vor allem voller Wahrhaftigkeit und Selbständigkeit, damit ursprüngliches Leben in uns entstehen könne; entsteht es aber, so wird es mit seiner Weltüberlegenheit uns auch den Mut und die Kraft verleihen, das als notwendig Erfaßte gegen allen Widerstand durchzusetzen und allen Schein als bloßen Schein zu entlarven.

So ergab sich durchgängig eine große Unfertigkeit als dem deutschen Leben eigentümlich. Das ist ein Nachteil, gewiß; aber es ist auch ein nicht geringer Vorteil. Denn daß wir so viele noch zu lösende Probleme in uns tragen, das zeigt, daß wir uns noch keineswegs ausgelebt haben, sondern uns noch im Werden befinden und noch weiter wachsen können, daß wir trotz einzelner greisenhafter Züge im Kern noch ein jugendliches Volk sind. So werden wir auch, wenn wir auf eine glückliche Zukunft unseres Volkes hoffen, dabei vornehmlich auf unsere Jugend vertrauen. Sie hat in diesem gewaltigen Kriege in harten Kämpfen wie in ausdauerndem Ertragen eine herrliche Kraft und Gesinnung erwiesen; überträgt sie das in das Werk des Friedens, das vor uns liegt, so dürfen wir hoffen, daß sie sich auch den inneren Aufgaben gewachsen zeigen und durch mutige Arbeit an den großen Fragen unseren Glauben an den Sinn und Wert des menschlichen Lebens stärken wird.

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