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Der Sinn und Wert des Lebens

Auseinandersetzung mit der Welt und der Lage des Menschen.

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Bisher hatten wir ein Gesamtbild des Lebens entworfen, ohne die Frage zu stellen, wie weit unser menschlicher Bereich es zur Ausführung bringt, was er an Hemmungen, aber auch an Überwindungen enthält. Nun aber gilt es sich auch damit zu befassen; wir werden dabei nicht nur einen eigentümlichen Tatbestand finden, wir werden im Bilde des Lebens selbst weitere Züge entdecken. Es erwachsen aber Hemmungen vornehmlich in dreifacher Richtung: aus der Übermacht der Natur, aus der Unsicherheit des Geisteslebens, aus der Unlauterkeit und dem inneren Widerspruch des menschlichen Standes. Diese Punkte wollen gesondert behandelt sein.

Die Übermacht der Natur.

Verhält sich Geistesleben und Natur, wie unser Lebensbild behauptet, wie eine höhere und niedere Stufe, so wäre zu erwarten, daß die Natur durchgängig sich unterordnete und einen Zusammenhang mit dem Geistesleben zeigte. Dem aber widerspricht zunächst die Unermeßlichkeit der Natur, der gegenüber, was in der Menschheit an geistiger Art erscheint, zu winziger Kleinheit herabsinkt. Es klingt vermessen, ein so Verschwindendes für den Kern der Wirklichkeit auszugeben. Weiter aber scheint der Natur alle Verknüpfung mit dem Geistesleben zu fehlen. Frühere Zeiten haben wohl gewagt, eine solche aufzuweisen, so glaubte das Mittelalter in der Pflanzen- und Tierwelt durchgängig Hinweise auf das Leben, Leiden und Auferstehen Jesu zu entdecken, eine sinnbildliche Deutung wob ein Band zwischen der Außen- und der Innenwelt. Wie fern ist uns heute, schon durch die unermeßliche Erweiterung der Natur ins Große wie ins Kleine hinein, diese Denkart gerückt! Nach dem jetzigen Bilde scheint die Natur ganz und gar in sich selbst zu ruhen und bei sich selbst zu verlaufen, scheint auch das Gebiet organischer Bildung nicht über sich selbst hinauszuweisen. Welche Beziehung könnte zum Beispiel die wunderbare Lebensfülle und der erstaunliche Formenreichtum der Tiefseewelt zur Entwicklung des Geisteslebens haben? Wohl führt in der Natur ein Strang zu der Höhe, wo sich solches Leben entfaltet, aber dieser Strang ist nur einer neben vielen anderen, die sich an mannigfachen Stellen abzweigen und ohne irgendwelchen Zusammenhang mit jenem Leben verlaufen. Wie ein dunkles Rätsel steht vor uns das Ganze der Natur. Ein Aufstieg der Bildung und des Lebens ist unverkennbar, aber er erfolgt unter harten Widerständen und so, daß das Höhere streng an die niederen Stufen gebunden bleibt. Schwerlich wird die Natur sich letzthin mechanisch erklären lassen, die Anerkennung bildender Kräfte aber macht es zu einem rätselhaften Widerspruch, daß vielfach die Natur die Wesen gegen einander hetzt und sie auf gegenseitige Zerstörung anweist; indem sie die Angriffswaffen des einen, die Schutzwehr des anderen verstärkt, scheint sie sich selbst entgegenzuwirken. Zweckmäßigkeit an den einzelnen Stellen, aber kein erkennbarer Zweck im Ganzen. So bleibt zunächst völlig unklar, wie das Geistesleben eine innere Verbindung mit diesem Reiche haben könnte; hat es sie aber nicht, so scheint es vereinsamt in dem unermeßlichen All, dessen Seele zu sein es behauptet.

Dazu zeigt sich der Lauf der großen Welt, dem auch wir aufs engste verflochten sind, völlig gleichgültig gegen unser Ergehen; von altersher hat den Menschen die Wahrnehmung beschäftigt, aufgeregt und wohl gar zur Verzweiflung getrieben, daß das, was ihm von innen her als das Höchste gilt und woran er sein Hauptstreben setzt, im Ganzen der Welt aller Schätzung und Bedeutung zu entbehren scheint; wie im Spiel zerstört die Natur, sei es in langsamer Verzehrung, sei es in gewaltigen Umwälzungen, was geistig von höchstem Werte ist, sie kennt kein gut oder böse, ihr gilt kein Unterschied. Es hat nicht an Bemühung gefehlt, den Widerspruch wegzudeuten und nachzuweisen, daß mit jenem Befunde ein Reich der Gerechtigkeit und sittlichen Ordnung, ja der Liebe und gütigen Vorsehung, wohl vereinbar sei, aber mochten weite Kreise und lange Epochen in solchen Gedankengängen eine Befriedigung finden, die Menschheit ist aus einer solchen immer wieder aufgescheucht und von dem Zweifel befallen, ob jene Ausgleichung nicht eine bloße Ausrede sei, ein Erzeugnis bloßer Wünsche und Träume.

Dazu unterliegt der Mensch nicht nur nach außen hin, sondern auch im eigenen Bereich der Herrschaft der Natur. Alle Entfaltung seelischen Lebens bei ihm zeigt eine solche Abhängigkeit von körperlichen Zuständen und Vorgängen, daß versucht werden konnte, sie ganz und gar darauf zurückzuführen. Auch in das Handeln reicht solche Bindung hinein. Denn das Sinnliche nimmt in ihm eine überragende Stellung ein; statt geistigen Zwecken zu dienen, bemächtigt es sich der seelischen Kräfte, das aber über den eigenen Entschluß der Menschen hinaus, aus bitterem Zwange der Notwendigkeit. Wie die Menschheit sich im Durchschnitt der Erfahrung ausnimmt, wird die natürliche Selbsterhaltung des Individuums wie der Gesellschaft der beherrschende Haupttrieb des Lebens. Unablässig haben wir um die Behauptung unseres Daseins zu kämpfen, und zwar so hart, daß diese Aufgabe oft das ganze Streben einnimmt, das nicht nur bei den Individuen, sondern auch bei den Völkern und der gesamten Menschheit. Nicht die Ideen, sondern die Interessen, und zwar die materiellen Interessen, beherrschen den Durchschnitt des menschlichen Daseins. Wie sehr sie auch bei großen geschichtlichen Wendungen, zum Beispiel bei religiösen Umwälzungen, im Spiele sind, das hat eben die neueste Zeit mit ihrer Hervorkehrung der ökonomischen Betrachtungsweise anzuerkennen gezwungen. Dabei müssen wir zugestehen, daß der Kampf mit seiner harten Not und seiner Aufrüttelung der Kräfte für den Menschen, wie er nun einmal ist, sich nicht entbehren läßt; bloßgeistige Ziele bewegen ihn viel zu wenig, ein sorgenfreies Leben würde für die meisten ein träges und schlaffes werden. Dazu kommt die Selbsterhaltung der Gattung mit ihrer Voranstellung der geschlechtlichen Seite des Lebens. Mit Unrecht hat eine ältere Denkart unter dem Einfluß theologischer Dogmen der Menschheit den Geschlechtstrieb als eine sittliche Schuld aufgebürdet, da vielmehr der Zwang der Natur ihn ihr eingepflanzt hat und er für ihr Fortbestehen durchaus unentbehrlich ist. Demnach erscheint durchgängig die sinnliche Lebenserhaltung als die stärkste Macht im menschlichen Dasein, und es behält Schiller Recht mit dem Wort, daß Hunger und Liebe die Welt regieren. Von hier aus mag alles geistige Leben eine bloße Nebensache scheinen, die anderen Zwecken zu dienen hat.

Solchem Übergewicht des Sinnlichen entspricht die Tatsache, daß die Formen des natürlichen Daseins in Raum und Zeit, die das schaffende Leben überwinden wollte, in Wahrheit beharren und unser Streben beherrschen. Das bloße Nebeneinander des sinnlichen Daseins umfängt uns mit starrer Tatsächlichkeit und isoliert den einen gegen den anderen, während alle Entfaltung geistigen Lebens ein Wirken aus dem Ganzen verlangt; nicht minder befinden wir uns in dem Nacheinander der Zeit, wo keine Leistung und kein Zustand beharrt, vielmehr alles fließt und der Wandel der Dinge leicht das heutige Recht morgen in Unrecht verkehrt. Einen wie raschen Wechsel der Ziele, der Überzeugungen und des Geschmackes zeigt das menschliche Dasein, während das geistige Schaffen seinen Gehalt als zeitüberlegen gibt und auf solcher Forderung bestehen muß, um seine Kraft voll einzusetzen.

Das alles läßt sich nicht leugnen, noch auch beiseite schieben, es bleibt bei der Tatsache, daß geistiges Leben bei uns Menschen in starker Abhängigkeit steht und sich oft recht kümmerlich ausnimmt. Das anerkennen heißt aber keineswegs einem endgültigen Nein unterliegen. Dem widersteht schon die Tatsache, daß inmitten unseres Daseins weit über die bewußte Absicht des Menschen hinaus eine Weiterbewegung gegen die bloße Natur und ihre Maße im Gange ist. Denn vielfache Erfahrung zeigt, daß, was der Mensch unter dem Zwange der Not und seiner Selbsterhaltung wegen ergriff, sich ihm durch den eigenen Verlauf des Lebens verwandelt und veredelt: was zunächst nur äußerlich war, das wird ins Innere gewandt; was als bloßes Mittel diente, das gewinnt einen Wert bei sich selbst; auf solchem Wege erfolgt durch die ganze Weite und Breite des Lebens ein Aufstieg zu geistiger Höhe.

Betrachten wir die persönlichen Verhältnisse von Mensch zu Mensch in Liebe und Freundschaft. Was Liebe genannt wird, ist zunächst dem Naturtrieb verwachsen und oft recht flacher Art, es trägt geistige Züge nur nebenbei, der andere Mensch erscheint vornehmlich als ein Mittel zur Erhöhung des eigenen Wohlseins. Aber im Zusammensein vollzieht sich nach und nach eine Wendung dahin, daß jener auch bei sich selbst einen Wert erhält, und daß der Förderung seines Wohles das Ich sich unterordnen, ja aufopfern kann, daß unter Durchbrechung der anfänglichen Enge eine innere Erweiterung des Lebens erfolgt. Nicht anders steht es mit der Freundschaft. Äußere Gründe der Nützlichkeit und der Annehmlichkeit pflegen die Menschen zusammenzuführen, es ist meist eine Gemeinschaft der Zwecke, welche sie zusammenhält. Aber bei einiger Dauer pflegt das gegenseitige Verhältnis sich ins Innere zu wenden, und jedes Glied eine innere Teilnahme, ja Freude am anderen auszubilden. Schon Aristoteles hat geschildert, wie der Verlauf des Lebens aus dem zunächst bloß Nützlichen und Angenehmen etwas an sich Wertvolles, etwas Gutes bereitet, und wie damit der Mensch seinen eigenen Beweggründen entwächst, wie hier nach dem Ausspruch des Denkers auch in dem Menschen niederer Art etwas Göttliches wirkt, das stärker ist als er selbst.

Auch unser Verhältnis zu den Gegenständen, mit denen unsere Arbeit zu tun hat, nimmt teil an solcher Erhöhung. Wir pflegen die Arbeit um der Selbsterhaltung willen aufzunehmen, in der Not des Kampfes ums Dasein müssen wir notgedrungen einen Lohn für sie verlangen; die Sache mag uns dabei zunächst völlig gleichgültig sein. Aber nach und nach wird uns die Arbeit durch ihren eigenen Gehalt lieb und wert, ihr Fortgang wird zur Herzenssache, die Sorge um ihr Gelingen läßt uns willig große Mühen und Opfer ertragen. Das namentlich, wenn sich die Arbeit über einzelne Leistungen hinaus zur Lebensarbeit steigert, einen eigentümlichen Beruf erzeugt und damit allem Handeln eine beharrende Richtung gibt. Das widersteht mit besonderer Stärke einem Beharren bei kleinlicher Selbstsucht und wirkt zur inneren Erhöhung des Lebens.

Wie so im Verhältnis zu Menschen und Gegenständen das Leben vom Äußeren ins Innere, vom Natürlichen ins Geistige übergeleitet wird, so trägt der Einzelne auch in seiner eigenen Seele eine Macht, die ihn vorwärts treibt. Das ist die Besonderheit seiner Art, seine Individualität. Sie ist zunächst eine Gabe der Natur, in der Niederes und Höheres zusammenfließt; diesen Befund zu wahren und durchzusetzen entspricht dem Naturtrieb der Selbsterhaltung und gewinnt daher leicht die Neigung des Menschen. Aber die Bewegung, die damit in Fluß kommt, führt immer mehr und mehr über den Anfang hinaus, es drängt den Menschen dahin, jenen Kreis enger zusammenzuschließen, einen beherrschenden Mittelpunkt auszubilden, Haupt- und Nebensachen zu scheiden; je mehr das gelingt, desto deutlicher wird eine Hauptrichtung ersichtlich und wird die Wendung von einem niederen Selbst der Natur zu einem höheren des Geistes gefördert. Die individuelle Art erscheint damit als ein Pfeiler, an dem sich das Leben in die Höhe rankt.

Auch das menschliche Zusammenleben zeigt einen ähnlichen Aufstieg vom Niederen zum Höheren, ein Hinauswachsen des Menschen über seine eigenen Triebe. So in der Verbindung der einzelnen Kräfte. Zunächst ist es das äußere Nebeneinander und der Zwang der Lebenserhaltung, welche die Menschen zusammenführen und zu kleineren oder größeren Gruppen verbinden. Aber nun ergibt die Verbindung gemeinsame Erfahrungen und Kämpfe, gemeinsame Erfolge und Leiden; sowenig daraus unmittelbar eine innere Gemeinschaft hervorgeht, eine solche wird durch den gemeinsamen Besitz doch vorbereitet, es werden Anhaltspunkte gewonnen, die einem Leben aus dem Ganzen entgegenkommen. So wird, was Volk und Vaterland auf der Stufe des geistigen Lebens dem Menschen bedeuten können, auch durch die natürliche Entwicklung angebahnt.

Ähnliches erfahren wir gegenüber der Zeit mit ihrem Nacheinander. Denn gegenüber dem bloßen Nacheinander bildet das gesellschaftliche Leben beharrende Züge und Lagen aus, die sich von der geistigen Arbeit aneignen und einer neuen Stufe zuführen lassen. Es erscheint damit eine gewisse Vermittlung zwischen der bloßen Zeit, die das nächste Dasein beherrscht, und der Ewigkeit, die das geistige Schaffen fordert.

Demnach erweist schon im Bereich des Daseins das Leben selbst ein erziehendes Wirken. Wir verstehen von hier aus, wie Plato von einer dem Niederen innewohnenden Sehnsucht nach Ewigkeit reden und eine Stufenleiter des Strebens im Weltall aufsuchen konnte; nur sei das nicht als ein bloßes Hervorgehen aus der Natur verstanden, sondern als eine Emporhebung durch die Kraft des Geisteslebens. Die Natur könnte unmöglich in jenen Aufstieg gelangen, wirkte nicht ein tieferer Grund in ihr und gäbe ihr den Trieb zur Weiterbewegung.

Uns aber erschöpft sich die Wirkung des geistigen Lebens nicht in eine solche Emporbildung der Natur, sondern, wie wir sahen, erzeugt dieses Leben ein selbständiges Reich, das wesentlich anderer Art ist als das der Natur. Nicht nur in besonderen Richtungen vollziehen sich erhebliche Wandlungen, nicht nur weichen hier die Güter des Nützlichen und Angenehmen denen des Guten, Wahren und Schönen, sondern es verwandelt sich der Grundbegriff der Wirklichkeit, indem diese nicht mehr ein bloßes Nebeneinander in Raum und Zeit, nicht ein bloßes Gewebe von Einzelpunkten bildet, sondern alle Mannigfaltigkeit mit einem Ganzen des Lebens umfaßt und sie sich innerhalb dieses entfalten läßt. Wie das eine Erhebung über Raum und Zeit vollzieht, so erweist hier ein Geschehen seine Tatsächlichkeit nicht durch ein Vorhandensein im zeiträumlichen Nebeneinander, sondern durch die Zugehörigkeit zum Leben des Ganzen. Hier bildet nicht die Beziehung von Einzelnem zu Einzelnem, sondern das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen das Grundverhältnis des Lebens, im Gesamtleben hat jedes seine Stelle und sein Recht aufzuweisen, was als wahr gelten will. Jenes ist nach unseren Darlegungen nicht eine Welt neben einer anderen, sondern es ist die Welt, in der allererst das Leben ein Beisichselbstsein erreicht; es muß daher als die Grund- und Hauptwelt, als der Kern alles Geschehens anerkannt werden. Erst von hier aus sahen wir auch ein wissenschaftliches Bild der Natur entstehen, dies Bild aber läßt eine überschauende Erwägung manche Züge gewahren, welche bei aller Rätselhaftigkeit eine größere Tiefe des Ganzen verraten, als der Mechanismus des bloßen Nebeneinander zu erklären vermag; so die Wechselwirkung der Elemente, so das Durchgehen einfacher Grundgesetze, so die Macht der Formbildung in der Natur, so auch der Aufstieg zu höheren Stufen in ihr. Ja selbst die enge Verkettung unseres geistigen Vermögens mit der Natur wird einer naturalistischen Deutung entzogen, sobald anerkannt wird, daß im Beisichselbstsein des Lebens etwas der Natur wesentlich Überlegenes eintritt. Denn dann wird der Gedanke unabweisbar, daß die Natur zu einer derartigen Erhöhung nicht führen könnte, besäße nicht sie selbst einen tieferen Grund, und stellte sie sich damit nicht als eine bloße Stufe eines weiteren Geschehens dar. Freilich müssen uns zugleich die Grenzen unseres Erkennens und die Überlegenheit der Natur über alle menschlichen Maße gegenwärtig bleiben; daß aber ein innerer Zusammenhang von Natur und Geist besteht und auch uns sich eröffnet, das erweist die Kunst mit ihrem das Leben durchwaltenden Wirken. Denn sie läßt das Sinnliche zum Ausdruck des Geistigen werden und seiner Fortbildung dienen, ihr vermögen Worte, Töne, Farben innerlichste Seelenlagen zu verkörpern, nicht minder aber bringt sie zur Anerkennung, daß beim Menschen das Geistesleben solcher Verkörperung bedarf, um ihm volle Wirklichkeit zu werden. So erweist die Kunst den Zusammenhang beider Welten und gibt, um mit Goethe zu reden, »von des Daseins ewiger Harmonie die seligste Versicherung«.

Mag demnach im Gesamtbild des Lebens die Natur eine gewaltige Macht behaupten und für den äußeren Eindruck weit überlegen bleiben, in unserer Seele erhebt sich eine neue Welt, deren Tatsächlichkeit alle Schranken des Menschen nicht aufheben können. Denn diese Welt hat von Haus aus eine Selbständigkeit und Überlegenheit gegen den Stand und das Befinden des Menschen, sie aber ist uns das Allernächste und Allergewisseste, das, von wo aus wir die Natur innerlich erst erleben; wer daher der Macht der bloßen Natur unterliegt, der bekundet damit nur die Schwäche seiner eigenen Stellung im Geistesleben.

Die Unsicherheit des menschlichen Geisteslebens.

Gegen die übermächtige Sinnenwelt suchten wir einen festen Halt im Selbständigwerden des Lebens. Aber mit diesem Selbständigwerden scheint es beim Menschen schlecht genug bestellt; wer möchte leugnen, daß das Geistesleben dem ersten Eindruck hier sehr schwankende Umrisse zeigt: die einzelnen Menschen und Kreise gehen bei seiner Fassung weit auseinander bis zu völligem Gegensatz; nicht minder tun es die verschiedenen Zeiten; gegenüber ihren Bewegungen und Wandlungen erscheint jenes als völlig biegsam und weich, als etwas, das jeder Forderung nachgibt, sich jeder Lage bereitwillig anpaßt. Solche Schmiegsamkeit gewährt menschlichem Meinen und Wünschen den weitesten Spielraum, der Streit der Parteien zieht die Sache an sich, auf Deutung und Nutzen des bloßen Menschen scheint alles hinauszukommen, damit aber eben das, was über den Menschen hinausheben sollte, ein Spielball seines Beliebens, ein Werkzeug seiner Zwecke zu werden.

So das Chaos des ersten Eindrucks. Aber der Zusammenhang unserer Betrachtung gestattet diesem Eindruck zu widerstehen. Das Leben entbehrt keineswegs alles festen Tatbestandes, weil die Menschen sich über seine Fassung streiten, es gilt nur die Tatsächlichkeit an der rechten Stelle zu suchen, sie nicht gegenüber dem Leben, sondern innerhalb seiner zu suchen. Denn auch Bewegung und Streben enthüllen einen eigentümlichen Tatbestand, eröffnen bestimmte Züge, zeigen eine Richtung des Weges, lassen ein Vermögen des Geistes ersehen. Es erwacht zum Beispiel in der Menschheit, wie wir sahen, ein Streben nach einer neuen Art der Geschichte, nach einer Erhebung über das bloße Vorüberziehen der Zeiten, nach einer inneren Festhaltung dessen, was äußerlich versank; erweist das darin bekundete Vermögen, die Zeiten zu überschauen und in ein Gesamtbild zu fassen, ihrem Wandel Bleibendes abzuringen und in Aneignung dieses Bleibenden eine zeitüberlegene Gegenwart zu bilden, erweist ein derartiges Vermögen nicht eine eigentümliche Beschaffenheit des Lebens, und zugleich eine Tatsächlichkeit, die kein bloßes Deuten hervorbringen könnte? Gegenüber solcher Zurückverlegung der Tatsächlichkeit in das Grundgewebe des Lebens erscheint die übliche Behandlung der Sache als viel zu flach und summarisch. Diese fragt nur nach dem Endergebnis wie der Händler nach der fertigen Ware, die Arbeit ist ihr gleichgültig; so gewahrt sie nicht, daß auch diese im Entfalten der Kräfte einen eigentümlichen Tatbestand enthält. Ja, es kann bei diesen inneren Fragen das Wie der Arbeit wichtiger sein als ihr Erzeugnis, da jenes neue Fragen stellen, neue Möglichkeiten eröffnen, den Lebensprozeß vertiefen kann.

Auch sind es nicht bloß einzelne Bewegungen, die einen Tatbestand in sich tragen, sondern es entstehen auch innerhalb des Lebens größere Zusammenhänge, geschlossene Gebiete mit eigentümlichen Gesetzen und Forderungen, wie Kunst und Wissenschaft, Moral und Religion. Auch bei diesen Lebensgebieten, die im Lauf der Geschichte immer selbständiger geworden sind und namentlich in der Neuzeit ihre eigentümliche Art deutlich hervorgekehrt haben, verdeckt leicht der Streit um die nähere Fassung die Grundtatsache, welche schon ihr Entstehen und Bestehen enthält; man sieht den Wald nicht vor lauter Bäumen. Weil zum Beispiel bei der Moral und der Religion die näheren Fassungen weit auseinandergehen, erscheinen jene leicht als ein bloßes Machwerk menschlicher Meinung; sie können das nicht mehr, wenn gegenüber allen besonderen Arten von Moral und Religion eine überlegene Tatsache darin erkannt und anerkannt wird, daß überhaupt Religion und Moral im menschlichen Kreise entstehen und nicht bloß die Einzelnen beschäftigen, sondern das Ganze des Lebens eigentümlich gestalten. Denn durch alles, was die einzelnen Religionen voneinander trennt, geht ein gemeinsamer Zug des Lebens, geht die Abhebung einer höheren Art von seinem sonstigen Stande, geht die Forderung, alles menschliche Wohlsein gegenüber jener zurückzustellen; das ergibt eine eigentümliche Welt der Gedanken nicht bloß, sondern auch der Gefühle, eine Entwicklung von Erhabenheit und Gnade einerseits, von Ehrfurcht und Glaube andererseits; auch läßt sich das nicht in seine Geschichte verfolgen, ohne in dieser einen Aufstieg vom Sinnlichen ins Unsinnliche, vom Einzelnen ins Ganze, von äußerem Werk zur Gesinnung des Herzens zu erkennen, allen Zweifeln und Irrungen gegenüber erscheint darin eine eigentümliche Entfaltung des Lebens. Ähnlich steht es mit der Moral. Allem Unterschied ihrer Gestaltungen und allem Streit der Moralsysteme bleibt die Tatsache überlegen, daß die Menschheit sich überhaupt der Herrschaft des bloßen Naturtriebs entwand und die Wendung zu einer Ordnung vollzog, welche ihr schwere Gebote auferlegt und doch als ihr zugehörig anerkannt wird. Es lag darin ein Aufruf zur Befreiung von allen selbstischen Zwecken, auch die Forderung einer freien Entscheidung und Zuwendung, dabei der Anspruch, allen anderen Zwecken überlegen zu sein und unbedingten Gehorsam verlangen zu dürfen. Mag eine solche Bewegung langsam vordringen und immerfort harten Widerstand finden, sie ist vorgedrungen und hat sich gegenüber allem Widerstande behauptet. Ist nicht auch das eine aller Willkür überlegene Tatsächlichkeit? Welche Macht solche Lebenskomplexe ausüben können, das zeigt besonders deutlich die Wissenschaft mit ihrer Erhebung des Denkens zu voller Selbständigkeit. Sie fordert eine sachliche Verkettung, die alle Mannigfaltigkeit zum Ganzen eines Systems verbindet, jeden Satz streng in seine Konsequenzen entwickelt, keinerlei Widerspruch der einzelnen Behauptungen duldet; es kann das seinem Inhalt nach den Interessen des bloßen Menschen geradezu widersprechen, und doch zwingt es ihn mit unwiderstehlicher Macht zum Gehorsam, den Einzelnen sowohl als das Ganze des Völkerlebens.

Solche Zurückverlegung der Tatsächlichkeit stellt auch die Überzeugungen des Menschen vom Ganzen der Welt auf einen festeren und breiteren Grund, als die übliche Art es tut, die alle Wahrheit von bloßem Verstande erwartet. Wie die einzelnen Lebensgebiete eine Bewegung des Gesamtlebens hinter sich haben und sie zum Ausdruck bringen, so vertritt jedes in der Durchführung seines Unternehmens eine Überzeugung vom Ganzen; auch innerhalb der einzelnen Gebiete wird keine Leistung wahrhaft groß, die nicht ein Bekenntnis vom Ganzen enthält. Dabei erschließt aber die Arbeit der verschiedenen Gebiete verschiedene Seiten des Ganzen, wie schon vorher beim Gegensatz des Überweltlichen und Innerweltlichen ersichtlich wurde. Hier sei nur noch hinzugefügt, daß das Erziehungswerk eine Vermittlung beider Richtungen und ihrer Bekenntnisse fordert und auf seiner Höhe vollzieht. Denn wenn es einerseits die Schärfe der Gegensätze voll anerkennen muß, um genügende Tiefe und Kraft zu erreichen, so könnte es keinen Mut zu seiner Aufgabe finden, schlummerte nicht in jeder Menschenseele ein geistiger Keim und bestünde nicht die Möglichkeit, ihn durch treue Arbeit zu wecken. Solches den Lebensgebieten innewohnende Bekenntnis erklärt es auch, daß die Überzeugungen der Individuen wie die ganzer Zeiten sich nach den Lebensgebieten zu richten pflegen, denen ihre Arbeit dient, daß zum Beispiel die Wege der Naturforscher und die der Geistesforscher meist auseinandergehen.

Aber eben dies Auseinandergehen zeigt, daß die von den einzelnen Gebieten gebotene Tatsächlichkeit nicht auslangt, daß wir, um völlig sicher zu werden, auch eine Gesamtleistung suchen und fordern müssen, die den Gesamtumfang des Lebens eigentümlich gestalte und aller Tätigkeit eine deutliche Richtung weise. Nun kommt uns freilich eine solche Gesamtleistung nicht als eine fertige Tatsache entgegen, wohl aber zeigt die weltgeschichtliche Arbeit eine unablässige Bewegung nach diesem Ziele, ja diese Bewegung bildet den Kern und die Hauptspannung der Weltgeschichte. Das nämlich bezeichnet die Höhepunkte menschlichen Strebens, daß dort eine aller Mannigfaltigkeit überlegene und sie durchdringende Art des Schaffens gewonnen wurde, alle Verzweigung der Lebensarbeit zusammenhielt und dem Gesamtbereich einen ausgeprägten Charakter verlieh. So schuf die Höhe des Griechentums eine Lebenseinheit künstlerischer, namentlich plastischer Art, und suchte ihren Zielen und Forderungen gemäß alle Lebensgebiete zu gestalten. Solche Behandlung nach der Art eines plastischen Kunstwerks ließ nicht nur das Weltall eigentümlich als einen herrlichen Kosmos sehen, sie gab auch der staatlichen Gemeinschaft wie der Seele des Einzelnen ein festes Gefüge und hielt ihnen ein Gesetz der Anordnung und Abstufung vor. Was aus solchen Bewegungen hervorging, das hat neue Seiten des Lebens erschlossen und viel Schlummerndes geweckt; auf seiner Höhe konnte dieses Schaffen sich als den letzten Abschluß betrachten. Es hat dann freilich die Erfahrung gezeigt, daß jenes künstlerische Gestalten den Umfang und die Tiefe des Lebens nicht erschöpft, aber es wird dadurch keineswegs zu einer Erscheinung vorübergehender Art, sondern was es an bildendem und veredelndem Vermögen eröffnet hat, das bleibt als eine Quelle des Lebens allen folgenden Zeiten gegenwärtig und widersteht mit mächtiger Kraft einer sonst drohenden Barbarei. Jener künstlerischen Behandlung des Lebensproblems ist die ethisch-religiöse des Christentums gefolgt und hat die Herrschaft über weite Kreise der Menschheit gewonnen. Auch sie hat später Widerspruch erfahren, aber ihre Umwandlung des Lebensbestandes, die von ihr bewirkte Vertiefung, ihre Aufdeckung schroffer Gegensätze im Menschenwesen, aber auch einer Erhebung darüber durch göttliche Liebe und Gnade, ist ein unverlierbarer Besitz der Menschheit; wo das aufgegeben oder auch nur verdunkelt wurde, da geriet das Leben rasch in ein jähes Sinken. Dem Christentum widersprach dann eine moderne Lebensordnung, welche das Wachstum der Macht sowohl nach außen als auch nach innen zum Ziel der Ziele machte, dabei der intellektuellen Arbeit eine hervorragende Stellung zuwies und im Fortschreiten um des Fortschreitens willen das höchste Glück zu finden hoffte; der Lebensbestand geriet dadurch in einen rascheren Fluß, neue Ziele wurden erreichbar, das Handeln gewann unermeßlich an bewegender Kraft. Das erhält sich auch in die Gegenwart hinein und wird aus dem Lebensbestande nicht wieder zu streichen sein. Aber auch ihm gegenüber steigt unverkennbar wieder eine neue Woge des Lebens auf, welche mehr Beisichselbstsein und zugleich mehr Gehalt des Lebens verlangt, die inneren Probleme mit ihren Verwicklungen stärker hervorkehrt, weitere Tiefen und Zusammenhänge fordert und in Durchbildung solches Strebens alle Gebiete umwandeln muß. Demnach überliefert die Geschichte dem Menschen freilich keinen fertigen Besitz, wohl aber gewährt sie mit ihren Eröffnungen dem Streben bestimmte Anhaltspunkte und Ziele, sie stellt es damit auf eine eigentümliche Höhe und entzieht es zugleich der Willkür des Menschen. Den Forderungen dieser Höhe muß alles entsprechen, was über bloße Tagesmeinung hinaus in den Lebensbestand eingreifen und dauernd fördern möchte. Jene Folge der Lebensordnungen bildet demnach kein bloßes Auf- und Abwogen, es stecken darin Erfahrungen bleibender Art, die freilich anzueignen und miteinander auszugleichen sind, um voll zum Besitz zu werden. Denn die Macht, mit der das Ganze zu uns wirkt, ist nicht mechanischer Art, die vom Leben gebotene Tatsächlichkeit ist nicht für den vorhanden, der sich von der Bewegung fernhält und das Ergehen der Menschheit mit stumpfer Gleichgültigkeit betrachtet. Die Schuld des unsicheren Hin- und Herschwankens liegt dann aber nicht am Leben, sondern an dem Menschen, der Früchte genießen will, ohne sich mühen zu wollen. Möge ein solcher des indischen Wortes gedenken: »Wenn die Fledermaus bei Tage nicht sieht, so ist das nicht Schuld der Sonne.«

Immerhin seien die Verwicklungen gewürdigt, welche das Problem gerade der Gegenwart bereitet. Zwischen den schöpferischen Höhepunkten liegen Zeiten, wo das Alte verblaßt und das Neue noch unfertig ist, wo daher Kritik und Verneinung eine Hauptrolle spielen; eine derartige Zeit der Ebbe ist bei allen glänzenden Leistungen an der Außenseite des Lebens unverkennbar die Gegenwart. Die Lage verschärft sich bei diesen höchsten Lebensfragen weiter dadurch, daß wir mehr als alle früheren Zeiten ein historisches Bewußtsein ausgebildet haben, das heißt, daß uns die Unterschiede der Zeiten und der Abstand früherer Gestaltungen von der Gegenwart völlig deutlich vor Augen stehen; so können die einzelnen Zeiten eher als Gegner denn als Freunde erscheinen und sich keineswegs mühelos zu einem Ganzen verbinden. Aber wenn solches Auseinandertreten der Zeiten allen festen Besitz zu gefährden scheint und uns damit unruhig macht, so liegt der letzte Grund wiederum nicht in den Dingen, sondern in uns, die wir nicht stark genug sind, die verschiedenen Leistungen zu umspannen und miteinander auszugleichen. Auch hier gilt es das Problem mutig anzugreifen und durch eine Zurückverlegung seiner Behandlung dem Reichtum der weltgeschichtlichen Arbeit gerecht zu werden und ihn dem eigenen Leben zur Förderung zu wenden. Gefahren sind sicherlich da, aber unterliegen kann ihnen nur eigene Lauheit und Schwäche.

Die moralische Verwicklung des Menschenlebens.

Was bisher an Widerstand und Hemmung erschien, sei es vom überwältigenden Eindruck der Außenwelt her, sei es von der Unsicherheit des Lebens bei sich selbst, das schien ganz wohl überwindlich, wenn nur die ganze Seele des Menschen die Aufgabe auf sich nahm und ihre volle Kraft an sie setzte; es bildet insofern die moralische Gesinnung in weitester Bedeutung verstanden die Grundbedingung alles Gelingens. Aber gerade bei ihr erscheinen Verwicklungen schwerster Art, Verwicklungen, welche allem, was sonst das Leben an Gefahren und Mißständen bietet, erst ihre volle Schärfe geben. Wie steht es mit dem moralischen Verhalten des Menschen? Ein sicheres Urteil darüber zu bilden ist schon deshalb schwer, weil die einzelnen Menschen hier sehr verschieden sind, und neben höchsten Höhen sich tiefste Niederungen finden. Dazu hängt das Urteil wesentlich an dem Maß, das an die Sache gelegt wird. So kann sein weites Auseinandergehen keineswegs wundernehmen; je nachdem es dem Optimismus oder dem Pessimismus folgt, entsteht ein grundverschiedenes Bild der menschlichen Lage. Der Optimismus erachtet den Kern des Menschen als gut, das Böse nur als etwas Anhangendes, als eine Ausnahme und eine verzeihliche Schwäche, er kann das aber nicht, ohne das Maß sehr niedrig zu nehmen und sich schon mit der bloßen Vermeidung grober Vergehen zu begnügen. Damit aber setzt er sich in Widerspruch mit allen großen Denkern nicht nur, sondern auch mit der durchgehenden Schätzung im gemeinsamen Leben. Denn mochten die Denker in ihrem Weltbilde noch so weit auseinandergehen und die einen beim All mehr Vernunft, die anderen mehr Unvernunft sehen, darin gingen sie alle zusammen, den moralischen Stand der Menschheit höchst ungenügend zu finden. Und zwar beschränkten sie sich dabei nicht auf ein summarisches Urteil, sie pflegten auch mit näherem Eingehen den weiten Abstand, ja den Widerspruch des Durchschnittsstandes gegen das zu zeigen, was ihnen als unerläßlich galt. Die antiken Denker verlangten für ein Leben gemäß der Vernunft ein sicheres Maß und eine harmonische Ausgleichung, auch ein festes Beharren inmitten der Tätigkeit, zugleich aber fanden sie die große Menge von unersättlicher Gier erfüllt und in unablässiger Veränderung begriffen; das Christentum berief die Liebe, seine beherrschende Weltmacht, auch zur Leitung des menschlichen Lebens, aber alle seine führenden Geister stimmen überein in der Klage über den Mangel an Liebe und über die Gleichgültigkeit der Menschen gegeneinander, über die zerstörende Macht der Selbstsucht; die Neuzeit forderte eine Entfaltung aller Kräfte und ein volles Teilnehmen des Menschen am aufsteigenden Zuge des Lebens, aber sie mußte zugleich anerkennen, daß der Durchschnitt dumpf und träge die Aufgabe von sich weist und nur durch künstliche Mittel leidlich in Bewegung zu bringen ist. Das läßt sich näher auch zu den einzelnen Hauptdenkern verfolgen und dabei zeigen, daß je höher einer von der moralischen Aufgabe dachte, er um so schmerzlicher den weiten Abstand des Durchschnitts von der Forderung empfand; so zum Beispiel Kant mit seinem Bestehen auf lauterer Wahrhaftigkeit und strenger Gerechtigkeit. Solche Stellung der Denker entspricht aber der durchgehenden Überzeugung der Menschheit. Denn nicht nur galten überall nicht die Optimisten, sondern die Pessimisten für die besseren Menschenkenner, auch die gemeinsamen Einrichtungen pflegen vorauszusetzen, daß der Mensch das rechtlich und sittlich Notwendige nicht aus Liebe zur Sache tut, sondern durch Lohn oder Strafe dazu angehalten werden muß.

Lassen alle solche Erfahrungen den moralischen Optimismus als eine flache Denkart erscheinen, so ist es begreiflich, daß der Rückschlag dagegen seine Stärke in möglichster Hervorkehrung der menschlichen Schlechtigkeit suchte. So vornehmlich in den Religionen und hier wieder vor allem im Christentum. Wir wissen, wie das zu der Lehre von der Erbsünde und von der völligen moralischen Verderbtheit des Menschen geführt hat, ja wie hier alle Schuld des Übels im All auf den Menschen geworfen und auf seinen Abfall von Gott zurückgeführt wurde. Der tiefe Ernst dieser Denkweise ist sicherlich anzuerkennen, und auch darin vertritt sie eine unbestreitbare Wahrheit, daß das Böse kein bloßes Nebeneinander einzelner Vorgänge ist, sondern einen Gesamtstand bildet, der den Einzelnen mit überlegener Gewalt umfängt. Aber das schwere Problem wird hier wie ein Knoten zerhauen, und sowohl das Woher wie das Wohin bereitet dabei größte Verwicklung. Wie kommt der Mensch zu solcher Schuld, und wie kann sie solche Folgen haben, da in Wahrheit der Kampf der Wesen mit seiner Wildheit und seiner Zerstörung, da der Schmerz und der Tod weit über die menschliche Sphäre hinausreicht, auch die Natur mit ihren Notwendigkeiten und ihren Trieben den Menschen fest umklammert? Und wie soll bei einem Stande völliger Verderbtheit und Stumpfheit an dieser Stelle ein neues Leben erwachen? Wird dieses ganz und gar, ohne alles Zutun des Menschen, durch eine höhere Macht ihm eingeflößt, so sieht man nicht, wie das zu eigenem Leben werden, und wie eine moralische Identität zwischen früherem und späterem Stande bleiben könnte. So haben denn auch die Gedankenwelten, welche im Prinzip den Menschen ganz und gar verwarfen und ihn zu völliger Passivität verdammten, in der Ausführung doch auch seinem Handeln irgendwelches Pförtchen geöffnet. Dazu entspricht jene völlige moralische Preisgebung des Menschen nicht dem Tatbestande des Lebens. Denn zunächst erweist schon dieses, daß der Mensch sein moralisches Ungenügen so schmerzlich empfindet und sich so viel damit zu schaffen macht, daß er nicht gänzlich in jenen Stand aufgeht; es fehlen aber auch in der Wirklichkeit des Lebens edlere Züge nicht, es fehlt nicht an Liebe zum Menschen und an Hingebung an die Sache, ja nicht an edler und aufopferungsvoller Gesinnung; was dem Ganzen daran mangelt, das erscheint oft in begrenzten Kreisen, und namentlich lassen Gefahr und Leid oft eine moralische Größe ersehen, die vom Alltagsleben aus wie ein Wunder erscheinen mag. Immerhin bleibt die Verwicklung und das Rätsel, daß das Höhere nicht den Gesamtstand beherrscht, sondern mehr als eine Ausnahme und als eine Sache besonderer Fälle erscheint, daß also eben das, was die Größe des Menschen ausmacht, von ihm selbst als eine Nebensache behandelt wird.

Die Zusammenhänge unserer Betrachtung geben der Sache ein eigentümliches Licht. Die Aufgabe geht dahin, das Leben von der Bindung an die Natur abzulösen, ihm ein Beisichselbstsein zu erringen und es aus solchem eine Welt der Gehalte und Güter erzeugen zu lassen; das bedarf der vollen Hingebung der Gesinnung und der Richtung aller Kräfte auf dieses Ziel. In Wahrheit pflegt jene Hingebung zu fehlen, die Kräfte lehnen alle Bindung ab, gehen ihren eigenen Weg und geraten dabei leicht unter die Macht eben dessen, das überwunden werden sollte; der Vorteil des Individuums bleibt dem Handeln das höchste Ziel und zieht alles Streben zu sich zurück. Ein derartiger Stand läßt das Leben bei allem äußeren Aufputz innerlich leer, ein Wirken für höhere Ziele entspringt hier weniger aus der Notwendigkeit einer geistigen Selbsterhaltung als es zur Aufrechterhaltung des Scheines nach außen hin und zur Verbesserung der eigenen Stellung erfolgt. So zeigt das Leben durchgängig ein großes Manko, ja einen schroffen Widerspruch. Da den Menschen zunächst die niedere Stufe einnimmt, so bedarf die Wendung zur höheren einer inneren Umwälzung, und diese ist nicht möglich ohne ein starkes Verlangen, ohne das, was Männer wie Plato und Goethe Liebe nennen, wer aber möchte behaupten, daß eine solche Liebe überwiegend vorhanden ist, wer kann leugnen, daß Kälte und Gleichgültigkeit die vorherrschenden Züge bilden? Die Entfaltung des Höheren verlangt ein inneres Selbständigwerden des Lebens, nur kraft eines solchen kann es eine Ursprünglichkeit erreichen und aus sich selber schaffen; wer aber kann leugnen, daß ein solches Insichselberwurzeln, eine Selbstwüchsigkeit eine seltene Ausnahme ist? Das neue Leben hat sich gegenüber einer feindlichen oder doch gleichgültigen Welt zu behaupten, die äußerlich weit überwiegt; dazu bedarf es heroischen Mutes und völliger Unerschrockenheit; läßt sich bestreiten, daß eine derartige tapfere Gesinnung dem Durchschnitt des Lebens fehlt, daß bei diesen Fragen Ängstlichkeit, ja Feigheit weit überwiegen, die das Spiel von vornherein verloren geben? Alles miteinander erweist freilich nicht eine völlige Verderbtheit des Menschen, wie die altprotestantische Dogmatik sie lehrte, wohl aber einen Stand der Vermengung und der Unlauterkeit, in dem das Niedere das Höhere weit zurückdrängt und es nicht voll aufkommen läßt.

Das Übel wurzelt viel zu tief, als daß sich eine allmähliche Überwindung durch eine geschichtlichgesellschaftliche Kultur hoffen ließe. Wohl fühlt das gesellschaftliche Zusammensein sich als einen Vertreter und Vorkämpfer des Guten, es vermag in der Tat gewisse Erscheinungen des Bösen erfolgreich zu bekämpfen, ja unter besonderen Umständen Begeisterung und Aufopferung für die gemeinsamen Zwecke zu erzeugen, wie der gegenwärtige Krieg das deutlich zeigt, und zwar keineswegs bloß in Deutschland. Aber solche großen Augenblicke sind Ausnahmszeiten, die wieder vorübergehen, im allgemeinen wirkt das gesellschaftliche Leben mehr zur Oberfläche als zur Tiefe des Menschen, es unterdrückt mehr als es bessert, seinerseits aber erzeugt es mit Weckung des Macht- und Herrschaftsverlangens und seiner Spaltung der Menschen in Parteien neue moralische Gefahren und Schäden. Nun bleibt noch die Hoffnung eines moralischen Fortschritts in der Geschichte, aber so gewiß ihr Verlauf in anderen Stücken uns weiterbringt: ob das auch in moralischer Hinsicht der Fall ist, steht in völliger Unsicherheit. Nach mancher Richtung ein Fortschritt, nach anderer eher ein Rückschritt, ein Wachstum raffinierten Genusses, ein Wachstum auch selbstischer Machtgier, ein Abschütteln von Bindungen ohne dafür einen Ersatz zu schaffen. Im großen und ganzen verbleibt die Verwicklung, und zugleich verbleibt es dabei, daß die Menschheit einer Aufgabe, an der alle innere Größe und Würde ihres Lebens hängt, sich nicht gewachsen zeigt, daß sie damit sich selbst widerspricht, ja vielfach an ihrer eigenen Zerstörung arbeitet. Wie kommen wir über diesen Widerspruch hinaus, welche Wege bieten sich zur Befreiung von ihm?

Wir können unmöglich alle verschiedenen Wege schildern und prüfen, welche die religiösen wie die philosophischen Gedankenwelten an dieser Stelle versuchten, wir müssen uns an die beiden Hauptleistungen halten, welche unseren westlichen Kulturkreis beherrschen. Die eine ist philosophischer, die andere religiöser Art, jene verkörpert sich vornehmlich im Stoizismus, der uns hier über die besondere Schule hinaus als ein besonderer Typus der Denkweise gilt, diese im Christentum, das wir ebenfalls nicht sowohl als ein kirchliches Bekenntnis, sondern als eine Macht des Geisteslebens verstehen. Die Grundlage der stoischen Gedankenwelt bildet die Überzeugung, daß, wie immer der Mensch der Erfahrung beschaffen sein mag, das Menschenwesen eine Vernunft in sich trägt, die allem Getriebe des Alltags sicher und weit überlegen ist, die aller Widerspruch der Weltumgebung nicht zu erschüttern vermag; es steht uns frei, in heroischer Erhebung uns in diese Vernunft zu versetzen, uns fest in ihr zu verschanzen und damit jene Überlegenheit uns zu eigenem Besitz zu machen. Hier gilt es die Güter der höheren Welt zu reiner Gestalt herauszuarbeiten und in voller Treue zu wahren, diese Welt gegen allen Widerstand, auch den in der eigenen Seele, tapfer aufrechtzuhalten, durch alle Widerwärtigkeiten des Lebens sich die Sicherheit und Freudigkeit der Gesinnung nicht im mindesten trüben zu lassen. In diesem Zusammenhange wird zur Forderung, das Gute lediglich aus innerer Achtung und Schätzung zu tun, allen Lohngedanken als eine Erniedrigung abzuweisen, der Außenwelt gegenüber volle Unabhängigkeit, ja, wenn es sein muß, trotzigen Stolz zu wahren. Aus solchem Gedankengange entwarf Plato in leuchtenden Zügen sein Bild vom leidenden Gerechten — in weitem Abstand von der christlichen Fassung dieses Begriffes —, dessen innere Hoheit alles Leid und alle Verfolgung nur steigern, der eben dadurch das volle Bewußtsein seiner überlegenen Größe gewinnt. In verwandter Gesinnung wollten große Erzieher die sittliche Aufgabe ja nicht von den Erfahrungen des Weltlaufs abhängig machen, sie etwa auf die Lehre gründen, daß es dem Guten wohl und dem Bösen schlecht zu ergehen pflege, vielmehr sei die Seele genügend im Guten zu stärken, um die Freude an ihm allem Leid überlegen zu machen. »Eben die Besiegung oder vielmehr die Durchdringung und so Vernichtung der äußeren Hemmnisse des Lebens durch die eigene Willens-, durch die gesteigerte Tatkraft, diese ist es, welche dem Menschen im eigenen Bewußtsein Frieden, Freude und Freiheit gewährt« (Fröbel). Diese Denkweise hat selbstwüchsige Menschen erzeugt und Erz in das Leben gebracht, sie hat einer Verweichlichung der Menschheit widerstanden, sie hat auch in trüben Zeiten den Lebensmut aufrechtgehalten; so muß diese männliche Denkweise ein Stück unseres Lebens bleiben.

Aber sie hat gewisse Voraussetzungen und Schranken, die einen Abschluß bei ihr verbieten. Sie hat vornehmlich den Einzelnen und die Wahrung seiner Unabhängigkeit im Auge, der Stand des Ganzen macht ihr weniger Sorge, und den Aufbau eines geistigen Zusammenhanges unternimmt sie nicht; zugleich denkt sie den Einzelnen als stark und als den Verwicklungen nicht nur der Außenwelt, sondern auch der eigenen Seele vollauf gewachsen; so spricht sie mehr zu den Höhen als zum Gesamtstand der Menschheit, und bei aller Beteuerung der Würde alles Menschenwesens befaßt sie sich wenig mit den Niederungen des Menschenlebens. Auch wird das Leben hier mehr ein Abwehren als ein Vorwärtsschreiten. Die Grundüberzeugung wird tapfer gegen alle Zweifel und Widerstände behauptet, nicht aber das Leben durch Erschütterung, Zweifel und Leid hindurch wesentlich weitergebildet. Das Ganze ist mehr Festhaltung des alten Standes als Anbahnung eines neuen; ein solcher ist aber nicht zu entbehren, wenn das menschliche Leben im eigenen Innern schroffe Widersprüche enthält. So genügt die bloße Abwehr nicht, ohne Vorhaltung und Antrieb eines erhöhenden Ziels würde das Leben seine Spannung verlieren und leicht in trägen Stillstand kommen. Solches Stocken gilt es fernzuhalten, und das zu tun unternimmt die Religion.

Die Wendung zur Religion tritt in unsere Untersuchung nicht plötzlich und unvermittelt ein, denn unsere Überzeugung von der Eröffnung einer höheren Stufe des Lebens beim Menschen und seinem Getragenwerden dadurch enthält von Haus aus einen, wenn auch nicht direkt religiösen, so doch der Religion verwandten Charakter. Zu einer weiteren Ausbildung dieses Charakters treibt aber die Erfahrung der ungeheuren Widerstände, die das Geistesleben in der Welt des Menschen erfährt, sowie seiner Ohnmacht gegen sie; die Hemmungen mögen so lange sich leidlich ertragen lassen, als sie nur von außen kommen; sie werden unerträglich, wenn sie auch den tiefsten Grund des Lebens ergreifen, und mit unheimlicher Klarheit sich dort ein schroffer Zwiespalt auftut. Dann führt die Sachlage unvermeidlich auf dieses Entweder — Oder: entweder kommt das Gesamtleben mit seiner bisherigen Eröffnung bei uns nicht weiter, und es wird damit das menschliche Leben völlig sinn- und zwecklos, oder es muß sich über den bisherigen Stand hinaus noch eine weitere Tiefe und Kraft erschließen, womit die Hemmungen freilich nicht einfach entfallen, aber eine Befreiung von ihrem Drucke möglich wird und das Streben wieder in Fluß gerät.

Hier setzt nun die Behauptung des Christentums ein und eröffnet neue Möglichkeiten. Freilich können wir diese als Philosophen und als Kinder der Gegenwart nicht entwickeln, ohne uns mit der überkommenen kirchlichen Fassung offen und ehrlich auseinanderzusetzen. Nach dieser Fassung ist der Mensch aus freier Entscheidung von Gott abgefallen und hat dadurch die ganze Welt in Tod und Elend verstrickt. Diese Schuld hat den Zorn Gottes erregt, Zorn natürlich nicht im Sinne eines Affektes, sondern als Ausdruck des sittlichen Ernstes; dieser Zorn ist zu beschwichtigen, und das kann nur durch eine Sühnung der Schuld geschehen. Eine solche Sühne kann aber nicht der durch seinen Fall alles sittlichen Vermögens beraubte Mensch vollbringen, sie kann nur dadurch erfolgen, daß Gott in seiner alles überwindenden Liebe selbst Mensch wird, die Schuld auf sich nimmt, sie durch Leiden und schmachvollen Tod sühnt und dadurch das Liebesverhältnis in voller Herrlichkeit wieder herstellt. — Wir können unmöglich an dieser Stelle eine kritische Erörterung dieses Gedankenganges unternehmen[1], dessen gewaltigen Ernst und dessen aufrüttelnde Kraft wir aufrichtig anerkennen, aber der Behauptung wird sich kaum widersprechen lassen, daß er, dem Mittelalter entsprungen, heute vielen ernsten Seelen schlechterdings unhaltbar geworden ist, daß deren religiöse Überzeugung jener mittelalterlichen Fassung entwachsen ist. Es ist eine Torheit und ein Unrecht, sie deswegen einer geringeren Tiefe zu bezichtigen. Damit aber entsteht die Frage, ob sich das Christentum von jener Fassung ablösen läßt und doch eine Weltmacht bleibt, sowie dem Leben die gesuchte Erhöhung verspricht. Wir bejahen diese Frage zuversichtlich, wir bejahen sie von den Grundtatsachen des Lebens aus, die allem Wandel der Zeiten überlegen sind. Eigentümlich ist hier zunächst die Verschärfung des Problems. Das Übel wird hier nicht so sehr im Verhältnis zur Welt als im Innern selbst gefunden, die sittliche Schuld wird zur Wurzel alles Übels, zu dem, was allem Leid erst seine volle Schwere verleiht. Aber aller Erschütterung, die daraus hervorgeht, tritt die felsenfeste Überzeugung entgegen, daß das Göttliche nicht in jenseitiger Höhe über der niederen Sphäre verbleibt, sondern daß es in alle ihre Abgründe eingeht, ohne sich darin zu verlieren, daß es durch seine volle Selbstmitteilung dem Menschen ein aller bisherigen Betätigung überlegenes Leben mit einem neuen Mittelpunkt schafft, das aber aus einem unmittelbaren Verhältnis zum Ganzen des Lebens im Gegensatz zu allem Wirken und Schaffen an der Welt, in Bildung eines neuen Bereiches der Wirklichkeit auch gegenüber aller Geisteskultur. Damit wird die Grundtatsache der Setzung göttlichen Lebens im Menschen, diese Voraussetzung aller Geistigkeit, ein gutes Stück weitergeführt: was vorher sich über das ganze Leben ausbreiten sollte, das wird nun in sich selbst konzentriert und eröffnet damit noch mehr ursprüngliche Tiefe. Alle Größen und alle Begriffe müssen sich damit steigern. Die Innerlichkeit prägt nun noch stärker ihre Überlegenheit aus, indem sie sich in vollem Kontrast zur Welt entwickelt, die Gesinnung wird hier bei sich selbst zur Tat, die Idee des Geisteslebens wächst zur Gottesidee und das Reich des Geistes zum Gottesreich. Die Eröffnung des neuen Lebens an den Menschen wird damit weit mehr zur freien Tat, zur rettenden und erhöhenden Tat, zu einer Bekundung der Liebe, die nichts verloren gehen läßt und sich mit ihrer ganzen Fülle gibt. So durchgängig eine seelische Erwärmung und zugleich eine festere Einwurzelung des erhöhenden Lebens.

Der eigentümliche Charakter dieses neuen Lebens erscheint besonders deutlich in seinem Verhalten zum Leid. Jenes flieht nicht das Leid und sucht es nicht irgendwie abzuschwächen, sondern es würdigt es vollauf und geht in seine ganze Ausdehnung ein, nicht um es stehen zu lassen, wie es steht, sondern um es in einen Gewinn zu verwandeln. Solche Verwandlung ist keineswegs so leicht und einfach, wie oft behauptet wird. Denn der oft gehörten Meinung, daß das Leid die Seele veredle und vertiefe, widerspricht schnurstracks die Erfahrung. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge macht das Leid den Menschen eher eng, klein, scheelsüchtig, es bringt viel Jämmerlichkeit zutage, während die Befreiung von Not und Sorge das Herz erweitert und hilfsbereit macht. Vertiefend kann das Leid nur wirken, wenn der Erschütterung des Menschen eine höhere Macht entgegenkommt und ihm durch die Erschütterung hindurch sich selbst erschließt. Dann läßt sich auch im Menschen etwas wecken, das ihm bis dahin unzugänglich blieb, dann läßt sich auch ein Glaube an den Menschen wiedergewinnen, an den Einzelnen wie an die Völker und an das Ganze der Menschheit. Dieser Glaube geht dann aber nicht auf den natürlichen Stand und die Naturbegabung des Menschen, sondern auf das in ihm eröffnete und ihm als eigenes Selbst verliehene göttliche Leben. Von hier aus erhält erst die Tatsache volles Licht und einen festen Zusammenhang, daß in schwerem Leid oft Edles unerwartet im Menschen hervorbricht, und daß damit dasjenige, was bisher unser ganzes Wesen dünkte und uns starr zu binden schien, sich als eine besondere Stufe erweist, über die es zwingend hinaustreibt. So geschieht es wohl auch den Kulturen: was besonderen Zeiten die endgültige Lösung scheint, das erweist sich in großen Prüfungen, wie wir eine solche auch heute erleben, als unzulänglich und schal; auch im Gelingen leben die Kulturen sich aus und werden greisenhaft; ein Verzagen und Verzichten wäre kaum zu vermeiden, bestünde nicht eine Möglichkeit des Hervorbrechens neuer und reiner Anfänge, die Möglichkeit eines Jugendlichwerdens der Menschheit. Aber woher soll diese neue Jugend kommen, wenn sich nicht der Menschheit ursprüngliche, von der Verwicklung unberührte Lebensquellen erschließen? So macht diese Lebensoffenbarung, und wohl nur diese, es möglich, das Leid in seiner vollen Herbheit anzuerkennen und darüber den Mut des Lebens nicht zu verlieren, ihn vielmehr weiter zu steigern. Da aber auch beim Siege das Leid nicht völlig verschwindet, sondern sein Wirken fortsetzt, so kann dieses Leben beide Pole gegenwärtig halten: Schmerz und Freude, Hemmung und Überwindung, und die Seele dadurch in unablässige Bewegung versetzen. Jener Aufstieg zum Ja durch das Nein macht mit seiner Forderung einer durchgreifenden Wandlung erst eine Geschichte der Seele möglich, erhebt auch die Weltgeschichte erst zu einer wahrhaftigen Geschichte, während sie sonst eine bloße Evolution, ein bloßer Naturprozeß bleibt. Es hängt damit zusammen, daß, wie William James bemerkt, sich gehaltvolle Selbstbiographien in der Weltliteratur fast nur auf dem Boden des Christentums finden. Was hätte man auch zu berichten, wenn die Seele als Ganzes keine Aufgabe in sich trägt?

Bei der näheren Entwicklung dessen sei aber mit voller Kraft und Klarheit der Gedanke gegenwärtig gehalten, der unsere Erörterung leitet, der Gedanke, daß das Ganze selbständigen Lebens, das nunmehr als ein göttliches anerkannt wird, den Menschen nicht nur mit einzelnen Wirkungen berührt, sondern mit seiner ganzen Fülle als eine selbständige Lebensquelle unmittelbar in ihn gesetzt wird. Das entspricht dem Grundgedanken des Christentums von dem vollen Eingehen Gottes in die Welt und dem Göttlichwerden des Menschen. Es ergeben sich daraus notwendig zwei Forderungen, die einander leicht widersprechen können: das neue Leben muß in jeder Seele schlechterdings ursprünglich sein und zum Kern ihres eigenen Wesens werden, zugleich aber muß es das Ganze einer Welt in sich tragen, es muß daher, um sich zu entfalten, auch im menschlichen Bereich ein großes Lebensreich bilden, es darf nicht eine Sache des bloßen Individuums bleiben. Wir dürfen nicht alles nur auf uns beziehen und meinen, wovor Eckhart warnt, Gott habe »die ganze Welt vergessen bis auf mich allein«. Wir wissen, wie diese Zweiheit sich geschichtlich im Gegensatz von Kirche und Persönlichkeit ausdrückt, dort die Gefahr einer Bindung des Einzelnen und eines Zurücktretens der Gesinnung vor den Leistungen, den »religiösen Pflichten« — ein höchst unsympathisches Wort —, hier die einer Zersplitterung in lauter individuelle Kreise, zugleich die Gefahr eines Überwucherns subjektiver Zuständlichkeit, eines Mangels an geistiger Substanz. Jener Gedanke der Untrennbarkeit beider Seiten gestattet ein Streben nach einer Überwindung des Gegensatzes, er verhindert, die Spaltung in Katholizismus und Protestantismus als endgültig hinzunehmen, da jede Seite eine unentbehrliche Wahrheit vertritt, die sich ohne schweren Schaden nicht verdunkeln läßt.

Zu solcher Verwicklung der Gestaltung gesellt sich die Schwierigkeit einer Umsetzung der Grundtatsachen in eine Gedankenwelt. Da jene Tatsachen über dem Bereiche der Arbeit liegen, der unsere Begriffsbildung beherrscht, so können sie in Begriffen nur annähernd dargestellt werden, so müssen oft Bilder genügen, um das Erlebnis faßbar zu machen. So namentlich beim Gottesbegriffe selbst. Es erscheint hier viel Schwanken zwischen verschiedenen Fassungen, zwischen ontologischen Größen, wie absolute Einheit, absolutes Sein, die mehr eine philosophische als eine religiöse Bedeutung haben, und Größen, welche den Begriff dem menschlichen Empfinden näherrücken, wie namentlich dem der Persönlichkeit, die damit mehr Wärme gewinnen lassen, aber zugleich der Gefahr eines Verfallens ins Bloßmenschliche ausgesetzt sind. Tatsächlich pflegen zwei verschiedene Gottesbegriffe ohne eine genügende Auseinandersetzung ineinander zu verfließen. Diese Spaltung von Weite und Ferne einerseits, von Nähe und Enge andererseits, die das religiöse Leben nach entgegengesetzter Richtung treibt, ist nur zu überwinden, wenn als Grundbegriff nicht das absolute Sein, sondern das absolute Leben gilt, zugleich aber die Gegenwart dieses Lebens beim Menschen anerkannt und er damit über die bloße Besonderheit hinausgehoben wird. Auch so verbleibt es freilich bei bloßen Annäherungen, aber das macht uns den Grundgehalt mit seiner Erhöhung des Lebens keineswegs unsicher oder machtlos. Die Sache sinkt dadurch nicht zu einem bloßen Spiel der Phantasie, daß der Mensch zu ihrer Darstellung der Bilder nicht entraten kann.

Daß jene Schranke dem Leben der Religion nicht allzu gefährlich wurde, das bewirkt vornehmlich die tatsächliche Gestaltung des Christentums auf dem Boden der Geschichte. Wir denken dabei namentlich einerseits an den Aufbau einer religiösen Gemeinschaft als einer lebensvollen Gegenwärtighaltung einer höheren Ordnung, eines Reiches Gottes auf Erden, wie die Kirche sie bildet oder doch zu bilden strebt, andererseits an die starken Persönlichkeiten, welche das Christentum aufweist, und deren vollste Kraft es gewann, vor allem an die begründende Persönlichkeit Jesu. Die Eigenschaften, die sich uns zur Entfaltung alles höheren Lebens in der Menschheit vornehmlich notwendig zeigten, erscheinen hier in einer das sonstige Maß weit überschreitenden Verkörperung. Wir forderten Liebe, damit die Bewegung zur Höhe alle Hemmungen des niederen Standes überwinde, hier finden wir eine Liebe, welche die von Plato und Goethe gepriesene Liebe mit ihrer Innigkeit und Opferwilligkeit weit übertrifft; wir forderten volle Selbständigkeit und Ursprünglichkeit; wie könnte sie größer sein als hier, wo ein von Grund aus neues Leben entsteht und ganz und gar aus sich selber schöpft; wir forderten Tapferkeit und Unerschrockenheit; wo könnte sie größer sein als hier, wo nicht dieses oder jenes in der vorgefundenen Welt, sondern diese ganze Welt angegriffen und entwertet wird? So ging von hier ein Lebensstrom aus, der den Jahrtausenden ursprüngliches Leben zuführt und die Menschheit immer wieder zu sich zurückruft, damit sie an ihm sich läutere und aus ihm ein neues Leben schöpfe. Die verschiedenen Zeiten sahen und fanden bei ihm verschiedenes, aber wer immer in nähere Berührung mit ihm trat, der fühlte sich zur Ehrfurcht vor der schlichten Hoheit des Zimmermannssohnes gezwungen und fand sein Leben durch ihn gehoben, ja in neue Bahnen getrieben. Nur führe alle Verehrung nicht zu einem Jesuskult und zu einer Anbetung, die dem göttlichen Wesen selbst allein vorbehalten sei; sie darf das auch deshalb nicht, weil damit leicht der Zusammenhang mit dem gemeinsamen Menschheitsleben gelockert und das Christentum zu sehr als eine einmalige Tat, zu wenig als ein die ganze Geschichte durchdringendes, jeden Einzelnen zur Mitarbeit und zur Fortführung aufrufendes Werk verstanden wird. Die alte Kirche, zum Beispiel der größte Kirchenlehrer des Morgenlandes, Origenes, fand die Forderung nicht zu kühn, jeder solle nicht bloß ein Anhänger Christi sein, sondern selbst ein Christus werden; wir Neueren werden den Gedanken wohl anders fassen, aber darauf müssen auch wir bestehen, daß das Christentum einen fortlaufenden Lebensstrom, ein gemeinsames Werk bilden muß, wenn es die Menschheit geistig führen und in jedem Einzelnen sichere Wurzel schlagen soll. Wir sehen, an Verwicklungen fehlt es nicht, aber es sind Verwicklungen nicht der Kleinheit, sondern der Größe, und allen Verwicklungen gegenüber erhält sich die eindringliche Wahrheit und die schlichte Einfalt des Grundbestandes. Vieles Grübeln führt dabei nicht weiter, geben wir uns vielmehr rückhaltslos der Größe dieser Welttatsache hin, gedenken wir der Worte Pestalozzis: »Das Staunen des Weisen in die Tiefen der Schöpfung und sein Forschen in den Abgründen des Schöpfers ist nicht Bildung der Menschheit zu diesem Glauben. In den Abgründen der Schöpfung kann sich der Forscher verlieren, und in ihren Wassern kann er irre umhertreiben, fern von der Quelle der unergründlichen Meere. — Einfalt und Unschuld, reines menschliches Gefühl für Dank und Liebe ist Quelle des Glaubens. Im reinen Kindersinn der Menschheit erhebt sich die Hoffnung des ewigen Lebens, und reiner Glaube der Menschheit an Gott lebt nicht in seiner Kraft ohne diese Hoffnung.«

So vollzieht die Religion eine Erhebung über das Gebiet der Hemmung, indem sie dem Menschen ein in Gott gegründetes und von göttlicher Liebe getragenes Leben eröffnet; es tritt damit zur kämpfenden Geistigkeit eine überwindende, und was der zunächst vorhandene Lebensstand an Gutem getrübt und gebunden aufwies, das erlangt nunmehr eine Selbständigkeit, es vermag sich zusammenzuschließen und eine reine Gestalt zu erstreben. Aber so gewiß solche Wendung zeigt, daß der Lebenskampf nicht vergeblich ist, sie besagt keinen reinen Sieg, sie löst nicht glatt das Problem. Dazu läßt die Bewegung viel zu viel unergriffen, dazu behält das Feindliche viel zu viel Wirklichkeit, die Welt des Menschen wird damit keineswegs ein Reich der Vernunft. Das kann freilich nicht dem Zweifel die Oberhand geben, denn die Tatsache des Erscheinens eines neuen Lebens wird durch allen Widerstand keineswegs aufgehoben; ja wenn sie außer allem Zweifel steht, so muß der Widerstand selbst ihre Selbständigkeit und Überlegenheit bestärken, denn eben die Verworrenheit und die Unlauterkeit des Weltgetriebes, sowie das moralische Unvermögen des Menschen macht klar, daß nicht von da aus jene Erhöhung des Lebens stammen kann, daß sie nicht ein Erzeugnis des bloßen Weltlaufs ist, daß sie aus göttlicher Macht stammen muß. So die eigentümliche Denkweise der Religion, die nicht mit dem »weil«, sondern mit dem »obgleich« schließt, die nicht aus der Vernunft, sondern aus der Unvernunft der Welt und den ihr innewohnenden Widersprüchen die Gewißheit des Bestehens einer höheren Ordnung schöpft, eine Denkweise, die freilich nicht ohne Gefahr ist und leicht überspannt werden kann.

So viel aber ist gewiß: das Beharren des Widerstandes zwingt zu einem eigentümlichen Urteil über die Gesamtlage der Menschheit. Das Ganze der Welt, das sie umfängt, mit seiner Unfertigkeit und seinen Gegensätzen, mit seinem Angewiesensein auf eine der Verwicklung überlegene Ordnung, kann nicht das Ganze der Wirklichkeit bilden und nicht in sich einen Abschluß tragen, es ist ein Stück einer weiteren Wirklichkeit, eine besondere Art des Seins, die tieferer Gründe und weiterer Zusammenhänge bedarf, um überhaupt zu bestehen und einen Sinn zu erlangen. So suche auch unser Handeln nicht in dieser widerspruchsvollen Welt seine letzten Ziele, es bleibe vielmehr inmitten alles Kampfes unbeirrt auf eine Welt überlegener, selbständiger Geistigkeit gerichtet, um sie bei uns aufrechtzuhalten und möglichst zur Wirkung zu bringen, in festem Vertrauen darauf, daß letzthin nichts von dem verloren sein kann, was dem Aufbau wahrhaftigen Lebens dient. Unser Leben behält auch dann einen Sinn und Wert, wenn es mehr ein inneres Vordringen als ein äußeres Überwinden, mehr ein Wecken und Sammeln der Kräfte als ein volles Erreichen der Ziele ist, wenn es in Zusammenhängen steht, die wir nicht klar durchschauen. So dachte auch Luther, wenn er sprach: »Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gange und Schwange, es ist nicht das Ende, aber der Weg. Es glühet und glänzet nicht alles, es feget sich aber alles.«

Solcher Stand der Dinge führt notwendig auf die Unsterblichkeitsfrage und zugleich unter all die Verwicklung, welche dieser Frage innewohnt. Wie viele Gründe den Menschen der Gegenwart an einer glatten Bejahung hindern, das bedarf keiner näheren Darlegung, nur das eine sei angeführt, daß ein unbegrenztes Fortbestehen in dieser zeiträumlichen Existenz, ein Fortbestehen der besonderen Individualität mit all ihrer Enge und Zufälligkeit, manchem von uns weniger ein Glück als ein schweres Unglück dünken möchte; wir brauchen das nur durchzudenken, um es geradezu unerträglich zu finden. Aber trotzdem macht es sich auch nicht so leicht mit einer völligen Verneinung. Zunächst ist es nicht bloß niedrige Lebensgier, welche eine Fortdauer suchen heißt, und es handelt sich dabei nicht bloß um eine Rettung unserer natürlichen Besonderheit, sondern um das selbständige Leben, das bei uns durchbricht, uns zu selbsttätigen Lebensträgern macht und uns an Unendlichkeit und Ewigkeit teilnehmen läßt. Erlösche alles, was an Geistigem im Menschenwesen belebt wird, mit dem körperlichen Untergange, so würde ja auch das ganze Menschengeschlecht dahinschwinden, wie die welken Blätter vom Baume fallen, und all sein Mühen und Wirken, das ja, wie wir sahen, kein Reich der Vernunft ergibt, sondern in den Gegensätzen stecken bleibt, mitten im Streben abbrechen und damit völlig sinnlos werden. Das müßten wir uns so lange gefallen lassen, als wir die Sache vom bloßen Menschen aus betrachten; steht sie aber so, daß darin das absolute Leben sich dem Menschen eröffnet und ihn zu selbständiger Mitwirkung aufruft, so würde der Zweifel und die Verneinung jenes Leben selber treffen; ist der Aufbau des Geisteslebens in der Menschheit ein göttliches Werk, so kann sie nicht schlechthin vergehen. Daher verficht die religiöse Überzeugung die Unsterblichkeit nicht vom bloßen Menschen, sondern von Gott her, nach den Worten Augustins: »Für sich selbst kann nicht untergehen, was für Gott nicht untergeht.« Wird aber dieser Gedankengang eingeschlagen, so ist er auch zu Ende zu führen; Unsterblichkeit kann dann nicht eine unbegrenzte Fortdauer in Zeit und Raum, sie muß eine Erhaltung im göttlichen Leben mit seiner ewigen Ordnung bedeuten. Worauf es ankommt, ist die Überzeugung, daß des Menschen Leben und Streben sich nicht in die bloße Zeit erschöpft, sondern auf Ewiges geht, und daß dies Ewige nicht auf einzelne Leistungen beschränkt bleibt, sondern den Kern des Wesens betrifft. Eine derartige Ewigkeit dürfen wir um so getroster verfechten, als wir sie nicht erst von der Zukunft erwarten, nicht bloß auf sie hoffen und harren, sondern sie schon besitzen, mitten in ihr stehen, in ihr den Standort unseres geistigen Lebens haben. Insofern können wir mit Goethe zusammengehen, wenn er meint, daß »das Beständige der ird'schen Tage uns ewigen Bestand verbürge«, wir können sogar mit Kant einen Vorteil darin finden, daß uns bei dieser Frage alle nähere Vorstellung versagt ist, da eine solche uns leicht an der vollen Hingebung an das gegenwärtige Leben hindern würde, das uns wahrlich genug zu tun gibt. Ein Glaube an eine ewige Ordnung und unsere Zugehörigkeit zu ihr sei unbedingt festgehalten; ohne eine Begründung in solcher Ordnung wird alles Leben und Streben in der Zeit zu bloßem Schatten und Schein, und verfällt unser Leben unrettbar einer völligen Sinnlosigkeit. Dafür aber steckt doch zu viel in ihm.

Auseinandersetzung mit dem Zweifel.

Unsere Untersuchung hat wiederholt den Zweifel gestreift, der ihrem Hauptzuge widerspricht, aber es fehlt bisher noch eine gründliche Auseinandersetzung mit ihm; eine solche aber ist nicht zu entbehren, wenn unsere Überzeugung die notwendige Sicherheit erreichen und sich auch nach verschiedenen Seiten hin noch deutlicher ausprägen soll. Jenes können wir aber nicht tun, ohne dem Zweifel selbst das Wort zu geben.

Der Zweifel: »Du hast eine Reihe von Gründen vorgebracht und dabei den Eindruck zu erwecken gesucht, als entsprängen sie einer unbefangenen Würdigung der Sache. In Wahrheit ist das ein bloßer Schein. Denn du hast eine bestimmte Tendenz an die Sache herangebracht und sie in ihrer Beleuchtung gesehen. Du suchtest mit aller Kraft eine Bejahung des Lebens durchzusetzen, du hobst hervor, was ihr günstig ist, und schobst zurück, was ihr widerspricht. Wohl anerkanntest du die Übermacht der Natur, das Schwanken im Geistesleben, selbst die moralische Verwicklung der Menschheit, aber du strebtest durchgängig möglichst rasch über das Hemmnis hinaus, und wenn du es überwunden zu haben glaubtest, so ließest du es hinter dir liegen und behandeltest es als ein Nebending. So erhielt deine Untersuchung einen optimistischen Einschlag, und es ergab sich ein viel zu beruhigtes, ein schöngefärbtes Bild unseres Lebens.«

Ich: Ich bestreite entschieden, die Untersuchung im Dienst einer bloßen Tendenz zu führen. Aber ich behaupte, daß jede Arbeit, die nicht fruchtlos auslaufen soll, eine bestimmte Richtung haben muß, nicht ziellos hin und her schwanken darf. Zu verlangen ist nur, daß sie diese Richtung aus der Sache und nicht aus bloßer Neigung des Menschen erhalte. Nun aber suchte ich durchgängig zu zeigen, daß die Wendung des Lebens zur Selbständigkeit, dieser Leitgedanke unserer ganzen Untersuchung, nicht dem Vermögen des bloßen Menschen entspringt, und daß sie seinen Neigungen eher widerspricht, daß sie vielmehr eine Bewegung aus dem Weltall bedeutet, die in sich selbst eine Richtung trägt und mit überlegener Kraft das Streben des Menschen in diese zwingt. Daß diese Bewegung in unserem Bereich härtesten Widerständen begegnet, das weiß ich wohl und habe es auch möglichst zum Ausdruck gebracht, aber ich finde, daß sie diesem Widerstande keineswegs erliegt, sondern sich gegen ihn behauptet und ihn an Hauptstellen siegreich überwindet. Daß vieles nicht in die Überwindung eingeht, das habe ich nicht verschwiegen und auch nicht zu verkleinern gesucht. Mir tritt damit das ganze Leben unter den Anblick eines Kampfes, und ich meine, daß dieser Kampf nicht gelingen kann, wenn der Gegner unterschätzt wird. Aber ein anderes ist es, den Gegner nicht zu unterschätzen, ein anderes, keinen Kampf gegen ihn zu wagen; letzteres scheint mir schon deshalb verkehrt, weil mir geistiges Leben kraft seiner Begründung in Weltzusammenhängen keine starre Größe bedeutet, sondern einer unermeßlichen Steigerung fähig dünkt. Diese Steigerungsfähigkeit auch mitten im harten Kampfe anzuerkennen, ist noch keineswegs Optimismus; will jemand das aber so nennen, so bekenne ich mich gern zu einem derartigen Optimismus, zum Glauben an die unbegrenzte Macht des Lebens.

Der Zweifel: »Du übersiehst, daß du bei allem dem bloße Möglichkeiten für Wirklichkeiten gibst. Weil der Mensch nach deiner Behauptung sich über die Natur erheben kann, nimmst du an, er tue das in Wirklichkeit; weil der Gewinn eines festen Bestandes im Leben nicht unbedingt ausgeschlossen ist, behandelst du ihn als schon gewonnen; weil Sehnen und Hoffen des Menschen den elenden moralischen Durchschnittsstand überschreitet, dünkt dir ein Mehr schon vorhanden. Du übersiehst, daß der Durchschnittsstand der Menschheit unter eben den Hemmungen bleibt, die deine Betrachtung übersprang: die Natur bleibt übermächtig auch beim Menschen, den höchst unsicheren Stand des menschlichen Strebens läßt eben die Gegenwart deutlich empfinden, und wie wenig die Moral die tiefste Gesinnung der Menschheit beherrscht, das haben gerade die führenden Geister der Religion aufs schmerzlichste empfunden.«

Ich: Den weiten Abstand des tatsächlichen Verhaltens der Menschen von den ihnen gesteckten Zielen anerkenne ich vollauf, aber dieser Abstand setzt die Ziele noch nicht zu bloßen Möglichkeiten herab und damit, wie du zu meinen scheinst, zu bloßen Gebilden menschlicher Meinung. Mögen die Individuen noch so wenig die geistige Bewegung teilen, mag der Durchschnittsstand ihre Forderungen noch so wenig erfüllen, die Bewegung selbst bleibt eine Tatsächlichkeit, die der bloße Mensch nun und nimmer ersinnen könnte, die als überlegen und von ihm unabhängig an ihn kommt, ihn mit erhöhendem Wirken umfängt, ihm starke Antriebe zuführt. Aber als Quell eines Reiches der Freiheit läßt sie sich nicht mechanisch übertragen, verlangt sie eine Anerkennung und Aneignung seitens des Menschen, mag sie insofern für den Einzelnen eine bloße Möglichkeit heißen. Nicht aber ist sie dieses an sich selbst, nicht auch ist sie es für das Ganze der Menschheit. Dieses hat mit der Ausbildung einer Geisteskultur eine Überwindung der Natur vollzogen, es hat der weltgeschichtlichen Arbeit bestimmte Richtungen und Forderungen eingeprägt, es hat mit der Bewegung zur Religion eine durchgreifende Vertiefung des Lebens vollzogen; das alles bildet eine Tatsächlichkeit, ohne welche der Einzelne überhaupt nicht aufstreben könnte. Nur darf man die Tatsachen nicht neben und außer dem Leben, man muß sie innerhalb seiner suchen; solche Lebenstatsachen, die sich deutlich genug von allen sogenannten inneren Erfahrungen, subjektiv-seelischen Zuständen unterscheiden, ergeben überhaupt erst Festigkeit, und können auch dem, was von außen kommt, erst den Charakter der Tatsächlichkeit verleihen; es ist daher eine Verkehrung der Sache, wenn diese grundlegenden Tatsachen als bloße Einbildungen hingestellt werden. In der Entfaltung des Geisteslebens nur Wechsel und Wandel, nur Widerspruch und Streit gewahren kann nur, wer sie lediglich von außen betrachtet und mit Händen greifen will, was ihm als wirklich gelten soll. Wer aber in die Bewegung eintritt und sie als eine eigene miterlebt, der wird alsbald die Tatsächlichkeit erfahren, welche ihr innewohnt, und die Kraft, die von ihr ausgeht, der wird erkennen, daß auch im Streben und Suchen sich ein wirklichkeitbildendes Schaffen erweist; ihm wird gewiß sein, daß geistige Festigkeit sich nicht von außen her übermitteln, sondern nur aus eigener Bewegung erringen läßt, so daß letzthin alle und jede Gewißheit auf einer Selbstbefestigung ruht.

Der Zweifel: »Du magst sagen, was du willst; deine Beweisführung ist zu künstlich, zu verwickelt; sie wird nie den Menschen als Menschen gewinnen, er muß seine Überzeugung auf einen festeren Grund bauen können als auf weitausgesponnene philosophische Erörterungen. Wie schwer muß es einem schlichten Manne sein, den Begriff eines selbständigen Lebens auch nur zu fassen und ihn gar zu einer Macht für sein Handeln zu erheben! Durch zu viel Gestrüpp ist hier der Weg zu bahnen und zu viel davon ist zu beseitigen, damit nur ein Ausblick möglich werde; ehe man dazu gelangt, wird man ermüdet sein. Was zu den Menschen wirken will, muß einfacher Art sein und unmittelbar zum Herzen sprechen; alles andere bleibt Sache der bloßen Schule.«

Ich: Du verkennst die Eigentümlichkeit philosophischer Behandlung, würdigst nicht die besondere Art unserer Zeit und gibst auch unserer Arbeit nicht ihr volles Recht, wenn du bei ihr lediglich Verwicklung siehst. Um dieses vorauszuschicken, so meine ich, daß alle Mannigfaltigkeit unserer Erörterung einen einzigen Grundgedanken bekennt, und daß sich von ihm aus ein Entweder — Oder ergibt, welches das ganze Leben durchdringt und auf entgegengesetzte Bahnen treibt. Das ist aber die Behauptung, daß im Menschen aus überlegener Macht ein neues Leben gesetzt wird, das ihn in eine Weltbewegung aufnimmt und zugleich zur selbständigen Mitarbeit an dieser Bewegung aufruft. Nur kraft eines solchen Lebens kann er es unternehmen, der Natur ein Reich der Geisteskultur gegenüberzusetzen; nur ein solches Leben vermag durch seinen Gehalt ihn der schwankenden und tastenden Reflexion zu entwinden und ihm inmitten aller Unfertigkeit eine volle Sicherheit zu geben; nur die Selbstvertiefung dieses Lebens macht ihm gewiß, daß jene überlegene Macht nicht in jenseitiger Hoheit beharrt, sondern ihn in die Verwicklungen des Daseins begleitet und ihn über sie hinaus einer höheren Stufe zuführt. In Wahrheit entwickelt das alles nur jenen einen Grundgedanken, die Grundtatsache eines dem Menschen nicht aus eigener Kraft geschöpften, sondern ihm verliehenen neuen Lebens; sicherlich kann nur eine solche einfache Grundwahrheit unserem Streben einen festen Halt und einen inneren Zusammenhang geben. Diese Grundwahrheit, die alle Geistesgeschichte der Menschheit durchdringt, wurde früheren Zeiten mehr aus gemeinsamer Überzeugung, im besonderen durch die Religion zugeführt; wir wissen, wie die Wandlungen der Neuzeit sie für viele weit zurückgedrängt und arg verdunkelt haben, so daß dadurch für die ewige Wahrheit eine neue Form notwendig wird. Für solche Aufgabe ist die Arbeit der Philosophie nicht zu entbehren, diese Arbeit kann aber nicht so unmittelbar wie die Religion zur Seele jedes Einzelnen sprechen, ihr Weg führt durch begriffliche Erörterung hindurch; so mag die Sache von außen betrachtet als künstlich und verwickelt erscheinen, obwohl sie im Grundgehalt einfach ist. Wer besitzt, kann auch in der Form einfacher sein als wer erst sucht; daß wir aber suchen müssen, das liegt an der ganzen Zeit, dafür trifft den Einzelnen keine Verantwortung und keine Schuld.

Der Zweifel: »Alle deine Reden und Gründe lösen nicht das Problem, das von altersher mit schwerer Wucht auf der menschlichen Seele lastet, sie lösen nicht die Frage, warum denn die höhere Macht, als deren Offenbarung du das in der Menschheit neu aufquellende Leben betrachtest, sich nicht in unseren Geschicken mit deutlichen Zügen erweist, warum nach unbefangenem Eindruck der Weltlauf das Wohl und Wehe des Menschen mit voller Gleichgültigkeit behandelt, weshalb Gut und Böse bei ihm nicht in die Wage fallen, weshalb so viele zerstörende Kräfte in unserem Dasein walten. Der gegenwärtige Krieg mit seinem unbarmherzigen Vernichten so vieles blühenden Lebens und seiner Wendung so vieler Geschicke aus hellem Licht in trübes Dunkel muß solche Frage noch weit eindringlicher und peinlicher machen als der gewöhnliche Lauf der Dinge. Wie kann eine Macht der Liebe, und sei es auch nur der Gerechtigkeit, eine derartige Auslieferung der Menschheit an sinnlose Mächte dulden? Erschüttern solche Eindrücke nicht allen Glauben an jene höhere Macht, ja lassen sie diesen Glauben nicht als ein bloßes Wahnbild des Menschen erscheinen?«

Ich: Das ist fürwahr ein gewichtiger Einwand, den nur die Flachheit leicht nehmen kann. Jeder Einblick in die innere Geschichte der Menschheit zeigt aber, daß er keineswegs neu aufgetaucht ist, sondern von altersher ernste Seelen beschäftigt und aufgeregt hat, ohne daß sie darüber ihren Glauben verloren haben. Da sie wahrlich die Sache nicht leicht nahmen, so müssen sie Gründe gehabt haben, die ihnen freilich nicht die Verwicklung glatt lösten, wohl aber sie ihrem niederdrückenden Einfluß entwanden. Diese Gründe kommen aber schließlich auf das Eine hinaus, daß ihnen trotz jenes Mangels greifbarer Bekundung jene höhere Macht kein bloßer Hintergrund des Weltgeschehens blieb, sondern daß sie ein unmittelbares Wirken von ihr auch innerhalb jenes fanden und anerkannten, das aber in der Erschließung eines höheren, wesenhafteren Lebens sowohl in der Menschheit als in der Seele jedes Einzelnen. Es war das Wunder des Geistes, das ihnen eine äußere Durchbrechung des Weltlaufs, das ihnen sinnliche Wunder entbehrlich machte. Ein echtes Wunder erkannte der Einzelne vornehmlich darin, daß ihm das Leben inmitten des Kampfes gegen eine gleichgültige, ja feindliche Welt nicht nur aufrecht gehalten wurde, sondern eine innere Erhöhung erfuhr; eine weiterblickende Betrachtung mußte aber die ganze Menschheit umfassen und dabei voll zur Geltung bringen, daß in ihr weit über ihr eigenes Vermögen hinaus, ja ihrem eigenen natürlichen Streben zuwider ein Reich des Geistes, ja der Liebe begründet und gegen alle Widerstände nicht nur behauptet, sondern weiter und weiter verstärkt ward. Eben dies, daß das nicht aus dem Menschen, sondern eher trotz seiner geschah, und daß, was dabei bei ihm selbst zur Wirkung gelangte, nicht aus eigener, sondern aus verliehener Kraft gewirkt ward, gab ihm die felsenfeste Überzeugung, daß er nicht bloß seine eigene Sache führt, sondern in inneren Zusammenhängen steht und durch die Kraft des Ganzen getragen wird. So befestigt aber fühlte er sich stark genug, den Widerspruch der Außenwelt zu ertragen, so wenig er ihn leicht nehmen konnte. Aber nunmehr gewann die Sache den Anblick, daß wir Menschen auf die innere Welt gestellt sind und ihr treu bleiben sollen, auch gegenüber der Undurchsichtigkeit der äußeren Geschicke und all ihrer Hemmungen. Diese Undurchsichtigkeit selbst nimmt sich dabei anders aus, wenn sich nunmehr das Gesamtbild des Lebens verändert. Müßten wir unser höchstes Ziel darin finden, daß es uns wohl ergehe und wir lange leben auf Erden, so wäre allerdings gegen jenen lähmenden Eindruck nicht aufzukommen und der Unvernunft bliebe das letzte Wort. Nun aber haben sich uns höhere Ziele aufgetan: es gilt einen inneren Aufstieg des Lebens im Bereich der Menschheit, und dies kann bei der tatsächlichen Schroffheit der Gegensätze nicht in ruhiger Entwicklung, sondern nur durch Kampf und Schmerz, durch Wandlung und Entsagung hindurch geschehen. Für solches inneres Aufklimmen, für dies »Stirb und Werde« kann aber manches dienlich sein, was sich, äußerlich angesehen, wie ein bloßer Verlust ausnimmt. Bringt das zunächst bloße Möglichkeiten, und bleibt es uns in tiefes Dunkel gehüllt, woher so schroffe Gegensätze im Weltbestande und so harte Widersprüche im menschlichen Wesen stammen: alles Dunkel verkümmert uns nicht im mindesten den Aufstieg eines neuen Lebens und die Verwandlung unseres Wesens dadurch. Stellen wir uns auf diese eine Grundtatsache und halten uns fest an sie, so können alle Rätsel der Weltlage uns nicht dem Zweifel zur Beute geben, so kann der Widerstand selbst uns nur in der Überzeugung von der Ursprünglichkeit und der Überlegenheit jener Grundwahrheit bestärken.

So vermögen wir uns mit dem Zweifel nicht zu verständigen, verstehen aber können wir ihn sehr wohl. Es liegen schwere Verwicklungen und ungeheure Widersprüche im Weltstande und im Menschenleben, die sich aller Aufklärung durch menschliche Einsicht entziehen, die wir einfach als Tatsachen hinnehmen müssen. Diesen Widerständen gewachsen und überlegen werden können wir nur dadurch, daß wir uns selbst in die Bewegung versetzen und sie als die unsrige führen, damit ihre Kraft erfahren, damit in ihr eine unerschöpfliche Welt entdecken. Freilich muß, wer die Bewegung teilt, auch ihre Mühen und Kämpfe teilen, auch Zweifel werden ihn nicht verschonen. Aber die Zweifel liegen dann innerhalb der Bewegung, ja sie entspringen erst aus ihr; so können sie nun und nimmer ihre Tatsächlichkeit erschüttern, ja es kann der Zweifel selbst zur Überwindung des Zweifels wirken. Denn vom Zweifel gilt dasselbe, was von der moralischen Verwicklung: nichts hat die Menschen mehr eines naturüberlegenen Lebens gewiß gemacht als das Gewahren und Durchleben schwerer Probleme in der eigenen Seele; die völlige Unmöglichkeit, diese Probleme liegen zu lassen, ward das sicherste Zeugnis dafür, daß das Ganze keine bloße Einbildung ist; die Befassung mit diesen Problemen ließ das Leben auf sich selber stehen und unabhängig von seiner Umgebung werden, es gewann eben dadurch echte Freiheit, daß es eine innere Notwendigkeit in sich aufnahm. Zugleich erzeugte die Stärke des Schmerzes über den Nichtbesitz unentbehrlicher Güter die Hoffnung, den Glauben, die felsenfeste Gewißheit, daß jenes, was wir schmerzlich entbehren, irgendwie besteht und schließlich auch uns zugehen wird. Wo hingegen der Zwang innerer Probleme fehlt, der Mensch die Bewegung von außen her betrachtet und sie wie etwas Fremdes von sich schiebt, da überwältigen ihn leicht die Eindrücke der gleichgültigen oder feindseligen Welt, da verliert der Zweifel seine aufrüttelnde und vorwärtstreibende Macht, da wird er matt und schlaff, da weicht die Welt vor dem Menschen zurück, und alles kluge Räsonnement vergrößert nur die damit entstehende Kluft. Mit Recht hatte Goethe besondere Freude an der Erzählung von dem Wandeln Jesu auf dem Wasser, alles Große verlangt einen festen Glauben, ja einen Trotz gegen die Maße der Welt, während der Kleingläubige versinkt. Größe aber verlangt das Leben durchgängig von dem zwischen zwei Lebensstufen befindlichen Menschen, eine Größe, vor der alle Unterschiede gesellschaftlicher Stellung verschwinden; so hatte Luther Recht, wenn er meint, niemand dürfe den Glauben fahren lassen, daß Gott mit ihm große Dinge tun wolle. Auch zusammenfassend dürfen wir mit Luther sagen. »Darum nur getrost und frisch dahin gesetzt, was auch die Welt nehmen kann. Die Wohnungen des Lebens sind viel weiter denn die Wohnungen des Todes.«

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