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Der rote Stern

Leonids Manuskript (continued 2)

Hermynia Zur Mühlen translation

„Dies geht nicht“, erwiderte er. „Dort wird mit der noch nicht stabilen Materie gearbeitet, und wie gering auch immer, dank unserer Vorsichtsmaßregeln, die Gefahr einer Explosion oder einer Vergiftung durch unsichtbare Strahlen ist, so besteht trotzdem noch eine gewisse Gefahr. Sie dürfen sich dieser nicht aussetzen, denn Sie sind hier einzigartig, und Sie zu ersetzen wäre unmöglich.“

In seinem Privatlaboratorium verwahrte Menni bloß jene Apparate und Materialien, die zu seinen früheren Experimenten und Untersuchungen in Beziehung standen.

Im Korridor des untersten Stockwerkes war an der Decke ein Luftschiff befestigt, mit dem man in jedem Augenblick dorthin fliegen konnte, wohin es einem beliebte.

„Wo lebt Netti?“ fragte ich Menni.

„In einer großen Stadt, auf zwei Luftschiffstunden entfernt. Dort befindet sich eine große Maschinenfabrik mit etlichen zehntausend Arbeitern, so daß Netti für seine Untersuchungen weit mehr Material besitzt, als hier. Wir haben einen anderen Arzt.“

„Ist mir auch nicht gestattet, die Maschinenfabrik zu besuchen?“ erkundigte ich mich.

„Nein; dort droht ja keine besondere Gefahr. Wenn es Ihnen recht ist, werden wir uns morgen zusammen hinbegeben.“

Wir beschlossen, dies zu tun.

In der Fabrik

Ungefähr fünfhundert Kilometer in zwei Stunden, – die Schnelligkeit eines Falkenflugs, die bisher nicht einmal von unseren elektrischen Eisenbahnen erreicht worden ist ... Unter uns kreiste in raschem Wechsel die unbekannte, fremdartige Landschaft, und noch rascher flogen seltsame, mir fremde Vögel an uns vorbei. Das Sonnenlicht warf blaue Farben auf die Dächer der Häuser und färbte mit dem mir gewohnten gelben Licht die ungeheuere Kuppel eines unbekannten großen Gebäudes. Flüsse und Kanäle schimmerten als Stahlbänder, mein Auge ruhte auf ihnen, weil sie denen der Erde glichen. In der Ferne ward eine gewaltige Stadt sichtbar, umsäumt von kleinen Seen und durchschnitten von Kanälen. Das Luftschiff verlangsamte seine Fahrt und senkte sich gleitend zu einem kleinen schönen Haus nieder, Nettis Wohnung.

Netti war daheim und begrüßte uns freudig. Er stieg in unser Luftschiff, und wir flogen weiter; die Fabrik befand sich noch etliche Kilometer entfernt, an dieser Seite des Sees.

Fünf riesenhafte Gebäude, kreuzförmig gelegen, vereinigten sich zu einem einzigen Bau; Kuppeln aus reinem Glas wurden von etlichen zehn dunklen Säulen getragen, bildeten einen Kreis oder eine verlängerte Ellipse. Die Glasplatten waren abwechselnd durchsichtig oder matt, bildeten zwischen den Säulen die Wände. Wir machten am Mittelbau Halt, vor dem Tor, das den ganzen Raum zwischen zwei Säulen, zehn Meter breit und zwölf Meter hoch, einnahm. Die Decke des ersten Stockwerks durchschnitt horizontal den Mittelraum des Tores; etliche Schienenpaare mündeten beim Tor, zogen sich durch den äußeren Korridor.

Wir glitten zur halben Höhe des Tores, und jählings stürzte sich das alles verschlingende Geräusch der Maschinen aus dem zweiten Stockwerk auf uns nieder. Uebrigens war dieses Stockwerk nicht im eigentlichen Sinne des Wortes ein eigenes, abgetrenntes Stockwerk; es war vielmehr ein Netz aus Luftbrücken, das über den gewaltigen, mir unbekannten Maschinen schwebte. Wenige Meter über den Maschinen befand sich ein ähnliches Netz, noch höher ein drittes, viertes, fünftes; diese Netze bestanden aus einem Glasparkett, das von vierkantigen Eisengittern eingefaßt war; alle waren durch Fallgatter und Stufen miteinander verbunden, und jedes Netz war kleiner, als das vorhergehende.

Weder Dunst, noch Ruß, noch Gestank, noch Staub. In der reinen, frischen Luft arbeiteten die Maschinen kraftvoll und gleichmäßig, das Licht war nicht schmerzlich grell, doch drang es überall hin. Die Maschinen schnitten, sägten, hobelten ungeheuere Eisenstücke, Aluminium, Nickel, Kupfer. Hebel, stählernen Riesenhänden ähnlich, bewegten sich gleichmäßig und glatt, große Plattformen glitten mit sorgfältig berechneter Genauigkeit hin und her; die Räder und Transmissionsriemen schienen hingegen unbeweglich. Hier herrschte nicht die rohe Gewalt des Feuers und Dampfes; die feine und dabei weit mächtigere Kraft der Elektrizität war die Seele dieses unheimlichen Mechanismus.

Sogar der Lärm der Maschinen schien, sobald man sich ein wenig daran gewöhnt hatte, schier melodisch, ausgenommen in jenen Augenblicken, da der gewaltige Hammer niederschlug, und von dem mächtigen Schlag alles ringsum erbebte.

Illustration from Der rote Stern: Ein utopischer Roman

Hunderte von Arbeitern gingen gelassen durch den Raum; in dem Meeresrauschen der Maschinen waren ihre Schritte und Stimmen nicht vernehmbar. Auf ihren Zügen lag keine angespannte Sorge, sondern bloß ruhige Aufmerksamkeit; sie glichen wißbegierigen, gelehrsamen Betrachtern; es interessierte sie nur, zu sehen, wie die ungeheueren Metallstücke auf den unter der durchsichtigen Kuppel gelegenen Schienenplattformen in die eiserne Umarmung der dunklen Ungeheuer stürzten, wie die Ungeheuer diese mit ihren starken Kinnbacken zermalmten, mit den schweren, harten Tatzen festhielten, mit den scharfen, glänzenden Krallen durchbohrten und schließlich, im grausamen Spiel innehaltend, sie auf die andere Seite zu den dort befindlichen elektrischen Eisenbahnwaggons beförderten, als prächtige Maschinenteile, deren Bestimmung rätselhaft war. Es erschien völlig natürlich, daß die stählernen Ungeheuer die kleinen großäugigen Betrachter nicht anrührten, die so vertrauensvoll zwischen ihnen dahinschritten. Diese Tatsache entsprang der Geringschätzung ihrer Schwäche, der Erkenntnis, daß diese kleinen Geschöpfe eine allzu unbedeutende Beute seien, unwürdig der ungeheueren Kraft der Giganten. Unmerkbar und unsichtbar waren jene Fäden, die das zarte Menschenhirn mit dem unzerstörbaren Organ des Mechanismus verbanden.

Als wir endlich den Bau verließen, fragte der uns führende Techniker, ob wir sofort die anderen Gebäude besichtigen, oder ob wir uns zur Erholung eine kleine Unterbrechung gönnen wollten? Ich war für eine Unterbrechung.

„Ich sah nun die Maschinen und die Arbeiter“, sprach ich. „Die Organisation der Arbeit jedoch vermag ich mir nicht vorzustellen. Und gerade darüber möchte ich Sie befragen.“

Statt einer Antwort führte uns der Techniker in einen kubisch gebauten, zwischen dem Mittel- und einem Eckgebäude gelegenen Bau. Aehnlicher Bauten gab es noch drei, die alle die analoge Lage hatten. Die schwarzen Mauern waren mit Reihen von glänzend weißen Zeichen bedeckt; dies waren die statistischen Arbeitstabellen. Auf der einen, mit Nummer eins bezeichneten, stand:

„Der Maschinen-Betrieb verfügt über einen Ueberschuß von 968757 täglichen Arbeitsstunden, davon 11325 Arbeitsstunden erfahrener Spezialisten.

Die Fabrik weist einen Ueberschuß von 753 Stunden auf, davon 29 Stunden erfahrener Spezialisten.

In den folgenden Zweigen herrscht kein Mangel an Arbeitskraft: in der Landwirtschaft, in den Bergwerken, bei den Erdarbeiten, in den chemischen Betrieben usw. (Die verschiedenen Arbeitszweige wurden in alphabetischer Reihenfolge aufgezählt.)“

Auf der Tabelle, die die Nummer zwei trug, war zu lesen:

„In den Konfektionsbetrieben ist ein Mangel von 392685 täglichen Arbeitsstunden, davon 21380 Arbeitsstunden erfahrener Mechaniker für Spezialmaschinen und 7852 Arbeitsstunden der Spezialisten für Organisation.“

„Die Schuhfabriken benötigen 79360 Arbeitsstunden, davon ...“ usw.

„Das Institut für Rechnungswesen benötigt 3078 Arbeitsstunden ...“

Der Inhalt der Tabellen Nummer drei und vier war ein ähnlicher. Auf den Listen der Arbeitszweige stand auch die Erziehung von kleinen, sowie von mittelgroßen Kindern, medizinische Hilfe für die Stadt, oder für Landbezirke usw.

„Weshalb ist der Ueberschuß an Arbeitskraft nur in der Maschinenfabrik so genau angegeben, der Mangel an Arbeitskräften jedoch überall so ausführlich vermerkt?“ fragte ich.

„Das ist leicht zu erklären“, entgegnete Menni. „Vermittels dieser Tabellen wird die Verteilung der Arbeit vorgenommen. Dazu ist nötig, daß ein jeder zu sehen vermöge, wo die Arbeitskräfte nicht ausreichen, in welchem Maße sie fehlen. Dann vermag der Mensch, der für zwei Beschäftigungen die gleiche oder verhältnismäßig gleiche Neigung besitzt, jene der beiden Beschäftigungen zu wählen, bei der es an Arbeitskraft gebricht. Den genauen Ueberschuß an Arbeitskraft zu kennen, ist jedoch nur dort vonnöten, wo dieser Ueberschuß besteht. Auf diese Art kann jeder Arbeiter selbst die Berechnung und das Maß des Ueberschusses feststellen, sowie seine Neigung, die Beschäftigung zu wechseln.“

Während wir so sprachen, bemerkte ich plötzlich, daß auf den Tabellen einige Zahlen verschwanden und durch andere, neue, ersetzt wurden. Ich fragte, was dies bedeute.

„Die Zahlen ändern sich stündlich“, erklärte Menni. „Im Verlauf einer Stunde melden einige tausend Arbeiter ihren Wunsch, zu einer anderen Arbeit überzugehen. Dies wird vom zentralen statistischen Apparat vermerkt, und die Mitteilung wird auf elektrischem Wege stündlich weitergeleitet.“

„Auf welche Art vermag der zentrale statistische Apparat die Zahlen des Ueberschusses und des Mangels festzustellen?“

„Unser Institut für Rechnungswesen besitzt überall seine Agenturen; diese verfolgen genau die Bewegung in der Produktion, die Warenmengen der einzelnen Betriebe, die Zahl der dort schaffenden Arbeiter. Auf diesem Weg wird genau ersichtlich, wieviel Arbeitsstunden erforderlich sind. Das Institut berechnet, welcher Unterschied zwischen den tatsächlichen und den erforderlichen Arbeitsstunden in den einzelnen Betrieben besteht, und gibt dies überall bekannt. Die Flut der Freiwilligen verteilt sich auf gleichmäßige Art.“

„Ist das Anrecht auf Produkte in keiner Weise eingeschränkt?“

„Nein; jeder nimmt das, was er braucht, nimmt soviel, wie er will.“

„Und wird niemals etwas unserem Gelde entsprechendes verlangt? Ein Beweis für die Menge der geleisteten Arbeit, oder der Verpflichtung, diese zu leisten?“

„Keineswegs. Bei uns ist die Arbeit frei, es herrscht an nichts Mangel. Der erwachsene soziale Mensch fordert nur eines: Arbeit. Wir brauchen ihn weder auf verhüllte noch auf offene Art zur Arbeit zu zwingen.“

„Wenn aber die Forderungen durch nichts begrenzt werden, ergibt sich daraus nicht die Möglichkeit scharfer Schwankungen, die alle Berechnungen des Instituts über den Haufen werfen?“

„Selbstverständlich nicht. Der einzelne Mensch kann für einen oder zwei Menschen essen, ja auch die für drei Leute bestimmte Menge von Nahrungsmitteln verzehren, oder aber er kann in zehn Tagen zehn Anzüge tragen; bei einer Gesellschaft von dreitausend Millionen Menschen hingegen gibt es keine derartigen Schwankungen. Bei so großen Zahlen bedeuten die Schwankungen nach der einen oder anderen Seite hin nichts, verteilen sich gleichmäßig; der Durchschnitt verändert sich äußerst langsam, in strenger, gesetzmäßiger Kontinuität.“

„Dann arbeitet also Ihre Statistik völlig automatisch, ist weiter nichts, als eine Berechnung?“

„Das will ich nicht sagen. Es gibt dabei auch große Schwierigkeiten. Das Institut für Rechnungswesen muß scharfsichtig alle neuen Erfindungen verfolgen, sowie die durch diese im Betrieb hervorgerufenen Veränderungen, damit es diese richtig einzuschätzen vermag. Erscheint eine neue Maschine, so fordert dies nicht nur eine Veränderung der Arbeit in jenen Betrieben, wo sie benützt wird, sondern auch in den Maschinenfabriken, und bisweilen in den Betrieben für Rohmaterial bei ganz anderen Zweigen. Wird eine Erzgrube erschöpft, oder werden neue mineralische Reichtümer entdeckt, so bedeutet das abermals eine völlige Veränderung der Arbeit in einer ganzen Reihe von Betrieben, – in den Bergwerken, dem Bau der Eisenbahnstrecken usw. All dies muß von allem Anfang an berechnet werden, wenn auch nicht ganz genau, so doch annähernd, und das ist keineswegs leicht, solange nicht die Daten von Augenzeugen erbracht werden können.“

„Bei derartigen Schwierigkeiten“, bemerkte ich, „ist es offensichtlich nötig, stets über einen Vorrat an überschüssigen Arbeitskräften zu verfügen?“

„Ja, gerade dies ist der Stützpunkt unseres Systems. Vor zweihundert Jahren, als die kollektive Arbeit nur gerade genügte, um die Forderungen der Gesellschaft zu befriedigen, war eine völlige Genauigkeit der Berechnung unentbehrlich, und die Verteilung der Arbeit konnte nicht ganz frei sein. Es gab Pflicht-Arbeitstage, und die Verteilung derselben fand nicht immer die Zustimmung unserer Genossen. Doch brachte jede Erfindung, wenngleich sie zuerst vorübergehende statistische Schwierigkeiten bedeutete, eine gewaltige Erleichterung der Aufgabe. Zuerst wurden die Arbeitstage gekürzt, dann, als sich allerorts ein Ueberschuß an Arbeitskraft zeigte, wurde die Verpflichtung zur Arbeit endgültig aufgehoben. Beobachten Sie, wie unbedeutend die Zahlen sind, die sich auf den Mangel an Arbeitsstunden beziehen: tausend, zehn-, hunderttausend Arbeitsstunden, nicht mehr, – und dies bei Millionen und zehn Millionen von Arbeitsstunden, die in den Betrieben unnötig verbracht werden.“

„Dennoch besteht ein Mangel an Arbeitsstunden“, warf ich ein. „Freilich dürfte er durch den darauffolgenden Ueberschuß gedeckt werden.“

„Nicht bloß durch diesen Ueberschuß. Bei den lebenswichtigen Betrieben wird derart gearbeitet, daß die Grundziffern noch überboten werden. In den für die Gesellschaft wichtigsten Industriezweigen – den Betrieben für Lebensmittel, Kleidung, Maschinen, Bauten – erreicht dieses Ueberangebot die Höhe von 6 Prozent, bei den weniger wichtigen 1 bis 2 Prozent. Auf diese Art drücken die den Mangel bezeichnenden Zahlen, allgemein gesprochen, nur den relativen, aber nicht den absoluten Mangel aus. Selbst wenn auf den Tabellen ein Mangel von zehn- und hunderttausend Arbeitsstunden vermerkt ist, so bedeutet dies noch nicht, daß die Gesellschaft unter einem wirklichen Mangel leidet.“

„Wieviel Stunden werden täglich vom Einzelnen, zum Beispiel in dieser Fabrik, gearbeitet?“

„Die meisten arbeiten zwei, anderthalb und zweieinhalb Stunden“, erwiderte der Techniker. „Doch gibt es auch welche, die länger oder kürzer arbeiten. Jener Genosse dort, der den großen Hammer handhabt, läßt sich derart von seiner Arbeit fortreißen, daß er niemandem gestattet, ihn abzulösen, ehe nicht die volle Arbeitszeit, sechs Stunden, vorüber ist.“

Ich übertrug im Gedanken die Marszahlen auf irdische Zahlen: ihr Tag bestand, da ihre Stunden etwas länger waren aus zehn Stunden. Demzufolge war ein Arbeitstag von vier, fünf, sechs Stunden ungefähr unserem Arbeitstag von fünfzehn Stunden gleich, – einer Arbeitszeit, die nur bei den ausbeuterischsten Unternehmen vorkam.

„Ist es denn für den Genossen am großen Hammer nicht schädlich, so lange zu arbeiten?“ fragte ich.

„Bisher noch nicht“, entgegnete Netti. „Er wird sich diesen Luxus noch ein halbes Jahr lang gestatten können. Ich habe ihn selbstverständlich auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die ihm von seiner Leidenschaft drohen. Eine derselben ist die Möglichkeit eines krampfartigen psychischen Anfalls, der ihn mit unwiderstehlicher Kraft unter den Hammer reißen würde. Im Vorfahr ereignete sich in dieser Fabrik ein derartiger Fall mit einem jungen Mechaniker, der ebenfalls die starken Empfindungen liebte. Dank eines glücklichen Zufalls gelang es, den Hammer aufzuhalten, und der unfreiwillige Selbstmord mißlang. Die Gier nach starken Empfindungen ist an und für sich noch keine Krankheit, doch kann sie sich leicht in eine verwandeln, falls das Nervensystem durch Erschöpfung, seelische Kämpfe oder eine zufällige Krankheit erschüttert ist. Selbstverständlich verliere ich niemals jene Genossen aus dem Auge, die sich hemmungslos der gleichen Arbeit hingeben.“

„Sollte aber nicht jener Genosse, von dem die Rede ist, seine Arbeitszeit auch schon deshalb abkürzen, weil in der Maschinenfabrik ein Ueberschuß an Arbeitsstunden besteht?“

„Selbstverständlich nicht“, lachte Menni. „Weshalb sollte gerade er das Gleichgewicht herstellen? Die Statistik verpflichtet keinen. Jeder nimmt sie zur Kenntnis, doch kann er sich nicht einzig und allein von ihr leiten lassen. Wenn es Sie danach verlangte, baldigst in dieser Fabrik zu arbeiten, so würden Sie höchstwahrscheinlich eine Anstellung finden, und die statistische Zahl des Ueberschusses würde sich auf ein bis zwei Stunden vergrößern. Der Einfluß der Statistik macht sich bei der Massen-Umstellung der Arbeit ununterbrochen bemerkbar, doch ist jeder Einzelne frei.“

Wir hatten uns nun zur Genüge ausgeruht und gingen daran, die Besichtigung der Fabrik fortzusetzen. Nur Menni begab sich heim, denn er war ins Laboratorium gerufen worden.

Am Abend beschloß ich, bei Netti zu bleiben; er versprach, mir am folgenden Tag das „Haus der Kinder“ zu zeigen, wo seine Mutter eine der Erzieherinnen war.

Das Haus der Kinder

Das „Haus der Kinder“ nahm den wichtigsten und schönsten Teil einer Stadt von fünfzehn- bis zwanzigtausend Einwohnern ein. Diese Einwohner bestanden freilich hauptsächlich aus Kindern und deren Erziehern. Es gab in allen größeren Städten auf dem Planeten derartige Anstalten, in vielen Fällen bildeten sie sogar selbständige Städte; bloß an kleineren Orten, wie etwa in Mennis „Chemischer Stadt“, fehlten sie bisweilen.

Das große zweistöckige Haus mit dem üblichen blauen Dach lag in von Bächen durchzogenen Gärten; hier gab es auch Teiche, Spiel- und Turnplätze, Gemüsegärten, Blumen und nützliche Gräser, Häuschen für zahme Tiere und Vögel ... Eine Menge kleiner Ungeheuer spielten dort, man vermochte, dank der für Mädchen und Knaben gleichen Bekleidung, nicht zu unterscheiden, welchem Geschlecht sie angehörten ... Es war ja auch bei den erwachsenen Marsbewohnern schwierig, der Kleidung nach die Männer von den Frauen zu unterscheiden, – die Grundzüge der Gewänder waren die gleichen, nur bei kleinen Einzelheiten bestand ein Unterschied: die engeren Gewänder der Männer paßten sich genauer an den Körper an, während bei den Frauen dieser mehr verhüllt wurde. Jedenfalls aber war die ältliche Person, die uns beim Verlassen der Gondel an der Tür eines der großen Häuser begrüßte, eine Frau, denn Netti umarmte sie und nannte sie „Mama“. Im weiteren Gespräch jedoch redete er sie, gleich den anderen Genossen, nur mit dem Namen: „Nella“ an.

Nella hatte bereits gewußt, daß wir kommen würden und führte uns sofort in das „Haus der Kinder“, zeigte uns alle Abteilungen, bei der von ihr geleiteten für die Allerkleinsten beginnend, bis zu jener, die für die ans Knaben- und Mädchenalter grenzenden Kinder bestimmt war. Unterwegs schlossen sich uns die kleinen Ungeheuer an, betrachteten mit ihren riesigen Augen den Menschen, der von einem anderen Planeten stammte; sie wußten genau, wer ich sei, und als wir die letzte Abteilung erreichten, begleitete uns bereits eine ganze Schar, wenngleich die meisten Kinder seit dem Morgen im Garten spielten.

Im Haus der Kinder lebten etwa dreihundert Kinder verschiedenen Alters. Ich fragte Nella, weshalb die verschiedenaltrigen Kinder zusammen, und nicht in einzelnen Häusern untergebracht waren, was doch sicherlich die Arbeit der Erzieher erleichtern und vereinfachen würde.

„Weil es auf diese Art keine wirkliche Erziehung geben könnte“, erwiderte Nella. „Um für die Gesellschaft erzogen zu werden, muß das Kind ein gesellschaftliches Leben führen. Jede lebendige Erfahrung, jedes lebendige Wissen verbindet die Kinder miteinander. Wollten wir das eine Alter vom anderen isolieren, so gäben wir den Kindern dadurch ein einseitiges und enges Milieu, in dem die Entwicklung der zukünftigen Menschen nur langsam, träge und einseitig vor sich ginge. Die verschiedenen Alter hingegen lassen der Aktivität weit mehr Spielraum. Die älteren Kinder sind unsere besten Gehilfen beim Erziehen der Kleinen. Doch bringen wir nicht nur deshalb absichtlich die Kinder der verschiedenen Altersstufen zusammen, sondern die Erzieher in jedem Kinderhaus bemühen sich auch, die verschiedenen Alter und verschiedenen praktischen Eigenheiten gleichsam zu sammeln.“

„Dennoch sind in diesem Haus der Kinder die Kleinen dem Alter nach in den verschiedenen Abteilungen untergebracht“, warf ich ein. „Dies widerspricht Ihren Worten.“

„Die Kinder begeben sich nur in die verschiedenen Abteilungen, um dort zu schlafen und zu speisen; hierbei muß man selbstverständlich die einzelnen Altersstufen trennen. Beim Spiel und der Beschäftigung jedoch gruppieren sich die Kinder, wie es ihnen beliebt. Auch wenn irgend welche belletristischen oder wissenschaftlichen Vorträge gehalten werden, finden sich unter den Zuhörern stets auch Kinder aus anderen Abteilungen ein. Die Kinder wählen sich selbst ihren Umgang, und lieben es, mit den andersaltrigen Kameraden, vor allem aber mit den Erwachsenen zu verkehren.“

„Nella“, rief aus der Menge hervorspringend ein kleiner Junge. „Esta hat das Schiff, das ich selbst verfertigt, fortgenommen. Nimm es ihr wieder und gib es mir.“

„Wo ist sie?“ fragte Nella.

„Sie lief zum Teich, um das Schiff auf dem Wasser schwimmen zu lassen“, erklärte das Kind.

„Ich habe jetzt keine Zeit, um dorthin zu gehen; eines von den älteren Kindern soll mit dir gehen und Esta sagen, sie möge dich nicht kränken. Am besten aber wäre es, du gingest allein hin und hülfest ihr, das Schiff schwimmen zu lassen. Es ist gar nicht erstaunlich, daß ihr das Schiff gefällt, wenn du es schön gemacht hast.“

Das Kind lief fort und Nella wandte sich an die Uebrigen.

„Hört Kinder, es wäre gut, wenn Ihr uns allein ließet. Dem Fremden kann es nicht angenehm sein, von hundert Kinderaugen angestarrt zu werden. Stelle dir einmal vor, Elwi, daß dich eine ganze Schar Fremder anstarrte. Was tätest du?“

„Ich liefe fort“, entgegnete tapfer das uns zunächst stehende Kind, an das sich Nella gewandt hatte. Und schon im gleichen Augenblick rannten alle Kinder lachend von dannen.

„Da sehen Sie selbst, wie mächtig die Vergangenheit ist“, meinte lächelnd die Erzieherin. „Man könnte glauben, bei uns herrsche vollkommener Kommunismus, von dem die Kinder fast nie abweichen, – woher stammt das Gefühl des Privateigentums? Da kommt nun ein Kind und sagt „mein“ Schiff, das „ich selbst“ verfertigt habe. Und derartiges ereignet sich häufig, führt manchmal bis zu Prügeleien. Dagegen läßt sich nichts tun – ein allgemeines Lebensgesetz lautet: die Entwicklung des Organismus gibt im verkleinerten Maßstab die Entwicklung des Aeußeren wieder, und die Entwicklung des Einzelnen wiederholt auf gleiche Art die Entwicklung der Gesellschaft. Der Selbstbestimmung der Kinder mittleren und reiferen Alters eignet in vielen Fällen dieser unklar individualistische Charakter. Und diese Färbung wird mit der Reife stärker. Nur bei der jüngsten Generation besiegt das sozialistische Milieu endgültig die Reste der Vergangenheit.“

„Machen Sie die Kinder mit dieser Vergangenheit bekannt?“ fragte ich.

„Selbstverständlich. Sie lieben sehr die Gespräche und Erzählungen über vergangene Zeiten. Zuerst erscheinen diese ihnen als Märchen, als schöne, ein wenig seltsame Märchen von einer anderen Welt, die mit ihren aufregenden Bildern des Krieges und der Gewalt in den atavistischen Tiefen des Kinderinstinktes einen Widerhall finden. Die unbesieglichen lebendigen Ueberreste der Vergangenheit, die es in der eigenen Seele findet, ermöglichen dem Kinde genau den Zusammenhang der Zeiten zu erkennen, die Märchen und Bilder verwandeln sich in wahrhafte Weltgeschichte, – in die lebendigen Glieder einer unzerreißbaren Kette.“

Wir durchwanderten die Alleen eines weiten Gartens, begegneten von Zeit zu Zeit Kindergruppen, mit Spielen beschäftigt, Graben auswerfend, mit Werkzeugen arbeitend, in ernste Gespräche vertieft, oder lebhaft plaudernd. Alle wandten sich mir mit Aufmerksamkeit zu, doch folgte uns niemand; anscheinend waren sie bereits von den andern benachrichtigt worden. Die meisten Gruppen bestanden aus Kindern verschiedenen Alters; in vielen gab es auch ein bis zwei Erwachsene.

„In diesem Hause sind viele Erzieher“, bemerkte ich.

„Ja, besonders wenn wir, was nur gerecht ist, die größeren Kinder dazu rechnen. Wirkliche Erziehungsspezialisten gibt es hier nur drei; die übrigen Erwachsenen, die Sie sehen, sind zum großen Teil Väter und Mütter, die auf kurze Zeit bei ihren Kindern leben, oder junge Leute, die sich für den Erzieherberuf vorbereiten wollen.“

„Wie, es ist den Eltern gestattet, hier mit ihren Kindern zu leben?“ „Natürlich. Einige der Mütter leben etliche Jahre hier. Die meisten jedoch kommen von Zeit zu Zeit her, verbringen hier eine Woche, zwei Wochen, einen Monat. Die Väter leben selten hier. In unserem Haus gibt es sechzig Einzelzimmer für die Eltern, oder für jene Kinder, die den Wunsch nach Einsamkeit verspüren. Ich entsinne mich nicht, daß diese Zimmer je unbenützt blieben.“

„Es kommt demnach auch vor, daß Kinder nicht in den allgemeinen Räumen leben?“

„Ja; die älteren Kinder verlangt es häufig danach, abgesondert zu leben. Dies ist zum Teil ein Ueberrest jenes unbesieglichen Individualismus, von dem ich bereits sprach, zum Teil das bei Kindern häufige Verlangen, sich in die Studien zu vertiefen, der Wunsch, all das zu verbannen, was die Aufmerksamkeit ablenkt und zerstreut. Gibt es doch bei uns auch Erwachsene, die einsam zu leben wünschen, insbesondere jene, die sich mit wissenschaftlichen Forschungen, oder aber mit Kunst beschäftigen.“

In diesem Augenblick sahen wir vor uns auf einer kleinen Wiese ein Kind, – es mochte sechs oder sieben Jahre zählen – das, mit einem Stock in der Hand, ein Tier verfolgte. Wir beschleunigten unsere Schritte; das Kind beachtete uns nicht. Als wir an es herantraten, hatte es eben seine Beute erreicht – diese schien eine Art großer Frosch zu sein. Das Kind schlug heftig auf die Pfote des Tieres los. Dann schleppte sich das Tier mit gebrochener Pfote langsam über den Rasen.

„Weshalb tatest du dies, Aldo?“ fragte Nella in aller Ruhe.

„Ich konnte es nicht fangen, es lief immer fort“, erklärte der Knabe.

„Weißt du auch, was du tatest? Du hast dem Frosch weh getan und ihm die Pfote gebrochen. Gib den Stock her, ich werde es dir erklären.“

Das Kind gab Nella den Stock, und diese schlug ihm mit rascher Bewegung kräftig auf die Hand. Der Knabe schrie auf.

„Tut es weh, Aldo?“, fragte die Erzieherin gelassen.

„Sehr weh; böse Nella!“, entgegnete das Kind.

„Ich verletzte dir nur leicht die Hand, du aber hast den Frosch noch viel stärker geschlagen. Hast ihm die Pfote gebrochen. Er hat nicht nur viel größere Schmerzen, als du, sondern kann auch nicht mehr laufen und springen, kann sich nicht mehr seine Nahrung suchen, wird vor Hunger sterben, oder von einem bösen Tier, dem er jetzt nicht entfliehen kann, verschlungen werden. Was denkst du darüber, Aldo?“

Das Kind schwieg; in seinen Augen standen Tränen des Schmerzes, es hielt die verletzte Hand mit der anderen fest. Dann sagte es: „Man muß ihm die Pfote flicken.“

„Das ist richtig“, erwiderte Netti. „Komm, ich werde dir zeigen, wie man es macht.“

Sie begaben sich zu dem verwundeten Tier, das sich nur auf wenige Schritte hatte entfernen können. Netti nahm sein Taschentuch hervor, zerriß es in Streifen, gebot Aldo, einige dünne Zweiglein zu bringen. Mit dem tiefen Ernst echter Kinder, die einer äußerst wichtigen Beschäftigung obliegen, legten sie beide dem Frosch einen festen Verband an.

Bald darauf schickten Netti und ich uns an, heimzukehren.

„Ach ja“, erinnerte sich Nella. „Heute Abend können Sie bei uns Ihren alten Freund Enno antreffen. Er wird den älteren Kindern eine Vorlesung über den Planeten Venus halten.“

„Wohnt er denn in dieser Stadt?“ erkundigte ich mich.

„Nein, das Observatorium, in dem er arbeitet, liegt auf drei Stunden von hier. Aber er liebt die Kinder sehr und vergißt auch mich, seine alte Erzieherin, nicht. Deshalb kommt er häufig her und erzählt den Kindern jedesmal etwas interessantes.“

Am Abend fanden wir uns selbstverständlich zur festgesetzten Stunde abermals im „Hause der Kinder“ ein. Alle Kinder, mit Ausnahme der allerkleinsten, hatten sich bereits versammelt; unter ihnen befanden sich auch einige Erwachsene. Enno begrüßte mich freudig.

„Ich wählte Ihnen zuliebe dieses Thema“, meinte er scherzend. „Sie sind betrübt über die Rückständigkeit Ihres Planeten und die schlechten Sitten der dort lebenden Menschheit. Ich werde von einem Planeten erzählen, wo die höchsten Vertreter des Lebens – Dinosaurier und fliegende Eidechsen sind, bei denen ärgere Sitten und Gebräuche herrschen, als bei Ihrer Bourgeoisie. Dort brennen Euere Steinkohlen nicht im Herde des Kapitalismus, sondern befinden sich noch im Pflanzenzustand, als gewaltige Wälder. Wollen wir uns dorthin begeben und zusammen auf die Ichthyosaurusjagd gehen? Diese Tiere stellen die dortigen Rothschilds und Rockefellers vor; freilich sind sie gemäßigter und gelinder als die Ihren, dafür aber besitzen sie weniger Kultur. Dort finden wir das Reich der ersten Kapitalsanhäufung in ihren Uranfängen, die im „Kapitalismus“ Ihres Marx vergessen wurde ... Aber Nella runzelt schon die Stirne über mein leichtfertiges Geschwätz. Ich beginne sofort.“

Mit hinreißender Beredsamkeit schilderte er den fernen Planeten mit den tiefen, sturmgepeitschten Ozeanen, den furchtbar hohen Bergen, der brennenden Sonne, den dichten, weißen Wolken, den schauerlichen Orkanen und Gewittern, den unförmigen Ungeheuern und der üppigen, riesenhaften Vegetation. Seine Erzählung illustrierte er durch die Vorführung lebendig wirkender Photographien, die auf der über die eine Wand des Saales gespannten Leinwand dahinzogen. Einzig und allein Ennos Stimme durchtönte die Dunkelheit; tiefes, aufmerksames Schweigen herrschte im ganzen Raum. Als er das Schicksal der ersten Reisenden in jener Welt schilderte und berichtete, wie einer derselben mit einer Handgranate eine Rieseneidechse tötete, spielte sich eine seltsame, von den meisten Zuhörern nicht bemerkte, kleine Szene ab. Aldo, der sich in Nellas Nähe hielt, brach plötzlich in leises Weinen aus.

„Was fehlt dir?“ fragte Nella, sich zu ihm niederbeugend.

„Das Ungeheuer tut mir leid. Man hat ihm weh getan und dann mußte es sterben“, flüsterte der Knabe.

Nella schlang den Arm um den Kleinen und versuchte ihn zu beschwichtigen, doch dauerte es lange Zeit, bis er sich beruhigte.

Enno berichtete von den zahllosen einzigartigen Reichtümern dieses herrlichen Planeten, von den gewaltigen, viele Millionen Pferdekräfte besitzenden Wasserfällen, von den Edelmetallen, die sich auf den Gipfeln der Berge befinden, von den reichen Radiumlagern, die schon bei einer Tiefe von etlichen hundert Metern zutage gefördert werden könnten, von dem Vorrat an Energie für hunderttausend Jahre. Ich beherrschte die Sprache noch nicht genügend, um die ganze Schönheit des Vortrags zu empfinden, die Bilder aber fesselten meine Aufmerksamkeit im gleichen Maße, wie die der Kinder. Als Enno endete und der Saal erhellt ward, wurde mir schier ein wenig traurig zumute, wie mochten da wohl erst die Kinder das Ende des schönen Märchens bedauern.

Als der Vortrag zu Ende war, begannen die Zuhörer Fragen zu stellen, ihre Bemerkungen zu machen. Die Fragen waren verschiedenartig, wie es ja auch die Zuhörer waren; sie betrafen die Genauigkeit der Photographien, die Mittel, die im Kampf gegen die Natur angewendet wurden. Es wurde auch die Frage aufgeworfen, wann sich auf der Venus von selbst Menschen entwickeln würden und wie deren Körper beschaffen sein werde?

Die Bemerkungen waren meist naiv, häufig jedoch scharfsinnig; sie wandten sich vor allem gegen Ennos Behauptung, daß zu unserer Zeit die Venus für die Menschen ein äußerst nutzloser Planet sei und daß es kaum möglich sein würde, ihre gewaltigen Reichtümer bald auszubeuten. Gegen diese Ansichten lieferten die jungen Optimisten einen erbitterten Kampf, dem sich die meisten anschlossen. Enno bewies ihnen, daß die Sonnenglut und die feuchte Luft eine Unmenge Bazillen hervorbringe, die für die Menschen äußerst gefährlich seien, sie mit vielen Krankheiten bedrohten; dies erfuhren alle Reisenden auf der Venus am eigenen Leibe, sowie auch, daß die Orkane und gewaltigen Gewitter jegliche Arbeit erschwerten, das Leben der Menschen gefährdeten, und dergleichen mehr. Die Kinder jedoch fanden, es sei merkwürdig, sich von derartigen Hindernissen abschrecken zu lassen, wenn es um die Eroberung eines so herrlichen Planeten gehe. Zur Bekämpfung der Bakterien und Krankheiten müßte man so rasch wie möglich Tausende von Aerzten auf die Venus senden, und auch den Orkanen und Gewittern könnte Trotz geboten werden, indem man hunderttausend Bauarbeiter hinschickt, die überall dort, wo es nötig ist, hohe Mauern errichten und Blitzableiter anbringen. „Mögen neun, zehn und mehr Menschen umkommen!“ rief ein entflammter zwölfjähriger Knabe. „Dort gibt es Dinge, um derentwillen es sich zu sterben lohnt, es kommt ja nur darauf an, den Sieg zu erringen.“ Und seine glühenden Augen verrieten, daß er sich nicht weigern würde, zu jenen zehn Menschen zu gehören.

Sanft und gelassen warf Enno diese Kartenhäuser über den Haufen; doch war ihm anzumerken, daß er in der Tiefe seiner Seele das gleiche empfinde wie die Kinder, und daß seine junge lodernde Phantasie entschlossene Pläne verberge, die zwar bedachter und ausgeklügelter waren, aber ebenso hartnäckig. Er selbst war noch nicht auf der Venus gewesen, und seine Begeisterung bewies klar, wie sehr ihn deren Schönheit und Gefahren anzogen.

Als der Gedankenaustausch beendet war, verließ Enno mit mir und Netti den Saal. Er beschloß, noch einige Tage in dieser Stadt zu verweilen und schlug mir vor, am folgenden Tag das Kunstmuseum zu besichtigen. Netti würde beschäftigt sein; er war in eine andere Stadt zu einem großen Aerztekonsilium gerufen worden.

Das Kunstmuseum

„Ich hätte nie gedacht, daß auch bei Euch ein eigenes Museum für Kunstgegenstände existiere“, meinte ich, mit Enno dem Museum zustrebend. „Glaubte, daß Bildergalerien und Skulpturausstellungen eine Eigenheit des Kapitalismus mit seinem prunkhaften Luxus und grob zur Schau getragenen Reichtum seien. In der sozialistischen Gesellschaft erwartete ich die Kunst überall im Leben zu finden, als Schmuck dieses Lebens.“

„Darin irren Sie auch nicht“, antwortete Enno. „Der größte Teil der Kunstgegenstände ist bei uns für die Gemeinschaftsgebäude bestimmt, für jene, wo wir unsere allgemeinen Angelegenheiten regeln, wo wir studieren und Forschungen anstellen oder der Ruhe pflegen. Fabriken und Betriebe werden weit weniger geschmückt, die Aesthetik der gewaltigen Maschinen und deren Bewegung ist an und für sich ein schöner Anblick, und es gibt nur wenig Kunstgegenstände, die völlig mit den Maschinen harmonieren, in deren Gegenwart nicht einen abgeschwächten, verminderten Eindruck machten. Am wenigsten aber schmücken wir unsere Häuser, wo wir uns ja auch äußerst selten aufhalten. Unser Kunstmuseum jedoch ist eine ästhetisch-wissenschaftliche Anstalt, eine Schule, in der man die Entwicklung der Kunst zu verfolgen vermag, oder, richtiger gesagt, die Entwicklung der Menschheit in ihrer künstlerischen Tätigkeit.“

Das Museum befand sich auf einer kleinen Insel inmitten eines Sees, durch eine schmale Brücke mit dem Ufer verbunden. Das viereckige Gebäude war von einem Garten umgeben, in dem hohe Springbrunnen plätscherten und unzählige blaue, weiße, schwarze und gelbe Blumen prunkten; außen war es herrlich geschmückt, innen hell von Licht überflutet.

Hier gab es wahrlich nicht jene unsinnige Anhäufung von Gemälden und Statuen wie in den großen Museen der Erde. Vor mir erläuterten einige hundert Abbildungen die Entwicklung der plastischen Kunst, angefangen von den groben, ersten Gegenständen der prähistorischen Zeit bis zu den technisch-idealen Erzeugnissen des letzten Jahrhunderts. Und vom Anfang bis zum Ende war überall der Stempel jener innerlichen Vollkommenheit fühlbar, die wir „Genie“ nennen. Offensichtlich gehörte alles hier ausgestellte zu den besten Erzeugnissen jeder Epoche.

Um die Schönheit einer anderen Welt klar zu erfassen, gilt es, deren Leben genau zu kennen, aber um anderen das Verständnis für diese Schönheit zu übermitteln, dazu muß man selbst deren teilhaftig sein. Deshalb vermag ich auch nicht zu schildern, was ich dort sah; ich vermag nur Andeutungen zu geben, kann bloß ausdrücken, was mich am meisten in Staunen versetzte.

Das Hauptmotiv der Skulptur war bei den Marsbewohnern ebenso wie bei uns der schöne menschliche Körper. Die körperliche Beschaffenheit der Marsbewohner unterscheidet sich nur wenig von jener der Erdenmenschen, abgesehen von der Verschiedenheit der Augen, die zum Teil durch die Schädelformation bedingt ist, doch übersteigt auch diese Verschiedenheit nicht jene, die bei den einzelnen irdischen Rassen vorkommt. Ich kann diesen Unterschied nicht genau erklären, verstehe mich schlecht auf Anatomie; jedenfalls aber gewöhnte sich mein Auge bald an die Marsbewohner, sah in ihnen keineswegs Mißgeburten, sondern vielmehr etwas Originelles.

Ich bemerkte, daß der männliche und weibliche Körperbau weit ähnlicher war, als bei den Erdenrassen; die Breite der Frauenschultern entsprach häufig der der Männer, und das gleiche galt von der Muskulatur. Dies zeigte sich besonders in den Abbildungen aus der letzten Zeit, der Zeit der freien menschlichen Entwicklung; bei den Werken aus der kapitalistischen Periode trat der Unterschied zwischen dem männlichen und weiblichen Körper weit stärker zutage. Anscheinend hatte die häusliche Sklaverei der Frau und das Schuften des Mannes die Körper nach verschiedenen Richtungen hin beeinflußt.

Ich verlor auf keinen Augenblick die bald klare, bald verschwommene Erkenntnis, daß ich vor mir die Bilder einer fremden Welt sehe; sie trugen für mich den Stempel des Seltsamen, Gespenstischen. Sogar die herrlichen Frauenkörper dieser Statuen und Bilder erweckten in mir ein unverständliches Gefühl, das mit dem mir bekannten aesthetisch verliebten Entzücken nichts gemein hatte, sondern vielmehr den unklaren Ahnungen und Empfindungen glich, die mich vor langer Zeit, an der Grenze zwischen Kindheit und Jünglingsalter, heimgesucht hatten.

Die Statuen der frühesten Epochen waren, wie dies auch bei uns der Fall ist, einfarbig. Die späteren jedoch besaßen die Farben der Natur. Dies wunderte mich keineswegs; ich fand stets, daß das Verwerfen der Wirklichkeit nicht ein unentbehrliches Element der Kunst sein könne, ja, daß es sogar unkünstlerisch wirke, insbesondere, wenn es die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmung vermindert, wie dies bei einfarbigen Skulpturen der Fall zu sein pflegt. In solchen Fällen wird die künstlerische Idealisierung des konzentrierten Lebens gestört.

Bei den Statuen und Bildern der alten Zeiten herrschte ebenso wie bei unseren antiken Kunstgegenständen große Ruhe und Gelassenheit vor; diese waren voller Harmonie, frei von jeglicher Anspannung. In den folgenden Uebergangsepochen zeigte sich ein anderer Charakter: Leidenschaft, Aufregung, bisweilen gemildert zu irren Träumen, Träumen erotischer oder religiöser Natur, mitunter den schmerzhaften Widerspruch zwischen seelischer und körperlicher Kraft scharf betonend. In der sozialistischen Epoche veränderte sich abermals der Grundcharakter: hier überwogen harmonische Bewegung, gelassen vertrauensvolle Entfaltung der Kräfte, fremd jeder schmerzlichen Vergewaltigung, ein freies Streben, eine lebendige Tätigkeit, das konzentrierte Bewußtsein der Einheitlichkeit des Körpers und der unbesieglichen Vernunft.

Wenn die ideale Frauenschönheit der antiken Zeiten die Möglichkeit grenzenloser Liebe, die der Renaissance den Durst nach mystischer und gefühlicher Liebe ausdrückte, so verkörperte jene, die sich nun meinen Augen zeigte, die Liebe selbst in ihrem ganzen ruhigen und stolzen Selbstbewußtsein – klar, leuchtend, alles besiegend ...

Den späteren sowie den frühesten künstlerischen Schöpfungen eignete ein äußerst einfacher Charakter; sie behandelten ein einziges Motiv. Ihre Aufgabe bestand darin, ein kompliziertes menschliches Wesen wiederzugeben, dessen Leben reich und ausgefüllt war; deshalb wählten sie jenen Augenblick des Lebens, in dem sich irgend ein Gefühl oder ein Streben konzentriert hatte ... Bei den neuesten Künstlern schienen beliebte Themen: die Extase des schöpferischen Gedankens, die Extase der Liebe, die Extase des Naturgenusses, der ruhige freiwillige Tod – lauter Themen, die charakteristisch waren für eine große Rasse, eine Rasse, die intensiv und vollkommen zu leben und bewußt und würdig zu sterben verstand.

Die Abteilung für Gemälde und Skulptur nahm die eine Hälfte des Museums ein; die andere war der Architektur gewidmet. Unter Architektur verstanden die Marsbewohner nicht nur die Aesthetik der Bauten und der großen technischen Konstruktionen, sondern auch die der Möbel, der Werkzeuge, der Maschinen, überhaupt die Aesthetik alles materiell Nützlichen. Welche gewaltige Rolle in ihrem Leben gerade diese Kunst spielte, ließ sich aus dem Reichtum und der Vollständigkeit dieser Sammlung ersehen. Von den ersten Höhlenwohnungen mit den primitiven Geräten bis zu den luxuriösen Gemeinschaftshäusern aus Glas und Aluminium, bis zu den gigantischen Fabriken mit den schauerlich schönen Maschinen, bis zu den gewaltigen Kanälen mit den mächtigen Ufern und Schwebebrücken – war hier alles in der typischen Form dargestellt, in Bildern, Plänen, Modellen, besonders aber in großen Stereoskopen, die eine Illusion der Wirklichkeit gaben. Eine besondere Stelle nahm die Aesthetik der Gärten, der Felder und Parke ein; und wie ungewohnt auch immer mir die Natur dieses Planeten war, so vermochte ich dennoch die Schönheit der Blumen- und Formenkombinationen zu erkennen, die das Kollektivgenie dieses großäugigen Volkes der Natur verliehen hatte.

In den Uebergangsepochen kam es, wie auch bei uns, häufig vor, daß die Pracht die Nützlichkeit beeinträchtigte, der äußere Schmuck hinderlich für die Dauerhaftigkeit wurde; die Kunst vergewaltigte die Gegenstände. Hier jedoch, in den Erzeugnissen der neuen Epoche, schauten meine Augen nichts derartiges, weder bei den Möbeln, noch bei den Geräten oder Konstruktionen. Ich fragte Enno, ob die zeitgenössische Architektur jemals die Neigung zeige, um der Schönheit willen die praktische Vollkommenheit zu vernachlässigen.

„Niemals“, entgegnete er. „Diese wäre eine falsche Schönheit, wäre etwas Gekünsteltes, aber keine Kunst.“

Bis zur sozialistischen Zeit ward das Andenken der großen Männer durch Denkmäler geehrt; jetzt jedoch wurden Denkmäler nur mehr zur Erinnerung an große Ereignisse errichtet: wie etwa der erste Versuch, die Erde zu erreichen, der mit dem Tode aller Mitglieder der Expedition endete, oder aber die völlige Ausrottung einer tödlichen Infektionskrankheit, oder die Entdeckung und Synthese der Spaltung aller chemischen Elemente. Im Stereogramm sah man zusammen mit den Denkmälern Grabmäler und Kirchen. (Früher hatte es bei den Marsbewohnern auch eine Religion gegeben.) Eines der letzten Denkmäler großer Männer war das jenes Ingenieurs, von dem mir Menni erzählt hatte. Es war dem Künstler trefflich gelungen, die ganze Seelenstärke dieses Mannes wiederzugeben, der die Armee der Arbeit siegreich in den Kampf wider die Natur geführt und stolz das feige Urteil der Sitten über seine Tat zurückgewiesen hatte. Als ich in unwillkürlicher Versonnenheit vor dem Panorama dieses Denkmals verweilte, sprach Enno leise einige Verse, in denen der seelischen Verfassung des Helden Ausdruck verliehen wurde.

„Von wem sind diese Verse?“ fragte ich.

„Von mir“, erwiderte Enno. „Ich schrieb sie für Menni.“

Ich vermochte nicht völlig die innere Schönheit dieser mir noch immer fremden Sprache zu beurteilen, aber die Gedanken waren zweifellos klar, der Reim war stark, der Rhythmus klingend und mächtig. Dies lenkte meine Gedanken in eine neue Richtung.

„Euere Dichtung hat also noch strenge Reime und Rhythmus?“

„Selbstverständlich“, entgegnete Enno erstaunt. „Finden Sie das etwa nicht schön?“

„Doch“, erklärte ich, „bei uns hingegen war die Ansicht verbreitet, daß diese Form dem Geschmack der herrschenden Klassen unserer Gesellschaft entspringe, der Ausdruck ihrer Laune und ihrer Leidenschaft für Begrenztes sei, eine Fessel für die freie künstlerische Rede bedeute. Wir glaubten, die Poesie der Zukunft, die Dichtung der sozialistischen Epoche werde diese engen Gesetze abschütteln und vergessen.“

„Das ist völlig falsch“, meinte Enno. „Die reinen Reime erscheinen uns schön, aber keineswegs aus Leidenschaft für das Begrenzte, sondern weil sie zutiefst mit dem rhythmischen Prozeß unseres Lebens und unseres Bewußtseins harmonieren. Und der Rhythmus, der das Vielförmige zu einem einzigen Schlußakkord vereint, hat nicht auch er seinen tiefgründigen Ursprung in der lebendigen Verbindung der Menschen, die das Mannigfache des Aeußern mit der Lust der einheitlichen Liebe krönt? Der Arbeit mit dem einheitlichen Ziel, der Einheitlichkeit der Stimmung in der Kunst? Ohne Reim und Rhythmus gibt es überhaupt keine künstlerische Form. Wo der Rhythmus der Töne fehlt, muß er durch den umso strengeren Rhythmus der Bilder oder Ideen ersetzt werden ... Und wenn Reim und Rhythmus tatsächlich feudalen Ursprungs sind, so läßt sich dies ja auch von vielen anderen guten und schönen Dingen sagen.“

„Aber der Reim an und für sich beschränkt und erschwert den poetischen Ausdruck der Idee.“

„Was hat das zu bedeuten? Diese Begrenzung entspringt dem vom Künstler frei gewählten Ziel. Sie erschwert nicht nur, sondern vervollkommnet auch den Ausdruck der dichterischen Idee, verfolgt ausschließlich diesen Zweck. Je komplizierter das Ziel, desto schwerer der dazu führende Weg und desto größer der Zwang, den sich der Künstler auferlegen muß. Wenn Sie einen schönen Bau errichten wollen, wie viel richtiger Technik und Harmonie bedürfen Sie dabei, das heißt: wie viel „Zwang“ müssen Sie sich auferlegen! Bei der Wahl des Zieles sind Sie frei. Dies ist die einzige menschliche Freiheit. Wenn Sie aber nach dem Ziel verlangen, so verlangen Sie gleichzeitig auch nach den Mitteln, durch die es zu erreichen ist.“

Wir schlenderten in den Garten hinaus, um uns von den zahlreichen Eindrücken zu erholen. Der Abend war bereits niedergesunken, ein klarer milder Frühlingsabend. Die Blumen zogen Kelche und Blätter ein, um sie für die Nacht zu schließen; dies war eine Eigenheit der Marspflanzen, verursacht von den kalten Nächten. Ich wandte mich abermals an meinen Gefährten:

„Sagen Sie mir, welche Art der Belletristik ist heutzutage bei Ihnen die vorherrschende?“

„Im Drama die Tragödie, in der Dichtung die Naturschilderung“, antwortete Enno.

„Was ist der Inhalt der Tragödien? Wo finden Sie bei Ihrem glücklichen friedlichen Dasein den Stoff für Tragödien?“

„Glücklich? Friedlich? Woher nehmen Sie das? Es ist ja wahr, daß bei uns zwischen den Menschen Frieden herrscht, aber keineswegs herrscht Frieden zwischen uns und den Kräften der Natur, das wäre ja auch unmöglich. Diese ist ein Feind, bei dem selbst jeder Sieg eine neue drohende Gefahr bedeutet. In der letzten Epoche der Geschichte haben wir die Ausbeutung unseres Planeten um das zehnfache erhöht, unsere Bevölkerung wächst an und noch weit mehr steigern sich unsere Bedürfnisse. Schon mehr als einmal bedrohte uns auf dem einen oder anderen Arbeitsfeld die Erschöpfung der Naturkräfte und Mittel. Bis heute gelang es uns noch immer, diese Gefahr zu besiegen, ohne zu der hassenswerten Verkürzung des Lebens greifen zu müssen, der Verkürzung des Lebens bei uns selbst und unseren Nachkommen. Aber gerade jetzt nimmt der Kampf abermals einen besonders ernsthaften Charakter an.“

„Ich hätte niemals gedacht, daß bei Ihrer technischen und wissenschaftlichen Vollkommenheit eine derartige Gefahr bestehen könnte. Sie sagten, dies habe sich auf dem Mars bereits ereignet?“

„Ja, vor siebzig Jahren; als unsere Steinkohlenvorräte versiegten und der Uebergang zur Wasser- und Elektrizitätskraft noch lange nicht bewerkstelligt war; damals mußten wir, um die gewaltigen Maschinen herstellen zu können, einen bedeutenden Teil unserer Wälder abholzen, was auf Jahre hinaus unseren Planeten verunstaltete und das Klima verschlechtert hat. Als dann diese Krise überwunden war, zeigte es sich, vor etwa zwanzig Jahren, daß die Eisenerzlager erschöpft waren. Nun galt es, in aller Eile die richtige dauerhafte Legierung des Aluminiums herzustellen, und ein großer Teil unserer technischen Kraft wurde auf die elektrische Gewinnung des Aluminiums aus der Erde verwandt. Heute, da sich, wie auch aus der Statistik ersichtlich ist, die Bevölkerung äußerst rasch vermehrt, wissen wir bereits, daß uns in dreißig Jahren ein furchtbarer Mangel an Lebensmitteln bedrohen wird, falls es uns bis dorthin nicht gelingen sollte, die Synthese des Eiweiß aus den Elementen zu entdecken.“

„Aber die anderen Planeten“, warf ich ein, „könnten Sie nicht auf denen das Fehlende finden?“

„Wo? Die Venus ist anscheinend noch unzugänglich. Und die Erde? Die besitzt ihre eigene Menschheit, und es ist bis heute noch nicht klar ersichtlich, inwieweit wir deren Kräfte ausnützen können. Jede Fahrt nach der Erde verschlingt große Vorräte an radiumausstrahlenden Stoffen; dies weiß ich von Menni, der mir unlängst über seine letzte Expedition berichtete, und unser Vorrat an diesen Stoffen ist ziemlich gering. Nein, die sich uns überall entgegenstellenden Schwierigkeiten sind keineswegs zu unterschätzen, und je enger sich unsere Menschheit im Kampfe gegen die Natur zusammenschließt, desto enger schließen sich auch die Elemente zusammen.“

„Aber es würde doch genügen, die Vermehrung zu beschränken?“

„Die Vermehrung beschränken! Das bedeutete den Sieg der Natur. Bedeutete den Verzicht auf das unbegrenzte Anwachsen des Lebens, bedeutete das Stehenbleiben auf der gleichen Stufe. Wir siegen, weil wir in gewaltigen Massen gegen die Natur vorgehen. Wenn wir aber auf das Anwachsen unseres Heeres verzichten, dann sind wir von allen Seiten durch die Elementargewalten belagert. Dann würde auch der Glaube an unsere Kollektivkraft geschwächt werden, an unser großes Gemeinschaftsleben. Und zusammen mit diesem Glauben ginge auch für jeden Einzelnen der Sinn des Lebens verloren, weil ja doch in jedem von uns die kleine Zelle des großen Organismus lebt, vollständig lebt, und jeder wieder in dieser Zelle sein Dasein hat. Nein, eine Beschränkung der Vermehrung, – das wäre das allerletzte, wozu wir uns entschließen könnten, und wenn dies gegen unseren Willen geschähe, so würde es den Anfang vom Ende bedeuten.“

„Nun begreife ich, daß auch bei Ihnen stets Tragödienstoffe vorhanden sind, zumindest als drohende Möglichkeit. Solange jedoch der Sieg noch auf Seiten der Menschheit ist, sieht sich der Einzelne zur Genüge vor dieser Tragödie der Gemeinschaft bewahrt; ja selbst wenn die Gefahr in unmittelbare Nähe rückt, so verteilen sich die gigantische Anstrengung und die Leiden des Kampfes so gleichmäßig unter den zahllosen Einzelwesen, daß deren ruhiges Glück kaum gestört werden kann. Und zu diesem Glück fehlt anscheinend bei Ihnen nichts.“

„Ruhiges Glück! Ist es denn möglich, daß der Einzelne nicht zutiefst die Erschütterung eines ganzen Lebens, in dem sein Anfang und sein Ende liegt, empfinde? Und zeigen sich nicht auch die tiefen Widersprüche des Lebens in der Begrenztheit des Einzelwesens verglichen mit dessen Ziel, in seiner Ohnmacht, mit diesem Ziel zu verschmelzen, es völlig mit seinem Bewußtsein zu umfassen und sein Bewußtsein selbst aus dem Ziel zu schöpfen? Begreifen Sie diese Widersprüche nicht? Das kommt daher, weil sie in Euerer Welt von anderen, näherliegenden und gröberen Dingen verdunkelt werden. Der Kampf der Klassen, der Gruppen, der Einzelwesen raubt Euch die Idee des Zieles, und zugleich damit das Glück sowie das Leid, die darin enthalten sind. Ich sah Ihre Welt; und ich vermag auch nicht den zehnten Teil des Wahnsinns zu erfassen, in dem Ihre Brüder leben. Eben deshalb vermag ich nicht zu beurteilen, wer von uns dem ruhigen Glück näher ist: je stärker und harmonischer das Leben, desto quälender und unvermeidlicher wirken die Dissonanzen.“

„Sagen Sie, Enno, sind Sie zum Beispiel nicht glücklich? Sie besitzen Jugend, Wissen, Poesie und sicher auch Liebe ... Was können Sie Schweres erfahren haben, daß Sie so glühend von der Tragödie des Lebens sprechen?“

„Das ist prächtig“, lachte Enno, und sein Lachen klang seltsam. „Sie wissen nicht, daß der heitere Enno bereits einmal zu sterben beschlossen hatte. Und wenn Menni nur einen einzigen Tag später sechs Worte geschrieben hätte, in denen unsäglich viel lag: „Wollen Sie auf die Erde mitkommen?“ so würde Ihnen Ihr heiterer Reisegefährte gefehlt haben. Doch kann ich Ihnen augenblicklich nichts Näheres verraten. Sie werden ja selbst sehen, daß, wenn es bei uns ein Glück gibt, dieses keineswegs das friedliche und ruhige Glück ist, von dem Sie sprechen.“

Ich konnte mich nicht entschließen, weitere Fragen zu stellen. Aber ich konnte auch nicht länger systematisch die Kunstsammlung besichtigen. Meine Aufmerksamkeit war abgelenkt, meine Gedanken schweiften umher. In der Abteilung für Skulptur verharrte ich vor einer der neuesten Statuen, die einen schönen Jüngling darstellte. Seine Gesichtszüge erinnerten an Netti; mich erschütterte das Talent, mit dem der Künstler in dem leblosen Stoff, in unvollendeten Zügen, in den glühenden Augen des Knaben die Geburt des Genies wiedergegeben hatte. Lange verweilte ich reglos vor dieser Statue, und die ganze Umgebung entschwand meinem Bewußtsein; Ennos Stimme durchbrach meine Gedanken:

„Das seid Ihr“, sprach er, auf den Jüngling weisend. „Dies ist Ihre Welt. Sie wird eine wundervolle Welt sein; heute befindet sie sich noch in ihrer Kindheit, beachten Sie, was für dunkle Träume, was für bebende Bilder noch ihr Bewußtsein erregen ... Noch liegt sie im Halbschlaf, doch wird sie erwachen; ich fühle es, glaube zutiefst daran!“

In das freudige Gefühl, das diese Worte in mir erweckten, mischte sich ein seltsames Bedauern:

„Weshalb war es nicht Netti, der diese Worte sprach?“

Im Krankenhaus

Ich kehrte äußerst ermüdet heim; nach zwei schlaflosen Nächten und einem qualvollen Tag, da ich zu keiner Arbeit fähig war, beschloß ich, mich an Netti zu wenden. Ich wollte den mir unbekannten Arzt der chemischen Stadt nicht zu Rate ziehen. Netti arbeitete seit dem Morgen im Krankenhaus, dort fand ich ihn in der Vorhalle, mit der Aufnahme der eben eingetroffenen Kranken beschäftigt.

Als Netti mich im Vorraum erblickte, eilte er sofort auf mich zu, betrachtete aufmerksam mein Gesicht, nahm mich bei der Hand und führte mich in ein kleines Zimmer. Hier herrschte weiches blaues Licht, ein leichter angenehmer, mir unbekannter Duft erfüllte den Raum, dessen Stille durch nichts gestört wurde. Netti drückte mich in einen bequemen Lehnstuhl und sprach:

„Denken Sie an nichts, machen Sie sich über nichts Sorgen. Für heute nehme ich alles auf mich. Rasten Sie; später komme ich wieder.“

Er verließ das Zimmer, und ich dachte an nichts, machte mir über nichts Sorgen, als habe er tatsächlich alle meine Gedanken und Sorgen auf sich genommen. Dies war äußerst angenehm, und nach wenigen Minuten schlief ich ein. Als ich erwachte, stand Netti vor mir, blickte mich lächelnd an.

„Fühlen Sie sich besser?“ fragte er.

„Ich bin vollkommen gesund, Sie aber sind ein genialer Arzt“, erwiderte ich. „Gehen Sie zu Ihren Kranken und beunruhigen Sie sich meinetwegen nicht.“

„Meine Arbeit ist schon beendet. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen unser Krankenhaus zeigen“, schlug Netti vor.

Ich empfand dafür lebhaftes Interesse, und wir schickten uns an, das ganze schöne Gebäude zu besichtigen.

Chirurgische Fälle und Nervenkrankheiten schienen hier vorzuherrschen. Die meisten chirurgischen Fälle waren durch Maschinen verursachte Verletzungen.

„Es ist doch nicht möglich, daß es in Eueren Betrieben an Schutzvorrichtungen fehlt?“ fragte ich Netti.

„Vollkommene Schutzvorrichtungen, die jeden Unglücksfall ausschließen, gibt es überhaupt nicht. Aber Sie sehen hier die Verletzten aus einem Gebiet mit zwei Millionen Einwohnern – bei einem derartigen Gebiet sind etliche zehn Verwundete gar nicht so viel. Meist handelt es sich hier um Neulinge, die sich noch nicht recht auf die Maschinen verstehen, an denen sie arbeiten. Bei uns behagt es den Leuten, von dem einen Arbeitszweig zum anderen überzugehen. Die Erziehungs- und Kunstspezialisten sind am häufigsten die Opfer ihrer Zerstreutheit; ihre Aufmerksamkeit schweift oft ab, sie versinken in Gedanken und Betrachtungen.“

„Die Nervenkrankheiten werden wohl meistens durch Erschöpfung verursacht?“

„Ja, dieser Fälle gibt es viele. Doch werden derartige Krankheiten auch ebenso oft durch eine Krise im Geschlechtsleben oder aber eine andere seelische Erschütterung hervorgerufen, wie etwa der Tod geliebter Menschen.“

„Werden hier auch Geisteskranke mit verdunkeltem oder verwirrtem Bewußtsein aufgenommen?“

„Nein. Für diese gibt es ein eigenes Krankenhaus. Bei ihnen bedarf es besonderer Vorrichtungen, damit sie in gewissen Fällen weder sich, noch anderen Schaden zufügen können.“

„Und wird bei Euch in solchen Fällen gegen die Kranken Gewalt angewandt?“

„Bisweilen; selbstverständlich aber nur dann, wenn es sich als unumgänglich nötig erweist.“

„Nun begegne ich in Ihrer Welt bereits zum zweiten Mal der Gewalt! Das erste Mal geschah dies im „Haus der Kinder“. Sagen Sie mir, es gelingt also auch auf dem Mars nicht, dieses Element völlig aus dem Leben zu verbannen? Sie sind gezwungen, es mit Bewußtsein anzunehmen.“

„Ja; ebenso wie wir gezwungen sind, Krankheit und Tod hinzunehmen, oder etwa eine bittere Medizin zu schlucken. Welches vernünftige Wesen würde zum Beispiel im Fall der Selbstverteidigung auf die Gewalt verzichten?“

„Wissen Sie, daß diese Tatsache mir die Kluft zwischen Ihrer und unserer Welt weit weniger groß erscheinen läßt?“

„Der Unterschied besteht nicht darin, daß bei Ihnen notgedrungenerweise viel, bei uns aber wenig Gewalt angewandt wird, sondern vielmehr darin, daß sich bei Ihnen die Gewalt als Gesetz verkleidet, sei es nun als äußeres oder inneres, daß sie als sittliche und rechtliche Norm auftritt, die die Menschen beherrscht und belastet. Bei uns hingegen tritt die Gewalt entweder als Krankheitserscheinung auf, oder aber als vernünftige Handlung eines vernunftbegabten Wesens. In keinem dieser Fälle bedeutet sie irgendein gesellschaftliches Gesetz, oder eine gesellschaftliche Norm, ist weder persönliches noch unpersönliches Gebot.“

„Gibt es denn keine Regel, nach der Sie die Freiheit der Geisteskranken oder der Kinder einschränken?“

„Ja, eine Art wissenschaftliche, der Medizin oder Pädagogik entstammende Regel. Freilich sind in dieser technischen Regel nicht alle jene Fälle vorausgesehen, in denen die Gewalt angewandt werden muß, noch aber die Mittel bei ihrer Anwendung, die Stufen – alldies hängt selbstverständlich von der Gesamtheit der Vorbedingungen ab.“

„Wird dadurch der Willkür der Erzieher oder Krankenpfleger nicht völlig freier Lauf gelassen?“

„Was bedeutet das Wort „Willkür“? Wenn es unnötige, überflüssige Anwendung der Gewalt bedeutet, so kann es nur in bezug auf einen Kranken angewandt werden, der sich im Krankenhaus befindet. Ein vernünftiger, bewußt handelnder Mensch ist der Willkür nicht fähig.“

Wir durchschritten die Krankensäle, die Operationsräume, die Zimmer, in denen die Medizinen aufbewahrt wurden, die Stuben der Pfleger. Im obersten Stockwerk betraten wir einen geräumigen, schönen Saal, dessen durchsichtige Wände den Ausblick auf den See, den Wald und die fernen Berge gestatteten. Der Raum war mit Statuen und Gemälden von hohem künstlerischem Wert geschmückt, die Möbel waren prächtig und luxuriös.

„Dies ist das Zimmer der Sterbenden“, sprach Netti.

„Bringen Sie alle Sterbenden hierher?“ fragte ich.

„Ja, oder sie begeben sich selbst in diesen Saal“, lautete die Antwort.

„Können denn bei Ihnen die Sterbenden noch selbst gehen?“ staunte ich.

„Jene, die körperlich gesund sind, vermögen es selbstverständlich.“

Ich begriff, daß es sich hier um Selbstmörder handle.

„Sie überlassen diesen Saal den Selbstmördern zur Ausführung ihres Vorhabens?“

„Ja, sowie alle Mittel, die einen ruhigen schmerzlosen Tod bringen.“

„Und Sie legen ihnen kein einziges Hindernis in den Weg?“

„Wenn der Patient bei klarem Verstand ist und sein Entschluß feststeht, kann es doch gar kein Hindernis geben. Natürlich wird dem Kranken Gelegenheit gewährt, sich vorher mit dem Arzt zu beraten. Einige tun dies, – andere nicht.“

„Kommen bei Ihnen viele Selbstmorde vor?“

„Ja, besonders unter den alten Leuten. Wenn sich das Gefühl des Lebens abstumpft und schwächer wird, ziehen es viele vor, nicht das natürliche Ende abzuwarten.“

„Begehen auch junge, völlig gesunde und starke Menschen Selbstmord?“

„Auch dies kommt vor, aber äußerst selten. Seitdem ich im Krankenhaus arbeite, kann ich mich bloß an zwei Fälle erinnern, der dritte ließ von seinem Vorhaben ab.“

„Wer waren die beiden Unglücklichen und was trieb sie in den Tod?“

„Der erste war mein Lehrer, ein hervorragender Arzt, der der Wissenschaft viel Neues gegeben hat. Bei ihm war die Fähigkeit, die Leiden anderer mitzufühlen, in einem unglaublich hohen Maße entwickelt. Dies führte seinen Verstand und seine Energie zum Studium der Medizin, war aber auch sein Verderben. Er ertrug es nicht. Verbarg aber seine geistige Einstellung so gut vor allen Menschen, daß seine Tat völlig überraschend wirkte. Er beging diese nach einer schweren Epidemie, die als Folge der Trockenlegung einer Meeresbucht auftrat, als die toten Fische tonnenweise verwesend am Strand lagen. Die Krankheit war ebenso schmerzhaft wie bei Ihnen die Cholera, aber noch weit gefährlicher. Von zehn Erkrankungen nahmen neun einen tödlichen Verlauf. Da aber dennoch eine geringe Möglichkeit der Genesung bestand, konnten die Aerzte den Bitten der Kranken um einen raschen und schmerzlosen Tod nicht nachkommen; es war ja auch nicht möglich, von einem Menschen, den starkes Fieber und große Schmerzen peinigten, anzunehmen, daß er sich bei völlig klarem Bewußtsein befinde. Mein Lehrer arbeitete wie ein Wahnsinniger, und seine Forschungen trugen viel dazu bei, die Epidemie abzukürzen. Als diese völlig verschwunden war, beging er Selbstmord.“

„Wie alt war er damals?“

„Ihrer Berechnung nach ungefähr Fünfzig. Bei uns ist dies noch ein jugendliches Alter.“

„Und der zweite Fall?“

„Eine Frau, der am gleichen Tag Mann und Kind gestorben waren.“

„Und der dritte Fall?“

„Den kann Ihnen nur jener Genosse erzählen, der ihn selbst erlebte.“

„Das ist wahr“, meinte ich. „Erklären Sie mir aber nun etwas anderes: wie kommt es, daß sich die Marsbewohner so lange jung erhalten? Ist dies eine Eigenheit Ihrer Rasse oder hängt es von den günstigen Lebensbedingungen, oder aber noch von etwas anderem ab?“

„Mit der Rasse hat es nichts zu tun; noch vor zweihundert Jahren waren wir weit weniger langlebig. Die günstigeren Lebensbedingungen? Ja, selbstverständlich spielen auch diese eine bedeutsame Rolle, die Hauptursache jedoch ist eine ganz andere: nämlich die Erneuerung des Lebens.“

„Was ist das?“

„Eine dem Wesen nach äußerst einfache Sache, Ihnen jedoch wird sie wahrscheinlich seltsam erscheinen, obgleich Ihre Wissenschaft bereits alle Daten für diese Methode kennt. Sie wissen, daß die Natur, um die Lebensfähigkeit der Zelle oder des Organismus zu steigern, das Einzelwesen durch ein anderes ergänzt. Um dieses Ziel zu erreichen, verschmilzt sich das Einzelwesen aus zweien zu einem, und auf diese Art erhält es die Lebens- und Vermehrungsfähigkeit, die „Unsterblichkeit“ des Protoplasma. Derselbe Gedanke beherrscht die Kreuzungen der höheren Pflanzen- und Tierarten; hier vereinigen sich lebendige Elemente zweier verschiedener Wesen, auf daß ein drittes geboren werde. Schließlich wissen Sie wohl auch um die Einimpfung des Blutes, von dem einen zum anderen Geschöpf, um diesem anderen eine stärkere Lebensfähigkeit zu verleihen, wie dies beim Serum gegen verschiedene Krankheiten der Fall ist. Wir gehen hierin noch weiter: verwenden die Transfusion des Blutes zwischen zwei menschlichen Wesen, von denen jedes dem anderen eine gesteigerte Lebensfähigkeit zu geben vermag. Diese einmalige Transfusion des Blutes zwischen zwei Menschen wird durch einen die Blutgefäße der beiden verbindenden Apparat bewerkstelligt. Bei Beobachtung der nötigen Vorsichtsmaßregeln ist der Prozeß völlig ungefährlich. Das Blut des einen Menschen lebt weiter im Organismus des anderen, vermischt sich mit dem eigenen Blut und erneuert die Gewebe.“

„Auf diese Art vermögen Sie durch die Transfusion jungen Blutes den Alten die Jugend wiederzugeben?“

„Zum Teil; freilich nicht ganz. Denn das Blut ist im Organismus nicht alles, der Organismus verarbeitet es. Deshalb altert auch der junge Mensch nach der Transfusion alten Blutes nicht; alles, was in ihm Schwäche, Alter ist, verteilt sich rasch im jungen Organismus, und zur gleichen Zeit scheidet er aus dem Organismus all das aus, dessen er nicht bedarf; dadurch werden die Energie und Anpassungsfähigkeit seines ganzen Wesens gesteigert.“

„Wenn dies so einfach ist, weshalb hat bis heute unsere irdische Medizin das Mittel noch nicht angewandt? Die Transfusion des Blutes ist, wenn ich nicht irre, bereits seit etlichen hundert Jahren bekannt.“

„Ich weiß es nicht; vielleicht besteht irgendeine organische Eigenheit, die bei den Erdenmenschen diesem Mittel seine Wirksamkeit raubt. Vielleicht aber kommt dies auch von dem bei Ihnen herrschenden Individualismus, der so sehr den einen Menschen vom anderen trennt, daß der Gedanke an eine lebendige Verschmelzung Ihren Gelehrten schier als ein Ding der Unmöglichkeit erscheint. Außerdem gibt es bei Ihnen eine Unzahl das Blut vergiftender Krankheiten, Krankheiten, von denen die Befallenen oft gar nicht wissen, oder die sie verheimlichen. Die bei Ihnen äußerst selten vollzogene Transfusion des Blutes trägt irgendwie einen philanthropischen Charakter: jener, der viel Blut besitzt, gibt davon jenem, der dessen äußerst nötig bedarf, zum Beispiel in Fällen, wo durch Wunden ein großer Blutverlust entstanden ist. Freilich kommt dies auch bei uns vor; meist aber verhält es sich anders, entspricht unserer ganzen Ordnung: unser Leben ist nicht nur dem Geist nach ein kameradschaftliches, sondern sogar dem Körper nach.“

Arbeit und Gespenster

Die Eindrücke der ersten Tage, die wie ein stürmischer Wasserfall mein Bewußtsein überfluteten, ließen mich erkennen, was für eine ungeheuere Arbeit mir bevorstand. Vor allem galt es, diese Welt zu begreifen, diese unermeßlich reiche und in ihrer Ordnung so eigenartige Welt. Dann aber mußte ich mich ihr nähern, jedoch nicht wie einem interessanten Museumsgegenstand, sondern wie ein Mensch den Menschen, ein Arbeiter den Arbeitern. Nur so vermochte ich meine Mission zu erfüllen, als wahrhaftes Band zwischen zwei Welten zu dienen, zwischen denen ich, der an der Grenze stehende Sozialist, einen unendlich winzigen Augenblick der Gegenwart bedeutete, der Vergangenheit und Zukunft verband.

Als ich das Krankenhaus verließ, sprach Netti zu mir: „Beeilen Sie sich nicht allzu sehr.“ Mir schien es, als habe er unrecht. Im Gegenteil: ich mußte mich beeilen, mußte alle Kräfte, alle Energie anspannen – denn meine Verantwortung war eine ungeheuer große. Welcher gewaltige Nutzen konnte unserer alten zerquälten Menschheit erwachsen, welche gigantische Beschleunigung ihrer Entwicklung durch den Einfluß dieser lebendigen, energischen, hohen Kultur, die so mächtig und harmonisch war! Und jeder Augenblick der Verzögerung in meiner Arbeit konnte ein Hinausschieben dieses Einflusses bedeuten ... Nein, ich durfte nicht erwarten, durfte nicht rasten. Und ich arbeitete viel. Lernte die Wissenschaft und die Technik der neuen Welt kennen, beobachtete genau ihr gesellschaftliches Leben, studierte ihre Literatur. Und dabei boten sich mir viele Schwierigkeiten.

Die wissenschaftlichen Methoden verblüfften mich völlig: ich prägte sie mir mechanisch ein, vermeinte anfangs, sie seien leicht, einfach, ohne Fehler; bald aber bemerkte ich, daß ich sie nicht verstand, daß ich nicht begriff, wieso sie zum Ziele führten, ihre Verbindung nicht fand und ihr Wesen nicht erfaßte. Ich glich einem alten Mathematiker des 17. Jahrhunderts, dessen begrenzter unbeweglicher Geist die lebendige Dynamik der unendlich kleinen Größen nicht zu erfassen vermag.

Die allgemein zugänglichen Versammlungen der Marsbewohner versetzten mich durch ihren rein sachlichen Charakter in großes Erstaunen. Ob sie nun wissenschaftlichen Fragen, oder aber der Organisation der Arbeit oder Kunstfragen galten, – stets waren die Ausführungen und Reden seltsam nüchtern und kurz, die Argumente genau, sachlich, niemand wiederholte sich und keiner wiederholte, was ein anderer gesagt hatte. Der Beschluß der Versammlung, der häufig ein einstimmiger war, wurde mit märchenhafter Geschwindigkeit durchgeführt. Beschloß die Versammlung der Lehrer, daß eine neue Lehranstalt gegründet werden müsse, oder die Versammlung der Arbeitsstatistiker, daß ein neues Unternehmen gegründet werden solle, oder die Versammlung der Stadtbewohner, daß irgendein Gebäude zu schmücken sei, – sofort erschienen auch schon die neuen Zahlen der erforderlichen Arbeitskraft, das Zentralbureau schaffte auf dem Luftweg Hunderte und Tausende von neuen Arbeitern herbei; nach einigen Tagen oder einer Woche war bereits alles beendet, und die neuen Arbeiter verschwanden; niemand wußte, wohin. All dies erweckte in mir schier den Eindruck der Magie, einer seltsamen, gelassenen, kalten, Beschwörungen und Mystik verachtenden Magie, die vielleicht eben deshalb durch ihre übermenschliche Macht besonders rätselhaft wirkte.

Auch die Literatur der neuen Welt, sogar die rein künstlerische, bedeutete für mich weder Erholung noch Beruhigung. Ihre Form erschien zwar klar und unkompliziert, aber der Inhalt mutete mich fremd an. Es verlangte mich, tiefer in sie einzudringen, sie zu begreifen, ihr näher zu kommen, doch führten meine Bemühungen zu einem völlig unerwarteten Ergebnis: die Formen wurden gespenstisch, von Nebel umhüllt.

Besuchte ich das Theater, so überkam mich ebenfalls das Gefühl der Verständnislosigkeit. Die Reden der Helden waren so zurückhaltend und gedämpft, ihre Gefühle so schwach betont, daß es fast schien, als wollten sie bei dem Zuschauer keinerlei Stimmung erregen, als wären sie nur abgeklärte Philosophen, freilich äußerst idealisierte. Nur die historischen, in der fernen Vergangenheit spielenden Dramen weckten in mir einen vertrauten Eindruck; hier war auch das Spiel der Darsteller bedeutend lebhafter, der Ausdruck persönlicher Gefühle um vieles unverhüllter, glich weit mehr dem, woran ich in unseren Theatern gewöhnt war.

Ein Umstand zog mich trotz allem immer wieder ins Theater unserer kleinen Stadt: nämlich der, daß es hier keine Schauspieler gab. Die hier aufgeführten Stücke wurden uns durch optische und akustische Apparate vermittelt, die sich in anderen großen Städten befanden, oder aber, und dies kam noch häufiger vor, es wurden Stücke aufgeführt, die so alt waren, daß die meisten der darin auftretenden Schauspieler nicht mehr unter den Lebenden weilten. Die Marsbewohner kannten die Momentaufnahmen in natürlichen Farben, benützten sie, um Leben und Bewegung wiederzugeben, wie dies in unseren Kinos geschieht. Aber sie vereinigten nicht nur den Kinematograph mit dem Phonograph, wie das bereits, wenn auch ohne rechten Erfolg, auf der Erde getan wurde, sondern sie wandten auch das Stereogramm an und verliehen dadurch den Kinobildern Relief. Auf der Leinwand erschienen gleichzeitig zwei Abbildungen, – zwei halbe Stereogramme; vor jedem Sitz war ein entsprechendes stereoskopisches Glas befestigt, das die beiden flachen Abbildungen zu einer vereinigte. Es schien seltsam, klar und genau lebendige Menschen zu sehen, die sich bewegten, handelten, ihren Gefühlen in Worten Ausdruck verliehen, und gleichzeitig zu wissen, daß von all dem nichts existierte, als die Mattscheibe, der Phonograph und das elektrische Licht mit dem Uhrwerk. Ja, dies war fast mystisch seltsam, und erweckte unklare Zweifel an aller Wirklichkeit.

Selbstverständlich wurde durch all diese Tatsachen meine Aufgabe, das Verstehen der fremden Welt, in hohem Maße erschwert. Ich hätte entschieden fremder Hilfe bedurft. Doch wandte ich mich nur sehr selten an Menni mit der Bitte um Erklärungen. Ich wollte ihn nicht in Anspruch nehmen, denn er war eben mit seinen Forschungen über die Gewinnung der „Minus-Materie“ beschäftigt. Er arbeitete unermüdlich, schlief oft nächtelang nicht, und ich wollte ihn nicht stören und ablenken. Seine Arbeitsfreudigkeit war für mich ein lebendiges Beispiel, das mich unwillkürlich dazu verleitete, meine Anstrengungen fortzusetzen.

Die übrigen Freunde waren von meinem Horizont verschwunden. Netti verreiste auf etliche hundert Kilometer, um den Bau und die Organisation eines riesenhaften neuen Krankenhauses auf der anderen Halbkugel des Planeten zu leiten. Enno, Sternis Gehilfe, war ebenfalls viel beschäftigt; in seinem Observatorium wurden Messungen und Berechnungen für neue Expeditionen nach der Venus und der Erde angestellt, sowie für Expeditionen nach dem Mond und dem Merkur; letztere sollten photographiert und von den Mineralien sollten Proben zurückgebracht werden. Mit den anderen Marsbewohnern war ich nicht näher bekannt, beschränkte meine Gespräche mit ihnen auf praktische Fragen; es fiel mir schwer, mich diesen so fremden und hoch über mir stehenden Wesen zu nähern.

Allmählich begann ich zu finden, daß, allgemein gesprochen, meine Arbeit gute Fortschritte machte. Ich bedurfte immer weniger der Rast, ja sogar des Schlafes. Alles, was ich fast mechanisch leicht und frei erlernte, brachte ich bequem in meinem Kopf unter, und dies rief irgendwie das Gefühl hervor, als sei mein Kopf völlig leer und könne noch viel, sehr viel beherbergen. Freilich, wenn ich nach alter Gewohnheit versuchte, für mich selbst genau zu formulieren, was ich wußte, so mißlang das fast immer; doch deuchte mich, es sei nicht wichtig, Einzelheiten und Teile klar definieren zu können. Vor allem gelte es einen Allgemeinbegriff zu haben, und den besaß ich.

Eine besonders lebhafte Befriedigung fand ich in meiner Arbeit nicht; es gab nichts, das in mir das frühere Gefühl unmittelbaren Interesses wachgerufen hätte, doch erschien mir dies selbstverständlich: nach all dem, was ich gesehen und erfahren hatte, fiel es mir schwer, noch über irgendetwas zu staunen. Es kam ja auch gar nicht darauf an, ob mir etwas angenehm sei, sondern vielmehr darauf, daß ich alles begreife und mir zu eigen mache.

Eines nur war peinlich: es wurde mir täglich schwerer, meine Aufmerksamkeit völlig auf einen Gegenstand zu konzentrieren. Die Gedanken schweiften von einer Sache, von einer Seite zur anderen; klare, gänzlich unerwartete Erinnerungen fluteten bisweilen über mein Bewußtsein hinweg, ließen mich meine Umgebung vergessen, raubten mir die kostbaren Minuten. Ich bemerkte dies, zwang mich mit neuer Energie zur Arbeit, aber nach kurzer Zeit suchten abermals flüchtige Bilder und Phantasien der Vergangenheit mein Gehirn heim, und es galt von neuem, ihrer Gewalt zu widerstehen.

Immer häufiger überkam mich ein bebendes, seltsam beunruhigendes Gefühl; bekannte Gesichter tauchten vor mir auf, alte Geschehnisse. Eine übermächtige Flut riß mich zurück, in ferne Zeiten, in die Jugend und früheste Kindheit, dort verlor sich mein Bewußtsein in Unklarheit und Wirrnis. Nach solchen Stunden vermochte ich die andauernde Zerstreutheit nicht zu bewältigen.

In meinem Inneren entstand ein heftiger Widerstand, der mich hinderte, einer Sache lange Zeit zu widmen; ich hastete von Gegenstand zu Gegenstand, schleppte in meine Stube einen Haufen Bücher, die früher am rechten Ort aufbewahrt waren, Tabellen, Karten, Stereogramme, Phonographen usw. Auf diese Art hoffte ich, den Zeitverlust wieder einzubringen, aber die furchtbare Zerstreutheit übermannte mich stets von neuem, und häufig ertappte ich mich dabei, daß ich lange reglos auf einen Punkt starrte, nichts begriff, nichts tat.

Lag ich auf meinem Bett und blickte durch das Glasdach zum düsteren Nachthimmel empor, so begannen meine Gedanken eigenwillig mit erstaunlicher Lebhaftigkeit und Energie zu arbeiten. Vor meinem Geiste erschienen ganze Zahlenreihen und Formeln, sie waren von einer derartigen Klarheit, daß ich sie, Zeile um Zeile, abzulesen vermochte. Doch verblaßten diese Erscheinungen gar bald, machten anderen Platz, mein Bewußtsein kehrte zum Panorama eines unglaublich lebendigen und klar umrissenen Bildes zurück, das nichts mit meiner Beschäftigung und meinen Sorgen zu tun hatte. Ich schaute irdische Landschaften, theatralische Szenen, Bilder aus Kindermärchen, sah sie wie in einem Spiegel. Sie durchdrangen meine Seele, verschwammen, vermischten sich, erweckten keinerlei Aufregung, sondern bloß ein leichtes Interesse, eine gewisse Neugierde, der eine schwache Befriedigung eignete. Dieser Vorgang vollzog sich in meinem Bewußtsein, vermengte sich nicht mit der äußeren Umgebung; später jedoch griff er auch auf sie über. Ich versank in Schlummer, in Träume, die voll lebendiger und komplizierter Erscheinungen waren; der Schlummer war ein leichter und gab mir nicht, wonach mich so sehr verlangte – das Gefühl der Rast und Erholung.

Schon längere Zeit störte mich Ohrensausen, jetzt wurde dieses immer unaufhörlicher und stärker, hinderte mich bisweilen sogar daran, die Töne des Phonographen zu vernehmen. Des Nachts raubte es mir den Schlaf. Immer wieder vermeinte ich dazwischen Menschenstimmen zu hören, bekannte und unbekannte, bisweilen glaubte ich, mein Name würde gerufen, oder aber ich vernähme Gespräche, deren Worte ich wegen des Sausens nicht zu verstehen vermochte. Ich sah ein, daß ich nicht völlig gesund sei, daß mich Verwirrung und Zerstreutheit überwältigten, vermochte ich doch nicht einmal einige Zeilen im Zusammenhang zu lesen.

„Das ist selbstverständlich nur Uebermüdung“, sprach ich zu mir. „Ich muß mehr rasten, habe tatsächlich zu viel gearbeitet. Doch brauche ich Menni davon nichts zu sagen, denn was jetzt mit mir vorgeht, erweckt gar sehr den Eindruck, als machte ich bereits zu Anfang meiner Arbeit Bankrott.“

Wenn mich Menni in meiner Stube aufsuchte, dies kam freilich zu jener Zeit selten vor, gab ich mir den Anschein, äußerst beschäftigt zu sein. Er warnte mich: ich arbeite zu viel, setze mich der Gefahr der Erschöpfung aus.

„Heute sehen Sie besonders schlecht aus“, sagte er. „Schauen Sie in den Spiegel, wie Ihre Augen glänzen, wie blaß Sie sind. Sie müssen sich ausruhen, das wird später Früchte tragen.“

Mich verlangte ja selbst nach Ruhe, doch vermochte ich keine zu finden. Zwar tat ich fast nichts, aber alles ermüdete mich, sogar die geringste Anstrengung. Die stürmische Flut lebendiger Bilder, Erinnerungen und Phantasien ebbte weder bei Tag noch bei Nacht ab. In ihr verblaßte meine Umgebung, verlor sich, nahm etwas Gespenstisches an.

Schließlich mußte ich mich ergeben; ich sah, daß Schlaffheit und Apathie immer stärker meinen Willen schwächten, daß ich immer weniger gegen sie anzukämpfen vermochte. Eines Abends, als ich zu Bette lag, wurde es mir plötzlich schwarz vor den Augen. Doch verging dies rasch, und ich trat ans Fenster, um auf die Bäume des Parkes zu blicken. Jählings fühlte ich, daß mich jemand anstarre. Ich wandte mich um – vor mir stand Anna Nikolajewna Ihr Antlitz war blaß und traurig, aus ihren Blicken sprach Vorwurf. Ich wurde erregt, dachte gar nicht an das Seltsame ihrer Erscheinung, tat einen Schritt vor, um ihr entgegenzugehen und etwas zu sagen. Sie aber verschwand, als habe sie sich in Luft aufgelöst.

Und in diesem Augenblick begann der Gespensterreigen. An vieles erinnere ich mich nicht; mein Bewußtsein war verdunkelt, ich befand mich in einer Art Traum. Es kamen und gingen, erschienen vor mir allerlei Menschen, denen ich in meinem früheren Leben begegnet war, aber auch Unbekannte. Merkwürdigerweise befanden sich unter ihnen keine Marsbewohner, es waren lauter Erdenmenschen. Die Bekannten gehörten meist zu jenen, die ich seit langem nicht gesehen hatte, alte Schulkameraden, mein junger Bruder, der noch als Kind gestorben war. Durchs Fenster erblickte ich einen berüchtigten Spion, der mich mit bösem Lachen aus seinen listigen, unsteten Augen anblickte. Die Gespenster redeten nicht mit mir; in der Nacht jedoch, da alles still war, vernahm ich halluzinierende Töne, hörte unzusammenhängende, sinnlose Gespräche, geführt von den Unbekannten: ein Fahrgast, der mit einem Droschkenkutscher stritt, ein Kommis überredete einen Kunden, die Ware zu kaufen, der Lärm eines Universitätsauditoriums tobte, der Pedell versuchte Ruhe zu schaffen, verkündete, daß der Herr Professor gleich kommen würde. Die Gesichtshalluzinationen waren weit interessanter und störten mich viel weniger und seltener.

Nach der Erscheinung Anna Nikolajewnas sprach ich selbstverständlich mit Menni über meinen Zustand. Er schickte mich sofort ins Bett, berief den Arzt und telephonierte den sechstausend Kilometer entfernten Netti an. Der Arzt erklärte, er könne sich nicht entschließen, etwas zu tun, da er den Organismus der Erdenmenschen zu wenig kenne; jedenfalls bedürfe ich vor allem der Ruhe und Erholung. Befolgte ich diesen Rat, so sei es nicht gefährlich, einige Tage zu warten, bis Netti zurückkäme.

Netti stellte sich am dritten Tag ein. Als er sah, in was für einem Zustand ich mich befand, blickte er Menni mit traurigem Vorwurf an.

Netti

Trotz der Behandlung durch einen so ausgezeichneten Arzt wie Netti währte meine Krankheit einige Wochen. Ich lag zu Bett, ruhig und apathisch, betrachtete mit der gleichen Seelenruhe die Wirklichkeit und die Gespenster. Nettis stete Gegenwart erweckte in mir ein kaum merkliches, leichtes Gefühl der Zufriedenheit.

Heute erscheint mir in der Erinnerung mein damaliges Verhältnis zu den Halluzinationen sehr merkwürdig; obgleich ich mich an die hundert Mal von ihrer Unwirklichkeit überzeugte, so vergaß ich dies, sobald sie erschienen; selbst wenn sich mein Bewußtsein nicht verdunkelte und verwirrte, hielt ich die Erscheinungen für wirkliche Gesichter und Dinge. Bloß wenn sie bereits verschwunden waren, oder im Augenblick vor ihrem Verschwinden, erkannte ich ihre Gespensterhaftigkeit.

Nettis Hauptbestreben ging dahin, mir Schlaf und Ruhe zu verschaffen. Er konnte sich nicht dazu entschließen, mir irgendeine Medizin zu verabreichen, fürchtete, diese könnte auf den irdischen Organismus als Gift wirken. Etliche Tage vermochte er mich mit den gewöhnlichen Mitteln nicht zum Schlafen zu bringen; die Halluzinationen verhinderten dies. Endlich aber gelang es ihm dennoch, und als ich nach zwei- bis dreistündigem Schlaf erwachte, sprach er:

„Nun zweifle ich nicht mehr an Ihrer Genesung, wenngleich die Krankheit noch lange währen dürfte.“

Und die Krankheit nahm ihren Verlauf. Die Halluzinationen wurden seltener, doch waren sie um nichts weniger lebhaft und klar, wurden sogar etwas komplizierter; bisweilen ließen sich die gespenstischen Gäste mit mir in ein Gespräch ein.

Von diesen Gesprächen hatte nur ein einziges für mich Sinn und Bedeutung; es war schon gegen Ende meiner Krankheit, als es geführt wurde.

Eines Morgens erwachend, sah ich Netti wie gewöhnlich in meiner Nähe; vor seinem Lehnstuhl aber stand mein alter Revolutionskamerad, der lebhafte, boshaft spöttische Agitator Ibrahim. Er schien etwas zu erwarten. Als sich Netti ins anstoßende Zimmer begab, um das Bad vorzubereiten, sprach Ibrahim grob und entschlossen zu mir:

„Du Dummkopf! Was hältst du Maulaffen feil? Siehst du denn etwa nicht, wer dein Arzt ist?“

Ich wunderte mich weder über die in seinen Worten enthaltene Andeutung, noch über den zynischen Ton, ich kannte ja seine Art. Doch entsann ich mich des eisernen Griffs, mit dem Nettis kleine Hände zupackten und glaubte Ibrahim nicht.

„Umso ärger für dich!“ meinte er mit verächtlichem Lachen und verschwand.

Netti betrat das Zimmer. Bei seinem Anblick empfand ich ein seltsames Unbehagen. Er schaute mich scharf an.

„Nun“, sprach er, „Ihre Genesung macht rasche Fortschritte.“

Den ganzen Tag über war Netti schweigsam und versonnen. Am folgenden Tag, überzeugt davon, daß ich mich wohl fühle und die Halluzinationen sich nicht wiederholen würden, ging er seiner Arbeit nach und kehrte erst gegen Abend heim, ließ sich durch einen anderen Arzt vertreten. Etliche Tage kam er nur des Abends zu mir, um mich einzuschläfern. Erst nun wurde es mir klar, wie wichtig und angenehm mir seine Anwesenheit sei. Zusammen mit der Erregung der Genesung, die irgendwie aus der ganzen Natur in meinen Organismus einzudringen schien, verfolgte mich immer häufiger Ibrahims Andeutung. Ich schwankte, versicherte mir selbst, das ganze sei Unsinn, der Gedanke entspringe meiner Krankheit; weshalb hätten Netti und die übrigen Freunde mich in dieser Beziehung irreführen sollen? Nichtsdestoweniger blieb ein unklarer Zweifel zurück, der etwas Angenehmes besaß.

Einmal fragte ich Netti, mit was für einer Arbeit er eben beschäftigt sei. Er erwiderte, es gebe jetzt viele Beratungen, auf denen über eine neue Expedition nach den anderen Planeten verhandelt werde, er sei als Experte zugezogen. Menni leite die Beratungen, doch dächte weder er noch Netti daran, die Expedition in nächster Zeit zu unternehmen, was mich mit großer Freude erfüllte.

„Aber Sie selbst, beabsichtigten Sie nicht heimzukehren?“ fragte Netti, und aus seinem Ton klang leise Unruhe.

„Es gelang mir doch noch nicht, irgendetwas zu tun“, entgegnete ich. Nettis Gesicht strahlte.

„Sie irren, Sie haben bereits viel getan, ... schon diese Antwort allein ...“, erwiderte er.

Ich ahnte in dieser Andeutung etwas, das ich nicht wußte, das mich aber betraf.

„Kann ich Sie nicht zu einer dieser Beratungen begleiten?“ erkundigte ich mich.

„Auf keinen Fall. Abgesehen davon, daß Sie noch der Erholung bedürfen, müssen Sie noch einige Monate alles vermeiden, was mit dem Beginn Ihrer Krankheit im Zusammenhang steht.“

Ich wollte nicht streiten. Es war so angenehm, sich zu erholen; die Pflicht der Menschheit gegenüber schien in weite Ferne gerückt. Jetzt beunruhigten mich nur mehr, und zwar in immer stärkerem Maße, die Gedanken über Netti.

Eines Abends stand ich am Fenster und blickte durch die Dämmerung in die geheimnisvolle Schönheit des Parkes; dieser dünkte mich herrlich, und nichts an ihm war meinem Herzen fremd. Ein leises Klopfen an der Tür wurde vernehmbar, und ich fühlte mit einem Mal – dies sei Netti. Er näherte sich mit seinen leichten raschen Schritten, streckte mir lächelnd die Hand hin: der alte Erdengruß, der ihm gefiel. Freudig griff ich nach seiner Hand, drückte sie so heftig, daß es sogar seine festen Finger schmerzte.

„Ich sehe, daß meine Rolle als Arzt zu Ende ist“, lächelte er. „Doch muß ich noch einige Fragen an Sie richten, um meiner Sache ganz gewiß zu sein.“

Er richtete Fragen an mich, ich gab Antwort, erfaßt von unverständlicher Verwirrung, und las in der Tiefe seiner großen, großen Augen heimliches Lachen. Schließlich vermochte ich mich nicht länger zu beherrschen.

„Erklären Sie mir, weshalb ich mich so stark zu Ihnen hingezogen fühle? Weshalb freut es mich so ungemein, Sie zu sehen?“

„Hauptsächlich wohl aus dem Grunde, weil ich Sie behandelt habe und Sie unbewußt die Freude der Genesung auf mich übertragen. Vielleicht aber auch ... deshalb, weil ich ... eine Frau bin ...“

Dunkle Punkte kreisten vor meinen Augen, alles ringsum versank in Nacht, das Herz hörte schier zu schlagen auf ... Einen Augenblick lang hielt ich wie ein Wahnsinniger Netti in meiner Umarmung fest, küßte ihre Hände, ihr Gesicht, ihre großen tiefen Augen, die grünlich blau leuchteten, wie der Himmel ihres Planeten ...

Schlicht und großherzig überließ sich Netti meiner Umarmung ... Als ich meine sinnlose Freude beherrschte und von neuem ihre Hände und ihr Gesicht küßte, die Augen voller Freudentränen, die selbstverständlich von der durch die Krankheit verursachten Schwäche herrührten, sprach Netti mit ihrem lieben Lächeln:

„Es schien mir, als fühlte ich in Ihrer Umarmung Ihre ganze junge Welt, deren Despotismus, deren verzweifeltes Glücksverlangen – all dies lag in Ihrer Liebkosung. Ihre Liebe gleicht dem Mord ... Aber ... ich liebe Sie, Lenni ...“

Dies war Glück.

Dritter Teil

Glück!

Diese Monate! ... Gedenke ich ihrer, so erfaßt gewaltiges Zittern meinen Leib, Nebel verdunkeln mein Auge, alles ringsum erscheint mir nichtig. Und es gibt keine Worte, um das vergangene Glück zu schildern.

Die neue Welt kam mir nahe, schien mir mit einem Mal völlig verständlich. Die erlittene Niederlage bekümmerte mich nicht. Jugend und Glaube kehrten zu mir zurück, um, wie ich glaubte, mich nie mehr zu verlassen. Ich besaß Hoffnung und einen starken Verbündeten; für die Schwäche war kein Raum. Die ganze Zukunft gehörte mir.

In die Vergangenheit schweiften meine Gedanken nur selten zurück, sie beschäftigten sich mit dem, was Netti und unsere Liebe anbelangte.

„Weshalb verbargen Sie mir Ihr Geschlecht?“ fragte ich bald nach jenem Abend.

„Anfangs ergab sich dies von selbst, zufällig. Dann aber unterstützte ich absichtlich Ihre Täuschung, entfernte sogar von meiner Kleidung alles, was Ihnen die Wahrheit hätte verraten können. Mich erschreckte die Schwere und Kompliziertheit Ihrer Aufgabe, ich fürchtete, diese noch verwickelter zu gestalten, besonders als ich später Ihre unbewußte Zuneigung zu mir wahrnahm. Auch verstand ich mich selbst nicht recht ... bis zu Ihrer Krankheit.“

„Diese also hat die Lösung herbeigeführt ... Wie segne ich meine lieben Halluzinationen!“

„Ja, als ich von Ihrer Erkrankung erfuhr, traf es mich wie ein Hammerschlag. Hätte ich nicht vermocht, Sie vollständig zu heilen, ich wäre vielleicht gestorben.“

Nach einigen Augenblicken des Schweigens fügte sie hinzu:

„Wissen Sie auch, daß sich unter Ihren Freunden noch eine Frau befindet, von der Sie dies gleichfalls nicht ahnten? Sie ist Ihnen sehr zugetan, freilich nicht so wie ich ...“

„Enno!“ erriet ich sofort.

„Selbstverständlich. Und auch Enno führte Sie absichtlich irre, befolgte dabei meinen Rat.“

„Ach, wie viel Trug und Feigheit gibt es doch in Eurer Welt!“ rief ich mit scherzhaftem Pathos. „Laßt nur, bitte, Menni einen Mann bleiben, denn verliebte ich mich in ihn, so wäre dies furchtbar.“

„Ja, dies ist furchtbar“, entgegnete Netti gedankenvoll, und ich verstand ihren seltsamen Ernst nicht.

Tage reihten sich an Tage, und beglückt nahm ich von der schönen neuen Welt Besitz.

Trennung

Und dennoch kam ein Tag, kam der Tag, an den ich nicht ohne Verwünschungen zu denken vermag – der Tag, da sich zwischen Netti und mir der schwarze Schatten einer verhaßten und unvermeidlichen Trennung erhob.

Mit dem gleichen gelassenen, abgeklärten Gesichtsausdruck, der ihr eigen war, erklärte mir Netti unvermittelt, sie müsse sich im Verlauf eines Tages der Riesenexpedition nach der Venus anschließen, die von Menni geleitet wurde. Als sie sah, wie sehr mich diese Nachricht verstörte, sprach sie:

„Es ist ja nicht auf lange Zeit. Hat die Expedition Erfolg, und ich zweifle nicht daran, so wird ein Teil der Mitglieder baldigst zurückkehren, und auch ich werde diesem Teil angehören.“

Dann berichtete sie mir, worum es sich handle. Auf dem Mars waren die Vorräte der radiumausstrahlenden Materie, die für die Motoren der interplanetarischen Luftschiffe und für die Zerlegung und Synthese aller Elemente unentbehrlich waren, erschöpft und konnten nicht erneuert werden. Auf der Venus hingegen, einem jungen Planeten, der fast viermal kürzere Zeit bestand als der Mars, gab es auf Grund untrüglicher Anzeichen ungeheure Lager dieser Materie, die sich fast an der Erdoberfläche befand und sich nicht selbständig zerlegen konnte. Auf einer Insel, die in dem gigantischen Ozean der Venus lag und von den Marsbewohnern die „Insel des glühenden Sturms“ genannt ward, gab es ein reiches Lager der radiumausstrahlenden Materie, und es war beschlossen worden, dieses Lager so rasch wie möglich auszubeuten. Doch war vorher nötig, äußerst hohe und dicke Mauern zu errichten, die die Arbeiter gegen den verderblichen glühenden Wind schützen sollten, der in seiner Wildheit und Grausamkeit die Sandstürme unserer Wüsten bei weitem übertraf. Diese Arbeit erforderte eine Expedition von zehn Aetheroneffs und von zweitausend Menschen, unter denen sich zwanzig Chemiker befanden; die übrigen sollten den Bau der Mauer übernehmen. Die besten wissenschaftlichen Kräfte sowie die erfahrensten Aerzte würden sich anschließen; die Gesundheit aller Expeditionsmitglieder war vom Klima gefährdet und auch von der mörderischen Glut, sowie von den Emanationen der radiumausstrahlenden Stoffe. Netti vermochte sich, den eigenen Worten zufolge, nicht von der Expedition zu drücken, doch hatte sie sich ausbedungen, daß, wenn die Arbeit gut von statten gehe, bereits nach drei Monaten ein Aetheroneff zurückkehre, um Nachrichten und die zutage geförderte Materie mitzubringen. Mit diesem Aetheroneff wollte dann auch Netti heimkommen, also etwa zehn bis elf Monate nach Ausfahrt der Expedition.

Ich vermochte nicht zu begreifen, weshalb Netti unbedingt an der Expedition teilnehmen müsse. Sie meinte, das Unternehmen sei ein derart ernstes, daß sie sich ihm nicht entziehen könne, außerdem sei es auch für meine Aufgabe von großer Bedeutung, denn der Erfolg würde die Möglichkeit einer engeren Verbindung mit der Erde schaffen. Uebrigens würde ein jeder Irrtum auf dem Gebiet der medizinischen Hilfe das Unternehmen von allem Anfang an zum Mißerfolg verurteilen. All dies klang überzeugend, ich wußte ja auch, daß Netti als der beste Arzt galt, besonders in Fällen, die nicht in den Rahmen der alten erfahrungsgemäßen Medizin paßten; dennoch schien mir irgendwie, daß dies nicht alles sei, als gäbe es noch etwas Unausgesprochenes.

An einem zweifelte ich nicht; an Netti selbst und ihrer Liebe. Wenn sie sagte, es sei unbedingt nötig, die Expedition mitzumachen, so war dies wirklich unvermeidlich, erklärte sie mir aber nicht, weshalb dies so sein mußte, so bedeutete es, daß ich sie nicht weiter befragen dürfe. Wenn sie sich von mir unbeobachtet glaubte, sah ich in ihren schönen Augen Angst und Schmerz.

„Enno wird dir ein guter und liebevoller Freund sein“, sprach sie mit wehmütigem Lächeln. „Und auch Nella wird dich nicht vergessen, sie liebt dich um meinetwillen, besitzt viel Verstand und Erfahrung; in den schweren Augenblicken des Lebens ist ihre Hilfe von hohem Wert. Wenn du an mich denkst, so denke immer nur das eine: daß ich zurückkehre, sobald dies irgendwie möglich ist.“

„Ich vertraue dir, Netti“, sprach ich, „und deshalb glaube ich auch an mich, an den Menschen, den du liebst.“

„Du hast recht, Lenni, und ich bin überzeugt, daß dich keinerlei Schicksalsschläge, keinerlei Prüfungen von deiner Aufgabe ablenken werden, daß du dir selbst ebenso treu und daß du ebenso stark und rein bleiben wirst wie bisher.“

Die Zukunft warf ihre Schatten auf unsere Abschiedsliebkosungen und erschütterte Netti bis zu Tränen.

Die Kleiderfabrik

In diesen kurzen Monaten war es mir dank Nettis Hilfe in hohem Maße gelungen, mich auf die Verwirklichung meines Hauptplanes vorzubereiten: ein nützlicher Arbeiter der Marsgesellschaft zu werden. Ich schlug wohlüberlegt alle Aufforderungen ab, über die Erde und deren Menschen Vorträge zu halten; es wäre sinnlos gewesen, dies zu meiner Spezialität zu machen, da es ja auf künstliche Art mein Bewußtsein an die Dinge der Vergangenheit gefesselt hätte und mir dadurch die Zukunft, für die es zu kämpfen galt, verloren gegangen wäre. Ich beschloß ganz einfach, in einen Betrieb zu gehen und wählte, nach verschiedenen Vergleichen und reiflicher Ueberlegung, als erste Arbeitsstelle die Kleiderfabrik.

Selbstverständlich wählte ich eine leichtere Arbeit. Dennoch forderte diese von mir eine nicht geringe und ernsthafte Vorbereitung. Vor allem galt es, mich mit der Ausarbeitung des wissenschaftlichen Prinzips der Fabrikorganisationen im allgemeinen bekannt zu machen, dann aber mit jener besonderen Organisation der von mir gewählten Fabrik, mit deren Architektur, deren Arbeitseinteilung, mit den Maschinen, an denen ich arbeiten würde, kurzum mit allen Einzelheiten. Zu diesem Vorbereitungsstudium mußte ich gewisse Gebiete der Mechanik, der Technik, ja sogar der mathematischen Analyse studieren. Die Hauptschwierigkeit bestand für mich nicht in den Gegenständen selbst, sondern in den Formeln. Die Lehrbücher und Anleitungen rechneten nicht mit der weit niedrigeren Erdenkultur. Ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind gequält wurde, indem man mir ein französisches Lehrbuch der Mathematik gab. Ich empfand für diesen Gegenstand eine ernsthafte Vorliebe, und anscheinend auch eine ungewöhnliche Begabung. Die Schwierigkeiten, die dem Anfänger meist so viel Kopfzerbrechen bereiten, die Idee des „Grenzwertes“ und der „Ableitung“ machten mir so wenig Mühe, als wären sie mir immer bekannt gewesen. Doch fehlten mir jene logische Disziplin und das praktische Wissen, die von dem französischen Professor vorausgesetzt wurden; das ganze Lehrbuch war dem Ausdruck nach äußerst klar und genau, doch geizte es mit Erklärungen. Es gab hier keine jener logischen Brücken, die sich ein Mensch von höherer wissenschaftlicher Kultur selbst hinzudenken kann, die aber für den jungen Asiaten vonnöten sind. Bisweilen dachte ich ganze Stunden lang über irgendeine magische Reduktion nach, die auf die Worte folgte: „Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf den vorangegangenen Vergleich richten, so kommen wir zu dem Ergebnis ...“ – Derart war es mir damals ergangen, und das gleiche empfand ich in noch verstärktem Maße beim Studium der wissenschaftlichen Bücher des Mars. Die Illusion, die mich zu Beginn meiner Krankheit irregeführt hatte, daß alles leicht und verständlich sei, verschwand spurlos. Aber Netti hatte mir mit ihrer geduldigen Hilfe stets zur Seite gestanden und mir den schweren Weg geebnet.

Bald nach Nettis Abfahrt faßte ich meinen Entschluß und trat in den Betrieb ein. Die Fabrik war ein riesenhaftes und äußerst kompliziertes Unternehmen; sie glich nicht im geringsten unserer üblichen Vorstellung von einer Kleiderfabrik. Hier waren Spinnerei, Weberei, das Zuschneiden, Nähen und Färben der Kleider vereinigt, das Material jedoch, das zur Verarbeitung gelangte, war weder Flachs, noch Baumwolle, noch Pflanzenfasern überhaupt, noch Wolle, noch Seide, sondern etwas ganz anderes.

In der ersten Zeit verfertigten die Marsbewohner ihre Gewänder aus den gleichen Stoffen wie wir; sie bauten jene Pflanzen an, deren Gewebe diesem Zweck diente, schoren die wolletragenden Tiere, zogen ihnen die Haut ab, züchteten eine besondere Art Spinnen, deren Gewebe die Eigenschaften der Seide besaß usw. Die wirtschaftlichen Veränderungen und die Vervollkommnung der Technik erforderten jedoch eine immer größere Getreideproduktion. Die Pflanzenfasern wurden durch mineralische Fasern ersetzt. Später wandten die Gelehrten alle Aufmerksamkeit der Erforschung der Spinnengewebe zu, suchten nach einer Synthese neuer Stoffe mit analogen Eigenschaften. Als ihnen dies gelungen war, erfolgte auf diesem ganzen Gebiet eine gewaltige Umwälzung, und heute konnte man die Gewebe des alten Typus nur noch in historischen Museen sehen.

Unsere Fabrik war die wahrhafte Verkörperung dieser Umwälzung. Etliche Mal im Monat wurde aus der zunächstgelegenen chemischen Fabrik auf dem Schienenweg für die Spinnerei „Material“ geliefert, das heißt: eine durchsichtige Flüssigkeit in gewaltigen Zisternen. Aus diesen Zisternen wurde vermittels besonderer luftdichter Apparate das Material in ungeheure, hohe Metallreservoire geleitet, deren dichter Boden hunderttausend mikroskopisch kleine Oeffnungen besaß. Durch diese Oeffnungen gelangte die klebrige Flüssigkeit unter einen starken Luftdruck und verhärtete sich zu zähen Fasern. Zehntausend mechanische Spindeln erfaßten diese Fasern, spannen sie zu Fäden verschiedener Dicke, schafften das Gespinst in die Webeabteilung. Hier wurden die verschiedenen Stoffe gewebt, von den allerfeinsten, wie Musselin und Batist, bis zu den dicksten, wie Tuch und Filz. Die endlosen breiten Streifen gelangten nun weiter in die Zuschneidewerkstätte. Hier wurden sie von neuen Maschinen gepackt, sorgfältig gefaltet, geschichtet, zu genau ausgemessenen Stücken zerschnitten, zu Stücken, die die einzelnen Teile des Gewandes bildeten.

In der Schneiderwerkstatt wurden aus den zugeschnittenen Stücken fertige Kleider hergestellt, jedoch ohne daß dabei Nadel, Faden oder Nähmaschine angewandt worden wären. Durch einen chemischen Prozeß wurden die Ränder der Kleidungsstücke erweicht und abermals in ihren ersten flüssigen Zustand versetzt. Sobald die chemische Substanz verdunstete, waren die Kleider gleichsam zusammengelötet, fester, als es bei der besten Schneiderarbeit der Fall gewesen wäre. Diese Lötung wurde gleichzeitig überall vollzogen, wo es nottat, so daß auf diese Art fertige Kleider hergestellt wurden, und zwar in einigen tausend Mustern, der Form und dem Maß nach verschieden.

Es gab für jede Größe einige hundert Muster, aus denen ein jeder fast immer das geeignete zu wählen vermochte, und dies umso mehr, als sich die Marsbewohner äußerst ungezwungen kleideten. War dennoch das Geeignete nicht vorhanden, wie etwa im Fall einer körperlichen Unnormalität, so kam das Stück abermals unter die Zuschneidemaschine; es wurde ein besonderer Anzug „genäht“, was etwa eine Stunde in Anspruch nahm.

Was die Farbe der Gewänder anbelangte, so trugen die Marsbewohner meist dunkle weiche Farben, die dem Material entsprachen. Wurde jedoch eine andere Farbe verlangt, so kam der Anzug in die Färbeabteilung und erhielt vermittels eines chemisch-elektrischen Prozesses die gewünschte Farbe, die ideal gleichmäßig und ideal dauerhaft war.

Aus den gleichen, nur viel dickeren Geweben wurden das Schuhwerk und die warmen Winterkleider hergestellt. Unsere Fabrik verfertigte diese nicht, doch gab es andere, noch größere Betriebe, in denen alles verfertigt wurde, was ein Mensch vom Kopf bis zu den Füßen an Bekleidung braucht.

Ich arbeitete der Reihe nach in allen Abteilungen des Betriebes, ließ mich anfangs völlig von meiner Arbeit hinreißen. Besonders interessant erschien mir die Zuschneidewerkstatt; hier mußte ich bei meiner Arbeit mir bisher unbekannte Hilfsmittel in Anspruch nehmen: die mathematische Analyse. Die Aufgabe bestand darin, aus einem gegebenen Stück bei dem geringstmöglichen Materialverlust alle Teile eines Anzugs zu gewinnen. Dies war natürlich eine äußerst prosaische, aber auch ernste Sache, denn selbst der geringste Irrtum, der sich im Verlauf der Arbeit viele Millionen Mal wiederholte, bedeutete einen ungeheuren Verlust. Einen erfolgreichen Entschluß zu fassen, gelang mir meist „nicht schlechter“ als andern.

Nicht „schlechter“ zu arbeiten als die anderen, das strebte ich aus allen Kräften an, und fast immer mit einem gewissen Erfolg. Doch mußte ich bemerken, daß dies für mich eine weit größere Anstrengung bedeutete als für meine Kameraden. Nach den gewöhnlichen vier bis sechs Arbeitsstunden – die Erdenberechnung als Grundlage genommen – fühlte ich heftige Erschöpfung und mußte sofort rasten, während die andern noch in Museen, Bibliotheken, Laboratorien gingen oder aber in andere Fabriken, um dort die Arbeit zu beobachten, bisweilen auch noch selbst mitzuarbeiten ...

Ich hoffte, mich allmählich an die neue Arbeit zu gewöhnen und meinen Genossen gleich zu werden. Doch geschah dies nicht. Ich überzeugte mich immer mehr davon, daß mir die Kultur der Aufmerksamkeit fehle. Körperliche Bewegungen wurden äußerst wenig erfordert, und was deren Schnelligkeit und Gewandtheit anbelangte, so stand ich nicht hinter den anderen zurück, ja, ich übertraf sie sogar. Aber die ununterbrochene aufmerksame Beobachtung der Maschine und des Materials fiel meinem Gehirn ungeheuer schwer: diese Fähigkeit vermag sich offensichtlich erst im Verlauf einiger Generationen zu jener Stufe zu entwickeln, die hier als Durchschnitt und völlig alltäglich erscheint.

Wenn mich, und dies war meist am Ende des Arbeitstages der Fall, Erschöpfung ankam und meine Aufmerksamkeit nachließ, ich Fehler beging oder auf eine Sekunde die Ausführung einer Arbeit unterließ, brachte die unermüdliche, unbeirrte Hand meines Nachbarn die Sache immer in Ordnung.

Die merkwürdige Fähigkeit dieser Menschen, alles ringsum zu beobachten, ohne dabei auch nur im geringsten die eigene Arbeit zu vernachlässigen, versetzte mich in Erstaunen und reizte mich sogar. Ihre Fürsorge störte mich nicht nur, nein, sie rief in mir auch Aerger und Ungeduld wach; erregte in mir das Gefühl, als ob alle ununterbrochen meine Tätigkeit verfolgten ... Diese Unruhe verstärkte noch meine Zerstreutheit und ließ mich schlechter arbeiten.

Heute, nach langer Zeit, da ich genau und leidenschaftslos an all dies zurückdenke, sehe ich ein, daß ich es damals falsch aufgefaßt habe. Mit der gleichen Fürsorge und auf dieselbe Art halfen meine Genossen in der Fabrik einander. Ich war keineswegs der Gegenstand irgendeiner ausschließlichen Aufsicht oder Kontrolle, wie es mich damals dünkte. Ich selbst, der Mensch aus einer individualistischen Welt, sonderte mich von den übrigen ab und verkannte auf krankhafte Art ihre Güte und ihre kameradschaftlichen Dienste, für die sie, die Menschen einer kameradschaftlichen Welt, von mir nicht gewürdigt werden konnten.

Enno

Der lange Herbst war vorüber, nun beherrschte bereits der schneearme, aber kalte Winter unsere Gegend, die nördliche Mitte der Halbkugel. Die kleine Sonne wärmte gar nicht mehr und leuchtete noch weniger als zuvor. Die Natur warf die hellen Farben ab, erschien fahl und streng. Die Kälte schlich sich ins Herz, der Zweifel in die Seele ein, und die Einsamkeit des Sprößlings aus einer anderen Welt wurde immer qualvoller.

Ich suchte Enno auf, die ich seit langer Zeit nicht gesehen hatte. Sie empfing mich wie einen ihr nahestehenden lieben Menschen; mir war, als durchbreche das strahlende Licht der nahegelegenen Vergangenheit die Winterkälte und die Nacht der Sorgen. Dann aber bemerkte ich, daß auch sie blaß und von Kummer erschöpft zu sein schien. In ihrem Verhalten und ihren Worten lag verborgener Gram. Wir hatten einander viel zu sagen, und einige Stunden vergingen für mich angenehm und gut, wie dies seit Nettis Abfahrt nicht mehr gewesen war.

Als ich mich erhob, um heimzukehren, wurde uns beiden schwer ums Herz.

„Wenn Ihre Arbeit Sie nicht hier festhält, so kommen Sie mit mir“, sagte ich.

Enno ging sofort auf meinen Vorschlag ein. Sie nahm ihre Arbeit mit. Zu jener Zeit hatte sie nichts im Observatorium zu tun, trug einen ungeheuren Vorrat von Berechnungen zusammen, und wir begaben uns in die chemische Stadt, wo ich Mennis Wohnung allein bewohnte. Allmorgendlich fuhr ich in meine Fabrik, die sich hundert Kilometer, also eine halbe Wegstunde, entfernt befand. Die langen Winterabende verbrachte ich von nun an mit Enno; wir beschäftigten uns mit wissenschaftlichen Arbeiten, plauderten oder unternahmen Spaziergänge in die Umgebung.

Enno erzählte mir ihre Geschichte. Sie liebte Menni und war dessen Frau gewesen. Es verlangte sie sehnlichst danach, von ihm ein Kind zu haben, aber Jahr um Jahr verstrich, ohne daß ihr Wunsch in Erfüllung ging. Sie wandte sich an Netti um Rat. Diese erforschte alle Umstände und gelangte zu dem kategorischen Ausspruch, daß Enno von Menni niemals ein Kind haben werde. Menni hatte sich allzu spät vom Knaben zum Mann entwickelt und allzu früh das anstrengende Leben eines Gelehrten und Denkers zu führen begonnen. Die übertriebene Tätigkeit seines Gehirnes und dessen außerordentliche Entwicklung hatten von allem Anfang an die lebendigen Elemente der Vermehrung zerstört und erdrückt; dies war nicht mehr gut zu machen.

Nettis Urteil bedeutete einen furchtbaren Schlag für Enno, bei der die Liebe zu dem genialen Menschen und der starke Mutterinstinkt zu einem Streben verschmolzen waren, das sich nun als hoffnungslos erwies.

Doch war dies noch nicht alles: Nettis Untersuchungen führten auch zu einem zweiten Ergebnis. Es zeigte sich, daß für Mennis gigantische geistige Arbeit, für die Entwicklung seiner genialen Fähigkeiten die größte Enthaltsamkeit vonnöten sei, daß er sich so wenig wie möglich den Liebkosungen der Liebe hingeben dürfe. Enno fühlte sich verpflichtet, Nettis Rat zu befolgen und konnte sich bald von dessen Richtigkeit überzeugen. Menni war wie neubelebt, er arbeitete mit größerer Energie als je zuvor, neue Pläne entstanden mit außergewöhnlicher Schnelligkeit in seinem Kopfe, er führte sie mit Erfolg durch und schien offensichtlich nichts zu entbehren. Enno, der ihre Liebe teuerer war als das Leben, die aber das Genie des geliebten Menschen noch höher wertete als ihre Liebe, zog die Folgen dieser Erkenntnis.

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