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Der Mutterhof

Der Mutterhof

Reading edition

Ein Halligroman

von

Felicitas Rose

141.–143. Tausend

Berlin / Leipzig Deutsches Verlagshaus Bong & Co.

Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten Copyright 1918 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin Druck von Hallberg & Büchting (Inh.: L. A. Klepzig), Leipzig C 1 Printed in Germany

Meinem Manne zu eigen

Im Mutterhof auf Hallig Likamp brannte die grünbeschirmte Lampe. Heimelig war’s in dem großen Wohnpesel.

Der uralte, gewaltige, runde Tisch stand unter der Hängelampe, und um ihn herum saßen die schmucken, hohen Gestalten mit den blonden Friesenköpfen. Die Männer rauchten, die Frauen klöppelten, der zwölfjährige Onnen Holgers las vor:

»Also lautet die Sage von Heyens Lei: Tag für Tag und Nacht für Nacht wartete die treue Schwester am Fenster ihres Stübchens auf den verschollenen Bruder. Eine brennende Kerze stellte sie abends ins Fenster, damit der Bruder den Weg nicht fehle. Und die Kerze leuchtete hin über die salzen See. Derweil schlief der verschollene Bruder längst den ewigen Schlaf tief drunten im Meer.«

Onnen Holgers mußte mit dem Lesen innehalten, denn die 85jährige Großmutter Holgers wachte aus einem leichten Nickchen auf. Doch sogleich waren ihre Augen hell und scharf, wie die der Jüngeren ringsum. Auch von der Geschichte hatte sie nichts verloren. »Das Licht hab ich selber noch brennen sehen«, rief sie lebhaft. »Ein zehnjähriges Kind war ich damals und kreuzte mit Vater in seinem Fischerewer vor Heyens Lei. Und jedesmal, wenn wir dort zu Gange waren, rief der Vater: ›Sieh, mein Deern, die treue Schwester wacht.‹«

Der Zwölfjährige schloß mit lautem Klapp sein Buch. »Großmudder weet allens«, rief er fröhlich. »Großmudder, darf ich’s dem Lehrer erzählen, daß du alles selbst erlebt hast? Er freut sich, das kannst glauben.«

Die Ahne lachte behaglich. »Lehrer Manne Wögens weiß es lange. Der hat all seine Geschichten von mir. Er führt so’n Sprichwort: ›Wer klug werden will, gehe bei seiner Großmutter to Schol.‹ Du brauchst keinen Flunsch zu ziehen, Frau Tochter, es soll dich nicht herabsetzen.« Die Schwiegertochter der Ahne und Mutter all der jungen Friesen ringsum behielt ihr verdrossenes Gesicht.

»Manne Wögens hat immer so’n Schnack«, meinte sie unwillig. »Seine Schüler werden den Respekt vor Eltern und Lehrer verlieren.« Der Zwölfjährige wollte aufmucken, aber der Blick der Ahne bannte ihn. »Hol mir einen Krug Wasser aus der Zisterne«, gebot sie.

Und als der Junge den Pesel verlassen, meinte sie geruhig: »Der feine, lustige Schnack des Schulmeisters schädigt mein Tag nicht das 4. Gebot, wohl aber tut’s die Frau Tochter, wenn sie den Lehrer vor den jungen Ohren heruntermacht, ’s ist heute ja nicht das erstemal … Dabei sollte die ganze Hallig lobsingen, daß auf der Schulwarf ein ganzer Mann und ein kluger Mann das Regiment übernommen hat, – das ist meine Meinung.« Sie verstummte und nickte dem wieder eintretenden Knaben zu. »Gib mir das Glas, Lütten, und dann setz dich nieder und schau in dein Buch. Sag mir, ob noch mehr drin steht von Heyens Lei?«

Onnen Holgers blätterte. »Nicht viel, Großmudder. Das Licht war eines Tages tief herabgebrannt, und dann fand man die treue Schwester tot neben der erloschenen Kerze. Weiter steht nichts drin. Weißt du noch viel, Großmutter?«

»Bannig viel, Enkel Onnen. Zur Zeit der letzten schlimmen Sturmflut 1825 nahm der blanke Hans die Hallig Heyens Lei und begrub sie. Das andere Drum und Dran ist nichts für so’n Lütten. Da könnt dir das Gräsen ankommen. Wenn du groß und stark bist, will ich dir davon erzählen. – An unsern nordischen Geschichten ist nichts Zahmes dran. – Und was ich aus Kinderbüchern weiß, das hab ich euch all lang erzählt.«

Onnen Holgers reckte seine jungen Arme. »Groß und stark? Fühl meine Muskeln, Großmutter, erzähl mir von Heyens Lei!!! Auch wenn nix Zahmes dran ist.« Sie lachten alle, die um den Tisch saßen, nur seine Mutter sah ihn unwirsch an. »Kannst du das Quesen und Quälen nicht lassen?« »Lat em, Mudder,« meinte die sechzehnjährige Melenke; »es ist hart, immer aufs Großsein vertröstet zu werden. Gottlob, ich hab’s überstanden.« Sie dehnte wohlig ihren vollen, runden Körper und sang:

»So lang noch treue Liebe ein »Gott behüt dich« spricht, So lang noch treue Liebe die Bonnestaven bricht, So lang noch treue Liebe aufblühet jeden Mai, So lange klingen die Glocken herauf von Heyens Lei.«

»Willst du denn noch fort, Edlef?« fragte die Ahne erstaunt in das Lied hinein einen andern Enkel, der jäh aufgesprungen war und nun in seiner überstattlichen Größe beinahe mit dem Blondschopf bis zur Decke reichte. »Laß doch das alberne Singen«, rief er der Schwester zu. Melenke aber wiederholte lachend: »So lang noch treue Liebe die Bonnestaven bricht … Nun, Edlef? Wer hat den Riesenstrauß Statize bekommen? Und da willst du keine Liebeslieder hören? Vor Tau und Tag bist du schon herumgestiegen, du Heimlicher.«

Edlef wandte sich zornig zur Tür und drückte sie auf. Er hörte noch, wie die Ahne verweisend sagte: »Du wirst mir zu wild, Melenke. Acht auf dich!«

Auf der Schwelle prallte Edlef zurück. Ein großes, schönes Mädchen trat ihm entgegen und blickte ihn lustig an. »Willst du die Tür nicht frei geben? Wolltest du zu uns? Du hast nicht weit zu gehen, da bin ich.«

Er fuhr sich wie verlegen durch den blonden Schopf. Sie schritt lachend an ihm vorbei in den Wohnpesel. »Guten Abend beisammen.«

Sie löschte die Laterne und stellte sie auf den Beilegeofen.

»Willkommen, Akke Luersen« rief die Ahne, und Edlefs Mutter schob rasch einen Stuhl an den Tisch. – »Je später der Abend, desto schöner die Leute!« Das Mädchen mußte ihr sehr lieb sein.

»Ja, da bin ich, und lang hat’s gedauert. Trotzdem macht mein Edlef krause Stirn.« Sie fuhr ihm mit der großen, weißen Hand übers Gesicht. »Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?« fragte sie derb, »oder blieb ich dem Schatz zulange aus und er ist fünsch?« Edlef Holgers schüttelte den Kopf und sah versonnen vor sich hin. Sie schaute ihn schier etwas lauernd an, dann zuckte sie die Achseln. »Jedenfalls konnt ich nicht eher kommen. Und nun kann ich wohl die Neuigkeit vermelden, – ich hab wieder ’n kleinen Bruder!« Die Ahne streckte ihr lebhaft die Hand hin, Mutter Holgers gratulierte wortreich, und selbst Rickert Holgers, der alte Ohm und Altenteiler, der bis dahin schweigend an seinem Priem gekaut hatte, erhob sich und sprach lebhaft seine Anerkennung aus: »Gute Rasse, tüchtige Frau.«

Edlef Holgers blieb sitzen und fragte nur ganz ernst: »Wie befindet sich die Frau Mutter?«

»Mutter ist kreuzwohlauf«, lachte Akke Luersen. »Das macht die gute Übung«, setzte sie sehr offenherzig hinzu. Es schien so, als wolle sie den Verlobten reizen, denn die Röte lief wieder über seine Stirn, und die Falte zwischen den Brauen vertiefte sich. »Wieviel seid ihr jetzt Vögel im Nest«, fragte die Ahne ablenkend.

»Im Nest nur neun, aber sechs sind schon draußen auf See. Mutter meinte heut, es sei Zeit, daß ich flügge würde; was meinst du, Edlef?«

Edlef Holgers schwieg, aber Ohm Rickert krähte: »Mich dünkt, flügge bist all lang, man tut beinah gut, die Flüchten zu kappen.« Er spuckte in großem Bogen aus, so daß sich alle Köpfe erschrocken duckten. »Die Mutter meint wohl, daß du in dein eigen Nest fliegen sollst«, sprach geruhig die Ahne. »Uns ist es nicht zuwider, aber das mußt du mit deinem Bräutigam besprechen. Geh, Edlef, bring deine Braut zur Schulwarf, besprich dich dort und komm mit guter Nachricht heim. Der Mutterhof ist allstunds bereit, dein junges Weib zu empfangen.«

Der Abschied war herzlich. Man brachte aus Laden und Truhen, aus Beuteln und Strümpfen noch Geschenke hervor für die Wöchnerin und das Neugeborene, und die stattliche Akke ließ sich alles lachend aufpacken. Dann zündete Edlef die Laterne an und schritt mit der Braut zum Deich hinunter. Drinnen gähnte Melenke, daß alle ihre weißen, starken Zähne sichtbar wurden.

»Oha, das wird mal eine langweilige Ehe«, meinte sie. »Wenn ich nur die beiden sehe, tritt mich der Schlaf an. ’S wär nichts für mich. Bruder Edlef ist wie ein Kettenhund. Entweder er beißt oder er schläft.«

»Zu schlafen und zu gähnen wird er nicht viel haben in seiner Ehe,« krähte wieder Ohm Rickert. »Das wird ein Teufelsweib, die Akke. Möchte schier selber ihr Hochzeiter sein.« Er schmatzte behaglich an seinem Priemchen, und Melenke juchzte laut auf.

Die Ahne erhob sich fast jugendlich von ihrem Ohrenstuhl.

»Schämt Euch, Ohm Rickert. – Und zu dir, Melenke, sag ich, – ich bin die Ahne. Und hab trotz meiner fünfundachtzig noch die Kraft, dir eins an die Ohren zu geben, wenn du schluderig wirst. Acht auf dich, sag ich nochmal, – du bist Haustochter vom Mutterhof!«

»Dor rük an«, raunte Rickert der Nichte zu und formte sich ein neues Priemchen.

Mutter Holgers führte die Ahne sorglich in den Schlafpesel, Onnen folgte, und auch der langjährige Knecht und die Magd verließen die Stube. Melenke maulte.

»Haustochter vom Mutterhof! Ich pfeif drauf, wenn ich nicht lustig sein darf deshalb. Und wenn die Eheleute auf dem Mutterhof ümmerlos nur gebetet hätten, dann hieß er nicht der Mutterhof.«

»Dunnerkiel, was bist vorn Deern!« bewunderte Ohm Rickert. »Aus dir haben die zwei Jahr Stadtdienst in Hamburg auch grad keine Heilige gemacht. Da wirst du mit der Ahne bald wieder zusammenwachsen.«

»Ach!« seufzte Melenke. »Wär ich nur der Hallig ledig! Ich könnt einen guten Dienst wieder bekommen. In Blankenese; aber solange die Ahne lebt, erlaubt’s die Mutter nicht.«

»Und die Ahne macht’s über die Hundert hinaus«, nickte Ohm Rickert. »Paß auf, ich hab’s gesagt. Weiber, die’s Regiment führen, vergessen aufs Sterben. Deshalb hab ich nicht geheiratet. – Kennst doch die alte Stine Hinrichsen auf Mittelwarf? Mit der bin ich vor fuffzig Jahren gegangen. Aber sie wollt die Büx anhaben, und das litt meine Ehr nicht. Da hab ich mich fremd gemacht und bin zur Marine. Nun sind wir wieder auf einer Hallig zusammen. Und jedesmal zur Heumahd treffen wir uns, und sie mahnt mich keifend ans Eheversprechen.« Ohm Rickert schüttelte sich und spuckte wieder aus. »Beide haben wir die 70 auf dem Puckel. Gott bewohr mi. Ich krieg noch lang ’ne Junge. Die Akke Luersen möcht ich. Deuwel ok. De is to schad vörn Edlef. De jog ik em af.«

Hellauf lachte Melenke.

Aber da schaute der Kopf der Ahne wieder zur Tür hinein, und ihre scharfe Stimme rief: »Feierabend!«

Da floh Melenke eilends hinauf in ihre Kammer, und Ohm Rickert humpelte in seine Döntje. –

Edlef Holgers und seine Braut wanderten über den Deich nach der Schulwarf. Er ging etwas vorauf und hielt die Laterne hoch, aber Akke Luersen haschte nach seiner Hand und meinte, der Schein blende sie, daß sie nun schier gar nichts sehen könne in der Stickendusternis. Sie drückte seine kalte Rechte an ihre heiße Wange. »Frierst du, mein Edlef?« fragte sie schmeichelnd.

Er zog seine Hand fort. »Ja, ich friere.«

»Wie bist du nur heute!« Sie rief es voll Ärger. »Mein Gott, ich konnt nicht eher ab. Sieh’s doch ein! Die Hebamme saß auf ’ner andern Warf fest. Bei Löhnsens sollt auch was Kleines kommen. Ist aber eine Fehlgeburt geworden, da mußte nun die Wehmutter dortbleiben. Und meine Mutter war froh um meinen Beistand.« »Oh – das ist’s nicht«, meinte er müde und wie gequält von ihren Ausführungen.

»Das ist’s nicht?« fragte sie scharf. »Und was ist’s dann?« Edlef Holgers leuchtete erst einmal sorglich um eine große Wasserlache herum und reichte dann seiner Braut die Hand, damit sie springen konnte.

»Nun, Edlef?«

»Muß ich dir’s sagen?«

»Ich warte drauf.«

Er schritt so rasch aus, daß sie kaum folgen konnte, aber sie hielt sich doch an seiner Seite.

»Ich meinte, du solltest mir das nicht alles so erzählen«, murrte er. »Du weißt recht gut, daß ich’s nicht mag. Und andre Deerns tun es auch nicht. – …«

»Bist du verrückt?« schalt sie grob. »Wenn du nur wüßtest, wie schlecht es so einen großen Schlagetot kleidet, daß er so tuig ist. Und andre Deerns? Wo hast du denn andre Deerns gesehen, du blinde Hess’?«

Sie hing sich plötzlich schwer an seinen Arm und zwang ihn so, stehenzubleiben. »In wenig Wochen bin ich doch deine Frau, – oder etwa nicht?« Er nickte düster.

»So kann ich dir auch erzählen, was ich mag.«

Nun schmiegte sie sich eng an ihn. Sie war fast so stattlich und groß wie er selbst. – »Sei mir doch wieder gut«, bettelte sie. »Du hast es ja gewußt, wie ich bin, und hast mich doch haben wollen. Erzwungen hast du mich: denn du weißt ja …«

»Ja ich weiß alles«, sagte er gepreßt und holte aufs neue mit langen Schritten aus.

»Nun also. Da weißt du auch, daß ich schließlich den Peder laufen ließ.«

»Du hättest es nicht tun sollen …«

»Edlef, was soll das? – – –«

»Ja, Akke, ich mein es im Ernst. Es wär noch Zeit. – Sieh, es weiß ja niemand um unsern Verspruch …«

»Niemand? Weil’s Lehrer Manne Wögens nicht weiß, ist die ganze Welt niemand für dich.«

»Warum trugst du’s weiter?« brauste er auf. »Wir hatten’s uns versprochen, daß es geheim blieb. Auch Peders wegen. Es ist ja die Frage, ob ihr besser zusammenpaßt als wir zwei, – aber ich hab ihn gesehn, – er ist ganz durchhin, – er tut mir leid.«

Akke Luersen lachte auf. »Du kannst mir auch leid tun mit deinem plötzlichen Erbarmen, Edlef. Aber dazu ist’s zu spät. Gewollt hab ich dich nicht, – aber jetzt will ich dich, und du wirst mich behalten. Und heut, da du einmal auf der Schulwarf bist, kannst du es dem Lehrer auch sagen.« Edlef Holgers nickte müde. »Ich gab mein Wort«, murmelte er. Von da ab wurde nicht mehr gesprochen von den beiden. Dann und wann hob Edlef die Laterne hoch und half der Braut über eine Wasserstelle. Mechanisch führte er und stützte sie, wenn sie strauchelte. – Aber sein Herz hatte keinen Teil an seiner Sorgfalt, und das Mädchen biß die Lippen zusammen und war voll Zorn. –

Vor dem Hause der Braut blieben sie stehen. Er reichte ihr abschiednehmend die Hand. Ungestüm zog sie seinen Kopf zu sich herunter und küßte ihn wild. Dann ließ sie ihn los.

»Willst du der Mutter nicht Glück wünschen?« fragte sie hastig.

»Nein, – ich wünsche ihr lieber Ruh. Grüß die Mutter.«

Sie ging ins Haus. Der Wind oder der Zorn riß ihr die Tür aus der Hand und schmetterte sie ins Schloß. Edlef hörte noch die gar nicht schwache Stimme der scheltenden Wöchnerin. Dann stapfte er seinen Weg zurück. Nach zwanzig Schritten blieb er stehen und hob wieder die Laterne. Ihr Schein flog über die Fenster des Hauses, vor dem er stand, und bis zu den drei Schornsteinen mit dem Blitzableiter empor. Auch den Zaun, hinter dem der knorrige Birnbaum stand, beleuchtete Edlef, als wenn er das alte Schulhaus noch nie gesehen hätte. Und er hatte doch jahrelang darin die Bänke gedrückt, ehe er nach Husum zur Weiterbildung gekommen war, wie es die Überlieferung erforderte vom ältesten Haussohn des Mutterhofes. –

Als sich nichts regte im Schulhause, setzte Edlef seufzend seinen Weg fort; aber sein Blick haftete an den niederen Fenstern, die von dichten, weißen Vorhängen verhüllt waren. Freundlicher Lichtschein quoll trotzdem heraus. Nach weiteren zwanzig Schritten kehrte Edlef trotzig um und stand dann bald wieder vor dem Schulhause. Das Licht hinter dem Vorhang schien hin und her getragen zu werden, aber als Edlef umständlich und laut seine hohen Stiefel vom Schlick befreite und dann und wann kräftig gegen die Hauswand stieß, blieb das Licht stehen.

Die Stubentür öffnete sich, und Lehrer Manne Wögens stand auf der Schwelle. »Ist’s der Wattenmeergeist oder Knecht Ruprecht, der an meine Tür donnert«, fragte er launig. »Mensch! Edlef Holgers! Dich war ich nicht vermuten …«

»Ich störe dich nicht, Manne Wögens?«

»Wenn du mit guten, frohen Gedanken kommst, störst du uns niemals. Aber grad wollten wir in die Heia.«

»Wir? Wer ist wir?«

Manne Wögens lachte schallend. »Maren, komm her, stell dich zu mir,« rief er, »Edlef Holgers weiß nicht mehr, wer ›wir‹ sind.«

Da sah Holgers in ein paar stille blaue Augen. Die waren von sehr dunklen Brauen umgeben und standen in einem seltsam feierlich schönen Gesicht.

Dunkles Blondhaar fiel weich in die Stirn. Die Gestalt war schlank und zierlich, und reichte dem Riesenbruder noch nicht einmal bis zur Schulter. Schier winzig stand Maren Wögens zwischen den beiden Hünen. »Er ist stumm geworden«, spottete der Lehrer. – »Sieh sie dir nur an, Edlef, sie hat unsere alte Friesentracht angelegt und möcht’ gern eine waschechte Halligtochter sein. Aber unsere Thüringer Mutter schlägt allerorten bei ihr durch. – Nun, Ihr Fische? Noch immer stumm?«

»Guten Abend, Fräulein Maren.« Edlef reichte ihr die Hand, und sie legte die ihre hinein. So traten sie miteinander über die Schwelle des Schulhauses. Ganz fest hielt Edlef Marens Hand. Und merkte es nicht, daß das Mädchen rot und verlegen wurde. Manne Wögens sah belustigt auf beide.

Endlich befreite sich Maren, und dann saßen sie um den runden Tisch. Und während der Herbststurm sich draußen gewaltig erhob und scheinbar versuchte, die Haustür aus ihren Angeln zu heben, dünkte es Edlef Holgers, als sei es Mai geworden. – In ihm war Grünen und Blühen. –

Plötzlich rief er: »Bonnestave habe ich gepflückt, einen Riesenstrauß! Und ich wußte doch gar nicht, daß Sie kamen. Ich werde ihn morgen bringen. Warum sind Sie hier, Fräulein Maren?«

»Ist es Ihnen nicht recht?« lachte sie. »Es sind doch Michaelisferien.« »Aber Sie sagten mir doch im Juli in Ording, Sie kämen diesmal nicht …«

Der junge Lehrer fuhr dazwischen. »Habt ihr euch denn in Ording gesehen? Davon weiß ich ja gar nichts.«

»Ich hab dich ja auch seitdem noch nicht gesprochen, Manne« entgegnete Edlef zerstreut.

Aber Maren wurde rot und kam nicht mit den Worten zurecht und ihr Bruder schüttelte den Kopf. – Dann lief sie plötzlich hinaus, und die Männer sahen sich ratlos an.

»Warum geht sie? – Mag sie mich nicht leiden?« fragte Edlef ungestüm.

Manne Wögens staunte vor sich hin: »Sie hat dich vielleicht zu gern, Edlef Holgers.« Der fuhr sich durch den blonden Schopf. »Zu gern? Zu gern?« fragte er dringlich. Und mit tiefem Aufseufzen: »das wäre zu viel Glück!«

Da wurde Manne Wögens ganz fröhlich. – »Steht es so um dich, Edlef? Ihr beide ließet mich ganz im unklaren. Bande, die ihr seid! Heimtücker!« Er rüttelte Edlef. »Wach auf! Ich sage dir, du hast das große Los gezogen. Schwester Maren war allstunds mein guter Engel. Und der unserer Eltern. – Kinder, die das 4. Gebot lebendig in sich spüren, geben gute Frauen ab. Also, – von mir aus, – gratulor! Soll ich Maren hereinrufen? Oder willst du zu ihr? Oha, ich freu mich bannig, daß die Deern aus ihrer Volksschule herauskommt! Schwager Edlef, das ist heut ein schöner Tag!«

Da wachte Edlef Holgers auf. Mit seltsam erloschenen Augen sah er den Freund an.

»Sprichst du von deiner Schwester und mir?« fragte er heiser.

Der Lehrer sah ihn scharf an. »Bist du krank, Edlef?«

»Vielleicht. – Krank vor Liebe zu Maren. Aber das darfst du ihr nicht sagen. Rufe sie auch nicht herein. Ich müßte sie sonst in meine Arme reißen. Und ein Schuft bin ich nicht …«

»Edlef, was soll das?«

»Nein, Manne, frag mich nicht. Das stürzt jetzt alles über mich herein wie der blanke Hans über die Halligfennen. Herrgott, bin ich unglücklich! Ja, das kannst du deiner Schwester sagen. Gute Nacht, Manne.«

Mit schweren Schritten ging er hinaus.

Nach einer Weile kam Maren herein. In lieblicher Verlegenheit und mit glänzenden Augen.

Aber der Glanz verlosch, als sie den einsamen Bruder vorfand. Der nahm sie in seine Arme. »Mein klein Deern, ich sagte vorhin, es sei heut ein schöner Tag, aber es ist ein wunderlicher draus geworden. Edlef Holgers ist unglücklich, und ich weiß nicht warum. – Fahr nicht auf, mein klein Deern, bleib du ruhig an meiner Schulter liegen.« Er streichelte ihr weiches Haar. »Sieh, lütt Swesting, wenn unser liebster Freund unglücklich ist, dann müssen wir fein stille sein. Das ist dann wie ein Verband für seine Wunde. Laß uns Geduld haben. Es wird sich alles klären.« Da löste sich Maren sacht aus seinen Armen und ging ganz still wieder aus der Stube. Und der Bruder sah ihr nach mit ernsten Augen. Nahm dann einen Stapel Hefte und tauchte die Feder in rote Tinte. Und las zehnmal die Aufsätze durch über das Thema: »Die letzte Sturmflut auf Hallig Likamp.«

Auch in seiner eigenen Brust tobte ein arger Sturm. Und der letzte Schüler bekam eine glatte Eins unter den Aufsatz. Trotzdem die zwei dürftigen Seiten kreuz und quer rot durchstrichen waren. Aber der Lehrer war zum erstenmal zerstreut in seinem ernsten Dienst.

Seine Schwester Maren … sein alles. – Daß er dies feine Lebensschifflein in einen schönen, ruhigen Hafen lotse, dafür hatte er sich gesorgt und in widrigen Verhältnissen gedarbt. Und nun schien da plötzlich eine schwere Bö aufzukommen …

Manne Wögens grübelte und sann im ruhelosen Auf- und Abwandern. Das Licht im Schulhause wollte nicht löschen in dieser Nacht.

Edlef Holgers stand im Dunkeln am Hause seiner Braut. Er wußte selbst nicht, was er dort wollte. Wild und weh war ihm zu Sinn, und einen eklen Geschmack trug er auf der Zunge. In der Stube der Wöchnerin brannte mattes Licht. Meckerndes Kindergeschrei drang heraus. Aber auch übermütiges Kreischen aus der helleren Stube nebenan. So pflegte Akke Luersen bei derben Scherzen zu lachen, die ihm so zuwider waren. Eine Männerstimme lachte mit da drinnen und prahlte dazu mit lauten Worten, die dann wieder wie erstickt klangen. Als halte jemand eine Hand auf seinen Mund, um ihn zur Ruhe zu mahnen.

Edlef riß die Tür auf.

Da fuhren zwei auseinander.

Und Akke Luersen wurde einen Schein blasser und lachte wieder überlaut. Sie machte sich an dem großen Bild zu schaffen, das über dem Sofa hing, und der dicke, ältere Mann mit dem roten Gesicht steckte sich eine Zigarre an.

»Sieh da, Herr Holgers«, rief Akke rasch gefaßt. »Wollen Sie sich so spät noch nach Mutter erkundigen?«

»Da tun Sie recht dran«, rief dröhnend der Fremde. »Ich bin so auf ’ne Art Vetter vom Hausherrn und komme geschäftlich von Hamburg. Bahn ist mein Name. Makler und Agent. – Finde hier so’n Gotteswunder. Ne ausgewachsene, schöne Nichte von Zweiundzwanzig mit ’nem lüttjen Bruder in der Wiege. Oha, noch mal zu, sag ich.«

Er goß sich lachend die große Tasse halb voll Kaffee und ergänzte die zweite Hälfte mit Rum. »Halten Sie mit, Herr Holgers?«

Edlef wehrte mit der Hand, er sah, daß der andere den neugeborenen Neffen wohl schon stark gefeiert hatte.

»Ich hole gleich noch eine Tasse« rief Akke hastig und lief aus der Stube.

Der Fremde sah ihr nach. »Nu sagen Sie bloß, Herr Holgers, wie is so was möglich? Sind die Mannsen hier Besenstiele? Wie kann so ’ne Deern aufwachsen und nicht vom Fleck weggeheiratet werden?«

Er trank in gierigen Zügen.

»Sie spielen wohl steinerner Gast?« fragte er dann gemütlich und rekelte sich auf dem alten, ausgesessenen Sofa. »Kinder, was seid ihr auf der Hallig für Menschen! Fischblütige Gesellen übereinander!«

»Bleiben Sie hier?« fragte Edlef frostig. »Ich hätte wohl etwas mit – – Akke Luersen zu reden.«

Der Fremde lachte dröhnend. »Ja, dat muggst woll. – Der andere, der da vorhin saß, wollte auch etwas mit der schönen Deern reden. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich euch hier freie Bahn lasse.« Er nahm wieder einen großen Schluck.

»Wer war denn der andere?« fragte Edlef mechanisch.

»Einer von der Königswarf. Peder Claußen hieß er und war son büschen durchhin von der Liebe. Und er hatte es sehr hilde mit die Deern. Aber ich laufe euch allen den Rang ab, und sie möcht auch gern nach Hamburg und mag mich furchtbar gern leiden. Das hat sie mir gesagt.«

Edlef sah den halb Berauschten verächtlich an. »Ja, das tu du denn man,« sagte er halb vor sich hin, und verließ die Stube, ohne sich noch einmal umzusehen.

Draußen trottete er in wirren, dumpfen Gedanken. Manchmal war auch ein klarer dazwischen, der meldete sich: »Sieh, Edlef Holgers, das ist nun dein Leben. Verpfuscht hast du’s durch eine einzige Stunde, da du auf dein Blut hörtest und nicht auf Herz und Verstand.«

Der Regen klatschte ihm ins Gesicht und der Sturm wollte mit ihm ringen, – er fror trotz der Anstrengung in seinem dicken Düffelrock.

Jemand kam hinter ihm her.

»Hallo, Edlef Holgers, nimm mich mit. Mensch, was hast du für lange Beine!«

»Süh dor, Peder Claußen.«

»Ja. – Du mußt es nicht krumm nehmen, ich war vorhin noch ein büschen nachbarn bei Luersens. Und jetzt komm ich vom Schulhaus. Du, da ist was Feines drin, aber gegen die Akke Luersen kommt’s nicht auf.«

»Warum soll ich das krumm nehmen? Es nachbart, scheint’s jetzt die ganze Hallig bei Vadder Luersen. Wo Honig ist, sind Schlecker.«

»Ja grade. – Aber weißt du, Edlef, ich möchte nicht falsch sein, du bist selbst so’n aufrechter Kerl. – Meinst du nicht, daß Akke Luersen schlecht zu dir paßt?«

»Kann schon sein.«

»Siehst du? – Es läßt sich leichter mit dir reden, als ich fürchtete. Sie ist ’ne seltsame Deern, gar kein bedachtsames Halligblut, aber grad deshalb tut sie’s uns wohl allen an. Und ich möcht dir’s gradaus sagen, Mensch, – sie hat mir heut Hoffnung gemacht, es könnt doch mit uns zweien wieder was werden, – – warum lachst du, Edlef Holgers?«

»Ich hög mich, Peder Claußen. Über die Welt und über die Frauensleut, und über dich und mich. Hör, wie der Sturm lacht! Der högt sich auch.«

»Mich dünkt, der heult.« Peder schudderte. »Du hast also nichts dagegen, Edlef, wenn ich morgen nochmal bei Luersens anfrag? Ich kann, scheint’s, ohne die Deern nicht leben.«

Edlef Holgers richtete sich zu seiner ganzen Höhe auf und stemmte sich breitbeinig gegen den Sturm.

So schützte er den Kleineren.

»Peder, – hör zu! Neulich, da tatst du mir bannig leid, wie du so wehleidig und ganz durchhin herumliefst, – – – und nun, mein ich, heute müßtest du mir noch viel mehr leid tun – – –«

»Willst du mir denn die Akke nicht geben?«

»Ja grade, mein Peder, weil ich zurücktrete …«

Sie gingen wieder vorwärts und Peder dachte, der Edlef sei ’n büschen durchgedreht, weil die schöne Akke ihn nicht mehr wolle.

Vor der Hauswarf trennten sie sich.

»Wie ist’s denn nun?« fragte Peder Claußen zaghaft.

Edlef war schon wieder im Schreiten. »Wart’ noch ein paar Tage«, rief er zurück. »Vielleicht hast du Glück und sie nimmt den Hamburger.«

»Tühnkram«, sagte Peder, und schritt zu seinem Hause.

Im Mutterhof auf der Großwarf schien schon alles Leben verstummt. Edlef tappte sich nach seiner Stube. Aus dem »Altenteil« nebenan schimmerte mattes Licht. Da drehte er sich noch einmal herum und klinkte dort die Tür auf. Hier wohnte die verwitwete Schwester seines verstorbenen Vaters. Mit der Einsamen war er gut Freund. Und der Schlaf würde ihn heute meiden. –

»Guten Abend, Tante Frauke.«

»Auch soviel, Edlef.«

Die zierliche Frauengestalt mit dem blassen, verhärmten Gesicht unter der Friesenhaube stellte ihr Spinnrad beiseite. Das schwarze Kleid schleppte ein wenig auf dem sauberen Sandboden, und die schweren, silbernen Filigranknöpfe klirrten leise.

»So spät?« fragte sie.

»Gerade dasselbe wollt ich dich auch fragen«, meinte Edlef.

»Oh, – bei mir bist du’s gewohnt, Edlef, aber ich nicht bei dir.«

»Dich läßt wohl das Glück nicht schlafen, Hochzeiter?«

»Oder das Unglück, Tante Frauke. Manchmal kennt man die beiden nicht voneinander.«

»Wie wär das?«

Sie schob ihm ihren besten Stuhl hin, dessen Rücken- und Seitenlehnen kunstvoll mit hellem Holz eingelegt waren. »So nun erzähl’. Auf dem Stuhl hat schon mehr Unglück gesessen.«

Edlef berichtete stockend. Ganz von Anfang an. Er schämte sich. Auch der Zorn schoß ihm rot ins Gesicht. Er erzählte, wie er die Akke um jeden Preis hätte zwingen wollen, weil sie ihn toll gemacht habe mit ihrer Kälte. Dann erst, nachdem sie seine Braut geworden, habe er gespürt, daß alles Gute in ihm von ihr fortstrebe.

Edlef war in peinvoller Verlegenheit. Aber so recht unglücklich sah er nicht aus. Tante Frauke mußte über ihn den Kopf schütteln.

Ernst entgegnete sie: »So geht’s jedem, der die Liebe nicht hochhält, sondern den Rausch. Es geschieht dir Recht. Aber nun wirst du harten Stand im Mutterhof haben. Denn der wollte rasche Heirat und viele Kinder von dir.« Sie lachte herb. »Dafür hatte man dir Akke Luersen ausgesucht. Was nun?«

»Mir geht’s noch über Verdienst gut, Tante Frauke. Jetzt werb ich um mein Glück. Ist eine feine, süße Deern. Son ganzen Lütten. Reicht mir bis zum obersten Westenknopf. So wie du, Tanten Frauke. Ihr wiegt auch beide so ungefähr dasselbe. Dreißig Pfund und ein paar. Wie die Schneider.« Er hob den Stuhl mitsamt der zierlichen Gestalt hoch, und diese schalt mit weicher Stimme: »du Slüngel, du Rumdriwer! Ik gew di eins achtern vör.«

Edlef lachte und stellte den Stuhl ganz sacht wieder zurecht.

»Was ist das nun wieder fürn Schnack?« fragte sie bekümmert. »Hast du die Deerns am Faden, wie der Drachenschwanz die Papierschnitzel?«

Er sah sie verträumt an. »Wie die salzen See sind ihre Augen. Nordsee im Sturm. Graublau. Un de lütt Näs’ so fien, un de Mund wien Korall, un de Tähn blinkern dor achtern. Un dat söte Hart so gut.«

»Und ihr Körper Edlef? Ist sie gesund? Hat sie zehn oder zwölf Geschwister? Denk dran, Edlef! Denk nicht an dich! Die Hallig und der Mutterhof gehen deinem Glücke vor. Und wenn deine Frau nicht jedwedes Jahr was Lüttes in de Weeg leggen kunn … und sie hat denn Herz und Gemüt … Um Jesu willen, mein Edlef, bring sie nicht auf den Mutterhof …«

Die Frau legte den Kopf auf ihren Arm und weinte bitterlich. Edlef streichelte ihr ergrauendes Haar. »Die Maren Wögens ist gesund,« lachte er sorglos. »Mir ist nicht bange um die Erben des Mutterhofs.«

»Still, still, Tanten Frauke«, beruhigte er dann. »Das sollen deine letzten Tränen gewesen sein. Hörst du? Ich sag’s. Und ich bin der Herr jetzt vom Mutterhof.«

Sie trocknete die Augen.

»Ganz verwirrt bin ich«, stammelte sie. »Bist du denn schon einig mit ihr?«

»Mit mir bin ich’s, und sie ist’s mit sich.« Holgers Augen lachten. »Das andre kommt rasch. Tanten Frauke, hör zu: Wenn der Rotschenkel ruft ›tülü, tülü‹, dann bauen wir unser Nest …«

»Glück!« murmelte Tante Frauke. »So sieht ’s Glück aus?«

»Ja, – so sieht’s aus. Gute Nacht, Tanten.« –

Auf der Hallig ist man »früh zugange.«

Man saß um die Lampe herum um 6 Uhr morgens Und aß dicke Grütze. Edlef Holgers kam zuletzt, denn er hatte schon überall nach dem Rechten gesehen. Trotzdem greinte seine Mutter unwirsch.

»Abends spät und morgens spät,« rief sie. »Und wenn’s schon so ist, konntest du nicht gestern noch zu mir hereinkommen, anstatt dich mit Tanten Frauke zu besprechen?«

Ein lustiger Schein flog über Holgers Gesicht. »Mutter, du tust, als hing mir noch das Hemd aus der Büx. – Aber ich steh dir gerne Red und Antwort. Nur laß die Insten erst an die Arbeit und die Lütten in die Schul.«

»Zu was gehör ich denn, Bruder?« fragte Melenke. »Zu die Insten oder zu die Lütten?«

»Sprich erst mal richtig deutsch«, verwies der Bruder.

»Oha. Wi sün em ni mehr god nog«, lachte Melenke. »Aber so gutes Deutsch wie deine dicke Akke sprech ich noch allemal.«

Edlef sah sie zornig an. »Mit dir rede ich noch ein Wort allein, Melenke. Du hast dir eine Art angewöhnt, die paßt nicht auf den Mutterhof.«

»So laßt mich wieder nach Hamburg, da paßt sie hin.«

»Nach Hamburg gehst du nicht«, rief die Ahne. Weiter kein Wort.

Sie strickte hastig an dem groben, grauen Strumpf und wartete, bis Knecht und Magd sich schwerfällig erhoben und die Stube verlassen hatten. Ihnen folgten die beiden Jüngsten. Nicht ohne sich vorher bei Edlef »gemeldet« zu haben. So hatte er’s eingerichtet nach seiner militärischen Dienstzeit und es hatte sich bewährt. Die Kinder vom Mutterhof galten auf der Hallig als ganz besonders gut erzogen. Als Edlef »linksum kehrt« kommandieren wollte, fragte Onnen, der stramm vor dem großen Bruder stand: »Soll ich Herrn Lehrer Wögens grüßen? Er fragt immer, ob du einen Gruß geschickt hättest.«

»Freilich sollst du das.«

Die achtjährige Karen rief noch: »Bruder Edlef, ich grüß die Fräulein Maren, die ist jetzt da und weiß bannig viel schöne Geschichten.«

Dann liefen die Kinder fort.

Die Ahne ließ den Strickstrumpf sinken und zeigte ein bekümmertes Gesicht. »Du hast recht, Enkel Edlef,« klagte sie, »es ist ein garstiger Ton bei uns eingekehrt. Den hat man nicht gekannt im Mutterhof, solang er steht. Melenke, ich sag’ dir, meine Augen sind noch scharf, wie meine Ohren. Ich sehe, daß du ein Gesicht ziehst, als wärst du der Klügsten eine, und für die Ahne wär’s Zeit, der klugen Welt Valet zu geben. Da bist du aber irrig. Ich bin noch imstande, diesen neuen schlechten Geist mit eisernem Besen auszufegen. Hast du mich verstanden, Enkelin Melenke?«

»Da fang die Ahne nur mit Edlefs Schatz an«, sagte Melenke schnippisch. »Was die alles sagt, da werden dem Bruder nochmal die Augen übergehn. Aber die darf sich alles herausnehmen und unsereins muß tun, als verstände es die Schnäcke nicht …«

»Schweig!« rief die Ahne wieder, und war so zornig, daß sie nach Worten rang und sie doch nicht fand.

Aber Edlef streichelte beruhigend ihre Runzelhand. Dann richtete er sich hoch auf und sagte entschlossen: »Melenke hat recht. Akke Luersen hat nie in den Mutterhof gepaßt. Das ist meine Schuld, daß ich sie herbrachte. Aber die mach ich wieder gut. Ahne, du hast der Akke und mir deine Zustimmung gegeben, aber noch hattest du uns nicht mit dem alten Holstenspruch zusammengetan: ›Up ewig ungedeelt!‹ Gott Lob und Dank sage ich jetzt. – Den Spruch bewahr mir auf, Ahne, hörst du?«

»Ich versteh die Welt nicht mehr, mein Enkel Edlef«, murmelte die Ahne. Und sie saß wie steuerlos in ihrem Ohrenstuhl. »Früher, da war ein Verspruch heilig wie die Ehe selbst, und jetzt …«

»Jetzt lernt man sich durch den Verspruch kennen«, ergänzte Edlef. »Ich bitte die Ahne, daß sie mir vertraut und daß sie mir ihren Segen aufhebt.«

»Für wen?« fragte Melenke. »Hätt’ nicht gedacht, daß sich der moralische Herr Bruder so auswächst …«

Da zeigte Edlef nach der Tür, und sie ging widerwillig hinaus. Ganz still wurde es zwischen der Ahne und dem Jungen. Edlef wartete längere Zeit auf ein gutes Wort. Als es nicht kam, verließ auch er langsam die Stube. –

Draußen in der Küche schluchzte die Mutter: »Ich bin der Garniemand. Ist’s wahr, was mir die Melenke schnackt? Du sagst der Akke auf? Und ich erfuhr es nicht von dir? Ist’s nicht auch mein Haus?«

»Mutter, das Haus gehört dir und uns allen, aber meine Ehr und meine Zukunft gehört mir allein. Das Zusammenkuppeln war eine Sünde. Nun mach ein gutes Gesicht, Mutter, – denn eine gute Zeit fängt an.«

»Wüßt nicht, wo sie herkommen sollt«, murrte die Mutter.

»Von der Schulwarf. – Aber anders, als du es wolltest.« Edlef nahm bittend ihre Hand. »Ich möcht’ wieder Sonne auf dem Mutterhof haben. Wehr doch nicht ab, Mutter. Und ich will’s gleich dazu sagen, von heute ab kommt Tanten Frauke wieder auf den Ehrenplatz. Neben dir und der Ahne soll sie sitzen.«

»Beißt du den Herrn heraus?« grollte die Frau. »Willst du, daß sich die toten Holgers im Grab herumdrehen? Was soll die Unfruchtbare auf dem Ehrenplatz? Gott hat sie gezeichnet. Vergiß das nicht, Edlef.«

»Frau Mutter, daß ich nicht den Respekt vergesse!« Edlef zwang seinen Unmut. »Unsere Hallig ist ödes Eiland, aber unsere Zeit ist nicht das Mittelalter. Und ich will Tanten Frauke Sonne geben, ich will’s.«

»So hab ich zu schweigen.«

»Nicht so, Mutter. Nicht so.« Er hielt noch immer ihre Hand, aber sie sah ihn feindlich an. Da stürmte er fort.

Sonntag auf der Hallig. Auf der Kirchwarf zogen Knaben den Glockenstrang. Es waren keine hallenden Domglocken, es war ein klägliches Rufen: »Kommt! Kommt!« Aber die ganze Gemeinde gehorchte. – Im schwarzen Gottestischkleid zogen sie daher, und bei den Frauen lag das mit Klöppelspitzen umsäumte Taschentuch quer auf dem Gesangbuch. Von einer Warf zur anderen schlossen sich Männer, Frauen und Kinder an. Sie sprangen an langen Stangen über breite Wasserrinnen und schritten auf hohen, schmalen Stegen über die Priele. Die Sonne lachte an diesem Novembersonntag. Und die Friesengesichter sahen hell aus. Denn die Hallig verwöhnt ihre Kinder nicht, sondern ist herb zu ihnen und hält sie knapp. Da werden sie zur Dankbarkeit erzogen für jeden Sonnenblick. Vor der uralten, turmlosen Kirche standen sie in Gruppen, und der Pastor schritt grüßend hindurch, und die Pastorin hatte eine liebe Art zu grüßen und zu nicken und im Vorbeigehen rasche Fragen zu stellen. Alles war Leben an ihr und warme Anteilnahme.

»Ein’ feste Burg ist unser Gott!« klang das schlichte Harmonium, Lehrer Manne Wögens legte seine Seele hinein. Und aus den hellen Stimmen der Schulkinder, die zur Liturgie sangen, spürte man die Wärme, die ihr Lehrer für sie hatte. Auch in Pastor Lichts Predigt war warme Güte. Er kam als Fremder aus Thüringen und tastete noch etwas an dem Herzensschloß seiner Halliggemeinde, auf daß er den Riegel fände. Aber die noch fest versicherte Pforte machte ihn nicht ungeduldig. Weil nach Gottes Wort die Liebe für ihn die »größeste unter den dreien« war, und er ihrer ausschließenden Macht vertraute. –

Auf dem Gottesacker der Kirchwarf stand Edlef Holgers und betrachtete ein schlichtes Grab, das mit Muscheln belegt und mit einem Kranz Bonnestave geschmückt war. Vor einigen Tagen hatte man einen Namenlosen hineingebettet, den die See an den Strand geworfen.

»Mensch, komm von dem Grab fort«, rief halblaut Peder Claußen, der sich, wie immer, verspätet hatte. »Ich kann nur an Leben denken. Mensch, Edlef, sie will mich! Was kostet die ganze Hallig? Hab auch schon mit der Mutter gesprochen.« Peder lachte in sich hinein. »Die sagte: ›Nimm sie um Gottes willen, damit ich meine Ruh kriege.‹ Heut sag ich’s dem Pfarrer. Akke ist daheim geblieben – beim kleinen Bruder. Edlef, – ich bin wie duhn vor Glück, wenn ich dran denk, daß sie sich im Kinderwiegen übt.«

»Komm,« sagte Edlef Holgers, »ich möcht noch hören, was Pastor Licht weiß.«

Und Peder Claußen dachte, daß Edlef ihm trotz aller Freundschaft sein Glück neide.

Pastor Licht sprach ernst und eindringlich und recht wie ein Bruder zu seiner kleinen Gemeinde. Ein paar Leute schliefen. Nicht gerade die Ältesten waren es, aber die, die am Sonnabend vorher über Gebühr geschafft hatten. Denn der Sturm war des Nachmittags plötzlich aufgestanden und hatte sich wie ein Riese über die Hallighäuser geworfen. Da war manches zerdrückt worden, was dem Menschensinn fest genug gedünkt hatte. – Nun tat die gute, ruhige Stimme des Predigers den ermüdeten Halligbauern eine große Wohltat an. – Auch Edlef Holgers kämpfte mit dem Schlaf. Der Hüne hatte bis in die Nacht hinein noch den ärger bedrängten Nachbarn beigestanden und dann kaum zwei Stunden geruht.

Aber das Anliegen, das er an den Herrgott hatte, war ihm wichtiger als Schlaf und Müdigkeit. Er hielt die Mütze zwischen den gefalteten Händen und murmelte eindringlich: »Gib mir die Maren, – gib sie mir!«

Das feine Mädchen saß nicht weit von ihm auf der anderen Seite. Aber so tief hielt sie den Kopf gesenkt, daß nur ein paar eigensinnige Löckchen zu sehen waren, die sich nicht unter die Friesenhaube hatten zwingen lassen.

Zum Schlusse klang die Stimme des Halligpastors noch einmal recht eindringlich! »Nicht locker lassen! Anhalten am Gebet, wie unser Luther es uns lehrt, dessen Geburtstag wir heute feiern. Amen.« Da sagte auch Edlef ganz laut Amen, so daß ein paar Halligmädchen anfingen zu kichern, und die alten Leute bei sich feststellten, daß der Älteste vom Mutterhof ein fester, aufrechter Mensch sei und einen guten Hausvater abgeben werde. Vielleicht gar einmal einen vorbildlichen Gemeindevorsteher, wenn der alte Ketel Boon abdanke. Denn Edlef Holger’s Gesicht war ernst und gut und trug dabei ein zuversichtliches Gepräge. Und ernst, gut und zuversichtlich muß die Obrigkeit sein auf der Hallig.

Edlef erinnerte sich plötzlich einer Konfirmationsstunde, da hatte er die Worte gelernt: »Amen, das heißt: ›Ja ja, es soll also geschehen.‹«

Das sagte er nun heimlich vor sich hin, als Herrgotts Antwort auf sein Gebet: »Ja, ja, es soll also geschehen!«

Dann ging er ganz fröhlich von der Kirchwarf zur Schulwarf und grüßte vorher den Pastor, der gerade mit Peder Claußen ins Pastorat treten wollte. Edlef schwenkte beim Gruß ordentlich ein wenig den Hut, und Peder freute sich darüber, daß der Freund ihm wohl nicht mehr gram sei, sondern einsah, daß die schöne Akke Luersen nun endgültig dem Peder gehöre. –

Lehrer Manne Wögens und seine Schwester waren Edlef ein Stück vorausgekommen, trotzdem der Organist noch das Harmonium verschlossen und die Noten fortgepackt hatte. Aber Edlef hatte immer gar viel zu schauen auf seiner Hallig und Kreuz- und Quersprünge zu machen. Fand auch noch eine tote Mantelmöwe, und grub ihr mit einem angeschwemmten Stück Holz ein Grab.

Inzwischen plauderten die Geschwister eindringlich miteinander. »Wie die heilige Cäcilie selbst hast du heute gespielt«, sagte Maren bewundernd zum Bruder. »Nur ein besseres Harmonium müßte man dir schaffen.«

»Wer denn?« fragte Manne trocken.

»Nun die Gemeinde oder die Regierung.«

»Ja, die lauern nur drauf.«

Inzwischen hatte Edlef die beiden eingeholt.

Maren hielt die feinen Lippen zusammengepreßt, und Manne Wögens schüttelte dann und wann den Kopf. Denn Edlef Holgers sah ganz und gar nicht wie ein Unglücklicher aus, als der er ihn doch vor ein paar Tagen verlassen hatte, und nun gesellte er sich stumm und doch wie selbstverständlich zu ihnen.

Ging neben ihnen her, eine halbe Stunde und mehr mit versonnenem Gesicht, ohne ein Wort zu reden. – An Luersens Haus gingen sie rasch vorbei, und dann standen sie vorm Schulhaus.

Edlef schob den Lehrer kraftvoll durch das Zauntor. »Nun sieh du erst mal eine ganze Weile nach dem Vieh, Manne«, befahl er kühnlich.

Manne Wögens lachte. Aber er gehorchte und ging in den Stall.

Befangen schritt Maren durch die Hausdiele in die Wohnstube.

Edlef Holgers folgte ihr.

Sie bot ihm einen Stuhl an, aber er setzte sich nicht. Er sah mit starkem Herzklopfen auf die zarte, schlanke Gestalt herunter und legte seine Hand auf ihren Kopf und bog ihn etwas zurück. So mußte sie ihm in die Augen sehen. –

Da wurde er ganz ruhig und sagte zuversichtlich: »Ja, du hast mich lieb. Gott sei ewig Lob und Dank!«

Dann küßte er sie.

»Ich bin ein rechter Bauer«, meinte er. »Ich frage dich nicht und sage nichts, sondern ich nehme dich gleich. Wenn du meine Frau bist, will ich sehr ehrerbietig sein, Jungfrau Maren, aber jetzt …«

Sie lag still an seiner Brust.

»Ich muß dich wohl erst aufwecken?« fragte er. Und küßte sie heiß und lange. »Sag doch etwas«, bat er. »Ich hab mich doch nicht getäuscht?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Gefürchtet hab ich mich vor dir«, gestand sie. »Weil du so riesengroß bist.«

»Klein Bangbüx«, lachte er zärtlich. »Fürchtest du dich denn nun nicht mehr?«

»Ein klein büschen«, sagte sie leise. »Aber vielleicht mußt du dich auch fürchten, denn ich hab dich so schrecklich lieb. Und ich werde immer hinter dir herlaufen, damit du mir nicht abhanden kommst. Wird es dir auch nicht unbequem sein?«

Er lachte glücklich auf. »Ach, du Lütten! Du bist wie aus einer anderen Welt! Wie hast du dich so fein und rein halten können in der staubigen Großstadt?«

»Weil ich an den Edlef Holgers dachte. Allstunds. Ich weiß, daß du nichts Staubiges magst.«

Er ließ sie plötzlich aus seinen Armen. »Lüttje Deern, paß auf«, sagte er ernst. »So wahr mir Gott helfe, ich mag nichts Staubiges. Aber so rein wie du bin ich nicht. Hab noch vor wenig Wochen eine andere wild geküßt. Willst du mich aus diesem Irrtum herausnehmen?«

Um einen Schein blasser war sie geworden, und in rührender Hilflosigkeit sah sie ihn an. Dann schlang sie beide Arme um seinen Nacken und küßte ihn heiß und innig.

Ernsthaft sagte sie: »Nun bist du rein.«

Da war’s Edlef Holgers, als stünden alle Himmel offen.

»Muß ich dir noch etwas sagen«, meinte sie wie bedrückt. »Es ist wohl nicht recht, daß uns all das erst nach dem Küssen einfällt. Aber du überfielst mich ja wie der Halligsturm …«

»Ja, so bin ich. Und mein Lütten war ganz verbast, und hat das Küssen erst lernen müssen …«

»Still, still!« wehrte sie ihm. »Ich will dir ja etwas sagen. Erstens hätte ich dich fragen müssen, warum du neulich von uns wegliefst? Aber ich hab so seltsam gutes Vertrauen zu dir. Du erzählst es mir schon später einmal, ja? Aber nun kommt etwas ganz Wichtiges. Sieh, du hast sicher gar nicht über nachgedacht, daß ich ganz arm bin. Nein, ich will nun ausreden. Du bist der reiche Mutterhofsbesitzer. Und ich? – Bin noch gar nicht lange angestellt in Kiel und konnte nicht viel sparen … Da muß ich noch viele Jahre Lehrerin spielen, bis ich dir eine Aussteuer zubringen kann. Wirst du auf mich warten wollen?«

»Nun muß ich dich wieder küssen, damit du nicht reden kannst, mein klein Schulmeister«, sagte Edlef. »Wenn ich auch nur ein Bauer bin, so furchtbar dumm darfst du nicht schwatzen. Denn ich versteh auch gescheite Sachen. Eine sehr gescheite Sache ist zum Beispiel, daß du ganz bald meine Frau wirst.«

»Oh, oh! Ich bin gerade fünf Minuten deine Braut.«

»So langsam vergeht dir die Zeit? – – –«

»Edlef, mein Edlef, was werden deine Leute sagen? Ein armes Mädel auf dem Mutterhof. Und stolz noch dazu. Jawohl, übermäßig stolz, mein Edlef«, bestätigte sie ernsthaft.

»Sag noch einmal ›mein Edlef!‹ Es klingt wie Weihnachten.«

»Mein Edlef, was werden deine Leute sagen???«

»Ich bin der Herr vom Mutterhof.«

»Aber zuerst bist du der Sohn vom Mutterhof. Und dann ist da die Ahne, die hat wieder deinen Vater geboren … Denk daran, Edlef! Du sollst Vater und Mutter ehren!«

Marens feines Gesicht war blaß und ernsthaft. Sie sah ihn fast mütterlich mahnend an.

»O du Feines!« rief er zärtlich. »Du ganz Liebes! So wie du jetzt aussiehst, bist du wie ein Bild, so ein schönes, ernsthaftes Bildchen vom vierten Gebot. –«

»Mein Edlef, ich möchte so gern eine klare Antwort haben.«

»So gebe ich sie dir«, sagte er ernst. »Du bist willkommen auf dem Mutterhof! Genügt dir mein Wort?«

»Oh!« rief Maren selig, und nun reichte sie ihm selbst den roten, reinen Mund. »Ach, du, wie ist das schön, was du da sagst. Wie freu ich mich auf den Mutterhof! Wie hab ich eine Mutter entbehrt! Das ist kein Vorwurf für Bruder Manne. Aber ein Mädchen braucht Schwester oder Mutter … Wie will ich deine Mutter ehren! Edlef, ich hab sie jetzt schon lieb, ganz lieb. –«

Manne Wögens klinkte sacht die Tür auf. »Es ist unrecht, mich beim unvernünftigen Vieh zu lassen, während ihr Menschlein hier euch freut …«

Nun schmiegte sich Maren in seinen Arm.

Dann sahen die Geschwister sich in die Augen. Für Sekundendauer vergaß das Mädchen den Verlobten und ihr Glück. Denn des Bruders Augen waren feucht. Und sein Scherz war weh.

»Maren, mein Sonnenschein …«

»Bruder Manne, segne uns!«

All die blonden Friesenköpfe saßen wieder um den runden Tisch.

Die Lampe brannte still, und die Ahne erzählte. Onnen und Klein-Karen saßen vor ihr auf niederen Stühlchen und sahen aufmerksam in das lebendige, alte Gesicht.

»Weiter, Großmudder, weiter!« bettelte Onnen. Und Karen wühlte ihr Köpfchen mit den bangen Augen in den derben Friesenrock der alten Frau. Zwanzigmal hatten sie die Geschichte wohl schon in ihrem jungen Leben gehört, aber sie wirkte immer wieder aufs neue durchrüttelnd, daß sie in arger Bangnis schier vergingen.

»Ja, so war’s. Am heiligen Karfreitag spielten sie mit den Karten auf Heyens Lei. Und sie lachten und spotteten der Ahnen und Alten, die ihnen wehren wollten.«

»Hast du sie auch gewarnt, Ahne?« fragte Klein-Karen und zog den Kopf aus dem Versteck.

»Ach, dumm Tüg. Ich war damals ein Kind wie du. Ahnen gibt’s auf jeder Hallig. Wirst selbst mit Gottes Beistand eine werden.«

Da strahlte Klein-Karen. »Du, ich werd’ ’ne Ahne«, versicherte sie erst einmal jedem einzelnen Zuhörer. Und ihr süßes Kindergesicht über der breiten weißen Halskrause lachte selig in die Zukunft hinein, und das Antlitz der erzählenden Großmutter dünkte dem Kinde wunderschön, also daß es keine Angst hatte, einmal ebenso auszusehen. –

»Hatten sie denn den ganzen Tag nicht gebetet am Karfreitag?« fragte Onnen.

»Doch, doch. Da war der gottesfürchtige Pastor und seine Frau, die hatten selbst die Glocken geläutet, weil das Wetter so schlimm war, daß kein Mensch zur Kirche gelangen konnte. Da sollte wenigstens das Glockengeläut nicht fehlen, meinte der Pastor, und die Heyensleier könnten dazu für sich beten, jeder in seinem Hause. Und er selbst und sein Weib riefen bei jedem Glockenschwung: ›Christ Kyrie, komm zu uns auf der See.‹ Aber die Heyensleier spielten und tranken Köhm oder Kaffeepunsch.«

»Kaffeepunsch schmeckt gut«, sagte Klein-Karen.

»Ohm Rickert hat mich kosten lassen. Wenn ich mal Ahne bin, trink ich jeden Abend welchen.«

»Ohm Rickert hätt’ besser nach Heyens Lei gepaßt als nach unserer Hallig«, rief scharf die Ahne. »Und zu dir, Karen, muß ich mit der Rute kommen, wenn du um Kaffeepunsch betteln gehst …«

»Weiter, weiter,« drängte Onnen. »Großmutter, der Schullehrer sagt, es sollte kein Mensch sprechen dürfen, solange du erzählst. Und das meine ich auch.«

Da flog wieder ein froher Schein über der Ahne Gesicht.

»Manne Wögens und ich sind Freunde«, sprach sie bedächtig. »Gott erhalte uns diesen Lehrer! Den hat man in die Stadt haben wollen. Da könnt er längst hausen und im Gold wühlen, aber er kennt keine Landflucht und bleibt der Hallig treu.«

»Wühlen alle Stadtlehrer im Golde?« fragte Karen.

»Ach, laß sie doch wühlen«, murrte Onnen. »Großmudder, erzähl weiter!«

»Ja, denkt, Kinder! Die Flut kam, und der Sturm heulte so gräßlich, wie man es nie gehört hatte.

Ein Segelschiff fuhr über die See und in der großen Dunkelheit über Heyens Lei hinweg. Da sahen die Seeleute ein Licht neben sich und sahen die Kartenspieler um den Tisch. Und schlugen ein Kreuz und beteten, denn sie meinten, der Gottseibeiuns wolle sie äffen und ihnen etwas Unheiliges am heiligen Karfreitag zeigen, so mitten in dem wilden Aufruhr der Natur. Die Nordsee aber hob sich wie die Brust von einem Riesen, die Wellenberge schossen heran und es brüllten die Sturzseen …

Und wo einmal die Hallig Heyens Lei gewesen, war nur salzen See.«

Klein-Karen weinte. »De armen Pasterlüd«, schluchzte sie. »Sie haben doch gebetet und die Glocken geläutet. Warum mußten sie untergehen?«

»Dat’s ’n kloken Frag’«, krähte Ohm Rickert. »Un ik würd seggen, de Herrgott hett nich uppaßt. Äwer wat seggt de Ahn dortau?«

Er freute sich beinahe, die alte Frau in Wirrnis zu bringen. Die Ahne nahm Karens Köpfchen in ihre Hände.

»Süh so, mein klein Deern. Das kommt nicht drauf an, wann man stirbt, sondern wie man stirbt. Die Pastersleut nahm unser Herrgott bei der Hand und führte sie vom Glockenstuhl hinweg in sein himmlisches Reich. Da waren sie in der Seligkeit und brauchten keine bange Sturmflut mehr zu erleben.«

Es war ganz still im Wohnpesel. Die Lampe knisterte fein. Der Wind draußen sang ein ruhiges Lied, – er hatte sich am Tage und in der Nacht vorher ausgetobt.

In die Stille hinein trat Edlef, der Älteste vom Mutterhof. An seiner Hand hielt er Tanten Frauke, die Einsame aus dem Altenteil.

Unfrohe, erstaunte Gesichter sahen sie an. Verhärmt und blaß stand sie unter den anderen Holgers. Ihre Hand legte sie auf Karens Köpfchen, aber das Kind zog sich scheu vor ihr zurück. Da nahm Onnen die kleine Schwester und ging stillschweigend mit ihr hinaus in den Schlafpesel. Edlef Holgers Stirn war tief gefurcht.

Er bedeutete herrisch seine Schwester Melenke, daß sie ihren Stuhl hergeben solle, und sie tat es unwillig. Den Stuhl setzte Edlef zwischen die Sitze von Ahne und Mutter und führte Tanten Frauke hin.

»So!« sagte er tief aufatmend. »Ihr sollt alle wissen, daß dies vom heutigen Abend an so gelten soll.«

Zuerst herrschte bedrückendes Schweigen.

Dann wandte sich Ohm Rickert, große Rauchwolken paffend, zu Edlef:

»Du tust da ’n gewaltiges Werk, mien Jung. Du setzest neben der Frauke Holgers auch mich alten Einspänner in alle Ehren ein. Bin ja auch ohne Leibeserben und der Ahne ein Dorn im Auge und der Hallig ein Pfahl im Fleisch.«

Die Ahne schaute finster.

»Ich erzählte vorhin nicht ganz zu Ende«, grollte sie. »Der Sage nach erbte unsere Hallig Likamp von der untergegangenen Hallig Heyens Lei eine Verpflichtung: Fruchtbar zu sein und sich zu mehren. Unter diesem Gottesgebot haben wir alle gestanden und uns ihm gebeugt. Denn wir leben nicht für uns, sondern für die Halligheimat. Gib fein Obacht, Enkel Edlef, daß sie dich nicht straft, wenn du ihre Gesetze umstößst.«

»Tu ich das, Ahne? Ich glaube nicht. Aber ich meine, Tanten Frauke ist alt und hat genug gelitten. Die ganzen Jungjahre hat sie in der Fehm gesessen, – ihr Lebensabend soll licht sein.«

»Du bist der Jungherr und ich gebe dir dein Recht«, nickte die Ahne ernst. »Möcht nur nicht, daß dein heutiger Schritt ein Freibrief sein soll für dich und andere, etwa garstiges Wesen und unheilige Stadtsitten bei uns einzuführen. Dann würde die Hallig sterben.«

Edlef reckte sich. »Da sei die Ahne unbesorgt«, lachte er. »An Urenkeln soll’s nicht fehlen auf Likamp und dem Mutterhof. Und jetzt seid allesamt fröhlich! Richtet unser Haus fein her! Fegt und wascht und stäubt die Zimmer. Und schmückt alles, wie schön ihr nur könnt. Ich will meine Braut hineinführen.«

»Ist es all so weit?« fragte die Ahne ernst.

»Es ist mein fester Wille. Ich bitte dich, Ahne, und dich, liebe Mutter, heißet Maren Wögens mit Liebe willkommen.«

Die Ahne starrte vor sich hin, Tanten Frauke drückte seine Hand. Und die Mutter sagte mit finsterem Gesicht: »Die Liebe schenkt man nicht im Mutterhof, die muß verdient werden.«

»Das weiß Gott«, seufzte Edlef. Aber er bezwang den aufsteigenden Groll. »Mutter, – mein Maren wird sich Eure Liebe verdienen, da hast du mein Wort.«

Ohm Rickert lachte. – »Meine Liebe schenk ich ihr. S’ ist ’ne feine Deern. Nicht so rund und ansehnlich wie die Akke Luersen, – Donnerkiel! Aber die hat ja nun der Hamburger weggekapert. Der Alte könnt ihr Vater sein, und die Schönheit drückt ihn auf keiner Stelle. Hat aber Moses und Propheten …«

»Gehört der Schnack in diese ernste Stunde?« fragte die Ahne unwillig.

Aber Edlef trat hastig dem Ohm näher. »Was redest du da? Die Akke geht mit nach Hamburg? Seit wann? Weißt du’s genau?«

Ohm Rickert zündete erst umständlich eine neue Pfeife an. »Dafür daß du eben deine neue Braut aufgetakelt hast, mein Edlef, bist du bannig neugierig«, paffte er. »Verintressieren dich zwei Brautens?«

»Red’ nicht unsauber«, verwies ihn Edlef. Dann zog er den Alten vom Stuhl hoch und nahm ihn beiseite. »Was weißt von der Deern? Mich dünkt, sie sei Peder Claßen sin Brud.«

»Dann is sie sehr talentvoll«, meinte trocken Ohm Rickert. »Denn ich sah sie heute mit dem alten Dicken absegeln. Soll ’ne rasche Hochzeit werden, sobald die Mutter Luersen aus den Wochen ist. Ne fröhliche, alerte Familie ist das, ni wohr!«

Edlef schüttelte sich. »So will ich noch nach der Königswarf zu Peder Claußen. Gute Nacht miteinander!«

»Dann begleit ich dich«, erbot sich Ohm Rickert.

»Ich will auch ’n Büschen die Füße verpedden un noch ’n lütten Schnak machen. Wenn alle Lüd von Hochtid reden, dann müntert das höllisch auf, un ick mag dann nich achtern Aben sitten.« –

So wurde der Mutterhof heute beizeiten dunkel. Seine strohgedeckten Häuser schliefen ein und träumten einer neuen Zeit entgegen.

»Du mußt nicht so rennen, Edlef«, pustete Ohm Rickert. »Wir kommen noch leicht hin nach der Königswarf.«

»Ohm Rickert, ich bin kein Bangbüx, aber vor dem Wiedersehen mit Peder Claußen hab ich büschen Angst …«

»Warum, mien Jung?«

»Paß auf, Ohm Rickert, – den finden wir ganz durchgedreht …«

»Vielleicht kommt er dann zum erstenmal in die richtige Fassong.«

»Du machst immer dummen Schnack mit ernsten Dingen, Ohm. Der Peder hat mir selbst gesagt, er könnt ohne die Deern nicht leben … sie hatte sich ihm zweimal versprochen …«

»Wenn man einen Bessenstiel und einen Feuerbrand zusammenbindet«, sagte Ohm Rickert bedächtig, »dann ist’s nach der Natur, daß der Bessenstiel aufgebrannt wird. Peder Claußen ist aufgebrannt. Der dicke Hamburger wird nicht aufbrennen, der ist zu feucht … Du wärst auch heidi gegangen, Edlef.«

»Nein, Ohm Rickert, ich hätte den Feuerbrand schon ausgegossen.«

»Dazu reicht die ganze Nordsee nicht.«

»Du mußt es ja wissen, Ohm Rickert,« spöttelte Edlef.

»Ja, ich weiß es auch. Mir waren immer die tollsten Deerns die liebsten. Mensch, ich war ihnen allen gewachsen. In Hamburg un Kiel un in Triest, in Memel und in Yokohama, ich kenn’ sie alle. Aber von allen wilden Deerns scheint mich die Akke Luersen die wildeste. Trotzdem ich sie nur von Sehen und Hörensagen kenne, – leider.«

»Schande wert, Ohm Rickert. Hast es gewußt, wie sie war und daß man uns kuppeln wollt, und sagtest mir nichts?«

Der Alte schlug sich kichernd auf die Schenkel: »Hattest ja dein Maul zum Neinsagen, Edlef. Schieb mich jetzt nicht vor die Bresche, mien Jung. Du wolltest sie haben, weil du ’n Koller kriegtest.«

»Nun ja, will’s zugeben, ich war verhext. Aber ihr Alten seid zum Warnen da.«

»Sind wir??? Nun dann frag dich mal as’n ehrlichen Kerl, was du angegeben hättest damals, wenn ich mich in deine Liebessachen gemengt hätte … Da laß ich meine Hände von. Du hast deine Erfahrung gemacht, – das zweite Mal fällt’s besser aus.«

»Und wenn ich sie geheiratet hätte?«

»Dazu wär’s nicht gekommen. Ich hätt dann ausgesprengt, du wärst gar nicht der reiche Edlef, – dann wäre die Akke sofort abgestanden. Ni wohr, da krümmt sik dien Eitelkeit? Is aber doch so.«

Edlef schüttelte den Kopf. »Du irrst dich, Ohm Rickert.«

»Na, dann bleib man bei –. Der Glaube macht selig und der Hering macht Durscht«, zitierte Ohm Rickert kühn.

»Akke Luersen mag schlecht sein, aber klein ist sie nicht.«

»Das ist mir zu hoch. Und nun wollen wir vom Peder reden.«

»Wenn ich ihn nur erst zu fassen hätte, Ohm Rickert. Paß auf, der macht noch ’n dummen Streich, wenn er die Wahrheit erfährt.«

»Kein Streich ist so dumm wie der, die Akke an den eigenen Herd zu binden. Davor hat ihn der dicke Hamburger bewahrt. Du sollst auch dem Manne dankbar sein, Edlef, anstatt ’n Gesicht zu machen wie’n Floh, der in der Nordsee schwimmt und in keinen Rettungsring reinpaßt. Wenn aber die Akke dem Hamburger mal utrischt, und das tut sie bald, dann …«

»Red’ anständig, Ohm Rickert. Und daß du’s weißt, mein Sorg geht auch um Melenke. Du hast ihr Vorschub geleistet, Ohm, bei ihrer Wildheit. Das muß aufhören.«

»Tühnkram, Edlef. Vierzig Jahr bin ich welterfahrener als du. Siehst denn nicht, daß die Deern erstickt in Eurer Langweile? Und Melenke fügt sich nicht in so’n Zwang. Ersticken will sie partu nich. Da atmet sie sich eben rechts und links büschen Lebensluft zusammen. Ich war Heizer bei der Marine, Edlef. Da weiß ich, daß ’n Dampfkessel ’n Ventil braucht. So’n Ventil sollte meine Aufmünterung bei Melenke sein. Aber auf die Dauer genügt der Siebzigjährige ihr nicht. Nimm du meinen Rat, Edlef: Schick die Melenke fort! In einen fixen Dienst! Arbeiten muß sie, daß ihr die Schwarte knackt. Sonst reißt sie auch aus und – geht vor die Hunde.«

»Ohm Rickert«, rief Edlef entsetzt. »Wie kannst du so was Schauderhaftes sagen? ›Vor die Hunde gehen!‹ Ein Mädchen aus dem Mutterhof vor die Hunde gehen!!!«

»Mein Edlef, das ist eure Selbstgerechtigkeit. Die kann noch bös ausgehen. Die Melenke ist aus anderm Schlag als du und deine Schwester Nomine und deine Braut Maren, auch anders als die Ahne und deine Mutter … Überleg dir das Wort des alten Heizers mit dem Ventil. – Die Melenke wär nicht der erste Dampfkessel, der in die Luft geht. Was ich noch sagen wollt: wie geht’s der Nomine? Man hört und sieht nichts von ihr. Ist sie immer noch nicht gescheit genug? Der Postschiffer sagte neulich, sie ging jetzt in Kiel auf die Universität.«

»Sagt das der Postschiffer? Ja, Ohm Rickert, es ist wahr. Sie studiert. Ich bin sehr stolz auf meine Schwester. Dabei solltest du sie sehen, wie fix sie in praktischen Dingen ist. Wie sie ihren Kram fein zusammenhält in Kiel, wie sie kocht und wirtschaftet. –«

»Warum genügt’s ihr denn nicht, Lehrerin zu sein wie deine Maren?«

»Nomine war immer hungrig, hat sie mir gesagt. Und da haben wir beide, sie und ich, uns das für sie ausgedacht. Der Mutterhof verträgt’s.« –

»Hungrig ist die Deern? Hm. Hungrig nach die Wissenschaften? Gott schall mi bewohrn. – Nun, die Melenke ist auch hungrig. Hungrig nach das Leben. Denk dran, Edlef. –«

Nun waren sie auf der Königswarf angekommen.

Die Fenster des Königshauses, darinnen einst nach der letzten Sturmflut der König von Dänemark gewohnt, brannten in mildem Licht, Edlef konnte sich kaum genügen lassen im Anschauen des schmucken Baues. Aber er ging doch vorbei und bog den kleinen Seitenpfad ein, wo Peder Claußens Gehöft stand. Zaghaft klopfte er ans Fenster.

»Nur immer herein.«

Peder Claußen lag im dicken Federbett in der Döntje.

»Endlich!« rief er mit heiserer Stimme. »Ich kannt’ ja deinen Schritt, Edlef. Und wen bringst du da mit? Ohm Rickert setzt Euch.«

»Hast du mich denn erwartet, Peder?« fragte Edlef.

»Freilich hab ich. Natürlich ohne Grund. Bin von Mutter ins Bett gepackt worden, weil ich Lungenstechen und Halsschmerzen hab auf die schwere Not. – Und morgen soll der Verlobungsschmaus bei Luersens sein. Edlef, ich hoffe, du gibst uns die Ehr …«

Ohm Rickert schneuzte sich laut und heftig.

»Werd man erst ganz gesund«, mahnte Edlef mit guter Stimme und traurigen Augen.

»Was machst du für’n Gesicht!« rief Peder Claußen. »Als ob ich auf dem Schragen läge … Ach so!« rief er plötzlich verständnisvoll und lachte laut, was ihm augenscheinlich große Schmerzen bereitete. »Ihr habt natürlich auch von dem Unsinn gehört … von meiner Akke … wenn ich nur den Hund hätte, der meinen Schatz verunglimpft. Mensch, Edlef, sieh. – Da steckt ihr Ring, und da auf der Brust liegt ihr feiner Brief: ›Ich bin deine Braut Akke‹. – Morgen um zwei Uhr! Da fangen wir mit Kaffeepunsch an. Ohm Rickert kommt mit!

Ich laß es der alten Stine Diedrichsen sagen, vielleicht kommt’s noch zu einem Verspruch zwischen euch beiden.« Peder Claußen lachte ausgiebig trotz der Schmerzen.

»Sorg du, Peder, daß es zu deinem kommt«, knurrte der Alte.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, meinte Edlef zögernd und hielt die heiße Hand des Kranken fest, – »ich hab’s für gewiß gehört, daß …«

»Und ich hab sie mit dem Hamburger abziehen sehen«, rief Ohm Rickert barsch.

»Der gute, dicke Hamburger!« lachte Peder Claußen.

»Ja, er ist abgereist. Die Akke konnt die Zeit nicht erwarten, bis er weg war. Er hatte es hellschen hilde mit meinem Schatz. Wenn ich dran denk, muß ich mich totlachen … Au!«

»Lach nich, mein Peder«, sagte seine Mutter, die mit Umschlägen und heißem Tee hereinkam. »Und wenn du morgen noch die Hitze hast, laß ich dein Akke herkommen. In dem Wind gehst mir nicht zur Schulwarf.«

»Mutter, warst du mal jung?« scherzte Peder. »Ich bin gesund, wenn ich mein Akke wiederseh.«

»Denn is ja allens in Ordnung«, krähte Ohm Rickert.

»Dann schwitz du dich man zurecht. Aber schwitz dich nicht deinen Verstand weg. Den kannst du morgen brauchen …«

Edlef zog ihn rasch mit hinaus und sie hörten noch das frohe, heisere Lachen des Kranken hinter sich her.

»Siehst du, Edlef«, sagte draußen der Alte. »Da heißt’s immer auf der Hallig: ›Inbillung is döller as Pestilenz‹, aber ich mein, für den Peder, das arme Suppenhuhn, is sie wohltätig.«

»Ja, bis morgen«, knirschte Edlef. »Aber dann?«

Und nun sprachen sie gar nichts mehr. Durch den Sturm kämpfte das ungleiche Paar sich schweigsam heim, bis der dunkle Mutterhof sie wieder mit seiner großen Ruhe umfing.

Es war wenige Tage vor Weihnachten.

An der Postfähre auf der Okkenswarf stand Lehrer Manne Wögens und wartete auf ein Paket, das ihm wichtige Bücher bringen sollte. Die wollte er sich selbst abholen und dabei gleich dem Postagenten die Tagszeit bieten. Das Segelboot des Postschiffers, das schon lange mit hohem Seegang kämpfend vor der Anlegestelle gekreuzt hatte, lag nun am Steg.

Der Halligbriefträger half die Postsachen ordnen, und ein junges, hochgewachsenes Mädchen in städtischer Kleidung dirigierte halb lachend, halb scheltend ein paar Knaben, die immer ein Bündel fallen ließen, wenn sie das andere aufhoben.

»Klüger seid ihr auch nicht geworden seit meinem letzten Hiersein«, hörte Manne Wögens sie sagen. »Rasch, rasch, nehmt endlich die Sachen ordentlich zusammen und dann ›auf nach Valencia!‹«

»So weit kann ich Ihnen allerdings nicht folgen, Fräulein Nomine Holgers«, lachte Manne Wögens und zog die Mütze. »Aber bis zum Mutterhof helfe ich Ihnen tragen. Wenn ich leider auch nicht klüger geworden bin seit Ihrem letzten Hiersein.«

Sie gab ihm die Hand und nickte ihm zu.

»Herr Wögens, guten Tag! Und guten Abend und guten Morgen! Sehen Sie nur, wie unsagbar dumm mich die Jungs angucken. Es sind hoffentlich nicht die Begabtesten in Ihrer Schule.«

»Wo denken Sie hin,« wehrte der Lehrer. »Mensch, Fite Groth, du stehst wohl hier als Reklameschild für die Dämlichkeit? Warum guckst du das Fräulein so an?«

»Weil – weil,« stotterte der Junge, »weil sie Onnen Holgers Swester is. De seggt immer: Oha, wenn doch einmal mien Schwester käm.«

»Jung, nun mußt du ’n Groschen haben«, rief Nomine Holgers und zog die Börse. »Das war ein schöner Willkommsspruch. Ach, Manne Wögens, am meisten von allen Menschen freu ich mich auf meinen lütten Onnen.«

Lehrer Wögens sah sie fragend an.

»Nun freilich,« lachte sie, »ich freu mich auch auf Edlef, auf die Ahne, auf Mutter, auf alle im Mutterhof, – ach, und auf die Nordsee! Auf das Segeln! Auf die Bonnestave, auf Schafe und Kühe …«

»Igittigitt, Fräulein Nomine, wann komme endlich ich dran? Damit ich sagen kann: ›Nennt man die besten Namen, so wird der meine auch genannt‹. Also – komme ich vor oder nach den Kühen und Schafen?«

»Gar nicht kommen Sie«, rief Nomine, – streckte ihm noch einmal die Hand hin und schüttelte sie herzhaft.

»Sehn Sie, das längliche Paket dort, das der andere Junge wie ein Gewehr schultert, das ist ein Tannenbaum. Tannenbaum und Heimat! Riecht das nicht gleich wie Wachslichtchen und Klaben? Mensch, Fite, Mensch, Fite«, unterbrach sie sich laut rufend. »Vorsicht, Vorsicht! Der Bengel trägt meine Bücher und Notizen und tänzelt auf dem Steg über den Priel, als wollt er mein Heiligtum im nächsten Augenblick ersäufen.«

»Ihr Heiligtum?« fragte ernst Manne Wögens. »Ich dachte, das sei die Heimat. Sind’s also doch die Bücher?«

Nomine biß sich auf die Lippen. »Keine Wortklauberei, Herr Wögens. Eins braucht ja das andere nicht auszuschließen. Um mal auf ganz etwas anderes zu kommen: Werde ich Sie Weihnachten im Mutterhof sehen? Wie früher, als Sie mit Edlef unzertrennlich waren und mich, so oft Sie konnten, verprügelten?«

»Weil Sie mit Geschick und vollendeter Tücke mir und Ihren Geschwistern das Süße aufaßen. – Den bunten Teller. Und es nie leugneten. Sondern sich mit Geschrei selbst anklagten. Aber doch nie eher, als bis Sie Leibweh hatten. Gott, was waren Sie für ein greuliches Mädchen!«

»Ich danke, Manne Wögens. Das genügt für’n Schaltjahr. Sie haben mir aber noch nicht geantwortet. Reisen Sie fort? Etwa zu Maren? Oder kommen Sie Weihnachten zu uns?«

»Es geht doch nichts über schreibfaule Leute«, meinte der Lehrer. »Sie wissen also gar nichts über die gewaltigen Ereignisse im Mutterhof und – im Schulhaus?«

»Und die wären?«

»Meine Schwester Maren ist Edlefs Braut …«

Nomine lachte glücklich. »Aber das ist ja eine Freude, eine Riesenfreude! Die feine, süße Maren! Und mein stattlicher Edlefbruder! Der hat mich sicher überraschen wollen unterm Tannenbaum. Nun, ich bin auch tüchtig überrascht. Ich dummes Ding meinte immer, die Akke Luersen …«

»St!« Er wehrte mit der Hand. »Gar nicht denken soll Nomine Holgers an diese Frau und den Namen nicht aussprechen. Bruder Edlef ist auf Umwegen zu dem Kleinen und Feinen gekommen, – aber ein Umweg ist auch ein Weg.«

»Ich frage gar nicht, ob sie glücklich sind«, sagte Nomine, – »mit Maren muß man es sein.«

»Warum sagen Sie nicht ›mit Edlef‹?«

Sie runzelte die Stirn. »Weil er ein Holgers ist. Die Holgers sind alle ungebärdig und hoffärtig.«

»Ja, das sind sie«, bestätigte Manne Wögens und sah sie so eindringlich an, daß sie errötete. –

Nun gingen sie stumm eine ganze Weile.

»Ach,« seufzte Nomine plötzlich auf, »so ganz richtig ist die Heimat heut doch nicht.«

»Und was fehlt?«

»Manne Wögens erzählt keine Märchen mehr, wenn er mit mir über die Hallig wandert.«

»Nein, das tut er nicht.«

»Und warum nicht?«

»Weil Nomine Holgers kein Kind mehr ist.«

»Sie ist doch aber ein Kind ihrer Heimat … und sie hungert nach Märchen. Draußen in der Fremde ist alles Wirklichkeit. Und die ist so kalt …«

»Wirklichkeit? Da draußen heiratet also jede Gänsemagd ihren Königsohn? Oder besser, jeder Schweinehirt seine Prinzessin?«

»In diesen Kreisen hab ich keinen Zutritt«, lächelte sie. »Item, – ich hungere nach Märchen …«

»Eigentlich müßt ich als Lehrer sagen: ›Nomine Holgers, du bist eigensinnig, stell dich in die Ecke.‹«

»Ich will aber nicht. Ich will mein Märchen.«

»So ein Unart! – Also, dann man to. Passen Sie gut auf. – Es waren einmal drei Kinder. Zwei große Jungen und ein kleines, süßes, feines Mädchen …«

»Ein eigensinniger Unart!«

»Ja, manchmal.«

»Nein, immer.«

»Nicht unterbrechen, Fräulein Nomine. Oder wollen Sie die Geschichte erzählen?«

»Nein, – – dann würde sie ganz anders enden, als bei Manne Wögens.«

»Wie die Märchen wirklich enden, das weiß kein Mensch. In Büchern steht: ›Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch.‹ Aber ob sie gestorben sind oder wie sie weiter leben, das erfährt man nicht.«

»Weiter, Manne Wögens, philosophieren wollen wir ein andermal, wenn ich nicht so froh bin, wie heute.« –

»Ja, also diese drei glücklichen Menschenkinder liefen auf der Hallig herum, die ihnen ganz zu eigen gehörte. So voll Phantasie waren sie. – Und sie hießen …«

»Ach – Name ist Schall und Rauch, lassen wir sie doch namenlos.«

»Mitnichten. Als Lehrer bin ich für Gründlichkeit. Sie hießen also Nomine, Edlef und Manne.«

»Ja. Und die freundlich Zuerstgenannte war die Unterdrückte. Sie mußte immer das tun, was die anderen wollten.«

»Das ist nun wirklich ein Märchen und höchst unglaubwürdig. Da lach ik öwer. Sagen wir lieber, sie fügte sich manchmal, wenn zufällig die Vernunft in ihren Kram paßte.«

»Manne Wögens, Sie erzählen sehr harte Märchen …«

»Ich bin ja auch keine Mutter, Fräulein Nomine. ›Ein Vater lernt die Märchen aus einem Buch, einer Mutter erzählt sie der liebe Gott selbst.‹«

Nomine Holgers ging sinnend. »Ach ja,« seufzte sie dann, »wie konnte Mutter Wögens Märchen erzählen! Da lag die ganze Süße der Heimat drin. Aber der Sohn …«

»Dem haben Sie die Süßigkeiten aufgegessen …«, sagte der Lehrer schroff.

Nomine sah ihn zornig an.

»Ich wußte nicht, daß ›bunte Teller‹ unersetzlich sind.«

»Ja, sie sind unersetzlich. – Aber nun weiter mit dem Märchen. Die drei Kinder hatten sich trotz vieler Unstimmigkeiten und Reibereien lieb. Wohlgemerkt: die Kinder. Aber leider wurden aus ihnen Leute.«

»Da irren Sie, Wögens, ich meine: Aus ihnen wurden Menschen.«

»Wenn Sie dies Hochmütchen sticht, Fräulein Nomine, ich bin’s zufrieden. Also Menschen! Der Bruder Edlef und der Freund Manne wurden beide Schweinehirten … Oder stört Sie das? Kann ja auch Schaf- oder Kuhhirten sagen.«

»Das tut nichts zur Sache. Mir ist Schweinehirt die höchste Poesie durch Krischan Andersen.«

»Das ist schön. Mir auch. Aber nun kommt die Tragik. Das kleine, holde Mädchen hätte auch Schweinehirtin sein können, aber sie zog es vor – Prinzessin zu werden.«

»Wo liegt da die Tragik, Manne Wögens?«

»Darin, daß die Prinzessin nicht weiß, was sie dadurch verloren hat. Die Heimat schlechthin.«

»Das ist ein Irrtum. – Wohl hält mich die Universität mit stärksten Banden, aber ich trinke meine Heimat mit vollen Zügen, wenn ich einmal hier bin.«

»Wenn …! Lassen wir’s gut sein. Das Märchen ist aus. Hie Schweinehirt, hie Prinzessin! Die salzen See dazwischen und eine Welt von Vorurteilen … Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch. –«

Sie gingen schweigend. Die Knaben mit dem Gepäck sprangen über die Wiesen, sie suchten sich den nächsten Pfad. Nomine und ihr Begleiter waren allein mit sich und ihren Gedanken.

Das Mädchen brach das Schweigen zuerst. »Nach dem, wie wir so wundervoll stumm nebeneinander hergehen können, sind wir die besten Freunde.«

»Nein, das sind wir nicht.«

Sie sah ihn finster an. »Der Schweinehirt kann sehr grob werden«, rief sie gereizt.

»Der Schweinehirt ist gar nicht mehr da. Er ist in sein Königreich gegangen und hat die Tür hinter sich zugemacht.«

»Da konnt die Prinzessin singen: Ach, du lieber Augustin, alles ist hin. Meinen Sie, Manne Wögens?«

»So sagt der Dichter Andersen. Ich aber sage: Das Märchen ist aus. –«

»Nun, so erzählen Sie mir Tatsachen. Wie geht es zu Hause? Was treiben die Nachbarn? Die erste, die ich aufsuchen will, ist – Tanten Frauke. Lachen Sie mich nicht aus. Ich möchte allen Ernstes diesen alten Baum noch verpflanzen. Indem ich Tanten Frauke bitte, mit mir nach Kiel überzusiedeln. Dort soll sie wieder leben lernen, nachdem sie so lange vegetiert hat. –«

Er sah sie tiefernst an. »Dies Vegetieren hat schon Ihr Bruder Edlef aufgehoben. Er hat Tanten Frauke einen Ehrenplatz im Mutterhof gegeben … Ihr gerühmtes Studium hat Ihnen den Gedanken an eine seelisch schwer Leidende ausgelöscht. – Vier Jahre früher hätten Sie den Baum verpflanzen sollen, aber Sie dachten nur an sich. –«

Sie warf den Kopf zurück. »Hätte ich nicht so großen Respekt vor Ihnen, Manne Wögens, würde ich sagen: ›Sie sind ein ganz unausstehlicher Schulmeister.‹«

Er verbeugte sich. – »Sieh, sieh! Also doch Respekt! Vor meinem Alter?«

Freimütig sah sie ihn an. »Ach nein, das lohnt wohl nicht. Aber vor Ihrer Bodenständigkeit. Freiwillig auf der Hallig zu bleiben, bei Ihren Kenntnissen, – bei Ihrem Hunger und Durst … Ich kann mir nicht denken, daß Sie genügsam geworden sind.«

»Bitte, darüber wollen wir beide nicht sprechen … Wen wollten Sie sonst noch besuchen?«

»Peder Claußen und seine Mutter. Er hat mich immer so schön verteidigt mit Nägeln und Zähnen, wenn Sie mich peinigten. –«

»Über Peder Claußen ist fressendes Leid gekommen«, sagte Manne ernst. »Wie über manchen andern … Aber Peder Claußen kann’s nicht umwerten in Segen. Er stirbt daran.«

»An einer Liebe?« fragte Nomine lebhaft.

»Ja, – er ist grenzenlos altmodisch, arm Peder! ›Das Suppenhuhn‹ nennt ihn Ohm Rickert, der oft den Nagel auf den Kopf trifft. Suppenhühner sind altmodisch. Gebratene Hähnchen sind modern.«

»Was Sie für Unsinn schwatzen, Manne Wögens.«

Er antwortete nicht, er rannte plötzlich ohne Umsehen, ohne Aufhalten den Deich hinunter an den Strand.

Was hat er nur? Was tut er da? fragte sich Nomine. Ihre etwas kurzsichtigen Augen konnten nichts erkennen, und so schritt das Mädchen tüchtig aus. In tiefen Gedanken war sie. Heimat! Heimat! Wunderliche Heimat!

Da keuchte es hinter ihr her.

Und der Wind trug ihr ihren Namen zu: Nomine! Nomine!

Sie sah bang und verständnislos in Manne Wögens furchtbar verstörtes Gesicht.

Er nahm ihre Hände und atmete schwer. »Sie wollten doch zu Peder Claußen? Fragen, wie es ihm ginge? Gut geht es ihm, Nomine Holgers. Sehr gut! Drunten liegt er. Die See hat ihn angespült. Sehen Sie das Bündel? Das ist übriggeblieben von einem frischen, frohen, tüchtigen Kerl. Herrgott, Herrgott!«

Sie stand erschüttert. »Wie ist das möglich?« stammelte sie. »Er war solch großer, festgefügter Friese.«

Manne Wögens reckte seine eigene hohe Gestalt und lachte bitter.

»Ja, Nomine, – so etwas bringt die Stärksten herunter.«

Dann wandte er sich und lief denselben Weg zurück und ließ das Mädchen stehen. Und Nomine hob das Gepäck auf, das er ihr bis hierher getragen. – Sie stand und schaute angestrengt, und sah nach einer ganzen Weile, wie er mit einer schweren Last auf Armen und Schultern wuchtig und langsam der Königswarf zustrebte. Da senkte sie den Kopf tief auf die Brust und sah nichts mehr von der grünen Heimat.

Der Tod war ihr begegnet und hatte sie ernst gegrüßt. Erschüttert und müde schritt sie nach dem Mutterhof.

Pastor Ephraim Licht saß in seiner Studierstube. In seinen guten, hellen, blauen Augen spiegelte sich die ganze Predigt wider, die er am Sonntag seinen Leuten zu halten gedachte. Seine runde, springlebendige Frau quirlte um ihn herum. Sie wischte den Staub vom »Kannrückchen«, das aus der gewohnten Thüringer Waldeinsamkeit noch sehr fremd auf die brausende Nordsee hinaus schaute. Und sie beugte sich im nächsten Augenblick über eine alte »Erfurter Lade«.

Und als der geistliche Eheherr den sinnenden Blick nicht vom Deich draußen fortwandte, seufzte sie auf. Wurde ordentlich kribbelig und wischte immer rascher an den Möbeln herum und stäubte schließlich den ganzen Pastor mit dem Wedel ab.

»Ei, ei, Luischen, – das ist mir doch zu arg«, wehrte er gutmütig. »Ist denn das nötig bei mir?«

Sie bedachte sich einen Augenblick, wobei der Humor in all ihren Grübchen spielte. Dann wurde sie kriegerisch.

»Jawohl, das ist nötig, Ephraim«, trumpfte sie auf. »Über und über bist du verstaubt.«

»Luischen! – ich werde dich wohl hinauswerfen müssen, mein Liebes, du weißt, meine Predigt …«

»Ephraim, der liebe Gott schreit einem auch die Wahrheit in die Ohren, und kümmert sich den Kuckuck drum, ob grad jemand seine Predigt macht …«

»Luischen, Luischen, geh nicht mit dir selber durch. Diese Ausdrücke! Du bist doch eine Pfarrfrau! Und dieser Hochmut, Luischen! Willst du dich mit dem lieben Herrgott vergleichen?«

»Ephraim, jetzt kommst du mir vom Thema ab. Ich sag, du bist verstaubt. Und ein verstaubter Pfarrer ist wie ein Ofen, der nicht brennt, oder wie eine Mutter, die lieblos ist, oder auch wie ein blinder Spiegel. Ephraim, du heißest Licht und leuchtest nicht …«

»Potztausend, Luischen, du gehst ins Geschirr. Laß mir nur meinen ehrlichen Namen in Ruhe, der auch der deine ist. Hier kommt’s nicht auf die ›lieblose Mutter‹ oder den ›blinden Spiegel‹ oder den ›kalten Ofen‹ an. Wenn auch deine Vergleiche ganz nett sind, Luischen … du hast Phantasie, Luischen …«

»Siehst du, wie du dich verhedderst, Ephraim? Ach, ich möchte mit Menschen- und Engelszungen reden …«

»Das tust du ja, Luischen. Und hast noch die ›Liebe‹ dazu. Das ist selten beisammen. Aber hier in diesem Einzelfalle handelt es sich nicht um schöne Reden, sondern um das strenge Respektieren einer Tradition, die den Halligleuten heilig ist.«

»Sprich doch deutsch, Ephraim. Immer, wenn du nicht ganz fest im Sattel sitzst, gebrauchst du Fremdwörter. Und heilig? Wie kann Unheiliges heilig sein?«

»Luischen, nun muß ich gleich böse werden. Ich bitte dich um tausend Gotteswillen, geh hinaus.«

Da setzte sich die kleine Frau Pastorin ganz fest in den Lehnstuhl am Fenster und fing an bitterlich zu weinen.

»Da sind doch noch andere Leute auf der Hallig,« klagte sie, »gebildete Leute, Leute mit Herz und Gemüt. Ach, sie werden sagen: Dies Thüringer Land muß noch ganz dunkel sein, sonst könnte von dorther nicht so’n verbohrter Pfarrer kommen …«

Nun stand Pastor Licht ruhig auf, zog seine Gattin sanft aus dem Stuhl hoch und führte die Weinende fort. »Siehst du, Luischen, nun muß ich dich doch an die Luft setzen. So geht es jedesmal. Wann wirst du aufhören, mich in meiner Amtsstube zu beleidigen?«

Er schaute noch ein Weilchen schalkhaft hinter ihr drein und setzte sich dann mit wehmütigem Lächeln wieder an seinen Arbeitstisch. »So, – also da geht’s schon los«, meinte er mit grimmigem Humor, als draußen energisch geklopft wurde.

»Herein!!!«

»Herr Pastor,« sagte da Edlef Holgers, »ich weiß, es ist nicht recht, daß ich so eindringe …«

»Menschenskinder,« rief Pastor Licht, »wenn ihr doch wißt, daß es nicht recht ist, warum tut ihr’s denn nur? Na nun kommen Sie man. Närrische Kerle seid ihr alle …«

»Herr Pastor, – mein alter Freund Peder Claußen soll morgen beerdigt werden, und nun sagt man …«

»Daß ich ihn außerhalb des Mäuerchens betten will, weil er ein Selbstmörder ist. Ja, Holgers, da sagt man ganz recht.«

»Herr Pastor …!!!«

»Mein lieber Freund, ich bin nicht nur für euch junge Heißsporne hier, sondern in erster Linie für die alten Leute. Ihr Jungen holt euch mal hier, mal dort euern Trost und Halt. In die Kirche kommt ihr selten. Der Pastor ist für euch ’n notwendiges Übel oder mal ’ne ganz nette Dekoration. Ja, ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. – Ich meine ja auch nicht gerade euch vom ›Mutterhof‹. Das ist ja ein rechtes und echtes Friesenhaus und Vorbild. Und ich brauche wohl kaum zu fragen: Wie stehn Ahne und Mutter zu der Sache? Und Tanten Frauke? Und Ohm Rickert? Doch sicher auf meiner Seite?«

»Ja. Alle! Ich bin ganz irre an der Ahne geworden. An allen.«

»Nicht doch! Nicht doch! Überlieferungen sind stärker als eigene Gedanken. Man löckt nicht ungestraft wider den Stachel. Und wenn ein Halligpfarrer nicht als Felsen dasteht, wie soll er eine Sturmflut überdauern???«

»Herr Pastor – – ich meine, wenn der liebe Gott will, so stürzt er auch den Felsen …«

Pfarrer Licht fuhr auf. »Was hat denn der liebe Gott mit der ganzen Sache zu tun?« rief er ärgerlich. Aber er schlug sich gleich darauf selbst auf den Mund. Wenn Luischen das gehört hätte!

»Mein lieber Holgers, – der Herrgott fragt nicht nach ›Mäuerchen‹ und dem ›ehrlichen‹ oder ›unehrlichen‹ Grab. Er sammelt sie alle am Jüngsten Tag. Und vielleicht sagt er zum Selbstmörder: ›Ei du frommer und getreuer Knecht‹ und zum Pastoren: ›Hebe dich weg von mir‹. Aber Freund Holgers, – es ist ein Ärgernis. Ein Pastor soll kein Ärgernis geben. Sonst winkt ihm der Mühlstein. Wenn ich Peder Claußen nicht als Selbstmörder einsenke, so gehen vier junge Leute vielleicht befriedigt vom Kirchhof, und einhundertsechsundzwanzig Seelen wenden sich von mir ab. Und hadern und bleiben ohne Trost. Und wenn ich abgesägt werde? Wen kriegt ihr her? Ich hab mich freiwillig hierher gemeldet. Weil ich euch lieb habe.«

»Und die Mutter? Herr Pastor, die Mutter von Peder Claußen?« fragte Edlef ganz leise und dringlich. »Die hatte nichts als den einen Jungen. Nicht eine einzige ungute Stunde hat sie von ihm gehabt. Er war der bravste Sohn auf unserer Insel. Das faßt ja ihr Herz gar nicht, daß der gefemt werden soll.«

Der Pfarrer rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

»Jetzt kommen Sie mit grobem Geschütz, Holgers, – die Mutter, ja – – – sie soll ja den Sohn noch über den Herrgott gestellt haben, – sie wird nun wohl sehr leiden. Mich hat sie gar nicht beachtet, da ich als verordneter Diener unserer Kirche sie besuchte. – Sie hat mir auf alle Fragen nicht geantwortet …«

»Herr Pastor, sie ist aus den Fugen«, sagte Edlef schwer.

»Und Sie meinen, Holgers, ein sogenanntes ehrliches Begräbnis würde sie wieder zusammenkitten?«

»Ja, Herr Pastor, das ist meine Meinung.«

Pastor Licht schaute wieder mit dem sinnenden Blick nach der See: »Und Christus sprach: ›Weib, siehe dies ist dein Sohn, Sohn siehe, dies ist deine Mutter …‹ Lieber Holgers – – ich möchte allein sein …«

Edlef ging rasch hinaus und Pastor Licht riegelte die Tür hinter ihm ab. –

In der offenen Küche stand die Pastorin. Ihr rundes, liebes Gesicht trug noch die Tränenspuren.

»Hat er Sie auch herausgeworfen, Herr Holgers?« fragte sie dringlich. Und auf Edlefs energisches Kopfschütteln: »Ach, Sie dürfens gern sagen. So ein Mann, so ein Mann ist mein Mann! Die helle, lichte Güte selbst, Herr Holgers, niemand kennt ihn ja wie ich. Keiner Fliege tut er was zuleid, – ach, was sag ich, – zulieb würde er ihr was tun. Aber schroff, schroff ist er, Herr Holgers, und obsternatsch und eigensinnig und verbohrt in seine dämlichen Ansichten … Ei der Tausend, was sag ich da wieder … Kommen Sie in die Küche, Herr Holgers. Das Leben ist wahrlich schwer. Essen Sie ein paar braune Kuchen. Hier, sie sind noch knackenhart. Und ›Jungbursch hat Jungzahn‹ heißt’s im Sprichwort.«

Und so nötigte ihn die Frau Pastorin an den Küchentisch und präsentierte ihm das leckere Weihnachtsgebäck.

Und Edlef nahm und aß und erzählte von der Mutter Claußen. Und das mitleidige, warme Herz der Pastorin wollte schier aus der Brust heraushüpfen und weiter über die Schwelle des Pfarrhauses nach der Königswarf hin zur armen Mutter. Daneben aber reichte sie ihrem Gast einen braunen Kuchen nach dem andern, auch wenn er noch so sehr wehrte. Und schusselte in der blitzblanken, großen Küche herum und schalt und liebkoste abwechselnd ihren Eheherrn ganz laut, aber ohne daß es ihm zu Ohren kam. Die beiden Taschen voll brauner Kuchen zog Edlef schier verlegen ab. Und immer wieder steckte sie ihm noch etwas ein, und die tränenblanken Augen sahen ihn gütig und mütterlich an.

Der Sturm draußen warf Edlef Holgers beinahe gegen den großen Grabstein von Anno 1517, der an der Kirche lehnte. Tief drückte er seine Mütze ins Gesicht. Dann sprang er mit großen Sätzen über ein paar eingefallene Gräber nach dem Zaun hin.

»Mudder Claußen, wat makt ji hier?«

Die Frau hatte sich tief zur Erde gebeugt. Ein Schluchzen schüttelte ihre hagere Gestalt.

»Hier wüllt se em henleggen,« stöhnte sie, »– hier. Un sin Vadder, de liggt in Husum unnern groten, witten Steen, mitten unner de Honneratschoren, un hedd sik doch sin Lebdag ni um Wiw und Kind kümmert. So is de Welt. So richt de Welt! O du min arm Peder! Min goden Jung!«

Beide Hände legte sie auf den kalten Boden, als wolle sie das verfemte Fleckchen Erde wärmen und segnen.

Grimmes Mitleid schüttelte Edlef Holgers. »Kommt, Mutter Claußen«, sagte er. »Up dit Flag verküllt Ji jug blot.« Er half ihr in die Höhe und nahm die Widerstrebende mit sich fort. Gute Worte sprach er zu ihr und erzählte von Peder Claußens Kinderjahren und Dummjungsstreichen und wurde beredt, wie er es niemals gewesen war. So ward der Weg zur Königswarf ganz kurz und zuletzt schier fröhlich. Denn immer neue, schöne Züge und gute Besonderheiten entdeckte Edlef an dem toten Schulkameraden, also daß seine Mutter die ätzenden Tränen trocknete und voll Trost in das öde Heim zurückkehrte. –

Am andern Morgen waren sie schon um acht Uhr bei Mutter Claußen versammelt. Keiner der Halligleute wußte recht, wie der Nachbar hingekommen war. Nur daß er selbst einer dringenden Botschaft folgte, war ihm klar. –

Die Frauen waren diesmal daheim geblieben, denn Neugierde ist keine Untugend der Halligbewohner. Nur Maren Wögens und Nomine Holgers standen Mutter Claußen zur Seite.

Die alte Frau weinte nicht. Sie hielt die zitternden Hände gefaltet und schaute geradeaus. – Nicht auf den Sarg, den man schon geschlossen hatte. Es war, als höre sie nicht auf das, was die Nachbarn an Trostworten ihr zuraunten, sie horchte auf irgend etwas, das von draußen kommen sollte, und in ihren bangen Augen standen Fragen, die einer herben Antwort gewärtig waren. – Die alte Kastenuhr tat nun schrille Schläge, und der Totengräber Hinrichsen ermunterte ein paar große starke Schuljungen, den Sarg mit ihm anzufassen. Da kam ein Ächzen aus Mutter Claußens Brust.

Und Maren Holgers legte ihren Arm schützend um sie. Aber gleich darauf stand die Wankende wieder aufrecht. Ihr Kopf wandte sich zur Tür, die gefalteten Hände lösten sich und streckten sich aus. Pastor Licht erschien in der Tür. An ihm vorbei drängte sich seine gute, kleine, geschäftige Frau. Sie tründelte zur trauernden Mutter hinüber und umfaßte sie, und grüßte rechts und links mit den hellen, gütigen Augen. Es war fast, als käme sie zu einem frohen Fest, und das war diese Stunde auch beinahe für sie.

Die Halligmänner sahen sich an. Wollte dieser Thüringer Pastor Neuerungen einführen? Und wollte er sie heute überrumpeln? Dafür waren sie nicht zu haben. Aber in der behenden Geschäftigkeit der Pastorin ging das Murren und Murmeln unter, das schon drohend aufgestanden war.

»Liebe Männer von unserer Hallig,« hub der Pastor an, und seine Stimme klang mild und fest zugleich, – »hier wartet ein Mitchrist, daß wir ihn zur ewigen Ruhe tragen. Viele von euch haben erwartet, daß ich in meiner Stube bleiben würde. Ich hätte es auch getan, denn ich wollte eine althergebrachte Sitte nicht umstoßen. Aber da wurde ich von jemand daran erinnert, daß außer dem Toten, der die Strafe ja nicht mehr fühlt, noch ein lebendiges Mutterherz neben dem Sarg sich quält. Das möchte wohl so stark sein, daß es den lieben Sohn ganz allein nach dem Friedhof trage, und so fromm ist es auch, daß es wohl den Segen tausendmal sprechen könnte. Aber das Mutterherz hat diese ganze Angelegenheit in eure Hände gelegt, ihr lieben Gemeindeglieder. Und so sage ich euch: ›Der Gottesacker dadraußen heißt Friedhof und nicht Striedhof.‹ Und zweitens: ›Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.‹ Und drittens: ›Wer sich rein fühlt von Schuld, der werfe den ersten Stein auf den Toten.‹ Ich werde jetzt hinausgehen und mich mit meinem Gott bereden und zurückgehen zur Kirchwarf. Beredet auch ihr euch untereinander und laßt Gott mit darein reden. Und schaut mir fleißig die Mutter an. Das soll mir ein Zeichen sein: Wenn ehrenfeste Halligleute mir den Toten getragen bringen, so will ich sie empfangen und Peder Claußen soll unter euern verstorbenen Lieben auf dem Friedhof ruhen. Hebt ihr ihn aber drunten auf den schmalen, kleinen Wagen und laßt ihn einzig vom Totengräber und seinen Gehilfen geleiten, so will ich der Überlieferung Rechnung tragen und still im Kämmerlein bleiben. Gott aber wird am Jüngsten Tage unsere Herzen wiegen und auch Peder Claußens Herz, der ein gehorsamer Sohn, ein guter Nachbar, ein fleißiger Halligbauer und ein treuer Freund war. Wehe uns dann, wenn unsere Herzen leichter befunden werden als das seine. – Gehabt euch wohl!«

Pastor Licht stellte sich noch einen Augenblick zu Mutter Claußen, die den Kopf tief geneigt hatte und strich ihr sacht über den grauen Scheitel.

Dann nahm er das weinende Frau Luischen bei der Hand und verließ die Stube. –

Da schritt Edlef Holgers zum Sarg und ergriff eine Handhabe. Sein Auge grüßte den Halligschulmeister Manne Wögens, der denselben Schritt getan und nun neben ihm stand.

Nomine Holgers und Maren Wögens stellten sich in raschem Entschluß neben ihre Brüder.

»Dat is nich Deernssach’«, wehrte ihnen Tede Luersen, der Vater von Akke. Und er trat an die Stelle der beiden, wischte sich den Schweiß vom Gesicht und murmelte: »Ik heww wat god to maken.«

Zwei Bauern verließen die Stube. Der eine rückte den Hut und sagte: »Nix för ungut, – ik kann dat nich min Öllern wegen.«

Und der zweite murrte: »Nimodsche Art paßt nich to Halligart.«

Dafür stellte sich aber der Gemeindevorsteher sehr entschlossen an den Sarg: »De Paster hett recht.«

Noch ein paar folgten mürrisch oder verlegen den beiden Männern, die auf ihre Warfen zurückkehrten, aber es waren genug Träger aus den Reihen der angesehensten Halligbauern vorhanden, auch zum Abwechseln bei dem langen Weg und der schweren Last. –

Mutter Claußen schritt zu jedem einzelnen.

»Gott lohn’s in der Ewigkeit!« schluchzte sie. »Gott lohn’s!«

Und viele meinten bei sich, sie hätten schon schlechtere Leute getragen als diesen Sohn einer solchen Mutter.

»In Gottes Namen«, rief laut Manne Wögens. Da hoben sie den Sarg und trugen ihn langsam und schwer den Deich entlang und schritten mühselig über den Priel zur Kirchwarf.

Und wenn auch die Glocken schwiegen, so donnerte doch die Nordsee gegen den Deich, und der Sturm sang sein ernstes Lied wie einen brausenden Choral.

Pastor Licht empfing den Zug am alten Glockenstuhl, der unterhalb der Kirche aufragt. Und er schritt dem Sarg voran und sprach kurze, markige Worte über der offenen Gruft. Ein Leuchten lag auf seinem Gesicht, weil er sich der Ehre freute, ein Hallighirte zu sein. –

Der Mutterhof rüstete sich zum Weihnachtsfest.

Nun stritten in ihm die verschiedensten Gerüche um die Oberhand.

Ohm Rickert ging mit krummem Kreuz ducknackig umher und schaute scheu um sich, als käme aus irgendeiner Ecke ein voller Scheuereimer gegen ihn geflogen, um ihn zu verjagen.

Er meinte, es röche überhaupt nur nach »Kernseep« und »gräune Smeerseep«.

»Wozu die viele Reinlichkeit bei das büschen Hochzeitmachen?« fragte er unwirsch.

»Es ist nicht nur büschen Hochzeit, – es ist auch Heiligweihnacht«, meinte Klein-Karen ernsthaft. Und die Kinder fanden, daß es nur nach Wachslichtchen, nach Tannenbaum und Klaben dufte.

Die Ahne sah mit ihren hellen, scharfen Augen schief nach Ohm Rickert hin und bemerkte anzüglich, daß es wohl nach alten, vertrockneten Junggesellen röche, und die sollten sich »man bei klein’« aus dem Staube machen und sich hinterm Deich auslüften, da, wo der Sturm am ärgsten bliese.

Darauf Ohm Rickert wieder gemütlich krähend: »Weet de Düwel, ick bün gor ni vertrocknet. Ik schese noch den irsten Danz mit de Brud. Ne feine Polka. Un sing dortau:

Bonnestabe, Bonnestabe Blüht auf Junggesellengrabe, Aber wo Jungfräulein ruht, Blüht ’ne Rose, rot wie Blut.«

»Ja, deine Choräle kennt man schon«, brummte die Ahne, und dann jagte sie Onnen und Karen hinaus, sie sollten einen Schneemann bauen, anstatt immer »vor den Füßen zu laufen«.

Es war »hilde Zeit«. Weihnachten und Hochzeit. Man hatte alle Hände voll zu tun und alle Köpfe voll Wichtigkeiten. – Und mit Edlef war nicht mehr zu »rechnen«. Dem schlug die Liebe über Kopf und Kragen. Die Ahne seufzte tief auf. Aber dann verklärte sich ihr Gesicht wie von einem innern Leuchten. Es war ja wohl gut, daß einmal die »Liebe« wieder über die Schwelle des Mutterhofes schritt. »Rechtschaffenheit und ehrbar Wesen« freilich, die hatten immer Hüsung gehabt in dem stattlichen Bau. Aber Liebe? Die paßte nach Meinung der Ahne besser in die Stadt, wo die Leute »nichts anderes zu tun haben«. Sie selbst, Gesine, geb. Christiansen, hatte eine Vernunftehe mit dem raschen, arbeitswütigen, jähzornigen Holgers geschlossen, der ihr eigenes, durch Krankheit der Eltern heruntergekommenes Gewese sachgemäß bewirtschaftete und mit dem Mutterhof vereinigte. Damals war noch nicht allgemeiner Wohlstand auf der Hallig, damals war der Halligspruch bittere Wahrheit, der über manch einer Tür stand:

»Nadel und Schere sind es nicht, Pfriemen und Hobel kennt man nicht, Pflug und Egge braucht man nicht, Manna fällt vom Himmel nicht. Wären die lieben Schafe nicht, Man hätt’ fürwahr das Leben nicht.«

Wenn man ums tägliche Brot ringt, dann begnügt sich die Liebe mit einem bescheidenen, knappen Plätzchen. Aber Vertrauen und Fleiß und Frömmigkeit hatten daneben gesessen, so war das Haus gesegnet worden und gewachsen.

Fünfzehn Kinder hatte die Ahne geboren, sieben davon »kleinweis« hergeben müssen, da waren ihr auch sieben Schwerter durch das Herz gegangen, wie man’s von der Gottesmutter erzählt.

Aber die acht anderen, sieben Jungs und eine Deern, waren alle fixe Kerle geworden. –

»Geliebt« hatte auf dem Mutterhof wohl nur die »Tanten Frauke«. War ein schönes Mädchen gewesen, und der Ahne dritter Sohn Tetje hatte sie auf den Mutterhof gebracht. Der war von klein auf ein Träumer. – So des Abends auf der grünen Hausbank vor der Tür zu sitzen und ins verglimmende Abendrot zu schauen, das war ihm das Liebste. Jeden Stern kannte er am Himmel, und lehrte es auch die Frauke. Von der hildesten Arbeit konnte er sie wegholen, und dann saßen die beiden Hand in Hand »rein wie verbast«. Fleißig war ja die Frauke und flink und hatte einen ordentlichen »Batzen« auf den Mutterhof mitgebracht, also daß zwei Scheunen hatten erneuert werden können. Aber so eine richtige Kraft war sie nicht, und – sie blieb ohne Kinder. Das war unerhört im Mutterhof. Was hatte sie, die Ahne, für bittere Zähren vergossen, daß sie selbst es nur auf fünfzehn gebracht. Hielt es ihr die Schwieger nicht täglich vor, die ihrem Manne selbst einundzwanzig gebar?

In alle Welt waren die Holgers zerstreut, und ein stolzes Wort ging um: »Aufrecht und brav wie ein Holgers.« Die meisten von ihnen ruhten freilich auf dem Meeresgrunde. Fischer- und Seemannslos. Auch Fraukes Mann, der Träumer und Sterngucker, war nicht wiedergekommen. Und die Ahne erinnerte sich nicht gern daran, daß sie selbst ihn fortgescheucht hatte von seiner Frau, mit der er damals fünfzehn Jahre verheiratet war. Es hätte vielleicht nicht Not getan, daß Tetje Holgers an dem Abend zum Fischfang auszog …

Aber die Ahne hatte das »verliebte Getue« nicht leiden können, und hart gespottet, wie sich der Tetje gar nicht trennen konnte und immer wieder die Frauke küßte und strakte. Und wie hatte sie mit der Schwiegertochter gescholten, daß diese dem Gatten plötzlich nachgelaufen war und dicht vor dem Priel ihn eingeholt und auf der Fenne vor allen Leuten gehalst hatte.

In derselben Nacht stand der grause Sturm auf und … machte Frauke Holgers zur Witwe. Es kehrte niemand von den Bootsleuten zurück. Seitdem war Frauke das herbe, stille Weib, das einsam im Altenteil hauste. Ohne Kinder, ohne Enkel, ohne Freude. Es wurde der Ahne, die doch so fest an das »Gotteszeichen« glaubte, immer unbehaglich zu Sinn, wenn sie an das liebeleere Leben der Einsamen dachte, die doch so still und ohne Vorwürfe gegen andere ihren Leidensweg ging. Die Ahne mußte sich oft selbst bezwingen, daß sie nicht zu viel Hochachtung empfand vor der »Unfruchtbaren«. Und daß sie nicht ungerecht wurde gegen die Frau ihres Erstgeborenen, die doch zwölf Kinder hatte, von denen Edlef der Älteste war. Warum konnte nur die Ahne zu dieser Schwiegertochter so gar nicht in Fühlung kommen? Die doch die Überlieferung des Mutterhofes wahrhaft hochgehalten hatte. –

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