Der Mutterhof (continued 3)
Reading edition
»Was meint die Putzmacherin? Bei der wohnt sie doch?«
»Nn–ein. Das tut sie nicht mehr. Melenke wohnt allein. Ja, da kannst du wahrlich erschrecken, Maren, – ich tat’s auch. Und Melenkes jetzige Wirtin hat mir gar nicht gefallen. Wo das Mädel sei, wisse sie nicht. Wohl spazieren gegangen, – – kurz, sie redete so herum und sich selbst heraus. Mein Zug ging, ich mußte fort. Maren, nächste Woche fahren wir beide nach Hamburg, und da warten wir, bis Melenke kommt. Und nehmen sie mit. Sie soll hier Arbeit finden und Heimat kosten. Hast du Mut, Maren, dies widerwillige Holgersblut zu bändigen? Bist ja doch noch nicht allzu lange aus der Schulmeisterei heraus …«
»Mit Schulmeistern ist da wohl nichts getan«, meinte Maren ernst. »Da wird nur unsere Liebe helfen können. Ich will sie lieb haben, Edlef.«
»Du!!! …« Edlef bettete Maren ganz in seinen Arm. »Aber zuerst mußt du mich liebhaben. Kalt bin ich auf der garstigen Reise geworden. Komm, küsse mich! Mein Einziges …«
Heimelig war’s im Wohnpesel. Die alte Uhr tickte. Draußen schlugen Wind und Regen gegen die Fenster. Im Ofen knisterte das Feuer.
»Geträumt hab’ ich letzte Nacht von dir«, raunte Edlef. »Du, das war ein lieber Traum … Ich kam heim von der Reise und – was glaubst du wohl? Ein paar Kinderchen kamen mir entgegen, – jawohl, versteck dich nur, – gleich ein paar. – Maren, süße Maren … Da wurd ich hellwach und so froh … Von Rechts wegen müßt ja auch schon ein Holgersjung oder ’ne lüttje Deern in der Wiege schreien …«
Edlef hob mit raschem Schwung die zarte Maren auf seinen Schoß, ihr Kopf sank an seine Schulter, er wiegte sie sacht und sang:
»Hop Marjanken, hop Marjanken, Lat sin Frautje danzen. He weegt dat Kind, He feegt de Floor Un lat sin Frautje danzen, Hopsasa, hopsasa fallereden. –«
Hastig richtete sich Maren auf. Heiß und rot war ihr Kopf und ihre Augen brannten. Sie sprang von seinen Knien und strich sich glättend über das Haar.
Befremdet sah Edlef sie an.
»Ich muß dir etwas sagen«, sprach sie leise und hastig. »Ich habe es wohl gespürt, wie die Ahne und deine Mutter mich anschaun und um mich herumreden und wie sie dich fragen, mein Edlef. Ich dank dir, daß du mich niemals damit gequält hast, du Guter. Aber heut muß ich dich quälen – und dir sehr weh tun, mein Edlef … Ich werde nie ein Kindchen wiegen … der alte Doktor Brodersen hat es mir gesagt … Edlef …«
Edlef Holgers war aufgesprungen, doch gleich griff seine Hand tastend nach rückwärts, als bedürfe er einer Stütze.
»Was redest du da?« fragte er tonlos. »Das … das ist ja gar nicht möglich!«
Maren antwortete nicht. Sie sah ihn nur an. Nicht wie jemand, der seinen Urteilsspruch erwartet. Nein, ganz ohne Angst, ganz fest und ruhig. Ein stiller Schmerzenszug lag um ihren blassen Mund, der sagte: »Das Schwerste hab ich bereits mit mir selbst durchgerungen, du kannst es mir noch schwerer machen, indem du dein eigen Leid dazupackst, oder du kannst mir alles tragen helfen …« Aber ihr Mund blieb stumm.
Langsam wandte sich Edlef. Sie streckte die Hände nach ihm hin, aber er sah sie nicht. Ein paar Worte stieß er heraus: »Der Arzt kann sich irren …«
»Er irrt sich nicht …«
Da ging Edlef hinaus, die Tür schlug hinter ihm zu, und mit leisem Wehruf brach Maren Holgers zusammen.
In ihrem Stübchen stand Maren Holgers früh vor Tau und Tag. Diese Frühstunden, da die Sonne aus dem Meere emporstieg und die stille Hallig grüßte, gehörten ihr allein. Sie beraubte niemand, wenn sie still mit gefalteten Händen untätig und träumend dem Sonnenaufgang ins gewaltige Antlitz schaute.
Es war ein winziges Gemach, das schlichteste im ganzen Mutterhof, welches Maren von all den vielen Gelassen für sich ausgesucht hatte. Seine Fenster gingen nach einem Krautgärtchen hinaus, das Maren selbst betreute. In dem sie grub und säete, pflanzte und pflückte. Ein kleiner Arbeitstisch und davor ein Sorgenstuhl, der Nähtisch der verstorbenen Mutter und eine uralte »Erfurter Lade« bildeten die Ausstattung des traulichen Gelasses. Auf den breiten Fenstersimsen blühten zwischen schneeigen, weißgepunkteten Vorhängen blutrote Geranien und starkduftende Reseden.
In den ersten Wochen ihrer jungen Ehe hatte sich Maren oft in ihr kleines Reich geflüchtet, um mit all dem überwältigend Neuen, das in ihr Leben getreten war, allein zu sein. Sie hatte stille Zwiesprache mit der heimgegangenen Mutter gepflogen, deren Rat sie gerade jetzt dem vielen Unbekannten gegenüber so schwer vermißte. – Hie und da war ihr Edlef nachgeschlichen. Da war ihnen beiden dann wohl in seligem Ineinanderverlieren Zeit und Stunde vergangen.
Dann war es anders geworden. Die Ahne sah sie des öfteren ernst und mißbilligend an. Sie empfand das Alleinseinwollen der jungen Frau als »städtische Mode«, die sie nicht auf dem Mutterhof eingeführt haben wollte. Und über Edlef kam allgemach das starke, frohe, stolze Besitzergefühl, das sich seine süßen Feierstunden nicht erschleichen wollte, solange draußen in Hof und Gewese hilde Arbeit drängte. Er selbst rief mit schallender Stimme den Feierabend aus und wußte, daß er nun erst mit Fug und Recht sein Königreich hinter sich zuschließen durfte.
Wann war all dies Beglückende, Heimliche gewesen?
Maren dünkte es Jahrzehnte.
Wie jäh verändert Edlef war!
Alles Sonnige war von ihm gewichen. Wie seltsam düster und fremd er sie oft anschaute! Als sei sie selbst die Schuldige, die ihm seine Hoffnungen zertrümmert habe, und nicht das unergründliche, bittere, unbegreifliche Schicksal. –
Und das war derselbe Edlef, der Tanten Frauke aus dem Wust und Staub der Vorurteile herausgerettet und sie bedeutet hatte: »Du hast genug gelitten!«
Wer löste Maren dies Rätsel von Halligweise und Holgersart?
In den ersten Monaten ihrer Ehe hatte Edlef oft die Zukunft in das Bereich seiner Betrachtungen und Pläne gezogen.
»Wenn der Jung erst da ist … Oder … die Deerns müssen alle dir gleichen, Maren, süße Maren.«
Dann hatte sie ihr Gesicht an seiner Brust geborgen und in heiliger, ahnungsvoller Scheu gezittert vor dem Wunderbaren, das vielleicht noch ihrer wartete. Dies »Vielleicht …«. Das war’s.
Das hatte sie nie verlassen, das war neben ihr geschritten als zage Hoffnung. Die Erfüllung hatte sie kindlich-vertrauend Gott anheimgegeben.
Anders Edlef.
In kühne Pläne verstieg er sich. Nicht leise und heimlich, nicht kosend und verliebt, nicht bangend und hoffend, auch nicht scherzend sprach er über seine Wünsche.
Es waren für ihn keine Hoffnungen, die eine höhere Macht zerstören konnte, es waren Tatsachen, die früher oder später eintreffen mußten, weil er, Edlef Holgers, es wollte. Die heilige Überlieferung der Hallig und des Mutterhofes.
Einmal hatte Maren ihm erschrocken gewehrt.
Als seine Erwartungen gar zu kühn und bestimmt sich kundtaten. »Du Liebster, und wenn nun kein Kindlein kommt …?«
Da war er ganz fremd von ihr zurückgetreten und hatte mit jäh veränderter Stimme zu ihr gesprochen:
»Nicht einmal im Scherz darfst du so etwas sagen, Maren.«
Wunderlicher Edlef.
Er war auch gleich wieder lieb zu ihr gewesen.
Und keine Wolke war an seinem Zukunftshimmel schattend zurückgeblieben. Weil er kein »vielleicht« kannte, es nicht kennen wollte. – –
Dann waren Tage gekommen, da sie mit hastigen, körperlichen Schmerzen kämpfte, die sie schon in der Mädchenzeit heimgesucht hatten. Tapfer ging sie dabei ihrer Arbeit nach …
Und die starknervige Holgerssippe gewahrte nichts von Marens schattenhafter Blässe und ihrem müden Gang, – es war nicht Sitte auf dem Mutterhof, körperlichem Unbehagen auch nur die kleinsten Zugeständnisse zu machen.
Da erbarmte sich Tanten Frauke ihrer.
Mit ruhiger Selbstverständlichkeit rüstete sie für sich und die leidende Maren zu einer Reise. Gab der Ahne und der Schwägerin beschwichtigenden Bescheid und fuhr mit der jungen Frau nach Kiel.
Der berühmte Frauenarzt hatte ruhig, freundlich und aufrichtend mit ihr gesprochen, aber sein sachlich-ernstes Gutachten war vernichtend.
So wurde die Heimreise angetreten, und die herbe, verschlossene »Tanten Frauke« erlebte an der Seite der trostlosen Maren noch einmal den eigenen bitteren Schmerz früher durchlebter und durchlittener Jahre.
Vor wenigen Tagen hatte nun der alte, erfahrene Kreisarzt, der Maren seit ihrer ersten Kinderzeit kannte, das Urteil seines berühmten Kollegen bestätigt.
Die Ahne hatte den Physikus aus dem »Jungteil« treten sehen und ihm durch das Fenster des Wohnpesels im Mutterhofe mit ihrer hellen, scharfen Stimme die Tagszeit geboten. Aber er, der sonst gern mit der schlagfertigen Greisin plauderte, winkte nur grüßend mit der Hand und war eilends den Weg über die Fennen hingeschritten. Verwundert und kopfschüttelnd hatte die Ahne das Fenster wieder geschlossen, aber dann war ein Schmunzeln, wie frohes Begreifen über ihr Antlitz geflogen …
Und in der Dämmerung hatte sie lange mit Maren allein auf der Ofenbank gesessen. Zuerst mit Kreuz- und Querfragen über Wirtschaftsangelegenheiten, dann schweigend. Jedes tief in seine eigenen alten und jungen Gedanken versenkt. Dann war sacht und wie beiläufig die Frage der Ahne gekommen: »Hast du mir nichts zu vertrauen, Enkelin Maren?«
»Nichts, Ahne.«
Wieder Schweigen.
Dann der zürnende Ausruf: »Das ist nicht recht, Enkelin Maren. Was du tust und unterläßt, geht den Mutterhof an. Deine Wege sind Mutterhofwege. Denk dran.«
»Allstunds«, sagte Maren gequält.
»Du kannst aber abirren und fehlgehen. Auch ohne deine Schuld. Ahne und Mutter sind dazu da, zu weisen und zu beraten. Allwissend bin ich nicht, so rede mir selbst von deiner Not. Denn daß du in Not bist, sagen mir meine sechsundachtzig Jahre.«
Der Ahne Stimme war leise geworden. So hatte sie gütiger als sonst geklungen, da nur immer das Herrschen und das Befehlen mitschwang.
Da hatte Maren den Kopf in den Schoß der Ahne gelegt. Es war wie ein Zufluchtsuchen und Ausruhen gewesen. Und es war das erstemal, daß ein junges Menschenkind der alten Frau mit einer Zärtlichkeit nahte.
So wachte auch in der herben Greisin etwas Liebes, kaum Gekanntes auf. Scheu waren die Runzelhände über Marens weiches Haar geglitten.
»Erzähl’ mir eine Geschichte, Ahne«, bat Maren müde.
Die Ahne hatte wunderlich gelacht, wie die Alraune im Märchen. »Wollt’ ich nicht etwas von Enkelin Maren hören? Mich dünkt doch.« Aber gleich drauf willfahrte sie. Als wolle sie einen Gedanken festhalten und auf andere Weise zu ihrem Ziele gelangen.
Leise und einschläfernd erzählte die Ahne, aber es war ein Unterton darin. Ein scheues Tasten und Fragen und ein Antwortheischen …
»Es gibt eine Zeit, da verlieren wir Gott. Jungerweis’ oder alterweis’, – es kommt wohl über alle. Übergroße Lust oder übergroßes Leid heben ihn plötzlich hinaus aus unserm Kopf und Sinn und aus der Herzenskammer. Schließen die Tür hinter ihm zu. Wäre Gott nicht die Geduld selbst, die immer wieder anklopft, wir stünden schon längst verlassen. Da war aber einmal ein junges Weib, ein Gegenspiel von andern Frauen. Das hatte die Welt verloren … das lebte nur in Gott. Das sah ihn in jedem Ding der Schöpfung, in Wald und Wasser, in Licht und Sonne, Feuer und Wind. Und in dem kleinen Alltag des Lebens. Die Welt und alle Menschen versanken ihm völlig. Es kamen Krankheit, Not und Trübsal, es kamen Ehre und Freuden ohne Zahl. Und das junge Weib lobte Gott in jedem Falle und spürte seine Nähe. Aber die Menschen schienen ausgelöscht aus dem Gesicht und Gedächtnis. Ein Mann sah sie und begehrte ihrer. Aber sie war wie unirdisch, weil sie nur Gott kannte und die Welt verloren hatte. Da wollte der Mann ihr suchen helfen in seiner großen Liebe. Aber er vermochte sie nicht zu lehren, und sie fand nicht die Welt und nicht die Menschen. Und der eigene Mann fürchtete sich vor ihr.
Nun ward sie gesegneten Leibes.
Und als sie geboren hatte, und das Kindlein schrie neben ihr, da ward ihr plötzlich die Welt offenbar. Und als sie dem Kindlein die Mutterbrust reichte und der zarte Mund ihr Herzblut trank, da kam so unendliche Menschenliebe in das Herz des Weibes, daß es unter der Fülle zu sterben vermeinte … Und Gott hatte ein Wohlgefallen an des jungen Weibes Wandlung, denn er sagt: ›Die Liebe ist die Größeste unter ihnen.‹«
So schloß die Ahne:
»Das Kind … Enkelin Maren! Das Kind ist des Weibes und des Lebens Erfüllung!«
Jäh hatte Maren ausgeweint.
»So bin ich ausgestoßen von aller Erfüllung, Ahne, Und auch der Mutterhof hat sich mit mir betrogen.«
Da hatte sich die alte Frau langsam erhoben. Die Hände abwehrend ausgestreckt, stand sie steil hochgerichtet, also daß der müde Kopf der gepeinigten, jungen Frau keine Ruhestatt mehr gefunden.
»Ja, betrogen«, wiederholte die Greisin laut und hart. Sie war mühsam zur Tür geschritten. Dort hatte sie sich noch einmal umgedreht und voll Grimm geforscht: »War’s nur ein Rausch? Ist’s Feuer ausgebrannt? Wo blieb die himmellodernde Liebe?«
Der Stolz straffte die gebeugte Maren. »Ich sollte Euch nicht drauf antworten, aber Ihr seid die Ahne. – Mit unserer Liebe hat das Schicksal nichts zu tun …«
»So hat wohl Gott den Mutterhof verlassen, und er soll aussterben und dahinfahren …«
Die Tür war zugeschlagen, und Maren fand sich allein.
Dies alles überdachte Maren, da sie heute wieder eine stille Stunde in ihrem Reich gesucht und gefunden hatte.
Vor wenig Tagen erst war die Aussprache mit der Ahne gewesen. Was für Tage der Qual lagen dazwischen! Und das sollte nun so fortgehen durch eine Ewigkeit.
Sie war so jung, so schrecklich jung … Unerträglich dünkte ihr die Zeit, die vor ihr lag.
Ein Sturm ging jetzt über sie hin. Wild und weh weinte sie in jäh ausbrechender Verzweiflung.
Heiß, bitter und ätzend waren ihre Tränen.
Und groß und gewaltig stand eine Sehnsucht in ihr auf. Die Sehnsucht nach einem Paar Kinderaugen, die sich doch nie für sie öffnen würden. Nach Kinderärmchen, die sich doch nie als süßestes Joch um ihren Hals legen würden.
Herrgott gib mir Kraft …!
Nach einer Stunde hatte sie sich durchgerungen.
Eine andere Maren schritt durch die Tür des Jungteils in den Mutterhof. Hoch und aufrecht mit ruhigen Augen und klarer Stirn. Aber der herbe Schmerzenszug, den Kinderlose zu eigen haben, blieb um ihren jungen Mund eingegraben. Sie hatte wohl erst sterben müssen, um recht leben zu können in lauterer, selbstloser Liebe zum Mutterhof und zu all den Menschen ringsum.
So wertete sich Maren Holgers in dieser Kampfstunde ihr Leid in Segen um. –
Ein paar Abende später saßen alle im Wohnpesel.
»Es ist ungutes Wetter«, sagte die Ahne und schaute nach dem Fenster, an dem der Sturm rüttelte. Ihr Spinnrad schnurrte, surrend tanzte die Spindel.
»Keinen Hund möcht man hinausjagen«, nickte Ohm Rickert.
»Sei ruhig, Finn«, rief Edlef dem Hund zu, der an der Türe lag. »Was bist du einmal unstet heute?«
»De ganze Nahmiddag wull he sick ni gewen«, meinte der Knecht. »Ik heff dat all an Fru Mudder seggt.«
»Kusch dich, Finn! …«
Ein langgezogenes Geheul stieß der Hund aus.
»So will ich selbst einmal nachsehen.« Edlef Holgers stand auf. Der Sturm riß ihm ungestüm die geöffnete Tür aus der Hand, und an ihm vorbei schoß der Hund mit großen Sätzen in das abendliche Dunkel hinaus.
»Hierher, Finn!« Das aufgeregte Tier kam zurück, wedelte, bellte und schoß wieder fort.
»Was mag er nur haben?« sagte eine Stimme neben Edlef, und Maren schritt fest und selbstverständlich neben ihm her.
»Nicht doch, Maren, – das ist kein Wetter für dich.«
»Wüßt nicht, warum.« Sie fing ihr Tuch, das der Sturm entführen wollte, mit beiden Armen und wickelte sich fester drein. Edlef zuckte die Achseln. Wie toll gebärdete sich der Hund. Er zerrte an den Kleidern der beiden, sie mußten ihm weiter folgen.
Auf den Stufen der Treppe, die zur Großwarf führte, hockte eine Gestalt. Edlef leuchtete ihr ins Gesicht.
Rasch legte Maren den Arm um die Kauernde. »Du bist krank, Melenke, komm, wir bringen dich heim.«
»Heim?« Melenke lachte schrill. Dann stöhnte sie in grimmen Schmerzen. »Ja, ich bin krank. Morgen, – morgen gehe ich wieder.«
Es war ein mühseliger Weg zurück im Sturm mit der Kranken. Auf dem Hof unter dem Birnbaum zögerte Melenke. »Ich fürchte mich vor der Ahne«, raunte sie.
»Ich nehme dich zu mir«, begütigte Maren.
Das Bett in der Gastkammer war bald sorglich geschichtet. Hin und her schritt Maren in ruhiger Geschäftigkeit. Melenke hockte in einem Ohrenstuhl, und Edlef war ohne Gruß und Wort zu den andern zurückgekehrt, um sie auf den Gast vorzubereiten.
»Komm,« sagte Maren liebevoll, »ich will dich auskleiden. –«
Da ließ Melenke mit wehem Lachen das große, verhüllende Tuch sinken, und Maren taumelte zurück …
Nach einer Stunde kam Edlef. Es war heiß drüben zugegangen bei Ahne und Mutter. »Die Ahne geht uns noch zugrund,« meinte Edlef und warf sich müde in einen Stuhl, »aber sie kommen jetzt beide herüber, um Näheres über Melenkes Krankheit zu erfahren …, was tust du da, Maren?« unterbrach er sich und sah sie befremdet an.
»Ich rüste die Wiege auf dem Mutterhof, mein armer Edlef«, sagte Maren ernst und sah den geliebten Mann aus leidvollen Augen an.
»Barmherziger Gott … Melenke?«
»Ja, Edlef. Halte Mutter und Ahne fern. Tante Frauke sitzt drüben, sie ist mir wahre Hilfe und Stütze.« Maren legte ihre beiden Hände auf Edlefs Arm. »Bitte die Mutter, daß du heute drüben schlafen kannst.« Ein liebliches Rot stieg in ihr junges Gesicht. »Wir können dich hier so gar nicht brauchen heut nacht.«
Schrille, herzzerreißende Klagelaute tönten aus der Kammer nebenan. »Geh, – geh, mein Edlef.«
»Herrgott!« stammelte er, – »will denn die Schmach gar nicht enden für den Mutterhof?«
Sie sah ihn still an. Dann meinte sie: »Wie wir das Schicksal betrachten. Es kommt nur auf unsere Augen an.«
Da senkte Edlef Holgers tief das Haupt.
Am andern Morgen schritt Maren aus dem Jungteil hinüber nach dem Mutterhof. Ahne und Mutter Holgers saßen bei ihrer Brennsuppe. Ohm Rickert paffte große Wolken. Edlef schaffte schon in Hof und Stall umher.
»Es ist ein Knabe«, sagte Maren statt aller Begrüßung. Und faßte gleich darauf das klein gewordene Runzelgesicht der Ahne in ihre jungen, lebenswarmen Hände. »Nicht wieder krank werden, nicht verzagen, Ahne!«
Die Mutter war hinausgegangen.
Die Ahne hatte die Hände ineinander gekrampft. Nicht zum Beten. »Der Herrgott hat den Mutterhof verlassen«, sagte sie laut und hart.
Da tönte Marens weiche, junge Stimme: »Ich kann das nicht glauben. Wo Gott ein Kindlein hinschickt, solch Haus ist nimmer verlassen …«
Sie wollte noch fragen: Warum femt ihr mich denn, wenn ein Kind euch doch so wenig gilt? Aber sie wollte der Greisin nicht noch weher tun.
»Seit Menschengedenken ist kein unehelich Kind auf dem Mutterhof gewesen«, hub die Ahne wieder an. »Junggaster und Haustöchter lebten allstunds untadelig Leben …«
Sie schlug die welken Hände vor das Antlitz, die alten Augen hatten die Tränen verlernt, um so erschütternder klang ihr trockenes Schluchzen.
Nach einer Weile verstummte es, und die Ahne erhob sich mühsam. »Ohm Rickert und Enkelin Maren! Ihr werdet niemand sagen, daß ihr mich schwach gesehen habt. – Ich danke dir, Maren, daß du die verlorene Tochter pflegst, als sei sie ehrlich. Am neunten Tage ihres Wochenbettes werde ich zu ihr gehen und sie nach dem Vater des Kindes fragen. Rüstet zu einer stillen Hochzeit. Vorher soll das Kind getauft werden. Mein Enkel Edlef wird den Namen bestimmen, weil uns die Schmach angetan worden ist, niemand von der Sippe des Kindvaters zu kennen. Und da wir keine Wehmutter hatten, so soll das Kind von unserer alten Magd zur Kirche getragen werden ohne Festkleid und ›Brokaten Holl‹[4]. Auch soll die Wöchnerin keine ›Wöffesamling‹[5] abhalten dürfen, so hart mir diese Pön ankommt, die den Mutterhof trifft wie einen Schlag. Dagegen wird meine Enkelin Melenke ganz allein den ›Un Sark gung‹[6] halten, doch soll ihr niemand Opfergeld geben. Und will der Pastor ihr Fem und Pön dabei auferlegen, so muß sie es tragen.«
Die Ahne schwieg erschöpft und Ohm Rickert war hinter seinen Rauchwolken schier verschwunden. Seine Stimme klang grollend hinter dem Nebel: »Nun wird der Soot zugedeckt, aber erst nachdem das arme, junge Blut hineingefallen ist …«
Maren ging müde in das Jungteil des Mutterhofes zurück. Dort sah es ganz friedlich aus. Die junge Wöchnerin schlief fest nach der erschöpfenden Nacht. Auch Tanten Frauke hatte sich etwas niedergelegt. In Marens Wohnpesel stand die Wiege mit dem Neugeborenen. »Du Armes!« sagte die junge Frau zu dem kleinen Bündel in den rotgewürfelten Kissen. »So gar nicht willkommen geheißen, und doch ein Gottesgeschenk …«
Sacht bewegte ihr Fuß die Schwengel und leise sang ihr Mund uralte Wiegenweise:
Nu will ick to Bedde gaan, Fjertein Engelkin bi mi staan. Twe bi min Höde, twe bi min Föde. Twe bi min rechte Hand; Twe bi min linke Hand, Twe, de mi decken, Twe, de mi wecken, Twe, de mi fören int himmelske Paradeis.
Neun Tage später klopfte es mit hartem Finger an die Schlafstube im Jungteil. Maren Holgers, die noch die letzte Hand an das Aufräumen des Pesels legte, erschrak bis ins Herz hinein. Melenke lachte geringschätzig. »Wie willst du das Leben ertragen, Maren, wenn du so’n Bangbüx bist. Als ob du die Dummheit gemacht hättest und nicht ich. Ganz blaßßnuutig sühst du ut.«
»Seid ihr fertig dadrinnen?« tönte die Stimme der Ahne hinter der verschlossenen Tür. »Ich bin es nicht gewohnt zu warten.«
Wieder lachte Melenke hart. Und schob Marens stützende Hand fort und ging selbst zur Tür, die sie entriegelte. »Gö Dai, Ahne, gö Dai, Mutter, da habt ihr mich. Macht’s kurz.«
Die Ahne schaute finster auf die Enkelin, während Mutter Holgers nichts zu sehen schien als die plumpe, blumenbemalte Holzwiege mit dem Enkelkinde, das man ihr so lange vorenthalten. –
Sie hob das Kind aus den Kissen.
Alles Herbe fiel von ihr ab. Was da so winzig und hilfsbedürftig auf ihren Armen lag, war Fleisch und Blut von ihrem eigenen Selbst. Ihr erstes Enkelkind. Tausend unsichtbare Quellen sprangen in ihr auf. Wie geschah ihr? So hatte sie nie ihre eigenen Kinder geliebt, wie dieses verfemte Lebewesen, das man so gern auf dem Meeresgrunde bei Ekke Nekkepenns Weib gelassen hätte. Gleichviel, sie liebte es. Trotz der Schande, die seine Mutter über den stolzen Mutterhof gebracht. Und trotzdem man nicht seines Vaters Namen wußte. Scheu und ungeschickt küßte Mutter Holgers das kleine, rote Gesichtchen. Dann legte sie das Bündelchen sorgsam in die Wiege zurück und hielt hastig eine Milchflasche mit rotem Saugpfropfen der jungen Mutter entgegen: »Was ist das? Seit wann zieht man auf dem Mutterhof Flaschenkinder groß?«
Melenke gab keine Antwort und Maren sah wie schuldbewußt vor sich nieder.
»Antworte deiner Mutter«, gebot rauh die Ahne.
Melenke zuckte die Achseln und ließ sich in den Ohrenstuhl gleiten, denn ihre Kräfte waren noch nicht völlig wiedergekehrt. »Das Selbstnähren ist für seßhafte Leute«, sagte sie mürrisch. »Sobald ich arbeiten kann, gehe ich wieder nach Hamburg. Da muß das Kind ohnehin die Flasche bekommen …, eine Freundin von mir will’s aufziehen …«
Maren sah in ungläubigem, schreckhaftem Staunen auf die Schwägerin. Die Ahne winkte ihr. »Laß uns allein, Maren.« Da erhob sich rasch auch Mutter Holgers und ergriff mit Maren zusammen die Holzwiege und trug sie mit ihr hinüber in den Wohnpesel.
»Melenke …« sagte heiser die Ahne. »Wer sein Kind nicht an die Brust nimmt und mit eigenem Herzblut nährt, der ist schlecht. Und eine Sünde ist’s wider Natur und Gottsgebot. Lieber wollt’ ich, ich wär’ vorher taub geworden, damit ich solche Red’, wie deine vorhin, nicht verstanden hätte – – Bist du denn auch eine Mutter?«
»Leider Gotts, ja.«
»Versündige dich nicht! Mutterschaft ist heilig. Du bleibst bei deinem Kind. Der Hof trägt’s. Jetzt gibst du erst einmal dir selbst einen Beschützer, deinem Kind den Vater. Dein Bruder Edlef wird den Mann dann empfangen, und soll kein unrechtes Wort weiter fallen über deinen Fehltritt. Büßt es gemeinsam ab, und bringt euch selbst wieder zu Ehren …«
»Ich weiß nicht, was die Ahne will …« sagte Melenke unbehaglich.
»Glaub’s schon, daß du schwerere Strafe erwartet hattest, als das Ja und Amen deiner Sippe.« Wieder zuckte der Ahne Blick scharf nach dem Mädchen hin. »Wir tun’s auch nicht um deinetwillen, sondern um Mutterhofs Ehre und Ansehen.«
Melenke schwieg.
Die Ahne erhob sich. »So schreib jetzt das Nötige auf, der Edlef wird den Brief selbst nach Hamburg bringen. Dank es recht deinem ältesten Bruder, es ist ein schwerer Weg. –«
»Ich verlang ihn nicht von ihm.«
»Melenke!!!«
Düster brannten die Augen des Mädchens in dem blassen Gesicht: »Laßt mich wieder nach Hamburg!« stieß sie hervor.
»Nein! Hierher soll der Mann kommen und dich und sein Kind holen. Ich will’s. Und ich rede im Namen der Sippe, der toten wie der lebendigen. Kann der Schuldige euch beide ernähren, so folgt ihr ihm nach Hamburg. Kann er’s nicht, so wird euch dreien der Mutterhof das Brot geben … den Namen will ich, Melenke!!! …«
Tiefes Schweigen.
»Mußt du dich seiner schämen?« fragte leise die Ahne. »Warst du so von Gott verlassen? Melenke hör’ zu! Hab’ keine Furcht! Vielleicht denkst du, die Sippe wird herabschauen auf ihn … Melenke, ich, die Ahne, werd’s nicht leiden. Hörst du mich? Sieh mich an. Sie sollen ihn und dich achten ich, ich – die Ahne, befehl es ihnen. Nur mach’ dich ehrlich! Den Namen – Melenke, sprich den Namen!«
Die dürren, runzligen Hände streckten sich flehend der Jungen entgegen, heiser und schrill, wie zerbrochen klang die Stimme der Ahne. Fliegende Hitze jagte über Melenkes Gesicht. Sie wollte die alte Hand fortschütteln, die sich um ihren Arm krampfte.
»Laß mich, Ahne …«
»Den Namen … Melenke!«
Mit einem Ruck riß sich das Mädchen los und sprang auf. »Ich weiß ihn nicht!«
Da veränderte sich jäh das Antlitz der Ahne, und Melenke schrie laut auf vor Angst, als sie in die verfallenen Züge sah.
»Du weißt ihn nicht???«
»Nein!!! Hab’ ihn nie gewußt … War nicht neugierig in jener lustigen Stunde … Das Lachen wollt ich lernen, das man mir im Mutterhof verbot …«
Da ächzte die Greisin auf. Ganz still war es dann im Pesel. Minuten verrannen. Tief lag das weiße Haupt gebeugt auf den krampfhaft verschlungenen Händen. Dann wieder das schwere Ächzen … und wieder, und wieder …
Vor Melenkes Augen tanzte die Stube. Sie griff nach dem Wasserkrug auf dem Tische und trank daraus. Einen scheuen Blick warf sie auf das zusammengekrümmte Etwas am Tisch, dann kroch sie fröstelnd ins Bett. –
Als Maren etwas später an die Kammertür pochte, wurde ihr keine Antwort. Sie legte das Ohr an die Tür, sie hörte rufen und lachen …
Da schritt sie befremdet herein.
Und fand ein totkrankes junges Weib, das rang mit dem Fieber und lachte … lachte …
Und fand eine Tote mit tiefgeneigtem Haupt über den gefalteten Händen.
Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens.
Der verkrüppelte Baum am Schulgarten ächzt im Sturm.
Und als tue es ihm selbst weh, daß er ihn so zausen muß, so klagt er zu seinem Stöhnen.
Gut stimmt die trübe Melodei zu meinem eigenen Empfinden. Irgendwo in Herzenstiefen schlummert die Frohnatur von Manne Wögens, aber niemand weckt sie auf.
Nicht einmal die Schulkinder, diese täglichen, hellen Mahner: »Und abermals freuet euch!«
Wie ist die Lücke so unnatürlich weit und groß, welche der Heimgang der Ahne in mein Leben gerissen.
Kaum um ein junges Weib, das mir Herz und alle Sinne füllte, könnte ich so trauern, wie um die fast Neunzigjährige.
Ohm Rickert sagt: »Wie die Hühner ohne Kopf torkeln wir umher.«
Dabei war er der allzeit Unbotmäßige, der sich einweg mit der Ahne gestritten hat. Und er setzt verdrossen hinzu: »Es ist auch gut, daß ich keinen Kopf mehr habe, denn es ist nüms da, der ihn waschen könnte.«
Die Kopfwäsche fehlt mir nicht, denn die Ahne war trotz ihres überragenden Alters von einer rührenden Ehrerbietung gegen mich. Aber ihr scharfer Spott geht mir ab, ihr schlagender Witz, ihr trockener Humor, ihre gute, kräftige Sprache. Die Hallig ist verwaist, ihre Mutter ist heimgegangen. Und ich, der ich meinte, die Ahne am besten zu kennen, war auch nur ein Stümper in der Seelenkunde. Glaubte allstunds, die alte, herbe Frau habe den Stolz an die oberste Stelle gesetzt …
Und es ist doch die Liebe gewesen. Wunderliche, verleugnete Liebe. Aber doch »die Größeste«. –
Edlef hat mir erzählt, was man erlauscht.
Wilde, wehe Rufe und Bitten: »Den Namen! Sprich den Namen! Melenke.«
Und da die Ahne gewahrte, daß ihr bluteigen Enkelkind aus schnöder, gacher Lust gefehlt, und keine sühnende Liebe herbeizurufen war, da hat diese Erkenntnis das alte, stolze Herz gebrochen. – Gott schenke ihr fröhliche Urständ!
Ahne, liebe Ahne, der junge Schulmeister trauert bitter um dich. – – –
Als wir sie auf dem Gottesacker betten wollten, fragte Pastor Licht nach letztwilligen Verfügungen.
Die schienen zu fehlen, aber dann fanden wir eine Eintragung im »Zeitbuch« der Ahne.
Sie ist an jenem Abend geschrieben, da Melenke Holgers die Schande auf den Mutterhof brachte.
»… und so bitte ich inständig den Pastoren mir wieder die Hand zu reichen. Und wann mein letztes Stündlein sollt kommen, so will ich in Frieden und Demut neben Peder Claußen ruhen …«
Als Pastor Licht das gelesen, sind ihm die hellen Tränen aus den Augen geronnen, und er hat sich ihrer nicht geschämt. Ja, die Ahne, die Ahne …
Mein alter, wunderlicher Knecht erzählte mir, daß er den schwarzen »Sterbevogel« mit dem weißen Kranz um den Hals hätte fliegen sehen. Erst um den Glockenturm herum, dann dem Mutterhof entgegen … Darauf sei die Kunde von dem Ableben der Ahne gekommen. Halligaberglauben. Man möchte gern daran rütteln, aber man muß fein Obacht geben, daß kein gutes Vertrauen dabei abbröckelt. Eine zweite Verfügung hinterließ noch die Ahne: »Bringt mich nach altem Halligbrauch unter die Erde, aber die ›Sörgewüffe‹[7] lasset fort, auf daß die Parentation nicht gestöret werde.«
Vier alte Halligfrauen haben der lieben Toten die üblichen schwarzen Trauerkleider angelegt, haben sie im Pesel auf den Tisch gebettet, auf welchem mit einer Decke belegtes Stroh geschichtet war. – Dort ruhte die Greisin bis zur Sarglegung. Fürsorgliche Ahne! Du hattest dein letztes Bettlein schon seit zehn Jahren auf dem Boden stehen …
Treulich haben wir an jedem Tage, da die Leiche noch über der Erde stand, eine halbe Stunde die Totenglocke geläutet und am Beerdigungstage mit dreimaligem viertelstündigem Läuten die Totenklage beendet. Mit Edlef Holgers zusammen hielt ich die Leichenwacht. Zwei brennende Kerzen warfen ihr stilles Licht über die Schläferin. Am dritten Tage banden wir den Sarg mit starken Kabeltauen an zwei langen Stöcken fest. Breiteten das weiße Leichentuch über ihn und trugen ihn fort.
Vor jeder Warf ließ ich die Schulkinder eine Strophe singen, es hallte ernst und schön über die stille Hallig hin. Auf dem Gottesacker wurde der Sarg von den Stöcken gelöst und auf die Bahre gesetzt. Dann trugen wir ihn ein paarmal um die Kirche herum.
Gute Ahne, du warst es uns wert, daß wir die uralten Gebräuche heilig hielten.
Jetzt ruht schon unter Glas und Rahmen ein Spruch auf dem Grabe, das ich mit eigener Hand dicht mit Muscheln belegte und mit Bonnestave besteckte. Den Spruch tragen alle Müttergräber des Mutterhofes von Urbeginn:
»Weiber, so da Kinder zeugen Und dabei im Glauben stehn, Die hat Jesus ihm zu eigen Selbsten ewig ausersehn. Dies lindert mir mein Schmerz. Ruh weyland sehr geliebtes Herz! –«
Als wir den Sarg in seine letzte Stätte hinabließen, raunte mir mein alter Knecht zu: »Dat is noch ni to Enn, dor kümmt noch wat nah.« Und er zeigte auf die Seile, die sich untereinander »verkrüngelt und vertüdert« hatten.
Unwillig wies ich ihn ab.
Aber auch dieser Halligaberglauben wird sich nicht ausrotten lassen, sondern sich forterben von Geschlecht zu Geschlecht.
Und jeder der älteren Halligleute ist fest davon überzeugt, daß die »verkrüngelten und vertüderten« Sargseile den Tod der jungen Melenke vorhergesagt haben …
Nach der Beisetzung der Ahne schritten wir erst alle ins Gotteshaus, um die Wachskerze für die Heimgegangene auf den Altar zu stiften. Dort soll sie am Geburtstage und zu hohen kirchlichen Festen ihr zum Gedenken angezündet werden. Als wir zum schlichten Totenmahl in den Mutterhof gingen, hörten wir durch die geschlossenen Fenster hindurch das laute, fieberirre Reden und Klagen der totkranken Melenke. Nur flüchtig sah ich Schwester Maren. Die hatte Tag und Nacht bei der Kranken gewacht, wie wir bei der Toten. Aber ich erschrak doch vor dem Schmerzenszug in ihrem Gesicht …
Schwager Edlef Holgers, wann wirst du deinem jungen Weibe die Dornenkrone wieder abnehmen? Willst du mit Gott rechten? Ist dir der Reichtum nicht genug, der im Herzen eines reinen Weibes ruht? Schwer hast du mich enttäuscht, den ich meinen liebsten Freund nannte. Vergiß nicht, daß du geschworen hast, Edlef Holgers! Du hast vor Zeugen gerufen: »Ich will sie glücklich machen, so wahr mir Gott helfe!«
Neben die Großmutter betteten wir die Enkelin.
Zwei Eisenköpfe will der Tod zu Staub werden lassen.
Der dritte Eisenkopf, die Nomine, ließ sich nicht blicken. Dessen Hirn trieb just Blütlein zur Freude der Examinatoren.
Nomine Holgers hat am Begräbnistage der Ahne ihr Doktorexamen bestanden.
Sie promovierte in Kiel und überließ es uns, die treue Ahne, diese Wertvollste der ganzen Holgerssippe, einzubetten. Die Doktorandin sah sich »endlich« hinauswachsen aus dem »Milieu der Subalternen«. Und darüber ist ihr die arme Hallig versunken mitsamt der Ahne und der jungen, verirrten Schwester Maria Magdalena. –
Das Telegramm, aus dem das Glück buchstäblich hervorlachte: »Hurra, bestanden! Summa cum laude«, schickte mir Edlef durch meinen Schüler Onnen. Da liegt es noch vor mir auf dem Schreibtisch. –
»Willst du deine Schwester nicht wissen lassen, was sich hier alles ereignet hat?« fragte ich Edlef. »Es stirbt nicht alle Tage ein Edelmensch.«
»Nein«, entgegnete er finster. »Die Nomine will jetzt eine fröhliche Rhein- und Moselfahrt machen, da braucht sie leichtes Gepäck. Sollen wir sie unnütz mit der Hallig beschweren und mit unserer düsteren Traurigkeit?«
Ich wollte sagen: »Alle Rhein- und Moselfahrten wiegen nicht das Glück auf, von einer Frau abzustammen, wie es Ahne Gesine Holgers war«, aber ich wandte mich wortlos.
Mit Edlef Holgers ist jetzt nicht zu rechten und zu streiten, ja nicht einmal zu reden. Dem hat eine unsichtbare Faust all die jungen Baumkronen mit den Blütenzweigen zerschlagen. Nun muß er sich erst wieder zurechtfinden. Muß die bittere Enttäuschung unter die Füße zwingen. – Ihm ist noch nichts Ernstes verquer gegangen. Nun hadert er mit dem Schicksal um einen Stammhalter. – Und hat doch in seinem Bruder Onnen den prächtigsten, vorbildlichen Erben. Vielleicht, daß sich von den übriggebliebenen Baumstämmen noch ein warmes, leuchtendes Feuer anzünden ließe für den Winter seines Lebens …
Marenschwester, ich vertraue auf dich. Du wirst den Herd seines Hauses nicht erkalten lassen …
Eigentlich müßte es jetzt recht trübsinnig zugehen im Mutterhof. Nach all dem Erleben und all dem Ersterben. –
Aber dem ist nicht so.
Da war ein Morgen nach den beiden düsteren Begräbnissen, da stand sein junges, blasses Weib schier fröhlich vor Edlef Holgers und sagte: »Mich dünkt, Lütt-Krischan bleibt am besten auf dem Mutterhof, ich will ihn wohl großziehen.«
»Den Bankert?« hatte Edlef feindlich gefragt.
Und wieder die Maren: »Da sei Gott vor, daß wir Melenkes Sohn einen solchen Übelnamen geben. Ist er auch vaterlos, so hat er dafür euern Namen bekommen, ist also nun ein Holgers.«
Dies Gespräch hat mir Ohm Rickert erzählt. Edlef hat nichts gegen Marens Vorschlag gesagt. Recht ist es ihm wohl nur der Leute wegen, vor denen er nicht des Hauses unsaubere Wäsche waschen möchte. Aber meine Marenschwester blüht auf seitdem.
Und zwei alte Frauen werden noch einmal jung und unbitter. Mutter Holgers stiehlt sich in jeder freien Minute zum Enkelkind und ist also, runzellos und glückhaft, kaum wieder zu erkennen. Und Tanten Frauke fallen plötzlich alte, friesische Wiegenlieder ein. Die sie selbst nie singen durfte, singt sie nun Marens Pflegekind:
»Slaape, min Börn, ick wage di wat; Wiarst man irst grotter, dan schluan ick di wat. Aber dö best nog soll’ to jung Dö möst nog en Jir waged wese.«
Jeden Tag erzählten mir Onnen und Karen von Lütt-Krischan. Wie er kräht und schreit und schläft und wieder schreit und recht das Regiment führt im großen Gewese. Und komme ich hin, dann laufen mir alle entgegen und ziehen mich zur Wiege, da muß ich von zwei eifrigen alten Frauen hören, welch ein Wunderkind Jung-Krischan ist, und Onnen und Karen zeigen mir, was er Neues kann. Maren berichtet stolz, wieviel er gewachsen, und was er wiegt und sieht in ihrer mädchenhaften Mütterlichkeit sehr lieblich aus. –
Der Herr des Mutterhofes merkt freilich nichts von dieser Lieblichkeit. Seine Stirn ist immer so tief gefurcht, wenn er in die Wiegenatmosphäre tritt, daß sich das Bild jäh verändert. Man trägt Lütt-Krischan rasch in die leere Döntje der Ahne, und die Frauen nehmen ihr Spinnrad oder das Klöppelkissen zur Hand, wenn sie nicht überhaupt vorziehen, in ihr Eigenheim zu enteilen. Und in Marens Antlitz tritt wieder der Leidenszug, dem sich neuerdings eine kleine, feste Falte zugesellt, die ungefähr sagt: »Ich will!«
Am Hochzeitstage meiner Schwester Maren war ich es wohl allein, der verstand, was für einen Spruch Ohm Rickert der Braut mitgab: »Man kann die Stube nur vom Sofaplatz aus beherrschen …«
Ich glaube nicht, daß meine Marenschwester sich freiwillig je wieder auf einen Stuhl setzt.
Über die Hallig tobte der Sturm aus Südwest.
»Dat duert mi all to lang«, meinte Ohm Rickert und schaute bedenklich drein, und trat ans Fenster und sah nach den jagenden Wolken und nach der wilden See. Onnen Holgers stand neben ihm. »Süh, min Jung,« belehrte ihn Ohm Rickert, »dor kümmt een durch den engelschen Kanal in de Nordsee. De Atlantische Ozean will uns en beten besäuken. Paß up. Allstunds nimmt de Storm noch to, trotzdem wi Ebbe hebbt, dat’s ’n slechtes Teken.«
»Meinst du, daß wir eine richtige Sturmflut kriegen?« fragte Onnen gespannt und machte ganz erwartungsvolle Augen. Der Ohm deckte sie ihm mit seiner großen Hand zu.
»Jung, lösch die Lichters. Dat is nix to lachen. Das braucht nich grod Sturmflut to werden, Gott schall uns bewohrn. Dann müßt all dreierlei tosamen kamen: Sturmstärke neun, und dann vierundzwanzig Stunn mit den ›Syzygien‹ tosamen. Und dann, min Jung, mut de Wind vör de Springflut umspringen nah Nordwest. Und wenn denn bei Hohlebbe de Hallig noch unner Water steiht, un de Storm nich aufflaut, sondern so bi bliwwt, – min Jung, dann fallt dien Hart eklig in de Büx.«
»Seid ihr bang, Ohm Rickert?« fragte Maren geruhig vom Sofa her.
»Bang bün ik all min Lebtag nich west,« wehrte Ohm Rickert, »aber aus Südwest kommt nix Guts zur Hallig. Dat wir gut, wenn wi de Gesangbäuker hernehmen.«
Onnen sprang zum Tisch und holte aus dem »Schapp« die Bücher. Maren ließ das Wiegenband los und faltete die Hände. Ohm Rickert stimmte als Ältester erst einmal sein eigen Lied an und rief es zum Fenster hinaus. »Christ Kyrie, komm zu uns auf der See.« Und nachdem er es dreimal gesungen, fielen die Frauen mit klangvollen Stimmen ein. Maren sang allen voran und ihr zartes Gesicht leuchtete in aller Glaubenskraft:
»Mächtig hast du abgewehret Schaden, Unfall und Gefahr, Und das Gut steht unversehret, Und gesegnet war das Jahr.«
»Christ Kyrie, komm zu uns auf der See«, schloß Ohm Rickert mit eindringlichem Ruf die kurze Andacht. –
Sacht schaukelte wieder die Wiege.
Ein erneuter Sturmprall stieß die Tür auf. Jemand flog mit herein und setzte sich verpustend auf den Stuhl, der neben der Tür stand. Der ganze Mann triefte vor Nässe und Onnen sprang zu, und nahm ihm den Mantel und die Mütze ab, um sie auf der Diele vor das offene Feuer zu hängen.
Maren lachte ein wenig.
»Muß erst der Südwest euch auf den Mutterhof blasen, Nachbar Luersen? Wir haben uns Wochen nicht gesehen oder gar Monate?«
Der Angeredete schaute stumm vor sich hin, ganz zusammengeduckt saß er da.
»Mich dünkt,« meinte Ohm Rickert, »da hat noch jemand dem Sturm nachgeholfen. Erstmal aber brau ich ’n lütten Teepunsch, der wird dann das Nötige aus Nachbar Luersen rausholen.«
Dieser wehrte müde mit der Hand. »Dein Heilmittel hat zwei Seiten, ich hab’ sie schon allbeid ausprobiert …«
»So will ich dir die Seite brauen, die heut für dich gut ist, arm Stackel.«
Als Ohm Rickert nach einer guten Viertelstunde wieder hereinkam, fand er genau dasselbe Bild. Die wiegende Maren, die beiden klöppelnden alten Frauen, die Kinder über ihren Schularbeiten, und den Besuch noch immer zusammengeduckt auf dem Stuhl an der Tür. Eine kleine Wasserlache stand um ihn herum.
Ohm Rickert klopfte ihm auf die Schulter. »Da hängt man wohl am besten den ganzen Kerl vors Feuer«, lachte er gemütlich. »Un dor is de Teepunsch. Dat’s min Rezept. Wasser hab sich nich viel drin, das hast du all nog mitbrächt. Trink, Nahbar Luersen, un vertell din Sorgens.«
Mit beiden Händen umfing der Verklamte das heiße Glas. Ein wohliges Schauern ging durch ihn hin. Aber er sprach nichts, bis er die Hälfte des Inhaltes mit dem Löffel ausgeschöpft und den abgekühlten Rest mit einem einzigen, gierigen Schluck hinuntergegossen hatte.
»Wenn die Kinder hinausgehen könnten …«
Gleich nahm Onnen die Schwester bei der Hand, und wenige Minuten später standen sie schon beide, von einem dicken Umschlagetuch umwickelt, vor der Haustür. Tüchtig mußten sie sich anstemmen, um nicht umgerissen zu werden, und mit hellem, freudigen Aufkreischen beobachteten sie, wie das Wasser herankam. An der Halligkante tobte schon die Brandung, die alle Rinnsale schnell füllte und zuerst Schaumtropfen, dann aber Riesenwellen über die Insel hinjagte.
Drinnen nahm Vadder Luersen mit raschem Griff seinen Stuhl und schob ihn an den runden Tisch.
»Warm und still und satt ist’s bei Euch, Maren Holgers«, sagte er aufatmend.
Sie wartete, ob noch etwas nachkäme, aber der Gast hatte sich niedergesetzt und brütete vor sich hin. Da fragte sie lächelnd: »Kamt Ihr bei dem wilden Wetter von der Schulwarf, um mir das zu sagen?«
»Freilich nicht. Frauenrat wollt’ ich hören. Ich dacht: ›Mutter Holgers ist erfahren, Frauke Holgers ist besinnlich, und Maren Holgers ist rasch und zupackend, obendrein voll Liebe für alle Halligkranken‹ …«
»So? Meint Ihr das?« fragte Maren, und ein froher Schein flog über ihr Gesicht. »Und wobei dürfen wir raten?«
Es wurde ihm schwer zu antworten. –
»Uns’ Akke ist heut mittag mit einem lütten ›Sokkerpöös‹ angereist gekommen. Von ihrem Mann will sie weg. – Nichts da, hab ich gesagt, du gehst zu ihm zurück. Das wird sie denn auch getan haben … Sie nahm die Richtung nach der Postfähre. So ein Dickkopf. Ein lütt büschen hätt’ sie ja gut warten können … Sie ist nicht hier?« fragte er plötzlich dringlich.
»Wie sollte sie hierherkommen?« Maren schoß das Blut ins Gesicht. Und Mutter Holgers setzte finster hinzu: »Eure Akke hat den Mutterhof noch nicht wieder betreten – seit damals …«
»Weiß schon, weiß schon«, nickte Vadder Luersen, »und ich will nun wieder gehen.«
Tanten Frauke hob den Kopf. »Und unser Frauenrat?«
Er erhob sich schwerfällig. »Der ist nun nicht mehr vonnöten. Ich hatt’ eben gemeint, – die Akke müßt hier sein.«
»Ihr sagt uns nicht alles«, rief Maren rasch. »Ihr habt Eure Tochter und den Säugling bei diesem Wetter von Euerm Haus verjagt? Ist’s so?«
Vadder Luersen reckte sich. »Arm ist unser Haus und bis obenhin voll Schulden und unnützer Fresser, aber doch zu schade für ein weggelaufenes Weib …«
Das angstvoll forschende Gesicht des Vaters strafte aber die herben Worte Lügen.
»Warum habt Ihr unsern Rat nicht früher geholt?« fragte Maren mit blitzenden Augen. »Die Akke gehört in Euer Haus.«
»Ja, früher einmal.«
»Das Recht verlischt nicht. Ihr habt sie verheuert. Mit Euerm Willen hat sie den Hamburger genommen.«
»Und mit ihrem eigenen. Das könnt mir fehlen, daß ich zu meinem bannig vielen Kinnerwarks auch noch Enkel sollt aufnehmen …«
»Beinahe möcht’ ich sagen: Schämt Euch, Nachbar Luersen!« rief Maren. »Aber Ihr seid verbittert. Deshalb leg’ ich nichts auf die Goldwage … Inwendig bei Euch sieht’s ganz anders aus. Ich habs immer gefühlt, daß die Akke Euer Spiegel ist.«
Vadder Luersen stöhnte auf. »Dat is ja nur, dat mi dat min Akke andeiht. Mien eigen lütte, söte Deern! Es ist die Schande. Daheim die jammernde Olsch’, – und in Hamburg der fremde Schwiegersohn … ›Halligpack‹ hat er ihr nachgerufen … Das Wort frißt einen Friesen auf. ›Halligpack!‹«
»Das Wort fällt von uns ab«, sagte Maren ruhig. »Und den, der’s aussprach, trifft es. Nehmt’s nicht wieder in den Mund, Vadder Luersen. Was soll der Hamburger Schmutz auf unserer reinen Insel?«
Der Gebeugte richtete sich auf und sah die Sprecherin unverwandt an. »Von Euch, Maren Holgers, geht niemand ungetröstet fort.«
Maren errötete, denn sie fühlte, wie auch die anderen sie eigen anstarrten, als sähen sie die Hausgenossin zum erstenmal. –
Draußen polterten die Kinder, schrien und riefen.
Vadder Luersen öffnete die Tür. »Jesus, – komme ich denn da noch heim???«
Ein jäher Sturmstoß gab ihm Antwort. Beide Kinder fielen zu Boden, Onnen raffte sich wieder auf und sprang auf die Diele, die schreiende Karen nahm Vadder Luersen mit raschem Griff und hob sie über die Schwelle. – Wilder Aufruhr ringsum. Im Tief überschlugen sich die Wellen, Brandung und Gischt tosten und sprühten, nur der Halligsee war der einzige »ruhende Pol«.
Maren brachte Mantel und Mütze. »Macht fix zu, Vadder Luersen«, drängte sie. »Solang die Leeseite noch ruhig ist, kommt Ihr heim. Grüßt Mutter Luersen. Laßt Eure Sorgen auf unserer Diele …«
»Habt Dank!« Der Wind verschlang die Worte.
Einen Augenblick verweilten die Bewohner des Mutterhofes noch in der offenen Tür, um all das Gewaltige in sich aufzunehmen. Die jäh veränderte, sonst so stille Insel, die grauen Wassermassen, die zerrissenen Wolken am Himmel mit dem glutroten Sonnenball, und die Schwärme der schutzsuchenden Vögel, die angstvoll um das Haus flatterten oder sich im Hof und Garten zutunlich niedergelassen hatten.
Mit scharfen Augen spähte Maren umher, dann entdeckte sie das, was sie suchte. Edlef Holgers trieb das weidende Vieh vor sich her.
»Rühr dich, Onnen,« rief Maren dem jungen Schwager zu, »riegele die Ställe und Hocken auf …«
Dann kämpfte sie sich durch den steifen Südwest dem Gatten entgegen.
»Schweres Wetter!« sagte er, als sie dicht vor ihm stand. Weiter nichts. Maren biß die Zähne zusammen. Edlef war drei Tage in Pellworm gewesen, heiß hatte sie sich nach ihm gebangt. Aber ihrer beherrschten Ruhe merkte man davon nichts an. »Du bist wohlauf?« fragte sie.
»Und du?« forschte er dagegen.
»Der Mutterhof steht.« –
Da pfiff Edlef dem Hunde Finn, der Miene machte, sich mit der herannahenden Flut zu necken und zu zerren.
Als sie am Jungteil vorbeikamen, hörten sie Lütt-Krischan jämmerlich schreien. Unschlüssig stand Maren eine Weile …
Die Pflicht kämpfte mit dem Verlangen, beim Manne zu bleiben.
»Kannst du mich entbehren, Edlef?« fragte sie hastig.
»Allstunds.«
Da ging sie sehr blaß ins Haus hinein.
Drinnen bastelte und nagelte Ohm Rickert, er hatte an allen Fenstern des großen Geweses die Laden vorgelegt und nur die nach der Seeseite offen gelassen, damit man einen Ausblick habe. Tanten Frauke hatte die Kinder zu sich herübergenommen und erzählte ihnen Geschichten, Mutter Holgers trug das heftig schreiende Kind ohne Erfolg in der Stube umher.
»Ich glaub beinahe, die Frau Mutter verwöhnt das Lütte zu sehr«, meinte Maren ruhig. »Vorhin hat’s erst getrunken, es müßte jetzt schlafen …«
»Wie kann’s schlafen?« fragte Mutter Holgers ärgerlich. »Bei Sturmflut setzt sich Ekke Nekkepenn und sein Volk auf die Kinderbetten und Wiegen, um zu ängstigen. Fühl nur, ganz kalt ist das Kind.«
»Weil der Südwest durch die Hausfugen weht, Frau Mutter. In der warmen Wiege ist er am besten aufgehoben.«
»Du mußt es ja wissen,« rief Mutter Holgers scharf. »Ich hab ja nur zwölf Kinder großgezogen …«
Maren trat zur Schwiegermutter. »Das vergesse ich nie, und ich wollt’ dich nicht kränken,« sagte sie freundlich.
Da legte Mutter Holgers das Kind in die Wiege zurück, deckte es warm zu und ging hinaus.
Ohm Rickert, der noch das letzte Fenster nagelte, rief über die Schulter: »Du könntest jeden Tag zu Hagenbeck, Maren, min Deern, als Löwenbändiger.«
»So schlimm ist es nicht, Ohm Rickert. Mir ist nur aller Streit verhaßt.«
»Mir nicht«, meinte der Alte. »Büschen Zank frischt die Lebensgeister auf. Ich wollt ›ks, ks‹ rufen, aber da fingst du schon an zu bändigen.«
Maren lächelte matt. »Ihr müßt immer Euren Schnack haben, Ohm Rickert. Aber bleibt nur dabei, Ihr habt mir schon manchmal damit geholfen.«
»Ich dir? Nichte Maren? Mich dünkt, du hilfst dem ganzen Mutterhof auf. Seit du hierher geheiratet hast, habe ich Tanten Frauke schon dreimal lachen hören. Mutter Holgers ist überhaupt allmeindag nich wiederzuerkennen, und mich selbst hast du so hibbelich und allerte gemacht, daß ich sogar noch Stine Hinrichsen heiraten könnte.«
»Ach nein, Ohm Rickert, tut das nicht,« bat Maren mit liebem Lächeln und ernsten Augen. »Ihr müßt bei mir bleiben, ich brauche Euch wie’s liebe Brot …«
»Tust du das? Tust du das?« fragte der Alte mit freudiger Hast, und die hellen Tränen schossen ihm in die Augen. »Nichte Maren braucht mich! Ach du! Ein Altenteiler gehört zu den fünften Rädern. Aber wenn du sagst, ich bin dir was nütze …«
»Liegt Euch daran so viel?«
»Ob mir dran liegt! Nichte Maren, die Leute denken immer, mein loses Maul wär’ ein Zeichen von Herrschaft hier im Mutterhof. Denkt nich dran. Notwehr ist’s. Für die Ahne und all die übrigen hier war ich immer der Garniemand. Mehr und öfter als zum Finn haben sie zu mir ›kusch dich‹ gesagt. Und erst als du auf den Hof kamst, Nichte Maren, da hat man dir’s nachgemacht und allmählich auch Respekt vor mir bekommen.«
»Ihr tut mir zu viel Ehr’ an, Ohm Rickert,« wehrte Maren. »Den Umschwung hat das Kind gebracht. – Der Mutterhof braucht Kinder, Kinder sind Sonne.«
Ohm Rickert sah scharf nach ihr hin.
»Nichte Maren, darf ich dich einmal etwas Ernstes fragen? Der Edlef …?«
Sie schaute ihn an. In Leid wie versteint waren ihre Augen.
»Nein, Ihr dürft nicht fragen, Ohm Rickert«, sagte sie abweisend und ging nach der Diele. Sie suchte Edlef. Konnte aber nur Mutter Holgers am Herd schaffen sehen, die das Abendbrot richtete.
Durch die Futterkammer schritt Maren zu den Ställen. Alle waren geschlossen, aber gerade als sie den zweiten Eingang vom Hof aus suchen wollte, wurde ein Riegel zurückgeschoben, und Edlef Holgers trat, sich tief bückend, durch die niedere Tür.
Vielleicht war ihm deshalb das Blut so heiß ins Gesicht gestiegen, und nur die Lippen jäh erblaßt. –
Er lachte kurz auf. »Wir haben Besuch, Maren.«
Er deutete nach rückwärts, und Maren meinte einen Augenblick, das Herz müsse ihr stillstehen.
»Akke …« stammelte sie.
Tief mußte sich auch die große, stattliche Frau bücken, als sie aus der Stalltür trat. Und auch sie war heiß und rot und verlegen. In ihrem Arm lag ein Bündel, aus dem schwache, gnarrende Laute drangen.
»Du siehst, Edlef, deiner Frau verschlägt’s den Atem«, spottete Akke. »Und du wirst deine freundliche Einladung rückgängig machen müssen.«
»Ich bin der Herr auf dem Mutterhof«, sagte Edlef finster.
»Dasselbe mein’ ich auch«, fiel Maren schier gelassen ein. »Und wen Edlef auf den Mutterhof führt, der ist auch mir willkommen.«
Da senkte die Fremde den Kopf.
»Es ist nicht für lange«, sagte sie unsicher.
»Das steht im Belieben.«
Maren schritt den beiden voraus nach der Diele zurück. Unheimlich heulte der Sturm. Der Knecht stand triefnaß am offenen Feuer. »Herr Vater, das Wasser hat den Zaun umgelegt,« meldete er an Edlef.
»Ist’s schon so weit?«
Edlef öffnete die Tür zum Wohnpesel. Der Tisch stand einladend gedeckt, Tanten Frauke und die Kinder lehnten am Fenster, und sahen auf die tobenden Wassermassen.
Nun musterten alle befremdet die Neuangekommene.
»Mich dünkt, die Haustür ist immer noch vorn am Mutterhof,« bemerkte Ohm Rickert scharf. Er trat dicht an Edlef heran, der sich in einer Ecke zu schaffen machte. Und fragte zornig mit verhaltener Stimme: »Bist du verrückt geworden?«
»Sieh nach deinen Worten,« brauste Edlef auf.
Da faßte Maren Holgers Akkes Hand. »Frau Akke Bahn, geb. Luersen, bittet den Mutterhof um Unterstand auf einige Zeit für sich und ihr Kind.«
Mit ruhiger Würde nahm sie das eingeschlafene Kleine aus dem Arm der Mutter und legte es in die breite, schaukelnde Mutterhofwiege neben Lütt-Krischan.
»Nun wollen wir essen und beten,« gebot Maren.
»Christ Kyrie komm zu uns auf der See«, rief laut der Knecht. Denn der Sturm rüttelte gewaltig an den Mauern des Hauses.
Dann falteten alle die Hände und laut, schier trotzig klang Edlef Holgers’ Stimme:
Herr, gebiete dem Sturm, Herr, bewahr Haus und Turm, Herr, laß uns nicht leiden Durch Zwietracht und Streiten. Gesegne uns Gott Unser tägliches Brot Und laß uns halten hoch und wert Unsers heiligen Hauses Herd. Amen.
Die Magd brachte die Suppe herein. Gesprochen wurde nicht viel. Edlef Holgers gab den Hausgenossen einige knappe Anweisungen für die kommenden Stunden, und Tanten Frauke sprach leise mit der unruhigen Karen, die auf viele Mutmaßungen eingehende Antwort heischte.
Unter dem Tisch aber falteten sich immer aufs neue Marens Hände: »Und laß uns halten hoch und wert unseres heiligen Hauses Herd«, betete ihr junges Herz, und die Augen schauten vergrämt auf die Fremde.
Rasch wurde abgegessen. Maren brachte fast keinen Bissen herunter. Nach einer Weile stand sie auf, ging nach der Gastkammer und begann ein Bett für Akke und ihr Kleines zu rüsten. – Nach einigen Minuten folgte ihr Edlef Holgers.
»Hast du Furcht?« fragte er, »die Flut sinkt, es ist bald Hohlebbe …«
»Wir steh’n in Gottes Hand, ich hab mich keinen Augenblick gefürchtet.«
»Ich hätte dir wohl manches zu sagen, Maren, – über unsere nächste Zukunft …«
»So sprich.«
»Es wird mir nicht leicht«, zögerte er.
Und während sie gelassen in ihrer Arbeit fortfuhr und das Zittern ihrer Hände verbarg, überstürzten sich seine Worte. Er wies auf das langsam zurückgehende Wasser. »Wenn es abgelaufen ist, Maren, müssen wir wieder von vorn anfangen mit Pflanzen und Einhegen und Bauen und Dichten, – so geht’s Jahr für Jahr, und zwei- und dreimal im Jahr. Das macht die Leute unzufrieden und verdrossen. Nicht alle sind so verwachsen wie wir mit der Heimatscholle. Es muß etwas Eingreifendes geschehen. Sonst könnten sie halligflüchtig werden. Das wäre ein Unglück für die Insel.«
Edlef Holgers sprach in kurzen, abgerissenen Sätzen.
Als wolle er eine unangenehme Nachricht vorbereiten oder hinausschieben. – »Wir haben Versammlungen gehabt. Nun sollen Abordnungen mit praktischen Vorschlägen hinausgeschickt werden, nach Kiel, nach Hamburg, nach Kopenhagen …«
»Du willst fort?« fragte Maren scharf.
»Man hat mich gewählt. Du weißt, daß der Halligbauer nur Vertrauen zu seinesgleichen hat. Da könnte Gott einen Engel vom Himmel schicken, sie würden einen lästigen Ausländer in ihm sehen.« Edlef lachte gezwungen. »Von mir weiß die Hallig, daß ich mein Leben einsetze für die Heimat.«
Es war, als höre Maren nur den kleinsten Teil von Edlefs Rede.
»Auf wie lange?« stieß sie hervor. Als sei nur die Tatsache haftengeblieben, daß er fort wolle.
»Auf ein halbes Jahr. Oder ein ganzes. Die Aufgabe, die ich zu erfüllen habe, ist nicht leicht.«
»Es ist recht«, nickte Maren, und war sehr blaß geworden. »Mein Bruder wird mir zur Seite stehen und Ohm Rickert. Auch Jung Onnen ist ein Verläßlicher. Sei ohne Sorge, Edlef. Du wirst hier alles in Ordnung finden, wenn du heimkehrst.«
»Das weiß ich. Und zur Reise richte ich mir alles selbst.«
»Nicht nötig, das ist Frauensache. Gib nur dem Knecht und Ohm Rickert Bescheid, was in der nächsten Zeit eilig zu tun ist.«
Die Gatten sahen sich an. In seinen Blicken glomm etwas Feindliches.
»Wie lange will Akke hierbleiben?« fragte Maren.
»Akke hat mich gebeten, ihr einen Dienst in Kopenhann zu verschaffen«, entgegnete er gleichgültig.
»So! … Sie weiß also schon um dein Fortgehen?«
»Ja, durch Zufall. Als ich sie im Stall fand. Sie wollte natürlich durch die Vordertür zu uns kommen, sah aber dort ihren Vater …«
»Und du willst Akke mit nach Kopenhagen nehmen?«
»Sie bat mich darum. – Ich habe dort viel Bekannte.«
»Und das Kind?«
»Akke will dich bitten, es zu ihren Eltern zu bringen. Sie meint, dann nehmen sie es schon auf …«
»Sie trennt sich leicht von dem Kind???«
Edlef Holgers zuckte die Achseln. »Das liegt in ihrer Natur.«
Die Tür wurde aufgestoßen. »Hohlebbe«, schrie Ohm Rickert in die Kammer. »Und die Flut fällt nicht mehr, sie steht. Mich dünkt aber, sie kriecht schon wieder heran …«
»Da sei Gott vor.«
Edlef und Maren liefen zugleich vor die Tür. Ja, da sahen sie es im Scheine des Mondlichtes und der Hauslaterne. Das schon über die Stufen herabgesunkene Wasser stieg. Da schauten sich die beiden Gatten wieder in die Augen. »Gott bewahr’ uns vor einer ›Manndränke‹«, sagte Ohm Rickert hinter ihnen.
Nun streckte Maren ihre zitternde Hand aus, und Edlef Holgers legte für eines Augenblickes Dauer die seine hinein. Dann wandten sich beide rasch ins Haus.
»Alles, was draußen zu tun ist, hab’ ich besorgt«, rief Edlef Ohm Rickert zu. »Die ›Fethinge‹ sind mit Sandsäcken verwahrt, ich hoffe nicht, daß die Flut unser Süßwasser verdirbt. Die zwei Boote haben Jochen und ich verankert. Aber nun alle Mann heran, damit wir das Vieh auf den Stallboden bekommen.«
»Doch wohl zuerst die Kinder auf den Hausboden«, weinte Mutter Holgers.
»Wir sind fünf Frauenleut«, sagte Maren. »Drei von uns wollen das rasch tun.«
»Wer will den Mannsen beim Vieh helfen?«
Akke trat vor. »Das ist Arbeit für mich.«
»Und für mich!« folgte Tanten Frauke.
So begann die schwere Nacht für den Mutterhof.
Kläglich blökte und brüllte das Vieh. Es wollte zur ungewohnten Zeit nicht aus den Ställen heraus und scheute vor der dumpf hallenden Bretterrampe, die schon Edlefs Großvater hatte anlegen lassen, um das Vieh in Stunden der höchsten Not sichern zu können. Immer wieder entwichen die Tiere und wollten nach dem ebenerdigen Obdach zurück. Trotzdem die schwarze, schillernde Schlange schon Besitz vom Erdboden nahm und das Stroh durchfeuchtete. Mutter Holgers und die Magd schleppten die schwere Holzwiege mit Lütt-Krischan. Maren trug Akkes Kind. Klein-Karen »rettete« allerlei Unnützes und hinderte die Erwachsenen. Onnen verwies es ihr. Seine sonnigen Knabenaugen trugen einen über seine Jahre reifen Ausdruck. »Nimm du nur deine Puppe«, sagte er liebreich. »Das ist dein Kind, bring’s in Sicherheit.«
Dann zog er die Schwester hastig auf den Hausboden und hieß sie sich dort ruhig hinsetzen. – Er selbst eilte wieder hinab und verschnürte rasch und sachgemäß die Betten, um sie hinaus und hinauf zu tragen, während das Wasser schon seine Knöchel umspülte. Von den Ställen her klangen Edlef Holgers’ Befehle und der wilde Lärm, den die verängstigten Tiere verursachten. Dazu kreischten Möwen und Austernfischer, sie flogen ohne Scheu schutzsuchend bis in die Stuben hinein.
»Maren«, rief Onnen mit fliegendem Atem. »Ich hörte, daß Bruder Edlef nach Köpenhaun soll. Unseres Deiches wegen! Und sonst noch … Halligstudium! – Unsere Zukunft! Du mußt ihn fortlassen, Maren, du mußt. Nicht wahr, du tust es? Es ist zu notwendig. Ich weiß das, Maren, wenn ich auch noch ein Junge bin.«
Maren nickte ihm zu. »Halligsach’ ist unsere Sach’«, sagte sie. Und setzte besorgt hinzu: »Sieh, wie das Wasser steigt. Wir dürfen nichts mehr mitnehmen, müssen eilen, meine Schuhe sind schon voll Wasser …«
»Meine auch«, lachte Onnen. Aber das Lachen verging ihm jäh, als er die Tür öffnete. Gurgelnd, zischend, klatschend schossen die Wasser heran. »Halt mich«, rief er Maren zu und schwang die gefährdeten Betten auf Schulter und Kopf, und ließ sich halten, vorwärtsstoßen und führen von der jungen Frau. Als sie auf den Hausboden kamen, schliefen die Kinder schon, aber Onnen wollte nichts vom Bettgehen hören.
»Will zum Edlefbruder hinunter, vielleicht kann ich da noch helfen …«
»Laß ihn«, wehrte Maren der Schwieger, die den Knaben zurückhalten wollte. »Er ist umsichtig wie ein Mann, das Gewese liegt ihm am Herzen.«
Nun kämpfte sie mit Mutter Holgers und der Magd bei den Luken. Der Sturm hatte zwei von ihnen aufgerissen und heulte durch sie hindurch.
»Laß sie offen, bis Mannshilfe kommt,« keuchte Mutter Holgers, »es ist ohnehin zum Ersticken hier oben.«
Die drei Frauen saßen stumm bei den schlagenden Holzladen und konnten sich nur dann und wann durch Zeichen verständigen. Denn ohrbetäubend ratterte das losgebrochene, feste Holz, knarrten, gurgelten und klatschten die Wassermassen.
»Christ Kyrie, Christ Kyrie«, schrie die Magd auf, und die Kinder erwachten und weinten, und Klein-Karen fürchtete sich.
Später kamen triefend und erschöpft die anderen.
Akke sah seltsam wild und schön aus mit den vom Sturm gelösten krausen Haaren und den kraftvollen Bewegungen ihrer starken Arme. Sie versuchte die Haarmassen wieder in Flechten zu bändigen. »Heiß ist’s hergegangen«, lachte sie mit ihrer tiefen Stimme. »Die Arbeit liegt mir besser, als Kinder päppeln.« Und sie nahm gleich Ohm Rickert Hammer und Nägel aus der Hand, fing den schlagenden Laden auf und schlug die Krammen wieder fest.
Da saßen sie alle im Dunkeln, aber Edlef zog aus einer Abseite eine ungefüge Riesenlaterne hervor und entzündete darin das mächtige Wachslicht.
Maren mühte sich, Onnen die nassen Stiefel und Strümpfe auszuziehen, und rieb dann seine erstarrten Füße mit ihren lebenswarmen Händen. Seine Augen sahen sie dankbar an, und er kroch willig auf das Heu, und ließ sie die Federdecke über sich stopfen.
Auch Akke hatte sich ein Nest gewühlt. »Wenn ihr mich braucht, rüttelt mich tüchtig«, tönte es zu den andern her. »Denn ich hab’ einen Bärenschlaf. Wenn aber nur der blanke Hans heraufkommt, so laßt mich in Ruh«, setzte sie leichtsinnig hinzu.
Bald hörte man ihre lauten Atemzüge, denen sich ein schnarchendes Schnaufen aus Ohm Rickerts Ecke zugesellte. Knecht und Magd schliefen übermüdet in unbequemer Stellung. Mutter Holgers dämmerte vor sich hin. Tanten Frauke starrte mit seltsam glänzenden Augen in das Licht, als sähe sie in den schwelenden Rauchwölkchen geheimnisvolle Dinge.
Die sah sie auch. Generationen zogen an ihr vorüber. Die vom Mutterhof. Alle hatten sie so hier oben gesessen in Angst und Zagen, in Ergebung, in wildem Wehren gegen den Tod, oder in tapferer Entschlossenheit.
Ob aber wohl eins darunter gewesen war, wie diese junge Frau Maren? So ganz und gar selbstlos? War das nicht höher zu werten als Gleichgültigkeit gegen den Tod oder als Todesmut? Wie sie immer wieder sich erhob mit den müden Gliedern, der Mutter ein Kissen in das Kreuz schob, die Magd beruhigte, nach den schlummernden Kindern sah, wenn sie sich im Traume rührten! Und jetzt deckte sie die hergelaufene Akke zu, die sich unruhig hin und her warf. Und schützte deren Augen vor dem flackernden Licht der großen Laterne. Dann saß sie wieder still neben dem jungen Gatten.
Wie war es wunderlich zwischen diesen beiden.
Und wer kannte sich aus in einem Holgers?
Hatte nicht Edlef sie selbst, die kinderlose Frauke, wieder in alle Ehren eingesetzt, und femte nun doch sein eigen Weib?
Das war die Holgersselbstsucht, die mit der Holgersgutheit im Streit lag seit Urbeginn.
Und der Holgershochmut wollte sich nicht beugen unter das Schicksal, das »Entsagen« hieß.
Wie hatte die Ahne gesprochen? »Die Holgers sind wie harte Nüsse. Niemand bringt sie auf. Und am liebsten bleiben sie droben in ihren Zweigen. Aber einmal fallen auch sie reif vom Nußbaum herunter ins Grab. Dann holt der Herrgott seinen Hammer und schlägt sie mühelos auf. Schade nur, daß niemand erfährt, ob sie hohl waren oder voll süßen Kernes.«
Drunten in den Stuben stieß und polterte es.
Das Wasser spielte Ball mit den alten Möbeln. Kurze Zeit würde es dauern und die Wände wurden eingedrückt. Wie lange sich dann wohl das Haus auf den Grundpfählen halten würde? Christ Kyrie!!!
»Wollen wir nicht doch am Ende die Akke wecken?« fragte Maren.
»Laß sie schlafen«, entgegnete Edlef. »Du hörtest ja ihren Wunsch.«
»Sie ist ’n tapfere Frau«, schob Ohm Rickert dazwischen. »Gearbeitet hat sie wie ein Pferd, und nun legt sie sich geruhig zum Sterben hin, wie wenn nix wär.«
Akkes Kind fing an zu weinen.
Maren wickelte aus wollenen Tüchern die mitgebrachte warme Milchflasche und betreute das kleine Wesen.
Jetzt prasselte drunten irgendeine Mauer zusammen, und das Wasser umflutete das Haus. Durch die Luft kam es wie wimmernde Klagelaute, jemand läutete die Glocken auf der Kirchwarf.
»Jesus,« schrie da Akke, »was ist das? Was soll das? Wird es denn Ernst?« Sie rieb die Augen. Und sie kauerte plötzlich neben Edlef und schüttelte ihn.
»Seid ihr denn auch Menschen? Wollt ihr klaglos versaufen wie die Katzen?«
Edlef und Maren sahen bestürzt in Akkes verstörtes Gesicht.
»Hast du denn nicht geschlafen?«
»Fünf Minuten oder etwas mehr. Weil ich nicht wußte, daß es Ernst war. Weil … Ihr war’t alle so ruhig … Aber nun läuten sie von der Kirchwarf! … Hört doch! Hört doch! Jesus, Edlef, ich will nicht sterben.«
Sie stürzte zu der Luke, die sie selbst vor einer Stunde vernagelt hatte und entriegelte sie. Polternd schlug der Laden aus ihrer Hand. Alle auf dem Boden erwachten, als der eisige Nachtwind pfeifend über sie hinstrich.
»Akke, wie kannst du?« rief Maren bestürzt und suchte sie vom Fenster fortzuziehen, während Edlef den Laden wieder einfangen wollte.
Aber Akke schlug nach ihnen. »Laßt mich! Seht ihr nicht, wie das Wasser da drunten wühlt? Ist denn keine Möglichkeit, aus diesem Loch herauszukommen? O dies gräßliche Läuten! Geht’s denn zum Sterben?«
Sie schrie und schlug um sich und jammerte, und lehnte sich weit aus der Lukenöffnung und lallte entsetzte Laute, wenn der tobende Gischt sie umsprühte. Die beiden Säuglinge schrien jämmerlich, Maren legte Lütt-Krischan trockene Wäsche unter und beruhigte Akkes Kind, daß es wieder einschlief. »Herr, gebiete dem Sturm, schütz’ Haus und Turm«, beteten Knecht und Magd.
Edlef nagelte den Laden aufs neue fest, und dabei konnte er sich nur mit Mühe der jammernden Akke erwehren, die sich immer wieder auf ihn warf.
»Memme«, rief Jung-Onnen plötzlich und stand in dürftigster Bekleidung vor Akke. »Warum sagtest du denn vorhin so ein hochmütiges Wort, du wolltest schlafen, wenn der blanke Hans käme? Und nun kommt er, und nun ist alles gelogen?«
»Er soll nicht kommen!« Akke streckte abwehrend ihre Hände aus. »Ich hab’ das nicht gewußt, ich hab’ das nicht gewußt …«
Sie ächzte laut und warf sich auf ihren Bettplatz, und wiederholte immerfort die Jammerworte. Dann sprang sie auf.
»Was seid ihr auch für gräsige Holzpuppen, ihr Holgers!« rief sie außer sich. »O warum bin ich auf die grauenhafte Hallig gekommen! Warum bin ich nicht in Hamburg geblieben! Dann dürft ich jetzt leben, leben, leben …«
Da schüttelte Onnen seine jungen, starken Fäuste vor ihren Augen: »Stirb anständig!!! Du! … Schmäh die Hallig nicht …«
Und er warf sich auf sein Lager und weinte wild und schmerzlich.
Da kroch Edlef Holgers zu ihm hin und nahm ihn in seine Arme. Was hatte der junge Bruder da eben gesagt? »Stirb anständig!«
Edlef strich ihm über das Blondhaar, das heiß und feucht von der inneren Erregung an der Stirn klebte. Und er fühlte, wie die jungen Glieder zitterten.
»Nicht krank werden«, raunte Edlef an Onnens Ohr. »Wir zwei müssen uns recht kennen lernen, du … kleiner Bruder! Reiß’ dich zusammen! In deine Hände will ich ja Maren geben, wenn ich fort muß … Spürst du mein Vertrauen? Ja? So sind wir heut erst rechte Halligbrüder geworden …« Ganz dicht schmiegte sich Onnen an des großen Bruders Brust.
»Up ewig ungedeelt …«, lallte er und dann lösten sich seine Glieder in überwältigender Müdigkeit. Sacht ließ Edlef ihn auf das Lager zurückgleiten, und legte sich neben ihn und faltete seine großen Hände über den Kinderhänden. –
Am andern Morgen fiel ein Sonnenstrahl durch das Lukenloch und weckte Maren. Sie schreckte auf. Alle Glieder schmerzten sie heftig. Die Arme und Hände waren abgestorben, beide Kinder hielt sie krampfhaft an ihre Brust gedrückt. Ihr Rücken lehnte an dem großen Bodenbalken, sie konnte kaum den Kopf drehen. Unerträglicher Nackenschmerz quälte sie. Lange konnte sie nicht geschlafen haben, die Säuglinge hatten die Nacht durch geschrien, ohne doch die schwer ermüdeten anderen aufzuwecken. Auch war Maren mehrmals zu dem laut redenden Onnen hingetreten und hatte ihm aus dem Wasserkrug zu trinken gegeben. Tief und fest schlief Edlef neben dem Knaben.
Nun tastete sich Maren nach dem Laden, riegelte ihn sachte auf und ließ die Sonne in den dumpfen Oberboden hinein. Die lachende Sonne, die eine grauenhafte Verwüstung beschien. Maren stöhnte auf, als sie die kurze Umschau hielt. Von den Ställen her hörte sie das Vieh blöken und brüllen. Sie legte die beiden festschlafenden Kinder in die Wiege. Als sie aufschaute, sah sie in Tanten Fraukes ernste Augen.
»Maren, mein Deern, hilf mir auf, – ich kann mich nicht rühren –, aber Gott sei ewig Dank, wir leben und der Mutterhof auch …«
»Aber wie lebt er!« seufzte Maren.
»Komm, Tanten Frauke, wir wollen die andern nicht wecken, sieh, wie völlig erschöpft sie schlafen.«
Sie tasteten sich vorsichtig über die Schläfer hinweg zur Stiege hin.
Als sie an Akkes Lager vorbeikamen, erschraken beide. Das Bett war leer. Auch drunten weit und breit nichts von ihr zu entdecken.
»Vielleicht ist sie schon beim Vieh«, meinte beruhigend Tanten Frauke, und sie schritt, so rasch es ihre steifen Glieder vermochten, nach dem Stallboden. Auch Maren ging tapfer gegen die körperlichen Schmerzen an. Sie schlich sich in die Küche, mußte sich dort aber an die Tür lehnen in heftigem Schreck. Verheerend hatte der Sturm gewütet. Schlamm, Seetang und Muscheln bedeckten den Küchenboden. Darin standen die schmutzigen Küchenmöbel und Kochgeräte bunt durcheinander. Mit unsäglicher Mühe öffnete Maren die eiserne Lade, in welcher sich trockenes Holz befand. Streichhölzer lagen dabei, so konnte sie rasch ein prasselndes Feuer entfachen. Als sie sich umdrehte, stand die Magd Gesine mit verschlafenem Gesicht und krummem Rücken in der Tür, sie schleppte einen Eimer Regenwasser.
»Den kriegen wir erst mal zu Feuer«, lachte sie. »Un denn en orndlichen Kaffeepunsch, der bringt uns alle wieder auf die Beine. Christ Kyrie, war das eine Nacht! Un wo süht dat hier ut!«
Sie reinigten den verschlammten Wasserkessel, füllten ihn und setzten ihn auf das fauchende Feuer. Aus einem hochgelegenen Wandschapp, daran die Wellen nicht gelangt hatten, holte Maren eine Flasche »reines Gotteswort« und setzte sie auf den Herd. Nach einer Weile kam Tanten Frauke mit dem halbgefüllten Milcheimer.
»Wir müssen doch die Mannsen wecken,« sagte sie besorgt, »das Vieh muß vom Boden herunter, es sieht nicht alles so aus, wie es soll. Und die Akke ist auch nicht droben.«
Tanten Frauke begab sich nach dem Oberboden, um dort Bescheid zu sagen, unterdessen versuchte Maren, etwas Behaglichkeit in den Wohnpesel zu bringen. Die Magd heizte den Ofen. Dabei kopfschüttelte sie ergiebig. »Dat süht bös ut, buten un binnen, dat duert ’n beten, bet wi wedder in de Reg sünd …«
»Aber wir haben niemand verloren«, tröstete Maren sich selbst mit, denn im Grunde war ihr das Herz bitter schwer.
»Dor kümmt de Brefträger«, sagte die Magd und wies nach dem Fenster.
Peter Hansen brachte an Edlef einen großen Brief und für Maren eine fröhliche Karte von Nomine aus Bacharach am Rhein. Der Bote machte ein ernstes Gesicht.
»Dat wier ’n sworer Abend un ne schlechte Nach!«
»Sünd ji god toweg?« fragte er teilnahmevoll.
»Ja, Hansen, god toweg.«
»Dann setten Se man glicks ›Gott sei Lob un Dank‹ achteran, Fru Maren. Dat wier ’n richtigen Manndränke … Gott sei allen gnädig.« Peter Hansen setzte sich schwerfällig auf einen umgestürzten Zuber und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Wie meinen Sie das?« fragte Maren mit stockendem Atem.
»Weeten Se denn noch gor nix, Fru Holgers? Hebben Se denn slöppt?«
»Sie wissen, Hansen, daß die Grootwarf am weitesten liegt, uns hat noch niemand Nachricht gebracht …« Maren sah den Boten aus jammervollen Augen an.
»Die Schulwarf hat’s am härtesten getroffen …« Der Briefträger bedeckte einen Augenblick die Augen mit der Hand.
»Mein Bruder Manne?« fragte Maren heiser.
»De Scholmeester kann noch vun Glück seggen. De hat man blot de linke Hand braken, äwer Vadder Luersen …«
»Mein Mannebruder!« stöhnte Maren. »Und ich nicht bei ihm. Und was ist’s mit Luersen?«
Da sah sie, daß der Briefbote weinte. »Sin Fru und sin Kinners sin em verdrunken …! Herrgott, Fru Holgers …!«
Er sackte steuerlos in sich zusammen.
Die Magd jammerte laut. In Marens weißem Gesicht rührte sich kein Zug. »Ist seine Tochter Akke dort?« fragte sie heiser.
»Dat is ’t jo man. De weet von nix. De is hüt vör Dau un Dag mit’n Postschipper nah Pellworm segelt, un von dor gliks nah Husum. Se war dull in de Fohrt … Du grote Gott, ne, de weet von nix. Sonst weer se jo wohl dor. De is doch all ehr Dag dat Kücken west in Luersens Höhnerstall. –«
Maren hielt die Hände gefaltet. Sie murmelte tonlose Worte vor sich hin: »Die ist fort … Die weiß nichts … Frau und alle Kinder ertrunken …«
Der Briefträger stieß sie ein wenig an, damit sie sich besänne. »Ja, so was greift an, Frau Holgers«, meinte er betrübt.
Jetzt kam Edlef von den Ställen her.
»Uns gehen ein paar Stück Vieh drauf, Maren,« rief er ihr zu. »Mich dauern die armen Tiere. Und schwerer Schaden überall … Was hast du, Maren?«
Die Lippen in ihrem weißen Gesicht bewegten sich, aber man konnte nichts verstehen. Die Magd reichte ihr besorgt eine Tasse vom heißen, stark duftenden Kaffeepunsch. Maren trank gierig, und es kam etwas Farbe in ihr trostloses Antlitz.
»Dat is man, Herr Holgers, daß Se blot Vieh verloren hebben,« sagte der Bote, »awer up annere Warfen …«
Und dann erzählte er noch einmal den ganzen Jammer der Schulwarf.
»Den Scholmeester hat de Fru Pastern all in Pflege«, setzte er hinzu. »Da soll sich Fru Holgers nich sorgen. Aber bei Vadder Luersen, da muß wohl uns’ Herrgott de Pfleg’ übernehmen …«
»Ich komme heute noch hin auf die Schulwarf.«
»Das wird gut sein, Frau Holgers.«
Peter Hansen stärkte sich nun auch am dargereichten Kaffeepunsch, aber er erzählte nichts mehr. Trotzdem Mutter Holgers, Tanten Frauke und der Knecht dazu kamen. Er schüttelte nur immer mit dem Kopf und schien ganz von dem Unglück der letzten Nacht erfüllt zu sein. Dann nahm er seine Mütze und entfernte sich dankend. –
Fieberhaft arbeitete Maren. –
Ungeahnte Kräfte schienen ihr zu kommen. Sie scheuerte mit der Magd an den verschlammten Stuben und Möbeln. Sie brachte die schreienden Wochenkinder in frische Wäsche und in die behaglich-dunkle Ruhe von der Ahne-Döntje. Sie schaffte Onnen vom Boden herunter und bettete ihn einstweilen auf ihr eigenes Lager, denn der Knabe war übermüdet und völlig schlafsüchtig. Maren aß auch gehorsam, was man ihr vorsetzte. Man sah, sie wollte sich aufrecht halten, um all der vielen Pflichten willen, die auf sie warteten. Dann, am Nachmittage, als die nötigste Arbeit getan war, und Mutter und Tante sie drängten, stand sie fragend vor ihrem Gatten. Der zimmerte mit dem Knecht und einem »Bohlsgenossen« den umgerissenen Zaun wieder zurecht.
»Nicht wahr, du läßt mich jetzt zu Manne gehen?«
»Allstunds«, entgegnete Edlef.
Da wandte sie sich und stieg die Stufen hinunter und kehrte sich nicht ein einziges Mal um. Und ihr Auge sah nichts von der Zerstörung auf dem Mutterhof und sonst rings umher. Weil ihr eigen Herz verstört und voll des Jammers war.
All die vielen Wasser- und Wellenberge waren zurückgerauscht, warm schien jetzt eine milde Herbstsonne auf die verschlammten Fennen. In der Ferne glitzerte die ruhig dünende See.
Maren schritt mit einem inneren Grauen an Vadder Luersens Haus vorüber. Da hatte das Wasser die morschen Wände eingedrückt, ganz schief stand die Kate, und durch das halb abgedeckte Dach schien die Sonne auf eine Stätte der Verwüstung. Ein alter Knecht aus dem Nachbarhaus stand allein vor dem verfallenen Gewese. Er grüßte Maren und deutete mit der kurzen Stummelpfeife auf das Wrack.
»Eben hett man se wegbröcht.«
»Wen?« stieß Maren hervor.
»De Liken. De Fru un fief Kinner. De Paster hett se all in de Kirch bringen laten. Dor liggen se, bet se to Erd bröcht ward. De Nahber Luersen is gorni da west, as se verdrunken sün. De hett sin Akke söcht. Un as de Flut kam, hett he bien Paster seten. De Akke wier so allstunds sin Zockerpopp. Dat süll äwer nüms weten. Unten an de Postfähre hett he ok stunnen … Aber se is nich kamen. Un dann hett he weiter söcht, Warf um Warf … Un as he endlich heimgung … Ja, – da wier dat so … Um Middernacht wier dat so … Un in Morgengrauen hett man se funnen, – sien Akke nich, äwer sien Fru und Kinner.«
Maren stürmte weiter, von Grausen geschüttelt.
Dann klinkte sie endlich die Tür im Schulhaus auf. Und klopfte an und lag an Manne Wögens Brust. Und lachte und weinte in höchster Erregung: »Gottlob, ich bin bei dir.«
Er streichelte sie beruhigend mit der gesunden Rechten. Die linke Hand und der Arm lagen zwischen zwei Holzstücken geschient, sie sah es mit einem Blick. Und furchtbar blaß sah der Bruder aus und seine Augen lagen gramvoll in den Höhlen. Ja, es schien Maren, als zöge sich durch das leicht gewellte dunkle Blondhaar ein weißer Streifen …
»Manne!« rief sie entsetzt.
Da tönte aus der Ecke, darinnen der alte Ohrenstuhl stand, ein jammervolles, heiseres Singen. Marens Herz wollte stillstehen:
»Slaap, slaap, mien Zockerpopp, Morgen fruh weck ik di op …«
Manne Wögens wollte sie zurückhalten, aber Maren war schon bei dem alten Sessel, drin alle Wögens ausgeruht hatten. War das Vadder Luersen, der darin hockte? Der in seinen Armen ein altes, schmutziges Kinderkissen schaukelte und mit leeren Augen und blödem Gesicht das Lied lallte?
»Herrgott im Himmel, du!« stöhnte Maren und griff nach einem Halt. Der Bruder umfaßte sie. Auch seine Augen brannten.
Vadder Luersen lächelte blöde. »Dat’s mien Akke«, sagte er geheimnisvoll. »Ik heff se endlich funnen, mien söte Deern.« Und er wiegte das Kissen und sang unermüdlich:
Slaap, slaap, mien Zockerpopp, Morgen fruh weck ik di op …
»So geht das seit heute nacht, da das Unglück geschah«, sagte Manne. »Wir können ganz laut sprechen, er merkt nichts von seiner Umgebung und erkennt niemand. Maren, gottlob, du lebst und bist gesund. Und alles bei euch ist wohlauf. Ich hörte es, sonst säße ich nicht so ruhig hier.«
»Und wie geschah dein Unglück?« fragte Maren leise und zeigte auf die schwerverletzte Hand.
»Ach, nicht der Rede wert. Als wir die … Leichen aus dem Hause freilegen wollten, schlug ein Balken auf die Hand. Die Pastorin hat mich geschient. Morgen kommt der Doktor, er hat schon angerufen; sorg’ dich nicht, Marenschwester.«
Sie zitterte in seinem Arm.
»Ist noch weiteres Unglück geschehen?«
»Die auf der Lüttwarf sind obdachlos geworden«, berichtete Manne. »Der Pfarrer hat sie alle sechs aufgenommen. Drei alte Frauen sind drunter. Das Jammern ist groß bei ihnen, weil sie alles verloren haben.« –
Maren berichtete von der bangen Nacht im Mutterhof. Mit tief verfinstertem Gesicht hörte Manne zu, als sie von Akke erzählte. Scheu streifte sein Blick das reine, blasse Gesicht der Schwester.
»Wann will Edlef fort?«
»Bald, Manne.«
»Es ist notwendig, Maren. Die Hallig fordert es, unsere Heimat. So leid es mir für dich ist …«
»O, es ist besser für uns beide, wenn er fort sein wird …«
»Steht es so um euch …?«
»Ja, Manne.«
Schmerzlich schüttelte der Lehrer den Kopf. »Du arme Deern …«
»Nicht so, Manne. Nicht beklagen. Ich habe alle meine Kraft so gerade eben beisammen. Mitleid … das könnte mich umwerfen.«
»Wie lange will Edlef fort?«
»Auf ein halbes Jahr, oder ein ganzes … ich weiß es nicht.«
»Wir zwei wollen viel zusammen sein, mein Deern.«
»Ich will viel arbeiten, Mannebruder. Daran werde ich gesunden. Der Mutterhof hat einen Reichtum an Arbeit für mich … Ich will auch Akkes Kind behalten. Die Mutter ist auf und davon, und der Großvater …« Sie zeigte auf den Irren.
»Du starkes Herz!« sagte Manne Wögens. Und er küßte seine Marenschwester auf das schlicht gescheitelte Braunhaar. »Geh’ jetzt«, bat er dann liebreich. »Dein Bleiben ist auf dem Mutterhof. Wenn du den Onnen entbehren kannst, schickst du mir Bericht, und ich gebe ihm Nachricht von mir mit. Vadder Luersen bleibt bei mir, bis Fürsorge getroffen ist, wo er unterkommt. Du siehst, er ist wie ein Kind. Mein alter Knecht und ich bringen ihn jetzt zu Bett.«
»Ja, ja, ins Bett«, greinte Vadder Luersen. »Slaap, slaap, mien Zockerpopp …«
Da führte Manne Wögens seine Marenschwester hinaus.
Es war ihr unmöglich, noch einmal an Vadder Luersens Haus vorbeizugehen. Ihre Nerven waren überreizt. Ihr schien es, als griffen Arme und Hände von dort herüber nach ihr. So grauenvoll dünkte sie das tote Haus. Und doch schritt Maren gleich rechter Hand den Weg hinunter zur Kirchwarf hin. Trotzdem sie wußte, daß dort die Leichen aufgebahrt lagen. Aber aus dem Pastorat schien ihr eine tröstliche Fernwirkung zu kommen. Sie sehnte sich nach der gütigen Frau Luischen, nach dem ernsten, verstehenden Lächeln des Seelsorgers. Und sie sah in Gedanken an heiliger Stätte die ausgebreiteten Arme dessen, der gesagt hatte: »Kommt alle her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!«
Pastor Licht und seine Frau traten gerade aus der Kirchtür. Sie gingen wie zwei, die viel Leid tragen. Und man sah ihren bewegten Zügen an, wie mächtig das, was da drinnen lag, ihr Inneres aufgerührt hatte.
Maren ging zu ihnen und begrüßte sie still. –
»Es ist ein Schnitter, der heißt Tod«, sagte Pastor Licht ernst.
Und Frau Luischen drückte Marens Hände und zog zugleich ihr warmes Umschlagetuch um die junge, blasse Frau. Recht wie eine Henne, die ihrem Küchlein warmen Unterschlupf gewährt. »Nicht anschauen, das da drinnen«, riet sie und zeigte nach der Kirche. »Diesmal hat der Tod kein friedvolles Aussehen …«
Sie führte Maren ins Pfarrhaus.
Da war zwar auch noch nichts vom Frieden zu spüren. In der warmen Diele saßen sechs alte Leutlein, drei Frauen und drei Männer. Sie weinten, klagten und stritten sich ein weniges. Hörten auch nicht damit auf, während die Pastorleute und ihr Gast die Diele durchschritten.
»Alle sechs über die Siebzig«, kopfschüttelte Pastor Licht. »Aber noch ganz erdenheimisch. Dabei nicht einmal dankbar, daß unser Herrgott sie noch nicht abrief. Sondern mit Herz und Sinn dem nachklagend, was Motten und Rost verfallen ist. Und was gestern das Wasser verschlungen hat. –«
»Werden die sechs bald ein Unterkommen finden?« fragte Maren teilnahmevoll. »Frau Pastorin wird das auf die Dauer nicht schaffen können …«
»Freilich nicht«, meinte betrübt Frau Luischen. »Da sind besonders die drei, Momme Mommsen, Gesche Wiensen und Melf Brodersen. Die haben einen unheimlichen Appetit. Weiß nicht, wie ich sie satt kriegen soll. Und an Arbeit fehlt’s auf unserer kleinen Warf. Und doch sind sie alle drei gesund und müßten beschäftigt werden …«
»Geben Sie sie mir«, rief Maren lebhaft. »Ich hab’ Arbeit in Hülle und Fülle. Mein Mann verläßt mich, …« sie erschrak selbst über das eigenartige Wortspiel und setzte hastig hinzu: »Er ist nach Kopenhagen gewählt. Soll auch in Kiel und Hamburg bleiben …«
»Laden Sie sich auch nicht zu viel auf, Frau Holgers?« Pastor Licht drohte mit dem Finger. »Sie haben doch schon Melenkes Kind bei sich …«
Zum erstenmal lächelte Maren. »Ja, und Akkes Kind ist auch bei mir.« Sie erzählte rasch von Akkes kopfloser Flucht, und daß sie das Kind um des unglücklichen, schwer betroffenen Großvaters willen so lange behalten wolle, bis Akke sich melde und es zu sich hole. »Nun kann die Großwarf doch wieder ein rechter Mutterhof sein«, setzte sie errötend hinzu.
Da sagte auch Pastor Licht: »Du starkes Herz!« Wie vorhin Manne Wögens. Und gab ihr das väterliche Du, das er sonst nur für seine eigenen, erwachsenen Konfirmanden hatte.
Nun wurde alles sachgemäß besprochen. Auch mit den drei alten Leuten. Die waren ganz aufgeräumt, daß sie auf den stattlichen, reichen Mutterhof sollten. Der Aufenthalt »bei Pastersch« sah ihnen wie Almosennehmen aus, weil keine rechte Arbeit für sie da war.
»Ihr könnt gleich mitkommen«, gebot Maren freundlich den drei Auserwählten. Dann nahm sie noch eine ergiebige Vesper mit den gastfreien Wirten ein und zog schier fröhlich mit ihrem seltsamen, humpelnden Gefolge ab. Das Pastorenpaar mit den drei Bresthaften winkte ihnen lange nach. Händereibend schritt dann Pastor Licht in seiner Stube auf und ab. »Siehst du, Luischen, vorhin drückte mich der Anblick des schaurigen Todes da drinnen schier zu Boden. Und nun zeigt mir gleichdrauf der Herrgott so echtes Menschentum und hebt mich wieder auf. Nun kann ich froh an mein Tagwerk gehen.« –
Der Mutterhof empfing seine junge Herrin in voller Tätigkeit. Der aufgebaute Zaun leuchtete ihr mit den vielen neueingesetzten Holzteilen förmlich entgegen. Die von der Sturmflut weniger bedrängten Warfbohlsgenossen hatten sich eingefunden, um an allen Ecken und Enden zu helfen, und Maren Holgers begrüßte die Nachbarn mit dankbarem Handschlag. Dann eilte sie ins Haus. Auch hier hatte man die Zeit gut genutzt. Alle Stuben unten waren tüchtig durchheizt und sauber, die Säuglinge schliefen in zwei Wiegen. Erstaunt sah Maren, daß Tanten Frauke ihr nie benutztes Heiligtum für Akkes Kind hergegeben hatte. Mutter Holgers schlief übermüdet von der unruhigen Nacht einen tiefen Erschöpfungsschlaf, und Ohm Rickert ging bastelnd, rauchend und philosophierend im ganzen Gewese umher.
»Allens im Lot«, sagte er nickend. Und setzte ritterlich hinzu: »Eben meint ich noch, jetzt müßt büschen Sonne kommen, damit das hier wieder durch und durch trocken und warm wird. Und süh so, – da kommt auch schon Nichte Maren.«
Und doch war es Maren, als sähe der Alte wie verlegen an ihr vorbei. Da ging sie in den Wohnpesel des Mutterhofs, um nach Onnen und Karen zu sehen, fand aber nur Karen fest schlafend auf dem Sofa. Und Onnens Kammer ausgeräumt. Sie ging nach dem Jungteil und fand es leer und unordentlich. Und lief nach Tanten Fraukes Altenteil, und sah Frauke Holgers über ein Bett geneigt, in dem Onnen noch immer schlummerte. Bei Marens Eintritt drehte sich Tanten Frauke um und war mit raschen Schritten bei ihr. »Wie müde du aussiehst, meine Maren … Und ich kann dir keine Ruhe und keine Freude bringen.«
»Edlef?« fragte Maren. Und eine Flamme schlug ihr ins Gesicht, weil sie zuerst und immer nur an ihn gedacht. Und sie sah doch, daß hier ein Schwerkrankes lag – ihr kleiner, guter Onnenschwager.
»In Onnen scheint eine ernste Krankheit zu stecken.« Tanten Frauke ging mit zartem Takt über Marens Frage hinweg. »Er schläft seit heut morgen fast ununterbrochen. Nur ein paar Minuten war er halbwach …, als Edlef Abschied nahm …«
Maren taumelte. »Edlef … nahm Abschied …?«
»Ja, Maren, mein Deern. Er läßt dich grüßen. Er bekam ein Telegramm. Hat alles noch geordnet, so gut es ging. Er übergibt dir den Mutterhof. So sei er in guter Hand.«
Auch Tanten Frauke sah an Maren vorbei. Ganz bewußt. Und ganz ruhig sprach sie. Als sei diese Abreise nicht für ein ganzes Jahr vor sich gegangen, sondern etwas Alltägliches.
Und all ihre Gedanken, all ihr Feinempfinden, all ihre große Liebe zu Maren schienen eine Mauer um das junge Weib zu bauen, die es schützen sollte vor Neugier und wehtuendem Mitleid.
Mit tastenden Schritten ging Maren an Onnens Bett und sah still auf den Schläfer nieder. Nach einer Weile schlug dieser die Augen auf. Er schien Maren nicht gleich zu erkennen, aber dann festigte sich sein Blick. »Du!« sagte er mit schattenhaftem Lächeln. »Einen schönen Gruß … Wenn ich nicht mehr so müde bin, soll ich dich beschützen, Marenschwester … Edlef läßt dir sagen: Gott behüt!«
Da kniete Maren am Bette nieder und ihr Kopf sank auf die fieberheiße Hand des Knaben. Und sie weinte, wie sie nie in ihrem tapferen Leben geweint hatte. –
Tanten Frauke ging sacht aus der Tür. Draußen nahm sie einen Holzstuhl, stellte ihn vor die Tür und setzte sich darauf. Und hielt treue Wacht, bis sich ein verzweifelndes Menschenkind durchgerungen hatte. –
Auf Hallig Likamp lag Schnee.
Und ein kalter Nordost fauchte. Es war niemand unterwegs, den sein Beruf nicht unbedingt hinaustrieb. Eisblumen glitzerten an jeglichen Scheiben, und die Beilegeöfen verlangten viel Speisung, um die Stuben einigermaßen behaglich zu machen.
Manne Wögens ging nach der Postwarf, um seine Briefe abzuholen und ein Paket, das ihm angekündigt war. An der Anlegestelle des Postschiffes wehte ein dunkelblauer Schleier. Nachdem er das festgestellt, ging er ein wenig rascher zu und half der Aussteigenden.
»Hier«, sagte Nomine Holgers lachend.
Sie hielt ihm ein Postpaket hin. »Ich habe es für Sie ausgesucht in den anderthalb Stunden des langweiligen Kreuzens.«
»Wie überaus freundlich!« lächelte er überhöflich. »Und daß wir uns im Advent treffen, genau am Jahrestag wie beim letztenmal! Wissen Sie, daß Sie ein Jahr lang nicht hier waren? Und weiß der Mutterhof, daß Sie kommen?«
»Nein. Wir Holgers sind allem Brimborium und aller Sentimentalität abhold. Das wissen Sie ja.«
»Das steht doch nicht so ganz fest. Aber allerdings bei Ihnen persönlich habe ich diese Überzeugung. Sie sind einwandfrei unsentimental, Fräulein Doktor.«
Nomine errötete. Höchst überflüssig, wie sie bei sich selbst feststellte. Aber es berührte sie wunderlich, da der Lehrer ihr zum erstenmal den Titel gab.
»Haben wir den gleichen Weg?« fragte sie fast verlegen. Und als er ihr sagte, daß er sie nach dem Mutterhof geleiten wolle, nahm sie das Gespräch wieder auf.
»Ich allein erscheine Ihnen ohne Gefühlsduselei??? Und Sie sind doch der beste Freund der Ahne.«
»Eben darum. Bei ihr konnte ich tiefer schürfen. Und fand viel von ›Brimborium‹ und von dem, was Sie mit dem Schlagwort ›Sentimentalität‹ abtun.«
»Da wissen Sie in der Tat mehr als ich. Und meine Mutter? Erscheint sie Ihnen auch sentimental?«
»Jedenfalls hat sich Frau Holgers innerlich und äußerlich so verändert, daß Sie Ihre Mutter kaum wiedererkennen. Bleibt also noch Tanten Frauke. Nun, bei ihr werden Sie mir selbst zugeben, daß sie, gottlob (so sage ich), viel Brimborium zu eigen hat. Und Ihre jungen Geschwister, Fräulein Doktor? Klein-Karen lebt in einer köstlichen Puppen- und Märchenwelt, und Onnen???«
»Ja, den haben Sie mir gründlich verdorben«, fuhr es Nomine zornig heraus.
Eine dunkle Röte jagte über Manne Wögens Stirn. Nach kurzer Pause fragte er schier gleichgültig: »Wie wollen Sie das begründen?«
»Onnen ist etwas Besonderes …« sagte sie heftig.
»Seltsam, daß Ihnen das nicht entgangen ist bei dem Studium und der Doktorarbeit …«
Sie sah ihn böse an. »Ich meine, ein Schulmeister sollte einem den Fleiß nicht gar so verübeln.«
»Wenn der Fleiß so rücksichtslos ist wie der Ihre, Fräulein Doktor, dann verüble ich ihn allerdings. Er ist Ihr schwerster Fehler und Ihr größter Feind.«
»Ach nein, der sind Sie, Manne Wögens. Das wird mir von Mal zu Mal klarer.«
»Ich staune über Ihre Menschenkenntnis, Fräulein Doktor.«
Sie sah das wunderliche Zucken in seinem Gesicht, und wußte nicht recht, was sie daraus folgern sollte. »Onnen war ganz mein Junge«, nahm sie das Thema wieder auf. »Und es war mir der liebste Gedanke, daß er mein ›Amanuensis‹ würde. Nun haben Sie ihn zum ›Halligburschen‹ gestempelt …«
»Das war Onnen immer. Ein Bodenständiger – einer, dem die Heimatflucht das größte Verbrechen dünkt, wenn er’s auch noch gar nicht in Worte faßt. Ich habe an Onnen nichts gemodelt, nur befestigt. Und Sie, Fräulein Doktor, begingen einfach den Fehler, die Rechnung ohne den Wirt zu machen.«
»Den Fehler kann ich noch beseitigen. Ich werde mich in diesen Ferien ganz nur Onnen widmen. Brieflich ist die Verständigung schwer mit solch einem trotzigen Feuerkopf. Aber durch persönlichen Einfluß …«
»Den haben Sie nicht mehr, Fräulein Doktor …«
Nomine Holgers blieb plötzlich stehen. »Daß ich nicht lache, Manne Wögens …«
»Da gibt’s nichts zu lachen«, sagte er schroff. »Onnen gehört auch gar nicht mehr Ihnen.«
»Das sind ja überwältigende Neuigkeiten. Darf ich fragen, in wessen Besitz mein leiblicher Bruder übergegangen ist? Doch sicher in den Ihren …«
»Sie irren, Fräulein Doktor. Er gehört jetzt meiner Schwester Maren. Sie hat ihn allein und mit eigener schwerer Lebensgefahr in fast drei Monaten aus Typhus und Diphtheritis gesund gepflegt.«
Wie Keulenschläge fielen seine Worte.
»Onnen? Maren?« stammelte Nomine, »davon weiß ich nichts …«
»Sie haben ein Jahr lang nicht geschrieben, sind ein Jahr lang nicht auf der Hallig gewesen«, klang es hart. »Als uns Onnen sterben wollte, schrieb ich an Sie. Schier wider meinen Willen aus einem inneren Zwange heraus …«
»Ich habe nichts erhalten.«
»Nein, der Brief kam zurück. Adressat verzogen, unbekannt wohin …«
»Ich war auf Reisen, mußte mich erholen …«
Der Trotz erhob sich wieder in ihr, sie wehrte sich gegen Manne Wögens unbarmherzige Aufrichtigkeit.
»Ja, ich weiß. Sie hatten Ihre neue Adresse niemand hinterlassen. Das ist bequem, Fräulein Doktor, aber es befremdet Leute, die noch mitten im ›Brimborium‹ stehen …«
Sie warf beleidigt den Kopf zurück. »Erzählen Sie weiter«, gebot sie kurz. »Sie haben ja gewiß noch den ganzen Sack voll schöner Neuigkeiten, Manne Wögens. Oder nicht?«
»Neuigkeiten? Ja! Schön? Nein! Aber so reichlich, daß ich fürchte, ich komme nicht zu Ende, bis wir den Mutterhof erreicht haben.«
»So unartig also war’t ihr Halligleute, während ich nur ein Jahr fort war?« versuchte Nomine zu scherzen.
»Ja, wir Halligleute – Fräulein Doktor scheint sich überhaupt nicht mehr dazu zu rechnen – erlaubten uns sehr unartig zu sein, über die Gebühr unartig, – Gott, was haben wir alles angestellt …!«
Nomine Holgers sah ihn prüfend an. Die sonderbar bittere Art seiner Berichterstattung befremdete sie. Es war kein Humor mehr dabei.
»Das scheint mir so«, sagte sie bedeutungsvoll. »Sie tragen ja noch den Arm in der Binde. Haben Sie gerauft?«
»Mit dem Tode, ja. Aber er war stärker als wir alle.«
»Manne Wögens, Sie sind wirklich unausstehlich. Was soll diese ganze Art? Wenn es Scherz sein soll …, Sie pflegten früher geschmackvoller zu scherzen.«
Er lachte grell und bitter auf. Und dann faßte er mit seiner gesunden Rechten ihr Handgelenk und hielt es wie in einem Schraubstock fest. Zornig blitzten seine Augen sie an. Sie wollte sich losreißen, aber er zwang sie stehenzubleiben.
»Was ficht Sie an, Manne Wögens?« rief sie böse.
»Der Zorn, Prinzessin Nomine. Ein Jahr lang haben Sie sich nicht um Ihre Heimat und um uns gekümmert. Ein Jahr lang haben wir hier in Kümmernis und Herzenssorgen gelebt, und Sie haben nicht danach gefragt. Meiner Maren wollten und sollten Sie eine Schwester sein; haben Sie Ihr Wort gehalten? Alle Brücken zur Heimat hatten Sie hinter sich abgebrochen. Warum? Aus kaltherziger, eigensüchtiger Bequemlichkeit. Und wie wollen Sie vor Gott bestehen, wenn er Sie nach Melenke fragt?«
Nun hatte sie sich mit einem Ruck losgerissen.
»Sie überschreiten Ihre Befugnisse, Herr Lehrer Wögens. Ich sitze nicht mehr auf der Schulbank. Trotzdem will ich Ihnen Antwort geben. Ernste Arbeit für meinen künftigen Beruf ist nicht kaltherzige Bequemlichkeit. Allerdings, ich wollte nicht unnütz gestört werden. Und des Heimatballastes etwas ledig werden. Aber ich habe zweimal an Melenke geschrieben und sie nach Kiel eingeladen. War auch ganz im Anfang bei ihr in Hamburg. Aber ihre Umgebung war für mich unwürdig … Und dann … nahm mich allerdings das Bauen meines Doktors ganz in Anspruch …«
»Und damit war die Schwester völlig aus Ihrem Gedächtnis entschwunden? Ich kann’s mir denken …«
»Warum examinieren Sie mich?« fuhr sie wieder auf. »Ich verbitte mir’s. Ich habe einmal Ohm Rickert in Husum getroffen. Noch vor zwei Monaten. Und habe ihn nach Melenke gefragt. Da sah er mich an, als hätte ich chaldäisch gesprochen. Und hatte es sehr hilde und rief mir nur zu, es gehe ihr gut, es gehe ihr am besten von uns allen.«
Wieder lachte Manne Wögens kurz auf. »Sieh so, – der Ohm Rickert. Ja, das ist ein Humorist und Philosoph.«
»Ich weiß nicht, was Sie wollen«, bemerkte Nomine Holgers ärgerlich. »Es wird das beste sein, ich lasse Sie hier stehen und stapfe allein durch den Schnee zum Mutterhof. Da wird mir ja alles offenbar werden, worüber Sie so krampfhaft orakeln.«
Er sah sie seltsam forschend von der Seite an, und einen Augenblick wollte das Mitleid heiß in ihm aufwallen, wie sie so ahnungslos neben ihm schritt.
Aber da schürzte ihr Mund sich schon wieder. »Daß Sie doch immer schelten und schulmeistern müssen, Manne Wögens. Ich hatte mich wahrhaftig auch auf Sie gefreut. Aber nun ist alle Freude fort. Und dabei will ich doch nur die paar Weihnachtstage bleiben, will dann ins Ausland gehen in den ersten Tagen des neuen Jahres. Könnten Sie nicht aus diesem Grunde ein bißchen netter sein?«
Sie blieb nun stehen, und wieder sahen sie sich in die Augen.
»Wie schrecklich blaß und elend er mit einemmal aussieht«, dachte sie. »Und warum trägt er mir alles so nach? Was habe ich denn so Böses getan?«
»Ich habe nie Anlage zum ›Nettsein‹ gehabt«, entgegnete er ruhig.
Da flog ein häßliches Wort ihm zu. »Philister!!!«
Unbewegt und ernst stand er vor ihr, und sah in seiner hochaufgerichteten, stattlichen Größe auf sie nieder. Allen Zorn, allen bitteren Unmut zwang er jetzt mannhaft zurück. Und sah nur das junge Menschenkind vor sich, das all der furchtbaren Wahrheit im Mutterhof ahnungslos entgegenging. Er bewegte die Lippen und formte die Worte, die sie schonend vorbereiten sollten …
»Um Gottes willen,« rief sie, »nur keine Moralpredigt mehr. Ich hab genug für alle Ferien davon. Gö Dai, Manne Wögens …«
Nomine Holgers gönnte ihm nicht einen einzigen Blick mehr. Sie wandte sich und lief noch ein Stück den Deich entlang, und stieg dann die Steinstufen zur Großwarf empor.
Und Manne Wögens stand still auf derselben Stelle und sah ihr nach. Als wolle er dort Wurzel schlagen, wie die Bonnestave zu seinen Füßen.
Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens.
»Wer tief verwundet ist von den Geschossen des Schicksals, der mag auf die majestätischen Höhen der Berge und die ungebändigten Wogen schauen und lernen, daß man mit der Weichheit nicht durchkommt, und daß Kraft die Losung des Lebens ist.«