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Der Mann von vierzig Jahren

Jakob Wassermann (continued 3)

Reading edition

Sylvester fing an, vieles als Gesetz und Notwendigkeit zu begreifen, was er kurzsichtig als Mißgunst des Geschicks beklagt hatte, und voll Resignation folgerte er, daß sein Leben nutzlos, überflüssig und verbraucht sei.

Eines Abends, es war ungefähr eine Woche nach seiner Heimkunft, saß er mit Agathe beim Nachtessen. Sie waren zum erstenmal allein bei Tisch; bisher hatte Agathe immer den Inspektor und dessen Frau eingeladen. Sylvester aß lustlos und in kleinen Bissen und fand das Beisammensein beklemmend. »Marquardt hat gestern eine Andeutung fallen lassen, daß Achim Ursanner nicht mehr in der Gegend weilt,« sagte er endlich; »das ist mir neu. Ich habe vergessen, den Inspektor deswegen zu fragen. Weißt du etwas Näheres?«

Agathe erzählte, wie sie vor einem Jahr Achim Ursanner besucht habe, wie sich aus einem Gespräch ein Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen entwickelt, und wie er einmal im Sommer in Erfft gewesen; wenige Tage später sei das Anwesen in Randersacker abgebrannt und er habe ihr geschrieben. Den Brief wußte sie beinahe Wort für Wort auswendig.

Sylvester runzelte die Stirn. Es war der blanke Widerspruchsgeist, der ihn zu der Bemerkung veranlaßte: »Es scheint mir aber doch, daß der gute Achim ein wenig wie ein Schwärmer und Starrkopf gehandelt hat. Um mit den Menschen zu leben, muß man sich ihrer zu bedienen wissen, nicht aber sie durch kindischen Trotz in Teufel verwandeln.«

»Findest du?« antwortete Agathe ruhig. »Ich dagegen finde, daß er wie ein Mann gehandelt hat.«

Sylvester blickte jäh in ihr Gesicht. Das hatte messerscharf geklungen. »Es gibt vielerlei Arten, wie ein Mann zu handeln,« versetzte er abweisend.

»Nein; es gibt nur eine einzige.«

»Und die wäre?«

»Die ist: durch die Tat bekräftigen, daß außerhalb des egoistischen Wohlbefindens noch etwas anderes, etwas Höheres existiert.«

Sylvester zuckte die Achseln. Nach ein paar Minuten stand er auf, verbeugte sich höflich und ging in die Bibliothek. Er warf sich in den breiten Polsterstuhl und dachte über Agathes Worte nach. Er haßte sie, weil sie den Mut besaß, ihm dergleichen zu sagen; er haßte sie, weil diese ihre Äußerung einen so tiefen Eindruck auf ihn übte; er wäre gern zurückgegangen, um ihr zuzurufen: »Ich hasse dich,« wenn er nicht neben dem Haß etwas empfunden hätte, das ihn klein und befangen machte. Regungslos kauerte er einige Stunden hindurch. Plötzlich richtete er sich empor und rief laut: »Es muß noch heute geschehen. Für uns beide ist kein Raum in demselben Haus.«

Im Speisezimmer war es längst finster. Er hatte der Zeit nicht geachtet und wunderte sich, als er wahrnahm, daß die Mitternacht vorüber war. Da er aber den Augenblick benutzen wollte, der seinem Vorsatz den höchsten Schwung verliehen hatte, betrat er Agathes Schlafgemach, entschlossen, sie zu wecken. Er hatte eine Kerze angezündet und trug sie in der Hand. Als er die Türe geöffnet hatte, war er erstaunt, zu sehen, daß mitten im Zimmer ein gepackter Koffer stand. Agathe schlief fest. Ihr Gesicht war blaß, um die Lider war ein Zug von Müdigkeit. Sylvester zauderte. Er hatte stets Ehrfurcht vor dem Schlaf empfunden. Während er noch überlegte, fiel sein Blick auf den kleinen Schreibtisch und auf einen Brief, der, sicherlich kurz vorher geschrieben, noch offen dort lag. Er setzte sich hin und las: »Das Kind ist Gott sei Dank so weit, daß ich für mehrere Wochen zu Martha fahren kann. Bleibe so lange bei ihm, bis du selber Erfft wieder verlässest. Ich gebe dir die Freiheit. Ich hindere dich nicht, dir ein neues Leben zu schaffen, das deinen Hoffnungen entspricht. Ich sehe ein, daß ich dir nicht mehr genügen kann, und du mußt wissen, daß ich dir die Achtung nicht mehr entgegenzubringen vermag, ohne die eine Ehe zur Hölle wird. Laß dich nicht durch die Sorge um mein ferneres Glück oder Unglück beirren. Ich bin gesund und kräftig, und ein Ereignis, auf das ich solange vorbereitet war, kann mich nicht zerschmettern. Gehorche der Stimme deines Herzens. Möge es zum Segen für dich sein. Die innerlich vollzogene Trennung auch äußerlich in aller Form und tunlichst rasch durchzuführen, darf ich dich wohl bitten. Agathe.«

Sylvester las den Brief dreimal. Da hörte er ein Geräusch und wandte sich um. Agathe war erwacht und hatte sich, den Kopf auf die Hand gestützt, halb aufgerichtet. Schweigend blickte sie herüber; schweigend erwiderte er den Blick. Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog Agathe die Bettdecke bis an das Kinn. Kein Vorspiel eines Lächelns war in ihrem Gesicht, aber auch kein Unwillen, kein Befremden, keine Frage, nichts als eine unbeschreibliche Ruhe. Sylvester stand auf, nahm die Kerze und sagte: »Gute Nacht, Agathe.« In ihm tobten die seltsamsten, einander feindseligen Gefühle, aber wenn man ihn auf die Folterbank gelegt hätte, um ihm ein Wort zu entpressen, er hätte nichts anderes hervorbringen können als dieses: »Gute Nacht, Agathe.«

In der Bibliothek griff er blind nach einem Buch. Es war die Bibel. Er schlug eine Seite auf und las unter den Sprüchen Salomonis: Bewahre dein Herz, denn aus demselben quillt das Leben.

Agathe war fort. Wenn Silvia sich nach ihrer Mutter erkundigte, wußte Sylvester nicht, was er sagen sollte, denn das Kind hatte ein Auge, vor dem sich schwer lügen ließ. Oft betrachtete sie den Vater so forschend, als sei sie von der Sicherheit der gegenwärtigen Umstände keineswegs überzeugt. Sie durfte schon aufstehen, mußte jedoch, des harten Winters wegen, das Zimmer hüten. Beim Erwachen war ihr erstes Wort der Vater, ihr letztes Lächeln am Abend war für ihn. Er spielte Kugel- oder Lottospiele mit ihr, oder er setzte sie auf sein Knie und erzählte ihr Geschichten, in denen zumeist von Piraten und Gespensterschiffen die Rede war. Sie hing an seinem Mund mit einem Entzücken, das nicht bloß der Geschichte galt; sie bewunderte seine Stimme, seine Art zu sprechen, seinen Blick und die Bewegungen seiner Brauen. Zartfühlend erriet sie auch jede Stimmung, in der sie ihm zur Last fiel; dann beschäftigte sie sich auf eigene Faust.

So verflossen anderthalb Wochen. Sylvester hatte während dieser Zeit viele Schreibereien, da er jetzt erst die Unordnung überblicken konnte, in die er die Wirtschaft gestürzt hatte. Er korrespondierte mit Agenten, mit Privatbanken, und mit einem reichen alten Onkel, der im Westfälischen lebte und war ernstlich bemüht, seine Torheiten wieder gutzumachen. Bei alledem war seine Lage so sonderbar, daß er immer die Empfindung hatte, er tue etwas ganz anderes als was er hätte tun sollen. Wartete Agathe nicht darauf, daß er fortging? War sie nicht seinem verwegensten Wunsch zuvorgekommen, indem sie ihm schenkte, was er ihr hatte abkämpfen wollen? Wie kam es, daß er blieb? Er begriff sich selber nicht. Zwang er sich zum Nachdenken, so fand er nur Ausflüchte. Eine solche Ausflucht war es, als er sich eines Tages sagte, es bedürfe, um dem unnatürlichen Schwanken ein Ende zu machen, noch einer Unterredung mit Agathe. Er schickte ihr durch den Gärtnerburschen einen Brief, welcher lautete: »Liebe Agathe! Morgen werde ich vierzig Jahre alt. Vielleicht ist dies der Grund eines Zögerns, das dir unerklärlich erscheinen mag. Der Kreuzweg, an dem ich im Solstitium meines Lebens stehe, stimmt mich wider meinen Willen feierlich. Ich kann deinen nächtlichen Brief nicht als einen Abschluß betrachten. Gib mir Gelegenheit, dich noch einmal zu sehen. Wir müssen als Freunde voneinander scheiden. Eine Existenz im Paradies wäre mir vergällt, wenn ich dich entfremdet wüßte. Ich schlage dir vor, daß wir uns morgen nachmittag in Dudsloch treffen, es ist ein neutraler Ort zwischen den feindlichen Lagern. Benachrichtige mich, ob du kommen wirst.«

Agathe trug dem Boten mündlich ihr Einverständnis auf.

Dudsloch war vier Kilometer von Eggenberg und sechs von Erfft entfernt. Es lag in ziemlich ebener Landschaft und war auf drei Seiten von Wäldern umgeben; im Südosten war das Maintal. Mehr eine Meierei als ein Gutshof zu heißen, bestand es nur aus einem einfachen Bauernhaus und einigen Stallgebäuden. Sylvester ritt nach dem Mittagessen hinüber und wurde von Adam Hund mit schwermütiger Herzlichkeit, von Frau Brigitte Hund mit einem mißlungenen Hofknicks empfangen. Frau Brigitte legte Gewicht auf repräsentative Manieren. Daß sie eine Megäre war, erkannte man an ihrer hohen Stimme und an ihrem sauersüßen Lächeln, von dem sie sich einbildete, es sei gewinnend. Adam sah herabgekommen aus; die große Welt, in der er verkehrt hatte, haftete noch an ihm wie, um in seiner eigenen bildhaften Sprache zu bleiben, ein Rosenblatt an einer Mistgabel. Während auf dem beschneiten Weg, der vom Strom heraufführte, Agathe sichtbar wurde, fragte Sylvester, ob die oberen Zimmer ordentlich durchheizt seien; er hatte am Morgen den Stallknecht eigens deshalb nach Dudsloch geschickt. Adam bejahte; man habe auch gründlich lüften müssen, denn die Räume seien so lange versperrt gewesen, daß die Atmosphäre dick und muffig geworden sei.

Davon war noch etwas zu spüren, als Sylvester und Agathe eintraten. Es waren zwei Zimmer, schmal und niedrig wie Käfige, mit gelbgetünchten Wänden und altväterischen Möbeln. Hier hatten sie, weil damals das Erffter Haus umgebaut worden war, die ersten Wochen ihrer Ehe verlebt. Alle beide schienen diese Erinnerung in ihrem Gesicht auszulöschen, als sich ihre Blicke begegneten.

Agathe legte Pelzmantel und Pelzhaube ab, strich ihre Frisur glatt, rückte einen der winzigen Lehnstühle zum Ofen und ließ sich darauf nieder. »Was willst du mir also sagen?« begann sie trocken.

Sylvesters Stirn verfinsterte sich. »Das ist eine ihrer Anwandlungen von hölzerner Verstocktheit,« dachte er ärgerlich. Nach einem Stillschweigen versetzte er, indem er ihr gegenüber Platz nahm: »Ich will dir sagen, daß ich … daß ich keine Freude an mir habe.«

»Warum nicht? Ist denn nicht alles in Erfüllung gegangen, was du begehrt hast?«

»Es ist nichts davon in Erfüllung gegangen.«

»Das tut mir leid. Jedenfalls liegt es nicht an mir, wenn deine Pläne fehlgeschlagen sind.«

»Doch, Agathe, an dir, nur an dir.«

»Ich verstehe dich nicht, Sylvester. Was für Opfer soll ich noch bringen?«

»Du willst mich nicht verstehen, Agathe. Ich habe dir ja geschrieben —«

»Du hast mir geschrieben, es sei dir unmöglich, im Bösen von mir zu scheiden. Du legst Wert darauf, daß wir Freunde bleiben. Was soll ich dazu sagen? Ich finde, daß du einen Luxus treibst, der etwas Imponierendes hat. Es genügt dir nicht, für die Befriedigung einer Laune den höchsten Preis zu zahlen, der bezahlt werden kann, du forderst auch, daß diejenige, die hauptsächlich die Kosten zu tragen hat, versichert, es sei nur eine Kleinigkeit, und man sei entzückt. Bin ich wie eine Kuh, die man melkt und auf die Weide treibt und wieder melkt und so fort, bis ans selige Ende?«

Sylvester verfärbte sich. »Jedes Wort, Agathe,« erwiderte er gepreßt, »jedes Wort ist Mißverständnis und Entstellung. Ich befriedige nicht eine Laune, ich habe das Unglück gehabt, eine Katastrophe zu erleben; ich wage kaum, darüber zu sprechen. Meine Stimme versündigt sich an meinem Gefühl. Ich habe nichts zu beichten. Ich liebte ein wundersames Menschenwesen; ich liebte und wurde geliebt. Es war Verkettung von Anfang der Welt her. Hättest du mich in einen steinernen Sarg gemauert, ich hätte ihn zerbrochen und sie gefunden. Ich fand sie, und als ich sie gefunden hatte, verlor ich sie. Ich konnte dich nicht vergessen, Agathe. Wir beide konnten dich nicht vergessen. Was zwischen ihr und mir vorgefallen ist, dürfte ich meiner Tochter erzählen. Du warst so gegenwärtig, wie du es jetzt nicht einmal bist, so mächtig, daß ich vor dir zitterte und wenn wir beieinandersaßen, dachten wir an dich, und unsere Liebe wurde zum Raub an dir. An einem solchen Tag ging sie, und ich habe sie nicht wieder gesehen.«

Agathe senkte den Blick und antwortete lange nicht. »Ich wußte es,« sagte sie endlich wie zu sich selbst, »es ist so, es ist genau wie du es schilderst. Aber was war vorher, Sylvester, ehe du zu ihr kamst? Vorher hast du doch mich und dich, und dein Kind und auch sie, die Geahnte, an alles Niedrigste der Welt verraten? Hab' ich unrecht?«

Sylvester zuckte zusammen. »Ja, es war so,« gestand er zögernd, »ich will es nicht leugnen. Aber wozu die dunklen Labyrinthe aufdecken, in denen die Tiernatur ihre Feste feiert? Ich verteidige mich nicht, Agathe. Wenn du mich anklagst, hast du mich schon gerichtet.«

»Ach, Sylvester, Mann, Mensch,« rief Agathe bewegt, »das wollte mich alles nicht so kränken, wenn du nur offen gewesen wärest, nicht so schief, so verhehlt. Hatte ich mir nicht wenigstens deine Offenheit verdient?«

»Es war nicht Unoffenheit, Agathe. Ich wollte dich nicht hinunterziehen in die — Labyrinthe. Und dann, du warst mir plötzlich so fremd geworden als Weib und zu vertraut als Mensch. Ich war in Gefahr, dich auf andere Weise zu verlieren, wenn ich nicht die Flucht ergriffen hätte. Was man auch Tiefsinniges über die Ehe sagen mag, zuletzt ist sie eine Angelegenheit der Nerven. Das Beste was sie sein kann, ist eine schicksalsvolle Freundschaft zwischen Menschen, die einander nicht stören. Wer mehr von ihr erwartet, belügt sich und wird grausam enttäuscht.«

»Die bunten Gläser, durch die ich einst unser Leben betrachtet habe, sind mir schon lange aus der Hand geschlagen worden,« sagte Agathe bitter.

»Das Unheil der Ehe besteht darin, daß sie vieles zur Pflicht macht, was freie Gabe sein soll,« erwiderte Sylvester. »Wird dadurch nicht jede Gabe verdächtigt, jede Pflicht in Fron verwandelt? Der Anspruch auf Beständigkeit erzeugt Abtrünnigkeit, der Anspruch auf Treue Untreue. Sie legt dem stolzen Mann Fallen, die ihn erniedrigen, und wie soll er aufrichtig sein, wenn er fürchten muß, daß Aufrichtigkeit ein Verhältnis zerstört, das ihm trotz alledem unentbehrlich ist? Denn hier ist etwas Mysteriöses, wovor meine ganze Weisheit verstummt,« fuhr er grüblerisch fort; »ich hatte geglaubt, ich sei nur deshalb zurückgekommen, um mit deiner Einwilligung von dir wegzugehen. Ich kann aber nicht von dir weg, Agathe. Das ist es eigentlich, was ich dir sagen wollte.«

In Agathes Gesicht zeigte sich eine kaum merkbare Erhellung, als ob ein feiner Schleier abgerissen würde. »Wie kannst du denn bei mir bleiben mit der andern im Herzen?« entgegnete sie. »Sie würde dir immer engelhafter und ich immer unzulänglicher erscheinen. Eine solche Rivalität zu ertragen, ist keine Frau fähig. Ich denke, du bist jetzt nicht stark und ehrlich, sondern schwach und gutmütig. So schön eine Brücke ist, so schauderhaft sind mir Notbrücken, besonders wenn sie über stürmisches Wasser führen. Nein, nein, Sylvester, geh du nur hinüber ans andere Ufer; ich bleibe hier, wir wohnen ja doch nicht mehr im selben Land.« Sie zog ihr Taschentuch, um es an die feuchten Augen zu bringen, besann sich aber in einer Regung des Trotzes und drückte es auf den Mund.

»Dann habe ich mich allerdings furchtbar geirrt,« sagte Sylvester. Von allem, was ihm hätte widerfahren können, war ihm das standhafte Sträuben Agathes, das er anfangs dem Gefühl verletzter Würde zugeschrieben, das Unerwartetste. Daß sie ihn liebte, ihn allein, bedingungslos und ohne die Denkbarkeit eines Aufhörens, daran hatte er nicht im mindesten gezweifelt. Ihre Liebe war ihm so selbstverständlich gewesen wie die Luft, die er atmete; er hatte niemals die Möglichkeit erwogen, daß dieser Schatz an Liebe, den er in seltsam gleichgültiger Gewißheit für unerschöpflich gehalten, vergeudet werden könne; wie ein gesunder Körper seine inneren Organe nicht spürt, so hatte er die Kraft und Ausdauer dieser Liebe als etwas Gesetzmäßiges und ein für allemal Geregeltes hingenommen. Die Einsicht, daß dem nicht so war, weckte ihn förmlich auf; er begann anders zu sehen und zu hören; plötzlich erblickte er in Agathe ein Weib, das sich ihm versagte. »Was soll nun werden?« fragte er stockend, »willst du es nicht mehr mit mir versuchen?«

»Du bist Herr in deinem Haus, und ich kann unser Kind nicht im Stich lassen, also muß ich mich deinem Beschluß fügen,« antwortete Agathe hart, und ohne auf Sylvesters beschwörende Gebärde zu achten, sprach sie weiter: »Versuchen? Was heißt das? Du traust mir eine Überlegenheit zu, die ich nicht besitze. Ich bin nicht rachsüchtig, aber ich kann nicht hindern, daß das Erlittene auf mein Gemüt wirkt. Ich glaube nicht mehr an dich, Sylvester. Liegt dir an Verzeihung? Gibst du mir ein Recht, gibt es überhaupt ein Recht zu verzeihen? Dann habe ich dir verziehen seit dem Tag, an dem du kamst. Aber ich glaube nicht mehr an dich. Gern will ich zugeben, daß es von tiefer Bedeutung für dich war, was du erlebt hast. Aber gerade daß du es erlebt hast und daß es eines solchen Erlebnisses bedurfte, um dich zu beflügeln und deiner Seele Schwung zu geben, das macht dich klein in meinen Augen, weil etwas so Unreifes, etwas so Spielerisches und etwas so Zuchtloses darin liegt. Wenn ich dir weh' tue, so vergib; ich mußte es sagen, und ich bin froh, daß es nun gesagt ist.«

»Was aber müßte geschehen, damit du den Glauben an mich wieder gewinnst?« fragte Sylvester tonlos.

»Was geschehen müßte? Ich weiß es nicht. Oder vielleicht doch. Vielleicht müßtest du — es ist schwer, das auszudrücken; ob du mich nur recht verstehst — vielleicht müßtest du Achim Ursanners würdig werden.«

»Achim Ursanners würdig? Wie meinst du das?«

»Es ist mein Gefühl so. Ich finde kein anderes Wort dafür.«

Sylvester erhob sich und ging im Zimmer umher. Es dämmerte schon, und das blaue Schneelicht wurde violett. Die Stille war so groß, daß das Knistern der draußen von den Zweigen fallenden Flocken hörbar war.

»Willst du nicht gleich jetzt mit mir nach Erfft gehen?« wandte sich Sylvester an Agathe. »Martha kann ja deine Sachen morgen hinüberschicken, und Silvia freut sich, wenn du kommst.« Er war bemüht, seiner Haltung und seiner Stimme Ungezwungenheit zu verleihen, jedoch es gelang ihm nicht. Agathe stand ebenfalls auf, sah ihn forschend an und nickte.

Sylvester verabschiedete sich vom Ehepaar Hund. Sein Reitpferd ließ er in Dudsloch und sagte, er werde es am nächsten Tag holen lassen. Dann folgte er Agathe, die vorausgegangen war.

In einem ununterbrochenen Schweigen wanderten sie durch den Winterabend nach Hause.

Mit Hilfe eines mäßig zu verzinsenden Darlehens, das der Major gab, und der Summe von zwanzigtausend Talern, die der westfälische Onkel vorstreckte, brachte Sylvester seine zerrütteten Finanzen einstweilen in Ordnung. Er hatte mancherlei Pläne im Kopf, wollte eine Winzerschule gründen, Dudsloch in eine Zuchtanstalt für Mustervieh umwandeln, studierte die Fachzeitschriften wegen Ankaufs neuer landwirtschaftlicher Maschinen und beschäftigte sich nebenbei wieder mit seiner Liebhaberei für die Gartenkunst. Er war sechs bis acht Stunden während des Tags im Freien, und sein Trachten war, am Abend so müde zu sein, daß er nicht mehr denken konnte.

Wie vor der Unterredung in Dudsloch sah er Agathe nur bei den Mahlzeiten. Sie war freundlich, oft sogar gütig, er hingegen wortkarg und unstet. Wenn Agathe vom Tisch aufstand, blickte er ihr bisweilen wunderlich bittend nach. Es kam vor, daß sie allein in den Wald spazieren ging; beunruhigt folgte er ihr von weitem, versteckte sich hinter Buschwerk, wenn sie umkehrte und war erst zufrieden, wenn er sie wieder in der Nähe der bewohnten Stätten wußte. Einmal blieb sie auf einer Lichtung stehen, schaute zurück und sah ihn, der eben in die Lichtung hinaustrat. Sie wartete, bis er herangekommen war und fragte, ob er zufällig denselben Weg gegangen sei. Er bejahte.

Es war Ende Februar, einer jener milden und tückischen Tage, an denen die ganze Natur um den Frühling zu ringen scheint. Da war es Sylvester, als müsse er von Gabriele sprechen, und er erzählte der stumm lauschenden Frau die Geschichte seiner Liebe mit allen Einzelheiten. Nachdem er dies getan hatte, setzte er sich auf einen Baumstumpf und bat Agathe, sie möge allein nach Hause gehen. »Ach du,« murmelte er verstört, als sie fort war, »du Hochmütige, du Selbstgewisse, du Quälerin, du Zuschauerin. Ließest mich erzählen, zu Ende erzählen, damit es auch wirklich zu Ende sei. Nun ist es zu Ende.« Er blieb sitzen, bis die Nacht anbrach.

Hypochondrie trat in seinem Wesen immer stärker hervor.

Sylvester gehörte zu jenen Männern, die mit zunehmenden Jahren vereinsamen. Er war der Freundschaft fähig gewesen wie wenige, und er hatte seine Freunde einen nach dem andern verloren. In jede solche Beziehung hatte er Ideen und Ideale getragen, und jede war eben daran gescheitert. Er setzte seine Person zum Pfand und wurde mit Almosen abgespeist. Mit der Zeit begriff er, daß nichts in der Welt ärmer macht als Freundschaft zu suchen. Er brauchte geistige Zärtlichkeit, brüderliche Übereinstimmung, und da er zu viel Scharfblick und Menschenkenntnis hatte, um sich mit Surrogaten zu begnügen, wirkte er herrschsüchtig und launenhaft, wo er in seinen Erwartungen enttäuscht wurde. Sinnliche Naturen geraten leicht in einen Zustand der Unbefriedigung, auch der Gesellschaft gegenüber, und die Sylvester eigene Empfindlichkeit war die Ursache, daß er die Menschen gerade dann am meisten abstieß, wenn ihn der Menschenhunger zu ihnen trieb. Er erkannte zu spät, daß er unter einem Geschlecht lebte, welches sich vor der Hingebung fürchtete und dem der Adel des Herzens fehlte. Er fand fast alle Männer nüchtern, leer, gemütsroh und hoffnungslos banal; so hatte er sich an die Frauen gewandt, als ob die Frauen einen glücklicheren Kontinent des Lebens bewohnten; hier halfen ihm Phantasiespiele, und während er eroberte, hatte er die Illusion, zu besitzen. Auch dies war nun vorüber, denn sein Haar zeigte graue Fäden.

Im Lauf des Frühjahrs machte er häufig Besuche in der Nachbarschaft. Er langweilte sich tödlich und kam jedesmal verstimmt nach Hause. Agathe billigte die Urteile nicht, die er über die Leute fällte; sie erinnerte sich des einen als eines anständigen Kaufmanns, des andern als eines verdienten Beamten, des dritten als eines opferwilligen Familienvaters, und die Erbarmungslosigkeit, mit der er Gericht hielt, verletzte sie. Ihm war jeder fremde Mensch ein Feind, ihr war jeder Mensch ein Mensch.

Sie gab Sylvester verloren. Sie sah keinen Weg, wie er sich retten könne. Sie hütete sich aber, ihm ihre Verzweiflung zu zeigen. Oft war ihr zumute, als hielte sie den Mann mit äußerster Anstrengung ihrer Kraft und als müsse er fallen, wenn sie nur mit einem einzigen Gedanken von ihm abließ. Was sie von ihm erwartete, darüber hatte sie nicht die geringste Klarheit, dennoch wußte sie, daß die Glut, mit der sie eine geheimnisvolle Forderung an ihn stellte, nur durch die Erfüllung gelöscht werden konnte. Eher hätte sie ihren Leib hinsiechen lassen, als daß sie einem Anruf der Sinne nachgegeben hätte, um in den schwächlichen, unreinen und ungesicherten Zustand eines Scheinglücks zurückzukehren. Kein körperliches Leiden, seines nicht, das ihn heftig, finster und reizbar machte, und ihres nicht, das hinter einer Schutzwehr von instinkt- und charaktervoller Kälte verborgen war, konnte sie beirren.

Eines Morgens, als Sylvester bei Silvia im Zimmer saß und sie in französischer Grammatik unterrichtete, wurde ihm ein Brief überbracht. Beim Anblick der Schriftzüge auf der Adresse verfärbte er sich, erhob sich sogleich und ging in die Bibliothek. Bebend öffnete er den Umschlag und las:

»Mein teurer Freund! Ich vermute Sie bei den Ihren zu Hause und hoffe, daß dieser Gruß aus weiter Ferne Sie erreicht. Seit sieben Wochen fahre ich hier in Amerika von Stadt zu Stadt, und es ist mir alles so fremdartig, als sei ich nicht ich selbst, und was ich mit den Menschen spreche und wie ich lebe erscheint mir wie etwas Ausgedachtes und Unnatürliches. Bevor ich von England abgereist bin, habe ich mich mit dem Viscount Horace Darrington versprochen, aber wir werden erst heiraten, wenn er von Indien zurückkommt, und das dauert zwei Jahre. Nach diesen zwei Jahren werde ich aufhören zu singen. Ich bin nicht gerade müde; freilich, des Beifalls bin ich müde, der Zudringlichkeit und der Neugier auch, und bange wird mir manchmal bei dem Gedanken, daß ich jeden Abend in ein anderes Bett mich legen soll. Aber es ist nicht das, was meinen Vorsatz, der Öffentlichkeit Adieu zu sagen, erzeugt hat und immer stärker werden läßt; es ist das Gefühl, daß ich gegeben habe, was ich zu geben vermochte und daß alles übrige nur Fertigkeit und höchstens Kunst ist. Heute noch treibt mich eine unbekannte Gewalt, es ist als ob ich etwas verkündigen sollte, morgen vielleicht ist es kein Befehl mehr, sondern bloß Gewohnheit, und das Heilige wird zum Hokuspokus. Heute noch beten und morgen leiern? Das ist meine Sache nicht; wenn mich nicht mehr die Andacht erfüllt, bin ich ein verlorenes Wesen, ein heimatloses Weib und muß vom Leben erbetteln, was die Kunst einem Weib nie und nimmer gewähren kann. Nun weiß ich ein Haus für mich und einen Hüter darin, und was gewesen ist, bleibt in seiner Schönheit bestehen. Ich habe das empfunden, als wir noch beisammen waren; ohne Sie wäre ich blind hingegangen zu der Grenze; in dieser Minute träumend, in der nächsten schon erwacht, hätte ich keinen Weg mehr gesehen und unbefriedigt, mich selbst verkennend, immer wieder zum Traum zurückgewollt. Was könnte ich Ihnen außerdem noch sagen in den armseligen Worten, die ich habe? Vergessen kann ich nicht und wünsche auch nicht, daß irgend etwas hätte anders geschehen sollen. Ich möchte Sie leicht und Ihr Auge hell und Ihr Herz klingend machen, und mir ist, als könnte ich nur glücklich werden, wenn Sie es sind. Man braucht Kraft und Reinheit, um glücklich zu sein, um eins mit sich selbst zu sein. Meine Seele ist voll von Dank für Sie, und ich möchte für das Wort Freund ein noch nie gehörtes Wort finden, damit Sie spüren, wie Sie in und mit mir leben. Schreiben Sie mir nicht, antworten Sie nicht. Es wäre zu früh, es wäre zu wenig Fügung, zu viel Mahnung.

Ihre Gabriele.«

Nachdem Sylvester den Brief gelesen, verließ er das Haus und kehrte erst spät in der Nacht wieder heim.

Sein Dasein erschien ihm nun noch weit zerstückter, und er warf einen Tag um den andern gleichsam weg und zum voraus weg. Ein Aufruf der liberalen Partei erregte flüchtig sein Interesse, er besuchte auch eine Versammlung in Würzburg, aber dann sagte er zu Agathe, die auf dieses Emporraffen in ihm einige Hoffnung gesetzt hatte und nun ihre Enttäuschung kaum verbergen konnte, die Leute seien ohne politische Disziplin, hätten keinen Begriff davon, was dem Lande wirklich nützen könne, und ihr Treiben ekle ihn an.

Bei alledem fühlte er doch, eben was das nationale Leben betraf, eine eigentümliche Spannung in der Luft. Man atmete wie in einem abgeschlossenen schwülen Zimmer, wo man unwillkürlich auf Dinge lauscht, die draußen vorgehen und unwillkürlich Furcht empfindet bei jedem Tritt und jedem Flüstern. Gerüchte schwirrten auf und wurden wieder erstickt. Die einen wollten nicht glauben, die andern hielten sich die Ohren zu. Handel und Gewerbe stockten, und die Börsenkurse zeigten beunruhigende Schwankungen. Männer, die sonst den öffentlichen Angelegenheiten ohne Teilnahme gegenüberstanden, richteten den Blick besorgt auf die Geschehnisse, deren Entwicklung noch ganz im Dunkel verborgen war. Auch Sylvester ertappte sich bisweilen in der Ungeduld eines Zuschauers, der im Theater vergebens darauf warten muß, daß der Vorhang hochgezogen wird.

So kam der Sommer. Eines Tages war der Major zu Tisch in Erfft; nach dem Essen, man hatte über allerlei geredet, sagte er zu Sylvester: »Mein lieber Schwager, wir müssen auf große Dinge gefaßt sein. Es gibt Krieg.«

Sylvester lächelte spöttisch. »Du bist ein so unverbesserlicher Patriot, daß dir ein Zeitungsgeschwätz schon wie Kanonendonner klingt,« antwortete er.

»Na, wir werden sehen,« meinte der Major, »wir werden ja sehen. Übrigens steht in den Zeitungen gar nichts, ich habe nur so meine privaten Nachrichten. Der preußische Gesandte in Paris hat schon vor acht Monaten nach Berlin geschrieben: die Luft riecht nach Pulver. Ich habe viel gegen Bismarck einzuwenden, aber das muß man schon sagen, der Mann versteht seinen Kopf aufzusetzen und wird sich nichts gefallen lassen. Die Franzosen sind teuflisch übermütig geworden und der Kaiser Napoleon sitzt auf einem wackligen Thron, deshalb will er seine Untertanen beschäftigen.«

»Geh mir doch, mein Lieber,« erwiderte Sylvester, »deine Politik schmeckt nach der Stammtischkneipe.«

»Und wenn auch Krieg entstünde,« warf Agathe mit ernster Miene ein, »wie kann man sich über ein so ungeheures Unglück freuen?«

»Verstehst du nicht, warum ich mich freue, Schwägerin?« rief der Major mit einer jungenhaften Begeisterung; »wir werden sie verhauen, die Kerle, wir werden sie windelweich verhauen.«

»Aber du doch nicht,« sagte Agathe lächelnd.

»Nein, ich nicht,« seufzte der Major, »für mich alten Krüppel ist an so was nicht zu denken. Sylvester hingegen, der kann noch seinen Mann stehen.«

Agathe heftete die Augen erschrocken auf ihren Gatten. Sylvester runzelte die Stirn. »Ich befinde mich nicht mehr im Dienstverhältnis zur Armee,« bemerkte er kühl, »und dann würde sich's ja wahrscheinlich um einen Krieg gegen Preußen handeln.«

»Preußen?« fuhr der Major auf, »Himmel und Wetter, mir scheint, er weiß nicht einmal etwas von einem Schutz- und Trutzbündnis. Wenn es losgeht, geht's gegen uns alle, darauf kannst du dich verlassen, und alle werden zusammenhalten, darauf verlaß dich ebenfalls. Wen's juckt in der Faust, der schlägt zu. Den Ofenhockern, na, denen wird eingeheizt.« Er lachte mokant und zündete mit zitternden Fingern seine Pfeife an.

Agathe hielt es für geboten, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.

Drei Wochen später, an einem schwülen Julinachmittag, kam der Inspektor Marquardt in großer Erregung aus Würzburg zurück. Er brachte die Extraausgabe einer Zeitung mit, welche die Kriegserklärung enthielt. Das Blatt ging durch alle Hände, und bald standen Männer und Weiber im Hof und disputierten mit bestürzten und feierlichen Gesichtern. Silvia hatte sich in der Wohnung der Inspektorin befunden. Sie lief zu ihrer Mutter ins Haus. Agathe saß am Klavier. »Mutter, die Franzosen kommen,« schrie das Kind mit aufgerissenen Augen. Agathe stand auf, schaute Silvia erstaunt an und trat ans Fenster. Der Inspektor gewahrte sie. Seine Mütze war in den Nacken gerutscht, die schweißtriefenden Haare hingen ihm in die Stirn. »Gnädige Frau,« rief er, »es wird Krieg! Hurra! Es lebe der König!« Ohne besondere Überschwenglichkeit stimmten einige Knechte in das Hoch mit ein. Nur der rothaarige Gärtnerbursche, der unlängst rekrutiert worden war, tanzte wie ein Indianer und klatschte in die Hände.

Sylvester war nach Kitzingen geritten. Abends um sieben Uhr kam er. Er wußte die Neuigkeit schon. »Überall herrscht großes Entzücken, auch bei den Bauern,« sagte er zu Agathe. »Das Volk ist wie toll. Es überrascht einen doch, so viel überschüssige Lebenskraft wahrzunehmen. Ich hätte es nicht gedacht.« Während der Mahlzeit blieb er einsilbig, und als die Lampe gebracht wurde, las er einen Roman von Balzac. Agathe saß am Fenster. Sie war tief in Gedanken versunken.

»Glaubst du, daß Achim Ursanner im französischen Heer weiterdienen wird?« fragte sie plötzlich.

Sylvester schaute zerstreut empor. »Es ist wohl möglich,« gab er zur Antwort.

»Er, der deutscheste Deutsche!« flüsterte Agathe beklommen.

Der Ausdruck in Sylvesters Zügen wurde gesammelter. Wachsende Unruhe umflorte seinen Blick. »Ja, hier hat das Fatum einen unentwirrbaren Knoten geschürzt,« entgegnete er, fühlte aber, wie matt und künstlich die Floskel klang.

Agathe schwieg.

Die Nacht war so heiß, daß Sylvester, im Bette liegend, nicht einschlafen konnte. Die Uhr in der Bibliothek schlug zweimal, als er sich erhob und seine Kleider anzog, um in den Garten zu gehen. Der Himmel war prachtvoll bestirnt, und auf dem Rasen glänzte der Tau. Die andächtige Stille der Natur berührte ihn schmerzlich, wenn er des Schlachtens gedachte, das morgen, übermorgen beginnen und, wer konnte es wissen, vielleicht auch das friedliche Gefild um ihn her mit Blut düngen würde. Ihn schauderte.

Doch wie er so vor sich hinging, wollte es ihm scheinen, als ob jetzt nicht die Zeit für wehleidige Betrachtungen sei. Es wollte ihm scheinen, daß hier eine große Fügung auf große Empfindungen rechne. Es wollte ihm scheinen, daß dabei die gegründetste Überlegenheit des einzelnen verklauselte Flucht, daß jedes Messen und Erwägen zum Laster der Trägheit wurde. Die Ruhe der Nacht versetzte seinen Geist in eine wunderbare Schwingung. Er spürte den Enthusiasmus so vieler Millionen, spürte, daß sich sein Gemüt der Absonderung begab, um an der allgemeinen Entflammung teilzunehmen. Er hatte kein Recht mehr für sich allein, er hatte nur noch das Recht aller. Seine Augen begannen in der Dunkelheit zu leuchten. Seit langem war ihm nicht mehr so wohl ums Herz gewesen.

Im Bogen um das Orangeriegebäude schreitend, sah er eine weiße Gestalt auf einer Bank sitzen. Es war Agathe. Sie blickte kaum auf, als er sich näherte. Er setzte sich neben sie. »Hat es dich auch herausgetrieben?« fragte er.

Sie seufzte bloß.

»Hör' zu, Agathe,« fuhr er fort, »ich werde morgen nach Erlangen fahren.«

»Nach Erlangen? Aus welchem Grund?«

»Um mich bei meinem Bataillon zu stellen.«

»Du willst —? Sylvester!« Es war ein halb klagender, halb jubelnder Aufschrei. Sie preßte das Gesicht schluchzend in die rechte Hand, die bebende Linke reichte sie ihm. Als sie sich ausgeweint hatte, gingen sie Hand in Hand ins Haus.

Am andern Morgen hatte Sylvester noch vielerlei zu erledigen. Er schrieb sein Testament und traf umsichtige Vorkehrungen wegen der Wirtschaftsleitung. Um elf Uhr kam der Major und war sehr ergriffen, als er hörte, daß Sylvester ins Feld zog. »Es rinnt eben doch ein guter Saft in seinen Adern,« sagte er zu Agathe, die still und bleich dastand; »sein Großvater ist Anno dreizehn bei Leipzig gefallen. So etwas hält nach.«

Der Wagen, der ihn zum Bahnhof bringen sollte, war schon vorgefahren. »Wo ist Silvia?« erkundigte sich Sylvester. Da erschien das Kind mit einer Rose, die sie dem Vater gab. Die hellen Tränen liefen über ihre Backen, aber beim Abschied nahm sie sich heldenmütig zusammen. Agathe wurde immer bleicher. Sylvester umarmte sie, dann fiel sie dem Major ohnmächtig an die Brust. Die Leute vom Gut grüßten ihren Herrn schweigend und voll Ehrerbietung. »Ich weiß gewiß, daß der Vater wieder kommen wird,« sagte Silvia mit gefalteten Händen. Als die Kutsche sich in Bewegung gesetzt hatte, schaute Sylvester noch einmal aus dem Schlag.

Die Züge hatten große Verspätungen, und so langte Sylvester erst am Abend in der Garnison an. Nur mit Mühe fand er in einem Weinwirtshaus Unterkunft. Es war ein Treiben in dem Städtchen, als ob Jahrmarkt wäre. Allenthalben war Musik und Gesang, doch sah man nirgends einen betrunkenen Menschen.

Um sechs Uhr morgens ging er zur Kommandantur und dann auf die Kanzlei des Jägerbataillons. Er war als Sekondeleutnant aus dem aktiven Dienst getreten und wurde in dieser Charge wieder eingereiht. Die Kerntruppe war schon ins Feld gerückt und alle Räume der Kaserne waren voll von Rekruten und Freiwilligen. Beim Exerzieren merkte Sylvester zu seinem Schrecken, wie steif seine Glieder und wie verrostet seine Gelenke waren. Der nächste Truppenabmarsch sollte erst in zehn Tagen stattfinden; bis dahin mußten die jungen Mannschaften eingeschult sein, und die Übungen erschöpften den verweichlichten Körper Sylvesters so sehr, daß er seine ganze Willenskraft nötig hatte, um sich aufrecht zu erhalten. Nicht geringere Überwindung kostete es ihn, den schlechten Geruch in den Stuben, den beständigen Lärm und die beständige Nähe vieler Menschen ertragen zu lernen.

Am fünften Tag schickte ihm Agathe mit einem ihrer Briefe ein Schreiben Adam Hunds. Adam gab darin seinen Vorsatz bekannt, daß er dem Beispiel seines Herrn folgen wolle. »Wo der Herr Baron stirbt, will ich auch sterben,« schrieb er; »ich habe bei den sechsten Jägern gedient wie der Herr Baron. Man wird einen alten Landwehrmann nicht abweisen. Der Krieg ist meine einzige Hoffnung. Wenn mich keine Kugel trifft, bleibe ich Soldat. Denn zwischen mir und meinem Weib steht es dermaßen übel, daß ich keinen Spaß mehr an diesem Leben finde. Ich bin ziemlich sicher, daß mich die elende Kreatur betrügt. Sie hat es mit dem Sohn eines Großbauern. Ich möchte wissen, was dem dummen Teufel an ihr gefällt. Mein Gott, zu all dem Jammer noch die Schande! Da kann nur das Vaterland helfen. Des Himmels Strafe über sie. Ich ziehe von dannen. Bin ich ein gehörnter Ehemann, schön, so werde ich ein um so besserer Schütze sein.«

Wenige Stunden später begegnete ihm Sylvester in der Kantine. Er war schon eingekleidet und sang mit den andern, wennschon nicht ohne Gravität, kampflustige Lieder. Sylvester drückte ihm lächelnd die Hand.

An dem Morgen, an dem die Abteilungen endlich zum Bahnhof marschierten, verbreitete sich die Nachricht von einem großen Sieg der deutschen Armee. Der Eisenbahnzug, der von Nürnberg kam und über Würzburg nach der Pfalz fahren sollte, war mit Infanterie besetzt. Sylvester überlegte, ob er an Agathe telegraphieren solle, damit er sie in Würzburg sehen könne; er unterließ es jedoch, um nicht abermals Trennungsweh hervorrufen und empfinden zu müssen.

Auf den Stationen wurden Einzelheiten über die stattgefundene Schlacht erzählt. Es wurde von zehntausend Toten gesprochen. Sylvester stellte sich diese Zehntausend vor, wie sie in unabsehbarer Kette dalagen. Er vermochte nicht zu glauben, daß nur seine Phantasie allein so tätig war; er zweifelte an der Ehrlichkeit einer Kampfbegier, die den Tod so nahe fühlen mußte. Er hielt es nicht für Mut, die Augen zu schließen und die bangen Fragen der Seele durch Liederbrüllen zu betäuben; er hielt es für Mut, zu wissen und zu zittern und des Wissens und Zitterns Herr zu werden. Unter den Offizieren gewahrte er viele sinnende und ernste Gesichter. Manche hatten die Lippen in einer Weise geschlossen, als seien sie nicht darüber im unklaren, was es heißen wollte, jung zu sterben. Zu ihnen fühlte sich Sylvester am meisten hingezogen. Aber auch unter den Mannschaften erregten viele seine Sympathie, die bei aller Tapferkeit der Haltung sich mit innerlichem Grauen von der Sonne bescheinen ließen.

Auf der letzten Pfälzer Bahnstation wurden die Truppen auswaggoniert. Einige Abteilungen, die gegen Metz ziehen sollten, setzten sich gleich in Marsch. Die Jäger mußten stundenlang warten, bis der führende Hauptmann genaue Ordre erhalten hatte. Das Bataillon befand sich bei der Maaßarmee. Es war schon gegen Abend, als die Kolonne den freundlichen Ort verließ. In einem Dorf mit vielen verbrannten Häusern war Nachtrast.

Während der folgenden Tage regnete es unaufhörlich. Am Rand eines Waldes sah Sylvester den ersten Toten. Es war ein französischer Franktireur. Die Kleider über der Brust waren offen; er trug feine Wäsche. Er lag in einem Reisighaufen und hatte ein Stückchen Schokolade in der blutigen, starren Hand. Ferner Geschützdonner war vernehmbar. Die Atmosphäre war eigentümlich rauchig. Auf einem Wiesenhang wurde eine Viehherde von preußischen Musketieren geweidet. Ein bebrillter Unteroffizier, der vielleicht unlängst auf einem Katheder gestanden, hatte die Aufsicht. Im Graben an der Chaussee lag mit gläsernen Augen ein erschossenes Pferd. Eine Eskadron Kavallerie sprengte vorüber. Im nächsten Quartier erhielten sie Nachrichten von der furchtbaren Schlacht bei Mars-la-Tour. Da wurde manchem das Herz enger. Sylvester überraschte einen Jäger, wie er ein Amulett, das er auf der Brust trug, hervorgezogen hatte und betrachtete.

Je weiter sie ins feindliche Land kamen, je widerspenstiger und gehässiger wurden die Bewohner. Das Requirieren der Nahrungsmittel erwies sich als schwierig, und der Hunger zwang die Soldaten oft zur Grausamkeit. Sie erbrachen die Weinkeller, drangen in alle Winkel der Häuser und rissen Kranke aus ihren Betten, um die Strohsäcke und Matratzen zu durchsuchen, in denen die Bauern bisweilen Brot und Fleisch verbargen. Beim Aufspüren der Verstecke zeigte sich Adam Hund am findigsten. Er gelangte auch wegen der hohen Vollendung seiner Kochkunst und durch die Gabe, spannende Geschichten zu erzählen, zu Ansehen. Selbst die Offiziere verschmähten es nicht, ihm zu lauschen, wenn er seine Anekdoten zum besten gab, von denen er jede mit einer moralischen Nutzanwendung schloß.

Seltsam war es für Sylvester, den guten Adam so zu erblicken, unter den wettergebräunten, bärtigen Leuten, am Herdfeuer stehend und mit philosophischer Ruhe Pfannkuchen backend. Weit entfernt waren anders gelebte Tage, Bilder des Glanzes, Stunden, deren Schmerz sogar wie rührende Musik nachhallte, Erregungen, deren Grund er kaum mehr faßte. Nun war alles so wild, so schwarz, so naß, so fiebergleich, die Geschehnisse so groß und ohne sein Zutun wachsend, die Dinge so wahr! Ohne sein Zutun, und doch war alles Tat, ganz anders als vordem, wo mit seinem Zutun fast alles nur Erleiden gewesen war.

Eines Tages, als er seine wundgelaufenen Füße verband, brachte ihm ein altes Mütterchen eine Salbe, die sie für ihre beiden Söhne gemischt hatte, welche beide vor St. Privat gefallen waren. Ihre Freundlichkeit erschütterte ihn tiefer als alles gesehene Elend, und die Worte Krieg und Feind klangen sinnlos. Und als sie in ein Dorf kamen und vor der Tür einer Schenke ein junges Mädchen stand, in einer koketten roten Jacke, einen blumengeschmückten Hut auf dem reizenden Kopf, trat er zu ihr und unterhielt sie, indem er ihr von der Kaiserin Eugenie erzählte und deren Schönheit rühmte. Da fragte sie zutraulich, ob es wahr sei, daß Frankreich bisher alle Schlachten verloren habe. Er bejahte, worauf sie den Kopf senkte und bitterlich weinte. O, Menschheit, dachte Sylvester, und ihm dünkte, als stehe er hilflos auf einer Planke im Ozean.

Sie rasteten in einem von Franzosen verlassenen Biwak. Zeitungspapier, Proviantreste, Waffen, Kleidungsstücke und zersplitterte Granaten lagen umher. Sylvester schrieb auf der Trommel des Tambours einen Brief an Agathe. Dann bereitete er sich unter einem Birnbaum ein Bett aus Zeltdecken. Der Regen durchnäßte ihn bis auf die Haut, und er konnte nicht schlafen. Im Norden war der Horizont gerötet. Um ein Uhr nachts wurde alarmiert. Sie zogen weiter. Flammengarben sprühten über den Himmel. Von allen Seiten marschierten Truppen heran. Die von der fortwährenden Spannung und Erwartung mehr als von den Strapazen ermüdeten Soldaten fühlten, daß die Stunde der Entscheidung angebrochen sei. In der Nähe des Dorfes Buzancy stießen sie zu ihrem Bataillon. Einige Jäger warfen heimlich die Spielkarten fort, mit denen sie sich in den Quartieren die Zeit vertrieben hatten. Sylvester verspürte ein kaltes Rieseln längs der Rückenrinne, aber sein Herz blieb ruhig und sein Auge klar. Er hatte nur den Wunsch, möglichst bald ins Treffen zu kommen; hinter den Linien zu stehen, war so qualvoll, wie einen Mörder im Nebenzimmer zu hören.

Unbestimmbare drohende Geräusche drangen von weit- und nahher durch die außerordentlich finstere Nacht. Den Mannschaften wurde die größte Stille befohlen. Ein Ordonnanzoffizier sauste auf seinem Pferd von Sommerance herüber. Sylvester kannte ihn. »Gibt's was Neues?« — »Wir greifen an.« — »Bald?« — »Wahrscheinlich.« Er sprengte davon.

Gegen die über den Strom geschlagene Schiffsbrücke ritt in langsamem Trabe ein preußisches Dragonerregiment. Dann jagte eine Batterie quer über das Feld. Sie protzten ab, schossen jedoch nicht. Jetzt stieg hinter den Hügeln, gegen Sedan zu, ein gewaltiger Feuerschein auf.

Der Unterjäger, der hinter Sylvester stand, fluchte, weil ihm sein Hosengürtel gerissen war. Ein Mann aus der Korporalschaft bot ihm den seinen an. Es war ein kleiner dicker Mensch, im bürgerlichen Beruf Flötenspieler an einem Theater; er hatte sich immer durch Munterkeit ausgezeichnet, war jedoch seit einigen Stunden auffallend schweigsam. »Und du? Was wirst du machen?« fragte der Unterjäger erstaunt. »Ach ich, ich werde ja doch heute totgeschossen,« erwiderte der andere mit vollkommener Ruhe und schnallte seinen Gürtel ab. Sylvester drehte sich nach dem Manne um. Weder Prahlerei noch Angst war in dem pausbäckigen Gesicht zu bemerken, nur stumme, selbstverständliche Ergebung. Der Premierleutnant hatte ebenfalls die Worte des Soldaten gehört und wandte ihm sein hageres, in der Brandglut doppelt unheimliches Gesicht zu. Mit ihm hatte es eine eigene Bewandtnis; er hatte vor fünf Jahren wegen irgendwelcher Unregelmäßigkeiten den Dienst quittieren müssen. Als der Krieg ausgebrochen war, hatte er sich gemeldet, und man brauchte ihn nur anzusehen, um zu wissen, daß er fest entschlossen war, den Tod in der Schlacht zu sterben und damit seinen Makel auszulöschen.

Der Feuerschein verlohte. Es wurde wieder finster. In einem Gehöft krähte mit durchdringender Stimme ein Hahn. Die Soldaten lachten. »Dem ist ein zu großes Gedränge dahier,« witzelte einer. »Ruhe!« schrie der Hauptmann wütend. Plötzlich krachte es rechts vorn. Ein Adjutant brachte den Befehl, das Bataillon solle über den Bahndamm marschieren und gegen das Dorf Bazeilles vorrücken. Die Abteilung setzte sich in Bewegung, erstieg den Damm und überschritt den Strom auf der Eisenbahnbrücke. Sylvester konnte das von dichtem Nebel bedeckte Gelände überschauen. Wenn aus fernen Geschützen die Blitze auffuhren, sah der Nebel wie brennende Baumwolle aus. Ein zweiter Befehl traf ein: das Bataillon habe vorläufig noch in Reserve zu bleiben. »Hinter den Damm zurück und niederlegen!« hieß es. Mit klopfenden Herzen warfen sich alle ins feuchte Gras.

Auf einmal erschallte ein heftiges Kleingewehrfeuer. Das war in Bazeilles. Ein Generalstäbler berichtete, das Dorf sei von vier Regimentern französischer Marine-Infanterie und einem Teil des Korps Lebrun besetzt; es habe feste steinerne Häuser und der Angriff sei erschwert dadurch, daß die Einwohner im Bunde mit den Soldaten schössen und die Straßen durch Barrikaden versperrt seien.

Sylvester und der Premierleutnant begaben sich auf den Damm. Die meisten Häuser von Bazeilles brannten schon. Die wachsenden Flammen erstickten förmlich den aufdämmernden Tag. Rings um das ungeheure Schlachtfeld donnerten die Kanonen. Die Erschütterung des Luftkreises vertrieb den Nebel, dafür wallten die weißlichen Dampfmassen aus den Schlünden der Geschütze und der schwarze, wurmartig gekrümmte Rauch von den brennenden Häusern empor. Chassepotkugeln zischten durch die Luft, und Sylvester und sein Begleiter wollten sich eben wieder in die Deckung begeben, als das Kommando: »Vorwärts! Ausschwärmen!« ertönte.

Den Degen in der Faust, marschierte Sylvester vor der Schwärmerkette über den Damm und jenseits herab. Er wunderte sich dumpf, als ein Stück Himmel über ihm herrlich blau erstrahlte. Weit drüben im Gelände erblickte er ein ameisenhaftes Gewimmel rothosiger Soldaten. Sie sahen aus wie die Mohnblumen in einem Kornfeld. Auf allen Höhen, stundenweit im Umkreis, siedete der sonnenbeleuchtete Dampf. Das Donnern, Knattern, Sausen und Zischen hatte etwas Unwirkliches wie im Traum. Verwundete wurden vorübergetragen; ihr Stöhnen und Wimmern verlor sich im allgemeinen Getöse. In einer Ackerfurche lag ein menschlicher Arm. Sylvester hatte die Empfindung, er komme nicht vom Fleck, trotzdem er und seine Leute schnell gingen. Das gespenstische Knarren einer Mitrailleuse ließ ihn neugierig herumschauen; es war wie ein tierischer Laut und durchschnitt das Herz. Der kleine Flötenspieler machte plötzlich einen Sprung und stürzte auf das Gesicht. Wie kann man nur so ungeschickt sein, dachte Sylvester und rief ihm zu, er solle aufstehen. Ein Kamerad beugte sich über ihn. »Er ist tot,« sagte er. Im selben Moment fiel auch dieser, in den Kopf getroffen, wie ein Stück Holz. Warum der und warum nicht ich? dachte Sylvester verwundert.

Dicht vor Bazeilles lag das alte Schloß Dorival. Verwitterte Amoretten blickten aus dem Gesträuch. Im Vorbeiziehen hatte Sylvester das nämliche Gefühl, das er als Knabe gehabt, wenn er zur Schule hatte gehen müssen und auf dem Weg eine Spielverlockung an ihn herangetreten war.

Da platzte zwei Schritte neben ihm eine Granate; einem Mann an seiner Seite wurde wie durch ein unsichtbares Beil der Kopf vom Rumpfe gerissen; er ging noch einen Schritt und brach zusammen wie Asche. Am Eingang des Dorfes lagen die Toten zu dreien und vieren übereinander. Der Erdboden war mit Blut begossen. In einer Rinne rann das Blut, wie sonst das Regenwasser nach dem Regen. Obwohl am Himmel die Sonne schien, war es in den Gassen düster wie am Abend. Aus allen Fenstern starrten Gewehrläufe, auch aus den Fenstern der brennenden Häuser. Aus mancher Kellerluke krachte ein halbes Dutzend Schüsse auf einmal. Jede Barrikade war mit Hunderten von Leichen gepflastert. Viele lagen mit friedlichen Gesichtern da, als ob sie schliefen, andere wieder zeigten einen Ausdruck grimmigster Qual. Immer neue Abteilungen rückten vor, frenetisch jubelnd stürmten sie in die Hauptgasse, und nach einigen Minuten waren sie hingemäht. Jedes einzelne Gebäude mußte wie eine Festung erobert werden. Aus den brennenden Räumen drang das Geschrei der Weiber und Kinder in den Höllenlärm. Von dem einstürzenden Gebälk der Dächer prasselten ununterbrochen Funken herab. Auf einer Brunnenstufe gewahrte Sylvester einen schwerverwundeten Jäger des dritten Bataillons. Dem Mann war die Hüfte zerschossen, und er schien Durst zu leiden. Sylvester gebot einem Soldaten, ihm Wasser zu reichen, aber der Verwundete bat um eine Zigarre. Der Soldat griff in die Tasche, gab ihm die Zigarre und zündete sie auch an, während um ihn her die Kugeln wie Hagelschloßen fielen. Nachdem jener die ersten Züge geraucht hatte, starb er. Sylvester ging weiter und sah seinen Premierleutnant tot auf einem Haufen anderer Toten liegen, rosigen Schaum über den Lippen.

Die dritte Kompagnie unternahm einen Sturm gegen ein Gebäude, das etwas außerhalb des Dorfes lag und von den Franzosen mit wildester Wut verteidigt wurde. Die Mauern des Hauses waren schwarz vor Alter; es hatte zwei Erker, und die Fenster waren vergittert. Jedes der beiden Stockwerke hatte sechs Fenster, an jedem Fenster standen die Soldaten enggedrängt, und die Erschossenen wurden sogleich wieder durch andere ersetzt. Die Granaten hatten das Dach eingeschlagen, aber bis jetzt hatte noch keine gezündet. Auch aus dem Sparrenwerk des Daches schossen die Feinde herab, und wie alle früheren Angriffe, wurde jetzt der Angriff der dritten Kompagnie zurückgeschlagen. »Folgt mir, Jäger!« rief Sylvester und verließ mit seinem Zug die Deckung einer Hofmauer. Die Leute waren sämtlich sehr blaß, gehorchten jedoch dem Befehl mit einem rachsüchtigen Hurrageschrei. Viele drückten die Augen zu, während sie liefen. Die vierte Kompagnie, deren Hauptmann gefallen war, vereinigte sich mit Sylvesters Abteilung. Einer um den anderen stürzte. Sylvester vernahm den süßlichen U—i-Laut, mit dem die Kugeln an seinem Ohr vorüberpfiffen. Auf einmal taumelte er und hatte ein Gefühl, als sei der linke Arm von einem fürchterlichen Keulenschlag getroffen worden. Einen Augenblick verweilend, bemerkte er, daß das Blut aus dem Rockärmel floß. Zugleich sah er mit einer Kampfesaufregung, die ihm Schwindel verursachte und ihm in einem tiefen, ganz stillen und sonderbar wachsamen Winkel seiner Seele kaum verständlich dünkte, daß seine Jäger endlich bis an die Mauer jenes Hauses vorgedrungen waren, wo die Leichen in Hügeln lagen. Sie hatten die Gewehre umgedreht und schlugen, zwanzig zu gleicher Zeit, mit den Kolben wie mit Hämmern gegen das massive Tor. Angeln und Schloß gaben nach, auch die Fassung zersplitterte, das Haus war geöffnet, und die Tapferen erstiegen die drei Stufen; mit gefällten Bajonetten stürzten sie in den Flur. Eine Salve empfing sie, mehr als dreißig verhauchten ihr Leben, doch für die übrigen war kein Aufhalten mehr. Sylvester drängte sich eben durch sie hindurch in den Flur, als er, wie zu einer Bildsäule verwandelt, stehen blieb.

Der Feldwebel der vierten Kompagnie hatte die Verteidiger aufgefordert, sich zu ergeben. Einige der französischen Soldaten hatten unwillkürlich die Gewehre gesenkt. Darauf trat ihr Leutnant vor und rief dreimal mit starker Stimme und in einem Ton von äußerster, ja unbegreiflicher Verzweiflung: »Jamais! Jamais! Jamais!« Zugleich riß er einem seiner Leute das Gewehr aus den Händen und legte es an.

Diesen Mann gewahrte Sylvester jetzt. Er gewahrte ihn während des kurzen Zeitabschnittes, in welchem sich der Offizier des Gewehrs seines Untergebenen bemächtigte und es an seine Schulter preßte. Er sah den festen, eigentümlich gelben und in seiner Gelbheit und vernunftlosen Raserei geradezu tigerhaften Blick, — da erkannte er das Gesicht noch nicht. Eine Sekunde später erkannte er es. Die Geschehnisse gingen in so rascher Folge vor sich, daß der Geist mit einer erstaunlichen Schnelligkeit auffaßte und arbeitete. Von dem Moment des Anlegens der Waffe, der auf ihn gerichteten Waffe, bis zum Abfeuern des Schusses erkannte Sylvester nicht nur dieses Gesicht, erinnerte sich nicht nur aller früheren Begegnungen mit dem Manne, alles dessen, was zwischen ihnen lag, kombinierte er nicht nur die Art des jetzigen Zusammentreffens, wunderte sich nicht nur über die schmerzliche Fügung, sondern empfand auch eine höchst gesteigerte liebende Teilnahme. Zu spät rang sich ein Schrei aus seinem Mund. »Achim!« Der Hahn des Gewehrs war schon abgedrückt. Sylvester brach in die Knie.

Kaum hatte Achim Ursanner den Schrei vernommen, als er hinzueilte. »Sylvester,« röchelte er, erhob die Augen und umkrallte mit den Fingern den Hals. Ein Unterjäger, vermeinend, daß der feindliche Leutnant seinem verwundeten Offizier noch zu Leibe wolle, hatte sich mit dem Gewehre in Positur gesetzt und stieß dem nahenden Ursanner das Bajonett mitten durchs Herz. Nun kamen die französischen Soldaten vom ersten Stock und vom Dachboden herunter und begannen neuerdings zu feuern. Der Feldwebel packte den starren Körper Sylvesters und zog ihn über die Stufen auf die Straße, wo er unter grauenvoll verrenkten und verkrampften Toten liegen blieb. Unterdessen stürmte die erste Jägerkompagnie unwiderstehlich an, und nach einer Viertelstunde war das schreckliche Haus in ihrem Besitz.

Sylvester war nicht völlig ohne Besinnung. Er wußte, daß er verwundet, schwer verwundet war und daß er wahrscheinlich verbluten würde, wenn keine Hilfe kam. Desungeachtet fühlte er keinen Schmerz; auch Todesfurcht spürte er nicht, ganz im Gegenteil schienen ihm seine Gedanken durch eine ungewöhnliche prickelnde Leichtigkeit ausgezeichnet. Er bildete sich ein, am Meeresstrand zu liegen. Die Wellen benetzten seine Kleider, und es war eine angenehme Empfindung von Gefahr, wie sie immer näher an seinen Körper rückten. Zuerst glaubte er, daß er sich in Bangor befinde; er glaubte es deshalb, weil Anna Ewel unweit von ihm eine Schürze wusch und sie an der Tür einer Badehütte aufhing. Dann aber sagte er sich, es sei Unsinn, Bangor habe gar keinen Strand, auch sei dort der Ozean nicht so blau. Wo bin ich denn? Wo bin ich denn eigentlich? quälte er sich. Da fiel ihm ein, daß das Gestade zwischen Amalfi und Salerno ebenso sanft und lieblich war wie hier; er gewahrte auch die olivenumwachsenen Hänge. Wie oft hatte er sie auf der Jagd nach Eidechsen durchstreift! Damals hatte er Eidechsen gefangen, denn er hatte eine Römerin geliebt, die viele Eidechsen in einem Glashaus hielt und fütterte. Nun kam sie selbst; er hatte ihren Namen vergessen. »Tut nichts,« lachte ein Fischer, der eben seine Netze aus dem Boot zog, »wir heißen sie Angiolina.« Der Klang dieses Wortes berauschte ihn. Auf einmal trabten zwei ungemein zierliche Esel vorbei, und als er sie neugierig betrachtete, sah er, daß das Sattelzeug aus zusammengesetzten Spielkarten bestand. Das ist ein Racheakt von Lord Albany, dachte er und ballte die Faust. Es wurde Nacht, und eine Person mit einer unvergleichlich schönen Stirn kniete neben ihm. »Bist du es wirklich, Gabriele?« fragte er leise. Sie ergriff seine Hände und während mit erbitterten Mienen Tausende von Menschen auftauchten, begann sie zu singen. Da hatte er den herzzerreißenden Argwohn, daß sie ihn verachte, ihn zum besten halte, daß sie falsch, listig und selbstsüchtig sei. Sein Vater und seine Mutter kamen und zwischen ihnen Silvia. Silvia trug einen Veilchenkranz im Haar. Als er sie erblickte, fühlte er sich plötzlich aufgehoben und fortgetragen …

Der ihn aufhob und forttrug war Adam Hund. Seine Kompagnie hatte jenen letzten Angriff auf das Haus unternommen. Durch einen Kolbenhieb am Kopf verletzt, war er niedergefallen und hatte dabei das bleiche, leblose Gesicht Sylvesters gesehen. Dies gab ihm seine Kräfte wieder. Er warf sich mit dem Gesicht auf die Brust Sylvesters und lauschte, ob das Herz noch schlug. So an der Brust seines Herrn ruhend, bezwang er zunächst sein Schwindelgefühl, dann, von der Hoffnung beseelt, daß noch Leben in dem Körper sei, raffte er sich auf, hob den Bewußtlosen empor und nahm ihn auf seinen Rücken, um ihn nach einem Verbandplatz zu schaffen. Die Schlacht wütete mit unverminderter Heftigkeit. Das Stück Feld, das Adam mit seiner Last überqueren mußte, war so vom feindlichen Feuer bestrichen, daß die Soldaten des elften Regiments, die jetzt zum Kampf rückten, sich nur kriechend vorwärts bewegten, und obwohl dreimal in seiner unmittelbaren Nähe Granaten krepierten, kümmerte sich Adam darum nicht. Ein Geschoß zerschmetterte ihm die rechte Hand. Er fluchte wie ein Fuhrknecht, trabte aber unverdrossen weiter, bis er zwei Sanitätsleute gewahrte, denen er zuwinkte. Da verließ ihn das Bewußtsein.

Diese Heldentat eines getreuen Dieners gehört, obwohl sie in bescheidenes Dunkel gehüllt blieb, zu den wunderbarsten eines an rühmlichen und berühmten Heldentaten reichen Tages.

Das Schloß Dorival war in ein Lazarett verwandelt worden, und hier fand Sylvester Unterkunft. Seine Heilung machte anfangs nur langsame Fortschritte, denn die Verletzung war lebensgefährlich und die Pflege bei der großen Anzahl von Verwundeten nicht ausreichend. In den Zimmern, auf den Korridoren, sogar in den Kellern lagen die Soldaten in langen Reihen und der Anblick des Blutes und der furchtbaren Wunden, das markerschütternde Geschrei der Leute, denen Gliedmaßen abgesägt oder Geschosse aus dem Fleisch geschnitten wurden, bedrückte Sylvesters Gemüt und machte seinen Lebenswillen stumpf.

Aber nach einer Woche, als es in den schönen alten Gemächern des Schlosses etwas ruhiger geworden war, kam Agathe, und unter ihren sorgsamen Händen nahm die Wiederherstellung Sylvesters einen rascheren Verlauf. In den ersten beiden Nächten hatte sie in ihren Kleidern neben dem Lager des Gatten ruhen müssen, später verschaffte ihr der Oberarzt in der Wohnung des Kastellans ein notdürftiges Quartier. Ihre Umsicht, Entschlossenheit und Unermüdlichkeit gereichten nicht nur Sylvester, sondern auch vielen seiner Leidensgefährten zum Segen. Sie schrieb Briefe für die Verwundeten, brachte ihnen Erfrischungen, half beim Verbinden, und ein bloßes Wort von ihr wirkte manchmal Wunder, ein Blick flößte Zuversicht ein, eine Berührung zauberte die Hoffnung in verfinsterte Augen. Es schien eine neue Kraft über sie gekommen, eine neue Seele, eine neue Jugend. Ihr Schritt war elastisch, ihre Stimme sonor wie ein Cello und von jener besonderen Resonanz, die nur die innere Freude gibt. Die ruhige Heiterkeit ihres Lächelns erregte Sylvester oft, wie einen Gefangenen der Gedanke an die Freiheit erregt. War sie ihm bisweilen fremd wie ein Bild, so war sie ihm zu andern Stunden vertraut wie eine Schwester; spürte er gleich für sie nicht das, was er Leidenschaft nannte, so stillte doch das Gefühl ihrer Gegenwart alle Unzufriedenheit in ihm.

Eine rätselhafte Scheu verhinderte ihn lange, ihr von der Begegnung mit Achim Ursanner zu erzählen. Als er es endlich tat, war er nicht wenig betroffen von der Art, wie sie es aufnahm, ohne Staunen, ohne ein sichtbares Zeichen der Ergriffenheit. Offenbar dünkte ihr die Fügung so schicksalsvoll und so mit dem innersten Sinn ihres Daseins, ihrer Zukunft verwebt, daß sie ihm während seiner Erzählung den Eindruck eines Menschen machte, dem man ein Ereignis berichtet, dessen Zeuge er gewesen ist. Da erkannte er, wieviel Märchenhaftes, Wunsch- und Wahnversponnenes selbst in einer Frau wie Agathe verborgen war, die mit ihren beiden Füßen fest auf der wirklichen Erde stand. Was aber dabei in ihr vorging und wie sie das Geschehene in ihrem Geist ordnete, vermochte er nicht zu ergründen, wollte es auch nicht ergründen. Ihm schien, daß dieses Geheimnis sie reicher und reiner mache. Einige Tage später sagte sie zu ihm, der Gedanke schmerze sie, daß Achim Ursanner in einem Massengrab vermodern solle, und Sylvester versprach, dafür Sorge zu tragen, daß der Leib des unglücklichen Freundes eine würdige Ruhestätte erhalte. Er bedachte aber die Schwierigkeiten nicht, die der Erfüllung eines solchen Versprechens begegneten. Es war unmöglich, den Leichnam unter den Tausenden von Toten aufzufinden oder zu erfahren, in welche Grube er eingescharrt worden war.

Obwohl Sylvesters völlige Genesung noch mehrere Monate dauern mußte, erlaubten die Ärzte nach drei Wochen den Transport in die Heimat. Dieser wurde auch mit schicklicher Vorsicht und ohne üble Folgen durchgeführt. Adam Hund begleitete Sylvester und Agathe. Er hatte den Arm in der Binde, und es war ziemlich sicher, daß seine Hand lahm bleiben und nie wieder erquickende und nützliche Sentenzen auf allerlei Briefpapier verewigen würde, es sei denn, sie übertrug dieses Amt an ihre Gefährtin zur Linken. Doch war Adam Hund deswegen nicht verhindert, in seinem Umgang mit gewöhnlichen Sterblichen ein majestätisches Benehmen für angebracht zu halten, und trotzdem ihm Frau Brigitte Hund nicht den Gefallen erwiesen hatte, mit ihrem Galan das Weite zu suchen, oder nur in angreifbarer Form sich bloßzustellen, trotzdem sie ihm nach wie vor die Suppe versalzte und den Brotkorb hoch hing, raubte ihm die Beimischung von Ehebitternis nichts von seiner innerlichen Glorie, ja sie war vielleicht ersprießlich, damit sein Selbstgefühl nicht zu einer Art von Trunkenheit wurde. Die Ursache des eitlen und verstiegenen Wesens war, daß er sich während des Krieges einen Vollbart hatte wachsen lassen und im Bewußtsein dieses männlichen Schmuckes, dessen ungeahnte Glücksquellen er nie zuvor ermessen hatte, von einer Begeisterung für seine eigene Stattlichkeit durchdrungen war, die viele Menschen unwillkürlich nötigte, ein so echtes und überzeugendes Gefühl zu teilen. Es heißt, daß sogar Frau Brigitte gegenüber dieser unwiderstehlichen Kriegstrophäe Regungen von Zärtlichkeit an den Tag gelegt haben soll.

Schon im Frühjahr konnte Sylvester, von Agathe und Silvia begleitet, kleine Spaziergänge unternehmen. Als der Friede geschlossen wurde, hatte er seine Gesundheit und Kraft zurückgewonnen. Aus Dämmerung und Dunkelheit, aus Zerrüttung und Verwirrung stieg sein Genius wieder ans Licht empor und war es Notwendigkeit, daß er sich begnügte, so war es Verdienst, daß er sich bezwingen lernte. Es war schön zu sein, noch schöner zu wirken, und was an unfrohen Trieben keimte und wucherte, wurde durch die vielfältige Mühsal des Tages um so leichter beschwichtigt, als ja ein Mann von vierzig Jahren, wenn die Lebensuhr nicht stille steht, mit der Zeit ein Mann von fünfzig Jahren wird.

Ende

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