Jakob Wassermann (continued 2)
Reading edition
Sylvester zögerte lange, bis er den Entschluß faßte, in Lord Cecils Haus zu gehen. Aber er glaubte es dem Andenken Evelyns schuldig zu sein, ihrem irdischen Rest einen Abschiedsgruß zu erweisen. Er wählte eine Stunde, wo er sicher war, daß man unter vielen Leuten seine Anwesenheit nicht beachten würde. Jedoch seine Erwartung traf nicht zu. Als er in den Saal kam, in welchem die Tote auf einem mit schwarzem Sammet ausgeschlagenen Katafalk lag, waren die meisten Besucher schon weggegangen, und einige Personen, die flüsternd in einer Ecke des Raumes standen, waren ebenfalls im Begriff, sich zu entfernen. Sylvester trat an den Sarg und blickte in das ergreifend zerstörte, unendlich abgehärmte Antlitz, dessen starre Ruhe zu trügen schien, und dessen Blässe phosphorisch leuchtete. Während er noch niederschaute, sah er plötzlich dicht neben sich Lord Cecil Albany. Der Lord hatte die Hände auf dem Rücken, wandte Sylvester den Kopf langsam zu und sagte mit heiserer Stimme: »Sie war schön, nicht wahr?« Sylvester zuckte zusammen, die Augen des Lords verdrehten sich unheimlich, als er seine Worte wiederholte: »Sie war schön, nicht wahr?«
Da senkte Sylvester die Stirn, kehrte sich um und ging schweigend hinaus.
Seiner selbst überdrüssig sein ist schrecklicher als sterben. Jeder Gedanke wird Anklage, das Herz erstickt in Melancholie, der Schritt spottet seines Zieles, nur Ekel saugt das Auge aus den Dingen, die Hand, wonach sie auch greift, sie hält nichts, der Mund mag nicht mehr reden, das Ohr nicht hören. Sich auskleiden am Abend, sich anziehen am Morgen, wozu? Und die Menschen, was soll ihre Eile frommen, ihr Gelächter, ihr Nein und Ja, ihr Schön und Häßlich; wie zwecklos dies Anzünden von Lichtern und Auslöschen von Lichtern, dies Abreisen und Wiederkommen, der Schmuck von Wänden, die Zierat der Städte, all dies Vergebliche, ach, so furchtbar Vergebliche!
Unheilvoller als vor Monaten in der Heimat gewann solche Stimmung Macht über Sylvester. Er blieb tagelang in seinem Zimmer, schloß die Läden zu und lag in der Dunkelheit. Jedes fremde Gesicht war ihm unerträglich und jeder Laut von der Straße verstörte ihn. Wenn der treue und besorgte Adam an die Türe pochte, antwortete er zuerst überhaupt nicht, dann übermannte ihn der Zorn und er befahl ihm unter Schimpfworten, sich zu trollen. In später Nacht ging er aus, um zu essen und kehrte oft hungrig wieder heim. Am liebsten weilte er am Fluß, in später Nacht; beugte sich über ein Brückengeländer und sah zu, wie das Wasser floß und Barken und kleine Dampfer dahin glitten. Er wollte sich nicht Rechenschaft darüber geben, was er unterlassen. Er war nicht gewohnt, über sich nachzudenken. Sein Schmerz hatte nichts mit seinen Handlungen zu schaffen, obwohl er sich klar darüber war, daß er nichts Gutes und Heilsames, sondern nur Schädliches und Schlechtes durch sie hervorgebracht hatte. Erinnerte er sich an die Begegnungen der letzten Zeit, an die Abenteuer und Verstrickungen, so fand er sich um so leerer und kälter, je deutlicher er sie vergegenwärtigte, und Evelyns bleiches Totenantlitz hatte nur einen Flammenschein in die Kälte und Armut seiner Brust geworfen wie eine Fackel in die Ruine eines Hauses. Sein Schmerz strömte aus dem allertiefsten Grund des Lebens, und mit ihm stieg zuweilen eine unermeßliche Sehnsucht empor, in deren Umklammerung er sich ohnmächtig hinschleppte.
Einmal träumte ihm, er sei mit Adam Hund von Erfft aufgebrochen. Sie ritten durch den Wald, Adam mit einer brennenden Fackel voraus. Es ist eine stürmische Nacht, die Zweige krachen und seufzend biegen sich die Stämme. Eine Regenflut prasselt nieder und verlöscht die Fackel. Die undurchdringliche Finsternis tötet alle Hoffnung in Sylvester, und er kann nichts denken als das eine: nur nicht zurück, nur nicht mehr nach Hause. Er spürt den warmen Leib des Pferdes und vernimmt Adams häufigen Zuruf, der sich seiner Nähe versichert. So irren sie viele Stunden lang umher, und als der Morgen graut, fangen die Pferde an zu wiehern, und Sylvester gewahrt durch Nebel und Regen hindurch sein Haus. Darüber empfindet er eine solche Verzweiflung, daß er sich über den Hals des Pferdes beugt und ihm ein Messer in die Brust stößt. Ein Blutstrahl quillt auf, steigt immer höher empor und leuchtet wie Feuer. Adam ist verschwunden, das Haus ist leer, Sylvester sucht und weiß nicht wonach, keuchend läuft er durch unbekannte Räume, die Luft ist rot von der Blutfontäne, er sinkt erschöpft zu Boden und erwacht.
Bei diesem Erwachen faßte er den Vorsatz, wieder unter Menschen zu gehen, damit die in seiner Nähe lebten, nicht das beständige Schauspiel selbstzerstörenden Tuns vor Augen hätten. Er rief Adam zum Rasieren, der schleppte mit heller Freude seinen Kasten herbei und behandelte Sylvester wie einen von Krankheit Genesenden; im übrigen war er schlecht auf England zu sprechen, weil er nirgends Suppe zu essen bekam, und nannte die Engländer traurige Hungerleider. Seine Gefräßigkeit wuchs im selben Maß wie seine zarteren Bedürfnisse schwanden.
Nur um die Zeit zu füllen ging Sylvester am Abend ins Coventgarden-Theater, nicht weil Gabriele Tannhauser dort sang. Um so unerwarteter war der tiefe Eindruck, den sie auf ihn machte. Zwei Tage später traf er sie auf einem Rout bei der Herzogin von Devonshire. Sie gewahrte ihn, als er unter die Türe trat, schien sich seiner zu erinnern und lächelte ihm flüchtig zu. Da sie von Bewunderern umlagert war, verschmähte er es, zu ihr zu dringen. Es fiel ihm auf, daß sie sich ganz und gar nicht als Dame gab, ganz und gar nicht als Stern für eine entzückte Menge, aber er vergaß nicht, wie schlank und fein sie dastand, spärlich in Gesten und wachsam hinter ihren besonderen Verschleierungen.
Die vielfachen Wege des gesellschaftlichen Lebens hatten Stationen, auf denen man sich immer begegnete. Schon am andern Tag sah er Gabriele auf einem Ball bei Lady Tankarville wieder, und am darauffolgenden bei einem Diner im Hause des Lord Keith. Sie hatte großen Erfolg in London, alle jungen Männer lagen ihr zu Füßen, und ehrwürdige Granden des Reichs gehörten zu ihren Anbetern. Sie schien es kaum zu merken. Die Last der Verpflichtungen, die ihr der Ruhm auferlegte, bedrückte sie. Sie klagte gegen Sylvester, daß sie unter dem Klima leide. Er riet ihr körperliche Bewegung an, empfahl ihr zu wandern, zu reiten und machte sich erbötig, sie bei Ausflügen zu beschützen. »Ich bin ein armer Sklave,« antwortete sie, »ich kann mein Joch nicht abtun.« Im Herbst wolle sie sich erholen, sagte sie; sie sei von den Cannings eingeladen, nach Bangor zu kommen und habe die Absicht, einige Wochen dort zuzubringen. Es berührte sie nicht unangenehm, als Sylvester ihr mitteilte, daß auch er in Bangor sein werde. Sie fand Gefallen an der Unterhaltung mit ihm. Sein offenes, geistig durchwühltes Gesicht hatte ihre Sympathie erweckt.
Sylvester hatte eine alte Freundin in London, eine Frau von Rhynow, die Gattin eines Konsuls. Sie war förmlich verliebt in Gabriele, der sie in dem fremden Land viele Dienste leistete, und da sie ein Vergnügen daran fand, Menschen zusammenzubringen, die sie gern hatte, lud sie Gabriele und Sylvester häufig zur Teestunde ein. Übertriebenes Zartgefühl ließ sie glauben, daß das harmonische Gespräch der beiden durch ihre Gegenwart gestört werde, und so ging sie meist aus dem Zimmer, nachdem sie ihre Gäste bewirtet hatte. Die Zurückgelassenen mußten ihre Situation scherzhaft nehmen, wenn sie ihnen nicht verfänglich scheinen sollte.
Gabriele war ohne Arg, auch gegen sich selbst. Sie war der Nähe eines Menschen froh, der fest in seiner Welt stand und ihre Empfindlichkeit gegen dieselbe Welt milderte. Sie durfte immer wieder in ihre Einsamkeit zurückkehren, sie hatte die Sicherheit, sich nicht verlieren zu können und als sie erfuhr, daß er verheiratet sei, wuchs ihr Vertrauen gegen ihn, ein mädchenhafter Zug und ein philiströser zugleich. Sylvester betonte sein Gefühl der Freundschaft; er sagte, daß sein Herz müde sei, und er glaubte es. Der Magnetismus, den zu erproben er ausgezogen, er spürte ihn nicht mehr; er hatte ihn verschwendet, in Kleinmünze zerstückt. Er hielt sich für unfähig, zu entflammen und unfähig, entflammt zu werden. Wenn er Gabriele vor sich sah, in der Herrlichkeit einer Jugend, die sie wie eine Bürde trug, wenn er in ihre Augen blickte, in denen unbewußt und ergreifend die Schönheit der Bereitschaft war, dann dünkte ihm Resignation natürlich und anständig.
In dieser stolzen und ergebenen Stimmung schrieb er an Achim Ursanner, an den er sich jetzt zuweilen wie an einen heimlichen Boten wandte: »Daß ich in meiner Zeit lebe, ist mein Schicksal; daß ich sie betrachte, enthält schon einen Triumph über das Schicksal. Vor ihr stehe ich wie vor einem Spiegel. Sie atmet mir die Welt entgegen, sie zeigt mir die Menschheit in dem Augenblick, wo ich es vermocht habe, mich ihr zu entziehen. Meine Selbstbesinnung ist mein Sieg über die Zeit. Ich kann die Augen schließen, und Welt und Zeit strömen in mich hinein, kein einzelnes hat mehr Gewalt über mich, ich habe die Gewalt des Träumers über das Ganze. Ich möchte mich mit einem Trauernden vergleichen, der in unzugänglicher Abgeschlossenheit haust, dennoch sich gehetzt, bedroht, aufs äußerste beunruhigt fühlt, und der gerade in der Sekunde der letzten Hoffnungslosigkeit einen zauberhaften Trost empfängt, so daß seine Stirn, von der neuen Morgenröte berührt, einen Schein mystischen Entzückens ausstrahlt, während die Brust noch in einer poesielosen Finsternis begraben ist.«
Aber Sylvester irrte sich. Die ganze Weisheit war gewünschtes Mißverständnis dessen, was in ihm vorging. Lockte ihn nicht die Gebärde, mit der die Freundin nach einer Notenrolle griff? Und jene, mit der sie die Arme hob, um den Schleier zu binden? Und jene halb fürstliche, halb zaghafte, mit der sie eine Tür öffnete? Gab nicht ein schelmisches Lächeln, ein verstohlener Blick Stoff zu Grübelei? Folgte nicht die Phantasie der schlanken Gestalt in ihr Alleinsein? Belauschte sie nicht die Gedanken hinter der eigentümlich gefesselten Stirn des Mädchens? War nicht sein Gleichmut erheuchelt, spürte er nicht, wie er sich wandelte, seinen Bindungen entfloh, seiner Gewißheit entschlüpfte?
Als sie bei Lady Jersey Polens Klage von Chopin sang, dieses Lied, in dem eine von Visionen umschauerte Melodie aus der von leidenschaftlichem Kummer verdüsterten Begleitung emporsteigt wie eine Liebende, die sich krank vom Lager erhebt, um noch einmal den Geliebten zu umarmen, empfand er zum erstenmal die Scham, mit der man einen heimlichen Besitz zum öffentlichen Gut werden sieht, und er hatte Mühe, sein eifersüchtiges Fieber zu verbergen. Ihm war, als entkleide sie sich und wisse es nicht, werfe sich hin vor die allgemeine Gier, geschändeten Herzens, sie, die das züchtigste besaß. An jenem Abend ging er nach Hause wie ein Betrunkener, ließ die Lampe brennen, bis es Tag wurde, hatte die Augen offen und vermochte nicht zu denken.
Er hatte bis zu dieser Stunde gehandelt und sich betragen als ein Mann, der frei ist, den keine Pflicht kettet, keine Rücksicht lahmt; er hatte sich losgelöst von Weib und Kind, hatte nicht geschrieben, ihrer kaum gedacht und zehn Monate lang ein Leben geführt, wie wenn die zehn Jahre vorher nur die Episode einer Nacht gewesen wären. So tief sein verspätetes Staunen war über das mondsüchtige Dahinstürmen, das Freveln ohne Verantwortung, die Existenz ohne Erinnerung und ohne Güte, so scharf erkannte er auch, daß der Wille zur Rückkehr ihn trotzdem beherrscht hatte, das Bewußtsein, daß der dunklen Wanderung ein unverrückbares Ziel gesetzt sei. Jetzt aber verlangte ihn nach wirklicher Freiheit. Er kämpfte gegen Agathe. Er bäumte sich auf gegen ihre stumme Forderung. Ihre Verlassenheit erweckte nicht seine Reue, sondern seinen Haß. Der Schein von Recht, mit dem sie ihn anklagte, erbitterte und die Macht, die sie plötzlich von fernher über sein Gemüt ausübte, erzürnte ihn. Doch als der erste Strahl der Morgensonne ins Zimmer fiel, erfaßte ihn Schrecken und Zerknirschung; noch kann ich die Gefahr abwenden, sagte er sich; es gibt in jedem Schicksal einen Augenblick, wo der Geist sich um seine letzte Freiwilligkeit betrügt, ich will diesen Augenblick nicht versäumen; ich will abreisen, ich kann es noch, ich würde lügen, wenn ich einen Zwang vorschützte, wo nur Schwäche ist.
Er sprang auf mit dem Entschluß zu packen. Adam zu rufen war es noch zu früh; doch wollte er alles für ihn zusammenlegen, dann konnten sie mit dem Vormittagszug nach Dover fahren. Beim Öffnen einer Lade erblickte er den Schuh der schönen Rahel, den er damals auf der Treppe gefunden. Die Erinnerung an ein Feuer, das von der Zeit gelöscht worden ist, überhaucht die Vergangenheit mit Todeskälte. Mutlos warf sich Sylvester aufs Bett, und auf einmal entsann er sich einer Menge von häuslichen Unannehmlichkeiten: es ist ein Wintermorgen, und im Frühstückszimmer raucht der Ofen durch eine zersprungene Kachel; er kehrt hungrig von der Jagd zurück und muß warten, weil die Köchin einen Streit mit dem Inspektor gehabt hat; in Dudsloch hat ein Knecht Holzdiebstähle verübt und man muß die Polizei benachrichtigen; Schwager Eggenberg hat seinen Besuch angemeldet, und im ganzen Haus riecht es nach Sauerkraut, das die Leibspeise des Majors ist; all das ist so klein, so nüchtern, so wohlbekannt, so langweilig, so häßlich. Seufzend schlief er ein.
Gegen Mittag weckte ihn Adams Pochen. Ein Brief mit Antwortbitte war da. Sylvester kannte Gabrieles große, eckige Schrift noch nicht, aber mit klopfendem Herzen entfaltete er das Papier. Sie schrieb ihm, daß sie sich für den Nachmittag frei gemacht habe und gern einen Spaziergang mit ihm unternehmen möchte; sie habe auch Frau von Rhynow dazu gebeten, die sei jedoch verhindert.
Adam starrte verwundert auf die im Zimmer herrschende Unordnung, denn Sylvester hatte schon Kleider und Wäsche aus den Behältern genommen. »Bring' nur alles wieder an seine Stelle,« befahl Sylvester kurz.
Sie gingen durch den Park von Richmond. Unter freiem Himmel haben die Menschen ein wahreres Gesicht als in Räumen. Gabriele nahm mit jedem Schritt die Natur als Geschenk hin. Sylvester mußte an Agathe denken, an Agathes Entzücken, solange sie empfänglich, an ihre Verdrossenheit, wenn sie müde war. Gabriele hatte eine sanfte, gedankenvolle Ruhe. Sie lauschte seinen Worten, als ob sie ein Wechsel von Licht und Schatten wären, nicht wie Agathe, die allzu wach das Wort wie ein lebendiges Ding ergriff und sich von ihm reizen und steigern ließ. Wie sehr liebte er die Sanftmut an den Frauen; Sanftmut trägt das Feuer innen; die Erde ist sanft mit ihrem glühenden Kern, der dunkle Nachthimmel durch sein verborgenes Licht. Schon in frühen Tagen hatte er das Bild der sanften Frau umworben, und nun wußte er erst, was ihm an Agathes Seite gefehlt, die keine Nachgiebigkeit kannte, ganz auf Wille und Tat gestellt war und sich nur in selbstsüchtiger Träumerei vergessen konnte.
Gabriele fühlte, daß eine unsichtbare Dritte mit ihnen ging. Es lag ihr nah zu fragen. Wunderliches Spiel des Einandererratens; während sie einen Weg zur Frage suchte, äußerte Sylvester, es sei ihm aufgefallen, daß sie so selten Fragen an ihn richtete. Sie lächelte und wollte wissen, ob ihm dies für einen Mangel gelte; es sei wahr, sie könne nicht fragen, sie habe es nie gelernt. »Der Mensch ist da, um zu fragen,« entgegnete er, und sein Blick bat sie um eine Frage. Sie standen unter einem riesenhaften Nußbaum; die Sonne ging unter und das Grün der Rasenflächen überzog sich mit süßen, violetten Tönen. Durch die sommerlich feuchte Luft schwangen sich Schwalben in veränderlichen Bogen. Wieder lächelte Gabriele und sie fragte also: warum er so ruhelos sei? Er schwieg. Sie lächelte zum drittenmal; sie begriff, daß die Frage zu allgemein gewesen und sammelte Mut für eine begrenztere: warum er niemals von seinem Haus, von seiner Frau, von seinem Kind spreche? Er errötete. »Davon zu sprechen bindet mich,« antwortete er mit gesenkten Lidern, »ich will aber frei sein.«
»Man ist nicht frei in einer Ehe,« sagte Gabriele sehr ernst.
»Man kann aber frei werden, oder nicht?«
»Nein. Man kann niemals frei werden,« beharrte Gabriele mit demselben Ernst; »ist eine Ehe nicht vor Gott und vor der Menschheit geschlossen?«
»Was reden Sie da, Gabriele!« rief Sylvester unmutig. »Das ist Pfaffenmoral.«
»Nein. Es ist Blutgesetz.«
»Blutgesetz? Also Leibeigenschaft?«
»Vielleicht Leibeigenschaft; so muß es vielleicht sein. Zuviel ist vom einen Teil im andern Teil, zuviel Unauslöschliches ist geschehen.«
»Aber ich liebe Agathe nicht,« wandte Sylvester beklommen ein.
»Ob Sie Agathe lieben oder nicht lieben, das ist gleich,« versetzte Gabriele, und ihre Wangen erglühten. »Die Ehe steht über der Liebe. Sie steht deswegen über der Liebe, weil sie zwei Menschen vereinigt. Aus eins kann man nicht mehr zwei machen. Und wenn Sie Agathe auch nicht lieben, sie ist in Ihnen drin, Sie können nicht leben ohne sie. Sie können ihr untreu sein, aber Sie können nicht Liebe finden ohne Agathe. Sie ist immer da, wo Sie sind, immer, immer. Wäre sie nur eine Frau, so wäre das Band zerreißbar; doch sie ist Mutter, und zwischen euch wächst ein Kind, und dem seid ihr verfallen beide.«
Es war Sylvester zumute, als habe er für ewige Zeiten seine Seligkeit verloren. Er schaute verzweifelt vor sich hin.
Da es zu dämmern begann, gingen sie zur Chaussee, wo der Phaethon wartete. Sie stiegen ein, und Gabriele schmiegte sich in die Ecke. In ihren Augen brannte noch die Flamme der Beredsamkeit; die jonisch geschwungenen Lippen hatten einen Ausdruck von beseelter Kraft. Sylvester griff nach ihrer Hand, und sie überließ ihm die Hand, befangen zwar, doch ohne Mißtrauen. Plötzlich glitt er auf die Knie nieder und drückte ihre Finger an seinen Mund. Hastig flüsternd befahl sie ihm, aufzustehen. Er gehorchte und nahm wahr, daß sie zitterte. Ihr Gesicht wurde totenbleich. Er atmete in schweren, langen Zügen und umfing sie; ihre stählerne Brust tobte gegen seine Arme; ihr wilder Blick flüchtete in die Landschaft hinaus, die wie gefärbtes Wasser vorüberrann. Auf einmal wurde alles weich an ihr, der Kopf fiel ihm zu wie geknickt, die Augen schlossen sich, die Lippen suchten seine, Schmerz und Glück waren ein einziges Gefühl, ein kurzes nur, und als sie sich aufrichtete, war dieses schon Verbot, und jener strömte aus unheilbarer Wunde. Sie saßen schweigend nebeneinander; er hielt noch ihre Hand, deren Pulsschlag sein Geschick besiegelte. Gabriele entzog sie ihm nicht, denn es war Abend geworden. Beim Abschied grüßte sie ihn nur mit einem Blick.
Als Sylvester nach Hause kam, sah er neben der Lampe das Bild Silvias stehen, ein Miniaturporträt, das er vor zwei Jahren in München nach einer Photographie hatte anfertigen lassen. Da er sich nicht erinnerte, es mitgenommen zu haben, auch während seiner Reisen es nie bemerkt hatte, fragte er Adam verwundert, wie er dazu gelangt sei, und Adam erwiderte, er habe es beim Aufräumen in einer Schatulle gefunden. Sylvester setzte sich an den Tisch; während er spürte, wie sein ganzer Körper gleichsam hinuntergerissen wurde in eine Flut der Leidenschaft, betrachtete er das Bild des schönen Wesens, und sein Auge schien ängstlich zu fragen: bin ich dir wirklich verfallen, Silvia? So übermächtig war diese Leidenschaft, daß er in geheimnisvoll verbrecherischem Trotz eher den Tod des geliebten Kindes erdenken konnte als den Verlust Gabrieles.
Es wurde Schicksal.
Sie schrieb ihm: »Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Am Schlusse stand aber: »Helfen Sie mir.« Da wußte er genug und küßte sein eigenes Spiegelbild wie ein Narr.
Er ging zu ihr. Sie wohnte in einem Landhaus in Twickenham. Anna Ewel führte ihn in den Garten, wo Gabriele saß, die Hände über den Knien verschränkt. Sie empfing ihn kühl. Er hatte vieles sagen wollen, nun war es schal im voraus. Ihre Härte verletzte ihn; er erhob sich, um zu gehen; da machte sie eine erschrockene Bewegung mit dem Arm, und ihr Gesicht bebte vor Bestürzung. Sie zwangen sich zu ruhigem Gespräch, aber mit jedem Wort wurde die Kette enger, die sie umschlang.
Sie trennten sich wie Fremde. Sylvester hatte nicht die Kraft, in seine Behausung zurückzukehren. An der Landstraße war ein kleines Gasthaus; er ließ sich ein Zimmer geben, warf sich dort auf das Sofa und haderte stumm. Als es Abend wurde, zündete er zwei Kerzen an, verlangte Briefpapier und schrieb an Agathe, — zum erstenmal seit zehn Monaten. »Ich bin deiner Nachsicht gewiß. Du hast Rechte auf mich, aber laß sie mich nicht fühlen. Du hast Grund, mich zu verdammen; tue es nicht. Ich möchte an dich als an eine Freundin denken. Ich möchte an dich glauben als an einen Menschen, der mich liebt, ohne meine Person als Einsatz zu fordern. Du warst mir sehr nah in den letzten Tagen. Ich suchte dich und mied dich, ich fürchtete dich und brauchte dich. Ich bin hilflos, wenn ich dich feindselig weiß, und stark, wenn du mich billigst.«
Solche Töne hat die Lüge nicht. Sylvester hatte nicht gewußt, was ihm Agathe war. Nicht an die Gattin wandte er sich, nicht an die Gefährtin, auch nicht an die Mutter seines Kindes, sondern an die Richterin über sein Leben.
Als er Gabriele im Wagen geküßt, hatte ihn noch Eitelkeit getrieben und Eroberungslust erfüllt. Es war, wie wenn der Beginn dieses Kusses noch Spiel gewesen wäre, sein Ende aber schon Unwiderruflichkeit enthalten hätte. Und nicht bloß für ihn. Gabriele war so neu, so wahr, daß jene flüchtige Berührung entscheidend für sie blieb. Sylvester erkannte es wohl; der Sammet der Frucht ist noch unversehrt, sagte er sich beglückt, ein Beweis, daß das Zarteste in der Natur auch das Stärkste ist. Aber er ahnte nicht, daß ihre äußere Kälte eine sehnsüchtige Glut verbarg, ihre Schweigsamkeit ein unbeirrbares Gefühl, ihr fliehender Blick ein für immer ergriffenes Herz.
Sylvester kannte diese Seele nicht. Er glaubte, bürgerliche Feigheit mache sie zurückhaltend. Er hatte zu viele Frauen kennen gelernt, um noch reinen Instinkt zu besitzen. Er sah das geliebte Mädchen in allen Gestalten und Verwandlungen, die sein Argwohn, seine Ungeduld, seine bösen und guten Träume heraufbeschworen. Er schlief nicht mehr. Er konnte stundenlang liegen und nur an ihre Hand denken; er hörte nur ihre Stimme, wenn Menschen sprachen; er sah nur sie gehen, wenn Menschen gingen; er spürte nur sie, wenn Gegenstände seine Haut berührten. Jeder Tag ohne sie war gespensterhaft, jeder Abend ein Leiden, jede Nacht ein Alpdruck. Er flüsterte ihren Namen in die Luft, um den Klang zu vernehmen, es gab nichts in der Welt, was er nicht in Beziehung zu ihr setzte, und wenn andere Leute von ihr redeten, zuckte er zusammen wie ein Verbrecher bei der Erwähnung seiner Übeltat. Die Leidenschaft erfüllte ihn von oben bis unten, ja sogar über dem Schatten lag sie, der ihn begleitete. Sie spannte ihn schmerzlich, sie machte ihn sich selbst verachtenswert, sich selbst wunderbar; die Wirklichkeit wurde zu einem Schemen die Zeit etwas so Wahnvolles, daß er in Stunden der Trauer zehnmal starb, in Sekunden der Freude Ewigkeiten lebte. Seine ganze Existenz war eine Mischung von Torheit, Rausch und Fieber geworden, und wenn er drei Wochen zurückdachte, so dünkte ihn die eigene Person von damals ein fremdes, scheintotes Ding.
Es geschah, daß er am Abend nach Twickenham ging, und vor Gabrieles Haus auf und ab wandelte, bis der Morgen anbrach. Gabriele erfuhr es nie. Er war bei alledem so stolz, daß er durch vergebliches Werben sich nicht erniedrigen wollte. Einmal in einer schönen Nacht trat sie in einem weißen Gewand auf den Balkon und schaute zu den Sternen empor. Da war es, daß er mit überirdischem Schauer die Größe des Weltraums begriff. Er stand verborgen an einem Zaun und blickte zur Kassiopeia so wie sie; der Erdball hatte keine Geschöpfe mehr als ihn und sie, und auf den feurigen Bahnen der Sterne begegnete er nur ihr allein.
Vergötterung ist ein schönes Wort; man muß viel von der Gottheit besitzen, um vergöttern zu können, und wenn der Vergötterte auch nicht zum Gott wird, erhoben, beschwichtigt und beseelt wird er doch. Gabriele spürte dies; es schien ihr leichter zu gehen, müheloser zu atmen, aber an andern Tagen kam dann eine Lauheit über sie, eine kraftlose Schwermut; ihre Arme wurden träg, ihre Worte unbestimmt, ihr Geist bedrückt, und Menschen, denen gegenüber sie sich bisher heiter und frei gegeben hatte, nahmen die Veränderung wahr. Frau von Rhynow trat eines Nachmittags bei Sylvester ein und sagte: »Mein lieber Sylvester, was ist mit Gabriele vorgegangen. Sie ist nicht mehr dieselbe. Ich bin besorgt um sie. Merken Sie denn nichts?« Sylvester antwortete mit einem Blick, der alles verriet. »Um Gottes willen,« begann die alte Dame zu jammern, »Sie wollen doch das Mädchen am Ende nicht zu Ihrer Geliebten machen? Das geht auf keinen Fall. Das wäre Tollheit, Schurkerei und kann nicht geduldet werden. Jetzt geht mir ein Licht auf, jetzt wird mir manches klar. Ich beschwöre Sie, teurer Freund, schlagen Sie sich das Mädchen aus dem Kopf, die ist zu gut für dergleichen.« Sylvester stand am Kamin, seine großen Zähne blitzten, und er sah vor Blässe fast grau aus. »Sie können sich auch von Agathe nicht scheiden lassen,« fuhr die Rhynow eifrig fort; »es gibt viele Frauen, bei denen ich mir vorstellen kann, daß man sich von ihnen scheiden läßt, bei Agathe nicht. Ich weiß nicht genau, warum, ich weiß nur, daß es unmöglich ist. Wer Agathe einmal gesehen hat, der weiß, daß es unmöglich ist. Und Sie wissen es auch.«
Sylvester antwortete nicht; in matter Haltung auf der Seitenlehne des Sessels sitzend, verkrampfte er die Finger ineinander. »Mein armer Freund,« sagte Frau von Rhynow, »ich verstehe alles. Wäre ich ein Mann, mir ginge es ebenso. Ich fordere nicht, daß Sie heute schon einen Entschluß fassen, aber wahren Sie Ihre Besonnenheit. Schonen Sie Gabriele.«
Die wohlmeinenden Rater nähren stets ein Feuer, das zu löschen sie gekommen sind. Nun, wo es Gefahr bedeutete und Wächteraugen zu betrügen waren, achtete Sylvester keine Schranke mehr. Er schrieb sieben Briefe an Gabriele, die er alle wieder zerriß; seine Phantasie gab dem Abenteuerlichen, dem Märchenhaften Raum, doch wenn er dann Gabriele vor sich sah, in ihrer lieblichen Unruhe, in ihrer scheuen Gespanntheit und wie sie immer wieder versuchte, sich dem finstern Element zu entziehen, dann stockte er verzweifelt und wußte keinen Weg mehr.
Er fuhr zum Rennen nach Epsom und erblickte sie auf einer Tribüne neben der Gräfin Shrewsbury. Sie hatte den Kopf zurückgewandt und sprach fröhlich mit einigen Herren, als sich ein ungewöhnlich schöner junger Mann im Reitkostüm zu der Gruppe gesellte. Sylvester kannte ihn vom Sehen, es war der Viscount Darrington, ein Jüngling von zwanzig Jahren mit einem Gesicht und einem Körper wie von Phidias gemeißelt. Sylvester stand unten im Gewühl und beobachtete jede Gebärde Gabrieles. Ihm wurde eiskalt, als sie dem jungen Menschen zulächelte, und als der Viscount, der sich am Herrenreiten beteiligte, ihre Hand beim Abschied länger als es nötig schien in der seinen behielt, legte sich ein purpurner Dunst über Sylvesters Augen. Wenige Minuten später begann das Rennen. Mit solcher Aufmerksamkeit, daß seine Lider kaum blinzelten, verfolgte Sylvester die Gestalt des jungen Edelmanns, der auf einem Grauschimmel bald unter den Vordersten über das Feld flog. Hundert Meter weiter überflügelte er den Ersten, und Sylvester war es, als sei alles für ihn verloren, wenn jener als umjubelter Sieger ans Ziel gelangte. Er wünschte nicht, er befahl, daß der Jüngling zu Fall kommen möge und in einer Art von Raserei sammelte er seine Gedanken in diesem Willen. Gleich darauf ertönte ein hundertfacher Schrei. Der Grauschimmel hatte vor dem letzten Hindernis versagt. Sylvester gewahrte wie im Schein eines Blitzes den Körper des Viscount in der Luft, dann eilten viele Menschen hinüber, um dem regungslos auf der Erde Liegenden beizustehen. Er hatte beide Arme gebrochen und aus seiner Nase rann Blut.
Das ist also möglich, fuhr es Sylvester schaudernd durch den Sinn, warum sollte es etwas Unmögliches geben? Sein schuldvoller Blick suchte Gabriele. Die Zuschauer auf den Tribünen hatten sich erhoben und plötzlich sah er, wie sich Gabriele durch die Menge drängte; hastig und beklommen trat sie zu ihm, schob ihren Arm unter den seinen und bat, er möge sie in die Stadt bringen. Kaum saßen sie im Wagen, so fing es an zu regnen und nach einer Viertelstunde Wegs wurde aus dem Regen ein Wolkenbruch. Die Pferde scheuten ein paarmal, der Kutscher mußte absteigen und sie führen.
Gabriele schaute wie geistesabwesend vor sich hin; in seiner sonderbaren Verwirrung und inneren Not glaubte Sylvester, sie denke nur an den Viscount, während ihr dies und ihr ganzes gegenwärtiges Leben nur wie Wolkenziehen vorüberging. Sie sprach aber nichts, und in ihrem Schweigen war etwas Redeverbietendes. Sylvester hatte den Kopf gesenkt und ihm schien, als ob sein Herz in einer salzigen, brennenden Lauge zersetzt würde. Weshalb ist sie mit andern liebenswürdig, ja freudig erregt, grübelte er, und mir zeigt sie ein erstorbenes, verdunkeltes Wesen? Er hätte Ehre und irdisches Heil dafür gegeben, wenn er diese Frage an sie hätte richten können und Gabriele sie beantwortet hätte. Aber es lag eine unermeßliche Entfernung zwischen ihnen. Was bedeutete jedoch der Blick, als sie ausstieg, dieser volle, tiefe, strahlende, flehende, demütige Blick? Schon war sie im Eingang des Theaters verschwunden.
Sie spielte an diesem Abend zum letztenmal in der Saison. Es wurde der Barbier von Sevilla aufgeführt, und nach den Aktschlüssen glich das Theater einem mit brüllenden Tieren gefüllten Käfig. Als die Oper zu Ende war, ging Sylvester hinter die Kulissen. Anna Ewel geleitete ihn in eine Ecke, wo sich Gabriele vor den vielen Menschen versteckt hielt, die ihre Garderobe belagerten. Sie kauerte auf einem hölzernen Karren und aß eine Birne. Über das Kostüm der Rosine hatte sie ein schwarzes Tuch geschlagen, und die weiße Haut des Nackens und der Büste leuchtete eigentümlich feucht. »Ich will nach Hause wie ich bin,« sagte sie, »wir können das Theater unbemerkt verlassen, wenn wir durch den finstern Gang dort gehen. Meinen Mantel, Anna.«
»Soll ich denn mitkommen?« fragte Sylvester. Sie nickte.
In der Villa draußen war ein Imbiß vorbereitet, aber Gabriele hatte keinen Hunger. Sie ließ Sylvester einige Zeit allein, dann kehrte sie in einem Gewand aus weichem, weißem Kaschmir zurück und setzte sich still an den Tisch. Die Fenster waren offen; schon herbsteten die Abende, und die Bäume hauchten einen zarten Modergeruch aus. Während er allein gewesen, hatte Sylvester eine Laute genommen, die an der Wand hing; er hatte sie betrachtet und es wunderbar empfunden, daß in dem Instrument unbekannte Melodien schlummerten, die er nicht hervorlocken konnte; wieviel wunderbarer dünkte ihn jetzt Gabrieles Anblick, dieser atmende Leib, aus dem die Gottheit Töne zauberte, welche die Armut der Menschen in Reichtum und ihre Nüchternheit in Überschwang verwandelten.
Seine Finger glitten zerstreut über die Saiten und erzeugten ein sanft vibrierendes Geräusch, dem einer fernen Windharfe ähnlich. Gabriele nahm ihm die Laute aus der Hand, rückte sie in vertrauter Weise zurecht, und ihre Züge hatten einen versonnenen Ausdruck, als sie einige dunkle Akkorde anschlug. Dann schüttelte sie entschlossen den Kopf und legte die Laute beiseite.
»Ich liebe dich, Sylvester,« sagte sie, »du weißt es, daß ich dich liebe. Wie es gekommen ist, das kann ich nicht erklären; wozu auch, es muß nicht erklärt sein. Ich bin nur ein Weib, nicht besser und nicht schlechter als andere, und wie soll ich's verwinden, daß du es bist, gerade du, den ich liebe. Sprich mir nicht von Glück, tröste mich nicht mit Hoffnungen, sag' nicht, daß ich vergessen soll und daß es Stunden gibt, die ausgleichen, und daß man seine Lust aneinander haben kann, wenn auch morgen die Welt untergeht. Das ist alles nicht für mich. Sieh, Liebster, du bist wie einer, von dem ich nur eine Hand halten kann, die andere ruht in der Hand einer andern. Die andere hat ihr Leben auf dich gesetzt, sie will und kann nicht von dir lassen, und könnte sie auch, bei mir würde sie erst lebendig werden für dich, und du bist der Mann nicht, der ein lebendiges Geschöpf ins Grab wirft. Ich fühle ja, wie es um dich steht, aber ich kann nicht tun, was du verlangst. Nicht Agathes, nicht des Kindes wegen; wenn du bei mir bist und ich dich sehe, ist mir, als könnt' ich darüber hinwegkommen; auch an dem, was man Ehre nennt, liegt mir dann nichts mehr. Aber ich will lieben, so wie man stirbt, ganz, ganz und ohne Rest. Und ich will geliebt sein so wie man untertaucht im Meer, tief ins Bodenlose. Wie soll ich das, Sylvester, bei dir, der ein böses Gewissen zu mir bringt? Widersprich mir nicht, sei wahr, in diesem Augenblick sei wahr gegen mich! Das böse Gewissen, es ist ja eigentlich das gute und edle Gewissen, dein Menschenherz, es würde dich immer zu mir treiben, aber nicht bei mir halten, und wir würden schlecht und müde. Und nun sag' mir, was sollen wir tun?«
Sie hatte leise gesprochen und als sie geendet hatte, schaute sie ihn voll schüchterner Erwartung an. Sylvester, ohne Schmerz noch Freude, in einem schwebenden Gefühl, erwiderte ebenso leise: »Ich habe dich gespürt, als ich noch in der Heimat war. Ich habe dich mit mir herumgetragen wie eine Schwangere den Schößling trägt, bis du wesenhaft wurdest, bis du erschienen bist. Ich habe andere genossen wie man Wurzeln verzehrt, wenn keine Speise da ist. Ja, ich will wahr sein; deine Worte sind das größte Unglück meines Lebens, denn du hast recht mit allem was du sagst. Was wir aber tun sollen, das weiß ich durchaus nicht. Nur daß ich ohne dich nicht existieren kann, weiß ich. Fliehen wir, Gabriele, geh mit mir auf ein Schiff, laß uns über den Ozean fahren, versuch' es mit mir, vielleicht zeigt es sich, daß deine Furcht unbegründet war —«
»Jetzt belügst du dich doch,« unterbrach ihn Gabriele sanft. »Es gibt keine Freiheit durch Anmaßung, es gibt kein Recht, das einer nur für sich selber schafft. Freilich, es gibt Menschen, die solches zustande bringen, aber ich bin dazu nicht robust und du, Lieber, bist nicht phantasielos genug. Wir sind Menschen und müssen tun, was menschlich ist.«
Dies sagte sie mit einer so unheimlichen Hoheit und Ruhe, daß Sylvester vor ihr erschrak.
»Es war mein Plan, morgen nach Bangor zu gehen,« fuhr sie fort; »du hast geglaubt, daß wir in Bangor beisammen sein könnten. Es darf aber nicht sein. Ich will ja nicht, daß wir uns nie wiedersehen sollen, wie könnt' ich das, aber wir müssen uns die Möglichkeit zur Besinnung geben, du mir und ich dir. Wenn dir also am Aufenthalt in Bangor etwas liegt, so werde ich anderswohin gehen. Antworte mir, Sylvester. Zürnst du? Wie schwer ist es doch, das Richtige zu tun!«
»Ich werde nicht nach Bangor gehen,« sagte Sylvester stockend. Unwillkürlich streckte Gabriele die Arme aus, und mit einem dumpfen Laut stürzte er zu ihr. In ungeheurer Bewegung ergriff sie seinen Kopf und drückte sein Gesicht in ihren Schoß. Sie beugte sich über ihn und stammelte: »Lieb' ich dich denn? Ich liebe dich ja gar nicht. Ich liebe ja einen andern, der nicht da ist und den ich nicht kenne. Jetzt mußt du gehen, Sylvester. Geh jetzt, laß mich allein, geh jetzt, leb' wohl.«
Zwei Stunden nach Mitternacht fand sich Sylvester am Tisch seines Schlafzimmers sitzend. Vor ihm lag eine Pistole, die er unverwandt betrachtete. Da war es ihm, als höre er die Türe knarren und als trete Agathe herein und als lege sie den Arm um seine Schulter und die Wange an seine Stirn und seufze tief. Sein Kopf fiel auf die Tischplatte, und er weinte wie ein Kind.
Die Oktobertage und -nächte vergingen, ohne daß Sylvester ihre Folge wahrnahm. Wie ein aus dem Schlaf häufig Erwachender lebte er sie zerstückt. Bisweilen saß er plaudernd bei Frau von Rhynow; er zeigte sich besonnen und gelassen, doch insgeheim machte er sich über jedes Wort lustig, das er gebrauchte. Eine bestimmte Behauptung aufzustellen, dünkte ihn vollkommen sinnlos, und wäre es die flachste und beweisbarste gewesen. Er ging in den Klub und redete mit dem und jenem; meistens verfuhr er so, daß er mechanisch ungefähr das Gegenteil von dem sagte, was der andere gesagt hatte. Zu seinem Erstaunen wurde ein Gespräch daraus. Er aß und trank und wunderte sich, daß ihn ein Bedürfnis trieb. Er suchte einen Schneider auf und besichtigte Stoffe für einen Anzug; während er es tat, wunderte er sich, daß er es tat. Das Leben, welches er führte, kostete viel Geld, und da er mit seinem Vorrat zu Ende war, unterschrieb er einen Wechsel, war sich aber keiner Verantwortung dabei bewußt. Seine Beobachtungsgabe war trotzdem dieselbe geblieben. So fiel es ihm auf, daß sich Adam ungewöhnlich viel mit Briefschreiben beschäftigte. Er stellte ihn zur Rede, und Adam gestand, daß er mit Anna Ewel korrespondierte. Bei der Erwähnung dieses Namens drückte Sylvester den Zeigefinger auf das rechte und den Mittelfinger auf das linke Auge und sein Gesicht bekam den Ausdruck verstörten Nachdenkens.
Adam Hund hatte zahlreiche Gelegenheiten gehabt, mit Anna Ewel zusammenzutreffen und sie die Überlegenheit fühlen zu lassen, die er sich im Weltgetriebe angeeignet. Er hatte in der schwarzen Böhmin eine gläubige Zuhörerin gefunden, und weil der Selbstliebe eines Mannes nichts so sehr schmeichelt, als wenn eine junge Dame seinen moralischen Urteilen wie auch den Erzählungen seiner Abenteuer bewundernd lauscht, so hatte sich die Abrede einer brieflichen Verbindung, die den fruchtbaren mündlichen Verkehr gedeihlich fortspinnen sollte, bald ergeben. Adam belehrte seine Schülerin vornehmlich über den Weg, den sie einschlagen müsse, um einen Gatten zu bekommen. »Zuvörderst ist es geraten, daß man sich eines möglichst geheimnisvollen Benehmens befleißige,« schrieb er; »wenn sich zum Beispiel ein Strumpfband gelockert hat und es steigen einem darüber peinliche Gedanken auf, weil man notabene in guter Gesellschaft ist und nicht wagen darf, den Fehler zu beheben, so empfiehlt es sich, eine melancholische Miene zur Schau zu tragen oder mit tiefsinnigem Schmachten von einem gereimten Gedicht zu sprechen. Es empfiehlt sich überhaupt, wenn ein Frauenzimmer von Sachen spricht, die sie nicht versteht, dann glauben die Männer, sie verstünden noch weniger davon und sagen untereinander: das Weib hat einen ungewöhnlichen Geist. Natürlich genügt solches nicht. Sie müssen auch, teure Anna, trefflich gewaschen und gekämmt sein, gewisse Lücken in der äußern Person geschickt zu stopfen wissen, Salben und Wohlgerüche ohne Zudringlichkeit anwenden, im Beisein anderer wenig essen, auch wenn Sie noch so großen Hunger haben, und ist dann der Gimpel einmal gefangen, so hat's weiter keine Not. Das ist ja das Merkwürdige, daß so selten einer loskommt, und ich will Ihnen auch den Grund mitteilen, warum es so ist. Nämlich wir Männer, wir nehmen die Weiber ernst, wir wollen ihnen etwas beweisen, wir wollen sie widerlegen, wir streiten mit ihnen wie mit unseresgleichen und das, verehrenswerte Anna, ist das Dümmste, was wir tun können. Dadurch haken sie sich an uns fest wie die Schnecke am Bein eines Ochsen, und während wir glauben, daß sie mit uns auf dem Lebenswege wandeln, tun sie nichts anderes als faul an unserem Fleisch schmarotzen.«
Bei einem sonderbaren Anlaß entdeckte Sylvester, daß Adam auch Nachrichten von Erfft erhielt. Seit kurzem kochte Adam seine Mahlzeiten selbst und tischte zuweilen seinem Herrn Klöße in saurer Brühe oder nach fränkischer Art gebratene Kartoffeln auf. Er wich nicht vom Fleck, bis Sylvester seine Kunst belobt hatte, fühlte sich dadurch ermuntert, über die englische Küche zu räsonieren und endete mit einem Preis der heimatlichen Dinge. Sogar sein böses Weib erschien ihm in freundlicherem Licht, und eines Tages verteidigte er sie gegen Sylvester mit einem Eifer, als ob dieser sie der größten Schandtaten bezichtigt hätte. »Das mit den Prinzipien und der männlichen Würde ist ja ganz schön,« redete er auf den immerfort schweigenden Sylvester ein, »aber sie weiß einen Apfelkuchen zu backen, da geht einem das Herz im Leibe auf. Neulich war der Inspektor Marquardt bei ihr und konnte sich nicht daran satt essen. Er hat mir geschrieben, daß sie in Dudsloch musterhafte Ordnung hält, während in Erfft alles drunter und drüber geht. Die gnädige Frau, die doch gewiß eine Ausnahme ihres Geschlechts ist, kümmert sich nur noch wenig um die Wirtschaft und um die Leute und läßt sieben gerade sein. Manchmal kommt der Herr Major herüber, befiehlt, daß man ihm die Haushaltungsbücher zeigt, schimpft über den Verbrauch und verhandelt dann stundenlang mit der gnädigen Frau hinter geschlossenen Türen. Es ist traurig, wenn der Herr nicht da ist.«
Adam hatte sich getäuscht, als er glaubte, mit dieser beredten und vorsichtigen Schilderung unerquicklicher Zustände auf seinen Herrn Eindruck zu machen. Sylvester antwortete nicht, und die Gleichgültigkeit seiner Miene erfüllte den diplomatischen Zwischenträger mit Besorgnis.
Ein äußerster Grad von Sehnsucht kann eine zweite Wirklichkeit erschaffen. Gefesselt in jedem Betracht, flohen Sylvesters Sinne in ein anderes Reich, das kein erträumtes, das wesensvoller für ihn war als die zu ertastende und mit leiblichen Augen zu erschauende Gegenwart. Während er apathisch und regelmäßig dem Trieb bestimmter Gewohnheiten folgte und den Stunden des Tages gab, was sie von ihm verlangten, waren sein Geist und seine Seele ausgewandert, den Körper als eine zufällig bewegte Hülle hinterlassend.
Er fühlte genau, daß in dieser Epoche seines Daseins innerer und äußerer Besitz auf dem Spiele stand: Vernunft, Behagen, Tätigkeitsfreude, Vermögen und Gesundheit, das Ererbte und das Erworbene; er wußte, was er verloren hatte und was ihm jede Minute des tödlichen Brütens raubte: seinen Stolz, sein Selbstvertrauen, die Kraft, zu wirken und dienendes Glied zu sein; er erkannte, daß er sich auf Vorrechte der Jugend nicht mehr berufen durfte, daß der Hinweis auf das Versäumnis höchsten Glückes die Verachtung der Menschenpflichten nicht entschuldigen würde, daß über dem leidenschaftlichen ein sittliches Gebot war, dennoch wühlte er sich mit Begierde immer tiefer in den Schmerz, und die Einsicht, daß seine Jugend vorüber war, endgültig für alle Zeiten vorüber, daß er zum letztenmal erglüht, zum letztenmal erwählt war, zum letztenmal die Seligkeit der Entäußerung, die Lust der Bezauberung, die Süßigkeit der Blutesnähe und den entzückenden Schauer der Wiedergeburt in einem andern Herzen gespürt, daß alles dies dahin war, für ewig dahin, wie durch Todesurteil verwirkt, eben die Einsicht verfinsterte sein Gemüt und zerstörte seinen Willen.
Er lebte zwiefach. Sein eigentliches Leben führte er im Schloß zu Bangor. Halluzinationen, die sich erneuerten und fortsetzten, machten ihm den fremden Bezirk vertraut. Er sah die alte Normannenburg mit ihren efeubewachsenen Höfen, dem stumpfen Turm und den gezackten Mauern. Er ging über die ehemalige Zugbrücke und unterhielt sich mit Sir Randolph, während er zugleich aufs Meer schaute. Einige Herren kehrten plaudernd von einer Segelfahrt heim. Die jungen Leute hatten Kricket gespielt, sie eilten mit heiterem Lachen von der Wiese herüber, und die weißen Kleider der Mädchen flatterten im Seewind. Der Gong ertönte, eine lange Frühstückstafel war gedeckt, und Silber und Porzellan auf dem Tisch hoben sich reizvoll gegen die braungetäfelten Wände ab. Zwei Hunde, ein Spitz und ein Terrier, wirbelten kläffend durch den Saal, und Lady Canning, die ihre Migräne hatte, beschwerte sich darüber beim Kastellan. Miß Holland, ein sehr mageres Mädchen mit Sommersprossen, erzählte, daß sie einen großen Brasiliendampfer gesehen habe, und Monsieur Renard behauptete, in Barrow habe man einen Walfisch gesichtet. Sylvester bestritt die Möglichkeit und Gabriele nahm seine Partei. Ein scherzhafter Wortkampf entspann sich, und Sylvesters Schlagfertigkeit erregte allgemeines Vergnügen. Monsieur Renard, verdrießlich über seine Niederlage, wurde von Mrs. Watch getröstet, die ihm ihre mit Schokolade gefüllte Bonbonniere reichte.
Sylvester ging zur Küste des Meeres hinunter und gewahrte Gabriele von ferne. Sie gab ihm kein Zeichen, obwohl sie ihn zu erwarten schien. Sie trug einen Reiseanzug und blickte gespannt auf ein Boot, das sich dem Ufer näherte. Er konnte nicht zu ihr gelangen, seine Füße verwickelten sich in Gestrüpp, er bückte sich, um sich frei zu machen, und als er sich aufrichtete, war Gabriele verschwunden und mit ihr auch das Boot. Er rief, die Brandung übertönte seine Stimme; er eilte ins Schloß zurück, suchte sie in der Kapelle und in vielen Zimmern, und es war ihm, als ob sie jeden Raum, den er betrat, kurz zuvor verlassen hätte. Dennoch hatte er beständig das Gefühl, daß sie ihn erwartete. Da wurde es Nacht. Alles schlief im Hause. Sylvester ging durch die langen, finstern Korridore und öffnete Gabrieles Schlafgemach. Es war ein sehr großes Zimmer mit drei riesigen Fenstern, über denen Vorhänge aus scharlachrotem Damast hingen. Auf einer Spiegelkonsole brannte eine Kerze, und weit davon in einer Mauervertiefung stand das Bett, in welchem Gabriele lag. Sie hatte die Türe nicht versperrt, weil sie ihn erwartete. Zugleich hatte sie um seinetwillen gehofft, daß er nicht kommen würde. Er kniete an dem Lager hin und faßte ihre Hand. Sie floh sichtlich, ihre Seele floh vor ihm; sie zitterte wie ein gefangenes Reh. Wenn er sie anschaute, schüttelte sie den Kopf, und ihre Finger preßten flehentlich die seinen. Die Nacht verwandelte sie in ein Naturwesen, doch ihr Blut, ihr Auge und ihre des Widerstandes schon müden Glieder widerstrebten ihm. Da erst empfand er ihren ganzen Wert, die ganze Unschuld ihres Herzens, das Erschütternde und zur Ehrfurcht Zwingende der nie zuvor Berührten, die dem Ansturm des Geschlechts nur im höchsten Schmerz ihrer Liebe unterliegt. Er gab ihr die Namen von Blumen, denen sie verwandt war und dachte an schöne Tiere, an die ihre Grazie erinnerte. Unüberwindliche Scheu verbot ihm, sie zu umarmen, und er liebte sie mit opfernder Inbrunst, die alle sinnlichen Empörungen erstickte. Die Nacht hindurch kauerte er an ihrem Bett, und ehe er ging, beugte sie sich zu ihm, enthüllte furchtlos die Lieblichkeit der Schultern und das edle Spiel jugendlicher Körperlinien, schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn.
Eines Nachmittags kam sie auch in sein Zimmer in London. Es war die letzte und entscheidende Begegnung in diesem seltsamen Erleben außerhalb des Wirklichen. In der Dämmerung trat sie ein. Ihr Gesicht unter dem Schleier war sehr bleich. Er wußte, was sie hergetrieben hatte, er begriff ihr Mitleid und ihr Leiden, ihre Frage und ihren Vorwurf, und nun war es beschlossen für ihn, daß er nach Hause reisen und von Agathe seine Freiheit fordern müsse. Von der Stunde an war die Schwäche und traumhafte Schwermut von ihm gewichen.
Am selben Abend schrieb er ein paar kurze Zeilen an Gabriele, worin er sie lakonisch, jedoch mit dem Ton festesten Ernstes von seinem Plan in Kenntnis setzte. Den nächsten Vormittag verwendete er mit Adams Hilfe zum Packen und um fünf Uhr saß er in der Eisenbahn, die ihn zur Hafenstation brachte. Adam summte vor Freude Kirchen- und Kneipenlieder bunt durcheinander.
Genau drei Tage später erblickte Sylvester vom Kupeefenster aus die Würzburger Marienfeste, an der noch immer gebaut wurde, seit sie, während des Mainfeldzugs vor drei Jahren, von den Preußen in Brand geschossen worden war. Novembernebel hüllte die Stadt in flaumigen Dunst, und der an den Rebenhügeln hingleitende Strom war von der untergehenden Sonne blutrot gefärbt.
Die Mühe, die sich Agathe in den ersten Monaten ihres Alleinseins gegeben hatte, Wirtschaft und Haushalt vor jener Verlotterung zu bewahren, die sich notwendig einstellen muß, wenn das anerkannte Oberhaupt fehlt, hatte sich in Teilnahmslosigkeit verkehrt, als der törichte und leichtsinnige Aufwand, den Sylvester trieb, offenbar lag. Sie liebte nicht das Geld, aber sie achtete es, weil es eine gewisse Summe von Arbeit, Überlegungen und Entbehrungen darstellte und die persönliche Unabhängigkeit sicherte. Daran gewöhnt, zu sparen und selbst bescheidene Bedürfnisse nur zu erfüllen, wenn sie unabweisbar wurden, erregte Sylvesters Verschwendung ihren Schrecken und, nachdem er das Bankdepot erhoben hatte, mit Wucherern in Beziehung getreten war, die Ernten im voraus verschleudert, Wechsel in Umlauf gesetzt, also das Gespenst der Not und der Schuldbedrängnis heraufbeschworen hatte, ihren Abscheu und ihre Verachtung.
Sie überließ dem Inspektor Marquardt die Aufsicht über beide Güter, anfangs nur der Form nach, schließlich in jeder Weise, denn um tätig zu sein, brauchte sie die Überzeugung der Förderlichkeit und des sichtbaren Gelingens, hier aber konnte sie nur im Geringfügigen nützen, indes ein unersättlicher Vampir das Lebensmark aus dem Besitze sog. Daß die bezahlten Diener den Vorteil der Herrschaft nicht über ihren eigenen stellen würden, war ihr klar, und mit dem Gedanken an Untreue, Fahrlässigkeit und schlechte Führung der Geschäfte hatte sie sich längst vertraut gemacht.
Ihre Schwester Martha, die Frau des Majors, redete ihr zu, sie solle doch mit dem Kind nach Eggenberg übersiedeln, der Major würde dann Erfft und Dudsloch von seinem Vetter verwalten lassen, der ein erfahrener Ökonom sei. Agathe weigerte sich. »Ich äße bei dir und deinem Mann doch nur das Gnadenbrot,« sagte sie, »und das paßt mir nicht. Gehen die Dinge schief, so will ich wenigstens dabei sein, obschon ich nichts ändern kann; dem Verderben zusehen ist besser, als es bloß ahnen.«
Um jene Zeit wußte der Major noch nichts von Agathes Geldsorgen, erst der schwatzhafte Inspektor verschaffte ihm Aufklärung. Am folgenden Sonntag kam er und zog Agathe in ein förmliches Kreuzverhör. Sie gab nur zu, was sie nicht leugnen konnte. Sie behauptete, Sylvester sei mit ihrem Einverständnis ins Ausland gereist, sie billige seine Lebensführung und habe zu klagen keine Ursache. »Ich glaube dir nicht,« polterte der Major; »entweder bist du blind, oder du willst mich blind machen.« — »Ich wollte, ich wäre in dem Sinne blind, den du meinst,« erwiderte Agathe mit unfreiwilliger Offenheit. Der Major brauste auf. »Schön; so werde ich deinem Herrn Gemahl schreiben,« rief er, »und wenn er noch einen Funken Ehre im Leib hat, so wird er nicht im Zweifel darüber sein, was er dir und der Familie schuldet.« Da trat Agathe ganz nahe vor ihren Schwager hin, blitzte ihn mit ihren wunderbar energischen Augen drohend an und sagte hart und bestimmt: »Du wirst ihm nicht eine Zeile schreiben, Konrad. Nicht eine Zeile, verstehst du? Weder du noch Martha. Von dem Tage an, wo dies geschähe, hättet ihr mich zur Feindin und ich kennte euch nicht mehr.« Der Major senkte betroffen den Kopf, ging zum Fenster und trommelte an die Scheiben. Agathe aber, indem ihre Stimme tiefer und ruhiger wurde, fuhr fort: »Sylvester schuldet mir nichts und schuldet der Familie nichts. Er weiß, was er tut und tut wahrscheinlich, was er muß. Daß er kein Mensch nach dem Reglement ist, habt ihr immer gewußt, nun beweist er's, und wir müssen uns damit abfinden.« Der Major zuckte die Achseln: »Wenn du dich damit abfindest, hat niemand das Recht zur Einrede,« versetzte er, »aber es freut mich doch, daß in dem Fall wieder einmal mein altes Wort zur Wahrheit wird: ein schlechter Bürger, ein schlechter Mann. Und das, meine liebe Schwägerin, das mußt du schlucken, so eifrig du ihm auch den Anwalt machst.«
Nach ein paar Tagen erschien Martha und versuchte ihre Schwester mit List zu einem entschiedenen Schritt zu bestimmen. Agathe durchschaute sie schnell und wies sie fast verächtlich ab. In nachhaltiger Verstimmung kehrte Martha nach Hause zurück und grollte der Schwester monatelang. Der Major, viel zu gutmütig, um die Erbitterung seiner Frau zu teilen, ritt jede Woche einmal nach Erfft, brachte Silvia eine Puppe oder ein Kleidchen mit und prüfte die Rechnungen, die ihm der Inspektor vorlegte. Agathe war ihm dankbar, trotzdem sie von der Vergeblichkeit solchen Beistands durchdrungen war. Daß der Major auch ein bißchen in sie verliebt sein könne, fiel ihr nicht im Traume ein.
In der Nachbarschaft und unter den Bekannten wurde über die rätselhafte Abwesenheit Sylvesters mancherlei geredet, wie sich denken läßt. Forschenden Blicken zu begegnen, Vertraulichkeiten abzuwehren und taktlose Neugier zufriedenzustellen, hatte Agathe keine Lust; nicht bloß aus diesem Grund, sondern auch, weil ihr die Menschengesichter immer weniger gefielen, mied sie Gespräche und Zusammenkünfte und verbarg sich still in ihrem Hause. Achim Ursanner, der einzige, dessen Gesellschaft ihr bisweilen erwünscht gewesen wäre, gab selten ein Lebenszeichen, und gesehen hatte sie ihn seit ihrem Besuch in Randersacker nicht mehr. Einmal hatte er ein paar Stellen aus einem Brief Sylvesters geschickt, ein anderes Mal die Abschrift einiger kraftvoller Sätze aus der Schopenhauerschen Abhandlung: Von dem, was einer vorstellt. »Die Erde ist von einem heillosen Gezücht bevölkert,« hatte er hinzugefügt, »und was mich vor der Verzweiflung, ja vor dem Selbstmord rettet, ist einerseits die Erkenntnis, daß dieses Gezücht in unermeßlicher Geistesfinsternis begraben ist (denn wir alle, Frau Agathe, wir alle unterschätzen sehr die Macht und Souveränität der Dummheit), anderseits der Trost und Zuspruch aus den Werken der wenigen großen Männer, die in diese üble Welt versprengt sind wie Goldkörner in eine Felsenwüstenei.«
An einem Nachmittag im Juni kam Frau Österlein zu Agathe und meldete, daß ein fremder Mann drunten warte. Sie konnte den Namen des Ankömmlings nur verzerrt wiedergeben, aber Agathe erriet sogleich, daß es Ursanner sei. Sie eilte hinab und begrüßte ihn. Pferd und Wägelchen, die ihn hergebracht, standen am Tor.
Er sah ziemlich vernachlässigt aus; sein Bart war gewachsen, auf der Stirn und neben den Nasenflügeln hatten sich tiefgehöhlte Furchen gebildet, und sein Blick erhob sich selten bis zu den Augen Agathes. Er hatte nervöse Gesten und oft mitten im Sprechen Sekunden der Gedankenflucht. Der Händedruck, mit dem er Agathes Gruß erwiderte, war eigentümlich klammernd. »Seien Sie mir nicht böse, daß ich Ihre Freundlichkeit so spät heimzahle,« begann er, »doch was ich wünsche und was ich darf, das ist so verschieden wie Himmel und Hölle.«
Agathe bot ihm eine Erfrischung an, er wollte nichts nehmen und verlangte nur einen Trunk Wasser. Dann fragte er nach Silvia, aber das Kind war mit Frau Marquardt zum Bad gegangen. »Schade, ich hätte das Mädchen gerne gesehen,« meinte Ursanner, und Agathe, indem ein Schatten über ihre Stirn zog, erwiderte, auch sie hätte gern erfahren, wie er über das Kind denke; »sie ist so sonderbar seit einiger Zeit, so verschlossen, so launenhaft, manchmal wird mir angst und bang.« — »Davon kann ich ebenfalls ein Lied singen,« sagte Ursanner halblaut; »an unsern Kindern merken wir immer, wie die Welt zu uns steht, und das gibt meistens ein trauriges Echo. Doch wie wär's,« fuhr er lebhafter fort, »wenn wir einen Spaziergang machten, Frau Agathe? Haben Sie Lust?«
Agathe stimmte zu. Am Mittag hatte es gewittert, jetzt war es schön geworden. Laub und Wiesen glänzten, und die Mücken, die in der Luft schwärmten, sahen aus wie Silberspäne. Agathe begehrte zu wissen, ob sich in Ursanners schlimmen Angelegenheiten etwas verändert habe. Ursanner ging eine Weile nachdenklich neben ihr her, dann sagte er: »Lassen wir das doch, Frau Agathe. Meine Sachen sind dermaßen beschaffen, daß man am besten darüber schweigt. Um mich und in mir wird's schwärzer mit jedem Tag. Letzte Nacht nun, wie ich schlaflos in meinem Bette lag, dacht' ich mir: morgen will ich einmal in ein liebes Gesicht schauen, und ich dachte an Sie dabei und nahm mir vor, zu Ihnen zu gehen. Das gab mir meine Ruhe wieder, und ich konnte einschlafen. Da bin ich also, Frau Agathe, und wenn ich eine Bitte tun darf, ist es die, daß wir nicht von meinem Elend sprechen.«
»Die Bitte muß ich Ihnen schon aus Dankbarkeit erfüllen,« antwortete Agathe, und mit einem Seufzer setzte sie hinzu: »Aber es dünkt mich, wo immer zwei Menschen beisammen sind, sprechen sie von ihrem Elend.«
»Sie trinken das Bittere, weil Süßes drauf folgt, heißt irgendein Vers,« sagte Ursanner. »Bei mir nicht. Sie, Frau Agathe, spüren das Süße schon auf der Zunge, denn Ihr Schicksal, dessen bin ich gewiß, wird sich bald zum guten wenden. Sie gehören nicht zu denen, die niedergetreten werden, dessen bin ich gewiß.«
»Sie haben recht, daß Sie meine Leiden nicht schwer nehmen,« entgegnete Agathe; »was soll's auch weiter? Man hat etwas genossen, was man dann entbehren muß. Das Herz gewöhnt sich so leicht an einen Glückszustand, daß es ihn fordern zu können glaubt und sich ganz ungebührlich benimmt, wenn es verzichten soll. Ich hoffe selbst, daß es mich nicht niederwirft.«
»So war die Meinung mit nichten,« sagte Ursanner, »aber ich sehe schon, Sie ziehen Ihr Mißverständnis meiner Zuversicht vor. Jeder liebt seinen Schmerz, und heute scheinen Sie unversöhnlicher gestimmt als damals.«
»Wissen Sie denn nicht, daß er von mir gegangen ist, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen, weder ein gutes, noch ein böses Wort?« rief Agathe stehenbleibend; ihre Wangen entfärbten sich, und die Hände hatte sie auf die Brust gedrückt. »Er ist fort wie einer aus einem Garten schleicht, aus dem er Äpfel gestohlen hat, wie einer, der mit Falschspielern am Kartentisch gesessen ist und voll Ekel aufsteht und sich entfernt. Was kann ich aber machen? Bin ich nicht für mein Leben entwürdigt? Hat er mir nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, daß ich nur Zeitvertreib und Füllsel für ihn war?«
»Es ist nicht so, es ist nicht so,« beschwichtigte Ursanner die leidenschaftlich Erregte. »Nicht wie ein Apfeldieb, auch nicht wie ein Spieler ist er gegangen, sondern vielleicht wie ein abergläubischer Schatzgräber; solche Leute haben oft eine geheimnisvolle Manier und sind von ihrem Trieb bis zur Sinnlosigkeit besessen. Denken Sie doch einmal mit aller Güte an ihn, deren Sie fähig sind. Erinnern Sie sich seiner besten Augenblicke, und Sie werden Mühe haben, sein Bild so finster zu sehen, wie es Ihnen Ihre beleidigte Empfindung zeigt. Ein sonst vortrefflicher Mensch, und das ist Sylvester doch, der einem teuren Wesen Schlechtes zufügt, leidet mehr als dieses Wesen selbst. Man braucht oft nur ein wenig Einbildungskraft, um dem Häßlichen einer Tat die Qual anzumerken, die sie dem Täter bereitet.«
»Nein, nein,« entgegnete Agathe, »das verwirrt mich. Wer eine einfache Pflicht erfüllt, hat niemals so feine Auslegungen nötig wie der, der sie mißachtet. Was für Geschöpfe sind doch die Männer! Wahllos in ihren Neigungen, skrupellos in ihren Gelüsten, erfinden sie eine neue Weltordnung, um der Schwäche und dem Laster einen großartigen Namen zu geben, und für ein Mysterium der Natur möchten sie gelten lassen, was nur Überdruß und Lüsternheit ist. Hab' ich nicht denselben Anspruch darauf, mein Leben auszuschöpfen? Bin ich nicht auch aus Fleisch und Blut? Ist bei mir Sünde, was bei ihm Not ist? Was ihm erlaubt ist, soll mir verwehrt sein? Warum? Maßt sich ein Weib dergleichen an, so kehrt ihm jeder Mann und jedes Weib den Rücken. Wie, wenn ich ihm eines Tages sagte: ich habe mich vergessen, nur ein einziges Mal, aber ich habe mich vergessen —? Dann wäre ich die Verräterin, und er, der mich im Tiefsten verraten hat, der Gott, der seine Ehre rächt. Ist das billig?« Sie hob einen Zweig vom Boden auf und riß mit heftigen Gebärden die Blätter herunter.
Achim Ursanner lächelte. »Sie könnten es nicht, auch wenn Sie wollten,« antwortete er, »und damit ist alles gesagt. Eine Ehe ist nur äußerlich ein Vertrag zwischen Gleichberechtigten, in Wahrheit hat sie die ganze Bosheit und Gefährlichkeit der natürlichen Einrichtungen, denen wir durch Widerstand und Kampf nichts von ihrer majestätischen Willkür abdingen können. Überall wo im Kosmos Kräfte verteilt sind, streben sie zur Harmonie, und was wir als sinnliche oder sittliche Gebote in uns spüren, sind nur Zeichen für die Elemente einer höheren und meist sehr grausamen Ordnung. Weib und Mann! Es ist, als ob man zwei Sterne im Raum durch eine Brücke verbinden wollte.«
»Ja, sind wir denn los und ledig und ist jeder nur Werkzeug? Muß man alles was geschieht, erdulden, bloß weil es geschieht?«
»Das Weib ist für die Ehe geboren, der Mann muß zu ihr entschlossen sein; das erklärt vieles, scheint mir.«
»Wohl möglich,« versetzte Agathe entmutigt. »Klüger werde ich mit diesem Lehrsatz nicht. Und wenn er dazu entschlossen ist, gewinn' ich nur, was er mir freiwillig gibt; was er mir vorenthält, darf ich ihm nicht verargen. Er besitzt mich, ich aber bin von seiner Gnade abhängig. Das wollen Sie doch sagen, nicht wahr? Sie fanden mich unversöhnlich gestimmt; und nach alledem klingt das wie Hohn. Kehrt er eines Tages zurück, so sucht er seine Bequemlichkeit bei mir, wie er sie vorher gesucht hat. Er hat mich weggeworfen, er wird mich wieder aufheben. Die Wunde, die er geschlagen hat, wird vernarben, der Mensch ist ein Ungeheuer an Vergeßlichkeit. Das Band, das er zerrissen hat, wird geflickt werden; hat der Magen nur sein Futter und der Kopf ein Dach, so kann man schon miteinander leben. Wagt' ich's, Rechenschaft zu fordern, was soll ich tun, wenn er mir antwortet: wer gibt dir das Recht dazu? In der Tat: wer gibt mir das Recht dazu? Meine Blüte ist dahin, was für Lockmittel hab' ich, was für Drohungen, wie kann ich vergelten? Also, was nennen Sie denn das Unversöhnliche an mir?«
Wieder blieb sie stehen, mitten auf dem Waldweg stand sie, aufrecht und streitbar gleich einer Walküre, und ihr italienischbraunes Gesicht mit den großen Augen machte das abendliche Zwielicht förmlich heller.
Achim Ursanner schaute sie bewundernd an, und jäh schoß ihm der Gedanke durch den Sinn: mit einem solchen Weib an der Seite hätte ich siegen können. Er senkte rasch den Blick und entgegnete: »In Ihnen ist mehr Blühen als Sie ahnen. Grübeln Sie nicht, Frau Agathe, hadern Sie nicht! Seelen wie die Ihre sollen brennen, nicht glimmen. Handeln Sie stets nach Ihrem reinen Gefühl, denn dieses ist die Stimme Ihres Schicksals. Und fragen Sie sich selbst, fragen Sie Ihr Herz fromm und ruhig nach der Zukunft, so werden Sie erfahren, daß in Ihrem eigenen Innern keine Furcht und kein Zweifel ist.«
Agathe lauschte bestürzt; das klang wie ein Abschied und wie ein Vermächtnis. Sie wußte nichts zu erwidern. Schweigend gingen sie das Waldtal hinunter und über die nassen Wiesen gegen den Gutshof. Ursanner hatte Eile; ohne vorher ins Haus zu treten, stieg er in den kleinen Wagen und trieb das alte Pferd heimwärts.
In Randersacker wartete schon seit dem Nachmittag ein Gerichtsbote auf Ursanner. Schlimmes ahnend, riß er dem Mann das Dokument aus den Händen. Es war das Urteil der letzten Instanz, gegen das es keine Berufung gab und lautete, daß Ursanner die beiden Knaben innerhalb dreier Tage von der Stunde der Rechtsgültigkeit des Verdiktes ab der Mutter auszuliefern verpflichtet sei, da er durch eine das öffentliche Ärgernis erregende Haltung als Bürger wie als Mensch seiner Ehegattin den Aufenthalt in seinem Hause unerträglich gemacht, seine Erziehungsprinzipien dem gegründetsten Mißtrauen preisgegeben und somit seine väterlichen Ansprüche verwirkt habe.
Er entließ den Boten mit einem knurrenden Laut. Die Kehle war ihm ausgedörrt, er mußte etwas Scharfes trinken und griff nach einer Flasche Kirschwasser auf dem Spind. Nachdem er die ätzende Flüssigkeit hinabgegossen, stand er wieder unbeweglich und starrte zu Boden. Auf der Landstraße drunten zog ein Haufe von Burschen johlend vorüber. Die eine der drei Doggen, das Weibchen, bellte dumpf. Vom Kirchturm schlug es zehn Uhr.
Als die Glocke die elfte Stunde ankündigte, stand er noch ebenso unbeweglich. Von Zeit zu Zeit heftete er einen finster ungläubigen Blick auf das Gerichtspapier, das auf dem großen Tisch unter der Lampe lag. Plötzlich fing er an wie rasend auf- und abzugehen. »Du Hund,« sprach er zu sich selbst, »was willst du noch dahier? Der Schinder kommt, dein Jappen hilft nichts mehr. Sie drängen dich in die Ecke und geben dir den Genickfang. Geifere nur, das rührt sie nicht, das ergötzt sie bloß, geifere nur, du einfältiges Vieh.«
So wütete er bis gegen drei Uhr nachts. Dann warf er sich bäuchlings auf das gebrechliche, rundgebogene Sofa, preßte die Fäuste in die Augenhöhlen und stürzte sich in den Schlaf wie man sich ins Wasser stürzt. Als er erwachte, war das Zimmer so voll Qualm der Lampe, die geblakt hatte, daß die Strahlen der Morgensonne ihn nicht durchdringen konnten.
Die Brust war ihm eng, er mußte ins Freie. Am Brunnentrog wusch er das Gesicht, dann stürmte er durch die Landschaft, und plötzlich entschloß er sich, in die Stadt zu gehen. Dort angelangt, frühstückte er hastig in einem Kaffeehaus an der Mainbrücke, danach suchte er den Professor Barenius auf, seinen Universitätslehrer, einen der wenigen Menschen, mit denen er noch Beziehungen unterhielt. In gepreßten Worten berichtete er über die letzte Wendung des Prozesses und fragte den greisen Juristen, ob er kein Mittel wisse, den Urteilsvollzug zu verzögern. Barenius verneinte. »Ich werde die Kinder nicht preisgeben,« erklärte Ursanner zähneknirschend. »Dann bleibt nichts andres übrig als mit ihnen zu fliehen, und zwar rasch und ohne Aufsehen,« war die Antwort. Ursanner schüttelte heftig den Kopf. »Fliehen? Das hieße ein Unrecht bekennen. Nimmermehr.« — »Ich sehe nicht ein, was Sie sonst anfangen könnten, um die Kinder zu behalten. Wollen Sie sich etwa gegen den Staat zur Wehr setzen?« — »Man wird mich zwingen,« entgegnete Ursanner wild, »ich weiß es und ich warte darauf.« — »Seien Sie klug, Achim, vertrotzen Sie sich nicht,« mahnte der Professor. — »Um des Himmels willen, begreifen Sie doch, was an mir verübt wird,« sagte Ursanner in einem Flüsterton, der schrecklich klang; »man stellt mir die Welt auf den Kopf, und alles was ich ehedem für heilig, ja nur für respektabel gehalten, erscheint mir als ein Hexentanz der Lüge. Hätte ich etwas Außerordentliches erstrebt, neue Ideale proklamiert oder einen neuen Gott gepredigt, ich wollte mich nicht wundern. Doch ich habe bloß getan, was jeder redliche Mensch von sozialem Gewissen tun müßte. So möge man mir denn zu Leibe gehen! Vielleicht ritzt mich das Schwert der geschändeten Gerechtigkeit, und ich kann mit größerem Fug als bisher Zeuge sein für die Verblendung und die moralische Verworfenheit eines Volkes, das zu lieben ich mir einst eingebildet habe.« Nach diesen Worten drehte sich Ursanner um und verließ das Zimmer.
Der Gedanke, daß man sich während seiner Abwesenheit der Kinder bemächtigt haben könne, peitschte ihn geradezu nach Hause. Schweißbedeckt langte er an und atmete erst auf, als er die Knaben hinter der Scheune spielen sah. Er befahl ihnen, in ihr Zimmer zu gehen, dann rief er seine Leute zusammen. Es befanden sich in seinem Dienst fünf Knechte, darunter der alte Schermer, der die Knaben beaufsichtigte, außerdem drei halbwüchsige Jungen, die er aus dem protestantischen Asyl zu sich genommen, und eine einzige Magd, die die Küche versorgte. Sie war ihm erst in letzter Zeit durch einen Kaufmann in Markt-Erlbach geschickt worden. Sie hatte ein heuchlerisches Wesen, und er mißtraute ihr. Einer der Knechte wollte sie im heimlichen Gespräch mit dem Fischhofbauern, dem bigottesten im ganzen Dorf, gesehen haben. Ursanner schärfte den Leuten ein, daß die Tore bei Tag und Nacht versperrt bleiben müßten, daß ohne seine ausdrückliche Bewilligung niemandem geöffnet werden, daß ebensowenig einer den Hof verlassen dürfe und daß, wer sich aus Angst oder sonstiger Ursache dem nicht fügen wolle, es jetzt gleich sagen möge; dem werde der Lohn ausbezahlt, und er könne von dannen ziehen.
Es meldete sich keiner. Ursanner bestimmte die Wachtposten, die von Stunde zu Stunde abgelöst wurden und ließ die Doggen loskoppeln.
Der Nachmittag, die Nacht und der nächste Morgen verliefen ruhig. Kurz vor zwölf Uhr schlugen die Hunde an. Auf dem Schlangenweg zeigten sich drei Männer, einer mit einem Höcker, einer mit einer großen Hornbrille und ein Gendarm. Durch das Lärmen der Tiere herausgelockt, trat Ursanner an die eichenen Latten des Hoftores. Den mit dem Höcker kannte er, es war der gegnerische Advokat; der mit der Hornbrille mochte ein Gerichtsfunktionär sein. Als die drei Personen oben waren, entwickelte sich zwischen Ursanner und dem Advokaten folgendes Gespräch: »Was wünschen Sie?« — »Ich hoffe, daß Sie von dem Zweck unseres Besuches unterrichtet sind.« — »Das bin ich.« — »Nun also. Wollen Sie uns nicht einlassen?« — »Nein.« — »Was bedeutet das?« — »Es bedeutet, daß ich das Urteil nicht anerkenne.« — »Sind Sie toll?« — »Ich weigere mich, die Kinder herzugeben.« — »Das kann Ihnen teuer zu stehen kommen.« — »Gewiß; ich bezahle die Dinge nach ihrem Wert.« Der Funktionär und der Gendarm rissen vor Erstaunen die Augen auf. In dem häßlichen Gesicht des Advokaten zeigte sich Mitleid. »Es muß Ihnen doch klar sein, daß Sie sich eines Verbrechens schuldig machen,« sagte er; »wenn ich die Anzeige erstatte, sind in einer halben Stunde zwanzig Gendarmen hier, und Sie können sich denken, daß es nicht lange dauern wird bis dem Gesetz, so oder so, Folge geleistet ist. Es läßt sich nichts dagegen einwenden, daß Sie Ihre eigene Person ins Unglück stürzen wollen, aber die armen unwissenden Menschen, deren Brotgeber Sie sind, mutwillig zugrunde zu richten, haben Sie kein Recht. Belieben Sie den Umstand zu überlegen.«
Da schwieg Ursanner. Der Vorwurf traf ihn. Er konnte sich nicht verhehlen, daß er hier eine unaustilgbare Schuld auf sich lud und nicht mehr reinen Herzens vor das Tribunal der Menschheit treten durfte. Seine erste Regung war, die Leute, auf deren Beistand er gezählt, fortzuschicken, denn der tiefere Sinn seiner Absicht war ja bloß, die Übermacht, der er weichen mußte, zu sehen und körperlich zu spüren, damit das Maß der Unbill sich fülle, ohne daß er sich schmählich unterwarf. Wenn sie einen Schuß abfeuerten und die Türen zerschmetterten, war dem genügt; zu sinnlos ungleichem Kampf brauchte es nicht zu kommen. Aber diesem Verlangen nach einer symbolischen Handlung willfahrt die Wirklichkeit nicht; ihre Entscheidungen sind von gröberer Art. Ursanner erbebte vor sich selbst. Noch einmal erhob sich der furchtbare Trotz, und mit Wollust trieb es ihn zum Untergang und zur Vernichtung; doch zugleich war ihm, als sei dazu ein Blick der Liebe nötig, irgendeine Botschaft aus den Wohnungen der Schicksalsgeister, ein pythischer Trost. Es leuchtete in seinen Augen, er schob die Brille in die Höhe, um frei in den Himmel zu schauen, nickte vor sich hin, und während er sich gegen das Haus wandte, bat er den Advokaten, er möge sich eine kleine Weile gedulden.
Er ging in das Zimmer, in dem sich die Knaben befanden. Sie saßen mit eigentümlich verbissenen Gesichtern am Fenster einander gegenüber und ließen ihre Beine pendeln. Ursanner nahm einen Stuhl und setzte sich zu ihnen. »Hört mal, Buben,« sagte er, »eure Mutter schickt nach euch.« Die vier Beine hörten auf zu pendeln, und vier Augen blickten Ursanner gespannt an. »Was meint ihr,« fuhr er scheinbar harmlos fort, »wollt ihr am Ende mit den fremden Männern zu eurer Mutter gehen?« Kein Laut, nur ein gieriges, forschendes Schielen. Das Blut rauschte Ursanner in den Ohren; mit Mühe rang er um die Sprache. »Oder wollt ihr bei mir bleiben? Redet nur frisch von der Leber weg.« Der jüngere Knabe, der den offeneren Charakter besaß, sprang empor, klatschte in die Hände und rief: »Zur Mutter, ach ja, zur Mutter! Das möchten wir, nicht wahr, Friedel?« Friedel lächelte seltsam tückisch, und sein Vater durchschaute in diesem verzweifelten Augenblick die gemütlose, verstockte und unehrliche Seele dieses Kindes. »Ihr wollt also lieber zu eurer Mutter gehen?« fragte er, ohne die Anstrengung zu verraten, die ihn diese Worte kosteten. Jetzt riefen beide Knaben: »Ja, zur Mutter,« erlöst, freudig und wie aus einem Mund.
Ursanner schaute im Zimmer umher. Er suchte den alten Knecht; als er die Tür öffnete, um zu rufen, trat Schermer auf die Schwelle. »Packen Sie die Kleider und die Spielsachen der Buben,« redete ihn Ursanner an, »in einer halben Stunde müssen sie fertig sein.« Darauf kehrte er in den Hof zurück, gebot, daß man die Hunde an die Kette lege und riegelte selbst das Tor auf. Der Advokat und seine Begleiter traten ein. Jener war fein genug, das veränderte Benehmen Ursanners mit einer stummen Verbeugung zu quittieren. Auf der Chaussee hatten sich inzwischen eine Menge Dorfbewohner versammelt, Männer und Weiber, und stierten mit bösen, hämischen Gesichtern empor. Ein alter Bauer hob drohend beide Fäuste und ein kahlköpfiger Mensch, der an Krücken ging, stieß mit krähender Stimme Flüche und Schimpfreden aus. Ursanner sah und hörte es, sah und hörte es auch nicht. Wie von einem elektrischen Schlag berührt, fuhr er zusammen, als ihm Schermer mitteilte, daß die Kinder bereit seien. Sie kamen; sie reichten ihm die Hände; sie stellten sich auf die Zehen, um seine Wange zu küssen; ihre Augen glänzten und ihre Bewegungen waren voll Lebhaftigkeit, — Ursanner sah es und sah es auch nicht. Der Advokat redete etwas, der Funktionär zog den Hut, der Gendarm salutierte, dann waren sie alle verschwunden, Schermer trug zwei Bündel hinterdrein, man sah ihn noch lange auf der Landstraße wanken; der Krüppel unten kreischte hysterisch, das Doggenweibchen fing an zu heulen, aber Achim Ursanner stand wie zu Stein geworden. Den Knechten war er unheimlich. Sie flohen seinen Anblick.
Am andern Morgen wurde ihm hinterbracht, daß es den Bauern gelungen war, die Hunde zu vergiften. Er war abermals die ganze Nacht hindurch auf dem rundgebogenen Sofa liegen geblieben. Eine Flasche Wasser, Wurst, Käse, Brot und Früchte standen neben ihm auf einem Stuhl. In der getünchten Stubendecke hatten die Sprünge und Risse auffallend interessante Figuren gebildet. Er mußte sie beständig anstarren. Er wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als in einer Nacht eine Weiberstimme durch das Haus gellte: »Es brennt, Herr, es brennt!« Die Magd war es, die Ursanner weckte. Die beiden Scheunen und das Waschhaus waren bereits von den Flammen ergriffen. Als Ursanner ins Freie trat, loderte auch das Dach des Wohngebäudes wie Reisig. Die Landschaft lag weithin in roter Glut. Die Kirchenglocken läuteten, das Dorf erwachte und geriet in Eifer, die Knechte hatten sich schon ans Löschen gemacht, vermochten aber dem Element nicht Einhalt zu tun; auch war zu wenig Wasser vorhanden. Die Magd, die, merkwürdig genug, ihr Sonntagskleid am Leibe hatte, kniete vor dem Zaun und betete. Gegen Morgen rückten die Löschmannschaften aus Würzburg an; die Flammen züngelten aber nur noch in vier Ruinen.
Ursanner begab sich in die Stadt und mietete sich in einem Gasthaus in der Nähe des Domes ein. In dem schmutzigen kleinen Zimmer schrieb er folgenden Brief an Agathe.
»Es ist alles vorüber. Ihnen die Vorgänge in ihrer Reihe zu berichten, dazu fehlt es mir an Mut, an Klarheit und an Worten. Die Kinder sind weg, Haus und Hof sind eingeäschert, ich selbst bin auf dem Weg nach Frankreich. Ich lasse in der Heimat nichts zurück, was mir die Trennung erschwert. Ich lösche das Gedächtnis an ein Land aus, das meine Kräfte gemordet, meine Fähigkeiten erstickt, meine Hingebung mit Verachtung bezahlt und meinem Gemüt die unheilbare Krankheit des Menschenhasses eingeimpft hat. Ich gehe nach Frankreich, um dort in den Kriegsdienst zu treten. Die Franzosen schlagen sich fortwährend in Mexiko, in Algier und in Asien. Der Marschall Montauban, bekannt oder berüchtigt durch seine Expedition in China, weiß von mir, denn er war ein Jugendfreund meiner Mutter. Leben Sie wohl, teure Frau. Ihr Bild raubt meinen letzten Erlebnissen etwas von ihrer würgenden Schmach. Schenken Sie dem armen Flüchtling bisweilen einen freundlichen Gedanken. Achim Ursanner.«
Agathe hatte die Nachricht von dem Brand in Randersacker durch die Würzburger Botenfrau erhalten, die zweimal wöchentlich nach Erfft kam. Die Zeitung brachte nur eine flüchtige Notiz. Es wurde allgemein angenommen, daß das Feuer gelegt worden sei, und nun erhoben sich Stimmen der Bevölkerung, die für Ursanner Partei ergriffen und dem Kesseltreiben gegen den unglücklichen Mann steuern wollten. Eben hatte sich Agathe entschlossen, zu Ursanner zu fahren, als sie seinen Brief bekam. Während des Lesens konnte sie sich der Tränen nicht erwehren. Da der Umschlag den Würzburger Poststempel trug, drängte es sie in die Stadt, aber bei weiterem Bedenken sah sie das Fruchtlose eines solchen Schrittes ein, da sie nicht wußte, wo er wohnte und er wahrscheinlich schon abgereist war. Im Lauf der Tage begrub sie ihre mitfühlende Trauer still in ihrer Brust, und eigene Not brachte die des Freundes in Vergessenheit.
Daran war vor allem Silvia schuld. Das Kind verlor seinen Frohsinn nach und nach gänzlich. Es liebte seine ehemaligen Spiele nicht mehr, nur selten hörte man sein unbefangenes Geplauder, und das immer blasser werdende Gesichtchen gab der Mutter Anlaß zur Sorge. Am meisten betrübte es Agathe, daß das Mädchen immer jäh die Augen senkte, wenn es ihrer ansichtig wurde, und Agathe gewann allmählich den Eindruck, daß ein bestimmter Argwohn in dem Kind wuchere. Mit Schrecken nahm sie wahr, daß Silvia ihr kein Vertrauen mehr entgegenbrachte, und um so beklommener war ihre Lage, als sie es bei sich für unmöglich erklärte, dem achtjährigen Geschöpf triftige und verständliche Aufschlüsse zu geben. Sie ahnte ja, was das forschende und gequälte Wesen Silvias zu bedeuten hatte, und obwohl sie sich sagte, daß dieser unentwickelten Seele die volle Empfindungskraft und der entschiedene Wille eines erwachsenen Weibes eigen sei, verbot ihr der verwunderte Hochmut und jene Scham, welche gewisse Mütter bei frühen Persönlichkeitsäußerungen ihrer Kinder spüren, dem armen kleinen Herzen in seiner Bedrängnis beizustehen.
Oft trat sie am Abend an das Bett Silvias, wenn diese mit offenen Augen dalag und in die Dunkelheit schaute. Einmal glaubte sie das Kind im Schlaf, da beugte sie sich und küßte es auf die Stirn. In demselben Augenblick bemerkte sie, wie Silvias beide Hände sich zu Fäusten zusammenkrampften und die zuckenden Wimpern verrieten, daß der Schlaf geheuchelt war. Agathe empfand einen heftigen Schmerz; Zentnerlast wälzte sich auf ihre Brust, und still ging sie hinaus. Eines Tages im Juli geschah es, daß ein Hagelwetter das Getreide auf den Feldern und den Wein an den Stöcken niederschlug. Die Erntehoffnungen für dieses Jahr waren vernichtet. Agathe saß im großen Wohnzimmer, den Kopf in beide Hände gestützt, und Inspektor Marquardt stand neben ihr, verlegen, finster und schweigsam. Währenddem ging die Türe auf und Silvia kam herein. Sie stellte sich zwischen den Inspektor und ihre Mutter und sah diese an, und Agathe wurde aufmerksam auf Blick und Miene des Kindes. Es war der große, kalte Blick befriedigter Rache, die grausame Miene der Genugtuung. Unwillkürlich erhob sich Agathe. »Was willst du?« herrschte sie das Kind an, »geh! Geh mir aus den Augen.« Ein Zittern überflog Silvias Glieder, und sie gehorchte. Der Inspektor schaute ihr mitleidig nach, weil er dachte, ihr sei unrecht geschehen.
Einige Wochen später war es, als Agathe den Brief Sylvesters erhielt, den er in dem kleinen Wirtshaus in Twickenham geschrieben. Mit unendlicher Bitterkeit las sie die Sätze, die ihr allzu verstiegen und allzu demütig erschienen, um ihr Gefühl aufzurühren. Doch wußte sie sogleich, was für eine Bewandtnis es mit dem Brief hatte, und daß er von verhängnisvollen Banden umstrickt sein mußte, um so vor ihr zu betteln. Sie hatte sich längst abgefunden mit ihrem Los, doch die mahnende Stunde, das unerbittlich Gegenwärtige des Bruchs und der Zerstörung wirkte auf sie, als ob man ihr die Haut vom Leibe risse. Silvia saß draußen auf einem hochbeladenen Heuwagen; sie hatte den Briefträger gesehen und konnte durch die offnen Fenster in die Stube blicken. Nun kletterte sie vom Wagen herunter und eilte ins Haus. Zögernd trat sie ein, richtete aber die Augen furchtlos gegen Agathe und fragte: »Was schreibt denn der Vater?« Agathe war betroffen von der Divination wie auch von der verstellten Ruhe in der Stimme des Kindes. Es war das erstemal, daß sich Silvia durch eine unmittelbare Frage nach ihrem Vater erkundigte, aber der mißtrauische und heimlich gereizte Ton erzürnte Agathe, und sie antwortete: »Deinem Vater geht es gut. Was dich betrifft, so nimm dich in acht, Kind, daß du mir nicht durch Dünkel und Vorwitz verhaßt wirst. Nicht was du sprichst, sondern wie du dich gibst, ist über deine Jahre und steht dir nicht an. Wenn du älter und klüger bist, wirst du einsehen, daß man mit einem so kleinen Mädchen nicht über die ernsten Dinge sprechen kann, die Vater und Mutter beschäftigen.«
Silvia lächelte. Es war ein sehr besonderes Lächeln, das ungefähr zu sagen schien: »Du weichst mir aus und du willst mich täuschen, aber ich frage ja nur, um zu ergründen, ob du mich täuschen willst.« Nicht Dünkel und Vorwitz lag in dem Lächeln, sondern eine gleichsam in Träumen gewonnene Erfahrung. Von diesem Tage an wünschte Silvia, daß sie sterben möge, denn nun wähnte sie die Gewißheit erlangt zu haben, daß der Vater niemals zur Mutter zurückkehren werde. Warum es so war und so sein mußte, begriff sie nicht; daß es so war, überhauchte ihr Wesen mit einer Schwermut, die aus der abgöttischen Liebe zum Vater stammte. Sie entbehrte ihn; sie verdorrte ohne ihn wie eine Blume ohne Regen. Sein Tod hätte sie vielleicht härter getroffen, doch hat der Tod für die Phantasie eines Kindes eine abschließende und verklärende Macht. Sie wußte, daß er lebte, irgendwo draußen in der Welt lebte und die Tatsache seines plötzlichen Verschwindens, seiner Abwesenheit, seines Fernbleibens erfüllte sie mit um so größerer Bangigkeit und Sehnsucht, als sie in sich selber die Ursache davon erblickte.
Sie bildete sich nämlich ein, daß er nur deshalb fortgegangen war, weil er sie nicht mehr hatte leiden mögen, weil er Unarten an ihr entdeckt und sie häßlich gefunden hatte und eine andere, bessere, schönere Silvia haben wollte. Sie entsann sich, wie oft sie ihn geärgert hatte durch Grimassenschneiden, Lärmen auf der Treppe, Naschhaftigkeit und Ungehorsam; sie konnte sich dies nicht verzeihen, nie, solange sie lebte, würde sie sich's verzeihen können. Nur um unter dem Gewicht der eigenen Schlechtigkeit nicht erdrückt zu werden, verfolgte sie das Tun und Treiben der Mutter mit tadelsüchtigen Augen, war fast glücklich, wenn sie einen Fehler, eine Schwäche an ihr beobachtete, und mit derselben wunderlichen Unbarmherzigkeit stand sie den Dienstleuten gegenüber und allem Mißgeschick, das dem Hause zustieß.
Bisweilen erwachte sie in der Nacht, und ihr war, als habe sie den Vater lachen gehört. Dann vermochte sie sich seine Züge so eindringlich vorzustellen, daß sie seine beim Lachen blitzenden Zähne sah und seine Augen, deren spottlustiger Glanz sie oft ergötzt hatte. Am meisten hatte sie ihn bewundert, wenn er ritt, und sie kannte kein größeres Vergnügen, als in einer dunklen Ecke zu kauern und sich zu erinnern, wie prächtig er auf dem Pferde gesessen war, und wie die Leute auf den Feldern sich von ihrer Arbeit aufgerichtet hatten, um ihm lange nachzuschauen.
Es verging kein Tag, ohne daß sie der Gefahren dachte, die ihn draußen in der unbekannten Welt bedrohten. Wilde Tiere konnten ihn überfallen; er konnte von einer Eisenbahnlokomotive ergriffen und von den Rädern zermalmt werden; er konnte in ein tiefes Wasser stürzen, sich in einem Wald verirren, in die Hände von Räubern geraten; er konnte einen Feind haben, der in einer finstern Gasse hinter ihm herschlich, um ihn zu erstechen; er konnte krank werden und kein Mensch war da, der ihn pflegte. Jede solche Möglichkeit malte sie sich aus, bis ihre Kraft zu denken vor Mitgefühl und Kummer erlosch.
Ihr dünkte, daß es gut und mutig wäre, hinauszuziehen und ihn zu suchen. Sie war davon überzeugt, daß sie ihn finden würde. Den ganzen Sommer über spielte sie mit diesem Plan, und schon mehrmals hatte sie sich aufgemacht und war ein Stück Wegs über die Chaussee marschiert, um dann furchtsam wieder umzukehren. An einem Tag im Oktober war sie weiter gelangt als vordem, da hörte sie lautes Rufen und stehenbleibend sah sie die dicke Österlein auf sich zurennen. Unter Schelten und Küssen schleppte sie den entflohenen Liebling zurück, und erst als Silvia versprach, einen derartigen Frevel nicht mehr zu begehen, gelobte sie, gegen die Mutter zu schweigen. Auf Silvia hatte das Versprechen keine andere Wirkung, als daß sie sich vornahm, beim nächstenmal pfiffiger zu sein. Ein paar Wochen lang wurde sie freilich von Frau Österlein mit Argusaugen bewacht, und Silvia grämte sich, daß die Tage immer kürzer wurden und das Wetter immer schlechter.
Es war an einem Morgen, als Agathe wegen der fälligen Zinsen der von Sylvester in Paris aufgenommenen Anleihe nach Eggenberg zu fahren beschlossen hatte. Sie wußte nicht, wie sie das Geld auftreiben sollte und sah sich gezwungen, Hilfe oder wenigstens Rat vom Major zu erbitten. Silvia schlief noch, als sie ging. Zufällig berührte sie die Stirn des Kindes und sagte zur Österlein, die Stirn scheine ihr heiß, die Frau möge acht geben und Silvia im Zimmer halten. Silvia erhob sich mit einem Frösteln aus ihrem Bette und ließ sich von der Pflegerin ankleiden, was seit Monaten nicht mehr vorgekommen war, denn sie war in solchen Dingen sehr selbständig. Darauf ging Frau Österlein ins Bügelzimmer und dachte, das Mädchen werde wohl bei seinen Schreibheften sitzen bleiben. War es nun der fieberische Zustand oder das erwünschte Alleinsein oder die zu undämmbarem Drängen gewordene Sehnsucht, genug, Silvia verließ auf einmal die Stube und das Haus, schritt, ohne gesehen zu werden, über den Parkweg an der Orangerie vorbei und durch eine kleine Gartenpforte gegen den mehrere hundert Meter weit entfernten Wald. Sie hatte weder den Mantel angezogen, noch ihre Mütze aufgesetzt, aber sie spürte den rieselnden Regen nicht und ging erst langsamer, als sie unter den Bäumen war. Wie ist das nur, überlegte sie, es geht immer weiter, da vorn geht es immer weiter, da hinten geht es immer weiter und in den Himmel hinauf geht es immer weiter: es ist komisch und langweilig. Die neblige Dunkelheit im Forst erschreckte sie, und bald fühlte sie sich äußerst müde. Sie mußte beständig zu Boden schauen; so oft sie den Blick erhob, drehte sich alles im Kreise um sie. Die Stille tat ihr weh, aber wenn das dürre Laub unter ihren Füßen raschelte, wollte ihr Herz vor Angst brechen. Zuweilen bog sich der Weg nach links oder nach rechts, dann glaubte sie, der Vater komme ihr entgegen, und sie beschleunigte ihren Schritt. Allmählich wurden jedoch die Beine gar zu schwer; und wie kalt es plötzlich war; es schüttelte sie durch und durch. Sie setzte sich auf einen Wurzelstrunk und schluchzte leise in sich hinein. Schließlich fiel sie auf die Seite und verlor die Besinnung.
Gegen Mittag kam ein Holzfäller vorüber. Erstaunt betrachtete er das bleiche, überirdisch schöne Gesicht des anscheinend schlummernden Kindes, warf seine Last zur Erde, hob das Mädchen aus dem nassen Moos und trug es über eine Stunde Wegs nach Erfft zurück, wo alles in größter Sorge und Bestürzung war. Frau Österlein, der Inspektor, der Gärtner, der Stallbursche und zwei Mägde hatten die Gegend schon nach jeder Himmelsrichtung durchstreift, nur an den Wald hatte keiner gedacht. Frau Österlein war stumm erschüttert, als sie das Kind aus den Armen des Bringers nahm. Sie trug die bewußtlose Silvia in deren Zimmer, riß ihr die Kleider vom Leib und brachte sie zu Bett. Zwei Stunden später begann die Kranke zu delirieren. Am Abend, noch ehe Agathe eingetroffen war, kam der Arzt, und als er ging, sagte er zu Frau Marquardt, die ihn in den Flur begleitete: »Ich fürchte, das Kind wird den morgigen Tag nicht mehr erleben.«
Während seiner dreitägigen Reise hatte sich Sylvester keine Rast gegönnt; jetzt unmittelbar vor dem Ziel, wäre er am liebsten wieder umgekehrt. Unter dem Vorwand, seinen Koffer erwarten zu müssen, blieb er in Würzburg. Die Frage, ob er seine Ankunft in Erfft melden oder überraschend in sein Haus treten solle, verursachte ihm eine ungebührliche Pein der Überlegung. Wenn er an die ersten Augenblicke des Wiedersehens mit Agathe dachte, entsank ihm aller Mut und er wünschte Agathe auf irgendeine Weise entfernen zu können, um Silvia für sich zu haben. Die ganze Kleinlichkeit und Engigkeit des bürgerlichen Daseins gähnte ihm wieder entgegen, die Geldsorgen, die geistlosen Geschäfte, das Übelwollen beflissener Verwandten, und alles, was in dem Verhältnis zu Agathe zum Austrag gelangen sollte. Er nahm sich vor, vierzehn Tage in Erfft zu bleiben. Bis dahin mußte die Entscheidung gefallen und der Weg in die Zukunft offen sein. Von der Seite Agathes auf einen Widerstand gefaßt, den er bei ihrer edlen und herben Natur als schwer bekämpfbar schon jetzt empfand, hatte er doch die Gründe gesammelt, die sie zur Nachgiebigkeit bewegen mußten, und so beredt, so mild und so bezwingend war er nie gewesen wie in den einsamen Stunden, in denen er sich die Gespräche mit Agathe zurechtlegte. Nach solchen stillen Exerzitien überkam ihn immer eine hoffnungsselige Laune.
Er wohnte nicht in dem Hotel, dessen Bedienstete vor einem Jahr Zeugen des Auftritts mit der schönen Rahel gewesen waren. Am dritten Morgen trieb es ihn nach dem Gäßchen, in welchem der Laden des Händlers war. Türe und Auslagefenster waren mit Rollbalken versperrt und das ganze Haus machte den Eindruck, als ob es verlassen sei. Indes Sylvester sinnend davor stand, gewahrte ihn der Portier des Gasthofs, erkannte ihn, trat mit einem halb vertraulichen, halb respektvollen Grinsen heran und erzählte, daß seit jenem Tage, der Herr Baron wisse schon, seit welchem, der Alte seine Butike nicht mehr geöffnet habe. Seine Tochter habe den Verstand verloren, sie tue nichts anderes als am Fenster sitzen und stumpfsinnig vor sich hinstarren. Sie habe bloß eine einzige Liebhaberei, man könne es ruhig eine Tollheit nennen: jede Woche einmal gebe ihr der Vater eine Uhr, eine richtige Taschenuhr, die zerstöre sie dann, ziehe die Feder und die Schräubchen heraus und sei glücklich, wenn alle Bestandteile Stück für Stück vor ihr lägen. Der Alte habe mehrere Uhren, die er dann immer wieder zusammensetzen lasse, um der Tochter von neuem eine Freude zu bereiten, denn die Uhr müsse ticken; wenn sie nicht ticke, lasse das Mädchen sie unberührt. »Finden Sie nicht, Herr Baron, daß das eine lustige Art von Verrücktheit ist?« schloß der joviale Mann seinen Bericht.
Sylvester antwortete nicht und ging weiter. In seinem Quartier angelangt, forderte er seine Rechnung und bestellte für den Nachmittag einen Wagen. Sodann verabschiedete er den getreuen Adam, der mit der Post nach Dudsloch fahren sollte. Adam Hund war aufgeregt wie ein Bräutigam am Hochzeitsmorgen und sah aus wie ein lebendiger Beweis für die Hinfälligkeit aller Theorien. Er hatte seinem Weib ein silbernes Armband, einen buntgesprenkelten Schal, ein Paar Filzschuhe und ein halbes Dutzend roter Strümpfe gekauft, und mit diesen Gegenständen in seinem Rucksack dünkte er sich gegen alle künftigen Unbilden an seinem ehelichen Himmel gefeit. Sylvester zahlte ihm den vereinbarten Lohn und schenkte ihm außerdem noch zwanzig Taler.
Um drei Uhr rumpelte die plumpe Kutsche, die ihn nach Erfft bringen sollte, über das holprige Pflaster der Stadt. Plötzlich ergriff ihn eine sonderbare Ungeduld. Auf der kotigen Straße ging es so langsam vorwärts, daß er einigemal ausstieg und mit raschen Schritten weitereilte. Es dämmerte bereits, als er die Häuser von Erfft sah. An der Landstraße befand sich eine kleine Schenke; er befahl dem Kutscher, hierzubleiben und erst in einer halben Stunde nachzufahren, dann schlug er in der beginnenden Dunkelheit einen wohlbekannten Fußpfad ein.
Der Platz vor dem Haus lag öde. In den Stuben brannte noch kein Licht, auch im Flur war es noch finster. Er stieg die Treppe empor; kein Mensch war zu sehen, kein Laut zu hören. Am Ende des Gangs war Silvias Zimmer. Der Lichtschein im Schlüsselloch glich einem Stern. Da trat aus einer Tür zur Linken eine in der Dunkelheit nur umrissene Gestalt. Sylvester blieb stehen. »Bist du es, Agathe?« fragte er leise. Agathe stieß einen Schrei aus und klammerte sich an den Pfosten, als ob sie fliehen wollte und ihr der Weg abgeschnitten wäre. Die Tür von Silvias Zimmer wurde geöffnet und auf der Schwelle erschien Frau Österlein mit warnend erhobenem Finger. Ihr zum Flüstern schon bewegter Mund erstarrte, als sie Sylvesters ansichtig wurde. In dem breit auf den Flur fließenden Lampenlicht konnten Sylvester und Agathe einander in die Augen sehen.
Er reichte ihr die Hand. Stumm und kalt lag ihre Hand in seiner. »Wie geht es dir, Agathe?« Sie antwortete nicht. Matt deutete sie gegen Silvias Zimmer. Sylvester griff sich an die Stirn; fünf Schritte, und er stand vor dem beleuchteten Gemach. Frau Österlein wollte ihm den Eintritt verwehren, er schleuderte sie beiseite. Agathe folgte mit einem dumpfen Lächeln. Als Sylvester vor Silvias Bett auf die Knie gestürzt war und verzweifelt in die vom Fieber aufgeschwemmten Züge des Kindes schaute, als er die lieben, sinnlosen Worte, das erbarmungswürdige Röcheln vernahm, dem gebrochenen, heißen, suchenden, nicht erkennenden Blick begegnete, krampfte er die Hände in das Linnen und fühlte selbst den Tod, der diese Seele seiner Seele bedrohte. Eine Klage, ein Bekenntnis, ein Gelübde, ein irres Gebet, eine Forderung an Gott, ein zerknirschtes Hinsinken, Vermessenheit, die ein Schicksal leugnet, während es sich vollzieht, wie nichtig und niedrig empfand er es selbst, wie glich es dem Zappeln eines Tieres, das zertreten wird!
Agathe legte ihm die Hand auf die Schulter. Er verstand sie, erhob sich und ging hinter ihr aus dem Zimmer. Im Flur sagte sie: »Letzte Nacht glaubten wir schon, es sei aus mit ihr, da begann sie plötzlich zu schlummern. Heute mittag ist das Fieber mit doppelter Gewalt zurückgekehrt. Vorhin war der Doktor hier. Läßt das Fieber in einer Stunde nicht nach, so ist sie verloren.«
Der Inspektor und seine Frau hatten von Sylvesters Ankunft gehört. Sie kamen die Treppe herauf und begrüßten ihn.
Anderthalb Stunden lang saß Sylvester in seinem Zimmer. Um acht Uhr trat Agathe herein und sagte: »Sie schläft.« Sylvester war es, als löse sich ein um seinen Hals geschlungener Strick. Agathe sank in einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Ich bin müde,« flüsterte sie nach einer Weile, »ich habe seit vorgestern kein Auge zugetan. Auch du wirst müde sein. Gute Nacht.«
In seinem ganzen Leben hatte sich Sylvester nicht so allein gefühlt wie an diesem Abend in seinem eigenen Haus.
Das menschliche Dasein setzt sich aus Tagen zusammen, die Tage haben ihre Zeiten, jede der Zeiten hat ihr Erfordernis, Schlaf die eine, Arbeit die andere, Sättigung die dritte, und wer schlafen will, dem muß das Bett gerichtet werden, und wer essen will, dem muß Speise gekocht werden, und wenn nun zwei Menschen unter demselben Dach hausen, sind sie durch kleinliche Bedürfnisse aufeinander angewiesen, und meiden sie sich auch, so sind sie durch die Dinge gebunden; die Sorge des einen lastet auf dem Genuß des andern, das Böse, das zwischen ihnen liegt, wird zerstückt, das Gute, das sie suchen, in unerwartete Bahnen gelenkt, entschiedenes Gefühl bleibt nicht bestehen, der Blick verrät die Absicht, das Wort verdunkelt sie, körperliche Nähe gibt der Atmosphäre eine Beschaffenheit, welche Einfluß auf die Gedanken und Entschlüsse nimmt, und was mutig geplant war, endet in Zweifel und feigem Aufschieben.
Sylvester erfuhr dies. Er war gekommen, um ein Band zu zerreißen; nun umschlang dieses Band in hundert und aberhundert Windungen seine Glieder, und jeder Versuch, sich der Fesseln zu entledigen, erzeugte eine Wunde. Als Silvia wieder ihre Besinnung erlangt hatte und er an ihr Lager treten durfte, nachdem sie vorbereitet worden war, als das Kind ihn wie außer sich umhalste und dabei lachte und weinte und immer wieder sehen und greifen wollte, ob er es denn wirklich sei, wissen wollte, ob er sie noch lieb habe, ob er zu Hause bleibe und vieles sonst, was sie nur stammeln und schluchzen konnte, als ihre Händchen sich stets von neuem nach ihm ausstreckten, sobald er, um ihren Zustand zu schonen, Miene machte, sich zu entfernen, da begann er die Kette und die Wunden, die sie schürfte, zu spüren, und ratlos fragte er sich, was nun geschehen solle.
Kurz darauf kam Agathe in sein Zimmer. »Ich bitte dich nur um eines, Sylvester,« sagte sie; »das Kind darf vorläufig nicht ahnen, wie es um uns steht. Ich will auch nicht, daß zwischen uns etwas besprochen wird, ehe Silvia ganz gesund ist. Wenn wir bei ihr sind, es läßt sich nicht vermeiden, daß wir manchmal alle beide bei ihr sind, müssen wir uns sorgfältig hüten, ihren Verdacht zu erregen. Es würde sie vielleicht töten.« Nach diesen Worten entfernte sich Agathe wieder. Sylvester fragte sich verwundert: »Was meint sie? Was weiß sie? Will sie mir zu verstehen geben, daß sie es aufs Äußerste ankommen lassen wird und will sie mich mürbe machen durch Ungewißheit?«
Doch erstaunte er über ihre Haltung, über ihre Würde. Sie grüßten einander am Morgen, sie sagten einander Gutenacht am Abend, sie unterhielten sich kühl und friedfertig bei Tisch, sie lächelten einander zu, wenn sie an Silvias Bett saßen und spürten, mit wie angestrengter Aufmerksamkeit Silvia sie beobachtete, sie vermochten es sogar, über die durch Sylvester heraufbeschworene Schuldenkalamität sachlich zu verhandeln, und als der Major und seine Frau herüberkamen, um der Rekonvaleszentin einen Besuch abzustatten, spielte Agathe die Komödie einer Gattin, die ihrem Mann einen Fehltritt großmütig verziehen hat und mit ihm in neuen Flitterwochen lebt. Der Major war finster und zurückhaltend; man sah es ihm an, daß er eine Auseinandersetzung wünschte und sie diesmal nur um Agathes willen vermied; Martha war voll Spott über die vermeintliche Dummheit Agathes und zeigte Sylvester eine verächtliche Kälte.
Unzählige Male sagte sich Sylvester: »Ich ertrag es nicht mehr.« Aber es war etwas in Agathe, das ihn niederzwang und gefügig machte. Oft lag ihm ein Wort auf der Zunge, das sie nötigen mußte, ihm Rede zu stehen; es gefror und wurde wesenlos, ehe er den Mund öffnete. Heimlich ging er im Haus herum; heimlich pfiff er dem Hund und wanderte in den Wald; heimlich las er ein Buch; heimlich redete er mit dem Inspektor und gab Anordnungen und Befehle. Agathes rascher, kühner Schritt verfolgte ihn; es knarrten nachts die Dielen unter ihrem Schritt, und sie schlief doch. Unerbittlich schallte ihre tiefe Stimme. Ihr Auge war klar, der Blick fest. Niemals und mit keiner Gebärde rechnete sie auf sein Wohlgefallen und mit Strenge entäußerte sie sich alles dessen, was an weibliche Schlauheit, an weibliche Schwäche und an weibliche Sehnsucht erinnern konnte.
War sie zugegen, so vermochte er den Namen Gabriele nicht einmal zu denken. Der Name enthielt das Fremdeste und zugleich das Vertrauteste, ein auf einem geheimnisvollen Eiland geführtes Märchenleben, Glück und Verzicht, Schuld und Entbehrung. Er liebte sich selbst in diesem aus Herzensangst und Süßigkeit gemischten Gefühl. Sein Geist war in einem beständigen leichten Rausch; er glaubte zu spüren, daß er begehrt wurde, daß sie, die Ferne, mit ihren Träumen an ihm hing und er liebte sich selbst in ihren Träumen. Er sah ihre herrliche Gestalt im dunklen Kleid mit sanft verhaltenen Bewegungen: das junge Mädchen. Sie trauerte. Aber schon nahm die Welt sie auf, der sie angehörte, deren Geschöpf sie war durch ihre Kunst; schon vergaß sie den Mann, der an der Grenze zweier Lebensalter stand und sie um ihre Jugend und ihre Kunst betrügen wollte, vergaß ihre Leidenschaft für ihn, wie man einen Irrtum und die seine, wie man eine schöne Abendröte vergißt. Erste Liebe wählt nicht: das junge Mädchen ist die Kreatur des Liebenden. Kunst ist ein Moloch; sie frißt Seelen und läßt ihrem Opfer nur den Schein der Selbstbestimmung: die Sängerin geht zu den Menschen wie in der Sage die Schwanenjungfrauen in mondhellen Nächten ans Gestade gehen und verdammt und ausgestoßen werden, wenn man ihnen das Zauberkleid raubt.