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Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 42

2. Kapitel. Eine unerwartete Katastrophe.

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Das Weltenfahrzeug bewegte sich jetzt auffallend langsam, es war kein Wunder, es wurde ja doch in der Atmosphäre des neuentdeckten Planeten schwebend von diesem auf seiner Bahn fortgerissen.

Kapitän Mors setzte jetzt das Telephon an den Mund.

„Nicht so nahe an den Vulkan heran,“ rief er nach dem Lenkraum hindurch. „Wir müssen uns in einiger Entfernung von dem feuerspeienden Berge halten.“

Star gab keine Antwort, wohl aber ertönte jetzt das Schrillen einer Glocke. Es war das Alarmsignal, welches aus dem Lenkraum ertönte.

Dieses Alarmsignal ließ sich nur dann vernehmen, wenn irgend eine unvorhergesehene Schwierigkeit entstand. Kapitän Mors eilte sofort nach dem Lenkraum und der Professor folgte ihm auf dem Fuße.

Star befand sich in voller Tätigkeit, riß hier und da an den Hebeln, er drehte die Schwungräder, aber der Erfolg schien nicht den gehegten Erwartungen zu entsprechen.

„Nun, was gibt es?“ fragte Kapitän Mors, als er eintrat und den Eifer seines treuen Gefährten gewahrte.

„Die vertrackten Maschinen gehorchen nicht, Kapitän,“ erwiderte Star grimmig. „Es ist gerade als wenn der Teufel dazwischen sitzt. Wir werden immer mehr in den Bereich des Vulkans getrieben.“

Mors neigte den Kopf und sah den Professor von der Seite an.

„Das sind eben Naturkräfte,“ sprach er, „und vielleicht unbekannte Naturkräfte, die ihre Wirkung äußern. Da scheint eine besondere Anziehungskraft stattzufinden, aber wir werden etwas höher steigen.“

Das gelang auch, aber die Anziehungskraft des unheimlichen Vulkans dauerte fort und nach kurzer Zeit schwebte der „Meteor“ über dem donnernden Krater.

Dieser war nicht zu sehen, da ihn dichte Dampfwolken bedeckten, aber man konnte hören, wie er sich in furchtbarer Tätigkeit befand.

Man hörte durch die dicken Wände des Weltenfahrzeuges das schreckliche Prasseln und Krachen, man vernahm das Wüten der Naturgewalten, die da drinnen in den Eingeweiden dieser kleinen Welt tobten.

„Was sagen Sie dazu, Professor?“ fragte Kapitän Mors.

„Nun, ich sage, daß diese Welt hier noch um viele, viele tausend Jahre in der Entwicklung zurück ist. Das beweist schon die dicke Luft, die man hier bemerkt, und die gewiß stark mit Kohlensäure gesättigt ist. Dieser kleine Planet befindet sich noch in den Entwicklungsstadien, ähnlich wie in der Vorzeit der Erde. Daher sind wohl auch noch die Naturkräfte mit solch furchtbarer Macht tätig.“

Plötzlich verdoppelte sich das Krachen, welches man dort unten vernahm und unmittelbar darauf sah man glühende Massen durch die Dampfwolken emporschießen.

Der Riesenkrater befand sich in voller Tätigkeit, es war ein furchtbarer Ausbruch, der Vulkan schleuderte glühende Lavablöcke empor und zwar bis in ungeheure Höhen, es schien, als ob da ein riesiges Geschütz kolossale glühende Bomben in das Unendliche emporschleuderte.

„Hoffentlich werden wir von keinem dieser glühenden Blöcke getroffen,“ meinte der Professor. „Können wir nicht noch höher steigen, Kapitän?“

Mors wollte eben antworten, als das Krachen und Brüllen mit dreifacher Stärke durch die Wände des Weltenfahrzeuges tönte.

Wieder schossen die glühenden Massen aus den Dampfwolken empor und stiegen bis in ungeheure Höhen, jetzt sah man sie links und rechts am Weltenfahrzeug vorbeisausen.

Da schien es, als würde das Fahrzeug von einem heftigen Schlag getroffen, als zitterte es und unmittelbar danach schallten im Verbindungsgang die hastigen Schritte eines herbeirennenden Mannes.

Es war Star.

„Kapitän,“ rief er. „Der Riesenmagnet ist getroffen. Die Verbindungsstange scheint demoliert zu sein. Das Fahrzeug beginnt rapide zu sinken.“

Kapitän Mors rannte nach dem Lenkraum. Aber er fand dort die Angaben des treuen Gefährten bestätigt. Die Hebel und Schwungräder versagten, tiefer sank das Weltenfahrzeug, immer tiefer, es mußte auf dem neuen Planeten landen.

Glücklicherweise war die Schnelligkeit keine allzu große und Kapitän Mors bot all seinen Scharfsinn auf, um den Absturz zu mildern. Er setzte eine jener furchtbaren Maschinen in Tätigkeit, die bei der letzten Fahrt die Meuterer zu Asche verwandelt hatten.

Dies rettete das Weltenfahrzeug und die Kraft, welche die Maschine entwickelte, bewirkte es auch, daß der Koloß eine große Strecke vom Vulkan entfernt niederkam.

Rings umher sah man ein Gewirr von Steinblöcken, von Klüften, Schluchten, Felsen, dann folgte ein harter Ruck, ein Stoß, das Weltenfahrzeug hatte den Boden des neuen Planeten erreicht und blieb dort in ziemlich schwieriger Lage hängen.

Das Hinterteil des Weltenfahrzeuges lag in einem ausgebrannten Krater, das Vorderteil ragte schräg empor und lag auf zackigem Gestein, so ruhte das Weltenfahrzeug des Kapitän Mors wie ein Schiff, welches auf dem Meer zwischen Klippen gestrandet ist. Es schien in der Tat zum hilflosen Wrack geworden zu sein.

Star zeigte jetzt jene Ruhe, die er im Verkehr mit dem Kapitän gelernt, ebenso benahm sich der Professor.

Die Inder und die anderen europäischen Mannschaften des Weltenfahrzeuges kamen jetzt herbeigerannt und schauten fragend auf Kapitän Mors. Sie wollten in seinen Mienen lesen.

Aber die Ruhe des seltsamen Mannes teilte sich auch ihnen mit, und als die Leute sahen, daß Kapitän Mors keine Miene verzog, und daß seine Augen feurig wie immer blitzten, warteten sie ruhig ab, was der berühmte Führer nunmehr beginnen würde.

„Untersucht zunächst die Innenräume des Weltenfahrzeuges,“ klang die Stimme des Luftpiraten. „Seht zu, ob Ihr irgend einen Schaden entdecken könnt. Ich erwarte dann sofort Bericht. Vor allen Dingen aber darf niemand das Fahrzeug ohne meine Erlaubnis verlassen.“

Dazu verspürten die Männer auch keine Lust, obwohl sie sahen, daß man sich auf einem mit Luft versehenen Weltkörper befand. Die Atmosphäre war sicherlich dichter als die auf der Erde.

Kapitän Mors besichtigte zunächst den Schaden im Lenkraum und betrachtete durch ein Glasfenster die zerstörten Verbindungsteile.

„Das läßt sich alles wieder gut machen,“ erklärte er nach kurzer Betrachtung. „Reserveteile haben wir im Ueberfluß, aber, es wird freilich einige Zeit vergehen, es ist gar nicht ausgeschlossen, daß wir mehrere Tage, ja Wochen auf diesem unbekannten Planeten verweilen müssen.“

Bald erschienen auch die übrigen Mannschaften, aber sie hatten nichts Bedenkliches zu melden. In den unteren Räumen des Fahrzeuges war alles in Ordnung, da hatte man keine Beule, kein Leck gesehen. Selbst die Röhren, welche die flüssige Luft verteilten, waren unbeschädigt.

Somit blieb nur der Lenkapparat zu reparieren und das war gerade die Hauptsache und mußte mit größter Sorgfalt geschehen. Kapitän Mors wollte mit Star und Lindo diese Arbeit verrichten.

„Ich erforsche unterdessen den neuen Planeten,“ rief der Professor begeistert, als ihm Kapitän Mors seine Absicht mitteilte.

Der Luftpirat schien mit der Antwort zu zögern.

„O, ich laufe Ihnen gewiß nicht davon, Kapitän,“ fuhr der Professor mit einiger Bitterkeit fort, da er das Zögern des Kapitäns falsch deutete. „Ich kehre schon wieder, mein Wort darauf! Ich will ja noch mehr Fahrten in diesem wunderbaren Fahrzeug unternehmen.“

„Sie mißverstehen mich, Professor,“ erwiderte Kapitän Mors. „Ich wollte damit kein Mißtrauen äußern. Sie wissen ja, daß Sie der Umstände halber immer bei mir bleiben müssen, aber andererseits denke ich nicht im Traume daran, Ihnen diese Gefangenschaft zu zeigen oder Sie gar zu quälen. Mein Zögern entspringt einzig und allein der Sorge um Sie, denn Sie stehen mir nahe, und ich habe Sie sehr gern. Es gibt wenig Menschen wie Sie auf der Erde, gäbe es viele solche, wäre ich vielleicht nicht der Luftpirat geworden. Mein Zögern rührt einzig und allein davon her, daß ich für Sie Sorge trage, denn hier können sich tausende von Gefahren verbergen. Deshalb bitte ich Sie, einstweilen noch im Weltenfahrzeug zu bleiben.“

„Verzeihen Sie, Kapitän,“ erwiderte der Professor, indem er die Rechte des Maskierten faßte. „Ich will nichts gesagt haben. Aber ich denke, mit unseren Hilfsmitteln können wir jeden Gefahren Trotz bieten.“

„Nicht immer,“ lautete die Antwort, „solche Gefahren kommen oft blitzschnell und unerwartet, so daß selbst die Hilfsmittel der modernen Technik versagen. Jedenfalls müssen wir unsere Umgebung beobachten. Dann wird es sich zeigen, ob wir das Fahrzeug verlassen dürfen. Ist dies der Fall, so können Sie Ihren Forschungen nachgehen. Sie haben ja auch das Recht darauf. Sie sind ja gewissermaßen der Entdecker des neuen Planeten.“

Der Professor drückte nochmals die Rechte des seltsamen Mannes. Dann ging es an die Arbeit.

Mors war nicht der Mann, der die Hände in den Schoß legte, er wollte vor allen Dingen sein Weltenfahrzeug instand setzen.

Nun galt es, erst die Luft zu prüfen und sich zu vergewissern, ob man diese ertragen konnte. War dies nicht der Fall, so mußte man eben die Lufthelme benutzen.

Kapitän Mors unternahm wie gewöhnlich das Wagnis selbst.

Er begab sich nach den Doppeltüren, die den Einlaß in das Fahrzeug vermittelten, öffnete die innere Tür und versuchte dann vorsichtig die außen befindliche Luft zu proben.

Sie war dick, schwer, reichlich mit Kohlensäure gesättigt, aber sie ließ sich immerhin atmen.

Man hatte nur, wenn man längere Zeit diese Luft atmete, das Gefühl eines leichten Rausches, einer Beklemmung, aber diese wurde wieder durch andere Vorteile aufgehoben.

Der Planet war ja klein, viel kleiner als der Mond, er war eine Miniaturwelt und da mußten sich natürlich ganz andere Lebensbedingungen ergeben.

Hier mußte man ungeheuer hoch springen können, hier wog ein schwerer Mann nur so viel, wie ein kleines Kind auf der Erde. Das mußte dann die Arbeitskraft verdoppeln und verdreifachen.

Von außen mußte man arbeiten, um den Riesenmagneten wieder in Funktion treten zu lassen.

Kapitän Mors rief jetzt seine Leute herbei, die er nacheinander die Luft atmen ließ.

Da zeigte sich denn, daß die ehemalige Mannschaft des Unterseebootes die Luft absolut nicht vertragen konnte.

Die Leute taumelten umher, drehten sich im Kreise und benahmen sich wie sinnlos Betrunkene.

Aehnliche Symptome zeigten auch die meisten Inder und selbst Star, dem eisernen Mann, war die Luft höchst unangenehm, es überkam ihn ein Schwindel.

Dagegen vertrug Lindo die Luft vortrefflich und da Kapitän Mors zur Reparatur höchstens ein oder zwei Gehilfen gebrauchte, beschloß er, mit Lindo die Arbeit zu vollenden und mit dieser auf der Stelle zu beginnen.

Der Schaden wurde zunächst besichtigt und die Reparaturteile aus dem Innern des Fahrzeuges hervorgeholt.

Es war freilich ein recht unangenehmes Arbeiten, da man in die Kluft hinuntersteigen mußte. Der Krater zog sich seitwärts noch ziemlich tief in das Innere der Erde fort, dort, wo rabenschwarze Finsternis herrschte.

„So,“ sprach Kapitän Mors, als er sich mit Lindo zur Arbeit fertig machte. „Wir beginnen. Auf der Galerie des Weltenfahrzeuges aber müssen immer ein paar Wächter stehen, die die Umgebung im Auge behalten, damit wir vor unliebsamen Ueberraschungen gesichert sind.“

„Was meint Ihr denn, was es hier gibt, Kapitän?“ fragte Star, der diese Worte vernommen. „Ich habe auch schon überall umhergesehen, aber nirgends etwas Lebendes bemerkt. Der Weltenkörper ist ja so klein, hier gibt es wohl gar kein tierisches Leben.“

„Hast Du nicht die reiche Vegetation auf verschiedenen Stellen des Planeten gewahrt?“ fragte Mors. „Eine üppige Vegetation ist es, tropisch, wie in der Vorzeit der Erde. Wo sich solche Vegetation befindet, gibt es auch Tierwelt. Es fragt sich nur, in welchem Stadium sich dieser Planet befindet, aber das kann uns wohl der Professor sagen, der wird schon seine Beobachtungen anstellen.“

„In der Umgebung scheint alles tot und starr zu sein,“ meinte Star. „Da gibt es keine Vegetation, da sieht man nur zackige Felsenspitzen, ausgebrannte Krater, Klippen und Felsblöcke.“

Wenige Minuten später verließ Mors mit Lindo und einigen anderen Indern die Galerie des Weltenfahrzeuges.

Man benutzte eine Leiter, um die nächsten Klippen zu erreichen. Hierauf begann man die Umgebung des Absturzes zu erforschen.

Man sah nichts als Klüfte, ausgebrannte Krater, Steinmassen von den wunderlichsten Formen.

In einiger Entfernung donnerte der Vulkan und schleuderte seine glühenden Lavablöcke in die Höhe. Aber diese stürzten nicht in der Nähe der Landungsstelle herunter, von dort brauchte man nichts zu befürchten.

Plötzlich deutete Lindo mit der Rechten in eine der Klüfte.

„Kapitän,“ rief er. „Was liegt dort? Seht doch mal, das Weiße! Das Ding sieht ja unheimlich aus. Wahrhaftig, Kapitän, das Ding müssen wir mal genauer untersuchen!“

Der Kapitän schritt mit seinen Indern hinüber.

Da lag neben einem Steinblock das Ding, welches Lindo mit seinen scharfen Augen erspäht. Ein weißgebleichter Schädel von wahrhaft ungeheuren Formen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war es ein Tierschädel, aber niemand konnte sagen, zu welcher Gattung dies Geschöpf gehört hatte. Neben diesem Ueberrest sah man einige ungeheure Knochen.

Diese waren zerbrochen und Lindo beugte sich jetzt zu diesen Ueberbleibseln nieder.

„Kapitän,“ rief er. „Seht diesen zerschmetterten Knochen hier an. Das ist aber kein Bruch, nein, seht die Eindrücke, wie zackig und spitz dieselben sind. Kapitän, dieser Knochen ist zweifellos von den Zähnen eines unbekannten riesigen Ungeheuers zerbissen worden.“

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