XI.
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XI.
Im Jahre 1280 hatte ein furchtbarer Brand die alte Halle am Markt völlig vernichtet. Dort war der hölzerne Turm mit allen Rechtsurkunden der Stadt Brügge in Flammen aufgegangen. Nur einige massive Mauern des untersten Stockwerkes waren verschont geblieben und mit ihnen einige Räume, welche bisweilen als Wachtstuben dienten. Die französischen Kriegsknechte hatten dies verlassene Gemäuer zum Sammlungsplatz erwählt, und hier verbrachten sie ihre freien Stunden mit Schwelgen und Spielen.
Einige Zeit nach der Abreise Adolfs van Nieuwland befanden sich acht französische Söldner in einem der entlegensten Räume der Brandstätte. Eine große tönerne Lampe beleuchtete die gebräunten Gesichter der Krieger, und kräuselnd stieg ihr Qualm zum Gewölbe empor. An den Wänden konnte man beim grellen Lampenschein noch einige Verzierungen im römischen Stile bemerken. Eine weibliche Statue ohne Hände, deren Gesicht mit der Zeit schon ganz entstellt war, stand in einer Nische des Gemachs. Vier Kriegsknechte saßen an einem schweren eichenen Tische und würfelten eifrig. Mehrere andere standen dabei und folgten aufmerksam dem Spiel. Offenbar waren diese Leute nicht zum Würfeln allein hierhergekommen: sie hatten Helme auf, und breite Schwerter hingen an ihrem Gürtel, als ob es zum Kampfe ginge.
Nach einigen Augenblicken stand einer der Spieler auf und warf ärgerlich die Würfel beiseite.
„Ich glaube, der alte Bretone hat keine sauberen Finger,“ rief er. „Das wäre doch recht sonderbar, wenn ich unter fünfzig Würfen nicht einmal gewinnen sollte. Ich habe keine Lust mehr zum Spiel, ich höre auf.“
„Ihr wollt nicht mehr spielen!“ rief der Gewinner frohlockend. „Was Teufel, Johann, Eure Tasche ist doch sicher nicht leer! – Fliehet Ihr so vor dem Feind?“
„Wage es noch einmal,“ meinte ein anderer, „vielleicht wendet sich das Glück.“
Der Söldner, der Johann genannt wurde, schwankte lange, ob er sein Glück noch einmal versuchen sollte; endlich griff er in sein Panzerhemd und zog einen glänzenden Schmuck hervor. Es war ein Halsschmuck von den feinsten Perlen mit goldenem Schloß.
„Da,“ sprach er, „ich setze diese Perlen gegen euren Gewinn: die schönste Schnur, die je am Hals einer vlaemischen Frau geblinkt hat! Wenn ich diesmal wieder verliere, bleibt mir kein Härlein von der Beute.“
Der Bretone nahm den Schmuck in die Hand und betrachtete ihn neugierig.
„Gut, es gilt!“ rief er; „in wieviel Würfen?“
„In zwei,“ antwortete Johann, „werft Ihr zuerst.“
Ein Haufen Goldstücke lag auf der Tafel neben den kostbaren Juwelen. Aller Augen folgten in beklemmender Spannung den rollenden Würfeln, und die Herzen der Spieler klopften heftig. Beim ersten Wurf schien das Glück Johann zu lächeln, denn er warf zehn, sein Genosse nur fünf. Während er sich nun der Hoffnung hingab, sein Geld wiederzugewinnen, sah er, daß der Bretone die Würfel heimlich zum Munde führte und an einer Stelle benetzte. Als er merkte, daß Trug an seinem Verluste schuld war, jagte ihm Ärger und Rachsucht das Blut zu Kopfe. Er tat aber, als habe er nichts gesehen, und meinte:
„So werft; was zaudert Ihr? Seid Ihr bange?“
„Nein, nein!“ rief der Bretone und ließ die Würfel rasch aus den Händen rollen. „Das Glück kann sich wenden – seht Ihr wohl? Zwölf!“
Nun warf Johann die Würfel nachlässig auf den Tisch. Da er unglücklicherweise diesmal nur sechs bekam, nahm der Bretone mit Freudenrufen das Geschmeide an sich und barg es unter seinem Harnisch. Johann wünschte ihm mit erkünstelter Ruhe Glück zu seinem Gewinn und schien sich über den Verlust nicht sonderlich zu grämen. Aber in seiner Brust fraß geheimer Grimm, und er konnte sich nur mühsam zurückhalten. Während der frohe Gewinner mit einem anderen Genossen sprach, flüsterte Johann denen, die bei ihm standen, etwas ins Ohr und schien den Bretonen durch seine Blicke ihrer Aufmerksamkeit anzuempfehlen; dann rief er:
„Da Ihr mir alles abgewonnen habt, Kamerad, werdet Ihr es mir nicht abschlagen, das Glück noch einmal zu versuchen. Ich setze das Geld, das wir diesen Abend noch verdienen, gegen eine gleiche Summe. Tut Ihr mit?“
„Aber natürlich, ich weiche nie!“
Johann nahm die Würfel und warf achtzehn in zweimal. Während nun der andere die Würfel von der Tafel nahm und sie beim Sprechen ganz absichtslos in der Hand zu halten schien, gaben die Soldaten neben Johann genau darauf acht. Sie sahen deutlich, daß der Bretone die Würfel nochmals an seine Lippen führte, und dank dieser List einmal zehn und einmal zwölf warf.
„Ihr habt verloren, Freund Johann!“ rief er.
Ein furchtbarer Faustschlag war die Antwort auf diesen Zuruf; Blut strömte aus seinem Mund, und einen Augenblick war er ganz betäubt, denn der Schlag hatte sein Hirn erschüttert.
„Ihr seid ein Schelm, ein Dieb!“ schrie Johann; „ich habe gar wohl gesehen, wie Ihr die Würfel naß machtet und mich so um mein Geld betroget! Ihr sollt mir alles wiedergeben, oder …“
Der Bretone ließ ihn nicht fortfahren. Er zog sein breites Schwert und stürzte unter furchtbaren Schmähungen auf ihn los. Auch Johann hatte sich kampfbereit gemacht und schwur blutige Rache. Aber dazu kam es nicht. Schon blitzten die beiden Klingen bereits im Lampenschein, und alles kündete unvermeidliches Blutvergießen, als ein anderer Krieger in die Stube trat.
Seine stolzen und gebieterischen Blicke auf die Streitenden machten ihn sogleich als Vorgesetzten kenntlich. Sowie die Soldaten seiner ansichtig wurden, verstummten die Flüche und Scheltworte, und die Schwerter fuhren schleunigst in die Scheiden.
Johann und der Bretone kündeten einander durch Blicke an, daß der Kampf nur aufgeschoben sei, und traten mit den anderen zu ihrem Vorgesetzten, der sie fragte:
„Seid ihr bereit, Leute?“
„Wir sind fertig, Herr de Cressines!“ klang es zurück.
„Beobachtet die größte Stille,“ nahm de Cressines das Wort, „und vergeßt nicht, daß das Haus, in das uns dieser Bürger führt, unter dem Schutz unseres Feldherrn Châtillon steht. Der erste, der irgend etwas anrührt, wird es bitter bereuen. Man folge mir.“
Der Bürger, der den französischen Kriegsknechten als Führer diente, war eben jener Meister Brakels, der Leliaert, der aus der Weberzunft ausgestoßen worden war. Als die Söldner mit ihrem Anführer auf der Straße waren, ging Brakels schweigend voran und führte sie durch die Finsternis in die spanische Straße zur Tür von Herrn van Nieuwlands Wohnung. Hier stellten sich die Söldner längs der Mauer auf und atmeten kaum, damit man ihre Gegenwart nicht bemerkte. Meister Brakels ließ den Klopfer des Tores leise niederfallen. Nach einigen Augenblicken kam eine Dienstmagd in den Gang und fragte mißtrauisch, wer so spät anklopfe.
„Öffnet rasch,“ gab Brakels zur Antwort, „ich komme von Meister de Coninck mit einer eiligen Nachricht für Jungfrau Machteld van Bethune. Zögert keinen Augenblick; denn die Jungfrau ist in großer Gefahr.“
Die Dienstmagd war weit entfernt, Verrat zu argwöhnen. Sie zog den Riegel weg und öffnete die Tür rascher als sonst wohl. Aber wie groß war ihre Bestürzung, als acht französische Soldaten hinter dem Vlaemen her in den Gang drangen. Ihr gellender Schrei scholl bis in die entlegensten Gemächer des Hauses, und sie wollte sich durch die Flucht retten. Aber Cressines hielt sie zurück.
„Wo ist Eure Gebieterin, Machteld van Bethune?“ fragte Cressines mit kalter Ruhe.
„Gräfin Machteld hat sich schon seit zwei Stunden zur Ruhe begeben, und nun schläft sie,“ stammelte die erschrockene Magd.
„Geht zu ihr,“ sprach der Befehlshaber, „und sagt ihr, sie möge sich ankleiden; denn sie muß auf der Stelle dieses Haus verlassen und uns folgen. Seid gehorsam, denn es täte mir leid, wenn ich Gewalt anwenden müßte.“
Die Magd lief in angstvoller Eile die Treppe hinauf und weckte Adolfs Schwester.
„Ach, Herrin,“ rief sie, „steht schnell auf, das ganze Haus wimmelt von Soldaten!“
„Himmel,“ sagte Maria mit bebender Stimme, „was sagst du? Soldaten in unserem Hause? Was wollen sie?“
„Sie wollen die Gräfin van Bethune sofort wegführen. Bitte eilt, denn sie schläft noch – ich fürchte, die Soldaten könnten in ihr Zimmer dringen.“
Hastig, ohne Antwort warf die erschrockene Maria ein weites Gewand über und ging mit der Magd zu Herrn de Cressines, der noch auf dem Gange stand. Zwei Diener des Hauses waren auf das Geschrei der Magd herbeigelaufen und standen entmutigt zwischen den französischen Soldaten. Man hatte sie gepackt und festgehalten.
„Mein Herr,“ fragte Maria den Anführer, „wollt Ihr mir sagen, warum Ihr so zur Nachtzeit in meine Wohnung dringt?“
„Ja, edle Dame,“ bekam sie zur Antwort, „es geschieht auf Befehl des Landvogts. Gräfin Machteld van Bethune, die hier wohnt, muß uns unverzüglich folgen. Fürchtet nicht, daß sie schlecht behandelt wird. Ich verpfände Euch meine Ehre, daß kein Wort sie kränken soll.“
„O mein Herr,“ rief Maria, „wüßtet Ihr, welches Los Ihr dem Mägdelein bereitet, Ihr würdet unverrichteter Sache wieder fortgehen; denn ich entnehme Euren Worten, daß Ihr ein ehrenwerter Ritter seid.“
„Ihr habt recht, ich bin kein Freund solcher Unternehmungen, aber den Befehl meines Feldherrn muß ich pünktlich ausführen. Wollet mir also die Jungfrau Machteld ausliefern; wir können nicht länger warten. Erspart mir strenge Maßregeln.“
Maria sah wohl, daß nichts diesen Schlag abwenden konnte; doch verhehlte sie ihre tiefe Betrübnis vor den fremden Kriegsknechten und weinte nicht. Mit sichtlichem Abscheu schaute sie auf den Vlaemen, der in einem Winkel des Ganges stand, und ihre Blicke schienen ihm seinen Verrat vorzuwerfen. Meister Brakels war nicht kühn genug, dem entrüsteten Mägdelein in die Augen zu sehen. Zitternd ward er sich nun bewußt, welche Rache ihn verfolgen würde, und wich einige Schritte zurück, als ob er fliehen wollte.
„Man bewache diesen Vlaemen,“ rief Cressines seinen Leuten zu; „laßt ihn nicht fort; denn wer wie er seine Freunde verrät, ist zu allem fähig.“
Meister Brakels wurde beim Arm gepackt und mit Gewalt zwischen die Soldaten gedrängt. ‚Verräter‘ ward er geschmäht, und die Verachtung der Männer, denen er gedient hatte, war sein Lohn.
Maria verließ den Gang und trat bekümmerten Herzens in Machtelds Schlafgemach; wie erstarrt blieb sie vor dem Bette stehen und betrachtete das unglückliche Mägdelein, das so sanft schlief. Eine helle Träne glänzte unter seinen Wimpern, und der Atem ging schwer und fiebrig. Plötzlich zog es die Hand unter der Decke hervor und reckte sie, als wollte es ein Schreckbild verscheuchen. Aus dem unverständlichen Gemurmel tönte mehrmals Adolfs Name wie ein Hilferuf.
Tränen brachen aus Marias Augen; der Anblick griff ihr tief ins Herz, und ihr Mitleid wuchs noch bei dem Gedanken an das Leid, das das arme Mägdelein fürder erdulden sollte. Doch so sehr sie sich auch quälte, ihrer unglücklichen Freundin die Nachricht zu bringen, sie durfte nicht zögern, die Zeit war kostbar. Jeden Augenblick konnten die Söldner in das Zimmer treten, und welchen Schrecken, welchen Kummer hätte dann die edle Machteld erlebt! In dieser Erkenntnis ergriff sie die Hand ihrer Freundin und weckte sie mit den Worten:
„Meine liebe Machteld, wachet auf, ich habe Euch etwas Eiliges zu sagen.“
Die Berührung Marias hatte das Mägdelein heftig erschreckt; weit öffnete sie die Augen und zitterte, während sie ihre Freundin unsicher anschaute.
„Seid Ihr es, Maria?“ fragte sie und rieb die tränenfeuchten Augen; „was führt Euch zu so ungewöhnlicher Stunde zu mir?“
„Ach, meine arme Machteld,“ rief Maria weinend aus, „steht auf. Hier ist Euer Kleid, – steht rasch auf, ein großes Unglück steht Euch bevor.“
Erschrocken sprang Machteld auf und blickte Maria ängstlich an; die weinte bitterlich, während sie Machteld ankleidete. Erst als sie ihr ein langes Reitkleid reichte, antwortete sie mit einem tiefen Seufzer:
„Ihr geht auf Reisen, edle Dame, der heilige Georg beschütze Euch!“
„Aber warum dieses Reitkleid, meine teure Maria? Ach, jetzt sehe ich, welches Los meiner harrt! Mein böser Traum ist wahr geworden: als Ihr mich wecktet, sah ich mich in Frankreich, vor Johanna von Navarra. O Gott, nun ist alle Hoffnung dahin! Ich werde das schöne Flandern nicht wiedersehen, und Du, mein teurer Löwe, du lieber Vater, wirst Dein Kind vielleicht nicht mehr in dieser Welt wiedersehen …“
Maria hatte sich gramverzehrt in einen Sessel niedergelassen und schluchzte schweigend. Sie brachte es nicht über sich, die Befürchtungen ihrer Freundin zu bestätigen. Nach einigen Augenblicken warf sich ihr die geängstigte Machteld um den Hals und sagte:
„Weinet nicht so um mich, liebe, teure Freundin. Schon längst bin ich mit Unglück und Elend vertraut; für das Haus Flandern ist alle Ruhe, alle Freude dahin.“
„Unglückliches, edles Mägdelein,“ schluchzte Maria, „Ihr wißt nicht, daß drunten französische Söldner Eurer harren, daß man Euch auf der Stelle fortführen wird.“
Das bleiche Mägdelein erschauerte bei diesen Worten.
„Söldner?“ rief sie. „Soll ich der Roheit unedler Mietlinge ausgesetzt sein? O liebe Maria, schützet mich … O Gott, könnte ich jetzt sterben! Robrecht, Robrecht, wüßtet Ihr, welche Schmach Eurem Kinde widerfährt!“
„Erschreckt nicht so; ein ehrenwerter Ritter ist bei ihnen.“
„So ist denn die Unglücksstunde gekommen; ich muß Euch verlassen, Maria, und die böse Königin von Navarra wird mich, wie meinen Vater, einkerkern. Doch es sei! Es gibt einen Beschützer im Himmel, der mich nicht verlassen wird …“
„Zieht rasch Euer Reitkleid an, ich höre die Tritte der Söldner.“
Während Machteld das Kleid anzog, öffnete sich die Tür. Die Magd trat ein und sagte:
„Der französische Edelmann läßt fragen, ob das Fräulein van Bethune bereit sei, und ob er vor ihr erscheinen dürfe.“
„Er mag kommen!“ war Marias Antwort.
Herr de Cressines war der Magd gefolgt und trat unmittelbar darauf in das Zimmer. Er verbeugte sich vor der Jungfrau, und man las in seinen mitleidigen Blicken, daß er diesen Auftrag widerwillig ausführte.
„Gräfin,“ sprach er, „deutet es mir nicht übel, wenn ich Euch ersuche, mir auf der Stelle zu folgen. Ich darf keinen Augenblick mehr säumen.“
„Ich werde mich gehorsam fügen,“ antwortete Machteld, die ihre Tränen zurückhielt. „Ich hoffe, mein Herr, daß Ihr mich vor aller Schmach bewahren werdet.“
„Ich versichere Euch, edle Dame,“ rief Cressines, den des Mägdeleins Ergebung rührte, „daß Euch kein Leid zugefügt werden soll, solange Ihr unter meinem Schutze steht.“
„Aber Eure Söldner, mein Herr?“
„Meine Söldner, Fräulein, sollen Euch kein Wort sagen. Diese Versicherung mag Euch genügen.“
Die beiden Mädchen umarmten sich zärtlich und vergossen viele Tränen. Immer aufs neue wiederholten sie die bitteren Worte der Trennung, immer wieder fielen sie sich um den Hals. Endlich folgten sie dem Ritter in den Gang.
„O mein Herr,“ rief Maria, „sagt mir doch, wohin Ihr meine unglückliche Freundin führt!“
„Nach Frankreich,“ sagte Cressines; und den Soldaten gebot er:
„Achtet auf meine Worte! – Wer in Gegenwart dieser Dame ein unziemendes Wort sagt, wird streng bestraft. Ich will, daß man sie ihrem durchlauchtigen Stande gemäß behandelt. Führt die Pferde vor!“
Machteld weinte still unter dem Schleier, der ihr Gesicht bedeckte. Maria hielt eine Hand gefaßt, und beide standen bewegungslos wie Bildsäulen da. Worte reichten nicht hin, ihren herben Abschiedsschmerz auszudrücken.
Als die Pferde vor die Tür gebracht waren, half Herr de Cressines Machtelden auf einen leichten Traber. Meister Brakels und die Diener wurden freigelassen, und der Zug entfernte sich rasch durch die Straßen von Brügge. Einige Augenblicke später waren sie auf freiem Felde, auf Wegen, welche Machteld nicht erkennen konnte. Die Nacht war düster, und feierliche Stille lag auf der schlummernden Natur. Herr de Cressines blieb stets an Machtelds Seite. Weil er sie in ihrer Betrübnis nicht stören wollte, sprach er nicht mit ihr und würde vielleicht die Reise schweigend zurückgelegt haben, wenn ihn nicht die junge Machteld zuerst angeredet hätte.
„Ist es mir erlaubt, mein Herr, etwas über mein zukünftiges Schicksal zu wissen, und darf ich fragen, von wem der Befehl stammt, der mich aus meiner Wohnung reißt?“
„Der Befehl ward mir durch Herrn de Châtillon gegeben,“ antwortete de Cressines. „Wahrscheinlich kommt er von höherer Seite, denn das Ziel Eurer Reise ist Compiègne.“
„Ja,“ schluchzte das betrübte Mägdelein, „Johanna von Navarra erwartet mich. Meinen Vater und alle meine Blutsverwandten einzukerkern genügte nicht; ich fehle ihr noch. Jetzt ist ihre Rache vollständig. O mein Herr, Ihr habt eine böse Königin!“
„Ein Mann hätte mir das nicht sagen dürfen. Es ist wahr, edle Frau, unsere Königin behandelt die Vlaemen sehr strenge, und ich hege innigstes Mitleid für Herrn van Bethune; aber ich kann nicht mit anhören, daß man meine Fürstin schmäht.“
„Vergebt! Eure ritterliche Treue verdient meine Achtung. Ich werde über Eure Königin nicht mehr Klage führen und schätze mich glücklich, in meinem Unglück einen so ehrenwerten Ritter zum Führer zu haben.“
„Es wäre mir ein wahres Vergnügen, Euer Edeln bis nach Compiègne zu begleiten; aber diese Ehre ist mir nicht zugedacht. In einer Viertelstunde bekommt Ihr eine andere Gesellschaft, aber das kann Eure Lage in nichts ändern; die französischen Ritter vergessen nie, was sie den Frauen schuldig sind.“
„Es ist wahr, mein Herr, die französischen Ritter sind sehr höflich und ehrerbietig gegen uns; aber wer bürgt mir dafür, daß ich immer eine Begleitung haben werde, die meinem Stande angemessen ist?“
„O! das wird sicher der Fall sein. Ich bringe Euch nach Schloß Male und muß Euch dem Herrn von Saint-Pol übergeben. Soweit geht mein Auftrag.“
Sie plauderten noch einige Zeit, bis sie vor der Brücke des Schlosses anlangten. Bei ihrem Nahen rief die Torwache sie an, und das Fallgitter ging hoch. Kurz darauf fiel die Brücke rasselnd nieder, und der ganze Zug ritt in das Schloß.