Zweiter Akt
Hermann Röhl translation
Drittes Bild
Nach dem ersten Akte sind zwei Wochen vergangen. Bei Lisa.
Erster Auftritt
Karenin und Anna Pawlowna sitzen im Eßzimmer. Sascha kommt herein.
Karenin: Nun, wie steht es?
Sascha: Der Arzt hat gesagt, es sei jetzt keine Gefahr mehr vorhanden. Nur dürfe er sich nicht erkälten.
Anna Pawlowna: Na, aber Lisa ist dabei ganz heruntergekommen.
Sascha: Er sagt, es sei unechter Krupp in gelinder Form. Was ist das? (Sie zeigt auf ein Körbchen.)
Anna Pawlowna: Viktor hat Weintrauben mitgebracht.
Karenin: Mögen Sie nicht zulangen?
Sascha: Ja, die ißt sie gern. Sie ist sehr nervös geworden.
Karenin: Wenn sie auch zwei Tage lang nichts gegessen, zwei Nächte nicht geschlafen hat.
Sascha (lächelnd): Sie selbst haben es doch ebenso gemacht.
Karenin: Mit mir ist das etwas anderes.
Zweiter Auftritt
Dieselben. Der Arzt und Lisa treten ein.
Der Arzt (nachdrücklich): Also so: wechseln Sie alle halbe Stunde den Umschlag, wenn er nicht schläft. Wenn er schläft, stören Sie ihn nicht! Den Rachen zu pinseln ist nicht nötig. Die Zimmertemperatur halten Sie auf gleichmäßiger Höhe!...
Lisa: Aber wenn er wieder Atemnot bekommt?
Der Arzt: Das ist nicht wahrscheinlich. Sollte es aber eintreten, so wenden Sie den Zerstäuber an! Außerdem geben Sie ihm Pulver, morgens eines und abends eines! Ich werde sie sogleich verschreiben.
Anna Pawlowna: Mögen Sie nicht ein Glas Tee trinken, Doktor?
Der Arzt: Nein, ich danke; meine Kranken warten. (Er setzt sich an den Tisch, Sascha bringt Papier, Tinte und Feder.)
Lisa: Also es ist bestimmt nicht Krupp?
Der Arzt (lächelnd): Ganz bestimmt nicht. (Er schreibt.)
Karenin (zu Lisa): Nun, jetzt trinken Sie aber ein Glas Tee, oder, noch besser, gehen Sie hin und ruhen Sie sich aus; sehen Sie nur, wie entstellt Sie aussehen!
Lisa: Jetzt fühle ich mich neu belebt. Ich danke Ihnen. Sie sind ein wahrer Freund. (Sie drückt ihm die Hand. Sascha geht ärgerlich zur Seite.)
Lisa: Ich bin Ihnen herzlich dankbar. Da sieht man, wo ...
Karenin: Was habe ich denn getan? Zum Danken ist gar kein Anlaß.
Lisa: Aber wer hat die Nächte über nicht geschlafen? Wer hat uns diese Zelebrität ins Haus geholt?
Karenin: Ich bin schon dadurch hinlänglich belohnt, daß Mischa außer Gefahr ist, und besonders durch Ihre Güte.
Lisa (drückt ihm wieder die Hand und zeigt ihm lachend ein Goldstück, das sie in der Hand hält): Das ist für den Arzt. Nur weiß ich nicht, wie ich es ihm geben soll.
Karenin: Ja, ich verstehe mich auch nicht darauf.
Anna Pawlowna: Worauf verstehen Sie sich nicht?
Lisa: Dem Arzte das Geld zu geben. Er hat mir mehr als das Leben gerettet, und ich gebe ihm Geld! Das ist eine peinliche Empfindung.
Anna Pawlowna: Gib her; ich werde es ihm geben. Ich verstehe, wie man das macht. Es ist ganz einfach.
Der Arzt (steht auf und reicht das Rezept hin): Also diese Pulver rühren Sie in einem Eßlöffel voll abgekochten Wassers gut um und (er spricht weiter) ... (Karenin trinkt am Tische Tee; Anna Pawlowna und Sascha gehen nach vorn.)
Sascha: Ich kann das Benehmen der beiden gar nicht mehr mit ansehen. Sie ist ordentlich verliebt in ihn.
Anna Pawlowna: Was ist daran Verwunderliches?
Sascha: Es ist widerwärtig!
Der Arzt (empfiehlt sich allen und geht weg. Anna Pawlowna begleitet ihn hinaus).
Dritter Auftritt
Lisa, Karenin und Sascha.
Lisa (zu Karenin): Er ist jetzt so lieb und nett. Sowie ihm besser wurde, fing er sogleich an zu lächeln und zu plaudern. Ich will zu ihm gehen. Aber auch von Ihnen fortzugehen wird mir schwer.
Karenin: Sie sollten ein Glas Tee trinken und etwas essen.
Lisa: Ich brauche jetzt nichts. Es ist mir so wohl zumute nach all diesen Beängstigungen. (Sie fängt an zu schluchzen.)
Karenin: Da sehen Sie, wie schwach Sie sind.
Lisa: Ich bin so glücklich. Wollen Sie ihn sich ansehen?
Karenin: Natürlich.
Lisa: So kommen Sie mit! (Sie gehen hinaus.)
Vierter Auftritt
Anna Pawlowna kommt zu Sascha zurück.
Anna Pawlowna: Warum machst du denn ein so finsteres Gesicht? Ich habe ihm das Geld in sehr schöner Form gegeben, und er hat es ebenso genommen.
Sascha: Es ist geradezu empörend! Sie hat ihn mit in das Kinderzimmer genommen. Gerade als ob er ihr Bräutigam oder ihr Mann wäre.
Anna Pawlowna: Aber was geht es dich an? Weshalb wirst du so hitzig? Oder hast du vielleicht darauf spekuliert, ihn zu heiraten?
Sascha: Ich?! Diesen langen Tölpel?! Da würde ich lieber ich weiß nicht wen heiraten, aber nicht ihn. Das ist mir überhaupt nie in den Kopf gekommen. Es ist mir nur zuwider, daß Lisa nach ihrem Zusammenleben mit Fedja es fertigbekommt, einem fremden Menschen in dieser Weise näher zu treten.
Anna Pawlowna: Wie kannst du ihn einen fremden Menschen nennen? Er ist ihr Jugendfreund.
Sascha: Aber ich sehe ja an dem Lächeln, an den Augen der beiden, daß sie ineinander verliebt sind.
Anna Pawlowna: Was ist denn daran Verwunderliches? Er hat ihr während der Krankheit des Kindes soviel Teilnahme bewiesen und ihr geholfen; dafür ist sie ihm dankbar. Und außerdem: warum sollte sie sich nicht in Viktor verlieben und ihn heiraten?
Sascha: Das wäre schrecklich, empörend! Empörend!
Fünfter Auftritt
Karenin und Lisa treten ein.
Karenin (empfiehlt sich schweigend).
Sascha (geht ärgerlich hinaus).
Sechster Auftritt
Anna Pawlowna und Lisa.
Lisa (zu ihrer Mutter): Was hat sie nur?
Anna Pawlowna: Ich weiß es wirklich nicht.
Lisa (seufzt schweigend).
Vorhang.
Viertes Bild
Zimmer bei Afremow. Auf dem Tische stehen Gläser mit Wein. Gäste.
Erster Auftritt
Afremow, Fedja, Stachow (mit struppigem Barte), Butkewitsch (glatt rasiert), Korotkow (ein aufdringlicher Mensch).
Korotkow: Ich sage euch, daß er weit zurückbleiben wird. La belle du bois ist das erste Pferd Europas. Wetten?
Stachow: Sei nur still, Bruder! Du weißt ja doch, daß dir kein Mensch glaubt. Und auch wetten wird niemand mit dir.
Korotkow: Ich sage dir: dein Cartouche wird weit zurückbleiben.
Afremow: Nun hört auf, euch zu zanken! Ich will euch versöhnen. Fragt mal Fedja! Der wird es euch zuverlässig sagen.
Fedja: Die Pferde sind alle beide gut. Es kommt auf den Reiter an.
Stachow: Gusew ist ein Schurke. Den muß man streng halten.
Korotkow (schreit): Nein!
Fedja: Na, wartet, ich werde euer Schiedsrichter sein. Wer hat das Derby gewonnen?
Korotkow: Nun ja, das hat er gewonnen, aber das besagt nichts weiter. Das war ein Zufall. Wenn Cracouse nicht krank geworden wäre ... Sieh mal ... (Ein Diener kommt herein.)
Zweiter Auftritt
Dieselben und ein Diener.
Afremow: Was willst du?
Der Diener: Es ist eine Dame gekommen, die nach Fjodor Wasiljewitsch fragt.
Afremow: Was für eine Dame?
Der Diener: Das weiß ich nicht. Aber es ist eine richtige Dame.
Afremow: Fedja, da will eine Dame zu dir.
Fedja (erschrocken): Wer ist es?
Afremow: Das weiß er nicht.
Der Diener: Soll ich sie in den Salon bitten?
Fedja: Warten Sie, ich will hingehen und zusehen. (Fedja und der Diener gehen hinaus.)
Dritter Auftritt
Dieselben ohne Fedja und den Diener.
Korotkow: Wer will da zu ihm? Gewiß Mascha ...
Stachow: Was für eine Mascha?
Korotkow: Die Zigeunerin Mascha. Die hat sich in ihn verliebt. Wie eine Katze verliebt ist sie.
Stachow: Ein allerliebstes Mädel! Und wie sie singt!...
Afremow: Ganz entzückend. Tanjuscha und sie, über die beiden geht nichts. Gestern haben sie mit Peter ein Terzett gesungen ...
Stachow: Er ist doch wirklich ein Glückspilz!...
Afremow: Weil ihn die Weiber lieben? Die gönne ich ihm!
Korotkow: Ich kann die Zigeunerinnen nicht leiden; Eleganz ist bei ihnen nicht zu finden.
Butkewitsch: Na, das kannst du denn doch nicht sagen.
Korotkow: Ich gebe sie alle für eine einzige Französin hin.
Afremow: Na, du bist ja als Ästhet bekannt. Ich will doch mal hingehen und sehen, wer es ist ... (Er geht hinaus.)
Vierter Auftritt
Dieselben ohne Afremow.
Stachow (ihm nachrufend): Wenn es Mascha ist, so bring sie her; sie soll uns etwas vorsingen! Nein, mit den Zigeunern ist es jetzt nichts Rechtes! Tanjuscha, die war früher eine großartige Sängerin; ach, hols der Teufel!
Butkewitsch: Ich meine, sie leisten noch dasselbe.
Stachow: Wie sollen sie denn dasselbe leisten, wenn sie abgeschmackte Romanzen statt der Volkslieder singen?
Butkewitsch: Es gibt auch gute Romanzen.
Korotkow: Wollen wir wetten? Ich werde die Zigeuner etwas singen lassen, und du wirst nicht erkennen, ob es ein Volkslied ist oder eine Romanze.
Stachow: Korotkow immer mit seinen Wetten!
Fünfter Auftritt
Dieselben und Afremow.
Afremow (tritt ein): Meine Herren, es ist nicht Mascha. Aber Fedja kann sie nirgends empfangen als hier. Wir wollen ins Billardzimmer gehen. (Sie gehen hinaus.)
Sechster Auftritt
Fedja und Sascha treten ein.
Sascha (verlegen): Verzeih mir, Fedja, wenn ich dir ungelegen komme; aber höre mich an; ich bitte dich inständig! (Die Stimme zittert ihr.)
Fedja (geht im Zimmer auf und ab. Sascha hat sich hingesetzt und sieht ihn an).
Sascha: Fedja, kehre nach Hause zurück!
Fedja: Höre, Sascha, ich verstehe dich sehr wohl. Liebe Sascha, wenn ich an deiner Stelle wäre, so würde ich ebenso handeln: ich würde mir Mühe geben, alles wieder irgendwie in den alten Zustand zurückzuführen; aber wenn du, du liebes, feinfühliges Mädchen, an meiner Stelle wärest, wie seltsam es auch sein mag, das zu sagen, dann würdest du gewiß dasselbe tun, was ich tue, das heißt, du würdest deiner Wege gehen und ein fremdes Leben nicht länger stören ...
Sascha: Wieso stören? Kann denn Lisa überhaupt ohne dich leben?
Fedja: Ach, liebe Sascha, mein Täubchen, das kann sie, das kann sie, und sie wird noch glücklich werden, weit glücklicher, als sie es mit mir gewesen ist.
Sascha: Niemals!
Fedja: Das scheint dir nur so. (Er hält ihre Hand in der seinigen.) Aber darum handelt es sich nicht. Die Hauptsache ist, daß ich es nicht kann. Weißt du, biege ein Stück dickes Papier hin und her; du kannst das hundertmal tun, und es hält; aber biege es zum hundertundersten Male, und es geht entzwei. So steht es auch mit den Beziehungen zwischen mir und Lisa. Es ist mir zu peinlich, ihr in die Augen zu sehen. Und ihr ebenfalls, das kannst du mir glauben.
Sascha: Nein, nein.
Fedja: Du sagst nein, weißt aber selbst, daß es so ist.
Sascha: Ich kann nur nach mir urteilen. Wenn ich an ihrer Stelle wäre und du mir so antwortetest, wie du es jetzt tust, so würde das für mich schrecklich sein.
Fedja: Ja, für dich ... (Stillschweigen; beide sind verlegen.)
Sascha (steht auf): Soll es wirklich dabei bleiben?
Fedja: Es muß wohl.
Sascha: Fedja, kehre zurück!
Fedja: Ich danke dir, liebe Sascha. Du wirst mir allzeit eine teure Erinnerung bleiben ... aber lebe wohl, mein Täubchen! Erlaube, daß ich dich küsse! (Er küßt sie auf die Stirn.)
Sascha (aufgeregt): Nein, ich nehme nicht Abschied, und ich glaube es nicht und will es nicht glauben ... Fedja ...
Fedja: Nun, so höre! Aber gib mir dein Wort, daß du das, was ich dir sage, niemandem wiedersagen wirst. Gibst du mir dein Wort?
Sascha: Natürlich.
Fedja: Nun, so höre, Sascha! Ich bin allerdings ihr Mann, der Vater ihres Kindes; aber ich bin ein überflüssiger Mensch ... Warte, warte, erwidere mir nichts! Du glaubst, ich sei eifersüchtig? Ganz und gar nicht. Erstens habe ich kein Recht dazu; und zweitens habe ich keinen Anlaß. Viktor Karenin ist ein alter Freund von ihr und ebenso von mir. Und er liebt sie, und sie liebt ihn.
Sascha: Nein.
Fedja: Sie liebt ihn so, wie eine ehrenhafte, sittsame Frau lieben kann, die es sich nicht erlauben will, einen andern als ihren Mann zu lieben. Aber sie liebt ihn und wird ihn lieben, sobald dieses Hindernis (er zeigt auf sich selbst) beseitigt sein wird, und ich werde es beseitigen, und sie werden glücklich sein. (Die Stimme zittert ihm.)
Sascha: Fedja, sprich nicht so!
Fedja: Du weißt ja, daß das die Wahrheit ist, und ich werde mich über das Glück der beiden freuen und kann gar nichts Besseres tun ... Ich werde nicht zurückkehren und gebe ihnen volle Freiheit ... Das bestelle du ihnen nur! Und nun sage weiter nichts, sage weiter nichts; lebe wohl! (Er küßt sie auf den Kopf und öffnet ihr die Tür.)
Sascha: Fedja, ich bewundere dich!
Fedja: Lebe wohl, lebe wohl! (Sascha geht fort.)
Siebenter Auftritt
Fedja allein.
Fedja: Ja, ja, wundervoll, prächtig, daß wir so damit zu Ende gekommen sind ... (Er klingelt.)
Achter Auftritt
Fedja und ein Diener.
Fedja: Rufen Sie den Herrn! (Der Diener ab.)
Neunter Auftritt
Fedja allein.
Fedja: Das ist das Richtige, das ist das Richtige!
Zehnter Auftritt
Afremow tritt ein.
Fedja: Gehen wir!
Afremow: Wie hast du denn die Sache erledigt?
Fedja: Wundervoll! Wundervoll! Wo sind die andern alle?
Afremow: Sie spielen Billard.
Fedja: Vorzüglich! Wir wollen auch hingehen und ein Stündchen da verbringen.
Vorhang.