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Der Klausenhof

Fünfzehntes Kapitel

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Ein Töpfchen allerfeinsten Honig, aufgespart und aufgehoben den ganzen Sommer für Therese. Und als Maria ihn jetzt sorgfältig verpackte, fragte sie:

»Irgendetwas auszurichten, Mutter?«

»Ja ... einen schönen Gruß ... und, warte, Maria ...,« die Bäuerin zögerte und wollte nicht heraus mit der Sprache, »... schau dich ein wenig um bei ihr ... Du weißt schon, was ich meine.«

»Ja.«

»... Hauptsächlich unter dem Vieh. Und frag sie auch über die Ernten.«

»Ja.«

»Aufrichtig gesagt, es würde mich groß wundern, wenn wirklich alles gut bei ihr ginge.«

Maria hüllte sich in ein warmes, dunkles Tuch.

»Also Gott befohlen, Mutter.«

»Gott befohlen ... und vergiß den Gruß nicht.«

»Werde ihn besorgen.«

Sie drückte die Tür ins Schloß und schritt leise fröstelnd über den Hof. Ob Stephan sich nicht zeigte? ... Aber nein, er war nirgends zu sehen ... Sie lächelte zornig, und eine trotzige Falte grub sich zwischen ihre Brauen. Ohne Gruß und ohne Wort ließ er sie fort am Weihnachtstag ...

Ohne umzuschauen eilte sie den schmalen Pfad hinab, der durch die Wiesen abwärts führte, und mäßigte erst ihren Lauf, als sie weit unten ein tannenstarrender Wald aufnahm. Gott sei Dank! Die weiten Wiesen zwischen ihr und dem Hof, zwischen ihr und Stephan, das gab ein wunderbares Gefühl der Freie ... Aber mitten in diesen Gedanken blieb sie stehen und drückte, jäh aufschluchzend, die Hände vors Gesicht. Daß es so weit kommen konnte ... so weit.

Und während sie wieder weiterschritt, begann sie plötzlich zu reden, als ob Stephan neben ihr ginge:

»Wir waren böse schon als Kinder. Ja böse, denn unsere Liebe war ein Unrecht. Weißt du noch, wie oft Therese weinte, weil wir sie nie mitspielen lassen wollten? Wir spielten immer Graf und Gräfin, und einmal sagten wir Therese, sie sei zu häßlich für ein so feines Spiel. Weißt du das noch? Seitdem hat sie uns nie wieder geplagt und lief dann immer mit dem Vater ins Feld. Und als wir größer wurden und den weiten Weg nach Kampenn in die Schule mußten, ließen wir Therese immer hinter uns laufen, weil sie damals arg stotterte und wir uns schämten, daß sie unsere Schwester war ... und jetzt sind wir zwei so elend geworden ...«

Es hatte zu schneien begonnen. Erst in feinen, weißen Pünktchen, dann immer dichter und dichter, bis große Flocken niedersanken und wie weiche Lippen Marias Wangen streiften. Und während sie das Tuch fester um die Schultern zog, sagte sie:

»Aber es ist auch ein Glück dabei, daß wir so gemeinsam leiden ...«

Plötzlich erschrak sie, und so heftig erschrak sie, daß sie mit den Händen nach dem Stamm eines Baumes griff, um nicht umzusinken. Gegen den Schnee und den Wind kämpfend, kam gebückt und schwerfällig, in einen groben Lodenrock gehüllt, ein alter Mann daher. Auf seinem Kragen leuchtete ein Stückchen rotes Tuch, um seinen Leib trug er eine breite, schwarze Ledertasche, und in den bepelzten Händen hielt er Briefe. Wirkliche Briefe, und er kam den Weg zum Klausenhof.

Maria mußte sich Gewalt antun, um nicht laut herauszuschluchzen in ungestümer Seligkeit. Und weil sie totsicher war, daß der Mann ihretwegen heraufgekommen war, blieb sie stehen und sagte:

»Ihr braucht nicht weiterzugehen. Ich kann es Euch abnehmen.«

Der Briefträger freute sich, daß er den Weg ersparen könnte, und suchte eilig unter den Briefen. Dann zog er ein weißes Kärtchen hervor und reichte es ihr mit zittrigen Händen. Hastig dankend nahm sie es in Empfang und ging rasch grüßend weiter. Als sie weit genug war, daß der Alte sie nicht mehr sehen konnte, blieb sie stehen und drehte das Kärtchen um. Dann aber fuhr ein Beben durch ihren Leib, und sie wurde blaß. Die Schrift auf der Karte war keine Männerschrift, wie sie erwartet hatte, sondern eine feine Mädchenschrift, und die Adresse war ganz deutlich: »Herrn Stephan Klausen.«

Also nicht für sie ... und sie blieb noch immer stehen und haderte mit dem Schicksal in wilder Verblendung. Soll sie ihm die Karte geben? ... soll sie sie ihm geben? ... wie kommt er dazu, daß er so glücklich wird? ... soll sie sie ihm geben? ...

Gleich aber erkannte sie ihr Unrecht und schämte sich ihrer neuen Bösartigkeit ... O, gewiß wird sie sie ihm geben ... als allerschönste Weihnachtsfreude wird sie sie ihm geben ...

Und mit zartester Behutsamkeit schob sie die Karte in die schweren Falten ihres Kleides.

– – – Therese hatte keine Ahnung gehabt, daß Maria kommen werde, und wurde purpurrot, als die Schwester plötzlich in die Stube trat.

»O, Maria!«

In echter Freude stieß sie die Worte hervor, nahm ihr das Tuch von den Schultern, schüttelte den Schnee daraus und zwang Maria in den weichsten Stuhl beim Feuer. Dann brachte sie wärmenden Tee, weiches, lockeres Brot und erkundigte sich mit überstürzenden Fragen nach der Mutter, nach Stephan und nach dem Gesinde.

Aber immer vermied sie Marias Augen, und eine feine, mädchenhafte Röte kam und ging auf ihren Wangen. Sie schämte sich vor Maria ihres Zustandes, und Maria, die nichts davon gewußt hatte, war freudig und peinlich überrascht. Und während sie beim Feuer saß, auf Theresens Reden lauschte und wohltuend die Behaglichkeit empfand, die aus jedem Ding und Winkel strömte, drängte sich ihr auf: »Therese ist glücklich.«

Ja, Therese war glücklich. Davon zeugten die traulich gerückten Möbel, die schützenden Decken und Deckchen, die schneeigen Spitzengardinen und die leuchtenden Blumen dahinter ... Blumen gedeihen nicht gern neben Sorgen.

Ja, Therese war glücklich. Das sang der Vogel im Bauer, das sang das Feuer im Herd, das sangen Theresens Augen, das klang aus jedem Wort. Und ein Triumph war dahinter, ein Triumph über das Böse, das ihr gedroht hatte ...

Gegen Mittag kam überschneit und durchgefroren ihr Mann nach Hause, und nun sah Maria erst, wie glücklich Therese war. Sah, wie süß die Sorge tat, die er um sie, die sie um ihn bezeigte, sah, wie die beiden sich verstanden, durchdrangen und ergänzten, sah, daß Therese im Herzen dieses schlichten Mannes eine Heimat hatte, einen Königinnensitz, und in ihrem abgemarterten Gehirn sprangen wirre, sehnsüchtige Gedanken auf.

»Zugehörigkeit! für den Mann zum Stamm ...

Für das Weib zum Mann ... Zugehörigkeit! ...«

Und plötzlich sprang sie vom Stuhle auf und wollte heim.

Aber dagegen wehrte sich Therese energisch.

»Was fällt dir ein? Du bist ja gerade gekommen.«

Sie goß ihr frischen Tee ein, und als ihr Mann hinausging, bog sie sich vertraulich über sie:

»Ich muß dich auch noch etwas ganz Besonderes fragen. Sag, wirst du denn nicht auch endlich daran denken?«

»Warum ich?«

»Ich meine wegen Stephan.«

Maria umschloß heimlich die Karte in ihrer Tasche.

»Was hat das mit Stephan zu tun?«

Nun wurde Therese sehr ernst.

»Alles. Weil er nicht heiraten kann, solange du zu Hause bist.«

»Warum nicht?«

»Weil das immer so war, die Mädchen heiraten, und dann erst bringt der Bauer die junge Frau, denn eine junge Frau und Schwestern, das täte nie gut.«

Maria umschloß die Karte fester.

»Du meinst, man könnte sich nicht vertragen?«

»Ja, eine neue Frau bringt neue Dinge, schafft manches ab und führt manches ein. Und sie hat das Recht dazu, denn der Hof ist jetzt ihr Hof. Dort ist ihr Heim, dort gehört sie hin.«

»So meinst du, ich gehöre nicht mehr hin?«

Darauf wurde die nüchterne, praktische Therese böse.

»Das ist ein Unsinn. Solange du dort bist, gehörst du hin, denn Stephan wird nicht heiraten, solange du zu Hause bist ... und jetzt komm mit in die Ställe, es ist eine Freude, wie das Viehzeug gedeiht.«

So gingen sie zusammen in die Ställe, wo sie auch Theresens Mann fanden. Er war mit einem jungen Stier beschäftigt, der seine Kette gelockert hatte und störrisch daran riß. Mit echtem Bauernstolz machte der Hausherr Maria auf die gutgehaltenen Tiere aufmerksam und erwähnte immer wieder, daß Therese und nur Therese alles Lob gehöre, denn es sei im ganzen Land keine Bäuerin umsichtiger und unermüdlicher als Therese. Das ganze Haus war ein Loblied auf Therese.

Maria aber gab jetzt nicht mehr nach und drängte heim.

»Es ist heute Weihnachtstag,« sagte sie, »und du wirst auch noch manches zu richten haben.«

Da blickte Therese auf ihren Mann und sagte:

»Dieses Jahr wollen wir nichts tun, aber nächstes ...«

Maria ergriff ihre Hand und drückte sie leise:

»Ich wünsche dir alles Glück, Therese ... und wenn du jemand brauchst, schicke hinauf zu uns.«

Therese nickte wortlos. Irgendwo weit hinten saß plötzlich ein Schatten, eine Sorge ... Irgendwo weit hinten ...

»Grüß die Mutter,« sagte sie endlich, »und Stephan, und die Leute.«

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