← Table of contents
Der Hochlandspfarrer

Das dänische Fräulein.

Pauline Klaiber translation

Landschaft
Landschaft
I
I

I m Winter vor dreizehn Jahren gab es in Christiania zwei Menschen, die in einem bestimmten Kreis die Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich zogen; eine blendende junge Dame aus Kopenhagen und einen asketischen norwegischen Pfarrer, dessen kräftige, begeisterte Verkündigung entweder anzog oder Ärgernis erregte.

Sie war noch in der ersten Hälfte der Zwanziger, elegant, lebhaft und begabt, — die Bühne sei ihr heimlicher Wunsch gewesen, hieß es — unabhängig und reich. Ihren Vater hatte sie als ganz kleines Kind verloren, ihre Mutter vor etwa einem Jahre. Sie hatte seither in der großen Wohnung weitergelebt, mit einem Bruder zusammen, der als Jurist eine gute Stellung hatte, aber verlobt war; also konnte das Zusammenleben kein dauerndes sein.

Nach Verfluß des Trauerjahres, im Oktober, war sie auf den Vorschlag der aus Dänemark stammenden Frau Konsul Hallager, ihrer Tante väterlicherseits, eingegangen, nämlich nach Christiania zu kommen und den Winter in deren schönem Heim am Drammensweg zuzubringen. Die Kopenhagener Geselligkeit kannte sie ja auswendig, nun wollte sie es einmal mit der norwegischen versuchen.

»Dann werden wir sie schon hier oben verheiraten,« sagte die Tante. »Und das wäre auch in jeder Beziehung die passendste Lösung.«

Er war erst wenig über dreißig, war ein angehender Schriftsteller in freigeistiger Richtung gewesen, hatte aber, wie es hieß durch den plötzlichen Tod seines besten Freundes, mit seiner ganzen früheren Lebensanschauung gebrochen.

Damals hatte er sich dann auf die Theologie geworfen und war nun als Pfarrer mit einem flammenden Eifer aufgetreten, mit dem zweischneidigen Schwert des Wortes, bereit zum Angriff und zur Verteidigung. Bis jetzt war er noch dritter Geistlicher an seiner Kirche, füllte diese aber, so oft er predigte, das ganze Jahr hindurch mehr als seine Oberen.

Die Frau Konsul empfing ihre Nichte, die sie ein paar Jahre nicht mehr gesehen hatte, mit überströmender Zärtlichkeit.

»Laß mich sehen, ob du noch immer so reizend bist? Ja, wahrhaftig, du hast dich gar nicht verändert!« sagte sie, noch ehe das junge Mädchen aus dem Eisenbahnwagen gestiegen war. »Dann komm und gib deiner alten Tante einen Kuß!«

Reizend konnte sie schon genannt werden — wenigstens in gewissen Augenblicken — viel eher als eigentlich vollendet schön. Sie wirkte wie Sonnenschein. Und die Leute wurden von ihren glänzenden Augen, ihren weißen Zähnen, ihrer blendend schönen Gesichtsfarbe und besonders von dem Ausdruck übersprudelnden Lebens hingerissen, ohne eigentlich zu wissen, wie sie aussah.

»Habt ihr ein besonderes Vergnügen, das ihr mir bieten könntet?« fragte sie, als sie nach ihrer Ankunft am Frühstückstisch saß.

»Jawohl,« sagte der Konsul, dem diese erste Mahlzeit, bei der die Familie versammelt war, die feierliche Veranlassung gab, das Wort zu ergreifen. Sonst hatte er sich angewöhnt, seinen Teil der Unterhaltung seiner Gemahlin zu überlassen, die ihren eigenen und den seinigen dazu mit Glanz besorgte. »Wir haben eine Singhalesentruppe.«

»Die wir eben gehabt haben.«

»Und einen großen italienischen tragischen Helden, vor dem alle weiblichen Herzen schmelzen — —«

»Und den wir auch gehabt haben.«

»Dann haben wir einen Pfarrer, der blitzt und donnert.«

»Die haben wir zu Dutzenden! Das ist nicht vielversprechend.«

»Ja, hör ihn nur erst einmal,« sagte die Tante, die fand, daß der Augenblick gekommen sei, wo sie das Wort übernehmen müsse. »Von seiner Art gehen keine zwölf aufs Dutzend.«

»Hast du ihn gern, Tante?«

»Ihn selbst? Ja, mein Kind, er ist ja der Neffe meines Mannes und kommt oft zu uns. Ich habe die ganze Familie meines Mannes sehr gern. Ja wirklich, das darf ich wohl behaupten.«

Der Konsul murmelte etwas, das aber höchstens seine Serviette zu hören bekam.

»Aber seine Art zu predigen,« fuhr die Tante fort, »nein, ich bitte um ein freundliches, mildes Christentum, das trösten kann, aber nicht erschreckt. Das habe ich ihm selbst mit klaren Worten gesagt, — du erinnerst dich doch auch daran, Hallager?«

Die Anrede war mehr bekräftigend als fragend, und die Frau Konsul fuhr fort, ohne eine Antwort abzuwarten: »Aber begabt ist er. Du mußt ihn unbedingt einmal hören, denn du gehst doch wohl noch in die Kirche? — Keine Leberpastete gefällig, selbstgemachte?«

»Doch, bitte, sie ist ausgezeichnet. — Ja, ich bin doch kein so ganzer Heide wie Erik. Ich ging mit Mutter immer in die Kirche und tue es auch seither, bisweilen wenigstens. Aber wenn mich jemand ganz vom Christentum abbringen könnte, so wären es diese düsteren, verdammenden Pfarrer! Sie erregen bei mir nur die Lust, ihnen zu widersprechen, und außerdem glaube ich gar nicht an ihre Heiligkeit. Sie versagen sich ein paar gleichgültige Dinge, und im übrigen essen und trinken und freien sie, gerade wie alle andern auch.«

»Ja, aber dies paßt nun nicht auf Halfdan. Er ißt und trinkt so wenig, daß seine Schwester ganz bekümmert darüber ist. Und er ist auch nicht verheiratet.«

»Das ist merkwürdig — für einen Pfarrer! Ist er auch nicht einmal verlobt?«

»Nein, in diesem Stück ist er sehr eigen. Er sagt, es sei ganz überflüssig viel Heiraterei unter den Pfarrern, und es wäre recht gut, wenn man sich ein wenig daran erinnerte, daß die beiden größten Apostel unverheiratet gewesen seien. Das ist ja Paulus — und Petrus — — nein, — mir ist, als stehe irgendwo etwas von dessen Schwiegermutter. Nun, dann ist es eben einer der andern.«

»Vielleicht Johannes,« schlug der Konsul vor; aber es wurde nicht weiter darüber nachgeforscht.

»Wohnt dein Pfarrer mit einer Schwester zusammen?« fragte die Nichte.

»Ja, sie blieben nach des Vaters Tod miteinander in der väterlichen Wohnung. Die Schwester ist etwas älter als der Bruder und wird sich wohl kaum verheiraten. Ich bilde mir immer ein, Alette müsse einmal eine unglückliche Liebe gehabt haben. Jetzt geht sie vollständig in ihrem Bruder auf. Es ist ganz ausgezeichnet für ihn, daß er eine so gesetzte, besonnene und taktvolle Dame im Hause hat, denn die Pfarrer sind gar vielem ausgesetzt! Aber nun ist sie da, um die vielen — — angefochtenen Frauenzimmer, die mit solch leerem Gerede zu so einem Pfarrer kommen, etwas abzuhalten. Die Lust, sich ihm anzuvertrauen, nimmt etwas ab, wenn sie zuerst die Schwester gesehen haben.«

»Sie bewacht ihn — das kann ich mir denken.«

»Ja, das tut sie — und treu.«

»Das ist gewiß ein Paar, das mir nicht gefallen wird,« sagte die Nichte. Dann stand man vom Tisch auf.

— Als die Nichte schon ein paar Wochen in Christiania war, sagte die Frau Konsul eines Tages zu ihr:

»Es ist recht arg, daß wir immer so vielerlei vorhatten, sodaß du noch nicht einmal Halfdan predigen gehört hast. Nun erwarten wir ihn morgen abend, — so weit man ihn überhaupt erwarten kann. Denn an dem Abend, wo man ihn eingeladen hat, ist dann immer entweder eine Betstunde, die gehalten werden muß, oder es liegt irgend jemand im Sterben! Aber vielleicht kommt er doch, und dann ist das ja ein wenig unangenehm.«

»Im Gegenteil, es ist ausgezeichnet,« sagte die Nichte. »Er meint wohl, man könne keine Stunde in Christiania sein, ohne wenigstens die halbe davon im Vereinshaus zu sitzen und ihm zuzuhören. Ich glaube gar nicht, daß ich mir irgend etwas aus ihm mache. Wie ich höre, soll er ebenso kohlschwarz sein wie seine Predigten, ein richtiger Halfdan Svarte. Und das ist gar nicht nett. Er müßte gerade recht hell sein, — glänzend hell. Dann wäre es ein pikanter Gegensatz.«

»Ja, schwarz ist er,« sagte die Tante. »Aber er sieht gut aus, eher zu gut, sonst wäre es vielleicht doch nicht so gedrückt voll in seiner Kirche.«

Am nächsten Abend kleidete sich die Nichte mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt an; es war ja eine größere Gesellschaft.

Sie wählte einen ganz neuen Anzug aus dunklem Samt, der am Hals ausgeschnitten und mit einer indischen Goldstickerei eingefaßt war. Ihr weißer Hals hob sich blendend weiß aus dem dunkelblauen Gewand. Nur eine ganz feine, goldene Kette trug sie dreimal um den Hals geschlungen, und in ihrem lockigen Haar leuchtete eine einzige feuerfarbige, seidene Mohnblüte.

»Wir werden ihm ein wenig in die Augen stechen,« dachte sie und nickte ihrem Spiegelbilde zu. »Das wird ihm gut tun — zur Abwechslung —«

Es waren schon viele Gäste in dem hellen, schönen Salon versammelt. Und auch hier, wie fast überall, drehte sich das Gespräch um den Pfarrer und die Geschichten, die von ihm erzählt wurden.

»Es ist merkwürdig,« sagte die Dänin zu ihrem Nachbar, »daß ein solcher Mönch überhaupt in Gesellschaft geht.«

»Er tut es wohl auch nur bei seinen Verwandten. Vielleicht hofft er, Gutes zu wirken, auch auf diese Weise.«

Eine der Damen hatte an demselben Tag eine neue, ganz wahre und schauerliche Geschichte von ihm gehört.

»Wissen Sie, was er zu der Tochter des Bürgermeisters K. gesagt hat, als sie kam, um das Begräbnis ihres Vaters zu bestellen? War Ihr Vater ein gläubiger Mann? fragte er gleich am Anfang. — Vater pflegte nicht davon zu sprechen, sagte sie. — Ging er in die Kirche? — Vater war mehrere Jahre krank. — Aber ehe er krank wurde? — Nicht sehr oft, glaube ich. — Las er fleißig in der Bibel? — Nicht, so viel ich weiß. Aber gut war er, mein Vater! — Dann ist ihm die Hölle gewiß. — Aber da nahm sie das Blatt vom Mund, sie, die Gudrun K. — Wollen Sie meinen Vater in die Hölle tun? fragte sie. Dann danke ich. Da gehe ich lieber zu einem Pfarrer, der ihn in den Himmel tun will. Es wird mir nicht schwer werden, einen solchen zu finden!«

Während des Stimmengewirrs nach dieser Erzählung, mitten unter dem Lachen und der Entrüstung, hörte die Nichte eine Stimme, ruhig wie einen Glockenton, die dicht neben ihr fragte: »Von wem handelt die Geschichte?«

Mit einer sekundenlangen, peinlichen Verlegenheit schaute die Frau Konsul auf. Dann sagte sie entschlossen: »Aufrichtig gesprochen, mein Lieber, sie handelte von dir.«

Blitzschnell wandte die Nichte den Kopf.

Kohlschwarz — ja! Fast blauschwarzes, wallendes Haar, von der weißen, von Gedanken gefurchten Stirn zurückgestrichen, schmale dunkle Augen, etwas verschlossene, scharf geschnittene Züge, das Kinn und der bartlose Mund klassisch fein in den Linien, wie die des großen Napoleon.

»Ja, du mußt entschuldigen, daß du es gehört hast,« sagte die Konsulin, »es ist recht langweilig.«

»Im Gegenteil, sie war ganz unterhaltend, und das pflegen sie sonst nicht zu sein, die Geschichten, die über mich im Umlauf sind.«

Nun stellte ihn die Tante einigen aus der Gesellschaft vor, die ihn noch nicht kannten. Nachdem die Begrüßungen ausgetauscht waren, ließ er sich da, wo er stand, etwas im Hintergrund auf einen Stuhl nieder.

Die Nichte wandte ihm ihr strahlendes Gesicht voll zu.

»Ist sie nicht wahr, die Geschichte?« fragte sie.

Er atmete plötzlich hastig auf, wie wenn er überrumpelt worden wäre. Ja, sie merkte es gut, obgleich er es nicht sehen lassen wollte.

Dann sagte er ruhig: »Finden Sie etwa, daß sie mir ähnlich sieht? Haben Sie mich predigen gehört?«

»Nein.« Sie freute sich, so antworten zu können. »Während der beiden ersten Sonntage, die ich an einem neuen Ort bin, gelingt es mir nie, in die Kirche zu kommen. Aber könnte sie nicht wahr sein?«

»Nein, denn es ist gerade eine Eigenheit von mir, daß mir die Verstorbenen so sehr leid tun. Die Lebenden kann ich angreifen, — und das tue ich gerne. Denn es gehört Kraft dazu, einen Menschen von sich selbst frei zu machen. Aber — einen Toten! Den stillen, verteidigungslosen, hilflosen! — Es ist zum Händeringen schwer, daß man nichts für einen Toten tun kann! Aber über den herfallen, der vor dem schlimmsten Gericht steht — nein, etwas so Feiges!«

»Sie wissen ja gar nicht, wie Gott richten wird.«

»Ich glaube doch, daß man dafür einen ganz guten Maßstab hat. — Aber ich dachte vorhin nicht an das Gericht Gottes. Ein Toter steht unter seinem eigenen Gericht. — Mit nackter Seele — —

Schon von Kind auf wäre ich gerne bis ans Ende der Welt gewandert, wenn ich dadurch einem Toten ein Versteck in meinem Herzen hätte bieten können! Und ich kann diesen Gedanken noch immer nicht los werden, selbst jetzt noch nicht.«

Es fiel ihr auf, wie weich seine Augen doch waren, wie sie gleichsam das sammetweiche, verschlossene Dunkel des Nachthimmels hatten.

Ihr eigenes Gesicht wurde ernst bei seinen Worten. »Ich verstehe dieses Gefühl gut,« sagte sie. »Ich habe sehr liebe Verstorbene.«

»Ich weiß es, Sie Ärmste!«

Dies klang so natürlich, so wenig überlegen, daß es ihr, obgleich sie in diesem Augenblick gerührt war, doch nicht gefiel. Er war so selbstbewußt und unerschütterlich! —

Seine Schwester war mit ihm gekommen; aber sie hatte ein stilles Talent, sich der Aufmerksamkeit zu entziehen, um diese ungeteilt auf den Bruder richten zu können, so daß niemand weiter acht auf sie gab, bis die Nichte zu ihr trat und sie anredete.

Alette glich ihrem Bruder in den Zügen ein wenig, war aber blond und hatte blaugraue Augen, die aus der Entfernung sehr kühl aussahen, in der Nähe aber herzlich sein konnten. Ja, aber nicht immer, wie die Nichte bald entdeckte. Sie hatte geglaubt, das Fräulein werde dankbar dafür sein, daß sich jemand mit ihr abgab, sah aber nach einer kurzen Unterhaltung ein, daß ihre Zurückhaltung voller Selbstgefühl war, und daß sie sich nicht das geringste daraus machte, sich mit andern, als die sie selbst wählte, einzulassen.

Die Nichte war denn auch rasch mit ihr fertig und mischte sich wieder unter die andern.

Dann kam das Essen, stehendes Büfett, wo die Nichte der Tante bei der Versorgung der Gäste behilflich sein mußte.

Hierauf setzte sich eine ältere Cousine, die dreißig Tänze auswendig konnte und deshalb rundum in der Familie eingeladen wurde, ans Klavier, und die großen Tische im Eßzimmer wurden auf die Seite gerückt, damit die jungen Leute ein Tänzchen machen konnten.

Die Nichte besann sich einen Augenblick, dann ging sie quer durchs Zimmer zu dem Pfarrer hin, der an der Salontür lehnte, und verneigte sich vor ihm in all ihrem Glanz.

Er verbeugte sich tief, so tief, daß er noch nicht ganz fertig war, als sie sich wieder aufrichtete.

»Ich danke, aber ich tanze nicht.«

»Sind Sie zu fromm dazu?« Sie hatte sich darnach gesehnt, ihm diese Worte zuschleudern zu können.

»Gefällt es Ihnen vielleicht, wenn ein Pfarrer tanzt?«

»Jawohl,« entgegnete sie schnell. »Ich tanze selbst sehr gern und —«

»Wenn er von einem wilden Galopp — mit flatternden Rockschößen — zu einem krebskranken Mann geht, wie ich nachher? Dann sind Sie genügsamer als ich. Den Pfarrer möchte ich nicht an meinem Sterbebette haben.«

»Nein, natürlich nicht, wenn Sie zu einem Kranken müssen.«

»Übrigens hätte ich das eigentlich nicht von Ihnen gedacht. Ich hätte geglaubt, daß Sie die Pfarrer eher zu weltlich als zu enthaltsam fänden.«

Das war im Grunde auch wahr, so daß sie ihm nicht widersprechen konnte.

»Ihr Kranker,« sagte sie mit etwas röteren Wangen, »wird er bald sterben?«

»Sehr bald.«

»So helfen Sie ihm — vorher.«

»Das ist es gerade, was ich versuche,« antwortete er kurz. Und sie wußte wohl, daß er keinen Gefallen an ihr fand.

Aber die Schwester noch weniger. Sie fühlte es, als sie nach diesem Gespräch an ihr vorüber kam und von der mißbilligendsten Kühle der blaugrauen Augen getroffen wurde. Doch die Huld und Gnade dieses Paares konnte sie wohl entbehren!

Der nächste Sonntag kam herbei. Die Frau Konsul hatte Schnupfen und wagte nicht, in die Kirche zu gehen.

»Die Luft in der Kirche ist am allerschädlichsten, wenn man erkältet ist,« sagte sie. »Und ich möchte die Gesellschaft bei Bödkers nur sehr ungern absagen. Sonst ist es mir sehr leid, wenn ich drei Sonntage vergehen lassen muß, ohne das Gotteshaus zu besuchen. In welche Kirche willst du gehen?« fragte sie die Nichte, die eben den Hut aufsetzte.

»Ich weiß nicht recht,« erwiderte diese, während sie einen weißen Schleier um ihren Hut band, in dem Gedanken, daß dieser sie etwas mehr in die Augen fallend mache. »Vielleicht gehe ich hin und höre Halfdan Svarte donnern,« fügte sie kurz nachher hinzu, »wenn es noch nicht zu spät ist.«

»Nein, zur Predigt kommst du gerade noch recht.«

Sie tat es; und sie kam noch zeitig genug, obgleich sie ihn eigentlich recht gerne bei der Liturgie gehört hätte. Er war ja wegen seiner schönen Stimme bekannt.

Wie sie so dastand, — von sitzen war keine Rede, wenn man so spät kam, — hatte sie die Kanzel gerade vor sich und konnte noch besser als neulich sein Gesicht studieren, konnte sehen, welche feine Linien Mund und Kinn hatten, und wie schön er sie bewegte, wenn er sprach. Die Mundwinkel waren besonders anziehend. Der untere Teil des Gesichts hatte wirklich die Schönheit des großen Franzosenkaisers.

Auf einmal wußte sie es. Hier auf der Kanzel sah er ganz so aus, wie Napoleon auf der Brücke von Arcole. Hier war derselbe Blick, mit dem jener zurückschaut, ob seine Leute ihm folgen, — mit der ganzen Energie des konzentrierten Willens, um sie vorwärts zu treiben.

Ob sie ihm nachfolgen, — — nicht, wer sie sind, nicht, wie sie aussehen ... Sie fühlte es, vor diesen Augen verschwanden hundert weiße Schleier wie Nebel vor der Sonne, sie fühlte, daß alle Farben, alle Schönheit eines Gesichts diese Augen nicht aufhalten konnten auf ihrem Wege nach innen, um einzig und allein darnach zu sehen, ob die Seele, ihre ganze Fähigkeit aufs höchste angespannt, ihm folge auf dem Wege dahin, wohin er voranschritt, das Banner über seinem Haupte hoch erhoben.

Sie schlug die Augen nieder. Sie fühlte, sie war nicht mit in dem Strom des Wollens, der ihm aus all den aufgerichteten Augen entgegenfließen sollte, als ein Ja und Amen auf das, was er verlangte.

Als er die Kanzel verließ, erst da wurde es ihr klar, daß sie beinahe nichts von seiner Predigt gehört hatte.

Was sollte sie nun der Tante sagen, die es liebte, den Gottesdienst — oder besser gesagt, die Predigt — bei Tische zu besprechen? Natürlich war sie kraß, und sie handelte ja von der Verklärung auf dem Berge, — diese beiden Tatsachen ließen sich vielleicht etwas weiter ausgeführt glücklich verwenden, so daß der eigentliche Mangel verborgen blieb.

Während des Gesangs sah sie ihn wieder an. Da wandte er ja der Gemeinde den Rücken, aber sie war so weit auf der Seite, daß sie ihn ungefähr im Profil hatte. Seine Augen waren auf das große Kruzifix über dem Altar gerichtet.

Und plötzlich sah sie seinen Blick wie einen Blitz aus der dunklen Tiefe der Augen hervordringen. Dieser Blick war ein Feuer — eine Feuersglut, die die gemarterte Gestalt vor ihm umschloß — von den durchbohrten Füßen an bis zu dem dornengekrönten Haupt. In diesem Blick lag die ganze Seele. Und diese Seele war Feuer.

Wo sie im Lauf des Tages stand oder ging, immer sah sie den Blick, wie er sich, einer Flamme gleich, einen Weg brach. Und jedesmal empfand sie ihn wie einen brennenden Schmerz.

War es, weil sie selbst ihren Mangel fühlte an dem Einen, dem Einzigen, zu dem man solch einen Blick erhebt? Ja, daher kam es wohl!

— Bei Bödkers war man nur im kleinen Familienkreis versammelt, aber sie ging der entzückenden Kinder wegen sehr gern hin. Das jüngste der Flachsköpfchen dort hatte bei ihrem ersten Besuch seine runden Ärmchen von hinten um ihren Hals geschlungen und gesagt: »Ach ... du dänisches Fräulein!«

Die Erwachsenen in der Familie hatten diese Benennung dann aufgenommen, und nun wurde sie ausschließlich so genannt.

Es war so reizend, die Kinder um sich zu haben, die leuchtenden, goldblonden Köpfchen innig an sich geschmiegt.

Der Pfarrer und seine Schwester waren auch da. Sie kamen spät und mußten natürlich gleich nach dem Essen wieder weg zu einer der ewigen Versammlungen. Er sah müde aus und sprach fast nichts. Überhaupt, wie konnten die norwegischen Männer schweigen! — Die Schwester schien das ganz in der Ordnung zu finden, daß ihn hier niemand dazu brachte, den Mund aufzumachen. Aber das dänische Fräulein wollte mit ihm reden, sie wollte ihn herausfordern. Sie fühlte, daß er sich nichts daraus machte, und das reizte sie.

Bei Tisch unterhielt sie alle die andern — fröhlich und lebendig, — aber beim Kaffee trat sie zu ihm, als er einen Augenblick allein stand.

»Heute habe ich Sie also predigen hören.«

»Ich sah Sie — ja.«

»Sie waren sehr streng.« — Sie konnte wohl annehmen, daß er das gewesen war.

»Stimmte das, was ich gesagt habe, nicht mit der Bibel überein? Dann können Sie ja meine Worte einfach kassieren, sonst aber müssen Sie Ihre Klage höheren Orts vorbringen.«

»Wie übervoll Ihre Kirche war!« Es war doch wohl besser, von der Predigt abzulenken.

»Ja.«

Entgegenkommend war er nicht. Aber so leicht gab sie ihre Sache nicht auf.

»Wissen Sie, heute ist es mir klar geworden, wie ein Gesicht verklärt, das heißt enthüllt wird. Dies geschieht, wenn das Gefühl, das das tiefste in einem Herzen ist, das die Persönlichkeit enthält, hervorbricht.«

Keine Antwort. Es war ihr, als sehe er ungeduldig aus.

»Ich wünschte, ich könnte mit Ihnen zu der Versammlung gehen,« begann sie wieder.

»Warum?«

»Weil — hier ist es nicht sehr unterhaltend.«

»Ja, — das ist ein sehr guter Grund.«

Sie merkte, daß er gehen wollte — und da schaute sie ihm plötzlich gerade in die Augen. »Warum versuchen Sie es nicht, mich zu bek....., ja, auf mich einzuwirken? Bin ich vielleicht nicht würdig genug?«

Er hielt ihren Blick mit unerschütterlichem Ernst aus, ohne eine Spur von Weichheit in den Augen.

»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er. »Und gerade das — ich weiß nicht, ob Sie ...... Ich habe mir keine Gedanken über Sie gemacht, aber Sie machen eher den Eindruck, als ob Sie überhaupt keine geistlichen Begriffe hätten, im tiefsten Sinne genommen.«

Sie lachte. »Wie schmeichelhaft! Ja, was fehlt mir denn Ihrer Ansicht nach?«

»Die Hilfsbedürftigkeit. Sie haben ja Überfluß, und es fehlt Ihnen nichts.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich höre es, ich sehe es. Sie wissen Auswege, und Sie verstehen auszuweichen. Wo der Ernst des Lebens Ihnen entgegentritt, lassen Sie ihn als Gesprächsthema schnell wieder fallen. Sie lassen sich dadurch nicht in Angst jagen. Wenn die Hilfsbedürftigkeit bei einem Menschen die Oberhand gewinnt, den Kopf hervorstreckt — angstvoll wie ein Ertrinkender —, dann ist die Stunde gekommen, ihm eine Planke zu reichen, die ihn tragen kann. Aber nicht dem, der sich sicher fühlt und nach der Rettungsplanke — nur hintänzeln will.«

Sie hatte aufgehört zu lachen. Denn sie fühlte, daß das Lachen leicht in Weinen umschlagen könnte.

Nun wandte sie sich ab, ohne noch ein Wort hinzuzufügen. — — Und da fühlte sie, daß er sie gerne zurückgehalten hätte, daß er bereute, sich übereilt zu haben. Aber so leicht — — nein, so leicht sollte es ihm doch nicht gemacht werden.

Sie verschanzte sich hinter den Stuhl ihrer Tante und blieb da sitzen, bis er sich verabschiedete. Und da reichte sie ihm nur die Fingerspitzen über die Stuhllehne weg, ohne aufzusehen. Und es half ihm nichts, daß eine zögernde Bitte in seinem Händedruck lag.

An der Tür des Eßzimmers blieb er plötzlich stehen und sagte: »Nicht wahr, gnädiges Fräulein, Sie fragten vorhin nach meinem Krebskranken? Es ist mir etwas eingefallen, was ich Ihnen gerne von ihm erzählen möchte.«

Wie überrascht stand sie auf. »Meinen Sie mich?« fragte sie und folgte ihm langsam und zögernd ins Eßzimmer.

Hier streckte er ihr beide Hände entgegen. »Habe ich Sie verletzt? Bitte, verzeihen Sie mir!« Sie stand unbeweglich vor ihm und erwiderte nichts, wenigstens nicht gleich.

»Nicht ich habe gesucht,« fuhr er fort, »ein Gespräch mit Ihnen anzuknüpfen. Meine Absicht war es, Ihnen auszuweichen. Ich meine — wir beide sind so sehr verschieden — — Aber das ist keine Entschuldigung, das weiß ich. Ich bitte Sie, vergeben Sie mir.«

Jetzt schaute sie auf. »Sie tun mir Unrecht,« sagte sie. »Weil ich lebhaft bin und vielleicht mein Äußeres gegen mich spricht, sprechen Sie mir sogleich jeglichen Ernst ab. Das ist sehr oberflächlich geurteilt.«

»Nein, Sie täuschen sich. Begabung und Schönheit sind keine Hindernisse für das Christentum, und ich würde sie nie als solche betrachten. Es kam mir nur vor, als seien Sie mit so wenig zufrieden, als begehrten Sie gar nicht mehr und nichts anderes. Ist es nicht so, wirklich nicht?«

»Nein, nein, doch nicht ganz.«

Ihre eigene Stimme klang ihr wie die einer Fremden. Sie klang so ängstlich.

»Ich wünschte, Sie könnten jetzt mit mir gehen,« sagte er nach einer Weile. »Dann würde ich mit Ihnen reden. — Aber nicht mit einem weißen Schleier auf dem Hut, der würde dort zu sehr abstechen — da, wohin ich jetzt gehe.«

Sie sah ihn an mit dem Schimmer eines forschenden Lächelns im Auge.

»Ich wollte, ich könnte,« sagte sie. »Ich würde ein altes Tuch um den Kopf binden wie die gewöhnlichste Frau. Aber versuchen Sie so zu sprechen, daß ich es verstehen kann.«

»Ich will sehen, was ich tun kann. — Doch nun adieu!«

Er konnte auch lächeln! Und die dunklen Augen waren so mild, daß sie seinen Blick fühlte wie eine Berührung.

»Doch was macht der Patient?«

»Es geht ihm besser, — in geistlicher Hinsicht.«

Während sie zu den andern zurückkehrte, dachte sie: »Wenn er sich nur das nächstemal auch wieder übereilen würde! Die Verpflichtung, es wieder gut zu machen, wird immer groß bei ihm sein. — Und sonst interessiere ich ihn ja nicht, während doch jede glattgekämmte Vereinsdame dessen ganz sicher sein kann.«

Aber das nächstemal ließ auf sich warten.

Die Schwester hatte wohl die Szene in der Eßstube bemerkt und ihn gewarnt. Die selbstbewußte Alette hatte ja erklärt, daß die Kopenhagener kein ernsthafter Menschenschlag seien, und sie, das dänische Fräulein, sicherlich als die schlimmste dieser leichtsinnigen Rasse hingestellt. Überhaupt — jemand mit gekräuseltem Haar, schlanker Taille und kleinen Füßen konnte keinen Lebensernst haben. So einer mußte man nur ausweichen.

Und die Männer sind so naiv, so ganz von dem rein Äußerlichen gefangen genommen! Es gibt Frauen, von denen man sie immer glauben machen kann, daß sie sich vor ihnen hüten müßten. Sie kannte Frauen, die geglaubt hätten, sie seien verloren, wenn sie Stirnlocken trügen, die in der Sonntagsschule unterrichteten und das bescheidene Auftreten angenommen hatten, das förmlich um Entschuldigung bittet, daß man überhaupt da ist, und die aber nachher doch ganz gut wußten, was sie wollten. Aber diese waren sicher, stets vollkommenem Zutrauen zu begegnen.

Aber so eine wie das dänische Fräulein, die versuchte man nicht einmal zu bekehren. Dazu hatte man ja die Armenhäusler und die Fabrikmädchen! Wie sonderbar, daß Männer wie dieser Pfarrer so wenig in ihrem eigenen gebildeten Kreise wirken! Das wollte sie ihm doch das nächstemal zu bedenken geben. Ja, das nächstemal, das nicht kommen wollte!

Die ganze Woche verging. Sie wurde es so müde, in Gedanken lange Gespräche zu führen, die immer gelangen, die immer ein erstaunlich günstiges Resultat hatten, daß sie sie gern alle um ein einziges kleines wirkliches, mißglücktes Zwiegespräch hingegeben hätte.

Dann kam der Sonntag. Aber da predigte er nicht einmal.

»Gehst du nie in die Betstunde, Tante?« fragte die Nichte am Morgen, die Zeitung in der Hand.

»Nein, Kind, ich will lieber meine Erbauung in der Kirche haben. Aber ich habe gar nichts dagegen und lasse auch die Dienstmädchen abwechslungsweise hingehen, wenigstens manchmal. Heute abend soll Margit gehen und Halfdan in dem Vereinshaus in der Kalmeyerstraße hören. Ich glaube, er spricht über die Freiheit.«

»Ich hätte beinahe Lust, mitzugehen. Ich will es einmal versuchen.«

»Ja, dann begleitet sie dich.«

Es war sehr voll in dem Vereinshaus und sehr heiß. Voll von Menschen, die nicht ganz in derselben Tonart sangen. — Freiheit — ja, um alle hinauszukehren und frische Luft hereinzulassen, das war es, was sie in diesem Augenblick am meisten gewünscht hätte.

Als die hohe, dunkle Gestalt die Rednerbühne betrat und über die Versammlung hinschaute, kam es ihr plötzlich vor, als ob sein Blick kalt und müde werde.

»Er hat mich entdeckt,« dachte sie.

Es war deutlich, daß sie ihn störte. War nicht etwas Gezwungenes, etwas Unwirkliches in seinem Gebet? Riß es denn ihn und alle die andern mit?

Dann kam die Rede. Freiheit, — das Wort, das einem den Atem benimmt, dessen bloßer Ton schon dies und jenes sprengt, das Wort, das das ganze Brausen des entfesselten Sturms hat — würde er von solcher Freiheit sprechen? Er, der nichts wünschte, als die Fesseln um sich und andere fester zu ziehen.

Nun ja, man hätte es sich ja denken können, daß er es so auslegen würde.

Man werde in Knechtschaft geboren und lebe gebunden, — ja, das sei man ja an vielen Orten. Nicht allein von harten Verhältnissen, Krankheit, Kummer, Armut, Tyrannei anderer, von all dem, was man sein böses Schicksal nenne, unter dem man seufze. All dies sei nicht als Fessel zu rechnen. — Ach, sie dächte doch! — Oder besser gesagt, es komme alles von einem her, von dem Joch, dem eisernen Joch, das »die sündige Natur« heiße — von diesem eisernen Joch, das ein wahnsinniger Mensch im Anfang der Zeiten einmal auf seine Schultern genommen habe, in dem falschen Glauben, daß es die Freiheit sei, und der dann damit zusammengewachsen sei, mit dem eisernen Joch, unter dem man nun geboren werde, das mit jedem Tag schwerer werde, immer tiefer ins Fleisch einschneide und einen immer mehr zur Erde hinunterdrücke, schließlich bis in den grundlosen Pfuhl des Todes ....

Ja natürlich, es lag etwas Unfreies darin, daß man so viele Fehler hatte! Aber sie hingen doch auch mit den guten Seiten eines Menschen zusammen .... Ja, vielleicht war es gerade dieses Verwachsensein, was er meinte —

Dann ging er dazu über, zu erklären, was Freiheit sei.

»Freiheit ist nur eins, Aufhebung der Knechtschaft. Das eiserne Joch unter die Füße treten. Aber wer ist dazu tüchtig? Wir kraftlose Menschen nicht, die nicht einmal das geringste bemeistern können — Krankheit, Kummer, Armut — wer von uns kann aufstehen und das eiserne Joch seiner eigenen sündigen Natur brechen?«

Dann, — dann sprach er von einem, der das getan habe, einer, der selbst nicht unter dem eisernen Joch geboren war, der aufrecht, ganz aufrecht und frei durch die Reihen der Gebeugten schritt, der es aber den andern abnahm, es den niedergebeugten Rücken der Menschen entriß mit starken, reinen Händen, und es auf blutigen Schultern trug, der seine Handflächen wund riß, um es entzwei zu brechen. — Einer, der Liebe genug hatte, um selbst unter diesem eisernen Joch zu Boden zu stürzen, unter ihm zermalmt zu werden, — aber auch Lebenskraft genug, heilige, ungebrochene Lebenskraft, um eines Morgens aufzustehen, und das Joch unter die Füße zu treten, damit »du wirklich frei sein solltest«.

»Bist du frei? Vielleicht hast du es gar nicht gefühlt, daß du ein Sklave bist. So wahnsinnig töricht ist ja die Welt immer noch, daß sie meint, das eiserne Joch, das sei die Freiheit. Daß sie es wagt, zu behaupten, daß die Freiheit um so größer sei, je tiefer sie einen in den Schmutz hinunterdrücken könne. Die Befreiung von dem Joch dagegen, das nennt sie Knechtschaft.

Doch im tiefsten Innern des Menschen findet sich eine Stelle, wo die Wahrheit ihren Sitz hat, und von der aus er richtig sehen kann, wenn er selbst nur will. Und wenn der Ruf, der große Ruf der Wahrheit durch die Welt geht, wenn er mit dem Flügelschlag des Geistes durch die Welt tönt und laut in Klarheit das bekräftigt, was du selbst dunkel fühlst, dann bist du dafür verantwortlich, wie du wählst. Aus der Weltklugheit heraus, die, wie du im tiefsten Innern wohl weißt, Lüge ist, oder aus der Wahrheit. Entweder Knechtschaft — Knechtschaft unter deine eigene sündige Natur — oder Freiheit durch den einen Einzigen, der das eiserne Joch zerbrechen kann, auch für dich. — Auch hier in diesem Saal gibt es eine Wahl, — merk dir das! Auch in dieser Stunde werdet ihr zur Freiheit berufen, meine Brüder!« — —

Nach der Rede wurde der Pfarrer von all denen, die ihm zum Dank die Hand drücken wollten, förmlich belagert. Das war wohl so Sitte nach den Betstunden.

»Geh du nur heim, Margit,« sagte das dänische Fräulein zu dem Dienstmädchen. »Meine Tante wird dich wohl beim Teetisch nötig haben. Es sind Bekannte von mir da, die ich gerne begrüßen möchte, und ich gehe dann mit ihnen.«

Langsam lichteten sich die Reihen, während sie der Mitte des Saales zuschritt. Es war ihr, als halte er die andern zurück, während sie näher trat. Tat er es, um ihr auszuweichen? Oder — nein, das konnte nicht sein — um sie zuletzt und allein zu haben. — Sie wurde die Letzte.

»Sind Sie allein?« fragte er wie erstaunt.

»Und Sie?« hätte sie beinahe mit einer Art Jubel im Ton ausgerufen, aber sie antwortete nur: »Ja, ich habe das Mädchen heimgeschickt, weil es so spät wurde.«

»Meine Schwester hat einen sehr schlimmen Husten,« sagte er, ohne einen Zusammenhang mit ihren Worten. Aber ihr war es, als verstünden sie eins des andern Gedankengang, und als sei seine Bemerkung ganz selbstverständlich.

Es war auch selbstverständlich, daß er mit ihr den Saal verließ und neben ihr her ging.

Sie sprachen die ganze Zeit von der Freiheit — davon, daß man frei werden müsse, frei von — von dem, »das bindet«, sagte sie. »Bei dem Wort Freiheit — ich liebe es — denke ich meistens an die Freiheit, zu handeln.«

»Das kommt auf eins heraus. Das eine folgt aus dem andern.«

»Ja, das kann wohl sein, aber es ist doch nicht dasselbe. Sie sprachen aber doch nicht von meiner Freiheit — meiner Freiheit, zu ... Was Sie darüber sagen würden, das zu hören hatte ich mich gesehnt. Verstehen Sie nicht? Die Freiheit, die gleichsam mit einem fortbraust, fort in einen ungeheuren Raum, wo es keinen Zwang gibt. Die Freiheit, zu — — zu denken, sprechen, fühlen, zu leben wie ich, gerade ich, will und mag. Das Recht, ich selbst zu sein, dem Drang meiner eigenen Persönlichkeit zu folgen, wie der Vogel, der fliegt, und wie der Fisch, der schwimmt.«

»Wo finden Sie diese?« fragte er. »Den Drang kenne ich recht gut. Vielleicht war er es, der mich, mehr als alles andere, hinauswarf, hinaus in die große Freiheit. Den Tummelplatz für seine Persönlichkeit, die Luft für den Vogel, das Wasser für den Fisch — das Lebenselement für das Leben des einzelnen — mit dem jubelnden Recht da zu sein, zu atmen, sich zu bewegen als der, der man ist, — in seiner tiefsten und wahrsten Bedeutung — — wo findet sich das?«

Unwillkürlich entfuhr ihr, — obgleich sie dies früher niemals mit dem Gedanken an Freiheit verbunden hatte: »In dem Herzen eines anderen Menschen.«

»Ja, — — ja, da würde man es noch am ehesten finden. Aber dies ist trotzdem ein begrenzter Raum, ein Menschenherz hat Grenzen. Man stößt mit der Stirne an, auch da. Nur ein Herz ist unbegrenzt. Nur an einem Ort kann man aus tiefster Seele aufatmen, in das Weltenmeer untertauchen.« —

»Ja — aber sind Sie denn nicht gebunden, — gebunden — —«

»Von meiner Freiheit? Doch. Aber ihr Joch drückt nicht nieder. Sie ist gleich Flügeln, die tragen nach oben — unwiderstehlich!«

Plötzlich blieb er stehen und sah sich um.

»Darf ich Sie hier in eine Straßenbahn setzen?« sagte er. »In einem Haus ganz in der Nähe liegt ein kleines Mädchen, sterbend, schon tot vielleicht, dessen Mutter ich besuchen möchte.«

»Dann warten Sie um meinetwillen nicht auf die Straßenbahn,« sagte sie hastig. »Gehen Sie nur gleich!«

»Nein, nein — ich lasse Sie nicht allein auf der Straße stehen. Der Wagen könnte ja besetzt sein.«

»Könnte ich dann nicht —?« Sie hielt inne, bange vor einer abschlägigen Antwort.

»Mit hinaufgehen? Doch. Aber es ist ein trauriger Anblick. Das Kind ist taubstumm. Und das erschwert alles so sehr.«

Sie gingen durch ein paar Gäßchen, die sie nicht kannte. »Karl XII. Straße,« las sie im Laternenschein an einer Ecke.

Vor einem niederen, alten Haus hielt er an. »Einundzwanzig,« sagte er. »Hier ist es.«

Sie gingen durch das Tor und auf ein dunkles Loch zu. Er zündete ein Streichholz an, und in dessen flackerndem Licht sah sie einen kleinen, dunklen Hof — er schien wie dazu geschaffen, von Ratten zu wimmeln — und eine Treppe, die zu einem Altan führte.

Die morschen Stufen krachten unter ihren Tritten. Der Pfarrer tastete den Gang entlang bis zu einer Tür, wo er anklopfte.

Eine Frau, alt aussehend mitten in jungen Jahren und mit verweinten Augen, machte ihnen auf.

»Ich bin es, der Pfarrer. Ich mußte noch einmal sehen, wie es bei Tulla steht.«

Die Frau schüttelte nur den Kopf.

Sie traten in eine kleine, ganz reinliche Stube. Neben einem großen Bett stand ein kleineres, worin sich etwas bewegte mit tastenden Händchen und einer kleinen, stöhnenden Brust. Da lag ein Kind von zwei bis drei Jahren, den Tod im Gesicht, mit großen hilflosen, erschreckten Augen, die nichts von der Qual begreifen konnten, die es überwältigte. Der Atem drang wie ein hartes Zischen über die fiebertrockenen, offenstehenden Lippen, die mit einer bräunlichen Kruste bedeckt waren.

Der Pfarrer und seine Begleiterin traten an das Bettchen. Einen Augenblick betrachtete sie stumm das Kind, — dann wandte sie sich plötzlich zu der Frau und küßte sie.

Die Mutter brach in Tränen aus. »Liebe Tulla,« sagte sie, »liebe Tulla!«

Das Fräulein trat ans Fenster und öffnete einen Flügel.

»Um ihr den Atem zu erleichtern,« sagte sie. »Hier ist es so beklommen.«

Von dem weiten, ruhigen Sternenhimmel her strich ein Strom reiner und kühler Luft herein. — — Dann nahm das Fräulein ihr Flakon mit kölnischem Wasser, das sie mit in die Betstunde genommen, aber nicht benützt hatte, und träufelte von dem Inhalt auf das Kissen um das kleine, fahle Gesicht her, — das Kind atmete plötzlich etwas hurtiger und tiefer.

Ein Glas mit Wasser und Saft stand neben dem Bett, aber die Kleine konnte nicht mehr schlucken. Das Fräulein befeuchtete ihren Finger in dem Glas und begann dem Kinde die harten, vertrockneten Lippen zu netzen. Sie war so froh, daß sie ein klein wenig äußerliche Hilfe leisten konnte, etwas anderes konnte sie doch nicht bringen.

»Sie sind ja eine ganze Krankenpflegerin, Frau Pfarrer,« sagte die Frau, während der Pfarrer seinen Überzieher auf einen Stuhl legte.

Sie nickte nur dazu. Es wäre so umständlich gewesen, die Frau aufzuklären.

»Nein, daß der Herr Pfarrer auch noch seine Frau mitgenommen hat!« fuhr die Frau fort, als dieser wieder an das Bett trat.

Nun kam die Aufklärung mit Blitzesschnelle.

»Dies ist ein dänisches Fräulein, das von der Betstunde aus mitkam. Ich bin nicht verheiratet.«

Die Eile, mit der er diesen belastenden Verdacht zurückwies, trieb ihr das Blut in die Wangen, aber sie fuhr ruhig fort, sich mit der Kleinen zu beschäftigen.

Plötzlich sah der Pfarrer auf den Finger, mit dem sie über den Mund des Kindes strich.

»Tuberkulose,« sagte er leise.

»Ja,« antwortete sie, als ob sie den Gedanken nicht verstünde. Aber sie wünschte, daß sie eine kleine Wunde am Finger hätte und daß er es sehen würde.

Das Kind rang nach Luft mit den krampfhaft unruhigen Händchen und Füßchen, mit ausgedehnten Nasenlöchern und zuckenden Lippen.

»Meine kleine Tulla,« sagte die Mutter, die neben dem Bettchen auf den Knien lag. »Mutter ist hier. — Kannst du Mutter sehen, Tulla? Mutter würde dir so gern alles abnehmen, wenn sie nur könnte!«

Sachte schob der Pfarrer eine Hand unter das Kissen des Kindes und richtete dessen Köpfchen ein wenig auf.

Während sich die beiden so in vereinter Fürsorge um das sterbende Kind bemühten, stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf, der ihr das Blut noch heißer in die Wangen trieb als vorhin. Stieg vielleicht derselbe Gedanke auch in ihm auf?

»Lasset uns beten!« sagte er — mit einem Ton, als ob er sich selbst unterbreche. »Wir wollen sie im Gebet hinauftragen. Arme kleine Tulla, sie hat es nötig, daß sie nach oben getragen wird.«

Er kniete neben der Mutter nieder und legte die Hand, die er frei hatte, auf deren gefaltete Hände.

Das dänische Fräulein überlegte, ob sie auch niederknien solle; sie wußte nicht recht, was tun. Sie fühlte, wie sehr er nun wünschte, daß er seine Schwester und nicht sie hier gehabt hätte. Schließlich blieb sie stehen, um die Lippen des Kindes zu netzen und seine Stirne zu trocknen, auf der eiskalter Schweiß ausbrach.

Er betete langsam, mit ganz einfachen Worten, die die Frau gerade nachsagen oder still mitbeten konnte. Aber das dänische Fräulein wurde von der Innigkeit betroffen, von dieser Kraft der Innigkeit, womit jedes Wort das kleine Mädchen umfaßte und wirklich nach oben trug und hinaufhob. »Als sie beteten, da bewegte sich die Stätte.« Sie bekam auf einmal eine Empfindung von einer Macht, die die Welt bewegt.

»Wir heben Herz und Hände Zum Sternenhimmel auf — —«

Auf diese Weise kam sie selbst mit in die Bewegung hinein, sie konnte nicht draußen bleiben, sie mußte folgen. Der Aufstieg riß sie mit.

»Es reicht die Himmelsleiter Zum Himmel von der Erd' — —«

Diese stiegen sie nun hinauf, er voraus, das Kind auf dem Arm hoch erhoben und die Mutter an der Hand.

Aufwärts ging es, Schritt für Schritt, bis die letzte Stufe erreicht war.

Diese Gewißheit in der Anrufung Gottes! Nein, diese Worte waren nicht in die leere Luft gerufen, wo Tausende von Gebeten umherflattern, ohne ihr Ziel zu erreichen. Sie waren wie unmittelbar in ein Antlitz gesprochen, — in das Antlitz da oben über der Himmelsleiter, sie waren in ein Herz hineingesprochen, in ein offenes Herz, ein weit geöffnetes, mit Raum für Millionen solcher kleiner gequälter Wesen wie diese Tulla.

Die Atemzüge des Kindes waren in ein Röcheln übergegangen, das stockte und wiederkam, in abgerissenen Stößen.

Das dänische Fräulein hatte erst einen Menschen sterben sehen, ihre Mutter, und sie fürchtete sich vor diesem Anblick. Trotzdem beugte sie nun ihr Gesicht zu dem Kinde nieder, um die letzten Zuckungen der Mutter zu verbergen.

Aber es kamen keine mehr. Es war nur, als ob eine Hand, — eine Hand, die sie dafür hätte küssen können — über das verzerrte Gesichtchen hinstriche und es glättete, jede Spur der Qual auslöschte zu tiefer, tiefer Ruhe.

»Und Gottes Engel halten Treu Wache um das Kind — —«

Der Pfarrer sagte Amen, und die Stille jagte die Mutter auf.

»Lieber Gott!« rief sie, und warf sich weinend über die kleine Leiche.

Eine halbe Stunde später traten die beiden den Heimweg an. Die Mutter hatte den ersten Schmerz ausgeweint, und eine Nachbarsfrau hatte versprochen, sie während der Nacht zu sich zu nehmen oder bei ihr zu bleiben.

Stumm schritten sie unter dem tiefen funkelnden Sternenhimmel dahin.

»Kleine Tulla,« sagte sie und schaute auf. »Ob sie jetzt hören kann? Ob sie nun atmen kann?«

»Ja,« sagte er. Aber sie wußte nicht, ob er ihre Frage beantwortet, oder sie nur wiederholt hatte.

Dann herrschte wieder Schweigen zwischen ihnen. Es war so schön, ganz zu schweigen, neben einander zu gehen, ohne Worte, mit denselben Gedanken — durch die weite und tiefe sternhelle Nacht.

Da hatten sie das Tor erreicht, und sie bat ihn nicht, mit heraufzukommen. Sie verstand wohl, daß er nicht wollte. Hätte sie es nur selbst vermeiden können, die andern noch zu sehen, sowie alle die Fragen in Beziehung auf ihr Ausbleiben beantworten zu müssen.

»Ich danke Ihnen,« sagte er, indem er ihr die Hand reichte.

»Nein, ich habe zu danken, daß Sie mich mitnahmen,« erwiderte sie, »obgleich ich weiß, daß Sie jede andere Persönlichkeit vorgezogen hätten.«

»Warum?«

Sie schwieg.

»Von allen Menschen hätte ich am liebsten den dabei gehabt, der das getan hätte, was Sie taten.«

»Was denn?« Sie sah ihn erstaunt an.

»Die Mutter zu küssen,« sagte er ernst.

»Ach das —« Glänzende Tränen traten ihr in die Augen. Und es wurde ihr nicht leicht, deren Spur zu verwischen, während sie die Treppe hinaufstieg.

Und sie kamen wieder, die Tränen, als sie allein in ihrem Schlafzimmer war und vor dem großen Spiegel saß, während ihr das aufgelöste Haar über den weißen Frisiermantel hinabfloß.

Ihr Gesicht sah so traurig aus in dem Spiegel vor ihr, mitten in all der dunklen Fülle, daß sie sich selbst darüber verwunderte.

Da klopfte es an die Tür, und die Tante trat ein.

»Ich bin es nur, mein liebes Mädchen. Ich möchte gern ein Wort mit dir reden, ehe ich zur Ruhe gehe. Beim Abendbrot ging es ja nicht an.«

Sie setzte sich auf einen der niederen, mit Cretonne überzogenen Stühle.

»Höre, mein Kind, du bist doch nicht auf dem Wege, dich von Halfdan bekehren zu lassen?«

»Wie kommst du darauf, Tante?«

»Ja, denn es sah ja ein wenig eigentümlich aus, als du ihm neulich ins Eßzimmer folgen solltest, um mit ihm über — Gott im Himmel mag wissen, was für einen Kranken zu sprechen, den du gar nicht kennst. Und nun heute abend kommst du ganz sonderbar von dieser Betstunde heim, — eine ganze Stunde nach Margit, — und sagst, daß du mit ihm gegangen seist. Und — —«

»Wäre es denn so entsetzlich, wenn der Ernst des Lebens mich auch einmal ergreifen würde?«

»Nein, durchaus nicht. Ich bin weit entfernt, zu denken, daß ein Mensch leicht zu viel bekommen könne vom Christentum, wenn mir die krasse Form auch etwas zuwider ist. Aber die Sache ist die: wenn es Frauen sind, die von Halfdan erweckt werden, junge Frauen, — ja, ältere übrigens auch, — dann werden sie in der Regel zu ihm selbst bekehrt. Und dabei ist nichts gewonnen. Deshalb möchte ich dich nur warnen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß er nach deinem Geschmack sein könnte. Aber nun kommt es mir doch so vor — in einem gewissen Sinne — —«

»Tante, weißt du, daß das, was du sagst, empörend ist! Wenn ein Pfarrer nicht hundert Jahre alt ist, kahlköpfig oder verwachsen, dann soll man gleich in ihn verliebt sein, wenn seine Worte nur den allergeringsten Eindruck auf einen machen.«

»Nein, mein liebes Kind, das soll man gar nicht. Aber man wird es sehr leicht. Wenn ein Pfarrer, besonders einer der ganz strengen, jung und schön ist, dann ist es ein gefährliches Ding.«

»Nun, hier kannst du jedenfalls ganz ruhig sein, Tante. Von allen Mädchen auf der weiten Welt wäre ich wohl das letzte, das er wählen würde.«

»Ja, darin wirst du recht haben, das glaube ich auch. Für so verständig halte ich Halfdan doch. Im ganzen ist er den Frauen gegenüber immer vollständig kalt geblieben. Er gibt sich nicht die geringste Mühe, ihnen zu gefallen, und will ja auch gar nicht heiraten, was ich aber doch am allerbesten für ihn finden würde, wenn es ein besonnenes, gesetztes und christliches Mädchen wäre, wie Alette zum Beispiel. Ich habe schon oft gedacht, wie schade es sei, daß die beiden gerade Geschwister sind. Sie hätten ein ausgezeichnetes Ehepaar gegeben.«

Die Nichte lachte, — laut und zornig abweisend, — und schüttelte ihre langen Locken.

»Nun ja, das kann ja auch nicht sein. — Aber verstehe mich nun recht, mein liebes Kind, ich will durchaus nicht haben, daß er nun hingeht und dich — fanatisch macht, so daß du ganz übersiehst, was sich Gutes für dich in der Welt finden könnte, und denkst, er sei der einzige, nach dessen Weisheit du dich richten müßtest, — und schließlich damit endigst, daß du um seinetwillen Diakonissin oder Krankenpflegerin wirst, — wie ich zwei andere kenne, die es so gemacht haben.«

»Davor brauchst du keine Angst zu haben. Es liegt durchaus nicht in meiner Natur, mich nach der Weisheit eines andern zu richten oder Krankenpflegerin zu werden,« sie hielt inne und dachte nur noch weiter, »obgleich das auch nicht das Schlimmste in der Welt wäre, wo es so viele kleine Mädchen gibt, die sterben müssen, — und Mütter, die das mit ansehen müssen.« —

Als die Tante gegangen war, sprang das junge Mädchen auf und ging lange im Zimmer auf und ab, während sie alle Augenblicke ihre wallenden Haare schüttelte. Sie war innerlich empört über alles, was die Tante gesagt hatte. Aber als sie endlich zur Ruhe gegangen war, kamen die Tränen aufs neue. Denn sie mußte wieder hineinschauen in die traurige Welt, in die sie einen Einblick bekommen hatte, die Welt, in der es so viele kleine Mädchen gab, die sterben mußten, — und Mütter, die das mit ansehen mußten.

Wieder endlos leere Tage! Und sie konnte nichts tun, um sie auszufüllen. Überall, wo sie ihn hätte treffen können, sagte er ab, zu großen wie zu kleineren Gesellschaften.

Sie wünschte, mit ihm sprechen zu können. Ganz, ganz anders — im Zusammenhang. Sie sehnte sich darnach, ihm einen viel richtigeren Eindruck von sich beizubringen, gerade weil sie auf ganz entgegengesetztem Grund und Boden stand.

Stand — ja das heißt, einen festen Grund unter den Füßen, in Form einer bestimmten Lebensanschauung, einer festgewurzelten Überzeugung hatte sie wohl eigentlich nicht. Aber sie liebte alle großen Gefühle, alle großen Gestalten. Sie hatte ja auch die Religion nicht ganz über Bord geworfen, nur spielte diese gar keine Rolle in ihrem Leben; sie lebte nicht in ihr. Die meisten Christen haben ja ihr Leben neben der Religion.

Sie wünschte sehr, er solle wissen, daß sie alles Große verstehen könne, auch was es heißt, sein Leben für seine Überzeugung einsetzen. Ja, daß dies auch als das Größte vor ihr stand.

Aber er machte sich wohl gar nichts daraus, von ihr gewürdigt zu werden, oder irgend einen anderen Eindruck von ihrer Persönlichkeit zu bekommen, als den, den er sich selbst gebildet hatte. Den, der ihn — trotz allem — doch eigentlich abstieß.

Sie, nur sie sehnte sich danach, daß es doch geschehe. Aber nach den Reden der Tante an jenem Abend konnte sie nun in dieser Richtung gar keinen Versuch machen.

Dann war der Konsul so freundlich, sich einen kleinen Influenzaanfall anzuschaffen, der ihn zwar nicht ans Bett, aber doch eine Woche lang ans Zimmer fesselte, und der die Veranlassung war, daß der Neffe ihn besuchte.

Er blieb lange — unbegreiflich lange — drinnen beim Onkel. Dann trat er ins Kabinett, wo die Tante mit der Nichte saß; diese malte eben goldene und bronzierte braunrote Chrysanthemen auf einen Ofenschirm aus wasserblauem Atlas für die Tante.

»Ist sie nicht ein Genie, Halfdan?« sagte die Tante. »Komm und setz dich ein Weilchen zu uns, mein Lieber.«

Er begrüßte die beiden Damen, und während die Nichte zu ihm aufsah, war es ihr, als liege jene strahlende Sternennacht, wo sie Seite an Seite gegangen waren, so hoffnungslos weit zurück, daß es ganz unmöglich sei, da wieder anzuknüpfen, wo sie abgebrochen hatten.

Das Anknüpfen wurde hier übrigens nicht ihre Sache; das besorgte die Frau Konsul immer, wenn sie anwesend war.

»Kannst du mir nicht helfen, Halfdan, dieses verstockte Mädchen zu der Einsicht zu bringen, daß es die Bestimmung des Weibes ist, sich zu verheiraten. Ist es nicht so?«

»Doch, ich wüßte nicht, welche es sonst noch für sie gäbe. Sie ist, wie ich gelehrt worden bin, dazu geschaffen, die Gehilfin des Mannes zu sein. Und ich meine, es sei am besten, wenn sie diese Bestimmung erfülle.«

Die Nichte wußte nicht recht, ob dies Ernst oder Ironie war, und erwiderte ein wenig herausfordernd: »Ich glaube doch, daß man dies auf mehr als eine Art kann. Ich habe immer Lust gehabt, zur Bühne zu gehen. Glauben Sie nicht, daß man von da aus eine geistige Gehilfin für Männer und Frauen sein kann?«

Er zeigte keine Entrüstung, wie sie erwartet hatte, sondern antwortete ganz ruhig: »Vielleicht, aber dies wäre doch mehr indirekt.«

»Ja, das ist ein unsicherer, schwieriger Weg,« sagte die Tante. »Und deine Mutter war so sehr dagegen. Jawohl, das war sie, ihr Wunsch war, dich gut verheiratet zu sehen. Das weiß ich am besten.«

»Ja, liebe Tante, aber dazu gehören ja unglücklicherweise zwei. Und ich weiß absolut keinen, der mich haben möchte.«

»Nicht? Nun, dann weiß ich mehrere. Nehmen wir nur zum Beispiel Dr. Carlsen. Hast du es neulich bei Bödkers nicht bemerkt, Halfdan, wie seine Augen keinen Blick von ihr verwandten?«

»Nein, — — doch — es ist möglich.«

»Ja, Kind, dessen bin ich ganz sicher, daß er nur einen Gedanken hat, nämlich dich zur Frau zu bekommen. Nun heißt es ja, er werde seinem Vater als Oberarzt an der Irrenanstalt in R... nachfolgen, und dann — —«

»Dann kann er sich selbst als ersten Patienten anmelden, wenn du recht hast. Denn dann müßte er ja an Größenwahn leiden.«

Sie konnte der Lust nicht widerstehen, die Tante ein wenig zu necken und den andern wissen zu lassen, wie wenig sie für diesen Dr. Carlsen übrig hatte. Trotzdem aber war es ihr, nachdem ihr die Worte entschlüpft waren, ganz klar, daß sie sich, und zwar gerade hier, zeitlebens unmöglich gemacht habe. Aber gleichzeitig hörte sie neben sich ein Lachen, ein ganz lautes und »bubenmäßiges«, wie die Tante es empört nannte. Und da mußte sie unaufhaltsam mitlachen. Mit ihm zusammen lachen! Das brachte sie um viele Meilen näher! Später erinnerte sie sich mit freudigem Schauder daran, wie es gewesen war, als ihr Lachen in dem seinigen unterging.

»Du hilfst mir ja recht gut, sie zu ermahnen,« sagte die Tante. »Aber du hast ja auch selbst nicht das gute Beispiel gegeben.«

»Entschuldige, Tante, ich bin es ja nicht, der als Gehilfe erschaffen worden ist.«

»Nein, aber du bist dazu geschaffen, eine Gehilfin zu haben, und ohne das hat der Mann ›es nicht gut‹. Das bin ich gelehrt worden.«

»Meinst du vielleicht, er habe es durch die Hilfe der Frau sehr ›gut‹ bekommen — der Mann nämlich? Eine andere Bibelstelle nennt die Frau mit ganz klaren Worten auch ein Hindernis. Und ich bin auch überzeugt, daß ein Mann sehr vorsichtig sein muß, ehe er diese — Möglichkeit in sein Leben einfügt. Besonders ein Pfarrer, bei dem alle Ansprüche verschärft sind, äußerlich wenigstens.«

»Darauf kann ich nur erwidern, daß die besten Pfarrer, die ich gekannt habe, jedenfalls eine oder auch mehrere Frauen gehabt haben. Je mehr ein Pfarrer wie alle andern lebt, um so seelsorgerlicher kann er sein, natürlich auf die rechte Art und Weise.«

»Auf die bequemste jedenfalls.«

»Laß doch den Herrn Pfarrer in Frieden, Tante,« sagte die Nichte ein wenig erregt. »Wenn man in jedem Jahrhundert einmal einen Pfarrer trifft, der nicht verheiratet ist, so muß man doch einräumen, daß — daß der dann dem Ideal am nächsten ist.«

»Nein, das gebe ich auf keinen Fall zu. Bischof H. war dreimal verheiratet. Und einen besseren Seelsorger als ihn verlange ich nicht. Und von einem andern ausgezeichneten Bischof weiß ich, daß er es bis zu vier Frauen brachte.«

»Dann muß ich es wohl aufgeben, Bischof zu werden, mir wird es sicherlich an den entscheidenden Bedingungen fehlen.«

Wieder lachte er, und ihr Lachen flog auf zum Zusammenklang wie ein Vogel mit befreiten Schwingen. Wer hätte gedacht, daß er so lachen könnte. Sie kannte dieses Lachen ja von Grund aus. Warum versteckte er es denn so gut?

Aber die Frau Konsul schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte, mit solchen Würdenträgern dürfe man keinen Scherz treiben.

Später sagte sie noch, so höre man ihn jetzt nur selten lachen. Das sei ein Nachklang aus der Zeit, wo er gar so übersprudelnd gewesen sei.

Und übersprudelnd zu sein, dazu hatte die Nichte an diesem Tag die größte Lust. Ihre Chrysanthemen strahlten wie reines Sonnengold! Und der Konsul war von beispielloser Liebenswürdigkeit. Hatte er es denn nicht so eingerichtet, daß der Pfarrer versprochen hatte, am nächsten Abend mit der Schwester zu kommen, und zwar ganz in der Familie!

Nun, während der ersten Hälfte des Abends hatte man eigentlich nur von ihr etwas. Er vergrub sich ja bei dem Onkel bis zum Abendbrot. Und bei Konsuls speiste man sehr spät zu Mittag und zu Abend, ganz entgegen den sonstigen Gewohnheiten in Christiania.

Die Tante schätzte Alette sehr; sie liebte es, diese hie und da neben sich auf dem Sofa zu haben, zu einem »ruhigen, vernünftigen Gespräch über den Ernst des Lebens«, worunter sie all die Armut, Krankheit und Not meinte, in die das Fräulein durch den Bruder einen Einblick erhielt.

Die Nichte saß über eine Handarbeit gebeugt und wurde ganz blaß vor Ungeduld über all die »traurigen Geschichten« aus diesem ewigen Zusammenleben mit »Halfdan«; aber auf einmal ergoß sich eine helle Röte über ihr ganzes Gesicht.

Alette erzählte, daß der Bruder kürzlich bei einer Witwe gewesen sei, die ihr einziges Kind verloren hatte, ein taubstummes dreijähriges Mädchen, an Tuberkulose, und daß es ganz herzzerreißend gewesen sei, sehen zu müssen, wie diese Kleine, die nichts verstand und nichts sagen konnte, all dieses schwere Leiden durchmachen mußte.

»An dem Abend, wo sie starb, ist Halfdan angegriffener gewesen, als ich ihn seit langer Zeit gesehen habe. Bis spät in der Nacht ging er in seinem Zimmer auf und ab. Er konnte nach diesem Anblick durchaus keine Ruhe finden. Ich wäre so gerne mit ihm gegangen, aber es war in den Tagen, wo ich wegen meines Hustens das Zimmer hüten mußte. Deshalb mußte er allein gehen.«

»Es war schwer, davon zu hören,« sagte die Tante, »und recht traurig für dich, daß du nicht mit ihm in das Trauerhaus gehen konntest. Eine Frau findet so oft den richtigen Balsam für eine betrübte Seele.«

Ja, da war eine, in der eine jubelnde Freudenstimmung aufstieg, aber sie saß über ihre Arbeit gebeugt ganz still da.

Alette wandte sich nicht an sie. Diese Sachen lagen natürlich ganz außerhalb der Erfahrung und der Interessen der jungen dänischen Dame.

Als der Bruder endlich mit dem Konsul eintrat, erzählte die Schwester eben von einem Jungen, der von einem Wagen überfahren worden war und große Schmerzen litt. Es war der Sohn eines Arbeiters, und als der Pfarrer diesen ermahnte, für das arme Kind zu beten, hatte er geantwortet: »Wir haben niemand, zu dem wir beten können.«

»Ist es nicht schrecklich, wenn man bedenkt, daß es Tausende gibt, die wie dieser Mann niemand haben, zu dem sie beten können? Kann man begreifen, wie es möglich ist, ohne Gebet zu leben?«

»Nein, da hast du recht,« sagte die Konsulin. »Es ist erschütternd.«

»Aber schlimmer ist es doch,« sagte der Bruder, »daß es Tausende gibt — auch von denen, die beten, wenigstens dann und wann — die niemand haben, den sie anbeten.«

Beide Damen auf dem Sofa stimmten damit überein, die Schwester wohl aus Überzeugung, die Tante vielleicht mehr aus Höflichkeit als Wirtin.

Einen Augenblick später stand er in dem Kabinett, um die Chrysanthemen zu betrachten, die die Nichte an diesem Tag beinahe vollendet hatte.

»Ich weiß, was anbeten heißt,« sagte sie plötzlich, während sie die Lampe für ihn in die Höhe hielt.

»Nun — dann gratuliere ich.«

»Nein, ach nein, so war es nicht gemeint. Ich wollte nur sagen — ich habe es einmal gesehen — in dem Blick eines Menschen. Es heißt so viel, als seine ganze Seele hingeben.«

»Ja, so könnte es wohl ausgedrückt werden. Aber es klingt nicht treffend, nicht stark genug. Es heißt gleichsam, seine ganze Persönlichkeit zusammenfassen: alles, was man hat, alles, was man ist, in ein einziges Gefühl — ein einziges abgrundtiefes Gefühl der Ohnmacht, des Nichts — — und es dann zu den Füßen eines Einzigen ausschütten. David sagt in einem der Psalmen, daß er ›ausgegossen sei wie Wasser‹, das gehört dazu. Seine ganze Seele wie Wasser auf die Erde ausgießen, vor die Füße eines Einzigen — — und dadurch gewonnen — aufgenommen — vertieft — verwirklicht werden.«

»Ja,« sagte sie. »Ich habe dies gesehen.«

»Ich glaube, es ist sehr selten,« sagte er. »Es steht ja geschrieben: Du sollst Gott deinen Herrn anbeten. Und dies ist in dem Verhältnis zu Gott das Höchste und Tiefste, das Erste und das Letzte. Aber sie tun es nicht, die Tausende! Sie erreichen nie den Augenblick, den ganz unentbehrlichen in einem Menschenleben, wo alle Worte und Gedanken, alle Fähigkeiten und Kräfte zur Erde sinken — ohnmächtig. Wo der unaussprechliche Seufzer die Seele trägt wie eine Woge, hinein ins Heiligtum.«

Während er sprach, schaute er fortgesetzt ihre Chrysanthemen an. Aber sie fühlte, daß sein Blick durch die Blumen hindurch glitt, weit helleren Bildern in der Ferne entgegen, und mit etwas von dem im Auge, das sie von jenem Tag her kannte, wo sie ihn vor dem Altar gesehen hatte. Und gerade wie damals berührte es sie wie ein Schmerz.

Sie selbst war ja so weit weg — so fern von ihm in diesem Augenblick — und weit, weit entfernt von dem Tiefsten und Höchsten, von dem ersten und letzten Moment in einem Verhältnis zu Gott.

Und doch — was es hieß, seine ganze Persönlichkeit in ein einziges Gefühl zu vereinigen und ausgegossen zu sein wie Wasser auf der Erde, vor den Füßen eines Einzigen, — wer, ach wer in der weiten Welt konnte es besser verstehen als sie?

Im Dezember wollten Konsuls einen Ball geben, das heißt — die gnädige Frau wollte es.

»Etwas muß man tun, wenn man einen solchen Vogel Phönix im Hause hat,« sagte sie.

Der Konsul sah aus, als ob er dächte, weniger hätte es auch getan; aber die Aussicht auf eine ungestörte Spielpartie in seinem Zimmer mit einigen der Vettern verlockte ihn zu schweigender Einwilligung.

Großartig sollte es werden. Wenn der Saal ausgeräumt wurde, hatten vierundzwanzig tanzende Paare gut Platz. Was tat es da, wenn man mehrere Tage vor und nachher in seinem eigenen Heim saß »wie Marius auf den Trümmern von Karthago« — oder wie es sonst der Konsul zu nennen pflegte.

Die Nichte hatte nur einen Gedanken, während sie Einladungen adressierte und ihr Kleid anprobierte — ob, ob — —?

Nein, das war wohl unmöglich!

»Es sähe aus, als wollte man Halfdan und Alette zum besten haben, wenn man sie zu so etwas einladen würde,« sagte die Tante. »Aber hinter ihrem Rücken soll der Ball auch nicht gehalten werden. Ein paar Tage vorher schreibe ich an sie, daß wir eine kleine Tanzgesellschaft geben — für unser liebes »dänisches Fräulein« — und ob sie nicht Lust hätten, sich ihn anzusehen. Aber das haben sie natürlich nicht.«

Und der Tag rückte herbei.

Und es geschah — ja, das Unmögliche selbst flutete herein ins Leben mit seiner unhemmbaren Gewalt und machte alle bleichen Möglichkeiten zuschanden.

Es gab einen Liedervers, der einmal nach einem Begräbnis durch ihr Kinderköpfchen gegangen war und sich da festgesetzt hatte. »Da wird mir das zum Grund, was vorher Dach gewesen.« Diese Vorstellung gefiel ihr als kleines Mädchen. Und nun war es ihr, als würde sie zur Wirklichkeit.

Der Sternenhimmel, den sie hoch über sich in unermeßlichem Glanz hatte leuchten sehen, der lag eines Abends zu ihren Füßen als der Grund, der ihr ganzes Dasein trug.

Der Augenblick kam, wo alles nicht mehr seinen Gang ging, seinen gewohnten trägen, bekannten, abgemessenen Gang, sondern wo »die Sonne stille stand in Gibeon und der Mond im Tale Ajalon«, wo das ganze große, schwirrende Weltrad stille stand, während alles im Weltenraum nur verwundert mit angehaltenem Atem lauschte.

»Und es geschah« —

Wie es geschah? Ach, tausend-, zehntausendmal begann sie immer aufs neue in Gedanken ... und kam doch nie damit zu Ende, kam nie an dem Punkt vorbei, wo alles vor ihr aufging in strahlendem Licht ... so daß sie immer und immer wieder vorne anfangen mußte ...

Es war an dem Ball ihres Onkels.

Sie hatte ihr Kleid gewählt und es angezogen mit der einzigen, beinahe unmöglichen Möglichkeit vor Augen.

Der blaßgelbe, von Spitzen verschleierte Atlas schmiegte sich glänzend und knisternd um ihre schlanke Gestalt und umschloß ihre feine Büste wie ein Panzer. Goldleuchtende Topase funkelten in ihrem dunklen, lockigen Haar, um den weißen Hals und zwischen den Spitzen über der Brust, wo sie dunkelviolette, von schwerem Duft erfüllte Heliotropblüten festhielten.

Sie war spät fertig geworden, und als sie aus ihrem Zimmer in die festlichen Räume trat, waren die Lichter überall schon angezündet. Im Saal war man eben bei den letzten angelangt.

Hier drinnen stand die Frau Konsul in blaßgrauem broschiertem Atlas, eifrig beschäftigt, einem Lohndiener einige nachdrückliche Verhaltungsmaßregeln zu geben, während der Konsul schon mitten im Zimmer stand, wo er mit ihr zusammen die Gäste begrüßen sollte, die sie schon draußen hörte.

Die Nichte wandte an der Tür des Saales wieder um, ging durchs Wohnzimmer zurück und ins Kabinett hinein, wo rosenfarbige seidene Lichtschirme auf allen Lampen einen Dämmerschein wie von einem Sonnenuntergang verbreiteten. Es war ihr zuwider, sich besehen und bewundern zu lassen.

Und doch war sie die Königin des Abends — das fühlte sie selbst — von der funkelnden Nadel im Haar an bis hinunter zu dem spitzigen Atlasschuh.

Der große Spiegel in der Ecke am Fenster zeigte ihre Gestalt in wirklich hinreißendem Glanz, während sie langsam, — gleichsam in müder Majestät darauf zuschritt.

Da — — nein, nein — — nein — — blitzschnell schloß sie die Augen ...

Nein — — es war ein Trugbild —, eine glühende Sehnsucht, die in ihr aufstieg und sie verwirrte, — — es war eine Einbildung, daß sie da vor sich im Spiegel — aus dem Hintergrund des Zimmers ein Augenpaar auf sich gerichtet gesehen hatte.

Zwei Augen, — deren Blick hervordrang wie eine lodernde Glut, die ihre ganze leuchtende Gestalt umhüllte ...

Sie hielt die Augen fest geschlossen. Sie konnte es nicht ertragen, sehen zu müssen, daß es nur eine Einbildung war — und wagte doch nicht sicher zu glauben, daß die Augen wirklich da waren.

Mechanisch glitt sie näher zu dem Spiegel hin ... Wenn aber nun der vergoldete Blumenbehälter, der davor stand, sie aufhielt, — was dann?

Sie stieß mit dem Fuß an das Hindernis — blieb dicht vor dem Spiegel stehen, öffnete die Augen, groß und dunkel vor angstvoller Erwartung — und sah ...

Der Blick war noch da. Und der Blick war Feuer.

Langsam, mit blassen Wangen, wandte sie sich vom Spiegel.

Der Blick war da ... Näher — näher ... loderte er flammend auf, ihr entgegen ...

Er kam von einem, der mitten durchs Zimmer geschritten war ... und nun sich vor ihr auf die Knie niederließ ...

Ein halb unterdrückter Schrei — — und sie fiel zu Boden in all ihrer leuchtenden Herrlichkeit ...

Einen einzigen schwindelnden Augenblick waren Arme um sie — war ein glühender Atem über ihrem Gesicht — war eine kecke Hand da, die die Heliotropblüten von ihrer Brust nahm und sie an der seinigen barg.

Da kamen die Gäste.

»Wir haben sehr hübsche Damen heute abend, Frau Smit!« sagte die Frau Konsul. »Aber meiner Nichte gebührt doch der erste Preis.«

»Ja, da haben Sie ganz recht. Wenn sie nur nicht so bleich wäre! Ist sie auch gesund?«

Die Nichte sollte den Ball eröffnen mit einem Vetter aus Kopenhagen, der auf acht Tage gekommen war, aus dem sie sich aber nicht viel machte. Er hatte den wenig ehrerbietigen freien Ton des Vetters ihr gegenüber.

»Ist es dir sehr leid, wenn wir nicht vortanzen?« fragte sie, während sie im Saal umhergingen.

»Bist du verrückt?«

»Nein — aber ich glaube, Onkel Hallager hat mich mit der Influenza angesteckt. Es ist mir ganz sonderbar im Kopf.«

»Ja, du siehst auch todesblaß aus. — Nein — um meinetwillen keine Aufregung. — Obgleich — ich bin als Tänzer berühmt.«

Sie traten zur Seite und ließen ein anderes Paar vortanzen, dem sogleich mehrere folgten.

»Es wäre doch recht ärgerlich, wenn du mitten in der Saison krank würdest. Denn es ist doch wohl nicht er, der Halfdan, der dich so verwandelt hat, daß du nicht einmal mehr wagst, ein Tänzchen in Ehren zu machen! — Hast du übrigens gesehen, daß seine Heiligkeit heute anwesend ist? Mitten in all dieser Verderbnis der Welt? Was das nun bedeuten soll! Niemand kann es begreifen.«

»Vielleicht ist eine Seele da, deren er sich annehmen will.«

»So eine Affektation! Mitten in einem Ballsaal!«

»Ach — wenn es sich nun ums Leben handelte — ich kann gut verstehen, daß man da eingreifen möchte — selbst in einem Ballsaal.«

Die Frau Konsul kam in all ihrem broschierten Glanz eilig auf sie zu.

»Aber Kind, warum tanzst du denn nicht?«

»Ich habe Fieber, liebe Tante, und fürchte, es könnte schlimmer werden.«

»Mein liebes Kind, das fehlte nur noch. Frage doch Dr. Carlsen um Rat.«

»Nein, nein. Nicht heute abend. Das fällt bloß auf.«

»Dann setze dich wenigstens. Und sieh, daß du etwas Warmes zu trinken bekommst!«

Kurz nachher trat der Pfarrer auf sie zu.

»Haben Sie noch eine Tour für mich frei?« fragte er. »Auf diese Weise kann ich ja auch mittun.«

Sie reichte ihm ihre Tanzkarte, ohne ein Wort zu sagen und ohne die Augen zu ihm aufzuschlagen.

Den ersten Tanz nach dem Essen hatte sie frei gehalten. Er machte ein Zeichen daneben und entfernte sich.

Sie sah auf die Karte — und barg sie in ihrem Gürtel.

»Du siehst aus, als seiest du am Ohnmächtigwerden,« sagte der Vetter. »Geh hinauf und leg dich in der Pause ein wenig nieder.«

In der Pause war sie vielen teilnehmenden Fragen und Ratschlägen ausgesetzt, die sie nur quälten.

»Ausnahmsweise ist es ja ganz angenehm, nicht zu tanzen,« sagte sie. »Ich habe mehr von der Unterhaltung meiner Herrn.«

»Meinst du damit auch den Tanz, der eben zu Ende gegangen ist? Er, der Nikolai, hat es unserer Ansicht nach doch nur in den Beinen,« sagten die norwegischen Cousinen.

Das Souper war ungewöhnlich früh festgesetzt worden, weil der Konsul ausdrücklich befohlen hatte, daß die, die nicht tanzten, nicht bis Mitternacht hungern dürften. Infolge dessen hatte die Konsulin es so eingerichtet, daß man alle soliden Gerichte bei einer ersten Mahlzeit bekam und sich später nur noch um einen ausgesucht feinen Nachtisch versammelte.

Die Frau des Hauses selbst wurde von einem bekannten schwedischen Professor zu Tisch geführt.

Er mußte die Tischrede halten; und nach einem Hoch auf den Wirt und die Wirtin und einem auf das herrliche Gebirgsland Norwegen erhob er sich und hielt eine Rede auf »die Frau«.

Nachdem er verschiedene schöne, wenn auch nicht durchaus neue Vergleiche für sie gefunden hatte, erklärte er schließlich, daß er, einer begeisterten Zustimmung sicher, festsetzen wolle, daß die »Frau, wenn sie so ist, wie sie sein soll — —«

»Das ist sie ja nie,« warf der Konsul plötzlich ein.

Dies wurde gehört, und da bekam der Konsul die begeisterte Zustimmung.

Der Professor lachte mit den andern und sagte, als er endlich wieder zu Wort kommen konnte, daß er, nachdem der Schluß seiner Rede in der ersten Form unmöglich gemacht sei, und weil alle mit dem verehrten Gastgeber übereingestimmt hätten, vorschlagen wolle, daß jedermann sein Glas leere auf »die Frau, die nicht so ist, wie sie sein soll, weil sie trotzdem reizend ist.«

Ein lautes Bravo erklang im ganzen Saal.

Aber die Konsulin, die sich ihr Urteil über die Äußerung vorbehielt, drohte lächelnd dem Professor und sagte, daß sie dieses Hoch nicht annehme, weil sie eine solche Huldigung mehr als zweifelhaft finde.

Da trat die Nichte plötzlich mit dem erhobenen Champagnerglas und fieberheißen Wangen zu dem Professor.

»Darf ich Ihnen für Ihre Rede danken?« sagte sie. »Als die Frau, die gar nicht ist, wie sie sein soll, die aber dem Manne dankt, der hervorhebt, daß sie doch angeht.«

Lächelnd verbeugte sich der Professor vor ihr. Dann trank er ein besonderes Glas mit der Wirtin auf »die Frau, die ist, wie sie sein soll«.

Dann folgte ein Tanz, während dem das dänische Fräulein wieder ruhig bei ihrem Tischherrn sitzen blieb und auf alle seine Bemerkungen immer einsilbigere Antworten gab.

Während der nächsten Pause bat die Tante sie dringend, doch zu Bett zu gehen.

»Du bist wirklich krank. Man merkt es an allem.«

Aber sie erwiderte, daß sie bis zum Schluß aushalten wolle.

Als die Musik den nächsten Tanz anstimmte, hatte sie große Angst, es könne sie jemand beobachten. Sie fühlte, daß sie ganz kalt im Gesicht wurde ...

Lachend und plaudernd zogen die Paare in den Saal hinein, und die älteren Leute folgten langsam zur Tür, um dem Tanzen zuzusehen. — Ihr Herz stand still —

Er kam und bot ihr den Arm.

Mit niedergeschlagenen Augen legte sie ihre weißen Fingerspitzen darauf.

Und ohne ein Wort, wie auf vorhergehende Verabredung, führte er sie hinaus aus dem Saal, durch die leeren Zimmer nach der großen Veranda, die dem Fest zu Ehren geöffnet und in einen Wintergarten umgewandelt worden war, mit vielen blühenden Pflanzen, über die matte weiße Ampeln ein weiches Opallicht warfen.

Indem er sie zu der Glastüre hinausführte, fühlte er, daß die Hand, die auf seinem Arm ruhte, eiskalt war und zitterte.

Er legte seine Hand darüber. »Warum?« fragte er. »Fürchten Sie sich?«

»Ja.« Dies klang tonlos wie ein kaum vernehmbares Flüstern. Und die bebenden Augenlider lagen tief auf den Augen.

Er hielt an. »Sollen wir umkehren?«

»Nein, nein, — nein!«

Er beugte sich tief herab und drückte seine Lippen auf die weiße zitternde Hand.

Dann führte er sie hinaus — in den Duft und Schatten der blühenden Gewächse .....

Schlafen — — nein, von Schlaf war in dieser Nacht keine Rede.

Sie warf sich nur hin und her, wie von einer Feuerwoge gewiegt ... die Feuerwoge, die um sie aufgelodert war, die sie mit Gewalt fortgerissen hatte und fortgetragen, weg von sich selbst, — da draußen zwischen all den Blumen ....

Die Blumen, die Blumen! Es waren so viele frisch erblühte, daran erinnerte sie sich nun. Die hatten sie angesehen wie mit Augen. Sie hätte gern alle die geöffneten Kelche geschlossen — die Hände darüber gelegt —

Sie durften nicht, — durften nicht gesehen haben — das, woran sie sich selbst nur mit geschlossenen Augen zu erinnern wagte, — den Augenblick, den einzigen Augenblick, den sie wirklich gelebt hatte, seit sie geboren war, — den Augenblick, wo sie sich in die Hände eines andern hingab.

Ach, diese Hände, die sie umschlossen — so siegessicher, so gebieterisch, und doch so bittend! Die Hände, die nahmen, und indem sie nahmen, ihr tausendfach wiedergaben, sie ohne Maß und grenzenlos bereicherten, sie mit dem unfaßlichen, unergründlichen Gefühl erfüllten, zu sein, zu sein ...... das, was man nie erreicht, ehe man einem andern gehört.

Denn sich zu eigen gehören, das heißt sterben. Ja, weniger als sterben, es heißt gar nicht sein.

Aber einem andern zu eigen werden, das heißt leben. Sie drückte beide Hände aufs Herz. Ja, nun schlug es ... wie jauchzend schnell, wie lebendig!

So lange die Dunkelheit sie umfing, war das ganze schwindelnde Glück noch da.

— Aber als die Dämmerung sachte herbeischlich und sie mit kalten, nüchternen Augen anschaute, da richtete sie sich mit einem Ruck im Bette auf und fühlte, daß es unmöglich sein konnte. Nein, es konnte nicht sein!

Der anbrechende Morgen, grau und eisig, ohne Farbe, ohne Schatten, ohne Glanz wie die Vernunft selbst, erinnerte sie immer an eine Hinrichtung. Und auf einmal war es ihr, als sei sie die Verurteilte.

Denn diese Morgendämmerung, sie schlich sich auch zu ihm hinein. Sie weckte ihn aus der Verblendung des gestrigen Tages wie aus einem Fiebertraum. Er würde es unbarmherzig deutlich sehen, daß es das Undenkbarste, das Wahnsinnigste wäre, — daß sie von allen die letzte sei, die er wählen sollte.

Er würde das Todesurteil fällen, — sie fühlte es — und es bestätigen, wenn er beim Kaffee in die blaugrauen Augen der Schwester sah, die nüchtern waren wie die Morgendämmerung selbst, deren ruhiger Blick ihn hell wach machen mußte. Dann würde der Schwertstreich fallen — es schauderte sie im Nacken — und sie würde die Nachricht erhalten ...

Sie stand auf und kleidete sich an — stehend wollte sie den Schlag hinnehmen — und jagte den Mädchen durch ihr plötzliches, unerwartetes Eintreten keinen kleinen Schrecken ein. Sie waren gewohnt, daß das dänische Fräulein von allen zuletzt aufstand.

Der Kaffeetisch war bald gedeckt. Und zum ersten- und letztenmal trank sie mit dem Konsul zusammen, der zeitig wie immer auf sein Kontor wollte. Die Tante, die sonst eine Frühaufsteherin war, fühlte sich an diesem Tag übermüdet und glaubte, die Nichte ruhe auch noch.

Das dänische Fräulein setzte sich ins Kabinett. In allen andern Zimmern ging man noch immer wie zwischen den Ruinen von Karthago, wie der Onkel vor sich hin brummte, als er sich eilig diesem Anblick entzog.

Hier wartete sie auf den Brief, der kommen mußte — und unwillkürlich begann sie, ihre Antwort zu formen.

»Es ist wahr, daß ich weit entfernt bin, vollkommen zu sein. Wo wollen Sie übrigens den Menschen finden, der das ist? — Aber ich liebe Sie, wie niemand, niemand sonst auf der Welt es kann — —«

Gegen elf Uhr klingelte es. Zum zwanzigstenmal stand ihr Herz still — und als sie seine Stimme hörte, verstand sie. Er wollte es ihr selbst sagen.

Das Stubenmädchen öffnete ihm die Türe. Sie erhob sich und stand da — starr und weiß wie eine Bildsäule.

Die Tür wurde geschlossen. Und in demselben Augenblick war sie der Erde entrückt und die Welt um sie versunken — die Feuerwoge ergriff sie ...

Das erste, was sie sagte, als es ihr möglich war zu Wort zu kommen, war:

»Ich bin es nicht wert, ich bin es nicht wert.«

»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er und wollte nicht aufhören, sie zu küssen.

»Ja, aber nicht dazu, — Halfdan — du mußt mich anhören!«

Er hielt sie plötzlich auf Armeslänge von sich. »Was hast du gesagt?«

»Es wird mir nie gelingen, es dir zu sagen, wenn — du mich so ansiehst.«

Sie faltete die Hände um seine Schulter, legte ihren Kopf darauf und sagte: »Halfdan — geliebter Halfdan —«

»Nun muß ich dich sehen, — ich muß wirklich.«

»Nein — nein, du mußt mich hören. Halfdan — von dem Scheitel bis zu den Zehenspitzen, von den Augen bis auf den tiefsten Grund der Seele habe ich nichts, das annähernd gut genug für dich wäre.«

Er strich ihr sanft übers Haar. »Ich meine, das könntest du mich entscheiden lassen.«

Der dunkle Nacken wurde energisch geschüttelt. »Nein, denn du kannst es nicht so gut wissen, wie ich. — Und du konntest mich auch zuerst nicht leiden.«

»Nicht?« Er strich ihr wieder übers Haar. »Nein — leiden vielleicht nicht.«

»Und siehst du, Halfdan, du mußt dich nicht fürs ganze Leben gebunden halten, weil du gestern abend ein wenig — verwirrt wurdest.«

Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände. »Was wurde ich?« fragte er.

»— oder überrumpelt von — all dem, das doch keine Spur von Wert hat.«

»Was wurde ich?«

Sie brach in Tränen aus; die schreckliche Spannung, in der sie sich befand, mußte sich Luft schaffen. Und sie konnte seinen scherzhaft glücklichen Ton nicht ertragen.

Er ließ sich auf ein Knie nieder und zog sie in seine Arme, er konnte sie nicht weinen sehen und wollte wissen, was er gesagt habe, das ihr weh habe tun können. Sie schmiegte ihr tränenfeuchtes Gesicht an das seinige.

»Was hast du mir vorhin sagen wollen, Geliebte — Geliebte?« fragte er.

»Daß — wenn du es bereuen solltest, Halfdan — wenn du vor dir selbst einräumen müßtest, daß du eine bessere Wahl hättest treffen sollen, — daß dann niemand« — sie schmiegte ihre Wange fester an die seinige — »hörst du, niemand dir mehr recht darin gäbe als ich — niemand, der dich doch besser verstehen könnte, wenn du nun — es ungeschehen machen würdest.«

»Dann müßte etwas anderes zuerst ungeschehen gemacht werden, das, daß du existierst.«

Er stand auf und hob sie mit sich in die Höhe.

»Du bist die, die ich liebe,« sagte er und schlang seine Arme innig um ihren Hals. »Das war keine andere, das kann keine andere je werden. Du bist mir als Gattin zugeführt worden, das glaube ich. Und das, was mir gehört, gebe ich nicht frei. Denn es gehört zu meinem eigenen Leben, zu meiner eigenen Persönlichkeit.«

Er neigte seine Lippen zu den ihrigen.

»Fleisch von meinem Fleisch, Seele von meiner Seele, trotz allem, was anders aussehen könnte, — ich liebe dich.«

Die Frau Konsul war fast verzweifelt, als sie die Verlobung hörte, und machte durchaus kein Hehl aus ihren Gefühlen.

»Es ist der reinste Wahnsinn,« sagte sie zu der Nichte. »So wenig haben noch nie zwei Menschen zusammengepaßt.«

»Aber wir lieben einander, wie sich noch nie zwei Menschen geliebt haben.«

»Ja, das kennt man. Sich so lieben, können alle Männer und Frauen mit nur ein wenig gutem Willen und Gelegenheit. Das ist nichts, um darauf zu bauen. Nein, ob man zusammenpaßt, das entscheidet das Glück in der Ehe.«

Die Nichte schlang den Arm um die Tante. »Die Lieb ist lauter Freude!« sang sie. »Glaubst du das nicht?«

»Ich glaube, daß ihr einander unglücklich machen werdet. Das glaube ich. Für dich passen nicht die engen und düsteren Falten, in die er nun einmal sein Leben gelegt hat. Du mit deinen künstlerischen Interessen, deinem lebenslustigen Sinn, deinen verfeinerten Gewohnheiten, du solltest einen Mann der Wissenschaft oder einen Künstler heiraten, der ein großes Haus machen und geistreiche Leute um sich versammeln würde. Und es ist auch um Halfdan schade. Du bist durchaus nicht die Frau, die er haben sollte.«

»Er hat mich aber doch gewählt.«

»Ja — er hat sich in dich verliebt. Das wundert mich nicht. Ursprünglich ist er eine etwas leidenschaftliche Natur. Und er hat sich so eingeschnürt, daß es an irgend einem Punkt brechen mußte. Im ganzen genommen sind die Männer ja — zuzeiten — viel heißblütiger, von ihren Leidenschaften viel mehr beherrscht, als wir Frauen. Dann sind sie keinen Vernunftgründen zugänglich. — Aber zu anderen Zeiten sind sie wieder viel nüchterner und überlegter, als wir begreifen, und in einem solchen Augenblick kannst du es ja versuchen, ihn zu fragen, ob du seinem eigenen Ideal von einer Pfarrfrau entsprichst. Dazu bist du ja nicht einmal christlich genug.«

»Ich habe ihn gefragt, und er hat geantwortet — nach reiflicher Überlegung. Nie möchte ich ihn durch das binden, was du die leidenschaftlichen Momente nennst. Es gibt nicht viel Gleichartiges in uns, das ist wahr. Aber deshalb kann doch Einigkeit zwischen uns sein. Sie kommt nicht daher, daß man sich gleicht, sondern daß man sich ergänzt.«

Im ganzen Familien- und Freundeskreis wurde die Neuigkeit mit Anklängen an die Aussprüche der Tante aufgenommen.

»Vox populi,« sagte der Pfarrer, »darin können wir uns nicht täuschen. Es ist nur gut, daß sie nicht immer mit vox dei zusammenfällt.«

Sie lachte, aber nicht ganz so freudig wie er. Denn es war eine Unsicherheit über ihr, und diese ließ sich nicht weglachen.

Was die Nächste, seine Schwester, gesagt hatte, erfuhr niemand. Zu allen andern sagte sie nur: »Ich habe seit Jahren gewünscht, daß Halfdan sich verheirate.«

Und wenn man weiter fragte, ob auch die Schwägerin nach ihrem Wunsch sei, antwortete sie: »Ich verlasse mich auf die Wahl meines Bruders, in diesem wie in allem andern.«

»Alette hat es recht nett aufgenommen,« sagte die Konsulin. »Und sie wird sich auch wohl taktvoll und korrekt aufführen, solange es dauert. Denn das soll mir doch niemand weismachen wollen, daß die Verlobung nicht wieder rückgängig werde.«

Das Herz klopfte der jungen Braut heftig, als sie zum erstenmal zu Alette ging.

Das waren nun die Zimmer, wo ihre sehnsüchtigen Gedanken so oft in alle Winkel geschlüpft waren, die Zimmer, in denen sein tägliches Leben sich abspielte, das Leben, von dem es ihr vorkam, daß sie gern ihr Herzblut hingeben würde, um an dessen kleinsten, unbedeutendsten Vorkommnissen teilnehmen zu dürfen.

Zum erstenmal an seinem Schreibtisch stehen, neben dem Stuhl, den er zu benützen pflegte, — durchs Eßzimmer gehen, wo er bei Tisch saß — sie war so überwältigt davon, daß sie zuerst gar nichts sagen konnte.

Die Schwester war bleich, trat ihr aber mit ausgestreckten Händen entgegen.

»Ich wünsche Ihnen Glück,« sagte sie, indem sie die Braut ernst ansah.

Diese versuchte zu lächeln. »Ich weiß, daß Sie mich nicht lieb haben,« sagte sie.

»Dazu kenne ich Sie noch zu wenig,« erwiderte Alette ruhig, während sie einen Stuhl für die Schwägerin heranzog und sich selbst auch setzte.

Da geschah etwas, was wahrscheinlich alle beide in gleichem Grad überraschte. Die Schwägerin lag plötzlich vor Alettes Stuhl auf den Knien, den Kopf in deren Schoß.

»Ich bin bei weitem — bei weitem nicht gut genug für ihn, ich weiß es, ich fühle es.«

Alette strich ihr leicht und nicht unsanft übers Haar. »Wir können alle wachsen,« sagte sie. »Mit Gottes Hilfe! Je mehr wir unsere Mängel fühlen, desto mehr sehnen wir uns nach dieser Hilfe, nicht wahr?«

»Ja, ja.« Aber dieser Ausbruch, der nicht mit der Wärme aufgenommen wurde, die ihm entsprach, machte die Begegnung noch gezwungener als vorher.

Sie war in seinem Zimmer, — er war ausgegangen. Sie sehnte sich, alles zu berühren, wagte es aber nicht recht. Sie bat, alle Bilder von ihm, von seiner frühesten Jugend an, sehen zu dürfen, wagte es dann aber nicht, sich so darein zu vertiefen, wie sie es wünschte. Zwei Bilder von ihm erhielt sie, eins als Kind und eins aus späteren Jahren.

»Dies hier kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Alette, als die Braut ihre Blicke von einem nicht abwenden konnte, auf dem die Augen hinreißend waren in ihrem Suchen nach — nach dem Einzigen. »Es wurde für mich allein aufgenommen. Gleich nach dem Umschlag. Er sagte, daß nur ich allein dieses Bild verstehen könne, ich, die dabei war — im Kampf.«

»Waren es schwere Zeiten?« Sie fragte erregt, mit eifersüchtigem Interesse für eine Zeit seines Lebens, wo sie außerhalb stand.

»Es ist immer schwer, wenn die Wahrheit in einem Menschen siegen soll. Sie muß erkauft werden, wissen Sie.«

Alette stockte, als ob sie denke, die andere könne das ja doch nicht verstehen.

Das Schweigen wurde so drückend, daß ihm ein Ende gemacht werden mußte.

»Es gibt so vieles, was ich von Ihnen hören, von Ihnen lernen möchte,« sagte die Schwägerin und ergriff Alettes Hand. »Darf ich ab und zu kommen und Sie fragen?«

»Jawohl, — so oft Sie wollen.« Aber es lag keine Begeisterung in dem Ton, und es konnte ja auch keine da sein.

Als das dänische Fräulein heimkam, lag ein Brief von Erik da. Wenn nur wenigstens Erik zufrieden war! Aber das konnte man ja nicht erwarten. Nein, er war wütend.

»Du hättest nichts Schlimmeres tun können, als mir einen der geistlichen Nachtraben als Schwager auf den Hals zu hetzen. Du bist hunderttausendmal zu gut für so einen.«

Na, Erik verstand es ja gut. Mit einem Seufzer legte sie den Brief weg. Um keinen Preis durfte Halfdan ihn zu Gesicht bekommen. Aber es wäre vielleicht ganz angenehm, wenn Alette ihn lesen würde.

Wie eine Oase in der Wüste war allein der Glückwunsch des Konsuls gewesen. Er hatte sie auf die Stirne geküßt und gesagt: »Gott segne dich, mein Kind! Du bekommst einen guten Mann — einen guten Mann. Werde ihm nun auch eine gute Frau.«

Eine gute Frau! Das klang so gleichgültig, so einfach. — Eigentlich sehr wenig begehrenswert, würde sie früher gefunden haben — und doch so schwindelnd hoch über ihr, kam es ihr nun vor.

Und sie konnte sich nicht ganz darüber beruhigen, ob ihm das nicht auch selbst klar würde, ob er nicht zu der Einsicht käme, daß die andern recht hätten? Nein, nicht die andern an und für sich, aber zu der Einsicht, daß vox populi doch hier vox dei sei?

Ach, die Angst jener ersten Nacht, die von Zeit zu Zeit wiederkehrte, besonders am Sonntag!

»Es muß herrlich für Sie sein, wenn Sie ihn jetzt predigen hören,« sagten die Leute zu ihr.

Herrlich — ja. Wer konnte wie sie dem hinreißenden Flug seiner Worte folgen? Und doch saß sie in seiner Kirche in Todesangst und mit Zittern vor dem, was kommen würde. So oft er vor dem Altar stand, wenn sie seinen Kopf zurückgebeugt sah und wußte, mit welchem Blick die Augen aufgehoben waren — da war die Angst am größten.

Nun verstand sie, was der Stich im Herzen gleich beim erstenmal gewesen war: Schmerz, wirklicher, eifersüchtiger Schmerz über die Macht, die die stärkste in seinem Leben war. Es war ihr immer, als wolle diese Macht ihn verlangen, allein und ungeteilt. Das flammende Wort aus dem Alten Testament: »Ich bin ein eifriger Gott« traf sie wie ein Stachel. Es war ihr, als würde sich Halfdan am Altar umwenden und sie verwerfen ...

Ja, es war ihr, als ob Alette darauf warte, vielleicht darum bete — bei jedem Kirchgang.

Und viel sicherer war sie eigentlich auch nicht, so oft sie ihn mit andern zusammen sah. Da war er in seinem Wesen beinahe gerade wie früher gegen sie, zurückhaltend und manchmal mißbilligend. Es fiel ihm nie ein, ihr auch nur die Hand zu küssen, wenn es jemand sah. Nun, das war ja begreiflich, natürlich. Aber er sah sie auch kaum an. Besonders nicht, wenn Alette anwesend war.

Auch war sie bei weitem nicht so mit den Ereignissen seines Lebens verwachsen wie die Schwester. Es war ja begreiflich, daß er fand, es sei zu umständlich, ihr all die Leute aufzuzählen, die getauft oder getraut oder begraben werden sollten; auch daß er nicht jedesmal kommen und sie abholen konnte, so oft er zu einem Kranken mußte, obwohl sie ihn darum gebeten hatte.

Aber dadurch hatte die Schwester immer viel mehr Gemeinsames mit ihm. Und das Gefühl, außerhalb zu stehen, war ihr sehr peinlich.

Dann gab es noch etwas, was sie beunruhigte, und zwar beinahe am meisten von allem. Sie bemerkte nämlich nicht den geringsten Versuch von seiner Seite, sie zu ändern, sie zu bekehren.

Wenn er sie sich wirklich als seine Lebensgefährtin, als seine Pfarrfrau dachte, würde er dann nicht ganz unwillkürlich und sobald als möglich versuchen, auf sie einzuwirken, damit sie mit ihm eins werde in seiner Lebensanschauung? — Und wenn er das unterließ, war es nicht darum, weil sich bei ihm selbst ein unbewußter Zweifel an der Dauerhaftigkeit des Verhältnisses fand?

Doch gab es auch Stunden, wo alle Angst und Unsicherheit verschwanden, wie krankhafte Träume vor dem lichten Tag, — die Stunden, wo die Feuerwoge sie erfaßte, wo seine Arme, um sie geschlungen, sie in die einzige Welt einschlossen, die es für sie gab, — eine weitere, größere, unendlichere, je näher, je inniger er sie an sein Herz zog. Da lebte sie, da atmete sie. Aber sie mußte wieder hinaus, — hinaus, wo die kalte Angst saß und auf sie lauerte.

»Halfdan,« sagte sie eines Vormittags, »da ist etwas, das du mir so schnell wie möglich sagen mußt. Wie möchtest du mich haben? Ich kann doch noch bei weitem nicht nach deinem Geschmack sein?«

Sie drückte die gefalteten Hände auf sein Herz.

»Das Weib, so wie es deiner Ansicht nach sein soll, will ich werden. Sag mir, wie du mich haben möchtest!«

Er faßte sie unter das Kinn.

»Meinst du, das gehe so: ›Er sprach — und es geschah.‹«

»Versuche es. Soll ich mein Haar glatt scheiteln? Ich sehe dann gräßlich aus. Soll ich meine Nägel ganz kurz abschneiden? Soll ich mich anders kleiden?«

Er begann, ihr das Haar glatt zu streichen. »Laß mich einmal sehen,« sagte er.

Sie verbarg ihr Gesicht. »Nein, nein!« rief sie. »Du gibst mich in demselben Augenblick auf!«

»Möchtest du das vielleicht erreichen?«

»Ich möchte erreichen, daß ich die vollkommenste Gattin würde, die du finden kannst.«

Er schüttelte den Kopf. »Meinst du, das werde auf diese Weise erreicht? — Die Verwandlung eines Menschen! Die innerlichste, die freieste Sache, die es gibt! Von außen her — und auf Kommando?«

»Jedenfalls glaubte ich, man müsse einem Menschen das Christentum bis an den Fingerspitzen anmerken können. Das hast du selbst einmal gesagt.«

»Ja, gewiß, gewiß! Aber es soll jedenfalls nicht da beginnen. — All die äußeren Dinge, die du nennst, — ob sie von dem neuen Leben wie verwelkte Blätter abgestreift werden, oder ob die braunen Blätter hängen bleiben hinter all den frischen Trieben, wie an den jungen Buchen in deinen Wäldern, — das ist so unbeschreiblich gleichgültig.«

»Aber wenn die äußeren Dinge ein Hindernis für das neue Leben sind, und das können sie so leicht sein, dann muß man doch anfangen, sie abzustreifen.«

»Ja natürlich. Alles, was im Menschen für den Durchbruch des Lebens ein Hindernis ist, alles, was das Wachstum hemmt, und wäre es selbst die eigene Hand, das soll ja abgehauen werden, — wären es auch ›Äcker oder Gewerbe‹, wäre es — —«

Da trat die Tante ein, und er erhob sich, um zu gehen.

Im Flur küßte er plötzlich ihr Haar. »Ich bitte um Gnade für die Locken,« sagte er. »Laß sie so, wie sie sind.«

Ach, die Locken! — Wenn sonst nichts da gewesen wäre, worin Gefahr lag! — ›Äcker und Gewerbe‹ ... Ja, das aufzugeben, was man nicht hatte, darauf konnte man leicht eingehen. Aber — das dritte, das er nicht genannt hatte ... Das Hindernis, das in sein Leben einzuverleiben ihm so viel Bedenken gemacht hatte, würde es nicht eines Tages — in ihrer Gestalt — ihn so bedenklich machen, daß —

Und wenn es die eigene Hand wäre, so müßte sie ja abgehauen werden ...

Seither waren mehrere Wochen vergangen. Das frohe Weihnachtsfest war vorüber, und man hatte schon beinahe den langen Januar hinter sich.

Das dänische Fräulein ging überall hin, wo ihr Verlobter sprach, und auch zu allen Versammlungen, denen er nur anwohnte. Sonst aber ging sie zu keinen großen Festlichkeiten mehr und auch nicht mehr ins Theater, überhaupt nur dahin, wo er auch dabei sein konnte, obgleich er sie nicht mit einem Wort in dieser Richtung beeinflußt hatte.

Sie ging auch sehr einfach gekleidet, und in einigen der Vormittagsstunden, wo sie sonst gemalt oder Klavier gespielt hatte, strickte sie nun grobe, graue Strümpfe für arme Kinder. Und es war ihr, als liebe sie alle die kleinen kalten, nicht immer ganz reinen Beinchen, die hineingesteckt werden sollten ...

Sie war auch alle Tage draußen in der Küche bei Trine — mit glühenden Wangen und in einer großen Kattunschürze. Denn eines war sicher, ein gutes Essen sollte Halfdan bekommen, wenn er mit ihr verheiratet war; so gut, wie er nie gedacht hätte, daß die täglichen Speisen schmecken könnten, und daß er dadurch Lust bekäme, noch einmal so viel zu essen als jetzt, oder, daß er zum wenigsten von dem, was er verzehrte, so gut wie möglich ernährt würde.

»Mach es nur nicht gar zu schlimm,« sagte die Tante. »Ich meine, du übertreibest es. ›Lieb mich wenig, lieb mich lange,‹ das ist mein Wahlspruch. Man soll niemals verschwenderisch sein, weder mit seinem Eifer noch mit seinen Gefühlen, sonst kommt auf einmal ein Rückschlag.«

»Liebe, kluge Tante, das Weltmeer braucht nicht am Wasser zu sparen.«

»Ja, die großen Worte — an sie glaube ich nicht so recht. Da ziehe ich den goldenen Mittelweg vor — auch hier.«

»Den goldenen Mittelweg? — Der ist in der Regel das vergoldete Elend.«

»Wer sagt das?«

»Halfdan.«

»Ach, er sagt so viel. Wolltest du dich nach allem richten, was er sagt, dann — dann hättest du ihn ja nicht einmal nehmen können. Denn mehr als irgend ein anderer hat er gegen die Schwachheit der Pfarrer, in den Ehestand zu treten, gesprochen.«

»Wenn Halfdan es dennoch tut, dann kommt es daher, daß er jetzt klarer in diesem Punkt sieht. Er handelt immer aus seiner innersten Überzeugung heraus, und nur aus dieser.«

»Ja, meinethalb mag er gerne! Du mußt es ja am besten wissen! Ich glaube aber doch, daß es sich auch etwas anders erklären ließe. Wir haben einen guten Liedervers, in dem heißt es:

Auch die großen Heil'gen haben Adams Fleisch und Kleider an!«

Bei diesen Worten der Tante stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf: Sollte Halfdan in dem Urteil anderer verloren haben? Sollte er in deren Würdigung auf eine niederere Stufe herunter gesunken sein, weil er sich an sie gebunden hatte?

Ach das Urteil der Welt! Wie feig, wie falsch! Hatte nicht jedermann gesagt, daß er zu streng gegen sich selbst sei, ganz unvernünftig asketisch? Und in demselben Augenblick, wo er ein klein wenig mehr nach ihren Anschauungen handelte, wandten sie sich gegen ihn und deuteten dafür mit Fingern auf ihn. Nein — sie war empört!

Aber mochte es so sein! Wie andere ihr und Halfdans Verhältnis beurteilten, war ihr unsäglich gleichgültig. Er nur war es, er allein, der über dieses und über sie zu urteilen hatte. So klar, so klar wie möglich!

»Halfdan!« sagte sie bei einem der wenigen Male, wo er Zeit hatte, mit ihr spazieren zu gehen, an einem schönen Wintertag, wo von weißen Bäumen auf dem St. Hanshügel Schneesterne auf ihr Haar und ihre kleine dunkle Pelzmütze herunterrieselten. »Du fragst mich so wenig nach mir selbst aus. Du solltest mich doch ganz kennen lernen!«

»Um die Kenntnis von einem andern, die man durch Ausfragen bekommt, gebe ich nicht viel. Ich wende eine andere Art und Weise an.«

»Wenn sie dann nur ebenso sicher ist! Ich möchte gern, daß du dir ganz klar wärest —«

»Wie viel Gutes sich hinter dem — häßlichen Äußern verbirgt?«

»Nein, gerade das Gegenteil.«

»Immer kommst du mit deinen Fehlern! Wie wäre es, wenn wir zur Abwechslung nun einmal die meinigen vornehmen würden? Ich bin hitzig, jähzornig, ungeduldig, herrschsüchtig —«

Sie lachte und drückte seinen Arm fester.

»Ach du abscheulicher Mann! Wie schlimm werde ich es bei dir bekommen! Deine Fehler, Halfdan! Nein, daß du so dumm sein kannst und sie aufzählen! Glaubst du denn, ich hätte an meine Fehler gedacht! Du und ich, — könnten wir uns wohl je unsere Fehler vorwerfen? Wir können ja gleichsam durch sie hindurchsehen! Und wir haben doch auch den großen Mantel, weißt du, um sie alle zu bedecken. Nicht wahr?«

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings