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Der Hochlandspfarrer

Das dänische Fräulein. (continued 2)

Pauline Klaiber translation

Er legte seine Hand auf die ihrige, die auf seinem Arm lag — mit der Bewegung, die sie von jenem Abend her so gut kannte.

»Geliebte,« sagte er. »Mein Herzlieb!«

Kurz nachher fuhr sie fort: »Nein, was ich sagen wollte, war, daß ja — ein so großer Unterschied zwischen uns beiden sei. Denn du, Halfdan, du bist — ja du stehst in einem Verhältnis zu Gott. Von ihm aus lebst du dein ganzes Leben. Du hast dich hingegeben bis auf den Grund der Seele, bis in die Fingerspitzen, — einem hingegeben, der für dich in allen Dingen will, weil du selbst aus eigenem freiem Willen nur eines willst, ihn, nur ihn in alle Ewigkeit.«

Er blieb unter den schlanken weißen Bäumen stehen.

»Ja,« sagte er, »so ist es — woher weißt du das?«

»Von meinem Verhältnis zu dir. Aus ihm heraus kann ich das Verhältnis zu Gott wohl verstehen. Und besonders verstehen, daß ich gar nicht darin stehe. Ich bete wohl, — das habe ich von Kind auf getan! — ich gehe in die Kirche, jetzt könnte ich es gar nicht mehr entbehren, dich zu hören, und ich zweifle eigentlich nicht. Ich meine, ich lasse mich nicht auf meine eigenen Zweifel ein. Was mein Verstand einwendet, mit dem kann ich leicht fertig werden. Denn an einen Gott glauben, gegen den er nicht ein klein wenig etwas einzuwenden hätte, das könnte ich doch nicht so recht. Er würde so verdächtig selbstgeschaffen. — Aber all dies ist einfach nichts, das weißt du selbst. Ich — ich bete nicht an, ich stehe nur in einem einzigen lebendigen Verhältnis, mit meiner ganzen Persönlichkeit, und ich will nur eins, dich, dich und nur dich!«

Wieder blieb er stehen. »Ich fühle mich beinahe versucht, zu sagen: du bist verzweifelt ehrlich.«

»Was meinst du damit?«

»Nichts.«

Sie gingen ein paar Schritte weiter; dann sagte er: »Das muß ich doch sagen. Sich klar machen, daß man außerhalb steht, ist die erste notwendige Bedingung, um hineinzukommen. Dieser Standpunkt ist also nicht der schlimmste.«

»Aber auch lange nicht der beste.«

»Nein — selbstverständlich nicht —«

Im Flur hielt sie ihn einen Augenblick zurück, ehe sie ins Zimmer traten.

»Du hast noch etwas vor mir voraus. Aber das muß ich flüstern; es ist leichtsinnig.«

»Kann ich's ertragen, es zu hören?«

»Ich weiß nicht recht, wir können es ja versuchen.«

Sie legte ihre Lippen dicht an sein Ohr:

»Halfdan Svarte ist so schön —«

»Ja, das ist sicher. Darin ist er dem dänischen Fräulein weit über.«

»— so schön wie ein römischer Kaiser.«

»Das hat man ihm noch nie gesagt.«

»Nein, natürlich nicht! Aber etwas hast du vielleicht noch nie gehört, nämlich wie die römischen Kaiser sich nennen ließen: »Aeternitas tua.« Kannst du so viel lateinisch, daß du verstehst, was es heißt? Und so nenne ich meinen eigenen wunderschönen Kaiser von ganzem Herzen: Aeternitas tua! Er ist der Bleibende, der Seiende, der Einzige für mich — Und ich bin sein — in Zeit und Ewigkeit.«

— Eine Woche später waren der Pfarrer und seine Schwester in kleinem Freundeskreis bei Konsuls zu Mittag. Die gnädige Frau hatte ein feines Diner bestellt zu Ehren eines durchreisenden dänischen Pfarrers, eines Jugendfreundes von ihr, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Gegen ihre Gewohnheit war die Nichte zeitig fertig und saß in ihrem weißen Gewand mit einem Buch in der Hand da, als Halfdan eintrat.

»Ich dachte an die Sonne,« sagte sie, »und nun scheint sie. Halfdan, warum dichtest du nicht mehr? Ich liebe deine Verse!«

»Sagst du nicht einmal guten Tag?«

Sie sprang auf. »Ich grüße dich, mein Liebster! Guten Morgen! — Nun, warum dichtest du nicht mehr? Hast du keine Zeit dazu?«

»Doch. Aber die Persönlichkeit kann man nur in einem haben.«

»Aber andere Pfarrer tun es doch auch!«

»Mag wohl sein. Ich aber muß mich auf eines konzentrieren, mich nicht zerstreuen, nicht etwas Unwirkliches hineinmischen. Meine Predigt soll keine Dichtung sein. Davon haben wir genug in der Kirche, auch von denen, die keine Dichter sind!«

»Wenn du das Dichten aufgegeben hast, als du dich bekehrtest, dann ist dich dein Christentum wirklich teuer gekommen.«

»Ja, — das Christentum, das einen nichts kostet, ist in der Regel eben so viel wert, wie — der Einsatz.«

»Aber, Halfdan, es kommt mir vor, als habest du nicht einmal das Recht dazu; ein Talent hat man bekommen, um es zu benützen.«

»Bisweilen auch, um es zu hemmen. Wenn es nämlich das hemmt, was mehr wert ist.«

»Nein, dann wäre es sinnlos, daß man es bekommen hätte. Es soll doch Zinsen tragen, das weiß ich.«

»Wenn ein Talent, von einer Überzeugung gehemmt, den ethischen Wert eines Menschen erhöhte, dann hätte es sich verzinst, am reichsten, am tiefsten. Die beste Frucht ist immer Persönlichkeit.«

»Halfdan, nun bist du zum Verzweifeln! Soll man denn allen seinen Talenten und Neigungen entgegentreten? Das ist schließlich nicht auszuhalten.«

»Wie kannst du so töricht fragen? Mit oder gegen seine Neigung, das ist ganz gleichgültig; aber der Forderung, der persönlichen Forderung der Wahrheit an jeden Menschen, der muß gehorcht werden, was es auch kosten mag. Deshalb dichte ich jetzt nicht mehr. Aber ich tue es vielleicht später wieder. In solchen Dingen kann niemand einem raten oder einen beurteilen. Nicht einmal das dänische Fräulein, das so sehr klug ist.«

Allmählich kamen auch die anderen Gäste, und man ging zu Tisch.

Während der Mahlzeit herrschte eine sehr lebhafte und fröhliche Stimmung.

Als die Herren nach dem Essen eine Zigarre rauchten, verließ die Nichte die andern Damen und zog sich ins Kabinett zurück, das doch etwas näher beim Rauchzimmer war.

Während sie da saß, ergriff sie ein ganz überwältigendes Gefühl. Lieber Gott im Himmel! Wie liebte sie Halfdan, der so stark war, so unerschütterlich treu seiner Überzeugung, so schonungslos auf der Wacht vor allen Schlupfwinkeln in seiner Seele, wo sich eine irdische Schwachheit festsetzen und ihn in ihre Fäden einspinnen könnte!

So ganz überwältigend stieg dies Gefühl in ihr auf, daß sie den Kopf auf die Marmorplatte vor sich sinken ließ ...

Dann war auf einmal jemand da, der seine heißen Lippen auf ihren Nacken drückte.

»Ich mußte dich einen Augenblick haben. Ich mußte! Und mir war es, als seiest du hier.«

Er saß neben ihr und legte den Arm um sie.

»Halfdan, es ist nicht zu ertragen, daß es Tage, Stunden — Sekunden geben soll, wo ich dich nicht sehe, dich nicht höre, nicht mit dir lebe ...«

»Ich glaube auch, daß ich dich jetzt nicht mehr loslasse.«

»Nein, — könntest du das? Du könntest es nicht über dich gewinnen. Die Welt geht jedesmal unter. Denk ein wenig daran!«

Näher, inniger zog er sie an sich.

»Ist die Welt jetzt?«

»Ja — o ja! Das Leben ist. Und ich bin!«

»Ja du bist — du bist! Das ist das Lebenswunder. Weißt du übrigens — ich kann es beinahe nicht aushalten, dich in Weiß zu sehen!«

»Und ich hatte gerade gedacht, ich sei so hübsch in Weiß.«

»Das ist es nicht. Eher — eher zu hübsch! Aber wenn ich dich in diesem Gewand sehe, dann ist es mir, als sei der Augenblick gekommen, wo du das weiße Brautkleid trägst und wo du mein bist, mein ganz und gar.«

»Das bin ich in allen meinen Kleidern.«

»Ja. Aber — —«

»Halfdan, verstehst du denn nicht, daß — daß ich nicht noch mehr dein eigen werden kann, als ich es schon bin? Das ist unmöglich.«

»Kannst du es wirklich nicht?«

»Nein, bist du denn nicht so klug, daß du ein klein wenig davon verstehst, wie ich dich liebe? — Nein, die Männer begreifen ja nie etwas. Nun werde ich es dir ein für allemal sagen, aber es ist ein großes Geheimnis: Ich bin — ich bin nur Liebe zu dir. Verstehst du nun, daß ich nicht noch mehr werden kann? Das ist mehr als Braut, ist mehr als Gattin. Sie sagen oft so jämmerlich wenig, diese Namen. Aber, wenn du immer noch mehr ausfindig machen kannst — und ich also noch mehr als — als meine Liebe geben kann, — und dir geben kann, dann machst du mich nur noch glücklicher und immer glücklicher. So, dies sollst du nun studieren, Tag und Nacht, dein ganzes Leben lang, hörst du?«

»Ach, du dänisches Fräulein!«

»Und, Halfdan — ach, ich habe dir noch mehr zu sagen!«

»Nein, nein — nein! Jetzt nicht sprechen! Nur zusammen schweigen. Zusammen sein, die kurzen, kurzen Augenblicke, die wir haben. Steht nicht irgendwo: ›Er schloß ihr die Augen, er schloß ihr den Mund!‹ Nun schließe ich, nun schließe ich deinen Mund, den süßen, unruhigen reizenden Mund. Dann siehst du nicht, dann sprichst du nicht, — bist nur bei mir, du, mein Lieb, mein Herz!«

Vom Herrenzimmer her näherten sich Schritte.

Sie standen beide auf. »Daß andere auch noch das Recht haben, da zu sein!« sagte sie.

Er lachte und küßte ihr die Hände.

Als die beiden mit den andern in den Salon traten, fragte die Konsulin eben nach einem Missionar in Indien, dessen Frau Alettes Freundin war.

»Ich glaube,« antwortete diese, »daß er sich von dort wegmeldet.«

»Wirklich! Und es hieß doch, daß seine Predigt so viele gewonnen habe.«

»Aber Laura kann das Klima nicht ertragen.«

»Ach so — ja dann ...«

»Ihre Gesundheit ist vom Fieber vollständig untergraben. Sie kann also dort nicht weiterleben.«

»Was kann sie nicht?« rief plötzlich die Nichte leidenschaftlich.

»In dem Klima dort leben, du hörst es ja, Kind.«

»Dann muß sie eben dort sterben.«

Der dänische Pfarrer nickte seinem norwegischen Amtsbruder lächelnd zu. »Sie bekommen eine Gattin, die kein Hindernis für Sie sein wird. Das merkt man.«

»Nein,« lautete die Antwort ruhig. »Sonst könnte ich sie auch nicht gebrauchen.«

Sie sah ihn strahlend an. Aber er erwiderte ihren Blick nicht.

»Es ist sehr keck von dir, so etwas zu sagen,« sagte die Tante mißbilligend. »Der Mann hat doch nicht gelobt, seine Frau umzubringen. Deshalb denken wir andern, er tue seine Pflicht, wenn er mit ihr zurückkehrt.«

»Mag er es tun! Aber dann soll er allein wieder hinaus und Mission treiben.«

»Was würde dann aus dem Familienleben?«

»Das muß er opfern, natürlich, wenn es mit seinem Beruf in Streit gerät.«

»Nein, entschuldigen Sie,« fiel nun der dänische Pfarrer ein, »ich stelle mich da wirklich auf die Seite Ihrer Tante. Der Mann hat vor dem Altar gelobt, bei seiner Frau zu stehen in guten und bösen Tagen. Ich glaube kaum, daß es vor Gott recht wäre, wenn er sie verließe.«

»Ich glaubte doch, ein Christ müsse alles verlassen um des Herrn willen. Dieser Mann steht auf, verläßt die Arbeit für das Reich Gottes und folgt seiner Frau. Und in der Bibel steht doch auf jedem Blatt, daß ›sie alles verließen und ihm nachfolgten‹.«

»Allerdings, das steht da — mehrere Male. Und das muß auch getan werden, wenn es verlangt wird. Aber das sind nur besondere Fälle, Ausnahmen. Die Zeitgenossen des Herrn konnten sich nicht täuschen, daß dies Verlangen an sie gestellt wurde, und daß sie es buchstäblich zu nehmen hatten. Wir andern aber müssen ganz besonders vorsichtig in diesem Punkt sein. Denn in der Regel besteht das Verlangen des Herrn nur darin, daß man allem, was man hat, um seinetwillen absagen soll. Und dies heißt nicht »verlassen«. So fassen es nur die Katholiken auf. Daher kommt alle ihre mißverstandene, krankhafte Askese. Wir andern verstehen, daß wir nur in Entsagung besitzen sollen. Nicht, — ja nicht irgend etwas, das wir haben, über den Herrn und sein Reich stellen, nicht etwas höher achten, weder Reichtum, Heimat, Gattin, noch das Leben, — ein Christ soll dies alles nicht verlassen, nicht wegwerfen, sondern es nur besitzen — in Entsagung.«

Gerührt nickte die Konsulin ihrem Jugendfreund zu. »Danke, lieber Berg. Das war so recht klar ausgelegt.«

Alle anderen schienen diese laue Erklärung zu billigen. Aber dazu war das dänische Fräulein zu ehrlich. Und sie wußte einen, der es auch nicht tat, der seinem älteren Kollegen nur nicht widersprechen wollte. Aber er sollte hören, daß sie ihn verstand.

»Ja, auf diese Weise ist es allerdings ganz bequem, ein Christ zu sein,« sagte sie. »Aber dann verstehe ich nicht, warum überall in der Bibel die großen Anforderungen gestellt werden, wenn man sich nur davor hüten soll, sie zu erfüllen. Wenn sie so erleichtert und umerklärt werden können, muß man zuerst ehrlich sein und sie lieber ganz streichen. Denn in der Praxis kann ich keine Spur von Unterschied darin sehen, ob man in Entsagung besitzt oder gar nicht.«

»Das muß man fühlen,« sagte der dänische Pfarrer. »Und ich hoffe, Sie werden dahin gelangen. Das Christentum ist der Glaube im Geist, und nicht im Buchstaben. Man muß suchen, dies verstehen zu lernen.«

Die Frau Konsul schlug nun vor, etwas zu musizieren, um einen passenden Abschluß der Diskussion, bei der die Beteiligung der Nichte durchaus nicht ihren Beifall hatte, herbeizuführen.

Und bald war die Dissonanz auch in Spiel und Gesang aufgelöst.

Als die Gesellschaft aufbrach, hatte Halfdan ein Buch im Kabinett liegen lassen und ging hinein, um es zu holen.

Sie lief ihm nach, sie mußte einen verständnisinnigen Blick, einen Händedruck haben.

Er aber wandte ihr fremde und kalte Augen zu.

»Ein für allemal, sprich bei solchen Dingen nicht mit, bis du sie besser verstehst. Du zeigst damit nur, daß du unendlich weit außerhalb stehst; daß du gar keinen Begriff von geistlicher Auffassung hast!«

Da fuhr sie auf. »Bedeutet geistlich sein so viel als allen Bibelworten ihren Stachel nehmen, sie beschneiden, beschnipfeln, sie überzuckern, damit man sie ohne Mühe verschlucken kann? — Dann ist das geistliche Christentum die reine Jämmerlichkeit! Und das kannst du doch unmöglich meinen, du, der alles opfert, was es auch sei.«

»Ja, aber du nimmst es so unverständig, weil du so ganz außerhalb bist und bleibst. Und vorläufig sollst du Christentum nur lernen, nicht es lehren.«

Ihr dunkler Kopf richtete sich stolz vor ihm auf.

»Was ich sagen oder nicht sagen soll, das lasse ich mir niemals vorschreiben.«

Er ging nach der Tür, ohne noch ein Wort zu sagen. Und da fühlte sie sich nur noch von einem Gefühl der Angst beherrscht.

»Halfdan — nein, geh nicht so von mir! Ich verstehe es ja nicht wie du. Sag mir nur, wie ich sprechen soll!«

Er blieb stehen und sah sie einen Augenblick an. Dann zog er ihren Kopf an sich und drückte seine Lippen fest auf die ihrigen.

»So,« sagte er.

»Ach, Halfdan, wenn ich auf diese Weise schweigen darf, dann möchte ich am liebsten nie wieder ein Wort sagen!«

Er sah sie an und küßte sie noch einmal.

Februar und März vergingen. Und die Pläne für die Zukunft begannen festere Formen anzunehmen.

Der Plan war, daß sie im Anfang Mai nach Dänemark reisen solle, um ihre Aussteuer zu besorgen, und daß die Hochzeit dann im Lauf des Sommers stattfinden würde.

Glücklicherweise war Alette so gestellt, daß sie sich, wie die Tante sagte, »ein kleines sorgenfreies Heim« einrichten konnte, und die Nichte hatte von ihren Eltern auch soviel geerbt, daß das Brautpaar mit der Hochzeit nicht zu warten brauchte, bis der Pfarrer ein größeres Einkommen hatte.

»Weißt du, ob Halfdan sich um etwas gemeldet hat?« fragte die Tante im Frühjahr eines Morgens die Nichte.

»Ich glaube nicht. Er sagte neulich, es wäre vielleicht gut, wenn wir ganz von Christiania wegkämen. Aber er sagte nichts davon, daß er sich irgendwohin melden wolle. Warum fragst du?«

»Ach, weil Bödkers Bruder, der im Konsistorium ist, bei Hallager war und sagte, — aber es muß ja ein Irrtum sein —«

»Was denn?«

»Daß Halfdan sich um eine der schrecklichsten, ödesten und nördlichsten Pfarreien beworben habe. Aber das ist ja unmöglich. Denn dorthin könnte er dich doch nicht mitnehmen! Ebensogut könnte er dir den Nordpol anbieten.«

Mit einem plötzlichen Angstgefühl legte die Nichte die Hand aufs Herz, sagte aber nur:

»Und wenn er sich um eine Pfarrei auf dem Monde bewerben würde, für mich könnte es keinen Unterschied machen.«

»Ja, das wäre auch besser, denn diese bekäme er doch nicht. — Aber es muß ein Gerede von Bödker sein. Es ist ja unmöglich. — Das wäre die mißverstandene Askese, gegen die Pastor Berg neulich so klar sprach.«

— Den ganzen Tag hindurch stand nur ein Bild vor ihrer Seele. Ein Bild, von dem sie, wie es ihr vorkam, einmal geträumt haben mußte, und das nun so deutlich vor ihr stand, daß es war, als sehe sie es mit ihren leiblichen Augen — das Bild, das einen zeigte, der hinaufstieg, hinauf, hinauf, bis ihn das strahlende Licht in der Höhe aufnahm. Und unten stand ein anderer, der sich die Hände an den Felsen blutig riß, ohne mitkommen zu können ....

Sie war sogleich überzeugt, daß die Nachricht der Wahrheit entsprach. Und sie verstand seinen Gedanken vollständig: er brach auf, — er brach auf. Auf diese Weise wurde der Schlag vorbereitet, den ihre geheime Angst erwartet hatte, gleichsam von der ersten Stunde an.

Von droben aus der Höhe, der strengen, weißen, einsamen Höhe, hatte er den Ruf vernommen — der nach »oben« zog — »unerbittlich«. — Und er verließ alles, stand auf und folgte ihm.

Er schob sie weg, ohne Klage, ohne eine Einwendung, stieg dem starken, klaren, leuchtenden Tag entgegen, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach dem umzuwenden, was dahinten blieb.

Nun fiel es, das Damoklesschwert, das sie über ihrem Kopf hängen gefühlt hatte.

Und hinter aller Angst, allem Schmerz war es doch wie wunderbare, schmerzliche Freude.

Denn das, was ihn so ganz gefangen nahm, sogar weg von ihr zog, es war doch das, was sie am meisten an ihm liebte!

— Der Pfarrer kam an dem Abend zu Besuch und war kaum ins Zimmer getreten, als die Tante ihm entgegenrief: »Hier sind die abenteuerlichsten Gerüchte über dich im Umlauf, Halfdan! Daß du wahnsinnig geworden seiest und dich um Finn-Li beworben habest.«

»Ich glaube beinahe, das Gerücht hat recht; ich bin nämlich wirklich so wahnsinnig.«

»Nein, hör mal, das ist zu arg! Es ist vollständig unvernünftig! Du, mit deiner Tüchtigkeit und Begabung, zu diesen einsamen Bauern hinauf!«

»Sollen diese denn nur untüchtige Leute haben?«

»Und das kannst du ihr ja ganz und gar nicht bieten! Ich hoffe, du bekommst die Stelle nicht.«

»Dazu ist wohl keine Gefahr.«

»Nun, dann hoffe ich wirklich, daß sie dich aufgibt, hätte ich beinahe gesagt.«

Da wurde die Tante einen Augenblick hinausgerufen.

Als die beiden allein waren, trat er zu ihr:

»Fragst du gar nicht?«

»Ich bin entschlossen, dir zu folgen — und nicht, dich zu fragen,« sagte sie mit einiger Anstrengung.

»Aber ich möchte doch so gern antworten. Ach, wie kalt deine Hände sind! Ist das Herz so warm?«

Sie fragte leise: »Ist es — um der einsamen Seelen willen?«

»Vielleicht. Obgleich — Seelen gibt es an jedem Ort. Und einsam sind sie alle. Nein — das ist es nicht gerade.«

Die Konsulin trat wieder ein.

»Mein Mann sagt wie ich, daß wir dich davon abbringen müßten. Es gibt Stellen genug hier im Tiefland.«

»Ja, und das ist recht gut für die, die das Hochland nicht ertragen können. Aber es gibt andere, die das Tiefland hinter sich lassen müssen, die hinauf müssen — ganz hinauf — bis zur höchsten Spitze.«

»Ja, das heißt man allerdings eine Sache auf die Spitze treiben, da hast du ganz recht.«

»Halfdan,« sagte die Nichte plötzlich laut. »Du willst Hochlandspfarrer werden, und da tust du recht daran. Dazu paßst du gerade. Du darfst dich nicht aufhalten lassen. Du darfst dich im Tiefland nicht fesseln lassen!«

Er streichelte ihr die Hand. »Es ist zwar nicht so ganz das, was wir unter Hochland da droben verstehen,« sagte er. »Aber dies ist ein schöner Titel.«

»Meinst du?« sagte die Konsulin. »Da weiß ich aber doch, daß geschrieben stehet: Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den niedrigen.«

»Wenn Paulus es so gemeint hätte wie du — dann hätte er nicht selbst darnach gelebt. Und wir haben noch einen Größeren als ihn, der uns den Weg nach oben gezeigt hat. Einer, der predigte und betete, der kämpfte und am Kreuz starb. Einer, der uns gelehrt hat, daß man auf der Höhe leben soll. Von da geht man ein — zur Vollendung des Lebens.«

»Das ist alles ganz wahr. Aber die Nachfolge kann man nicht buchstäblich nehmen — das hast du selbst gesagt.«

»Es schadet nichts, wenn es einer doch einmal buchstäblich nimmt.«

»Ja, aber davon kann nun doch hier keine Rede sein. Sag doch etwas, Kind! Diese Meldung muß zurückgenommen werden.«

Aber sie sagte nichts — auch nicht, als der Konsul hereinkam und mit wirklich treffenden kurzen Worten die Bestrebungen seiner Frau, diesen Beschluß zu ändern, unterstützte.

Nach dem Abendbrot setzte sich der Pfarrer an den Flügel im Saal, um einige Kirchenlieder zu singen, die seine Braut gerne hören wollte.

Sie saß hinter ihm, auf einem niederen, mit Atlas bezogenen Sofa, in der Dunkelheit, die die beiden Lichter auf dem Instrument nicht zu erhellen vermochten, und lauschte auf die glockenreine, schöne Stimme, ohne ein Wort von dem Gesang aufzufassen.

Kurz nachher saß er auf dem Sofa neben ihr. »Weißt du, warum?« fragte er.

Sie dachte die ganze Zeit an nichts als an die Stelle da oben hoch im Norden, um die er sich gemeldet hatte. Nun kam die Erklärung.

»Ich will es dir sagen. Aber es ist ein Geheimnis. Heute bin ich der, der flüstern muß.«

Er schlang die Arme um ihren Hals und legte seine Lippen dicht an ihr Ohr: »Es gibt eine, die ich ganz für mich allein haben muß. Ganz, ganz allein. — Deshalb, glaube ich, habe ich es getan.«

Sie rührte sich nicht, verstand es noch nicht recht.

»Ich muß alle andern, die ganze Welt weg haben. Ich muß einen Ort finden, fern, einsam, verborgen, — wie der, wo der Steinadler seinen Horst hat. Dort das Hochzeitshaus aufrichten! Und dich auf meinen Armen hinauftragen! Zu mir hinauf, zu mir allein!«

Sie tat einen tiefen Atemzug — einen erlösenden.

»Und ich glaubte — ich dachte —«

»Was dachtest du?«

»Daß du — daß du von mir fort wolltest.«

Er lachte und drückte ihr lockiges Haupt inniger an sich.

»Ja, du bist ein Kind! Ein törichtes, törichtes Kind, das nicht das Geringste von allem versteht. Du weißt gar nicht, wie du alles, was sich in mir regt, gefesselt hast. Wie abhängig ich von dir bin, um zu leben. Wie du Lebensbedingung für mich bist. Du bist das Licht meiner Augen! der Schlag meines Herzens! mein Atemzug selbst ... das, was man sich nicht entreißen läßt. Das, wofür man bis aufs Blut kämpft. — Denn ohne das kann man nicht leben.«

»Ach Halfdan, sag es noch einmal! Sag es noch einmal!«

»Mein Leben — mein Leben! Hast du es jetzt gehört? Verstehst du es jetzt? Weißt du nun, daß ich alles auf die Seite geschoben haben muß, abgeschnitten, weil ich dich so ungeteilt haben will, so endlos, daß niemand anders auch nur einen Schimmer von dir haben darf! Begreifst du, daß ich hoch, hoch hinauf muß, bis zu dem fernsten, wolkenverhüllten Gipfel, wo kein spähendes Auge uns sieht — um mein Lieb heimzuführen? — Da hinauf, wo nur du für mich lebst, wo nur du da bist, lebenswarm mit klopfendem Herzen, — für meine Liebe und für mich! Wo wir zusammen hinausgleiten können in die große, schwindelnde Tiefe. Nichts wissen, nichts erinnern, nichts fühlen, als nur einander angehören, — einander angehören!«

Sie schlug die Hände vors Gesicht.

»Halfdan, dann muß ich sterben.«

»Gewiß nicht. Dann sollst du leben.«

»Ja, o ja ... Aber begreifst du nicht, daß gleichsam eine Todesangst in dieser grenzenlosen Hingabe liegt? Halfdan, die Freude, mit dir allein zu sein, für dich allein, — sie wird mir das Herz zersprengen! Ich muß daran sterben! Aber es wird trotzdem so sein, wie in dem Liede: Und hätt ich tausend Leben gleich — um eins nicht wollt ich bitten!«

Als die beiden wieder ins Wohnzimmer traten, sagte die Tante: »Hast du Halfdan nun von dem unsinnigen Einfall abgebracht?«

Mit strahlendem Blick wandte die Nichte sich ihr zu: »Nein, nun verstehe ich ihn. Wir sind ganz einig darüber.«

»Ja,« sagte der Pfarrer ruhig, »sie nimmt es wirklich sehr verständig auf, Tante, daß es gar keinen Sinn hätte, das aufzugeben, was mir als das Richtige vorkommt.«

Als er gegangen war, sagte die Konsulin zu ihrer Nichte: »Wenn du in dieser Weise auf alle seine verrückten Ideen eingehst, benimmst du dich sehr unklug.«

»Ich habe auch gar nicht die Absicht, Halfdan gegenüber klug zu sein, ich möchte ihn nur fühlen lassen, daß er auf mich nicht die geringste Rücksicht zu nehmen braucht.«

»Dieser Wunsch kann dir leicht erfüllt werden. Er ist jetzt schon so rücksichtslos, daß es unbegreiflich ist. Sein Betragen gegen dich hat mich schon wiederholt gekränkt. Aber es ist deine eigene Schuld. Und du wirst ihn damit erst nicht glücklich machen.«

»Ach Tante!«

»Ja, im Augenblick denkt er natürlich, es sei sehr bequem, eine — Sklavin für alle seine Wünsche zu haben. Aber auf die Dauer wird es ihn langweilen. Er wird immer unvernünftiger in seinen Ansprüchen werden, und die immer weniger achten, die ihm nie einen verständigen Widerstand zu leisten vermag.«

»Du kennst Halfdan nicht, Tante.«

»Liebes Kind, die Männer — wenn man nur einen kennt, kennt man sie alle auswendig.«

Die Nichte schlang den Arm um sie. »Komm und besuche uns am Nordpol, Tantchen! Dann sollst du sehen, wie furchtbar gut wir es beieinander haben.«

»Nein, das wird nicht geschehen. Weder Hallager noch ich können uns darauf einlassen, uns den Hals zu brechen oder in einem Moor bis zum jüngsten Tag stecken zu bleiben.«

— Die Nichte konnte durchaus nicht zur Ruhe gehen. Von einem Zimmer ins andere flog sie in atemloser Freude.

All die kalte qualvolle dumme Angst war von der leuchtenden Siegesgewißheit wie ein Stein von ihrem Herzen gewälzt worden. Die stärkste Macht in seinem Leben war — sie.

Er ließ sie nie wieder los, weil er — nicht konnte! Er war fest, unauflöslich an sie gebunden! Fühlte, dachte, wollte nur sie!

Ach, die jubelnde Sicherheit!

Alette, — ihre Tante, — alle übertriebene Vorsicht, — die ganze Welt — was wußten sie, was verstanden sie, was vermochten sie? Selbst — selbst die Macht, die sie beständig wie eine nach ihm ausgestreckte Hand gesehen hatte, auch sie kam gar nicht in Streit mit ihr? Jene hatte seine Überzeugung, natürlich. Aber sie, die Braut, sie hatte ihn selbst! Ihr gehörte er!

Droben auf der Höhe, wo die Wolken die Gipfel verhüllten, da würde er die Stätte für die große, alles vergessende Götterliebe errichten.

Deshalb, nur deshalb zog er dort hinauf.

Und dies war recht, vollkommen recht, menschlich und natürlich recht! Wer konnte ein einziges Wort dagegen sagen?

Als sie endlich, müde und vor Glück fast schwindelig, in das Reich der Träume hinüberglitt, folgten ihr einige Worte auch dahin, Worte, von denen sie nicht wußte, wo sie sie gelesen hatte: »Königin, Königin werd' ich sein in Ewigkeit! — Ich — und niemand außer mir!«

— Am nächsten Tag kam der Pfarrer nicht zu Besuch. Aber er sandte ihr einige Linien, wie öfters, wenn er wußte, daß er sie nicht sehen würde.

Diesmal enthielt der Brief nur ein paar Verse:

Vögelein schnäbelt im blühenden Dorn, Zwitschert ein Liebeslied leise -- -- Dort, wo der Bergwind stößt in sein Horn, Hoch über Gletscher und Wogenzorn Der Adler zieht seine Kreise. Vögelein fröhlich sein Nestchen schmiegt, Lauschig in Rosengewinden -- -- Weithin der Adler die Luft durchfliegt, Hoch, wo im Sommer der Schnee noch liegt, Eilt er die Liebste zu finden. Schmetternd das Vöglein von Freude singt, Von Rosen, Liebe und Sonne -- -- Hoch, wo kein Echo der Erde dringt, Birgt, in der Brautkammer wolkenumringt, Der Adler die Liebeswonne!

Sie barg das Papier an ihrem Herzen. Und so oft sie nur die Hand darauf legte und nur das leiseste Knistern vernahm, durchfuhr sie ein Jubel, der ihr fast den Atem raubte.

Der Pfarrer bekam die Stelle, um die er sich beworben hatte. Im Juni sollte er hinaufreisen, dann ins Amt eingesetzt werden und hierauf die Vorbereitungen zum Empfang der Braut treffen.

Für das dänische Fräulein näherte sich die Zeit der Abreise von Christiania mit raschen Schritten.

Und so angegriffen und unruhig war sie geworden, daß ihre Tante ganz bekümmert um sie war.

»So nervös habe ich dich noch nie gesehen,« sagte sie. »Ich glaube, es ist gut, wenn du eine Zeitlang ganz von Halfdan wegkommst, um dich in Ruhe sammeln zu können.«

»Ruhe! Ach, mir ist es zum Sterben zumut, wenn ich daran denke.«

»Zum Sterben! Wenn du zwei oder drei Monate von ihm getrennt bist?«

»Für mich ist es immer wie ein Sterben, wenn ich von Halfdan getrennt bin, ob es nun Tage, Stunden oder Minuten sind!«

»Darauf antworte ich überhaupt nicht,« sagte die Konsulin. »Ich bin zwei Jahre als Braut in Kopenhagen gewesen, ohne Hallager öfter als jedes Frühjahr einmal zu sehen, aber ich habe mir nie eingebildet, daß ich darüber zu beklagen gewesen wäre.«

An einem der letzten Abende sollte der Pfarrer bei einer Versammlung sprechen, und die Konsulin hatte ihn und seine Schwester gebeten, ihre Nichte von dort nach Hause zu begleiten und den Tee bei ihnen zu trinken.

»Wovon sprach Halfdan heute abend?« fragte die Tante, als sie Alette auf dem Sofa neben sich hatte.

»Über die Worte Esaus, als er sein Erstgeburtsrecht um das Linsengericht verkauft: Gib mir von dem Roten!«

»Das war ein eigentümlicher Text,« meinte die Konsulin. »Was konntest du eigentlich darüber sagen, mein Lieber?«

»Daß diese Worte jeden Tag wiederholt werden.«

»Meinst du? Die Verhältnisse sind doch jetzt ganz anders. Man kann sie doch nicht gut mit denen von damals vergleichen.«

»Aber die Menschen sind noch ebenso wahnsinnig. Sie verkaufen ihr Erstgeburtsrecht, das Recht zum Reiche Gottes, das Recht zu der Liebe Gottes, um ›das Rote‹ in jeglicher Gestalt, um Augenlust, Fleischeslust und hoffärtiges Leben.«

»Ja, auf diese Weise kann man es allerdings sagen.«

»Und nicht nur die ewige Herrlichkeit, auch seinen Beruf, seine Aufgabe, sein eigentliches Leben verspielt man um ›das Rote‹. — — Das ist das Entsetzliche, daß wir das Tiefste, das Wahrste in uns nicht immer als das Stärkste empfinden. Weil die Bewegung an der Oberfläche am stärksten gefühlt wird, deshalb kann das Kleinere dem Größeren die Macht rauben.«

Als die Konsulin mit einer nachdenklichen Miene schwieg, worunter sie ab und zu einmal verbarg, daß sie im Augenblick nichts zu entgegnen wußte, ergriff Alette das Wort.

»Während du heute abend sprachst, mußte ich mehrere Male an jenen Weisen im Altertum denken, der all sein Geld von dem Gipfel eines Berges in den Abgrund hinunterwarf und diese Tat dann mit dem Ausspruch erklärte: ›Ich tat es, damit es nicht mich einmal hinunterstürze.‹ So klug und scharfsichtig sind nicht alle Christen.«

»Nein. Obgleich das, was er getan hat, uns eigentlich vorgeschrieben ist, und zwar aus ganz demselben Grund. Aber in dem Punkt, wo die Lust uns bindet, sind wir oft größere Heiden als jener Weise. Jämmerlich abhängig! Und blind! ›Das Rote‹ flimmert uns vor den Augen und blendet uns. Erst nachher sieht man das klar ein. Dann begreift man nicht, daß man treulos werden und das Größte verleugnen konnte, aus erbärmlichem Hunger nach einem Gericht Linsen. Esau schrie laut und ward über die Maßen betrübt, als er die Folgen sah. Aber was half es? Das Erstgeburtsrecht war verspielt.«

»Wie hieß jener Weise, Alette?« fragte die Tante. »Das war eine schöne Geschichte, ein Wort zum Nachdenken.«

»Ich erinnere mich im Augenblick seines Namens nicht,« antwortete sie.

Dann ging man zum Abendbrot. Die Nichte war so stumm, daß die Tante sie fragte, ob sie sich nicht wohl fühle.

»Die Betstunde war so ergreifend,« sagte sie nur.

Der Pfarrer war von seinem Thema des Abends, sowie von mehreren Zuhörern, die ihm nachher gedankt hatten, und von denen er wußte, daß sie sonst gar nicht kirchlich waren, so erfüllt, daß er sich nicht besonders mit seiner Braut beschäftigte.

Als er und die Schwester aufbrachen, war sie verschwunden.

Er fand sie im Kabinett.

Sie wandte ihm das Gesicht zu und sagte sogleich: »Alles, was du heute abend gesagt hast, in der Versammlung und hier, meinst du das wirklich?«

Er zog die Augenbrauen zusammen. »Ob ich es meine,« sagte er kurz. »Was ist das für eine Frage? — Wenn du dich sonst nicht so ganz auf meine Worte verlässest, so kannst du es ruhig tun, wenn ich aus meinem Verhältnis zu Gott heraus rede. Denn dann spreche ich aus dem heraus, was das Wahrste in mir ist.«

»Ja, ja natürlich. — Es war töricht von mir, so zu fragen.«

Er neigte sich vor, um sie zu küssen.

»Ei, wie blaß die Wangen sind! Und die Lippen auch!«

Er lächelte, indem er ihr Gesicht näher an sich zog. »Wo ist all das Rote — das Rote, das sonst da zu sein pflegt? Ich muß sehen, daß ich es hervorrufe.«

Wie in plötzlicher Angst zog sie ihren Kopf zurück.

»Nein — nein.«

»Ach so — — gute Nacht dann.«

Sie streckte die Hände nach ihm aus: »Doch Halfdan, versuche — versuche, ob du es hervorrufen kannst!«

Als das dänische Fräulein ihre Abschiedsbesuche machte, konnten sich die Leute nicht genug verwundern, wie elend sie aussah.

Sie verabschiedete sich bei allen Bekannten, denn es war ihre Absicht, sich in Dänemark trauen zu lassen, ohne den Tag genau anzugeben; dann durch Christiania und Trondheim ohne Aufenthalt nach der fernen Heimat zu reisen, von wo sie wohl in langen Zeiten nicht wieder nach dem Süden kommen würde. So hatte der Pfarrer es gewünscht, und wie immer richtete sie sich nach ihm.

Jedermann fand, daß es allerdings eine ernste Sache sei, der sie entgegengehe, aber doch nicht so aufreibend, wie sie es zu finden schien. Und man begann allmählich, über sie zu tuscheln. War sie vielleicht doch auf dem Wege, den Schritt zu bereuen, den alle Leute so unüberlegt gefunden hatten, und der nun Folgen nach sich zog, die sie nicht mit in Rechnung genommen hatte? Das ernste, einsame Leben auf dem Gebirge, das so gar nicht für sie paßte.

Am Abend vor ihrer Abreise ging sie zu Bödkers, bei denen sie oft mit Halfdan zusammen gewesen war.

Die Flachsköpfchen waren eben zu Bett gebracht worden. Aber sie bat, zu ihnen hineingehen und ihnen einen Abschiedskuß geben zu dürfen. Da ging die Mutter mit ihr ins Kinderzimmer.

»Das dänische Fräulein kommt, um euch Lebewohl zu sagen,« sagte sie. »Nun werden wir sie sehr lange nicht wiedersehen. Und nun wollen wir die Hände falten und alle miteinander für sie beten, nicht wahr? Wir haben sie doch so sehr lieb.«

Aus vier weißen Bettchen streckten sich eifrige Ärmchen ihr entgegen, und jedes Kind wollte ihren schimmernden Lockenkopf auf sein Kissen ziehen, um sich innig an ihn anschmiegen zu können.

Aber als die Rede auf das Gebet kam, das sie mit anhören würde, da wurden die Großen verlegen und wagten es nicht. Sie krochen unter die Decken — und taten es erst später alle miteinander, als das dänische Fräulein das Zimmer wieder verlassen hatte.

Nur das kleinste Mädchen rief sogleich: »Ich will!« und setzte sich im Bettchen auf.

Da kniete die Mutter neben ihm nieder und faltete ihre Hände um die dicken rosigen Fingerchen. Dann betete sie langsam, während die Kleine jedes Wort mit ihrer süßen Kinderstimme nachsagte: »Lieber Vater im Himmel! Nun reist das dänische Fräulein weit von uns weg, und wir können nicht bei ihr sein. Aber geh du mit ihr und schirme und segne sie, um Jesu willen, wo sie steht und geht. Aber besonders — besonders wenn sie einmal sterben muß. Amen.«

Der Kopf des dänischen Fräuleins sank plötzlich auf das Fußende des Kinderbettchens nieder. Und die Mutter sah, wie ihr ganzer Körper von heftigem, unterdrücktem Weinen erschüttert wurde.

Sanft und fürsorglich legte sie ihren Arm um die schlanke Gestalt und führte sie ins andere Zimmer.

»Liebste,« sagte sie, »habe ich Ihnen weh getan? Ich weiß, Sie wünschen jetzt zu leben, und da mag es schwer sein, an den Tod zu denken. Das Wort ist mir entschlüpft, denn ein guter Tod ist doch das Beste, was wir einander wünschen können. Aber ich wünsche ja, daß Sie zuerst leben, lange und glücklich mit Ihrem Halfdan.«

Aber, den Kopf an die Schulter der Freundin gelehnt, weinte die andere unaufhaltsam. Und es war, als ob jedes der liebevollen Worte das merkwürdig verzweifelte Weinen nur noch verstärkte. Schließlich zog Frau Bödker die Schluchzende aufs Sofa nieder und strich ihr übers Haar, ebenso mütterlich, als sei es eines ihrer Flachsköpfchen.

»Meine Liebe,« fuhr sie fort, »es drängt mich, Ihnen eins zu sagen. Ich habe mich über Ihre Verlobung gefreut, gleich als ich davon hörte. Denn ich glaube, daß Sie als eine von Gott gesandte Freude zu Halfdan gekommen sind. Er nimmt das Leben so ernst, so entsagungsvoll, daß ich ihm alle Freude gönne, die ihm zuteil werden kann. Und ich glaube, daß er Sie — für das Höchste gewinnen wird. Es kann nicht anders sein. Aber auch Sie werden ihn etwas lehren können. Sie sind so ehrlich, daß ich mich oft ganz beschämt gefühlt habe. Und wenn Sie einmal etwas als recht erkannt haben, gibt es nichts anderes mehr für Sie, als es sogleich zu tun; das habe ich mehr als einmal bemerkt. Sie können nichts hinwegerklären und verschleiern, worin wir andern oft recht gute Übung haben. Ich glaube, Sie werden das, was Halfdan predigt, einmal ins Leben übertragen, — besser als eines von uns.«

Das dänische Fräulein hob ihr verweintes Gesicht und küßte sie.

»Alles, was Sie von mir denken und glauben,« sagte sie, »ist weit — weit besser als in der Wirklichkeit. Aber — das, was Halfdan predigt, das will ich ins Leben übertragen, und wenn mir das Herz darüber brechen sollte.«

Oft, oft, wenn sie später mit ihren Flachsköpfchen betete, mußte die Mutter an jenen Abend denken. Und dann versank sie in tiefe Gedanken, und immer schüttelte sie zum Schluß den Kopf, wie jemand, der das, was er glaubt, nicht mit dem, was vorliegt, in Einklang bringen kann.

Am nächsten Vormittag, dem Tag, an dem sie abends abreiste, ging das dänische Fräulein zu Alette. Der Pfarrer war nicht daheim, und sie wußte es. Die Schwester ergriff beide Hände ihrer Schwägerin und sah ihr ernst und eindringlich in die Augen.

»Der Herr bereite Sie vor und stärke Sie zu der Aufgabe, die Sie übernehmen, der schönsten, die es für eine Frau gibt: die Gehilfin eines Dieners des Herrn in seinem hohen Beruf zu sein.«

»Ich danke Ihnen,« sagte die Braut.

Dann bat sie, einen Augenblick in sein Zimmer treten zu dürfen.

Sie blieb eine Weile still vor dem großen Bilde der Madonna von Murillo vom Palazzo Pitti stehen, das er über seinen Schreibtisch gehängt hatte — weil er fand, daß es ihr gleiche. Ein Bild von ihr, das jedermann betrachten und erkennen könnte, wollte er nicht aufstellen, das trug er nur bei sich. Aber dies sei sie ja doch, hatte er gesagt, heimlich und für ihn allein.

Sie stieg auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, kniete auf die Tischplatte und küßte das Bild ...

Auf dem Tisch lag ein kleiner Papierstreifen, auf den er in aller Eile die Adresse einer armen Familie gekritzelt hatte. — Sie nahm den weißen Elfenbeinfederhalter, den sie ihm selbst geschenkt hatte, und schrieb: »Geliebter, geliebter Halfdan Svarte« — mit ihrer schönen, großen Handschrift, die er so sehr liebte — gerade unter die fremde Hausnummer ...

Noch ein langer, sehnsüchtiger Blick, der gleichsam alle Gegenstände des Zimmers umschloß — dann ging sie wieder hinaus.

Als sie sich von Alette verabschiedete, sagte diese zögernd: »Da ist noch etwas, das ich Ihnen gerne sagen möchte. Sie werden nun ganz allein mit ihm sein, — und werden wohl einen bedeutenden Einfluß auf ihn gewinnen. Das bekommt die Gattin immer. Aber — wollen Sie daran denken, daß Halfdan niemals so recht von Herzen glücklich wird, wenn nicht das eine — das eine, das das Größte und Stärkste in ihm ist, bei allem zuerst kommt? Vor allen Rücksichten, vor allen Freuden — — vor allem Zusammensein mit Ihnen ...«

Die andere richtete ihre dunklen Augen auf die Schwägerin und sagte: »Das glaube ich auch. Ja, ich werde daran denken.«

Halfdan sollte bei Konsuls zu Mittag essen und seine Braut dann nach dem Bahnhof begleiten, er ganz allein.

Er brachte ihr einen Strauß von lichten Rosen und dunklen duftenden Heliotropblüten. »Zum Dank für die, die ich mir genommen habe,« sagte er. »Weißt du es noch?«

Bei Tisch trug sie ein weißes Kleid und hatte seine Blumen angesteckt.

Der Konsul hatte Champagner herbeigeholt, und da die Beredsamkeit seiner Frau ganz in Rührung aufgelöst war, weil sie ihre geliebte dänische Perle verlieren sollte, mußte er dem Brautpaar eine kurze Abschiedsrede halten.

»Der Herr sei mit euch — droben auf der Höhe, wohin euer Weg nun geht! Über dich, Halfdan, habe ich ihr schon meine Ansicht gesagt, und nun sage ich sie dir auch über sie. Man weiß nicht, wie lieb sie ist, ehe man sie bei sich im Haus gehabt hat. Und das will viel heißen. Ich wünsche euch Glück, Kinder!«

Die Nichte weinte, küßte ihn und sagte, er halte sie nur für so gut, weil er sie mit seinen eigenen herzensguten Augen betrachtet habe. —

Als sie sich später umgekleidet hatte, und der Wagen vor der Tür stand, weinte sie wieder heftig am Hals ihrer Tante. Sie dankte immer wieder für den Winter, den besten, den einzigen, den sie je erlebt habe ...

Und die Konsulin weinte von ganzem Herzen mit und bat sie, ja nicht zu vergessen, daß sie und der abscheuliche Mann, der sie so weit wegführe, immer eine Heimat hier hätten.

Der Konsul zeigte sich außerordentlich besorgt, daß all ihr Gepäck gut im Wagen untergebracht wurde, schneuzte sich aber doch verschiedene Male recht verdächtig, und die Mägde weinten im Chor.

Als sie sich von Halfdan auf dem Bahnhof verabschiedete, weinte sie nicht; sie war ganz still und blaß wie eine Leiche.

»In zwei Monaten,« flüsterte er. »Da hole ich, was mir gehört, und lasse es in meinem ganzen Leben nicht wieder los — nie lasse ich dich wieder wegreisen.«

Als sie an dem Fenster des Wagenabteils stand und der Zug sich in Bewegung setzte, streckte sie plötzlich die Arme aus und rief laut: »Halfdan!«

Angstvoll klang es — wie ein Hilferuf, so daß er ihr beinahe nachsprang. Aber schon war sie ihm nicht mehr erreichbar. — —

Vier Wochen später wußte man in dem ganzen großen Bekanntenkreis in Christiania, daß das dänische Fräulein seine Verlobung aufgelöst hatte.

Aber das war auch alles, was man erfuhr. In den Beweggrund, oder die Art und Weise, wie es geschehen war, wurde niemand eingeweiht.

Niemand, nicht einmal Alette sah den Brief, den der Pfarrer erhalten hatte, und den er so verzweiflungsvoll oft durchlas, daß er ihn bald trostlos gut auswendig konnte.

»Was ich heute schreiben muß, will ich so schnell und so kurz als möglich sagen, obgleich es das Resultat langer, langer, ernster Erwägungen und mein unwiderruflicher Entschluß ist. Ich kann Ihnen nicht da hinauf folgen. Sie müssen ohne mich Ihren neuen Beruf antreten.

»Ich wünsche Ihnen, daß Sie ganz und vollkommen die Lebensaufgabe erfüllen, die das Erste und Größte für Sie ist, nämlich Hochlandspfarrer zu werden, wozu Sie, wie ich glaube, berufen sind.

»Ich weiß, — ich weiß, daß Sie jetzt leiden werden ... Aber ich glaube auch, daß Ihre Arbeit alle Leere nach meinem Entschwinden ausfüllen kann — — und ich kann nicht bei Ihnen sein.« — — —

An demselben Tag, wo der Pfarrer den Brief bekam, reiste er nach Kopenhagen. Es war am Anfang der Woche, da konnte er sich schon ein paar Tage frei machen.

Am nächsten Abend stand er in ihrer Wohnung, wo ihn der Bruder empfing, dem die peinliche Lage äußerst widerwärtig war.

Der Pfarrer verlangte eine Unterredung mit seiner Braut. Aber der Bruder sagte, sie sei verreist, zu Verwandten aufs Land, und er habe ihr hoch und teuer versprechen müssen, daß er ihren Aufenthaltsort nicht verraten werde.

Hierauf verlangte der Pfarrer, daß ein Brief, den er noch an diesem Abend schreiben wolle, ihr unverzüglich nachgeschickt werde. Und dies versprach der Bruder.

Den Brief seiner Braut legte Halfdan in einen Umschlag, um ihn zurückzuschicken, und außerdem schrieb er selbst: »Ich betrachte Deinen Brief als ungeschrieben, — denn ich habe ihn nicht angenommen. Und ich tue es niemals.

»Das Verhältnis zu mir kannst Du nicht lösen. Niemals davon loskommen! Denn solange Du und ich existieren, so lange stehen wir in einem Verhältnis zu einander. Es ist ein Teil von uns selbst. Und das weißt Du ebenso gut wie ich. —

»Ich verlange Dich, so wie Du bist, als mein eigen. — Und Du wirst es nicht wagen, Dich Deinem eigenen Lebensberuf zu entziehen.

»Ich nehme Dich an der Hand, — sie ist mein. Ich fasse Dich um das Herz — es ist mein. Und mit dem großen Recht der Liebe, die ich zu Dir habe, sage ich: Komm! Folge mir!« —

Er hatte das Papier schon zusammengelegt, als er es plötzlich noch einmal entfaltete und ihren Namen — nur ihren Namen, ganz zuletzt hinschrieb.

Auf diesen Brief erhielt er umgehend als Antwort nur die drei Worte: »Ich kann nicht!« — — —

Da reiste er zurück nach Christiania.

Aber er verstand und verstand die Welt nicht mehr. Was war geschehen? Wie war es nur so gekommen?

Entweder war er klug und die ganze Welt verrückt, oder — war er derjenige, welcher verrückt war. Eines war gewiß, das ganze Dasein war ein unbegreifliches Chaos.

Die öffentliche Meinung war in diesem Fall, wie nach der Verlobung auch, recht übereinstimmend.

Es sei nur gut, daß die Verlobung aufgelöst worden sei. Die beiden hätten durchaus nicht zusammengepaßt. Und das Leben, in das er sie hineinführen wollte, habe sie sicher zurückgeschreckt, so verwöhnt und verfeinert, wie sie gewesen sei.

Immerhin habe es ja den Anschein gehabt, als ob sie richtig verliebt in ihn gewesen wäre. Und zu bedauern sei es, daß sie so lange gezögert, bis sie ein Ende gemacht habe.

Der Konsulin, die selbst einen Brief von der Nichte erhalten hatte, ging es außerordentlich nahe.

»Mir ist es zumut, als hätten wir einen Todesfall im Hause gehabt,« sagte sie. »Hallager ist ganz aus dem gewohnten Geleise. Aber was habe ich gesagt? Es ist geradezu ein Verhängnis, daß ich immer recht bekomme! Nun werden es die guten Leute selbst einsehen! Aber es ist ein wenig spät. Es tut mir für beide leid, am meisten für Halfdan. Er bindet sich nur sehr stark, und nun vielleicht nie wieder. — Über mein süßes Mädchen bin ich ein wenig ärgerlich. Sie hätte es sich früher besser überlegen sollen. Aber Halfdan betrug sich ihr gegenüber auch nicht immer richtig.«

»Nein,« sagte die öffentliche Meinung in Gestalt einer Dame, die zu Besuch kam. »Er war zu kalt und recht wenig rücksichtsvoll gegen sie.«

»Kalt? — Ja, darüber können andere nicht urteilen, nach meiner Erfahrung wenigstens. Aber rücksichtslos, das war er. Er überlegte nie, was sie wünschen oder nötig haben könnte. Und nun zuletzt diese Pfarrei! Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen! Ich habe ihm damals gleich gesagt, daß es eine unvernünftige Idee sei. Es ist ja nicht frömmer, ob man an dem einen oder an dem andern Ort predigt.«

»War sie von Anfang an verzweifelt darüber?«

»Nein, da sagte sie, es sei herrlich, und daß sie am liebsten mit ihm auf den Mond ginge, — ich glaube, so sagte sie. Aber so etwas hält nicht vor! Als sie in ihr schönes Heim zurückkehrte, zu ihren Freunden, ihrem künstlerischen Umgangskreis, und dann an die Pfarrei hoch droben auf einer Felsenspitze dachte, ohne einen anderen Umgang als — Bären, wenn es gut geht, da sank ihr der Mut. Und das ist nicht zu verwundern. Aber es tut mir leid, mehr als ich Ihnen sagen kann, Frau Smit.«

Von der Schwester des Pfarrers bekam man über die Auflösung noch weniger zu hören, als einst über die Verlobung.

Zu der Konsulin, die ihr den Brief der Nichte zeigte, um sie etwas milder zu stimmen, sagte sie nur: »Ich verurteile sie nicht. Sie steht eigentlich vollständig außerhalb meines Verständnisses! Ich denke, sie hat sich selbst gerichtet. Und sicherlich ganz richtig. Wenn sie sagt, daß sie Halfdan nicht folgen könne, so wird es wahr sein. Den Weg auf die Höhe an seiner Seite, dazu hat sie nicht die Kraft. Es ist nur so schwer, daß er es glauben konnte und nun den bitteren Schmerz durchmachen muß, sich in einem anderen Menschen so tief getäuscht zu haben.«

Von dem Tage an, wo der Pfarrer von seiner kurzen Reise nach Norwegen zurückkehrte, die einen so schneidenden Gegensatz zu dem bildete, was geplant gewesen war, wurde das dänische Fräulein und die ganze Periode, die sich an sie knüpfte, nicht mehr zwischen den Geschwistern berührt.

Den ganzen ersten Tag und auch die Nacht schloß sich Halfdan ein, — mit einem Ausdruck im Gesicht, daß Alette es nicht gewagt haben würde, ihn allein zu lassen, wenn sie nicht gewußt hätte, mit wem er sich einschloß.

Die ganze Nacht hindurch hörte sie ihn in seinem Zimmer auf und ab gehen, oder sich schwer niederwerfen — auf einen Stuhl, oder auf den Boden. Sie wußte es nicht.

Gegen Morgen trat er bei ihr ein, — und er sah in dem bleichen Tagesgrauen aus wie eine Leiche.

Er trat zu ihr und sagte: »Nun habe ich es durchgekämpft. Ich will es auf mich nehmen und will es tragen. Jetzt gehe ich weiter.«

»Gott sei Dank!« sagte sie leise.

Aber in demselben Augenblick brach er neben ihr zusammen. Und das Bett, auf das er sich stützte, zitterte unter seinem heftigen, furchtbaren Schluchzen.

Sie umschloß seinen Kopf mit zärtlichen Händen; während ihr selbst die Tränen über die Wangen liefen, neigte sie sich über ihn und begann leise und innig für ihn zu beten. Mit der ganzen Liebe, die sie für ihn fühlte, mit ihrem unerschütterlichen Vertrauen zu dem großen Helfer betete sie.

Allmählich wurde er ruhiger und richtete sich auf.

»Ich danke dir,« sagte er und küßte sie auf die Stirne. »Was getragen werden muß, kann auch getragen werden. Das Hindernis, an dem wir uns die Stirne blutig stoßen, soll uns nicht niederschlagen. Das bedeutet immer nur, daß wir höher hinauf sollen. Darüber hinaus!«

Von dem Tag an erfüllte er alle seine Pflichten wie vorher und bereitete seine Abreise nach der fernen Pfarrei vor.

Das Herz der Schwester blutete, wenn sie daran dachte, daß er in diese Einsamkeit hinaufziehen mußte.

Ihre Gesundheit war viel zu gebrechlich, als daß sie daran denken konnte, sich in einer so rauhen Gegend niederzulassen. Trotzdem hatte sie es ihm gleich vorgeschlagen; sie hätte um seinetwillen gern ihre Gesundheit drangegeben.

Aber er nahm das Anerbieten nicht an; er hätte es nicht für recht gehalten. Das einzige, worauf er einging, war, daß sie im Hochsommer einen Besuch im Pfarrhause machen dürfe.

Ende Juni reiste er ab. Und im Juli kam sie zu ihm. Dies wiederholte sich regelmäßig jedes Jahr.

Sie hatte gehofft, er werde sich wegmelden, als die ersten fünf Jahre um waren, und sich an einen milderen und näheren Ort versetzen lassen.

Er aber sagte: »Ich habe hier oben eine Aufgabe zu lösen.« Da war sie nicht wieder darauf zurückgekommen.

Jeden Winter hoffte sie auf einen Besuch von ihm, wenn auch nur auf kurze Zeit. Aber er sagte, das müsse warten, noch immer würde es ihn nur peinlich berühren, wenn er wieder nach Christiania käme. —

Im Sommer begleiteten manchmal auch andere die Schwester nach dem Norden. Verwandte oder Freunde, Bödkers und einzelne der Cousinen, solche, mit denen der Pfarrer sich gut verstand.

»Ich glaube, ich verstehe Alettes Gedanken, wenn sie Margarete oder die liebe, bescheidene Sophie nach dieser Einöde mitnimmt,« sagte die Konsulin. »Wenn man nur bald hören würde, daß sich Halfdan mit einer von ihnen verlobt hätte. Dann könnte man glauben, er habe sein Herzeleid überwunden und bekomme nun eine behagliche Heimat mit einer netten Frau, die ihn auf eine vernünftige Art glücklich machen würde, — auf eine Art, die Bestand hat.«

Aber dies bekam man eben nicht zu hören.

Der fremde Vogel, den er einmal an sein Nest fesseln zu können geglaubt hatte, flog weiter und weiter fort aus seinem Bereich.

Anderthalb Jahre nach der aufgehobenen Verlobung erfuhr man, daß das dänische Fräulein nach einer energischen und gründlichen Ausbildung zur Bühne gegangen sei.

An die Tante, die diesen Schritt mißbilligte, schrieb sie, sie müsse eine Aufgabe haben, die sie ganz in Anspruch nehme, damit sie ihr Leben damit ausfüllen könne.

Mehrere Jahre lang hatte sie einen schönen, hervorragenden Platz an der Bühne.

Dann hörte man, daß sie sich wieder ganz plötzlich ins Privatleben zurückgezogen habe.

— Weit entfernt von einander waren die Welten, in denen die beiden Leben verliefen, die einmal nahe daran gewesen waren, in einander zu fließen.

deko
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