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Der Hitler-Ludendorff-Prozeß

VORSPIEL

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DIE ZEIT

Ein scheinbar ganz unverständlicher Widerspruch: Das durch den Krieg entwurzelte, in den folgenden Jahren zwischen den Mühlsteinen des wirtschaftlichen Bankrotts hoffnungslos zermalmte Kleinbürgertum Europas stellt heute einen Faktor dar, der für das politische Leben des Staates von entscheidender Bedeutung und – dies das Seltsamste – seiner Deklassierung zum Trotz ein scharf abgegrenzter, ideologisch und politisch klar durchgebildeter Typus ist.

Die ökonomische Entwicklung des letzten Jahrzehnts hat das Kleinbürgertum proletarisiert, den Mittelstand vernichtet. Aber die von verschiedenen sozialdemokratischen Theoretikern erwartete und angekündigte Aufsaugung des Kleinbürgertums durch das Proletariat und seine ideologische und politische Angleichung an die Arbeiterschaft, die ist ausgeblieben. Das vorauszusehen war nicht schwer. Die irrige Auffassung, das Verschwinden des Kleinbürgertums als selbständiger Teil der modernen Gesellschaft müsse naturnotwendig zu einem Verschwinden des Kleinbürgertums überhaupt führen, entspringt eben einem rein mechanischen Denken, das sich bitter rächen sollte. Haben wir doch hier den Schlüssel zu jener fatalistischen Einstellung der sozialdemokratischen Führer, die aus der Zwangsläufigkeit der ökonomischen Entwicklung die These ableiteten, die Revolution komme von selbst. Eine Anschauung, die die meisten der schweren Unterlassungssünden erklärt, die die sozialdemokratischen Arbeiterparteien dem Kleinbürgertum gegenüber begangen haben und die jene große Bewegung erstehen ließen, die teilweise wie eine mächtige Welle Europa überflutete und kurzweg als Faschismus bezeichnet wird.

Wer ist Kleinbürger? Was stellt heute das Kleinbürgertum dar?

Gewiß nicht das, was man vor dem Kriege darunter verstand. Damals war Kleinbürger gleichbedeutend mit Kleinkapitalist. Der kleine Rentner, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Gewerbetreibende, das waren die Kleinbürger im Sinne der damals üblichen Bezeichnung. Die große Masse jener, die ihrer wirtschaftlichen Lage nach zu den Besitzenden gehörten und daher auch deren geistige Einstellung teilten. Seiner Klassenlage nach ebenso Opfer unserer Wirtschaftsordnung wie der einfache Proletarier, genoß der Kleinbürger vor dem Kriege dennoch eine gewisse ökonomische Vorzugsstellung, wodurch er sich aus dem gleichmäßigen Grau des „Mobs“, des gemeinen Pöbels herausgehoben sah und nun selbst eifrig bemüht war, die Grenze noch möglichst scharf zu ziehen, die ihn von diesem scheiden sollte.

„Man muß sich nur nicht die bornierte Vorstellung machen, als wenn das Kleinbürgertum prinzipiell ein egoistisches Klasseninteresse durchsetzen wolle. Es glaubt vielmehr, daß die besonderen Bedingungen seiner Befreiung die allgemeinen Bedingungen sind, innerhalb deren allein die moderne Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden werden kann.“ (Der 18. Brumaire von Karl Marx.)

So stellte der Kleinbürger der Vorkriegszeit einen Typus dar, dem ganz besondere Kennzeichen zu eigen waren. In politischer Beziehung haltlos und schwankend, zu keiner selbständigen Entscheidung fähig und entschlossen, in einem unerschütterlichen Respekt vor der gottgewollten und angestammten Ordnung befangen, voller Haß gegen alle Neuerungen und andererseits in ewiger Unzufriedenheit und Erbitterung gegen die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, unter denen er so schwer zu leiden verurteilt war. Bar jedes Kampfesmutes und jedes Selbstvertrauens, sich in Klagen um die „gute alte Zeit“ erschöpfend, nichts weniger als revolutionär, aber ein ewiger Nörgler, in seinem Unvermögen, die großen geschichtlichen Zusammenhänge und Triebkräfte zu erkennen nur allzubereit, auf jedes Schlagwort hereinzufallen, das an seine tiefsten Instinkte rührte: Eine gewisse Harmonieduselei und die Sucht, sich um jeden Preis – auch für das bescheidenste Linsengericht irgendeines Almosens – seine Bravheit mit einem „Privilegium“ bezahlen zu lassen. Denn es ist klar, daß eine Übergangsklasse wie das Kleinbürgertum, in dem sich „die Interessen zweier Klassen zugleich abstumpfen“ seiner Klassenlage sich nicht nur nicht bewußt ist, sich vielmehr über jeden Klassengegensatz erhaben dünkt und infolge seiner sozialen Zersplitterung das Kollektivgefühl und das diesem entspringende Solidaritätsbewußtsein der Fabrikarbeiterschaft gar nicht besitzen kann.

Die hier kurz gestreiften Merkmale waren dem Kleinbürger aller europäischen Länder in der Vorkriegszeit in hohem Maße zu eigen und stempelten ihn so zu einem Typus von internationaler Gültigkeit. Doch gerade deshalb sah man schon damals im Lager der sozialistischen Arbeiterparteien sehr oft nur diese Äußerlichkeiten, den politischen und ideologischen Überbau des Kleinbürgertums, und vergaß darob nur zu leicht die große wirtschaftliche Wandlung, die dieses inzwischen durchgemacht hatte. „Kleinbürgerlich“ wurde zu einem Schlagwort, mit dem der bewußte Sozialist all das bezeichnete, was ihm nicht gefiel, was er selbst aus seiner eigenen Entwicklung als überwunden erkannte. „Kleinbürger“ wurde sehr bald nur zur Bezeichnung eines geistigen Zustandes gebraucht und etwa „Spießer“ und „Philister“ gleichgesetzt.

Der Krieg hat wie ein Wirbelsturm den faulen Plunder jahrhundertealter Traditionen in den Kehricht gefegt. Die morschen Stützen der Gesellschaft – Moral, Autoritätsglaube, Gottvertrauen – kamen ins Wanken. Doch die Hoffnung der revolutionären Sozialisten, daß sie endgültig zusammenbrechen würden, erwies sich als trügerisch.

Vorübergehend geschlagen, aber nicht vernichtet, geht die herrschende Klasse jetzt daran, ihre unter dem ersten Ansturm der Revolution preisgegebenen Positionen wieder zurückzugewinnen und zu befestigen. Und da sie sich nicht der Erkenntnis verschließen kann, daß der Gegner an Stärke, Selbstbewußtsein und Zahl gewachsen ist, vollzieht sich die große Auseinandersetzung zwischen den Klassen nicht in offenem stürmischem Kampf, sondern in einem Stellungskrieg, der es der Schwerindustrie ermöglichen soll, die Positionen der Arbeiterschaft durch geschickte Unterminierung Schritt für Schritt zurückzugewinnen. In diesem Kampf ist das Kleinbürgertum die beste und wichtigste Hilfstruppe des Kapitals. Verstanden es doch die Unternehmer, beziehungsweise deren politische Agenten, in Presse und Parlament, in der Agitation und im politischen Tageskampf an die kleinbürgerliche Ideologie anzuknüpfen, um es so in eine Einheitsfront mit den großbürgerlichen Parteien zu pressen und vom Sozialismus abzulösen.

Und dennoch: Konnten sich Kleinrentner und Mittelständler vor dem Kriege an die Fiktion eines kleinen Besitzes klammern, so finden sie sich heute in jener verzweifelten Lage, wo sie gleich dem Proletariat „nichts mehr zu verlieren haben, als ihre Ketten“, Damit ist das Kleinbürgertum zu einem revolutionären Faktor geworden. Aber es ist heute nicht nur objektiv, seiner wirtschaftlichen Lage nach revolutionär, es ist auch entschlossen, selbständig zur Tat zu schreiten, um sich vor dem Untergang zu retten. Und – die Verzweiflung treibt es tatsächlich zur Tat.

Dieser Verzweiflungskampf des Kleinbürgertums – seinem innersten Wesen nach revolutionär, von den herrschenden Schichten zu konterrevolutionären Zielen mißleitet – das ist der Faschismus. Und daß es dem Bürgertum gelang, in fast allen Ländern diese Bewegung an sich zu reißen, zeugt ebenso von seiner inneren Stärke, wie von dem Versagen der sozialistischen Parteien.

Die Feststellung ist zu billig, daß die Welle der Reaktion, die noch immer ansteigend Europa überflutet, nur die Gegenwirkung auf die revolutionären Umwälzungen der Nachkriegszeit ist, und diese Feststellung wird auch dadurch nicht überzeugender, daß sie sich auf die physikalischen Pendelgesetze stützt. Der Faschismus ist zwar ein wichtiger Pfeiler im System der europäischen Reaktion, er ist aber nicht sie selbst. Der italienische Faschismus und das ungarische Horthy-Regime, so sehr sie auch in ihren Taten übereinstimmen und so sehr man versucht ist, sie nur als zwei verschiedene Bezeichnungen für ein und denselben historischen Vorgang anzusehen, sind zwei grundverschiedene Erscheinungen, die das eben Gesagte vielleicht am deutlichsten illustrieren.

Das System Horthys ist die Herrschaft einer kleinen bewaffneten Militär-Clique, aufgerichtet zur Niederwerfung der revolutionären Arbeiter, ausgeübt von den klerikal-monarchistischen Offiziersgarden, die dank dem Zusammenwirken verschiedener außenpolitischer Faktoren (französische und englische Unterstützung, rumänischer Einmarsch) ihren Sieg über die Kommune zu einem blutigen Rachewerk ausnützten. Das Horthy-Regime ist eine jener gewalttätigen Restaurationen gestürzter Mächte, wie wir sie aus der Geschichte aller Jahrhunderte kennen.

Der italienische Faschismus ist die Herrschaft der militärisch organisierten und bewaffneten Massen des Kleinbürgertums, aufgerichtet zur Vernichtung des „nationsfeindlichen Sozialismus“.

Horthy kam zur Macht als Befreier von der Revolution.

Mussolini als Vollstrecker der „Revolution gegen den morschen Staat und dessen schwächliche Autorität“.

Horthy eröffnete seinen Vernichtungsfeldzug im Namen der Ordnung und des Königs.

Mussolini im Namen der Nation gegen die Monarchie.

Gewiß, in seinen unmittelbaren Wirkungen ist zwischen Faschismus und Horthy-Regime kein Unterschied zu sehen. Gewiß, innerhalb des Faschismus riß ebenso die reaktionäre monarchistische Militär-Clique die Führung an sich wie in Ungarn; und auch das Horthy-Regime hätte sich nicht so lange halten können, wenn es sich nicht auf breite Massen des Kleinbürgertums hätte stützen können. Jedenfalls aber sehen wir, daß der Faschismus tatsächlich eine neue und ganz besondere Erscheinungsform der bürgerlichen Reaktion ist.

Aber keine, die sich nur auf ein bestimmtes Land erstreckt. Was den Faschismus charakterisiert, ist, daß er tiefe Wurzeln geschlagen hat nicht nur in den Schichten des Kleinbürgertums und Mittelstands, Wurzeln geschlagen selbst im Proletariat.

In den Kinderjahren des Sozialismus hat es eine dem Faschismus ähnliche Bewegung gegeben. Aber die „schwarzen Hundert“, die „Gelben“, die damals im Kampf gegen den Sozialismus standen, waren entwurzelte, im ökonomischen Prozeß keine Rolle spielende Existenzen, die die sozialistische Arbeiterschaft verhältnismäßig leicht zurückschlagen konnte. Und der Antisemitismus, „dieser Sozialismus des dummen Kerls“, wie ihn Victor Adler genannt hat, richtete zwar genügend Verwirrung im Lager der Arbeiter an – man denke nur z. B. an das alte Österreich, wo er sogar eine Massenpartei, die Christlichsozialen, schaffen half – ein militantes Heer ins Feld zu stellen vermochte er nicht.

Die Völkischen in Deutschland, die Faschisten in Italien, vermochten – wenn auch nur vorübergehend – dieses Heer aufzustellen, es auszurüsten und zu bewaffnen. So war plötzlich eine Macht da, mit der der Staat nicht nur in militärischer, sondern auch – und dies war das Bedeutsamste – in wirtschaftlicher und politischer Beziehung zu rechnen hatte. Das Kleinbürgertum hatte sich in Marsch gesetzt.

DER ORT

Es hat vor dem Kriege kein autoritätsgläubigeres Kleinbürgertum gegeben als das deutsche. Militärdrill, Hohenzollernregiment, Kleinstaaterei hatten ihm das Rückgrat gebrochen. Kadavergehorsam wurde ihm als höchste Mannestugend – Disziplin! – eingepaukt. Und wie hätte Freiheit und Selbstbewußtsein in einer Kasernenhofatmosphäre gedeihen sollen, in der jeder freie Bürger zum Untertan verkrüppelt, im Leutnant das Symbol des Staates sah und bewunderte.

Die Enttäuschung über das klägliche Versagen der Revolution – diesen „Generalstreik einer erschöpften Armee“, wie sie Rathenau genannt hat – trieb das Kleinbürgertum, nachdem es beim Umsturz in hellen Haufen zur Sozialdemokratie übergelaufen war, sehr bald wieder zurück ins bürgerliche Lager. Dieser Prozeß war wahrscheinlich in hohem Grade unvermeidlich. Die goldenen Berge, die sich das Kleinbürgertum versprach, hätte ihm keine Partei zu schenken vermocht, gegen die ökonomische Entwicklung des Zusammenbruchs anzukämpfen, war unmöglich. Aber da die Sozialdemokraten den Zusammenbruch nicht nur durch ihren Eintritt in die bürgerliche Regierung sanktionierten, sondern „zur Verhütung des ärgsten“, sogar deckten, identifizierten sie sich den breiten Massen gegenüber mit ihm. Die Sozialdemokratie wurde nicht nur als Partei von den breiten Massen des kleinen Bürgertums für den wirtschaftlichen Bankrott verantwortlich gemacht, der Sozialismus überhaupt wurde heillos kompromittiert, die Kluft zwischen der Arbeiterschaft, „deren Partei doch regierte“, und den kleinbürgerlichen Massen immer weiter aufgerissen.

Das deutsche Kleinbürgertum ist heute zwar ein Typus von scharf durchgebildeter politischer Physiognomie, aber soziologisch keine einheitliche Klasse. Drei große Schichten lassen sich deutlich unterscheiden:

1. das ehemalige Offizier- und Staatsbeamtentum nebst dem überwiegenden Teil der Studentenschaft;

2. die Kleinhändler, Gewerbetreibenden, Handwerker, Kleinrentner;

3. die geistigen Arbeiter (Ärzte, Ingenieure, mittlere Beamte).

Die „Stehkragenproletarier“ – um mit der dritten Schicht zu beginnen – haben durch den Krieg und in der Revolution ohne Zweifel die stärkste seelische und geistige Wandlung durchgemacht. Die bittere Not hat der großen Mehrheit von ihnen den Standesdünkel recht bald ausgetrieben und, wurde es in diesen Kreisen noch vor wenigen Jahren als ärgste Schmach empfunden, materiellen Interessen die Herrschaft über den freien Geist einzuräumen, so bläute den Mittelständlern der von Tag zu Tag schwerere Kampf um die Erhaltung des nackten Lebens unbarmherzig die Erkenntnis ein, daß der sehr prosaische Magen und nicht der poetische Geist das letzte, entscheidende Wort hat. Diese Schicht ist es auch, die zuerst eine Brücke zur Arbeiterschaft zu schlagen versuchte und in der Erkenntnis, daß ihre Interessen mit denen der Handarbeiter gleichlaufen, die Notwendigkeiten der praktischen Solidarität, der Organisation immer klarer erfaßte.

Schwieriger steht es mit der zweiten Schicht. Unser Wirtschaftsleben bringt Kleinhändler und Arbeiter täglich in scharfen Gegensatz. Die Arbeiter, die dem kleinen Händler nur als Konsumenten bzw. im Gewerbe als „unbescheidene Angestellte“ gegenübertreten, sind nur allzu leicht geneigt, für die teuern Preise, für ihre Übervorteilung die verantwortlich zu machen, mit denen sie unmittelbar in Beziehung kommen, statt zu erkennen, daß diese selbst auch Opfer des Systems, der großen Unternehmer sind. Und die Kleinhändler wieder klammern sich an die Illusion von der „Wiederkehr der guten alten Zeit“ und verfolgen (Ursache und Wirkung in bekannter Weise vertauschend) Revolution, Demokratie, Republik – die Symbole ihres Falles – mit wütendem Haß.

Bleibt noch das Heer der ehemaligen Offiziere und Staatsbeamten, der Studenten und Lehrer.

Als unmittelbar nach dem Zusammenbruch die deutsche Armee in die Heimat zurückflutete, entlud sich der Haß, die Erbitterung der Masse der einfachen Soldaten, die fünf lange Jahre in den Schützengräben ganz Europas gehungert und gelitten hatten, zuerst gegen jene, die sie als ihre eigentlichen Peiniger empfanden – die Offiziere. Es ist damals gewiß so manchem dieser Offiziere bitter Unrecht getan worden. Sicher hat der überwiegende Teil des deutschen Offizierkorps, vor allem in den niederen Rängen, ebenso gelitten, ebenso geblutet wie die Mannschaft. Sicher kann der Mehrzahl der Offiziere der alten Armee die Bestätigung ihrer persönlichen Anständigkeit, Korrektheit, Pflichttreue und ehrlicher Sorge um die Untergebenen nicht versagt werden. Gewiß, es gab traurige Ausnahmen – die aber nur die Regel bestätigen. Und dennoch: so bitter und ungerecht der Entrüstungssturm gegen die Offiziere, der damals die Massen in Deutschland durchtobte, jenen erscheinen mußte, die Erbitterung war nicht nur begreiflich, sie war auch notwendig. Die Masse sah nicht den einzelnen Leutnant oder Rittmeister, sondern den „Offizier“, das Symbol des wilhelminischen Kaiserreichs. Der einzelne war nur der sichtbare Ausdruck für die Maschine, die zu zerbrechen für die Massen Voraussetzung ihrer Befreiung war.

Ein großer Teil der Offiziere, durch ihre ganze Erziehung, durch Umgebung und Tradition in einen scharfen Gegensatz zur Arbeiterschaft, zum „Zivilistenpack“ aufgewachsen, hat im Krieg eine seelische Wandlung durchgemacht und war beim Umsturz vielfach sogar ehrlich bestrebt, sich durchzuringen zu einem inneren, ehrlichen Verhältnis zur Masse. Da mußten gerade diese sehen, wie ihre Annäherung mit Mißtrauen, ja mit Hohn zurückgewiesen wurde. Das tat weh. Das verbitterte. Man mußte schon ein innerlich starker und gefestigter Mensch sein, um allen diesen täglichen Verhöhnungen und Beschimpfungen, die immer gegen den ganzen Stand erhoben wurden, zum Trotz, den Weg zur Arbeiterschaft zu finden. Die Mehrzahl fand ihn nicht. Viele von ihnen zogen sich, geschworene Feinde der Republik und der Demokratie, die sie für ihren tiefen Sturz verantwortlich machten, grollend zurück. Viele fanden in den folgenden Jahren nach und nach den schweren Weg ins bürgerliche Berufsleben. Sehr viele verkamen, versanken im Schiebertum, Gelegenheitsgeschäft, wurden Hochstapler, Abenteurer, Landsknechte.

Die anderen aber, mochten sie mittlerweile auch den Weg in die bürgerlichen Berufe gefunden haben, sie blieben auch dort nur der Leutnant oder Oberleutnant a. D., d. h. eingesponnen in die Ideologie ihrer Vergangenheit und so innerhalb der Masse der Schwankenden und des zur Passivität neigenden Kleinbürgertums die starken Führerpersönlichkeiten, die weit über ihre nächste Umgebung hinaus bestimmenden Einfluß genießen.

Endlich die Studentenschaft. So traditionstreu sie sich vielleicht dünkt, sie hat überhaupt keine Tradition. Kaum glaublich, daß noch vor siebzig Jahren die deutschen Studenten Schulter an Schulter mit den Arbeitern auf den Barrikaden für Republik und Demokratie kämpften und fielen. Vergessen sind die Befreiungskriege, vergessen 1848 – unvergessen ist Schwarz-Weiß-Rot, Hohenzollern, Militärpracht. So sind die deutschen Hochschulen uneinnehmbare Festungen der Reaktion geworden.

Solcherart ist das große, vielmillionenköpfige Heer des deutschen Kleinbürgertums, das – durch Not, Hunger und Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen aus seiner Ruhe und althergebrachten Ordnung aufgerüttelt – nunmehr in Bewegung geraten ist. Der Wechsel auf das selige Jenseits hat eine zu lange Laufzeit und der Glaube an Gott macht den Magen nicht voll. Der Kaiser war zu „schlapp“ und also mitschuldig an dem Sieg der „Novemberverbrecher“. So lautet also der neue Schlachtruf: „Mit Wotan für Diktator und Vaterland, gegen die Juden, gegen die Marxisten, Sozialisten und Kommunisten, gegen das ‚jüdische‘ Kapital!“ Und aus dem Gefühl seiner inneren Schwäche, aus dem tiefen Sehnen, sich unter eine starke Führung begeben zu können, wo doch alle bürgerlichen Parteien, wo doch vor allem die Sozialdemokratie nicht einmal die Bereitschaft gezeigt haben, zu führen, stimmt die unklare, schwankende Masse des Kleinbürgertums den Schlachtruf an: „Einen Diktator, einen Diktator, alle republikanischen Errungenschaften für einen Diktator!“ ER wird wieder Ordnung und Autorität in Deutschland zu Ehren bringen, ER wird die Teuerung in Deutschland abschaffen und das Volk in die schönen Friedenszeiten zurückführen.

Der Mann war schon gefunden. Er hieß Hitler. Aber da in Deutschland bekanntlich an politischen Führern und Diktatoren von jeher kein Mangel ist, so traten neben ihm gleich noch ein halbes Dutzend solcher Führer auf den Plan: General Ludendorff, Kapitän Ehrhardt, Leutnant Roßbach – einer für die militärischen und einer für die politischen und einer für die diplomatischen Angelegenheiten, Sachverständige, deren Fachkenntnis die Bildung eines Direktoriums nationalgesinnter Männer zur Rettung Deutschlands aus den Klauen des jüdischen Kapitals und des französischen Militarismus verbürgte.

Diese Männer machten sich ans Werk. Drei Jahre lang trafen sie ihre Vorbereitungen, spannten ein Netz von Verschwörungen über ganz Deutschland, rüsteten ihre Armee aus, bewaffneten ihre Soldaten, sorgten für Nachschub und Rückendeckung und Aufnahmestellungen – alles klappte glänzend. Das Geld, das man bekanntlich zum Kriegführen braucht, floß ihnen in Hülle und Fülle zu. Der Kapp-Putsch hatte ihnen gezeigt, wie man’s nicht machen darf. Sie hatten erkannt, daß die Republik trotz allem ein zu mächtiger Gegner ist, als daß sie durch einen Handstreich überrumpelt, die Stellungen der Demokratie allzu fest, als daß sie einfach überrannt werden könnten. Sie wußten, daß es ein harter und blutiger Kampf werden würde und sie richteten sich danach ein.

Als der deutsche Faschismus seinen großen Aufmarsch in militärischer und politischer Beziehung beendet hatte, als die feindlichen Stellungen durch ein Trommelfeuer aus den schwersten Geschützen der Inflation „eingedeckt“ waren, als durch eine würgende Blockade das flache Land die Städte ausgehungert hatte, als die Verzweiflung wie eine schleichende Seuche die Reihen der Arbeiter- und Beamtenschaft, der Verteidiger der Republik und Demokratie, lichtete, als der Angriff Poincarés gegen das Ruhrrevier die Republik „sturmreif“ gemacht hatte, da holte der Faschismus zum entscheidenden Stoß aus, um der Republik, die dank der Stärke ihrer Feinde und der Zaghaftigkeit ihrer Freunde nur mehr eine leere Form ohne jeden Inhalt geworden zu sein schien, den letzten Schlag zu versetzen.

Mussolinis Marsch nach Rom sollte in Hitler-Ludendorffs Zug nach Berlin seine Nachahmung finden. Allerdings: Als Mussolini nach Rom marschierte, da war das kaum mehr als ein theatralischer Effekt, da hatte er die Entscheidungsschlacht bereits gewonnen, da lag Italien von den Alpen bis Neapel wehrlos und besiegt den faschistischen Truppen zu Füßen und nur die rauchenden Druckereien und Versammlungslokale der Sozialisten, nur die Attentate verzweifelter Revolutionäre gaben Kunde davon, daß es noch „elementi soversivi“ (Umstürzler) in Italien gab.

War nicht im Oktober 1923 die Lage in Deutschland eine ähnliche? Es mußte ein Kinderspiel scheinen, die Hakenkreuzfahne auf den Zinnen des Berliner Schlosses zu hissen. Demütigungen auf Demütigungen, Verhöhnungen und Bedrohungen hatte die Republik fast widerstandslos eingesteckt, untätig sahen die Regierungsparteien, sah auch die Sozialdemokratie dem Aufmarsch des Gegners zu, und wer die warnende Stimme erhob, um in letzter Stunde zum Widerstand, zur Verteidigung zu rufen, den schickte die Republik in Zuchthaus und Kerker.

Hitler und Ludendorff hatten die Situation klar erfaßt und verstanden es wohl, daß sie nicht länger warten durften, wollten sie sich nicht selbst aufgeben. Nur eine Kleinigkeit hatten sie übersehen: daß plötzlich – fast über Nacht – der reiche Geldstrom, der in immer steigendem Maße ihnen zugeflossen war, merklich zu versiegen begann. Ein Zufall? Nein: während die Nationalsozialisten wie gebannt nach Berlin starrten und ihr Heer an der thüringischen Grenze aufmarschierte, hatte die deutsche Schwerindustrie ihre Geschäfte mit Paris in Ordnung gebracht. Die Industrie, die den Faschismus ausgerüstet, großgezogen, ins Feld gestellt hatte, um den Rücken frei zu haben gegen die für den Achtstundentag, für den Ausbau der sozialen Reformen kämpfende Arbeiterschaft und um andererseits einen entsprechenden Druck auf den französischen Partner ausüben zu können, war mit diesem zu einer Einigung gelangt. Der Faschismus hatte seine Schuldigkeit getan, nun mochte er sich trollen und brav im Hintergrunde warten und lauern, bis er wieder gerufen würde. Der Weg für den legalen parlamentarischen Rechtskurs war frei, der Gedanke des Bürgerblocks marschierte, völkische Experimente konnten da nur mehr unangenehme Verwicklungen herbeiführen.

Hitler und die Seinen aber verstanden gar nicht, worum es ging. Das große Heer der Hakenkreuzler machte sich jedenfalls keine Gedanken darüber, was später einmal kommen sollte. Sie hatten ihre Befehle, sie hatten ihren Führer, sie hatten ihr nächstes Ziel, sie hatten den Glauben an ihre Berufung und sie durften gehorchen. Hitler schlug los. Er schlug ins Leere.

So ist der Putsch vom 8. November 1923, der als entscheidender Kampf um die Macht gedacht war und in wenigen Stunden als Revolte im Bürgerbräukeller endete, das wichtigste politische Ereignis in Deutschland seit der Revolution. Er ist ein Merkstein für eine politische Entwicklung, die mit ihm ihren Abschluß gefunden hat, und erst die späteren Monate machten seine Bedeutung für den sozialen und politischen Umschichtungsprozeß in Deutschland ganz klar.

OKTOBER

Der passive Widerstand an der Ruhr war zusammengebrochen. Verzweiflung über die würgende Not, die in den Hochsommermonaten eine phantastische Höhe erreicht hatte, trieb die rettungslos im reißenden Malstrom der Inflation versinkenden Arbeiter, Kleinbürger, Beamten, Angestellten zu gewaltigen, spontanen Kundgebungen auf die Straße. Cuno ging und Stresemann kam. Die Massen, die im ersten Anlauf eine Schlacht gewonnen hatten, fluteten wieder zurück. Ihre Aktion, die sich im ersten Augenblick so bedrohlich und gewaltig angelassen hatte, verpuffte. Die Sozialdemokratie sprang in die Bresche, um den Erfolg des ersten Treffens auszunutzen und als Teilhaber der Regierung Ruhe und Ordnung im Lande wiederherzustellen und den „Ruhrkampf zu liquidieren“.

Hilferding, der neue Finanzminister, machte sich voll Eifer ans Werk. Es galt, die ins Bodenlose gestürzte Mark wieder auf die Beine zu bringen, die heillos zerrütteten Finanzen zu ordnen, die Teuerung einzudämmen, während dem Innenminister Sollmann, von dem man erwartete, daß er als Sozialdemokrat über den unerläßlichen Einfluß bei den erregten Massen verfügte, die Aufgabe zufiel, in der Zwischenzeit für die Aufrechterhaltung von Ordnung und Ruhe zu sorgen.

Hilferding hatte nicht nur einzelne Reformen im Auge, er brachte einen wohldurchgearbeiteten Plan ins Ministerium mit. Die Arbeit begann. Die Mark stürzte weiter. Die Teuerung wuchs, das Elend, die Verzweiflung, Hunger und Not wuchsen mit. Innerhalb der Koalition spitzten sich die Gegensätze von Tag zu Tag zu. Das Finanzministerium und die Reichsbank arbeiteten aneinander vorbei, bald standen sie in offenem Kampf. Hilferding forderte die Sperrung aller Kredite, der Reichsbankpräsident Havenstein setzte die Kreditpolitik der Inflationszeit eigensinnig fort. Bei dem Duell Hilferding-Havenstein blieb als Leidtragender der kleine Mann auf dem Kampfplatz.

Die Sozialdemokratie machte Opposition, protestierte, drohte mit dem Austritt aus der Koalition und merkte gar nicht, daß inzwischen Deutschnationale und Volkspartei, Schwerindustrie und Agrarkapital sich geeinigt hatten, zu einem gemeinsamen Aktionsprogramm gelangt waren. Die Sozialdemokratie drohte, ihre außerparlamentarischen Machtmittel einzusetzen und wußte, als einzige der politischen Parteien, nicht, daß diese Machtmittel – infolge der wachsenden Unzufriedenheit und Enttäuschung in der Mitgliedschaft – beträchtlich zusammengeschmolzen waren. So beantworteten die bürgerlichen Koalitionsparteien die Drohungen der Sozialdemokratie damit, daß sie sie beim Wort nahmen. Ehe sich die Partei dessen versah, war sie durch die Schwerindustrie ohne viel Federlesens aus der Regierung hinausmanövriert.

Bevor es aber die Deutsche Volkspartei zu einem offenen Bruch mit der Sozialdemokratie kommen ließ, wollte sie gewisse unerläßliche Garantien für die Zukunft schaffen. Auf dem Wege zur rein bürgerlichen Regierung galt es, als erstes und wichtigstes Hindernis den roten Block zu überwinden, der gerade in jenen Monaten zu einem bedrohlichen revolutionären Pfeiler gegen die bürgerliche Regierungspolitik ausgebaut worden war. Das Reichswehrministerium täuschte sich nicht darüber, daß die Beseitigung der sozialistischen Regierungen in Sachsen und Thüringen eine schwierige Aufgabe bedeutete und zu gefährlichen Auswirkungen führen mußte, wenn nicht die Sozialdemokratie für die Teilnahme an dieser Aktion gegen ihre Parteigenossen im sächsischen und thüringischen Kabinett gewonnen werden konnte. Die letzte Tat der Koalitionsregierung war denn auch die Liquidierung der mitteldeutschen Arbeiterregierungen. Am 10. Oktober marschierte die Reichswehr in Sachsen und Thüringen ein, setzte die sozialistischen Regierungen ab, vertrieb mit aufgepflanztem Bajonett die kommunistischen und sozialdemokratischen Minister aus ihren Ämtern und proklamierte den Ausnahmezustand, dessen Durchführung einem eigenen Staatskommissar übertragen wurde.

Diese Reichswehraktion gegen Sachsen und Thüringen war nur ein Schachzug in einem weit umfassenderen Plan. Am 27. September hatte die bayrische Regierung den Ausnahmezustand verkündet und die vollziehende Gewalt in Bayern dem Regierungspräsidenten von Oberbayern, Herrn von Kahr, übertragen, der als Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten die Regierung übernahm. Begründung: Hitler hatte für Anfang Oktober 14 Massenversammlungen in München angekündigt, die nach Ansicht der bayrischen Regierung den Auftakt zu einem völkischen Putsch bilden sollten, den zu vereiteln Herr von Kahr berufen wurde.

Die Reichswehraktion in Mitteldeutschland, die Berufung des Herrn von Kahr – beide Ereignisse standen in innerem ursächlichen Zusammenhang. Hier wie dort hatte man erkannt, daß man vorbauen mußte, wollte man nicht von der weiteren Entwicklung überrannt werden. Die Bayrische Volkspartei, das heißt die bodenständige, klerikale, besitzende Bürger- und Bauernschaft Bayerns, wußte ganz genau, daß sie der lawinenartig anwachsenden Bewegung des verelendeten Kleinbürgertums, Mittelstands keinen offenen Widerstand entgegensetzen konnte, erkannte aber auch ebenso klar, daß sie, diese Bewegung richtig auswertend, ihr eigenstes Ziel – die Aufrichtung der uneingeschränkten Herrschaft der katholischen Kirche in einem, der Fesseln der zentralistischen Reichsverfassung ledigen, selbständigen bayerischen Staat als Vorbedingung für eine Restauration der Wittelsbacher Monarchie und einen später zu verwirklichenden separatistischen, süddeutschen Staatenbund – mit einem Schlage gewaltig fördern könnte. Also hatte die Bayrische Volkspartei Kahr vorgeschoben, dem es als Ehrenvorsitzenden der separatistisch eingestellten Kampfverbände – vor allem der Organisation „Bayern und Reich“ – gelingen sollte, auch die Hitlerschen Kampfbünde zu sich herüberzuziehen, zu „binden“. Herr Kahr wieder betraute den Kapitänleutnant Ehrhardt mit der schwierigen Aufgabe, die Mittlerrolle zwischen den großdeutsch eingestellten Verbänden Hitler-Ludendorffs und Kahr selbst zu spielen.

Ehrhardt hatte nachdem er aus dem Leipziger Untersuchungsgefängnis entwichen war, in Bayern bei Herrn Kahr warme Aufnahme gefunden, der ihm das Oberkommando über den „Abschnitt Koburg“, die Führung der an der sächsischen und thüringischen Grenze sich versammelnden Formationen übertrug. Kahrs Plan lief darauf hinaus, zwei Fliegen auf einen Schlag zu treffen: einerseits sollte seine Herrschaft in Bayern mit Hilfe der völkischen Verbände gesichert, anderseits die nicht ganz zuverlässigen schwarzen Schafe möglichst aus der Mitte der weißen katholischen Lämmlein entfernt werden. Herr Kahr hielt es nicht für klug, den Tatendrang der Völkischen zu zügeln, wünschte aber, daß sie ihn außerhalb Bayerns austobten. So fand die Hitlersche Parole: „Gegen Berlin!“ bei Kahr und der Bayrischen Volkspartei beifällige Aufnahme.

Am 27. Oktober brachte die „Chronik des Faschismus“, eine damals in Berlin erscheinende, über die Vorgänge im völkischen Lager sehr gut informierte Zeitschrift, folgenden Situationsbericht aus München:

Daß Kahrs Kampfansage an den „marxistischen Norden“ ebenso nur ein Manöver ist, wie seine Beschwerden gegen den Zentralismus der Weimarer Verfassung, und daß der eigentliche Plan Kahrs und der Bayrischen Volkspartei auf die völlige Separation Bayerns um jeden Preis hinausläuft, zeigt ... die Tatsache, daß die Bayrische Hauptstadt, bisher der Sammelpunkt aller faschistischen und reaktionären Kondottieri von Ehrhardt bis Ludendorff, jetzt zum Stelldichein viel höherer und höchster Herrschaften geworden ist. Der Erzherzog Josef von Ungarn, der „Soldatenvater“, der seine Kinder anno 14 in den Karpathen so energisch behandelte, daß sie zu Zehntausenden elend im Schnee umkamen – dieser hohe Heerführer eröffnete den Reigen als Vertreter Horthys. Mussolini zögerte nicht, einen Delegierten zu senden. Herr Kahr ließ durch Mittelspersonen in Paris anfragen, wie dort die Wiederherstellung der Donaumonarchie aufgenommen werden würde, und als die Antwort so günstig ausfiel, wie erwartet, eilten jetzt Zita aus Spanien und der König Ferdinand von Bulgarien höchstselbst nach München zum Rendezvous.

Inzwischen wußte „Der Abend“ in Wien zu melden:

„Die derzeitige politische Lage in Deutschland hat den Vatikan veranlaßt, die bayrischen Bischöfe, den Erzbischof von Bamberg und die Bischöfe von Speyer und Passau zu einer Beratung nach Rom zu berufen. Der Vatikan will offenbar den jetzigen Augenblick der allgemeinen Verwirrung dazu benutzen, um den alten Plan der Errichtung eines katholischen Donaustaates auszuführen.“

Doch bei all dem vergaß Herr von Kahr nicht, daß ein Kampf nach zwei Fronten – gegen Berlin und gegen Hitler – die große Gefahr barg, in ein Kreuzfeuer zu geraten, im entscheidenden Augenblick völlig isoliert zu werden. Während er sich den Völkischen gegenüber sicher und stark genug fühlte, war er über die letzten Pläne und Absichten der Reichsregierung, das heißt des von Präsident Ebert mit den unumschränkten Vollmachten eines Diktators zum Inhaber der vollziehenden Gewalt bestellten Generals von Seeckt, des Oberbefehlshabers der Reichswehr, nicht im klaren. Gewiß, in Einzelheiten gab es Differenzen – aber bestanden nicht solche auch zwischen Kahr und Hitler, ohne daß sie ein Zusammenarbeiten für das gemeinsame Ziel des reaktionären Umsturzes ausschlossen? Und vor allem: würde General von Seeckt nicht im richtigen Augenblick bereit sein, Kahrs Stichwort aufzunehmen? Separatismus und Großdeutschland – Hohenzollern oder Wittelsbach – das waren doch Fragen, die erst später nach dem Sturz der Republik brennend wurden. Vorläufig galt es, die Schlacht zu schlagen. Sollte da nicht General von Seeckt ein geheimer Verbündeter sein, der es vorläufig nur noch nicht als geraten ansah, seine republikanische, ihm selbst gewiß am meisten lästige Maske abzuwerfen?

Kahrs Rechnung schien zu stimmen. Seine Vorstöße, die er zur Klärung des Gefechtsfeldes unternahm, trafen wenigstens nur auf eine sehr schwächliche Abwehr des Generals von Seeckt und des Berliner Kabinetts, eine Abwehr, die beinahe wie ein Manöver aussah. Ja, während sich die völkischen Verbände unter den Augen und mit der wohlwollenden Unterstützung des Herrn von Kahr an der thüringischen Grenze zum Marsch gegen Berlin sammelten, trat der Oberbefehlshaber der Reichswehr mit dem bayrischen Generalstaatskommissar in Verhandlungen ein, um die Teilnahme der bayrischen Reichswehrformationen und auch der völkischen Kampfverbände an der Aktion gegen Sachsen und Thüringen zu vereinbaren. Selbst in den ersten Novembertagen noch lagen die letzten Absichten Seeckts in mystisches Dunkel gehüllt.

Dieses zu erhellen sollte ein Flugblatt dienen, das die Völkischen im Dezember 1923 in München insgeheim verbreiteten, um nachzuweisen, daß Hitlers Putsch nur die logische, im ursprünglichen Programm vorgesehene Fortsetzung einer von ganz anderer Seite beabsichtigten Aktion war.

Dies Flugblatt gab einen Reichswehrbefehl vom 3. November wieder und enthielt folgende Absätze:

Aus dem Befehl, der unter der Überschrift „Ue...“ ausgegeben wurde, ergibt sich, daß die Reichswehr „für Auffüllung ihrer Bestände am ersten Tag der Herbstübung 1923 ihre Fehlstellen aus den jetzigen Hilfsmannschaften decken soll“. Danach werden die einzeln angeführten Kompagnien einer nicht genannten Division durch Kompagnien der Nationalsozialisten, des „Hermannbundes“, des „Oberland“ und von „Bayern und Reich“ verstärkt. Es heißt dann in diesem Befehl wörtlich:

„Verpflegung und Gebühren: Es dürfen nur unbedingt verläßliche Leute zur Einstellung kommen, für die Feldtruppe nur voll ausgebildete. Gebühren und Versorgung wie Angehörige der Reichswehr.

Studenten der Hochschule wird die verlorene Studienzeit voll angerechnet. Beamten, Angestellten, Arbeitern wird die Rückkehr zu ihren früheren Stellungen ohne Dienstzeitverlust zugesichert. Während der Operationen ruht das Recht der Kündigungen seitens der Freiwilligen.“

Endlich seien noch nachstehende Geheimdokumente der Organisation „Stahlhelm“ wiedergegeben. Auch sie wurden von den Völkischen zum Beweis herangezogen, daß Hitlers Putschpläne bis Anfang November nicht nur bei Kahr, sondern auch bei General von Seeckt Verständnis und Billigung gefunden hatten, und die Verteidigung suchte später daraus den Schluß abzuleiten, daß unter solchen Umständen von einem Hochverrat Hitlers nicht gesprochen werden könnte – es sei denn, man wollte neben ihm auch Herrn von Kahr, General von Seeckt und verschiedene andere Mitglieder der Reichsregierung unter dieselbe Anklage stellen.

An alle Gauführer!

Magdeburg, den 11. November 1923.

Vertraulich!

Kurzer Lagebericht.

Am Sonntag, den 4. d. M., tagte die Bundesleitung in Magdeburg zur Besprechung der Lage. Das Ergebnis wurde in ultimativer Form als Kundgebung dem Reichskanzler Dr. Stresemann überreicht, sowie der Presse übergeben. Die Entschließung hat in der Presse und in der Öffentlichkeit lebhafte Besprechungen hervorgerufen, zum größten Teil sehr anerkennend, von gewisser halbrosaer Seite erbittert, mit dem Versuch niederzureißen, von sozialdemokratischer Seite fragend, was der Stahlhelm mit der Forderung der nationalen Diktatur beabsichtige.

Die gedrängte Stellungnahme ist aus folgendem kurzen Entschluß zu ersehen, sowie aus der Mitteilung, daß der Bundesvorsitzende seit der Zeit vom 5. d. M. bis heute dreimal nach Berlin zum Reichskanzler gerufen wurde. Der Unterzeichnete hat dem Reichskanzler, der Reichsregierung und dem Oberbefehlshaber in klaren Worten die Stellung und Forderung des Stahlhelms überreicht. Er gewann jedoch den Eindruck, daß der jetzige Reichskanzler nicht der Mann ist, um die nötige Entschlußhärte zur Führung sowohl der nationalen Diktatur als auch der Reichsregierung und letzten Endes von Preußen aufzubringen. Vor Forderungen wie Nachhauseschicken des Reichstags, Ausbooten der Sozialdemokratie in der preußischen Regierung, rücksichtslose Einführung und schnellste Erledigung der wertbeständigen Zahlung und der Ernährungsfrage wich der Kanzler zurück.

Infolgedessen trug der Unterzeichnete dem Oberbefehlshaber die Entschließung und die Stellungnahme des Stahlhelms vor.

Die durch den Putsch Ludendorff-Hitler gebrachte Spannung der Lage ergab, daß der Bundesvorsitzende den Gaugruppen übermittelte, daß der Bundesführer in diktatorischer Weise von jetzt ab handeln muß. Gleichzeitig ergibt die Spannung der Lage, daß die gesamte Stellung des Stahlhelms auf eine präzise Formel gebracht werden muß. Sie lautet: „Der Stahlhelm steht zur Reichswehr!“

Von Berlin nach dreimaligem Besuch und umfangreicher Arbeit in den verschiedenen Ministerien zurück, traf den Unterzeichneten der persönliche Besuch des Führers des Jungdeutschen Ordens, des Herrn Marauhn. Der Jungdeutsche Orden, eine der stärksten norddeutschen Korporationen, zählt etwa zirka 6000 Ortsgruppen. Die ideale Einstellung des Jungdo ist dem Stahlhelm verwandt. Der Großmeister Marauhn legte seinen ganzen Nachdruck auf die Vorbereitung des Siedlungswerkes und Erschließung von Ödland, in der ideellen Ertüchtigung der deutschen Männer und männlicher Jugend und der Unterstützung der Reichswehr durch wehrhafte Männer.

Der Bundesvorsitzende des Stahlhelms nahm nach sorgfältiger Besprechung das Angebot des Jungdoführers an, was den beiliegenden Wortlaut hat. Der Stahlhelm erfährt durch das Bündnis mit dem Jungdo, das jedem Verbande seine Eigenart läßt, eine Stärkung in der heutigen Zeit. Die Gau- und Ortsgruppenführer haben daher Sorge zu tragen, daß das Einvernehmen mit dem Jungdo unter Bezugnahme auf dieses Bündnis das denkbar beste ist, und der eine Bund den andern kameradschaftlich und brüderlich unterstützt.

Gleichzeitig melden die Gau- und Ortsgruppen, mit welchen anderen Verbänden oder Bünden nähere Beziehungen bzw. Verabredungen auf gegenseitige Hilfeleistungen bestehen.

Der Bundesvorsitzende wird morgen nochmals nach Berlin fahren, um mit den dortigen maßgebenden Stellen zwecks Klärung der Lage zu sprechen und in ultimativer Form die Errichtung der nationalen Diktatur weiter zu fordern.

Der Gesamtgang der künftigen Ereignisse ist angesichts der verschiedenen Strömungen in der Regierung noch nicht auf Zeiten festzulegen. Es muß aber heute schon gesagt werden, daß es eine andere Lösung als die möglichst schnelle Errichtung einer nationalen Diktatur heute nicht mehr gibt.

Mit kameradschaftlichem Gruß gez. Fr. Seldte, 1. Bundesvorsitzender.

Entwurf. Ohne juristische Abfassung.

1. Der Herr Reichspräsident hat mich angesichts der Möglichkeit weiterer Umsturzversuche und angesichts der drohenden Hungersnot zum Reichsverweser mit diktatorischer Gewalt für begrenzte Zeit ernannt.

2. Ich bilde ein Direktorium. Ich ernenne die Herren

Rabethge zum Wirtschaftsdirektor,

Graf Kanitz zum Ernährungsdirektor,

Dr. Stresemann zum Außendirektor.

Sie üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus. Die Aufgaben der Reichsminister übernehmen Staatssekretäre.

3. Der Reichstag wird aufgelöst.

5. Die Schutzpolizei tritt unter meinen Befehl. Sie wird verstärkt.

7. Streiks sind bis auf weiteres verboten. Die Börse wird bis auf weiteres geschlossen.

8. Es werden mit sofortiger Wirkung Standgerichte eingesetzt mit Befugnis der Todesstrafe für Auflehnung und Sabotage gegen den Reichsverweser, Streikhetzer, Plünderer, Wucherer, Zurückhaltung von Nahrungsmitteln, Ausfuhr von Nahrungsmitteln.

Bemerkungen:

Zu 1. Mit Rücksicht auf Frankreich und auf die Sozialisten ist der Passus „weitere Umsturzversuche“ und „Hungersnot“ gewählt. Ebenso der Passus „begrenzte Zeit“.

Zu 3. Wird der Reichstag nur in die Ferien geschickt, so sitzen die Abgeordneten nach wie vor in den Vorzimmern des Direktoriums.

Zu 5. Eine Verstärkung der Reichswehr aus außenpolitischen Gründen unmöglich. Reichsverweser braucht jedoch eine starke Macht. Daher Verstärkung der Schutzpolizei, die unter den Befehl von Reichswehroffizieren tritt.

Zu 7. Streiks muß evtl. durch Erschießung jedes Zehnten entgegengetreten werden, insbesondere dem der Banknotendrucker.

Zu 8. Im augenblicklichen Stadium, d. h. solange bis die Maßnahmen des Ernährungsdirektors und des Wirtschaftsdirektors, die nicht zaubern können, sich ausgewirkt haben, muß Terror an die Stelle von Besserung der Lage treten. Daher ist jede Auflehnung gegen den Reichsverweser mit dem Tode zu bestrafen. Das Aufhängen von vier Wucherern auf dem Potsdamer Platz und von Streikhetzern am Neuen Tor, die Erschießung von drei Landwirten, die ihr Getreide zurückhalten, ist der Schreckschuß, den bisher noch niemand gewagt hat und der notwendig ist. Wer dafür kein Verständnis hat, kann die Lage nicht meistern.

Funkspruch an Alle!

„Deutschland stellt alle Zahlungen und Sachlieferungen bis auf weiteres an die Entente wegen drohender Hungersnot ein. Komme, was da kommen mag.“

v. Seeckt, Rabethge, Graf Kanitz, Stresemann.

Nachbemerkungen:

Der Reichsverweser ist der Aufpeitscher, Vorwärtstreiber, und das Schwert der drei Direktoren, ist das stahlharte Rückgrat, ist der, der erschießen läßt, wozu die anderen nicht den Mut aufbringen.

Die Hereinnahme von Stresemann erscheint notwendig:

a) damit nach außen keine Veränderung im außenpolitischen Kurs eintritt, Frankreich nicht einmarschiert,

b) ein Mann zur Abwicklung des Parlamentarismus mit Erfahrung da ist.

Beweisen alle diese Protokolle, Briefe, Geheimbefehle wirklich das, was die Völkischen behaupteten? Sie zeigen uns jedenfalls, daß dem scheinbar unentwirrbaren Rattenschwanz von Putschplänen, Aktionen und Gegenaktionen ein gewisses System zugrunde lag, daß durch dies verworrene Gespinst ein Faden lief, der von geschickten und kundigen Händen geknüpft worden war.

DER PUTSCH

Die Ernennung Kahrs zum Generalstaatskommissar war von den „Vaterländischen Verbänden“ Bayerns, deren Ehrenvorsitzender er war, mit folgender Kundgebung begrüßt worden:

„Bayern steht unter der Führung des Generalstaatskommissars v. Kahr.

Wir wissen, daß der Mann, der vor zwei Jahren allein gegenüber Zumutungen (in den Fragen der Entwaffnung und der Einwohnerwehren), die zum Schaden Deutschlands und Bayerns führen mußten, aufrecht geblieben ist, heute dieselbe gerade Gesinnung durch die Tat beweisen wird.

Damals stand er allein, wenn auch die Gefühle der Besten in Bayern und Deutschland mit ihm waren. Heute soll Herr Kahr wissen, daß er nicht nur auf Gefühle rechnen kann, die Machtmittel des Staates und machtvolle Organisationen stehen ihm zur Seite.

Jetzt heißt es, das Vaterland vom Abgrund zurückzureißen und sich in die Erfordernisse des völkischen Gedankens und einer auf diesem Gedanken fußenden Staatsmacht einzuordnen.

Das ist die heilige Pflicht jedes Mitgliedes der Vereinigten vaterländischen Verbände Bayerns.

gez. Bauer. Kleinhenz.“

Das Stichwort war gefallen. Die Führer der verschiedenen Kampfverbände nahmen es auf. Für Arbeitsteilung sorgte Hitler, der fieberhaft die Aufrüstung betrieb und seine Anhänger mit der Versicherung, die Stunde zum Losschlagen sei gekommen, unerbittlich vorwärtstrieb. Seine Zuversicht wurde nicht einmal getrübt, als Kahr in den ersten Oktobertagen mit einem geschickten Manöver den nationalsozialistischen Kampfbund sprengte. Der Wiking-Bund, eine militärische Organisation Ehrhardts, an dessen Spitze dessen Adjutant Kapitän Kautter stand, trat auf die Seite Kahrs über. Die Organisation „Reichsflagge“, von Hauptmann Heiß befehligt, folgte. Das war ein schwerer Schlag, denn Heiß saß in Nürnberg und hatte die wichtigen nordbayrischen Gebiete in der Hand. Kahr ließ nicht locker. Als der Leipziger Staatsgerichtshof wegen einer hochverräterischen Rede des draufgängerischen Hauptmanns Heiß einen Haftbefehl gegen ihn erließ, setzte nun der Generalstaatskommissar noch am selben Tag – 28. September – mit einer Verordnung das Reichsgesetz zum Schutz der Republik für Bayern außer Kraft. Damit war dem Reich in aller Form der Fehdehandschuh hingeworfen. Nun gab es kein Zurück mehr.

In den letzten Septembertagen ein zweiter, noch bedeutsamerer Zwischenfall: General von Seeckt hatte als Inhaber der vollziehenden Gewalt im Reich den „Völkischen Beobachter“ in München, Hitlers Organ, wegen fortgesetzter hochverräterischer Drohungen verboten. Das Blatt hielt es nicht für notwendig, das Verbot zu beachten. Seeckt ließ die bayrischen Behörden ersuchen, dem Verbot Beachtung zu erzwingen – die bayrischen Behörden erklärten, ein Eingreifen auf Grund des Reichsausnahmezustandes ablehnen zu müssen. Ein neuer Befehl von Berlin, diesmal an General von Lossow: er habe im eigenen Wirkungskreis das Weitererscheinen der Zeitung zu verhindern. General Lossow warf den Befehl seines Vorgesetzten in den Papierkorb. General von Seeckt entschloß sich, den letzten Trumpf auszuspielen: Lossow wird seines Postens und des Kommandos über die bayrische Reichswehr enthoben. Auch jetzt kapituliert Lossow nicht. Er erklärt formell, diesem Befehl nicht Folge geben zu können, und der Generalstaatskommissar von Kahr ernennt ihn noch am selben Tag zum bayrischen Landeskommandanten. Tags darauf ordnet Kahr an, die bayrischen Truppen auf den Generalstaatskommissar von Bayern zu vereidigen. Am 20. Oktober rücken die Münchener Truppen zur Eidesleistung aus. Der Bruch mit dem Reich ist vollzogen. Was werden die nächsten Tage bringen?

November wird’s. Grauer dichter Nebel deckt sein Tuch über Deutschland. Unten in Bayern brodelt es. Niemand weiß recht, welche Gewitter im Anzug sind, was die schweren Wolken bergen, die über der thüringischen und sächsischen Grenze heraufziehen. Aber im ungewissen Schein der Dämmerung hat man dort unten Truppen gesehen, Tausende von Bewaffneten, die in den Dörfern und Städten kampieren, die Landstraße besetzt halten; Reisende wissen beängstigende Dinge von Schützengräben, Kanonen und Panzerautos zu erzählen. Der Vormarsch der bayrischen Kampfverbände ist nicht mehr zum Stehen zu bringen. General von Seeckt, der bis zuletzt gezögert hatte, verhandelt hatte, immer wieder neue Fäden anknüpfte mit den Abgesandten Kahrs und dessen preußischen Freunden, findet sich in einer Sackgasse. Am 4. November erläßt er folgenden Aufruf an die Reichswehr:

Reichswehrministerium (Heer) Heeresleitung

Berlin, den 4. November 1923.

Der Ruhrkampf und sein Ende haben Deutschland im tiefsten aufgewühlt. Frankreichs und Belgiens frevelhafter Eingriff in das Reichsgebiet, die wirtschaftliche Not, die das Volk an den Rand der Verzweiflung bringt, haben uns nicht zusammengeführt, sondern den Kampf der Parteien zur Siedehitze gesteigert. Der kommunistische Umsturz ist in Hamburg soeben von Polizei und Reichsmarine niedergeworfen worden: aber die Kommunisten sind entschlossen, ihn zu erneuern, sobald ihnen die Verschärfung der Not und des politischen Kampfes neue Gelegenheit gibt. Andererseits ist Macht und Anhang derjenigen gewachsen, die Deutschlands Rettung nur in der beschleunigten, gewaltsamen Beseitigung des heutigen Regierungssystems durch eine nationale Diktatur sehen. Die bayrischen Nationalsozialisten fordern den Marsch auf Berlin.

Solange ich an meiner Stelle bin, habe ich die Ansicht vertreten, daß nicht von diesem oder jenem Extrem, nicht von äußerer Hilfe oder innerer Revolution – komme sie von links oder rechts – das Heil kommt, sondern daß uns nur harte, nüchterne Arbeit die Möglichkeit zum Weiterleben gibt. Diese können wir allein auf dem Boden von Gesetz und Verfassung leisten. Wird dieser verlassen, so tritt der Bürgerkrieg ein – der Bürgerkrieg, der bei unseren heutigen Verhältnissen zwei an Zahl und Machtmitteln gleich starke Parteien gegeneinander führt, der nicht mit dem Siege der einen Seite, sondern mit ihrer gegenseitigen Zerfleischung endet, für den uns der 30jährige Krieg ein furchtbar warnendes Beispiel sein muß. Feinde ringsum, im Innern Deutsche gegen Deutsche! Beim Friedensschluß triumphiert Frankreich.

An der Reichswehr ist es, diesen Bürgerkrieg zu verhindern. Solange in der Reichswehr innere Disziplin und unerschütterliches Vertrauen zu ihren Führern lebt, solange kann kein Feind des Staates etwas ausrichten, solange kann die Reichseinheit nicht angetastet werden, solange wird die Hoffnung auf ein freies und großes Deutschland nicht erlöschen. An uns ist es, dieses Vertrauen nicht zu täuschen, den militärischen Ausnahmezustand so zu handhaben und auszugestalten, daß nicht nur Ruhe und Ordnung in Deutschland herrschen, sondern daß seine Bewohner, in ihrer Existenz sichergestellt, wieder Vertrauen zur Zukunft fassen und seine Jugend in nationaler Begeisterung wieder zur Wehrhaftigkeit drängt. Wohl aber haben sich durch die jüngsten Vorgänge in Bayern Zweifel erhoben, ob die innere Einigkeit und Festigkeit des Heeres zur Durchführung dieser hohen Aufgabe genügt. Unser Lebensinteresse ist es, daß wir diesen Zweifel widerlegen, daß wir den Parteikampf, der alle übrigen Kräfte Deutschlands zerreißt, aus dem Heere ausschließen, daß wir nur den überparteilichen staatlichen Notwendigkeiten dienen und uns weder durch den Haß noch durch die Lockungen der politischen Richtungen von dieser Bahn abbringen lassen. Diese staatlichen Notwendigkeiten zu erkennen und durchzusetzen, ist aber allein Sache der obersten Führung. Die Ehre des Soldaten liegt nicht im Besserwissen und Besserwollen, sondern im Gehorsam. Deshalb warne ich in dieser Stunde alle Angehörigen der Reichswehr vor jenen, die Zwietracht in ihre Reihen zu tragen suchen und unter dem Mantel schöner Ziele Mißtrauen gegen die Vorgesetzten säen. Eine Reichswehr, die in sich einig und im Gehorsam bleibt, ist unüberwindlich und der stärkste Faktor im Staate.

Ich ersuche alle Kommandeure, ihre Untergebenen auf die schweren Gefahren einer solchen Entwicklung hinzuweisen und jeden Reichswehrangehörigen, der sich politisch zu betätigen sucht, sofort aus der Truppe zu entfernen.

gez. v. Seeckt.

Am selben Tag erläßt auch Stinnes eine Proklamation. Es ist ein einfacher Brief. Niemand in der breiten Öffentlichkeit nimmt Kenntnis von ihm. Und doch kommt ihm große Bedeutung zu.

In diesem Brief verabschiedet Herr Stinnes seinen Generaldirektor Minoux, der viele Monate lang seine rechte Hand gewesen ist, der erst vor wenigen Tagen mit Wissen seines Herrn nach München geeilt war, um in Verhandlungen mit Hitler und Ludendorff und Kahr den Boden für das große nationale Direktorium zu bereiten, in dem ihm selbst eine führende Stellung ausersehen war. Herr Stinnes läßt seinen Generaldirektor fallen. Der Traum vom nationalen Direktorium ist ausgeträumt. Kahr weiß nun, was die Stunde schlägt.

Am 6. November versammelt er die Führer sämtlicher Kampfverbände in München, um im letzten Augenblick das Steuer herumzureißen. Polizeioberst Seißer, der gerade von seiner Reise nach Berlin zurückgekehrt ist, hat das Referat. Er soll nun den Herren Hitler und Ludendorff klar machen, daß man die Aktion verschieben müsse. Der Norden ist noch nicht so weit, ein zu frühes Losschlagen kann verhängnisvolle Folgen haben. Zeit gewinnen, denkt Herr von Kahr, ist jetzt alles. Warten wir wenigstens noch bis zum 12. November.

Die Sitzung nimmt einen stürmischen Verlauf. Oberstleutnant Kriebel, der oberste Führer der Hitlerschen Kampftruppen, ist empört. Soll man wieder „kneifen“? Warum bis zum 12. warten, wenn man schon am 9. den Schlag führen kann? In derselben Nacht fassen Hitler und seine Kommandanten den Entschluß, ohne weiteren Zeitverlust loszuschlagen, jene vollendete Tatsache zu schaffen, die – wie sie überzeugt sind – auch Herrn von Kahr veranlassen wird, „den Absprung zu wagen“.

Für den 8. November acht Uhr abends ist im Münchener Bürgerbräu eine Versammlung einberufen, in der Herr von Kahr eine Rede zur politischen Lage halten soll. Bis auf den letzten Platz ist dieser große Saal gefüllt. Unruhe, Ungewißheit, eine Ahnung von ungewöhnlichen Dingen, die sich abspielen werden, abspielen müssen, hält die Zuhörer in ihrem Bann. Draußen an den Eingängen stehen mit Pistole und Gewehr Bewaffnete, verwegene Gestalten Wache. Ihre Windjacke ist mit dem Hakenkreuz geziert, auf der Kappe das Abzeichen Hitlers. Es sind die tüchtigsten, militärisch am besten geschulten Parteigenossen, die diesen Stoßtrupp bilden und Leutnant Berchtold befehligt sie. Bund „Oberland“ unter Führung Dr. Webers und des Generals a. D. Aechter, die „Reichskriegsflagge“ unter Führung des Hauptmanns Röhm, das nationalsozialistische „Regiment München“, das drei Bataillone zählt und den Oberleutnant Brückner zum Kommandanten hat, sind seit Tagen marsch- und gefechtsbereit. Wird es noch heute losgehen?

Herr von Kahr hat die Rednertribüne bestiegen und beginnt sein Referat. Eine halbe Stunde ist vergangen. Da – Stimmengewirr, Kommandorufe, rückwärts am Saaleingang brandet Geschrei, große Wellen der Erregung fluten nach vorne – was ist geschehen? Ein Schuß fällt. Hitler steht mitten im Saal. Die noch rauchende Pistole in der Hand. Seine Stimme schmettert, übertäubt allen Lärm, es wird mäuschenstill im Saal:

„Die nationale Revolution ist ausgebrochen. Der Saal ist von sechshundert Schwerbewaffneten besetzt. Niemand darf den Saal verlassen. Wenn nicht sofort Ruhe ist, werde ich ein Maschinengewehr auf die Galerie stellen lassen. Die bayrische Regierung und die Reichsregierung sind abgesetzt. Eine provisorische Reichsregierung wird gebildet. Die Kasernen der Reichswehr und Landespolizei sind besetzt. Reichswehr und Landespolizei rücken bereits unter der Hakenkreuzfahne heran.“

Frenetischer Beifall braust auf. Kahr tritt vom Podium ab, folgt mit General Lossow Hitler in einen Nebensaal. Inzwischen ist Leutnant Pernet mit dem Auto losgesaust, um General Ludendorff herbeizuholen. Dr. von Scheubner-Richter, der Geschäftsführer der nationalsozialistischen Partei, begleitet ihn.

Wenige Minuten später ist Ludendorff zur Stelle. Und während draußen in der Stadt die völkischen Truppen aufmarschieren, entwirft Hitler den Schlachtplan. Eine bayrische Regierung soll gebildet werden, die aus einem Landesverweser und einem mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Ministerpräsidenten bestehen wird. Herr von Kahr wird Landesverweser, Oberlandesgerichtsrat Pöhner Ministerpräsident. Hitlers Stimme schmettert:

„Bis zum Ende der Abrechnung mit den Verbrechern, die heute Deutschland tief zu Grunde richten, übernehme die Leitung der Politik, der provisorischen nationalen Regierung – ich. Exz. Ludendorff übernimmt die Leitung der deutschen nationalen Armee, General von Lossow wird deutscher Reichswehrminister, Oberst von Seißer deutscher Reichspolizeiminister. Die Aufgabe der provisorischen deutschnationalen Regierung ist, mit der ganzen Kraft dieses Landes und der herbeigezogenen Kraft aller deutschen Gaue den Vormarsch anzutreten in das Sündenbabel Berlin, das deutsche Volk zu retten.“

Dann steht General Ludendorff auf dem Podium:

„Ergriffen von der Größe des Augenblicks und überrascht stelle ich mich kraft eigenen Rechtes der deutschen Nationalregierung zur Verfügung. Es wird mein Streben sein, der alten schwarz-weiß-roten Kokarde die Ehre wiederzugeben, die ihr die Revolution genommen hat. Es geht heute um das Ganze. Es gibt für einen deutschen Mann, der diese Stunde erlebt, kein Zaudern zur vollen Hingabe, nicht nur mit dem Verstand, nein, zur Hingabe mit vollem, deutschem Herzen an diese Sache. Diese Stunde bedeutet den Wendepunkt in unserer Geschichte. Gehen wir in sie hinein mit tiefem, sittlichem Ernst, überzeugt von der ungeheuren Schwere unserer Aufgabe, überzeugt und durchdrungen von unserer schweren Verantwortung. Gehen wir mit dem übrigen Volk an unsere Arbeit. Wenn wir reinen Herzens diese Arbeit tun – deutsche Männer, ich zweifle nicht daran –, wird Gottes Segen mit uns sein, den wir herabflehen auf diese Stunde. Ohne Gottes Segen geschieht nichts. Ich bin überzeugt und zweifle nicht daran: Der Herrgott im Himmel, wenn er sieht, daß endlich wieder deutsche Männer da sind, wird mit uns sein.“

Pöhner beschließt die Reihe der Ansprachen:

„Ich werde mich selbstverständlich dem Rufe nicht entziehen, den vaterländische Pflicht mir gebeut. Ich werde Herrn v. Kahr treu zur Seite stehen bei der schweren Aufgabe, die er haben wird. Wir haben bisher immer zusammengestanden. Seine Exzellenz wird sich auf mich verlassen können.“

Doch man hört nicht mehr, was hier im Saale gesprochen wird. Trommelwirbel dröhnt von der Straße herein. Die Infanterieschule ist unter den Hakenkreuzfahnen heranmarschiert und hat vor dem Bürgerbräu Aufstellung genommen. Ludendorff schreitet die Front ab. Und gleichzeitig werden die Minister des bayrischen Kabinetts, die der Versammlung beigewohnt haben, unter strenger Eskorte in Autos verladen, um in ihre Ehrenhaft abgeführt zu werden. Dr. Weber hat die Villa seines Schwiegervaters Lehmann für die Unterbringung der Geiseln bereitgestellt.

Mitternacht ist vorüber. Im obersten Kommando Hitlers herrscht Unsicherheit und Beklemmung. Es ist zu leicht gegangen und zu schnell. Nirgends zeigt sich Widerstand. Die Herren Kahr und Lossow sind plötzlich verschwunden, und da man sie jetzt telephonisch erreichen will, versagt das Telephon. Kuriere jagen durch die nächtlichen Straßen. Herr Lossow ist nicht zu finden. Herr Kahr ist nicht zu sprechen. Im Wehrkreiskommando, wo der Stab der Rebellenarmee versammelt ist, weiß man diese beunruhigenden Zufälle nicht zu deuten. Ein Kurier nach dem andern geht ab und kehrt nicht wieder. Ludendorff bittet, fordert, befiehlt – Lossow kommt nicht zur Besprechung.

Der Morgen dämmert. Da beschließt das Kommando, alle verfügbaren Truppen zu sammeln und einen großen Demonstrationszug durch die Stadt zu veranstalten, um endlich aus dieser Unklarheit herauszukommen.

Der Zug setzt sich in Marsch. Böse Nachrichten laufen ein. Die Kaserne ist in den Händen der Reichswehr, der Versuch, sie im Sturm zu nehmen, ist kläglich mißlungen. Im Polizeipräsidium ist Herr Frick, der von Hitler zum Leiter der Münchener Polizei ernannte Oberamtmann, ganz plötzlich verhaftet worden. Reichswehr sperrt die Isarbrücken, Gewehr bei Fuß. Oberleutnant Brückners Parlamentäre kehren unverrichteter Dinge zurück. Ist man umzingelt? Verraten? Verloren? Wo ist Kahr? Was will Lossow?

Als der Zug unter Führung Hitlers und Ludendorffs und der anderen Kommandanten zur Residenz einbiegt, bekommt er Flankenfeuer. Scheubner-Richter stürzt tot zu Boden. Wieder kracht eine Gewehrsalve. Die Hitlertruppen wollen das Feuer erwidern, aber die Übermacht ist zu groß. Der Zug ist zersprengt. Tote und Verwundete wälzen sich am Boden, die Truppen der Rebellen flüchten nach allen Seiten, der Putsch ist gescheitert.

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