Front matter (continued 3)
Reading edition
Es ging jetzt über eine Brücke, die Straßen erschienen nach und nach unregelmäßiger und loser, die Gegend, durch die er ging, bekam etwas Dörfliches. Katzen lagen vor den Haustüren, und die Häuser waren von kleinen Gärten umsäumt. Die Abendsonne legte sich gelblich-rot auf die hohen Hauswände und auf die Bäume in den Gärten und auf die Gesichter und Hände der Menschen. Man war in der Vorstadt.
Joseph trat in eines der neuen Häuser, die dieser noch beinahe ländlichen Gegend ein so merkwürdiges Aussehen gaben, stieg die Treppen empor, in die dritte Etage, blieb dort stehen, atmete sich anstandshalber aus, putzte sich ein wenig den Staub ab und klingelte dann. Die Türe wurde aufgetan, und die Frau, die in der Öffnung erschien, stieß, wie sie den Gehülfen erblickte, einen leisen Überraschungsschrei aus:
»Sie sind es, Joseph? Sie sind es? – Kommen Sie.«
Die Frau, indem sie ihm die Hand reichte, zog Joseph in ihr Zimmer hinein. Dort schaute sie ihm ziemlich lange in die Augen, nahm dem etwas steif Dastehenden den Hut vom Kopf, lächelte und sagte:
»Wie lange haben wir uns nicht gesehen. Setzen Sie sich.«
Einen Augenblick später sagte sie:
»Komm, Joseph, komm. Setz dich hierher, ans Fenster. Und dann erzähle mir. Du mußt mir sagen, wie du so lange hast leben können, ohne mir ein einziges Sterbenswörtchen zu schreiben, und ohne mich ein einziges Mal aufzusuchen. Trinkst du? Sage es nur ruhig. Ich habe noch einen Rest Wein in der Flasche.«
Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr von der Elastiquefabrik, von den englischen Pfund, von der Militärdienstzeit und von der Firma Tobler zu erzählen. Unten auf der vorstädtischen Wiese spielten und lärmten eine Anzahl Kinder im Abendsonnenschein. Ein oder das andere Mal pfiff eine nahe Lokomotive, oder man konnte einen Betrunkenen singen und johlen hören, einer von jenen Gesellen, die den Sonntagabend mit wüsten, sozusagen brandroten Tönen zu heulen und zu charakterisieren pflegen.
Name und Geschichte der Frau, die jetzt ihrem jungen Bekannten zuhörte, sind sehr einfach.
Sie hieß Klara und war die Tochter eines Zimmermanns. Zufälligerweise stammte sie aus derselben Gegend wie Tobler und kannte daher dessen Jugend so ziemlich. Sie war streng katholisch erzogen worden, aber von der Zeit an, da sie in's Leben trat, veränderten sich ihre Weltanschauungen völlig, sie ergab sich der Lektüre freisinniger Schriftsteller, wie Heine und Börne. Sie arbeitete in einem Photographengeschäft, zuerst als Retoucheuse, dann als Empfangsdame und Buchführerin; der Chef des Geschäftes verliebte sich in sie, und sie gab sich ihm, nicht ohne an die Folgen einer solchen zwanglosen Hingebung zu denken, ja dieselben mit fester und freier Stirn gewärtigend, hin und war sehr glücklich. Sie bewohnte noch immer das väterliche Haus, eine jüngere Schwester von ihr war inzwischen an der Auszehrung gestorben. Nach dem Geschäft fuhr sie täglich hin, und zurück in ihr Haus, mit der Eisenbahn, ein und eine Viertelstunde lang. Zu jener Zeit empfing sie zum ersten Mal Josephs Besuche. Sie fand einiges Gefallen an dem jungen, damals kaum zwanzig Jahre alten Menschen und liebte es, seine Ergüsse, die von jugendlich-unreifer Art waren, anzuhören.
Es war damals eine sonderbare Welt und Zeit gewesen. Unter dem Namen »Sozialismus« hatte sich, einer üppigen Schlingpflanze ähnlich, eine zugleich befremdende und anheimelnde Idee in die Köpfe und um die Körper der Menschen, alte und erfahrene nicht ausgenommen, geworfen, dermaßen, daß, was nur Dichter und Schriftsteller hieß, und was nur jung und rasch bei der Hand und beim Entschluß war, sich mit dieser Idee beschäftigte. Zeitungen solchen Schwunges und Charakters schossen wie brennendfarbige, mit Düften hinreißende Blumen aus dem Dunkel der Unternehmungsgeister heraus an die erstaunte und erfreute Öffentlichkeit. Die Arbeiter und ihre Interessen nahm man damals allgemein mehr geräuschvoll als ernst. Es wurden häufig Umzüge veranstaltet, an deren Spitze auch Frauen schritten, blutigrote oder schwarze Fahnen hoch in der Luft daherschwenkend. Was nur immer mit den Verhältnissen und Ordnungen der Welt unzufrieden war, schloß sich dieser leidenschaftlichen Gedanken- und Gefühlsbewegung hoffnungsvoll und zufrieden an, und was die Abenteuerlust einer gewissen Sorte von Schreiern, Krakehlmachern und Schwätzern vermochte, die Bewegung einesteils prahlerisch hochzuheben und anderteils in die Gemeinheit des Tages herabzuziehen, das bemerkten die Feinde dieses »Gedankens« mit einer Art vergnüglichem Hohnlächeln. Die ganze Welt, Europa und die übrigen Erdteile, so hieß es damals unter den jungen und halbreifen Geistern, verbände und vereinige diese Idee zu einer fröhlichen Menschenversammlung, aber nur wer arbeite, sei berechtigt, usw.
Joseph und Klara waren damals ganz und gar von diesem vielleicht edlen und schönen Feuer ergriffen worden, das nach ihrer beiderseitigen Meinung kein Wasserstrahl und keine üble Nachrede auszulöschen vermochte, und das sich, einem rötlichen Himmel ähnlich, über die ganze runde rollende Erde erstreckte. Sie liebten beide, wie es damals Mode war, die »Menschheit«.
Sie saßen oft stundenlang, bis in die späteste Nacht hinein, in der Stube, die Klara in dem kleinen Hause ihres Vaters bewohnte, und unterhielten sich über die Wissenschaften und über herzliche Dinge, wobei Joseph, so schüchtern er sonst auch im Umgang mit Menschen war, immer das meiste redete, wie es sich auch ziemte, da ihm die Freundin wie eine erhabene Lehrerin vorkam, der gegenüber er seine Gedanken wie mehr oder weniger gut einstudierte Schulaufgaben zu äußern und aufzuzählen hatte. Wie schön waren diese Abende. Jedesmal, wenn er dann nach Hause ging, leuchtete ihm die Frau, die damals noch Mädchen war, mit einem Licht die Treppe hinunter und sagte ihm mit ihrer sanften Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten, wenn er sich zurückbog, um sie zu guter Letzt noch einmal anzuschauen.
Dann bekam Klara ein Kind und wurde eine »freie Frau«, das heißt, sie fühlte sich sehr bald in der härtesten Weise durch ihren Freund, den Photographen, verraten und infolgedessen aufs tiefste degoutiert, so daß sie ihm eines Abends, sie selber lebte in den ärmlichsten Umständen, einfach die Türe zeigte und zu ihm nur das eine, kurze, befehlende Wort sagte: »Geh!« – Er war ihrer unwürdig! Sie mußte sich das tapfer sagen, oder sie mußte verzweifeln. Aber von da an liebte sie nicht mehr die »Menschheit«, sondern sie betete ihr Kind an.
Sie schlug sich durch, sie war mutig und war von jeher ans Zugreifen in die Arbeit gewöhnt gewesen. Bald hatte sie sich einen eigenen Photographenapparaten angeschafft und eine Dunkelkammer eingerichtet, und während sie die Herrlichkeiten der Erziehung und Pflege eines kleinen Kindes, die Mühen derselben, die Freuden, die Sorgen um dies alles empfand, photographierte sie auf Postkarten und verkehrte mit Händlern und Grossisten wie der geriebenste Geschäftemacher. Sie schloß sich einer Freundin aus der Jugendzeit, die ein ähnliches Geschick wie sie selber zu kosten bekommen hatte, häuslich an und lebte mit ihr in ein und derselben Wohnung. Es war eine Frau Wenger, eine intelligente aber ungebildete Frau, ein »guter Kerl«, wie Klara von ihr sagte. Der Mann dieser Frau war Mitglied oder Soldat der Heilsarmee, obgleich er ein durchaus an Verstand und Gemüt geradegebauter Mensch, und durchaus kein religiöser Schwärmer war. Zu den Schwärmern war er einfach aus praktischen Gründen übergetreten. »Tritt du nur dort ruhig ein, Hans, du verlernst dort am besten das Trinken,« hatte die eigene Frau zu ihm gesagt. Ihr Hans »trank« nämlich.
In dieser Zwei-Frauen-Wohnung fand sich Joseph als ein gerngelittener Gast häufig ein. Etwas zu essen und zu trinken mochte es da immer geben, eine Tasse Milch oder ein Glas Tee, und fidel, wenn auch in den Schranken der Zartheit, die immer um Frauen von Lebenserfahrung gezogen sind, ging es zu. Man lachte und meinte, jetzt dürfe man lachen, da man ein Stück Welt hinter sich habe. Klaras Knabe und dessen Eigenschaften wurden besprochen. O man hatte nun schon vielerlei erfahren. Auch Joseph sprach kein Wort mehr von der »Menschheit«. Das war längst vorüber. Je schwerer es einem wurde, ein »rechter Mensch« zu werden, desto weniger mochte man große Worte in den Mund nehmen, und schwer war es, »recht« zu bleiben, das empfand man jeden Tag deutlicher.
Nach und nach kam Joseph spärlicher, und dann geschah es, daß er sich ein ganzes Jahr nicht mehr blicken ließ. Ein Tages erhielt Klara dann plötzlich einen wunderlich kurzen Brief, ob er sie wieder besuchen dürfe? Sie hieß ihn willkommen, und so ein paar Male, nach wiederholten, langen Absenzen, immer wieder.
Und nun saß er da am Fenster, und sie lauschte dem, was er erzählte.
Auch Klara erzählte, unter anderem, daß sie sich bald ehelich verheiraten werde. Das Kind müsse einen Vater haben, und sie selber bedürfe einer Mannesstütze, sie sei jetzt öfters unwohl und unfähig, das Erwerbsleben, das sie so lange geführt habe, zu ertragen. Sie sei zu schwach geworden, so allein und ungeliebt zu leben, sie sehne sich darnach, die Müdigkeit, die ihre ganze Seele beherrsche, von einer Hand und von einem guten, offenen Willen gestreichelt und geliebkost zu sehen. Sie sei nur eine Frau, und nur eine hoffende Frau. Der Mann, den sie erwählt habe, habe sich einfach von ihr bereden, rühren und erwählen lassen, das Ganze sei eine zu einfache Geschichte, als daß sie lange erzählt zu werden brauche. »Er« liebe sie und begehre, begehre und begehre nur, sie glücklich zu machen. Ob das nicht das Einfachste von der Welt sei? Und was Joseph, den sie nun schon so lange kenne, zu dem allem sage? Er solle schweigen, denn sie wisse, daß er jetzt nur eine Artigkeit habe auf die Lippen legen wollen, sie kenne ihn, das genüge.
Sie gab ihm lächelnd die Hand.
All das Vergangene, sprach sie weiter, all das schöne Vergangene! Wie gut es gewesen sei, all das Vorübergegangene, und wie »recht«. Und die mannigfaltigen Irrtümer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig! Jung sein, das irre, das müsse ohne Gedankentiefe reden und handeln, damit es ein Vorwärts gebe. Nach den Erfahrungen kämen immer noch Gedanken und Empfindungen genug, und ein langes Leben erdrücke nachher das Jugendleben.
Und sie sprachen beide von der Vergangenheit, indem sie einander die Worte und Ausrufe aus dem Mund wegnahmen, um sie gutzuheißen und nachzusagen.
Es gibt bei einem solchen Wiederfinden keine Widersprüche, es will keine geben. Eines sagt dem andern die Erinnerungen nachdenklich und freundlich nach, die Lippen sprechen ineinander, die gesprochenen Worte finden nur Beifall und Widerhall, keine Einwendungen; und Auseinandersetzungen finden, man möchte sagen, nur im musikalischen Sinne statt.
Ja, das Vergangene kam über sie, und rauschte um sie herum, und machte sie die Welt rückwärts, gleichsam treppab, überschauen. Sie brauchten ihre Gedächtnisse gar nicht zu zwingen, dieselben bogen von selber ihre feinen Arme und Schlingen nach den Gegenden des Erinnernswerten, um es spürbar näher zu bringen und zu tragen.
»Wie oft bin ich launisch und ungroßherzig gewesen,« sagte Joseph bedauernd. Und Klara erwiderte, er sei doch der einzige, der immer wieder zu ihr komme:
»Du machst lange Pausen, aber du kommst immer wieder. Du liebst es, dich selten zu machen, aber man hat während der Pause das Gefühl, du denkest an einen. Und eines Tages bist du dann da, und man wundert sich darüber, wie wenig du dich verändert, wie vortrefflich du es verstanden hast, der Alte zu bleiben. Und man spricht mit dir, als seiest du bloß in den nächstbesten Bäckerladen getreten, habest kein jahrelanges Loch in die Freundschaft gemacht, wie es doch jedesmal mit dir Flüchtling der Fall ist, seiest immer um einen herum gewesen. Andere Männer, Joseph, wissen für immer wegzubleiben, das Leben wirft sie in neue Richtungen, und sie kehren nie wieder an den alten Freundschaftsplatz zurück. Dich vernachlässigt ein bißchen das Leben, hörst du, und deshalb kannst du so schön deinen eigenen Neigungen treu bleiben. Ich will dich weder verletzen noch preisen, beides wäre unwahr, und wir beide, nicht wahr, sind bis jetzt immer noch ganz gut mit der Eindeutigkeit gefahren. Was du mir bist und was ich dir bin, bleiben wir uns!«
Es war Nacht geworden über den Gesprächen. Sie verabschiedeten sich.
»Kommst du bald wieder?«
Joseph sagte, indem er den Hut aufsetzte, es sei ja, da er doch, wie sie sage, immer der Alte bleibe, gleichgültig, ob er in Jahrzehnten oder in vier Tagen wiederkomme.
Sie schieden infolge dieses Wortes kalt voneinander.
Du bist jetzt, Herr Angestellter, oder wie du sonst gern genannt sein willst, wieder in der Villa Tobler, merke dir das, und die Reklame-Uhr schießt dir als ein flügelschlagender Vogel über den etwas poetisch, wie es scheint, veranlagten Kopf. Der weichliche Sonntag ist vorüber, und der harte, robuste Werktag hat dich soeben wieder angepackt, und da wirst du dich in die Brust werfen müssen, wenn du seinem kraftvollen Willen einigermaßen Stand halten willst. Bleibe nur ruhig der »Alte«, wie deine Freundin Klara sich ausdrückte, das wird weniger schaden, als wenn du dir plötzlich einreden wolltest, ein vollkommen »Neuer« zu werden. So von einem Tag auf den andern wird man kein Neuer, auch das schreibe dir, wenn es dir beliebt, nur gleich hinter die Ohren. Wenn aber einen »das Leben vernachlässigt«, auch so ein Frauensprüchlein, und wie es scheint, ein zutreffendes, so muß man gegen diese in der Tat unwürdige Vernachlässigung ankämpfen, hörst du, und nicht am heiterhellen Tag und an Abenden voll wehmütigen Sonnenuntergangscheines mit alten Freundinnen über das »Vergangene« reden. Man wird so etwas jetzt gefälligst bleiben lassen müssen. Dagegen wird man sich seiner Pflichten zu erinnern haben, da Sonntage und Sonntagsausflüge zufälligerweise nicht ewig andauern, und wird müssen zugeben, daß diese Pflichten bislang von einem gewissen Gehülfen auch so ein wenig »vernachlässigt« worden sind, gerade wie das Leben es mit diesem Herrn selber bis jetzt getan hat. Und die »Kopflosigkeit«? Ist sie nun endgültig beseitigt worden? So schnell füllen sich Köpfe nicht an, das muß erarbeitet werden. Dulde du nur keine Trägheit in dir, und so wird, meint man, nach und nach schon etwas in deinen Kopf kommen. Die Reklame-Uhr liegt am Boden und jammert nach flüssigen Kapitalien. Nun also, gehe auf sie zu, stütze sie, damit sie sich wieder langsam, Glied für Glied, erheben und sich in der Meinung und im Urteil der Menschen ein für allemal befestigen kann. Eine deines Geistes, wenn du willst, würdige und nutzbringende Aufgabe. Sorge du nur auch dafür, daß aus dem Schützenautomaten bald Patronen herausfallen, zaudere nicht so lange, zieh energisch am Hebel, die Maschine, die von Herrn Tobler, deinem Herrn und Meister, so ingeniös erdacht und ausgeführt worden ist, wird sich dann schon in Bewegung setzen. Keine Gefühle jetzt. Man spaziert nicht immer, man leistet auch einmal etwas, und man wird sich auch gelegentlich, aber nicht erst in Wochen, sondern so rasch wie möglich, die Bohrmaschine näher ansehen müssen, damit man mit allem, was das Geschäft Tobler betrifft, Bescheid weiß. Eine nur zu bescheidene Pflicht für denselben jungen Mann, der der Frau Tobler, was er so sehr schätzt, helfen darf, im Garten Wäsche aufzuhängen. Man muß auch die verborgenen Dinge bedenken, auf die kommt es an in einem Ingenieurbureau. Zum Waschseilspannen, mein Herr Gartenbespritzer und -Bewässerer, hat man Sie nicht hier hinauf auf den grünen Hügel berufen. Sie spritzen mit Vorliebe den Garten, nicht wahr? Schämen Sie sich! Und haben Sie auch schon nur ein einziges Mal an den patentierten Krankenstuhl gedacht? Nicht? Gott im Himmel, ein solcher Angestellter. Sie verdienen, vom »Leben vernachlässigt« zu werden. –
Das ungefähr waren Josephs eigene Gedanken, als er am Montag Morgen früh im Bett erwachte. Er stund auf, schickte sich an, das Nachthemd mit dem Taghemd zu wechseln, wobei er aber eine gute Minute im Anblick seiner Beine versunken blieb. Nachdem die Beine studiert waren, wurden die nackten Arme einer Prüfung unterworfen. Joseph stellte sich vor den Spiegel und fand es sehr interessant, sich hin und her zu drehen und seinen Körper zu betrachten. Ein guter, ordentlicher Körper, und gesund, fähig, Anstrengungen und Entbehrungen zu ertragen. Mit einem solchen Leib ausgestattet mußte es eine wahre Sünde sein, länger als für das Ruhen notwendig im Bett liegen zu bleiben. Ein Karrenschieber konnte keine gesunderen, fester gebauten Glieder haben. Er zog sich an.
Und zwar sehr langsam. Es war ja noch Zeit, und auf ein paar Minuten konnte es nicht ankommen. Zwar war Tobler in diesem Punkt anderer Meinung, wie Joseph bereits tüchtig erfahren hatte, aber Tobler selber, der montagete heute. Unter montagen verstund man das länger als sonst ausgestreckt im Bett Liegen-Bleiben, das sich ein bißchen mehr als alle andern Wochentage Wohlseinlassen und Gehenlassen, und gerade Tobler, der war ja der Richtige in diesen Montagdingen, der würde heute sowieso erst um halb elf Uhr unten im Bereiche der technischen Lösungen und Probleme erscheinen.
Die Haare schienen heute früh außerordentlich schwer zu bürsten und zu kämmen zu sein. Die Zahnbürste erinnerte an vergangene Zeiten. Die Seife, womit man die Hände waschen sollte, glitt aus, fuhr unters Bett, und man mußte sich bücken und sie aus dem hintersten Winkel hervorziehen. Der Kragen war zu hoch und zu eng, obgleich er doch gestern prächtig gepaßt hatte. Welche wunderbaren Dinge. Und wie langweilig das alles war.
An einem andern Ort und zu einer andern Stunde wäre das alles vielleicht niedlich, belehrend, nett, fein, amüsant, ja entzückend gewesen. Joseph erinnerte sich gewisser Zeiten in seinem Leben, wo ihn der Ankauf einer neuen Krawatte oder eines steifen, englischen Hutes in seelische Aufregung versetzen konnte. Vor einem halben Jahr hatte er eine solche Hutgeschichte erlebt. Es war ein halbhoher, ganz guter, normaler Hut, wie ihn die »bessern« Herren zu tragen pflegten. Er aber traute dem Hut nichts Gutes zu. Er setzte sich ihn tausendmal auf den Kopf, vor dem Spiegel, um ihn dann endlich auf den Tisch zu legen. Dann ging er drei Schritte weg von dem niedlichen Ungetüm und beobachtete ihn, wie ein Vorposten den Feind beobachtet. Es war nichts an ihm auszusetzen. Hierauf hängte er ihn an den Nagel, auch da erschien er ganz harmlos. Er versuchte es wieder mit dem Kopf, entsetzlich! Es schien ihn von unten bis oben zerspalten zu wollen. Er hatte das Gefühl, als ob seine Persönlichkeit eine benebelte, gesalzene, halbierte geworden sei. Er trat auf die Straße: er schwankte wie ein schnöder Betrunkener, er fühlte sich wie verloren. Er trat in eine Erfrischungshalle, legte den Hut ab: gerettet! – Ja, das war eine Hutgeschichte gewesen. Auch Kragengeschichten, Mäntelgeschichten und Schuhgeschichten kamen in seinem Leben vor.
Er verfügte sich ins Wohnzimmer hinunter, um zu frühstücken. Er aß unbändig, geradezu unanständig. Es befand sich übrigens niemand am Tisch, aber trotzdem! Gerade dann! Den Anstand beim Essen brauchte man ja auch so nicht außer acht zu lassen. Woher er nur einen solchen Hunger hatte? Weil es Montag war? Nein, ihm mangelte eben der Charakter, das war es. Er hatte eine solche kindische Freude beim Brotabschneiden, und doch war es Toblers Brot, nicht seines, und dann empfand er ein solches Vergnügen beim Herauslöffeln der Bratkartoffeln, und wessen Bratkartoffeln waren es wenn nicht Toblers? Es kam ihm wunder wie schön vor, noch etwas über den Appetit hinaus zu essen, und wem schadete er dadurch? Nachdem er so weit fertig war, hätte er eigentlich aufstehen können, um hinter seine Arbeit zu gehen, aber was machen, wenn es einem festhielt am Platz, wenn man sich nicht zu trennen vermochte vom Eßtisch? Da kam Pauline und verjagte ihn mit ihrer ihm unangenehmen Erscheinung.
Im Bureau! Erst ein bißchen auf und ab gehen, das gehörte doch schließlich zur Sache, so fing einer immer an, wenn er zu arbeiten sich vornahm. Gehörte Joseph zu den Menschen, die mit Ausschnaufen ein Geschäft beginnen und erst nach Beendigung desselben, das heißt, nach halber Beendigung energisch werden, das heißt wiederum, nur dazu energisch, um sich über irgend einen billigen Genuß herzumachen? Er zündete langsam einen der wohlbekannten Stumpen an, die ihm jeweilen den Gedanken an die beginnende Arbeit so sehr versüßten, und rauchte drauf los wie das Mitglied eines Rauchklubs.
Und dann setzte er sich wieder einmal an seinen Schreibtisch, und fing an, sich nützlich zu erweisen.
Gegen zehn Uhr erschien Tobler, sehr aufgeräumt, wie Joseph sogleich bemerkte. Man durfte daher etwas Leichtigkeit in das »Guten Morgen, Herr Tobler« legen und den Stumpen von neuem anzünden. In der Tat ging von der Figur des Vorgesetzten und Chefs der Firma eine außerordentliche Fröhlichkeit aus. Er schien den Abend vorher tapfer gezecht zu haben. Jede seiner gegenwärtigen Gesten sagte: »Nun, jetzt weiß ich, wo der Haken liegt. Von jetzt an wird im Gang meiner Geschäfte eine neue Wendung eintreten.«
Er erkundigte sich in der freundlichsten Weise nach der Richtung, die Josephs sonntägliche Vergnügungen eingeschlagen hätten und rief, als derselbe ihm sagte, wo er gewesen sei, aus:
»Ja so? In der Stadt sind Sie gewesen? Und wie hat es Ihnen denn dort nach der längern Abwesenheit wieder gefallen? Nicht schlecht, was? Jawohl, die Städte vermögen manches zu bieten, aber man kommt schließlich doch auch gern wieder zurück. Habe ich recht oder nicht? Aber was ich sagen wollte, Sie haben, wie ich bemerkt habe, entschuldigen Sie, ha, ha, keine gar sehr guten Kleider mehr am Leib. Da gehen Sie heute nur zu meiner Frau, die soll Ihnen einen noch ganz wie neu aussehenden Anzug von mir geben. Sagen Sie nur, den grauen Anzug, dann wird sie schon verstehen, welchen. Sie brauchen sich nicht im mindesten zu genieren, ich trage doch so wie so diesen Anzug nicht mehr. Und ein paar farbige Hemden mit dazugehörigen Brüsten und Manschetten, für Sie sicher ganz ausgezeichnet passend, wird es wohl noch in der Villa Tobler geben. Meinen Sie etwa nicht?«
»Ich habe alle diese Sachen gar nicht nötig,« sagte Joseph.
»Warum nicht nötig? Sie sehen ja selber, wie bitter nötig Sie's haben. Machen Sie keine Umstände, wenn ich Ihnen etwas gebe. Nehmen Sie's, fertig.«
Tobler war ungehalten. Plötzlich dachte er an etwas. Er setzte sich unter die Mechanik des Probe-Schützenautomaten auf einen dort stehenden Stuhl und sagte nach einer halben Minute: »Ich weiß wohl, was Sie denken, Marti. Es ist wahr, Sie haben noch keinen Gehalt bekommen, und Sie werden denken, es werde auch keinen geben. Gedulden Sie sich. Andere müssen jetzt eben auch Geduld haben. Im übrigen will ich nicht hoffen, daß Sie's für nötig finden, mir deswegen eine bittere Miene zu machen. So etwas würde ich keineswegs in meiner Umgebung dulden. Wer so ißt, wie Sie essen und eine solche Luft genießt, wie diejenige ist, die Sie hier oben bei mir einatmen, der hat noch eine lange Strecke zu laufen bis zur Klage. Sie leben! Denken Sie nur immer ein bißchen daran, in welcher Verfassung Sie dagestanden sind, als ich Sie dort in der Stadt engagiert habe. Sie sehen wie ein Fürst aus. Dafür werden Sie mir denn auch ein wenig Dank wissen müssen.«
Joseph sagte, und es war ihm später unbegreiflich, wo er die Frechheit dazu hernahm:
»Schon gut, Herr Tobler! Aber erlauben Sie Ihrem Untergebenen, Ihnen zu sagen, daß es mir recht peinlich ist, beständig an das gute Essen, an die prachtvolle Luft und an die Betten und Kissen, in denen ich schlafe, erinnert zu werden. So etwas kann einem die Luft, den Schlaf und das Essen beinahe vollständig verderben. Was muten Sie mir zu, wenn Sie glauben, Ursache zu haben, mir den natürlichen Aufenthalt und Genuß, den ich hier oben bei Ihnen habe, in einem fort vorwerfen zu müssen? Bin ich ein Bettler oder ein Arbeiter? Ruhig, Herr Tobler. Bitte, ich mache hier keine Szene, ich setze ganz einfach etwas für unser gegenseitig notwendiges Verständnis auseinander. Ich möchte festgestellt haben dreierlei. Erstens weiß ich Ihnen für alles, was Sie mir ›bieten‹, Dank, zweitens wissen Sie das, denn Sie konnten das meinem bisherigen Betragen ruhig entnehmen, und drittens leiste ich etwas, ein Beweis für dieses Letztere ist die Tatsache, daß mein Gewissen und Ihre Klugheit mich immer noch hier beschäftigt sehen. Was die Kleidergeschenke, die Sie mir gütigst machen wollen, betrifft, so habe ich mich in diesem Moment eines Bessern besonnen: ich nehme sie mit geziemendem Dank an, ich kann Wäsche und Kleider brauchen, wenn ich mich aufrichtig frage. Den Ton dieser Sprache werden Sie mir verzeihen müssen, oder – Sie werden gezwungen sein, mich aus dem Hause zu werfen. Es bedurfte dieser Sprache und dieses Tones, denn ich habe das aufrichtige Bedürfnis gefühlt, Ihnen zu zeigen, daß ich mich unter Umständen gegen – wie soll ich sagen – Grobheiten wehren kann.«
»Donnerwetter noch einmal! Wo haben Sie dieses Mundwerk her? Es ist ja zum Lachen, das. Sind Sie eigentlich närrisch geworden, Joseph Marti?«
Tobler fand es für das Vernünftigste, laut zu lachen. Aber schon im nächsten Augenblick zog sich seine Stirne in grimmige Falten:
»So zeigen Sie auch, Teufel noch einmal, daß Sie imstande sind, etwas zu leisten. Bis jetzt habe ich noch wenig davon bemerkt. Ein großes Maul macht noch keine nennenswerte Leistung, haben Sie das verstanden? Wo sind die Briefe, die noch beantwortet werden sollen?«
Joseph sagte kleinmütig: »Hier!« Er war wieder völlig befangen. Die Briefe lagen am falschen Ort. Tobler packte den ganzen Briefkorb und schleuderte ihn mit einer wilden Zornesbewegung zu Boden. Er schrie:
»Und das will noch immer aufbegehren. Passen Sie lieber besser auf und seien Sie weniger empfindlich. – Schreiben Sie!«
Und er diktierte folgendes:
An Herrn Martin Grünen in Frauenberg.
Ihren Brief, worin Sie mir das mir seinerzeit zwecks Realisierung meiner Reklame-Uhr bewilligte Darlehn von fünftausend Mark auf den Ersten des kommenden Monates aufkündigen, habe ich erhalten und gestatte mir – haben Sie das? – Ihnen folgendes zu erwidern: 1. ist meine derzeitige finanzielle Lage derart, daß es mir eine reine Unmöglichkeit ist, Ihnen auf den angegebenen Termin den fraglichen Darlehnsbetrag zurückzuerstatten; 2. befinden Sie sich in einem groben Irrtum, wenn Sie ein gesetzliches Recht zu haben glauben, auf so unerwartet rasche Zurückzahlung zu dringen, indem 3. zwischen uns bei Abschluß des Darlehens, so viel ich mich erinnere, und wie ich, wenn nötig, schwarz auf weiß beweisen kann, die Vereinbarung getroffen worden ist, – sind Sie so weit? – daß eine Zurückerstattung der Schuldsumme erst dann zu erfolgen hat, sobald die Geschäfte der Reklame-Uhr ein gewisses, gewinnbringendes Ziel gefunden haben. 4. Dies ist noch nicht der Fall. 5. Das gemachte Darlehen ist nicht außer Verbindung speziell dieses Reklame-Uhr-Unternehmens zu setzen, sowie die Abzahlung des ersteren nicht zu trennen ist vom Gelingen des letzteren. 6. Würde es sich fragen, ob eine so kurzfristige Zahlungsforderung in einem Falle, wie dem unsrigen, überhaupt gestattet wäre. Hauptsache: das geliehene Geld liegt im obengenannten Unternehmen und verfällt dem Risiko desselben. – Sehr geehrter Herr, Sie werden sich nun hoffentlich, nachdem ich Ihnen meinen Standpunkt erklärt habe, die Sache noch einmal ernstlich überlegen. Bedenken Sie, bitte, in welcher Lage ich mich befinde, und Sie werden kaum den Mut finden, einen Geschäftsmann ruinieren zu wollen, der sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft dagegen stemmt und wehrt, in die ihm drohende Tiefe zu sinken. Wenn Sie Ihr Geld wieder haben wollen, so drängen Sie mich nicht. Die Reklame-Uhr wird sich bewähren! Ich hoffe Sie genügend überzeugt zu haben und zeichne hochachtungsvoll – –
»Geben Sie her!« Und Tobler unterzeichnete, indem er eine volle Minute lang, scheinbar gedankenabwesend, in den Anblick des Schreibens versunken blieb.
Inzwischen gab sich auch der Angestellte seinen privaten Gedanken hin. Er dachte: »So ist er, dieser Herr Tobler. Zuerst nimmt er eine hochmütige und drohende Stellung ein, dann duckt er plötzlich klein zusammen und bittet, zu bedenken usw. Der Herr Grünen werde nicht den Mut finden, meint mein Herr Tobler. Wie aber, wenn er ihn findet? So wie dieser Brief abgefaßt ist, so pflegen Verzweifelte zu reden. Zuerst klingt es hochtrabend, dann bedeutend, dann wichtig, dann prahlerisch, dann beißend spöttisch, dann auf einmal kleinmütig, dann zornig, dann flehentlich, dann plötzlich grob, dann Brust hoch und noch ein letztes Mal in hochmütigem Ton: die Uhr wird sich bewähren! Wer beweist das? O ein solcher pfiffiger Darlehngeber, wie dieser Grünen aus Frauenberg einer ist, der wird hohnlächeln, wenn er diesen gefühlvollen Brief liest.« –
Ihm scheine der Ton des Briefes kein ganz richtiger, wagte er halblaut zu seinem Chef zu sagen. Das war ein Funke ins Pulverfaß.
Tobler sprang jählings auf: Was Joseph da Dummheiten zu schwatzen habe. Wenn er Bemerkungen machen müsse, so solle er sie nicht erst eine halbe Stunde nach Erledigung der Sache vom Mund ablaufen lassen, und dann solle er sehen, daß es keine so läppischen seien, wie die, die er sich soeben erlaubt habe.
»Unsinn!« schrie er, ergriff seinen Hut und ging davon.
Joseph kopierte das Schreiben mit der Kopierpresse, faltete es zusammen, steckte es in einen vorher schon adressierten Briefumschlag, klebte zu und frankierte.
Es waren ein paar hundert Zirkulare aus der Buchdruckerei angekommen. Joseph fing an, diese Zirkulare exakt zusammenzufalten, und zwar zu jeweiliger Briefkuvertgröße, damit sie in alle Welt hinaus verschickt werden konnten. Das Rundschreiben enthielt in hübscher Druckschrift, und mit Klischee-Abbildungen versehen, die genaue Beschreibung nebst Preistabelle eines kleinen Dampfapparaten, auch einer Toblerschen Erfindung. Vor allen Dingen galt es, diesen Dampfbehälter den zahlreichen, in der Umgebung von Bärenswil und weiter im Land herum verstreuten Fabriken und mechanischen Werkstätten anzupreisen, womit man einen ganz hübschen Gewinn zu erzielen hoffte.
Der Gehülfe faltete bis zur Mittagsessenszeit diese Papiere zusammen, welche Arbeit für ihn etwas geradezu Fröhliches und Gedankenförderndes enthielt, und ging dann zu Tisch. Man schwieg während des Essens, abgesehen von Dora, die ihren reizenden Mund nicht zu halten vermochte. Die Knaben erwiesen sich unartig. Frau Tobler klagte die langen Schul-Ferien als die Ursache der allgemeinen Jugendverwilderung an, indem sie sagte, sie sei wahrhaftig froh über den baldigen Wiederbeginn der Schulzeit, es werde nun gottlob bald wieder eine andere Zeit für die Schlingel herantreten. Die Autorität und das Meerrohr des Lehrers würden dann vielleicht erreichen, was der Mutter nicht möglich sei: artiges und aufmerksames Benehmen ihren Buben anzugewöhnen. Es sei ganz gut, wenn es allmählich Herbst werde. Während dieser langen, schönen Sommertage wisse das kleine Volk vor lauter Langeweile gar nicht mehr, wo noch irgend eine Gelegenheit sei, Übles und Dummes anzustellen.
Bei dem Wort »Herbst« fühlte sich Joseph in der Seele betroffen. Der schöne Herbst! dachte er. Einen Augenblick später war er mit Essen fertig geworden, er stand auf und sagte zu Frau Tobler, es fehle ihm Geld, um Briefmarken kaufen zu können. Die dadurch unangenehm berührte Frau sagte, so solle sie auch noch für solche Dinge sorgen, seufzte und händigte dem Angestellten das Gewünschte schmollend, aber zugleich ein wenig geschmeichelt, ein. Man mußte also zu ihr, der Frau, kommen, um Markengeld zu erwischen und zu ergattern. Joseph spielte wiederum ein wenig den Beleidigten.
Schließlich war er ein Mannesuntergebener, nicht ein Frauengehülfe. Wie lästig das war, jedes Zweimarkstück einem Frauenrock abbetteln zu müssen. Frau Tobler sah seinen unpassenden Zorn und begnügte sich, ihn von oben herab halb anzuschauen.
Er begab sich zur Post. Im Garten waren mehrere Arbeiter und Handlanger damit beschäftigt, Gartenerde hoch aufzuschaufeln und zu einem mächtigen Haufen zu türmen. Die Erde war naß, es hatte kurz vorher geregnet.
»Auch noch eine unterirdische Feengrotte zu allem. Was denkt Tobler?« brummte Joseph und erreichte die Landstraße. Aus dem Wirtshaus zur »Rose«, das nicht gar weit entfernt lag, drang zur offenen Tür ein schneidender Schnapsgeruch heraus. Hier war es, wo der Wirsich seine ersparten Gehälter und Löhne vertrank. Von hier aus pflegte er in eine »andere Welt« hinüber zu taumeln, indem er seinen bessern Teil in der »Rose« unter dem Tisch liegen ließ. Im Dorf angekommen, trat der Gehülfe, einer seit kurzem erst angenommenen Gewohnheit gemäß, in das Restaurant zum Segelschiff ein, und wer saß dort am runden Stammtisch? Tobler!
Da hatte man sie also beide, den Herrn und den Knecht, und wo? In der Kneipe.
Gewiß muß man in den Zorn gewöhnlich rasch eins hinabtrinken, um das Hitzige, was man in der Brust fühlt, abzukühlen und zu verlöschen, und ebenso natürlich ist der Durst eines Untergebenen, der soeben erst Markengeld hat »betteln« müssen und infolgedessen ziemlich unwirsch aufgelegt ist. Der Unmut kann, indem man »eins« zu sich nimmt, zerstreut werden. Gewiß muß und kann man auch das, aber – es war doch für einen Moment den beiden etwas kurios zumut, sich im »Segelschiff« plötzlich bei Trinkgedanken zu ertappen, und beide schauten sich kurz aber bedeutend an.
»So? – Sie scheinen ja auch Durst zu haben,« sagte Herr Tobler gewichtig aber freundschaftlich zu dem Eingetretenen. Dieser sagte:
»Ja! Muß auch sein.«
Herr Tobler erwartete im »Segelschiff« immer die anfahrenden und abfahrenden Züge, auch jetzt »paßte er nur auf seinen Zug auf«. Das Restaurant lag in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes. Aber wie oft verpaßte trotzdem Tobler seine Züge; man konnte, wenn man Wirt hieß, manchmal beinahe meinen, er verpasse sie absichtlich. In solchen Fällen pflegte er jedesmal zu brummen: »Jetzt ist mir das cheibe Züglein schon wieder an der Nase vorbeigefahren.«
Joseph trank aus und ging. Sein Chef rief ihm nach, so daß die andern Wirtsgäste es hören konnten: »Schreiben Sie dem Uhrmacher, wie heißt er schnell, er solle mit der Montierung der Uhren für die Utzwil-Stäfener-Bahn unverzüglich beginnen. Der Brief muß noch heute abgehen. Das Übrige werden Sie wohl wissen.«
Joseph schämte sich ein wenig seines »redeseligen« Prinzipals, wie er ihn im stillen nannte, er nickte und drückte sich zur Türe hinaus.
Er ging zum Buchbinder und Papierwarenhändler und ließ sich eine ganze Reihe Gebrauchsgegenstände für Bureau und Zeichentisch geben, indem er's »ins Buch aufschreiben ließ«.
Solch ein niedliches Rechnungsbüchlein, was ging da nicht alles Mögliche hinein. Man nahm einfach die Waren und ließ munter aufschreiben.
Der Inhaber des Papierladens erlaubte sich die Frage, wann und ob er einen gewissen Betrag einkassieren lassen dürfe.
»O gelegentlich etwa,« entgegnete obenhin Joseph. »Ich handle sehr richtig,« dachte er, »man muß zu den Leuten in oberflächlichem Ton sprechen, dann haben sie absolut festes Vertrauen. Wo man keinen Ernst zeigt, da scheint auch noch keiner erforderlich zu sein. Hätte ich die Frage dieses Mannes wichtig genommen, so würde er jetzt Verdacht haben und schon morgen früh mit der quittierten Note im Bureau erscheinen. Ich diene meinem Herrn, wenn ich fortfahre, leise sich rührende Verdächtigungen von ihm abzulenken.«
Während dieses Gedankenganges hatte er sich scheinbar aufs Gemütlichste eine Sammlung Ansichtspostkarten angeschaut. Indem er jetzt den Laden verließ, lächelte er freundlich, und er wurde ebenso freundlich vom Besitzer desselben angelächelt.
Zu Hause angelangt machte er sich wieder mit dem Falzen der Zirkulare zu schaffen. Für je ein Zirkular verwendete er vier Händebewegungen. Er träumte dabei. Diese Arbeit forderte das gemütvolle Herumsinnen um irgend etwas geradezu heraus. Von Zeit zu Zeit wurde ein berauschender Zug aus dem Stumpenstengel getan. Dicht vor dem Schreibtisch und Bureaufenster saß auf einer dort plazierten Gartenbank Frau Tobler, sie nähte und unterhielt sich in singender Sprechweise mit ihrem Dorchen.
»Was dieses Kind es gut hat!« dachte Joseph.
»Wollen Sie diese ganze Masse Zirkulare fortschicken?« fragte Frau Tobler. Sie setzte hinzu: »Übrigens ist es Kaffeetrinkenszeit. Kommen Sie. Der Kaffee steht schon.«
Im Gartenhaus, während des Imbisses, fühlte sich der Angestellte durch die Freundlichkeit, mit der ihn die Frau behandelte, gezwungen, zu sagen, er bereue, sich so keck gegen Frau Tobler benommen zu haben.
Was er damit meine? Sie verstehe nicht.
»Nun, wegen dem Wirsich!«
Sie sagte, das habe sie längst vergessen. Für solche Sachen habe sie kein haarscharfes Gedächtnis. Gottlob. Was denn das auch weiter gewesen sei? Gar nichts von Bedeutung. Aber es freue sie, Joseph bekennen zu hören, daß es ihm leid sei, sie gekränkt zu haben. Er dürfe ruhig sein, und er solle sich in allem, was das Geschäft ihres Mannes anbelange, nur immer Mühe geben, das sei die Hauptsache. Ach sie wünsche manchmal, und besonders in letzter Zeit, ein geschäftstüchtiger Mensch zu sein, um Tobler helfen zu können. Wenn sie daran denke, von hier fortziehen, das Haus, das sie so lieb gewonnen habe, verlassen – zu – mü–ssen – –
Tränen standen ihr in den Augen.
»Ich will mir Mühe geben!« Er schrie es beinahe.
Dann sei es recht, sagte sie und versuchte zu lächeln.
»Sie dürfen nicht gleich verzagen.«
Das tue sie auch nicht. Sie sei gleichmütig genug all diesen sorgenvollen Dingen gegenüber. Gestern habe ihr Tobler bittere, und wie ihr scheine, ungerechte Vorwürfe gemacht, deswegen, daß sie seine ganze schwere Lage zu leichtsinnig nehme; sie habe es für nötig befunden, zu schweigen dazu. Was denn in einem solchen Fall eine schwache und ungeübte Frau machen könne? Ob sie gar etwa den ganzen, guten Tag lang jammern, und eine wehklagende Miene zur Schau tragen solle? Und was das nütze? Das würde doch einer einigermaßen vernünftigen Frau weder einfallen, noch auch nur anstehen können, so etwas würde sie eher für gefährlich als ziemlich halten. Sie sei im Gegenteil immer ganz guten Mutes, und sie wage es, sich im stillen für diese Haltung zu loben. Ja, das tue sie, und wenn es auch sonst auf der ganzen Welt ihr kein einziges Wesen anerkennen wolle. – Sie wisse im übrigen, wer sie sei, und sie fühle sich schon aus diesem Grunde verpflichtet, den fröhlichen und gemessenen Lebensmut nicht so bald sinken zu lassen. Daneben fühle sie wohl, wie schwer es ihr Mann zurzeit habe.
Sie war wieder heiter geworden.
»Und was Sie betrifft, Joseph,« fuhr sie fort, indem sie den Gehülfen mit ihren großen Augen anschaute, »so weiß ich ja, daß Sie ernst bei Ihren Aufgaben sind. Und von einem einzelnen Mann wird man nicht alle Lösungen und trefflichen Leistungen aufs Mal verlangen wollen. Sie fahren einen nur manchmal ein bißchen grob an. Ja, ja!«
»Sie demütigen mich, aber ich verdiene es,« sagte Joseph.
Beide lachten.
»Sie sind ein kurioser Mensch,« bemerkte Frau Tobler, das Gespräch beendend. Sie stund auf. Joseph sprang ihr nach, um sie zu fragen, ob sie die Güte haben wolle, die Kleider, die ihm Herr Tobler soeben geschenkt habe, herauszusuchen und auf sein Zimmer legen zu lassen, er wünsche dieselben heute noch anzuprobieren. Sie sagte, ja, sie wolle die betreffenden Sachen sogleich aus dem Schrank herausnehmen.
Nach ungefähr einer Stunde spritzte er den Garten. Er fand das zu nett, so den dünnen, silbernen Wasserstrahl durch die Luft schneiden zu sehen und das Aufklatschen des Wassers auf den Blättern der Bäume anzuhören. Die Erdarbeiter warfen bald ihre Schaufeln und Bickel weg und machten Feierabend. »Ein kurioser Mensch,« dachte der mit den Schläuchen Beschäftigte, und es wollte ihm beinahe trübe zumut werden: »Wieso ein kurioser Mensch?« –
Doktor Speckers kamen an diesem Abend, auch Tobler kam an, ungehalten, unfreiwillig. Er hatte es sich eben im »Segelschiff« gemütlich machen wollen, als er telephonisch angerufen, und davon in Kenntnis gesetzt worden war, wer in der Villa zu Besuch gekommen sei. »Müssen die schon wieder kommen?« hatte er durchs Telephon zu seiner Frau gesagt, konnte aber nicht gut absagen, und so verzichtete er eben auf den Wirtshausjaß, um dafür zu Hause zu jassen, was nach seinem Geschmack ein wenig »kindelig« war. In der Tat ging es beim Jaß unter Berufsjassern eben viel ernsthafter und männlicher zu, vor allem viel schweigsamer, und Tobler hatte nachgerade diese häusliche, plaudernde, unschuldige Jasserei ziemlich verachten gelernt.
Joseph entschuldigte sich, er habe Kopfweh, er möchte noch ein wenig in der frischen Luft spazieren gehen. »So, der entzieht sich der Pflicht, und ich, ich muß dahocken,« schien Toblers Gesicht zu sagen, als er Joseph sich ausreden hörte.
Dieser flüchtete »an die Natur« hinaus. Der Mond beleuchtete zart und groß die ganze Umgegend. Irgendwo plätscherte ein Wasser. Er ging den Berg hinauf, zwischen den bekannten Wiesen hindurch. Die großen Wegsteine waren weiß vom Mondschein. In dem Baumdickicht tuschelte und zischelte und flüsterte es. Es war alles in einen duftenden, träumerischen Dunst getaucht. Vom nahen Wald her hörte er Käuzchengeschrei. Einige zerstreute Häuser, ein paar zaghafte Geräusche, und plötzlich da oder dort ein Licht, ein wandelndes, das irgend ein später Wanderer in der Hand trug, oder ein ruhendes, ein Licht hinter einem halbverdeckten Fenster. Welche Stille im Dunkel, und welche Weite im Unsichtbaren, welche Ferne! Joseph überließ sich vollständig seinen Empfindungen.
Plötzlich dachte er wieder an den »kuriosen Menschen«, der er sei. Was er denn eigentlich so Kurioses an sich hatte? Einsam in der Nacht umherzuspazieren, das war allerdings seltsam genug, dieses Vergnügen durfte man schon als kurios bezeichnen. Aber was weiter? War das alles? Nein, die Hauptsache war die: sein Leben, sein ganzes Leben, das bisher geführte und das vorauszuahnende zukünftige, das, das war kurios, und Frau Tobler hatte ganz recht, wenn sie bemerkte – – Diese Frauen, wie sie es verstunden, in den Herzen und Charakteren zu lesen. Wie talentiert sie waren, einem mit so einem einzigen Wort das Richtige und Treffende in die erstaunte Seele hinein zu sagen. Ein kurioser Kerl. Spaßhaft war das, nicht wahr? –
Trauernd um Vieles, Vieles ging er nach Hause.
Die Bärenswiler oder Bärensweiler sind ein gutmütiger, aber zugleich etwas heimtückischer, oder, wie vielleicht der richtige Ausdruck lautet, heimlichfeißer Menschenschlag. Sie haben es alle mehr oder weniger dick hinter den Ohren, sie besitzen alle, der eine mehr, der andere weniger, irgend etwas Geheimes oder Heimliches, und sie sehen daher alle ein bißchen pfiffig und verschlagen in die Welt hinaus. Sie sind ehrlich und moralisch und nicht ohne Stolz, sie sind von Jahrhunderten her an eine gesunde bürgerliche und politische Freiheit gewöhnt gewesen. Aber sie verbinden mit der Ehrlichkeit gern einen gewissen Schein von Schlauheit und Weltbenehmen und sehen gern nach was ganz Klugem und noch Klügerem aus. Sie schämen sich alle ein wenig ihrer kernigen, natürlichen Gradheit, und jeder von ihnen allen will lieber ein »schlechter Hund« sein als ein Tropf von Esel, den man leicht übers Ohr hauen kann. Die Bärenswiler sind nicht leicht übers Ohr zu hauen, davor kann sich jeder, der das probieren will, tüchtig gewarnt sein lassen. Sie sind herzensgut, wenn man sie achtet, sie haben eine gute Portion Ehre im Leib, denn sie sind seit Jahrhunderten usw. Aber sie schämen sich auch ihrer Güte, wie fast jeglicher Gefühlsäußerung. Sie lachen mit den Stockzähnen, wo andere Menschen und Nationen mit den Lippen lachen, sie plaudern mehr mit den gespitzten Ohren als mit dem ungenierten Mund, sie schweigen gerne, aber manchmal fangen sie an zu prahlen wie die leibhaftigen Matrosen, als ob sie alle mit einem Wirtshaustischmaul zur Welt gekommen wären. Später schweigen sie wieder volle vier Wochen lang. Im allgemeinen kennen sie sich ausgezeichnet, sie rechnen nach, wo sie Vorzüge, wo Fehler besitzen, und sie sind immer eher geneigt, ihre Mängel als ihre guten Eigenschaften öffentlich strahlen zu lassen, damit ja niemand Bescheid wisse, wie tüchtig sie sind. Um so bessere Handelsgeschäfte machen sie dann. Sie seien grob wie die Teufel, sagt man in der rundum liegenden Welt, und nicht ganz ohne Ursache, aber es sind ihrer immer nur ein paar unter ihnen, die grobe Laster sind, und um dieser paar Ausnahmen willen müssen die Bärenswiler manches kecke und ungerechte Wörtlein hören. Sie haben viel Einbildungskraft, und Lust, diese Kräfte zu üben; die Geschmacklosen unter ihnen prahlen deshalb öfters mehr als gut und recht ist und sind verschrieen im übrigen Land. Aber vor allen Dingen, Herr Tobler, sind sie trocken und nüchtern, ein Schlag Menschen, wie geschaffen dazu, bescheidene aber sichere Geschäfte zu machen und dito Erfolge zu erzielen. Die Häuser, die sie bewohnen, sind sauber wie sie selber, die Straßen, die sie bauen, sind ein bißchen holperig, genau wie sie selber, und das elektrische Licht, das ihre Dorfstraßen Abends beleuchtet, ist praktisch, wiederum exakt wie sie selber. Und unter solch ein Volk mußte Herr Tobler geraten.
Herr Ingenieur Tobler!
Die Zeit machte einen unsichtbaren Schritt vorwärts. Auch in der Gegend von Bärenswil blieben die Jahreszeiten nicht stehen, sondern sie hatten natürlicherweise zu tun, was sie anderorts auch tun müssen, sie veränderten sich, trotz des Herrn Tobler, der vielleicht wünschen mochte, die Zeit stillstehen zu sehen. Ein Mann wie er, dessen Geschäfte nicht gingen, war der unbewußte Feind alles dessen, was ruhig und gleichmäßig vorwärtsschritt. Der Tag oder die Woche ist solch einem Menschen stets entweder zu kurz oder zu lang, zu kurz, weil man die Krisis herankommen sieht, zu lang, weil man sich langweilt am Anblick des lahmen Geschäftsganges. Ging die Zeit scheinbar schnell dahin, so murmelte Tobler, man komme zu gar nichts Gescheitem mehr seit einigen Tagen, und machte sie scheinbar langsame und bequemliche Schritte, so wünschte er sich über die Berge in ein späteres Jahrzehnt versetzt, um alle diese ihn umgebenden Dinge nicht mehr anschauen zu müssen.
Es fing an zu herbsteln, sich zu setzen, es stund irgendwo etwas still, die Natur schien sich manchmal die Augen reiben zu müssen. Die Winde wehten anders als bisher, wenigstens schien das oft so, Schatten huschten an den Fenstern vorbei, und die Sonne war eine andere Sonne geworden. Wenn es warm war draußen, so sagten ein paar Menschen, echte Bärenswiler, sieh da, wie warm es immer noch ist. Man dankte für die Milde, weil man einen Tag vorher, unter der Haustüre stehend, gesagt hatte: Potz blitz, es fängt zu rumoren an!
Hin und wieder runzelte der Himmel seine schöne, reine Stirne, oder er zog sie sogar in Gramesfalten und -schleiern zusammen. Alsdann war die ganze Hügel- und Seegegend von grauen, nassen Tüchern umhüllt. Der Regen fiel schwer auf die Bäume, was nicht hinderte, daß man zur Post lief, wenn man zufällig ein Angestellter des Hauses Tobler war. Herr Martin Grünen schien sich um die schönen, sanften Wechsel der Jahreszeiten auch nicht viel zu kümmern, sonst würde er kaum haben schreiben können, alles, was Tobler an Zahlungsverweigerungsgründen ihm angebe, das berühre ihn gar nicht, und er beharre auf seiner Kündigung.
Und wenn dann das schöne Wetter wieder kam, wie glücklich konnte das einen berühren. Es waren vornehmlich drei Farben in der Natur zu sehen, ein Weiß, ein Blau und ein Gold, Nebel, Sonne und Himmelsbläue, drei sehr, sehr feine, ja sogar vornehme Farben. Man konnte dann fortfahren, draußen im Garten zu essen, man stund dann da so, lehnte sich gegen das Gitter und dachte darüber nach, ob man das schon einmal, irgendwo in der Jugend vielleicht, könne gesehen haben. Die Wärme und Farbe waren eines geworden. Ja, sagte man, solche Farben ergeben eine solche Wärme! Die Gegend schien zu lächeln, der Himmel schien selber glücklich über sein Aussehen geworden zu sein, er schien der Duft und der Inhalt und die liebe Bedeutung dieses Land- und Seelächelns zu sein. Wie das alles nur so liegen, stillsein und strahlen konnte. Wenn man über die Seefläche hinaus schaute, fühlte man sich, man brauchte nicht einmal Gehülfe zu sein, von freundlichen, wohltuenden Worten angesprochen. Schaute man in die gelbliche Baumwelt hinein, so regte sich eine zarte Melancholie in einem. Sah man das Haus an, so mußte man lachen, obschon die herrische Pauline gerade am Küchenfenster Teppiche bürstete. Die Welt schien voller Musik zu sein. Über den Kronen der Bäume erschienen wie ferne, verhallende Töne die blendend-leichten-weißen Umrisse der Alpen. Man sah hin und empfand mit einem Mal das alles als unwirklich. Dann war's wieder anders. Andere Aussichten, andere Empfindungen! Auch die Gegend schien zu empfinden und ihre Empfindungen zu ändern. Das Empfundene verlor sich jedesmal in das allesbeherrschende Blau. Ja, alles war blau angefärbt und angehaucht. Und dazu diese Frische, dieses Rauschen von den Bäumen her, in denen immer eine leise, kühle Bewegung war. Konnte man da arbeiten, sich nützlich erweisen? Ja, man spannte das Waschseil auf und half der Waschfrau einen Korb nasser Wäsche aus dem Keller hinauf an das golden-blaue Licht der Erde tragen. So etwas zu tun ziemte sich an einem so schönen, bis in die letzten Winkel von Farben und Tönen durchzuckten, gleichsam hellgeschliffenen Tage. Und es gab eine ganze Reihe solcher Tage, wo man nur vom Bett aufstehen, sich zum Fenster hinauslehnen und mehrere Male hintereinander sagen mußte: wie wundervoll!
Ja, aus dem Sommerland war ein Herbstland geworden.
Aber im Marschtempo der Toblerschen Geschäfte war keine neue Wendung, keinerlei Umschwung, nicht einmal ein Seitensprung eingetreten. Die Sorge und die Enttäuschungen gingen wie ermüdete, aber an Zucht gewöhnte Soldaten im Schritt vorwärts, sie erlaubten sich keine Abweichungen. Sie bildeten, Mißerfolge und Aussichtslosigkeiten mithinzugerechnet, einen wohlgeordneten Marschzug, der sich langsam aber stetig vorwärtsbewegte, gradaus in das Kommende schauend.
Tobler ging jetzt immer mehr auf Geschäftsreisen, als würde ihn der Anblick seines reizenden Hauses schmerzlich und vorwurfsvoll berührt haben. Er besaß ein Generalabonnement für sämtliche Bahnen auf ein volles Vierteljahr gültig, das er schließlich, da er es sich einmal angeschafft hatte, auch ausnützen mußte. Wo wäre denn da die gesunde Vernunft gewesen? Das Reisen als solches schien ihm überhaupt Vergnügen zu bereiten. Dazu war er der Mann. Im »Segelschiff« auf den Zug zu passen, denselben womöglich fürs erste einmal zu verpassen, dann in den nächsten einzusteigen, eine gewichtige Geschäftsmappe unter dem Arm, dann so zu fahren, in alle Welt hinaus, mit den Fahrgästen ein Gespräch zu beginnen, dem einen oder dem andern derselben eine Zigarre oder einen guten Stumpen zu offerieren, in einer fremden Gegend schließlich auszusteigen, mit flotten, lebenslustigen Leuten zu verkehren, bis in alle Nächte hinein in feineren Restaurants Unterhandlungen zu pflegen usw.: das war etwas für ihn, das glich ihm und seinem Wesen, das lenkte ihn ab von unwürdigen Gedanken, das half ihm, sich wieder ein bißchen er selber zu fühlen, das war wie sein Anzug, der ihm so prachtvoll saß.
Was hatte er nötig, zu Hause zu sitzen, wo er doch einen Angestellten hatte, den er »füttern« mußte? Käme ihm gerade noch recht! Da versauerte er noch gänzlich das bißchen Unternehmungsgeist, das er noch hatte. Würde dann nicht mehr viel fehlen und er konnte endgültig »die Bude zuschließen«. Das fehlte noch: zu Hause sitzen und sich von den Bärenswilergesichtern höhnisch anglotzen lassen. Nein, lieber dann gleich eine Kugel vor den Kopf. Das war dann noch vorzuziehen.
Und so reiste er eben.
Zu Hause hatte inzwischen die Sorge um die täglichen Lebensbedürfnisse angefangen, leise an die Fensterscheiben zu klopfen, eine Gardine hochzuheben, um gemütlich in das Interieur der Toblerschen Familie blicken zu können, an der Tür zu stehen, um jemand, der vorüberging, an das Gefühl der Unsicherheit zu erinnern. Die Sorge interessierte sich jetzt schon ein bißchen mehr als im Sommer. Sie stund einstweilen da und prüfte das Terrain, im übrigen verhielt sie sich still. Es genügte ihr, daß man manchmal ihre Anwesenheit empfand, sie war höflich und vorsichtig. Eine Türschwelle, ein Fenstergesims, ein Plätzchen auf dem Dach oder unter dem Eßtisch, diese Orte schienen ihr vollkommen zu passen. Sie machte sich in keiner Weise wichtig, sie streifte mit ihrem kalten Hauch von Zeit zu Zeit allerdings das Herz der Frau Tobler, so daß diese sich manchmal am heiter hellen Tag umdrehte, als ob jemand hinter ihr sei, als ob sie hätte fragen sollen: »wer hält sich denn da hinter mir auf?« –
Die paar Gelder, die dem technischen Geschäft zuflossen, wurden sogleich, auf Anraten ihres Mannes, von der Hausfrau in Empfang genommen. Brot, Milch und Fleisch wollten doch täglich bezahlt sein. Man lebte und aß wie immer, man sparte in keiner Weise an diesen Dingen. Lieber gar nicht leben, als schlecht leben. Pauline erhielt ihren Lohn regelmäßig ausbezahlt, dagegen setzte man beim Gehülfen Verständnis und Takt genug voraus, die Lage zu begreifen, wortlos, und sich in dieselbe zu schicken. Joseph war ein Mann, Pauline ein unberechenbares Kind aus dem Volk. Einem Mann durfte man Entsagungen zutrauen, einem Kind aus den niederen Schichten des Volkes niemals, und der Angestellte begriff das.
Die Knaben gingen wieder zur Schule, was für die Mutter eine große Erleichterung war, die sich nun öfters an die milde, herbstliche Sonne auf die kleine Veranda begeben, und dort in einem sanft schaukelnden Stuhl liegen konnte. Der Traum besuchte sie da zuweilen und spiegelte ihr in angenehmen Farben vor, sie sei eine Herrin und eine von den freiesten und besten, welcher schönen Gaukelei sie jeweilen ein kurzes Viertelstündchen, nicht ohne tiefe Wehmut dabei zu empfinden, den Aufenthalt gestatten mußte.
Eines Tages rief sie den Gehülfen zu sich in die Veranda hinaus, sie möchte ihn gern etwas fragen. Es war kurz nach dem Mittagessen, Tobler befand sich auf Reisen, die beiden kleinen Mädchen spielten im Wohnzimmer.
Was das heute wieder für schönes Wetter sei, bemerkte Joseph beim Betreten des Balkons. Die Frau nickte, sagte jedoch, sie denke an ganz anderes.
»An was denn?«
So. An mancherlei. Vor allen Dingen denke sie seit ein paar Tagen beständig daran, ob es nicht viel gescheiter wäre, das Haus, wie es da sei, jetzt schon zu verkaufen, und freiwillig fortzuziehen, denn die Schande des Zwanges, es zu verlassen, das fühle sie, komme ja doch langsam heran. Mit den Unternehmungen ihres Mannes sei es doch nichts, sie glaube das jetzt bestimmt zu wissen.
»Wieso jetzt gerade?«
Sie wehrte mit ihrer Hand ab und ersuchte Joseph, ihr frank und frei seine Meinung bezüglich der Reklame-Uhr herauszusagen.
»Ich bin fest davon überzeugt,« sagte er, »daß sie sich auf guten Wegen befindet. Man muß nur jetzt noch ein wenig Geduld haben. Anknüpfungen mit weiteren Kapitalisten« – –
Ach, sagte sie eifrig, er solle doch schweigen. Sie sehe es ihm ja deutlich an, daß er sich verstelle und ihr da Dinge sage, an die er selber nicht glaube. Das sei wenig schön von ihm. Was ihn denn veranlasse, zu glauben, sie könne den harten Ausdruck der Wahrheit nicht aushalten? Wenn er lügen wolle, so sei er ein ungetreuer und unanhänglicher Angestellter, dann glaube sie wirklich, es habe keinen weiteren Zweck, ihn noch länger dazubehalten. Sie habe zu wissen verlangt, wie und was er denke, und sie befehle ihm jetzt, offen seine Meinung herauszusagen. Vor allem wünsche sie zu erfahren, ob der kaufmännische Gehülfe ihres Mannes überhaupt fähig eines eigenen Gedankens sei. Er solle nur ruhig sitzen bleiben und ihr Red' und Antwort stehen, wenn ihm die Mannesehre kein ganz unbekanntes Ding sei.
Joseph schwieg.
Was das für ein Betragen sei? Sie glaube auch noch das Recht zu haben, ihm einen Befehl erteilen zu dürfen. Ob ihm der Mund in die Schuhsohlen hinuntergefallen sei? Platz würde dort schon sein, Löcher seien genug darin. Was für ein Stolz das sei bei so wenig äußerer Ehre? Toblers Kleider stünden ihm ausgezeichnet. Ja, ja. Und er solle verschwinden, wohin er wolle, daß sie ihn ja nur nicht mehr zu sehen brauche.
Joseph war bereits weggegangen. Er ging um das Haus herum, sagte ein paar Worte zu Leo, dem Hund, trat ins Bureau hinein und setzte sich an den Schreibtisch. Den Stumpen anzuzünden vergaß er beinahe, er erinnerte sich jedoch sehr bald dessen Annehmlichkeiten und steckte sich einen von diesen immer vorrätigen Rauchstengeln an. Das behagete ihn seltsam an und er konnte arbeiten.
Kurz darauf erschien Frau Tobler in der Bureautüre und sagte ruhig:
»Ihr Betragen hat mich gereizt, Marti, aber es war gut. Vergessen Sie was eben geschehen ist. Kommen Sie bald zum Kaffee.«
Sie schloß die Tür leise und ging wieder. Der Angestellte zitterte heftig. Es war ihm eine Unmöglichkeit, die Feder in der Hand zu halten. Das Leben selber tanzte ihm vor den Augen. Fenster, Tische und Stühle schienen lebendige Wesen geworden zu sein. Er setzte den Hut auf und ging baden. »Rasch noch vor dem Kaffeetrinken,« dachte er. Und dieser Frau hatte er eine Strafrede Silvis wegen halten wollen. Welche Torheit!
Das Glück und die Gesundheit selber baden nicht mit mehr Genuß in den Wellen des Lebens, wie jetzt er im See badete. Das Wasser dampfte auf seiner stillen, aber schon kalten Oberfläche, die wie Öl dalag, so ruhig, so fest. Die Frische des Elementes ließ den nackten Körper sich kräftiger und lebhafter bewegen. Vom Badehaus schrie ihm der Wärter laut zu: »Nicht so weit hinausschwimmen, Sie da draußen. He! Hören Sie nicht?« Joseph aber schwamm ruhig weiter, er fürchtete nicht im geringsten, den Gliederkrampf zu bekommen. Er zerteilte und zerschnitt mit weiten Armbewegungen die nasse, schöne Bahn. Aus der Tiefe des Sees hauchten ihn eiskalte Ströme an: um so schöner, und er legte sich auf den Rücken, die Augen zum wunderbar blauen Himmel erhoben. Als er zurückschwamm, hatte er vor den Augen das von den Herbstfarben trunkene Land, das Ufer, die Häuser. Alles lag da, eingehüllt in einen seligen Farben- und Düfterausch. Er stieg aus dem Wasser und kleidete sich an. Beim Weggehen aus der Anstalt sagte ihm der ängstlich gewordene Wärter, er hätte ihm wohl gehorchen, und auf seinen Mahnruf zurückschwimmen können; wenn ein Unglück passiere, sei er es, den man verantwortlich mache. Joseph lachte.
Frau Tobler spielte die Entsetzte, als er ihr sagte, es hätte ihn zu sehr gelockt, er habe halt dieses Jahr noch ein letztes Mal baden müssen.
Sie saßen im Gartenhaus. Unvergleichlich schmeckte Joseph das braune Getränk nach dem Bad. Man müsse wirklich jetzt die paar warmen Tage noch profitieren, sagte Frau Tobler. Sie fing an zu plaudern von ihrer Verheiratung, von ihrer früheren Wohnung.
So ein eigenes Haus, wo man ein- und ausgehen könne, wie es einem beliebe, das sei doch etwas Reizendes und Ruhiges. Das fände man vielleicht nicht so bald wieder – –
Joseph unterbrach sie. Er sagte höflich:
»Frau Tobler, Sie werden sich wieder ereifern. Warum denken Sie immer an das? Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß ich Ihr gehorsamer Diener bin. Doch wozu diese Reibereien? Hier stehe ich vom Tisch auf und gewärtige die Erlaubnis, mich wieder setzen zu dürfen.«
Er war aufgestanden. Sie sagte, er solle sich setzen. Er tat es.
Sie schwiegen eine Weile, dann kam ihr plötzlich die Laune, sich in die Reitschule zu setzen, und sie bat den Gehülfen, sie zu stoßen und die Seile anzuziehen. Indem sie mit ihrem Brett hoch in die Luft flog und wieder hinuntersauste, rief sie, das gefalle ihr, und »man müsse jetzt noch ein wenig vom Garten profitieren«. Bald käme der Winter und dann heiße es nur zu herrisch: Zu Hause sitzen!
Er mußte sie jedoch bald aufhalten, da es ihr schwindlig zu werden drohte. Indem er das tat, atmete er gezwungenermaßen den Duft ihres Körpers, den er einen Augenblick mit dem Arm umfassen mußte, ein. Ihre Haare berührten sein Gesicht. Diese vollen, langen Arme! Er nötigte sich, wegzusehen. Der Gedanke, ihren Hals zu küssen, durchzuckte ihn augenblicklich, aber er tat es nicht. Eine Minute später dachte er mit Schaudern an diese einfache Möglichkeit, und er war sehr froh, dieselbe vernachlässigt zu haben.
Sie saßen wieder einander gegenüber. Sie plauderte ausgelassen:
Wie da in dem Haus, welches ihr Mann und sie früher bewohnt hätten, ein junger Mensch ihr den Hof gemacht habe, ein so närrisch verliebter Kerl – nein, sie müsse schon laut lachen, daran nur zu denken, geschweige denn, davon zu sprechen. Eines Nachts sei dieser junge, übrigens besseren Kreisen angehörige Mann in ihr Schlafzimmer eingedrungen und habe sich, sie sei schon im Bett gelegen, davor niedergestürzt und ihr seine heiße Sehnsucht gestanden. Sie habe ihm vergeblich entrüstet zugerufen und ihm befohlen, sich sogleich zu entfernen. Der Mensch sei aufgestanden, aber nicht, um sich fortzumachen, sondern um sie zu umarmen. Noch jetzt, wenn sie sich in jenen fürchterlichen Moment versetze, spüre sie den Druck der Hände, die sich um sie spannten. Sie habe natürlich um Hilfe gerufen, und da sei zufälligerweise – und jetzt komme der lustige Teil der Geschichte – ihr Mann gerade die Treppe hinaufgekommen. Er hört nur die Schreie, stürzt sich ins Zimmer, und da habe er den jungen Mann wirklich wüst hergenommen. Den Stock, und der sei dick gewesen, habe er ihm auf Kopf und Schultern entzweigeschlagen, so daß sie, die Ursache der Prügel, Tobler habe anflehen müssen, den Gegner, der ja auch gar kein solcher war, doch zu schonen. Ihr Mann habe denselben dann die Treppe hinuntergeworfen.
»Ich muß mich also in acht nehmen,« sagte Joseph.
»Sie?« Es hat nie ein verständnisloseres Gesicht in der Welt gegeben, wie das, das Frau Tobler dem Gehülfen zeigte, als sie das sagte.
Sie fing an, sich mit Dora zu beschäftigen. Ob Joseph ihr einen Gefallen tun möge, wandte sie sich plötzlich an diesen. Auf der Post liege das etwas große Paket, das ihr neues Kleid enthalte. Sie möchte es gar zu gern heute noch anprobieren. Ob es von dem Angestellten nicht zu viel verlangt sei, zu wünschen, er möchte das Paket herbeiholen? Es sei vielleicht zu mühsam, und Joseph habe womöglich Wichtigeres zu tun.
Nein, nein, er werde sofort gehen und es holen, sagte er, ganz glücklich darüber, eine Ursache gefunden zu haben, wieder einmal zur Post laufen zu können.
Er lief sogleich weg und brachte nach einer halben Stunde den Karton ins Wohnzimmer der Villa Tobler. Die Frau war das völlige Selbstvergessen im Öffnen der langersehnten Postsendung. Sie ging in ihr Schlafzimmer hinauf, um das Kleid anzuziehen, Pauline mußte ihr behilflich sein. Gut, daß der Herr nicht da war. Wie würde der über ihre freudige, frauliche Erregung gehöhnt und geschimpft haben.
Nach ein paar Minuten trat sie wieder in das Wohnzimmer, angetan mit dem hochmodern zugeschnittenen Kostüm. Es stand ihr prachtvoll. Sie wünschte von Joseph zu wissen, wie sie aussehe. Silvi, die kleine Botenläuferin, mußte den Gehülfen aus dem Bureau heraufholen. Dieser war erstaunt, Frau Tobler so schön zu finden. Akkurat wie eine Baronin, sagte er lachend. Nein, sagte sie, im Ernst, wie sehe ich aus? Vorzüglich sehe sie aus, gestand er, und er erlaubte sich hinzuzufügen: »Ihre Figur tritt sehr gut zum Vorschein. Sie sehen jetzt eigentlich gar nicht mehr wie Frau Tobler aus, sondern wie eine seeentstiegene Nixe. Für Bärenswiler-Augen dürfte das Kleid beinahe zu schön sein. Aber schließlich verdienen diese Leute auch, daß sie erfahren und sehen können, was hauptstädtische Schneiderinnen zu leisten vermögen. Stoff und Form dieses Kostüms sind derart, daß man meinen möchte, der Stoff selber habe zu der Form den Gedanken gegeben, und umgekehrt scheint die Form selber diesen schönen Stoff erwählt zu haben.«
Über diese Rede war Frau Tobler ganz glücklich. Sie mochte in Geschmackssachen ein wenig unsicher sein. Sie sagte lächelnd, sie getraue sich nicht, in diesem Aufzug über die Gassen von Bärenswil zu gehen, sie wolle daher das Kleid nur tragen, wenn sie gelegentlich in die Stadt fahre.
Unbezahlte Wechsel und Rechnungen. Die Bank stutzte immer mehr. Der Ton, in welchem die Kassenbeamten der Bärenswiler Bank mit Joseph etwas besprachen, wenn er dort zu tun hatte, drückte nicht mehr nur Erstaunen, sondern auch herablassendes Mitleid aus. »Schlimm steht es bei euch da oben auf eurem Hügel,« sagte dieser Ton. Erinnerungen und Ermahnungen, nun doch endlich zu zahlen, liefen täglich per Post im Abendstern ein. Nichts war bezahlt, nicht einmal die Zigarren, die fortlaufend geraucht wurden.
Die Gartengrotte war nun auch fertig geworden, bis auf einige Kleinigkeiten, die Tobler später machen lassen wollte, sobald es mit ihm wieder einigermaßen besser stünde. Die Bauunternehmer reichten ihre Rechnung ein, sie belief sich auf ungefähr tausendfünfhundert Mark, eine Summe, wie man sie in der Villa Tobler schon seit langer Zeit nicht mehr beisammen gesehen hatte. Wo hernehmen? Aus der Erde graben? Den Leo nächtlich auf einen lustwandelnden Rentier hetzen, denselben zu Boden schlagen und berauben? Raubrittergeschichten gab es im zwanzigsten Jahrhundert leider nicht mehr.
Jetzt war die Zeit da, wo man wenigstens wieder ein kleines Fest feiern konnte. Es wurden Karten versandt an sieben angesehene Männer des Dorfes, drei nahmen die Einladung zum nächtlichen Grottenfest an, die übrigen vier waren, wie man sich zu entschuldigen pflegt, verhindert. Das tat übrigens nichts zur Sache. Je weniger Teilnehmer erschienen, desto mehr bekam jeder dieser Wenigen zu trinken. Es befanden sich noch einige Flaschen ausgezeichneten Neuenburgerweines im Keller. Der sollte jetzt verknallt werden. Eine würdigere Gelegenheit würde sich nicht so rasch wieder bieten.
Die drei Männer, ein Spezereihändler, der Segelschiffwirt und ein Versicherungsagent, kamen eines Abends bei stürmischem Wetter, zu der festgesetzten Zeit, an. Alsogleich begab man sich in die Feengrotte, ein höhlenartiges, mit Zement ausgeschlagenes und tapeziertes Ding, länglich wie ein größeres Ofenloch, etwas zu niedrig, so daß die Besucher mehr als einmal die Köpfe anstießen. Ein Tisch wurde in diese Grotte gestellt nebst ein paar Stühlen, die der Gehülfe und Pauline herbeischleppten. Eine Lampe war die Beleuchtung.
Bald kam auch der Wein, der sich als ein edles, feuriges Getränk in die Gläser ergoß, worauf er über die kostenden und schmeckenden und schnalzenden Lippen sprang, die Kehlen hinunter. So lange noch ein solches Weinlein im Hause sei, so – – Tobler hielt in seiner Ansprache inne, zur Vorsicht und Besonnenheit gemahnt durch einen blitzenden Blick aus seiner Frau Augen. Ja, da hatte er vor drei heimlichfeißen Bärenswilern eine Dummheit sagen wollen. Er, er war ein offenes Gemüt von einem Mann.
Die Unterhaltung wurde immer fröhlicher und ungezwungener. Recht unfeine Witze, die in Gegenwart dreier Damen (die Parketteriedamen waren auch da) eigentlich unschicklich klangen, flogen von Mund zu Mund, aufgefangen von laut lachendem Verständnis. Nur Joseph lachte nicht viel. Ob er nicht zufrieden sei, wandte sich Tobler an ihn. Er solle nur trinken, dann werde er schon munter werden. Die Sorgen lägen auf dem Grund der Gläser, und man müsse kurzen Prozeß machen und sie austrinken. Wo Pauline sei? Die solle den Neuenburger auch zu versuchen bekommen. Frau Tobler sagte, das sei nicht nötig, aber der Ingenieur bestand darauf.
Geschichten von der anzüglichsten Sorte wurden zum besten gegeben. Die drei Bärenswiler erwiesen sich als Meister in der komischen Wiedergabe derselben. Würde Tobler für jedes Lachen, das an diesem Abend erschallte, einen Hundertmarkschein bekommen haben, so wäre er über Nacht ein wahrhaft fürstlich reicher Mann geworden, hundertmal wohlhabend genug, alle seine Schulden auf einen Schlag zu tilgen. Aber das Gelächter trug nichts ein, es verhallte an den Wänden der kleinen Grotte, es belustigte bloß, aber bereicherte nicht.
»Auf das Gelingen deiner Unternehmungen, Tobler!« sprach der Segelschiffwirt, indem er ein volles Glas hochhob. Hierdurch gerührt und verletzt schwang sich Herr Tobler zu folgender Rede auf:
Das will ich auch hoffen!
Wenn ein gesunder Mann sein Letztes an seine Ideen setzt, so gibt es immer im weiten Umkreis der Menschen Geschwätze, die dieses Mannes Werke verleumden und herabsetzen. Dieser Mann aber steht hoch über diesen Verdächtigungen. Er ist ein Unternehmer und als solcher verpflichtet, nicht nur etwas, sondern alles zu wagen. Das Wagnis, meine Herren, sieht kühn, aber es sieht auch oft prahlerisch und lächerlich aus, weil es die einzig dastehende und beständige Aufgabe hat, niemandes Urteil zu scheuen. Was will das Wagnis in der Dachstube, im Laboratorium, im Heft, auf dem Zeichentisch tun? Es entsteht an diesen Orten, aber wollte es da bleiben, wo es entstanden ist, so wäre es eine bloße, genußsüchtige Träumerei. Hinaus an das Licht der Welt muß es. Es muß sich zeigen, es muß die Gefahr, lächerlich und unbrauchbar befunden zu werden, besiegen, oder es muß von dieser Gefahr erdrückt werden. Was nützen der Welt die klugen Köpfe, wenn sie im Verborgenen dahinleben, was nützen die bloßen Erfindungen? Eine Erfindung ist eine Arbeit aber kein Wagnis, ein bloßer hoher Gedanke rüttelt nicht das Kleinste am bestehenden Bau der Welt. Die Ideen müssen sich verwirklichen, die Gedanken streben nach der Verkörperung. Hierzu braucht es des kühnen und unerschrockenen Mannes, des gesunden und starken Armes, der festen und treuen Hand. Eines Fußes, der, wenn es ihm endlich, nach vielen Widerwärtigkeiten, gelingt, Boden zu fassen, diesen Boden nicht bald wieder verlassen wird. Eines Herzens, das Stürme erträgt, einer, mit einem Wort, männlichen Seele. Es ist nicht gesagt, daß dieser Mann glücklich ist, sobald er seine Unternehmungen vom duftenden und rauschenden Erfolg gekrönt sieht, er erstrebt keine persönliche Macht, er hat nur erreicht, was ihn, wenn er es nicht erreicht hätte, würde erstickt haben. Seine Idee will etwas erreichen, nicht er, seine Idee will aber dafür auch alles erreichen. Eine Idee stirbt oder sie siegt. Mehr habe ich nicht zu sagen.
Auf diese ziemlich romantisch gefärbte Rede lächelten die stillen, schlauen Bärenswilerherren mit erzwungen zugepreßten Lippen. Frau Tobler war im höchsten Grad ängstlich geworden. Das Fräulein aus der Nachbarschaft schien die gesamte ohrenspitzende, lauschende Umgegend zu verkörpern, so sehr mit offenem Mund saß sie da. Die alte Dame verstund kein Wort. Joseph teilte die Empfindungen seiner Herrin, und er war zugleich mit ihr froh, als sich Tobler wieder setzte, um ein neues volles Glas Neuenburger herunterzustürzen. Seine Rede hatte ihn beinahe stärker mithergenommen als der genossene Wein. Bald aber lachten wieder alle. Der flüchtig sich in die Grotte verlorne Ernst verflog wieder. Es wurde ein »Jaß« beschlossen. Toblers Augen glänzten wieder ganz genau so fiebrig wie in jener vergangenen Sommernacht, in der die Raketen zu Dutzenden aufgeflogen waren. »Ja, für Feste jeglicher Sorte paßt er prachtvoll,« dachte Joseph.
Am nächsten Morgen schwammen etliche Pfropfen im Teich herum, nebst ein paar gelber, vom gestrigen Sturm hier herüber gewehter Blätter. Es regnete. Die ganze Besitzung sah traurig und verlassen aus. Joseph stand im Garten: welch ein Anblick! Aber er verbot sich die Stimmung, die ihn ergreifen wollte und zwang seinen Gedanken eine alltäglich-praktische Richtungnahme auf.
Geschäfte im bejahenden und erwerbenden Sinne gab es immer weniger zu erledigen. Das Hauptgeschäft bestund nur noch im Abwehren der Gläubiger, die anfingen, von allen Seiten her, und in immer schrofferer Weise, zu drängen, und im Verzögern und Verschieben der Notwendigkeit, mit Geld herausrücken zu müssen. Geld, Geld, das mußte herbeigeschafft werden mit allen noch zur Verfügung stehenden Mitteln, aber der Mittel und Wege, dieses zu bewerkstelligen, gab es verschwindend wenige, und die paar wenigen Wege waren durchaus zweifelhafte und unsichere. Eines dieser noch möglichen Gelderwerbsmittel bestund in einem gemeinen und schamhaften und heimlich betriebenen Anpumpen privaten Charakters. Auf seinen Reisen traf Tobler etwa einen Verwandten oder einen Bekannten an, dem gestand er entweder die nackte, unfreundliche Wahrheit, oder er schwindelte ihm irgend eine momentane Verlegenheit vor und verstund es auf diese Weise, hie und da Geld, Summen geringen Umfanges, herauszuerwischen. Dieses Geld kam dann in der Regel auf Privat- oder auf Haushaltungskonto zu buchen.
Grundsätzlich hatte Joseph seine Bureaustunden inne zu halten, aber in Wahrheit gab es im Bureau kaum noch etwas Reelles und Vorwärtsführendes zu tun, sondern es galt im Grunde nur noch überhaupt da zu sein. Eines Morgens ließ der Gehülfe aus Vergeßlichkeit die Bureautüre offen stehen beim Weggehen nach der Post. Als er zurückkam, gab es eine Szene: Tobler sagte heftig, Unordnung brauche deswegen, daß kein Geld da sei, noch lange nicht einzureißen. Das verbitte er sich. Wenn auch keine Barschaften zu entwenden seien, so könne doch jemand, sei es der Briefbote, sei es ein anderer, durch die offene Türe, unangemeldet, ohne daß ein Mensch im Hause es merke, eintreten und in den Büchern und Papieren herumstöbern.
Joseph gab zur Antwort, es werde wohl Pauline gewesen sein, die die Türe habe offen stehen lassen. So etwas tue er nicht, er halte stets streng auf Ordnung.
Gerade Pauline, brauste der Chef auf, sei ja diejenige, die ihn wegen dessen verklagt habe, was er, erstaunlich unverschämterweise, nun auf sie schieben wolle. Er schiebe überhaupt immer alles auf Pauline.
Was sie ihn zu verklagen habe, dieses Plappermaul, sagte der in der Schlinge Gefangene. Tobler gebot ihm zu schweigen.
Das waren Tage, das, nasse und stürmische, und doch war ein eigener Zauber dabei. Das Wohnzimmer wurde auf einmal so wehmütig-gemütlich. Die Nässe und Kälte draußen machten die Zimmer freundlicher. Man heizte jetzt schon. Durch das neblige Grau der Landschaft brannten und leuchteten fiebrig die gelben und roten Blätter. Das Rot der Kirschbaumblätter hatte etwas Glühendes und Wundes und Wehes, aber es war schön, das versöhnte und erheiterte wiederum. Oft erschien das ganze Wiesen- und Baumland in Schleier und nasse Tücher eingehüllt, oben und unten und in der Ferne und Nähe alles grau und naß. Wie durch einen trüben Traum schritt man durch das alles hindurch. Und doch drückte auch dieses Wetter und diese Art Welt eine geheime Heiterkeit aus. Man roch die Bäume, unter denen man ging, man hörte reifes Obst in die Wiese und auf den Weg fallen. Es schien alles doppelt und dreifach still geworden zu sein. Die Geräusche schienen zu schlafen oder sich zu fürchten, zu tönen. An den frühen Morgen und späten Abenden drang über den See der langdahingeatmete Ton der Nebelhörner, die einander da draußen, Schiffe ankündigend, das warnende Signal gaben. Sie erklangen wie Klagelaute von hülflosen Tieren. Ja, Nebel gab es genug. Dazwischen gab es einmal wieder einen schönen Tag. Und Tage gab es, echt herbstliche, weder schöne noch wüste, weder besonders freundliche, noch besonders trübe, weder sonnige, noch dunkle Tage, sondern solche, die ganz gleichmäßig licht und dunkel blieben von Morgens bis Abends, wo vier Uhr nachmittags dasselbe Weltbild bot wie elf Uhr vormittags, wo alles ruhig und mattgolden und ein bißchen betrübt da lag, wo die Farben still in sich selber zurücktraten, gleichsam für sich sorgenvoll träumend. Solche Tage, wie liebte sie Joseph. Alles kam ihm dann schön, leicht und vertraut vor. Diese leichte Traurigkeit in der Natur machte ihn sorglos, beinahe gedankenlos. Es war dann vieles nicht schlimm, vieles nicht mehr schwer, was ihm vorher schlimm und schwerfällig erschienen war. Eine angenehme Vergeßlichkeit trieb ihn an solchen Tagen die hübschen Dorfstraßen entlang. Die Welt war ruhig, gelassen und gut und gedankenvoll anzusehen. Man konnte überall hingehen, es blieb immer dasselbe blasse und volle Bild, dasselbe Gesicht, und das Gesicht blickte einen ernst und zart an.
Zu dieser Zeit wurde, unter dem verschwiegenen Aufruf: Geld her! ein neues Inserat »Fabrikbeteiligung gesucht« in die Zeitungen gedruckt. Die kleinen Geschäftsleute des Dorfes hatten Geld haben wollen, waren aber abgewiesen, und auf spätere Zeiten vertröstet worden. Im Dorf wurde infolgedessen laut gesprochen: Tobler zahlt nicht! Die Frau wagte sich kaum noch recht in die innere Ortschaft, sie fürchtete, beleidigt zu werden. Die hauptstädtische Schneiderin ersuchte brieflich um Einsendung des Preises für das angefertigte Kleid. Der Betrag belief sich auf rund hundert Mark, eine dem Frauengedächtnis nur zu gut sich einprägende Summe.
»Schreiben Sie ihr,« sagte Frau Tobler zum Gehülfen. Es war eben ein Faß jungen Weines oder sogenannten Sausers angekommen. Schmal wurde auch jetzt noch nicht im Hause gelebt, das verbot der natürliche Frohsinn, der sich gerade jetzt wieder einzustellen begann. Mochten die Leute im Dorf sagen und denken, was sie wollten, auch Doktor Speckers, die seit drei Wochen ihre Besuche aufgegeben hatten.
Joseph schrieb der Schneiderin, einer Frau Berta Gindroz, einer Französin: sie solle gefälligst noch ein wenig Geduld haben. Momentan sei eine Berichtigung nicht gut möglich. Frau Tobler sei übrigens mit der Arbeit nicht ganz so zufrieden wie frühere Male, indem das Jüpon zu eng geraten sei, dasselbe drücke sie unter den Armen. Auf alle Fälle möchte Frau Gindroz betreffs der Zahlung nur ruhig sein. Man könne zurzeit nur nicht gut den Herrn wegen dieser Sache angehen, Herr Tobler sei mit Geschäften und Sorgen zu sehr überladen. Ob das Kleid nicht wohl erst noch müsse geändert werden? Man erwarte hierüber Bescheid und man bitte, davon überzeugt zu sein, usw.
Frau Tobler unterschrieb den Brief wie ein Geschäftsherr seine zahlreichen Korrespondenzen zu unterschreiben pflegt.
Der ganze Garten lag voller abgefallener und zugewehter Blätter, da machte sich der Angestellte eines Nachmittags dahinter und fing an aufzulesen, zusammenzurechen und zu Haufen zusammenzutragen, was er vermochte. Der Tag war kalt und finster. Große, unbestimmbare Wolken lagerten düster am Himmel. Das Haus Tobler schien zu frieren und sich nach dem edlen, heiteren Sommer zurückzusehnen. Die Bäume in der Umgebung waren jetzt ganz kahl geworden, ihre Äste waren schwarz und naß. Der Bahnwärter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nähe, er war ein freundlicher, bescheidener, zur Dankbarkeit geneigter Mann, und er kam nun heran und half Joseph Blätter auflesen, indem er sagte, was in guten und bessern Tagen recht gewesen sei, das sei nun wohl in schlimmen Zeiten nichts als nur billig. Er habe manches Gute von Herrn Tobler genossen. Derselbe habe ihm etwa manche Zigarre gegeben und manches hübsche Trinkgeld, so sähe er nicht ein, weshalb das immer so andauern müßte, und er sei jedenfalls einer von denjenigen Bärenswilern, die es gut mit dem allezeit freigebig gewesenen Ingenieur meinen.
Bald war der ganze Garten gesäubert. »Auch schon wieder eine Arbeit erledigt,« sagte lachend der Bahnwärter. »Ja junger Herr, es gibt mancherlei Sorten Beschäftigungen, und in allem, was man mit aufrichtigem Bemühen tut, kann ein Stück Ehre liegen. Wenn Sie mir jetzt ein paar von Herrn Toblers Stumpen zum Rauchen geben wollen, so ist mir das nicht unwillkommen. Bei dieser Witterung kann man einen glühenden Stengel schon vertragen.«
Frau Tobler ließ dem Mann einen halben Liter »Sauser« geben.
Der Aktienbierbrauerei Bärenswil wurde betreffs Besetzung einer Anzahl Felder oder Flügel der Reklame-Uhr Offerte gemacht. Die Firma schlug ab, später vielleicht! Das war ein neuer, peinlicher Mißerfolg, der Tobler veranlaßte, den Briefbeschwerlöwen zu Boden zu schmettern, wo er in Stücke flog, die der Gehülfe aufhob. Gleichzeitig wurde auf das technische Bureau ein neues Zahlungsforderungsgeschütz gerichtet. Die Kanonenkugel verletzte zwar niemanden, aber sie reizte, ärgerte und vermehrte die Unruhe.
Das war niemand anderes als der frühere Agent und Reisende Toblers, ein gewisser Herr Sutter, der jetzt per eingeschriebenen Briefen daherzutraben kam, um die rückständigen Gehälter und Provisionen, die sich auf die Konzessionserwerbungen für die Reklame-Uhr bezogen, einzufordern. Tobler würde diesem Menschen am liebsten zurückgeantwortet haben: »Du kannst mir in der Gegend von Genua in die Schuhe hineinblasen, du Narr, was du bist,« aber er mußte vernünftigerweise auch diese neue, unangenehme Schuldforderung anerkennen und schrieb dem Mann: »ich kann nicht bezahlen!«
Geduld! Herr Tobler sah sich genötigt, von allen seinen Mitarbeitern, Lieferanten und Mitmenschen Geduld zu verlangen, gleichsam so: Habt Geduld, ich, Tobler, meine es ehrlich und aufrichtig. Ich bin so unvorsichtig gewesen und habe mein gesamtes Barvermögen in meine Unternehmungen geworfen. Treibt mich nicht bis zum Äußersten. Ich ordne meine Verpflichtungen, ich kann noch erben, ich besitze noch Ansprüche auf ein mütterliches Erbteil. Auch habe ich ein neues Inserat, Kapitalien gesucht, in die Zeitungen, die die Welt bedeuten, rücken lassen. Der Kopf schwindelt mir zwar ein wenig, aber usw. –
Wegen des zu erwartenden Erbteiles unterhandelte jetzt Tobler mit seinem Advokaten, an welchen man jeden Tag Briefe und Postkarten schrieb.
Das erste Schützenautomaten-Exemplar war inzwischen fertig geworden, es funktionierte in der Tat glänzend und erweckte fröhliche Hoffnungen. Diesem Automaten, meinte sein Erfinder, bleibe es womöglich noch vorbehalten, die Reklame-Uhr und das darin geworfene Vermögen zu retten. Der Hilfsmechaniker lud Joseph eines Tages ein, das fertige Werk zu besichtigen, und dieser folgte der Aufforderung gerne, umsomehr als der Herbsttag schön und mild war. Er machte sich zu Fuß auf und spazierte gemächlich gegen das eine gute Stunde weit entlegene Nachbardorf zu, rechts zur Begleitung der in die Höhe schießende Wald, links der ruhige See, so ließ es sich ganz gut »in Geschäften« die Landstraße entlang gehen. In der Ortschaft angekommen, erkundigte er sich nach der mechanischen Werkstätte, fand sie nach vielem Suchen in den durcheinander gekneteten und gebauten Dorfgassen und stand nun vor dem elegant mit Dekorationsfarben angemalten Schützenautomaten. Der Hersteller desselben, indem er Joseph dartat, wie glatt und geräuschlos das Ding lief, brummte, nun erwarte man aber auch von Herrn Tobler eine angemessene Entlöhnung, oder man dürfe, meine man, eine solche gewärtigen, nachdem man doch, was aber Tobler nur nicht anerkennen wolle, die Hauptsache am Werk getan habe. Mit Springen, Befehle erteilen und Umherreisen sei eine Sache eben noch lange nicht in Wirklichkeit im Gang. Dazu bedürfe es der Hände, die auch tatsächlich arbeiten. Ja, Joseph solle nur seinen Chef davon unterrichten, wie man hierorts die Sachlage auffasse, es könne nicht schaden, wenn Tobler es wisse.
Joseph schwieg zu allen diesen unzufriedenen Auslassungen und trat bald den Heimweg wieder an.
Zu Hause rief man ihm schon von Weitem entgegen, es warte ein Herr unten im Bureau auf Herrn Joseph Marti.
Es war der Verwalter des hauptstädtischen Stellenvermittlungsbureaus, der Mann, dem der Gehülfe seine Stelle zu verdanken hatte, ein sonderbar verwilderter Herr, der aber, wie es schien, die demütigsten und sanftesten Manieren hatte. Die Herren begrüßten sich gegenseitig freundschaftlich, beinahe brüderlich, obschon ein bedeutender Altersunterschied sie trennte. Das gleichsam zerzauste und zerfetzte Gesicht des Verwalters ließ Joseph an längst überstandene Dinge denken. Eine armselige Schreibstube tauchte vor seinen inneren Augen auf, sich selber sah er dort an einem Pult sitzen, dann sah er den Herrn Tobler zur Tür eintreten, den Verwalter vom Platz aufstehen, wie er sich umguckte nach dem passenden Menschen, der diesem Herrn Tobler dienen konnte. Wie weit das alles schon zurücklag.
Was denn den Herrn Verwalter nach Bärenswil hinaufgeführt habe?
Der ältliche Mann, indem er sich im Bureau nach allen Seiten umschaute, sagte, er komme vor allen Dingen lediglich aus bloßem Interesse, damit er sich einmal den Ort ansehe, an welchem es, wie es scheine, Joseph gefalle. Es sei heute in der Schreibstube gerade ein schläfriger Tag gewesen, keinerlei Aufträge, da habe er sich eben in den Zug gesetzt und sich den kleinen Ausflug gestattet. Aber ganz nur neugierdehalber komme er auch nicht, er verbinde gerne mit dem Genußvollen das Nützliche und Notwendige, und so möchte er sich denn die Frage erlauben, warum ihm bis heute noch nicht einmal, trotzdem er wiederholt Mahnbriefe geschrieben habe, der Betrag, den die übliche Vermittlungsgebühr ausmache, eingesandt worden sei. Ob seine Briefe und Mahnungen nicht eingetroffen seien?
»Ja, die sind angekommen, aber es ist kein Geld da, Herr Verwalter,« antwortete Joseph.
»Wie? Und nicht einmal für einen so geringen Betrag?«
»Nein!«
Der Verwalter machte ziemlich nachdenkliche Augen und frug, ob Herr Tobler zu sprechen sei. Joseph sagte:
»Herr Tobler ist während all dieser Tage für Menschen, die Geld von ihm haben wollen, unter keinen Umständen zu sprechen. Hiefür bin ich da, sein Angestellter. Wollen Sie sich nicht einen Moment, bitte, setzen, Herr Verwalter. Sie werden sich zehn Minuten ausruhen und alsdann wieder gehen. Bei aller Hochschätzung vor Ihnen bin ich gezwungen, Ihnen zu sagen, daß man hier im Hause Tobler die Leute, die bei uns etwas zu fordern haben, sehr ungern sieht. Sowohl Frau wie Herr Tobler haben mir den bestimmten Befehl erteilt, mit Erscheinungen solcher Gattung kurzen Handel zu machen, mich mit ihnen in keine Gespräche einzulassen, sondern sie kühl abzuweisen. Sie selber, Herr Verwalter, haben mir damals, als ich Ihnen vor dreieinhalb Monaten in der Schreibstube adieu sagte, um mich nach Bärenswil zu begeben, anempfohlen, mich als treuen, gehorsamen und fleißigen Mann zu erweisen, damit man mich brauchen könne und mich nicht nach einem halben Tag schlechtbestandener Probezeit wieder fortjagen müsse. Sie sehen, ich bin heute noch da, ich scheine mich also zu bewähren. Ich habe mich in die hiesigen, eigenartigen Verhältnisse hineingefunden, und ich glaube, ich passe in diese Verhältnisse.«
»Wird Ihnen denn auch Ihr Gehalt ausgezahlt?« fragte der Verwalter. Der Gehülfe sagte:
»Nein, und das gehört allerdings zu den Punkten, die mir nicht recht gefallen. Ich habe hierüber schon mehrmals mit Herrn Tobler sprechen wollen, aber jedesmal, wenn ich den Mund habe auftun wollen, um meinen Vorgesetzten an diese, wie ich wohl habe empfinden müssen, für ihn nicht gerade angenehme Sache zu erinnern, ist mir der Mut, zu reden, vergangen, und ich habe dann jedesmal zu mir gesagt: Du verschiebst es! Und ich lebe ja, auch ohne Gehalt, heute noch.«
»Wie lebt sich's denn hier. Bekommen Sie gut zu essen?«
»Ausgezeichnet!«
Es bleibe ihm also, meinte sorgenvoll der Verwalter, nach allem was gesprochen worden sei, nichts anderes übrig, als Herrn Tobler auf gerichtlichem Wege zu betreiben.
»Tun Sie das,« sagte Joseph. Der Verwalter griff nach dem abgeschabten Hut, schaute den Gehülfen väterlich an, gab ihm die Hand und ging.
Joseph nahm ein Stück Papier zur Hand und schrieb, da er sich weiter mit nichts Wichtigerem beschäftigt sah, folgendes darauf:
Schlechte Gewohnheit.
Eine solche ist das Bedürfnis, gleich alles zu bedenken, was mir Lebendiges vorgekommen ist. Das kleinste Begegnis erregt in mir eine sonderbare Denklust. Eben ist ein Mann von mir weggegangen, der mir um der Erinnerungen willen, die mit seiner alten, armen Gestalt verbunden sind, lieb und bedeutend ist. Ich glaubte etwas vergessen, verloren, oder nur liegen gelassen zu haben, als ich in sein Gesicht schaute. Ein Verlust prägte sich sogleich meinem Herzen ein und ein altes Bild meinen Augen. Ich bin vielleicht ein etwas überspannter, aber ich bin auch ein genauer Mensch. Ich empfinde die kleinsten Verluste, ich bin in gewissen Dingen peinlich gewissenhaft, und nur ab und zu muß ich mir wohl oder übel gebieten: Vergiß das! Ein einziges Wort kann mich in die ungeheuerste und stürmischste Verlegenheit setzen, ich bin dann von dem Gedanken an dieses scheinbar Winzige und Nichtige erfüllt, durch und durch, während die Gegenwart, wie sie treibt und lebt, für mich unerklärlich geworden ist. Diese Momente sind eine schlechte Gewohnheit. Auch dies ist eine schlechte Gewohnheit, das was ich da mache, Gedankenaufnotieren. Ich gehe jetzt zu Frau Tobler. Vielleicht hat sie eine Arbeit häuslichen Charakters für mich. –
Er warf das Geschriebene in den Papierkorb und verließ das Bureau. In der Tat harrte seiner eine häusliche Arbeit, die darin bestand, die für den Winter bestimmten Vorfenster aus der Bodenkammer hinunter in den Keller zu tragen, wo sie geputzt und gewaschen werden mußten. So zog er denn gleich seinen Rock aus und schleppte Fenster hinunter. Frau Tobler war erstaunt über seinen feurigen Diensteifer, und die Waschfrau, die inzwischen putzte, sagte zu ihm, er sei etwa noch einer, den man ein bißchen zu allem brauchen könne. Sie hängte dem Lob eine Lehre an und bemerkte mit ihrer rauhen Stimme, das sei heutzutage, wo die Welt immer unsicherer und veränderlicher werde, beinahe notwendig, daß junge Leute lernten, sich in alles zu schicken. Ein Schaden sei es für einen jungen Mann jedenfalls nicht, wenn er auch mit den verachteten und geringen Dingen umzugehen wisse.
Nachdem die Fenster gewaschen waren, mußten sie in die Zimmer getragen, und in die richtigen Fensteröffnungen ordentlich hineingehängt werden. Frau Tobler ermahnte den Gehülfen zur Vorsicht, stund dabei und sah ein wenig ängstlich seinen Aushänge-Bewegungen zu, die ihr manchmal zu kühn vorkamen. »Wie gut dieser Frau der Ausdruck des Bangens steht,« dachte der Fensterarbeiter und war sehr zufrieden mit sich.
Das war vielleicht auch so eine schlechte Gewohnheit von ihm, daß er zufrieden, ja glücklich war, sobald es ihm vergönnt wurde, körperlich zu arbeiten. Strengte er denn wirklich seinen Geist, die bessere Menschenhälfte, so ungern an? War er zum Holzhauer oder zum Kutscher geboren? Hätte er in Urwäldern oder auf Meerschiffen als Matrose leben sollen? Schade, daß es in der Nähe von Bärenswil keine Blockhäuser zu bauen gab.
Nein, geistlos war er vielleicht keineswegs, das ist übrigens nicht so rasch irgend ein gesundgeborener Mensch. Aber er hatte so etwas Körperbevorzugendes an sich. In der Schule, er erinnerte sich öfters lebhaft daran, war er ein guter Turner. Er liebte das Gehen über Land, das Steigen auf Berge, das Abwaschen von Küchengeschirr. Er hatte letzteres zu Hause als Knabe getan und dabei seiner Mutter Geschichten erzählt. Arme- und Beinbewegungen empfand er als etwas Köstliches. Das Baden in kaltem Wasser war ihm lieber als das Nachdenken über hohe Dinge. Er schwitzte gern, das ließ unter Umständen tief blicken. War er der geborne Ziegelsteinträger? Hätte man ihn an einen Karren spannen sollen? Herkules war er jedenfalls nicht.
Ja, er hatte schon Geist, wenn er nur wollte, aber er machte zu gern Pausen im Denken. Als er eines Tages mitten im Dorf Bärenswil einen Mann sah, der Säcke schleppte, dachte er sogleich, das tue er auch, sobald Tobler ihn fortjage. Das war im Hochsommer gewesen. Und jetzt ist es Herbstende und man hängt Vorfenster an.
Nach Beendigung dieser Arbeit gab es jungen Wein zu trinken. Auch war es schon Nacht und Abendessenszeit. Die Unterhaltung am Tisch war sehr lebhaft, man blieb sitzen, nachdem alle schon längst mit Essen fertig geworden waren. Der Mann der Waschfrau, ein einfacher Fabrikarbeiter, fand sich ein. Frau Tobler lud ihn zu einem Glas Sauser ein, er setzte sich mit an den Tisch, und bald gab er ein fröhliches Lied zum besten. Es wurde ihm immer von neuem eingeschenkt, auch die andern tranken viel. Zu Bett mit euch, Kinder! rief nach einer Stunde Frau Tobler. Pauline trug Dora auf dem Arm von einem zum andern, um gute Nacht zu sagen. Die Waschfrau bewies, daß sie ein drolliges, schnellläufiges Mundwerk hatte, sie erzählte in einem fort Dorfgeschichten, Liebes- und Schauergeschichten. Der Mann fing wieder an zu singen. Seine Frau wollte es ihm verbieten, denn was er sang, war sehr frei, aber Frau Tobler sagte, er solle nur singen, was ihm einfalle, die Kinder seien ja jetzt fort, und ihnen andern allen könne ein ausgelassenes Wort nicht viel schaden, sie selber höre so etwas auch gern einmal an. Der Zauber des Weines legte dem schwärzlich anzuschauenden, einäugigen Gesellen tolle Reimereien auf die Lippen. Es wurde unbändig gelacht, am meisten von Frau Tobler, die »profitieren« zu wollen schien, da sie in den letzten Wochen zu ihrem Kummer fast gar keine Geselligkeiten genossen hatte. Wenn es keine feinen Leute waren, die ihr heute abend Gesellschaft leisteten, so waren es doch fidele. Arme Leute, aber aufrichtig fühlende. Außerdem empfand sie, sie konnte selber kaum sagen, aus welchem Grunde, das Bedürfnis, einmal recht ausgelassen zu sein, derart, daß sie Vergnügen fand, die Gläser immer wieder neu zu füllen, bis es Mitternacht wurde. Joseph war betrunken, er lallte und war nahe daran, unter den Tisch zu sinken. Die andern hielten sich besser. Frau Tobler hatte sich überhaupt mehr dem Genuß des Gespräches und des Lachens hingegeben als dem des Trinkens. Der Arbeiter aber schien ungeheuer viel vertragen zu können. Joseph stolperte eben die Treppe hinauf, um in sein Zimmer zu gelangen, als Tobler erschien mit der ärgerlichen Frage, warum wieder einmal die Verandalampe nicht gebrannt habe. Im Garten draußen sei es stockdunkel, da könne einer ja Arm und Beine brechen. Er sah, was im Wohnzimmer vorging. Frau und Mann aus der Nachbarschaft waren aufgestanden. Ein wenig später sagten die Leute schüchtern gute Nacht und gingen. Was das für eine Wirtschaft hier sei? fragte Tobler seine Frau. Diese konnte nur noch lachen und deutete mit dem Finger auf den Angestellten, der mit der einfachen Schwierigkeit kämpfte, die Treppe emporzugelangen. Der Herr war müde, so sagte er nicht viel. »Gesausert« war worden, es war ein wenig unschicklich, aber es war kein Verbrechen.
Am andern Morgen stand Joseph etwas früher auf und arbeitete extra fleißig, er empfand Gewissensbisse und fürchtete sich vor der Begegnung seines Meisters. Aber es wurde ihm weder ein Ohr abgerissen noch flog etwas um seinen Kopf herum. Tobler war freundlicher und vertraulicher als je, ja, er machte sogar Witze.
Im Laufe des Tages gestand der Gehülfe Frau Tobler, daß er sich gefürchtet habe. Sie schaute ihn groß an, als begreife sie irgend etwas an ihm nicht und sagte:
»Sie sind ein sonderbares Gemisch von Feigheit und Kühnheit, Joseph. Auf die schmalen Gesimse zu treten und mitten im Spätherbst in den See hinauszuschwimmen, das tun Sie ohne die mindesten Furchtgedanken. Auch eine Frau können Sie beleidigen, ohne stutzig zu werden. Wenn es aber gilt, vor dem Herrn und Vorgesetzten einen ganz unschuldigen Fehler zu vertreten, so fürchten Sie sich. Da ist man ja wahrhaftig gezwungen, anzunehmen, entweder Sie sind Ihrem Herrn sehr zugetan, oder aber, Sie hassen ihn heimlich. Was soll man glauben? Was soll ein so scharfausgeprägter Respekt eines Mannes vor einem andern Mann bedeuten? Gerade jetzt, wo es um die äußere Weltlage Toblers schlecht steht, muß es einen wundern, Sie diesen Mann in so zarter Weise hochachten zu sehen. Ich bin noch nicht klug aus Ihnen geworden. Sind Sie großherzig? Sind Sie ein Niedriger? Gehen Sie arbeiten. Ich soll nicht heftig werden und bin es doch Ihnen gegenüber. Und fürchten Sie sich in Zukunft nicht mehr vor meinem Mann, er hat noch keinem Menschen den Kopf abgebissen.«
Das war im Wohnzimmer gesprochen worden. Etwas später überraschte Joseph die Frau oben an der Türe ihres Schlafzimmers, sie hatte dieselbe zufällig offen stehen lassen, im Negligé. Sie stand, ohne an etwas zu denken, mit entblößten Armen neben dem Waschtisch und war mit dem Ordnen der Haare beschäftigt. Als sie Joseph hörte und sah, stieß sie einen Schrei aus und warf die Türe zu. Welche herrlichen Arme! dachte der Gehülfe und ging die Treppe weiter hinauf. Er hatte oben auf dem Boden etwas aus altem Gerümpel hervorzusuchen. Statt das was er suchte, fand er ein Paar alte Schaftstiefel von Tobler, die augenscheinlich nicht mehr benutzt wurden. Er schaute diese hohen Stiefel unverhältnismäßig lange an, bis er in Lachen ausbrach ob seiner Gedankenabwesenheit.
Da erschien Silvi auf dem Estrich, sie trug Wäsche in der Hand, die sie hier oben abzulegen hatte. Sie blieb vor Joseph stehen und betrachtete ihn, als ob sie ihn überhaupt noch nie gesehen hätte. Was für ein Kind! Dann legte sie ihre Sachen ab, aber statt hinunterzugehen, stöberte sie, und zwar scheinbar ohne viel Vernunft, in einer offenen Kiste herum und richtete an den ihr zuschauenden jungen Mann allerhand unverständliche Fragen. Silvis Anblick wurde demselben rasch unerträglich und er ging hinunter.
Im Bureau: »Frau Tobler wundert sich über mein Betragen. Dagegen möchte ich mich fast über das ihrige verwundern. Wie kommt sie dazu, solche Worte zu mir zu sagen, sie, die unselbständige Frau, die Mutter Silvis? Gleich werde ich gehen und es ihr ins Gesicht hineinsagen, was für eine Rabenmutter sie ist. Ich bin zwar nur der Angestellte des Hauses Tobler. Dieses Haus aber wankt, mag denn auch meine Lebensstellung wanken.«
Neben der Wohnzimmertüre stand Frau Tobler und sprach mit großer Erregung ins Telephon hinein. Offenbar handelte es sich wieder einmal um eine unangenehme Sache. Ihr Rücken zitterte und die Schultern hoben und senkten sich stürmisch. Sie sprach streng und gebieterisch. Sollte der andere Sprecher ein unverschämter Gläubiger sein? Ihre Stimme klang so hoch, daß sie in den eigenen Tönen und Bändern zu zerreißen drohte. Endlich war sie fertig. Sie zeigte Joseph ein ebenso stolzes wie schmerzvolles Gesicht. Sie hatte während des Sprechens geweint.
»Wer war das?« fragte er.
»O,« sagte sie, »der Bauunternehmer, der, der die Grotte gemacht hat. Er will Geld. Ich habe ihn aber, wie Sie soeben werden gehört haben, in die Schranken zurückgewiesen.«
Sie sagte nicht, in was für Schranken. Aber ob sie es nun gesagt oder nicht gesagt hatte, jedenfalls hatte der Gehülfe nicht mehr den Mut, sie eine Rabenmutter zu schelten.
Er hätte auch ebenso gut ans Telephon gehen können. Ob er es denn nicht klingeln gehört habe? Nein? Dann solle er doch immer die Bureautüre ein wenig offen stehen lassen, dann werde er es schon hören.
Joseph hatte es ganz gut klingeln gehört, aber er war zu träge gewesen und er hatte gedacht: »Die kann jetzt auch einmal telephonieren. Das schadet dem Hochmutston nichts.«
Walter kam und erzählte, wie Edi, sein Bruder, einem Bärenswiler Herrn die Zunge ausgestreckt, und die lange Nase gemacht habe. Edi sei in des Mannes Garten gedrungen, um Birnen zu nehmen, er sei aber überrascht worden und habe eine Ohrfeige gekriegt. Aus der Ferne habe dann Edi dem Mann allerhand Schimpfwörter nachgerufen.
Das müsse sie ihrem Mann sagen, meinte Frau Tobler.
»An Ihrer Stelle, Frau Tobler«, warf Joseph ein, »würde ich selber den Knaben bestrafen, meinetwegen hart, aber ich würde es niemals ›meinem Mann‹ sagen. Erstens ist Herr Tobler jetzt, wie ja Sie am besten wissen, mit anderweitigen Dingen genug beschäftigt, und zweitens sind Sie doch Edis Mutter und können gewiß ebenso gut wie Ihr Mann die Strenge, womit der Schlingel bestraft werden soll, messen. Hört Herr Tobler heute abend wieder, wie nun schon so oft, solcherlei Klagen aus Ihrem Munde, so dürfte er leicht außer sich geraten, und die Strafe wird nur zu leicht eine grausame, aber keine gerechte sein. Denken Sie doch, gnädige Frau, in welche Wutstimmung Sie Ihren Mann versetzen, wenn Sie ihn mit derartigen, in der Tat nicht sehr gewichtigen Dingen, in dem Moment belästigen, den er dazu benutzen will, wieder ein wenig im Kreise seiner Familie von seinen Geschäften und Gelderwerbsplänen auszuruhen, und Sie werden mir, so sehr Sie auch geneigt sind, mich für Ihren Kränker zu halten, recht geben. Verzeihen Sie mir. Ich habe im Interesse des Hauses Tobler gesprochen, ich liebe dieses Haus, ich habe den Wunsch, hier nur nützlich zu sein. Sind Sie mir böse, Frau Tobler?«
Sie lächelte und schwieg, indem sie es scheinbar für überflüssig fand, ein Wort zu erwidern. Sie ging in die Küche hinaus, er ins Bureau hinunter.
Herr Tobler kam zum Abendessen nach Hause, was selten geschah. Wie es gehe zu Hause, fragte er mit dunkler, gepreßter Stimme, er befand sich in übler Laune. Joseph fühlte sich sogleich unbehaglich beim Klang dieser Stimme. Diese Stimme, welchen Eindruck sie auf ihn machte! Mußte denn Tobler gerade zum Essen heimkommen, um zu konstatieren, wie sein Gehülfe es sich wohl schmecken ließ? Der Appetit verging ihm beinahe, und er nahm sich vor, gleich nach dem Essen noch rasch zur Post ins Dorf zu springen. Tobler hatte seinen Überzieher mühsam abgelegt. Joseph dachte bei sich, vielleicht wäre es gut getan gewesen, wenn er vom Platz aufgesprungen wäre und dem Herrn geholfen hätte, aus dem Mantel herauszukommen. Das würde womöglich Toblers schlechte Laune, die man ihm anmerkte, bedeutend gebessert haben. Warum nur so wenig zuvorkommend? Ob ihm das an der Mannesehre geschadet hätte? Schöne Ehre, dazusitzen und ängstlich zu hoffen, es werde keine Szene geben. Toblers Auftreten ließ Joseph immer Szenen befürchten. Ja, dieser Mann hatte etwas so Zurückgebändigtes an sich, etwas dick und rot Aufgehäuftes, etwas innerlich Knatterndes und leise Krachendes. Das sah aus, als ob es jeden Moment losbrechen möchte. Und da war es denn wirklich nicht angebracht, an Ehrverletzung zu denken, da tat man einfach das Gute, das Notwendige und das Zornesausbruch-Verhütende. Man zog einen Überzieher aus, und der ganze Familienabend konnte gerettet sein. Tobler konnte ja so entzückend kameradschaftlich werden, wenn er bei Laune war. Geradezu freigebig. Aber Joseph hatte sich geschämt, artig zu sein, und noch etwas, die Frau tat jetzt, als ob er an einem Schnürchen mechanisch wäre aufgezogen worden, den Mund auf und erzählte in aufreizendem Tone die Geschichte und Sünde Edis.