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Der Gehülfe

Front matter (continued 2)

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Das Dorf Bärensweil, die Gemeinde, in deren Bezirk sich die Toblersche Ansiedelung befindet, liegt eine gute Dreiviertelstunde Eisenbahnfahrt von der großen Kantonshauptstadt entfernt. Der Ort ist, wie fast alle Dörfer in dieser Gegend, reizend gelegen und zeichnet sich durch eine ganze Anzahl, teilweise aus der Rokokozeit herrührender, stattlicher, herrschaftlicher oder öffentlicher Bauten aus. Auch sind viele angesehene Fabriken hier, so Seidenfabriken, Bandwebereien, die ebenfalls schon ein ziemliches Alter haben. Die Industrie und der Handel haben hier vor ungefähr hundertfünfzig Jahren zum ersten Mal ihre mehr oder minder primitiven Räder und Gurten geschwungen, und sie haben sich bis zum heutigen Tag eines fortgesetzt guten Rufes nicht nur im Inland, sondern auch in der übrigen, weiten Welt zu erfreuen gehabt. Die Kaufleute und Fabrikanten sind aber nicht bloß im Gelderwerb hängen und stecken geblieben, nein, sie haben im Laufe der Jahre und der Geschmacksänderungen auch Geld ausgegeben, sie haben, wie man noch heute sehen kann, mit einem Wort gesagt, zu leben gewußt. Sie ließen sich in den verschiedenen Zeiten und Baustilen allerhand reizende, villenartige Gebäude aufrichten, deren unaufdringliche aber graziöse Form der zufällige Beschauer noch heute bewundern und im stillen beneiden kann. Jene reichgewordenen Leute haben sicher ihre Schlößchen und Häuser mit Geschmack und Gewicht zu bewohnen verstanden, derart, daß, wie man ahnen kann, damals ein schönes, solides häusliches Leben regiert und bestanden haben muß. Nun bauen aber die Nachkommen dieser alten vornehmen Handelsfamilien auch heute noch in einem gemessenen Stil. Sie verstecken ihre Häuser gern in ältere, bereits durch ein tüchtiges Wachstum ausgezeichnete Gärten, denn ihnen ist der Sinn für die Besonderheit und Schlichtheit durch die Übertragungen des gleichen Blutes geschenkt und gegeben worden. Auf der andern Seite sehen wir in Bärenswil oder Bärensweil viele armütige und elendigliche Bauwerke, und in diesen wohnen die Arbeiter, und auch diese dem Reichtum und der zierlichen Schönheit entgegengesetzte Seite hat schon ihre lange natürliche Überlieferung. Das armselige Haus kann eben ganz genau so fest und so lang und so gutbegründet weiterbestehen wie das wohlhabende und ausgesuchte; das Elend stirbt nicht aus, so lange die Pracht und das feinere Weltleben fortexistieren.

Ja, Bärensweil ist ein hübsches und nachdenkliches Dorf. Seine Gassen und Straßen gleichen Gartenwegen. Sein Anblick vereinigt sowohl städtisches als dörfliches und ländliches Wesen und Treiben. Wenn man hier eine stolze Frau nebst Gefolge zu Pferd daherreiten sieht, so muß man nicht vor lauter dummer Verwunderung vor den Kopf geschlagen sein, sondern man muß sich nur die Fabrikrohre anschauen und denken: hier wird eben Geld verdient, und das Geld schafft bekanntlich alles. Auch Kaleschen mit streng uniformierter Dienerschaft sind hier keine gar so sehr fabelhafte Seltenheit. Sie brauchen nicht Gräfinnen oder Baroninnen zu gehören, solches kann auch hie und da einer Fabrikbesitzersfrau gebühren, um so mehr, als in diesen Gegenden der stolze Gewerbefleiß wirklich zum alten Land- und Stadtadel zu zählen ist.

»Ein reizendes Nest,« würde ein gebildeter Fremder von Bärensweil sagen. Herr Tobler aber sagt das seit einiger Zeit nicht mehr, ja, er schimpft sogar auf »das Drecknest«, und zwar nur deshalb, weil einige Bärensweiler, mit denen er am Stammtisch des »Segelschiffes« zu sitzen pflegt, an die gesunde Basis seiner technischen Unternehmungen nicht so recht glauben wollen.

Denen wolle er es schon zeigen. Die möchten ihre Augen eines Tages schön aufreißen, sagt er in letzter Zeit öfters.

Aber warum ist Herr Tobler denn eigentlich hierher gezogen? Was hat ihn veranlaßt, zum Aufenthaltsort diese Gegend zu wählen? Darüber herrscht folgende, etwas unklare Geschichte. Tobler ist vor noch drei Jahren ein einfacher Angestellter, Hilfsingenieur in einer großen Maschinenfabrik gewesen. Da hat er eines Tages eine größere Summe Geldes geerbt und dadurch den Plan genährt, sich selbständig zu machen. Ein noch verhältnismäßig so junger und heißblütiger Mann ist in allen Dingen, so auch in der Ausführung von heimlichen Plänen, stets etwas rasch, und das ist ja ganz in der Ordnung. Tobler liest eines Abends, Nachts oder Tages eine Zeitungsannonce, wonach die Villa zum Abendstern, denn so nennt sie sich, zum Verkauf ausgeschrieben ist. Prachtvolle Seegegend, schöner, hochherrschaftlicher Garten, gute Eisenbahnverbindungen mit der nicht allzu weitentfernten Hauptstadt: Teufel, das sei, denkt er, etwas für ihn! Er macht kurzen Prozeß und kauft sich das Grundstück. Er kann als freier unabhängiger Erfinder und Geschäftsmann wohnen, wo es ihm beliebt, er ist an keinerlei Scholle gebunden.

Ein eigenes Heim! Dies ist der alleinige treibende Gedanke gewesen, der Tobler nach Bärensweil geführt hat. Das Heim kann stehen, wo es will, wenn es nur ein eigenes ist. Tobler will ein freiverfügender und -bestimmender Herr sein, und er ist es.

Am frühen Morgen nach der Festnacht schaute sich Joseph unten im Bureau ein wenig den »Schützenautomaten« an, der schließlich auch studiert sein wollte. Zu diesem Zweck nahm er ein Blatt Papier zur Hand, auf welchem die ausführliche Beschreibung dieser Maschine nebst zeichnerischen Wegleitungen zu lesen und zu sehen war. Was war es nun mit dieser Nummer zwei der Toblerschen Artikel? Die Nummer eins kannte man ja bereits beinahe auswendig, da sei es, dachte Joseph bei sich, Zeit, sich mit Neuem im Geist zu befassen. Und er wunderte sich, wie rasch es ihm gelang, sich mit dem innern und äußern Wesen dieser Nummer zwei vertraut zu machen.

Der Schützenautomat erwies sich als ein Ding, ähnlich den Schokoladenautomaten, die die reisenden Menschen auf Bahnhöfen und in allerlei öffentlichen Lokalen antreffen, nur entsprang dem Schützenautomaten nicht eine Platte Süßigkeit, Pfefferminz oder dergleichen, sondern ein Paket scharfer Patronen. Die Idee als solche war also keine gerade neue, sondern nur eine verfeinerte und verschärfte, auf ein anderes Lebensgebiet geschickt übertragene. Auch war der Toblersche Automat bedeutend größer, er war ein dickes, hohes Gestell von einem Meter und achtzig Höhe und dreiviertel Meter Breite. Der Leibesumfang des Apparates war der eines vielleicht hundertjährigen Baumstammes. Am Automaten war in ungefährer Manneshöhe ein Schlitz angebracht, zum Hineinwerfen oder -fügen des Geldstückes oder der Münze, die für Geld erhältlich war. Nach dem Einwurf hatte man einen Moment zu warten, dann an einem bequem zu erfassenden Hebel zu ziehen und das nun in eine offene Schale stürzende Paket Patronen ruhig in Empfang zu nehmen. Die ganze Sache war praktisch und einfach. Die innere Konstruktion beruhte auf drei sich gegenseitig bedienenden Hebeln, sowie auf einem abwärts gleitenden Kanal zur Beförderung der Patronen, die sich in gleichmäßigen, der staatlichen Verpackung entsprechenden Paketen in einer Art von Kamin zu dreißigen von Stücken aufeinandergetürmt befanden; zog man nun an dem Hebel mit dem bequem zu erreichenden Griff, so fiel eben eines der im Kamin befindlichen Stücke äußerst elegant heraus, und der Apparat funktionierte weiter, das heißt er blieb still, bis ein zweiter oder ein dritter Schütze des Weges daherkam und ihn von neuem zu der eben beschriebenen Betätigung reizte. Aber noch mehr! Der Automat hatte den Vorzug, mit dem Reklamewesen verbunden zu sein, indem eine kreisrunde Öffnung am oberen Teil desselben jeweilen bei Einwurf der Münze und Ziehen am Griff des Hebels eine schönbemalte Reklamescheibe zeigte. Dieses Reklamewesen bestand sehr einfach aus einem Reifen verschiedenartig gefärbten Papieres, der mit der ganzen Hebelvorrichtung in engster und zweckentsprechendster Verbindung stand, derart, daß der Sturz eines Patronenpäckchens jeweilen eine erneute Reklame unmittelbar und exakt an die kreisrunde Öffnung schob, indem sich der Papierreifen stückweis umdrehte. Der Streifen oder Reifen war in »Felder« abgeteilt, die Besetzung und Benützung der einzelnen Felder kostete Geld, und dieses Geld mußte die Kosten der Anfertigung des Automaten brillant herausschlagen: »Aufzustellen ist der Schützenautomat auf Schützenwiesen gelegentlich der zahlreich stattfindenden Schützenfeste. Was die Reklamen betrifft, so hat man sich zur Erlangung von Bestellungen und Aufträgen wiederum, wie bei der Reklame-Uhr, an nur erste Firmen zu wenden. Wenn man annehmen darf, daß sämtliche Felder mit Reklamen besetzt werden, und man darf das wohl annehmen, so verdient da Tobler (Joseph war mit seinen Gedanken so sehr beschäftigt, daß er anfing, mit sich selbst zu reden) wieder einen schönen Haufen Geld, denn was die Inserate einbringen, das übersteigt bei weitem die Kosten der Fabrizierung. Bei der Besetzung je eines Feldes in mehreren, sagen wir zehn Automaten, tritt natürlich eine wesentliche Preisermäßigung ein.«

Der Kassenbote der Bärensweiler Sparbank trat ein.

»Natürlich ein Wechsel,« dachte Joseph. Er stand von seinem Platz auf, nahm das Formular in die Hand, besah es von allen Seiten, schüttelte es hin und her, prüfte es auf das Genaueste, machte ein zugleich nachdenkliches und wichtiges Gesicht und sagte dann zu dem Boten, es sei gut, man werde vorbeikommen.

Der Mann nahm den Wechsel wieder zu sich und ging. Joseph nahm sogleich die Feder zur Hand, um brieflich den Aussteller des Wechsels zu ersuchen, noch einen Monat Geduld zu haben.

Wie leicht sich das schrieb. Auch der Bank mußte gleich telephoniert werden. In diesen Dingen hatte man nun hoffentlich bald ein wenig Routine. Da hatte er sich einfach hingestellt und seine Augen fest auf den zu zahlenden Betrag gerichtet, und dann hatte er einfach den Boten ruhig, ja sogar etwas streng angeschaut. Wie der Mann Respekt bekam! Leute, die Geld von Tobler haben wollten, mußten in Zukunft noch ganz anders, noch viel kräftiger, abgefertigt werden. Das war Pflicht, das gebot das Zartgefühl Herrn Tobler gegenüber. Der Chef durfte jetzt unter keinen Umständen an diese widerwärtigen Bagatellen erinnert werden. Der hatte gerade jetzt ganz anderes zu tun, den konnten jetzt nur die großen Sorgen beschäftigen. Dafür hatte ja Tobler einen Angestellten, damit dieser womöglich intelligente und geistreiche Kerl ihm die kleinlichen Unannehmlichkeiten abnahm, sich dicht an der Tür aufstellte, um ungerufene, steife Akzeptwechselmenschen energisch weiterzubefördern. Nun, das tat Joseph ja auch. Aber dafür rauchte er jetzt auch wieder einmal einen von den eben aus dem Dorf herspedierten, neuen Zigarrenstumpen.

Er ging im Bureauraum auf und ab. Tobler war den Geschäften nachgegangen und blieb wahrscheinlich heute den ganzen Tag von zu Hause weg. Wenn da jetzt nur nicht etwa der Herr Johannes Fischer ankam, das würde fatal sein.

Dieser Johannes Fischer hatte auf die Annonce »Für Kapitalisten« hin sich schriftlich gemeldet und schrieb, er werde sehr wahrscheinlich schon in allernächster Zeit einmal in Bärensweil zwecks Besichtigung der betreffenden Erfindungen vorsprechen.

Welch zarte, beinahe weibliche Handschrift der Mann besaß. Dagegen war die Schrift Toblers wie mit dem Spazierstock gesetzt. Solche schlank- und feinschreibenden Menschen machten einen schon zum voraus große Reichtümer ahnen. So wie dieser Mann schrieben beinahe alle Kapitalisten: exakt und zugleich etwas nachlässig. Diese Handschrift entsprach ganz und gar einer vornehmen und leichten Körperhaltung, einem unmerklichen Kopfnicken, einer ruhigen, sprechenden Handbewegung. Sie war so langstielig, diese Schrift, eine gewisse Kälte strömte sie aus, sicher war er das Gegenteil eines heißblütigen Gesellen, der so schrieb. Diese paar Worte: kurz und artig im Stil. Die Höflichkeit und Bündigkeit erstreckten sich sogar auf das intime Format des blitzsauberen Briefpapieres. Auch noch parfümiert trat dieser Herr Johannes Fischer unbekannterweise auf. Wenn er nur heute nicht kam. Tobler würde das lebhaft bedauern, ja, es konnte geschehen, daß er, toll vor Ärger, ganz außer sich käme. Übrigens hatte er den Befehl zurückgelassen, dem Herrn, wenn er anlangte, alles ordentlich zu zeigen und auseinanderzusetzen, und ganz besonders eingeschärft hatte er Joseph, diesen Herrn Fischer unter keinen Umständen wegziehen zu lassen, sondern ihn so lange aufzuhalten zu suchen, bis Tobler wieder zu Hause wäre. Womöglich ließ sich ja diesem anscheinend hocheleganten Fremdling eine Tasse Kaffee anbieten, denn es war noch lange nicht gesagt, daß der zu nobel für so etwas sei. Solch ein zierliches Gartenhaus, wie Toblers eins hatten, durfte für jedermann, auch für die höchstgestellte und erhobene Person, ein Gegenstand ruhigen Betrachtens und Genusses sein. Dieser Herr Kapitalist mochte also immerhin nur daherzutraben kommen, es war, glaubte Joseph, genügend gesorgt für ihn.

Aber Joseph war es doch ein wenig bange.

Wie nett es sich übrigens für ihn hier lebte, wenn der Herr Prinzipal sich außerhalb befand. So ein Prinzipal, er mochte der netteste Mensch von der Welt sein, blieb doch immer eine Ursache zum fortwährenden Aufpassen. War er guter Laune, so hatte man beständig Angst, etwas könnte kommen und die fröhliche Gebieterlaune ins gerade Gegenteil umschlagen. War er gehässig und bissig, so hatte man die mehr wie saure Pflicht, sich selber für einen struben Gauner zu halten, weil man sich unwillkürlich als der elende Veranlasser der schlechten Stimmung ansah. War er gleichmütig und gesetzt, so blieb die Aufgabe vor, diesem gleichmäßigen Wesen keinen auch nur fadenscheinig dünnen Schaden anzutun, damit es sich ja nicht etwa mit einem Ritzchen und Spältchen verletzt fühle. War der Herr spaßig aufgelegt, so verwandelte man sich augenblicklich in einen Pudel, da es doch galt, dieses lustige Tier nachzuahmen und die Witze und Zoten behend aufzuschnappen. War er gütig, so kam man sich wie ein Elender vor, war er grob, so fühlte man sich verpflichtet zu lächeln.

Das ganze Haus war ein anderes, wenn der Hausherr nicht da war. Die Frau schien auch eine ganz andere zu sein, und die Kinder, namentlich die beiden Knaben, denen sah man das Vergnügen über des strengen Vaters Abwesenheit von weitem an. Es war etwas Ängstliches fort, wenn Tobler weg war. Auch etwas allzu Gespanntes und Gewichtiges.

»Bin ich eine solche duckmäuserische Angestelltenseele?« dachte Joseph. Da kam Silvi, das ältere der kleinen Mädchen, und rief zum Mittagessen.

Nachmittags, Joseph saß gerade beim Kaffee und plauderte mit Frau Tobler, schritt ein Herr den Garten zum Haus hinauf.

»Gehen Sie ins Bureau, es kommt jemand,« sagte die Frau zum Gehülfen.

Dieser lief eilig weg und konnte nur bis zur Bureau-Eingangstüre gelangen, als ihm auch schon der Fremde entgegentrat. Ob er die Ehre habe, Herrn Tobler selber vor sich zu haben, frug mit angenehmer Stimme der Ankömmling. Nein, sagte Joseph etwas betreten, Herr Tobler sei leider gerade verreist, er selber sei nur der Angestellte, aber er bitte, eintreten zu wollen.

Der Herr sagte seinen Namen. »Ah Herr Fischer!« rief Joseph aus. Er verneigte sich etwas zu fröhlich, etwas zu freudig vor Herrn Johannes Fischer, und er bemerkte auch sogleich den Fehler, den er gemacht hatte.

Sie traten beide, der Kapitalist voran, in das Zeichenbureau ein, wo derselbe sogleich nach den technischen Dingen sich zu erkundigen begann, während er sich mit einer gewissen Überlegenheit nach allen Seiten umschaute.

Joseph erklärte ihm die Reklame-Uhr. Er holte ein Exemplar derselben in Natura herbei, legte sie vor die Augen des Gastes auf den Tisch zur Besichtigung, und schickte sich zu gleicher Zeit an, dem aufmerksam alles, was ihn umgab, beobachtenden Mann die Gewinnchancen des Werkes auseinanderzusetzen.

Der Fremde, der mit Interesse zuzuhören schien, fragte, indem er die Adlerflügel der Uhr betrachtete, ob man sich in der Höhe der angenommenen Reklamegelder nicht vielleicht, wie das ja in einem solchen Falle leicht möglich sei, ein wenig verrechne? Und ob bereits Reklame-Aufträge eingelaufen seien?

Er nahm es ruhig mit seinen Fragen. Und ein bißchen nachdenklich schien er geworden zu sein, was sich Joseph, vielleicht etwas früh, zu seinen Gunsten auslegte.

Dieser erwiderte, die Summe dürfte wohl kaum als zu hoch gegriffen betrachtet werden, im Gegenteil, und Aufträge seien bereits in ganz erfreulicher Anzahl da.

»Und die Uhr kostet?«

Joseph versuchte auch das dem Herrn Fischer klar zu machen, wobei er ein ganz klein wenig, er wußte selbst nicht warum, stotterte. In der Ungewißheit, wie er sich zu benehmen habe, wollte er sich einen gemütlichen Stumpen anzünden, verwarf aber dieses plötzliche Gelüste als nicht ganz schicklich. Er errötete.

»Wie ich sehe,« sprach Herr Fischer, »handelt es sich hier um ein scheinbar ganz vortrefflich geplantes und auch, wie mir scheint, bereits ganz gut vorbereitetes Unternehmen. Dürfte ich mir erlauben, einige kleine Notizen zu machen?«

»Aber bitte!«

Joseph hatte eigentlich sagen wollen: bitte recht sehr. Aber Stimme und Lippe wollten ihm den erforderlichen Dienst nicht leisten. Warum? War er aufgeregt? Jedenfalls, das spürte er deutlich, war er schon darauf vorbereitet, zu sagen, dem Herrn dürfte es vielleicht angenehm sein, im Garten eine Tasse Kaffee zu trinken.

»Meine Frau wartet unten,« bemerkte leicht der andere. Er schrieb einiges mit Bleistift in ein elegantes Notizbuch. Plötzlich war er fertig. Joseph hatte den unfeinen Eindruck, als habe es der Kapitalist mit seinen verständnis-erleichternden Notizen nicht ernst genommen. Er wollte den Mund auftun, um zu sagen, er könne ja rasch hinunterspringen und die Dame, die unten wartete, heraufholen.

Herr Fischer sagte, er bedaure, Herrn Tobler persönlich nicht angetroffen zu haben. Dies sei schade, aber er hoffe, dieses Vergnügen werde ihm nicht verloren gehen. Jedenfalls danke er verbindlichst für die erhaltene, liebenswürdige Auskunft. Joseph versuchte zu reden.

»Schade,« nahm wieder der andere das Wort, »ich würde mich äußerst wahrscheinlich gleich zu etwas Definitivem haben entschließen können. Die Reklame-Uhr hat mir sehr gut gefallen, und ich bin der Ansicht, daß sie sich rentieren wird. Wollen Sie die Güte haben, und Ihrem Herrn Chef eine höfliche Empfehlung von mir ausrichten? Ich danke Ihnen.«

»Man kann ja« – War das Joseph, der nicht besser sprechen konnte?

Herr Johannes Fischer hatte sich kurz verbeugt und war gegangen. Sollte man ihm nachspringen? Was ist man in diesem Augenblick? Muß Joseph sich nun vor die Stirn schlagen? Nein, es scheint, er muß nun ins Gartenhaus gehen, zu einer gespannt und besorgt wartenden Frau, um derselben zu sagen, wie »unverantwortlich kopflos« er sich benommen hat.

»Das ist dumm, sehr dumm,« dachte er.

Als er im Garten- oder Kaffeehaus anlangte, war Frau Tobler eben damit beschäftigt, dem Knaben Walter eine Tracht Prügel zu verabreichen. Sie weinte und sagte, es sei nicht schön, was sie für Unholde von Kindern habe. Dadurch wurde es dem Angestellten recht eigentlich trübe ums Herz: Auf der einen Seite eine weinende und erzürnte Frau, auf der andern Seite ein ironisch winkender und grüßender Kapitalist, und im Hintergrund die Ahnung von der Mißbilligung Toblers.

Er setzte sich an den vor zehn Minuten eilig verlassenen Platz und goß sich noch eine Tasse Kaffee ein. Er dachte: »Warum nicht nehmen, wenn es doch da ist? Alle Abstinenz der Welt ist jetzt doch nicht imstande, das herankommende Ungewitter von meinem Kopf abzulenken.« –

»War das dieser Herr Fischer?« fragte die Frau. Sie hatte die Augen getrocknet und schaute nach der Landstraße hinunter. Dort unten stand in der Tat noch Herr Fischer. Er und die Dame schienen sich am Anblick des Toblerschen Besitztums zu ergötzen.

»Ja,« antwortete Joseph, »ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber es war unmöglich, er sagte, er müsse absolut gehen. Übrigens hat man ja für alle Fälle seine Adresse.«

Er log! Wie einem die Schwindeleien ruhig zum Mund herauskamen. Nein, er hatte nicht sein Möglichstes getan, zu versuchen, Herrn Fischer aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es einfach eine freche, frivole Lüge.

Frau Tobler sagte bekümmert, das werde ihnen beiden ihr Mann sehr übel nehmen, sie kenne ihn genau in diesen Stücken.

Sie schwiegen beide eine Weile. Silvi, das Mädchen, saß auf einem Gartenstein und sang in leisen, dummen Tönen. Frau Tobler befahl ihr zu schweigen. Wie das heiß war, sonnig, gelblich und bläulich. Der Geldmann war jetzt nicht mehr zu sehen.

»Sie haben wohl ein wenig Angst?« sagte die Frau und lächelte.

»O wegen der Angst,« entgegnete Joseph trotzig, »das ist das wenigste. Übrigens kann Herr Tobler mich fortjagen, wenn er will.«

Er solle nicht so sprechen, sagte sie, das sei weder klug noch recht und müsse eigentlich ein recht schlimmes Licht auf seinen Charakter werfen. Natürlich habe er jetzt ein wenig Angst, man könne ihm das ja ganz schön ansehen. Aber er solle sich nur beruhigen, auffressen werde ihn »Karl« nicht können. Es werde heute abend eben ein gelindes Donnerwetter absetzen, auf das dürfe Joseph immerhin sich gefaßt machen.

Sie lachte hell und schön auf und fuhr fort zu sprechen.

Sie habe, sagte sie, immer recht gut den Respekt begriffen, den ihr Mann andern Menschen einzuflößen verstehe. Für Fernerstehende habe er beinahe etwas Furchtgebietendes, das sei so, und sie spreche jetzt ernsthaft, und sie verstehe das ausgezeichnet. Nur sie selber habe nicht die geringste Angst vor Tobler.

»Wirklich?« machte Joseph. Er war ruhiger geworden.

Wirklich nicht, plauderte sie weiter. Sie müsse nicht hell von Verstand sein, wenn sie sich in dieser Beziehung einer Täuschung hingeben könne. Sie empfinde die schrecklichsten Wutausbrüche ihres Mannes eher als ein Lustspiel, als wie eine Tragödie, sie müsse jedesmal, sie wisse selbst nicht ganz recht warum, laut lachen, wenn er ihr grob begegne. Ihr sei das nie merkwürdig, sondern immer natürlich an ihr erschienen, aber sie wisse wohl, daß es Leute gebe, die, wenn sie so etwas sehen, die Augen und den Mund vor Verwunderung aufreißen, darüber, daß es eine anscheinend so unselbständige Frau, wie sie eine sei, wage, das Betragen des Mannes komisch zu finden. Komisch finden? O sie finde es manchmal gar nicht so komisch, wenn Tobler heimkomme und an ihr alle aufgesammelten schlechten Eindrücke, die ihm die Welt hinterlassen habe, auslasse, in solchen Fällen habe sie nötig, Gott zu bitten, ihr die Kraft zu einem Gelächter zu geben. Man gewöhne sich übrigens nach und nach ans Gehudelt- und Gescholtenwerden, auch wenn man nur »eine unselbständige Frau« sei. Auch eine solche Frau denke hin und wieder ernsthaft über die Dinge der Erde nach, so zum Beispiel denke sie jetzt, der Tumult, der ihnen beiden heute abend bevorstehe, werde kein andauernder, sondern, wie es stets mit derartigen Gewittern bestellt sei, nur ein vorübergehender sein können.

Sie erhob sich. Sie hatte in diesem Augenblick etwas Gelassen-Ironisches an sich.

Joseph rannte rasch in sein Turmzimmer hinauf. Er hatte das Bedürfnis, einen Augenblick allein mit sich zu sein. Er wollte sich in aller Eile ein wenig »zurechtdenken«, aber er fand die passenden und beruhigenden Gedanken nicht. So trieb es ihn wieder in das Kontor hinunter, aber auch dort wurde er dieses beschämende Gefühl des Unheimlichen nicht los. Um es endgültig zu bewältigen, lief er schnurstracks zur Post, obgleich es noch nicht Zeit dazu war. Das Marschieren mit den Beinen beruhigte und tröstete ihn, und der Anblick der freundlichen, landschaftlichen Welt erinnerte ihn an die Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit der Unruhe. Im Dorf trank er ein Glas Bier, um Humor in den Ton seiner Stimme zu bekommen, er würde eine gewisse Unempfindlichkeit heute nacht gut brauchen können, dachte er. Wieder zu Hause angekommen, machte er sich sogleich dahinter, vermittels eines langen Gummischlauches den Garten zu spritzen. Das dünne Wasser beschrieb in der Abendluft einen schönen, hohen Bogen und fiel klatschend auf die Blumen und Gräser und Bäume herab. Wenn etwas beruhigen konnte, so war es das Spritzen, denn man empfand während dieser Arbeit eine eigentümlich gemütliche und fest geschlossene Zugehörigkeit zum Toblerschen Haus. Wer noch kurz vorher so viel Eifer bewies, den Garten zu pflegen, den konnte man sicherlich nicht allzuwüst anschimpfen.

Zum Abendessen gab es gebackene Fische. Es war doch einfach unmöglich, kurz vorher noch gebackene Fische zu essen und dann gleich nachher der Elendeste der Menschen zu sein. Das vertrug sich nicht recht zusammen.

Wie schön wieder der Abend war. Konnte man an solch einem herrlichen Abend den Unternehmungen Toblers Verluste beigebracht haben?

Die Magd setzte eine brennende Lampe ins Gartenhaus. Nein, im Licht einer so hübschen, traulichen Lampe durfte man von Tobler erwarten, daß er sich den verfehlten Besuch des Herrn Fischer nicht allzu heftig zu Herzen nähme.

Endlich begehrte Frau Tobler noch, von Joseph in der Schaukelbahn geschaukelt zu werden. Sie setzte sich auf das Brett und er zog die Seile an, und die Reitschule setzte sich in schwingende Bewegung. Das war so schön anzusehen, daß der Gedanke, jetzt werde Tobler kommen und alle diese Bilder stören, leichtsinnig abgewiesen wurde.

Gegen zehn Uhr hörten Frau Tobler und Joseph Schritte im Kies den Garten heraufkommen, es waren »die seinen«.

Sonderbar, sowie man Schritte eines Bekannten hört, ist dieser Näherkommende auch bereits leibhaftig da, sein wirkliches Erscheinen ist dann nie eine Überraschung mehr, mag er dann ausschauen wie er will.

Tobler war müde und gereizt, aber das war nichts Überraschendes, denn so pflegte er immer nach Hause zu kommen. Er setzte sich, atmete hörbar auf, als einem wohlbeleibten Mann hatte ihm das Erklimmen des Hügels Mühe verursacht, und verlangte seine Pfeifen. Joseph sprang wie besessen ins Haus hinein, um sogleich das Gewünschte herbeizuholen, glücklich darüber, seinem Vorgesetzten für eine halbe Minute wenigstens aus dem Wege zu gehen.

Als er mit den Rauchutensilien zurückkam, hatte sich die Lage der Dinge bereits verändert. Tobler sah schrecklich aus. Die Frau hatte ihm rasch alles gesagt. Sie stand jetzt da, unerhört kühn, wie es Joseph erschien, den Mann ruhig anschauend. Dieser sah aus, wie einer, der nicht fluchen kann, weil er fühlt, daß er es zu unmäßig täte.

»Also Herr Fischer war da, wie ich höre,« sagte er, »wie haben ihm die Dinger gefallen?«

»Sehr gut!«

»Die Reklame-Uhr?«

»Ja, die hat ihm besonders gut gefallen. Er sagte, sie scheine ihm ein ganz ausgezeichnetes Unternehmen zu sein.«

»Haben Sie ihn auch auf den Schützenautomaten aufmerksam gemacht?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Herr Fischer hatte so große Eile, seiner Frau wegen, die unten am Gartentor wartete.«

»Und Sie haben sie warten lassen?«

Joseph schwieg.

»Und ich muß einen solchen Tropf von Angestellten haben,« schrie Tobler, außerstande, die Wut und den geschäftlichen Jammer, die ihn verzehrten, länger zurückzuhalten, »ich muß das Unglück haben, von der eigenen Frau und einem nichtsnutzigen Gehülfen betrogen zu werden. Da soll der Teufel Geschäfte machen.«

Er würde die Petroleumlampe mit der Faust zerschlagen haben, wenn Frau Tobler sie nicht glücklicherweise in diesem Moment, bevor die Hand niedersauste, etwas weiter gerückt hätte.

»Du brauchst dich gar nicht so furchtbar aufzuregen,« rief die Frau, »und zu sagen, ich betrüge dich, das verbiete ich dir. Sonst weiß ich dann auch noch, wo Vater und Mutter wohnen. Auch der Joseph verdient nicht, daß er mit Ausdrücken solcher Art beschimpft werde. Schick ihn ganz fort, wenn du dich durch ihn geschädigt glaubst, aber mach keine solche Szenen.«

Sie hatte das als »unselbständige Frau« natürlich weinend gesprochen, aber was sie sprach, das hatte seinen Eindruck durchaus nicht verfehlt, Tobler war sofort ruhig geworden, das »Gewitter« war am Vorübergehen. Er fing an, mit Joseph zu ratschlagen, was man tun könne, um sich die Kapitalien des Herrn Johannes Fischer nicht entgehen zu lassen. Morgen früh müsse sogleich telefoniert werden.

Im Leben gewisser Handelsleute spielt das Telephon eine große Rolle. Die kaufmännischen Gewaltstreiche wollen in der Regel telephonisch begonnen werden.

Schon der bloße Gedanke, daß man ja diesem Herrn Fischer morgen früh telephonieren könne, machte beider, Toblers und Josephs, Hoffnungen wieder aufleben. Wie war es denn möglich, daß, wenn man derartige Hilfsmittel zur Verfügung hatte, das Geschäft zu Schanden gehen konnte?

Und Tobler würde sich unmittelbar nach der drahtlichen Ankündigung in den Zug setzen und nach der Residenz fahren, um diesem »entflohenen Vogel« einen persönlichen Besuch abzustatten.

Die Stimme Toblers zitterte noch dunkel, als er schon längst wieder heiter und vergnügt geworden war, als habe die Aufregung innerlich weitergebrannt. Alle drei spielten noch bis in die späte Nacht hinein Karten. Joseph müsse das Kartenspiel auch lernen, hieß es, es sei einer kein rechter Mann, wenn er dieses Spiel nicht verstehe.

Am nächsten Morgen wurde, wie verabredet, telephoniert. Tobler warf sich in den Eisenbahnwagen, mit welch zuversichtlicher Miene! Abends war die Miene eine gedrückte, zornige und traurige. Das Geschäft war nicht zustande gekommen. Statt der flüssigen Gelder gab es eine neue, bittere Szene im nächtlichen Gartenhaus. Tobler saß da wie das verhaltene Ungewitter selber und gefiel sich in unschönen, gotteslästerlichen Verwünschungen. So sagte er unter anderem, seinetwegen möchte die ganze Erde in Morast versinken, das käme jetzt alles auf ein und dasselbe heraus. Er selber wate so wie so in nichts anderem mehr als in einer Unmasse von Schlamm.

Als er sich sogar dazu verstieg, sich und alles, was ihn umgebe, zum Teufel in die Hölle zu wünschen, gebot ihm Frau Tobler Mäßigung. Er aber fuhr sie so grausam hart an, daß es sie, den Kopf voran, auf die Tischplatte niederstreckte, worauf sie sich hoch aufrichtete und mit sanft gesetzten Schritten davonging.

»Sie haben Ihrer Frau wehgetan,« wagte Joseph in einem Anflug von weltmännischer Ritterlichkeit zu sagen.

»Ach was wehgetan! Da ist eine kleine Welt verletzt,« erwiderte Tobler.

Dann skizzierten sie beide zusammen eine neue Annonce für die täglich erscheinenden Weltblätter. In dem Inserat kamen Worte vor wie: »Glänzendes Unternehmen«, »Höchster Gewinn bei absoluter Risikolosigkeit«. Das würde man gleich andern Tages in die Annoncenexpedition schicken.

Es wurde wieder Sonntag und Joseph bekam wieder fünf Mark in die Tasche. Er genoß wieder den Vorzug, nach Belieben im Zeichenzimmer antreten zu dürfen. Gerade das hatte entschieden etwas Poetisches. Heute würde es wieder ein feines Essen geben, vielleicht einen Kalbsbraten, schön gelblich und bräunlich, mit Blumenkohl aus dem Garten, und dann vielleicht Apfelmus, das hier oben so wundervoll schmeckte. Auch die bessere Zigarre wurde ihm verabreicht. Was doch Tobler für eine Manier besaß, zu lachen und einen spöttisch von oben herab anzusehen, sobald es sich darum handelte, Zigarren zu verabreichen. Gerade, als ob Joseph ein Schlossermeister gewesen wäre, zu dem man sagt: »Da. Nehmen Sie. Sie rauchen gewiß auch ganz gern einmal eine bessere Zigarre.« Als ob Joseph soeben mit Gitteranstreichen oder Türschloßausbessern fertig geworden wäre, oder als ob er soeben einen Baum gestutzt hätte. Das war die Art, wie man einem tüchtigen Gärtner eine Zigarre gibt. War denn etwa Joseph nicht Toblers »rechte Hand«, und durfte man glauben, man zeichnete eine solche rechte Hand gebührend aus, indem man ihr Sonntags etwas Besseres zu rauchen darbot?

Er blieb etwas länger im Bett heute, er öffnete die Fenster und ließ sich im Bett von der weißlichen Morgensonne anscheinen und anblenden, was eben auch genossen sein wollte, so gut wie verschiedenes anderes auch, wie zum Beispiel der Gedanke an das Frühstück. Wie war heute alles sonnig und sonntäglich. Das Sonnige und das Sonntägliche schienen von weit her schon Brüderschaft miteinander geschlossen zu haben, und der innige Gedanke ans ruhige Frühstück, ja, der war auch aus so etwas Sonnigem und Sonntäglichem gewoben, das spürte man jetzt deutlich. Wie wäre es möglich gewesen, heute etwa verdrießlich zu sein, oder gar mißgestimmt, oder gar melancholisch. Es war etwas Geheimnisvolles in allem, in jedem Gedanken, an den eigenen Beinen, an den Kleidern auf dem Stuhl, am Schrank, zwischen den blendend sauber gewaschenen Gardinen, an der Waschkommode, aber dieses Geheimnisvolle war nicht beunruhigend, im Gegenteil, es ruhete und lächelte und friedelte einen förmlich an. Eigentlich war man gedankenlos, und man wußte gar nicht warum, aber man schien zwingende Ursache dazu zu haben. In und an der Gedankenlosigkeit lag so viel Sonne, und wo Sonne war, da dachte Joseph unwillkürlich an köstlich gedeckte Frühstückstische. Ja, mit dem einfachen Gedanken fing dieses dumme aber beinahe süße Sonntägliche schon an.

Er stund vom Bett auf, kleidete sich besser als sonst an und trat auf die viereckige Plattform, die ihm zur Verfügung stand, hinaus. Von hier sah man auf die Kronen der im Nachbarobstgarten gelegenen Bäume hinüber. Wie ruhig und blendend sonnig hier alles aussah. Pauline, die Magd, deckte den Morgentisch draußen an der freien Luft. Diesem Anblick konnte der Gehülfe nicht länger widerstehen, es riß ihn hinunter zu Kaffee, Brot, Butter und Eingemachtem.

Später ging er ins Bureau hinunter. Es war ja nicht viel zu machen da unten, aber er setzte sich trotzdem, angezogen von einem beinahe lieblichen Gewohnheitsgefühl, an den Schreibtisch, der wie ein Küchentisch aussah, und korrespondierte. Ach, es war heute das reine Tändeln mit der sonst so ernsthaften Feder. Das Wort »telephonische Unterredung« erschien ihm ebenso sonntäglich geputzt wie das Wetter und die Welt draußen. Die Redewendung »und gestatte ich mir« war blau wie der See zu Füßen der Villa Tobler, und das »hochachtungsvoll« am Schluß des Schreibens schien nach Kaffee, Sonne und Kirschenmarmelade zu duften.

Er trat zur Bureautür in den Garten hinaus. Das war ja auch sonntäglich, daß man sich gestatten durfte, mir nichts dir nichts die Arbeit zu unterbrechen, um rasch den Garten ein bißchen inspizieren zu gehen. Wie das duftete, wie heiß es schon war, trotz der noch frühen Morgenstunde. Da würde man vielleicht in einer halben Stunde baden gehen, so »genau kam es sicher nicht darauf an«. Ja heute durfte man diese Worte Tobler ruhig ins Gesicht hineinsagen, er würde ganz derselben Meinung wie Joseph sein. Das »Nichtdaraufankommen«, das war schließlich der ganze Unterschied zwischen einem Sonntag und einem Werktag. Wie der ganze Garten verzaubert dalag, verzaubert von Hitze, Bienensummen und Blumenduften. Heute abend würde man den Garten auch wieder einmal recht tüchtig spritzen müssen.

Joseph kam sich wie das Ideal eines Angestellten vor, indem er das dachte. Er trug jetzt die Glaskugel ans Freie hinaus.

Da kam ihm Tobler, mit einem wahrhaft noblen neuen Anzug bekleidet, entgegen und erklärte ihm, daß er heute mit Frau und Kindern ausreisen wolle. Man könne nicht immer zu Hause sitzen, und der Frau müsse man auch einmal eine Freude gönnen. Was Joseph beträfe, so werde der wahrscheinlich, wie Tobler denke, nach der Stadt fahren, um seine dortigen Freunde aufzusuchen.

»Das laß du nur einstweilen meine Sache sein, das mit den Freunden,« gab Joseph dem Herrn im stillen als stumme Antwort zurück. Laut sagte er, nein, er wolle heute da bleiben, es passe ihm besser so.

»Das können Sie meinetwegen halten, wie Sie wollen,« sprach Herr Tobler. Ungefähr nach einer halben Stunde stand die kleine Ausflugsgesellschaft, bestehend aus den beiden Ehehälften Tobler, den beiden Knaben, dem Fräulein aus der Nachbarschaft und der kleinen Dora, reisefertig vor dem Haus, um dem an einem ziemlich weit entfernten Ort stattfindenden kantonalen Sängerfest einen halbtägigen Besuch abzustatten. Frau Tobler hatte ein schwarzseidenes Kleid an und sah beinahe imponierend darin aus. Sie empfahl Pauline Obacht über das Haus an, und zu Joseph sagte sie in gemütlichem Ton, er möge ebenfalls ein bißchen aufpassen auf alles, was um das Haus herum vorgehe, da er doch, wie sie gehört habe, zu Hause bleiben wolle.

Endlich begab man sich fort unter dem Geheul des an der Kette festgebundenen Hundes, den es bitter zu verdrießen schien, allein zurückbleiben zu müssen. Neben Joseph kauerte die Silvi, das Schwesterchen der Dora, am Boden. Dieses Mädchen schien sich nicht im geringsten über die Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, zu grämen. Darin, daß allein sie von den vier Kindern dagelassen wurde, erblickte sie etwas Alltägliches. In der Tat war sie längst an allerlei Zurücksetzungen gewöhnt, derart, daß ihr beinahe schon alles Empfinden dafür abhanden gekommen war.

»Viel Vergnügen zu Hause, Marti,« hatte Tobler zu Joseph noch gesagt.

»Ja viel Vergnügen! Sorgen Sie gefälligst für Ihr Vergnügen, Herr Ingenieur Tobler,« dachte Joseph ein wenig bitter, als er es sich, mit einem Buch in der Hand, auf dem Bett, das er halb abdeckte, oben in seinem Lustgemach, bequem gemacht hatte:

»Da gehen sie, diese merkwürdigen Herrschaften Tobler, mitsamt dem sauren Engel aus der Parkettfabrik, auf vergnügliche Sängerfahrten, und die kleine Silvi lassen sie zu Hause wie ein widerwärtiges Häuflein Unrat. Diese Silvi ist nur so ein kleines Hudelchen, für das das schöne Sonntagswetter zu schade ist. Die schöne Frau Tobler mag das Mädchen nicht ausstehen, es ist ihr zu wenig schön, da muß es eben zu Hause sitzen. Und dieser Herr Unternehmer! Vor drei Tagen noch haben ihn die Wut und das Gefühl der Enttäuschung von links nach rechts und im Kreis herum geschüttelt, daß es ein Jammer gewesen ist, und heute sagt er zu mir, er wünsche mir viel Vergnügen, und ich solle in die Stadt zu Bekannten und Freunden fahren. Er fürchtet, ich würde mit Pauline, seiner Dienstmagd, anbandeln, das ist alles.«

Er gestand sich, daß er zu bitter sei und zwang sich zur Lektüre des Buches. Da ihm aber dies nicht gelingen wollte, legte er das Buch beiseite, trat an den Tisch heran, nahm seine private Feder zur Hand und einen Streifen Papier und schrieb folgendes darauf:

Memoiren.

Ich habe soeben gehässige Gedanken hegen wollen, aber ich verbiete mir das. Dann habe ich lesen wollen, aber ich bin dazu nicht imstande gewesen, der Inhalt des Buches hat mich nicht ergriffen, da habe ich das Buch weggelegt, denn es ist mir unmöglich zu lesen, ohne begeistert von der Lektüre zu sein. So sitze ich nun an diesem Tisch und beschäftige mich mit der eigenen Person, da ich niemanden auf der Welt besitze, der begehrt, von mir irgendwelche Nachrichten zu erhalten. Wie lange habe ich nun schon keinen warmen Brief geschrieben? Jener Brief an die Frau Weiß gibt mir deutlich zu verstehen, wie es mich aus dem Kreis nahestehender und teilnehmender Menschen herausgeschüttelt und -gerüttelt hat, wie sehr mir Menschen fehlen, die aus natürlichen Gründen ein billiges Recht haben, von mir Auskunft über mein Wesen und Treiben zu fordern. Jener Brief ist mit einem ersonnenen und erdichteten Gefühl geschrieben worden, er ist wahr, aber er ist zugleich eine Erfindung gewesen, herauserfunden aus einem Geist, der erschreckt ist, darüber, daß ihm einfachere und näherliegende Beziehungen vollständig mangeln. Bin ich ruhig jetzt? Ja. Und ich sage zu der mittäglichen Stille, was ich jetzt sage. Rund um mich herrscht sonntägliche Ruhe, schade, daß ich das nicht irgend einem Menschen von Gewicht mitteilen kann, denn das wäre ein ganz hübscher Briefanfang. Doch jetzt will ich mein Wesen ein bißchen beschreiben.

Joseph hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort zu schreiben:

Ich komme aus gutem Hause, aber ich glaube, ich habe eine etwas zu flüchtige Erziehung genossen. Ich will mit diesen Worten keineswegs meinen Vater oder meine Mutter anklagen, behüte Gott im Himmel, sondern ich will nur versuchen, ob ich mir klar darüber werden kann, was mit meiner Person eigentlich los ist und mit dem Umkreis von Welt, der die Mühe gehabt hat, mich zu ertragen. Die Verhältnisse, in denen ein Kind aufwächst, erziehen dasselbe großenteils. Die ganze Gegend und Gemeinde helfen mit, es zu erziehen. Das elterliche Wort und die Schule sind freilich die Hauptsache, aber was ist das für eine Art und Weise, mich hier mit meiner eigenen, werten Person zu befassen, ich gehe lieber baden.

Der zum Tagebuchschreiben so wenig taugliche Gehülfe legte die Feder beiseite, zerriß das Geschriebene und verließ das Zimmer.

Nach dem Bad gab es ein Mittagessen mit Pauline und Silvi. Die ziemlich roh fühlende Magd suchte unter beständigem Gelächter, das bei Joseph bezüglich ihres Betragens Zustimmung voraussetzte, dem Kind Manieren beizubringen, während sie doch selber kaum solche besaß. Das eitle und herzlose Bemühen gipfelte in dem mehrere Male wiederholten Vormachen und Einexerzieren der Führung von Messer und Gabel, wobei irgendwelcher Erfolg des Unterrichtes gar nicht erwartet, ja nicht einmal gewünscht wurde, da ja sonst das Vergnügen des barschen und belustigenden Einstudierens vorbei gewesen wäre. Das Kind saß da und schaute mit großen, tatsächlich dummen Augen bald seine Lehrmeisterin, bald den gleichmütig zuschauenden Joseph an und verschüttete in ziemlich garstiger Weise ihr Essen, worüber sich Pauline in einem erneuten und übertriebenen Entrüstungswortesturm berauschte, der für Silvi ernst, aber für Joseph komisch wirken sollte, gleichsam, um zwei entgegengesetzte Welt- und Lebensanschauungen mit einem Streich zu befriedigen. Silvi benahm sich so läppisch, daß es die Dienstmagd, der seitens der Mutter des Kindes beinahe unbeschränkte Herrschaft über das kleine Wesen zuerteilt worden war, für passend fand oder für nötig erachtete, den Tunichtgut ohne Umstände zu ohrfeigen und an den Haaren zu schütteln, so daß Silvi laut aufschrie, nicht vielleicht so sehr des körperlichen Schmerzes wegen, der übrigens gar so geringfügig auch nicht war, als wegen eines letzten Stümpchen Stolzes, verletzten, erniedrigten Kinderstolzes, sich derart von einer fremden Person, wie die Pauline eine war, malträtieren lassen zu müssen. Joseph schwieg dazu. Angesichts des kindlichen Zornes und Schmerzes spielte die Magd handkehrum die ernstlich Gekränkte und Beleidigte; das kam daher, weil Joseph gar nicht lachen wollte, was sie ganz unbegreiflich fand, und auch daher, weil Silvi nicht ruhig sich hatte schlagen lassen, was sie in ihrer Gedankenlosigkeit und Roheit als selbstverständlich vorausgesetzt hatte. »Ich will dich schreien lehren, du Unflat,« rief sie, oder krächzte sie vielmehr, und nahm das Kind, das von seinem Platz weggelaufen war, und stellte es wieder auf seinen Stuhl, wobei das Geschöpfchen hart an die Rücklehne desselben anprallte. Silvi mußte Gabel und Messer von neuem, und zwar ordentlich, wie ihr die Lehrerin und Erzieherin durch einen strengen und spitzen Zuruf befahl, in das Händchen nehmen, um die wehmütige und appetitlose Mahlzeit gezwungenermaßen zu beenden. Sie sah infolge der verweinten Augen für Pauline noch viel dümmer und ungerader als vorher aus, und da lachte denn das Muster aller Erziehungsmethoden der Welt laut auf. Der Anblick der traurig essenden Silvi mußte auf ihre Lachmuskeln geradezu erschütternd wirken. Der Humor war also wieder da. Ein schamloses Mundwerk ist nie zu verachten, und so frug denn mit breiter Stirn, auf der sich bäuerlich-beschränktes Erstaunen deutlich abmalte, Pauline den still dasitzenden Joseph, ob er etwa böse sei, oder was er sonst habe, daß er gar kein Wort rede? Die Dreistigkeit und Stiernackigkeit dieser mutwilligen Frage machten, zu einem unerträglichen Eindruck vereint, denselben heftig erröten. Er hätte seine Tischnachbarin tätlich angreifen müssen, wenn er es hätte unternehmen wollen, sie von dem Gefühl, das ihn beherrschte, zu überzeugen. So murmelte er nur etwas und stand vom Tisch auf, welches Benehmen die Magd in dem Instinkt bestärkte, der ihr weis machte, Joseph sei in allem ein sehr wenig verträglicher und vertraulicher Mensch, der es sicherlich darauf müsse abgesehen haben, sie zu kränken und unwirsch zu machen. Diese neue boshafte Empfindung bekam Silvi sogleich zu kosten, indem ihr befohlen wurde, den Tisch abzuräumen, eine Arbeit, der sich Pauline eigentlich selber zu unterziehen gehabt hätte. Das Kind, eifrig bemüht, dem Befehl der Tyrannin und Unterdrückerin nachzukommen, stellte sich jeweilen, wenn es etwas vom Tisch herunter zu nehmen hatte, auf die Zehen der kleinen Füße, erfaßte mit beiden Händen je eine Schüssel, einen Teller oder ein paar Bestecke und trug so Stück für Stück demütig und sorgsam, und den Küchenwüterich stets anschauend, an den Platz hinaus, wo die Sachen gereinigt werden mußten. Es tat dies so, als trüge es in den Ärmchen und Händchen jedesmal eine kleine, dornige, feuchte Krone, die von den eigenen Augen schimmernd naß geweinte Krone des frühen und unabänderlichen Kinderleides.

Joseph ging in den Wald hinauf. Der Weg dahin war sehr hübsch und sehr still. Natürlich war er, während er so ging, von Gedanken an die kleine, verhutzelte und verschuggte Silvi in Anspruch genommen. Pauline kam ihm wie ein gefräßiger Raubvogel vor und Silvi wie die Maus, die sich unter den Krallen des grausamen Tieres befand. Wie konnte Frau Tobler ihr zartes Töchterchen diesem Drachen von Dienstmagd ausliefern? Aber war denn Silvi so zart und die Magd so sehr ein Drache? Vielleicht war alles das gar nicht so schlimm. Man würde da leicht zu Übertreibungen neigen, wollte man von der einen Seite sofort das Teuflischste, was es in der Welt gab, annehmen, und vom andern Teil das Lieblichste und Beste. Der »Unflat« Silvi war ja schon ein wenig ein solcher, aber Pauline war Pauline. Joseph erschien es undenkbar, im stillen etwas Günstiges von Pauline aussagen zu dürfen, als höchstens etwa, daß ihr Vater ein ehrlicher Bahnwärter und Landmann sei. Aber was hatte das Bahnwärterhaus mit dem brutalen Vergnügen an der Kindermißhandlung zu tun? Möglich war es ja, daß der Vater der Pauline ein halber, wütender Stier sein konnte, was wußte man denn Genaues! Aber diese feine, beinahe aristokratische Toblerdame, diese Mutter, diese aus echt bürgerlichen Kreisen herstammende Frau, die das zarte Empfinden mit der Muttermilch einsog, diese Kluge, in mancher Hinsicht sogar Schöne, was war es mit der? Was hatte die für Ursache, das Kind zu verstoßen und zu verschuggen? Joseph freute sich an diesem kuriosen Wort: »verschuggen«, er fand es für die Eigentümlichkeit, die es benannte, so kennzeichnend. »Verstoßen«, das erinnerte ein wenig an die Märchenbücher, aber »verschuggen« konnte man heute noch so gut arme, kleine, wehrlose Kinder wie vor aberhunderten von Jahren. Solches gelang ja sogar in einer Villa Tobler, dem Ort, wo zwei Feen sich so gern aufhielten, nach Toblers eigener Redensart, der Anstand (es muß anständig zugehen bei mir) und die Säuberlichkeit (potz tausend, mehr Ordnung, haben Sie gehört). Konnten zwei so reizende Feen etwas so Unsauberes und in der Tat Unanständiges, wie es die fortwährende Demütigung eines kindlichen Gemütes war, in ihrem Beisein dulden, war das möglich? Wie es schien, ja! Es war eben allerlei möglich, in dieser Welt, wenn man sich die Mühe und Liebe nahm, auf einem Wiesenspaziergang ein bißchen darüber nachzudenken.

Joseph begegnete fast gar keinen Leuten. Ein paar Bauern standen am Weg. Zu beiden Seiten desselben streckten sich üppige Wiesen aus, von hunderten von Fruchtbäumen besetzt. Es war alles so eng und zugleich so weit und so grün. Bald langte er im Wald an, er entdeckte nach kurzer Zeit des Umherlaufens eine kleine, enge, von einem Wasser durchzogene Waldschlucht und machte es sich im Moos bequem, indem er sich einfach auf den weichen Boden hinfallen ließ. Der Bach murmelte so artig, durch die Blätter der hohen Buchen blitzte die Sonne, so bekannt, so wohlig, und das saftige Grün umwob die Schlucht wie mit feinen, süßen Schleiern. Hier wäre für eine romantische Geschichte ein schöner, passender Schauplatz gewesen. Von irgend woher aus den umliegenden Hochebenen ertönten Schüsse, da war wohl in ziemlicher Nähe ein Schießstand. Wie still sonst! Kein Lüftchen konnte in diese grüne, verborgene Welt hineindringen. Die Bäume hätten vorher umfallen müssen, aber es waren hohe und alte, die hielten einem Unwetter, ja zehn Unwettern stand, und heute sah es da oberhalb der Schlucht nicht nach Winden und Wettern aus. Irgend ein Ritterfräulein in Samtrock und ledernen Handschuhen, das weiße Roß an der Leine führend, das reiche, goldene Haar ungebunden tragend, hätte jetzt daherkommen können, Joseph würde sich nicht allzusehr über den Auftritt gewundert haben. So sah es hier aus, ganz nach ritterlichen und frauenhaften Begebenheiten. Aber was konnte viel Schönes und Ritterliches in der Nähe der Villa Tobler vorkommen? Etwa gar die Pauline, oder Tobler selber als abenteuerlustiger und ebenso gekleideter Unternehmer? Unternehmungen, ja, die gab es in Hülle und Fülle, kein Zweifel, aber was für welche? Was hatten technische Unternehmungen mit grünen Waldschluchten, weißen Rössern, edlen, lieben Frauengestalten und mit mutigen Taten zu tun? Ritten in früheren Jahrhunderten die Ritter und Unternehmer auch auf der »Reklame-Uhr« und auf dem »Schützenautomaten«, oder auf ähnlichen Gäulen herum? Gab es damals auch schon »verschuggte« Kinder, Ecepecen Silvi? O ja, aber eben, man nannte sie »Verstoßene«, und heute nannte sie da so einer, der zwischen dem herrlichsten Grün im Moose lag, »Verschuggte«.

Er lachte. O es war so schön hier. Im Wald ist die Stille eine doppelte. Ein weiter Ring von Bäumen und Gesträuchen bildet die erste Stille, und die zweite, noch schönere, ist der eigene erwählte Platz. So wie der Bach murmelte, glaubte man sich schon in lange, kühle Träumereien verstrickt, und so wie man ins Grün hinaufschaute, befand man sich mitten in silbernen und goldenen und guten Weltanschauungen. Die selber erdachten, einem fernen und nahen Bekanntenkreis entnommenen Personen flüsterten leise, sie sagten etwas, oder sie machten bloß Mienen, während die Augen eine tief innerliche Sprache für sich redeten. Die Gefühle traten nackt und mutig auf, und das Feinstempfundene traf ein verborgenes, sehnsuchtsvolles Verständnis an. Die Lippen und Gedanken, ohne der Zeiträume und Lebensstraßen zu bedürfen, küßten sich, wenn sie sich erkannt hatten; auf den Lippen sah man die Freude hochaufbrennen, und aus den Gedanken heraus sang eine zu Bach, Busch und Waldstille passende, freundliche Wehmut. Man brauchte nur zu denken, es werde bald Abend werden, und so schienen auch schon alle bekannten und unbekannten Landschaften im Abendlicht zu schwimmen. Der Wald über dem Kopf des Träumers hob und senkte und wiegte sich leise und tanzte in dem hinaufgerichteten Auge, und für das Auge war das Mittanzen keine Frage. Wie schön ist es hier, sagte Joseph mehrmals still für sich. Plötzlich hatte er eine lebhafte Erinnerung aus dem Kindheitleben.

Damals, in der Jugendzeit, gab es auch so eine Art Schlucht, aber eigentlich war es mehr eine Sandsteingrube, aber eine so seltsame und zierliche, wie er später nie wieder eine gesehen hatte. Diese rundliche Grube befand sich am Rand eines ausgedehnten Buchen- und Tannen- und Eichenwaldes, er und seine Geschwister entdeckten sie eines Tages auf einem hin und herstreifenden Nachmittagsspaziergang. Es war auch an einem Sommersonntag, vielleicht war es auch schon ein wenig gegen den Herbst zu. Die Kinder waren vorausgesprungen, Spiele erfindend und betreibend, hinterher kamen die Eltern. Die neuaufgefundene Grube erwies sich als der herrlichste Spielplatz, man beschloß, dazubleiben und die Eltern hier zu erwarten. Diese kamen an, und auch sie fanden den Ort reizend, es gibt Naturpunkte, die einfach berücken, so dieser. Die Ränder der Grube waren von einem wahren, kaum durchdringbaren Baumdickicht bewachsen, so daß es eigentlich nur neugierigen Kindern aufbewahrt bleiben konnte, den Ort ausfindig zu machen. Freilich befand sich an einer Stelle eine breitere Öffnung zum bequemen Durchschreiten. Mutter setzte sich auf ein Rasenbord und lehnte sich mit dem Rücken an eine Tanne an. Es gab da mitten in der Grube eine kleine Erhöhung natürlichen Ursprunges, die, da sie so hübsch mit jungen Bäumen besetzt war, von selbst zum Sitzen und Liegen einlud. Wem hätte das nicht gefallen müssen? Der Ort, wie er dalag, schien von einer sinnigen Naturschwärmerhand geschaffen worden zu sein, aber nein, die Natur selber, so unbekümmert sie sonst ist, war hier gleichsam so zartfühlend gewesen, indem sie die Traulichkeit und Geschlossenheit selber erschuf. Rund um die kleine Erhöhung streckte und rundete sich eine Spielbahn, eine Waldwiese, bewachsen von den wunderlichsten Gräsern, Kräutern und wilden Blumen, die einen berauschenden, romantischen Duft verbreiteten. Von der übrigen Welt sah man nichts als ein Stück Himmel, das die hohen Bäume am Rand der Grube gesetzmäßig den Blicken abschnitten. Das Ganze glich einem Plätzchen in einem weitläufigen, herrschaftlichen Garten, nicht einer zufälligen Waldstelle. Die Eltern schauten schweigsam dem Treiben der Kinder zu, die sich, eines das andere, die steilansteigende Sandwelle der Grube hinauf und hinabjagten, wobei gelacht und geschrieen wurde. Diese frühen Stimmen. Wie man nur so wild sein konnte. Die Kinder waren alle darüber erfreut, daß es der Mutter hier gefiel, daß sie ruhig sitzen bleiben durfte, umweht von den Annehmlichkeiten eines so hübschen Ruheplatzes. Sie kannten die Wünsche und Bedürfnisse des Muttergemütes. Bald schien denn auch der ganze Ort erfüllt zu sein von diesem freundlichen, gedankenvollen Gefallen und von dem kindlichen Meinen, Glauben und Hoffen, das Richtige getroffen zu haben. Ein sonderbarer Gemütszauber machte die lebhaften Spiele noch um ein Bedeutendes beliebter und stürmischer. Man durfte sich jetzt, da die Mutter zufrieden zu sein schien, schon ein wenig Ausgelassenheit über das gewöhnliche Maß erlauben. Wie es in fast jedem bürgerlichen Familienhaus irgend eine bedrückende Misere gibt: hier war sie vollständig neben die Seite gestellt worden, ja, die Welt schien man vergessen zu haben. Die Kinder schauten von Zeit zu Zeit auf die Mutter, ob sie böse war oder nicht, nein, sie schaute gütig und im übrigen gemessen gradaus. Das war ein gutes Zeichen, und der kleine Grashügel selbst schien von da an Empfindung bekommen zu haben. »Sie ist gut aufgelegt,« flüsterten den Kindern die Blätter der rauschenden Bäume zu. Wenn die Mutter lächeln konnte, was eine so große Seltenheit war, dann lächelte ihnen die ganze umliegende Welt zu. Mutter war schon damals krank, sie litt an übergroßer Empfindlichkeit. Wie süß kam nun den Kindern das ruhige Daliegen der Frau vor, an der das Unglück herumnagte. Das Unglück schien von diesem traulichen Winkel verbannt zu sein, und so lispelte und flüsterte denn eine Freude in jedem Grashalm der kleinen, weltentrückten Waldwiese und ein freundlicher Glauben in jeder Tannennadel. Im Schoß der Mutter lagen ein paar Feldblumen, und der Sonnenschirm lag neben ihr, den Händen war irgend ein Buch entglitten. Das Gesicht, das die Kinder fürchteten, sah so friedlich aus. Da durfte man schon toben und schreien und Übermütigkeiten einfädeln. Jeder Zug des Gesichtes sagte: »Ja tobt nur, es geht jetzt. Tobt euch nur aus, es macht nichts.« Und der ganze liebliche Ort schien sich gesellig und stürmisch mit im Kreise des Spieles zu drehen. – »Das war eine Grube gewesen, und hier ist nur eine Waldschlucht, und das Haus Tobler ist in der Nähe, und es ist eine unverzeihliche Sünde, zu träumen, wenn der Mensch das dreiundzwanzigste Jahr überschritten hat.«

Joseph machte sich auf den Heimweg.

Das Haus Tobler, wie steht es da, fest und zugleich zierlich, als werde es von lauter Anmut und Lebensgenügsamkeit bewohnt! Solch ein Haus ist nicht leicht umzuwerfen; fleißige, geschickte Hände haben es dauerhaft zusammengefügt, mit Mörtel, Balken und Ziegelsteinen. Ein Seewind weht es nicht um, selbst ein Orkan nicht einmal. Was können ein paar geschäftliche Verfehlungen solch einem Haus schaden?

Nun besteht ja allerdings ein Haus aus zwei Seiten, aus einer sichtbaren und einer unsichtbaren, aus einem äußeren Gefüge und aus einem inneren Halt, und der innere Bau ist vielleicht ebenso wichtig, ja, manchmal vielleicht noch wichtiger zum Tragen und Stützen des Ganzen, wie der äußere. Was nützt es, wenn ein Haus schmuck und gefällig steht, wenn die Menschen, die es bewohnen, es nicht zu stützen und zu ertragen vermögen? Da sind allerdings die geschäftlichen und ökonomischen Fehler von großer Bedeutung.

Item, das Haus Tobler besteht noch, trotzdem Herr Johannes Fischer seine geldspendende Hand jählings zurückgezogen hat. Gibt es nur einen einzigen darlehnfähigen Menschen auf der Welt? Wenn so, dann mußte ja Tobler den Mut wirklich verlieren. Wie kommt er aber dann gerade jetzt dazu, sich im Garten eine Grotte bauen zu lassen? Es scheint halt doch, der Mann hat noch nicht das mindeste verloren, sonst dächte er wohl kaum an solche Bauereien.

Unten auf der Landstraße stehen öfters Menschen still, biegen den Kopf zur Höhe und schauen sich die Villa gemächlich an, und man gewinnt, wenn man von oben herabschaut, den Eindruck, daß diese zufälligen Beobachter über den Anblick erfreut sind. Wer sollte auch nicht erfreut sein beim Anschauen eines so reizend gelegenen Hauses? Schon allein der kupferne Turm ist ja allen Interesses wert. Der Turm hat ja auch genug Geld gekostet. Auf die Idee, daß die diesbezügliche Rechnung oben im Bureau im Fach der unbezahlten Rechnungen liegt, wird nicht so leicht jemand, der in den Anblick des Hauses versunken ist, verfallen, dazu machen Haus und Garten einen viel zu wohlhabenden Eindruck.

Der Verwalter der Bank von Bärenswil ist ja gewiß schon ein wenig nachdenklich geworden, darüber, daß es im Hause Tobler Sitte sei, die zur Zahlung präsentierten Wechsel unter dem Gesuch, dieselben prolongieren zu lassen, zurückzuweisen. Aber er hütet sich, die Gedanken des Mißtrauens und der Besorgnis, die er leise zu hegen angefangen hat, laut zu äußern. Es kann alles nur eine vorübergehende Krisis sein, und ein Bankverwalter ist in der Regel kein Waschweib, sondern ein mit sich selbst strenger Mann, der weiß, was vorlaute Bemerkungen einem strebenden und mit der Existenz ringenden Geschäftsmann für Unheil anrichten können. Man ist ein wenig stutzig geworden, runzelt in seinem Direktionszimmer leicht die Stirn, macht mit der Hand eine kleine Geste, aber man schweigt, denn man dient dem Handel und dem industriellen Verkehr der aufblühenden Ortschaft, und Herr Tobler rechnet auch dazu, obschon es, wie es scheint, in letzter Zeit da oben auf dem Hügel zum Abendstern ein bißchen bergab geht. Die Banken und Sparkassen haben gewöhnlich einen feinen, zugekniffenen Mund, und solche Lippen reden erst dann, wenn die Gewißheit der endgültigen Zahlungsunfähigkeit buchstäblich vorhanden ist. Da kann Tobler also noch ins Fäustchen lachen und froh sein. Das Geheimnis seiner schwierigen Lage ruht in der Sparbank von Bärenswil wie in einem wohlverschlossenen Grabe.

Wer noch Lust hat, mit Frau und Kindern rauschende Sänger- oder Turnerfestlichkeiten mitzumachen, der wird wohl noch im geheimen irgend eine Kreditquelle liegen und fließen haben, die er eben nur deshalb noch nicht auftut, weil er diese letzte aller Hülfsbewegungen bis jetzt noch nicht nötig gehabt hat. Wer eine solche stattliche Frau hat, die, wenn sie durchs Dorf geht, von allen Seiten fröhlich gegrüßt wird, mit dem wird es sicher noch nicht so schlimm stehen.

Und es stand ja auch gar nicht so schlimm. Geld konnte über Nacht in das technische Bureau hinabregnen, inseriert war worden, man brauchte vorläufig nur Geduld zu haben, die Erfolge mußten sich ja einstellen. Welcher reiche und unternehmende Mann konnte einer Annonce widerstehen, die mit den Worten begann: »Glänzendes Unternehmen«? Und wenn einer einmal so weit gekommen war und angebissen hatte, würde man ihn schon zu halten verstehen. Man würde es nicht so machen wie mit dem Herrn Fischer, der ja übrigens, wenn man sich die Sache recht überlegte, vielleicht gar nicht gesonnen gewesen war, Ernst zu machen, und der daher eigentlich auch gar nicht verdient habe, daß man ihn so ernst nahm.

War die Reklame-Uhr etwa plötzlich ins Wasser gefallen? I woher. Im Gegenteil, heller und schimmernder als je prangten die eleganten Flügel ihrer Reklamefelder, und der Schützenautomat? War man nicht mit der Herstellung eines ersten Exemplares desselben schon seit Wochen beschäftigt? Kam nicht der tüchtigste und dienstfertigste aller Mechaniker fast täglich in die Villa, um mit Tobler Karten zu spielen? Andere Leute spielten auch Karten und tranken ihr Glas Wein, und prosperierten trotzdem, warum Tobler nicht? Das war nicht einzusehen.

Dazu, um voreilig kleinmütig zu werden, war Herr Tobler nicht nach »diesem Lumpen-Bärenswil« gekommen, das konnte er sich anderswo, wenn es durchaus sein mußte, auch noch leisten, und zur Genüge. Nein, es galt gerade jetzt, diesen Hechten und Heringen ein Beispiel zu geben, rund um die neugierigen, spöttischen Nasen herum, was ein lebendiger und arbeitsfroher Mensch und Mann zu leisten imstande war, selbst noch in dem Augenblick, wo ihm die Bretter des eigenen Wohn- und Geschäftshauses auseinanderzugehen drohten. Und deshalb ließ Tobler, unbekümmert um das, was man sich im Dorf in den Wirtshäusern in die Ohren flüstern würde, den Garten umbauen, um eine Grotte zu errichten, mochte es einen ganzen Heuwagen voll Geld kosten.

Diese Bärenswiler mußten nicht triumphieren dürfen, das wäre noch besser gewesen! Denen mußte man mit aller verfügbaren Gewalt die Freude versalzen, die diese Menschen empfinden würden, wenn es so weit käme, daß Tobler wie ein Hampelmann im Kasperletheater »abzotteln« müßte. Nein, so weit war man noch nicht. Und zum Trotz würde Tobler gelegentlich der Einweihung seiner Grotte, sobald sie nur einigermaßen fertig hergestellt wäre, an die angesehensten Bürger des Dorfes, an solche, die es mit ihm etwa noch ein bißchen aufrichtig meinten, Einladungskarten schicken, damit sie sähen, wie fest und wie überlegen er das Leben betrachtete und anpackte.

Wer sich für seine Familie, wie Tobler, verantwortlich fühlte, wer Frau und vier Kinder sein eigen nannte, den stieß man noch nicht so rasch von einem einmal erworbenen und bewohnten Platz und Punkt herunter. Da sollten nur ihrer ein paar herankommen, er würde sie davonjagen mit Hieben, geblitzt und gestrahlt aus den bloßen, zornigen Augen. Und wenn sie dann noch nicht genug hätten, die Speck- und Wurstesser, nun, so würde es ihm eben einfallen können, den einen oder den andern von ihnen handlich anzupacken und über den Gartenzaun hinüberzuwerfen, Umstände würde er in einem solchen Fall nicht machen.

Aber so weit war es noch lange nicht. Noch hatte die Firma C. Tobler, technisches Bureau, überall uneingeschränkten Kredit bei den Handwerks- und Geschäftsleuten von Bärenswil. Tapezierer und Schreiner, Schlosser und Zimmermann, Fleischer und Weinhändler, Buchbinder und Buchdrucker, Gärtner und Kürschner lieferten ihre Arbeiten und Waren, ohne sofortige Zahlung zu fordern, in vollem Vertrauen auf eine spätere, gelegentliche Regulierung, in die Villa zum Abendstern. Von einem Getuschel und Gezischel in den öffentlichen Lokalen des Dorfes war keine Rede, Tobler schien sich, indem er auf seine Miteinwohner loszog, bloß auf diesen Fall und für diese Lage zum voraus einzuüben, und das auch nur dann, wenn ihn ein Mensch oder eine geschäftliche Sache geärgert hatten.

Noch duftet das Haus Tobler von Sauberkeit und Wohlanständigkeit rings in die schöne Umgebung hinein, und wie! Umblitzt von der strahlenden Sonne, erhoben von einem grünen, wundervoll zum See und zur Ebene herablachenden Hügel, umgeben und umarmt von einem wahrhaft herrschaftlichen Garten, steht es da, die reine bescheidene und besonnene Freude. Nicht vergebens wird es von zufällig vorübergehenden Spaziergängern lange angeschaut, denn es ist eine wahrhaftige Zier zum Anschauen. Hell glänzen seine Fensterscheiben und seine weißen Gesimse, bräunlich winkt der schöne Turm, und die Fahne, die man vom Nachtfest her da oben hat stehen lassen, windet sich in heiter-majestätischen Bewegungen, in Zuckungen, Windungen und flammenartigem Geröll um die schlanke, feste Stange. Dieses Haus drückt in seiner Bauart und an seinem Bauplatz zweierlei Gefühle aus, das der Lebendigkeit, und das der Ruhe. Ein ganz klein wenig protzt es allerdings, es ist anders als die tief in den lieben, alten Gärten versteckten Herrenhäuser älteren Ursprungs, aber es ist lieblich, und wer darin wohnt und dabei denken muß, es könne sein, daß er es unehrenhafterweise verlassen müsse, dem darf übel zumut sein, er hat Ursache.

Aber solches zu denken, das verbietet sich Herr Tobler.

Si-vi, Si-vi!

Wie schneidend das klingt. Und doch schneidet es nicht einmal recht. Ein grobes, seit Jahren nicht mehr geschliffenes Küchenmesser kann ebenso gut Sivi rufen, wie Pauline, die infolge eines Zungenfehlers das l nicht zu artikulieren vermag. Aber zu befehlen weiß diese Magd ausgezeichnet, wenn es die Silvi betrifft. Betrifft es Dora, dann sinkt die Befehlshaberstimme zu einem Säuseln und Lispeln herab. Zu der Dora sagt die Pauline immer: Do-li, denn jetzt erstreckt sich ihre schwache Zunge auf das r im Namen Dorli, das l spricht sie aus, was verwunderlich genug ist, da sie es bei Si-vi doch stets wegläßt. Aber Si-vi klingt eben spitz, und die Silvi will man verwunden, man will ihr schon mit dem bloßen Zuruf wehtun, zu diesem kleinen Mädchen spricht niemand liebevoll.

Die eigene Mutter mag das Kind nicht ausstehen, da geht es wohl mit ganz natürlichen Dingen zu, daß alle ein wenig es verabscheuen. Dora dagegen besteht aus Zucker, wenigstens meint man das eine Zeitlang, denn aus allen Ecken tönt und flötet und bittet es: Dorli, liebes Dorli! heraus, daß man glaubt, es müsse eine schneeweiße Konditorei in unmittelbarer Nähe sein. Dora ist beinahe nicht Fleisch und Bein, sondern es sind Mandeln, Torten und Sahne an ihr, so scheint es wenigstens, so voll ist die Luft um das Mädchen herum von Artigkeiten, Süßigkeiten, Knixen und Liebkosungen.

Wenn Dora krank ist, ist sie die Lieblichkeit selber. Sie liegt dann, in Kissen gebettet, auf dem Ruhbett im Wohnzimmer, ein Spielzeug in der Hand und ein Engelslächeln auf den Lippen. Jedermann geht hin und schmeichelt ihr, auch Joseph tut das, er muß es beinahe tun, es zwingt ihn, denn die Kleine ist wirklich schön. Sie ist ganz der Vater, dieselben dunklen Augen, dieselbe Fülle des Gesichts, ein und dieselbe Nase, überhaupt ganz Herr Tobler.

Silvi dagegen ist ein nicht recht gelungenes Abbild der Mutter, eine zugleich verkleinerte, aber auch ziemlich mißratene Photographie derselben. Armes Kind! Was kann sie dafür, daß man sie schlecht photographiert hat? Sie ist dünn und doch plump. Sie scheint von Charakter, wenn man bei einem Kind von einem solchen sprechen darf, mißtrauisch, und in der Seele scheint sie falsch und verlogen zu sein.

Wie ist dagegen Dorli entzückend aufrichtig im ganzen Wesen. Deshalb hat man sie ja auch im ganzen Haus und in der Nachbarschaft so gern. Man macht ihr Geschenke und man gehorcht ihr. Joseph trägt die Dora im Garten herum, auf den Achseln, sie braucht nur zu sagen: tu's, und so tut er's. Sie bittet so schön. Der Himmel selber scheint ihr auf den Lippen zu liegen, wenn sie bittet. Weiße, kleine Wolken scheinen diesem Kinderhimmel alsdann zu entschweben, und irgendwo, meint man, müsse jemand plötzlich angefangen haben Harfe zu spielen. Sie bittet und befiehlt zugleich. Eine Art unwiderstehlicher Befehl ist immer mit einer tatsächlich schönen Bitte verbunden.

Silvi kann nicht bitten, sie ist zu schüchtern, zu verschlagen dazu, sie getraut sich nicht recht, es zu tun, aber um bitten zu können, muß man ein unbändiges, kräftiges Vertrauen zu sich und zu andern haben. Wenn man den schönen Mut zu einer flehentlichen Bitte finden soll, muß eines zum voraus von der Erfüllung derselben fest, ja felsenfest überzeugt sein, aber Silvi ist von niemands Güte überzeugt, da man sie nur zu rasch und zu unvorsichtig an ganz anderes gewöhnt hat. Ein verprügeltes Hudelgeschöpfchen wie Silvi wird leicht von Tag zu Tag unliebenswürdiger und häßlicher zum Anschauen und Ertragen, weil sich ein solch kleiner Mensch nicht nur nicht mehr in Acht und Zucht nimmt, sondern sogar, aus einem geheimen, schmerzlichen Trotz, den nur niemand einem unentwickelten Kind zutraut, bemüht, durch ein immer schlechteres Betragen den Abscheu und den Ekel der Nebenmenschen stets höher zu reizen. Es ist überhaupt mit der Silvi ganz eigentümlich, es ist einem fast unmöglich, sie lieb zu haben, wenn man sie sieht. Die Augen beurteilen sie sogleich schlecht, nur das Herz, wenn man eines hat, sagt hinterher: Arme, kleine Silvi!

Von den Knaben ist Walter der Bevorzugte, Edi, der Jüngere, der Vernachlässigte. Aber in gewissen Familien sind Knaben höher im allgemeinen geschätzt als Mädchen, so daß es nicht möglich ist, daß einem weniger geliebten Knaben in einem solchen Maß alle gütige, warme Zuneigung verloren geht, wie es beim »verschuggten« Mädchen der Fall sein kann. Auch in der Familie Tobler ist das so: Walter und Edi sind, zusammengerechnet, ein höherer Wert als das weibliche Doppelgebild Dora und Silvi. Walter und Edi sind ganz verschiedene Naturen, der erste ist ein wilder, zu Streichen aufgelegter, aber offenherziger Bursche, während Edi gern in den Winkeln der Wohnung kauern bleibt, ganz wie Silvi, sein Schwesterchen, und sehr wenig spricht, ebenso wie diese. Edi macht sich auch nie über Silvis Benehmen lustig, es herrscht zwischen den beiden ein unausgesprochenes, aber vielleicht um so natürlicher empfundenes Einverständnis. Ja, sie spielen sogar zusammen. Walter würde nie mit Silvi Ernsthaftes zu tun haben. Er macht sich über sie lustig und mißhandelt sie oft, weil man den Knaben daran gewöhnt hat, nichts dabei zu empfinden.

Von Silvi muß noch erwähnt werden, daß sie fast jede Nacht ihr Bettchen vernäßt, trotzdem sie von Pauline regelmäßig aus dem Schlaf geweckt wird, um auf das Nachttöpfchen gesetzt zu werden. Diesem körperlichen Makel hat die Kleine hauptsächlich die strenge Behandlung, welcher man sie aussetzt, zu verdanken, denn man ist allgemein des festen Glaubens, sie sei zu faul zu erwachen und vom Bett aufzustehen. Pauline hat Auftrag von Frau Tobler, das Kind zu hauen, wenn das Bettlaken unsauber sei, und zwar jedesmal, und wenn Ohrfeigen nichts nützen, so solle die Magd nur den Möbelausklopfer nehmen, dann fruchte es vielleicht eher etwas, und Pauline gehorcht der Herrin. So hört man denn oft mitten in der Nacht ein jämmerliches Geschrei aus dem Kinderschlafzimmer dringen, vermischt mit den Scheltworten und laut ausgerufenen Schimpfnamen, die Pauline der Sünderin glaubt anhängen zu müssen. Morgens muß Silvi das Häfchen, das sie während der Nacht benutzt hat, selber nach unten tragen. Es ist dies auch eine Verordnung der Mama, die der Ansicht ist, daß es sich für eine Bettverunreinigerin zieme, dies mit eigenen Händen zu besorgen, die Pauline habe auch sonst noch genug zu tun. Da sitzt dann das Hutzel- und Hudelkind mit dem bewußten Gegenstand, den sie in kurioser Weise neben sich hinstellt, auf einem der Treppenabsätze und scheint, wenn man sie so betrachtet, von allen guten Schutzengeln, die sonst den Ruf haben, sich um arme, schutzlose Kinder zu bekümmern, verlassen zu sein. Wenn sie sich »zum Überfluß« noch widerspenstig zeigt, sperrt man sie in den Keller, und dann ist des Geschreies und Polterns gegen die zugeschlossene Kellertüre kein Ende, so daß sogar Nachbarn, schlichte Arbeiterleute, auf den Jammer, der aus der Villa tönt, aufmerksam werden.

Tobler weiß von alledem wenig, er ist ja so selten zu Hause, jetzt geht er überhaupt immer mehr auf Reisen. Er ist von Geschäftssorgen erfüllt und kann sich der Erziehung und Überwachung seiner Kinder in nur ganz geringem Grade widmen. So ein Mann, wie Tobler einer ist, überläßt gern die häuslichen Dinge seiner Frau, denn er selber reist und kämpft in Dingen der Reklame-Uhr und des Schützenautomaten. Der Mann trägt die Verantwortung, da müßte man hoffen dürfen, die Frau trage die Liebe und die Mühe. Der Mann kämpft mit der Existenz, und die Frau sorgt für die Haltung und für das friedliche Benehmen zu Hause. Inwiefern das Frau Tobler tut, wird es sich zeigen? Vielleicht.

Wo Kinder sind, da wird es ja immer Ungerechtigkeiten geben. Die Kinder Tobler bilden ein sehr ungleichmäßiges Viereck. An den vier Spitzen des Quadrates stehen Walter, Dora, Silvi und Edi. Walter spreizt seine Beine und zerreißt seinen frechen Mund zu einem gesunden Lachen. Dora saugt am Finger und lächelt und schaut auf die sie bedienende Silvi herab, die der Prinzessin die Schuhe binden muß. Edi schnitzt an einem Holzstück herum, das er irgendwo im Garten aufgelesen hat, ganz in die Arbeit, die das Taschenmesser, dessen er sich bedient, leistet, versunken. Wo ist da Regelmäßigkeit? Wie kann man jedem kleinen Sinn und Herzen gerecht sein? Pauline schaut zum Küchenfenster heraus. Diese Person aus den weiteren Volksschichten hat verwunderlicherweise keinen Sinn für Gerechtigkeit, oder sie versteht sie eben falsch. Nun verschiebt sich das unregelmäßige Viereck, die Kinder zerstreuen sich, jedes in seine Art und Weise hinein, in die Stunden und Tage und in die geheimen Kinderempfindungen, und in den Weltraum rund um das Haus Tobler herum, in die Schmerzen und Freuden hinein, in die Demütigungen und in die kosenden Worte, in die Stube und in den täglichen Kreis, in die Schlafnächte und in den Fortgang der kindlichen Erfahrungen. Vielleicht üben sie sogar einen gewissen richtungbeeinflussenden Druck auf das Steuerruder des Toblerschen Unternehmungenschiffes aus. Wer kann's wissen. –

Im Laufe der Woche, die im übrigen ruhig verlief, waren eines Abends zwei Leute, Herr und Frau Doktor Specker, in die Villa zum Abendstern zu Besuch gekommen. Es war recht gemütlich gewesen, wie man sich auszudrücken pflegt. Man holte wieder einmal ein Spiel Karten und »jaßte«. Der »Jaß«, so hieß in der weiten und breiten Landesgegend ein beliebtes, ja sogar national gefärbtes und angehauchtes Kartenspiel. Frau Tobler, die es in diesem Spiel, wie bereits angedeutet worden ist, bis zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte, unterrichtete Frau Doktor Specker in den zahlreichen Kniffen, die dasselbe enthielt, letztere Dame war darin noch nicht so sehr beschlagen. Es war an diesem Abend viel gelacht und gescherzt worden. Joseph wurde das Amt eines Kellermeisters übertragen, er hatte Wein aus dem Keller zu holen und den Inhalt der Flaschen dann in die Gläser zu gießen, und es zeigte sich bei dieser Gelegenheit, daß er einen gewissen Stolz besaß, der Tobler dumm vorkam, aber als Gegengewicht einigen gesellschaftlichen Takt, so daß sich sein Chef nicht zu genieren brauchte, ihn mit den herrschaftlichen Gästen näher bekannt zu machen. Dies ist mein Angestellter, hatte Tobler laut gesagt, auf welche Worte sich Joseph vor der Dame und dem Herrn aus dem Dorf verneigte.

Was waren es denn eigentlich für Leute gewesen? Er war Arzt und dazu ein noch blutjunger Mann, und was sie betraf, so stellte sie gar nichts weiteres vor, als die Bestätigung in Weibesgestalt, die Frau des Arztes zu sein, weiter gar nichts. Sie war die Frau ihres Mannes und führte sich als solche den ganzen Abend still und schüchtern auf. So war Frau Tobler nicht ganz, der sah man denn doch, namentlich wenn man beide Frauen miteinander verglich, etwas Geheimes an, obschon wenig, aber an der Frau Doktor Specker war gar nichts Geheimes. Man aß süßes Gebäck zum Wein, und die Herren rauchten.

»Welch ein junger, glücklich aussehender Mensch, dieser Herr Arzt,« dachte Joseph, indem er sich bemühte, so klug und so knifflig wie möglich zu spielen. Man hatte ihn aufgefordert, mitzuhelfen. Der Arzt richtete an den Gehülfen mehrfach Fragen, woher er sei, seit wie lange er in Bärenswil und bei Toblers wohne, und ob es ihm hier oben gefalle usw., und Joseph erstattete Antwort, so ausführlich, als ihm die Zurückhaltung, die Menschen von unstetem Lebenswandel in solchen Fällen immer eigen ist, erlaubte. Inzwischen hatte er ziemlich unklug gespielt, und es wurden ihm nun in der Spielregel von allen vier Seiten des Tisches die glänzendsten Reden gehalten, als würde es gegolten haben, einen verbohrten, schwerfälligen Ketzer zu bekehren.

Gesprochen war im übrigen das Alltägliche worden, und das war ja schließlich das »Gemütliche« gewesen.

Noch in derselben Woche kam auch ein kleiner Zwischenfall sittlichen und kulturellen Charakters vor, in welchem die Gestalt des Vorgängers Wirsich eine Rolle spielte, dermaßen, daß von diesem aus dem Hause Tobler beförderten Menschen einige Tage lang wieder die ziemlich beständige Rede war. Die Sache war folgende:

Gleichzeitig mit Wirsich war vor einigen Wochen auch die Dienstmagd aus der Villa Tobler hinausgejagt worden, die Vorläuferin von Pauline, ein nach den Darstellungen der Frau Tobler robustes und schelmisch, d. h. diebisch veranlagtes junges Weibsbild, das der Herrin, nach deren Behauptungen, denen man wohl glauben durfte, ganze Wäschestücke und anderes gestohlen hatte. Entlassen war sie worden wegen ihres gierigsinnlichen Wesens und Treibens, demzufolge sie mit Wirsich in ziemlich kecke und schamlose, geschlechtliche Beziehungen getreten war, die der Herrschaft nicht verborgen bleiben konnten, da sie zu augenfällig und in der Tat unanständig unterhalten wurden. Außerdem war die betreffende Magdsperson hysterisch veranlagt, und das erschien als eine Gefahr für die Kinder. Sie hatte sich öfters plötzlich im bloßen Hemd auf der Treppe und in der Küche gezeigt, indem sie dann steif und fest und hoch und teuer, und unter Tränen und Krämpfen ihres fetten Leibes, auf die Vorwürfe, die man ihr machte, behauptete, sie habe es nicht mehr ausgehalten in den Kleidern, und müsse sterben, und was des zynischen und läppischen Geschwätzes mehr sein mochte. Da die Herrschaften Tobler genau um die nächtlichen Besuche wußten, die die lüsterne Person dem Wirsich im Turmzimmer abstattete, so fanden sie es kluger- und billigerweise geraten, das Dienstverhältnis zu dem ungesunden und verderblichen Mädchen aufzulösen und ihr den Abschied zu geben.

Nun kam dieser Tage ein Brief eben dieser Person, adressiert an Frau Tobler, im Abendstern an, in welchem die ehemalige Magd in einem unangenehm vertraulichen Ton schrieb, es seien über Frau Tobler in der Gegend, wo sie wohne, Gerüchte verstreut worden, dahin deutend, ihre frühere Herrin habe mit dem Untergebenen Herrn Toblers, dem Wirsich, ein Liebesverhältnis unterhalten, woran sie, die Magd, in keinerlei Weise glaube, da sie zum voraus überzeugt sei, daß nur lästerliche und lügenhafte Zungen es seien, die so etwas hätten sagen können. Aber verpflichtet habe sie sich gefühlt, der Frau, bei der sie so lange Zeit gedient hätte, von den abscheulichen Lästerreden Mitteilung zu machen, um sie zu warnen usw.

Dieser Brief, der natürlich weder orthographisch richtig noch auch nur vernünftig geschrieben war, versetzte die Empfängerin in die hellste Entrüstung, denn die darin enthaltene Anhänglichkeit eines Dienstboten an die frühere Herrschaft war ebenso sehr erlogen, wie das Vorhandensein eines schlimmen Gerüchtes betreffs das Betragen der Frau Tobler. Diese zeigte den Brief Joseph, es war um die Mittagsstunde, man saß draußen im Gartenhaus, und Herr Tobler war abwesend, und ersuchte ihn, nachdem sie ihn das Schreiben hatte durchlesen lassen, ihr beim Aufsetzen einer energischen Antwort, die sie der frechen Lügnerin schulde, behülflich zu sein.

»Warum nicht? gern!« gab Joseph der erregten und ungehaltenen Frau zur Antwort. Da er dies in ziemlich trockenem Ton gesagt hatte, weil ihn der Eifer, mit dem sie sich in diese Wirsichsche Affäre hineinwickelte, beinahe kränkte, so glaubte Frau Tobler, er tue ihr nicht gern den erbetenen Gefallen und sagte, wenn er es nicht gern tue, so könne sie es ja wohl auch noch allein zustande bringen. Zwingen wolle sie ihn durchaus nicht. Es scheine ihm eben kein Vergnügen zu bereiten, ihr zu dienen, und höflich sei sein Benehmen ihr gegenüber heute auch nicht gerade.

»Wieso kein Vergnügen?« entgegnete Joseph beinahe zornig, »erteilen Sie mir einen strikten Befehl. Sagen Sie mir, wie Sie den Brief abgefaßt haben wollen, und ich gehe ins Bureau, und in ein paar Minuten ist die Sache erledigt. Es braucht gar kein besonderes Vergnügen dabei zu sein.«

Das war ungezogen. Frau Tobler fühlte das und wandte ihm, indem sie ihn mit einem erstaunten Blick maß, den Rücken. Joseph kehrte stillschweigend zu seiner Arbeit zurück.

Nach ein paar Minuten erschien auch Frau Tobler, noch ganz ereifert, im Bureau, bat sich von dem Gehülfen eine Feder, sowie einen Briefbogen aus, setzte sich an das Pult ihres Mannes, dachte einen Augenblick nach und fing an zu schreiben. Da dies etwas Ungewohntes für sie war, hielt sie mehrmals während der Übung inne, wobei sie hochaufseufzte und laut über die Schlechtigkeit des niederen Volkes klagte. Endlich war sie fertig geworden, und da konnte sie sich des Bedürfnisses doch nicht erwehren, die vollendete Arbeit dem Korrespondenten zu zeigen, um dessen Meinung zu hören. Der Brief war an die Mutter der heimtückischen Magd gerichtet und lautete:

Geachtete Frau!

Es ist mir ein Schreiben zugegangen von Eurer Tochter, meiner ehemaligen Dienstmagd, und daß ich es nur gleich sage, ein unverschämtes und nichtswürdiges Schreiben. Es werden darin, unter dem Schein der Treue und Anhänglichkeit an die Herrschaft, Beleidigungen der gröbsten Art gegen eine Frau ausgestoßen, die, weil sie gütig und nachsichtig gewesen ist, nun dafür bestraft wird, daß sie nicht hart und mitleidlos hat sein können. Wißt, geachtete Frau, daß Eure Schande von Tochter mich, währenddem sie hier im Dienst war, bestohlen hat, und daß ich sie dem Gericht überliefern könnte, wenn ich wollte, aber so etwas sucht eine Frau wie ich zu vermeiden. Ich will mich kurz fassen: Sorget, geachtete Frau, dafür, daß dieser Nichtsnutz seinen Schnabel halte. Ich weiß, wer es ist, und wer die Gerüchte sind, die über mich Schlechtigkeiten und Schamlosigkeiten verbreiten. Es ist niemand anderes als dieselbe freche Person, die sich selber bei mir im Haus der Verletzungen guter Sitte und züchtigen Lebenswandels schuldig gemacht hat, und zwar, wie ich beweisen kann, mit demselben Menschen, mit dem die lügnerische Schwätzerin nun mich, ihre Herrin von ehemals, in eine schmutzige Verbindung setzen will. Der empfangene Brief hat mich in die höchste Aufregung versetzt, daß Ihr es wisset, Frau! Und nun habt acht auf die Böswillige, ich rate es Euch im freundlichen und schwesterlichen Sinne hiermit an, weil Ihr, wie ich gern annehme, achtenswert seid und nichts dafür könnt, daß Euer ausgeschämtes Mädchen ein »Räf« ist. Andernfalls würde ich mich zu keinen so langen und gutmütigen Worten mehr, wohl aber, wie Ihr Euch vorstellen könnt, zu strafrechtlichen Maßregeln veranlaßt sehen. Die Hochachtung, die die Welt einer Dame bezeigt, kann dieselbe, wenn es nötig ist, nicht hindern, vor die Schranken der öffentlichen Gerechtigkeit zu treten, um eine Verleumderin ihrer Ehre bestraft zu sehen.

Somit achtungsvoll, Eure Euch grüßende Frau Carl Tobler.

Joseph sagte, nachdem er diesen Brief durchgeflogen hatte, er finde denselben gut, nur scheine er ihm etwas zu hochtrabend. Solch ein Stil, wie Frau Tobler ihn da angewendet habe, passe eher ins Mittelalter als in die gegenwärtige Welt, die daran sei, die bestehenden gesellschaftlichen Rang- und Geburtsunterschiede allmählich, wenn auch nur nach außen, zu verwischen und aufzulösen. So schroff dürfe schließlich eine bürgerlich geborene Frau einer andern bürgerlich Geborenen nicht schreiben, das könne nur böses Blut erregen und den Wunsch und Zweck des ganzen Schreibens verfehlen. Die Wohlhabenheit tue im übrigen gut, sich gegenüber der Armut nicht allzuhoch aufzurichten, sondern es dünke ihn nichts wie recht und billig, zu der Mutter der Magd ganz einfach »Sie«, und »Sehr geehrte Frau« zu sagen, damit ein etwas herzlicherer und zugleich höflicherer Ton da sei, was sicher nicht schaden könne, wie er glaube. Frau Tobler sei eben nicht ans Briefeschreiben gewöhnt, wie er sehe. Dies erhelle sich schon aus dem Vorhandensein der zahlreichen Schreibfehler, die er während des Lesens bemerkt habe, und wenn sie gestatte, so wolle er sich gern dahintersetzen und den niedlichen Aufsatz korrigieren.

Er lachte und bemerkte des weitern, er würde auch die Behauptung, daß das Mädchen eine Diebin sei, aus dem Schreiben entfernen, obschon er seinerseits keinen Moment an der Wahrhaftigkeit dessen, was Frau Tobler sage, zweifle, aber es könnten, sagte er, dumme Geschichten daraus entstehen, die mehr Verdruß als Genugtuung einbrächten. Ob sie Beweise habe?

Frau Tobler wurde ein wenig nachdenklich, dann sagte sie, sie wolle einen zweiten Brief schreiben. Ihre Erregung habe jetzt ein wenig nachgelassen, und so hoffe sie, werde sie ruhiger und milder schreiben können. Aber der ganze Brief müsse doch in einem energischen Ton abgefaßt sein, sonst habe er ja gar keinen Sinn. Sonst schreibe sie lieber schon gar nicht.

Während sie schrieb, wurde sie, ohne daß sie es merkte, von Joseph beobachtet, der ihren Rücken und Hals betrachtete. Das schöne, frauliche Haar betupfte und berührte in kleinen, geringelten Löckchen den schlanken Hals. Wie schlank überhaupt diese ganze Frauenerscheinung war. Da saß sie nun und bemühte sich, dem Sinn und Verstand gemäß, und der Schreiblehre und richtigen Methode entsprechend, an eine Frau zu schreiben, die vielleicht kaum lesen konnte. Joseph bedauerte jetzt unwillkürlich, indem er sie so anschaute, ihr bezüglich ihres gutbürgerlichen Hochmutes, den er im Grunde genommen reizend fand, Vorhaltungen gemacht zu haben. Ihn rührte etwas am Aussehen dieses Frauenrückens, dessen Bekleidung sich in kleine, liebliche Falten verzog, wenn der darunter befindliche Leib sich ein bißchen bewegte. War diese Frau schön? Im landläufigen Begriff sicher nicht, im Gegenteil. Aber auch das Gegenteil entsprach nicht den landläufigen Begriffen. Joseph würde noch ruhig weitere Betrachtungen angestellt haben, wenn sich die schreibende Frau nicht umgedreht hätte. Beider Augen begegneten sich. Diejenigen des Gehülfen wichen denjenigen der Frau aus, das schickte sich beinahe so. Joseph empfand und mußte empfinden, daß es fast frech gewesen wäre, den Blicken der Frau stand zu halten, die wieder einmal voll jenes Erstaunens waren, das so vortrefflich den Hochmut widerspiegelte, der der Frau, man konnte es nicht leugnen, sehr gut zu Gesicht stand. Wozu waren denn überhaupt Gehülfenaugen gut, als zum Ausweichen und Niederschlagen, und welcher andere Ausdruck war diesem andern Augenpaar natürlicher als der Ausdruck des Erstaunt- und Verwundertseins? Er bückte sich demzufolge wieder auf seine Arbeit herab, obschon es ihm um das Arbeiten jetzt gar nicht so besonders zu tun war.

Eine halbe Stunde später gab es im Gartenhaus beim Kaffeetrinken einen etwas unfeinen Auftritt.

Frau Tobler, die nun wieder gänzlich beruhigt schien, fing plötzlich an, lebhaft den Wirsich zu rühmen, wie dieser leider lasterhafte Mensch in allem Sonstigen so brauchbar, geschickt und anstellig gewesen, wie er sich in jeden kleinen Dienst und in jede Aufgabe sogleich, ohne viel Wesens zu machen, hineingefunden habe und dergleichen mehr, wobei sie Joseph mehrmals spöttisch, wie er es empfinden mußte, anschaute, was ihn beleidigte. Er rief deshalb aus:

»Dieser ewige Wirsich. Man möchte bald meinen, er sei ein einzig dastehendes Genie gewesen. Warum befindet er sich denn eigentlich nicht mehr hier, da man doch beständig von seinen geradezu himmlischen Eigenschaften redet? Weil er betrunken gewesen ist? Und glaubt man denn, man habe ein Recht, alles und jedes Gute von der Person eines Angestellten zu verlangen, und einen Menschen wegzujagen, in die offene, schwierige Welt hinaus, nur weil eine seiner Eigenschaften, eine einzige, die übrigen ausgezeichneten verdunkelt hat? Das ist wahrhaftig ein bißchen zu viel verlangt. Da haben wir Treue und Klugheit, Wissen und Dienstfertigkeit, Unterhaltungsgabe und Gehorsamkeit, und alle diese Eigenschaften, und noch einige feine andere dazu, stecken wir in unsere Dienste, nehmen wir gleichmütig und fröhlich hin, weil sich das so schickt, und weil wir ja dem Inhaber eines solchen Sackes voll Auszeichnungen für die Hingabe derselben Gehalt, Kost und Logis geben. Und nun bemerken wir eines Tages den dunklen Fleck am schönen Körper, und weg ist die ganze, bequemliche Zufriedenheit, und wir lassen den Mann sein Bündelchen schnüren und fortziehen, wohin er will, aber wir reden nachher noch einen halben oder ganzen Meter und ein ganzes Jahr lang und breit von ihm und seinen ›guten Eigenschaften‹. Man muß zugeben, daß das kein so gar besonders korrektes Verhalten ist, insbesondere dann nicht, wenn man alle diese köstlichen und königlichen Dinge dem Nachfolger, wahrscheinlich, um ihn zu treffen, auf die Nase bindet, wie Sie, gnädige Frau Tobler, mir, dem Nachfolger Ihres Wirsich.« –

Er lachte laut auf, und zwar absichtlich, um den aufrührerischen Eindruck seiner etwas langen Rede zu besänftigen und zu zerstreuen. Er hatte ein bißchen Angst, jetzt, da er wieder zu sich gekommen war, und um dem empfindlichen Ton seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu geben, lachte er, aber es war ein gezwungenes Entschuldigungslachen.

Joseph habe nicht nötig, sagte Frau Tobler nach einigem Stillschweigen, so zu ihr zu reden, einen solchen Ton verbitte sie sich, und sie sei erstaunt, ihn ein solches Betragen annehmen zu sehen. Wenn er so stolz und empfindlich sei, daß er seinen Vorgänger nicht rühmen hören könne, so sei es für ihn besser, sich eine Einsiedlerhütte oben im Wald zu bauen und da zu hausen, wo nur Wildkatzen und Füchse leben, unter die Menschen müsse er dann lieber nicht gehen wollen. In der Welt dürfe einer nicht alles auf eine so scharfe Wage nehmen. Sie werde im übrigen nicht umhin können, ihrem Mann von dem Inhalt seiner sehr sonderbaren Rede Kenntnis zu geben, damit Tobler wisse, woran er mit seinem Angestellten sei.

Sie wollte aufstehen und weggehen. In diesem Augenblick rief Joseph aus:

»Sagen Sie nichts. Ich bitte alles ab. Ich bitte um Verzeihung!«

Frau Tobler streifte den jungen Mann mit einem Blick der Verachtung, sie sagte: »Das ist schon gescheiter« und ging weg.

»Ich habe die höchste Zeit gehabt. Dort unten kommt Tobler!« dachte Joseph, und in der Tat kam eben der Chef, heute unerwarteterweise früher als sonst, nach Hause.

Nach einer Viertelstunde schon, von allem, was geschehen war, peinlich genau unterrichtet, sagte Herr Tobler zu Joseph:

»Sie fangen wohl an, meine Frau schlecht zu behandeln? Was?«

Weiter sagte er nichts. Seiner Frau hatte er, als deren Klagen nicht aufhören wollten, zugerufen, sie solle ihm »weggehn mit so dummen Sachen.«

Tatsächlich hatte der Ingenieur jetzt wichtigere Dinge zu bedenken.

Am Abend dieses Tages war das Turmzimmer wieder einmal der stille, von einer Lampe erleuchtete Schauplatz eines laut vor sich hergesprochenen Selbstgespräches. Joseph, indem er sich Rock und Weste auszog, sagte folgendes zu sich:

»Ich muß mich besser zusammennehmen, das geht nicht mehr so. Was hat mich nur antreiben können, dieser Frau Tobler Grobheiten zu sagen? Achte und nehme ich so sehr wichtig, was aus dem Mund einer solchen Dame herauskommt? Und inzwischen muß sich der arme Herr Tobler auf Geschäftsreisen abplagen, und sein Herr Angestellter treibt in Gartenhäusern, neben einer Tasse Kaffee, solchen Gefühlsunsinn. Solche Frauengeschichten! Was geht es mich denn an, wenn Frau Tobler an diesem Wirsich manches Gute zu rühmen weiß? Das ist doch so einfach. Dieser bleiche Ritter mit der Armesündermiene hat ihrem Weibergemüt Eindruck gemacht. Muß mich das aufregen? Wieso denn? Statt stündlich und halbstündlich an die technischen Unternehmungen zu denken, lasse ich es mir angelegen sein, eine Frau von meinem Charakter zu überzeugen. Von was? Aha, Charakter! Als ob es nötig wäre, daß ein Ingenieur-Angestellter Charakter hat. Ich habe eben immer nur die dümmsten Dinge in einem Kopf, der sich zu einem wirklich nutzbringenden und geschäftefördernden Nachdenken verpflichtet finden sollte. Habe ich so wenig Pflichtgefühl? Ich esse hier Brot und trinke Kaffee und verbinde mit diesen hübschen Vorteilen und Nutznießungen eine in der Tat unpassende Sehnsucht nach schädlicher Gedankenlosigkeit. Und dann halte ich halbstündige Reden vor einer erschrockenen und verwunderten Frau, um ihr zu zeigen, daß sie mich erbost hat. Was nützt das Herrn Tobler? Wird dadurch seine finanziell schwierige Lage leichter? Haben sich dadurch die an den Mann zu bringenden Geschäfte von der Lähmung, die gegenwärtig an ihnen haftet, erholt? Ich bewohne hier eines der aussichtsfreisten und schönstgelegenen Zimmer der Welt. See und Gebirge und Wiesenlandschaft sind mir als Gratiszulage vor die Blicke und Füße gelegt worden, und womit rechtfertige ich ein solches verschwenderisches Entgegenkommen? Durch »Kopflosigkeit«! Was geht mich der Wirsich an samt seinen nächtlichen Weiberbesuchen? Etwas viel Wichtigeres geht mich viel näher an, und das ist die Firma, deren Schild ich auf meiner Stirne trage, deren Interessen ich im Kopf und im Herzen tragen sollte. Im Herzen? Warum nicht? Das Herz muß bei einer Sache sein, wenn die Finger und die Gedanken richtig sollen arbeiten können. Am Herzen liegen! Nicht umsonst sagen die Leute so.«

Er zergrübelte sich lange darüber den Kopf, was man wohl jetzt noch tun könnte, um der Reklame-Uhr stramm auf die Beine zu helfen, über welchem »geschäftlichen Nachdenken« er endlich einschlief.

Mitten in der Nacht erwachte er plötzlich. Er richtete sich in den Kissen auf: Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Türe, öffnete sie und horchte, und da hörte er die Töne einer widerwärtigen Szene. Es war Paulines Stimme, die jetzt rief:

»Bist wieder zu faul gewesen, aufzustehen und dich aufs Töpfchen zu setzen, du wüstes Geschöpf?« Silvi wimmerte und suchte sich mit abgebrochenen Worten zu rechtfertigen, was ihr aber nicht gelingen mochte, denn zur Antwort auf ihre jämmerlichen Entgegnungen gab ihr die Magd Hiebe, daß es klatschte wie nasse Wäsche.

Joseph kleidete sich an, ging die Treppe hinunter, in das Schlafzimmer der Kleinen, und machte Pauline milde Vorwürfe. Diese aber rief, er habe sich gar nicht einzumischen, sie wisse, was sie zu tun habe, und er solle nur machen, daß er fortkomme, worauf sie die Silvi, wie um zu zeigen, welche Autorität sie im Kinderzimmer habe, an den Haaren riß und ihr befahl, sich wieder ins Bett zu legen, und zwar, zur Strafe, in das durchnäßte.

Der Gehülfe entfernte sich wieder, scheinbar demütig das Regiment der Zuchtmeisterin anerkennend. »Morgen oder übermorgen oder wann es sei,« dachte er, indem er sich von neuem schlafen legte, »muß ich der Frau Tobler eine zweite Rede halten. Mag es lächerlich sein. Es nimmt mich doch wunder, ob sie ein Herz hat. Als Angestellter des Hauses Tobler bin ich verpflichtet, ein Wort für die Silvi einzulegen, denn Silvi ist auch ein Glied dieses Hauses, dessen Interessen ich zu vertreten habe.«

Am nächsten Sonntag eilte er per Bahn nach der Hauptstadt, nachdem er ein Fünfmarkstück wie gewohnt in Empfang genommen hatte. Es war schönes, heißes Wetter, und die Eisenbahnfahrt ging den blauleuchtenden See entlang. Schon beim Aussteigen aus dem Wagen kam ihm die früher so wohlbekannte Stadt ganz fremdartig vor. Wie doch eine verhältnismäßig nur kurze Abwesenheit einen Ort umgestalten und ganz anders färben konnte; er hätte das nie für möglich gehalten. Es kam ihm alles so klein vor. Am Quai, längs des Seeufers spazierten im grellen Mittagssonnenschein eine Menge Menschen. Was für ganz fremde Gesichter! Und so arm erschienen Joseph alle diese Menschen. Freilich waren es ja Leute aus dem dürftigen, arbeitenden Volk, keine Herren und Damen, aber etwas Kümmerliches, das nichts mit der Dürftigkeit der wirtschaftlichen Armut zu tun hatte, wob sich um dieses ganze, helle Spaziergängerbild. Es war nichts anderes als die Fremdheit, die Ungewohntheit, die ihm entgegenblendete, und er fühlte es auch und sagte sich, daß, wenn einer bereits seit Wochen in der Toblerschen Villa lebe, er nicht nötig habe, sich über den Anblick eines Städtebildes und dessen Entfremdung zu verwundern. Bei Toblers gäbe es eben dickere, rötere Gesichter und festere Hände und ein gewichtigeres Auftreten, als wie man es hier in der leichten Stadt sähe, wo die Menschen nur zu bald mager und unscheinbar von Aussehen werden. Das Kleine und Enge sei immer eine ziemlich große und bedeutende Welt für sich, sobald man eine Zeitlang in nichts anderes mehr hineingeschaut habe, während gerade umgekehrt das Weite und wirklich Bedeutende anfangs klein und unansehnlich erscheine, weil es gar zu verbreitet, ausgedehnt und luftig sei. Im Toblerschen Haus herrsche eben von Anfang an eine gewisse kleine Dicke und Fülle, und die habe stets viel auf sich und bestricke sogleich, wogegen die Freiheit und die Weitschweifigkeit mit ihren breiten und auseinandergezogenen Rundsichten scheinbar erkälten, weil sie nach nichts Festem ausschauen. Das wirklich Wohltuende sei immer so bescheiden von Ansehen, während wiederum das Toblersche oder Tyrannische manches Gemütliche und Herzliche an sich habe, das einem aus Turmzimmern und dergleichen verlockend und vielversprechend entgegenkomme. Das irgendwo Gefesselt- und Gebundensein sei zuweilen wärmer und reicher voll zärtlicher Heimlichkeiten als die offene, Tür und Fenster der ganzen Welt offenstehen-lassende Freiheit, in deren hellen Räumen den Menschen oft nur zu bald grimmige Kälte oder drückende Hitze anfahre, aber die Freiheit, die er, Joseph, meine, du liebe Zeit, das sei doch am Ende das Schicklichste und Schönste und enthalte unsterblichen Zauber. –

Bald kam ihm denn auch das Bild städtischen Sonntaglebens nicht mehr so fremdartig und flüchtig und rauhbeinig vor, und je weiter er ging, um so vertrauter den Augen und dem Herzen wurde ihm alles. Er ließ seine Augen mitten unter die vielen Spaziergänger spazieren gehen, mit seiner an die Toblersche Küche gewöhnten Nase zog er wieder die Düfte der Stadt und des Stadttreibens ein, seine Beine marschierten wieder ganz munter auf städtischem Boden, als ob sie nie auf Landerde getreten wären.

Wie hell doch die Sonne schien, und wie bescheiden die Menschen sich hin- und herbewegten. Wie hübsch das war, daß man sich unter das Treiben, Stehen, Gehen und Hin- und Herpendeln verlieren konnte. Wie hoch der Himmel war, und wie das Sonnenlicht es sich auf allen Gegenständen, Körpern und Bewegungen bequem machte, und wie leicht und fröhlich der Schatten dazwischenhuschte. Die Wellen des Sees schlugen gar nicht stürmisch an die steinernen Dämme an. Es war alles so mild, so bedeckt, so leicht und hübsch, es war ebenso groß wie klein geworden, ebenso nah wie fern, ebenso weit wie fein und ebenso zart wie bedeutend. Es schien bald alles, was Joseph sah, ein natürlicher, stiller, gütiger Traum geworden zu sein, nicht ein gar so sehr schöner, nein, ein bescheidener, und doch ein so schöner. –

Unter den Bäumen eines kleinen Parkes oder Anlage ruhten Menschen auf Bänken. Wie oft hatte Joseph die eine oder die andere von diesen Bänken in Anspruch genommen, damals, als er in der Stadt gewohnt hatte. Er setzte sich auch jetzt, und zwar neben ein hübsch aussehendes Mädchen. Es ergab sich in einem durch den Gehülfen eingeleiteten Gespräch, daß sie Münchnerin sei, die hier in der ihr gänzlich fremden Stadt auf Arbeit lauere. Sie erschien arm und unglücklich, aber schon so manches Mal hatte er arme und wehmütige Menschen auf diesen Bänken angetroffen und angeredet. Die beiden sprachen einiges, dann erhob sich die Münchnerin plötzlich, um davonzugehen. Ob Joseph ihr mit einer Kleinigkeit an Geld helfen könne? Nein, nein, sagte sie, nahm dann aber doch etwas an und verabschiedete sich.

Was saßen auf solchen öffentlichen Ruhebänken nicht für verschiedenartige Menschen. Joseph fing an, sie der Reihe nach im Kreis herum zu betrachten. Jener junge, einzelne Mensch dort, der mit seinem Spazierstock Figuren in den Sand der Erde zeichnete, was konnte er sein, was in aller Welt, wenn nicht ein Buchhandlungsgehilfe? Vielleicht täuschte man sich, nun ja, so war er eben einer jener zahlreichen Warenhauskommis, die Sonntags jeweilen irgend etwas »vor« haben. Und dieses Mädchen da vis-à-vis, war sie eine Kokotte oder eine Anstandsdame oder ein artiges, zimperliches, den Erfahrungen, die die Welt mit beiden, reichen, warmen Armen den Menschen, einem wundervollen Blumenstrauß ähnlich, darbietet, abholdes Zierpflänzchen und -Püppchen? Oder konnte sie zweierlei oder gar dreierlei Gattung auf einmal sein? Möglich, denn das war ja auch schon vorgekommen. Das Leben ließ sich nicht so leicht in Kasten und Ordnungen abteilen. Und dort der alte, zerfallene Mann mit dem zerzausten Bart, was war er, woher kam er gerade, welchen Berufes und Zeichens durfte man annehmen, daß er etwa sei? War er ein Bettler? Gehörte er zu den undefinierbaren Gesellen, die während der Woche in der famosen Schreibstube für Stellenlose sitzen, wo sie ein paar Mark im Tagelohn oder Wochenlohn verdienen? Was war er früher gewesen? Trug er einen eleganten Anzug einst nebst dito Stock und Handschuhen? Ah, das Leben machte bitter, aber es konnte auch froh und innig demütig machen, und dankbar fürs Wenige, für das bißchen süße, freie Luft zum Einatmen. – Und was war das dort links für ein feines, ja sogar, wie es schien, vornehmes Liebes- oder Brautpaar? Waren es reisende und alle vorhandene Welt im Flug genießende Engländer oder Amerikaner? Die Dame trug eine zierliche Feder auf dem kleinen, ihr wie von irgendher angeflogenen Hut, und der Herr lachte, er schien sehr glücklich, nein, beide! Daß sie doch nur immer lachten, es war ja so schön, zu lachen und sich zu freuen.

Dieser schöne, liebe, lange Sommer! Joseph erhob sich und ging langsam weiter, durch eine reiche, elegante, aber stille Straße. An Sonntagen, ja, da saßen eben die reichen Leute zu Hause, die ließen sich heute recht spärlich sehen; auf die Straße zu gehen, das mochte an diesem Tage nicht fein genug sein. Alle Magazine waren geschlossen. Einzelnes, verstreutes Volk pendelte und wackelte daher, oft recht unschön anzuschauende Männer und Frauen. Welche Demut in solch einem verzettelten Spaziergängerbildnis war. Wie bitterlich arm ein Menschensonntag auftreten konnte. »Demütig werden,« dachte der Gehülfe, »wie ist das für so Manchen der letzte Lebenszufluchtsort.« –

Und er kam allmählich durch neue und andere Straßen.

Wie viele Straßen! Das dehnte sich in die Ebene hinaus, Haus an Haus, und die Hügel hinauf, und den Kanälen entlang, lauter größere und kleinere Steinblöcke, ausgehauen mit Wohnungen für reichere und ärmere Menschen. Hin und wieder kam eine Kirche, eine steife, glatte, neue, oder eine eindrucksvolle, ruhig dastehende alte mit Efeu am zerbröckelnden Gemäuer. Joseph ging an einem Polizeigebäude vorüber, aus dessen Lokalen einem ihm eines Tages vor Jahren der Schrei eines gemißhandelten Menschen entgegentönte, den man geknebelt hielt und mit Stockschlägen zu bändigen versucht hatte.

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