Zweiter Teil (continued 3)
Reading edition
»Mann, der Tabak ist gut!« hörten wir einen Verwundeten sagen. »Wenn du jetzt noch ein bißchen Whisky hättest, würd’ ich mir gern noch ein Loch in den Arm schießen lassen!«
Totenstille herrschte im Wald. Wo gestern die Kompagnien, die Regimenter, die Menschenmassen in der rasenden Eile und dem schreienden Drängen der Schlacht dahingestürmt waren auf dem schlammigen Pfad und den grasverwucherten Lichtungen, wo Granaten geheult und Kugeln gepfiffen hatten, da war es jetzt still und ruhig und friedlich wie auf einsamem Buschweg. Hinter uns lag der Verbandplatz; vor uns in der Ferne die Hügel. Auf dem Weg selbst begegneten wir keinem Menschen. Dann und wann nur tauchten abseits in den Lichtungen Soldatengestalten auf, die tiefgebückt mit Hacke und Spaten hantierten, und hie und da ertönte leise abgedämpfter Trompetenklang, als letzte Ehrung über einem Grab geblasen. Die verstreuten Toten, die ihr Schicksal auf versteckter Stelle im Dschungel ereilt hatte, wurden aufgesucht und begraben. Langsam tappten wir vorwärts. Der graugelbe Schlamm war oben schon verkrustet und verstaubt in der Gluthitze, aber unter der dünnen Schicht verbarg sich zähflüssiger Morast, in den man tief einsank bei jedem Schritt. Durch das Baumlaub drangen heiß und stechend die Sonnenstrahlen. Wie erstarrt schienen Bäume und Büsche. Kein Blatt raschelte, kein Grashalm regte sich —
Ich blieb stehen und trocknete mir den Schweiß von der Stirne. »So heiß haben wir’s noch nicht gehabt!« murrte ich. »Herrgott, die Hitze ist kaum zum Aushalten! Und wie dumpfig und sonderbar das riecht!«
Souder wechselte das schwere Telephon von der einen Schulter auf die andere und sah sich bedächtig um. »Weißt du was?« sagte er. — »Machen wir, daß wir aus dem alten Wald hinaus und zu unserer Station kommen!«
Aber schon nach wenigen hundert Schritten blieben wir wieder stehen und sahen uns an. Einer den andern. Keiner wollte mit der Sprache heraus.
In der Luft lag fade, faulend, süßlich, leiser Verwesungsgeruch.
»Irgendwo im Gestrüpp müssen noch Tote unbeerdigt liegen,« sagte der Sergeant endlich. »Was es mit der Luft hier für eine Bewandtnis hat, ist klar genug.«
»Aber ein Mensch kann doch nicht von gestern auf heute in Verwesung übergehen,« wandte ich erstaunt ein.
»Warum denn nicht?« meinte der Sergeant achselzuckend. »Bei dieser Gluthitze! Denk’ doch an das Maultier, an dem wir vorbeigekommen sind, dicht bei der Station vorhin! Das war gestern auch noch lebendig! Wollen einmal nachsehen, wo der arme Teufel liegt —«
Der Weg war hier viel breiter und zerteilte sich in den lichten Waldstellen in winzige, in das Gras hineingetrampelte Pfade, voneinander getrennt durch niedriges Gestrüpp und kleine hügelige Graswellen. Dazwischen ragten breite Mangos und schlanke Kokospalmen mit ihren massigen Blättern, die wie große Fächer den Weg überschatteten und nur da und dort einen gelbglänzenden, sengenden Sonnenstrahl durchdringen ließen. Die Luft war heiß und dumpf und dampfig, und in die Schwüle hinein drängte sich der Aasgeruch und schien alles zu umschweben und an allem festzuhaften.
»Dort drüben muß es sein!« rief Souder.
Wir stapften durch den Schlamm, bogen seitwärts ab, kamen in hohes Gras, und auf einmal trat ich auf etwas Weiches, Klebriges. Ich glitschte aus, rutschte und schlug der Länge nach schwer hin, mitsamt der Drahtrolle und dem Telephon, dessen Glocke leise klingend ertönte.
»Verdammt!« schrie ich wütend.
»Was gibt’s denn?« rief Souder, der einige Schritte voraus war, und kam zurück.
Er lachte laut auf, als ich mich brummend zwischen Draht und Instrument und Tornister emporarbeitete, aber das Lachen verging ihm bald — —»Mann — du bist dem — dem Ding da — auf den Kopf getreten!« stotterte er.
Aus der grasigen, welligen Erhöhung mit den verstreuten Lehmschollen, da, wo ich gestolpert war, ragte ein menschlicher Kopf aus dem Boden. Ein schwarzbehaarter Hinterkopf. Und mitten auf den armen Schädel mußte ich getreten sein. Mein schwerer Stiefel hatte die halbverweste Kopfhaut auseinandergerissen. Zwischen den schwarzen Haaren schimmerte es blutigbraun von ekelerregender Flüssigkeit.
Ich sprang entsetzt zurück und tanzte wie besessen zwischen den Grasbüscheln umher, mir krampfhaft die Stiefel abwischend. »Pfui Teufel!« brüllte ich in maßlosem Ekel. »Pfui Teufel!«
»Der arme Kerl spürt nichts mehr,« sagte der Sergeant. Aber er machte einen weiten Bogen um den Kopf, während er sprach, und kam zu mir herüber. Ich fuhr immer noch mit den Stiefeln im Gras hin und her —
»Kann die verfluchte Bande denn die Toten nicht tief genug hineinbegraben!« schrie ich außer mir.
Souder zuckte die Achseln. »Machen wir, daß wir weiterkommen!« sagte er gelassen. »Schön ist’s nicht, aber man muß sich nicht viel Gedanken darum machen. Tot ist tot — und lebendig ist lebendig. Zwischen einer toten Katze und einem toten Mann ist nicht viel Unterschied. Beide — — — aber machen wir, daß wir weiterkommen! Uebrigens kann kein Mensch was dafür. Wenn du gestern abend dazu kommandiert worden wärest, die Gefallenen zu beerdigen, so hättest du auch keine sechs Fuß tiefen Löcher gegraben in deiner Müdigkeit! Der Regen hat’s getan! Der hat die lose Erde weggewaschen — man sieht’s ja — guck’ nur hin!«
»Ich danke! Fällt mir gar nicht ein!!«
»Hab’ dich nicht so!« brummte der Sergeant. »Weiter — weiter!«
Und ich schämte mich über mein Getue, denn es schien mir unmännlich und unsoldatenhaft — jawohl, ich schämte mich! Aber ich ging mit sehr vorsichtigen Schritten und machte einen großen Bogen um jede Erhöhung, die ein Grab vermuten ließ.
Der Verwesungsgeruch war und blieb in der Luft.
Einmal sah ich einen Arm aus dem Boden ragen dicht am Weg, ein anderes Mal einen bestiefelten Fuß, der in grotesker Steifheit aus der Erde emporzuwachsen schien. Und der Aasdunst umfing uns fortwährend.
»Jetzt wird’s mir aber bald auch zu viel — — —« sagte Souder, sich sein schmutziges Taschentuch vors Gesicht haltend.
Kurz vor der ersten San Juan-Furt begegneten wir einem Korporal vom 5. Infanterieregiment mit sechs Mann, die Hacken und Schaufeln trugen. Der Korporal war ein graubärtiger alter Regulärer.
»Verdammt, Sergeant,« sagte er knurrig, »Ihr Signalmenschen habt’s besser als wir!«
»Das verstehst du nicht, mein Sohn!«
»So! Eh? Damn the whole damned — — Sieh mal her!« Er zog eine Handvoll Blechmarken aus seiner Tasche, wie jeder Soldat sie zur Identifizierung um den Hals trug. »Da! Siebenundzwanzig Mann haben wir begraben! Und sie waren nicht schön, die siebenundzwanzig Leichen! Da im Wald, dort im Wald, haben wir Löcher gegraben und die stiffs unter die Erde geschaufelt. Waren wir an einer Stelle fertig, so erwischte uns sicher hundert Schritt weiter ein Offizier, der uns an eine andere Stelle schickte. Sie liegen überall — und, Sergeant — es waren welche dabei — die wir nicht anfassen konnten — mit den Schaufeln haben wir sie in die Löcher gestoßen ...«
»Wir haben auch welche gesehen!« erklärte Souder trocken, und wir gingen weiter. Wir durchwateten die Furt, da, wo gestern die 71er gefallen waren, und sahen eine Leiche im Wasser liegen.
»Teufel — Teufel!« rief Souder und sprang in mächtigen Sätzen das Ufer hinan. Und ich wußte, daß er das fühlte, was ich fühlte. Was zuerst nur Ekel gewesen war, der Abscheu des lebendigen Menschen vor dem fürchterlichen Geruch des toten Menschen, wurde jetzt zu einem Grauen, zu entsetztem Grauen, was wohl die nächste Wegbiegung bringen konnte — zu einer Angst, zu atembeklemmender Angst. Ich sprach kein Wort und er sprach kein Wort. Aber ich sah, daß er scheu zur Seite blickte Schritt auf Schritt, und er merkte es, daß ich wieder in Furcht und Grauen mir jeden Fußbreit Weg, jedes Gestrüpp am Wegrand betrachtete. Der Pfad war eng. Undurchdringlicher Busch begrenzte ihn auf der linken Seite, während rechts niedriges Gestrüpp den Ausblick auf Baumgruppen und Grasland erlaubte.
Und jetzt wurde der Verwesungsgeruch stärker und immer stärker. Wir gingen ihm nach — instinktiv — ohne ein Wort zu sagen — — —
Dicht hinter dem Gestrüpp lag ein Stück nackten, lehmigen Erdlandes, auf dem kaum einige Grasbüschel wuchsen. Die kahle Fläche senkte sich in sanfter Neigung zu einem Bächlein voll trüben, schmutziggelben Wassergerinsels, das irgendwo in den San Juan fließen mochte. Ueber dem Bach stieg wellig eine üppige Grasfläche an mit vielen Mangobäumen, die scharfe Schlagschatten warfen im grellen Sonnenlicht. Das kleine Stück weichen Landes, das einst ein Feld, ein Acker gewesen sein mochte, war wie zerfetzt von Furchen und Rinnen und ausgetrockneten Tümpeln, gegraben von dem Regenstrom der Nacht im Suchen eines Weges zum Bach hinab. Auf diesem Stück Land waren gestern tote Männer beerdigt worden. Der Regensturm hatte das weiche, gelockerte Erdreich weggewaschen —
Aus der Furche dort, keine fünf Schritte weit weg, ragten Finger empor. Eine rostbraune, verwesende Hand mit einem Stück Aermel, an dem gelbe Metallknöpfe schimmerten. Starr und steif reckten sich die nassen verwesenden Finger gen Himmel, weit auseinandergespreizt, wie anklagend, und an dem einen Finger schimmerte golden ein Ring. Der Fuß mit dem Stiefel stak festgeklebt zwischen zwei Erdschollen. Den Körper selbst bedeckte noch Erdreich. Wir waren entsetzt stehengeblieben, starrend, sprachlos. Dutzende von Gefallenen mußten in dem schrecklichen Leichenfeld da liegen. Eiförmig wuchsen die halb bloßgelegten Leiber zwischen den Furchen, aus den Erdschollen empor. Und der Geruch, der Pesthauch ... Finger sah man; man sah Hände, Arme, Füße, Körper. Ein Ellbogen hier, sonderbar gekrümmt, verrenkt, unnatürlich. Ein Hinterkopf dort. Der Hals über dem aufgerissenen Hemd glänzte bläulich und man sah — Herrgott, man glaubte wirklich, es zu sehen und es mitzuerleben — wie die Gluthitze ihre Verwesungsarbeit verrichtete. Wie es faulte. Wie Haut und Muskeln und Sehnen dahinschwanden. Eine braune Lache hatte sich gebildet, auf der es ölig glitzerte, und der Hals war nur noch eine blaubraune, verfallende Masse —
Drüben über dem Bach im Gras tauchte der Korporal mit seinen Leuten auf.
»Hierher!« brüllte Souder. »For Gods sake — kommt hierher!!«
Der Korporal sprang herbei und prallte zurück, als die Verwesungsluft ihm ins Gesicht schlug.
»Wo — wo?« stotterte er.
Wir deuteten, und er sah die Greuel in der Erde.
»Schnell!« schrie er seinen Leuten zu. »Mein Gott — schnell, Jungens! Erde drauf!«
Und die Schaufeln der schweißbedeckten Soldaten fuhren in die Erde. Dicht neben Leibern und Gliedern. Sie arbeiteten wie Wahnsinnige. Sie arbeiteten für sich selber. Sie wollten befreit sein von dem Anblick, von der Unerträglichkeit. Ein großer Lehmklumpen fiel hart geworfen, schwer, klatschend auf den verwesenden Kopf nieder —
Da rannten wir zurück auf den Weg, der Sergeant und ich, und rannten weiter und liefen noch ein gutes Stück weit — bis uns der Atem ausging.
»Das — das waren gestern noch lebendige Menschen!« keuchte Souder, als wir einen Augenblick stehenbleiben und rasten mußten. »Junge — lebendige — Menschen — my God, my God, so könnten wir jetzt auch daliegen, du und ich! Und du müßtest dich vor mir ekeln, wenn ich es wäre, und ich mich vor dir, wenn es dich getroffen hätte — my God!«
Auf dem kurzen Weg zu unserer neuen Linie sahen wir noch vier halb bloßgelegte Leichen. Alle dicht am Weg. Unter den Bäumen und im Gestrüpp mußten noch Dutzende und Aberdutzende liegen; Hunderte vielleicht, denn der Verwesungsgeruch lag schwer überall in der Luft.
So sah es aus auf dem Feld der Ehre — am andern Tag ...
Dicht am Fuß des San Juan-Hügels trafen wir auf die Linie. Die Ballonmannschaften waren bereits fertig mit ihrer Arbeit. Dem Draht folgend, der straff von Baum zu Baum gespannt war, hatten wir bald das Hauptquartier des linken Flügels erreicht und sahen zwischen den Zelten das Ende des Isolierdrahts von einem dicken Busch baumeln. Wir schalteten ein, meldeten uns und erfuhren, daß unsere Station dienstlich Nummer 4 heiße — S O 4. Die neue Blockhausstation war S O 3, El Pozo S O 2, das Hauptquartier, das nicht vorgeschoben wurde, sondern auf dem alten Platz verblieb, S O 1. Wir machten aus unseren Zeltwänden und den Gummidecken ein geräumiges Zelt zurecht. Umherliegende leere Munitionskisten gaben einen Tisch und Stühle.
Das Hauptquartier der Brigade lag auf einem schmalen Streifen Grasland mit vielen Bäumen, dicht an die steil aufragende Hügelwand gedrängt und binnen fünfzig Schritt vom San Juan-Flüßchen begrenzt, das in weiter Krümmung hinter dem Hügel dahinfloß. Unser Zelt stand auf einer schrägen Stelle dicht im Wasser, nicht weit von den beiden großen Zelten des Generals und seiner Adjutanten. Dann und wann krachte oben auf dem Hügel ein Schuß.
In die steile Hügelwand waren Stufen geschaufelt worden. Wir kletterten hinauf, um den General zu suchen, der irgendwo oben in den Schützengräben war, und uns bei ihm zu melden. Die rohe Treppe verlief in einen breiten Gang, so tief ausgegraben, daß die hohen Wände völligen Schutz vor feindlichem Feuer boten, wenn man sich ein wenig duckte. Andere Gänge mündeten rechts und links ab. Die Kuppe des Hügels war zerwühlt wie ein Ameisenhaufen. Der breite Hauptgang, in dem wir standen, verlief schnurgerade zum Kuppenrand und mündete dort in den eigentlichen Schützengraben, der sich weithin dehnte, dicht besetzt mit hingekauerten Soldatengestalten. Gut zwei Meter breit war der fast mannshoch ausgehöhlte Schützengraben. Eine breite Erdstufe an der Vorderseite erlaubte den Schützen, bequem im Liegen zu feuern. Sandsäcke in langen Reihen, markiert durch ausgestochene Rasenstücke und Gezweig, verdeckten und sicherten die Schützenstellung. Als wir den Kuppenrand erreicht hatten, kauerten wir uns vor eine der schießschartenartig ausgehöhlten Oeffnungen in der Grabenwand — sehr vorsichtig, denn alle Augenblicke zischte es surrend über unseren Köpfen dahin — und spähten durch die Gläser auf das sonnenbestrahlte Gelände.
Dort, halbrechts vor uns, in verblüffender Nähe anscheinend, lag Santiago de Cuba. Klar, scharf, grell traten einzelne Gebäude hervor; ein riesiges, langgestrecktes, schneeweiß glitzerndes Haus vor allem, über dem die Rote Kreuz-Flagge wehte. Andere Gebäude sahen selbst in meinem guten Glas undeutlich und nebelhaft aus. Ich schätzte die Entfernung auf vielleicht anderthalb Kilometer. Eher weniger. Zwischen Hügeln und Stadt erstreckte sich buschiges Gelände mit vereinzelten Grasflecken und Baumgruppen. Die Hügelwand senkte sich vom Kuppenrand dem Feind zu ziemlich steil in eine Niederung mit vielem Gestrüpp. In einer Entfernung von zweihundert Metern waren im Gras und zwischen den Büschen da und dort verdächtige Flecke zu sehen, bald gelblich hell, bald dunkel und schwarz. Das mußte Erde von Schützengräben sein, und dort mußte der Feind liegen.
General Bates, der Befehlshaber des linken Flügels, war im Schützengraben weiter rechts, wie uns ein Korporal sagte, den wir befragten. Wir liefen hinter den Schützenreihen entlang und meldeten uns bei dem General. Der alte Herr, der mit einigen Offizieren im Graben kauerte, grüßte dankend und sagte zu einem Adjutanten:
»Mr. Jameson, weisen Sie dem Signalsergeanten eine Ordonnanz zum Ueberbringen von Meldungen zu. Allright, Sergeant, Sie können zur Station zurückkehren. Senden Sie mir, bitte, sofort Nachricht, sobald Sie Privattelegramme nach den Vereinigten Staaten annehmen dürfen.«
Kaum waren wir wieder beim Instrument, so lief die erste Depesche ein:
»General Shafter wird um fünf Uhr die Stellung besichtigen und ersucht General Bates, einen Offizier zur Führung nach dem Blockhaushügel zu senden.«
Es war nach acht Uhr abends und still überall. Souder und ich saßen rauchend vor unserem Zelt, dicht am niederen Eingang; schweigend, damit wir das leise Anrufen des Taschenapparats sofort hören konnten. Ueber uns glitzerte und strahlte in unsäglicher Pracht der Sternenhimmel; milchig, sprühend in weißer Glut in Milliarden von zitternden, bebenden Lichtpunkten.
Da fiel ein Schuß. Ein zweiter, ein dritter ... In rascher Folge knallte es scharf dröhnend in der stillen Nacht. Und mit einemmal peitschte der Schall förmlich daher in donnerndem Klang, in Tausenden von Schüssen, in schweren Salven, in rasselndem Schnellfeuer.
Der General stürzte aus dem einen Zelt, die Adjutanten aus dem anderen, und Hals über Kopf rannten sie zur Hügelwand, zur Erdtreppe, laufend wie Jungens. Ich saß mit offenem Munde da, so überraschend plötzlich war der Höllenlärm gekommen. Hoch über meinem Kopf zischte es dröhnend, surrend, brausend daher.
Zwei Armeen schossen aufeinander in tiefer Nacht. Die Spanier griffen an. Ein schweres Nachtgefecht hatte begonnen.
Wir krochen ins Zelt und warteten in atemloser Spannung auf Nachrichten. Das Gewehrfeuer dauerte in ununterbrochener Heftigkeit fort. Souder griff wohl zehnmal nach dem Taster, zog aber immer wieder die Hand zurück, denn er wagte es nicht, in so ernster Zeit der Blockhausstation mit einer privaten Anfrage zu kommen. Endlich klickte es nach einigen Minuten, und eine Depesche vom Höchstkommandierenden an General Bates lief ein, mit dem Befehl, telegraphische Meldung über den Stand des feindlichen Nachtangriffs zu erstatten. Fast gleichzeitig kam ein Adjutant und brachte ein lakonisches Telegramm zur Weitergabe an General Kent, an die Blockhausstation:
»Was — bedeuten — die — Feuer?«
Als jedoch der Sergeant den Schlüssel öffnete und den Taster ergriff, klickten die metallenen Stäbchen nur matt, tonlos beinahe — die Verbindung war unterbrochen! Mit einem grimmigen Fluch schob er den Schlüssel wieder zu.
»Break in the line!« sagte er kurz. »Sind abgeschnitten! Bring’ dem General das Telegramm, melde ihm, daß die Linie nicht funktioniert, und bitte um Orders!«
In langen Sätzen sprang ich die Erdstufen hinan, eilte durch den tiefen Hauptgang und war in den Schützengräben. Dicht an die Wände gekauert lagen die regulären Infanteristen in langen Reihen da, und in endlosem Geknatter hallten ihre Schüsse in die Nacht hinaus. Offiziere rannten ab und zu und befahlen immer wieder gellend:
»Niedrig halten — niedrig halten, Leute! Zweihundert Yards — auf die schwarze Gestrüpplinie — dort, wo es am dunkelsten ist — niedrig halten!«
Und über die Wälle der Gräben kam es in schweren Lagen vom Feind dahergepfiffen, bald hoch in der Luft, wie es schien, bald verzweifelt nahe. Feuerschein rötete den Sternenhimmel. Weit rechts von der belagerten Stadt flammten am Himmelsrand wie glühende Sonnen gewaltige Feuer an drei Stellen, höher das eine als die beiden anderen. Unten im Tal leuchtete es dann und wann winzig auf wie Glühwürmchenschein ...
»Fix bayonets!« brüllte irgend jemand irgendwo, und klirrend fuhren die Eisen auf die Gewehrläufe.
Am Ende des Hauptgangs fand ich den General. Er sah mich sofort und fragte kurz:
»Nachrichten? Was gibt’s, Mann?«
Ich überreichte die Depesche vom Hauptquartier und meldete die Unterbrechung der Linie.
»Was? Der Draht funktioniert nicht?« rief der alte Herr scharf. »Sie müssen sofort los und unter allen Umständen den Fehler finden. Die Verbindung muß schleunigst wiederhergestellt werden. Können Sie das?«
»Ich glaube ja, General. Die Linie bis zur Blockhausstation ist nur kurz und unschwer abzusuchen.«
»Im Dunkeln?«
»Wir haben Magnesiumfackeln.«
»Gut. Machen Sie sich unverzüglich an die Arbeit. Haben Sie Anschluß, so senden Sie General Shafter diese Depesche.« Die Meldung an das Hauptquartier, die mir der General nun diktierte, hatte ungefähr folgenden Inhalt: Nordwestlich von Santiago brennen drei große Feuer auf den Hügeln. Was diese Signale bedeuten, ist nicht bekannt. Das feindliche Gewehrfeuer scheint von den spanischen Schützengräben zu kommen. Wahrscheinlich steht ein Angriff bevor.
Ich kugelte beinahe die Erdstufen hinab, in solcher Eile war ich, denn die allgemeine nervöse Erregung da oben auf den Hügeln über das unheimliche nächtliche Gewehrfeuer hatte mich gründlich angesteckt. Souder hatte das Tascheninstrument und Ersatzdraht bereits hergerichtet. Dicht beim Adjutantenzelt stand, an einen Busch angebunden, ein Maultier.
»Nimm das Maultier!« sagte der Sergeant. »Du kommst schneller vorwärts dann!«
Und ich kletterte in den infam unbequemen hölzernen Packsattel, schlug dem Tier die Hacken in die Seite, und los ging es. Es war ein abscheulicher Ritt, wenn er auch nur eine knappe Viertelstunde dauerte. Wir hatten nur noch eine einzige Magnesiumfackel in unseren Tornistern gefunden, und die mußte aufbewahrt werden zur Arbeit an der Bruchstelle. So ließ ich alle paar Schritte ein Zündholz aufflammen und starrte in dem schwachen Lichtschein zur Linie hinauf, ob sie noch straff gespannt war. Dabei bockte das Biest von einem Maultier fortwährend. Obendrein war der eckige Holzsattel das reine Folterinstrument. Auf einmal —
»Halt! Ha — aalt!«
»Friend!« schrie ich.
»Losung!«
Zum Teufel — ich hatte die Losung nicht! In meiner Verwirrung dachte ich darüber nach, was ich antworten sollte ... da knallte es, und eine Kugel pfiff dicht an meinem Kopf vorbei.
»Du verdammter Lümmel!« brüllte ich in unbeschreiblicher Wut. »Wenn du noch einmal schießt, hau’ ich dir alle Knochen kaputt, you son — of — a — gun — du ballernder Sohn einer alten Kanone! Hier — ist — Signalkorps! Bei der Arbeit! Hörst du, du Narr!«
Und auf dem ganzen Ritt hörte ich Kugeln pfeifen. Auf den Hügeln wurde geschossen, vom Feind her kam es, und hinter den Hügeln schoß man erst recht. Das nächtliche Feuern hatte die Menschen verrückt gemacht. Sie verloren den Sinn für Richtung. Sie witterten einen Feind in jedem Geräusch, ob das nun vor ihnen war oder hinter ihnen, und blafften schleunigst darauf los. Mindestens sechs, sieben Mal ist auf mich und das alte Maultier geschossen worden in jener Nacht.
Ziemlich in der Nähe der Blockhausstation erst fand ich den Bruch an einer niedrigen Stelle, zwischen zwei Büschen. In drei Minuten war der Schaden ausgebessert, und ich gab meine Meldungen auf. Klickend kam es:
»Von General Kent. — Feind greift nicht an. Nichts Neues.«
»Von General Lawton. — Nichts Neues. Falscher Vorpostenalarm.«
»Vom Hauptquartier. — Was — bedeuten — Feuer? Sofort Bericht!«
Langsam begann das Gewehrfeuer abzuflauen. In gestrecktem Galopp jagte ich zur Station zurück — — —
Was die flammenden Holzstöße auf den Bergen bei Santiago bedeutet hatten, erfuhren wir erst viele Wochen später. Es waren verabredete Signale, die die Ankunft von 3000 Mann Verstärkungen für die Spanier unter General Escario bedeuteten. Die Frage, ob es sich bei dem heftigen Feuer in der Nacht zum 3. Juli nur um nervöses Geschieße oder um den wirklichen Versuch einer Nachtattacke der spanischen Truppen handelte, ist nie gelöst worden.
Der Untergang der spanischen Flotte.
Jubel in den Schützengräben. — Der Hafen von Santiago de Cuba. — Das Felsentor. — Castillo del Morro. — Das Warten, das Lauern! — Die Heldentat des Leutnants Hobson. — Durchbruch des spanischen Geschwaders. — Die Seeschlacht. — Die Hölle der fünfunddreißig Minuten. — Eine kleine Yacht schießt zwei Zerstörer in den Grund. — Eine Merkwürdigkeit in der Geschichte des Seekriegs. — Der Mann im Kommandoturm und der Mann hinter der Kanone. — Was von der Gespensterflotte übrig blieb.
Um elf Uhr nachts wurde es still oben in den Schützengräben und drüben beim Feind. Das Instrument klickte leise und perlte in eiligen Punkten und Strichen Wort auf Wort und Satz auf Satz hervor — Anfragen vom Hauptquartier, ob über die Bedeutung des Feuerscheins etwas bekanntgeworden sei; Befehle, die Vorposten zu verstärken und in keinem Fall die Schützengräben zu verlassen.
»Leg dich hin! In drei Stunden wecke ich dich!« brummte Souder.
In wenigen Minuten war ich eingeschlafen — und dann weckte mich der Sergeant — und dann träumte ich vor mich hin und die Stunden vergingen, ohne daß wir angerufen wurden — und dann weckte ich wieder ihn — und so trieben wir es bis in den hellen Morgen hinein, glückselig, endlich einmal gründlich schlafen zu können.
Die Ordonnanz hatte uns Kaffee und gebratenen Speck und Zwiebäcke vom Kochfeuer des Stabs geholt. Die unteren Wände unseres kleinen Zelts schlugen wir hoch, Luft und Sonne hereinzulassen, denn prachtvolles Tropenwetter hatte dieser Sonntag Morgen gebracht, hell und sonnenfroh mit kräftigem Wind, der das Feuchte und Dumpfige der Hitze wie zaubernd hinwegfegte.
»hr hr hr!«
Wir beugten uns beide über den Apparat und lasen staunend die Depesche vom Hauptquartier, die kurz befahl, die Feindseligkeiten einzustellen, da der Höchstkommandierende Santiago zur Kapitulation aufgefordert und das Bombardement der Stadt angedroht habe! — Souder rannte nach dem Zelt des Generals.
Nun verging Stunde auf Stunde in gespanntem Warten. Da, Mittag mochte es sein, klickte es scharf und eilig — S O 4 — S O 4 — —
»hr — hr — rrrrrssssss — — hr!«
Und die Augen traten uns fast aus dem Kopf, denn das surrende Sausen im Magneten bedeutete, daß der Geber drüben auf S O 3 in fieberhafter Ungeduld den Taster tanzen ließ, und es sagte so deutlich, als hätte er es uns in die Ohren geschrien: Wichtig — aufpassen, aufpassen — wichtig über alle Maßen!
»Sie haben kapituliert!« flüsterte Souder.
Ganz langsam und klar kam es:
»General Bates. — Flottenmeldung. Das spanische Geschwader ist vernichtet. Cervera gefangen. Sämtliche feindlichen Schiffe sind zerstört. Die amerikanischen Geschwader haben weder Schiff noch Mann verloren. — Shafter.«
Wir starrten uns an und waren sekundenlang wie gelähmt von dem gewaltigen Eindruck der wenigen gewaltigen Worte. Dann riß der Sergeant das Telegrammformular an sich und sprang in mächtigen Sätzen zum Hügel, zum General, der kurz zuvor das Quartier verlassen und sich in die Schützengräben begeben hatte. Ich blieb im Zelt und wartete krampfhaft auf den nächsten Anruf. Aber der Klopfer rührte und regte sich nicht. Da erklang es leise wie fernes Brausen in dumpfem, undeutlichem Klang und doch machtvoll und stark, daß es einen im Innersten packte und klopfenden Herzens lauschen ließ. Lauter wurde der Schall und immer näher kam er. Und mit einem Male ergellte es droben auf unserem Hügel in furchtbar schrillendem Stimmenklang aus Tausenden von Männerkehlen in hellem Jubel — das wilde amerikanische Hurra, den Indianern abgelauscht in seinem schrillen Klang:
Ii — iii — iih ...
Urgewaltig. Furchtbar. Minutenlang dauerte das Gellen und das Gebrause. Der Siegesjubel der Männer in den Schützengräben. Ich stand vor dem Zelt und brüllte mit, wie betrunken, was Brust und Kehle nur hergeben wollten.
Die Einfahrt zum Hafen von Santiago de Cuba ist einer der schönsten Flecke der Welt. Ungeheure Felsenmassen ragen aus tiefblauem Meer in tiefblauen Himmel empor, steil abfallend, und spalten sich in winziger Enge, einem Meeresarm Durchlaß zu gewähren, so schmal, daß zwei große Seeschiffe nicht nebeneinander die Einfahrt wagen können. Es sieht aus, als hätte das Meer einst in Arbeit von Jahrhunderten seinen Weg hineinfressen müssen in die Felsen und sich die lange schmale Wasserstraße bahnen, die erst nach vier Seemeilen sich zu der gewaltigen Bucht weitet, an deren Ostrand Santiago de Cuba liegt. Droben auf den Felsen bei der Einfahrt klebt in schwindelnder Höhe ein uraltes, spanisches Festungswerk, das Castillo del Morro, mit altertümlichen Bastionen und Felsentreppen und verwitterten Mauern.
Jetzt dröhnten um Felsennest und alte Burg und blaues Meeresgestade seit Wochen schwere Schiffsgeschütze.
In der Bucht von Santiago hatte das spanische Geschwader des Admirals Cervera Anker geworfen und ergänzte krampfhaft seine Kohlenvorräte aus den kümmerlichen Hilfsmitteln der verlotterten spanischen Hafenverwaltung, während in den Maschinenräumen die Ingenieure fieberhaft klopften, hämmerten, reparierten. Draußen aber vor der Felsenenge lagen Tag und Nacht die Panzer des amerikanischen Geschwaders — wartend, lauernd — lauernd, wartend ... Denn jeden Augenblick konnte die spanische Flotte zwischen den Felsenwänden hervorbrechen. Noch war die Gespensterflotte eine ständige Drohung und eine stete Gefahr.
Die Hafeneinfahrt zu erzwingen schien unmöglich. Wenn auch die altmodischen Geschütze des alten Kastells nicht viel taugten, so schützten die Einfahrt doch zwei moderne Batterien auf den Felsen und zahllose Seeminen. Die Amerikaner begnügten sich damit, die dicken Mauern des alten Forts und die Batterien immer wieder zu bombardieren, aber ohne viel Schaden anzurichten. Freilich machten sie schon in den ersten Tagen der Blockade einen tollkühnen Versuch, die schmale Hafeneinfahrt so zu versperren, daß dem spanischen Geschwader ein Passieren unmöglich würde.
Der Plan wurde von dem Marineleutnant Hobson erdacht und durchgeführt. Ein großer Kohlendampfer, der »Merrimac«, ein hundertundzwanzig Meter langes Schiff, sollte der Türriegel des Felsentors werden. Seine Unterwasserventile und besonders gebohrte Löcher unter der Wasserlinie wurden nur leicht geschlossen und durch hölzernes Hebelwerk so schwach gestützt, daß die Erschütterung einer schweren Explosion die Verschlüsse wegfegen und das Schiff sofort zum Sinken bringen mußte. Im Schiffsraum am Bug wurden Sprengladungen angebracht, die von der Brücke aus elektrisch entzündet werden konnten. Hobson wollte den »Merrimac« mitten in die Felseneinfahrt steuern, wenden, und das Schiff in der nur hundert Meter breiten und wenig tiefen Einfahrt sinken lassen. So daß es wie ein Querdamm die schmale Wasserstraße sperrte. Das Unternehmen mußte aller Voraussicht nach das Leben der Männer kosten, die diesen schwimmenden Türriegel lenkten.
Am 3. Juni kam der waghalsige Plan zur Ausführung. Der »Merrimac« mit Leutnant Hobson und sieben Freiwilligen bemannt, fuhr in voller Fahrt der Felsenenge zu und erhielt furchtbares Feuer von Morro, den Batterien auf den Felsen und dann, als er die Einfahrt erreichte, auch von zwei spanischen Kreuzern, die in einer Krümmung der Wasserstraße verborgen waren. Nur ein einziger Schuß traf. Aber dieser eine Schuß zerschmetterte das Steuerruder des »Merrimac« in dem Augenblick, als Hobson die Mine springen ließ. Die Wendung, die das sinkende Schiff ausführen sollte, wurde dadurch unmöglich, der »Merrimac« trieb noch ein Stück weit dem Felsenufer zu und sank dicht am Strand, die Fahrtrinne freilassend. Der Plan war mißglückt. Leutnant Hobson und die Mannschaft waren wie durch ein Wunder unverletzt geblieben und konnten in das Boot springen, das der »Merrimac« mit sich schleppte. Aber ein Entkommen war unmöglich, und sie mußten sich der Pinasse eines spanischen Kriegsschiffs gefangen geben.
Wieder begann das Warten und das Lauern, das Lauern und das Warten ...
Nach der Schlacht vom San Juan-Hügel wurde die Lage des spanischen Admirals unerträglich. Siegten die amerikanischen Truppen zu Lande, so mußte die Kapitulation von Santiago de Cuba die unrühmliche Uebergabe seines starken Geschwaders nach sich ziehen, ohne daß es sich ernstlich mit dem Gegner gemessen hatte.
Admiral Cervera beschloß den Durchbruch.
Als im Morgengrauen des 3. Juli das Morrokastell meldete, daß das amerikanische Schlachtschiff »Massachusetts« verschwunden sei und der Panzer »New York«, das Flaggschiff des amerikanischen Admirals Sampson, nach Osten dampfe, hielt er die Gelegenheit für günstig.
Das spanische Geschwader bestand aus den vier großen Schlachtschiffen »Infanta Maria Teresa«, »Almirante Oquendo«, »Viscaya« und »Cristobal Colon«, sowie den beiden schnellen Torpedobootzerstörern »Pluton« und »Furor«. Die beiden amerikanischen Geschwader der Admirale Sampson und Schley aus den großen Schlachtschiffen »Massachusetts«, »New York«, »Iowa«, »Indiana«, »Oregon«, »Texas«, »Brooklyn« und einer Reihe von Hilfsschiffen. Die »Massachusetts«, die nach Guantanamo gedampft war, um ihre Kohlenvorräte zu ergänzen, und die »New York«, die Admiral Sampson zu einer Besprechung mit General Shafter in Siboney landen sollte, kamen für den Kampf vorläufig nicht in Betracht.
Vor der Felseneinfahrt lagen, zwei Seemeilen entfernt, in ungeheurem Bogen die amerikanischen Schlachtschiffe. Um halb zehn Uhr morgens erschien die »Maria Teresa«, das Flaggschiff des spanischen Admirals, in der Felseneinfahrt. In Abständen von 800 Metern folgten die übrigen spanischen Schlachtschiffe und viel später erst, aus irgend einem unerklärlichen Grunde, die beiden Torpedobootzerstörer. Sie brachen in rasender Fahrt hervor. Der Kesseldruck war vor dem Auslaufen durch künstliche Mittel aufs äußerste gesteigert worden, während die amerikanischen Schiffe unter kleinen Feuern dalagen, wie sie gelegen hatten seit vielen Wochen. In langer Linie wandte sich die spanische Flotte nach Westen und eröffnete sofort das Feuer.
Der Kampf, der sich nun abspielte, liest sich in unseren Zeiten der Dreadnoughts und des sorgfältigen Abwägens von Schiff gegen Schiff, Geschütz gegen Geschütz, Gefechtswert gegen Gefechtswert wie ein schwer zu glaubendes Märchen. Mag der Kriegswissenschaftler auch einwenden, daß die spanischen Schlachtschiffe vom Maschinenraum bis zu den Geschützen sich in einem Zustand schlimmer Vernachlässigung befanden, das Märchen bleibt. In seiner Gesamtheit war das Ende des Kampfes vielleicht vorherzusehen — in seinen erstaunlichen Einzelheiten niemals.
Die spanische Flotte ließ das amerikanische Geschwader bald weit hinter sich zurück, und nur ein einziges amerikanisches Schiff, die »Brooklyn«, hatte Dampf genug, zu folgen. Eine Viertelstunde lang schien es, als sei der waghalsige Durchbruch geglückt. Die »Brooklyn« ertrug das gesamte Feuer der vierfachen Uebermacht allein, und die Schüsse der anderen amerikanischen Schiffe mußten auf so große Entfernungen abgegeben werden, daß sie sehr wenig wirksam waren. Aber der künstlich gesteigerte Dampfdruck der Spanier ließ bald nach, während in den amerikanischen Maschinenräumen fieberhaft gearbeitet wurde. Langsam verringerten sich die Entfernungen, und die Schlacht begann. Die »Oregon« kam an die feindliche Linie heran, dann die »Texas«, und ein furchtbarer Granatensturm fegte über die spanischen Schiffe. »Maria Teresa« und »Almirante Oquendo«, die von ihren Genossen, der »Viscaya« und dem »Colon«, überholt worden waren und nun als letzte in der Linie dampften, standen in zwanzig Minuten lichterloh in Flammen, schwer getroffen, kampfunfähig. Treffer in den Geschütztürmen hatten ein entsetzliches Blutbad unter ihren Mannschaften angerichtet. Die beiden Schiffe waren verloren.
Langsam wandten sie sich der Küste zu und liefen auf den Strand, zerfetzt, zerschossen, brennend.
Das war fünfzehn Minuten nach zehn Uhr. Fünfunddreißig Minuten hatten den gewaltigen Kriegsmaschinen den Garaus gemacht. Fünfunddreißig Minuten in einer Hölle von Flammen und Verderben. Viele der spanischen Matrosen sprangen in ihrer Todesangst über Bord und versuchten, an Land zu schwimmen. Doch kubanische Insurgenten, die in der Nähe des Strandes kampierten, waren herbeigelaufen und feuerten erbarmungslos auf die Unglücklichen im Wasser, bis ein amerikanisches Schiff Mannschaften landete und die Bestien mit dem Bajonett vertrieben wurden.
Zwanzig Minuten nach den vier spanischen Schlachtschiffen waren die beiden schnellen Torpedobootzerstörer »Pluton« und »Furor« zwischen den Felsenwänden erschienen und von den amerikanischen Schlachtschiffen »Iowa« und »Indiana« beschossen worden, die aber ihr Hauptaugenmerk auf die großen spanischen Panzer richten mußten. Die Zerstörer wurden schwer beschädigt, waren aber nicht kampfunfähig. Vernichtet wurden sie durch — ein winziges, ungepanzertes, amerikanisches Schifflein, eine kleine Yacht, die eine einzige Granate zerfetzt hätte.
Admiral Plüddemann schreibt in seinem Werk »Der Krieg um Kuba«:
»Immerhin lag die Gefahr vor, daß sich die Zerstörer vermöge ihrer großen Schnelligkeit dem Feuerbereich der Schiffe bald entziehen würden. Da trat die >Gloucester< in Aktion. Dieses Fahrzeug war vor dem Kriege eine Privatyacht mit Namen >Corsair< gewesen, es hatte eine hohe Geschwindigkeit und war durch Armierung mit Schnell-Lade-Kanonen in einen, sozusagen, Hilfstorpedobootszerstörer verwandelt worden.
Als die ersten Schiffe in der Hafeneinfahrt erschienen, dampfte >Gloucester< mit mächtiger Fahrt darauf zu und ließ den Dampfdruck hoch gehen, da das Erscheinen auch der Zerstörer mit Sicherheit zu erwarten war. Als diese etwa zwanzig Minuten später herauskamen, dampfte sie mit 17 Knoten Fahrt darauf zu, engagierte die schon durch die Panzerschiffe schwer Beschädigten dann auf nahe Entfernung und zerschoß sie, ohne selber getroffen zu werden, dermaßen, daß der >Furor< 15 Minuten nach dem Auslaufen bei einem letzten Versuch, die Hafeneinfahrt wieder zu gewinnen, in sinkendem Zustande auf den Strand gesetzt wurde, während der >Pluton< wenige Minuten später in tiefem Wasser sank. >Gloucester< rettete, was noch an Menschenleben zu retten war und mit den Wellen kämpfte, und folgte dann den Panzerschiffen.«
Das Wunder war geschehen. Eine kleine ungeschützte Yacht, die trotz ihrer Schnellfeuerkanonen den Namen eines Kriegsschiffs nicht verdiente, und von der niemals mehr erwartet worden war, als das Aufbringen von Handelsschiffen mit Kontrebande, hatte zwei spanische Zerstörer in den Grund geschossen, die ihr einzeln schon in jeder Beziehung weit überlegen waren.
So hatte eine kleine halbe Stunde zwei Schlachtschiffe des spanischen Geschwaders und zwei schnelle Zerstörer von hohem Gefechtswert vernichtet. Uebrig blieben die Schlachtschiffe »Viscaya« und »Cristobal Colon«.
Der »Cristobal Colon« schien als einziges spanisches Schiff dem Verderben zu entrinnen, denn seine Geschwindigkeit wurde immer größer, und bald war er außer Gefechtsweite weit draußen auf dem Meer. Auf die unglückliche »Viscaya« aber konzentrierte sich nun das Feuer von drei amerikanischen Panzern: »Brooklyn«, »Oregon« und »Texas«.
Binnen wenigen Minuten kam das Ende, wie es kommen mußte. Das schwer verwundete Schiff schleppte sich brennend dem Strande zu und lief auf. In diesem Augenblick erfolgte eine furchtbare Explosion, die das vordere Drittel der »Viscaya« in Fetzen zerriß. Ein Torpedo entweder, der schußbereit im Lancierrohr lag, oder eine Munitionskammer war von einer amerikanischen Granate getroffen worden. Die gräßlichen Szenen beim Stranden der »Infanta Maria Teresa« und des »Almirante Oquendo« wiederholten sich. Halbverbrühte, schwerverwundete Männer, die beinahe wahnsinnig geworden waren in der Todesangst dieser Minuten in der Hölle, kämpften zu Hunderten in den Fluten — und aus den amerikanischen Feinden wurden warmherzige Lebensretter, die Hals über Kopf die Boote bemannten. Nicht nur fischten sie die Unglücklichen in den Wellen auf, sondern sie holten unter schwerster Lebensgefahr die armen Verwundeten aus den brennenden spanischen Schiffsräumen, deren Munitionskammern jeden Augenblick in die Luft fliegen konnten. Admiral Cervera, schwer verwundet, wurde unter feierlicher Stille an Bord eines amerikanischen Panzers geleitet und mit militärischen Ehren empfangen. Mannschaften und Offiziere salutierten stumm, als er seinen Degen dem Sieger hinreichte. Sämtliche Kommandeure der spanischen Schlachtschiffe waren verwundet worden; zwei, der Kommandant der »Maria Teresa« und der Chef der Zerstörerflottille, hatten den Tod gefunden.
Unterdessen war in jagender Fahrt die »New York« mit Admiral Sampson auf dem Kampfplatz erschienen. Sie folgte der »Brooklyn«, der »Oregon«, und der »Texas«, die Oel feuerten und in immer größerer Geschwindigkeit dem »Cristobal Colon« nachjagten. Ueber zwei Stunden dauerte die Verfolgung. Um 12 Uhr 50 Minuten waren die »Brooklyn« und die »Oregon« so nahe an den Feind herangekommen, daß das Feuer eröffnet werden konnte. Der Kapitän des »Colon« sah, daß das Schicksal seines Schiffes besiegelt war. Um den »Colon« dem Feind zu entziehen, ihn zu vernichten und doch die Mannschaft zu retten, wandte auch er und lief in sausender Fahrt auf den Strand. Der »Cristobal Colon« sank in sieben Meter tiefem Wasser.
So war die Seeschlacht von Santiago de Cuba geschlagen und das spanische Geschwader bis auf das letzte Schiff zerstört.
Hunderte von Menschenleben und Millionen und Abermillionen an schwimmendem Kriegsmaterial hatten die wenigen Minuten dem spanischen Königreiche gekostet. Die Tabellen der Verluste der beiden Flotten lesen sich wie eine Fabel. Vier gewaltige Panzer und zwei Zerstörer hatte der Tag Spanien geraubt — von den amerikanischen Schlachtschiffen war kein einziges schwer beschädigt oder auch nur so verletzt worden, daß es seine Gefechtsfähigkeit beeinträchtigt hätte! Sechshundert spanische Matrosen waren im Kampf getötet worden oder in den Fluten ertrunken, hundertfünfzig Schwerverwundete und vierzehnhundert Gefangene, von denen viele verwundet waren, nahmen die amerikanischen Schiffe auf.
Die Amerikaner aber hatten nur einen einzigen Toten und einen einzigen Verwundeten, beide auf der »Brooklyn«!
Ein Märchen. Ein Wunder. Eine kaum glaubliche Merkwürdigkeit in der Geschichte des Seekriegs, die gar nachdenklich stimmen mag. Nicht Panzerwerte und Geschützzahl allein sind es, die eine Seeschlacht entscheiden, sondern der Mann im Kommandoturm und der Mann hinter der Kanone.
Zwei Monate später, als ich an Bord eines der letzten Truppendampfer, die Santiago de Cuba verließen, staunend die Schönheit von Felsennest und alter Burg und blauem Meeresgestade bewunderte, sah ich am Strand des Felsentors den »Furor«. Wenige Minuten später kamen die Wracks der »Viscaya« und des »Almirante Oquendo« in Sicht. Der »Cristobal Colon« war einige Tage nach der Schlacht völlig gekentert. Die »Infanta Maria Teresa« hatten die Amerikaner zwar gehoben und notdürftig ausgeflickt, aber während des Transportes nach den Vereinigten Staaten war sie bei den Bahamas gestrandet und gesunken.
Tropenfeuchtigkeit und Tropensonne hatten die armen Reste von zerschossenem Stahl und zerfetztem Eisen, die nur wenige Meter über das Wasser hervorragten, mit einem leuchtendroten Kleid von Rost überzogen. Spitzige, zackige Stahlfetzen und Eisentrümmer überall. Unförmliche verbeulte Stümpfe, die einst Schornsteine gewesen waren.
Schlechtes altes Eisen. Das war übrig geblieben von der Gespensterflotte.
In den Schützengräben.
Von Siegesberichten und Sorgen. — Ein Murren geht durch die Schützengräben. — Die Meinung des alten Sergeanten. — Ungeduld! — Der Humor der Front. — Krankheit und Schwäche. — Die berühmten kubanischen Leibschmerzen. — Fieber und Ruhr. — Stimmungen und Verstimmungen. — Ein Freudentag. — Freund Billy aus Wanderzeit und Eisenbahnfahrt. — Zwei Gefechtstage. — Wie ich ein Held sein wollte. — Der Friedensbaum. — Die Kapitulation von Santiago de Cuba.
Die Armee auf den Hügeln jubelte.
Erst viele Wochen später, als Dampfer auf Dampfer Regiment auf Regiment nach der amerikanischen Heimat zurückbrachte und die Männer der Schützengräben sich gierig auf die alten Zeitungen stürzten, von ihren eigenen Taten zu lesen, erfuhren sie zu ihrem großen Erstaunen, daß die Ereignisse in den ersten Julitagen im Tal von Santiago de Cuba den Leuten zuhause im Lande Gottes nicht nur glorreiche und höchst übertriebene Siegesberichte gebracht hatten, sondern auch schwere Sorgen.
Sie lasen verblüfft, daß General Shafter nach der Schlacht am San Juan-Hügel am Abend des 2. Juli nach Washington gekabelt hatte, die Stellung des Feindes auf seiner zweiten Verteidigungslinie sei fast unangreifbar und die Lage außerordentlich ernst, denn ein Vorgehen müsse schwerste Verluste bringen — — — Sie lasen schmunzelnd, daß der General, der die amerikanische Gesamtarmee kommandierte, General Miles, dem kranken und überpessimistischen Shafter noch in der gleichen Nacht lakonisch geantwortet hatte, er möge vor allem — den spanischen Befehlshaber zur bedingungslosen Kapitulation auffordern! Das Bombardement der Stadt androhen, wenn General Toral sich weigere! Sie lasen lachend, wie glänzend dieser echt amerikanische Bluff gelungen war: Zwar hatten die Spanier die Uebergabe abgelehnt, aber Waffenstillstand trat ein am 3. Juli und es begannen Verhandlungen, die den Anfang vom Ende bedeuteten. Sie lasen noch manches mehr. Oft vielleicht mit einem recht unbehaglichen Gefühl. Wie der Hunger ihnen in der Schlacht geholfen hatte, ohne daß sie es wußten, denn die armen Teufel von Spaniern waren schon Ende Juni auf halbe Rationen gesetzt worden, weil das verrottete spanische Regierungssystem auf der Insel sich um die Kleinigkeit der Verproviantierung einer Armee zufällig nicht gekümmert hatte. Wie gewaltig stark die Drahtverhaue der zweiten spanischen Stellung waren. Wie furchtbar hoch die Krankenzahl in der amerikanischen Armee.
Und sie fingen zu Hause an, viele Dinge zu begreifen, die sie nicht begriffen hatten im Tal von Santiago de Cuba.
Ein Murren ging durch die Schützengräben.
Hundertmal, wenn wir Depeschen auf den Hügel brachten, wurden Souder und ich von den schmutzstarrenden, verwahrlosten Gestalten im Graben angehalten und mit Fragen bestürmt, ob denn nichts sich rege im Hauptquartier und wie die Dinge stünden und wann endlich der Waffenstillstand zu Ende sein werde. Der verdammte Waffenstillstand!
Da drüben war der Feind! Dort lag die Stadt, dort waren Häuser, in die der Schandregen nicht eindringen konnte; dort gab es Betten, in denen man schlafen, und Herde, auf denen man kochen konnte! Warum, weshalb im Namen aller Vernunft verpfefferte man nicht drei Stunden lang das Gras und das Gestrüpp da drüben mit allem, was Gewehre und Patronengürtel nur hergeben wollten, und stürzte sich dann bergabwärts Hals über Kopf auf die kleinen Männlein, die schon davonlaufen würden wie sie davongelaufen waren von den Hügeln!
Ein alter Sergeant der 5. Regulären, der oft zu unserem Zelt kam, zu schwatzen, verkörperte die Stimmung in den Schützengräben ausgezeichnet:
»Höll’ und Teufel!« sagte er. »Ich werde nicht dafür bezahlt, mich mit höherer Strategie zu befassen. Das überlass’ ich dem jesuschristlichen Dicken! Wenn mir befohlen wird, im Dreck herumzusitzen und mir alle halbe Stunde die Jacke vollregnen zu lassen und so viel schlechten Speck zu fressen, daß ich zeitlebens keinem anständigen Schwein mehr ins Gesicht sehen kann, — dann halt ich’s Maul und gehorche. Aber verdammt will ich sein, wenn ich’s verstehe! Magazinfeuer, würd’ ich sagen — Bajonett auf das alte Schießeisen — und in fünfundzwanzig Minuten wäre die alte Geschichte erledigt. Aber der Dicke muß es ja wissen! Mir kann’s recht sein. Bye, bye, Jungens! Laßt euch euren Speck recht gut schmecken! Achtet auf eure Gesundheit!«
Worauf wir ihm ergrimmt Lehmklumpen nachwarfen. Wer in diesen Tagen von Speck und werter Gesundheit sprach, der war ein Raufbold, der boshaft an die wundeste aller wunden Stellen rührte, und forderte tätlichen Angriff heraus.
So murrten die Männer in den Schützengräben.
Ungeduldig waren sie wie Kinder und frech wie Spatzen. Aber das Schimpfen klang immer noch lustig, und niemals lag in ihm der Ton der Auflehnung. Man lachte mitten im Gezeter und nahm die harten Entbehrungen nicht ernst, wenn sie es auch im Grunde waren, die die Ungeduld gebaren. Man mußte warten — man begriff nicht, weshalb in Kuckucksnamen man solange warten mußte — aber es würde schon kommen, oh, es würde schon kommen ... Rührend war es in Wirklichkeit, mit welch prachtvollem, trockenem Humor diese Männer ein Leben ertrugen, das in seiner Härte so gar nichts Humoristisches hatte, und wie sie aus Jammer und Elend immer und immer wieder die lustige Seite herauszufinden wußten. Droben in dem breiten Hauptgang hatten sie einen Wegweiser aufgestellt, auf dem in derben Lettern stand:
»Revolver müssen beim Portier abgegeben werden (links — Dreckstraße Nr. 3), denn auf Befehl des kommandierenden Generals ist Schießen in diesem Vergnügungslokal nicht gestattet! Nur Herren mit garantiert anständigem und friedfertigem Benehmen haben Zutritt!« — in blutigem Hohn auf den Waffenstillstand.
Ein anderes Schild beim Eingang eines besonders sumpfigen Schützengrabens besagte grimmig: »Warnung! Angeln ist hier verboten!!« Im Hauptschützengraben hatten sie auf Brettchen von Munitionskisten mit irgend einer schwarzen Farbe, die sie gottweißwo aufgetrieben haben mochten, allerlei Sprüche gemalt und die Brettchen in die Lehmwand hineingesteckt wie Gedenktafeln:
»Erzähle mir nicht, o Freund, daß du Bauchweh hast! Deine Symptome interessieren mich nicht. Ich hab sie nämlich selber!« lachte ein Spruch.
»Und der Herr schuf Regen und Sonnenschein ... Für Kuba hat er seine Schaffensfreudigkeit verdammt übertrieben!« hieß es auf einer anderen Tafel. Ihre Nachbarin sagte:
»Bist du schlechter Laune, so haue einen Insurgenten. Das ist gesunde Bewegung für dich und macht aus dem Cubano vielleicht einen Menschen; der Stecken lehnt hinten in der Ecke.« Das gab die Einschätzung, in der Señor Insurgente bei der Armee stand, famos wieder!
So sah der Humor der Schützengräben aus. Grimmiger, harter, verkrustet trockener Humor war es, der ahnen ließ, wie zäh und kraftvoll die Männer sein mußten, die in Krankheit und Schwäche lachen und sich über ihren eigenen Jammer lustig machen konnten. Denn krank waren sie alle, zum mindesten nicht gesund.
Die Regenzeit Kubas hatte nun im Ernst begonnen. Tag für Tag, dutzende Male oft in einem Tag, regnete es in tropischer Gewalt in ungeheuerlichen Wassergüssen — und der Viertelstunde klatschenden Regens folgte ebenso ungeheuerliche Sonnenhitze, die mit der verdampfenden Feuchtigkeit alle Miasmen aus dem Boden zog und Menschen und Dinge in übelriechenden Dampf hüllte. Morgens und abends lagen stundenlang dick und gelb zähe Nebelschwaden über dem Boden, kalt, feucht und dumpfig. Selten verging eine Nacht ohne Regen, und dann schliefen die Männer in den Schützengräben auf nassem Boden in nassen Decken. Jetzt, in den Tagen der Waffenruhe, durfte zwar immer ein Teil der Regimenter auf dem Gelände hinter den Hügeln Zelte aufschlagen, aber die winzigen Soldatenzelte schützten nur wenig gegen diesen Regen und gar nicht gegen Bodenfeuchtigkeit und Nebel. Die Kleider faulten einem fast am Leib. Souder und ich schleppten zweimal im Tag Wasser herbei aus dem San Juan und wuschen unsere Körper und irgend ein Kleidungsstück, doch es nützte nichts. Seife hatten wir längst keine mehr. Was das Ausrinsen im Wasser gut machte, verdarben wieder in ein paar Stunden Regen und Schweiß. Starrer Schmutz war es, in dem man lebte. Widerlicher Schmutz. Die Männer in den Schützengräben, die nicht so viel Zeit und Gelegenheit zur Reinigung hatten wie wir, waren noch schlimmer daran. Schmutz, Schmutz, überall Schmutz ... Die Nässe verdarb rasch das Schuhzeug, so fest und derbe es war, und oft wurden Patrouillen nach rückwärts zu den Hospitälern geschickt, um die Stiefel der Schwerkranken und Gestorbenen zu holen.
Immer gleich blieb die Nahrung. Speck, Hartbrot, Speck. Man weichte die harten Zwiebacke auf, tat Zucker hinzu und Speckstückchen und briet sich den breiigen Mischmasch. Trank höllenstarken Kaffee dazu. Einmal kam eine Sendung Büchsenfleisch, aber es war verdorben. Derartig schlechte Behandlung läßt sich auf die Dauer kein Magen gefallen.
So rebellierten zuerst die Mägen. Langsam schlich sich Krankheit in die Schützengräben. Kaum einen Mann gab es in der Front, der nicht wenigstens an einer leichteren Form von Ruhr litt. Auch da noch half der Humor, das Abschüttelnwollen körperlicher Schwäche, wie es in junger Mannesart liegt. Die verschmutzten Männer lachten über die recht unangenehmen und schmerzhaften Aeußerungen ihrer gestörten Verdauung und machten lustige Witze, höchst unanständige Witze zumeist, über das viele Aufgesuchtwerden der primitiven Stellen, die man in der Zivilisation verengländert mit W. C. zu bezeichnen pflegt. Aber nach und nach verspürte ein jeder immer kräftiger die üblen Folgen der ewigen Magenbeschwerden und der Fieberanfälle, denen keiner entging. Die schlechten Witze fingen an, gequält zu klingen. Das lustige Lachen von gestern über das berühmte kubanische Bauchweh zog heute nicht mehr. Die Gesichter wurden blaß, und der energische, springige Gang der Regulären träge. Auf das Fieber hätte man schließlich gepfiffen — aber der Magen, der Magen! Bitter und gallig schmeckte der schlechtgeröstete Kaffee, weil die halbzerstampften Bohnen ewig lange sieden mußten. Der Speck schimmerte ölig und durchsichtig, denn die Sonnenhitze hielt ihn ständig in schöner brühwarmer Temperatur. Man konnte ihn bald nicht mehr sehen und nicht mehr riechen. Die Schiffszwiebacke waren trocken kaum zu essen, und der fade Brei, der sich höchstens aus ihnen bereiten ließ, wurde einem zum Ekel. Der Magen, der Magen! Er war es, aus dem die üble Laune kam.
Und die Stimmungen!
Wenn ich in den Schützengräben nach dem General oder irgend einem höheren Offizier suchte, schien es mir beinahe komisch, wie die sonst so unverwüstlich derben und unverwüstlich lustigen Regulären nun auf einmal Stimmungen unterworfen waren. Manchmal lagen sie faul und apathisch da und ließen einen ruhig über ihre Leiber hinwegsteigen, viel zu träge, sich zu rühren oder gar zu reden. Manchmal wieder konnte das leiseste Gerücht, das Hoffnung auf Soldatenarbeit gab, oder der unsinnigste Scherz sie blitzschnell aufrütteln. Als mich einmal ein Korporal fragte, was denn los sei (ich trug ein Telegramm in der Hand), antwortete ich ärgerlich:
»Es ist Dienstgeheimnis und du darfst es nicht weiter sagen: Washington telegraphiert, daß ein Dampfer mit einer neuen Speckladung abgegangen ist!«
»Pfui Deibel!« sagte der Korporal.
Die Männer links und rechts von ihm lachten wie toll und erzählten den mageren Witz weiter, der nun richtig die ganze Linie entlang schallende Heiterkeit auslöste.
Doch das Lachen war selten geworden. Ein jeder wußte, daß die Zeiten bitterernst waren und ein grimmiger Feind die Hügel bedrohte, ein schlimmerer Feind als die verachteten kleinen Männlein da drüben: Krankheit, Fieber, Ruhr, Malaria. Und ein jeder gab sich Mühe, auf das dumpfe Brausen in seinem Schädel frühmorgens im Nebel nicht zu achten und auf die Schmerzen in Magen und Darm nach den Mahlzeiten. Weil keiner krank werden wollte.
Souder und ich waren brummig oft, und übellaunig, und nicht weniger ungeduldig als alle anderen. Weder ihm noch mir blieben die grimmigen Leibschmerzen erspart, und er und ich wußten ganz genau, wie es war, wenn einem nach übelriechender Nebelnacht die Fieberfliegen im Kopf summten und man sich fluchend vom Sanitätssergeanten des Brigadequartiers gewaltige Dosen Chinin geben ließ, die einem die Ohren klingen machten. Aber die Linie, der Draht, das klappernde kleine Instrument versorgten uns stets mit so viel Arbeit und so starkem Interesse an Spannung und Erwartung, daß wir Kopfschmerzen und Leibgrimmen prompt zu vergessen pflegten. Waren die Depeschen in diesen Tagen auch selten wichtig, so wartete man doch wenigstens immer auf eine, die wichtig sein würde.
Da kam der 7. Juli. Der vierte Tag des Waffenstillstandes. Die Linie zu S O 3 war wieder einmal schadhaft geworden und die Reihe diesmal an uns, den Fehler zu suchen. Mißvergnügt machte ich mich mit Ersatzdraht und Zwickzange auf den Weg und fand den Schaden bald. Irgend ein Spitzbube in Uniform mochte zu irgend etwas ein Stückchen Draht gebraucht haben und hatte einfach einen halben Meter der Linie mit seinem Taschenmesser herausgesägt. Ich schimpfte, wie ein regulärer Signalmann über so lästerlich infame Schändung schimpfen mußte, und reparierte. Weil ich nicht weit von S O 3 war, beschloß ich, bei der Blockhausstation vorzugucken. Ich schlenderte den breitausgetretenen Pfad hinter den Hügeln entlang, auf dem es von Soldaten wimmelte, denn Zelt an Zelt reihte sich auf der Hügelseite. Hier kampierten die Rauhen Reiter. Plötzlich blieb ich stehen, und heiß und kalt überlief es mich.
War — das — ein Traum — ein Fiebergaukelspiel?
Eine klingende, metallische Stimme, eine liebe alte Stimme hatte mich gerufen bei meinem Namen aus alten Zeiten. Klar und hell —
»Ed! Ha — a — llooh — Ed!!«
Ich stand und starrte und wollte meinen Ohren nicht glauben.
»Halloh — Ed!«
Von einem Zelt nicht weit vom Weg kam ein Rauher Reiter-Offizier gelaufen, ein Leutnant. Unter dem graubraunen Feldhut mit dem glitzernden Regimentsemblem von gekreuzten Reitersäbeln leuchteten groß und lachend graublaue Augen — die alten Augen ...
»Billy!« schrie ich. »Halloh, Billy — Bi — i — illy!«
Und er sprang herbei, und wir schüttelten uns die Hände, denn sprechen mochte keiner ein Wort, und dann lachten wir wie unsinnig und dann schüttelten wir uns wieder die Hände und dann lachten wir wieder.
Billy war es, der alte Billy, der Billy aus Wanderzeit und Eisenbahnfahrt.
Billy in der Uniform eines First Lieutenant, eines Oberleutnants des Rauhen Reiter-Regiments. Gar kein Staunen verspürte ich über die silbernen Streifen auf seiner Schulter. Dieser Mann war einer der wenigen Menschen, die dazu geboren sind, zu führen und zu leiten unter allen Umständen. Seien sie arm oder reich. Die vornehm sein müssen und Herren über andere, mögen sie auch einen einzigen Rock nur ihr eigen nennen. In der alten Welt hätte man freilich aus Billy keinen Offizier gemacht. Sein Lebensgang wäre denn doch nicht einwandfrei genug gewesen — um die schöne Phrase zu gebrauchen. In Amerika sah man sich den Mann an und — griff zu. Billys Familie hatte ihm eigentlich gegen seinen Willen das Leutnantspatent bei den Rauhen Reitern erwirkt. In der entscheidenden Unterredung jedoch mit Theodore Roosevelt hatte Billy klipp und klar erklärt, daß er erwähnen müsse, er sei vor noch nicht langer Zeit als Tramp, oder als eine Art von Tramp zum mindesten, auf den Eisenbahnen herumvagabundiert.
»You are allright!« war Roosevelts knappe Antwort gewesen.
»Komm’ in mein Zelt!« sagte Billy.
Wir hockten uns auf die Wolldecke hin am Boden, und Billy holte feierlich eine kleine Feldflasche aus einem Winkel hervor, erklärend, daß es unter den Rauhen Reitern komische Käuze von Millionären gebe, die sich durch ihre Privatyachten Zigarren und Whisky bringen ließen. Wir tranken in Andacht den goldigbraunen Bourbon. Rauchten eine Zigarette.
»Du bist also beim Signalkorps, eh?« begann Billy. »Haben sie nicht genug Verstand gehabt dort, dich wenigstens zum Sergeanten zu machen?«
»Anscheinend nicht!« lachte ich. »Uebrigens habe noch nicht einmal vorschriftsmäßig gegrüßt, Herr Leutnant!«
»Das ist allerdings schrecklich,« meinte Billy. »Kraft dieser schönen silbernen Schulterstreifen also befehle ich dir nun, sofort zu erzählen. In Colorado war’s irgendwo, als du verschwandest — und das hat mich damals mehr Kopfschmerzen gekostet als du ahnst, mein Junge. Drei Monate suchten wir nach dir, Joe und ich, bis wir es endlich aufgeben mußten. Erzählen, erzählen!«
Da berichtete ich von der Fahrt nach St. Louis und dem Erleben dort und von der Kupferhölle und vom Zeitungsdienst und von San Franzisko. Von Frank und von Allan McGrady. Lachende Linien kamen in das scharfgeschnittene, hagere, rassige Gesicht.
»Und bei dieser Geschichte hier in Kuba mußtest du natürlich auch dabei sein!« rief er endlich und füllte lustig augenzwinkernd das winzige Feldflaschenglas fingerhoch ... »Aber natürlich! Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, mein Junge, daß du ein Narr wärest, würdest du die blaue Jacke nicht recht bald wegwerfen. Bleib du bei der Zeitung! Ich wünschte, ich wüßte so gut wie du es von dir wissen solltest, was ich zu tun hätte. Unter uns gesagt waren diese Schulterstreifen billig wie Brombeeren. Es gehörte nicht viel mehr dazu, aus dem alten Billy einen Leutnant zu machen, als sieben Wörtchen des alten Onkels van Straaten, der im Kongreß sitzt. Wenn diese nachgerade langweilige Affäre hier jedoch beendet ist — dann adieu, Leutnant Billy!«
»Weshalb machten sie dich gleich zum Oberleutnant?« lachte ich.
»Bin ich vorgestern erst geworden!« berichtete er vergnügt. »Telegraphisch. Von wegen der Schlacht. Teddy sorgt für seine Leute. Weiß der Kuckuck, wo Jack (das ist mein Putzer) den Oberleutnantsstern aufgegabelt hat. Aufgenäht hat er ihn mir jedenfalls auf die Jacke — und meine Würde erdrückt mich beinahe!«
Erzählen — erzählen ... Wir rechneten uns aus, daß wir beim Sturm auf den San Juan-Hügel keine hundert Meter voneinander entfernt gewesen sein konnten, und im Planters-Hotel in Tampa im gleichen Saal gegessen haben mußten, ohne es zu ahnen. Wie groß die Welt war und doch wie klein! Stunde auf Stunde verschwatzten wir, bis ihn und mich der Dienst rief.
Wochen später, als ich auf der Insel des gelben Fiebers aus dem Delirium erwachte und denken und verstehen konnte, gab mir der Arzt einen Briefumschlag. Fünf gelbe Banknoten steckten darin, zu zwanzig Dollars eine jede. Und ein Zettel:
»Lieber Ed. Unser Schiff dampft heute, den 30. Juli, nach dem alten Land. Der Doktor schreibt mir, du würdest durchkommen. Wußte, sie würden dich nicht unterkriegen, alter Junge. Das Geld kannst du vielleicht gebrauchen. Gib es mir zurück, wenn es dir paßt. Hörte von Major Stevens, du seiest zum Sergeanten ernannt worden. Auf Wiedersehen — Billy.«
Ich sollte ihn erst in einem Jahr wiedersehen, unter Verhältnissen, die noch viel merkwürdiger waren als das Begegnen im Tal von Santiago.
Die Krankheitsziffern in den Schützengräben stiegen zu erschreckender Höhe, und immer blasser und gelber wurden die Gesichter der Männer auf den Hügeln. Unerträglicher schien die Sonnenglut von Stunde zu Stunde fast und fürchterlicher die endlosen Regengüsse. Noch war die Zahl der schweren Erkrankungen an wirklicher Ruhr und Malaria verhältnismäßig gering, die Zahl der Leichtkranken jedoch ungeheuer groß. Den ganzen Tag über umringten sie das Doktorzelt, und der Sanitätssergeant verteilte im Schweiße seines Angesichts unablässig Chininpillen und Opiumpräparate.
Die Befehle und Meldungen, die über unseren Draht gingen, zeigten zwar nur einen winzig kleinen Ausschnitt der allgemeinen Situation, aber sie ließen unschwer erkennen, daß die Führer der Truppen voll Besorgnis waren und daß alles nach einer Entscheidung drängte. Am 8. und 9. Juli gab es viel zu tun. Die Depeschen, die genaue Berichte über die Krankenzahl einforderten, jagten sich. In den Antworten der einzelnen Regimenter hieß es immer wieder: Allgemeiner Gesundheitszustand höchst unbefriedigend. Chefärzte kamen vom Hauptquartier und untersuchten die Truppen; lange Konferenzen fanden statt im Zelt des Generals.
Da telegraphierte am Abend des 9. Juli das Hauptquartier, daß mit Mitternacht der Waffenstillstand ablaufe. Die Wirkung auf die Truppen, die nun sofort in den Schützengräben konzentriert wurden, war verblüffend. Die gedrückte Stimmung schien wie weggeblasen. Die Aussicht auf Arbeit machte die Männer in den Schützengräben wieder frisch und kräftig. Ueberall von den Hügeln erklang an jenem Abend der Tingeltangelschlager, den die Soldaten im Uebermut des Sieges in der Kampfnacht gesungen hatten. Er war zum Schlachtlied der kubanischen Armee geworden —
When the bells go tinge — linge — ling We’ll join hands and sweetly we shall sing — There’ll be a hot time In the old town Tonight, my Darling!
»Heut abend ist der Teufel los im Städtchen ...«
Mit dem Morgengrauen begann das Kleingewehrfeuer auf der ganzen Linie. Vom San Juan-Hügel her dröhnten Geschütze. Die Spanier erwiderten das Feuer nur schwach. Ein unbedeutendes Ferngefecht war es — wie auch am nächsten Tag.
Mir ist dieser 10. Juli eine lustige Erinnerung. Im Laufe des Nachmittags lief eine Depesche ein, in der Präsident McKinley unserem General Bates seine Ernennung zum Major General anzeigte, der höchsten militärischen Würde in den Vereinigten Staaten. Das war natürlich ein großes Ereignis. Ich machte mich sofort auf den Weg nach den Schützengräben, um dem General das Telegramm zu bringen. Ueberall knatterte es vorne auf dem Hügel, und dann und wann pfiff eine feindliche Kugel durch die Luft. Ich eilte durch den Hauptgang und erfuhr von der Stabsordonnanz, daß der General im Schützengraben rechts sei. Nach wenigen Schritten sah ich auch schon die Gruppe der Stabsoffiziere. Und — da packte mich eine ganz verrückte Idee ... Ein Held wollte ich sein! Auszeichnen wollte ich mich — auffällig auszeichnen — wunderbar tapfer sein ... Gedacht, getan. Mit einem Ruck richtete ich mich auf und stand kerzengerade da, daß Kopf und Schultern über die Brüstung des Schützengrabens hinausragten. Zischend surrte eine Kugel an meinem Ohr vorbei. Eine zweite. A — aah! So — ooh! So — oo — benahm sich ein Ritter ohne Furcht und Tadel im Kugelregen — so — olche Leute machte man zu Offizieren — in meinem Kopf wirbelte es von Tapferkeit und Todesverachtung — sans peur et sans reproche — a — aah — fais ce que dois, adviegne que pourra — c’est commandé au chevalier ... und ganz langsam und bolzengerade stelzte ich über die Beine der feuernden Infanteristen hinweg auf den General zu. Begeistert war ich — von mir selber. Ich kam mir wirklich wahrhaft heldenhaft vor. S — sss — ssss — — zischte es. Und ich reckte mich noch höher auf und stellte mich stramm hin und meldete eiskalt:
»Depesche für Major General Bates!«
Der alte Herr, der im Graben kauerte, streckte die Hand nach der Depesche aus und sah mich scharf an.
Mich aber überlief ein leichtes Zittern. Jetzt — jetzt — jetzt mußte es kommen —
Der General sah mich noch immer scharf an und um seine Mundwinkel zuckte es. Dann sagte er leise, aber sehr deutlich:
»Get down, you fool!«
»Duck dich — du Narr!«
Da klappte ich zusammen wie ein Taschenmesser. Aus war’s mit dem Heldentum. Und zu meiner Ehre sei es gesagt, daß der Bruchteil einer Sekunde mir genügte, um zu erkennen, welch furchtbar lächerlicher Hanswurst ich soeben gewesen war.
Die kriegerischen Ereignisse im Tal von Santiago de Cuba nahten rasch ihrem Ende. Am 12. Juli begannen wieder die Verhandlungen. Am gleichen Tag traf der Höchstkommandierende der amerikanischen Armee, General Miles, in Siboney ein. Am 13. Juli hatten er und General Shafter eine Besprechung mit General Toral, dem spanischen Kommandierenden. Am 14. Juli kapitulierte Santiago de Cuba, und die spanische Armee gab sich kriegsgefangen.
Es war um Mittag des 14. Juli. Zwischen den amerikanischen und spanischen Linien, dreihundert Meter etwa rechts seitlich von unserem Hügel, hundertundfünfzig Meter in Front, stand inmitten einer weiten grasigen Fläche ein ungeheurer Mangobaum. Ein Riese. Der mächtige Stamm zeichnete sich im grellen Sonnenlicht scharf gegen das Grün und Gelb des Bodens ab. Die breitwipflige Krone ragte massig empor, wuchtig in ihrem Dunkel wie ein Gebäude. Da erzitterten Trompetentöne. Der Paraderuf, jedem Regulären wohlbekannt. Feierlich, gedehnt. Und die Männer in den Schützengräben sprangen auf die Brüstungen, kauerten sich hin und sahen schweigend zu, wie aus dem Bodeneinschnitt beim San Juan-Hügel Reiter in langsamem Schritt hügelabwärts ritten dem Baumriesen zu. Ich konnte durch mein Glas die Gestalten deutlich erkennen. General Miles war es, General Shafter, einige Offiziere, zwei Trompeter. Gleichzeitig glitzerte es drüben in den spanischen Linien von Epauletten und goldenen Borten und Pferden und Reitern in dunklen Umrissen.
Die beiden Reitertrupps kamen sich näher, hielten einen Augenblick. Dann sprangen die Offiziere von ihren Pferden, und Ordonnanzen brachten Feldstühle und stellten sie auf im Schatten des Mangoriesen. In den amerikanischen Schützengräben war es mäuschenstill. Fünfzehntausend Männer, sechzehntausend, siebzehntausend, warteten in tiefem Schweigen. Drüben beim Feind tauchten aus Gestrüpp und Dschungelgras in langer Linie weiße Strohhüte auf und Gestalten in hellen Uniformen. Still war es. Ganz still. Zwanzig Minuten lang, eine halbe Stunde vielleicht. Dann kam Bewegung in die Gruppe beim Mangobaum. Pferde wurden herbeigeführt, Reiter stiegen in die Sättel, und langsam ritten die beiden Trupps zu ihren Linien zurück. Die Männer in den Schützengräben schauten noch immer. Niemand sprach. Nichts rührte und regte sich.
Da blitzte ein Farbenfleck auf in dem tiefen Dunkel der Mangobaumkrone.
Rot — blau ... Er wurde deutlicher. Breitete sich aus. Und ich starrte und starrte, einer von Tausenden, und sah den Farbenfleck sich entfalten in grelle Streifen und winzige Punkte.
Ueber dem Friedensbaum flatterte das Sternenbanner.
Eine Sekunde lang noch war alles still. Dann ergellte wie aus einer einzigen Kehle brausend und donnernd ein furchtbarer Jubelschrei.
Santiago de Cuba war gefallen.
Nach Santiago de Cuba!
Das Hauptquartier wird energisch. — Die Enttäuschung der Männer in den Schützengräben. — Die verbotene Stadt. — Wir werden nach Santiago beordert. — Das Legen der Linie. — In den spanischen Schützengräben. — Ein Tauschgeschäft mit den hungrigen Spaniern. — In der Stadt. — Die toten Gäßchen. — Von Licht und Schatten. — Das Hauptquartier des Siegers.
Der Klopfer des Instruments überschüttete uns mit Punkten und Strichen.
»Noch mehr?« fragte Souder zwischen zwei Telegrammen bei S O 3 an.
»Massenhaft mehr!« kam die Antwort.
Sergeant Hastings saß am Schlüssel drüben auf der Blockhausstation, der beste Sender des Korps, und unter seinen geschickten Fingern wurde das mechanische Klicken des Messingstängchens zum lebendigen Sprechen; so mühelos verständlich, daß der Sergeant und ich uns zwischen Schreiben und Lauschen fortwährend unterhalten konnten, wenn auch in abgerissenen Sätzen — — und jeder Satz ungefähr würde uns ein Kriegsgericht eingetragen haben, hätte der Generalstabsoberst, der »auf Befehl des kommandierenden Generals« die Depeschen zeichnete, all die Unverschämtheiten mit anhören können.
»Jawohl! Jaw — oohll! Reiß’ das Maul nur recht weit auf, mein Sohn! Schrei’ Befehle, daß dir die Hosenträger platzen! Denn du weißt es ja, daß jetzo tiefer Friede herrscht in dieser schönen Gegend — und du verstehst dein Metier und du weißt es ja, daß alle Kriegskunst im Frieden darauf hinausläuft, recht laut und recht viel zu kommandieren! Auf daß jedermann möglichst chikaniert werde! Hol’ dich der Teufel! — Was sagt er?«
»Es ist mit Strenge darauf zu achten, daß alles Trinkzwecken dienendes Wasser gehörig abgekocht wird — « klickte der Klopfer.
»Gehörig abgekocht wird!« höhnte Souder. »Du bist ja von vorgestern, Oberstchen. Wer jetzt nicht schon die Cholera im Bauch hat, kriegt sie nimmer. Kable lieber nach Washington und sorge dafür, daß sie uns endlich gar nichts schicken als immer nur Speck und Speck und Speck! — Was ist das?«
»Offizieren darf ohne Erlaubnis des kommandierenden Generals, der diese Erlaubnis nur in besonderen Fällen erteilen wird, Urlaub nach Santiago de Cuba nicht gewährt werden.«
»Aha! Die Schulterstreifen dürfen auch nicht hinein! Was dem Regulären recht ist, muß dem Leutnant billig sein. Der Reguläre könnte sich besaufen, und der Leutnant vielleicht auch, aber sicherlich der Herr Oberst. Also geht nur der Herr Oberst ins Städtchen, damit er mehr unter sich ist! Oh — hol dich der Teufel!«
Dabei lag natürlich in den telegraphischen Befehlen zielbewußte Vernunft, während die Kritik des Mannes hinter dem Gewehr purste Unvernunft darstellte. Begreifliche Unvernunft jedoch. Dem begeisterten Jubelgeschrei des Sieges war in einer kurzen Stunde ganz gewöhnliches Geschimpfe gefolgt in den Schützengräben. Die derben alten Regulären da droben auf dem Hügel drückten sich noch viel saftiger aus als der lustige Signalsergeant. Als sie die Fahne flattern sahen über dem Friedensbaum, hatten sie sich eingebildet, daß es ein paar Stündchen höchstens dauern könne, bis der Befehl gegeben würde, männiglich solle seine Siebensachen zusammenpacken zum Einzug in die Stadt. Hei — oh — zum Marsch in die Stadt! So mancher mochte zungenschnalzend kalkuliert haben, was für schöne Dinge die silbernen Dollars in der Tasche alle kaufen konnten — diese silbernen Dollars, die so völlig wertlos und vergnügungsbar gewesen waren seit Wochen im Drecklager.
Ausgerutscht!
Die Träume von netten Mahlzeiten, reinen Betten und dankbaren, vom spanischen Joch befreiten Mägdelein zerrannen in völliges Nichts. Es fiel dem Jesus-Christus-General gar nicht ein, seinen braven Truppen im Namen des dankbaren Vaterlandes begeistertes Lob und dergleichen zu spenden und sie einzuladen, sich doch Santiago gütigst anzusehen. Sondern er telegraphierte kurz und grob, jeder Mann, der ohne Paß in der Stadt angetroffen werde, würde vor ein Kriegsgericht gestellt und schwer bestraft werden! Das Hauptquartier telegraphierte des Ferneren, sämtliche Regimenter sollten sofort Zeltquartiere beziehen. Rund um jedes Zelt seien Abzugsgräben für das Regenwasser zu graben. Die Zeltgassen gehörig zu drainieren. Die Verpflegung der Truppen habe von nun an wieder durch die Kompagnieküchen zu geschehen. Die kommandierenden Offiziere wurden ersucht, für Reinigung der Wäsche und Uniformen ihrer Mannschaften zu sorgen. Und so weiter und überhaupt!
Die braven Regulären aber, die so gern in der Stadt des Feindes spazieren gegangen wären, fluchten abscheulich. Was wußten sie davon, daß Santiago de Cuba ein Fiebernest war mit primitivsten sanitären Verhältnissen und unmöglich als Quartier für tropenungewohnte Truppen, ehe Ströme von Karbol den Unrat weggefegt hatten! Was wußten sie davon, daß ein kommandierender General die Zügel der Disziplin fester in die Hand nimmt, ehe er eine siegesübermütige Armee in eine eroberte Stadt führt! Sie wußten nur, daß weiterkampiert wurde in Regengüssen und Sonnenbrand ——— Sie sollten nicht in wirklichen Betten schlafen können — nicht auf wirklichen gepflasterten Straßen wandeln — nicht wieder Menschen sehen, die keine Uniform trugen — nicht wirkliches Brot sich kaufen können — —
Hei — oh, wie wurde da geschimpft auf den Hügeln!
Wir schimpften mit.
Am nächsten Tag aber wandelte sich unser Schimpfen in freudige Ueberraschung. Ein Diensttelegramm befahl dem Sergeanten Souder und dem Signalisten Carlé kurz und bündig, sich sofort bei der Blockhausstation zu melden. Zum Linienlegen nach Santiago de Cuba.
Zwischen drei und vier Uhr nachmittags brachen wir von der Blockhausstation auf, der Major Stevens, ein Kabeltelegraphist von Siboney, drei Sergeanten und zwei Signalisten. In fünfzehn Minuten hatten wir den Draht vom Hügelgipfel zum Friedensbaum gespannt. An diesem Tag kümmerte sich keiner von uns darum, daß die Sonne einem glühendheiß auf den Schädel brannte und das schweißige Hemd patschnaß am Leibe klebte und der Atem in kurzen Stößen kam und ging. Vorwärts, nur vorwärts! Nach Santiago de Cuba! Wir liefen nicht mehr mit den schweren Drahtrollen, sondern wir rannten. Mir war nicht wohl zumute dabei. Aber ich pfiff auf das sonderbare Flimmern vor den Augen und die eigentümliche Schwere und Benommenheit im Kopf. Mochten sie doch rumoren, die Magenkobolde und die Fieberteufel! Ich hatte an andere Dinge zu denken. Ich hatte Eile. Wir rannten. Durch das Gestrüpp der Hügelniederung, der gelben Linie zu, die die Straße nach Santiago de Cuba bedeutete.
»Links — links!« keuchte der alte Sergeant Hastings, der neben mir lief. »Nach dem Baum dort. Und ein bißchen langsamer. Ich bin mir in meinem Leben noch nicht so ausgepumpt vorgekommen. Sie sehen übrigens extra miserabel aus!«
»Mir fehlt nichts,« sagte ich.
»Na, mir auch nicht,« brummte er, »aber ich könnte gerade nicht behaupten, daß ich jünger und gesünder geworden bin!«
Weiter — weiter. Wir arbeiteten in kleinen Gruppen von je zwei und zwei Mann. In dem offenen Gelände mußte der Draht sorgfältig von Baum zu Baum gespannt werden. Ich erkletterte zwei Bäume, und sauer genug wurde mir das Steigen, so bequemen Halt auch die vielen Aeste der Mangos boten. Ein halbes dutzendmal fehlte nicht viel und ich wäre gefallen. Nein, gesünder war ich nicht geworden!
Da tauchten bei einer Baumgruppe Gestalten in amerikanischen Uniformen auf und eine laute Stimme befahl uns, zu halten. Der Leutnant, der den Posten von fünf Mann kommandierte, kam herbei, und wir mußten einige Minuten warten, bis der Major, der weiter hinten die Linie prüfte, erschien und dem Offizier unsere Pässe vorwies.
»Die spanischen Regimenter haben die Schützengräben verlassen,« meldete der Offizier, »und kampieren auf der Straße nach Santiago entlang, links und rechts vom Weg. Sie werden binnen wenigen hundert Schritten auf das erste spanische Lager stoßen, Herr Major. Ich habe Befehl, passierenden Offizieren und Mannschaften eine Anordnung des kommandierenden Generals zu übermitteln —«
»Weiß schon, weiß schon,« nickte der Major. »Signaldetachement — attention!«
Wir stellten uns erwartungsvoll in Reih und Glied. Der Leutnant las:
»Der kommandierende General befiehlt, daß jede herausfordernde Haltung den Spaniern gegenüber vermieden wird. Die Entwaffnung der spanischen Armee und die Besetzung von Santiago findet erst in einigen Tagen statt. Spanische Offiziere sind zu grüßen wie die eigenen Vorgesetzten. Besuch von Restaurants oder Wirtschaften in der Stadt ist verboten. Sie sind übrigens geschlossen.«
Der Major betrachtete uns vom Kopf bis zu den Füßen und sagte dann schmunzelnd: »Sergeanten und Signalisten! Ich habe in meiner militärischen Laufbahn noch niemals eine so verwahrloste und klapprige Gesellschaft gesehen wie euch. Sergeant Hastings — aus Ihrem rechten Stiefel guckt Ihr Zeh! Im übrigen weiß ich nicht, wer am schmutzigsten und abgerissensten ist. Ich bitte mir aus, Hastings, daß Sie als ältester Sergeant das in Ordnung bringen. Sie werden in der Stadt irgend einen englischsprechenden Kubaner auftreiben, es gibt deren genug, und ihn auf meine Kosten als Putzer für das Detachement anstellen. Die nötigen Einkäufe an Wäsche und so weiter besorgen Sie ebenfalls auf meine Kosten, Sergeant. Jeder Mann nimmt zweimal täglich ein Glas Whisky mit einem Chininpulver — für den Whisky und das Chinin werde ich sorgen. Achtet auf eure Gesundheit, Leute! Ich bin sehr zufrieden mit euch.«
Weiter ging’s. Mit verdoppelter Schnelligkeit. Wie mir ging es wohl jedem andern: Das Wasser lief einem einfach zusammen im Munde, wenn man an dieses Dorado von frischer Wäsche und kubanischem Putzer und Reinlichkeit dachte!
Wenige hundert Schritte nur hatten wir die Linie weitergelegt, als uns eine angenehme Ueberraschung wurde. Da, wo die eigentliche Straße begann, die in scharfem Bogen von Osten herkam, lagen im Gras eine umgestürzte Telegraphenstange und verwickelter Kupferdraht. Einige Meter weiter begann die Stangenreihe. Soweit wir es durch die Gläser erkennen konnten, war die Leitung dort intakt.
»Anschließen!« befahl der Major vergnügt. »Das Ding scheint zwar aus uralten Zeiten zu stammen, wird aber wohl funktionieren. Die Linie wird bei jedem zehnten Pfosten geprüft.«
So ging es sehr rasch vorwärts. Dicht hinter dem Gestrüpprand zweigten rechts und links von der Straße die spanischen Schützengräben ab. Sie waren viel flacher gegraben als die unsrigen auf den Hügeln und boten wirksamen Schutz eigentlich nur liegenden Truppen. Das Wunderbare aber war, wie die Spanier jede Baumgruppe, jede winzige hügelige Welle zu einer kleinen Festung gestaltet hatten. Wo Bäume standen, war inmitten der Baumgruppen der Boden tief ausgehöhlt worden, so, daß ein halbes Dutzend Schützen in der Höhlung kauern konnten. Viele Reihen stacheligen Drahts verbanden Baum mit Baum. Stacheldraht war überall. Scharfschützen in diesen Löchern mußten fast unerreichbar gewesen sein für Infanteriefeuer und hätten Dutzende von Angreifern, die der Stacheldraht behinderte, wegschießen können. Der Major schüttelte fortwährend den Kopf, und einmal platzte er heraus:
»Das wäre eine nette Bescherung gewesen — — «
Die Straße wurde breiter, der Boden ebener, wie festgestampft. Wir hörten Stimmen aus dem dünnen Gebüsch, das den Weg einsäumte, und ein spanischer Offizier trat auf die Straße; eine schlanke Gestalt in schneeweißer Uniform mit Goldlitzen an den Aermeln und am Kragen. Er blieb überrascht stehen, salutierte den Major in straffer Haltung, wandte sich rasch und verschwand wieder im Gebüsch. Einen Augenblick nur hatte ich in das tiefernste junge Gesicht gesehen, aber der Schmerz, der Haß in diesen Augen machten gewaltigen Eindruck auf mich. Der Gedanke schoß mir durch den Kopf, was ich wohl empfinden würde, wären wir besiegt worden. Was war mir Amerika! Mir, dem Fremden, der sein Leben zu Markte getragen hatte im Spiel! Und ich wußte, daß ich bitterunglücklich gewesen wäre, läge das Sternenbanner im Staub. In fröhlichem Uebermut und tollem Abenteurerdrang nur war das Spiel gespielt worden, aber es hatte Stärkeres ausgelöst, wie gutes Spiel es muß. Zusammengehörigkeit. Seit den Tagen im Tal von Santiago ist mir die Flagge der Vereinigten Staaten viel mehr gewesen als ein gleichgültiger Fetzen in Rot und Blau wie all die vielen anderen, die mich als Deutschen nicht kümmern. Es gibt Spiele, die man nicht vergißt.
In einem sonderbaren Gefühl von Mitleid beinahe und doch brennender Neugierde sah ich mich um. Das Gebüsch an den Wegseiten wurde lichter nach wenigen Schritten. Gestalten tauchten auf im Gezweig und tiefen Gras; helle Uniformen, Zelte. Mitten zwischen spanischen Truppen marschierten wir nun, und wenn wir hielten, um die Linie zu prüfen, umdrängten die Soldaten uns in Haufen.
Sie sahen alle bleich und abgemagert aus. Die dünnen Uniformen waren schrecklich abgerissen. Die meisten hatten keine Stiefel an den Füßen, sondern Segeltuchschuhe mit Sohlen aus Stricken. Sie trugen keine Waffen. Ihre Gewehre waren nicht ordentlich in Kompagniereihen zusammengestellt, sondern in großen Pyramiden aufgestapelt mit Haufen von Bajonetten daneben. Die Zelte waren erbärmlich; Stücke Segeltuch, an einen Baum oder einen Busch gebunden und dachartig schräg gegen den Boden gespannt. Viele Spanier lagen gleichgültig da, Zigaretten paffend. Andere schnatterten aufeinander ein mit vielem Gestikulieren. Manchmal sah uns einer finster an, aber die meisten schienen lustig genug und winkten uns zu. Wieder prüften wir die Linie. Ein spanischer Unteroffizier, an seinem Aermel wenigstens war eine schmale goldene Tresse, trat an mich heran und zog mir eine Patrone aus dem Gürtel. Dafür gab er mir einen Rahmen mit fünf Mauserpatronen.
»Pour souvenir!« sagte er in gebrochenem Französisch.
Im Augenblick folgten andere seinem Beispiel, und ein Handelsgeschäft mit Patronen entwickelte sich. Die Leute hatten alle Hunger! Das wußten wir und hatten uns auf der Blockhausstation Tornister und Taschen mit Speckstücken und Zwiebacken vollgestopft, die es im Ueberfluß gab. Die stets hungrigen armen Teufel von Cubanos waren ja wie besessen hinter einem Stück Hartbrot her. Als Trinkgelder und Dolmetscher hatten uns die Rationen Onkel Sams in Santiago dienen sollen. Nun wanderten sie in die Mägen der spanischen Soldaten am Weg. Die Spanier rissen uns die Speckstücke und die Zwiebacke aus den Händen, so schnell wir sie nur aus den Feldtaschen hervorholen konnten, drängten uns Zigaretten und kleine Flaschen mit Rum auf dafür und bissen verhungert in das Hartbrot hinein, als sei es ein köstlicher Leckerbissen.
An Regiment auf Regiment kamen wir vorbei. Pfade zweigten ab links und rechts, und zwischen den Bäumen leuchteten grelle Farben im Sonnenschein, weiße und gelbe und blaue, die ersten Häuser Santiago de Cubas. Dann verschwanden die Bäume, und aus dem Weg wurde eine breite Straße, die zwischen hölzernen Hütten hinführte, in denen die Aermsten von Santiago wohnten. Da und dort an einer Ecke lungerten Männer und Weiber in zerfetzten Kleidern, aber sie schlichen scheu davon, als wir näher kamen. Splitternackte Kinder mit schrecklich aufgedunsenen Bäuchen rannten schreiend in die Hütten.
Die alte Drahtlinie führte schnurgerade den Weg entlang in eine schmale Gasse von Steinhäusern. Dröhnend hallten unsere schweren Schritte auf dem holperigen Pflaster. Flache Dächer hatten die Häuser und klein und niedrig waren sie und grell und bunt angestrichen. Aber sie sahen uralt aus trotz der leuchtenden Farben. Die Steinstufen an den Toren waren tief ausgetreten.
Totenstill und verlassen lag das Gäßchen da. Was es an Leben barg, versteckte sich hinter massigen Türen mit bronzenen, kastilischen Löwen als Klopfern und vergitterten Fenstern. Auf die grellen Häuserwände warfen die Sonnenstrahlen blendendes Licht, und schwer und schwarz lag der Häuserschatten auf dem Pflaster. Aus den alten Mauern schien dumpfe Moderluft zu quellen. Still war es, so still, daß man leiser auftrat. Die Gäßchen und die Häuser schienen zu schlafen. Dunkel war es fast. Was die glühende Sonne an Lichtfreudigkeit auf die gelben und weißen Wände zauberte, löschten die vielen dunklen Schatten wieder aus, die lang und spitz und breit und stumpf in totem Schwarzviolett sich über die Gasse hinzogen und über Türen und Fenster krochen. Zwischen den spitzen Pflastersteinen wucherte Gras, und auf dem Fußsteig trat man in tiefe Löcher. Nirgends war ein Mensch zu sehen. Kein Gesicht zeigte sich hinter all den Gitterfenstern.
Mehr schmale Gäßchen. Mehr gelbe, blaue, weiße Häuserchen, alle alt und alle verwittert. Ueber einem flachen Dach ragte in der Ferne fein und zierlich der Kathedralenturm in das tiefe Blau.
An der Ecke, bei einem Brunnen, in dessen Steinwände viele Jahre und viele Wassertropfen große Löcher gefressen hatten, stand ein amerikanischer Kavallerist, Karabiner im Arm, und deutete nach vorwärts, wo das Gäßchen sich verbreiterte. Und bald wurde aus der Stille Lärm. Zwar sahen die kleinen Häuser noch immer über alle Maßen alt und verträumt aus, und vor Fenstern und Türen lagen hölzerne Läden, mit schweren Eisenstangen fest verschlossen. Aber Inschriften in gelben und goldenen Lettern über Türen und Schaufenstern zeigten, daß hier doch noch lebendige Menschen wohnen mußten, die arbeiteten und kauften und verkauften. Weiter oben standen sie, die lebendigen Menschen, in dichten Gruppen; einem knallgelben Haus gegenüber. Sie trugen spitze Strohhüte und dünne Hosen und Jacken, bald braun, bald weiß, bald farbig, aber immer zerfetzt. Weiber waren dazwischen mit wirrem Haar und kurzen Röcken, unter denen die braunen Beine hervorguckten, und neben ihnen kauerten nackte Kinder. Alle schrien und zeterten. Sie schrien nach Brot, denn unter der armen Bevölkerung von Santiago herrschte arge Hungersnot. Spanische Gendarmen drängten sie zurück. Vor dem knallgelben Haus scharrten und wieherten viele Pferde, von amerikanischen Regulären gehalten. Offiziere kamen und gingen. Es war das Hauptquartier des Siegers.
Im Kabelbureau.
Der spanische Telegraphendirektor. — Unter Dach und Fach. — Wir requirieren Wäsche. — Der wundersame Patio. — Das große Baden. — Der brauchbare Antonio. — Wir rüsten ein Mahl. — »Caballeros telegraphistas!«—»Oh, der verdammte Speck!«—»Man muß ein Loch in die Uhr schießen!«—Das Feuerrad.—Im Dunkel.
Der Lehrer der französischen Sprache an dem bayrischen Gymnasium von Burghausen an der Salzach, in dem dickschädelige bayrische Bauersöhne in glänzenden schwarzen Hosen sich die erste wissenschaftliche Reife ersitzen und leichtsinnige Münchner Früchtchen gezwiebelt werden — Monsieur würde sich gewundert haben, hätte er gewußt, daß in diesem Augenblick der hinausgeschmissene Lausbub ihn im Kabelbureau von Santiago dankbar segnete. Mein Burghausener Französisch war zwar ein grammatikalisches Gerippe nur, aber es genügte. Bei Gott, es genügte!
Wir waren im Kabelbureau von Santiago de Cuba. Der Major stand breitspurig da, biß sich auf den Schnurrbart und bemühte sich offenbar, höflicher zu sein, als ihm der Sinn stand. Ihm gegenüber tänzelte ein kleines Männchen von einem lackbestiefelten Bein aufs andere. Sie waren das Schönste an ihm, diese prächtigen Lackstiefel, wenn auch der schneeweiße Leinenanzug ihnen einige Konkurrenz machte. Das Männchen war der spanische Telegraphendirektor. Der zappelige Spanier fuhr mit wohlgepflegten, ringgeschmückten Händen beschwörend auf den Major zu.
»Ich weiche der Gewalt!« sagte er. (Auf Französisch — daher mein Segnen!)
»Es handelt sich hier nicht um Gewalt, mein Herr,« antwortete der Major in einem sehr verständlichen aber entschieden gräßlichen Französisch, »sondern um eine ausdrückliche Abmachung der Kapitulation, wonach die Telegraphenlinien vorläufig zu militärischen Zwecken von uns übernommen werden. Wo sind Ihre Beamten, mein Herr?«
Die schönen Hände beschrieben wilde Kreise:
»Sie wichen der Gewalt.«
»Dann werden Sie selbst so freundlich sein müssen, mein Herr, mir die verschiedenen Verbindungen zu bezeichnen!«
»Ich — ich — habe schriftlich ...« stotterte das Männchen und deutete auf die Tische mit den Telegraphentastern. An jeden war ein Zettel gehängt, auf dem die Verbindungen und die Anrufszeichen angegeben waren.
»Sehr schön!« knurrte der Major mit einer ironischen Verbeugung. »Oh — hier haben wir ja die Santiagotal-Linie. Hastings, rufen Sie doch S O 3 an!«
Der Sergeant beguckte brummig den schweren, altmodischen Taster, der unseren modernen leichten Morseinstrumenten gegenüber so verächtlich war, wie es ein Mistwagen für ein Automobil sein würde, und begann zu klopfen. Die Blockhausstation meldete sich sofort.
»Es ist gut,« sagte der Major. »Ich mache Sie dafür verantwortlich, mein Herr, daß alle Apparate sich in Ordnung befinden. Die Instrumente des Kabels nach Jamaica werden gegenwärtig von meinem Kabelexperten geprüft ...«
»Ich lehne alle Verantwortung ab!« schrie der nervöse Telegraphendirektor.
»Aber durchaus nicht,« meinte der Major freundlich. »Sie werden im Gegenteil so liebenswürdig sein, sich heute abend um neun Uhr im Hauptquartier einzufinden. Dann werden wir festsetzen, unter welchen Bedingungen die Beförderung von Telegrammen und Kabelgrammen in spanischer Sprache übernommen wird. Ich mache Sie jetzt schon darauf aufmerksam, mein Herr, daß wir Ihrer und Ihrer Beamten für den Dienst bedürfen werden.«
»Ich gehorche der Gewalt,« zeterte das Männchen.
»Très bien,« sagte der Major. »Auf Wiedersehen also heute abend um neun Uhr im Hauptquartier!« Und der Herr Telegraphendirektor trippelte mit wutgerötetem Gesicht der Türe zu.
»Der verdammte Narr!« platzte der Major heraus. »So, Jungens. Ich muß ins Hauptquartier. Die Apparate im Kabelzimmer gehen euch vorläufig nichts an. Befördert werden von euch heute abend nur die Telegramme an S O 3, die ich durch Ordonnanzen sende. Richtet euch so gut ein als möglich, damit ihr mir morgen frisch seid, denn wir werden Arbeit in Hülle und Fülle haben. Stadturlaub gibt es heute noch nicht. Ihr habt hübsch hier zu bleiben. Das Nötige schicke ich euch.«
Dann ging er.
Wir aber waren schon außer Rand und Band, kaum daß der Major die Türe hinter sich geschlossen hatte. Karabiner, Revolver, Tornister, Feldtaschen schmissen wir in eine Ecke, daß es krachte, und lachten und schrien und spektakelten. Weil wir ein richtiges Dach über uns hatten und in einem wirklichen Zimmer waren; wieder einen Tisch sahen und Stühle zum Draufsitzen.
»Meinetwegen kann’s jetzt Niagarafälle vom Himmel herunterregnen!« schrie Sergeant Souder und ließ sich mit voller Wucht in einen Stuhl fallen. »Hoh! Das also ist ein Stuhl! So sieht ein Stuhl aus? So sitzt es sich in einem wirklichen ehrlichen Stuhl — oah ...« Und er räkelte sich und reckte sich und streckte die Beine gewaltig lang aus, der Sergeant Souder.
Schreiend phantasierten wir einander vor, was wir in den nächsten vierundzwanzig Stunden alles essen wollten. Ungeheuerliche Genüsse dachten wir uns aus. Aber bald wurden wir des Spektakelns müde und gingen als gute Soldaten daran, die Oertlichkeit zu rekognoszieren. Den langen Telegraphentischen und den klobigen Instrumenten schenkten wir kaum einen Blick — die würden wir schon noch kennen lernen. Den Kabeltelegraphisten, der jetzt aus dem Nebenzimmer kam und uns erzählen wollte, daß die spanischen Kabeleinrichtungen durchaus nicht seinen Beifall fänden, schrien wir einfach nieder.
»Morgen! Morgen, mein Sohn, wollen wir dein gesegnetes Kabel beschnüffeln — heute nicht!« knurrte der alte Hastings. »Heute müssen wir herausbekommen, wo man sich waschen kann und wie man etwas zu essen auftreibt und — o Lord, so viele schöne Dinge, wie ich sie alle notwendig brauche, gibt es überhaupt gar nicht! Jungens, dies Ding hier sieht aus wie eine Kirche!«
Kein übler Vergleich. In mattem Halbdunkel nur ließen die hohen, schwer vergitterten, buntbeglasten Fenster gedämpfte Lichtstrahlen in den riesigen Raum einströmen. Aus steinernen Fliesen war der Boden, und sonderbar hoch wölbte sich in vielen spitzen Bogen die weiße Decke. Alt und verträumt wie die Gäßchen draußen, war auch das Haus hier. Uralt schien alles. Die kunstvollen, eisengeschmiedeten Gitter, die uns von dem schmalen Schalterraum abschlossen, das buntbemalte Kruzifix in der Ecke, die sonderbaren eisernen Tintenfässer auf den Tischen, das Kupferschmiedewerk der Lampen, die aussahen wie Ampeln. Sogar die vielen an den Wänden angenagelten Verordnungen schienen aus einer anderen Zeit zu stammen mit ihrer schnörkeligen, verzierten, pretiösen Schrift.
An der einen Seitenwand des Raums waren vier Türen. Souder riß die erste auf und schrie: »Hierher, Jungens! Da steht ein Waschstand und da ist Seife, bei meiner armen Seele, und hier hängen Handtücher. Glory be to God. Könnt ihr euch überhaupt noch vorstellen, wie Handtücher aussehen?«
Wir stürzten herbei und jubelten.
Dann ging’s zur nächsten Türe. Hinter ihr war eine Art Wandschrank, in dessen Fächern drei große Pakete lagen. Ritsche — ratsche — riß Hastings das dünne Papier von dem einen ... und seine Augen wurden groß und größer.
»Und führe uns nicht in Versuchung!« sagte er. »Kinder, es ist traurig, doch ich muß euch daran erinnern, daß das Zeug auf keinen Fall uns gehört, gehöre es, wem es mag. Finger weg!«
Aber wir hatten ihm die Stücke schon aus den Händen gerissen und tanzten begeisterte Kriegstänze. Es war ja nicht zu glauben — es war zu schön, um Wirklichkeit zu sein. Wäsche hielten wir in den Händen. Reine Wäsche — frisch von der Waschfrau! Seidene Wäsche darunter gar!! Hemden und Hosen und Kragen und Strümpfe und feine Leinenanzüge ... Irgend ein spanischer Telegraphenbeamter, der ein höchst verwöhntes und sehr feines Herrchen sein mußte, hatte sich aus irgend welchem Grunde seine Wäsche ins Bureau schicken lassen. Nein, nicht einer nur. Mehrere. Die Wäschestücke waren verschieden groß.
»Sie passen mir tadellos,« grinste Souder, der ein Paar Hosen prüfend vor sich hinhielt.
»Zum Teufel — laß das Zeug liegen,« rief Hastings. »Es ist Privateigentum.«
»Schrei nicht so,« antwortete Souder gemütlich. »Ich weiß schon, daß du hier Rangältester bist. Aber sag einmal, Freund, soll ich in diesem blutigen Krieg nicht einmal ein reines Hemd und eine saubere Unterhose erbeuten dürfen?«
»Wir können uns doch Wäsche kaufen!« knurrte Hastings.
»Ganz richtig — vorläufig kaufe ich mir diese hier —«
»Und wenn der Major — — — «
»Laß mich zufrieden!« schrie Souder. »Wenn der Major so dreckig wäre wie ich, so würde er sich die feine Wäsche hier mit der gleichen Gemütsruhe stehlen, wie ich das zu tun gedenke. Pardon — requirieren würde sie der Major. Zum Kuckuck, wir sind doch keine Sonntagsschüler!«
Sergeant Hastings hielt ein Hemd in der Hand und sah es lange und liebevoll an.
»Ich habe eine Idee!« sagte er endlich. Er ging zum Tisch, nahm ein Telegrammformular und schrieb: »Die hier fehlenden Wäschestücke habe ich mir aus Gesundheitsrücksichten für mich und meine Kameraden angeeignet. Der Eigentümer erhält Bezahlung von mir. Hastings, Signalsergeant.«
Dieses merkwürdige Schriftstück legte er in den Schrank an Stelle der fehlenden Pakete und schloß ihn sorgfältig wieder zu, nachdem wir uns ein jeder ausgesucht hatten, was wir brauchten.
»Die Sache ist allright!« meinte der alte Sergeant schmunzelnd. »Ohne den Fetzen Papier wär’s Plünderung — mit dem Fetzen Papier ist’s dienstliche Requisition.«
»Vielleicht gibt’s noch mehr zum Requirieren!« lachte ich.
Die dritte Türe barg einen Aktenschrank mit allerlei Formularen. Die vierte ging in einen großen Raum, der nur durch das Türoberlicht vom Bureau her erleuchtet wurde. Er war gänzlich kahl und leer. Nur an den Wänden standen Ballen mit zusammengeschnürten Papieren. Eine offene Tür gegenüber zeigte ein kleines Gemach mit allerlei Gerümpel und einem Herd in der Ecke. Helles Licht strömte aus einer hohen und breiten Oeffnung in der Mauer. Ausgetretene steinerne Stufen führten zu einem kleinen Hof hinab, versteckt und still und wundersam. Von maurischen Hufeisenbögen getragen, gestützt von schlanken weißen Säulen neigte sich ringsum weit in den Patio hinein der dachartige Vorsprung. Verträumtes Plätschern klang rieselnd in die Stille. Rankenversponnen waren die Wände, und da und dort leuchteten blaue und rote Blüten aus dem tiefen Grün. In der Mitte stand der Springbrunnen mit einem gewaltigen Löwen von sonderbar eckigen Formen, aus dessen Maul ein dünner Strahl in das marmorne Bassin fiel. Uebergroß, schwarzdunkel sah das Brunnenbild aus im kühlen, gedämpften Licht der untergehenden Sonne. Aus roten Ziegelsteinen war der Boden. Rechts und links guckten flache Dächerreihen über die Mauern herein, und gegenüber ragte eine graue Häuserwand mit kreuzweis vergitterten Fenstern empor.
»Es geht nicht,« brummte Souder kopfschüttelnd und sah zu den Fenstern hinauf. »Nee — es geht nicht!«
»Was geht nicht?« fragte ich.
»In den Springbrunnen da hineinzusteigen, wie ich es gern möchte. Die Kleider herunter und hinein in den Brunnen! Aber die ladies könnten’s übelnehmen ...«
Da guckte ich mir den Brunnen an, und in meiner Seele stieg ein großes Wünschen auf nach einem großen Bad. Aber während ich noch guckte, wurde drüben in der grauen Häuserwand ein Fensterladen ein wenig geöffnet, und ein Frauengesicht sah neugierig auf uns herab, sofort wieder verschwindend, als ich lustig hinaufwinkte. Nein, es ging wirklich nicht! Aber es fiel mir ein, daß ich in der Küche in einem Winkel eine Art Zuber gesehen hatte. Den holte ich und warf ihn in den Brunnen, und Souder und ich holten ihn zusammen heraus, wassergefüllt.
»Halleluja!« rief der alte Hastings. »Ihr müßt aber ja nicht glauben, daß die alte Badeanstalt euch beiden allein gehört. Vorwärts, marsch, hinein mit der Badewanne ins Zimmer ...«
Und ein großes Baden hub an in dem leeren Gemach neben dem Bureau. Einen fürchterlichen Spektakel machten wir dabei. Im Nu hatten wir uns ausgezogen und kugelten übereinander; fünf Männer, die sich pufften und stießen, um in einem mittelgroßen Zuber und einer ziemlich kleinen Waschschüssel möglichst schnell, möglichst gründlich und möglichst gleichzeitig zu — baden.... Der Kabeltelegraphist, der ein langsamer Geselle war und sich beim Auskleiden nicht gesputet hatte, mußte auf allgemeine Einschreierei seine Hosen wieder anziehen und in der Waschschüssel ohn’ Unterlaß frisches Wasser herbeischleppen. Den Zuber zerrten wir ein halbes dutzendmal zur Küchentüre und stürzten ihn einfach um. Das Wasser würde ja schon irgendwohin ablaufen. In fünf Minuten waren die Küche und das Nebengemach ein kleiner See. Wir aber badeten. Wir spritzten wie nicht gescheit. Wir zankten uns um das einzige Stückchen Seife — und tanzten umher unter allerlei Kapriolen und pfiffen und schrien und schwelgten in Wasser und Seifenschaum. Ein Zuhörer würde uns reif fürs Tollhaus gehalten haben.
Da öffnete sich knarrend eine Türe und eine krähende Stimme rief: »Caballeros!«
»Still!« sagte Hastings. »Da ist jemand!«
»Señores!!«
»Oh, es ist nur ein Cubano,« lachte Souder und schrie laut: »Fahr’ zur Hölle — dies Bureau ist geschlossen!«
»Nix Hölle!« meckerte die Stimme in gebrochenem Englisch. »Mich geschickt von Señor Capitano mit einem Brief, Señores!«
Gleichzeitig schob sich eine Gestalt in die Türe, und ein kleiner Kubaner stand da, uns listig anfunkelnd aus den Fuchsaugen in dem mageren braunen Gesicht. »Ich Antonio!« erklärte der Magere. »Mich Generalagent sein für die caballeros telegraphistas!«
»Was?« schrie Hastings.
Der Kubaner grinste und gab ihm einen Brief.
Brummend wischte sich der splitternackte Sergeant den Schaum aus den Augen und las laut:
»Sergeant Hastings!« begann der Brief. »Der Ueberbringer heißt Antonio und ist ein Spitzbube. Aber er kann ein bißchen Englisch und wird Ihnen alles besorgen, was Sie brauchen. Inliegend zwanzig Dollars. Sehen Sie Antonio auf die Finger! — Stevens.«
Antonio mochte ein Spitzbube sein, aber für uns war er ein Juwel. Er hatte einen Sack mitgebracht, den er nun in die Küche schleppte und ausleerte. Ich guckte, faselnackt noch immer, neugierig zu, wie aus dem Sack allerlei Bratpfannen und Töpfe rollten und allerlei Proviant in Armeeverpackung: Zucker, Salz, Mehl.
»Mich fein kochen!« erklärte Antonio stolz. »Mich überhaupt alles!!«
»Bueno!« nickte ich — kletterte in eine seidene Unterhose und schlüpfte, o Wonne über Wonne, in ein batistenes Hemd. Die ganze Welt hätte ich umarmen können, so glücklich kam ich mir vor, wenn ich auch merkwürdig müde war und alle Glieder mich schmerzten. Zunächst äußerte sich meine Glücksstimmung darin, daß ich Antonio einen Silberdollar schenkte, den er mit einer tiefen Verbeugung und einem»gracias, Señor« grinsend einsteckte. Wahrscheinlich hielt er mich für verrückt. Aber Antonio war diesen Silberdollar unter Brüdern wert und ganz gewiß auch die fünfzig Prozent Spitzbubentaxe, die er ohne Zweifel auf jeden Einkauf draufschlug.
Ein Juwel war er, ein Wunder, ein Genie, das im Augenblick die Situation erkannt und es instinktmäßig begriffen hatte, daß den telegraphistas die Silberstücke locker saßen, so man sich ihnen nur nützlich zu machen wußte. Und Antonio setzte in ganz unspanischer und unkubanischer Weise seinen Intellekt und seine Beine in rapide Bewegung. Er zog ein Rasiermesser und einen Streichriemen aus der Tasche, erklärte, daß er in friedlichen Zeiten Barbier sei, wenn es auch jetzt mit dem Geschäft sehr faul stehe, und hatte im Handumdrehen uns alle ausgezeichnet rasiert. Er kam und ging, verschwand und war wieder da. Er schleppte bauchige Flaschen herbei voll schweren Rotweins und viele Zigaretten und viele Zigarren — und wir priesen dankbar die Güte der Götter, die uns in ein Land geführt hatten, in dem man für wenige Dollars so viele schöne Dinge bekommen konnte. Er brachte uns Arme voll alpergatos zum Aussuchen, und wir steckten unsere Füße in die wonnige, weiche Tuchbekleidung, auf deren Stricksohlen es sich so leicht ging, und wunderten uns, daß die Dinger kaum einen halben Dollar kosteten. Er brachte Holz und brachte Kohlen und machte Feuer an im Küchenherd und zauberte Eier herbei und rupfte Hühner, die er gottweißwo aufgetrieben hatte — und wenn’s dem Herrgott in Frankreich gut gegangen ist, so ging es uns armen Signalisten besser noch im kubanischen Land.
Antonio war überall. Er hatte auch seine Frau herbeigezaubert, die fünfmal so dick war wie ihr Gatte. Sie briet jetzt Hühner und rührte Omelettes, während er, allgegenwärtig, Uniformen mit Benzin putzte und unsere Flanellhemden wusch und doch sofort mit einem Zündholz da war, wenn man sich eine frische Zigarette nahm.
Oh, es ging uns ausgezeichnet; wir hatten es über alle Maßen gut! Lümmelig saßen wir da auf den bequemen Stühlen, streckten unsere Beine lang aus auf die Telegraphentische und waren sehr zufrieden.
»Antonio, eine Zigarre!«
Antonio flog.
»Antonio — ein Zündholz!«
»Si, si, Señor.«
»Antonio! Mach’ die Tür zu ...«
Wie Granden von Spanien kamen sie sich vor, die caballeros telegraphistas — — —
Als das Essen auf den Tisch kam, geschah etwas Sonderbares — wir aßen fast nichts. Ausgehungert hätten wir uns auf die allererste anständige Mahlzeit seit langen Wochen stürzen müssen, aber einsilbig saßen wir da und stocherten mißgestimmt auf den Tellern herum. Und der Kubaner hatte sich so große Mühe gegeben! Ein Tischtuch hatte er herbeigezaubert und wirkliche Teller und wirkliche Bestecke. Auf großen Platten prangten die Hühner und die Omeletten. Purpurrot schimmerte der schwere Wein in den Gläsern.
»Ihr eßt ja nichts!« brummte Hastings.
»Du ja auch nicht,« knurrten wir.
»Weiß der Teufel, was das ist,« sagte Souder.
Der Kabeltelegraphist legte Messer und Gabel vor sich hin. »Ich glaube, ich weiß, was es ist,« sagte er. »Als ich noch bei der Western-Union-Telegraphen-Company war, schickten sie mich einmal in ein verdammtes Nest in Arizona, wo es nur halbvergiftetes Wasser zu trinken gab, Wasser, das mehr Alkalisalze enthielt, als für einen Christenmenschen gut war. Vier Monate später wurde ich in St. Louis sehr krank — weil mir das Alkaligift fehlte, an das mein Magen sich gewöhnt hatte. Der Doktor hat mir das gesagt. So geht’s uns auch jetzt. Unsere Magen sind auf den verdammten Speck eingefuchst und können anständiges Essen noch nicht vertragen!«
»Der verdammte Speck!« brummte Souder.
Mißmutig saßen wir da, verdrossen und übler Laune. Da stand nun auf Platten und Tellern, wonach man sich wochenlang gesehnt — — — ja, der verdammte Speck!!
Um wenigstens etwas Leben und Freude in die gräßliche Mahlzeit zu bringen, brachten wir ein Hoch auf den Major aus und zerschmetterten unsere Gläser an der Wand, wie amerikanische Offiziere es tun in ihren Messen bei großen Toasten. Aber es war auch da kein rechter Zug in der Sache.
Antonio räumte kopfschüttelnd die Herrlichkeiten wieder ab.
Die anderen spielten Poker an dem runden Tisch in der Ecke. Ich war zu müde. Allein saß ich in der anderen Ecke, den Spielern gegenüber, auf einem Stuhl, den ich schräg gegen die Wand gelehnt hatte, um recht bequem zu sitzen. Es schien mir, als sei mir der schwere Wein in den Kopf gestiegen, so wenig ich auch getrunken hatte. Ein Glas nur oder zwei.