Zweiter Teil (continued 2)
Reading edition
Seg S O antwortete prompt: »I — I — jawohl, jawohl!«
Worauf Souder flaggte:
»Privat! — Wann — geht — Signalstab — an — Land?«
Und sofort kam die bissige Antwort: »Hell knows — we do not — you — go — to hell — no time — to answer fools’ questions. — Das weiß die Hölle; wir nicht. Fahrt zur Hölle — wir haben keine Zeit, jedes Narren Fragen zu beantworten!«
Souder sprang kerzengerade in die Luft: »Ich bring Hastings um,« schrie er, »wenn ich ihn erwische! Ich schieß ihn tot! Sieben Löcher mach ich ihm in den Bauch! Aber ich hab es immer schon gesagt, daß Hastings ein gemeiner Kerl ist!«
Zu dem Schaden aber hatten wir noch den Spott, denn jedes gesegnete Schiff im Umkreis rief uns an und signalisierte: ha — ha — ha! Hahaha aber bedeutet auf telegraphisch ein ganz großes Gelächter. Woraus ersichtlich ist, daß Soldaten in Kriegszeiten keine Sonntagsschüler sind und sich nicht immer einer gewählten und einwandfreien Sprache befleißigen; man spricht scharf und handelt scharf in solchen Zeiten großer Aufregung. Und dann waren ja weder Damen noch geistliche Herren anwesend.
Und wir warteten. Wir warteten scheußlich lange. Eine Nacht noch und fast einen Tag. Während der Nacht aber konnten wir uns wenigstens — auf dem Umwege über Blinklampen — mit Hastings privatim unterhalten, der besserer Laune geworden war. Teile der Blockadeflotte hatten, so erzählte er, bei Cabañas und Aguadores in Scheinangriffen die Küste ebenfalls bombardiert — bei Cabañas waren sogar Truppen gelandet worden, um die Aufmerksamkeit der Spanier von uns abzulenken — die Rauhen Reiter sollten auf spanische Schützenlinien gestoßen sein und Verluste erlitten haben — ebenso reguläre Kavallerie. Da wurden wir natürlich noch zappeliger, und von Schlaf war gar keine Rede. Gestiefelt und karabinerumhangen hockten wir auf der Brücke, wartend, wartend, und tranken aus unseren Blechbechern die Flasche Mumm extra dry, die der gute Kapitän uns zum Abschied spendierte, so gleichgültig, als sei das edle Getränk Wasser gewesen.
Der Morgen verging. Der halbe Nachmittag noch. Souder und ich wurden hysterisch. Knurrten wie bissige junge Hunde und suchten verzweifelt uns die Augen fast aus dem Kopf nach dem Signal, nach dem verdammten Signal. Da plötzlich hob sich an Bord der Segurança die rote Korpsflagge mit dem weißen Innenquadrat wieder und rief uns an:
»Signaldienstbefehl — Signalkorps an Bord Segurança!«
»I — I — jawohl, jawohl!«
Seine Abschiedsgrüße mußte uns der lachende Kapitän nachschreien, in solch lächerlicher Geschwindigkeit sausten wir auf Deck und übers Fallreep in das längst wartende Boot — — —
Auf der Segurança gab uns Oberst Green seine Anweisungen:
»Vier Kilometer östlich von hier ist,« so erklärte er ungefähr, »von der Marine das Haitikabel aufgefischt und die Verbindung mit Washington hergestellt worden. Telegraphisten der Marine sind dabei, die Linie unter Benützung der alten spanischen Leitung hierher zu verlängern. Den Kabeldienst übernehmen Kabelexperten. Unsere Aufgabe ist es, telegraphische und telephonische Verbindung mit der Vorpostenlinie herzustellen. Im Einzelnen habe ich euch nur zu sagen: Ich verlasse mich auf jeden von euch. Wir werden schwere Arbeit haben. Ihr werdet ganz selbständig arbeiten müssen. Eure Befehle erhaltet ihr über den Draht. Offizieren der Truppen werdet ihr im Notfalle sagen, daß ihr strengsten Befehl habt, Anweisungen nur von euren Signaloffizieren entgegenzunehmen. Depeschen dürfen nur angenommen werden, wenn der aufgebende Offizier, ganz gleichgültig welchen Ranges, sie schriftlich gibt und unterzeichnet. Mündliche Nachrichten werden unter keinen Umständen weder über den Telegraphen noch übers Telephon befördert. Kommandierenden Offizieren, denen ihr begegnet, werdet ihr melden, der Chef des Signaldienstes lasse sie bitten, dafür zu sorgen, daß die Truppen die Drähte nicht beschädigen. Das wäre alles. Noch eins — ich verbitte mir jede überflüssige Schießerei! Dazu seid ihr nicht da!«
Da kam sich der Lausbub kolossal wichtig vor.
Die See ging hoch, und längs des Strandes hatte sich eine ungemütliche Brandungslinie entwickelt. Unsere Boote wurden umhergeschleudert, als wären sie Eierschalen. Geradeaus am Strand zu landen war unmöglich. So mußten wir uns der alten Landungsbrücke bedienen, und die lag gute zwei Meter über dem Wasserspiegel. Es war jedesmal ein Kunststück, sich von dem stampfenden Boot emporzuschwingen. Stunden brauchten wir, um die Hunderte von schweren Rollen dünnen isolierten Kupferdrahtes an Land zu schaffen, die Telephone, die kombinierten Telephon-und Telegraphenapparate, die Trockenbatterien, die Flaggen. Ein unbeschreiblicher Wirrwarr herrschte am Strand. Ueberall waren Säcke, Kisten, Munition aufgestapelt, und zwischen diesen Bergen von Kriegsmaterial rannten aufgeregte Offiziere umher, die den Proviant für ihre Schwadronen und Kompagnien haben wollten. Wir errichteten sofort dicht am Strand die Telegraphenstation mit einer Hauptbatterie und waren kaum fertig mit Zeltbauen und Aufstellen des Apparats, als urplötzlich die Dunkelheit hereinbrach und weiteres Arbeiten unmöglich machte. Mit der Dunkelheit kam Regen. Nein, nicht Regen — der Ausdruck ist viel zu schwach — sondern ein Wolkenbruch. Nein, nicht ein Wolkenbruch. Sondern es regnete, wie es in den Tropen regnet. Das waren nicht Wassertropfen, sondern dicke Wasserschnüre, Schnur an Schnur.
Souder und ich hatten vorher schon unser winziges Soldatenzelt aufgebaut, von dem er die Hälfte trug und ich die Hälfte, und kamen uns sehr schlau vor, als wir bei den ersten Tropfen schleunigst unter Dach krochen. Aber ach — was war ein Zelt gegen diese Wassermassen! Der angeblich wasserdichte Segeltuchstoff gab nach einer Minute schon den hoffnungslosen Widerstand auf ...
»Teufel — rück’ ein wenig!« schrie Souder. »Mir läuft ein Bach, ein richtiger, gesegneter Bach, am Hals herunter!«
»Reg’ dich nicht auf um Kleinigkeiten,« erwiderte ich erbost. »Ich — liege — in — einem — See! Rück’ du!«
Doch das konnte er ebensowenig wie ich. Wir füllten das winzige Zelt ja bis zum letzten Winkel. Oben regnete es herein. Von vorne und hinten kamen, klatsch, klatsch, die Güsse. Unten rieselte ein Bach.
»Oh hell!« sagte der Sergeant, sprang auf und warf dabei das Zelt um, daß unsere stützenden Karabiner ins Wasser plumpsten. »Nässer können wir doch nicht werden!«
Und ich sah erstaunt, wie er sich Rock, Hose, Stiefel, Gamaschen, Hemd herunterriß und splitternackt dastand. »Ich nehme ein Bad!« grinste er. »Gratis. Passende Gelegenheit. Ein kubanisches Brausebad — Shampooing obendrein — kost’ sonst einen Dollar fufzig ... Wie nett, daß der Regen hierzulande wenigstens warm ist!«
Ich machte es ihm schleunigst nach, und als kurz darauf unser Major Stevens, im Gummimantel, eine Magnesiumfackel in der Rechten, in dem Miniatursee einhertappte, riß er die Augen gewaltig weit auf.
»Eh — wer ist das? — eh, Souder — Carlé — seid ihr verrückt geworden? — na, Jungens, das ist nicht übel!« Wir splitternackten Kubakämpfer standen ganz mechanisch stramm!»Rührt euch, rührt euch, Kinder, bei allem was lustig ist! Und nun versucht eben, zu schlafen, so gut es geht. Ich habe für uns alle Gummiponchos besorgt, und das nächstemal seid ihr besser daran. Good night!«
Nach wenigen Minuten hörte der Regen auf, und erst als wir in unsere triefenden Kleider krochen, fiel mir Esel ein, daß ich mir ja in Tampa eine wundervolle, sündhaft teure Hängematte gekauft hatte! Aus Seide! So dünn, daß ich sie bequem in der Tasche tragen konnte. Sie sollte mir noch unschätzbare Dienste leisten. Später bekam ich heraus, daß in der ganzen Armee außer mir nur der kommandierende General noch so schlau gewesen war, für die so naheliegende Bequemlichkeit einer Hängematte zu sorgen. Ich band das seidige Ding an zwei Bäumchen fest und kletterte vergnügt hinein.
»Das ist Seide, nicht wahr?« fragte Souder, mich und meine Hängematte mit seiner Signallaterne bedächtig ableuchtend. »Stark? Fest?«
»Unzerreißbar!« sagte ich stolz.
»Very good!«
Und im gleichen Augenblick war er zu mir hineingeklettert, so entrüstet ich auch protestierte, und seine patschnassen, schwerbestiefelten Füße suchten sich mit göttlicher Ungeniertheit ihre Ruhepunkte in der Gegend meiner Ohren. So lagen wir und rauchten noch lange nassen Tabak aus nassen Pfeifen. Ach, was waren das für schöne Zeiten! Täte ich heute dergleichen, so würde ich mir wahrscheinlich keuchenden Husten, eine schwere Bronchitis und eine tödliche Lungenentzündung holen. Ach, was waren das für schöne Zeiten!!
Die Kavallerieschwadron im Dickicht nebenan leistete auch für uns die Dienste einer Weckuhr.
I can’t get ’em up, I can’t get ’em up, I can’t get ’em up in the morning!
»Sie stehen nicht auf, sie stehen nicht auf, sie stehen nicht auf des Morgens ...«
»Heiliger Moses!« keuchte Souder, als er hinplumpste.
»Großer Cäsar!« schrie ich und kollerte neben ihn.
Denn steif wie ein Stock war der eine wie der andere, er und ich; kaum bewegungsfähig, wie nässeverschimmelt, wie verrostet. Die Kleider mußten getrocknet sein über Nacht, aber sie waren schon wieder feucht und klebrig geworden im Morgentau. Wir stampften umher und stellten mit inniger Genugtuung fest, daß in nächster Nachbarschaft noch vierzehn andere Gestalten täuschend ähnlich schwankten und stampften, der Major darunter so gut wie der Leutnant. Geteilte Unbequemlichkeit ist halbe Unbequemlichkeit. Wir sahen freilich nur die Oberkörper der Gestalten. Ihre Beine sahen wir nicht. Die ahnten wir nur. Sie steckten wie auch die unsern in den dickgelben Schwaden des Bodennebels, aus dem stickige Moderluft heraufdrang, übelriechend, boshaft, giftig — in Rauch aufgelöste Pestilenz. Da kroch über das struppige Buschwerk ein glühendroter Fetzen Sonne —
»Wer — hat — eine Kaffeemühle?« schrie der alte Sergeant Hastings.
»Deine Großmutter — zu Hause!« war Souders prompte Antwort.
Aber das Lachen verging ihm bald, als wir selbander unsere Brotsäcke und Tornister untersuchten und entsetzt den breiigen Inhalt beguckten. Die hochfeinen sandwiches des guten Schwabenkapitäns hatten sich in ihre Moleküle aufgelöst — in Brei — Brei — fleischfaserigen Brei. Doch ein hungriger Magen macht erfinderisch, und wir gingen zum Bach. Der Brei schwamm fort. Als Niederschlag blieb, was sonst noch im Brotsack geblieben war: die vier Pfund fetten Specks der eisernen Ration, ihre zwei Dutzend Schiffszwiebacke, die selbst eine Nacht im Brei nicht hatte erweichen können, und ihre grünen Kaffeebohnen, ein halbes Pfund. Salz und Zucker dagegen waren beim Teufel. Wir nahmen unsere Feldbratpfanne, rösteten vorerst den grünen Kaffee über offenem Feuer (es wurde nichts Rechtes!) und unterhielten uns dabei gegen alle Disziplin darüber, wer wohl der verantwortliche Schafskopf sein könne — verantwortlich dafür, daß einer eisernen Ration grüne, ungeröstete Kaffeebohnen beigegeben wurden! Mit dem Rösten ging es ja noch halbwegs. Aber die Kaffeemühle! Der verantwortliche Schafskopf hatte obendrein vergessen, der Armee auch nur eine einzige Kaffeemühle mitzugeben! Souder zerklopfte kurzentschlossen seine Bohnen im Blechtopf mit einem Stein, und ich mußte anerkennen, daß es einen besseren Ausweg nicht gab. So bereiteten wir vier Wochen lang das unentbehrliche Getränk eines Soldaten im Krieg — wir und die gesamte Armee! Wenn die Flüche, die damals auf den commissary general, den Chef des Armeeverpflegungswesens, herabgeflucht wurden, wörtlich in Erfüllung gegangen wären, so hätten zwanzigtausend separate Teufel ihn siebenmal zwanzigtausendmal separat holen müssen ... Wir brieten uns Speck. Wir zerbissen die infam harten Zwiebacke.
Leutnant Burnell und sechs Mann blieben bei der Station zurück, um den Kabelleuten entgegenzuarbeiten. Major Stevens und zehn Mann (dabei waren Souder und ich) bildeten den eigentlichen Telegraphenbaudienst der Armee — elf — elf — Mann! Ganze elf Mann!! Wir waren am Aufbrechen, als ein Meldereiter für die Segurança herbeijagte, der sich bei uns einen Augenblick verschnaufte und erzählte, daß bei La Quasina, sechs Kilometer in Front etwa, gestern das erste Gefecht stattgefunden hatte. Nach schweren Verlusten hatten die Rauhen Reiter und reguläre Kavallerie unter General Young die Spanier aus ihrer ersten Verteidigungsstellung geworfen. Die Vorposten standen jetzt eine halbe englische Meile über La Quasina hinaus.
Wir brüllten uns heiser vor Begeisterung.
Der Major aber durchstöberte mit Hastings, dem dienstältesten Sergeanten, all das aufgestapelte Material zum Linienbau; den Haufen von Drahtrollen, die Telephone, die Kombinationsapparate, die Trockenbatterien, die Eisenstangen für die Erdleitung.
»Wo sind denn die Werkzeuge?« fragte er kopfschüttelnd.
»Wir haben keine!« antwortete der alte Hastings.
»Was?« rief der Major, »keine Drahtzwicker? Keine Klemmzangen? Keinen Gummi zum Isolieren?«
»Nix, Herr Major!« sagte Hastings. »Wir konnten in Tampa nichts geliefert bekommen. Wir haben keine Werkzeuge. Ich persönlich besitze eine Beißzange, die ich auf der Segurança — hm — gefunden habe ...«
»Na, hätten Sie da nicht noch mehr finden können?« brummte der Major.
Er kopfschüttelte immer mehr und betrachtete den Haufen von Drahtrollen und rechnete mit den Sergeanten, wieviel Kilometer Draht wir elf Mann außer den Instrumenten tragen konnten. Sechs bis acht Kilometer höchstens. Transportmittel gab es ja nicht in diesem Krieg von leichtsinnigen Kindern. Dann war er auf einmal verschwunden. Ebenso plötzlich aber kam er wieder, im Schweiße seines Angesichts einen großen Proviantkarren vor sich herschiebend.
»Los, Jungens!« keuchte er. »Los — ehe sie uns erwischen!«
Denn: Der Herr Major hatte unten am Strand den Karren — gestohlen!
Für die gute Sache! Von da ab hätten wir uns für diesen Mann totschlagen lassen. Das war ein Mann! Vielleicht erzähle ich später einmal, wie Major Gustave W. S. Stevens das Schatzamt des Signaldienstes bemogelte, um das Geld für die ersten Flugversuche der Armee zu schaffen, das der Kriegsminister und der Chef des Signalstabs nicht hergeben wollten. Aber das ist ja eine ganz andere Geschichte.
Der Major zog seinen Uniformrock mit den schön glänzenden Silberstreifen und den goldenen Adlern aus und arbeitete so hart wie wir daran, die Instrumente und den kostbaren Draht auf dem Karren zu verstauen. Unterdessen hatten Leutnant Burnell und seine Leute die ersten fünfzig Meter Draht gelegt und die Verbindung mit dem Stationsinstrument hergestellt.
Vorwärts ging es jetzt. Der Pfad, der den Hügel hinaufführte, war ein armseliges Weglein kaum zwei Meter breit und so tief verschlammt vom Regen der Nacht und den Fußtritten von Tausenden, daß man einsank bis zu den Knöcheln. Und vollgestopft von Truppen. Infanteristen. Batterien, deren Mannschaften langsam und mühselig Zoll für Zoll die Geschütze vorwärtsschoben, denn die Gäule konnten es nicht schaffen. Links und rechts aber vom Weg starrte der Buschurwald mit seinen verrankten, verschlungenen, verdornten Gewächsen, die so fest waren wie eine Mauer und uns keinen Schritt weit eindringen ließen.
»Platz!« schrie Major Stevens. »Spezialdienst. Signalkorps!«
Die Infanterie duckte sich an die Wegseite, und holtergepolter jagten wir vorbei mit unserem Karren. Wir hatten uns lange Stangen mit gabeligen Enden geschnitten und warfen den ausgezeichnet isolierten Leitungsdraht einfach über das Urgebüsch, nur alle hundert Meter spannend und festknüpfend. Rasch kamen wir vorwärts, rascher als die Infanterie. Die marschierte nur, während uns die Neugier vorwärtspeitschte. Dann kamen wir zu den Geschützen und wären beinahe stecken geblieben, konnten doch die schweren Stahlmassen in dem engen Pfad nicht ausweichen, wollten auch gar nicht, oder ihre Herren vielmehr wollten nicht, denn Offiziere und Kanoniere spuckten ohnehin schon Galle über den miserablen Weg und pfiffen natürlich auf Telegraphendrähte und derlei Belanglosigkeiten. Wie es uns gelang, an den Kanonen vorbeizukommen, ist mir heute noch ein halbes Rätsel. Ich weiß nur, daß der Major fluchte und puffte wie ein Hausknecht, daß wir den Draht und die Instrumente abluden und sie im Laufschritt vorwärtsschleppten, daß wir den gestohlenen Karren auseinanderlegten und ihn stückweise über die Köpfe der Artillerie hinwegtrugen. Dagegen weiß ich noch ganz genau, daß ich an einer Ecke einem unverschämten Artilleristen, der mich absichtlich behinderte, eine schwere Drahtrolle gewaltig um den Schädel schlug ... Wie roh das war! Wie leid mir das tut in der Erinnerung! Aber — ach, was waren das für schöne Zeiten!
Jetzt brannte die Sonne kerzengerade hernieder, als hätte sie sich das Weglein und nur das Weglein zum Heizen ausgesucht, und dampfende, ekelfeuchte Hitze hüllte uns ein, vermengt mit giftigen Modergerüchen aus dem tausendjährigen Dschungel zur Seite, dem Hexenkessel mit seinen häßlichen Dämpfen aus faulender Feuchtigkeit und schwärzendem Heißsein. Dicht, starr, stand der Urwald. Der Gedanke stieg in mir auf, wie es überhaupt möglich sein konnte, in dieser eingekeilten Enge einen Feind anzugreifen oder von einem Feind angegriffen zu werden; eine Schützenlinie zu entwickeln, vorwärtszustürmen. Da ich zwanzig Jahre alt und neugierig war, befragte ich den Major darüber, als er neben mir schritt. In Tampa hatten wir ihn kaum zu Gesicht bekommen. Aber die wenigen Stunden schon auf kubanischem Boden hatten zwischen ihm und uns jene eigentümliche Verbindung des Vertrauens hergestellt, die von Mann zu Mann überspringt nur in Zeiten männlicher Höchstleistung, wenn jeder, der Führer und der Geführte, hergibt, was in ihm ist. Er war unser und wir waren sein. Darüber redete man nicht. Das fühlte man. Man stand zusammen und man fiel zusammen. In unserem Schneid und unserer Arbeit lag seine Hoffnung auf Glück und Ehren — und aus seinen Händen nur konnte unser Lohn gegeben werden.
Die Disziplin litt nicht darunter, wenn auch die äußerlichen Unterschiede zwischen Mann und Offizier sich als äußerlich und belanglos verwischten.
»Well,« sagte er lächelnd, »es ist eine scheußliche Gegend, wie Sie ganz richtig bemerken. Ich bin von Hause aus Artillerist und kann mir lebhaft vorstellen, daß es höllisch unangenehm wäre, würden wir jetzt mit Schrapnell überschüttet!«
Ich wurde puterrot. »Ich hatte — aber — durchaus — nicht Angst!« stammelte ich.
»Nein, mein Sohn. Weiß ich. Nebenbei bemerkt gibt es keinen Menschen, der unter Schrapnellfeuer nicht Angst haben würde. Und weiterhin nebenbei bemerkt sind wir nach meiner Karte in einer Viertelstunde aus dem Busch heraus. Well — haben Sie eigentlich Tabak? Ich muß vorhin mein Etui verloren haben —«
In Bächlein rannte der Schweiß an uns herab, und ich war kaum weniger naß als nach dem Wolkenbruch in der Nacht vorher. Wir segneten den schlauen Major und seine Karre aus dankbaren Herzen und schmissen alles, was nicht niet und nagelfest war, auf das Vehikel; Brotsäcke und Röcke und Tornister und Wolldecken und Telegraphenapparate. Aber es war noch immer zu heiß. Einer machte den Anfang, als wir einmal hielten und Luft schnappten, und die andern machten es ihm schleunigst nach: Ein schamhaftes Verschwinden hinter einen dicken Baum! Und — Strümpfe? Ueberflüssig, weg damit. Unterhemd? Lächerlich, weg damit. Unterhosen? Unglaublich bei dieser Hitze, weg damit. Jetzt war uns wöhler! Instinkt hatte uns wie zwanzigtausend anderen Simplizität in der Vereinfachung der Felduniform gelehrt, die in Zukunft aus Stiefeln, Gamaschen, Reithose, blauem Flanellhemd, Schlapphut bestand, und sonst aus nichts. Das war genug und übergenug! Viele von den Offizieren ließen sich die Schulterstreifen aufs blaue Flanellhemd nähen ... Nur keinen Rock in dem Backofen!
Jeder einzelne Mann tat sein Bestes. Sicherlich stellte es eine respektable Leistung dar, beim Linienbauen die marschierenden Truppen weit zu überholen. Der Draht funktionierte ausgezeichnet. Wir setzten uns jede halbe Stunde in Verbindung mit Leutnant Burnell in Baiquiri, der uns an Neuigkeiten meldete, daß der Hauptlandungspunkt von nun an Siboney sei, wenige Kilometer westlich von Baiquiri. Er lasse zwei Mann zum Stationsdienst zurück und werde mit den übrigen von Siboney eine Drahtlinie zum Kreuzungspunkt der beiden Straßen bei La Quasina legen.
Da weitete sich das Weglein, und der Busch wurde niedriger, dürftiger, bis plötzlich der Schlick des Pfades sich in weichen Moosboden verwandelte. Rings um uns reckten sich schlanke braune Stämme mit fächerigen Wipfeln empor; ein Hain von Kokospalmen.
»Teufel!« sagte Major Stevens.
»Tausend Teufel!« — sagten wir ...
Denn die luftige Schönheit machte auf uns nicht den geringsten Eindruck, sintemalen sie schwere und langwierige Arbeit bedeutete. War es doch nun vorläufig zu Ende mit dem wunderschön bequemen und schnellen Aufwerfen des Drahts auf den dichten Busch. Den Draht einfach auf den Boden zu legen, ging nicht. Die nachmarschierenden Truppen hätten ihn zertrampelt, zerrissen. Und nicht einmal Klettereisen hatten wir!
»Nun, dann klettern wir eben so!« sagte der Major. »Souder, holen Sie mir doch aus dem Baum da ein halbes Dutzend Kokosnüsse — und Sie, Hastings, telegraphieren, bitte, dem Leutnant Burnell, daß wir frische Kokosmilch trinken und lebhaft bedauern, ihn nicht einladen zu können.«
Schallendes Gelächter. Die gute Laune war wieder da.
Es läßt sich außerordentlich schwer vorstellen, was es heißt, als todmüder, abgearbeiteter, hitzeerschöpfter Mensch mit schweren Drahtrollen Kokospalmen hinaufzukrabbeln; ich wenigstens packte mit Händen und Füßen und Knien ums liebe Leben zu und war schlapp wie ein nasses Handtuch nach dem dritten Baum. So lernten wir die relative Wichtigkeit der Werte für die Bedürfnisse des Augenblicks fein unterscheiden und waren entsprechend froh, als der dreckige Schlamm und der stinkende Dschungel wieder kamen. Bedeuteten sie doch flottes Vorwärtskommen für uns. Lichter aber war es. Man konnte wenigstens sehen. Man hatte Ausblick über den niedrigen Busch und das wuchernde Gras hinweg auf üppige Baumgruppen tiefen Grüns und sanftansteigende Hügel im Vordergrund.
In dem Schlamm des schmalen Weges aber, bei einem Grasbüschel hier, in einer kleinen Bodensenkung dort, an Baumstämmen glitzerten gelbmetallisch blanke Patronenhülsen und mehrten sich zu vielen Hülsenhäuflein, als wir uns vorwärtsarbeiteten. Unser Lachen und Geschwatze war plötzlich verstummt. Ein zertrampelter grauer Schlapphut lag am Weg — dort eine Wolldecke — dort ein Tornister, von dessen Segeltuchbraun tiefdunkel und bedeutungsvoll rostfarbene große Flecke scharf abstachen. Und da leuchtete aus tiefem Gras und dornigem Gestrüpp blanke Erde, frisch aufgeworfen, und aus den lehmigen Erdschollen ragte Griff und Klinge eines Offizierssäbels. Ungeschickte Hände hatten das Soldatengrab mit Steinen und Holzstückchen umrahmt. Man sah der Arbeit die hastende Eile an. Ein zweites Hügelchen frischer Erde kam, ein drittes; Dutzende jetzt auf einmal. Ein Hut lag auf dem einen, ein Reiterhandschuh auf dem andern, ein Symbol zum Wiedererkennen auf jedem ...
Feierlich und langsam erhob der Major die Rechte zum Hut und grüßte, hochaufgerichtet, kerzengerade, als sei er auf Parade, die Männer, die da unter dem Boden lagen, gestorben für ihr Land. Ein jeder von uns verstand. Alle Hände hoben sich zum Salut für die toten Rauhen Reiter.
Wir waren bei La Quasina.
Dicht bei den Gräbern kampierten wir in dieser Nacht. Im Dämmerungsgrauen, als ich die Wache beim Instrument hatte, meldete der Draht: »Der kommandierende General wird morgen sein Hauptquartier in die Vorposten verlegen. Das Signaldetachement erwartet den General auf der Straße von La Quasina-El Pozo, an einem Punkt, der telegraphisch mitgeteilt werden wird. Die Linie ist bis tausend Yards über La Quasina hinaus fertigzustellen.«
Ich weckte den Major.
»Das hätte Zeit gehabt bis zur Reveille ...« brummte er.
»Señor!«
»Señores!«
»Ich — Kohlenmann — Keywestdampfer ... drei Jahr, damn — ich fein Englisch sprechen — — «
»Ein klein Biskuit, señor, please!«
»Eviva el Cuba Libre und gut’ Americanos« — und eine Skeletthand steckte mir eine kohlschwarze Riesenzigarre in den Mund.
»Plenty Hunger — Biskuits bueno, aber nix gut die amerikanisch’ Speck ... damn Speck —«
Sie zeterten und schrien und kreischten und gestikulierten. »Piff, piff!« zischte der eine, mit den Händen die Gebärde des Anlegens und Zielens machend, »hé — piff, piff, piff, piff ... o — hé. Espagnoles dort (er deutete in den Busch) — Americanos piff, piff, ’urrah, viel ’urrah, viel laufen, Espagnoles weg. Plenty bueno!« Ein anderer brüllte: »Da — da vorne — Señores werden sehen — der commandante — der große Garcia — el liberator ...«
Wir standen und starrten. Das also waren kubanische Insurgenten, und so sahen begeisterte Freiheitskämpfer aus und so schnatterten sie, die Heroen, die den Tod dem Knechttum vorzogen. Achtundvierzig Stunden später überzeugten wir uns, ein wie erbärmlich feiges und faules Gesindel diese berühmten, todesmutigen Freiheitskämpfer in Wirklichkeit waren. Aber wenn ich schaudernd an die traurigen Gestalten denke, so möchte ich die überharten Worte bedauern, mit denen wir vollsaftigen, kraftvollen Männer damals die ausgehungerten Männlein überschütteten. Sie taugten ja nicht zum Kämpfen und Arbeiten. Das waren keine Menschen mehr. Nicht einmal Tiere. Sondern wandernde Skelette. Sie hatten sich ein Lager in den Busch hineingehauen und aus Zweigen ein dürftiges Obdach zusammengeflickt. In Fetzen schlotterten ihnen die Jacken und die Hosen aus schmutziggrauem, dünnem Baumwollstoff um die abgemagerten Glieder, und viele hatten nicht einmal eine Jacke, sondern liefen mit bloßem Oberkörper umher. So winzig, so krank, so schwach sahen die kleinen Männlein aus, die viele Monate lang Tag für Tag gehungert hatten, daß ich mir dachte:
Ein einziger Faustschlag, und nicht einmal ein kräftiger, und Señor Insurgente ist außer Gefecht gesetzt!
Wie arme verkrüppelte Kinder sahen sie aus, die Krieg spielten — die man bemitleiden mußte ob des Gewichts des Säbels, den sie an einem Strick umgeschnallt trugen. Eine schwere und furchtbare Waffe war dieser Säbel, Machete genannt; eine Art zum Säbel verlängerten Messers, das nichts ähnlicher sah als dem biederen Küchenmesser deutscher Hausfrauen, freilich ins Riesenhafte vergrößert. Ein gerader Säbel mit plumpem Holzgriff und breiter Klinge, haarscharf geschliffen. Vorzüglich waren auch die Gewehre dieser Jammergestalten: Moderne Mauserschnellfeurer, deutsches Modell 88, und amerikanische Winchesters mit kupferumhüllten Geschossen. Die Männer aber hinter diesen Gewehren waren sicherlich nichts wert.
Die armen, armen Teufel!
Sie bissen gierig in die steinharten Schiffszwiebacke, die wir ihnen schenkten, und schnatterten dabei über Hunger und Elend. Eine Handvoll Reis, ein Brotfladen waren Seltenheiten gewesen monatelang; von Früchten und Beeren hatten sie sich ernährt.
Ein Weib schlich herbei, mit gekrümmter Hand um einen Zwieback bettelnd. Um ihren Körper war rockartig ein Fetzen schmutzigen Baumwollstoffs geschlungen, die bloßen Brüste hingen schlaff und verdorrt weit herab, die hungrigen Augen lagen tief in den Höhlen. An den Rockfetzen aber klammerte sich ein fürchterliches menschliches Wesen.
Ein nacktes Kind, ein Mannkind, drei Jahre alt vielleicht, das — auf den dürren Zündholzbeinen des Elends einen fürchterlichen Falstaffbauch trug. Winzige Glieder, ein spitziger, magerer Kopf, und ein Zuckerhutleib, der in seiner Aufgedunsenheit den Nabel weit vordrängte. Ein Monstrum, ekelerregend, Mitleid heischend.
»Nix bueno — Mangobauch!« erklärte die Mutter.
Der Major, der Spanisch verstand, schenkte dem Weib einen blanken Silberdollar und sprach mit ihr. Er erklärte uns das Monstrum. Die Fruchtnahrung, die auf Erwachsene abmagernd wirkte, führte bei Kindern zu schweren Verdauungsstörungen, weil nur ungeheure Mengen den steten Hunger sättigen konnten. Daher der Bauch, das Aufgedunsensein. Obendrein war die häufigste Frucht, der orangenartige Mango, stark terpentinhaltig und wurde von einem kindlichen Magen schwer verdaut. Daher der Name Mangobauch. Zu Hunderten sahen wir später um Santiago die mißgestalteten kleinen Geschöpfe, die so ausgehungert waren, daß sie fraßen wie Tiere und an unseren Lagerfeuern Mahlzeiten hinabschlangen, die ein ausgewachsener hungriger Mann nie hätte bewältigen können.
Noch lange kreischten sie uns nach, die kubanischen Insurgenten:
»Eviva los Americanos — Cuba Libre!«
Das arme Kind aber heulte zum Steinerweichen in gellenden Mißtönen. Verschwanden doch mit uns die schönen, schönen Biskuits; infam harte, kaum genießbare Schiffszwiebacke für uns, köstliche Leckerbissen für das im Walde gezeugte Geschöpf des Jammers.
Der Pfad war wieder das alte verschlammte, schmale Weglein, eingerahmt von undurchdringlichem Gestrüpp. Wir konnten den Draht wieder mit unseren Stangen aufwerfen und kamen rasch vorwärts. Da erschallte dumpfes Pferdegetrappel und drei Reiter trabten herbei.
»Der kommandierende General!« meldete der führende Korporal kurz, einen Augenblick seinen Gaul einzügelnd.
Bald darauf kam das Hauptquartier. General Shafter, der Höchstkommandierende, saß in einem winzigen Wägelchen, das zwei Maultiere zogen und ein Kavallerist lenkte. Der Stab ritt hinterdrein im Gänsemarsch, denn so schmal war der Saumpfad, daß zwei Pferde, die Reiter trugen, kaum nebeneinander schreiten konnten.
Die Kolossalgestalt des Generals lehnte erschöpft im Sitz. Auf Shafters Knien lag eine Karte. Der Wagen hielt, als der Major vortrat und seine Meldung erstattete:
»Ein Offizier, drei Sergeanten, sieben Mann des Signaldetachements. Linie von Baiquiri bis hierher vollendet und in guter Ordnung.«
Der kommandierende General nickte und sagte mit einer Stimme, die so kinderartig hell und schrill war, daß sie weithin gellte:
»Sehr — gut — Major. Bei Jesus Christus — das — haben — Sie — gut — gemacht, Major. Sie folgen, Major, und bleiben — im Hauptquartier — bis — auf — weitere Orders — Jesus Christus!«
Und das Wägelchen rollte weiter. Ein halber troop, eine halbe Schwadron der 6ten Regulären Kavallerie bildete die Eskorte des Höchstkommandierenden.
So sah ich zum erstenmal den Jesus-Christus-General.
Beim Jesus-Christus-General.
Das Hauptquartier in der Vorpostenlinie. — General Shafter, Höchstkommandierender. — Die Trumpfkarte im Spiel. — Proviant her! — Ein sogenannter Spaziergang. — Die spanische Verteidigungslinie. — Die Nacht vor der Schlacht. — Das Telegramm nach Washington. — Die Regimenter ziehen dem Feind entgegen.
Auf einer Strecke von kaum einer halben englischen Meile passierte uns Unglück auf Unglück. Mit einemmal funktionierten die Apparate nicht mehr, als wir wieder Baiquiri andrahten wollten, und der Major mußte Hastings und zwei Mann zurückschicken, nach dem Schaden zu suchen. Sie fanden ihn zum Glück bald: ganz in der Nähe des Insurgentenlagers war der Draht zerrissen. Dann kamen fünfmal hintereinander lichte Waldstellen, die langwieriges Klettern und Drahtspannen erforderten. So wurde es Nachmittag, bis wir endlich das Hauptquartier inmitten der Vorposten erreichten, erschöpft, todmüde. Oberst Green mit dem ihm persönlich attachierten Signalsergeanten kam uns entgegen.
»Schlafen, Leute!« befahl er. »Myers, holen Sie Kaffee, da hinten beim Kochfeuer. Und dann wird sofort geschlafen!«
Das Signalzelt war bereits errichtet und das Instrument drinnen aufgebaut worden. Den Dienst übernahm der Sergeant Oberst Greens. Wir anderen aber tranken gierig heißen Kaffee, wickelten uns in unsere Decken und legten uns Mann neben Mann dicht um die Außenwand des Zeltes; in unseren feuchten, durchschwitzten Kleidern, den patschnassen Stiefeln, in die der Schlamm trotz allen festen Geschnürtseins eingedrungen war. Ich war so müde ... »Stiefel ausziehen!« rief die scharfe Stimme des Majors — »runter mit den Stiefeln!« Und widerwillig zog ich sie aus. Ich war so — — — Die Augen konnte ich kaum offenhalten und nicht der Mühe wert war es mir, den Wirrwarr um mich zu betrachten. Da standen riesige Zelte und Pferde wieherten im Hintergrund und viele Offiziere kamen und gingen und ... schlafen, nur schlafen! Ich schob mir den Tornister unter den Kopf und wickelte mich fest ein. Da begann das Instrument drinnen zu sprechen in scharfem Ticktack. Klick, klick, klick — klack, klack — kurz, kurz, kurz, — lang, lang — aber die klingenden Punkte und Striche flossen in ein nichtssagendes Geklapper zusammen für mein müdes Hirn — klick, klick, klack ... da war ich eingeschlafen.
Das Hauptquartier lag dicht am Weg, an dem ewigen Schlammpfad, den keiner der Männer von Kuba je vergessen wird. Gegenüber ragte der dornige Busch. Die Zelte standen in einer Lichtung, in der einmal ein Haus gewesen sein mußte, denn verwittertes Gebälk lag umher, und gegen das Weglein zu trotzte noch ein Stück Zaun aus verfaulten Pfosten und verrostetem Stacheldraht. Das Signalzelt war dicht beim Eingang aufgebaut. In Linie, nicht weit davon, schimmerte weißgrau das Dutzend Zelte des Stabes, und hinter ihnen erhoben sich die winzigen Segeltuchhütten der trooper der 6ten Kavallerie. In der Mitte, fünfzig Schritte vor uns, stand das Zelt des kommandierenden Generals. Zwei Pfostenpaare waren kreuzweise in den Boden geschlagen und eine Hängematte an ihnen befestigt. In dieser lag krank und mürrisch General Shafter, der Befehlshaber der Armee, der alte Indianerkämpfer, der Mann, den der amerikanische Reguläre niemals anders nannte als den »Jesus-Christus-General«. Es sind später viel Steine geworfen worden auf diesen Mann; einen Zauderer hat man ihn genannt und Schlimmeres in seinem Land. Ein Zauderer war er. Aber die Schimpfer vergaßen, daß auf seinen Schultern und nur auf seinen Schultern die ungeheure Verantwortung für das Leben von vielen Menschen und die Ehre einer Flagge ruhten, die gar arg bedroht waren durch den Leichtsinn, der in Hast und Aufregung die Sorge für eine Armee sehr leicht genommen hatte. Doch das verstand ich erst später. Wenn ich von General Shafter in diesen Seiten erzähle, so darf der Leser nicht vergessen, daß ich versuche, ganz einfach zu schildern, was der Lausbub im Soldatenrock damals sah — das wirkliche Sehen und Hören. Der Jesus-Christus-General hatte für mich Zwanzigjährigen im Lager damals und im Feld später nicht viel von der Glorie des Leiters einer kämpfenden Armee, sondern ich sah mit meinen jungen Augen nur das Allzumenschliche des Kranken und Uebererregten. Der Mann heute versteht. Daß jene Tage in Kuba dem amerikanischen Invasionsheer keine Katastrophe brachten sondern Siege, ist für den nüchternen Beurteiler ein Wunder. Und Shafter wußte das! Als einziger vielleicht. Er wußte, daß kein Proviant da war — er wußte, daß alle Vorteile des Geländes auf der Seite des auch numerisch starken Gegners lagen. Er wußte recht gut, weshalb er zauderte. Dennoch gebe ich meine Eindrücke ungeschminkt wieder, denn über das Persönliche weit hinaus zeigen sie etwas einzig Dastehendes in der modernen Kriegsgeschichte: Eine Schlacht, einen Feldzug, der nicht von Generalen gewonnen wurde, sondern von einzelnen Häufchen tapferer, zäher Männer, die in jungenhafter Begeisterung fröhlich drauf losgingen, ohne sich viel um Befehle zu scheren. Das Männliche, das Tüchtige des Einzelnen war Trumpf und gewinnende Karte in dem riskanten Spiel dieses sonderbaren Krieges.
Dutzende Male brachte ich dem General Shafter Depeschen an jenem 30. Juni des Jahres 1898, und jedesmal sagte er mit der gleichen dünnen, schrillen Falsettostimme, die einem durch Mark und Bein drang:
»Jesus Christus — was gibt’s?«
Es ist kaum möglich, das Scharfe, Ungeduldige wiederzugeben, das in dem ewig wiederkehrenden Ausruf lag, der dem General seinen Beinamen eingetragen hatte. Frömmlern gab es später nach dem Kriege, als von Shafters Eigenheiten erzählt und geschrieben wurde, Veranlassung, ihn als gotteslästerlichen Frevler zu verdammen.
»Lasse Oberst Green bitten — Jesus Christus — marsch, Mann — halten Sie sich nicht mit Salutieren auf — Jesus Christus!«
Immer Jesus Christus — —
Hunderte Male gellte es so. Und jedesmal fuhr ich zusammen, wenn die schneidende Stimme erklang.
General Shafter war ein Koloß. Aechzend lag die unförmliche Gestalt in der Hängematte, auf viele Kissen zurückgelehnt, fluchend wie ein Dragoner. Die Stimme gellte vor Wut und Ungeduld. Aber im nächsten Augenblick konnte sie, wenn auch schrill und nervös, liebenswürdig zu einem Adjutanten sagen: »Lassen Sie sich ablösen, lieber Jameson — Jesus Christus, Sie müssen ja todmüde sein!«
Der General war entweder schon vom Fieber gepackt oder wenigstens durch die tropische Hitze furchtbar mitgenommen. Seinen gewaltigen Schädel bedeckte ein Handtuch, auf dem Eisstücke lagen, und neben der Hängematte stand ein Kocheimer mit Eis gefüllt. Dennoch gönnte sich Shafter nicht einen Augenblick Ruhe an jenem 30. Juni. Es war ein Hetzen und Hasten, ein Kommen und Gehen. Stets umstanden Adjutanten die Hängematte, Bleistifte und Befehlsformulare in den Händen, und die hohen Offiziere des Generalstabs schienen fortwährend Vortrag zu halten. Wir hörten häufig ganze Sätze herüberhallen und verstanden, so schwer jede Kombination für einen Uneingeweihten auch war, daß es sich um Meinungsverschiedenheiten handeln mußte. Es lag wie Elektrizität in der Luft. Wie schwüle Spannung. Alle Augenblicke kamen Shafters Adjutanten gelaufen mit Telegrammen an den Generalquartiermeister in Siboney, die in schärfster Fassung Proviant und Munition verlangten. Einmal hieß es ungefähr so:
»Kommandierender General befiehlt Herbeischaffung Proviants für Front, ganz gleichgültig, ob Straße verstopft; Truppen müssen Straße freigeben — mitsendet energischen Offizier ...«
Schwer mußten Sorge und Verantwortung auf General Shafter liegen.
Major Stevens winkte von seinem Zelt. Ich sprang hinzu.
»Treten Sie ein,« befahl er. »So! Holen Sie sich unauffällig Karabiner, Revolver und Feldstecher. Tun Sie, als ob Sie das Gewehr putzen wollten. Gehen Sie langsam den Pfad aufwärts. Sie treffen mich etwa hundert Yards weiter oben. Verstanden?«
»Yes, sir.«
»Sie sprechen mit Niemanden über diese Sache. Verstanden?«
»Yes, sir.«
Klopfenden Herzens wartete ich an der bezeichneten Stelle, bis der Major aus dem Gebüsch trat.
»So! Es wäre mir lieb, wenn Sie mich auf einem kleinen Spaziergang begleiten würden,« sagte er, »weil ich annehme, daß Sie nach Ihrer zivilen Stellung Augen im Kopfe haben, die sehen können. Nun hören Sie: Wir wissen im Grunde gar nichts. Wir wissen den Teufel, was da vorne los ist. Ich will aber was wissen. Offiziell ist ein Vorgehen über die Vorposten hinaus strengstens verboten. Wir gehen jetzt zusammen spazieren und werden uns über die Vorposten hinaus verlaufen. Verstanden?«
»Yes, sir.«
»Schön. Die Karte hier ist miserabel, aber immerhin geht daraus hervor, daß hier — sehen Sie? — bei El Pozo — das ist ’ne alte Zuckermühle — , wo unsere Spitze steht und das eigentliche Santiagotal beginnt, Plantagen sind, die ein Erklettern des Hügels da — sehen Sie? — gestatten sollten. Durch den Busch kämen wir nie hindurch!«
Da kam ich mir wieder kolossal wichtig vor ...
Wir marschierten in scharfem Tempo etwa zwei Kilometer weit den Pfad entlang, kamen in einen Mangowald, kreuzten einen kleinen Bach, passierten an Infanteriepatrouillen vorbei, wurden dutzende Male angerufen. Dann bogen wir scharf links ab. Wir waren jetzt inmitten hohen wuchernden Grases und mächtiger Baumgruppen. Hinter der zweiten Baumgruppe schon trat ein Kavallerieleutnant hervor, mit dem der Major leise sprach. Ich hörte den Leutnant sagen:
»Auf Ihre Verantwortung, Major. Meine Leute kann ich instruieren. Aber wenn Sie den Rückweg verfehlen, riskieren Sie, von anderen unserer Posten über den Haufen geschossen zu werden!«
Da kam ich mir noch viel wichtiger vor!
Nun begleitete uns der Leutnant.
Der lichte Wald wurde noch dünner, die Baumgruppen spärlicher. Vor uns lag eine schmale Fläche niederen Grases. Drüben war Gestrüpp.
»Halt!« rief eine Stimme.
»Freunde ...« antwortete der Leutnant. »Einer vor!« rief die Stimme wieder. Der Leutnant ging vor, um die Losung zu geben, die »Shafter und Santiago« lautete, und dann sahen wir eine Soldatengestalt aufspringen, die flach am Boden gelegen hatte. Der junge Offizier instruierte den Posten, daß der Herr Major und der Signalmann rekognoszieren würden und daß er auf unsere Rückkehr achten müsse. Wir würden am jenseitigen Gestrüpprand laut »Washington« rufen und dann aufrecht über die Grasfläche laufen.
»Los!« sagte der Major. »Ich wette meinen Kopf, daß innerhalb fünfhundert Yards überhaupt kein Spanier ist, sonst wäre die Schießerei schon längst losgegangen!«
Aber trotzdem verzichteten wir, ohne ein Wort darüber zu verlieren, auf falsches Schamgefühl und krochen sehr vorsichtig auf dem Bauch durchs Gras, uns innig und liebevoll an Mutter Erde anschmiegend.
»Sehen Sie was?«
»Nein, Major.«
Wir kamen der Gestrüpplinie näher und suchten Busch für Busch mit unseren Feldstechern ab. Vorne links, dreihundert Meter vielleicht entfernt, stieg ein Hügel empor, der erste einer sich weithin erstreckenden langen Hügelkette. Auf den steuerten wir zu, immer auf dem Bauche rutschend. Wir sahen nichts und hörten nichts. So gelangten wir bis zum unteren Hügelrand. Wohl eine Viertelstunde lang lagen wir hinter einem Baum und suchten den Weg durch die Gläser ab. Dann krochen wir wieder vorwärts, uns mit Händen und Füßen einkrallend, denn der Abhang war steil.
»Suchen Sie die Kuppe ab!« flüsterte der Major.
Ich machte einen Bogen hin, einen Bogen her. Sah nichts.
»Nichts?«
»Nein.«
»Großer Gott! Eine einzige spanische Batterie hier oben könnte uns den Teufel zu schaffen machen!«
»Es ist unglaublich!« Er kauerte hinter einen Busch und schob vorsichtig die Zweige auseinander. »So! ich kann sehen! Decken Sie mir den Rücken und achten Sie auf jedes Geräusch!« Ewigkeiten schien mir sein Schauen zu dauern. Auf dem Bauche liegend starrte ich um mich, daß mir die Augen tränten, bis endlich der Major leise pfiff und aus dem Busch zu mir kroch. »Nehmen Sie meine Stelle ein,« sagte er. »Sehen Sie sich zuerst die Karte an. Wir sind im Santiagotal ... Dies hier ist das San Juan Flüßchen. Auf diesem Hügel sind wir. Nun passen Sie auf: Sie werden in viertausend Yards Entfernung etwa in ganz unbestimmten Umrissen Gebäude sehen. Das ist Santiago de Cuba. Das Glitzernde zwischen den beiden Waldlisièren ist das Flüßchen. Suchen Sie das ganze Vorgelände ab, ob Sie Truppen oder irgend etwas Bewegliches entdecken können.«
Ich kroch in den Busch, mich im Blattwerk deckend, und guckte zuerst mit bloßen Augen, dann durch das Glas. Gestrüpp — Wald — helle Flecke — wellige kleine Hügel, die wie in Nebel eingehüllt zu sein schienen — ein grauer Streifen am Horizont, auf dem ich im Glas deutlich die Rote Kreuzflagge unterschied. Dann suchte ich, zitternd vor Aufregung, die hellen Flecke ab, und mir schien, als ob ich einmal oder zweimal auf dem Grasfleck vor einem der kleinen Hügel ein Glitzern sähe.
»Bei den Hügeln dort — dicht beim Flüßchen!« murmelte ich.
»Richtig!« sagte der Major. »Dort bewegen sich zweifellos spanische Truppen. Aber suchen Sie vor allem das nähere Vorgelände ab!«
Ich suchte und suchte, Busch bei Busch, Fleck bei Fleck. Das schmale Tal erstreckte sich, ein schwer übersehbarer Geländemischmasch von Gestrüpp und wirklichem Wald und hellen freien Grasstrecken in fast immer gleicher Breite von sechs-oder siebenhundert Metern, bis an den grauen Streifen, der Santiago bedeutete. Seine Breite trennte uns von unseren Vorposten, die drüben auf der welligen Talgrenze am Waldrand standen. Das Flimmern dort vorne konnte ich wieder deutlich wahrnehmen. Sonst sah ich nichts. Der Major war zu mir gekrochen.
»Noch etwas gesehen?«
»Nein, Major.«
»Wie weit schätzen Sie die Entfernung bis zu der Wellenlinie, wo Sie das Flimmern sehen?«
»Dreitausend Yards.«
»Hm. Zweitausendfünfhundert!« brummte er. »Ich denke, wir haben genug gesehen.«
Dann ging es zurück. Ich war jetzt gründlich nervös geworden und ich glaube, dem Major ging es ebenso, denn im gleichen Impuls verzichteten wir auf das langsame Kriechen und rannten in langen Sprüngen von Baum zu Baum und von Busch zu Busch der auffälligen Gruppe von Mangobäumen zu, die wir uns wohl gemerkt hatten. Am Gestrüpprand brüllten wir laut:
»Washington!«
»Freunde ...« hallte es herüber, und wir schnellten uns vorwärts im Gras, so schnell uns nur die Beine laufen wollten, sehr froh, wieder im Schutze der Vorposten zu sein.
»Prosit!« sagte der Major und reichte mir seine Feldflasche. »Bitte, trinken Sie mit Andacht, denn das ist ewigalter Kentuckywhisky, und die Götter mögen wissen, wann uns ein solcher Trunk wieder beschert wird.«
Er lachte ein unfröhliches Lachen. »Uebrigens haben wir unsere Hälse umsonst riskiert. Die San Juan Verteidigungsstellung — das ist dort, wo wir das Flimmern sahen — ist dem Hauptquartier bekannt. Halten Sie nur den Mund über unseren Spaziergang, sonst werden wir auch noch ausgelacht! Ich hatte gehofft, auf der Hügelkette da drüben Artillerie zu entdecken — na, und damit ist’s Essig gewesen! Die Geschichte war also umsonst.«
Da kam ich mir gar nicht mehr wichtig vor.
Die Pechfackel auf dem alten Zaunpfosten warf feuerrotes, flackerndes Licht über die Zelte des Hauptquartiers. General Shafter saß auf einem Feldstuhl, gegen die Zeltwand gelehnt, und sah mit seinen scharfen grauen Augen von einem zum andern der Offiziere, die ihn umstanden. Auf großen Kisten links und rechts neben ihm brannten in Flaschenhälsen Kerzen. Um ein Uhr nachts übernahm ich den Hilfsdienst beim Instrument, zusammen mit Souder, und wenige Minuten später brachte ich dem General eine Depesche. Vom Generalquartiermeister in Siboney, der den Abgang eines Maultiertransports mit Infanteriemunition meldete.
»Jesus Christus, was warten Sie noch, Mensch!« herrschte Shafter mich an.
»Die Unterschrift, General.«
»Unterzeichnen Sie!« befahl er einem Adjutanten, der nun seinen Namen in mein Depeschenbuch kritzelte. »Marsch, Signalmann!«
Ein sacksiedegrober Herr, der Jesus-Christus-General!
Eine Viertelstunde verging. Da kam der Major zu uns ins Signalzelt gekrochen und sagte, gemütlich dahockend, auf den schwarzen Schnurrbart beißend, wie das seine Art war: »Hm — Souder — Carlé — nein, kann euch nicht brauchen — sollt bei mir bleiben. Sie können nachher Hastings wecken, Carlé, und ihn in mein Zelt schicken. Der rechte Flügel, Kinder, greift bei Tagesanbruch an, und General Chaffee braucht Flaggenmänner. Ich werde Hastings hinschicken und zwei Mann. Wir werden ebenfalls bei Tagesanbruch losmarschieren und die Linie im Santiagotal legen und bei Gott, ich glaube, wir haben das bessere Teil erwählt wie Martha in der Bibel. Müßte mich sehr irren, wenn sich die Hauptaffäre nicht bei unseren Hügeln« — er zwinkerte mir zu — »abspielt. Mund halten, Kinder! Ich bitte mir übrigens aus, daß morgen flott gearbeitet wird!«
» ... Jesus Christus!« gellte es herüber vom Zelt des Kommandierenden.
Und dann brachte ein Adjutant eine Depesche, die merkwürdigerweise nicht chiffriert war. So ungefähr lautete sie:
»Kommandierender General der Armee, Washington. — Greife bei Tagesanbruch an. Brauche Verstärkungen, Proviant, Hospitalschiff. — Shafter.«
Da schien es uns, als wollten die Minuten so gar nicht vergehen, und wir fluchten fürchterlich über den Kleinkram von Depeschen nach Siboney, die alle mehr Proviant, mehr Munition forderten. Souder, der ein Künstler im Bearbeiten des Tasters war, telegraphierte mit fabelhafter Geschwindigkeit, wollte er doch die Arbeit loswerden und schwatzen. Zwanzig Minuten lang hielt es der Sergeant in Siboney aus, dann unterbrach er:
»p p p Privat. Höll’ und Verdammnis, seid ihr verrückt geworden? Ich komm’ nicht mehr mit — hab doch keine Schreibmaschine hier — muß bleistiftkritzeln — lang — samer!!«
»Arbeite, mein Sohn!« antwortete Souder. »Und sei nicht so verdammt vertraulich. Wir sind in den Vorposten und du bist sicher vom Schuß — also arbeite wenigstens, Freund!«
»Warte — wenn ich dich erwische ...« kam es wütig klickend zurück.
Woraus hervorgehen mag, daß wir nicht etwa letztwillige Verfügungen trafen und uns gegenseitig letzte Lebewohlbriefe an unsere Bräute anvertrauten, wie das in frommen Bilderbüchern von Soldaten vor der Schlacht berichtet wird, sondern daß wir uns einfach bodenlos freuten — wie kleine Jungens, denen die Mama gesagt hat: »In fünf Minuten dürft ihr auf die Straße und Indianer spielen!«
Die tief heruntergebrannte Pechfackel loderte. Auf dem schlammigen Weglein draußen zog es immerwährend, ohne Aufenthalt, vorbei von Männern, so müde, daß sie gebeugt schritten. Regiment auf Regiment passierte. Mann hinter Mann, so schmal war der Pfad. Graubärtige Obersten — Rekruten mit Kindergesichtern. Bodenlos war das Weglein geworden, und die Füße der keuchenden Menschen machten bei jedem Schritt und Tritt ein merkwürdig plumpsendes, saugendes Geräusch, wenn sich die Stiefel aus dem zähhaltenden Schlick befreiten.
Regiment auf Regiment zog vorbei, dem Feind entgegen.
Die Schlacht vom San Juan Hügel.
Der Morgen der Schlacht. — Ein Schattenspiel im Nebel. — Die Schlacht beginnt. — Wir legen die Linie nach der Front. — Meine erste Granate. — Wie ich das Gruseln lernte. — Wie andere das Gruseln lernten. — Auf dem Weg zur Feuerlinie. — Die Furt. — Die Panik des 71. Regiments. — In der Feuerlinie am Waldrand. — Wir schießen mit. — Die Schützengräben im San Juan Hügel. — Der Gnadenschuß. — Der Angriff ohne Befehl. — Der San Juan Hügel wird im Sturm genommen. — Zusammenhänge der Schlacht. — Bei den spanischen Gefangenen. — Rum und Zigaretten. — Am Lagerfeuer. — Sie begraben die Toten.
Die Nacht ging zu Ende. Graugelbe Bodennebel flossen über die Lichtung hin, in wellender, wogender Masse, wie Wasserfluten sich übers Land ergießen. Menschen und Zelte standen auf einem Nichts; auf dampfigem, zitterigem, schwadigem Rauch. Es war bitter kalt. In tiefer Stille lag das Hauptquartier, in dumpfes, nächtliches Grau noch gehüllt. Gleich trüben Schatten die Zelte. Totenstill war es. Nur in dem mächtigen gelben Fleck dort bei dem großen Mangobaum, dem Zelt des kommandierenden Generals, war schwaches Licht und lautloses Leben. Gespenstisch leuchtete dort Kerzenschein durch die Zeltwände, immer wieder unterbrochen von einem Schatten. Da drinnen ging ein Mann auf und ab in rastlosem Hin und Her.
Das war General Shafter.
Langsam stiegen die Nebel. Schwaden auf Schwaden lösten sich, in weißgrauen Dunst verwallend. Wie Dampf umhüllte es die Zeltmassen und schwebte höher und höher. Wie dünner Regen fast fiel der Morgentau, und frostig schlichen Kälte und Feuchtigkeit in die Haut.
Da leuchtete warm und rot ein Feuer auf, draußen am Lagerrand.
»Gott sei dank!« Souder nahm unsere Blechbecher und ging.
»Kaffee!« sagte er, als er wiederkam. »Wollen zuerst die Feldflaschen füllen!«
»Gute Idee,« murmelte ich.
Ich holte noch zwei Becher. Der dampfendheiße Trank vertrieb uns rasch das nasse, klebrige Gefühl und die Uebernächtigkeit. Wir aßen einen Zwieback, zündeten die Pfeifen an. Immer mehr und mehr lichtete sich das trübe Grau. Da — da — was war das? — Souder und ich sprangen auf.
»Was war das?« flüsterte er.
»Still — still!«
Kaum hörbar, wie aus ewigweiter Ferne, gespenstisch leise, erklang es in dumpfem Schallen — krang — krang, krang ... tacktacktack..... leise, ganz leise, als ob Erbsen auf einen Blechteller geworfen würden. Ein wenig lauter nun, dann schwächer wieder, mit Pausen von Sekunden — jetzt in vollerem Klang, und doch schwach und ferne wie abgedämpfter Trommelwirbel. Gewehrfeuer. Deutlich erkennbares Geknatter. Nichts regte sich um uns. Jeder schien zu stehen und zu lauschen. Mäuschenstill war es. Bis die klare Stimme eines Offiziers schallend rief:
»Das ist General Chaffee!«
Und im gleichen Augenblick, als folge dem Blitz der Donnerschlag, ergellten schrill jauchzende Jubelrufe, geschrien von den Männern des Hauptquartiers ... hei — ih — hei — iiii — ih!
Aus der Stille wurde Bewegung, Wirrwarr.
Offiziere eilten hin und her, scharfe Kommandorufe befahlen das Satteln der Pferde. Unser Major kam gerannt, im Laufen eine Pappschachtel aufreißend und sich die Revolverpatronen in die Taschen stopfend.
»Signaldetachement — attention!« befahl er. »Myers und Bruning bleiben hier. Myers, Sie überbringen dem Stabssergeanten den Befehl, für unsere neue Linie gleichzeitig ein Telephon und einen Taschenapparat einzuschalten, die je nach Funktionieren ausgewechselt werden. Abtreten! Die übrigen — attention!« Er inspizierte uns rasch und lächelte, als er sah, daß wir uns alle Taschen mit Patronen für unsere Karabiner und Revolver gefüllt hatten. »Jeder Mann trägt eine Rolle Draht! Los!«
Und hinaus ging es auf den schlammigen Pfad, der jetzt öde und verlassen dalag; im Laufschritt, in langen Sprüngen, immer vorwärts mit dem Draht, den unsere Stangen hoch ins Gebüsch schleuderten. Nichts behinderte uns. Die Truppen waren schon in Front. So ging es rasch und glatt mit der Arbeit, und als wir nach den ersten tausend Yards die Linie prüften, war alles in Ordnung; das Hauptquartier meldete sich sofort. Weiter! Das dumpfe Geknatter des Feuergefechts in der Ferne hörten wir kaum noch in dem Lärm der Arbeit, als es auf einmal schrill und klar irgendwo vorne knallte — kreng, kreng ... in scharfem Gerassel — kreng, kreng, kreng — bing ...
»Vorwärts!« schrie der Major. »Vorwärts, Kinder — wir wollen dabei sein!«
Länger wurden die Sprünge. Keinem Menschen begegneten wir auf dem Weglein, obgleich das Feuern aus nächster Nähe zu kommen schien. Der Schlammpfad verbreiterte sich zu einem breiten Morast, in tausende von Löchern und Erhöhungen zertrampelt von Tausenden von Tritten, um eine Ecke ging es, und aus dem Halbdunkel, der Stille des Waldwegs wurde flutende Helle, dröhnender Lärm.
Von der Kuppe des Hügels da drüben schossen weiße Dampfwolken, und dumpfes Gekrache erschütterte die Luft. Nun Stille. In grellem Sonnenlicht lag breit der Weg da, frei und offen auf einer Strecke von mehreren hundert Metern, dann in dunkler Waldlinie sich verlierend. Grasland säumte ihn; ein Busch, ein Mangobaum hie und da. Dicht an der Wegbiegung floß träge ein Bach von schmutziggelbem Wasser, das San Juan Flüßchen. Zwei Bretter führten über das Wässerlein zu einem engen Pfad durch niedriges Gebüsch auf den Hügel. Rechts bog der breite Weg ab, das Tal entlang; links führte der Fußpfad zum Hügel. Zwischen beiden, ganz im Vordergrund, erhob sich verwittertes altes Gemäuer mit allerlei Maschinen, die Ueberreste der alten Zuckermühle von El Pozo. Im nächsten Augenblick jagten Reiter an uns vorbei auf das Gemäuer zu, sprangen ab, rissen Karten aus den Taschen. Das war der Generalstab.
Bang! krachte ein Geschütz auf dem Hügel.
»Ruhig, Kinder — ruhig!« sagte der Major. »Der Draht wird von dem Mangobaum dort über den Bach gespannt — — in dem Einschnitt drüben errichten wir die Station — Carlé, bringen Sie das Telephon hinüber und stellen Sie die Verbindung her!«
Ich nahm den Apparat und ging zum Steg. Auf den Brettern zauderte ich einen Augenblick, denn ich war wie ausgetrocknet vor Durst, hatte ich doch den Kaffee in der Feldflasche schon längst ausgetrunken und brannte ja die Sonne so glühend heiß herab trotz des frühen Morgens, daß der Schweiß in Strömen an mir herunterlief. Aber das Wasser da unten, pfui Teufel, nein, das Wasser da unten sah denn doch zu schmutzig aus. Ich zauderte — zauderte — — und der Durst siegte glatt mit sieben Längen über Appetitlichkeit und Vernunft, denn der Lausbub beugte sich schleunigst nieder, Blechbecher in der Hand; tauchte ein, lüpfte den gefüllten Becher empor und sah in maßlosem Erstaunen, daß aus den beiden Seiten dünne Wasserstrahlen spritzten. Links ein Loch, rechts ein Loch; eingebeult das eine, ausgebeult und zerfetzt das andere. Da — da war ja eine Kugel durchgefahren! Ich starrte verblüfft den Becher an und blieb wie angenagelt stehen. Eine Kugel durch meinen Becher gefahren! Während er an meiner Brottasche hing! Und ich hatte nichts gemerkt!
»Schmeiß ’n weg — taugt nichts mehr!« rief Souder, als ob ich das nicht selber gewußt hätte.
Nachträglichen Schrecken aber empfand ich nicht und auch dann noch nicht, als es über meinem Kopf gellend daherfuhr, doch unwillkürlich duckte ich mich. Denn was das unheimliche Sausen da oben bedeutete, verstand ich sofort, und jeder andere hätte es verstanden — s — ss — sss — surrr — ssss — — — — N — nein, es läßt sich nicht wiedergeben, dieses sausende unheimliche Schwirren, dieses Surren, dieses gellende Dahergepfiffenkommen. Aber ich fürchtete mich ganz bestimmt noch nicht, sondern trug behutsam das schwere Telephon an seinen Platz, wenn ich auch gar zu gern auf irgend etwas losgeballert hätte, damit auch andere Leute es sausen und schwirren hörten. Ich nahm meinen Karabiner von der Schulter. Der Major sah mir lächelnd zu und zerkaute seinen Schnurrbart.
»Warten, warten!« sagte er leise. »Hat noch gar keinen Sinn. Wir kommen schon noch daran.«
Im gleichen Augenblick fror ihm das Lächeln fest und seine Augen wurden starr. Aber er blieb kerzengerade stehen. Ich fühlte, wie ich totenblaß wurde. Mit gellendem Geheul kam da etwas herangejagt, etwas Fürchterliches — sss — ssss — hui. iih.. iiiiih ... schrillend wie eine Dampfpfeife — entsetzlich — ich glaubte den Luftdruck zu verspüren — ich hatte so fürchterliche Angst, daß ich am liebsten hinausgebrüllt hätte in Furcht und Grauen wie ein wildes Tier, hätte ich nur gekonnt. Aber ich konnte nicht. Der Hals war mir wie zugeschnürt. In meiner Kehle steckte ein großes rundes Ding, das mich würgte und drosselte und ersticken wollte, während eine eiserne Faust mir auf den Schädel schlug. Ich — wollte — schreien — ich — konnte nicht!
Und es war herangeheult und schlug krachend ein. Flammen sprühten auf, und ich wurde zu Boden geschleudert ...
Ich spuckte die Erde aus.
»Pfui Deibel,« sagte der Major und diesmal lachte er nicht, »das war eine Granate!«
»F — f — furchtbar!« stotterte ich.
Und schämte mich nicht zum Sagen, als die klaren harten Augen des Majors mich scharf ansahen, denn ich hatte, als echter Junge, eine bodenlose Angst, er könne mir die blasse, schlotternde Furcht angemerkt haben. Heutzutage würde ich mich schleunigst und gänzlich sans gêne tief in Mutter Erde einkratzen, wenn Granaten in der Nachbarschaft umherheulten — aber — aber mir scheint, Krieg läßt sich doch am besten führen mit Zwanzigjährigen und den Urimpulsen, die vom Urmenschen her in junger Männlichkeit schlummern. In den nächsten dreißig Sekunden müssen gewaltige Erregungen an meinen jungen Nerven gezerrt haben. Ich weiß noch ganz genau, daß ich an allen Gliedern zitterte und am liebsten geheult hätte. Daß ich krampfhaft nach Luft schnappte. Daß mir zum Erbrechen übel war. Daß aber die Eitelkeit in mir sich auf einmal wehrte, und daß ich mich bolzengerade aufrichtete, als es wieder heulend daherkam — und doch war es nur eine Komödie, die ich mir selber vorspielte — denn ich fürchtete mich wirklich! Ich fürchtete mich schandbar!! Die Granate schlug ein. Ziemlich weit weg von uns diesmal.
Da kam der Umschwung.
Bang — bang — krachten die Geschütze der amerikanischen Batterie auf der Hügelkuppe dicht vor uns.
Fünfzig Meter hinter den Geschützen am Kuppenrand lag ein alter Stall, oder was das Ding sein mochte, ein halbzerfallenes, niedriges Holzgebäude jedenfalls, und auf dem flachen Dach drängte sich eine Menge halbnackter Kubaner, die bei jedem Schuß der Batterie ein infernalisches Freudengebrüll ausstießen und mit Händen und Beinen zappelten in unheiligem Vergnügen. Einen greulichen Skandal machten sie. Ich sah ganz mechanisch hin (dennoch schlotterte in mir die Angst!) und empfand ebenso mechanisch die Abneigung des weißen Mannes gegen derlei südländische Hanswurstiaden. Während ich guckte, kam es wieder dahergeheult und — schlug feuerspeiend und dampfsprühend mitten in das Dach, mitten in die gestikulierenden, tanzenden, schreienden Söhne der Perle des Südens hinein ... und den Bruchteil einer Sekunde später sah das Dach genau so aus wie das gute alte Sprungbrett im Ungererbad in Schwabing, wenn an heißen Augusttagen wir Jungens uns zum Sprung drängten: Die Señores hopsten. Sie machten die erstaunlichsten Kopfsprünge. Sie schienen in geradezu wahnsinniger Eile den interessanten Ausblicksort zu verlassen. Es schlenkerte nur so in der Luft von kubanischen Freiheitskämpfern. So schnell ist nirgends in der Welt jemals eine randalierende Galerie geräumt worden!
Da lachte ich, daß mir die Tränen in die Augen kamen, und lachte und lachte, und lachen hätte ich müssen, wenn auch der heulende Dämon aus der Maschine mit seinem grimmigen Kriegshumor zwanzig zeternden Hampelmännern den Garaus gemacht hätte. Merkwürdigerweise war aber nicht ein einziger der Spektakler verletzt worden, wie uns zehn Minuten später ein Artillerieleutnant lachend erzählte. Der Major lachte auch. Das ganze Detachement lachte. Und in diesem Lachen starb meine schlotternde Furcht eines rechtzeitigen Todes; man kann nicht lachen und sich fürchten zugleich. Aber in meinem Hals brannte und würgte etwas, und die Kehle war mir wie ausgedörrt. Ich sprang die wenigen Schritte zum Bachufer hin, warf mich in den zähen gelben Lehm auf den Bauch, steckte den Kopf ins Wasser und trank gierig wie ein Tier in langen Zügen das schmutzige, lauwarme Zeug —
»Carlé!« rief der Major scharf.
Ich trank und trank.
»Carlé! Lassen Sie den Unsinn! Sie holen sich bestimmt das Fieber!«
Er schüttelte mißbilligend den Kopf, als ich ein wenig beschämt zurückkam, mir den Schmutz von Hemd und Hosen reibend, und brummte irgend etwas über die verdammte Wassersauferei. Aber in seinen Augen war ein Lächeln ...
Die Batterie droben feuerte jetzt nur selten, vereinzelte Schüsse in langen Zwischenräumen, und die spanischen Geschütze schwiegen ganz. Hie und da summte und surrte es über unseren Köpfen. Im Wald knallten vereinzelte Schüsse.
Den schmalen, steilen Hügelpfad herab kamen Kanoniere, halb kletternd, halb rutschend, irgend etwas mit sich zerrend; ein graues bündeliges Etwas. Als sie die Krümmung im Gestrüpp erreicht hatten, wo der Pfad breiter und ebener wurde, hoben sie das graue Bündel auf ihre Schultern und schritten langsam näher, behutsam, als trügen sie eine schwere Last. Der eine, ein Korporal, salutierte den Major: »Kanonier von der Batterie Grimes, sir,« meldete er. »Kanonier Johnson, sir. Herzschuß. Ich habe Order, sir, den Toten am Hügelrand zu begraben.« Er schlug die Zipfel des Bündels zurück, und da lag in der grauen Armeewolldecke ein toter Mann. Aus dem bläulichen, furchtbar verzerrten Gesicht starrten weitoffen tiefbraune Augen, als könnten sie noch sehen. »Herzschuß, sir,« sagte der Korporal. »Stand neben mir. Sprang in die Luft und war tot.« Sie hatten dem Toten Jacke und Hemd aufgerissen, und der Korporal deutete feierlich auf den winzigen schwarzen Punkt unter der linken Brustwarze, der sich scharf von der weißen Haut abhob. Wir grüßten stumm, während die Kanoniere ihre Last wieder aufnahmen und im Gebüsch verschwanden.
Es war sonderbar still geworden; nur dann und wann kam das peitschenartige Schallen aus dem Wald. Ich sah mich um. Jede Farbe, jeder Gegenstand, jeder Schatten trat klar und scharf hervor im grellen Sonnenlicht; knallgelb der breite, verlassene Weg, hellgrün das üppige Gras am Wegrand, dunkler die mächtigen Wipfel der Gruppen von Mangobäumen, leuchtend dazwischen am Weg und im Gras allerlei bunte Flecke, blau und weiß und grau. Das weiße Segeltuch der Tornister und das Grau der Soldatendecken und das Blau der Uniformröcke, die überall umherlagen am Weg entlang. Die zur Front eilenden Truppen hatten alles weggeworfen, was sie irgendwie entbehren konnten, und mehr. Beim Gemäuer der alten verfallenen Zuckermühle, deren rostige Maschinenreste rot glänzten in der Sonne, standen in kleinen Gruppen die Generalstabsoffiziere, über Karten gebeugt. Ein Pferd wieherte leise. Weiter weg graste friedlich ein Maultier und wedelte krampfhaft mit dem geschorenen Schwanzstummel, sich die Fliegen zu verscheuchen. Da kam es wieder herangeheult und schlug in Dampf und Flammen ein, keine zwanzig Schritt weg von der nützlichen Mißgeburt aus Pferd und Esel, die ihre berühmte Indolenz sogar im Granatfeuer glänzend bewährte. Denn Mr. Maultier wedelte eifrig weiter mit dem Schwanz und ließ sich nicht eine Sekunde lang in der angenehmen Beschäftigung des Grasens stören.
»Bravo!« rief Souder. »Das is ’n richtiges, approbiertes, Geschützfeuer-stubenreines, verdammt famoses, altes Onkel-Sam-Maultier — hurräh — schert sich den Teufel um die alten Granaten — hurräh!!«
Schallendes Gelächter.
Oberst Green kam von der Zuckermühle herbeigeschritten, begrüßte unseren Major, flüsterte mit ihm und breitete eine Karte auf den Knien aus, hier und dorthin deutend. Ich verstand: »— spanische Batterie feuert mit rauchlosem Pulver — noch nicht entdeckt — jawohl, überhaupt nur ein einziger Weg — natürlich verstopft — nein, Major, hat vorläufig noch gar keinen Sinn — Sie kämen wahrscheinlich gar nicht durch mit Ihren Leuten — wie meinen Sie? — Hm ...« Dann sprach der Major eifrig auf ihn ein, und der Oberst nickte und ging wieder.
»Achtung!« befahl der Major laut. »Sergeant Ryan — Sie übernehmen die Station! Sie bleiben unter allen Umständen beim Apparat und sind mir für alle Meldungen verantwortlich. Den Befehl zur Verlängerung der Linie bis zum Waldrand dort erhalten Sie von Oberst Green persönlich und lassen dann den Draht von drei Mann über die Mangobäume den Weg entlang legen. Ich werde nun den geeigneten Platz zur Anlage der nächsten Station in der Feuerlinie feststellen. Mit mir kommen —« und suchend glitt sein Auge von einem zum andern.
Da sahen wir ihn hungrig an wie gierige Hunde, die lechzend darauf warten, wem wohl von ihnen der Herr den Brocken zuwirft.
»Mit mir kommen Souder und Carlé. Eine Signalflagge, Karabiner, Revolver, Feldflasche, Glas — sonst nichts!«
»Oh hell ...« murmelte einer der Enttäuschten.
In zehn Minuten hatten wir den Waldrand erreicht und marschierten nun wieder auf dem alten Dreckpfad, der uns schon so vertraut geworden war. Die starre Gebüschwand freilich war verschwunden, denn links und rechts lag zwar rankenversponnener Urwald, verwuchert von Schlinggewächsen, aber ein Stück weit wenigstens konnte man hineinsehen. Da und dort im Schlamm steckte ein Tornister, eine Wolldecke, ein Hut. Wir sprangen vorwärts, so rasch es gehen wollte in der dörrenden Hitze. Immer noch knallten nur vereinzelte Schüsse. Nach einigen hundert Metern kamen uns Verwundete entgegen mit blutigen Verbänden um Köpfe und Glieder, langsam zurückstolpernd, aber wir sahen kaum hin, denn brennende Neugierde und hetzende Ungeduld trieben uns vorwärts. Ein Toter lag am Wegrand, die Knie emporgezogen, die Arme lang ausgestreckt. Die glasigen Augen schienen starr in den Schlamm zu blicken. Der Pfad krümmte sich. An der Ecke, aus den Bäumen, flatterte die Rote Kreuzfahne, und am Boden kauerten stöhnende Gestalten, zwischen denen Aerzte hin und her eilten. Die Verbände glänzten grell weiß. Wir eilten weiter. Das Gewehrfeuer wurde heftiger und schien von überall zu kommen; von vorne und von links und von rechts; über unseren Köpfen sauste es zischend und surrend und dumpf aufklatschend in Laub und Bäumen. Ein Verwundeter blieb stehen, salutierte täppisch und riß die Kleider auf, uns in groteskem Stolz eine winzige Schußstelle im Bauch unter dem Nabel zeigend.
»Teufel,« sagte er. »Es tut gar nicht weh! Wo is — mm — das Hospital?«
Ich deutete rückwärts. Und grinsend schritt der Schwerverwundete dahin, nachdem er sich noch Feuer für seine Pfeife von Souder hatte geben lassen ... »Good God!« sagte der Major leise.
Ah — und nun fing der Tanz an — racktacktacktack — rack — kreng, kreng ... schweres rollendes Feuer irgendwo da vorne, klar und hell dazwischen Salven. Ueberall um uns schlug es ein in die Bäume. Zu sehen aber war nichts — gar nichts ... Doch! Wieder krümmte sich der Weg, und zwischen den Bäumen schimmerte es blau und stählern von Truppen und dröhnte von Lärm und Geschrei.
»Laufschritt — Laufschritt ...« rief der Major.
Ein Leutnant hinkte herbei, eine blutige Binde um den Fuß.
»Schwer verwundet?«
»Nein, Herr Major. Knöchel kaputt.«
»Tut mir leid, tut mir sehr leid. Was sind das für Truppen?«
»71tes Freiwilligen-Regiment. Das New Yorker Regiment, Major.«
»Ich danke sehr.«
Und weiter ging es im Laufschritt, und nach drei Minuten waren wir mitten — in einem Tollhaus. Unter Wahnsinnigen, unter Menschen, die Waffen trugen und jung waren, und dennoch kreischten in fürchterlicher Angst wie Weiber. Sie stießen sich und drängten sich und schrien und duckten und hielten die Hände schützend vor die Köpfe, irgend eine unsichtbare Gefahr abzuwehren. Der Weg war völlig verstopft. Ein panikgeschüttelter Menschenhaufe wogte hin und her, den Offiziere vergeblich vorwärts zu treiben versuchten. Eine Kette hatten sie gebildet, die Kapitäne und Oberleutnants und Leutnants, und fluchten und schrien und hieben mit den flachen Säbeln drein. Ich starrte. Irgend etwas war da — irgend etwas ...
»Pack, Pack — verfluchtes Pack!« zischte der Major.
Da warf dicht vor uns ein Korporal mit gellem Schrei die Arme empor, stürzte schwer zu Boden, und die Soldaten um ihn wichen entsetzt zurück. »Revolver ’raus, Kinder!« schrie der Major. »Mir nach!«
»Platz!! Platz!!! Zurück in die Bäume!!!«
Was alle Drohungen und alles Gebrüll der eigenen Offiziere nicht vermocht hatten, erzielte das messerscharfe, schrille Kommando mit seiner klaren, bestimmten Weisung. Links und rechts von uns taumelte es in die Bäume, und langsam wurde der Weg frei.
Ich sah tiefen Schlamm — sonnenfunkelndes Wasser ... Wir drängten uns vorwärts. Der Pfad senkte sich abschüssig und verlor sich in einen breiten Bach schmutzigen Wassers. Mitten im Wasser lag ein toter Soldat, und dicht am Bachrand kauerten Leichen — drei — fünf — sieben — — im Knäuel, hingeschleudert von den Geschossen; das Flüßchen war unter scharfem feindlichem Feuer. Die New Yorker zeterten. Hinter uns kam es herangerasselt, und in scharfem Tempo jagte die Maschinengeschütz-Abteilung herbei, Reguläre im Laufschritt, drei Gatlingkanonen vorwärtsschiebend und stoßend und zerrend. Hop — hinein ins Wasser — hop — waren sie hinüber, ohne einen einzigen Mann verloren zu haben. Wir mit ihnen. Drüben ertönte eine laute Stimme:
»Re — gu — läre! — auf mein Kommando — zu Zweien reiht euch ein — im Laufschritt — vorwärts marsch ... marsch — eins, zwei — eins, zwei — eins, zwei ...«
Und in scharfem Takt trippelte, als sei sie auf Parade, eine halbe Kompagnie regulärer Infanterie heran, geführt von einem blutjungen Leutnant, trippelte im gleichen Takt hinein ins Wasser, trippelte heraus — Das panikbefallene New Yorker Regiment aber steckte immer noch unter den Bäumen.
Der tückische Zufall des Kriegs hatte es gefügt, daß scharfes, indirektes spanisches Feuer sich auf die von überall völlig unsichtbare San Juan Furt im Walde konzentrierte, gerade in dem Augenblick, als die New Yorker Freiwilligen ins Wasser marschierten. Die ersten waren weggefegt worden, in einem Haufen, und da und dort noch im Regiment stürzten Getroffene. Die Spitze drängte zurück und die Panik war da. Die Soldaten, die im Gedräng nichts mehr sehen, den unsichtbaren Feind nicht erblicken konnten, wurden wie toll vor Angst.
Der Major war stehengeblieben und kaute auf den Schnurrbart. »Sie erinnern sich doch,« sagte er, »an das Flüßchen, das wir gestern vom Hügel aus sahen?«
»Jawohl, Major.«
»Na, das hier ist’s. Haben Sie eine Ahnung, ob wir links abgekommen sind? Ich glaube, ja. Die erste Wegkrümmung war nach links, die zweite ebenfalls, nicht wahr?«
»Jawohl. Die Hügel, die wir sahen, müssen schräg vorne rechts sein.«
»Glaub’ ich auch. Hm. Sagen Sie einmal, wie ist Ihnen zumute?«
»Ich — ich möchte etwas sehen!« stotterte ich.
Er lachte. »Und Sie, Souder?«
»Wenn der Herr Major gestatten — ich finde, es ist eine verdammte Gemeinheit, da im Wald stecken zu müssen und beschossen zu werden und nicht ein einziges Mal selber schießen zu dürfen. Und ich bin froh, daß ich über dem Wasser bin!«
»Ich auch — Teufel, ich auch!« lachte der Major. »Na, Kinder, ich bin zufrieden mit euch und ich werde noch viel zufriedener sein, wenn ihr möglichst wenig plaudert. Wir hätten eigentlich schon längst zur Linie zurückkehren sollen und haben hier gar nichts zu schaffen. Ich muß mir da erst eine faustdicke Lüge ausdenken, um — na ja. Wollen uns noch ein bißchen umgucken!«
Und er lachte. Ein Spitzbubenlachen ...
Verschwunden waren die harten, energischen Linien aus seinem scharfgeschnittenen Gesicht, das der dichte schwarze Schnurrbart älter erscheinen ließ, als es in Wirklichkeit war, und verschwunden die abwehrende Würde des Aelteren und Befehlenden. So jung ich war, so begriff ich doch, daß in ihm das Gleiche vorging wie in mir; daß die Neugierde ihn plagte bis zum Bersten und die jungenhafte Sehnsucht, dabei zu sein. Ein Junge war er jetzt wie ich — wie Souder — — ein Junge, der es ebenfalls als eine »verdammte Gemeinheit« empfand, da im Wald zu stecken und — nicht sehen zu dürfen.
Fortgesetzt pfiff es über uns dahin.
Der Schlammweg war noch da, aber im Walddunkel blitzten helle Strecken auf im Sonnenlicht. Es wurde immer lichter. Die Bäume wichen auseinander und bildeten Gruppen, und scharfausgeprägte Lichtflecke im Gesichtskreis ließen freies Grasland ahnen. Da fuhr ich auf einmal zusammen, denn in das Knattern hinein dröhnte es in rasselnder Fürchterlichkeit.
»Die Gatlings!« schrie der Major. »Jungens, wir sind da!« Er riß das Glas hervor. »Rechts! Vorwärts — vorwärts!«
Wir stürmten zwischen den Bäumen dahin, stolperten über Wurzeln und Ranken, tappten im tiefen Gras und waren am Waldrand, mitten in langer Schützenlinie, umtost von einer Hölle dröhnenden Geknatters.
Mit blitzartiger Geschwindigkeit warfen wir uns zu Boden, denn jetzt pfiff es nicht mehr angenehm hoch oben in den Bäumen dahin, sondern dicht an den Ohren vorbei. Ich befühlte verstohlen meine linke Ohrmuschel — n — nein — es war nichts — aber es mußte scheußlich nahe gewesen sein! Dann räkelte ich mich und streckte mich und bohrte mit meiner Körperschwere, um mich der schützenden Erde so nahe anzuschmiegen, als es nur irgendwie möglich war.
Rechts lag der Major, links Souder. Schienen sich auch recht wohl zu fühlen am Erdenbusen, lagen wenigstens sehr flach da! Ich hob den Kopf ein wenig und sah — nichts. Dicht vor meiner Nase war eine winzige, wellenartige, grasbewachsene Bodenerhöhung, was mir sehr zweckmäßig schien, aber — zum Kuckuck, ich wollte doch etwas sehen! Langsam streckte ich die Hand vor, jeden Augenblick erwartend, daß eine Kugel hineinfuhr, und kratzte mir einen runden Ausschnitt in die schützende Deckung. Und nun vergaß ich auf einmal die wiedergeborene Angst und starrte wie gebannt in die Sonnenhelle hinaus. Zehn Schritte vor mir lag ein toter Regulärer, auf dem Rücken, zusammengekrümmt, das Gewehr noch in den Fäusten über dem Leib. Sein Schädel war eine einzige Blutmasse.
Vor mir konnte ich eine weite, freie Strecke überblicken. Gras, Gestrüpp, ein paar Bäume. Dahinter erhob sich, dreihundert Meter etwa entfernt, ein massiger Hügel, an den links und rechts sich andere Hügel anschlossen. Es war der San Juan-Hügel. Ich sah durch das Glas. Auf dem Hügel rührte sich nichts, aber ich konnte braune Linien entdecken, über denen Dunstfäden schwebten. Das waren Schützengräben. Dunst von rauchschwachem Pulver. Oben auf der Kuppe des Hügels, im Gestrüpp, stand ein Blockhaus.
Neben mir schoß etwas vorwärts; der Major war es, der in zwei Sätzen zu dem Toten sprang, sich neben ihn hinwarf — ah, jetzt griff er nach dem Gewehr in seinen Händen und hakte ihm den Patronengürtel aus, dann eilig mit seiner Beute zurückkriechend ... Da schob ich den Karabiner vor — bang — auf die braune Linie dort im Hügel — bang — bang.
Neue fünf Patronen. Auch der Major und Souder gaben Schuß auf Schuß ab. Ich feuerte und feuerte. Und unaufhörlich kam es herangesaust und schlug dumpf ein irgendwo.
Mein Karabinerlauf war heiß geworden. Ich sah um mich. Die Männer der Schützenlinie lagen im Gras nach links und nach rechts den Waldrand entlang, so weit man sehen konnte. In dichten Haufen hier, vereinzelt dort, feuernd, was die Gewehre hergaben. Links, zwanzig, dreißig Schritte vor mir, hockte hinter dem dicken Stamm eines Mangobaums ein Trompetersergeant, der mit rasender Schnelligkeit schoß. Die glänzende Signaltrompete auf seinem Rücken leuchtete wie flackerndes Licht. Und Lärm überall —
Stöhnen — Schreie — —
Jetzt ein Brüllen, daß der Atem mir stockte. Ein wahnsinniges Aufheulen — und ein Mensch sprang empor wie ein Ball und wälzte sich im Gras vor der Feuerlinie, sprang wieder auf und brüllte mit einer Stimme, die nichts Menschliches mehr hatte:
»M — mein L — leib — das bre — ennt! — oah.. oh ...«
Das furchtbare Ding tanzte und sprang und brüllte wie ein Tier — und dann gellte es auf einmal, so überlaut, so entsetzlich, als dränge alle Höllenpein und aller Schmerzensjammer sich in einen einzigen Aufschrei:
»K — i — ii — ll me! K — ii — ll me! Tötet mich — Freunde, tötet mich!«
Ich war auf die Knie geschnellt und hob den Karabiner, aber der Lauf zitterte und wackelte wie ein Grashalm im Wind. Das fürchterliche Ding vor mir schoß noch einmal auf, taumelte, brach zusammen und lag still da. Viele Gnadenschüsse hatten seinen Jammer geendet.
»Ruhe!« kommandierte eine scharfe Stimme.
»Zur Hölle mit der Ruhe!« schrie es in Antwort.
Und plötzlich, als sei das ein Signal gewesen, sprach und schrie ein jeder, daß das Stimmengewirr den Feuerlärm übertönte. Die überspannten Nerven waren am Zerreißen, und die Spannung machte sich Luft.
»’ran an die Bande da drüben!« schrie einer links. »Hier ist 6te Kavallerie.«
»Hier ist 1te Infanterie —«
»Bei Gott, sollen wir Reguläre uns hier verpfeffern lassen?«
Bajonette wurden herausgerissen und schnappten klirrend in die Federn an den Gewehrläufen ein. Der Major zog seinen Revolver.
»Schnellfeuer!!« schrie irgend jemand.
Rasselnd rollte das Feuer mit furchtbarer Geschwindigkeit aus dem Waldrand. Wie von selbst eine Pause nun. Da schrie der Trompetersergeant gellend:
»Jungens — Reguläre — gebt ihnen — Hölle —«
Und er sprang zehn, zwölf Meter weit vor und warf sich hin. Andere folgten — warfen sich hin — weiter unten andere — warfen sich hin, feuerten ... Auf einmal lag ich ebenfalls ein Stückchen weiter vorne und pumpte das Karabinermagazin leer. Noch weiter vorne sah ich den Major. Dann rannte es neben mir, und ich lief mit, die Augen immer auf dem Major, und holte ihn ein und warf mich hin, weil die anderen sich hinwarfen, und feuerte, weil die anderen feuerten.
»Gebt — ihnen — Hölle!« brüllte es.
Ich stolperte über Stacheldraht, fiel, sah, wie der Major und Souder wenige Schritte neben mir ebenfalls stürzten, griff in den Draht und riß mir die Hände blutig, kam frei, sprang wieder vorwärts. Neben mir Souder und der Major. Da, ganz in der Nähe, ragte es grasig steil auf, und braune und blaue Flecke krabbelten an Händen und Füßen empor; — da — brüllendes Geschrei ertönte, und vorwärts ging es mit den anderen.
In Grasbüschel krampften wir uns ein, und das niedrige Gestrüpp packten wir und schoben und zerrten uns hoch. Plumps — fielen wir in einen Schützengraben, fluchten, kletterten wieder —
und waren oben ...
Unten lag ein Tal voller Gestrüpp, und zwischen dem Gestrüpp sah ich zwei, drei weiße Hüte auftauchen, weit weg, und feuerte blindlings hinterdrein — — — auf die einzigen Spanier, die ich überhaupt deutlich zu Gesicht bekommen hatte!
»Lassen Sie die Schießerei!« sagte der Major. »Wir haben hier überhaupt nichts zu suchen und hätten gar nicht mitmachen dürfen. Jetzt aber ist es höchste Zeit, an unsere Pflicht und unsere Station zu denken!! Warten Sie hier auf mich!«
So wurde die Schlacht vom San Juan-Hügel gewonnen. Nicht von einer Armee, nicht von Regimentern, nicht von Kompagnien einmal, sondern von einem Haufen, nein, von Dutzenden von Häuflein einzelner Männer, denen das anscheinend ergebnislose Schießen aus der Schützenlinie auf die Nerven fiel. Dazu kamen die schweren Verluste, gegen die man wehrlos war. Ich bin überzeugt, daß der arme Teufel mit dem zerschossenen Unterleib, der schreiend in seiner Qual vor der Front hin und her taumelte, sein gut Teil zu dem Siege beigetragen hat, zu dem mühelosen Siege, denn jenes anscheinend so tollkühne Anstürmen gegen den Hügel kostete nur wenige Menschenleben, so aufregend es war während der kurzen zehn Minuten des Vorwärtsjagens. Von einzelnen Männern wurde der Hügel genommen. Eine Feuerleitung existierte nicht, noch irgendwelche höhere Führung, in der entscheidenden Phase. Nicht aus Mangel an Disziplin, denn bei den Regulären wenigstens war die Disziplin vorzüglich, sondern aus Mangel an Geführtwerden. Gab es doch überhaupt keine Verbindung zwischen den einzelnen Verbänden. Man hatte sorglos Regiment auf Regiment in den engen Waldweg hineingestopft ohne eigentlichen Plan, und in natürlicher Notwendigkeit lösten sich die Regimenter sofort in kleine Trupps auf, als sie in die Feuerzone des schwierigen Terrains kamen, nach langem hilflosem Beschossenwerden im Urwald. Von da aus arbeitete sich eben Trupp für Trupp und Häuflein für Häuflein vorwärts; in echt amerikanischer Neugierde und in echt amerikanisch leichtsinnigem Selbstvertrauen. Jeder Mann fühlte sich als »weißer Mann« und Amerikaner von vornherein mindestens zwei Spaniern, zwei »Dagos«, gewachsen. Ein Spanier ist ja für den echten Sohn Onkel Sams nur drei Schattierungen besser als ein Chinese. Ein verachteter dago. Die moralische Ueberlegenheit war da; leicht genug einem Feind gegenüber, der sich auf die Defensive beschränkte und seine Sache für eine verlorene zu halten schien.
Diese Ueberlegenheit, und nur sie, gab den Ausschlag.
Die spanische Verteidigungslinie auf den Hügeln mit ihren vorzüglich angelegten Schützengräben war ganz ausgezeichnet und uneinnehmbar, wären Männer gleichen Selbstvertrauens es gewesen, die sie besetzt hätten. Der Spanier verfügte obendrein über ein besseres und schnellerfeuerndes Gewehr als es das dänische Krag-Jörgensen auf der amerikanischen Seite war, das deutsche Mausergewehr — er kannte alle Entfernungen — alle Vorteile waren auf seiner Seite. So siegte nur selbstvertrauender Leichtsinn in diesem exotischen Krieg des Leichtsinns. Die Schlacht vom San Juan-Hügel gewannen schneidige, leichtsinnige Jungens, die, auch die Regulären nicht, keine wirklichen Soldaten im modernen Sinne darstellten trotz aller persönlichen Tüchtigkeit, denn sie wurden nicht geführt wie Soldaten. Erst lange nach der Entscheidung griffen die ordnenden Hände höherer Führer ein.
Im Hauptquartier herrschte furchtbarer Wirrwarr.
Gegen den Willen des Höchstkommandierenden eigentlich wurden die Einzelkämpfe jenes Tags gekämpft und durchgeführt, dem die Kriegsgeschichte den Namen der Schlacht vom San Juan-Hügel gegeben hat.
Der alte General Chaffee hatte in den Nachmittagsstunden des 30. Juni ganz allein, nur von einem Adjutanten begleitet, das Gelände auf dem äußersten rechten Flügel rekognosziert und das Dörfchen El Caney stark besetzt gefunden. Mit dem Morgengrauen griff seine Brigade an, unter ähnlichen Verhältnissen wie beim San Juan-Hügel später, und während das heiße und langwierige Feuergefecht um das kleine Dorf tobte, erhielt er General Shafters Befehl, den Kampf sofort abzubrechen und der Brigade Hawkins bei den San Juan-Hügeln zu Hilfe zu eilen. Man fürchtete das Schlimmste im Hauptquartier. Die starken Verluste im Fernkampf (20 Offiziere und 100 Mann tot, 70 Offiziere und 700 Mann verwundet), zusammen mit Alarmmeldungen wie dem Versagen des 71. Regiments, hatten den Stand der Dinge in sehr bösem Licht erscheinen lassen, und über die Erfolge des Tages war niemand wohl erstaunter als der Generalstab. General Chaffee zögerte. Er fürchtete den demoralisierenden Eindruck eines Zurückgehens, das als Niederlage gedeutet werden mußte. Da machte sich die Sache eigentlich von selbst. Kleine Trupps stürmten vor, und er benützte diesen günstigen Augenblick, mit zwei Regimentern zu stürmen. In wenigen Minuten war das alte Steinkastell genommen, das Dorf besetzt und der Feind in wilder Flucht.
Gleichzeitig fast oder wenig später spielte sich der Endangriff auf den San Juan-Hügeln ab, gleichfalls gegen den Befehl des Höchstkommandierenden, der das Abwarten von Verstärkungen anbefohlen hatte. In ähnlich selbständiger Weise wurde der Hügel rechts vom Blockhaus von versprengten Truppen der Division Kent, der Hügel links vom Blockhaus von den Rauhen Reitern, Regulärer Kavallerie und Teilen des 1. und 9. Regiments unter Roosevelts Führung genommen. Alle fast gleichzeitig. Um drei Uhr nachmittags war die gesamte Hügellinie, die in weitem Bogen Santiago umschloß, im Besitz der Amerikaner.
Ich riß mein Flanellhemd herunter und wand es aus, wie eine Waschfrau ein Stück nasser Wäsche auswringt. So naß war es von Schweiß, als ob ich es nicht vom Leib, sondern aus dem Zuber Wasser gezogen hätte. Den letzten Rest schmutzigen San Juan-Wassers trank ich aus meiner Feldflasche und war glücklich, in meiner Tasche unter den Patronen noch ein Stückchen steinharten Zwiebacks zu finden. Unterdessen feuerte hie und da jemand. Die Spanier erwiderten das Feuer nur schwach, und den Männern auf dem San Juan-Hügel wurde die Geschichte sehr bald langweilig, wenn es ihnen auch nicht an Munition fehlte, da inzwischen ein Maultiertransport mit Patronenkisten nachgekommen war. Sie waren hungrig und durstig und müde. Und trösteten sich mit allerlei Spässen.
Witze flogen hin und her. Sie verloren den Humor nicht, diese zähen Regulären, wenn sie auch völlig erschöpft waren und zur Kräftigung nichts hatten als die jämmerlichen Reste verschmutzten Wassers in den Feldflaschen, ein paar harte Zwiebacke, ein Stück Speck im Tornister. Sie halfen sich selbst, wie sie unter höllischem Feuer sich selbst geholfen hatten; kratzten sich neue Schützengräben aus gegen den Feind zu mit ihren kurzen, breiten, praktischen Haubajonetten, und ruhten die einen, während die anderen arbeiteten, im schwachen, unregelmäßigen, abflauenden Gewehrfeuer. Dann eilten Offiziere hin und her und brachten langsam Ordnung in die aus allerlei Regimentern zusammengewürfelten Soldatenhäuflein und organisierten planmäßiges Arbeiten in den Schützengräben.
Der Brigadestab hatte sich hinter dem Blockhaus auf der sanft abfallenden Hügelkuppe versammelt. Während der Major mit den Offizieren sprach, gingen Souder und ich zu den gefangenen Spaniern hinüber, die in Trupps eben herbeigeführt wurden. Dreißig, vierzig Mann mochten es sein im ganzen. Sie wurden von einem halben Dutzend Regulärer bewacht, die ihnen die Mausergewehre, die Bajonette, und die Patronengürtel abgenommen und auf einen Haufen geworfen hatten. Zuerst standen die Spanier scheu da, als ob sie Mißhandlungen befürchteten. Als aber einer ihrer Wächter betrübt seine leere Feldflasche beguckte, trat ein Spanier vor und bot ihm die seine an. Das war in dem Augenblick, als wir hinkamen. Der Mann im braunen Khaki betrachtete die Flasche vergnügt.
»Wasser?« fragte er.
»Bueno — bueno!« grinste der Spanier.
Der Infanterist setzte die Flasche an den Mund, tat einen tiefen Zug, wurde krebsrot im Gesicht, tanzte auf einem Bein umher und hustete gewaltig.
»Verdammt, verdammt, verdammt ...« brüllte er, »das ist ja Rum — hättest’s mir nicht sagen können, daß das klarer Rum ist?«
Da lachten die kleinen Männlein, und Leben kam in sie. Allerlei riefen sie uns zu, und wir grinsten und sagten bueno — bueno, wenn wir auch kein Sterbenswörtchen verstanden; tranken aber mit um so größerem Verständnis einen kräftigen Schluck des brennenden Jamaikarums und ließen uns mit Vergnügen ein bißchen in die Feldflaschen schütten. Dabei redeten die Gefangenen schnatternd auf uns ein. Sie waren alle kleiner als wir und schienen sehr jung. Zuckerhutförmige, weiße Strohhüte trugen sie und lappige Segeltuchschuhe und sonderbare Uniformen aus weißem Baumwollstoff mit feinen blauen Streifen. Einer, ein kleiner Bursche, ein Kind fast noch, stellte sich vor uns hin, die Arme ausgestreckt, und erzählte in sprudelndem Wortschwall irgend etwas. Wir begriffen sehr bald, denn der temperamentvolle Südländer wußte sich in Gesten und Mienenspiel ganz ausgezeichnet auszudrücken. Ein Ausdruck furchtbaren Entsetzens kam in sein Gesicht und seine Augen sprühten.
»Bum — bum, bum, bum — « machte er. »Muy bum, bum!«
Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und tat als ob er stürze, und deutete auf den Boden, und machte eine werfende Handbewegung, einmal, zweimal, fünfmal —— sempre bum, bum, bum ... und die Arme ahmten die mähende Bewegung einer Sense nach. In seinem Schützengraben mußte es bös zugegangen sein.
»Er meint die Gatlings,« sagte der Major, der hinzugetreten war. »Maschinengeschützfeuer hat die Kameraden neben ihm weggemäht; kein Wunder, daß ihm das auf die Nerven gefallen ist, dem armen Teufel!«
Er sagte irgend etwas zu dem Burschen, der in raschem Stimmungswechsel lachend nickte und ein Päckchen Zigaretten hervorzog ... Zwei Päckchen, drei Päckchen. Zigaretten! Mir traten die Augen beinahe aus den Höhlen vor Neid. Teufel, die hatten Zigaretten, und in meiner Tasche waren nur noch ein paar Krumen nassen, schlechten Tabaks! Der Major mußte ähnliches empfinden, denn er nahm das Päckchen rasch und zündete sich sofort eine Zigarette an, gleich darauf Souder und mir eine anbietend. Ob ich zugriff! Ah — welch ein Labsal das war, so scharf die kubanische Zigarette auch schmeckte. Köstlich! Hunger und Durst und Müdigkeit waren vergessen. Da drängten sich auch schon die Gefangenen um uns und überschütteten uns mit Zigarettenpäckchen, die sie in Hülle und Fülle besaßen. Das Silberstück, das der Major dem jungen Burschen anbot, wurde zurückgewiesen. Er hielt es noch zwischen den Fingerspitzen, als ein Kubaner herbeistürzte, laut auf ihn einschreiend, und den silbernen Dollar mit der einen Hand wegriß, während er mit der anderen dem Major einen gelben Papierfetzen hinwarf. Dann rannte er Hals über Kopf davon und war verschwunden. Ein verblüffteres Gesicht, als es der Major machte, hätte kein Mensch machen können.
»D — d — damn it!« stotterte er. »Nix Papier, nix Papier, nix gut Papier — hat der Kerl gesagt. Was beim Kuckuck soll das nun heißen?«
Sein Gesicht wurde noch verblüffter, als ich den gelben Fetzen aufhob, denn das nix gut Papier war ein nagelneuer, richtiger, korrekter, amerikanischer Zwanzig Dollarschein.
»Was?« rief der Major.
»Ein Zwanzig Dollarschein!«
»Was?« Er sah die Banknote an. »Der Esel! Der unbeschreibliche Esel!!« brüllte er, lachend wie nicht gescheit. »Will kein Papier — hartes Silber ist ihm lieber! Hat das Geld natürlich für irgend einen Dienst bekommen — Herrgott, was müssen diese Leute für schlechte Erfahrungen mit spanischem Papiergeld gemacht haben ... Stecken Sie ’n ein, stecken Sie ihn ein; trinken Sie Mumm extra dry dafür mit Souder, wenn wir wieder im Lande Gottes sind!«
So kostete ihm die Schlacht vom San Juan-Hügel einen Silberdollar, und uns brachte sie vier Flaschen Mumm goût americain, die wir im Restaurant des Kapitols in Washington drei Monate später getreulich tranken.
Da kam General Hawkins mit seinem Stab, und die spanischen Gefangenen wurden in Reih und Glied aufgestellt, um befragt zu werden. Der Major schloß sich dem Stab an.
»Wir müssen zurück,« sagte er, als er wiederkam. »Die Linie muß nach vorne!«
Der Wald und der Schlammpfad nahmen uns wieder auf. Von den Hügeln her hallte schwaches Gewehrfeuer.
Es war Nacht geworden. Das Ballon-Detachement, das in aller Morgenfrühe nicht weit von der San Juan-Furt auf einer Walddichtung einen Aufstieg versucht hatte, mit dem Resultat geringer Erkundung, einiger Leichtverwundeter und eines zerschossenen Ballons, war bald darauf zurückgekommen und hatte schon begonnen, die Linie nach der Front zu legen. Wir kampierten beim El Pozo Hügel, auf der ersten Station, und sollten mit dem Morgengrauen Drahttransport und Linienbau aufnehmen. An Schlaf dachte lange niemand. Der Diensthabende am Instrument gab und empfing fortwährend Meldungen, denn die telegraphischen Nachrichten aus der Front wurden von unserer Station aus telephonisch weitergegeben. Was die Adjutanten, die wenigen Meldereiter und die Ordonnanzen der zweiten Station, die irgendwo im Wald steckte, an Depeschen brachten und durch uns dem Hauptquartier übermitteln ließen, war fast nie etwas anderes als lautes Drängen: Proviant — Proviant — Munition! Es fehlte am Nötigsten in den Schützengräben. Aber um zehn Uhr oder elf Uhr trampelte eine Karawane schwerbeladener Maultiere auf dem La Quasina-El Pozo Weg daher, die Mules störrisch, die Treiber fluchend über den furchtbar schlickigen Weg. Sie erkundigten sich bei uns, ob wir denn nicht glaubten, daß auch sie Gelegenheit bekommen würden, »ein bißchen mitzumachen«. Auch sie hatte das Schießfieber angesteckt.
In dem wunderschön handlichen Loch dicht bei der Station, das die neben uns platzende Granate am Morgen gerissen hatte — diese Granate und dieses Loch werde ich nicht vergessen, wenn ich auch sehr alt werden sollte! — zündeten wir aus allerlei gesammeltem Reisig und dürrem Holz ein gewaltiges Feuer an, kochten miserablen Kaffee und brieten schlechten Speck. Viele Wolldecken hatten wir uns aufgelesen — sie lagen ja überall umher — und saßen auf weichen Sitzen, Zigaretten rauchend. In hohem Ansehen bei den Kameraden, nicht etwa, weil wir hatten mit dabei sein dürfen, denn darüber machten sie nur schlechte Witze, sondern weil wir Rum mitbrachten, der den dünnen Kaffee merkwürdig verbesserte. Und Zigaretten! Wir sprachen nur wenig. Waren viel zu müde dazu. Zwei, drei Feuer flackerten auf der Fläche zwischen Hügel und Wald. Die Batterie hatte El Pozo schon längst verlassen, um auf einem der eroberten Hügel Stellung zu nehmen.
Einer nach dem andern wickelte sich in Decken und legte sich hin. Ich hätte gern geschlafen, aber ich war so unruhig, so aufgeregt, daß ich still am Feuer sitzen blieb und grübelte. An meinen Vater dachte ich, der mit Leib und Seele Soldat gewesen war, und an die wenigen Abende, an denen er sich herbeigelassen hatte, von Königgrätz oder von Vionville zu erzählen; kurz, knapp, unpersönlich, wie das seine herrische Art war. Wie er ganz sachlich davon gesprochen hatte, daß Artilleriefeuer stark demoralisierend wirke — und ich dachte an meine Granate ...
Da erklang es leise und zitterig irgendwo draußen in der stillen Nacht — tra — lalalah — tra — lalaah ... tara — rarah.... und die Wälder fingen den leisen Trompetenklang auf und erstickten ihn langsam, daß es noch leiser und noch wehmütiger schallte — tara — tara — ta — ra — la — ra — la — r — aaaa ... dumpf austönend in wehem, weichem Moll. Und zitternd erklang es wieder und wieder, da nun, dort jetzt. War eine Trompete ausgeklungen in leisem Hallen, setzte traurig eine andere ein — tara — lala — — — Immer und immer wieder zitterte er in die stille Nacht hinaus, der Zapfenstreich, der heute traurig erzählte: Gefallen auf dem Felde der Ehre!
Sie begruben die Toten.
Der Tag nach der Schlacht.
Am Lagerfeuer. — Vom Arbeiten in den Schützengräben. — Nächtlicher Tropenregen. — Auf dem Weg zur Front. — Die spanischen Scharfschützen. — Der stille Wald. — Verwesungsgeruch. — Das Tal der Toten. — Der Kopf. — Bloßgelegte Gräber. — Das Kommen des Grauens. — Das Leichenfeld. — Im Hauptquartier des linken Flügels. — Die Schützengräben auf dem Hügel. — Heftiges Gewehrfeuer in der Sternennacht. — Mein Maultierritt. — Vom Feuerschein beim Feind und dem Rätsel der Nachtattacke.
Kühl und frostig kam der frühe Morgen.
Das Lagerfeuer war am Erlöschen, zusammengebrannt zu einem Haufen weißlich grauer Holzasche. Nur wenn ein Luftstoß daherstrich, leuchteten rote Glutpünktchen auf, und feine rote Feuerschlangen huschten wirr umher in dem kleinen Berge weißen Staubes. Zitternd schoß da und dort ein schwaches Flämmchen auf, flackerte ein wenig in rotgelbem Licht, löste sich los, schwebte sekundenlang über den huschenden Feuerschlangen und ward aufgesogen von der rings alles umhüllenden, schwarzen, tiefdunklen Nacht. Sekundenlang wurden die Schläfer in den Decken dicht am Feuer in gespenstisch verschwimmenden Umrissen sichtbar —
Dann und wann, wenn ein Windstoß die schweren Wolkenmassen zerriß, tauchten die Bäume und der nahe Waldrand in ungeheuren zackigen Schatten auf, scharf sich abzeichnend im matten, fahlen Licht des Morgendämmerns. Still war es überall, totenstill. Kein Laut klang in die Nacht hinein außer dem leisen, ganz leisen Klicken da drüben, zwanzig Schritte weit weg. Ein winziger Lichtstreifen, der Schein der Signallaterne bei den Instrumenten, zeigte undeutlich Gestalten am Telephon und am Telegraphenapparat, über Taster und Membranbecher gebeugt, eifrig schreibend.
Ich saß und lauschte. In dieser Nacht hatte ich kaum geschlafen. Das Klicken, das von der Front kam und zum Hauptquartier ging, erzählte in kurzen, knappen Meldungen an den kommandierenden General von Arbeit, Arbeit, Arbeit. Sie hatten arbeiten müssen wie Maulwürfe in dieser Nacht, die müden Männer auf den Hügeln. Tief in die Erde hatten sie sich eingegraben, Kilometer auf Kilometer von Schützengräben ausgehoben, Verschanzungen aufgeworfen. Hin und wider waren sie marschiert, bis die einzelnen Verbände sich nach dem Wirrwarr des Schlachttags wieder zusammengefunden hatten. Und in das Erzählen von harter Arbeit klang, in den scharfen Befehlen vom Hauptquartier, die Sorge —
Denn immer wieder befahl General Shafter neue Verschanzungen, und immer von neuem schärfte er den Kommandeuren der Front ein, um jeden Preis die Hügellinie zu halten und auf keinen Fall ohne ausdrücklichen Befehl über sie hinaus vorzugehen.
Nein, ich konnte nicht mehr schlafen.
So ging ich zu den Instrumenten hin und hockte mich neben Souder, der jetzt den Dienst am Fronttelephon hatte.
»Ist nichts Besonderes los,« brummte er. »Weshalb schläfst du denn nicht?«
»Kann nicht — — « murmelte ich.
Gedankenlos hörte ich zu, wie der Sergeant mit halblauter, monotoner Stimme eine Meldung telephonisch weitergab — dringend, dringend, dringend. Vom Hauptquartier an die Generale Lawton, Kent, Chaffee, Bates ... Da klatschte ein Wassertropfen auf meine Hand, ein zweiter nun, ein dritter, und kaum war ich aufgesprungen, als es schon herabbrauste in schweren Wassermassen.
»Die Instrumente!« brüllte Souder.
Fluchend rumpelten überall um uns Gestalten in die Höhe. Alles rannte blindlings nach den aufgestapelten Tornistern, um tastend und tappend in der Dunkelheit die Gummidecken hervorzusuchen. Aber sie konnten nicht schützen gegen diese Fluten. Nach vieler Mühe gelang es uns, wenigstens ein Zelt für die Station zu errichten und es mit den Gummidecken halbwegs wasserdicht zu machen. Die Instrumente funktionierten. Die Männer aber, die den Dienst hatten, hockten mitten im Wasser, denn in Bächen kam es den Hügel herabgeschossen.
Es regnete und regnete. Nicht einzelne Tropfen fielen, sondern schwer und geschlossen sauste es herab, wie ein Strom fast aus geöffneter Schleuse. In die Haut drang uns das Wasser, und ins Mark hineinzuschleichen schien sich die Kälte. Frierend und zähneklappernd standen wir da und rührten uns nicht. Es wäre sinnlos gewesen, gegen diese Wassermassen Schutz suchen zu wollen. Flüssiger, breiiger Schlamm umspülte unsere Knöchel, und dampfig stieg es auf aus unseren ekelfeuchten Kleidern. Und es regnete und regnete; eine Viertelstunde lang, eine halbe Stunde.
Dann wurde es mit einem Schlage still. Ueber den Hügeln drüben tauchte ein Lichtstreifen auf, wurde breiter, leuchtete heller, und froh und warm ergoß sich der Sonnenschein übers Tal. Bald loderten die Kaffeefeuer auf, und nasse Menschen umstanden sie in dichten Knäueln. Der Dunst trocknender Kleider stieg muffig empor und mischte sich mit den Bodengerüchen des tropischen Fieberlandes.
Major Stevens trat zu uns und verteilte aus einem Glasröhrchen Chininpillen.
Es war um Mittag, und die Sonne brannte glühendheiß aus wolkenlosem Himmel auf den Weg zum Wald hernieder, auf dem Souder und ich dahinschritten, schwer bepackt ein jeder mit Taschenapparat, Flaggen, Waffen, Tornister und Decke. Die südliche Station bei der Brigade Bates auf dem linken Flügel — das Ballondetachement legte die neue Linie — war uns beiden zugeteilt worden.
Still lag der breite Lehmweg zum Wald da. Zu beiden Seiten, im Gras und im lehmigen Schlamm, auf dem die Gluthitze schon harte Krusten gebildet hatte, lagen noch in Haufen die Decken, die Tornister, die Mäntel, verregnet und verschmutzt. Nicht weit vom Weg unter einem Baum streckte ein totes Maultier in grotesker Starrheit die vier Beine in die Höhe. Der furchtbar aufgedunsene Bauch des Tieres sah aus wie eine große braune Kugel. Schwacher Verwesungsgeruch drang herüber; kaum bemerkbar, wäre der Kadaver nicht zu sehen gewesen, aber doch schon unerträglich in der eklen, heißen, überfeuchten Hitze.
Von den Hügeln her hallte unregelmäßiges Gewehrfeuer.
Es hatte mit Tagesanbruch begonnen und ununterbrochen den ganzen Vormittag gedauert. Nur vereinzelte Schüsse waren es, mit langen Pausen oft und seltenem lebhafterem Geknatter. Aus den Meldungen des Vormittags wußten wir, daß es nur Feuer aus den Schützengräben war und wahrscheinlich hüben wie drüben wenig Schaden anrichtete.
»Sagen sich gegenseitig Guten Tag!« brummte Souder. »Machen ein bißchen Spektakel! U — iih — wie ist das heiß! An mir ist kein trockener Faden mehr —«
Im gleichen Augenblick duckte er sich, denn eine Kugel zischte in unangenehmer Nähe über unseren Köpfen dahin. Wir rissen beide die Karabiner von den Schultern und spähten links und rechts in den Wald hinein, Baum für Baum mit den Gläsern absuchend.
»Ich sehe nichts!« sagte der Sergeant leise. »Wo der Kerl nur stecken mag?«
»Dort — in dem Baum dort!« flüsterte ich.
»Unsinn, Mann! Was du siehst, ist nur ein heller Lichtfleck ...«
Wir waren gründlich angesteckt von der Scharfschützennervosität auf der amerikanischen Seite, die in jedem Sonnenfleck in einer Baumkrone einen spanischen Schützen sah. Nicht nur jeder Soldat, mit dem wir gesprochen hatten, wußte von Hunderten unheimlicher Scharfschützen zu erzählen, die sich hinter unserer Angriffslinie umhertrieben, sondern eine besondere Depesche vom Hauptquartier hatte sogar befohlen, die Wälder sorgfältig abzusuchen und die auf den Bäumen versteckten Spanier zu finden und unschädlich zu machen. Die Armeefama übertrieb. Aber doch war an den Gerüchten viel Wahres. So manchen Spanier hatten die amerikanischen Regulären nach langem Suchen in den Bäumen entdeckt und erbarmungslos herabgeschossen; denn die Truppen empfanden das heimliche Feuern aus Verstecken innerhalb der amerikanischen Linien als etwas Heimtückisches, Unerlaubtes. In Wirklichkeit befanden sich diese spanischen Scharfschützen sehr gegen ihren Willen auf verlorenen Posten. Sie hatten sich in dem Gelände vor der spanischen Verteidigungslinie in Baumkronen eingenistet, als Späher und Vorposten, ehe der amerikanische Marsch auf die Hügel begann. Dann waren sie durch das rasche Vordringen der amerikanischen Regimenter abgeschnitten worden.
Da blieben sie in ihren Verstecken. Höllenqualen der Angst müssen sie ausgestanden haben. Blieben, wo sie waren, in Todesangst — feuerten wohl auch auf vereinzelte amerikanische Soldaten in halbem Irrsinn — statt herabzuklettern und sich gefangen zu geben. Sie fürchteten sich zu sehr. Man hatte ihnen zu viel erzählt von den amerikanischen Barbaren, die gekommen seien, die Insel zu stehlen, und Gnade und Barmherzigkeit nicht kennten. Sie mochten bei der Madonna und allen Heiligen fest daran glauben, daß der Yankee seinen Gefangenen den Bauch aufschlitze, wie das die lieben kubanischen Insurgenten zu tun pflegten. So warteten sie zitternd und feuerten blindlings auf amerikanische Patrouillen und starben.
Trotz allen Spähens entdeckten wir aber nichts und stampften endlich weiter.
Der Pfad war heute noch schlammiger und noch tiefer eingelöchert von Tausenden von Menschentritten und Maultierhufen. Als wir um die Wegkrümmung bogen, sahen wir unter den Bäumen, ein gut Stück im Wald, ein großes weißes Hospitalzelt mit der Roten Kreuz-Flagge. Weiter vorne am Pfad hockten überall Verwundete, die zum Erbarmen elend aussahen mit ihren schlammbeschmutzten, blutbefleckten Verbänden und den über und über schmutzigen Kleidern und den blassen Gesichtern. Sie mußten warten, bis die Aerzte Zeit für sie fanden. An einem Busch war ein Packmaultier angebunden, und sein Führer verteilte aus einer großen Kiste Kautabak und Rauchtabak an die Soldaten.