I. DIE TECHNIK DER BUCHBINDEREI. (continued 3)
Reading edition
Dünnes Kalbleder, wie es neuerdings häufig im Handel vorkommt, wird meist nur an den Kapitalen, soweit solche in den Rücken eingeschlagen werden, geschärft, während der übrige Einschlag ungeschärft bleibt. Wir kommen später auf die weitere Behandlung des ungeschärften Einschlages zurück.
Über die Behandlung von Kalikobänden ist folgendes zu bemerken. Der Kaliko wird mit dem Messer und dem Lineal zugeschnitten, und zwar groß genug, damit die Einschläge später unter dem aufzupappenden Vorsatz gleichmäßig in der Breite von ½ cm zu sehen sind. Einzelne Fäden, rauhe Stellen oder gar schräg geschnittene Einschläge dürfen nicht zu sehen sein. Das zugeschnittene Stück wird mit Leim angeschmiert, das Buch aufgelegt, der Kaliko angerieben und scharf eingeschlagen. Die Ecken werden mit der Schere schräg abgeschnitten, jedoch so, daß noch genug zum Einkneifen stehen bleibt; die Einschläge sollen sich an den Ecken nicht mehr als 2 mm decken.
Halbfranzbände werden, sobald der Rücken ganz trocken ist, mit Papier oder Kaliko überzogen. Ehe dies geschieht, wird das Leder am Rücken her und an den Ecken abgeschnitten. Mit dem Zirkel wird von der Vorderkante nach dem Leder zu die Breite des zu überziehenden Stückes abgestochen und durch einen Falzbeinstrich markiert; ebenso werden die Ecken mit Hilfe einer kleinen, auf die Ecke gelegten Schablone gleichmäßig gestrichen. Auf diesen Marken wird aus freier Hand mit einem scharfen Messer das Leder schräg nach der Mitte zu eingeschnitten und das Überstehende abgezogen. Der Überzug ist so zuzuschneiden, daß er auf allen Seiten — also am Rücken und den Ecken — ans Leder anstößt, dasselbe aber nur soweit deckt, als es schräg abgestoßen ist. Vor dem Zuschneiden des Papieres (meist marmoriert, seltener einfarbig und gepreßt) hat man zu überlegen, wie sich der einzelne Bogen am vorteilhaftesten einteilt. Für den Einschlag rechnet man nicht über 2 cm an den Vorder- und Oberkanten zu. Der Schnitt wird mit einem scharfen Messer am Lineal oder Winkel ausgeführt.
Das Ausschneiden der Ecken erfordert besondere Sorgfalt. Am zweckmäßigsten ist es, ein Überzugsteil dem Bande an das Leder anstoßend aufzulegen mit der erforderlichen Zugabe für den Einschlag. Die beiden unteren Ecken werden nach oben zurückgeschlagen und an den Stellen, wo sie an die Lederecken anzustoßen haben, wird ein scharfer Bruch gemacht. Streicht man nun mit der Hand scharf über die drei Kanten nach unten, indem die andere Hand das Blatt unverrückbar festhält, so erhält man eine genaue Marke, nach welcher das Ausschneiden der Ecke zu erfolgen hat. (Fig. 55.)
Die zugeschnittenen Überzugsteile werden nun mit Leim »angeschmiert«, zu welchem Zwecke sie genau geradegestoßen auf einer Unterlage, der »Anschmierpappe«, aufgelegt werden. Zweckmäßig dafür sind dicke, nicht zu große Pappen, die mit Papier, besser noch mit Wachstuch bespannt werden; ist das Papier wiederholt benutzt, so wird es von den Deckeln abgenommen, eingeweicht und der Leim ausgekocht. Von Wachstuch löst sich nach dem Trocknen der Leim von selbst ab. Auch Zinkblech wird als Unterlage zum Anschmieren benutzt mit ähnlichem Vorteil wie Wachstuch.
Nicht alle Bände werden angesetzt, in vielen Fällen werden Buch und Buchdecke gesondert hergestellt und ersteres dann in letztere »eingehangen«. Dies Verfahren wird hauptsächlich bei den in Massen angefertigten Schulbänden eingeschlagen, ebenso bei den Bänden, zu denen der Verleger fertige Decken, »Verlagsdecken«, liefert, ferner auch bei den Photographie-Albums, auf deren Herstellung, da sie in das Gebiet der Portefeuille-Arbeit gehören, hier nicht näher eingegangen werden kann. Hat auch die Kunstbuchbinderei als solche mit der Verlagsdecke wenig zu thun, da diese ein Erzeugnis des Großbetriebes ist, so soll hier doch deren Herstellung der Vollständigkeit halber einen Platz finden.
Deckel wie Rücken werden nach Maßgabe des beschnittenen und abgepreßten Buches passend geschnitten. Der Überzugsstoff, meist Kaliko, wird unter Zugabe des Einschlages zugeschnitten, angeschmiert, Rücken und Deckel unter Berechnung des Falzes aufgelegt, der, je nach Dicke der Deckel, 1½ bis 3 mm beträgt. Die Kanten werden eingeschlagen, das Ganze durch die Anreibemaschine geführt, bei welcher die Decken zwischen zwei Gummiwalzen durchgehen. Sollen »Halbfranzbanddecken« (das Wort ist unrichtig, da ein Halbfranzband und Decken sich gegenseitig ausschließende Begriffe sind) hergestellt werden, so klebt man sowohl die Rückeneinlage als auch die Deckel mit Leim auf dem Lederrücken auf; eingeschlagen wird jedoch mit Kleister, damit die Gelenke nicht spröde werden. Dann werden Ecken angemacht und die Decken in üblicher Weise mit Papier oder Kaliko überzogen.

Fig. 55. Ausschneiden der Überzugsecken.
Soll ein Band in eine solche Decke möglichst haltbar befestigt werden, so ist dazu erstlich ein Kalikofalz im Vorsatz erforderlich, dann aber auch möglichst viele Bünde, bei 8o Format mindestens vier. Überhaupt muß man einen solchen Buchkörper behandeln, als sollte er in Halbfranz gebunden werden. Man macht zunächst aus Papier, besser aus Stoff eine »Hülse«, d. h. man biegt ein Stück Papier oder Stoff, das genau so lang wie der Rücken ist, von beiden Seiten in der Breite des Rückens zusammen, so daß sich die Ränder in der Mitte treffen, wo sie übereinander geklebt werden. Beistehende Figur gibt das Schema.

Diese Hülse wird mit einer Seite fest auf den Rücken der Decke geklebt, während auf der anderen Seite der gut gerundete Buchrücken aufgeklebt wird. Zu weiterer Befestigung müssen die Bünde und die Fälze des Bandes recht sorgfältig und sauber am Deckel festgeklebt werden. Ein Blatt Vorsatzpapier, nach Maßgabe der Kanten passend geschnitten, deckt schließlich die Innenseite des Deckels.
Daß ein solcher Band trotz der vorhandenen Decke sich nicht »für wenige Groschen« herstellen läßt, sei hier ausdrücklich zum Troste der Fachleute betont. Für alle Fälle sollte ein wirklich gutes Buch gebunden und nicht eingehängt sein.

Randleiste von einem Bande der Wolfenbütteler Bibliothek. 1572.
3. Das Fertigmachen vor und nach dem Vergolden.
Anpappen — Offen Anpappen — Aufpappen des fliegenden Blattes — Tiefer Falz, Stoff- und Lederfalz — Seidenspiegel, Lederspiegel — Abglätten, Einpressen — Futteral und Karton.
Nachdem der Buchkörper mit der Einbanddecke, dem äußeren Teile des Buches, verbunden ist, werden die Deckel auch auf der Innenseite bekleidet. Diese Arbeit heißt das »Anpappen« und hat nicht allein den Zweck, die Spuren der vorhergehenden Arbeiten zu verdecken, sondern soll auch die Haltbarkeit des Buches in den Gelenken möglichst verstärken. Die einfachste Art, einen Band anzupappen, ist folgende: Das erste Blatt des Vorsatzes wird mit Kleister angeschmiert, der Deckel zugeschlagen, das Buch herumgewendet und die andere Seite in derselben Weise behandelt; das Buch wird danach sofort eingepreßt. Solange der Falz noch einigermaßen feucht ist, darf der Band nicht geöffnet werden, anderenfalls würden sich im Falz Falten bilden. Diese Art des Anpappens vertragen alle die Bände, welche nicht auf tiefen Falz angesetzt sind, die also weder durch den Deckel gezogene, noch äußerlich auf den Deckel geklebte Bünde haben. Dahin gehören außer den einfachsten Steifbänden die Halbleinen- und gewöhnlichen Halblederbände, sowie die Ganzleinen- und die »eingehängten« Bände ohne Leinenfalz.
Es empfiehlt sich sehr, die eingepreßten Bände nach einiger Zeit wieder aus der Presse zu nehmen, um, ohne daß der Band geöffnet wird, hinter die ersten fünf bis sechs Blätter vorn und hinten ein Zinkblech einzulegen, mit welchem die Bände dann von neuem in die Presse gebracht werden, in der sie mindestens über Nacht, womöglich noch länger verbleiben. Die Endlagen sowohl als auch der innere Deckel erscheinen infolge dieser Maßregel durchaus glatt und die Bünde zeichnen sich weniger scharf ab. Schließlich ist zu bemerken, daß nur Schreib- und Naturpapiere diese Art des Anpappens vertragen, alle anderen Vorsätze müssen »offen« angepappt werden.
»Offen anpappen« heißt das Buch in aufgeschlagenem Zustande anpappen und trocknen lassen; dies geschieht bei allen Bänden mit Buntpapier-Vorsätzen, bei den fabrikmäßig hergestellten, mit Draht gehefteten Bänden, und bei allen Bänden mit tiefem Falz.
Die Bände mit bunten Vorsätzen erhalten immer einen Leinenfalz; die Bünde werden bis auf etwa 2 cm Länge abgeschnitten, sehr glatt und gleichmäßig strahlenförmig auseinander gestrichen und mit Leim auf den Deckel herübergeklebt, wobei dieser fest gegen das Buch gedrückt wird; der Kalikofalz wird auf einem untergelegten Blatte Makulatur angeschmiert, stramm und gleichmäßig auf den Deckel herübergezogen und gut angerieben, wobei besonders auf die Ansetzkante des Deckels zu achten ist, da hier der Falz nicht gut haftet und leicht »hohl« wird.
Das Anpappen der fabrikmäßig hergestellten Bände ist gleich dem Verfahren, das bei Bänden mit tiefem Falz angewandt wird; im folgenden wird nur von diesem die Rede sein.
Schon oben (S. 35) sprachen wir von der Zurichtung der Vorsätze; doch ist es in vielen Werkstätten üblich, erst kurz vor dem Anpappen die Bunt- oder Brokatpapiere einzukleben. Notwendig ist dieses spätere Einkleben des farbigen Vorsatzes da, wo ein tiefer Falz ohne Kaliko- oder Lederfalz in Anwendung kommt.

Fig. 56.

Fig. 57. Anreiben des Vorsatzes im tiefen Falz.
In diesem Falle werden zwei Doppelblätter des erwählten Papieres, etwas größer als der Band mit der farbigen Seite zusammengebrochen, am Bruch 3 mm breit mit Leim angeschmiert und genau in den Falz, nicht aber auf den Falz und bis an den Rücken eingeklebt. Nach dem Anhängen des farbigen Papieres wird dieses zurückgeschlagen, das erste weiße Blatt mit mäßig dünnem Leim recht gleichmäßig und sauber angeschmiert, das bunte Blatt zugelegt und leicht angerieben. Nachdem die andere Seite des Buches in derselben Weise behandelt ist, wird der Band leicht eingepreßt. Ist das Geklebte etwas abgetrocknet, so wird ein Zinkblech zwischen die farbigen Blätter eingeschoben und am Buche her das Überstehende sauber abgeschnitten. Nun wird die andere Blatthälfte auf den Deckel »angepappt«, muß aber vorher passend geschnitten werden. Zu diesem Ende legt man dieselbe in der Lage, wie sie aufzukleben ist, auf den Deckel herüber und zeichnet mit dem Zirkel der Kante parallel ringsum eine Linie vor, deren Abstand von der Kante sich nach der Breite zu richten hat, die man dem inneren Rande geben will. In Fällen, wo dieser Rand vergoldet werden soll, hat man sich darauf Rücksicht zu nehmen. Diesem Zirkelstrich nach wird das Blatt auf einem untergelegten Zinkblech bis an den Falz abgeschnitten; in dem Falz selbst bleibt das Papier in ganzer Länge stehen, d. h. die auf dem Deckel aufgeklebte Hälfte wird oben und unten kürzer als das erste Vorsatzblatt und der Falz. An diesem her, genau in der Biegung, welche das Deckelblatt, der »Spiegel«, um die Deckelkante macht, wird bis an den Zirkelstrich heran mit der Schere eingeschnitten, so daß der vorhergehende Messerschnitt mit dem Schereneinschnitt auf unserer Fig. (56) bei a zusammentrifft. Nun wird unter das beschnittene Blatt zum Schutze von Vorsatz und Buchschnitt Makulatur eingelegt, das Blatt sauber angeschmiert und auf den Deckel geklebt. Das Anschmieren muß, wie beim Aufpappen des ersten, sogenannten »fliegenden Blattes«, sehr gleichmäßig geschehen; besonders aber ist das Anhäufen von Leim im Falz nachteilig, weil erstlich das Gelenk unsauber, zweitens aber nicht trocken wird. Das angeschmierte Blatt wird vorsichtig auf den Deckel herübergezogen, wobei der Falz nochmals recht genau zu richten, der Deckel beizudrücken ist. Zweckmäßig ist es, das Buch quer zu legen, die vordere Deckelkante gegen den Körper zu stemmen und mit Daumen und Zeigefinger beider Hände den Falz gut anzureiben; zu dieser Arbeit wird ein Stück Makulatur vorgelegt, über das angerieben wird. Unsere Abbildung (Fig. 57) zeigt das Anreiben des Falzes, doch ohne Papiervorlage.
In vielen Werkstätten wird diese Art des Vorsatzanpappens in der Weise gehandhabt, daß das Doppelblatt auf den Falz bis in den Rücken hereingeklebt wird. Das innere Blatt wird aufgepappt, und beide Doppelblätter am Buche ringsherum abgeschnitten. Auf eingelegter Makulatur wird angeschmiert und das nicht weiter abgeschnittene Blatt angepappt. Diese Weise hat den Nachteil, daß der scharfe Bruch in das Gelenk kommt und leicht durchreißt; zudem sieht das abgeschnittene Blatt auf dem Deckel bei der vorher genannten Weise besser und zierlicher aus. Vergl. Fig. 58.

Fig. 58. Tiefer Falz mit eingeklebtem Papiervorsatz.
In den Grundzügen genau dasselbe Verfahren beobachtet man bei den Bänden mit Kaliko- oder Lederfalz. Ersterer ist entweder mit dem Vorsatz bereits vorgeheftet oder wird jetzt eingeklebt; Lederfalz wird stets eingeklebt, und muß in allen den Fällen angewendet werden, wo im Deckel eine breite vergoldete Kante den ganzen Spiegel umfaßt. Die Breite des Lederfalzes richtet sich demgemäß auch nach der Breite der Vergoldung. Selbst in dem Falle aber, daß die hintere Deckelkante nicht vergoldet wird, muß der eingeklebte Falz (Leder oder Kaliko) auf den Deckel, wie auf das fliegende Blatt je 1 cm herübergehen. Lederfälze werden vor dem Einkleben durchaus dünn geschärft und mit Kleister eingeklebt. Kaliko wird mit Leim geklebt. Der Falz muß vorher auf Höhe passend, der auf den Deckel herüberreichende Flügel an beiden Enden etwas schräg nach innen abgeschnitten werden. Scharfes Anreiben und Beidrücken des Falzes ist hier genau wie bei der vorher erwähnten Weise erforderlich. Ein mit dem Vorsatz umstochener Falz wird über sich selbst zurückgeklebt, so daß er in der Breite des Abpreßfälzchens doppelt liegt.
Wenn es sich darum handelt, die Kante ringsum zu vergolden, so muß beim Einkleben des Lederfalzes, wie folgt, verfahren werden. Der auf Höhe passend geschnittene Lederstreif wird eingeklebt, muß aber auf dem Deckel genau nach der Gehrung geschnitten werden, d. h. er muß mit den Rändern der Ober- und Unterkante im halben rechten Winkel wie ein Bilderrahmen zusammenstoßen. Würde man den Streifen einfach über den Kanteneinschlag des Deckels kleben, so läge das Leder an diesen Stellen doppelt und bildete eine Erhöhung. Zur Vermeidung dieses Übelstandes zeichnet man auf dem frisch geklebten Falze den Gehrungsschnitt vor und durchschneidet auf diesem Lederfalz und Einschlag bis auf die Pappe, indem man das scharfe, spitze Messer etwas schräg nach außen zu hält; dadurch wird der Falz etwas unterschnitten, der Kanteneinschlag etwas abgeschrägt. Indem der Falz nun ein wenig gehoben wird, löst man das darunter liegende Lederstückchen des Einschlages bis an den Schnitt ab und klebt den Falz so fest, daß er mit dem Einschlag zusammenstößt, aber denselben nur so viel deckt, als dies durch den schrägen Schnitt bedingt ist.
Nach dem Anpappen des ersten Falzes kann der ganze Band mit aufgeschlagenem Deckel gewendet und sofort der zweite Falz eingeklebt, bez. das Vorsatz angepappt werden, doch muß er nachher ruhig liegen bleiben bis zum vollständigen Abtrocknen, was beim Lederfalz natürlich länger dauert als beim Papier- oder Kalikofalz. Damit der unten liegende, zuerst behandelte Falz nicht leidet, wird ein Preßbrett untergelegt.
Bei eingeklebten Fälzen wird das Vorsatz hinterher so angehängt, daß es genau bis an den Abpreßfalz reicht; war ein Falz mit umstochen, so reicht es bis dicht an den zurückgebogenen Falz. Das Blatt für den Deckel wird entweder bis dicht an die hintere Deckelkante herangesetzt, oder aber, wenn die Kantenvergoldung ringsherum läuft, wird er dieser gemäß eingesetzt. Hiernach hat man sich beim Zuschneiden zu richten. Sollen die Kanten vergoldet werden, so hat dies vor dem Einkleben des Spiegels zu geschehen. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß gewisse Muster sowohl von marmorierten als gedruckten oder gepreßten Papieren, die eine nach aufwärts gehende Richtung haben, nicht auf den Kopf gestellt werden dürfen. Buntpapiervorsatz wird sofort nach dem Einkleben mit einem heißen »Glättkolben« (Fig. 59) »abgeglättet«, damit der Deckel sich nicht nachträglich wirft. Der Deckel soll nach dieser Arbeit völlig eben erscheinen, auf keinen Fall darf er sich nach außen Wölben, eher kann er nach innen zu eine leichte Wölbung haben.
Bei allen diesen Arbeiten wird auf den Arbeitstisch ein Tuch gelegt, um ein Verkratzen der Außenseite des Buches zu vermeiden.
Reich ausgestattete Bände werden auch auf der ganzen Innenseite vergoldet und erhalten demnach einen Lederspiegel. Besteht derselbe aus dünnem Leder, so wird er stets eingelassen, d. h. es wird ein etwas größer als notwendig zugeschnittenes Stück Leder an einigen Stellen des Deckels mit Leim befestigt, mit einem Zirkel die Kantenparallelen gezogen, diesen gemäß durch Spiegel und Einschlag hindurch bis auf die Pappe mit einem scharfen, spitzen Messer ein Schnitt gemacht, wobei in schon erwähnter Weise das Messer ein wenig schräg gehalten wird. Das unter dem Spiegel innerhalb des Schnittes klebende Leder wird abgelöst, der Spiegel angeschmiert und mit Kleister eingeklebt. Dickere Leder werden ringsherum geschärft, passend geschnitten und aufgeklebt. Das fliegende Blatt besteht dabei ebenfalls meist aus farbigem Papier. Seidenspiegel und fliegendes Blatt mit Seidenbespannung kommt ebenfalls vor, wenn jetzt auch seltener als früher. Seide wird stets gespannt, d. h. um ein Blatt Papier an den Kanten umgeschlagen, während die Fläche selbst hohl aufliegt. Für Spiegel und fliegendes Blatt wird je ein Blatt kräftiges, jedoch nicht allzudickes Papier genau zugeschnitten, dazu passend je ein Stück Seide nebst Zurechnung von 1 cm Umschlag. Die Rückseite dieser Papiereinlagen wird an den Kanten her 1 cm breit mit Leim angeschmiert, das Blatt mit der Vorderseite von hinten auf die Seide gelegt und deren Umschlag um die Kante geklebt. Zweckmäßig ist es, ein Blatt Papier unterzulegen, welches breit übersteht, mit diesem überstehenden Teile den Seideneinschlag um die Kante zu ziehen und anzureiben. Die Seide soll auf der Vorderseite durchaus glatt und ohne Falten oder sichtbare Brüche sein, muß deshalb nötigenfalls vorher ausgebügelt werden; ein besseres, dem weichen Stoffe angemessenes Ansehen gewinnt die Seide dadurch, daß auf das Papier erst eine dünne Lage Watte geklebt wird. Die so vorbereiteten Seidenteile werden auf dem Deckel sowohl, wie auf dem fliegenden Blatte aufgeklebt. Es ist zweckmäßig, das ganze Blatt aufzukleben und einige Zeit einzupressen. Durch die Feuchtigkeit des Leimes zieht die Seide etwas an, legt sich nach dem Trocknen in der Presse aber wieder glatt.

Fig. 59. Großer Glättkolben.
Bei jedem Einpressen der Bände auf tiefen Falz werden unter die Deckel Zinkbleche bis an den Falz eingeschoben; stehen weiße oder helle Seidenvorsätze in Frage, so schlägt man um die Bleche erst ein Blatt weißes Papier. Die Bretter werden nicht in den Falz gelegt, sondern über denselben herausgerückt, die Presse nicht zu fest angezogen.
Auf jeden Fall bleibt der fertige Band längere Zeit, am besten über Nacht, in der Presse. Bände, welche nach dem Vergolden auch auf der Außenseite abgeglättet wurden — diese Arbeit wird später näher behandelt — preßt man zwischen vorgelegten Zinkblechen ein. Empfehlenswerter sind lackierte Eisentafeln. Das Lackieren muß jedoch im heißen Ofen besorgt worden sein, weshalb nicht jeder Lackierer, sondern nur gut eingerichtete Lackieranstalten brauchbare Tafeln zu liefern im stande sind.
Wertvolle Einbände, die man gern in der Weise erhalten will, wie sie aus der Hand des Buchbinders hervorgingen, bedürfen noch einer Schutzvorrichtung in Gestalt eines Futterals oder eines Kastens. Unsere Vorfahren in früheren Jahrhunderten bedienten sich zu dem Ende einer Büchse oder eines Kastens von Holz, auch wohl eines ledernen oder leinenen Sackes. Im vorigen Jahrhundert gab man dieser Schutzhülle die Form des Buches selbst und druckte auch wohl den Titel darauf. Gegenwärtig werden dergleichen Bände entweder mit einem Pappfutteral versehen, an dessen offener Seite der Rücken heraussieht, oder man legt den Band in ein pappenes Kästchen, das gewöhnlich als Karton bezeichnet wird. Um ein Futteral herzustellen, wird die Pappe nach Maßgabe der Größenverhältnisse des Buches geritzt und an den geritzten Stellen zusammengebogen. Die Kanten, mit denen die Seitenteile zusammenstoßen, werden überklebt und das Ganze entweder mit Papier oder besser mit Kaliko überzogen. In ähnlicher Weise wird der Karton hergestellt; doch kann man die einzelnen Teile auch aus der Pappe ganz herausschneiden und dann zusammenkleben; der Rückenteil wird beiderseits an Gelenke gehangen, so daß sich der Kasten flach auseinander legen läßt. Außerdem erhalten die Bände auch wohl noch Schutzumschläge von festem Papier, das, um es noch haltbarer zu machen, mit Stoff gefüttert zu werden pflegt.

Gotische Randleiste mit dreieckiger Rosette.
DRITTER ABSCHNITT. Das Verzieren der Einbanddecke.
1. Die farblose Verzierung.
Ritzarbeit und Punzung. — Lederschälarbeit. — Der Blinddruck.
Wenn man von den kostbaren Einbänden absieht, deren Zierat hauptsächlich der Goldschmied oder der Elfenbeinschnitzer oder beide vereint besorgten, so kann man von alters her zweierlei Arten der Musterung des Einbandes unterscheiden, die blinde und die farbige, zu der auch die Vergoldung zu rechnen ist.
Das Wesen des Blinddrucks, der selbstverständlich die gleichzeitige Verwendung von Gold und Farbe nicht ausschließt, beruht auf dem Umstande, daß durch den Druck eines erwärmten Stempels die von ihm getroffenen Stellen des zuvor gefeuchteten Leders einen dunkleren Ton annehmen und glänzend erscheinen. Ist der Stempel ein Hohlstempel, bei dem also die Zierform eingegraben (graviert) ist, so erscheint die Verzierung erhaben, in der Weise wie bei Siegelabdrücken, und der Grund blind; im entgegengesetzten Falle tritt der Grund heraus und die Verzierung erscheint blind.
Ehe wir auf das beim Blinddruck anzuwendende Verfahren eingehen, sei zuvor der Ritzarbeit und der Punzung des Leders gedacht, beides Techniken, die, vermutlich erst von anderen Lederarbeiten auf den Einband übertragen, oft gemeinsam angewandt wurden, um das Bild oder die Zierform in Umrissen darzustellen. Zur Herstellung der Ritzarbeit bedurfte man nur eines Messers und zur Punzung eines einfachen Punzens, dessen Fuß eine Höhlung hatte, die beim Einschlagen eine ganz kleine halbkugelförmige Erhöhung hervorbrachte. Schlag an Schlag gesetzt, wurde die Fläche auf diese Weise genarbt.

Fig. 60. Gepunzte Decke von Maroquin aus dem Kloster Votopodos am Berge Athos.

Fig. 61. Deutscher Einband mit Lederritzung und gepunztem Grunde. 15. Jahrh. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum.
In neuester Zeit hat man die Ritzarbeit mit Glück wieder zu beleben gewußt, auch durch kräftige Modellierung der Formen, die sich unter Anfeuchtung des Leders von der Rückseite her durch eine Art Treibarbeit bewirken läßt, die alten Vorbilder noch zu überbieten versucht. Für Buchdecken wird diese Art der Lederverzierung aber immer nur eine beschränkte sein, schon weil sie ein künstlerisches Geschick erfordert, das sich nicht jedermann zu geben vermag.
In Figur 60 geben wir als Beispiel der Punzung ohne Ritzung einen Band, der aus einem der Klöster am Berge Athos stammt und vermutlich dem 16. Jahrhundert angehört. Er zeigt eine an Eisentechnik (Thürbeschläge) erinnernde, symmetrisch angeordnete Verzierung mit Knöpfen (Nagelköpfen), die mit größeren Punzen teils in den Grund, teils in das Ornament eingeschlagen sind. Eine gepunzte Ritzarbeit zeigt uns Fig. 61 in freier künstlerischer Anwendung der Technik. Dieser Einband ist deutschen Ursprungs und stammt aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts. Als drittes Beispiel (Fig. 62), auf dem zwei phantastische Bestien, wie sie das germanische Mittelalter gern bildlich darstellte, erscheinen, geben wir die Rückseite eines Pergamentbreviers vom Ende des 15. Jahrhunderts, das der Nürnberger Familie Löffelholz gehörte und wie der vorher erwähnte Band im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg bewahrt wird.
Für Lederschnitt eignet sich am besten Rindsleder, weniger gut Kalbleder. Maroquin und Schafleder sind dazu ganz ungeeignet.
Eine verwandte Technik ist die ebenfalls schon im 15. Jahrhundert geübte Lederschälarbeit, zu der sich jedoch nur Saffian oder Bockleder eignet. Die Konturen des Ornaments werden dabei ebenfalls mit dem Messer eingeritzt und dann die Oberhaut des Leders an einem Ende gehoben und abgeschält. Statt das Ornament auf diese Weise zu behandeln und hell erscheinen zu lassen, kann man auch die Oberhaut des Grundes abschälen, um die umgekehrte Wirkung zu erzielen. Ist diese Arbeit für die Außenseite der Decken auch wenig empfehlenswert, so ist sie doch gut anwendbar zur Verzierung der Spiegel auf den inneren Deckelflächen, wenn es sich um einen in nicht gewöhnlicher Weise auszustattenden Einband handelt.
Die umständliche und zeitraubende Ritzarbeit konnte ebenso wenig wie die Schälarbeit bei Büchern Anwendung finden, die in kurzer Frist und ohne erhebliche Kosten hergestellt sein wollten. Für diese diente das einfache Verfahren des Blinddrucks, zu dem auch die Verzierung mittelst glatter Linien zu rechnen ist, die vielleicht mit einem Falzbein am Lineal entlang gezogen wurden, um eine Einrahmung der inneren Fläche des Deckels herbeizuführen, dann auch um die innere Fläche rautenförmig zu mustern. Derartige gestrichene Linien finden sich auf unserer Abbildung Fig. 61. (Vergl. auch Fig. 67.)

Fig. 62. Rückseite von einem Brevier. Ende des 15. Jahrhunderts. Nürnberg, Germanisches Museum.
Die Werkzeuge, welche zur Herstellung der Blindpressung des Leders dienen und, abgesehen von dem Streicheisen, auch bei der Handvergoldung gebraucht werden, sind folgende:
1. Das Streicheisen, von welchem schon die Rede war, zeigte nach einer Abbildung von Jobst Amman im 16. Jahrhundert die Form einer spitz zulaufenden Schaufel und zog auf der einen Seite einen doppelten, auf der anderen einen dreifachen Strich. Heutzutage unterscheidet man die deutsche und die französische Form. Erstere ist da zweckmäßig, wo es sich um gebogene Linien handelt, letztere (vergl. Fig. 64 unten links) ist vorteilhaft bei geraden Linien, besonders wenn bedeutende Kraft bei der Arbeit erforderlich ist. Die Streicheisen haben ein langes Heft, dessen Ende gegen die Schulter gestemmt werden kann. Beim Gebrauch werden sie erwärmt, da sonst der Strich nicht blank werden würde, dürfen aber nicht allzu heiß sein, damit sie den Grund nicht versengen. Zweckmäßige Wärmvorrichtungen für Streicheisen, Stempel u. s. w. liefert die Firma Wilh. Leo in Stuttgart. (Fig. 65).

Fig. 63. Deutsches Streicheisen.

Fig. 64. Streicheisen, Rolle, Stempel und Filete.

Fig. 65. Wärmapparate von Wilh. Leo in Stuttgart.
Das Leder wird an den Stellen, die zu streichen sind, mit einem in reines Wasser getauchten Schwamme gefeuchtet. Sind nur einzelne Teile, Linien oder Bogen zu streichen, so wird die leicht vorgemerkte Stelle mit einem Haarpinsel gefeuchtet. Nachdem das Leder trocken geworden ist, werden alle Striche nochmals mit einem etwas wärmeren Eisen nachgestrichen. Der Strich erscheint dann auf hellem Leder dunkel und zeichnet sich bei dunklem Leder immer noch durch sein blankes Aussehen von dem Grunde ab. Wenn der Glanz mit dem wiederholten Streichen noch nicht erreicht wird, muß nochmals nachgestrichen, nötigen Falls auch das Leder noch einmal gefeuchtet werden.
2. Die Stempel sind in Hartmetall graviert und mit einem hölzernen Handgriff versehen. Sie dienen dazu, kleine Figuren in das Leder einzudrucken. Diese Figuren stellen entweder ein kleines, geschlossenes Ornament von meist quadratischer, auch kreisrunder und länglicher Grundform dar, oder kleine Zierformen (Blüten, Blätter, auch Ranken oder sog. Schnecken), mit denen sich durch Neben- und Aneinanderdruck größere Verzierungen, wie sie gerade für den gegebenen Raum passen, zusammenstellen lassen. Die Stempelfläche ist nicht ganz eben, sondern nach der Mitte zu etwas erhaben, wodurch ein schärferes Ausdrucken des Musters ermöglicht wird.
3. Die Rolle ist eine kreisrunde Scheibe aus Rotguß bis zu 1½ cm dick und mit 4–8 cm Durchmesser, deren Achse eine Führung hat, die wiederum mit einem Hefte versehen ist (Fig. 64 rechts). Mit dem Hefte wird die Rolle wie ein Rad über das Leder bewegt, so daß sich das in die Umfangsfläche eingeschnittene Ornament abwickelt und auf dem Leder abdruckt. Ursprünglich war die Rolle nur für glatte Linien eingerichtet, an deren Stelle nach und nach eine mehr oder weniger reiche Musterung mit sich stets wiederholenden Motiven trat. Die gemusterte Rolle dient vornehmlich zur Herstellung der mit den Rändern des Deckels parallel laufenden Einfassungen oder Borden.
4. Die Filete (Fig. 64 in der Mitte) ist ein Druckwerkzeug in Form einer Leiste, jedoch mit etwas gebogener Druckfläche. Wie schon der Name erkennen läßt, ist die Filete französischen Ursprungs, und als Erfinder wird ein Pierre Gaillard genannt. Sie hat wie die Rolle auf der Druckfläche eine oder mehrere erhabene Linien oder aber ein fortlaufendes Ornament mit sich wiederholenden Motiven und wird mit Vorteil namentlich für die Ornamentierung des Buchrückens verwendet, ersetzt aber auch die Rolle.
Zu diesen vier Druckwerkzeugen kommt noch die gravierte Platte, die sowohl als abgepaßte Platte für bestimmte Buchgrößen oder als zusammenstellbare Platte für die verschiedensten Formate benutzt wird. Zum Aufdruck bedient man sich heutzutage nur noch eiserner Pressen mit Hebeldruck, Schwungrad oder Balancier.
Der Blinddruck mit Streicheisen, Stempeln u. s. w. erfordert außer der Vorzeichnung der Verzierung auf Papier und der Abzirkelung derselben auf der Decke keine besonderen Vorbereitungen. Etwaige Hilfslinien werden vor dem Druck mit Lineal und Falzbein vorgezogen. Beim Bedrucken der inneren Kanten der Decke ist es erforderlich, den Deckel zurückzuschlagen und flach auf eine feste Unterlage zu legen; der Druck erfolgt also bei offenem Deckel.
Beim Bedrucken des Rückens wird das Buch in eine sog. Klotzpresse gespannt, eine kleine hölzerne Vorrichtung, die auf den Tisch gestellt wird. An ihrer Stelle benutzt man jetzt vielfach eine zum Anschrauben an die Tischkante eingerichtete Vorrichtung aus Eisen, die ein bequemes Drehen und Wenden des Oberteils mit dem eingespannten Buche gestattet (Fig. 66).
Zum Bedrucken des Rückens eignet sich, wie schon bemerkt, die Filete besser als die Rolle; für den glatten Liniendruck ist dabei die Filete dem Streicheisen vorzuziehen. Aus diesem Grunde ist es zweckmäßig, bei Anschaffung dieser Werkzeuge darauf zu sehen, daß Linienfileten und Streicheisen zusammenpassen. Beide müssen in der Werkstatt in verschiedenen Stärken, d. h. auf jede ein- oder mehrfache Linienfilete ein gleichartiges Streicheisen vorhanden sein. Die untenstehend bezeichneten Nummern 1–5 genügen für den gewöhnlichen Gebrauch. Weitere Nummern vereinfachen die Arbeit.


Fig. 66. Klemmvorrichtung von Wilh. Leo in Stuttgart.
Am besten nimmt sich der Blinddruck auf naturfarbigem Schweinsleder (sog. Schweinssaffian) aus, steht auch gut auf mattem Kalbleder von nicht zu dunkler Färbung. Schafleder eignet sich nicht für Blinddruck.
Bevor man zum Bedrucken der Decke übergeht, hat man, wie schon oben bemerkt, einen Entwurf für die Verzierung auf Papier aufzuzeichnen und nach diesem die Linienabstände sowie die Anordnung der Stempel auf die Decke zu übertragen, wozu man sich des Falzbeins bedient. Die ganze Fläche wird nun mit einem mäßig nassen Schwamme leicht überfahren, so daß die Feuchtigkeit in kurzer Zeit wieder verschwindet. Nach etwa fünf Minuten wird das Feuchten wiederholt, und nun beginnt die Streich- und Druckarbeit, deren Verlauf wir an einem Beispiel, einem in gotischem Stile zu verzierenden Bande, erläutern wollen. Der Entwurf (Fig. 67) beschränkt sich, abgesehen von dem in Lederschnitt herzustellenden Mittelfelde, auf die Anwendung von drei Stempeln (Fig. 68 a, b und d) und der Dreilinie des Streicheisens. Die Dreilinie kommt zunächst an die Reihe. Auf dem Wärmapparate heiß gemacht, wird sie in einer flachen Schale mit Wasser und einem Schwamme »abgelöscht«, d. h. mit dem letzteren in Berührung gebracht, wobei ein leicht zischender Ton sich bemerkbar machen muß; sodann streicht man sie über ein gewachstes Stück Leder und führt sie nun am Lineal der Vormerkung gemäß hin.

Fig. 67. Modern-gotischer Einband.
Das beste Material für das Lineal ist, nebenbei bemerkt, Zinkblech. Dasselbe liegt gut und fest auf dem Leder auf, ist leicht und nimmt, im Gegensatze zum Holz, keine Feuchtigkeit an, hinterläßt auch keine Flecken. Eiserne Lineale dürfen mit feuchtem Leder überhaupt nicht in Berührung gebracht werden, da der chemische Prozess, der sich dabei entwickelt, sogleich schwarze Flecke zur Folge hat.
Beim Ansetzen des Streicheisens darf man sich nicht lange besinnen. Wenn die Striche nicht flott hintereinander an den betreffenden Stellen gezogen werden, so verdunstet die Feuchtigkeit des Leders, der Strich wird nicht dunkel und nicht glänzend; das Feuchten und Streichen muß also wiederholt werden. Ist das Leder zu trocken oder das Eisen zu kalt, so wird der Zweck des Streichens verfehlt. Schlimmer als ein zu kaltes ist ein zu heißes Eisen, da dieses die Oberfläche verbrennt, so daß sie zusammenschrumpft und schwarz wird, ein Fehler, der sich auf keine Weise wieder gutmachen läßt. Auf naturfarbigem Kalbleder soll der Blinddruck glänzend kastanienbraun erscheinen.

Fig. 68. Gotische Stempel.

Fig. 69. Randverzierung in Blinddruck.
Durch das wiederholte Anfeuchten werden die blindgedruckten Stellen wieder etwas heller, verlieren auch den Glanz. Doch schadet dieses insofern nicht, als nachträglich alles nochmals nachgedruckt wird.
Nachdem das Streicheisen seinen Dienst verrichtet hat, kommen die Stempel einer nach dem andern an die Reihe. Der dreieckige Stempel füllt die Rauten und die halben Rauten abwechselnd mit dem eine halbe Kreuzform darstellenden Stempel, der auch zur Umrahmung benutzt wird. Hier bildet er eine Reihe von Vielecken, die nachher mit der Rosette ausgefüllt werden. Wer noch ungeübt in der Handhabung der Stempel ist, thut gut daran, jeden Stempel zunächst ungewärmt und leicht vorzudrucken, dann das Leder nochmals zu feuchten und nun mit dem warmen Stempel den Druck zu wiederholen, bis der Farbenton die richtige Tiefe hat. Auf die Gleichmäßigkeit des Farbentons ist besonderes Gewicht zu legen, da der gefällige Eindruck der Verzierung zum Teil durch das gleichmäßige Aussehen bedingt ist.

Fig. 70. Moderner Renaissanceband mit Blinddruckverzierung.
Wie schon bemerkt, wird die ganze Decke, nachdem sie ihre vollständige Verzierung erhalten hat, noch einmal mit dem Streicheisen sowohl wie mit den Stempeln übergangen, wobei die Werkzeuge etwas wärmer sein sollen als bei dem ersten Druck. Daß diese, wie vorher, jedesmal vor dem Ansetzen über ein gewachstes, auf ein Stück Pappe geklebtes Leder gestrichen werden müssen, braucht kaum besonders erwähnt werden. Das Streicheisen muß bei dieser nochmaligen Behandlung der Decke mit besonderer Vorsicht geführt werden, um das sog. Dublieren der Linien zu vermeiden, das der Arbeit ein liederliches Aussehen verleiht.
Das Bedrucken des Rückens erfolgt ganz in derselben Weise. Die Stempel werden vorgezeichnet, dann kalt und leicht vorgedruckt, und der Druck mit dem warmen Stempel wiederholt. In unserem Falle sind an den Bünden mit der Filete Doppellinien gedruckt, die sich bis auf die Decke fortsetzen.
Um zu zeigen, in welch verschiedener Weise ein und derselbe Stempel zur Bildung von Verzierungen verwendet werden kann, geben wir zwei Zusammenstellungen von zwei Stempeln, die bei dem uns vorhin beschäftigenden Bande zur Musterung verwendet wurden in der Kopfleiste S. 170 und in Fig. 69.
Zur weiteren Veranschaulichung der Kunst, mit dem Streicheisen und wenigen Stempeln den Deckel in Blinddruck zu verzieren, möge die Abbildung Fig. 70 dienen. Die hier verwendeten spitzenartigen Motive sind im Sinne der italienischen und französischen Renaissance gedacht.
Bei den im Stilcharakter der Gotik und Frührenaissance behandelten Bänden pflegt man die Kanten der Decke, namentlich wenn es sich um größere Formate handelt, abzuschrägen. Um der schrägen Kante ein mit der blinden Verzierung der Decke übereinstimmendes Aussehen zu geben, wird sie mit einem kleinen Glättkolben (Fig. 71), der zu diesem Zweck mäßig erwärmt werden muß, ausgeglättet. Selbstverständlich wird das Leder vorher mit dem Schwamme gefeuchtet und das Glätten, wenn nötig, wiederholt, bis der entsprechende dunkle Ton erreicht ist.

Fig. 71. Kleiner Glättkolben.

Gotische Randverzierung.
2. Die Vergoldung und farbige Verzierung der Decke. Nachträgliches.
Auswaschen, Grundieren und Kleistern des Leders. — Ledersorten. — Rückenvergoldung. — Äußere und innere Deckelvergoldung. — Ledermosaik und Bemalung. — Pressendruck auf Leder, Kaliko, Samt. — Färbung und Marmorierung des Leders. — Verarbeitung des Pergaments und des Samts.
Die Handvergoldung, d. h. das Aufdrucken von Stempelverzierungen auf Leder unter Anwendung von Blattgold war schon in spätrömischer Zeit bekannt. Zur Verzierung von Buchdecken wurde sie zuerst im Orient verwendet, von dem das Abendland überhaupt die kunstvolle Bearbeitung des Leders erlernt hat.
Den ältesten Ledervergoldungen auf europäischem Boden begegnen wir in Italien. Sie erscheinen matt und grieselig, was sich aus dem Umstande erklärt, daß das Gold auf das feuchte Leder ohne vorherige Grundierung aufgetragen wurde. Erst im Laufe der Zeit kam man darauf, dem Leder einen Leim- oder Eiweißgrund zu geben, wie solcher noch heute angewendet wird.
Dem Grundieren voraus geht das Auswaschen und in bestimmten Fällen das Kleistern des Leders.
Das Auswaschen geschieht mit einem Schwamm und reinem Wasser, in besonderen Fällen auch mit Essig. Der Zweck des Waschens ist nicht nur, das Leder von etwa an demselben haftenden Unreinigkeiten zu befreien, sondern ihm den Grad von Feuchtigkeit zu verleihen, den es haben muß, wenn das Gold gut »halten« soll. Auf trockenem Leder läßt sich auch nicht der lebhafte Glanz des Goldes erzielen; es »steht« nicht, wie der Kunstausdruck lautet.
Zum Auswaschen bedient man sich auch mit gutem Erfolge einer Beize, die zu zwanzig Teilen aus Kornbranntwein, einem Teil Scheidewasser und einem Teil Meerzwiebelsaft besteht, und der man auch noch einige Tropfen Ammoniak zuzusetzen pflegt. Das Waschen mit dieser Beize erhält selbst an heißen Tagen den Grund einige Stunden lang frisch, so daß langsamer gedruckt werden kann. Auch brauchen die Stempel weniger heiß zu sein, wodurch die Schönheit der Vergoldung wesentlich gewinnt.
Das Kleistern ist nur bei Ledersorten erforderlich, die geneigt sind, aus den Grundiermitteln die Feuchtigkeit schnell aufzusaugen, so daß sich der Klebstoff auf der Oberfläche als graue Schicht ablagert. Man nimmt dazu gewöhnlichen Kleister, der mit so viel Wasser versetzt wird, daß er einer Mehlsuppe gleicht. Zum Auftragen, das recht gleichmäßig zu geschehen hat, bedient man sich des Kleisterpinsels, und reibt dann mit dem Ballen der Hand, besser mit einem Hasenfuß, aus dem aber die Zehen ausgebrochen sein müssen, den Kleister in das Leder ein.
Die Grundierung erfolgt erst mit Leim und danach mit Eiweiß.
Der für den Leimgrund oder die »Leimtränke« dienliche Leim ist Fischleim, von dem man 4 bis 5 Tropfen auf eine halbe Tasse lauwarmen Wassers nimmt und mit diesem gut vermischt. Die Flüssigkeit wird leicht, aber gleichmäßig aufgestrichen. (Der unter der Bezeichnung »colle liquide« in den Handel kommende flüssige Gummi ist für diesen Zweck durchaus unbrauchbar.)
Den zweiten und letzten Grund stellt man mit einer Mischung her, die zu ⅔ aus Eiweiß und zu ⅓ aus Essig, Lagerbier oder Apfelmost besteht. Die Mischung muß gut durchgequirlt werden. Um sie haltbarer zu machen, setzt man ihr einige Tropfen Ammoniak oder ein Stückchen Kampfer zu.
Wir unterscheiden in bezug auf die Behandlung harte und weiche Leder, erstere müssen rasch und heiß, letztere mäßig warm und langsam gedruckt werden; dabei steht das Gold besser. Dazu gehören alle Saffiane.
Im nachfolgenden geben wir eine Übersicht über die verschiedenen Ledersorten und Stoffe, die zu Buchdecken verwandt werden, und bemerken bei jedem einzelnen Material die Art der Behandlung, der es vor der Vergoldung zu unterwerfen ist.
1. Schafleder. Man unterscheidet lohgares und gekörntes oder anderweitig appretiertes Schafleder. Ersteres, gefärbt oder ungefärbt, wird mit Wasser ausgewaschen, mit Kleisterwasser bestrichen, erst mit Fischleim und nach dem Abtrocknen mit Eiweiß grundiert. Letzteres wird mit Essig oder Beize ausgewaschen und dann ohne vorherigen Leimgrund mit Eiweiß behandelt.
2. Bockleder wird mit Essig oder Beize ausgewaschen und mit Eiweiß grundiert. Grüne, braune und die helleren, sog. Modefarben drucken sich leicht und halten gut, was bei schwarzem Leder weniger der Fall zu sein pflegt.
3. Bastardleder gleicht dem Bockleder, ist aber, wie der Kunstausdruck lautet, »glänzend gestoßen«. Die hellen Farben sind meist nicht waschecht. Dem Abfärben wird einigermaßen dadurch vorgebeugt, daß man dem Leder erst einen Leimgrund und danach doppelten Eiweißgrund gibt.
4. Saffian (Maroquin [franz.] oder Levant Marocco [engl.]), d. h. genarbtes Ziegenleder, wird mit Wasser ausgewaschen und einfach mit Eiweiß grundiert. Nur in dem Falle, wo das Korn niedergeglättet worden ist, wird zweimal grundiert und bei sehr reichen Vergoldungen vorher ein Leimgrund aufgestrichen.
5. Schweinsleder. Bei diesem genügt das Auswaschen mit Wasser und einfacher Eiweißgrund. Wenn, wie das bei Schweinslederbänden meist der Fall ist, Golddruck in Verbindung mit Blinddruck zur Anwendung kommt, so ist ein weiteres Auswaschen nicht mehr nötig. Die Goldverzierungen werden vorgedruckt und halten nach nur einmaliger Grundierung mit Eiweiß sehr gut.
6. Kalbleder. Farbiges Kalbleder wird mit Wasser, ungefärbtes, sog. weißes Kalbleder ebenfalls mit Wasser, in dem aber ein wenig Kleesalz oder Zitronensäure aufgelöst ist, ausgewaschen.
7. Pergament wird zweimal mit gesättigter Alaunlösung abgewaschen und muß danach völlig austrocknen. Nachdem dies geschehen ist, wird es zweimal mit reinem Eiweiß grundiert. Der Eiweißgrund muß dann mindestens eine Stunde lang trocknen. Der Alaun bewirkt eine Verseifung der im Pergament enthaltenen Leimteile und erhält die Oberfläche sauber.
8. Kaliko wird mit Eiweiß einmal grundiert.
9. Seide, Samt und andere Webstoffe werden mit Pulver gedruckt, wovon weiter unten die Rede sein wird.
Bei allen Lederbänden werden die zu vergoldenden Stellen zuerst blind vorgedruckt und dann mit Eiweiß ausgepinselt. Bei größeren, dicht mit Ornamenten zu bedruckenden Flächen bedient man sich statt des Pinsels eines Schwämmchens. Da das Eiweiß gern schäumt, so begegnet man diesem Übelstande dadurch, daß man mit dem Pinsel oder dem Schwämmchen vor dem Eintauchen leicht über das Kopfhaar streicht. Das Haar gibt einige wenige Fettteile ab, die genügen, um das Schäumen zu verhindern.
Da nicht alle Ledersorten von gleicher Art durchaus übereinstimmende chemische oder struktive Eigenschaften haben, so können die oben aufgestellten Regeln nur als allgemeine Erfahrungssätze gelten, von denen unter Umständen auch abgewichen werden muß. Nur Übung und praktische Erfahrung lassen den Vergolder in jedem einzelnen Falle das Richtige treffen.
Die Rückenvergoldung. Die Rücken von einfachen Bänden, welche glatt, d. h. ohne Bünde ins Leder gemacht sind, erhalten entweder eine Bundeinteilung (Fig. 72, 73 u. 74), oder einen sog. langen Rücken (Fig. 75, 76 u. 77), oder auch einen liegend gedachten Rücken mit einem langen Felde, das den Titel enthält oder ornamentiert wird. (Fig. 78 u. 79.)
Die nach Bünden eingeteilten Rücken haben entweder gleich große oder verschieden große Felder. In beiden Fällen wird zunächst für die Verzierung des Kopfendes, je nach der Größe des Buches, eine Breite von ½ bis 1½ cm, für die Verzierung des Schwanzendes eine solche von 1 bis 3 cm vorgesehen. Die Felder werden abgezirkelt und der Bundstrich an einem Streifchen Karton oder Pergament mit dem Falzbein genau rechtwinkelig zu der Falzkante gezogen. Dieser Vorzeichnung folgt man mit einer Linienfilete, die wiederholt aufgedruckt wird, bis der Strich blank erscheint. Der Band, der in eine Klotzpresse oder Einspannvorrichtung (vgl. S. 117) fest eingeklemmt ist, muß bei dieser Arbeit genau quer vor dem Arbeiter mit der Rückenfläche etwa in Brusthöhe stehen. Die Druckbewegung muß leicht mit dem Handgelenk ausgeübt werden, nicht mit dem vollen Gewicht des Armes. Die Geschicklichkeit, mit der stark gewölbten Filete eine genaue gerade Linie über den in umgekehrter Spannung gebogenen Rücken zu drucken, wird nicht in einem Tage erreicht, sondern erfordert eine längere Übung. Die Hauptsache ist, daß der Anfänger sich gewöhnt, das Ende der Linie beim Drucken im Auge zu behalten, nicht aber mit dem Auge der sich über den Rücken neigenden Linie zu folgen oder gar von der Seite unter die Filete zu sehen.
Gewöhnlich nimmt man drei Linien für jeden Bund an, von denen die mittlere, mindestens doppelt so stark als die anderen, blind gedruckt wird. (Vergl. Fig. 72.) Hat man eine dreifache Filete, so wird mit dieser der Bund blind gedruckt und danach die beiden feinen Linien mit der Filete in Gold gedruckt. Bei solchen einfachen Bänden wird gewöhnlich an Kopf und Schwanz nur eine doppelte oder mehrfache Linie als Abschluß angeordnet; besser sieht es natürlich aus, wenn ein Ornament mit freien Endigungen (Spitzen- oder Blattwerk) den Rücken an beiden Enden abschließt, wie auf Fig. 72 u. 73.
Die Fileten haben je nach der Art des Ornaments, das durch den Aufdruck hervorgebracht wird, verschiedene Bezeichnungen. Die Linienfilete (einfach, doppelt, dreifach und in verschiedenen Stärken) lernten wir bereits kennen. Die Punkt- oder Tippelfilete bildet eine punktierte Linie. (Fig. 80 bei a.)
Die Filete mit laufendem Muster gibt ein bandartiges Ornament, bei dem keine bestimmte Richtung oder nur die seitliche (Wellenbewegung) betont ist. (Fig. 80 bei b, c, e, f, g und h.) Für die Verzierung des Kopf- und Schwanzendes dient die Schluß- oder Endfilete mit nach unten, bez. nach oben gerichtetem Muster (Fig. 80 bei i und k). Eine besondere Art bilden dann noch die Bundfileten, welche zur Vergoldung erhabener Bünde und Kanten verwendet werden (wozu übrigens auch jedes laufende Muster zu gebrauchen ist), und sich aus einfachen Linien, die senkrecht oder schräg, auch wohl mit punktierten Linien wechselnd, dicht nebeneinander angeordnet sind, zusammensetzen. (Fig. 80 bei d.)

Fig. 72.

Fig. 73.

Fig. 74.

Fig. 75.

Fig. 76.

Fig. 77.

Fig. 78.

Fig. 79.

Fig. 80. Verschiedene Filetenmuster.
Kehren wir zur Rückenvergoldung zurück, so ist zunächst noch zu bemerken, daß man die Titelfelder auch seitlich mit einer Linie begrenzen, sowie auch die Bundlinien verdoppeln, bez. eine punktierte oder schmale Zierlinie anbringen kann, wie es eben dem Geschmack des Arbeiters oder dem Wunsche des Bestellers entspricht. Nachdem sämtliche Linien vorgedruckt sind, kommt die Reihe an den Titel. Die Titel und sonstigen schriftlichen Bezeichnungen werden aus Schriftsatz gebildet. Die Schriften, d. h. die einzelnen zum Drucken dienenden Buchstaben, sind entweder aus Schriftgut, wie die Buchdruckerlettern, oder in Messing gegossen. Messingschriften sind selbstverständlich vorzuziehen, weil das Metall härter ist und nicht Gefahr läuft zu schmelzen. Die Lettern werden zum Zweck des Druckens in den Schriftkasten gesetzt, der in Deutschland mit sog. Zentralstellung eingerichtet ist (Fig. 81), während die ältere Form, bei der die Schrift an einem Ende eingeschraubt wird, nur noch selten gebraucht wird. Vor dem Gebrauch wird jede Zeile mit einem weichen Läppchen abgerieben.

Fig. 81. Schriftkasten.
Die Größe und Art der Schriften, die man im einzelnen Falle verwendet, richtet sich natürlich nach der Größe des Feldes, das mit Titel, Bandzahl u. s. w. zu bedrucken ist. Am besten nehmen sich bei Verwendung lateinischer Schrift (Antiqua) die sog. Majuskeln oder Versalien, Anfangs- oder großen Buchstaben aus, weil sie, abgesehen von der klaren und deutlichen Form, oben wie unten eine gerade Linie bilden. Bei der gotischen Schrift (Fraktur), die nur noch im deutschen und dänischen Sprachgebiet gebräuchlich ist, sind Majuskeln wegen der krausen, schwer lesbaren Form nicht anwendbar. Hauptsache bei einem Titel ist immer, daß er deutlich erscheint. Deshalb sind auch allzu schlanke Lettern (wie in Fig. 77), ebenso solche, die mit Zierat überladen oder zu Mißformen umgestaltet sind, vom Übel.
Bei dieser Gelegenheit ist noch zu bemerken, daß Lesezeichen (Interpunktionen) bei Titeln mindestens überflüssig sind. (Auf Fig. 74 ist ein Punktum und auf Fig. 76 sind zwei Kommata versehentlich stehen geblieben.) Nur bei Abkürzungen, wie bei Fig. 74 REC., darf der Punkt nicht weggelassen werden. Ferner sei darauf aufmerksam gemacht, daß ein Rückentitel um so ruhiger und deshalb gefälliger aussieht, je weniger die darauf angebrachten Schriften in der Form der Buchstaben von einander abweichen. Zu empfehlen sind für den Druck auf Leder und Kaliko namentlich die Schriften mit gleichstarkem Zuge, also ohne scharf abstechende Haarstriche. (Vergl. Fig. 72 und dagegen Fig. 74, wo der Zusatz »Rec. Frey« einen anderen Schriftschnitt zeigt als der Haupttitel, übrigens auch zu groß gegen jenen erscheint). Bei der Wahl der Schriften hat man noch zu berücksichtigen, daß Titelzeilen von gleicher und annähernd gleicher Länge sich nicht gut ausnehmen, namentlich nicht, wenn sie unmittelbar unter einander stehen. Man hilft sich in gegebenem Falle durch Sperren mit Durchschuß (zwischen die Lettern gesetzten Metallplättchen, auch Spatien genannt) oder durch schmalere, bez. fettere Schriften, nur muß man sich hüten, nicht die Hauptsache durch kleinere oder weniger fette Schrift zur Nebensache zu machen.
Selbstverständlich ist es unmöglich, hier die Regeln für geschmackvolle und verständige Anordnung von Titeln zu erschöpfen, da jeder einzelne Fall besondere Überlegung erfordert. Erst die Praxis schärft den Blick für das Richtige und Angemessene, und nur durch Sehen und Vergleichen gewinnt man die Reife des Urteils, die Schönheit mit Zweckmäßigkeit in vollen Einklang zu bringen weiß.
Jede eingesetzte Zeile wird mit dem Zirkel genau gemessen, das gefundene Maß auf ein schmales Papierstreifchen, und von diesem auf das Titelfeld übertragen. Sind mehrere Bände gleichen Titels vorhanden, so werden diese alle in gleicher Weise vorgezeichnet und blind vorgedruckt. Der Schriftkasten wird natürlich ebenso wie die Fileten vor dem Druck heiß gemacht. Bleischriften kann man natürlich nicht mit über das Feuer bringen, sondern muß sie in den angewärmten Schriftkasten nachträglich einsetzen.
Beim Drucken mit dem Schriftkasten wie mit den Fileten ist es notwendig, den Ansatz mit der Daumenspitze der linken Hand zu regeln. Indem das hintere Ende des Werkzeugs auf diese aufgesetzt wird, erhält es einen Stützpunkt, der das Auffinden des Ansatzpunktes erleichtert. Im übrigen sei auf die früheren Bemerkungen über den Blinddruck (S. 116) verwiesen.
Sobald der blinde Vordruck ganz ausgeführt ist, wird der Rücken ausgewaschen und erforderlichen Falles mit Leimtränke überfahren. (Bei Ledersorten, die Kleistergrund bedingen, muß dieser schon vor dem Blinddruck aufgestrichen sein.) Nachdem der Leimgrund trocken geworden ist, werden alle Vordruckstellen, welche vergoldet werden sollen, mit Eiweiß ausgepinselt, und zwar mit Vorsicht, damit nicht das Eiweiß über die Grenzen hinauskommt und hier graue Stellen hinterläßt.
Wo es sich um das Drucken einzelner Linien handelt, kann das Gold, das man vorher in der oben (S. 75) angegebenen Weise in kleine Streifchen, etwas breiter als die Filete, zerlegt hat, mit der Filete aufgefangen werden. Diese muß vorher mit Öl oder anderem Fett leicht überfahren sein. Indem man sie mit einem Ende beginnend, leicht aufsetzt und über den Streifen wegführt, hängt sich das Gold an und wird danach auf die zu bedruckende Stelle gebracht.
Über das Erwärmen der Druckwerkzeuge ist schon oben (S. 115) das Erforderliche gesagt worden. Es sei hier nur noch bemerkt, daß man gut daran thut, bei jeder Ledersorte vorerst eine Probe für den Hitzegrad zu machen. Bei zu geringer Wärme hält das Gold nicht und löst sich ab, wenn man das Leder mit dem Goldlappen abwischt; bei zu großer Wärme läuft man Gefahr, das Leder zu verbrennen. Kalbleder verträgt eine etwas stärkere Erwärmung als andere Ledersorten, erfordert aber sehr raschen Druck.
Beim Vergolden des Titels wird auf das ganze Titelfeld Gold aufgetragen, nachdem man es mit einem Hauch Fett überfahren hat. Das Auftragen des Goldes geschieht in derselben Weise wie beim Goldschnitt (s. S. 75) mittelst eines Streifchens Papiers. Das aufgetragene Gold wird mit sauberer Watte leicht betupft, damit es sich an die Fläche anschmiegt. Durch das Gold hindurch wird dann der Vordruck sichtbar, der nun Zeile für Zeile nachzudrucken ist. Sobald der Druck einer Linie oder eines Titels ausgeführt ist, wischt man das überschüssige Gold mit einem weichen, wollenen Lappen, dem Goldlappen, ab; bleiben dabei noch kleine Teilchen hängen, so werden diese mit schwarzem Gummi abgerieben oder mit einem spitzen Hölzchen entfernt. Der Goldlappen wird nach längerer Benutzung verkauft; das darin haftende Gold ist nämlich nicht verloren, sondern kann durch Ausbrennen wiedergewonnen werden.
Die fertige Vergoldung soll blank und selbst unter der Lupe fehlerlos erscheinen. Solange dies nicht der Fall ist, genügt der Druck nicht und muß nachgedruckt werden.
Pergamentbände erfordern besonders sorgfältige Behandlung, da das Material sehr leicht Schmutz annimmt. Deshalb schlägt man, wenn man den Rücken vergolden will, einen breiten Streifen Papier der Länge nach um den Band, so daß nur der Rücken heraussieht. In ähnlicher Weise schützt man den einen Deckel, wenn man den anderen in Arbeit nimmt. Die Vergoldung wird wie beim Leder vorgedruckt, aber nicht mit Eiweiß ausgepinselt; das Gold wird mit reichlichem Öl aufgetragen. Die Rückenvergoldung geschieht in der Weise, daß die Bundlinien, nachdem die Einteilung mit dem Zirkel abgestochen ist, auf dem aufgetragenen Golde vorgezeichnet werden. Der Vorzeichnung gemäß spannt man einen dünnen Zwirnsfaden quer über den Rücken und zieht denselben einmal kurz hin und her. Das Titelfeld besteht stets aus einem aufgeklebten Stück farbigen Leders.
Dies Überkleben des Titelfeldes mit andersfarbigem Leder läßt sich natürlich auch bei allen anderen Ledersorten anwenden, und dient zur Belebung der eintönigen Rückenfläche, die dadurch ein gefälligeres Ansehen gewinnt. Man nimmt dazu ganz dünn ausgeschärftes Saffian- oder Bockleder, schneidet das Stück genau passend und klebt es mit Kleister auf. Die Titelfelder werden vor und nach dem Golddruck ausgeglättet.

Fig. 82.

Fig. 83.

Fig. 84.

Fig. 85.
Fig. 82–85. Verschiedene Rücken mit Bundeinteilung.

Fig. 86.

Fig. 87.

Fig. 88.
Fig. 86–88. Verschiedene Rücken mit Bundeinteilung.
Von den verschiedenen Einteilungsweisen des Rückens war schon oben (S. 124) die Rede. Natürlich sind damit nicht alle Abweichungen erschöpft, sondern nur die hauptsächlichsten Schemata gegeben. Der sog. lange Rücken ist eine englische Bezeichnung und in England zumeist üblich. Fig. 76 und 77 geben zwei derartige Rücken, die mit Stempeldruckverzierungen versehen sind und in England als herabhängende Rücken bezeichnet werden. Fig. 75 ist ein filetierter Rücken, bei dem die Fläche zwischen Titel und Schwanz mit einer gemusterten Filete vollständig bedruckt ist. Flächen, die filetiert werden sollen, müssen vorher nach der Breite der Filete ausgemessen werden, damit man mit der letzteren genau auskommt; der ganze Rücken wird mit Eiweiß überfahren, mit Gold aufgetragen und nach dem Druck der Fileten und Titel abgewischt und ausgeputzt.
Die Stempel werden beim Aufdruck etwas anders gehandhabt als die Fileten. Ihre Oberfläche ist leicht nach der Mitte zu gewölbt, so daß beim Aufsetzen nicht die ganze Druckfläche das Leder berührt, die Hand aber im stande ist, nach jedem einzelnen Punkte der Gravierung hin einen kräftigen Druck auszuüben. Größere Stempel werden zunächst mit der Mitte senkrecht aufgesetzt und dann mit der Hand in kreisförmiger Bewegung, ohne von der Stelle zu rücken, zum Abdruck gebracht. Bei kleineren, einfacheren Stempeln genügt das einmalige Hin- und Herbewegen, um einen guten Abdruck zu erzielen. Daß die Stempelabdrücke durchaus gleichmäßig erscheinen müssen, bedarf wohl kaum der Erwähnung.
Um beim Aufsetzen der Stempel auf den Rücken genau Mitte zu halten, zeichnet man, soweit der Stempel reicht, eine Mittellinie vor, die als Anhalt dient. Seitliche Linien (einfache oder doppelte), wie sie bei Fig. 78 und 79 zur Einrahmung des ganzen Rückens angeordnet und bei Rücken ohne Bundeinteilung üblich sind, streicht man mit dem Falzbein vor und druckt in Gold mit der Rolle nach. Dazu ist es aber nötig, den Band entweder auf ein schräg stehendes Brett mit einer vorstehenden Leiste, ähnlich einem Lesepult, zu legen oder ihn in eine Klotzpresse (vgl. S. 117) zu setzen und diese schräg zu stellen.
Feine Halbfranz- und Ganzlederbände erhalten stets erhabene Bünde, die eigentlich an der Stelle sitzen sollten, wo sich auf dem inneren Rücken die Bünde befinden, indes oft ganz beliebig angeordnet werden. Titelfelder ebenso wie verzierte Felder pflegt man mit einer einfachen oder einer Doppellinie einzufassen, die mit kurzen Linienstücken, deren etwa 10 von verschiedener Länge einen Satz bilden, gedruckt werden (sog. Karreedruck). (Fig. 84–88.) Es empfiehlt sich nicht, das Gold mit den Linienstücken aufzunehmen, da die kleinen Stücke leicht erkalten, ehe man zum Drucken kommt.
Beim Karreedruck ist vor allem darauf zu achten, daß die Linien an den Ecken genau zusammentreffen und den Eindruck machen, als sei das Viereck mit einem Stempel gedruckt.
Felder, die ganz oder zum größeren Teile mit Zierat bedeckt werden sollen, also unter Verwendung von Eckstücken neben dem Mittelstück, grundiert man in der ganzen Fläche mit Eiweiß und trägt danach Gold auf, von dem der Überschuß, wie oben erwähnt, hinterher abgewischt wird.
Verwickelte Stempelzusammenstellungen erfordern einen vorausgehenden Entwurf, der auf dünnem aber festem Papier gemacht werden muß. Das Papierstück mit dem Entwurf wird auf das Feld aufgelegt und an den vier Ecken leicht mit Kleister angehängt. Zum Vordruck werden die mäßig gewärmten Stempel durch das Papier durchgedruckt. Ganz kleine Teile, die etwa noch hier und da anzusetzen sind, druckt man aber nicht mit vor, sondern richtet sich dabei nach dem Augenmaß.
Außer den geraden Linien bedarf der Vergolder auch der gebogenen. Für eine gut eingerichtete Werkstatt sind mehrere Bogensätze bis zu dreißig Nummern erforderlich, so daß man im stande ist, Kreise von 4–5 mm ebenso wohl wie solche von 8–10 cm Durchmesser zu drucken. Je größer die Bogenlinie ist, um so flacher ist die Krümmung, oder um so größer der Kreis, von dem sie einen Teil bildet. Der Bogendruck ist die schwierigste Arbeit des Vergolders, der es erst nach langer Übung zu vollkommener Sicherheit bringt. Da die einzelnen Bogenlinien nicht scharf aneinander gesetzt werden können, sondern ein allmähliches Übergehen von der einen in die andere erfolgen muß, so erfordert der Druck namentlich kleiner Bogen viel Geduld, insofern häufig Fehlstellen vorkommen, die wiederholtes Grundieren und Nachdrucken nötig machen.

Fig. 89.

Fig. 90.

Fig. 91.

Fig. 92.
Innere Kantenvergoldungen.
Die Deckelvergoldung erstreckt sich bei reich ausgestatteten Lederbänden nicht nur auf die äußeren, sondern auch auf die inneren Seiten. Wir beginnen mit diesen, da sie bei der Arbeit ebenfalls den Anfang machen. Die Verzierung der Innenseite besteht stets aus einer Kante (Umrahmung), die entweder an allen vier Rändern hinläuft oder nur an den drei äußeren, während die innere Seite am Falz her durch das Vorsatz, einen Leder- oder Stofffalz gedeckt wird. Das umrahmte Feld, der Spiegel, kann auf die verschiedenste Weise, symmetrisch (Fig. 96–99) und unsymmetrisch (Fig. 95 und 100), voll (Fig. 100), oder mit einem frei in der Fläche stehenden Zierstück (Fig. 95 und 98), ornamentiert werden; nur ist darauf zu achten, daß die Kante ein dichteres und kräftigeres Muster zeigt als die Mitte. In ihr soll die Festigkeit des Rahmens gewissermaßen zum Ausdruck kommen, ähnlich wie dies bei der Verzierung von Zimmerdecken der Fall ist, wo die tiefere Färbung die Ränder gegen die lichter behandelte mittlere Fläche absetzt. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Verzierungsweise der Innenseiten von derjenigen der Außenseiten, bei denen man Kante und Spiegel nicht so scharf hervorhebt, sondern auf eine allmähliche Überleitung vom Rande nach der Mitte zu Bedacht nimmt, sei es durch vermittelnde Linien, sei es durch Anordnung von Eckstücken, die das Mittelfeld zu einem Oval oder zu einer dem Oval sich nähernden Form gestalten. Der Grund für diese gegensätzliche Art der Ornamentierung liegt wohl nur in dem Reiz des Gegensatzes, nicht aber in dem Wesen der Sache.

Fig. 93.

Fig. 94.
Innere Kantenvergoldungen.
Der Arbeit voraus geht wieder der Entwurf, der, wenn er nicht ganz einfacher Art ist, wie beim Rücken, zu Papier gebracht wird. Nachdem man die geraden Linien mit Bleistift gezogen hat, läßt man das zur Verzierung dienende Werkzeug, Fileten, Stempel, Rollen, über der Flamme einer Kerze anrußen und druckt damit die Verzierung auf das Papier. Dies Verfahren ist dem Druck mit Druckerschwärze vorzuziehen, da diese die feinen Gravierungen leicht vollschmiert und nicht so leicht zu entfernen ist wie Ruß.
Dem Entwurfe gemäß, mag er nun bloß im Kopfe oder auf dem Papier vorhanden sein, werden alle Linien mit einem Stellzirkel parallel mit der Kante vorgestrichen. Wo Doppel- oder Dreilinien in Frage kommen, wird stets nur die äußere vorgezeichnet. Nun werden alle Linienrollen genau mit Gehrungsansatz in den Ecken lau vorgedruckt, danach folgen die Punktlinien und Fileten, zuletzt die Stempel. Gemusterte Rollen werden nicht vorgedruckt, da ein genaues Nachdrucken derselben kaum möglich ist.
Beim Vordrucken des Spiegels verfährt man ebenso wie beim Vordruck des Rückens, indem man, wo es nötig ist, eine Papiermuster benutzt und die Stempel hindurchdruckt.
Vor dem Vordrucken und nach dem Vergolden werden Kanten und Spiegel stets abgeglättet.

Fig. 95. Spiegel mit unsymmetrischer Mittelverzierung.

Fig. 96. Spiegel mit eingesetztem Rahmen und freiem Mittelfelde.
Bei breiten Kanten werden die Fälze aus dem zum Überzug verwendeten Leder gebildet, und wie die anderen drei Kanten vergoldet. Das Vergolden dieser hinteren Kanten erfordert eine Unterstützung des Deckels bis in den Falz hinein. Man bedient sich dazu eines mit Tuch bezogenen Unterlagsbrettes, das an einer Kante schräg ausgekehlt ist und sich mit der Kehlung hart bis an den Rücken heranschieben läßt. Unter allen Umständen liegt das Buch, um keinen Schaden zu leiden, beim Vergolden auf einem mit weichem Tuch überspannten Brett oder Pappdeckel.


Fig. 97. Spiegel mit eingesetztem Rahmen und freiem Mittelfelde.
In Fig. 89 bis 94 geben wir sechs verschiedene Kantenvergoldungen und in Fig. 95 bis 100 sechs Entwürfe zu inneren Deckelvergoldungen, von denen sich Fig. 99 und Fig. 100 übrigens auch zur Verzierung der Außenseiten eignen.
Bevor die Vergoldung der äußeren Decke an die Reihe kommt, werden auch noch die sog. Stehkanten des Deckels, die schmalen äußeren Ränder mit einer feinen Linie, einer Doppellinie oder einer Tippellinie bedruckt. Will man ein übriges thun, so bedruckt man die den Ecken zunächst liegenden Stellen auf 3 bis 4 cm Länge mit einer Bundfilete und die übrigen Teile mit einer glatten oder punktierten Linie.

Fig. 98. Spiegel mit gestirnter Fläche und kleinem Mittelstück.
Für den Druck des äußeren Deckels gelten bezüglich des Übertragens der Zeichnung, des Auswaschens und Grundierens dieselben Vorschriften wie für den Druck der Innenseiten, bez. des Rückens.
Außer und neben der Goldverzierung wendet man zum Schmuck der äußeren Decke auch die Farbe an, entweder in der Gestalt der sog. Ledermosaik oder durch Auftragen mit dem Pinsel.

Fig. 99. Spiegel mit breiten Eckfüllungen und symmetrischem Mittelstück.

Fig. 100. Spiegel mit unsymmetrischer Füllung.
Die Ledermosaik ist eine Musterung des Lederüberzugs mittelst anders gefärbter Lederstücke, die entweder eingelegt oder aufgelegt werden. Für eingelegte Arbeit nach Art der Holzintarsia eignet sich aber das Material sehr wenig, da sich keine scharfen Konturen herstellen lassen, wie sie zur Hervorhebung der Zeichnung erforderlich sind. Dagegen lassen sich mit der Lederauflage reiche und gefällige, dem Stoff angemessene Wirkungen erzielen. Die Teile der Zeichnung — vorzugsweise sind es die bandartigen Ornamente, indes auch Blätter, Rosetten und kleinere, durch Bandverschlingungen gebildete Felder — welche, wie der Fachausdruck lautet, »ausgelegt« oder »unterlegt« werden sollen, müssen vorerst ausgeschnitten werden. Das dazu zu verwendende Leder wird zuvor in entsprechend großen Stücken so weit ausgeschärft, daß es nicht viel stärker ist als ein Blatt Seidenpapier. Die Vorderseite wird danach auf kräftiges Schreibpapier oder Aktendeckel mit Kleister aufgeklebt und angepreßt. Auf das Papier wird nun die Form des aufzulegenden Stückes genau aufgezeichnet und danach mit einem scharfen, spitzen Messer ausgeschnitten.

Fig. 101. Albumdecke mit Lederauflage. (M. Göhre in Leipzig.)
Nachdem alle farbigen Lederteile auf diese Weise vorbereitet sind, wird die Zeichnung auf dem Leder vorgedruckt und diesem Vordruck gemäß Stück für Stück auf den Deckel aufgeklebt, natürlich mit der Fleischseite des Leders, so daß das aufgeklebte Papier oben aufliegt. Das Anschmieren wird dabei in der Weise bewerkstelligt, daß man die einzelnen Teilchen auf ein mit Kleister bestrichenes Blech legt und gut andrückt; man hebt sie danach mit der Messerspitze ab und klebt sie an der Stelle, für die sie bestimmt sind, auf. Ist die ganze Klebearbeit besorgt, so wird ein Blatt Papier über den Deckel gelegt und der Band einige Zeit zwischen Blechen oder Platten eingepreßt. Die Pressung bewirkt, daß die aufgelegten Teile sich in Papierstärke in den Grund eindrucken. Der aus der Presse kommende Band wird nunmehr mit Wasser überfahren, um das Papier loszuweichen. Nachdem dies abgelöst worden ist, legt man abermals ein Blatt Papier, besser noch ein Blatt Staniol auf den Deckel und preßt den Band von neuem ein. Vollendet wird die Arbeit zuletzt durch das Konturieren der eingelegten Teile mit Goldlinien. Der Kontur darf dabei die Auflage nur so weit treffen, daß sie gewissermaßen angeklemmt und die Verbindungsstelle zwischen Grund und Auflage gedeckt wird.

Fig. 102.Oktavdecke mit Ledermosaik (M. Göhre in Leipzig).

Fig. 103. Oktavdecke mit Lederauflage (Horn in Gera).

Fig. 104. Deckenentwurf für Lederauflage (P. Adam).
Die beigefügten Abbildungen Fig. 101 bis 104 geben einige Muster von Buchdecken mit Lederauflage und dienen der obigen Darlegung zur Erläuterung.
Eine ähnliche Verbindung von Farbe und Gold läßt sich auch, wie schon bemerkt, durch das Bemalen einzelner Teile der Zeichnung erzielen, ein Verfahren, das schon im 16. Jahrhundert geübt wurde. Man benutzt dazu nur Deckfarben, die mit Lack angerieben sind, auch wohl Ölfarben, die freilich den Fehler haben, daß sie nur langsam trocknen. Durch Beimischung von Sikkativ kann man dem Übelstande etwas abhelfen. Im vorigen Jahrhundert und auch noch im gegenwärtigen hat man namentlich gern Pergamentdecken mit gemalten Verzierungen versehen und in der That ist Pergament wohl der am meisten für die farbige Behandlung geeignete Deckelüberzug. Nach dem Vergolden werden die Deckel mit einem mäßig warmen Glättkolben abgeglättet, und der Band dann zwischen Blechen oder Platten, um welche vorher ein Staniolblatt zu schlagen ist, in die Presse gebracht. Nach dem Auspressen wird die ganze Decke mit einem Flanellläppchen und einigen Tropfen gutem Lack recht gleichmäßig überfahren. Bände mit Bemalung müssen vor dieser Arbeit eingepreßt werden.
Eine verhältnismäßig einfache Art, eine Decke mit Linienornamenten in Gold zu verzieren, ist die Stiftvergoldung, die besonders in solchen Fällen gute Verwendung findet, wo rasch und ohne große Kosten eine Vergoldung in reicherer Zeichnung ausgeführt werden soll. Man kann die Stiftvergoldung nur auf glattem oder geglättetem Leder anwenden, das wie bei der Handvergoldung ausgewaschen, grundiert und mit Gold aufgetragen wird. Das Verfahren erfordert eine Vorzeichnung auf Pauspapier, welches über dem aufgetragenen Golde unverrückbar aufgespannt wird. Die gepausten Linien werden dann mit einem Messingstifte (Punktstifte) nachgefahren, der etwas heißer sein muß als bei der Handvergoldung, da das zwischenliegende Papier etwas von der Hitze wegnimmt. Nachdem die Arbeit beendet ist, nimmt man das Papier fort, wischt das Gold herunter und glättet die Fläche ab.
Die Vergoldung der Decke erfordert mitunter die Zuhilfenahme der Presse. Abgesehen von umfangreichen, die ganze Deckenfläche einnehmenden Platten, die nur mit der Presse gedruckt werden können, ist die Anwendung derselben auch bei größeren Mittel- und Eckstücken sowie bei Inschriften erforderlich. Der Pressendruck war schon im 16. Jahrhundert in Übung, und zwar für Blinddruck. Man kannte auch damals schon Vollplatten zum Bedrucken der ganzen Buchfläche. Die Platten sind meist auf beiden Seiten graviert; bei Eckstücken, die so behandelt sind, vereinigte man auf diese Weise das rechts- und das linksseitige Stück in einer Platte. Jede Plattenverzierung wurde einzeln gedruckt, nicht, wie in unserer Zeit, alle Teile, die die Deckenverzierung bilden, gleichzeitig mit einem Druck. Die Presse, die zum Drucken diente, war die sog. Stockpresse. Mit der Einbürgerung der Handvergoldung kam der Pressendruck mehr und mehr außer Gebrauch und beschränkte sich im 17. und 18. Jahrhundert fast ausnahmslos auf die die Mitte einnehmenden Wappen oder Bibliothekszeichen.
In der heutigen Buchbinderei ist die Vergolderpresse eine für den Großbetrieb unumgängliche Maschine, die aber nicht bloß zum Golddruck, sondern auch zum Aufdruck von Farben dient, deren bis zu zwölf und mehr hintereinander gedruckt werden, um buntfarbige Bilder, figürliche wie landschaftliche, auf die Kalikodecke zu bringen. Es wird dem Buchdeckel damit eine Verzierung aufgenötigt, die seiner Natur und der Natur des ihn überziehenden spröden Stoffes wenig entspricht. Da aber über den Geschmack sich streiten läßt, würde es vergeblich sein, gegen diese Verirrung desselben sich aufzulehnen. Unsere Abbildung (Fig. 105) gibt die jetzt allgemein übliche Gestalt der Presse wieder. Der Druck wird von unten her mittelst eines Hebels ausgeübt. Der Kopf der Maschine ist unbeweglich; er hat unten eine glatte Fläche, den sog. Tiegel, mit drei Heizröhren darunter, die zur Aufnahme glühender Bolzen dienen. Diese geben die Hitze an die Druckplatte ab, die mit der Rückseite an den Tiegel befestigt wird. Zu dem Ende leimt man, da Metall auf Metall nicht festklebt, ein kräftiges Stück Papier auf die Druckplatte und diese mit dem Papier an den Tiegel an. Besteht die Verzierung aus einzelnen Stücken, so werden diese in der entsprechenden Zusammenstellung aufgeleimt. Unter dem Tiegel und von diesem durch einen Zwischenraum getrennt befindet sich der sog. Schlitten, eine Platte, die vorgezogen werden kann und zum Auflager für die zu pressende Decke dient. Beim Niederdrücken des Schwengels wird der Schlitten gegen den Tiegel gedrückt und auf diese Weise die Pressung bewirkt.
In der Regel kommt eine und dieselbe Decke mehrere Male in die Presse, zumal bei vielfarbiger Zeichnung. Um nun ohne weiteres jedes folgende Mal die Decke genau in dieselbe Lage zu bringen, wie die beim ersten Druck, ist eine Punktur erforderlich. Man schafft dieselbe mit Hülfe von zwei Reißzwecken mit nicht zu kurzem Stift, die man auf dem Schlitten festklebt. Die Decke selbst wird nach einer aufgelegten Schablone mit zwei Punktierlöchern versehen, die der Stellung der beiden Stifte genau entsprechen. Bei jedem neuen Druck wird die Decke mit den Punktierlöchern auf die Stifte gebracht, so daß genau Druck auf Druck paßt. Für Blinddrucke und Pressungen, die nur einen Druck erfordern, bedient man sich zur Anlage eines angeschraubten Metall- oder angeklebten Pappwinkels; besser noch sind die Klötzchen, die auf den Schlitten aufgeleimt werden, zwei für die seitliche Führung und eins hinten zum Anstoßen.
Für jede Art der Pressung: Blinddruck, Golddruck, Farbendruck, ist je eine Platte notwendig. Bei mehrfarbigem Druck erfordert jede Farbe ihre Platte, ganz wie beim lithographischen Farbendruck. Bei sehr dichter Zeichnung, die vom Grunde des Überzugs nichts oder wenig mehr sehen läßt, wird die Fläche vorweg mit einer Platte ohne Gravierung glatt gepreßt.

Fig. 105. Vergoldepresse von Mansfeld in Leipzig.
Kommt Gold- und Farbendruck zusammen auf einer Decke zur Anwendung, so wird erst das Gold, dann die Farbe gedruckt. Die Farben werden kalt gedruckt, beim Golddruck wird der Tiegel in der schon oben erwähnten Weise heiß gemacht. Statt der Bolzen kann man auch Gas oder überhitzten Dampf zu diesem Zwecke benutzen.
Die Grundierung der Decke ist bei der Preßvergoldung wesentlich einfacher als bei der Handvergoldung. Sowohl für Kaliko wie für Leder überfährt man die ganze Fläche mit verdünntem Eiweiß (halb Eiweiß, halb Essig oder Lagerbier); nur bei feinen Lederbänden werden die zu vergoldenden Stellen ausgepinselt. Das Gold wird mit Öl aufgetragen.
Kaliko erfordert einen schärferen Druck als Leder; die Hebelpresse wird demgemäß mit einer daran befindlichen Vorrichtung schärfer eingestellt, ebenso verlangt Kaliko einen größeren Hitzegrad als Leder.
Samt, der freilich nur noch selten vergoldet wird, muß vorerst sehr heiß vorgedruckt werden, damit die Haare wie niedergebrannt erscheinen; dann wird mit der abgekühlten Presse das Gold aufgedruckt. Als Grundiermittel dient Vergoldepulver, das aus zwei Teilen Kopal und einem Teil Dammarharz oder aus ostindischem Kopal und weißem Schellack zu gleichen Teilen — alles fein pulverisiert — besteht. Das Pulver wird mit einer Büchse aufgestäubt, die an Stelle des Bodens mit dünnem Webstoff (Gaze) überspannt ist. Wenn Samt mit der Hand vergoldet werden soll, wird das Gold mit den Stempeln, Fileten etc. aufgenommen; der Hitzegrad darf etwas höher sein, als bei der Eiweißvergoldung; es muß aber etwas langsamer gedruckt werden. Statt mit Pulver kann man auch mit Eiweiß grundieren, doch muß in diesem Falle der Vordruck erst mit gewöhnlichem Lack ausgepinselt werden und ganz trocken geworden sein, ehe man mit Eiweiß nachpinselt. Beim Pressendruck wird die oben ausziehbare Platte des Pressenkopfes mit der angeklebten Druckplatte über Gas oder Spiritus stark erwärmt. Während des Erwärmens wird Gold auf die Platte aufgetragen, dann die Ausziehplatte wieder in die Presse geschoben, die eingestäubte Decke auf den Schlitten aufgenadelt, dieser ebenfalls eingeschoben und nun die Presse zugedrückt. Die Decke wird nicht eher aus der Presse genommen, bis die Platte völlig erkaltet ist. Gewöhnlich bringt man auf den ersten Goldauftrag sofort einen zweiten aus Blattmetall (unechtes Gold), das dann beim Druck unter dem ersten Golde liegt. Auf diese Weise wird der Glanz der Vergoldung wesentlich erhöht.
Bei der Verzierung der Lederdecke spielt auch die Farbe derselben eine Rolle, zumal wenn das Ornament selbst farbig behandelt wird. Heutzutage ist das Leder in den verschiedensten Farben käuflich, ebenso wie der Kaliko. In früheren Zeiten färbte der Buchbinder das Leder (Kalb- oder Schafleder) selbst, das er in lohgarem Zustande vom Händler bezog. Außer der einfachen Färbung gab man dem Leder auch wohl ein buntes Aussehen durch Marmorierung. Sämtliche Farben: Schwarz, Braun in verschiedenen Tönen, Rot, seltener Blau und Violett, wurden durch Beizen hervorgebracht. Für Schwarz diente Eisenschwärze, auch Eisenfeile, die man längere Zeit in Bier stehen ließ und darin kochte, für Braun Pottaschenwasser oder eine leichte Lösung von Ätzkali oder Ätznatron, für Rot ein Auszug aus Fernambukholz oder Alkannawurzel, mit Kochenille zusammengekocht; durch einen Zusatz von Zinnsalzlösung erhielt die Farbe ein lebhafteres Aussehen. Zur Blaufärbung nahm man Blauholz oder Indigokarmin. Die Beize wurde auf das ausgespannte Fell, nachdem es ausgewaschen, gekleistert und wieder getrocknet war, mit einem Schwamme oder Hasenfuß aufgetragen. Das Marmorieren wurde durch Aufsprengen von Beizen und Farben mittelst eines kleinen Reiswurzelbesens bewerkstelligt. Zuerst wurden die Farben auf das dunkel gefärbte Leder aufgesprengt, dann die zur Entfärbung einzelner Stellen dienenden stark verdünnten Beizen, aus Scheidewasser, Salz- oder Zitronensäure bestehend. Das Durcheinanderlaufen der Farben wurde auch dadurch bewirkt, daß das beim Aufsprengen flach liegende Fell hinterher nach einer Seite geneigt wurde, so daß die verschiedenen Flüssigkeiten in kleinen Rinnsalen ab- und zusammenliefen. Man erzielte dadurch eigentümlich abschattierte Adern; der Grund wurde vorher mit reinem Wasser oder einer Galläpfelabkochung besprengt. Auch das bereits fertig mit Leder überzogene Buch verstand man auf diese Weise zu marmorieren; indem man die Deckel ein wenig nach innen bog, das Buch dabei schräg nach unten neigte, liefen die Adern nach der Mitte zu zusammen und es entstand der sog. Baummarmor.
Das Marmorieren des Leders ist jetzt fast nur noch in England üblich. Zur Vergoldung auf marmoriertem Grunde bedient man sich nur weniger Linien und Stempel von kräftigen Formen, da zierliches und reiches Ornament auf buntem Grunde nicht gut wirkt.
Andere Arten der Ledermarmorierung seien hier noch kurz angemerkt. Der Marmor mit rotem Grunde hieß Feuermarmor, eine durch Tupfen mit dem Schwamme hergestellte Art Schwammmarmor; Kalkmarmor wurde durch Aufsprengen von dünnem Kalkwasser statt reinen Wassers hergestellt.
Wie die ganze Decke marmorierte man auch wohl nur Teile derselben, indem man die übrige Fläche durch Überkleben zudeckte. Auch wurden mit der Reißfeder vollständige Liniaturen ausgeführt, zwischen denen sich Vergoldungen recht gut ausnahmen.
Nachträglich sind noch einige Bemerkungen über die Behandlung des Pergamentes (vergl. S. 124) und des Samts (vergl. S. 151) zu machen.
Pergament, gleichviel ob Schaf- oder Kalbspergament, wird vor dem Überziehen mit reinem Papier gefüttert (zum Aufkleben ist Kleister zu verwenden) und zum Trocknen zwischen Pappen gelegt. Der so vorbereitete Überzug wird auf den Buchkörper aufgepaßt und an der Stelle, wohin die Fälze kommen, ein Bruch und in Falzbreite daneben, nach der Deckelseite zu, ein zweiter Bruch gemacht, ähnlich wie dies bei dem sog. gebrochenen Rücken (vergl. S. 92) zu geschehen pflegt. Das so vorbereitete Pergament wird dann mit Leim angeschmiert und über den Band gezogen.
Samt kann man auf zweierlei Weise verarbeiten. Entweder wird der Pappdeckel mit Leim angeschmiert, der Samt darüber gezogen und der Einschlag besonders mit Leim angeschmiert, oder der zugeschnittene Samt wird mit nicht zu dünnem Kleister angeschmiert und in gewöhnlicher Weise behandelt. Die Behandlung des Buchkörpers ist die gleiche wie beim Halbfranzbande. Samtbände nehmen sich stets am besten aus, wenn sie, sofern nicht Stickerei in Frage kommt, nur durch silbernes oder vergoldetes Beschläge verziert werden.
NACHTRAG. Die Wiederherstellung alter Einbände.
Schon bei einer früheren Gelegenheit (Seite 28) ist von der Behandlung alter Bücher die Rede gewesen, die mit einem neuen Einbande versehen und dabei womöglich in den Zustand versetzt werden sollen, in dem sie sich zur Zeit ihrer Entstehung befanden. Es wird nicht überflüssig sein, hier noch einige Bemerkungen über die Wiederherstellung, bez. Reinigung alter Einbände zu machen, da die Liebhaberei an alten Erzeugnissen des Kunstgewerbes immer mehr zunimmt und die Gemeinde der Sammler ebenso wie die Sammlungen täglich neuen Zuwachs erhalten.
Die Grundregel bei der Wiederherstellung beschädigter Einbände ist, daß man zu erhalten sucht, was eben noch zu erhalten ist. Es ist nicht gleichgültig, ob ein Stück des Einschlages einer alten Decke erhalten bleibt oder durch neues Leder ersetzt wird. Besonders wichtig ist es, etwaige sich vorfindende handschriftliche Bemerkungen zu erhalten, da sie mitunter Auskunft über die Geschichte des Bandes, seine Vorbesitzer u. s. w. geben. Wichtig ist auch die Bloßlegung der bei einer früher stattgefundenen Ausbesserung verklebten ersten Vorsätze, da sie häufig wertvolle alte Marmor- und Brokatpapiere zu Tage fördert.
Sind Bünde zu erneuern, so wählt man denselben Bundstoff, Leder, Pergament oder Schnur, der ursprünglich verwandt worden ist. Ist ein neuer Goldschnitt nicht zu umgehen, so wird dieser nach dem Trocknen nur unter Papier angeglättet; er erscheint dadurch alt. Alte Goldschnitte preßt man fest ein, bestreicht ein Stück weiches Leder mit einer erbsegroß Vaseline und reibt damit die Fläche einige Male recht fest ab. Aufgemalte Schnitte lassen sich erforderlichen Falles mit Aquarellfarben aufmuntern. Kapitale, die zu erneuern sind, werden mit Faden von blasser Färbung frisch umstochen.
Sind Fälze unter einer Decke zu ergänzen, so muß man die alten Decken ablösen; beim Wiederüberziehen sind die Bünde gut einzureiben, nach dem Einschlagen aber recht straff in den Rücken hereinzuziehen.
Bei Pergamentbänden müssen die Bünde durch den Falz gezogen werden, ebenso das verlängerte Kapital.
Überraschenden Erfolg hat häufig das Abwaschen der Deckenvergoldung. Laues Wasser und Schmierseife genügen in den meisten Fällen, um Jahrhunderte alten Schmutz zu entfernen. Die Ergänzung einzelner Fehlstellen in der Vergoldung bewirkt man am besten durch Einmalen von Muschelgold. Mit Rollen und Fileten erhält man ein zu blankes Gold, das man erst trüben muß, um es in Übereinstimmung mit der alten Vergoldung zu bringen.
Beschläge dürfen nur mit Sodawasser oder Seife ausgewaschen, nicht aber geputzt oder gar blank gebeizt werden. Sind die Knöpfe an den Ecken vom Gebrauch durchgerissen, so müssen sie unter Einlage eines abgepaßten und nachgetriebenen Stückchens Messing ausgelötet werden. Neu einzunietende Stifte läßt man vorher ausglühen, damit sie dunkel anlaufen.
Die erneuerten alten Decken mit Lack zu überstreichen, ist nicht ratsam, da der Glanz des Lackes unangenehm ins Auge fällt. Am besten ist es, die Fläche mit ein wenig Olivenöl einzufetten und mit einer Wachsbürste abzubürsten.

Eckstück von einer abgeriebenen Decke, Ende des 17. Jahrh. Kunstgewerbemuseum zu Leipzig.

Abgeriebene Decke. Ende des 17. Jahrh. Kunstgewerbemuseum zu Leipzig.