I. DIE TECHNIK DER BUCHBINDEREI. (continued 2)
Reading edition

Fig. 26. Leimkessel mit Petroleumheizung von Wilhelm Leo in Stuttgart.
Der Kleister, zu dem nur die beste Weizenstärke verwendet werden sollte, wird ebenfalls nicht gekocht, sondern mit siedend heißem Wasser angebrüht. Die Stärke, mit etwas kaltem Wasser besprengt, zerfällt rasch und läßt sich dann zu einem honigdicken Brei verrühren. Im Winter soll das Gefäß etwas erwärmt, das Wasser zum ersten Anrühren lauwarm sein. Auf ein Teil Stärke nimmt man etwa fünf Teile siedendes Wasser für kräftigen, bis zu zehn Teile für schwachen Kleister. Das Wasser wird unter tüchtigem Rühren erst langsam, gegen Ende rasch zugegossen, damit die Umwandlung in Klebstoff recht gleichmäßig vor sich gehe und Knoten vermieden werden. Ist so lange gerührt worden, bis das Ganze eine gleichmäßige Masse bildet, so setzt man auf jedes halbe Pfund Stärke etwa einen Theelöffel voll gewöhnliches Terpentin zu. Dieser Zusatz erhält den Klebstoff schimmelfrei und schützt die Bücher einigermaßen vor Wurmfraß, da die Milben den so zubereiteten Kleister scheuen.
Zur Aufbewahrung während des Gebrauchs dient eine glasierte Schüssel von Steingut, der Haltbarkeit wegen besser noch ein emaillierter eiserner Napf. Die oben genannte Fabrik bringt auch Kleistertöpfe in den Handel, die in der Mitte eine Vorrichtung zum Abstreichen und zum Auflegen des Kleisterpinsels haben.
Die Pinsel für Kleister dürfen nicht mit einer Eisenblechhülse, einem Eisenring oder Eisendraht versehen sein, da das Eisen leicht rostet und der Rost auf weißem Papier gelbe, auf Leder schwarze Flecke erzeugt. Bei Leimpinseln ist die eiserne Hülse unbedenklich, weil der Leim nicht ansäuert und keine Rostbildung veranlaßt.

Fig. 27. Zierschnitt, farbig ausgemalt, von einer Kölnischen Bibel, 17. Jahrh.
ZWEITER ABSCHNITT. Der Buchschnitt und die weitere Bearbeitung bis zur äusseren Verzierung.
1. Der Buchschnitt und seine Verzierung.
Älteste Schnitte. — Neuere Schnitte. — Sprengschnitte, Kleisterschnitte, Farbschnitte. — Marmorschnitte. — Der Goldschnitt. — Doppelschnitte. — Verzierte Goldschnitte, ziselierte und bemalte Schnitte. — Das Kapital. — Älteste Kapitale, neuere Kapitale, unser jetziges Kapital, orientalisches Kapital.
Von gewöhnlichen Schulbüchern geringen Umfangs abgesehen, wird bei fast allen Büchern der Schnitt ringsum gefärbt oder vergoldet, da weißer Schnitt leicht schmutzt.
Die frühesten Schnitte an gebundenen Büchern sind einfarbig, meist zinnoberrot oder auch gelb. Der Goldschnitt kommt zuerst im 16. Jahrhundert auf, in der Regel schon als Zierschnitt, d. h. die vergoldete Fläche wurde unter Anwendung der Punze mit einem meist linearen Ornament versehen. Man begnügte sich indes nicht immer mit dieser einfachen Ornamentierung, sondern nahm auch die Farbe zu Hilfe, schabte die farbig zu behandelnden Stellen aus und malte mit dem Pinsel die Verzierung hinein. Diese Behandlung der Schnittfläche steigerte sich bei besonders kostbaren, bez. zum Gottesdienst bestimmten Werken nicht selten bis zu den herrlichsten Kunstleistungen, mit denen der berufsmäßige Maler dem Buchbinder ebenso zu Hilfe kam, wie anderseits der Goldschmied bei der Verzierung des Deckels mit dem Silberbeschlag.

Fig. 28. Frühitalienischer Zierschnitt mit Flechtwerk.

Fig. 29. Italienischer Zierschnitt des 16. Jahrhunderts.

Fig. 30. Gemalter Zierschnitt. Frankreich, 17. Jahrh.
Die liebevolle Sorgfalt, welche das 16. Jahrhundert, die Zeit der Renaissance, auf den Schnitt verwendet, läßt im 17. Jahrhundert allmählich nach. Die Zeichnung des Ornaments vergröbert sich, immerhin werden die Schnitte aber wenigstens noch an den Ecken und am Kapital verziert. In Fig. 27–31 geben wir einige Zierschnitte des 16. und 17. Jahrhunderts in Abbildung.
Gegen Ende des 17. und im 18. Jahrhundert verschwindet nach und nach der gemalte Schnitt, die Punzierung wird nachlässiger und an deren Stelle tritt der Stempeldruck. Die Ornamentierung wird dabei von dem Geschmack der Zeit (Rokoko) beeinflußt, zeigt indes häufig noch klare, auf geometrischer Einteilung der Fläche beruhende Formen, wie aus der Abbildung (Fig. 32) zu ersehen ist.

Fig. 31. Gemalter Zierschnitt. Sachsen, 17. Jahrh.

Fig. 32. Gepunzter Zierschnitt. Deutschland, 18. Jahrh.
Im Anfange des 18. Jahrhunderts findet sich bereits der Spreng- oder Sprenkelschnitt mit seinen Abänderungen als Kleien-, Sand-, Körner-, Wachs- und Stärkeschnitt, mehr aber noch der Kleisterschnitt und gegen Ende des Jahrhunderts der marmorierte Schnitt. — Das laufende Jahrhundert brachte uns in seinen ersten Jahrzehnten den untermalten und unterfärbten Goldschnitt, den Goldschnitt mit Marmorierung darunter und darüber, vor allem aber die vollkommenste Ausgestaltung des Marmorschnittes. In der neuesten Zeit kamen hierzu der Zierschnitt mit Überdruck, welcher sich aber für die Dauer nicht zu halten vermochte, und der Goldschnitt mit mehrfarbigem Golde.
Über das zur Herstellung der verschiedenen Arten des farbigen Schnittes anzuwendende, bez. früher angewandte technische Verfahren geben wir im folgenden das Nähere an. Unter allen Umständen muß vor dem Beginn der Arbeit der Vorderschnitt sowohl wie der Oberschnitt mit dem Messer abgeputzt, d. h. die beim Beschneiden zurückgebliebenen Unebenheiten beseitigt, auch die ersten und letzten vorgeschossenen Blätter mit dem Lineal, besser noch aus freier Hand etwas schräg nach außen abgeschnitten werden.
1. Der Sprengschnitt. Noch in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts stellte man die Bücherschnitte durch Spritzarbeit her, indem man eine Bürste mit etwas Farbe befeuchtete, und, mit dem Finger über die Borsten streichend, die Farbentröpfchen gegen den Schnitt spritzen ließ. Jetzt bedient man sich eines Gitters, über das man mit der Farbenbürste streichend, einen Staubregen farbiger Tröpfchen auf die eingepreßten Schnitte fallen läßt. Zu diesem Ende werden die Bücher, sofern es sich um Vorderschnitte handelt, in handlichen Stößen übereinander geschichtet, und so in die Presse gesetzt, daß die Schnittränder den Balken gleichstehen. Oben und unten fügt man eine sog. Spalte ein, d. h. ein schmales Brett, etwas länger als die zu bearbeitenden Bücher und ungefähr 6 cm breit. Das Brett ist aber der Breite nach nicht gleichdick, sondern verläuft keilförmig. Dies hat den Zweck, das Buch am vorderen Rande kräftiger zu pressen als an den übrigen Stellen. Solche Spalten sind überall da unentbehrlich, wo Schnitte unter scharfem Druck mit einem Zahn geglättet werden sollen. Bei der Färbung der Oberschnitte legt man die Bände verschränkt, so daß der Vorderrand im Falz des nächstfolgenden Bandes liegt; oben und unten wird je ein Längenbrett vorgelegt.
Je feiner die Farbentropfen auffallen, desto schöner der Schnitt. Damit nun nicht größere Tropfen oder gar Klexe auf den Schnitt kommen, ist es notwendig, daß schon in der Bürste die Farbe gleichmäßig verteilt ist. Dies geschieht, wenn man etwas Farbe auf einen Stein oder ein Brett schüttet und mit der Bürste verreibt; außerdem übt man die Vorsicht, die gröbsten Tropfen vorher noch über ein Stück Makulatur auszuspritzen. Als beste Farbe zum Sprenkeln empfiehlt sich Kasseler Braun oder Nußholzbeize, die in jeder Farbwarenhandlung käuflich ist, da sie nur mit Wasser angerührt wird und keines weiteren Bindemittels bedarf.
Außerdem verwendete man früher mit Vorliebe Rot, Blau und wohl auch Grün. Heute sind diese Farben seltener geworden, wie denn überhaupt gesprenkelte Schnitte allmählich außer Gebrauch kommen. Am meisten werden sie noch als sog. Sand- oder Kleienschnitte angewendet. Das Verfahren ist folgendes. Auf einen weißen Schnitt wird leicht gefeuchteter Sand, Sägemehl oder Kleie aufgestreut, diese Stoffe decken einzelne Teile des Schnittes zu, welche weiß bleiben, während die unbedeckten Teile von der Farbe getroffen werden. Auf diese Weise entsteht eine Art marmorierter Schnitt (Fig. 33): Um Gleichmäßigkeit zu erzielen, hat man dafür zu sorgen, daß die aufgestreute Menge recht gleichmäßig verteilt ist, was mitunter die Nachhilfe mit einer Messerspitze erfordert.
Früher kannte man eine noch größere Auswahl von Sprengschnitten, deren Herstellung aber meist sehr umständlich ist. Dazu gehören Wachsschnitte (mit aufgetröpfeltem Wachs als Deckmittel), Körnerschnitte (mit aufgestreuten Körnern verschiedener Hülsenfrüchte) und Stärkeschnitte. Die letztgenannten werden noch heute dann und wann in Anwendung gebracht. Mit Geschick hergestellt, kann ein derartiger Schnitt recht gut aussehen und läßt mancherlei Abwechselungen zu. Die Stärke wird dabei zu einem honigdicken Brei mit Wasser angerührt und mit einem Pinsel aus Wurzeln, wie solche bei den Bürstenbindern zu kaufen sind, in groben Tropfen aufgespritzt. Nachdem die Tropfen ihre Feuchtigkeit an den Schnitt abgegeben haben und oberflächlich trocken geworden sind, wird die Farbe aufgesprengt, die Stärke später abgeklopft. Damit dies Abtrocknen schneller geht, überführt man den Schnitt vor dem Aufspritzen der Stärke mit einem Schwämmchen, das mit Spiritus getränkt ist; der Spiritus entzieht der Stärke den Wassergehalt. Um einen bunten Schnitt herbeizuführen, stellt man mehrere Näpfchen mit Stärke auf und gibt jedem einen Zusatz von Farbe, dem einen Blau, dem anderen Rot u. s. w. Die Stärke gibt dann einen Teil der Farbe an den Schnitt ab. Natürlich muß man darauf achten, daß schließlich noch einige Stellen von Farbe frei bleiben. Über das Ganze wird die Farbe dann recht kräftig dunkel aufgesprengt (Fig. 34).

Fig. 33. Sandschnitt, auch mit Kleie oder Sägemehl herzustellen.
Außerdem bediente man sich ehedem auch noch ausgeschnittener Schablonen, über welche der Schnitt gesprengt wurde, oder an ihrer Stelle durchsichtiger gemusterter Webstoffe. Als die sogenannte Spritzmalerei in den siebziger Jahren in Aufnahme kam, wurde dieselbe auch wohl auf Bücherschnitte mit Erfolg angewandt.
2. Der Kleisterschnitt. Älter als der Sprengschnitt ist der Kleisterschnitt. Die Schnittfläche wird bei Herstellung desselben kräftig mit gefärbtem Kleister bestrichen. Bevor der Farbenauftrag trocknet, wird mit einem etwas zugespitzten Kork ein Bandornament gezogen, wodurch die Farbe an den betreffenden Stellen zum Teil entfernt wird und heller erscheint. Zwischen dieses Bandornament werden dann mit einem stumpfen Holz- oder Metallstift noch Blüten, Blattmotive, Ranken oder dergleichen eingezeichnet. Die Arbeit ist für Luxusbände, besonders für solche, die im Sinne früherer Zeiten gebunden und verziert werden sollen, durchaus passend, nur muß der Arbeiter etwas vom Zeichnen verstehen. Als Farbe dient am besten Indigokarmin für Blau, dem man jedoch etwas Braun zusetzt, damit die Farbe gedämpft werde, und das oben genannte Kasseler Braun. Helle und grelle Farben zur Anwendung zu bringen, ist nicht ratsam, da der Schnitt dadurch ein auffälliges, für das Auge unangenehmes, weil mit dem sonstigen Äußeren des Buches im Widerstreit stehendes Aussehen erhält. Nur bei marmorierten Schnitten bedient man sich ungebrochener und leuchtender Farben, weil diese in der Marmorierung nicht grell hervorstechen.

Fig. 34. Stärkeschnitt, mit eingefärbter Stärke.
Der Kleisterschnitt wird stets am eingepreßten Buche gemacht; der Vorderschnitt kann sowohl in geradem, als auch, wenn der Band nicht zu dünn ist, in gerundetem Zustande auf diese Weise behandelt werden. Die Farbe soll dabei kräftig aufgetragen werden, jedoch nicht so dick, daß sie beim Aufblättern des Buches abspringt.
Es empfiehlt sich, ehe man die Verzierung ausführt, an beiden Seiten, gleichlaufend mit dem ersten Bogen, eine Linie zu ziehen und dadurch dem Ornamente einen Abschluß zu geben. Fig. 35–38 sind Beispiele solcher Kleisterschnitte.
3. Der Farbschnitt. Der Farbschnitt, d. h. der mit dem Pinsel durch Aufstreichung der Farbe hergestellte einfarbige Schnitt, ist, nachdem er jahrzehntelang von dem Marmorschnitte verdrängt war, in neuerer Zeit wieder allgemein üblich geworden. Außer dem Goldschnitt und dem Kleisterschnitt ist kein Schnitt so dauerhaft. Seine Herstellungsweise ist verhältnismäßig einfach. Die Farbe, vorher aufs feinste gerieben, wird mit einem Bindemittel, am besten mit Fischleim, Gelatine oder Leim (weniger gut mit Kleister oder Eiweiß) angerührt unter Zusatz einer nicht zu reichlichen Menge Wasser. Die Farbe muß so kräftig sein, daß sie die Schnittfläche deckt, ohne daß ein zweiter Aufstrich notwendig wäre. Die Verwendung von Anilinfarben ist nicht ratsam, da diese unter dem Einfluß des Lichtes sehr bald verblassen.

Fig. 35.

Fig. 36.

Fig. 37.

Fig. 38.
Zum Aufstreichen der Farbe bedient man sich eines Haarpinsels. Der Band braucht dabei nicht eingepreßt zu werden; man hat nur nötig, ihn zwischen Spalten oder Brettern an die Tischkante zu legen und mit der linken Hand fest zusammenzudrücken. Schöner wird der Schnitt allerdings, wenn er in der Presse recht fest eingepreßt und mit einer Ziehklinge geschabt wird, ehe der Farbenauftrag erfolgt.
Besteht der Band aus ungeleimtem oder halbgeleimtem Papier, so muß der Schnitt vor dem Färben mit einer dünnen Leimlösung, der etwas Alaun zugesetzt wurde, überfahren werden; indes genügt schon das Überfahren mit Alaunwasser allein. Geschieht dies nicht, so saugt das Papier die Feuchtigkeit der Farbe allzurasch auf, während diese selbst sich sehr dick außen aufsetzt und später abblättert.
Als Farbstoffe dienen Karmin, Indigo, Berliner Blau, das oben genannte Kasseler Braun und grüner Zinnober. Früher wurde auch Chromgelb vielfach verwendet, während heute sich dessen Gebrauch sehr vermindert hat; wenn wirklich noch ein gelber Schnitt verlangt wird, so erreicht man seinen Zweck durch eine Beize mit Pikrinsäure.
Für schwarze Schnitte, die bisweilen auch vorkommen, dient am besten chinesische Tusche; dieselbe ist so ergiebig, daß der Preis kaum ins Gewicht fällt. Einen besonderen Reiz hat der Graphitschnitt, zumal wenn er — wie wir weiterhin sehen werden — mit Stempeln vergoldet wird; zu seiner Herstellung kann man sich der Ofenschwärze unter Zusatz eines Bindemittels bedienen.
Jeder Schnitt, der mittelst Farbe hergestellt wird, muß nach dem Trocknen geglättet werden. Der Vorderschnitt wird dabei zwischen Spalten, Ober- und Unterschnitt zwischen Längebretter so eingepreßt, daß Schnitte und Spalten oder Bretter genau eine Fläche bilden, aber hinter der Oberfläche der Preßbalken etwa einen Finger breit zurückstehen. Dies hat den Zweck, ein schärferes Pressen zu erzwingen; würden die Bände mit dem Preßbalken Linie halten oder diese gar überragen, so wäre der Druck wesentlich geringer. Bei mangelhaftem Druck aber glätten sich leicht Runzeln oder Falten in das Papier.
Nach dem Einpressen wird jeder Schnitt durch Abbürsten mit einer harten Bürste von etwa anhaftenden Unsauberkeiten befreit; damit der Glättzahn gut gleitet, reibt man vorsichtig jeden Schnitt mit einem weichen, etwas gewachsten Lappen ab. Die Glättzähne sind entweder flach oder rund und bestehen aus Achat oder Blutstein. Der Zahn ist in eine Metallhülse gefasst und an einem hölzernen Stiele befestigt. (Fig. 39.)

Fig. 39. Glättzähne, flach und rund.
Mit dem flachen Zahne allein läßt sich zur Not auskommen, da man auch den runden Vorderschnitt mit diesem, quer über den Schnitt gehend, glätten kann; nur muß man dann erst die eine und nach Drehung der Presse die andere Hälfte abglätten. Immerhin ist es besser, nachträglich noch mit dem runden Zahne der Länge nach zu glätten. Das Hin- und Herfahren mit dem Zahne darf nicht zu schnell geschehen, sonst erwärmt sich dessen Oberfläche und zieht Streifen. Langsame Bewegung unter kräftigem Druck bei stetigem Zuge gibt den besten Erfolg, namentlich, wenn nach jedesmaligem Durchglätten mit dem gewachsten Lappen die Fläche abgerieben wird. Beim Glätten stemmt man das obere Ende des Holzgriffes gegen die Schulter und neigt den Körper so weit nach vorn, daß der Zahn, dessen unteren Teil man an der Metallfassung fest mit beiden Händen umfaßt, schräg, und zwar in einem Winkel unter 45° zum Schnitt steht. Die Presse ruht während der Arbeit mit ihren Spindeln auf der Tischkante und ihr unterer Balken wird durch den Preßknecht unterstützt. Gegen diesen stemmt man das eine Knie, wodurch der vorgeneigte Körper einen festen Halt gewinnt.
Die Arbeit hat mit schwachem Druck zu beginnen und erst beim zweiten oder dritten Durchglätten wendet man die volle Kraft an. Es genügt, wenn ein matter Glanz in möglichster Gleichmäßigkeit erzielt wird; Spiegelglanz, wie beim Goldschnitt, ist nicht erforderlich.
Ober- und Unterschnitt wird ebenfalls quer geglättet, können jedoch schließlich der Länge nach fertig geglättet werden.
Farbschnitte lassen sich sehr schön verzieren durch Goldornamente, die man ihnen mit Rollen und Stempeln aufdruckt. Nach dem Glätten, und während noch der Schnitt in der Presse steht, wird Blattgold aufgetragen, nachdem man den Platz für das Ornament abgezirkelt oder leicht vorgedruckt hat. Mit einem ganz schwach gefetteten Läppchen überfährt man den Schnitt und bringt mit einem sogenannten Anschießer das Gold auf, welches dann mit Watte leicht angedrückt wird. Man sieht nun durch dasselbe hindurch den Vordruck oder die Vormerkung, nach der man sich beim Aufsetzen der Stempel oder Rollen, die leicht angewärmt sein müssen, zu richten hat. Nach dem Aufdruck wird der Schnitt mit einem sauberen Lappen abgewischt, alles überflüssige Gold völlig abgeputzt, und kann nochmals leicht abgeglättet werden. Im übrigen verweisen wir auf den Abschnitt »Handvergoldung«; genau dasselbe Verfahren, wie dort beschrieben, kommt hier zur Anwendung, nur ist ein ebener Schnitt mit dem Farbgrunde leichter zu behandeln.
4. Der marmorierte Schnitt. Das Marmorieren des Papieres war ein schon im 16. Jahrhundert bekanntes Verfahren. Marmoriertes Papier wurde damals bereits zu Vorsätzen verwendet und als Nürnberger Papier in den Handel gebracht. Auf Buchschnitten findet sich die Marmorierung erst seit dem vorigen Jahrhundert, und zwar meist in großen, groben Mustern mit kräftigen Farbentropfen und groben Adern. Erst im 19. Jahrhundert, besonders in den sechziger Jahren, wurde das Verfahren zur höchsten Vollendung gebracht. Es wird seitdem nicht allein in den Buntpapierfabriken, sondern auch in fast allen Großbuchbindereien von besonders darauf eingeübten Arbeitern (Marmorierern) als Spezialität betrieben. Das Wesentliche an der Sache ist, daß die auf einer schleimigen Flüssigkeit schwimmende Farbenschicht durch leichtes Eintauchen der Schnittfläche abgehoben wird und nun auf dieser sich festsetzt. Der Schleimgrund wird hergestellt durch eine Abkochung von Caragheenmoos oder Tragantgummi; früher nahm man auch Flohsamen oder Leinsamen dazu.
Die zum Marmorieren gebräuchlichen Farbstoffe sind gegenwärtig fertig im Handel zu haben.
Man unterscheidet zwei Sorten: die nach älterer Weise hergestellten, wie sie von den Buntpapierfabriken benutzt werden, und die sogenannten Halferschen Farben, die zum Zwecke des Schnittmarmorierens besonders bereitet werden. Sie decken zwar nicht so kräftig wie jene, sind dafür aber ungemein feurig und leuchtend. Es empfiehlt sich nicht, beide Sorten durcheinander zu benutzen, da sie sich nicht gut miteinander vertragen. Die Halferschen Farben haben noch den Vorzug, daß sie sich leichter verarbeiten lassen als die anderen und dabei sehr haltbar sind, während einzelne der nach der älteren Bereitungsweise hergestellten Farben gern sauer werden und verderben, mitunter auch den Ton ändern.
Gute Farbe muß ganz fein verrieben sein und im aufgesprengten Tropfen klar und gleichmäßig aussehen, darf also keine grieseligen, scheinbar gerinnenden Teile oder gar Körnchen zeigen. Der Grund wird folgendermaßen hergestellt: 10 gr. Caragheenmoos werden in ein sauberes Gefäß gethan, das noch keinem anderen Zwecke diente, mit einem Liter kochenden Wassers übergossen und staubfrei zugedeckt. Die Flüssigkeit wird, ehe sie völlig erkaltet ist, d. h. solange sich der Topf noch angenehm warm anfühlt, durch ein Tuch, besser durch ein Haarsieb geschüttet, damit alle ungelösten Teile zurückbleiben. Da der größte Feind des Marmorierers die Staubteilchen sind, welche sich auf die Oberfläche des Grundes setzen, so muß das Gefäß mit der Schleimflüssigkeit stets fest zugedeckt gehalten werden.
Der so gewonnene Grund arbeitet am besten am dritten Tage für dichten Farbenauftrag, nach dem fünften Tage für leichtere Marmorarten mit feinen Adern. Benutzt man Gummitragant, so wird im gleichen Verhältnis wie vorhin kaltes Wasser darübergegossen und bleibt bis zur Auflösung des Gummis stehen, doch muß die Flüssigkeit öfters, am besten durch Quirlen, durcheinander gerührt werden. Erst wenn alle Teile gelöst sind, kann man die Masse verwenden. Seiht man den Grund von den noch nicht ganz gelösten Teilen ab, so kann man ihn früher benutzen, während der Rückstand zur weiteren Lösung wieder zurückgeschüttet wird. Am besten ist der Tragantgrund nach dem fünften Tage, bis zu welchem er fortwährend nachdickt. Tragant bleibt länger brauchbar als Caragheenmoos, ist aber etwas teurer.
Das Wasser, welches den genannten Stoffen zugesetzt wird, muß weich sein; am besten ist Regen- oder destilliertes Wasser.

Fig. 40. Marmorierkasten mit Zubehör. (Wilh. Leo in Stuttgart.)
Zur Aufnahme des Grundes während der Arbeit dient ein etwa 4 cm tiefes Becken von Zinkblech, das so lang ist, daß man selbst das längste Buch noch bequem eintauchen kann, und so breit, daß man so viele Bücher eintauchen kann, als man mit der geöffneten Hand zu fassen im stande ist. Das Verhältnis von 20 zu 50 cm dürfte vollauf ausreichen. An einem der schmalen Enden lasse man eine kleine Abteilung anbringen, welche den Farbenrückstand von jeder einzelnen Farbenschicht aufnimmt, der nach jedesmaligem Gebrauch entfernt wird. Damit dieses Entfernen der Oberfläche bequem zu bewerkstelligen sei, wird die Scheidewand zwischen beiden Abteilungen schräg eingesetzt, wie aus unserer Abbildung (Fig. 40) eines vollständigen Marmorierapparates zu ersehen ist. Um die große Abteilung bequem entleeren zu können, empfiehlt es sich, eine kleine Abzugsröhre seitwärts anbringen zu lassen, welche während des Gebrauchs mit einem Korkstopfen verschlossen bleibt.
Man muß so viele Farbennäpfe zur Hand haben, als man Farben anwendet. Die Näpfe sollen einen oberen Durchmesser von 8 cm haben, innen recht rund sein, damit sich die Farbe nicht in Ecken einsetzen kann und stets nach der Mitte zu läuft. Zu jeder Farbe fertigt man sich einen Pinsel von Reiswurzel, welches Material bei jedem Bürstenmacher käuflich ist, indem man um einen runden, hölzernen Stiel in Länge und Dicke eines Bleistiftes so viel von dem Reisstroh mit festem Bindfaden anschnürt, daß ein kleiner Besen entsteht, der an der Bundstelle etwa fingerdick ist; die freistehenden Spitzen werden gleichlang abgeschnitten und müssen unterhalb der Bundstelle eine Länge von 5–8 cm haben. Die Pinsel sind stets sauber zu halten und nach jedem Gebrauch zu reinigen.
Einen besonders dicken Pinsel fertigt man, indem man ein kräftiges Bündel Wurzeln, so viel, als man deren mit Daumen und Zeigefinger umspannen kann, in zweidrittel der ganzen Länge zusammenbindet und unten glatt schneidet. Das Einsetzen eines hölzernen Stieles ist dabei nicht nötig, da der zusammengeschnürte obere Teil genügenden Widerstand leistet.
Wenn wir nun noch die Galle eines Ochsen zubereitet haben, so sind wir gerüstet, um marmorieren zu können.
Zu dem Ende läßt man von einem Metzger, von dem man überzeugt ist, daß er Ochsen schlachtet, eine Galle vorsichtig herausschneiden. Bevor man die Gallenblase öffnet, um die Flüssigkeit zu benutzen, wiegt man eine Halbliterflasche, bringt auf dieselbe einen gläsernen Trichter mit einem Einsatz von Filtrierpapier und öffnet über demselben die Gallenblase. Hat der Trichter alle Flüssigkeit aufgenommen, so wird Flasche, Trichter und Galle beiseite gesetzt, bis eine vollständige Filtration stattgefunden hat. Nun wird die Flasche abermals gewogen, um das Gewicht der erhaltenen reinen Galle festzustellen; den sechsten Teil dieses Gewichtes setzt man an reinem Weingeist zu, schüttelt die Masse durcheinander und kann am nächsten Tage schon die so zubereitete Galle benutzen. Der Gallenzusatz erfolgt tropfenweise. Aus diesem Grunde erscheint es zweckmäßig, etwas von der Galle in einem sogenannten Tropfgläschen zum Gebrauch bereit zu halten, während der Rest als Rückhalt und zum Nachfüllen dient.
Die Arbeit des Marmorierens wird nun an einem Tische vorgenommen, von dem man sich überzeugt hat, daß er durchaus feststeht. Im Umkreise von etwa einem Meter darf sich nichts befinden als das zur Arbeit erforderliche Material und Gerät. Das Marmorierbecken wird dicht an die Tischkante gestellt, mit der Schlammabteilung nach rechts. Hinter dem Becken stehen die Farbennäpfe, hinter diesen die Farbenflaschen, jede bei ihrem Napf.
Wir schütten nun von dem Marmoriergrunde so viel in das Becken, daß es beinahe gefüllt ist. In das erste Farbengefäß kommt etwas Farbe, nicht zu wenig, aber auch nicht mehr, als erforderlich, um den Pinsel bequem benetzen zu können. Die hellsten Farben beginnen den Reigen. Wie wir sehen werden, treibt jede Farbe die vorhergehende und schiebt sie zusammen. Sind nun die am meisten zusammengetriebenen Farben helle Farben, so werden sie sehr kräftig und leuchtend hervortreten. Jeder Farbe werden vor dem Gebrauch je nach der Menge 5 bis 10 Tropfen der präparierten Ochsengalle zugesetzt. Dieser Zusatz bewirkt, daß der Farbstoff nicht untersinkt, wenn er auf den Schleimgrund getröpfelt wird, und sich nicht mit diesem mischt. Die Galle macht die Farben auf dem Grunde schwimmen und treibt sie nach Maßgabe der zugesetzten Menge auseinander.
Wir nehmen nun mit einem sauberen Pinsel etwas Farbe auf und lassen einen Tropfen auf den Grund fallen; derselbe wird schwimmen, ein wenig auseinander treiben, sich aber alsbald wieder zusammenziehen, wenn der Schleimgrund nicht vorher abgezogen wurde. Vor jedesmaligem Aufsprengen von Farbe muß die Oberfläche des Grundes abgezogen werden.
Der Schleimgrund bildet nämlich auf seiner Oberfläche nach nur einer Minute schon ein kaum bemerkbares Häutchen, welches das Ausbreiten der Farben verhindert; dieses Häutchen wird abgezogen, indem man mit einem Streifchen Papier, nicht unter 3 cm breit, die ganze Oberfläche abzieht oder eigentlich in die Schlammabteilung schiebt. Man faßt dabei das Streifchen mit beiden Daumen und Zeigefingern an den Enden, setzt es etwas schräg gegen die Oberfläche auf, drückt es an beiden Enden leicht gegen die Längsseiten und zieht es dicht auf der Oberfläche her, so daß gerade die oberste Schicht abgestreift wird. Auch kleine Staubteilchen, die ja fortwährend in der Luft herumschweben und sich auf der Oberfläche des Beckens niederlassen, werden in dieser Weise mit hinweggenommen.
In ähnlicher Weise streicht man auch den Grund mit einem Brettchen ab, welches, in der Breite des Beckens zurechtgeschnitten, sich leicht zwischen den beiden Seiten herziehen läßt. Doch entfernt der Papierstreifen sicherer alle Farbenreste.
Jeder aufgeworfene Farbentropfen dehnt sich auf dem abgezogenen Grunde sofort aus und zieht sich dann um ein weniges wieder zusammen. Geht die Farbe mehr als ein Sechstel des Durchmessers zusammen, so ist der Grund zu dick.
Ebenso müssen die Ränder des Farbentropfens völlig glatt sein. Sind die Ränder des Probetropfens nicht glatt, treiben sie vielmehr strahlenförmig in den Grund hinein, so ist dieser zu dick. Zu dicker Grund wird mit Regenwasser oder in Ermangelung dessen mit abgekochtem Wasser, welches stets Stubenwärme haben muß, verdünnt.
Treibt eine Farbe zu rasch, also etwa bis zu 8 cm Durchmesser, dann ist der Gallenzusatz zu stark; man gibt in diesem Falle etwas Farbe zu und versucht dann abermals.
Sind Grund und Galle in rechtem Verhältnis, so treibt der erste Tropfen bis zur Größe eines Fünfmarkstückes. Zu wenig Galle in der Farbe bewirkt, daß der Farbstoff untersinkt, wenn auch nur teilweise.
Ist die Farbe zu dick, so sinken Teile davon zu Boden, auch wenn der Gallenzusatz richtig ist.
Breitet sich ein Tropfen ganz plötzlich und fast über das ganze Becken aus, so ist der Grund für dichten Farbenteppich zu dünn und nur für Adermarmor verwendbar; es muß dicker Grund zugesetzt werden.
Nehmen wir an, daß die erste Farbe, es sei Rot, unseren Ansprüchen durchaus genügt, nachdem wir wiederholt Proben gemacht, Grund und Farben in Übereinstimmung gebracht, das Mangelhafte mit Papierstreifen oder Streichbrett stets von der Oberfläche entfernt hatten. Nun wird die zweite Farbe gerichtet, sagen wir Blau. Ein Tropfen dieser Farbe, die ebenfalls mit Galle versetzt ist, fällt mitten in einen roten Fleck und soll denselben so auseinander treiben, daß es selbst sich fast über die ganze Fläche ausdehnt, die das Rot einnahm, das nun als Ring den blauen Fleck einfaßt. Um diese Wirkung zu erzielen, ist die Zurichtung zwar dieselbe wie bei der ersten Farbe, nur hat man noch einen Tropfen Galle zuzusetzen.
Jede nachfolgende Farbe muß stärker treiben als die vorhergehende. Kommen viele Farben zugleich in Anwendung, so darf der Unterschied in der Triebkraft allerdings kein allzugroßer sein.
Diese Farbenproben müssen stets gemacht werden, ehe man die Arbeit beginnt, und selbst der erfahrenste Marmorierer läßt sie sich nicht verdrießen.
Beim Ausprobieren der Farben kommt es oft vor, daß eine oder die andere nicht stehen will, sondern abläuft, besonders Braun und Schwarz thun dies mit Vorliebe; man wechsele dann eine solche Farbe mit der vorhergehenden und probiere von neuem. Häufig wird es helfen, wenn man der zurückgesetzten einige Tropfen Galle zugibt.
Die Farben werden in der Reihenfolge der Treibfähigkeit hinter dem Becken geordnet, jedes Näpfchen erhält seinen Pinsel. Der Marmorierer, der beispielsweise nur mit zwei Farben, Rot und Blau, zu arbeiten hat, sprengt, nachdem er den Grund richtig abgezogen hat, der Länge nach auf die Mitte des Beckens eine Reihe großer, roter Tropfen, indem er den reichlich gefüllten Pinsel, der in der Nähe des hinteren Endes leicht gehalten wird, über den Zeigefinger der linken Hand schlägt. Statt des Zeigefingers kann man auch ein Stäbchen, einen Hammerstiel oder dergleichen benutzen, doch ist der Finger das Einfachste; vor Farbentropfen kann man die Hände doch nicht hüten.
Rasch, noch ehe die Hautbildung der Oberfläche eintreten kann, wird mit der zweiten Farbe aufgespritzt, so daß die Tropfen mitten auf und zwischen die vorhergehenden fallen und alle noch gebliebenen Zwischenräume ausfüllen. Nun wird der Schnitt vorerst mit Papier abgehoben: ein Stück desselben, in der Größe des Beckens, wird, von einer Ecke beginnend, quer nach der gegenüberliegenden zu auf den Grund gelegt, unter Vermeidung von Luftblasen. In derselben Weise wird das Blatt abgehoben und muß nun die Farben völlig sauber, ohne daß sie verlaufen, aufweisen. Weiße Adern sollen, wenigstens in der Mitte, nicht sichtbar sein, sondern nur die Farben, welche man aufsprengte. Die Tropfen, welche den Grund bilden, welche also zuletzt aufgebracht wurden — in diesem Falle Blau — sollen annähernd gleichgroß und gleichmäßig verteilt sein, wie auch von den Adern dasselbe gilt. Ist dies alles erreicht und laufen die Farben nicht ab, so können die Bücherschnitte eingetaucht werden. Vorderschnitte werden zwischen »Spalten«, Ober- und Unterschnitte zwischen Brettern getaucht.
Erstere werden, soviel man deren bequem fassen kann, zwischen Spalten geradegestoßen und sofort getaucht. Das Geradestoßen erfolgt auf einem anderen Tische, auf einem Steine oder einer Eisenplatte. Das Eintauchen erfolgt, wie beim Papier, von einer Ecke nach der schräg gegenüberliegenden zu, damit keine Luftblasen entstehen. Besonders fest satinierte Papiere nehmen nicht gern Feuchtigkeit an; es empfiehlt sich deshalb in solchem Falle, die Schnitte mit Essig oder Alaunwasser zu überfahren, worauf sie die Farbe willig annehmen.
Sowie der Farbenteppich abgehoben ist, werden die Spalten von den Bänden entfernt und diese verschränkt übereinander gesetzt, damit der anhaftende Grund bequem ablaufen kann. In vielen Werkstätten werden sofort nach dem Abheben der Farbe die Schnitte in ein Becken mit klarem Wasser getaucht, um den Grundüberschuß abzuschwemmen; wieder andere Meister lassen die Schnitte abblasen oder mit einem großen Schwamme abtupfen.
Diese Art Marmor nennt man Großmarmor, da die Tropfen verhältnismäßig groß bleiben, oder auch türkischen Marmor. Als türkischen Marmor bezeichnet man jeden großaderigen Marmor, der nur aufgesprengt, nicht aber mittelst eines Kammes, eines Stiftes oder dergleichen gezogen wurde. In der That finden sich an orientalischen Bänden aus dem 17. Jahrhundert Vorsätze von derartigem Großmarmor.
Wie die zweifarbigen, werden auch die mehrfarbigen Schnitte behandelt, nur muß dabei das Abstimmen der Farben untereinander mit viel Sorgfalt geschehen; auch ist es notwendig, auf die Zusammenstellung der Farben zu achten, die wieder von der Farbe des Leders, Überzugs und Vorsatzes bedingt sein kann.
Wenn die Farben vor dem Abheben mit einem Hölzchen nach folgendem Schema quer, nachher mit einem Kamme, dessen Herstellung weiter unten angegeben ist, der Länge nach durchzogen werden, so entsteht der sogenannte Kammmarmor. Nur die Spitze des Hölzchens darf dabei die Oberfläche des Grundes berühren; die Farben ziehen dem Stifte nach und folgen seiner Spur, und es entsteht die eigentümliche, federähnliche Verschiebung der Farben (Federschnitt). Zu diesem Zwecke müssen die Farben recht vorsichtig aufgesprengt werden, denn wenn statt zwei Farben ihrer fünf die Oberfläche decken sollen, darf jede einzelne nur ein Fünftel des Raumes für sich beanspruchen. Die Farben werden stets über die Mitte gesprengt; doch soll vor Aufsprengen der letzten Farbe nach den Rändern zu immer noch so viel Raum vorhanden sein, daß die getriebenen Farben sich noch ausbreiten können. Ist dies nicht der Fall, so laufen sie ab, da sie nicht mehr nebeneinander Platz finden, schieben sich übereinander und vermischen sich.

Man achte bei der Zusammenstellung auf hübsche Kontraste, sprenge auch zuletzt einige Tropfen einer Mischung von Galle und Wasser auf, um weiße Adern zu erzielen.
Wenn beim Durchziehen mit dem Stifte eine oder die andere Farbe nicht folgen will (Gelb z. B. schiebt sich gern in unregelmäßigen, krausen Linien zwischen die anderen hinein), so setze man sie hinter den folgsameren zurück. Ist sie aber schon die letzte, so wird sie mit etwas Wasser wenig verdünnt, erhält auch nötigenfalls einen Tropfen Galle.
Wenn der Grund zu kräftig ist, so folgen die Farben dem Stifte nicht genügend; fährt man zu tief in den Grund hinein, so werden durch die Bewegung des Grundes die Linien unruhig und schwankend, deshalb soll nur die äußerste Spitze die Farben führen. Ganz ebenso handhabt man den Marmorierkamm, über dessen Herstellung folgendes zu bemerken ist.
Zwei Pappstreifen, jeder 5 cm breit und so lang, wie das Becken breit ist, werden zugeschnitten. Der eine wird mit kräftigem Leim angeschmiert und auf demselben eine Anzahl langer Stecknadeln so geordnet, daß deren Köpfe etwa einen cm weit auf der Pappe kleben, die Spitzen aber über den Rand hervorsehen. Die Nadeln selbst werden genau in gleicher Entfernung aufgeklebt, und zwar so, daß auf je 10 cm Kammlänge etwa 35 Nadeln kommen. Man kann indes, je nachdem man die Musterung breit oder schmal halten will, die Nadelweite geringer oder größer machen. Die Köpfe werden sämtlich genau in eine Linie gerichtet, so daß auch die Spitzen in gleicher Länge hervorsehen. Der zweite Streifen wird ebenfalls angeschmiert, auf den ersten aufgeklebt und der so hergestellte Kamm fest eingepreßt; später kann er dann noch mit festem Papier oder mit Leinwand überzogen werden.
Um die erste Farbe, welche aufgesprengt wurde, recht gleichmäßig in den ganzen Schnitt zu verteilen, durchzieht man diese vor dem Aufsprengen der weiteren Farben mit dem Stifte, wie dies vorhin gesagt wurde, jedoch nicht quer, sondern der Länge nach. Hat man die Farben für einander passend zugerichtet, so halte man auch stets dieselbe Reihenfolge genau ein; hat man eine Anzahl von Schnitten gemacht, so versäume man nicht, den ganzen Grund wieder umzurühren. Viele Marmorierer sprengen die Farben nicht nach der Mitte zu auf, sondern die erste auf die Mitte, die zweite längs den beiden Rändern, die dritte zwischen diese Farbenreihen; es hat dies allerdings einige Vorzüge, weil man die Farben kräftiger zur Wirkung bringt, dagegen den Nachteil, daß dieselben nicht so gleichmäßig verteilt sind, was besonders bei breiten Schnitten sich bemerkbar macht.
Eine beliebte Art der Marmors ergibt sich, wenn man die erste Farbe, Rot oder Blau, als Grundfarbe behandelt, der Länge nach durchzieht, und dann nur noch eine oder zwei dunklere Farben, die nicht allzukräftig treiben, einsprengt.
Der Kammmarmor läßt sich noch mit einigen Abänderungen ausführen, die eine besondere Kunstfertigkeit nicht voraussetzen.
Erstlich kann ein Kamm verwendet werden, dessen Nadeln nicht gleichmäßig stehen, sondern so, daß nach je einem oder zwei engen Zwischenräumen ein breiterer kommt.
Zweitens kann, indem man den Schnitt mit dem Kamme ein zweitesmal, aber in der entgegengesetzten Richtung durchzieht, der sogenannte zurückgezogene Kammmarmor hergestellt werden.
Drittens kann der Kammschnitt nochmals in bestimmten Formen gezogen werden, indem mit einem zweiten Kamme, ähnlich dem ersten, Figuren, Windungen oder Schnecken beschrieben werden. Der zu diesem Zwecke dienende Kamm wird nicht aus Nadeln, sondern aus hölzernen Stiften gebildet, die gleichweit, je 3 bis 6 cm, von einander stehen, weil der erste Marmor den Nadeln nicht genügend folgen würde. Der Kamm muß in diesem Falle schmaler sein als das Becken der freien Bewegung wegen, die man mit ihm auszuführen hat.

Fig. 39 a. Zugformen für Kammschnitt.
Der verwendbarste Marmor dieser Art ist der sogenannte Pfauenmarmor; er erfordert jedoch eine besondere Art Doppelkamm zum Durchziehen, der folgendermaßen angefertigt wird.
Ein kleines Brettchen, etwas kürzer als das Becken breit ist, wird mit zwei Reihen kleiner Bohrlöcher versehen, deren eins vom anderen etwa 2 bis 2½ cm entfernt ist; die Löcher der zweiten Reihe stehen jedesmal genau mitten zwischen denen der ersten. In jedes Bohrloch wird ein dünner, unten leicht zugespitzter Holzstift eingeleimt.

Anordnung der Holzstifte des Doppelkammes für Pfauenmarmor.
Mit dieser Vorrichtung wird der gewöhnliche Kammmarmor der Länge nach durchzogen, indem man jedoch zugleich eine Querbewegung nach Art einer Zickzacklinie macht, etwa so:

Stellt man sich in derselben Weise einen Kamm her, dessen Stifte nur halb so weit voneinander entfernt sind, und durchzieht man mit diesem den nur quer mit dem Stift, aber nicht mit dem gewöhnlichen Kamme gezogenen Farbenteppich, so erhält man den sogenannten Augenmarmor.
Der zum Durchziehen zu benutzende Stift besteht am besten aus einem etwa 4 bis 5 mm breiten und 2 mm dicken Stäbchen. Alle Werkzeuge, Pinsel, Kämme und Stifte müssen stets durchaus sauber gehalten und nach jedesmaligem Gebrauch gereinigt werden.
Die während des Marmorierens verwendeten Spalten und Bretter müssen nach jedesmaligem Tauchen sofort gut abgetrocknet werden; kommen sie nur noch etwas feucht bei einer neuen Partie mit dem Grunde in Berührung, so stoßen sie sofort die Farben beiseite und der Schnitt ist verdorben. Es empfiehlt sich deshalb, eine Reihe von Spalten und Brettern nacheinander zu benutzen; die Spalten werden dann wieder völlig trocken sein, wenn die Bretter ihren Dienst geleistet haben.
Ein etwas anderes Verfahren, als das für den Kammmarmor geeignete, erfordert der sogenannte Schmaladerschnitt, auch wohl französischer Marmor genannt, weil er meist die französischen Landesfarben, Blau, Rot und Weiß, zeigt.
Der Grund, wie er für Kammmarmor paßt, wird mit etwa dem vierten Teile Wasser verdünnt; desgleichen müssen auch die Farben durch Zusatz von Wasser verdünnt werden, so daß die Flüssigkeit um etwa ein Drittel vermehrt wird. Nötigenfalls werden auch einige Tropfen Galle zugegeben.
Die Arbeit wird wieder mit einer Probe eingeleitet, indem man einen Tropfen auf den Grund fallen läßt. Derselbe muß sich sofort bis zur Breite des Beckens ausdehnen, anderenfalls erhält er einen Gallenzusatz. Zieht er sich wieder stark zusammen, so ist der Grund zu dick und muß verdünnt werden. Erst wenn die Farbe ganz genau abgepaßt ist und mehrere aufgesprengte Tropfen das Becken fast bedecken, kann zum Treiben der Adern übergegangen werden. Man bedient sich dazu neuerdings des Seifenspiritus, der in jeder Kräuterhandlung zu haben ist, an Stelle der früher üblichen verdünnten Galle. Mit dem dicken Pinsel (Schlagpinsel), dessen Anfertigung oben (S. 64) beschrieben wurde, spritzt man lauter feine Tropfen auf den Grund, die auf diesem Augen bilden und alsbald die erste auf dem Grunde schwimmende Farbe zu mehr oder weniger feinen Adern zusammentreiben. Der Pinsel wird dabei lebhaft über eine Leiste geschlagen und das Augenmerk darauf gerichtet, daß die Tropfen gleichzeitig die ganze Breite des Grundes besprengen, damit nicht, wie es beim Aufsprengen mit dem kleinen Pinsel der Fall ist, die Farbe von der Mitte nach den Rändern zu treibt. Anderenfalls würde die sehr verdünnte Farbe nicht genügend zusammengetrieben werden. Um einen ganz feinen Marmor zu erzielen, bedient man sich statt des Schlagpinsels besser eines Sprenggitters nebst Bürste, mit deren Hilfe eine gleichmäßigere Äderung erreicht wird.
Ebenso kann man den Grund farbig machen, wenn man der letzten Farbe einige Tropfen Seifenspiritus zusetzt, wie auch bei weißem Grunde dem reinen Wasser; auf 1⁄10 Liter genügen etwa 20 Tropfen Seifenspiritus. Zu viel Seifenspiritus giebt keinen Schmaladerschnitt; die Farben können dann nicht dem kräftigen Triebe standhalten, haben aber auch nicht den Raum zum Ausweichen; sie werden deshalb von dem Grunde überlaufen und schwimmen vom eingetauchten Schnitte ab. Außerdem aber vereinigen sich die Spiritusteilchen mit dem Grunde und dieser läßt die Farben überhaupt nicht mehr zum Treiben kommen.
Gelingt der einfarbige Schnitt zur Genüge, so versucht man es mit einer zweiten Farbe, welche auf die erste recht gleichmäßig verteilt wird; die erste Farbe muß in gleichmäßigen Adern zwischen den Augen der zweiten verteilt sein. Im übrigen ist das Verfahren genau dasselbe. Mehr als zwei Farben für die Adern wendet man selten an; indes kann man durch besondere Kunstgriffe mancherlei eigentümliche Farbenwirkungen erzielen.
Gibt man z. B. als Grund eine dunkle Farbe, aber mit Galle ohne Anwendung von Seifenspiritus, und setzt einen bis zwei Tropfen gewöhnliches Terpentin zu, so erhalten die Augen ein eigentümliches, porphyrartiges Aussehen. Kremser Marmor, welcher rote und schwarze Adern mit graublauen Augen (verdünntes Schwarz mit wenig Blau) hat, wird in dieser Weise hergestellt.
Eine besondere Art der Schnitte, aber bei uns wenig in Anwendung, sind die sogenannten griechischen Schnitte; der Grund erscheint bei diesen in breiteren oder schmäleren Streifen abschattiert.
Ein türkischer Schnitt mit kräftigem, dunklen Grunde wird auf die Art hergestellt, daß der Schnitt während des Eintauchens, das ja von einer Ecke aus beginnt, absatzweise auf den Grund gebracht wird; dadurch kommt dieser in eine wogende Bewegung, und diese teilt sich dem Schnitte mit.
Wir haben hiermit die Kunst des Marmorierens in allen ihren Zweigen vorgeführt, ohne freilich das Kapitel erschöpft zu haben. Nur mit dem Pinsel in der Hand und den Farben vor sich kann man es zu einem geschickten Marmorierer bringen. Immerhin wird man dabei gewisse Erfahrungssätze verwerten können, die wir hier kurz zusammenfassen.
Mangelhaftes Treiben wird bewirkt durch zu geringen Zusatz von Galle, durch zu dicken Grund, zu dicke Farbe und durch zu niedrigen Wärmegrad (unter 13° Reaumur).
Zu kräftiges Treiben rührt von zu dünnem oder zu altem Grunde, oder fehlender Galle her.
Ablaufen der Farbe kommt von zu dicker Farbe her oder von ungenügendem Zusatz an Galle.
Blasse Farbe enthält zu viel Wasser oder Galle oder beides, oder der Grund ist zu dünn.
Untersinken der Farbe ist eine Folge zu dicker Farbe, auch eines ungenügenden Gallenzusatzes oder eines zu alten Grundes.
Daß Marmorschnitte ebenso wie andere farbige Schnitte geglättet werden müssen, bedarf kaum der Erwähnung.
Bei der Wahl der Farben zum Marmorschnitt richtet man sich am besten nach der Farbenzusammenstellung, die das zu verwendende Vorsatzpapier zeigt. Eine völlige Übereinstimmung braucht dabei nicht erzielt zu werden, aber wohl ist darauf zu halten, daß die Farben von Vorsatz und Schnitt harmonisch zusammenpassen.
5. Der Goldschnitt. Die Herstellung des Goldschnittes galt in früheren Zeiten für eine ganz besonders schwierige Arbeit, für eine Art Geheimnis. Heutzutage werden indes mit einfacheren Mitteln weit vollkommenere Goldschnitte hergestellt als in alten Zeiten, wo man nach einem Rezepte verfuhr, das viel überflüssige, ja selbst ungeeignete Zuthaten enthielt. Das Gelingen ist abhängig von der Beobachtung der größten Sauberkeit und von der Sorge für einen möglichst staubfreien Arbeitsraum. Sodann muß darauf gesehen werden, daß das Bindemittel für das Gold nicht zu dick ist. Beim Glätten muß man einen möglichst hohen Glanz zu erreichen suchen.
Der Vorderschnitt läßt sich sowohl in geradem wie in gerundetem Zustande vergolden. In ersterem Falle, der auch für Ober- und Unterschnitt gilt, wird der Schnitt zuvörderst geschabt. Man bringt zu dem Ende das Buch nicht mit seiner ganzen Fläche, sondern nur mit dem dem Schnitte zunächstliegenden Teile in die Presse unter Vorlage der schon erwähnten keilförmigen Bretter (Spalten). Um das Bearbeiten des Schnittes zu erleichtern, legt man auf jeder Seite eine zweite Spalte vor. Während die am Buche liegenden Spalten mit diesem genau abgleichen, werden die Vorlegespalten um 3 mm zurückgesetzt. Dadurch wird erreicht, daß der Schnitt in der Presse etwas zurückgesetzt und dadurch schärfer gepreßt werden kann. (Fig. 40a.) Mehr, als angegeben, dürfen jedoch die Spalten nicht abstehen, da sonst der scharfe Druck verloren geht. Genau in derselben Weise wird auch der später zu behandelnde Hohlschnitt eingesetzt.

Fig. 40a. Zum Vergolden eingesetzter Vorderschnitt.
Vor dem Einpressen muß man sich überzeugen, daß die Spalten genau Linie halten, anderenfalls stößt man sie mit einem Tischlerhobel etwas ab, da dies in der Presse weniger gut möglich ist. Jetzt wird der ganze Schnitt mit einer guten, etwas biegsamen Ziehklinge geschabt. Die Klinge muß auf Vorder- und Rückseite einen Grat haben, der mit einem Stahle daran gestrichen wird. Sehr brauchbar zum Schaben sind abgebrochene Sägeblätter, die man bei Tischlern leicht erhalten kann. Klingen derart werden am Rande auf einem Drehsteine geradegeschliffen. Die Klinge wird dabei in der Richtung des drehenden Steines, niemals quer gehalten. Nicht jedes Mal, wenn die Klinge stumpf geworden, wird sie neu geschliffen, vielmehr hilft hier der Stahl nach, indem die Klinge an die Tischkante gelegt und der Grat nach dem Rande zu heruntergestrichen wird. Ist dies an beiden Seiten der Fall, so wird die Klinge auf die hohe Kante gestellt und der Grat nach rechts und links zurückgelegt.
Beim Schaben ist darauf zu achten, daß weder das Kapital noch das Ende am Vorderschnitte heruntergeschabt werde. Am Kapital, besonders wenn es sehr auseinandergetrieben ist, kann man mit einer Schlichtfeile etwas nachhelfen.
Während der Arbeit liegt die Presse flach, mit dem einen Ende des Balkens auf dem Tische, mit dem anderen auf dem Preßknecht. Damit die Presse ihre Lage nicht ändern kann, zieht man eine Schieblade etwas aus dem Tische heraus und legt die Presse darauf, so daß sie gegen die Tischkante fest anliegt.
Schnitt und Spalten müssen nach dem Schaben eine völlig ebene Fläche ohne Vertiefungen oder Scharten bilden. Man dreht deshalb die Presse, wenn das eine Ende geschabt ist, herum, um das andere Ende bequemer vollenden zu können. Ein gut geschabter Schnitt soll gleichmäßig blank sein, auch keine Spuren vom Beschneiden zeigen.
Das Schaben glättet einmal den Schnitt, hat aber den ferneren Zweck, die Poren des Papieres möglichst zu schließen. Um das Zudrücken derselben noch zu verstärken, wird der Schnitt mit Wasser, unter das ein wenig Kleister gerührt wurde, überfahren und mit einem Pack Papierspäne so lange fest abgerieben, bis die Fläche in hohem Glanze erscheint. Auf diesen ersten »Grund« kommt ein zweiter aus Bolus. Dieser ist durch Abschlämmen und vielfaches Reiben aus armenischem Bolus gewonnen und erscheint gebrauchsfertig im Handel. Ein wenig davon wird mit einem Messer in ein Gefäß geschabt und mit Schnitteiweiß — wir werden dessen Herstellung alsbald kennen lernen — angerührt, so daß eine gut streichende Farbe entsteht, die durchaus frei von Körnern oder Unreinigkeiten sein muß. Mit einem Haarpinsel wird diese Grundfarbe gleichmäßig aufgestrichen. Dieser Bolusgrund hat den Zweck, dem Golde mehr Feuer und Glanz zu erteilen.
Die Schnitte des vorigen Jahrhunderts sind meist ohne farbigen Untergrund hergestellt, dagegen rieb man sie mit einer Meerzwiebel statt des Kleisters ab; später, im Anfange unseres Jahrhunderts, wurden dem Kleisterwasser einige Tropfen Scheidewasser beigemengt.
Nach dem Abtrocknen des Bolusgrundes wird das Gold auf den letzten Grund — stark verdünntes Eiweiß — aufgetragen. Dazu muß das Gold genügend zurechtgeschnitten vor dem Arbeiter auf dem Kissen liegen. Das zum Vergolden dienende legierte Gold kommt als Blattgold in den Handel und bildet ein so ungemein feines Häutchen, daß der geringste Zugwind es fortführt. Deshalb muß der Vergolder darauf sehen, daß der Arbeitsraum ganz zugfrei ist. Selbst ein lebhafter Atemzug ist genügend, das Blättchen fortzutreiben. Damit von dem leichten, kostbaren Stoffe nichts verloren gehe, darf man ihn auch nicht mit den Fingern anfassen. Man bedient sich deshalb des sogenannten Goldmessers, das eine etwa 20 cm lange, zweischneidige, aber stumpfe Klinge hat, die mit dem Stahle etwas angeschärft wird, jedoch nur so weit, daß sie ein Blättchen zerschneidet, ohne das Kissen zu verletzen. Mit dem Goldmesser werden die Blättchen, die zwischen getalktem Seidenpapier in Büchelchen liegen, auf das Kissen gebracht. Man fährt dabei mit dem abgerundeten Ende des Messers vorsichtig mitten unter das Goldblatt, hebt es in die Höhe, daß die beiden Enden rechts und links frei herunterhängen, und legt es auf das Kissen. Dabei dreht man das Messer ein wenig nach einer Seite, was zur Folge hat, daß das eine Ende des Goldes etwas tiefer herabhängt und das Kissen berührt; eine Drehung des Messers um sich selbst läßt das Goldblatt völlig eben auf das Kissen gleiten. Die Arbeit ist leicht, will aber einige Male geübt sein. Liegt das Blatt nicht ganz glatt auf, so hilft man dem Übelstande dadurch ab, daß man mit dem Messer auf das Kissen klopft oder leicht mitten auf das Blatt haucht. Das Goldkissen besteht aus einem mit nur ganz wenig unterpolstertem Kalbleder fest überspannten Brettchen. Das Leder zeigt dabei die rauhe Seite, die man, um das Anhängen des Goldes zu verhüten, mit Kreide oder Thonerde einreibt.
Zu Goldschnitten wird meist Rotgold, zu Handvergoldungen Orangegold genommen. Grüngold ist zwar billiger, sieht aber weniger fein aus.
Zum Zwecke des Vergoldens wird das Goldblättchen in Streifen zerlegt, die etwas breiter als der Schnitt selbst sind. Wie viele Streifen man für die ganze Länge des Schnittes haben muß, hat man im voraus zu berechnen, um während des Auftragens nicht erst neues Gold hervorholen zu müssen. Auch soll stets noch ein Streifchen im Vorrat liegen bleiben, damit man kleine Risse oder Fehler im Golde sofort mit einem Stückchen bedecken kann. Unmittelbar vor dem Auftragen wird der abgetrocknete Bolus mit einer scharfen Bürste gut abgebürstet, um Staub, Körnchen oder Pinselhaare zu entfernen.
Das Schnitteiweiß bereitet man, indem man das Weiße von einem Ei in ein Halbliter-Glas mit klarem Wasser schlägt und das Ganze schaumig quirlt. Wenn die Flüssigkeit gleich gebraucht werden soll, muß sie filtriert werden; hat sie einen Tag gestanden, so genügt es, wenn die obere Schaumschicht abgehoben wird. Wie der Bolus wird auch das Eiweiß mit einem Haarpinsel aufgetragen, der nur diesem Zwecke dienen darf und nach jedesmaligem Gebrauche gründlich gereinigt werden muß.
Das Eiweiß wird recht dick, sozusagen schwimmend aufgetragen, damit bis zum Aufbringen des Goldes stets noch ein reichlicher Überschuß an Feuchtigkeit vorhanden ist.
Zum Auftragen des Goldes dienen verschiedene Vorrichtungen, deren einfachste und zweckmäßigste der Anschießer ist. Unter diesem Namen ist in allen Farbenhandlungen ein handbreiter Pinsel von Dachshaaren zu haben, dessen Haare in ganz dünner Lage in gleicher Länge zwischen Karton gefaßt sind.
Mit einem solchen Anschießer wird einige Male durch das Haar gestrichen, damit dieses etwas von seinem Fettgehalt abgebe, und das Gold vom Kissen abgehoben, indem man es mit den Haaren des Anschießers aufnimmt. Das Gold wird dann auf das Eiweiß gebracht, auf welchem es sofort haftet. Wenn nach und nach der ganze Schnitt mit Gold belegt ist und etwaige Fehlstellen mit einem Flickchen versehen worden sind, so läßt man den Überschuß des Grundes ablaufen, indem die Presse aufgehoben und quer auf den Tisch gestellt wird, bis das noch reichlich vorhandene Eiweiß unter dem Golde hervorgequollen und abgetropft ist. Danach erst wird die Presse zum Trocknen beiseite gesetzt, doch so, daß der Oberschnitt nach unten gekehrt ist. Dies hat seinen Grund darin, daß die Feuchtigkeit, die sich natürlich nach unten zieht, am Oberschnitte nicht so leicht in den Band eindringen kann als an dem rauhen Unterschnitte, an welchem auch das Papier meist weniger fest ist.
Das Auftragen kann auch mit einem in Rahmen gespannten Flor, mit zwei in Rahmen stellbaren parallelen Fäden oder mit Papierstreifen geschehen; diese letztere Art ist noch vielfach in Gebrauch und hat den bei einer größeren Anzahl von gleichgroßen Goldschnittbänden ins Gewicht fallenden Vorteil, daß sämtliche Goldstreifen zum Auftragen fertig vorbereitet und einer nach dem anderen sofort aufzutragen sind. Man verfährt dabei so, daß man die Papierstreifen, die mindestens so breit wie der Schnitt und einige cm länger als die Goldstreifen sind, leicht über das Haar streift und mit ihnen die einzelnen Streifen aufnimmt, doch so, daß das Gold etwa einen Messerrücken breit übersteht, damit die genaue Anlage des Goldes erfolgen kann.
Das Auftragen mit Flor geschieht oder geschah in ganz derselben Weise; es bietet den Vorteil, daß die ganze Schnittlänge auf einmal aufgenommen werden kann. Die Auftragerahmen mit Fäden finden beim Hohlschnitt, auf den wir noch zu sprechen kommen, zweckmäßige Verwendung.
Ist der Schnitt trocken, so beginnt das Glätten. Es erfordert einige Übung, dem Schnitte den richtigen Grad von Trockenheit anzusehen, und doch kommt viel darauf an, da bei zu geringer sowohl wie bei zu großer Trockenheit der Schnitt matt bleibt. Am besten zeigt das Anhauchen des Schnittes, ob man abglätten darf oder nicht. Steht der Hauch längere Zeit, so ist der Schnitt zu naß; verschwindet er sofort, so ist die Fläche zu trocken geworden. Den richtigen Zeitpunkt erkennt man daran, daß der Hauch nicht zu langsam vom Rande her nach der Mitte zu verschwindet, während nach dem hinteren Ende zu die Feuchtigkeit etwas länger sichtbar bleibt.
Der erste Akt beim Glätten ist das sogenannte Anglätten. Ein Stück Schreibpapier, das man zuvor erst leicht mit beiden Seiten über das Haar zieht, wird über den Schnitt gelegt und dann der Zahn in Bewegung gesetzt. Nach dem Anglätten überzeugt man sich, daß keine Fehler oder Risse vorhanden sind, welche sonst durch aufgelegte Goldflicken ausgebessert werden müssen. Zu dem Zwecke wird auf die schadhafte Stelle gehaucht, und, solange der Hauch noch steht, das Gold aufgelegt und angeglättet oder mit dem Zahne leicht aufgeklopft — Schlag an Schlag.
Nachdem man den Schnitt mit einem Wachsläppchen leicht überfahren hat, wird die ganze Fläche Strich an Strich nicht zu kräftig und ohne Hasten abgeglättet, dann nochmals mit dem Wachslappen überfahren und beim dritten Male fertig geglättet. Finden sich dann noch schadhafte Stellen, die stets eine Folge unvorsichtigen Glättens sind, so müssen diese geflickt werden. Dabei wird auf die fehlerhafte Stelle ein Tropfen reiner Spiritus gebracht und dann der Fleck der Länge nach geglättet, während im übrigen, wie auch beim farbigen Schnitte, quer geglättet wird.
Stellen sich weiße oder graue Stellen ein, so ist der Schnitt noch zu feucht, oder aber er ist nicht genügend fest eingepreßt.
Sehr lange Goldschnitte pressen sich meistens in der Mitte schlecht, da die Preßbalken bei längerem Gebrauche die Neigung haben, sich zu biegen; man hilft sich, indem in der Mitte zwischen die erste und zweite Spalte Abschnitte von Aktendeckeln oder dünnen Kartons eingelegt werden.

Fig. 41. Zum Vergolden eingesetzter Oberschnitt.
Der Vorderschnitt wird, nachdem er vergoldet worden ist, wieder gerundet. Das Vergolden des Ober- und Unterschnittes erfolgt in gleicher Weise wie beim Vorderschnitte. Beim Einpressen hat man aber eine Vorsichtsmaßregel zu beobachten, damit der hohle Vorderschnitt keinen zu starken Druck erhält und infolgedessen sich verpreßt, d. h. runzelig wird. Dies geschieht, indem man eine zweite Spalte vorlegt, diese aber nicht allein hinter dem oberen Schnittrande, sondern auch hinter den Vorderschnitt etwas zurücksetzt, so daß dieser selbst keinen eigentlichen Druck erhält. (Fig. 41).
Man nimmt zum Einpressen von Oberschnitten meist zwei Querbretter, welche besonders zum Goldschnittmachen gehalten werden; diese müssen scharf in den Falz gesetzt sein. Zum Zurücksetzen werden dann Längebretter genommen, die nicht Gefahr laufen, abzubrechen.
Es ist hier noch nachzutragen, daß der Goldschnitt, wenn er in geradem Zustande vergoldet wird, doch vorher gerundet und abgepresst sein muß; er wird zum Beschneiden dann aufgebunden. Immerhin kann es auch einmal vorkommen, daß ein Band vor dem Abpressen vergoldet werden muß. In diesem Falle ist es erforderlich, daß das Buch erst rundgeklopft und dann wieder geradegestoßen wird; geschieht dies nicht, so ist zu besorgen, daß die Bogen beim späteren Runden vorschießen.
Bei dem Vergolden des ausgerundeten Schnittes (Hohlschnitt) ist das Verfahren im allgemeinen dasselbe. Zum Schaben bedient man sich in diesem Falle einer Ziehklinge mit gerundeter Schneide, die bequem in die Rundung des Schnittes paßt und darin hin- und hergeführt werden kann. Bei Bänden, in denen Karten oder Photographien vorkommen, oder bei Photographie-Album-Bänden wird der Schnitt vorher ausgeraspelt. Es dient hierzu eine sogenannte Strohfeile, deren beide Enden nach oben gebogen und die dann mit Handgriffen versehen sind.
Zum Auftragen des Goldes kann man beim Hohlschnitt den Anschießer nicht gebrauchen. Statt seiner bedient man sich zweier Fäden, die auf ein leichtes Rähmchen von Holzstäbchen verschiebbar gespannt sind. Die Breite der Hohlkehle wird durch Einlegen eines Streifens Papier genau ausgemessen und mit einer Zugabe für ungenaues Auftragen auf die Fäden übertragen, d. h. die Fäden werden auf die gefundene Breite eingestellt. Ebenso wird in dieser Breite das Gold zugeschnitten; jedoch werden die Blattlängen nicht einzeln aufgenommen, sondern in der Ausdehnung des ganzen Schnittes aneinander gehängt. Ein Blatt wird ans andere so angeschoben, daß es das vorhergehende etwa 2 mm deckt, bis die lange des Schnittes erreicht ist. Die Ränder werden aneinander befestigt, indem man sie mit der flachen Kante des Messers an der Verbindungsstelle aufeinander drückt. Dieser lange Streifen wird nun mit dem Rähmchen, bez. mit den beiden Fäden, mit denen man wie bei dem Anschießer zuvörderst über das Haar fährt, an den Längsseiten aufgenommen. Damit nun das Gold in die Rundung paßt, werden die Fäden so weit zusammengeschoben, daß die Rundung der Goldstreifen ungefähr in die Höhlung paßt; auf genaues Passen kommt es dabei nicht an, da die Feuchtigkeit das Gold schon anzieht.
Die weitere Behandlung des Hohlschnittes ist dieselbe wie diejenige des flachen Schnittes.
Eine eigentümliche Verzierung wird dem Goldschnitt durch Untermalung (auch durch Unterfärbung und Untermarmorierung) gegeben, welche erst bemerkbar wird, wenn man das Buch aufschlägt und der Schnitt sich lockert. Die Bemalung, bez. Marmorierung geschieht dann nicht an dem festen Schnitte, sondern die Blätter des Buches werden ein wenig schräg aufgeschoben und in dieser Stellung durch ein Band festgehalten; die schräge Fläche wird entweder mit Aquarellfarben bemalt, in gewöhnlicher Weise marmoriert, oder mit dem Pinsel gefärbt. Eine besondere künstlerische Fertigkeit erfordert die erstere Art, während beim Marmorieren und Färben nur einige Vorsicht zu empfehlen ist, damit die Farben nicht in das Buch laufen; beim Färben darf der Pinselstrich nicht mit den Blättern gleichlaufen, sondern muß von oben über dieselben herabgeführt werden. Wer nicht selbst malt, sondern die Arbeit von einem Künstler fertigen läßt, der halte denselben dazu an, die Farben vorsichtig und sparsam aufzutragen, kräftige Deckfarben aber ganz auszuschließen. Anderenfalls kleben sehr leicht die Blätter aneinander, und nicht allein der darüber kommende Goldschnitt, sondern auch die Malerei leiden Schaden.
Ist ein solcher Schnitt völlig trocken geworden, so wird er aus der schrägen Stellung gelöst, gerundet oder in gerader Stellung in gewöhnlicher Weise vergoldet, wobei aber mit Vorsicht geschabt wird, damit keine Stellen der Untermalung verloren gehen. Diese Art Doppelschnitte, die sich erst während des Aufblätterns zeigen, sind erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Aufnahme gekommen und haben nie eine ausgebreitete Verwendung gefunden. Das Beste derart, was dem Verfasser bekannt geworden, ist eine im Besitze des Buchhändlers Lempertz zu Köln befindliche Geschichte des siebenjährigen Krieges mit Aquarellen in Chodowieckischer Darstellungsweise.
Ungleich bestechender auf den ersten Blick sind die punzierten Schnitte, deren Ausführung für den, der etwas zeichnen kann, eine verhältnismäßig leichte ist. Es gibt dabei zwei Arbeitsweisen mit verschiedenem Erfolge: Grund matt, Ornament hochglanz, und umgekehrt Ornament matt, Grund hochglanz.
Die Herstellung ist folgende. Genau zur Größe und Breite des Schnittes passend, wird eine Zeichnung entworfen und mit Pauspapier in der Weise übertragen, daß auf der mit Reißzwecken über dem in gewöhnlicher Weise hergestellten Schnitte befestigten Pause der Kontur mittelst eines stumpfen Metallstiftes nachgefahren wird. Die Zeichnung wird dann, wenn auch sehr leicht, doch deutlich sichtbar auf dem Schnitte stehen. Wenn die Vorderschnitte nicht zu schmal sind, können sie auch als Rundschnitte in dieser Weise behandelt werden. Derselbe Stift, mit dem die Zeichnung aufgepaust wurde, dient nun auch zum Punktieren des Konturs auf dem Schnitte selbst. Am besten macht man sich einen solchen Stift selbst aus einer stählernen Häkelnadel zurecht, indem man das kleine Häkchen an der Spitze abzwickt, die Spitze stumpf-kegelförmig anfeilt und auf einem Ölsteine durch fortwährendes Hin- und Herziehen unter drehender Bewegung poliert. Ein solcher Stift, der in einen handlichen Holzgriff eingesetzt wird, soll nicht kratzen oder reißen, vielmehr, auf dem Schnitte hingezogen, eine hochglänzende, wenig vertiefte Rinne hinterlassen.
Mit diesem Stifte drückt man, Pünktchen an Pünktchen, den Kontur der Zeichnung nach, so daß diese wie aus fortlaufenden Perlenlinien zusammengesetzt erscheint. Adern, Blattrippen können dann als gezogene Linien, also nicht punktiert, eingetragen werden, was sehr zur Hebung der Wirkung beiträgt. Das Mattieren des Ornaments, oder auch, wenn die umgekehrte Behandlung beabsichtigt ist, des Grundes, auf dem das Ornament steht, wird mit einem Mattierpunzen erzielt, indem dieser den Umrissen gemäß mit der linken Hand geführt wird, während die rechte ihn mit einem kleinen, leichten Hämmerchen von oben trifft. Die Schläge müssen ganz leicht geführt werden, da schon der leiseste Druck das Muster des Punzens in den Schnitt eindrückt und zu starker Druck Quetschungen des Papieres verursacht, die beim Aufblättern sichtbar werden. Je kleiner das Muster, desto schöner ist die Mattierung. Im allgemeinen ist es zweckmäßig, sofort nach Übertragung des Musters zu punzieren und dann erst den Umriß zu punktieren, da der vorher ausgeführte Kontur durch das Mattieren an Stärke verliert.

Fig. 42 u. 43. Stempel zum Punzieren der Schnitte (um 1700, Wetzlar).
Durch Anbringen kleiner Stern- oder Ringpunzen an geeigneter Stelle kann noch vielfache Abwechselung in den Schnitt gebracht werden.
Im 17. und 18. Jahrhundert bediente man sich häufig gravierter Stempel zum Punzieren, die dann in vielfacher Abwechselung zum Abdruck gelangen konnten. (Fig. 42 und 43.) Doch erlangten solche Schnitte nie den Reiz der in obiger, ältester Weise verzierten Arbeiten.
Diese Zierschnitte lassen sich auch herstellen mit zweierlei Gold derart, daß der Grund oder das Ornament sich in der Goldfarbe unterscheiden. Die Arbeit ist ebenfalls nicht schwer, wenn auch etwas umständlich. Man wählt dazu ein Muster, das kräftige, nicht kleinliche Formen zeigt. Dieses wird auf Pauspapier übertragen und dann durch Ausschneiden eine Schablone hergestellt. Es leuchtet ein, daß man schon beim Entwerfen darauf bedacht sein muß, daß die einzelnen Teile genügenden Zusammenhang haben; deshalb ist es zweckmäßig, den Grund der Schablone stehen zu lassen, das Ornament aber herauszuschneiden. Nachdem der Goldschnitt in einer Farbe (meist Dunkelorange) aufgetragen und fertig geglättet worden, macht man Gold zu einem zweiten Auftrage zurecht, am besten Zitron- oder Grüngold. Der ganze Schnitt wird nun rasch, aber reichlich mit klarem Brunnenwasser überfahren, die Schablone so aufgelegt, daß das Muster in der Mitte steht, nochmals das Ganze mit Wasser überfahren, das zweite Gold aufgetragen und der Band zum Abtrocknen beiseite gestellt. Sowie der Schnitt halbtrocken ist, beginnt die Schablone sich abzulösen; man glättet über dieselbe unter Auflage von glattem Papier den Schnitt an, läßt noch kurze Zeit abtrocknen, entfernt die Schablone und glättet fertig. Auf einem dunklen Grunde erscheint dann das hellere Ornament, welches jedoch erst durch das Konturieren und Punzieren den rechten Reiz erlangt. Die weitere Behandlung stimmt mit der oben angegebenen überein.
Das Bemalen, richtiger das Ausschaben und Ausmalen von Goldschnitten, ist eine Fortsetzung oder weitere Ausführung des punzierten Schnittes; einzelne Teile des Ornaments werden mit einem feinen Messer, dessen Spitze diesen Schliff hat ausgeschabt und mit Aquarellfarben ausgemalt. Es ist dabei zweckmäßig, den Grund zu mattieren, vom hochglänzenden Ornament aber überall da Teile stehen zu lassen, wo grelle Lichter oder etwa Blattrippen, einzelne Punkte oder dergleichen im farbigen Ornament stehen sollen. Selbstverständlich kann auch zweierlei Gold, wie vorstehend beschrieben, Verwendung finden.

Erwähnt sei hier noch, daß gegen das Jahr 1880 eine Neuerung auf dem Gebiete des Zierschnittes viel von sich reden machte. Aber so plötzlich sie auftauchte, so spurlos verschwand sie auch wieder; es war dies eine Art Überdruck auf den fertigen Schnitt. Eine gravierte Platte oder ein Klischee wird mit einem hellen Überdrucksfirnis eingewalzt und mit einer dünnen Leimhaut — Buchdrucker-Walzenmasse — bedeckt, so daß das Muster sich auf diese überträgt. Diese Leimhaut wiederum wird auf den Schnitt übertragen und das Muster durch leichtes Andrücken dort abgedruckt. Indem nun der ganze Schnitt mit Bronze eingestäubt wird, vollendet man die Musterung des Schnittes.
Wir tragen noch die Bemerkung nach, daß bei Photographie-Albums der Vorderschnitt, der des dicken Kartons wegen Absätze zeigt, mit einer sogenannten Rundschneide-Maschine ausgefräst wird. Auch zum Abglätten des Goldschnittes sind Maschinen erfunden, haben sich aber nicht einzubürgern vermocht.
Wir kommen nun zu der Besprechung des Kapitals oder Kapitälchens, der schon oft erwähnten Ziernaht am Kopf- und Schwanzende des Buchrückens. Im allgemeinen wird heute das gewebte Kapital in solchem Umfange angewendet, daß es sich kaum verlohnen würde, die Anfertigung des von der Hand des Arbeiters durch Umstechen hergestellten Kapitals zu beschreiben, wenn nicht neuerdings wieder darauf Gewicht gelegt würde, daß besonders bei feinen Einbänden, namentlich guten Halbfranzbänden, das Kapital durch Handarbeit beschafft wird.
Schon oben S. 33 erwähnten wir, daß in frühester Zeit, wie auch beim orientalischen Bande, der unbeschnitten bleibt, das Kapitälchen während der Arbeit des Heftens angestochen wurde.

Fig. 44. Mit Seide vierteilig umflochtenes Kapital (italienisch, um 1500).

Fig. 45. Mit zweifarbener Seide umflochtenes Kapital.

Fig. 46. Mit Lederriemen durchflochtenes Kapital (von außen gesehen).
Das älteste Kapital war demnach ein Streifchen Leder oder Pergament, das an jeder Lage ober- und unterhalb mit angeheftet wurde. Später umwebte man dieses Kapital noch in der mannigfachsten Weise, und zwar:
schräg umflochten
mit Seide als 4teilige Flechtung (Fig. 44);
mit Leder als 4- oder 6teilige Flechtung;
gerade umstochen
mit 2 Farben Seide und kleiner Kettennaht daneben (Fig. 45);
mit 1 Lederriemchen und Kette (Fig. 46);
2 Riemchen und Kette daneben;
2 Farben Seide, kleiner Kette und doppelter Einlage (Fig. 47).

Fig. 47. Zweifarbiges Seidenkapital mit doppelter Einlage (italien., 16. Jahrh.).

Fig. 48. Kapital vom Berge Athos.
Diese ältesten Kapitale sind stets mit durch den Deckel des Buches gezogen ganz in der Weise, wie es mit den Bünden der Fall ist. Sehr eigentümlich erscheint die Behandlung bei den Bänden, die in der uralten, aus 23 Klöstern bestehenden Mönchskolonie am Berge Athos, einem Vorgebirge der chalcidischen Halbinsel, hergestellt wurden, ebenso bei einzelnen frühen Bänden italienischen Ursprungs. Das Kapital ist hier erst nach dem Ansetzen der Deckel umstochen; die Einlage besteht aus einer kräftigen, gedrehten, auf der hohen Kante des Deckels etwa 5 cm langen, in eine kleine Rinne eingelassenen Hanfkordel, die durch ein Loch in den Deckel selbst hineingeklebt, auch wohl noch mit einem Holzpflöckchen darin eingekeilt und dann erst mit dem Faden umnäht worden ist. Beim Überziehen des Deckels mit Leder wurde der Einschlag, soweit notwendig, unter dem auf der Deckelkante aufliegenden Kapitalstück durchgeschoben. Sehr zierlich sah es eben nicht aus; gehalten hat es aber. (Fig. 48.)
Die ältesten, mit Leder umflochtenen Kapitale sind nicht selten, nachdem der Einband fertig war, durch das Leder des Rückens hindurch angeflochten, was recht gut aussieht und dem Rücken vorzüglichen Halt gewährt.
Eine einfache Art, das Kapital am fertigen Buche anzubringen, findet man an alten Einbänden dadurch erreicht, daß der Einschlag des Rückens über ein in beiden Deckeln befestigtes Stück Hanfkordel eingeschlagen und nachher mit einigen großen Stichen durch Rücken, Einschlag und oberen Teil des Buches hindurch kunstlos durchnäht ist, wie etwa heute der Sattler die Kanten der Lederkoffer durchnäht. Diese Art war ebenfalls nicht schön, aber dauerhaft.
Aus jener Zeit — 14. Jahrhundert — kann man fast an jedem Bande eine andere, wenn auch auf demselben Grundsatz, nämlich dem der größtmöglichen Haltbarkeit beruhende Form des Kapitals finden. Dies änderte sich erst, als die Buchbinderei zu einem bürgerlichen Gewerbe wurde.
Das Kapital wird nun meist mit farbigem Leinengarn, oft mit Seide nach dem Ansetzen der Deckel umstochen, ohne daß schon beim Heften hierzu Vorkehrungen getroffen werden können. Noch heute wird in England und Frankreich in derselben Weise umstochen, und zwar der Hauptsache nach immer in gleicher Weise, wenn auch in der Anordnung Abänderungen vorkommen. Stets werden dabei zwei Seidenfäden von verschiedener Farbe verwendet, die an den Enden oder in der Mitte durch kurze, andersfarbige Zwischensätze unterbrochen werden. Das Kapital, das aus einem eingelegten Leder- oder Pergamentstreifen besteht, wird dabei lediglich mittelst der Seidenfäden am Buche festgehalten. Am schwierigsten ist der Anfang, bis die erste Befestigung zwischen Buch, Einlage und den umstechenden Seidenfäden hergestellt ist. Diese werden in dünne, lange Nadeln gefaßt, bleiben der ganzen Länge nach doppelt und werden an den Enden aneinander geknüpft. Mit dem ersten Bogen links wird begonnen und durch dessen Bruch vom Rücken her der eine Faden eingeführt; derselbe tritt dann auf dem Schnitte dicht am Rande heraus, wird bis an den Knoten durchgezogen und einstweilen beiseite gelegt; am besten hängt man den jeweilig nicht arbeitenden Faden mit Nadel in die Höhlung des Vorderschnittes. Zum Kapitalumstechen kann man den Band auf die hohe Kante stellen; besser ist es, den Band, etwas mit dem Rücken zurückgeneigt, in einen Vergoldeklotz zu spannen. (Fig. 49.) Das am Rücken heraushängende Ende wird über den aufrecht gestellten Einlagestreifen weg durch den ersten Stich wieder nach außen und nochmals über die Einlage geführt; die Nadel wird an Stelle der ersten weggelegt. Der erste Faden übergreift jetzt den zweiten und zieht ihn als beginnendes Kettennähtchen in das Kapital herein, indem ersterer unter der Einlage nach außen geführt, angezogen, über die Einlage zurück und in der Nähe des zweiten Bogens durch den Rücken nach außen gestochen wird; nochmals umschlingt man die Einlage und wechselt die Nadeln. Der vorhergehende Faden übergreift den letzteren, zieht denselben ins Kettennähtchen herein, geht über die Einlage nach vorn durch den Bogen nach außen, umschlingt zum zweitenmale und wird von der anderen Nadel abgelöst. So geht es fort, bis am Schlusse die Fäden verknüpft, die Enden verklebt werden (Fig. 50).

Fig. 49. Ein zum Umstechen des Kapitals in den Vergoldeklotz eingesetzter Band.

Fig. 50. Zweifarbig umstochenes Kapital.
In Deutschland machte man die Arbeit ein wenig anders. Am Rücken klebte man ein Stückchen dünnes Schafspergament so an, daß es am Kapital schmal überstand; an dieses wurde ein Streifchen Leder angelegt und in ähnlicher Weise wie vorstehend umstochen, nur mußte bei jedem Stich durch das Pergament durchgestochen werden; alle 3 bis 4 Stiche stach man tief in den Band unter dem Fitzbund, sonst aber nur unter der Einlage durch. Auch bei der vorgenannten französischen Art stach man nicht bei jeder Tour ein, sondern ließ ebenfalls einige Stiche vorübergehen.
Unsere jetzige, in Deutschland meist angewendete Art ist folgende. Ein Streifchen steifes Pergament oder rundgedrehtes Leder wird auf einen etwa 3 cm breiten, an einem Rande mit Kleister angeschmierten Streifen Baumwollzeug so geklebt, daß noch ein schmales Rändchen des Stoffes über die Einlage herüber eingeschlagen werden kann. Dadurch erhält man einen an einer Seite mit einem Wulst versehenen Streifen, der nach dem Abtrocknen am Rücken mit Leim festgeklebt und, an beiden Enden mit dem Falz abgleichend, passend geschnitten wird. Wie bei den ältesten Bänden ist auch hier eine bereits befestigte Grundlage für das Kapital geschaffen, welche, wie oben angegeben, umstochen wird.
Soll auf dem Kapital noch ein zweites Leistchen, also eine doppelte Einlage vorhanden sein, so wird ein dünnes Fädchen oder rundgedrehtes Lederstreifchen eingelegt und, bevor man den Faden nach vorn bringt, jedesmal zuvor umschlungen. An älteren griechischen Bänden findet sich eine ähnliche Weise, doch wurde jede Farbe mit 2 Nadeln gestochen, so daß im ganzen 4 Nadeln im Gange waren; es wurden von derselben Farbe dann etwa 6 Stiche hintereinander gemacht und bei jedem Stiche die eine Nadel der vorhergehenden Farbe oberhalb der Einlage mit umschlungen. Nach dem letzten Stiche jeder Farbe zog man die Nadel mit dem Faden bis ans Ende durch, welcher dann als zweite Einlage diente, und nun kam die andere Farbe in derselben Länge und in derselben Anwendung an die Reihe. Diese Kapitale sehen sehr regelmäßig und gut aus, sind aber nur für dickere Bände verwendbar.
Ein Gegenstück möglichst liederlicher Arbeit, leider deutschen Ursprungs, finden wir am Ende des 18. Jahrhunderts. In der Zeit der farbigen Pergamentbände wurde ein Streifchen Pergament, wenig überstehend, am Rücken angeklebt und mit einem farbigen Faden — meistens nicht einmal Seide — überwendlings und in recht langen Stichen übernäht, ohne daß auch nur einmal das Buch selbst angestochen wurde. Ein derartiges Kapital gab dem Buche keinerlei Halt, eine Verzierung war es ebensowenig.
Als besondere Eigentümlichkeit sei noch das orientalische Kapital vorgeführt. Während unsere abendländischen Kapitale das Bestreben haben, aufwärts zu stehen, so liegt das orientalische flach auf dem Buchschnitte auf, und zwar mit Recht. Unsere Einbanddecken haben ausnahmslos vorstehende Kanten; der orientalische Band behilft sich ohne dieselben, die Deckel gleichen mit dem Buche völlig ab. Es wurde schon gesagt, daß das orientalische Kapital beim Heften der Blätter mit angeheftet wird. Die Art, wie dies geschieht, läßt unsere Abbildung (Fig. 51) erkennen.
Zwei verschiedenfarbige, zusammengedrehte Doppelfäden werden in der Mitte zusammengeschlagen und an einem Endbogen fest geheftet, durch jeden Bogen, über den Schnitt und zwischen den 4 Fäden durch wird der webende Seidenfaden geführt, so daß die gleichfarbigen Fäden je einmal über und einmal unter denselben zu liegen kommen, d. h. zu jedem Stich werden alle Fäden derselben Farbe hochgehoben und unter denselben der Faden durchgeführt; zum nächsten Stiche kommen dann die anderen hoch. Meistens liegt unter dem Ziermäschchen noch ein dünnes Streifchen Leder.

Fig. 51. Orientalisches Kapital.
Unsere heutige Buchbinderei macht es sich mit dem Kapitale bequemer. Sie benutzt dazu sog. Kapitalband, das fertig im Handel zu haben ist und aus einem Streifen Baumwollgewebe, dem an einer Seite ein mit Seide übersponnener Wulst angewebt ist, besteht. In passende Stücke geschnitten, wird es ohne weiteres an den Rücken des Buches so angeklebt, daß der Wulst über dem Schnitte in der Rundung des Rückens liegt.
Wenig noch im Gebrauch sind Zeugkapitale aus gestreiftem Baumwollstoff, in den ein dünner Bindfaden als Wulst mit Kleister eingeklebt wurde.
In einigen süddeutschen Strichen blühte bis vor kurzer Zeit noch das Papierkapital, bei dem der Stoff durch das noch geringere Papier ersetzt wurde.
Zur vollständigen Ausstattung besserer Bände gehört noch das Zeichenbändchen. Schmales Seidenband, unter dem Namen Plattschlag bekannt, oder seidene Litze, am Ende mit einer kleinen Quaste versehen, ist am geeignetsten, doch werden bei großen und schweren Bänden auch wohl breite seidene Bänder verwendet.

Randleiste von einem arabischen Einbande.
2. Die Herstellung der Decke.
Der Deckel des Buches und das Ansetzen. — Der Rücken und dessen Herstellung. — Das Leder; Ribbeln, Schärfen. — Das Insledermachen; Halbfranzband, Ganzlederband. — Das Überziehen, die Verlagsdecke und das Einhängen.
Die Decke des Buches, aus dem Rücken und den an diesen anschließenden beweglichen Deckeln (Vorder- und Hinterdeckel) bestehend, hat ursprünglich keinen weiteren Zweck als das Buch zu bewahren, es gegen Staub und Beschädigung zu schützen. Bei den ältesten Erzeugnissen der Buchdruckerpresse ist dieser Zweck der Decke auch in der technischen wie in der ornamentalen Behandlung deutlich ersichtlich, und erst in neuerer und neuester Zeit haben sich die Begriffe so weit verschoben, daß die Decke sehr häufig nur als Schmuckstück erscheint, dabei aber wenig mehr geeignet ist, ihren Dienst als Schutzvorrichtung zu erfüllen. Zum Teil erklärt sich diese Wandlung der Begriffe daraus, daß die sog. Inkunabeln (Wiegendrucke) aus der zweiten Hälfte des 15. und den ersten zwei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts meist in großen Formaten, Folio oder Quart, hergestellt wurden, und daher schwer zu handhaben waren, während heutzutage das handliche Oktavformat bei weitem vorherrscht. Es ist daher begreiflich, daß man, um Folianten und Quartanten einen kräftigen Schutz zu verleihen, auf Holztafeln verfiel, die einen Pergament- oder Lederüberzug erhielten. Diese Holztafeln fertigten sich im 16. Jahrhundert die Buchbinder noch selbst mit Säge und Hobel an, wie aus einem Holzschnitte von Jobst Amman ersichtlich, auf welchem eine Buchbinderwerkstatt damaliger Zeit abgebildet ist.
Während im Orient die Buchdeckel von jeher aus Pappe bestanden, die man an der afrikanischen Küste mittelst Zusammenklebens von Papierblättern, in der heutigen Türkei und Kleinasien aus geschöpfter oder gekautschter Masse herstellte, kam der Pappdeckel erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts nach und nach im Abendlande in Gebrauch. Damit ging naturgemäß auch eine veränderte Befestigungsweise des Deckels am Buchkörper Hand in Hand.
Die Bünde, meist Doppelbünde aus starkem Leder oder Hanfschnüren (s. oben S. 31) wurden bei Verwendung der Holzdeckel in ersterem Falle ins Holz eingelassen und mit einem Holzpflock weiter befestigt, im anderen Falle zog man die Schnüre zweimal durch den Deckel und verkeilte die Löcher; soweit die Bünde im inneren Deckel lagen, ließ man sie ebenfalls ins Holz ein. Die Deckelkanten wurden an der inneren Seite abgeschrägt.
In der heutigen Buchbinderei kommen verschiedene Sorten von Pappdeckeln zur Verwendung. Die beste, zäheste ist die in England für besonders feine Bände verwendete, in den Papierfabriken aus alten Schiffstauen hergestellte Tauenpappe von sehr dunkler Färbung. Dieser am nächsten steht die unter dem Namen Spalt- oder Speltdeckel bekannte graue Buchbinderpappe, während die gelbe Strohpappe, spröde und brüchig, nur für geringere Einbände Verwendung findet. Außerdem sei die Holzpappe und die Lederpappe erwähnt; beide Sorten finden mehr für Kartonagen, weniger für Einbandzwecke Verwendung.
Nur selten wird heute noch die Pappe mit dem Messer am Lineal auf dem »Schneidebrett« zugeschnitten; rascher und einfacher, wenn auch nicht immer zuverlässiger, arbeitet die Pappschere, deren Einrichtung aus unserer Abbildung hervorgeht. (Fig. 52.)
Die Deckel werden entweder unter Zurechnung der Kantenbreite zum Buche »passend geschnitten« oder aber man richtet sie etwas größer zu, befestigt sie erst am Buche und schneidet sie nachher passend; der Fachmann nennt dies »Formieren«. Ober- und Unterkanten sollen je nach Größe und Dicke des Bandes 3–5 mm überstehen, während die Vorderkante meist noch einen mm breiter gelassen wird.
Vor der Befestigung der Deckel am Buche, welche Arbeit das »Ansetzen« heißt, werden dieselben für alle besseren Bände mit Papier beklebt, »gefüttert«, und zwar Halbfranzbände auf der inneren Seite allein, Ganzlederbände auf beiden Seiten. Das Papier, stets mit Kleister aufgeklebt, wird am hinteren Rande, der »Ansatzkante«, umschlagen, damit dieselbe sich nicht staucht.
In Frankreich und England wird, abweichend von der deutschen Weise, das geleimte und gerundete Buch vor dem Beschneiden angesetzt und mit den Deckeln beschnitten; wir kommen später hierauf zurück.

Fig. 52. Pappschere von Chr. Mansfeld in Leipzig.
Man kann die Deckel auf dreierlei Weise ansetzen: »durchziehen«, »auf tiefen Falz ansetzen«, »auf die Bünde ansetzen«; das Durchziehen geschieht auf folgende Weise: 1 cm von der Ansetzkante entfernt wird mit dem Zirkel eine Linie hergestrichen und auf dieser die Durchstichstellen für die Bünde markiert; der Deckel wird dazu auf dem Buche genau in die Lage gebracht, welche er am fertigen Buche haben soll. Das Durchstechen geschieht mit einer spitzen Ahle und in schräger Richtung nach der Vorderkante zu. Alsdann wendet man den Deckel um und sticht etwas rechts seitwärts und 1 cm weiter zurück zu jedem Bunde ein zweites Loch in derselben Weise. Die Bünde, deren lose Enden nicht unter 7 cm lang sein dürfen, werden zunächst in ganzer Länge gekleistert, einige Male durch die Finger gezogen, spitz gedreht, dann einer nach dem andern durch das erste Loch nach innen, und durchs zweite wieder nach außen gezogen, während der Deckel aufrecht im Falz steht. Indem man nun das Buch dicht vor sich nimmt, zieht man die Bünde bei noch hochstehendem Deckel kräftig heran, legt den aufgeschlagenen Deckel auf eine Metallplatte und klopft die Bünde von beiden Seiten des Deckels mit dem Hammer gut nieder; das überstehende Ende wird glatt abgeschnitten und der Deckel vorsichtig zugelegt. Das Buch wird alsdann gewendet und die andere Seite genau ebenso behandelt. Damit später die Deckel sich gut und frei auflegen, wird schon vor dem Abpressen eine Lage Makulatur vor den Endbogen leicht angeklebt und bis zum Fertigmachen des Bandes mit bearbeitet; es ist dies unbedingt notwendig, denn nur so ist der wirklich schöne Falz zu erlangen, den wir mit Recht an englischen und französischen Bänden bewundern.
Einfacher ist das Ansetzen »auf tiefen Falz«. Die Deckel werden passend auf das Buch gelegt, die nicht mehr als etwa 4 cm langen Bünde mit einem Messer gleichmäßig auf den Deckel herübergestrichen und mit Kleister strahlenförmig und recht glatt festgeklebt; darüber kommt ein Streifen Papier, der die Bünde deckt. Nachdem die Rückseite in derselben Weise behandelt worden ist, wird der Band, am besten unter Vorlage von Zinkblechen, zwischen Brettern eingepreßt.
Wir erwähnten schon oben das »Formieren«, welches für gute Bände selbst in solchen Werkstätten noch üblich ist, die mit Pappscheren versehen sind, da der sehr glatte Schnitt des Messers selbst von der schärfsten Pappschere nicht erreicht wird. Zu dieser Arbeit dient ein »Kantenlineal«, d. i. ein dünnes, je nach Buchgröße längeres oder kürzeres Lineal, an dessen einem Längsrande eine schmale Schiene in der Breite der Buchkante aufgenietet ist.
Die eben erwähnte glatte Deckelkante erzielt man in England und Frankreich dadurch, daß man die Bücher oben und unten mit den Deckeln in der Beschneidepresse beschneidet; auch der Vorderschnitt wird meist nicht in der Maschine geschnitten. Während wir in Deutschland den Vorderschnitt zuerst machen, schneidet man dort die kürzeren Schnitte zuerst, indem man die durchgezogenen Deckel beim Unterschnitt nach oben, beim Oberschnitt nach unten zurückschiebt, mit Winkel und Bleistift die genaue Schnittlinie verzeichnet, den Band einsetzt und abschneidet; dadurch erreicht man eine genau parallele und an beiden Seiten gleich überstehende Kante. Zum Schneiden des Vorderschnittes schlägt man die Deckel zurück und macht das Buch wieder gerade, was in Frankreich unter Anwendung des sogenannten »Persierens« geschieht. Die Deckel werden zurückgeschlagen, das Buch zwischen zwei Spalten gefaßt und durch Hin- und Herdrücken mit den Spalten nach und nach in eine gerade Richtung gebracht, in der es eingesetzt und beschnitten wird. Etwas abweichend verfährt man in England; indem man den ganzen Band mit dem Rücken auf den Tisch stemmt, drückt man mit den Deckeln den Band nach hinten, wonach man diesen selbst mit zwei eisernen Klammern, die oben und unten angeschoben werden, in der so erreichten geraden Lage festhält und zum Beschneiden einsetzt. In beiden Fällen wird die Vorderkante der Deckel am Lineal mit dem Messer geschnitten.
Bei geringeren Arbeiten setzt man die Deckel an, indem die Bünde auf den Flügelfalz, und auf diesen die Deckel aufgeklebt werden, welche letzteren man vorher etwa 4 cm breit mit Kleister auf der Innenseite anschmiert.
In jeden Falle, gleichviel welche Ansatzweise in Anwendung kam, wird der Band nach dem Ansetzen der Deckel einige Zeit, je länger desto besser, eingepreßt.
Schon früher (S. 45) haben wir bemerkt, daß der gewöhnliche Halbleinenband auf einfachere Weise mit sogenanntem »gebrochenem Rücken« hergestellt wird. Derselbe wird aus nicht zu dickem, aber kräftigem Stoff, am besten Aktendeckel gemacht. An demselben sind außer dem eigentlichen Rückenteil die Gelenke und je ein Flügel zum Ankleben unter den Deckel herzustellen. Ein Stück Aktendeckel, 2 cm langer als das Buch, 5 cm breiter, als der Rücken über der Rundung beträgt, wird an beiden Längsseiten mit scharfem Messer etwas verlaufend abgeschärft, damit unter dem Papier ein Absatz möglichst vermieden wird. Mit einem Streifen Papier wird die Rundung über den Rücken gemessen von Falz zu Falz, in den Zirkel genommen und oben wie unten auf die Mitte des Rückens übertragen. Diesen Punkten gemäß wird am Lineal her mit dem Falzbein ein Strich gemacht und der Ansatzflügel längs des Lineals in die Höhe gebogen und mit dem Falzbein hart daran hergestrichen. Sind beide Rückenbrüche in dieser Weise hergestellt, so biegt man die beiden Ansatzflügel auf den Brüchen vollends um und streicht sie recht fest nieder. Damit der Deckel sich aber recht frei auflege, wird ein zweiter Bruch, der sogenannte Falzbruch, gemacht. Das Lineal wird im Rücken parallel mit dem ersten Bruch, aber etwa ¼ bis ½ cm (je nach Größe des Buches) nach innen gerückt, angelegt und auf den herübergelegten Ansatzflügel ein zweiter Bruch an das Lineal herangerieben. Der innere Teil des Rückens wird mittelst Durchziehens unter dem Falzbein gerundet. Der nun zum Ansetzen fertige Rücken muß diese Form haben.

Die beiden Ansatzflügel werden angeschmiert, ans Buch geklebt und darauf die Deckel angesetzt, eingepreßt und nachher formiert, wenn die Deckel nicht vorher passend waren. Alles Kleben geschieht mit Kleister. Bei sehr dicken Bänden wird vor dem Ansetzen noch ein zweiter Streifen in den mittleren Teil des Rückens eingeklebt. — Somit sind wir schon am Rücken des Buches angekommen, haben jedoch noch einiges über diesen Bestandteil der Decke vorauszuschicken.
Der sogenannte »feste Rücken« war bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts allein üblich; das Leder wurde, nachdem der Rücken zwischen den Bünden mit weichen Pergamentstreifen bis auf den Deckel herüber überklebt worden war, fest aufgeklebt. Alles Kleben geschah mit Kleister, und es scheint, als sei der Leim dem Binder damaliger Zeit durchaus unbekannt gewesen und erst beim Aufkommen des Druckpapieres — mit dem Planieren — zur Verwendung gekommen; selbst ein »Leimen« des Rückens fand nicht statt, die Befestigung wurde mit Kleister erreicht. Die festen Bände mit den unverwüstlichen Rücken von weißem Schweinsleder sind männiglich bekannt; ihre Dauerhaftigkeit steht aber zur Bequemlichkeit beim Gebrauch im umgekehrten Verhältnis, denn wenn ein solches Buch nicht ein sehr großes Format besitzt, so schlägt es sich nie recht auf, und das geöffnete Buch muß auf beiden Seiten beschwert werden, um das Zuklappen zu verhindern. Auch alle späteren italienischen, französischen und englischen Einbände haben noch feste Rücken. Erst als das Pergament als Überzug der Decke in Gebrauch kam, änderte sich dies, da Pergament sich nicht so weit dehnt, daß es über die Bünde auf den Rücken geklebt werden kann. Die ersten Bände dieser Art finden sich gegen 1600 (der älteste, dem Schreiber dieses bekannte datiert London 1565), doch blieb bei Verwendung anderer Ledersorten der feste Rücken nach wie vor in Übung, bis der im 18. Jahrhundert eingeführte »Pappband« mit gebrochenem Rücken allgemein wurde. Auch der Lederband erhielt nun den »hohlen Rücken«, der den Vorzug hat, daß er beim geschlossenen Buche fest anliegt, beim Aufschlagen aber sich ablöst und ein Durchbiegen des inneren Rückens gestattet. Damit der Buchkörper an und für sich genügende Festigkeit erhält, wird der Rücken desselben mit einem weniger dicken, als zähen Schreibpapier überklebt, bei Halbleinenbänden mit gebrochenem Rücken vor dem Ansetzen, bei anderen Bänden nach dem Ansetzen in der Presse.
Schwieriger ist die Sache beim Halbfranzbande, denn hier wird der Rücken sofort beim Überkleben geformt. Zu diesem Zwecke wird jeder Band einzeln in eine Presse gesetzt, so daß der Rücken frei nach oben steht. Dieser wird mit Leim mäßig bestrichen, und ein besonders zähes Papier, welches etwas länger als der Band und etwa 5–6mal breiter als der Rücken ist, aufgeklebt, und mit einem Falzbein gut angerieben. Auf der einen Seite wird das Papier am Falz her mit einem Messer glatt weggeschnitten, am anderen Falz her wird das Papier über den Rücken zurückgebrochen. An der glatt geschnittenen Seite wird ganz schmal Leim gegeben und der herübergelegte andere Teil des Rückenpapieres hier angeklebt und gut angerieben. Jetzt wird abermals über den Rücken zurückgebrochen, aber der vorher gespannte Teil angeschmiert, das Ende aufgeklebt und angerieben. Am Falz wird abermals zurückgebrochen, aufgeklebt und dies fortgesetzt, bis der Rücken eine der Schwere des Buches entsprechende Dicke erreicht hat. Wenn das Rückenpapier nicht allzudünn ist, genügen 5 geklebte Lagen für ein mittleres Buch. Am Falz der letzten Papierlage wird das Papier glatt weggeschnitten.
Hierbei ist zu bemerken, daß jede Lage die vorhergehende nicht überragen darf, sondern eher eine Kleinigkeit zurückstehen muß, damit der Rücken nicht höher wird als die Deckel. Soll ein solcher Band keine erhabenen Bünde auf dem Rücken erhalten, so ist er jetzt schon fertig zum Einledern, nachdem der Rücken oben und unten noch mit den Deckeln gleichhoch abgeschnitten wurde, was zweckmäßig mit einer Schere geschieht.
In gewöhnlichen Werkstätten, welche nach älterer deutscher Manier arbeiten, wird der Rücken einfacher hergestellt; ein Streifen Aktendeckel, so lang als die Deckel, wird auf die genaue Breite des Rückens von Falz zu Falz gemessen, zugeschnitten und gerundet, indem er unter dem Falzbein in wiegender Bewegung durchgezogen wird. An beiden Längsseiten schmal angeschmiert, wird er auf den Rücken passend angehängt; er soll sich überall genau an den Buchkörper anschmiegen und nirgends abstehen. Die weitere Behandlung deckt sich mit der vorher beschriebenen.
Wie früher, beim festen Rücken und mit umstochenen Heftschnüren, die Bünde sich erhaben abzeichneten, so kleben wir auch heute meistens »unechte Bünde« von schmalen Lederstreifen auf dem Buche auf, die möglichst die wirklichen Heftbünde decken sollen. Diese Art ist für alle besseren Leder- und Halbfranzbände zu empfehlen, wo nicht ganz besondere Zwecke einen glatten Rücken erfordern, wie etwa bei einzelnen Arten der Rokokobände.
Je schmäler der aufgeklebte Bund ist, desto schöner ist er. Die Streifen werden etwas länger als Rückenbreite zugeschnitten, genau rechtwinkelig zum Falz aufgeleimt und an diesem mit einem scharfen Messer so abgeschnitten, daß er vom Rücken nach dem Falz zu ganz dünn verläuft.
Das Überziehen, »Einledern«, häufiger »das Ledermachen« genannt, erfordert als Vorarbeit das »Schärfen« des Leders. Man versteht darunter das Verdünnen oder Abflachen des Leders nach den Enden zu und in den Fälzen. Dies hat den Zweck, zu verhüten, daß Ränder oder Enden auf die daran- oder darübergeklebten Teile zu stark »auftragen«. Zu dieser Arbeit dient das »Schärfmesser«, mit dem auf dem »Schärfstein« von Marmor oder Solenhofer Schiefer die entsprechende Behandlung vorgenommen wird. Je nach der Arbeitsweise unterscheiden wir das »Schärfen« und »Stoßen«, und demgemäß verwendet man die sogenannte Berliner und Offenbacher Form des Schärfmessers mit mehr schneidender, und die Pariser und Wiener Form mit mehr stoßender Bewegung, ähnlich dem Hobeln des Tischlers. Um bei der Arbeit die Finger zu schützen, wird der hintere Teil des Messers bis zum Heft mit Leder umklebt. Der Schärfstein muß entweder genügend schwer sein, damit er beim Arbeiten nicht ausweicht, oder in einen Holzrahmen gefaßt werden, an dessen unterer Vorderkante eine angeschraubte Leiste gegen die Tischkante anstößt. Der Stein selbst ist nicht allein auf seiner Oberfläche geschliffen und poliert, sondern auch die Vorderkante ist sorgfältig gerundet, damit das zu verarbeitende Leder keine Marken oder Verletzungen erhält.
Gleichviel welcher Art das Schärfmesser ist, immer hält die linke Hand das Leder mit dem Daumen gegen die vordere Kante des Steines gepreßt, während die anderen Finger ausgespreizt das Leder an der zu bearbeitenden Stelle straff anspannen; die Rechte führt das Messer. Die Stoßmesser arbeiten Strich an Strich von rechts nach links, die Schärfmesser arbeiten stoßend und zugleich schneidend von links nach rechts. — Zur Zeit findet man in den besseren Werkstätten beide Arten von Messer vertreten, und zwar wird meist für dünnere Leder und zum schmalen Schärfen (die gewöhnliche Art) meist Offenbacher, für dickes Leder und zum breit Ausschärfen Pariser Form benutzt.

Fig. 53. Offenbacher und Pariser Messerform.
Man unterscheidet mehrere Arten des Schärfens: »Abstoßen«, »Einschlagschärfen«, »Ausschärfen« bei größeren Flächen. Erstgenannte Arbeit ist die leichteste; wie zu jeder Art des Schärfens wird das Leder erst »geribbelt«, d. h. der zu schärfende Lederteil wird nach der Fleischseite zu umgeschlagen und durch Hin- und Herrollen auf dem Stein unter den Fingern der rechten Hand mürbe, geschmeidig, und zum Schärfen geeigneter gemacht. Nur dünnere Sorten, Spalt-, Kalb-, Bastard- und Bockleder, werden abgestoßen, d. h. es wird davon ein etwa 1 cm breiter Streif nach den Kanten zu verlaufend abgenommen, während dickere Ledersorten breiter ausgeschärft werden müssen.
Wir müssen an dieser Stelle über das Zuschneiden des Leders noch einiges nachholen. Es kommt zuerst in Frage, ob der Band, zu dem gerade Leder zuzuschneiden ist, in Ganz- oder Halbleder gebunden werden soll. In jedem Falle ist es zweckmäßig, zuvor ein Papiermuster zu schneiden, welches die Größe des Leders nebst der für den Einschlag erforderlichen Zugabe darstellt. Nach diesem Muster wird die Größe auf der Vorderseite des Felles mit einem Falzbein abgezeichnet und dann herausgeschnitten. Dies muß auf der Vorderseite geschehen, damit kleine Fehler oder Flecken im Leder entweder umgangen oder doch an eine Stelle gebracht werden können, wo sie nicht bemerkbar sind. Die Ecken werden so schräg abgeschnitten, daß das Leder, wenn es von beiden Seiten über den Deckel geschlagen ist, über der Ecke noch etwas übereinander geht.
Beim Schärfen muß auf die einzelnen Teile des Buches Rücksicht genommen werden. Wird bei dünnem Leder die Kante ringsherum auch nur wenig abgestoßen, so muß doch der Teil, der an den Kapitalen über den Rücken eingeschlagen wird, etwas breiter abgeschärft werden, damit hier das Leder am Rücken, der ja schon durch das angeheftete oder angeklebte Kapital eine Verstärkung erfahren hat, nicht nochmals verdickt wird.
In den Fälzen schabt man das Leder mit dem ziemlich flach gehaltenen Messer nur etwas aus, damit es geschmeidig wird. Es empfiehlt sich, vor dem Schärfen das Leder um das Buch herumzuschlagen und alle Kanten, sowie auch die Fälze mit einem Falzbein genau vorzuzeichnen, um beim Schärfen sich danach richten zu können.
Bei Verwendung dickerer Ledersorten muß der Einschlag breiter abgeschärft werden. Nachdem auch hier alle Kanten genau vorgemerkt sind und auch das Ribbeln sorgfältig ausgeführt ist, wird zunächst ringsherum die Kante abgestoßen; dann aber bis über den vorgezeichneten Strich hinaus, oder richtiger gesagt hinter der Vorzeichnung beginnend, das Leder breit ausgestoßen, so zwar, daß merkliche Unebenheiten, Vertiefungen oder stehen gebliebene Teile mit den Fingerspitzen nicht zu fühlen sind, auch an der Umschlagestelle das Leder sich weich und geschmeidig umlegen läßt; ebenso muß der Falz, sowohl vom Deckel als vom Rücken her, gut und gleichmäßig ausgestoßen sein.
Am schwierigsten ist es, ganze Rücken oder überhaupt größere Stücke auszuschärfen, wie dies bei Marokko oder echtem Saffian, auch bei Schweinsleder häufig vorkommt. Unter allen Umständen ist dies auch an sehr breiten Einschlägen bei Ganzlederbänden notwendig, die später mit innerer Kantenvergoldung versehen werden sollen.
Ein durchaus scharfes Messer, das wiederholt auf einem guten Ölstein abzuziehen ist, und eine sichere Handführung sind für diese Arbeit unbedingtes Erfordernis, vor allem aber lange und fleißige Übung. Wem die Zeit beim Schärfen zu lang wird, der kann diese Arbeit, von der das saubere und gefällige Aussehen eines Bandes abhängig ist, nie erlernen. Deshalb lasse sich niemand, besonders im Anfang nicht, die Mühe verdrießen, an einer größeren Decke für den Rücken und dem 4 Finger breiten Einschlag einen halben Tag zu schärfen. Später geht die Arbeit schon schneller, und was beim Schärfen an Zeit verloren ging, wird beim Ledermachen und Vergolden reichlich wieder eingebracht. Die Ecken des Leders für Halbfranzbände müssen zunächst nach einer genauen Schablone zugeschnitten werden in der Form: Die lange Seite wird nur schmal abgestoßen, während alle anderen Seiten breiter ausgeschärft werden. Sehr dickes Leder wird gleichmäßig dünner geschärft.

Ehe das Ledermachen vorgenommen wird, werden die nach dem Falz zu liegenden Ecken der Deckel etwas gebrochen, indem ein Streifchen Zinkblech unter den Deckel geschoben und von diesem etwa ½ cm breit nach den Ecken zu mit einem scharfen Messer weggestochen wird. Das »Insledermachen«, wie der Kunstausdruck heißt, wird eingeleitet durch Anschmieren der Lederecken und des Rückens. Dann legt man die Ecken an dem Buche an, schlägt erst an Ober- und Unterkanten den Ledereinschlag nach innen, kneift an den Ecken das Leder ein wenig ein und schlägt den Einschlag der Vorderkante über den anderen weg. Beide Einschläge sollen sich nicht mehr, aber auch nicht weniger decken, als sie ausgestoßen sind, damit die sich deckenden Abschrägungen im inneren Deckel nur wenig zu sehen und kaum fühlbar sind.
Ist die Ecke am Buche festgemacht, so werden mit dem Falzbein alle Kanten noch genau scharf und winklig gerieben, damit das Ganze ja recht zierlich aussieht.
Der Rücken wird so über das Buch gezogen, daß er an beiden Seiten gleichbreit auf die Deckel herübergreift; sind erhabene Bünde vorhanden, so muß an diesen das Leder besonders kräftig angezogen werden, auch der Bund rechts und links mit einem Falzbein gut eingerieben werden. Mit Vorteil bedient man sich dabei eines besonders geformten Holzes von Buchsbaum; dieses trägt auf seiner unteren Seite eine Kerbe, in welche der Bund paßt, und mit dieser wird der Bund von beiden Seiten gleichzeitig eingerieben. Die Einschläge am Kapital werden nun nach innen umgeklebt. Es ist dazu notwendig, etwa zwei cm lang den Rücken an allen Fälzen vom Buche abzulösen, indem man mit einem dünnen, spitzen Falzbein unter den geklebten Rücken fährt und ihn in den Fälzen aufschlitzt. Während man mit der linken Hand den Buchkörper etwas aus den aufgeschlagenen Deckeln heraushebt, schiebt man mit der Spitze eines Falzbeins den Ledereinschlag unter dem Kapital in den inneren Rücken und das Buch ein, wobei sorgfältig jede Verunreinigung des Kapitals mit Kleister zu vermeiden ist. Dieser Einschlag muß völlig glatt liegen, darf weder Falten haben noch zusammengeschoben sein. (Fig. 54.)
Sind beide Kapitaleinschläge ausgeführt, so legt man den Band quer vor sich, drückt die Fälze scharf ans Buch heran, jedoch so, daß sie oben wie unten völlig gleich, nicht etwa an einer Seite breiter sind, als an der anderen. Der Einschlag im Falz muß ebenfalls durchaus glatt und straff anliegen. War vor den Endlagen eine Lage Makulatur vorgeklebt, so kann der Deckel alsbald zugeschlagen werden, anderenfalls geschieht dies Verkleben nachträglich.
Die andere Seite wird in gleicher Weise zugerichtet und das Kapital dann äußerlich behandelt, zu welchem Ende der Band im Falz mit einem Zwirnfaden umschnürt wird. Dadurch wird an den Kapitalen das Leder nach innen geschnürt. Indem man nun dicht neben dem Faden mit der Spitze des Falzbeins in die Kapitalecke fährt, drückt man diese wieder nach auswärts. Den Band legt man flach auf den Schärfstein, drückt auch die Deckelkanten an der Umschnürung recht glatt und flach, reibt die Schnittkante des Deckels eben und winkelig und wiederholt dies an allen Kapitalecken.

Fig. 54. Das Einschlagen des Kapitals.
Das Kapital selbst, das durch Herüberreiben mit der hohlen Hand recht gleichmäßig über den seidenen Saum herübergeholt werden muß, wird oben mit dem Falzbein gleichmäßig und nicht zu kräftig flachgerieben, so daß das Seidenkapital wie mit einer Haube bedeckt ist. Schließlich streicht man mit dem Falzbein unten einige Male um das Kapital herum, wodurch auch hier ein scharfes und sauberes Aussehen erreicht wird, und legt den Band zwischen Brettern mit frei herausragendem Rücken — etwas beschwert — zum Trocknen hin.
Ähnlich, nur noch etwas umständlicher ist der Ganzlederband zu bearbeiten, bei welchem noch mehr auf gutes Schärfen Gewicht gelegt werden muß. Das Leder wird mit Kleister angeschmiert, bleibt kurze Zeit liegen, wird noch einmal angeschmiert und das Buch dann so daraufgelegt, daß die beste Seite des Leders nach vorn kommt. Wird aber die Vorderseite reich verziert, während auf der Rückseite größere Flächen unverziert bleiben, so bringt man die bessere Seite nach hinten. Die ausgearbeiteten Fälze des Überzuges müssen genau mit den Buchfälzen übereinstimmen. Unter kräftigem Anziehen über die Bünde wird das Leder nach den Seiten herübergeklebt, der Deckel halb geöffnet, an der Vorderkante der Einschlag ohne Rücksicht auf die Ecken nach innen geschlagen und der Deckel geschlossen. Das Leder zieht sich auf diese Weise recht glatt über die Bünde und den Deckel weg. Genau so wird die andere Seite behandelt. Man achte darauf, daß die dünn gearbeiteten Stellen für die Fälze sich nicht seitwärts auf den Rücken oder den Deckel verschieben, sondern gerade sitzen. Der Einschlag muß gleichfalls so zubereitet sein, daß die Abschärfung bereits auf dem Deckel beginnt, um die Kanten herum aber völlig dünn geschärft ist, so daß das Leder fast wie ein Kissen sich nach den Rändern zu verjüngt.
Hat man sich von der Richtigkeit der Arbeit überzeugt, so wird oben und unten eingeschlagen, zunächst wieder ohne Rücksicht auf die Ecken; vorher jedoch sind die Lederecken mit einem spitzen Schärfmesser schräg wegzustoßen, zu welchem Zwecke der Vordereinschlag teilweise wieder abgelöst wird. Je dünner der Deckel, desto näher an, je dicker der Deckel, desto weiter von der Deckelecke wird das Leder weggestoßen. Dazu wird die Klinge im halben rechten Winkel schräg gehalten und so an der Pappenecke vorbeigeführt, daß das Messer mit seiner flachen Seite den Deckel gerade noch streicht. Je dicker der Deckel ist, desto breiter wird also das Leder stehen bleiben.
Wird das Leder nun über die Kanten eingeschlagen, so muß es genau im halben rechten Winkel zusammenstoßen und sich so weit decken, als die Schrägung ausmacht. Die Ecke selbst kann auf zweierlei Weise behandelt werden; einmal kann sie, wie die Ecke des Halbfranzbandes, eingekniffen werden. Dann kann auch folgendes Verfahren eingeschlagen werden, sofern man ein besonders dehnbares Leder verarbeitet. Indem mit der hohlen Hand von der Außenseite her das Leder über die Ecke weggestrichen wird, schiebt sich dasselbe in einer Anzahl ganz kleiner Fältchen zusammen, und nach dem Trocknen sieht der Zusammenstoß fast wie aus einem Stück gemacht aus. In beiden Fällen werden die Kanten mit dem Falzbein rechtwinkelig und scharf angestrichen. Damit die Ecke selbst scharfkantig ausfällt, schlägt man den Deckel auf und legt ihn mit der Innenseite flach auf den Schärfstein, während man die Kanten mit dem Falzbein behandelt; die Verarbeitung des Kapitals bleibt dieselbe.