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Das schwimmende Märchenschloß. – Vornehme Passagiere. – Hotel „Zum Weltkrieg!“ – Lernt aus dem Vergangenen für das Zukünftige! – Gewidmet den Meistern in der Verwendung von Millionenheeren! – Auf den Spuren schwerer Brocken. – Von denen, die sich über den Massengräbern aalen. – Legende vom toten „Bauernchristus“. – Das Frontschwein Emil. – Brüder der „Großen Grube“, hört! – Hop hop hop! –
Der amerikanische Bankier und Milliardär Mr. Branting hatte, als er in dem weltberühmten Höhenluftkurort St. Moritz in der Schweiz eintraf, bereits eine mehrwöchige wohlgelungene Vergnügungsreise hinter sich. –
* * *
Es war schon gegen Mitternacht, als der mit dem modernsten Luxus ausgestattete Riesenturbinendampfer „Columbia“ aus dem Hafen von Newyork auslief.
Die Bordkapelle intonierte die amerikanische Nationalhymne.
Hüte flogen am Ufer hoch, ein hundertstimmiges Hurra erscholl, und dann wie ein Salutschießen: ein knatterndes Händeklatschen.
Die unter einem bengalischen Sprühregen rotierenden Feuerräder der Lichtreklame, die auf hängenden Tafeln auf und nieder rollenden Lichtbuchstaben leuchteten noch weit ins Meer hinein, die Turmbauten der Wolkenkratzer waren in Kreuzform illuminiert, und die Freiheitsstatue war wie in einem Gazeschleier in ein Lichtkegelspiel von Scheinwerfern gehüllt, so daß man, von diesem Lichtwerk geblendet, schon kaum mehr das Geräusch der Staffeln der Nachtflugzeuge bemerkte, die unter einem monotonen Surren, bald näher, bald weiter, den Küsten des Großen Ozeans entlang flogen. Nur manchmal, wenn sie plötzlich einer der von der Erde aufgescheuchten Lichtkegel traf, dann reckten staunend die Passagiere ihre Köpfe hoch: da hingen sie beinahe wie unbewegt, die stählernen Riesenfalter, unmittelbar unter einem wie ein Gletscher schimmernden Wolkenfeld.
Noch kreisten, laut sirenend, Torpedoboote und Barkassen um die „Columbia“, gaben ihr das Geleit bis zu der äußersten Grenzzone und schwenkten dann, wobei sie Leuchtraketen abschossen, noch einmal, bevor sie in den Hafen zurückkehrten, in einem großen Bogen um sie herum ...
Die Passagiere konnten sich nicht genug darin tun, noch vor dem Schlafengehen die Einrichtungen der „Columbia“ zu bewundern.
„Ein schwimmendes Märchenschloß“, so wurde sie nicht zu Unrecht genannt.
Hätte jetzt ein Deutscher, und gar ein Patriot noch dazu, das Schiffsinnere betreten, es hätte sich ihm beim Anblick der vielen deutschen Firmenschilder gewaltig die Brust geschwellt, und das schöne Schiffsungeheuer zärtlich mit Blicken streichelnd, hätte er sicherlich wehmütig aufgeseufzt: „Deutschland über alles.“ Und hätte sich, wieder einmal, gerade zur rechten Zeit der Worte seines Großen Kurfürsten erinnert: „Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“ ...
Auch Mr. Branting ließ sich durch einen Schiffsoffizier durch sämtliche Räume führen.
Der Speisesaal glich mit seinen traubenförmig niederhängenden Ampeln und den gedrechselten durchsichtigen lichtflüssigen Glassäulen einer traumhaften Grottenhalle, ja, die länglichen Fensterplatten zu beiden Seiten ließen, von außen her grell beleuchtet, die Meertiefe durchschimmern, so daß man speisend, während der Fahrt, wie in einem Aquarium, die Meerflora und die Seetiere an sich vorübergleiten sah. Rauch- und Billardzimmer schlossen sich an die „Traumgrotte“ an, ein Lesezimmer und die Bordbibliothek, so umfangreich und mit solch wertvollen Buchausgaben ausgestattet, daß, was auch ein flüchtiger Blick in den Katalog besagte, sie sich mit jeder Bibliothek mittleren Ranges messen konnte.
Der Bankier musterte noch, offensichtlich befriedigt, die Massage- und Baderäume, wobei das Schwimmbassin mit einem ein Meter und einem drei Meter hohen Sprungbrett besonderer Erwähnung verdiente und ließ sich dann von dem ihn begleitenden Schiffsoffizier darüber belehren, daß auch eine besondere Schiffspolizei vorhanden sei, um, wenn nötig, das an sich schon immer etwas rebellisch veranlagte Heizpersonal gebührend in Schach zu halten.
„Wollen Sie einmal einen Blick in die „Hölle“ tun!? ... Dann bitte –“
In Begleitung des Schiffsoffiziers kletterte der Bankier eine lange Eisenleiter hinunter und – der Aufforderung des Offiziers folgend: „Bitte, treten Sie ein wenig zurück, es ist nicht gerade nötig, daß die Heizer Ihrer ansichtig werden“ – sah er durch die mit schweren Eisenklammern abschließbare Luke in den Heizraum hinein.
Ein stickichter Glutwind sprang ihm entgegen.
Er nahm nur zögernd wieder die Hände vom Gesicht.
Es war, als ob das Heizpersonal in flüssigem Feuer badete.
„Genug!“
Die Luke schloß sich.
„Kann sogar von der Kommandobrücke aus automatisch bedient werden ...“
Der Bankier sah sich noch einmal um.
Die Luke glich einer schweren Panzerplatte.
Armdick.
„Wie der Deckel zu meiner Familiengruft in Kalifornien“, meinte der Bankier treuherzig.
„So ähnlich wohl ja ... Wenn nämlich einmal was vorkommen sollte, Leck, hier werden die Schotten zuerst abgedichtet. Aber auch bei Aufruhr ... Die Wassermasse stürzt in den Heizraum herein, platzt unter einem gewaltigen Getöse auf die Glut, man kann dann zwar den ganzen Schiffskörper hindurch das Fäustegetrommel und das Wutheulen der Verzweifelten hören, aber der Kampf der Eingeschlossenen mit dem Element dauert nicht lange, je nachdem, aber sicher nicht länger als drei Minuten. Bloße Fäuste und Schreien aber haben bekanntlich noch nie Panzerplatten zum Erweichen gebracht, auch nicht, wenn Köpfe dagegen rennen. Sie löcken umsonst wider diesen Stachel. Und jede Sekunde, die unten das Schiff noch in Gang bleibt, ist oben für die Rettungsaktion gewonnen ...“
Der Rundgang war beendet.
Der Bankier stieg an Deck, um sich von der Höllenhitze des Maschinenraums, die ihm noch wie flüssiges Metall durch die Adern zischte, abzukühlen ...
Mitten durch den Ansturm der Wogenberge hindurch schnitt sich die „Columbia“. Jede Art Schlingerbewegung war durch eine bestimmte Rumpflinienführung und durch eine neueste Kreiselkonstruktion ausgeschaltet.
Die Wogenberge, oben mit Schaumblüten bewachsen, stürzten sich unter einem langanhaltenden Rolldonner heran, der Kiel schnitt glatt mitten hindurch, ein wüstes Gekreische, als ob Wasser geschlachtet würde – und der Meeresgrund sog mit einem tiefen Atemzuge die abgeschlachteten Wogenberge wieder in einer langen Schleife an sich zurück ...
Schön und tiefblau war die Nacht.
Ein lauer Windzug strich.
Das Firmament glitzerte.
Hie und da fiel eine Sternschnuppe.
„An was denke ich nur? Oder – bin ich wunschlos!?“
Der Bankier sann noch einen Augenblick darüber nach.
Dann suchte er seine Kabine auf.
Fern, ganz fern – durch eine moderne Schalldämpfervorrichtung gedämpft – stampften, stampften die Maschinen.
* * *
„Du, von was leben die da oben eigentlich?“
Machte sich unten im Maschinenraum einer der chinesischen Heizer an einen Deutschen heran.
„Pst!“ gab der unwirsch zur Antwort, „du weißt doch, daß Kontrolle ist, hast du nicht den Wisch mit den Paragraphen unterschrieben?! Du weißt doch, daß es eine Schiffspolizei gibt, auch unter den Heizern sind solche ... Von was die leben!? ... Davon!!“
Er deutete auf seine Oberarmmuskeln, auf seine schwielige Hand, und schippte seine Kohlenbrocken weiter.
„Davon! Und nur davon! Ausschließlich nur davon! ... Wenn wir einmal die Glut aus den Kesseln reißen, dann: Herrlichkeit ade! ... Dann nämlich ist’s aus mit dem großen Bogen spucken. Ratzekahl aus damit! sage ich dir ...“
„Ich will dir was sagen, Bruder“, flüsterte der Chinese, „genau so ist’s auch in unserem Land. Dort, wo ich daheim bin. Länderhungrig sind die. Und schöne Maisplantagen haben die sich angelegt und große, große Spinnereien ... Und der Christengott ist übers Meer gefahren gekommen und überall haben die dickwanstigen Missionare den eingesetzt ... Ein gräulicher, scheußlicher Gott ist so ein Christengott, ein Blutsäufergott, stinkt nach Fusel und macht alle besoffen mit Branntwein ... Auch Opium, Bruder, Opium! Ganze unterirdische Höhlenstädte haben wir, in denen nur Opiumraucher wohnen ...“
Ein Schwarzer trat hinzu.
„Wie bei uns ... Da nehmen sie auch das Vieh weg, mitsamt dem Weidland, ja schrecklich länderhungrig sind die, und die Erde bohren sie an und ziehen daraus mittels elektrisch betriebener Pumpwerke den ganzen Saft hervor ... Sogar in einen Krieg haben wir ziehen müssen, aber wißt ihr, Kriegsmaschinen haben die, da kann unsereins nicht dagegen aufkommen. Ein Gewehr, das ganz schnell „tacktack“ macht, da sind oft gleich an die Tausende in einem Nu hin. Hin und futsch ... Seht ihr, Brüder, wie dieser Maschinenraum schwitzt, so schwitzt unser ganzes Land. Blut schwitzt unser Land ... Was ist da zu machen, Brüder ...!?“
Schweigend starrten die Drei in die Glut.
Bis der Deutsche ganz leise zu singen begann:
„Tüchtig heizen, tüchtig heizen, Daß das Schiff läuft – Tüchtig heizen, tüchtig heizen, Daß das Schiff schneller läuft ... Tüchtig heizen, tüchtig heizen, Daß das Schiff Volldampf läuft!“
Die Nachtrunde, aus drei Schiffsoffizieren bestehend, erschien.
Jeder der drei Heizer sang jetzt lautlos für sich allein das Heizerlied zu Ende:
„Tüchtig heizen, tüchtig heizen, Bis die Glut zum Himmel spritzt!!!“
– – –
Die Maschinen stampften.
Sonst war tiefe Stille auf dem ganzen Schiff.
* * *
Und Tage fröhlichsten Bordlebens begannen! –
„Man kann seine Ferien kaum besser verbringen ... Die ganze Welt wird einem zu Venedig ... Alle Länder der Welt miteinander durch Kanäle verbunden, darüber hinweg wir in schwebenden Gondeln ...“
Auch der Bankier erlebte es wieder, mit einem Gefühl von Dankbarkeit an das Schicksal der Welt, wie der Mensch, aus Staub und Lärm der Großstadt entfernt, ein Anderer wird.
Reiche Abwechslung ward den Bordgästen geboten.
Ein internationales Tennisturnier an Deck fand sportbegeisterte und sachverständige Zuschauer.
Aber auch das Radio wurde fleißig benutzt.
Nachrichten aus aller Welt:
Man konnte in der Badewanne bei einem Sauerstoffbad oder den erholungsbedürftigen Körper auf einem Liegestuhl ausgegossen träumen, was Europa träumt, träumen, was Amerika träumt, und kaum, daß ein Ereignis in der Welt geschah, sei es auf dem Gebiet der Literatur und der Kunst, der Politik und des Rennstalls: durch die elektrischen Wellen wurde es einem ins Ohr geflüstert.
* * *
Zu einem besonderen Ereignis aber, dem nicht ein gewisser sensationeller Beigeschmack fehlte, sollte sich das Auftreten des jungen italienischen Pianisten Antonio Carracarra gestalten, das für die Passagiere noch hinreißender zu werden versprach, als die oft an eigenartigen Ueberraschungsmomenten reichen Sparringsrunden Charlie Hinklings, des Weltmeisters im Boxen im Mittelgewicht.
Von Antonio Carracarra war allgemein bekannt: er war kein Frauenfreund. Sogar in der amerikanischen Presse stand jüngst darüber ausführlich geschrieben.
Trotzdem umgaben ihn rudelweis die Frauen, bewunderten seine Hände, küßten seine Hände, Antonios Hände, von denen eine ungarische Gräfin, die sich der Poesie widmete, sagte, man müsse einen Abguß von ihnen nehmen, um sie noch rechtzeitig der Nachwelt zu übermitteln.
Antonio Carracarra sei die Gewißheit des Paradieses in die Hände geschrieben, er denke, er fühle mit den Händen, und diese Hände würden auch, abgesondert von dem Körper, dem sie zugehörten, ein Leben führen können, ein Traumleben, ein berauschendes Klangleben. Sie seien auch, getrennt vom Instrument, Musik; zu Nervenfasern geronnene Musik: Antonio Carracarras Hände!
Nun, die meisten Passagiere hatten Antonio Carracarras Spiel bisher nur im Radio gehört, seine Klavierabende waren immer schon Wochen, ja Monate vorher ausverkauft, und selbst für einen Passagier der „Columbia“ waren die Eintrittspreise, von Tag zu Tag durch Zwischenhändler in eine immer schwindelhaftere Höhe hinaufgetrieben, unerschwinglich.
Ueber den Abend, den Antonio Carracarra an Bord der „Columbia“ gab, war nur das eine zu berichten:
Die Hände Carracarras wurden zu Musik und schwebten als Klangfittiche, sich ihm wunderbar verschmelzend, durch den Konzertsaal, und zur Musik, zu lebendigen Traum-Fugen wurden auch die andächtig lauschenden Zuhörer.
Als Antonio Carracarra nach Vortrag des letzten Stückes hinter einem Frühling prächtigster Blumenarrangements verschwand, da sprach die Meinung aller derer, die sich so reich begnadet dünkten, an diesem Abend haben teilnehmen zu dürfen, wiederum jene ungarische Gräfin am treffendsten aus, die, Tränen in den Augen, schluchzte:
„Einfach Apollo!“
War es da weiter verwunderlich, daß sie auch gleich darauf, was ihren höchsten Erdenwunsch betraf, sich dahin äußerte, einmal, Antonio Carracarras Hände über Augen und Stirn gebreitet, sterben zu dürfen ...!?
Auch dem Bankier war es dabei, als ob er seines sterblichen Körpers entledigt würde, die irdische Hülle fiel von ihm ab, und er fühlte sich einen Augenblick lang gut, ganz gut ...
Seine beiden Söhne kamen ihm in Erinnerung, er verglich sie in Gedanken mit dem jungen Antonio, einige Pläne kreuzten sich ihm wirr im Kopf, und er faßte den Entschluß, Antonio Carracarra kennen zu lernen.
Es ergab sich aber in der Folge nie eine passende Gelegenheit. Antonio Carracarra wiederum, der an Bord ein zurückgezogenes Leben führte, tat so, als ginge er dem Milliardär aus dem Weg, der ihm als einer der genialsten Vertreter des modernen Finanzkapitals bekannt war, und dem er gern die Hochachtung des Künstlers den großen Männern der Industrie gegenüber ausgesprochen hätte ...
* * *
So kam auch jener Abend heran, der letzte vor dem Eintreffen der „Columbia“ in Europa.
Sie sollte kursmäßig am andern Tag gegen Mittag im Hafen von Southampton einlaufen.
Die Schiffsdirektion hatte für diesen Abend noch eine Spezialattraktion angekündigt.
Einer der aktuellsten und durch seinen tiefen menschlichen und künstlerischen Gehalt ergreifenden Großfilme sollte gezeigt werden, die neuesten Ereignisse in Bulgarien schildernd.
Welch eine Ueberraschung!
Die Filmvorstellung fand kurz nach Einbruch der Dunkelheit, nach dem Souper, im Freien an Deck statt, eine riesige Leinwand war gespannt, und die Zuschauer hatten ihre Plätze derart eingenommen, daß sie sich bequem in Decken gehüllt am Boden lagerten oder sich in ihren Liegestühlen räkelten.
Die Bordkapelle spielte die geeignete Begleitmusik dazu.
Zuerst: ein Trommelsolo, dann, zögernd und diskret angedeutet: die „Internationale“, gleich darauf ein wildes Durcheinandergeknatter von Gewehrschüssen, dem, gemessen und mit breiten Strichen vorgetragen, ein Choral folgte, und dann als Abschluß, fortissimo, wobei auch Hörner und Blechmusiken mitwirkten: ein Potpourri aus der amerikanischem englischen, französischen und deutschen Nationalhymne.
Der Filmstreifen wickelte sich ab:
Die Kathedrale von Sofia erschien, wie ein auseinandergefetzter Steinhaufen, die Höllenmaschine, mit der dieses fluchwürdige Attentat verübt wurde, ließ sich einige Sekunden lang sehen, dann fuhr König Boris in einem schnittigen Automobil vorüber, gerade zur rechten Zeit noch von seinem Vorhaben, die Kathedrale zu besuchen, ablassend, wobei er selbst unfehlbar ein Opfer der grauenhaften Explosion geworden wäre ... Rauchende Trümmer: die Verschwörernester; verstümmelte Leichen mit abgehackten Köpfen davor: die kommunistischen Verbrecher. Die, wie ein darauffolgendes Bild klar aufwies, durch den rollenden roten Moskauer Rubel bestochen, in der Tat die verabscheuungswürdigsten Pläne hegten und – wie gezeigt – auch ausgeführt hatten. Ein Blick in das kommunistische Parteibüro besagte mehr als genügend ... Und nunmehr folgte auch schon der Akt der Sühne! Man sah zunächst lange Reihen von Gefangenen vorüberdefilieren, bärtige, räuberische Gesichter, aber auch Studenten und Gymnasiastinnen darunter, und dann Großaufnahme: die drei Hauptschuldigen. In diesem Moment schrie einer aus dem bisher in tiefem Schweigen verhaltenen Publikum: „Hunde! Bluthunde!“ Ein Ruf, der allerorts begeisterte Aufnahme fand. Die aber, denen er gelten sollte, hörten ihn nicht mehr ... Schon war das Galgenrechteck auf dem Richtplatz in die Höhe gezimmert, der lebende Wall der vieltausendköpfigen Zuschauermenge wogte, ungeduldig vor Spannung, auf und ab, da aber ratterte auch schon der Lastkraftwagen mit den zum Tode Verurteilten heran, in eine Horde schwerbewaffneter Soldaten gepfropft, und der letzte Gang begann ... Das Urteil wurde nochmals verlesen. Der Verbrecher unter den Galgen geführt. (Wieder: Trommelsolo!) Man half ihnen auf den Tisch hinauf. Einer der Henker stieg nach und legte den Strick um den Hals ... Man sah deutlich an den Kopfbewegungen der vornehmen Gesellschaft auf den Zuschauertribünen, die sich blendend amüsierte, daß jetzt der Staatsanwalt fragte: „Alles fertig?!“ Die Henkergesellen nickten, sprangen wie Katzen auf die Tische zu, warfen sie um und schlangen sich zugleich bis zu den Hüften herauf um die Leiber der Exekutierten, fest darin eingekrallt, schnitten dazu wie Clowns Grimassen, die Leiber der Exekutierten schwangen langsam wie Pendel hin und her, strafften sich, und der Strick, von dem doppelten Gewicht, dem des Henkers und dem des Gehenkten, belastet, schnitt doppelt tief im Genick des Gehängten ein ... (Hier senkte sich feierlich wie ein Samtvorhang aus Moll der Choral hernieder ...) Eine weiße Kapuze wurde jetzt den im Todeskrampf zu einiger wüsten Grimasse verzerrten Gesichtern übergestülpt und –
Das Nationalhymnen-Potpourri schmetterte!
Während zu gleicher Zeit das Schlußbild aufleuchtete:
„Des Volkes Blühen und Gedeihen!“
Erntefelder.
Bauern, die Garben binden.
Und König Boris, der gute Worte und Orden spendend wie ein Heiland durch ihre ehrfürchtig die Köpfe von den Mützen entblößenden Reihen hindurchschritt ...
Das Bordpublikum klatschte.
Die Zuschauer waren, wie sich das in ihren Gesprächen äußerte, alle durch die historische Wucht jener Szenen zu tiefst erschüttert.
Das Lichtbild mit dem Galgen stand noch einen Augenblick lang in der Nacht, und darunter mit einer flammenden Inschrift, die sich jedem tief bis auf den Herzkern einbrannte, nichts weiter als die knappen Worte:
„Wir oder sie ...“
* * *
Und der Herztakt des Schiffes, die Maschine, stampfte ...
* * *
Nur in der Bar war noch bis über Mitternacht Betrieb.
Es dauerte diesmal bis in den Morgen hinein.
Eine kunterbunte Gesellschaft hatte sich dort nach der Filmvorführung zusammengefunden: Dancinggirls, die Schiffsoffiziere mit den Aspiranten, Sportsleute, Schaupieler.
Auch der Bankier saß als „stiller Teilnehmer“ in einer Ecke im Klubsessel.
Der „Budenzauber“, wie sie es nannten, begann, als einer, in eine lang an ihm herabwallende Ku-Klux-Klan-Maske gekleidet, händeklatschend und dabei wie ein bayerischer Gebirgler jodelnd hereintanzte.
Das war das Zeichen zu einer allgemeinen Kostümierung.
Trotzdem alles nur improvisiert war, waren die Kostüme ausgezeichnet gelungen.
Einer erschien als Meergott Neptun, einer als Pope, einer als Gehängter, sogar den Strick noch um den Hals, die Dancinggirls teils als „öffentliche Frauenzimmer“, teils als Nacktdamen.
Eines dieser Dancinggirls tänzelte zierlich auf den Bankier zu:
„Komm, Alterchen! Schmücke dein Heim!“
Und so konnte auch er es nicht verhindern, daß man ihm einen roten Türkenfez aufstülpte und ihm bunte Papierschlangen um Brust und Hals wand.
Die Ku-Klux-Klan-Maske stieg auf einen Stuhl.
Ein Glas klingelte dreimal schrill.
Ein allgemeines Gesumme:
„Ah, eine Ansprache ...“
Die Ku-Klux-Klan-Maske sprach dabei aus einem langen rüsselartigen Papiertrichter, der sich abwechselnd auf und zu rollte. Die Worte daraus tönten dumpf und krächzend.
„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Das Thema dieses Abends ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser Raum hier sei ein Unterseeboot oder eine Taucherglocke. Wir befinden uns auf dem Grund des Meeres. Hören Sie, wie es knirscht: das sind Schädelgerölle, über die der Kiel unseres Bootes wie ein Wiegemesser hin und her wippt ... Rettung ist ausgeschlossen ... Also, meine Herrschaften, wir setzen jetzt einen Sauerstoffapparat in Gang, den Reservebehälter. Nach ihm – die Sintflut! ... Läutern Sie Ihr religiöses Gemüt! Zur Ohrenbeichte und Absolution haben Sie nebenan ungestört Gelegenheit ... So also liegt die Situation ... Eine verfahrene Sache. Diesmal also ist der Karren im Dreck stecken geblieben ... Wir haben nunmehr die sicher lobenswerte Absicht – und die hohe Kommandoleitung unseres versunkenen Boots hat sich dem Wunsch ihrer Untertanen angeschlossen – wir hegen also die Absicht, in unserem eigenen Sarg die wenigen Stunden, die uns durch die Gnade unseres Sauerstoffreservebehälters gelassen sind, würdig mit unserem eigenen Leichenbegängnis zu begehen. Unsere Gesellschaft ist so gemischt wie nur irgend möglich zusammengesetzt. Alles ist darunter; alles, was das Herz eines armen Sterblichen begehrt: Kokotten, Zuhälter, Kolonels, Prärie-Räuber, Ku-Klux-Klan-Leute, Bolschewisten, Milliardäre, sogar ein Henker. Darf ich gleich vorstellen – vielleicht findet sogar noch im letzten Lebensaugenblick eine Hinrichtung statt – Jonas Thompson, gebürtig aus Chikago, erfolgreicher Scharfrichter ... Und nun, meine Herrschaften, nützen Sie Ihr Leben, so lange es Ihnen kraft der eingangs meiner Rede behandelten Umstände noch gestattet ist ... Freut euch des Lebens, wenn noch das Lämpchen glüht ...“
Ein Wirbeltaumel von Schlaginstrumenten, Tamburins, Blechschellen, Trommeln, Holzklappern setzte schon bei den letzten Worten der Rede ein.
„Freut euch des Lebens! Das soll heute Nacht unser Motto sein!“
Plärrte heroisch ein Schauspieler mit gewaltiger Stimme.
Glas auf Glas wurde hinuntergestülpt.
Einige rülpsten laut.
Andere gurgelten.
Eine der Tänzerinnen wurde auf den Tisch gelegt, ein langer Spritzenschlauch ihr zum Mund eingeführt.
Die Ku-Klux-Klan-Maske feixte geheimnisvoll:
„Rhizinus!“
Und zum Henker gewandt:
„Danach tranchiert ...“
Gleich darauf erschollen Hochrufe:
„Der heilige Ku-Klux-Klan soll leben! ...
„Aber auch die von ihm massakrierten, die Kopflosen und die Gehängten! ...“
Unter lautem Beifallsgebrüll schleppte der Scharfrichter einige Stoffpuppen heran, die ihm welk wie fleischige Lappen unter den Armen hingen.
„Frisch vom Galgen ... preiswert abzugeben ...“
„Hoch! Hoch!“
„Es lebe der Kommunismus! Hoch!“
Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die Schulter eines Cowboys, der wiederum auf der Schulter der Ku-Klux-Klan-Maske stand.
„Welch ein Akrobatenkunststück! Excentrik-Akt! Brillant! Famos! Was! ...“
Und das Dancinggirl trällerte den neuesten Schlager:
„Das ist doch wenigstens noch etwas anderes Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“
„Na, Dickerchen, was meckerst du denn!?“ geriet jetzt an den Bankier einer der als Zuhälter Kostümierten heran, eine Kokotte imitierend.
„Schnuckelchen, bin ich nicht eine süße Kanaille, ein liebreizender Schäker ... o du, mein holder Abendstern ...“
Dabei fächelte er ihm mit einem Flederwisch ins Gesicht.
Befingerte ihm den Bauch, tat schwul, seufzte sabbernd „uch nein“, und ließ dabei zum Spaß mit einem Taschendiebstrick die Uhr mitsamt der Kette verschwinden.
„Na, Männeken Schwemmbauch, Männeken Wackelbauch! ... Auch anders wie die anderen!? ... Du federleichtes Spatzengehirn, wieviel Milligramm wiegst du denn, Komm tanz mal! ... Lüft auch mal ein wenig deinen Klubsesselhintern! ... Tu dich doch nicht so, Kratzbürste!“ ...
Nur mit Mühe gelang es dem Bankier, gut zuredend, den die Kokotte imitierenden Zuhälter von sich abzuwehren ...
* * *
An einem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke hatten sich inzwischen die Schiffsoffiziere über einen der Aspiranten hergemacht.
„Nein, so ein Kadett! Drollig, drollig, so ein Witzling, will Seemann werden und verträgt keinen Schluck nicht.“
Ein Humpen nach dem andern wurde ihm in seinen Schlund entleert.
„Na, grein nicht, kriegst schon den Schnuller.“
Eine dicke Havanna wurde ihm zwischen die Zähne gepreßt.
„Na, Bürschchen, soll ich dir jetzt mit dem Finger das Gaumenzäpfchen kitzeln oder dir ein Stückchen schön fettigen Schweinespecks recht liebevoll an einem Schnürchen im Hals auf und niederziehen!? ...“
Der Schiffsaspirant, noch ein Bübchen, verfärbte sich grün und weiß.
Kotzte.
„Na endlich! ... So ein Muttersöhnchen, so ein Lausewürstchen, das zieht ihm die Milch aus den Wangen ... Tüchtig, allemal tüchtig! Auch das Kotzen will gelernt sein. Verflixte Drecksau! Hast du die Zappelfritzen heute abend am Galgen gesehn!? Ja!? Genau so ergehts dir, wenn du nicht bald Gläser in Scherben beißen kannst! ...“
Die Ku-Klux-Klan-Maske tutete aus ihrem Papierrüssel „Halleluja! Gloria in Excelsis! Hosianna! Er kotzt! Er kotzt sogar um die Ecke! ...“
Ein Freudengewieher erfüllte den ganzen Raum.
„Hihihi!“
„Hahaha!“
„Huhuhu!“
„Kotz! Kotz! Wart du Milchgesicht! Noch eine Prise gekotzter Sch...e gefällig!?
„Eine schöne Bescherung! Und wie er kotzt! Wie wie! Nein, habt ihr schon einmal so ein Kotzen gesehen?!
„Toll, einfach toll! Nur nicht stecken bleiben in deiner Lektion, Brüderchen! Sag sie immer mal feste uff ...“
Auch der Bankier, vom Scharfrichter und der Ku-Klux-Klan-Maske geleitet, mußte sich das Kotzen mitansehen.
„Direkt eine Sehenswürdigkeit!
„Ein Meister seiner Art!
„Ein richtiges Kotzwunder!
„Komm, animier ihn zum Kotzen, Dickerchen!
„Sieh ihn dir an, Bürschchen, den Bankier, ein fetter Leckerbissen, was ...
„Aber wenn du jetzt wieder kotzt, laß bitte die Gedärme drin ...“
Der Aspirant schlug wie hypnotisiert die Augen auf und ergab sich gleich wieder demütig in sein Schicksal, das heißt, er kotzte.
„Wir müßten eigentlich rechtskräftig für dieses Kotz-Schauspiel besonderes Eintrittsgeld erheben ...
„Im übrigen: nur Erwachsenen ist der Zutritt gestattet.
„Sind vielleicht trotz des ausdrücklichen Verbots Hunde und Kinder anwesend!?“
Unter lautem Gejuchze wurden von dem Scharfrichter die Dancinggirls, der Bankier und die Ku-Klux-Klan-Maske als Hunde und Kinder verhaftet, und aus der Kotz-Vorstellung abgeführt.
„... Nieder mit ihm auf den Boden! Laßt ihn doch seinen eigenen Dreck aufschlecken ...“ brüllte ein Obermaat jetzt den Aspiranten an, der aus dem letzten Loch pfiff und bestimmt glaubte, sein letztes Stündchen sei gekommen.
Einer der rangältesten Offiziere aber nahm den Ausgekotzten, wie er ihn bärbeißig nannte, jetzt fest in den Arm, drückte ihn an sich und wiegte ihn.
„Na, mein Wickelwackelkind!? Saugst jetzt an der Mutterbrust ... Schlaf, mein Kind, schlaf ... Na, hat das Komitee der Todgeweihten nicht etwas zu bieten!?“
Es war inzwischen Morgen geworden.
Wieder bestieg unter geheimnisvoll gemurmelten Beschwörungsformeln und eckige Zeichenbuchstaben mit der Hand in die Luft fuchtelnd die Ku-Klux-Klan-Maske den Tisch.
„Ruhe im Puff! ... Meine Damen und Herren!“
Einige lagen bereits am Boden.
Ein Schiffsoffizier wimmerte monoton vor sich hin:
„So ein Rotzlöffel, nein, so ein Kotzteufel ...“
Lautlose Stille trat ein.
Man hörte Schnarchen.
„Hören Sie, der Ast, auf dem wir sitzen, wird soeben abgesägt ...“ witzelte die Ku-Klux-Klan-Maske als Nebenbemerkung vor sich hin.
„ssssst!“
Ein Glas klingelte schrill dreimal.
„Eine wichtige Mitteilung! Die Gespenstersitzung ist zu Ende. Ruhe und Ordnung! Die Verfassung der Todgeweihten verlangt es! Der Sauerstoffbehälter ist leer. Suchen Sie sich Ihre Plätze aus! Nehmen Sie die Haltung ein, in der Sie zu sterben wünschen. Stellen Sie langsam Ihre Atmung ab, wenn ich bitten darf ... Einige Minuten noch ... Dann erscheint, wie weiland bei Nebukadnezar die Feuerschrift an der Wand: mene menetekel upharsin. Und dann drücken die Wasser zu den Wänden herein, denn unsere Taucherglocke, meine Herrschaften, ist im Verhältnis zum Meeresdruck eine gar windige Konservenbüchse. Pappe. Eine Sache wie ein Spielzeug ... Sehr verehrte Frau Leichinnen! Sehr verehrte Herren Leichen! Wir bekommen gleich hohen Besuch! Aale, Algen, Schwertfische, Wale ... Pst! Pst! Die Leichen werden um Ruhe gebeten! ...“
Es herrschte in der Tat während der Schlußrede der Ku-Klux-Klan-Maske vollkommene Totenstille.
Auch jetzt noch, da sie schon seit geraumer Weile geendet hatte.
Hie und da nur ein krampfhafter Schluck.
Es gluckste.
Einige würgten ihren Brechreiz hinunter.
– – –
Die Maschinen stampften.
* * *
Es war kurz vor der Ankunft der „Columbia“ in Europa.
Das Signal „Land in Sicht!“ hatte alle Passagiere an Deck versammelt.
Langsam stieg am Horizont die englische Küste hoch.
Der Bankier wiegte sich in seinem Liegestuhl und blinzelte schläfrig ins strahlende Licht.
Der junge Musiker entschloß sich nun doch, die Bekanntschaft des Milliardärs zu machen.
Trat an den Amerikaner heran:
„Nun zwar in letzter Stunde ... aber doch ...“
Und als der Amerikaner freundlich nickte:
„Auch ich ... wie mich das freut ... bitte, bitte ...“
Zog auch der junge Italiener einen Liegestuhl herbei und setzte sich dicht an den Amerikaner heran.
„Ich dachte eigentlich, Sie neulich abends nach dem Film noch bei dem Maskenfest zu sehen ...?“
„Nein, solche derben Späße vertragen meine Nerven nicht. Da geht es dann gegen Ende zu doch immer ziemlich toll her. Das sind Volksbelustigungen, mit einer tüchtigen Sprengdosis Kaschemmenton untermischt, nicht geschaffen für Menschen meiner Art ...“
„Ach, Spaß muß sein. Man muß die Jugend doch schließlich sich einmal austoben lassen. Es war eigentlich ganz gemütlich ...“
„Ich habe gehört, daß Sie mit dem Flugzeug nach Paris ... Und da wollte ich mich mit Ihnen verabreden ...“
„Gut. Gut. Ich bin hocherfreut darüber, daß wir uns noch kennengelernt haben, bevor es zu spät ist ...“
„Junger Freund!“ begann jetzt wieder der Amerikaner nach einigen Minuten Stillschweigens. „Ich möchte zwar nicht mit der Türe, wie man so sagt, ins Haus fallen, aber Sie interessieren mich ungemein. Vielleicht erscheint es Ihnen so, als sei ich aufdringlich. Nein, das aber ist es nicht. Aber ich habe das bestimmte Gefühl, wir seien schon seit langem gute Bekannte, um nicht zu sagen Freunde, und ich habe auch den Glauben, die Zuversicht: wir werden es immer bleiben ...“
„Sonderbar! Sonderbar!“ erwiderte der junge Italiener. „Ich hätte dasselbe nicht besser von mir aus sagen können ... Fragen Sie mich, bitte fragen Sie mich ... Es erscheint mir wie eine heilige Pflicht, Ihnen Antwort zu geben ...“
Wieder schwieg der Bankier.
Er schien sich die Frage innerlich abzuringen.
Am Horizont stieg die englische Küste höher empor.
„In spätestens einer Stunde werden wir da sein ...“, sagte ein Paar, das an den beiden vorüberstrich.
„Na also, junger Freund, da Sie sich entgegenkommenderweise dazu bereit erklärt haben, mir Rede und Antwort zu stehen ... Sie werden ja selbst fühlen, Schweres geht in der Welt vor. Die Welt geht schwanger mit gewaltigen Ereignissen. Sie sind ein gottbegnadeter Künstler und müssen daher über die Schranken der Zeit, der wir Sterbliche verhaftet sind, hinausblicken. Und welche Ideale nun sind es, frage ich Sie, für die die Jugend in den Weltentscheidungskämpfen, in denen wir stehen, ihre Stimme erhebt? Auch ich habe Söhne. Vielleicht können Sie jetzt meine Frage begreifen ... Ich zittere oft aus Angst um meine Söhne ... Ich frage Sie als Freund und Vater ...“
Der junge Italiener schien über die Frage nicht sonderlich erstaunt.
Er holte tief Atem, das wie Seufzen klang, dann erwiderte er.
„Ich spreche, wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, Mr. Branting, im Namen und im Auftrag einer Jugend, im Namen eines ganzen Geschlechts. Welchen Geschlechts, das sollen Sie alsbald erfahren!
„Dem Ungewöhnlichen, Abenteuerlichen, Tollkühnen, all dem, das wie ein Kreisel balancierend über eine messerscharf geschliffene Kante dahinschwebt: dem gilt unsere Liebe ... Wir, die wir in Wahrheit nicht mehr lieben können, wir lieben die Liebe. Wir, die wir in Wahrheit uns nicht mehr sehnen können, wir empfinden eine heiße Sehnsucht nach der Sehnsucht ... Wir lieben nicht mehr mit dem Herzen, wir sehnen nicht mehr aus Herzensgrund heraus: wir lieben, wir sind sehnsüchtig mit den Nerven ... Wir sind Nervenbündel, längst stumpf gekitzelte Nervenbündel, hoch hinein in den Weltenraum wie eine Antenne gespannt: wir vibrieren, phosphoreszieren ... Nicht mehr ... Wir senden keine Funken, wir strahlen keine Wärme mehr aus ... Der Lebensquell in uns ist versiegt ...
„Wir sind unglaublich feist, geistig feist, meine ich, ausgehöhlt vor unstillbarem Heißhunger und sattgefressen zugleich. Wir werfen uns über die Welt, gierig wie über einen Leichenhügel her, wir beschlafen Leichen, treiben Leichenschändung, und selbst unfähig zum Leiden, sind wir geniale Leidenspender ganzer Völkerrassen, die durch uns zum Leiden gezwungen sind. Wir sind gefräßige Kulturmaden, wir sind die wollüstigsten, raffiniertesten Genießer, die je ein Zeitalter hervorgebracht hat.
„Sehen Sie, gestern abend bei der Vorführung des Hinrichtungsfilms, da habe ich deutlich beobachten können, wie die Herrschaften dabei vollauf befriedigt sich mit der Zunge die Mundwinkel leckten. Auch mir zog es das Wasser im Munde zusammen, auch ich leckte mir die Mundwinkel ...
„Wir genießen aber auch unseren eigenen Tod! Jauchzen wir nicht jeden Tag wieder von neuem vor Entzücken auf über unsere eigene Verwesung!?
„Aber in all diesen Genüssen wollen wir ungestört sein! Wehe dem, der es wagen sollte, nach unserem Traumreich die Hände auszustrecken!
„Denn grausam sind wir, erbarmungslos, das Gehirn voll von Ränken und unberechenbaren Gedanken, geschmeidig und unerbittlich zugleich, und noch sind wir stark, stark genug! ...
„Farbenräusche, Klangräusche ... auch der Sinnenrausch, der Blutrausch ist für uns geistige Menschen ein geistiger Rausch.
„An was berausche ich mich, wenn das Schiff wie jetzt über die abgründige Meertiefe dahinfährt?
„Ich berausche mich an dem Gedanken an seinen Untergang.
„An was berausche ich mich, wenn die Nacht hereinbricht und der Mensch in ihrem Schatten zusammensinkt?
„Ich berausche mich an dem Gedanken: es wird der Menschen letzte Nacht sein ...
„Ich berausche mich an dem Gedanken, wie mich Stunde für Stunde die Finsternis aufzehrt, an dem Gedanken, wie mir Haar und Nagel im Sarg noch um ein geringes nachwächst ... Ich bin trunken davon ...
„Ich berausche mich am Rausch. Aber dieser Rausch, Mr. Branting, hat eine Voraussetzung: Ihre, ja Ihre Nüchternheit.
„Hören Sie: ich bin nur Ihre andere Seite, Mister!
„Ich bin nur die andere Seite jener Medaille, die heute noch den Kurswert der Zeit besitzt.
„Ich bin Ihr „wahres Jenseits.“
„Ich bin Ihr: „nicht von dieser Welt!“
„Ich bin der goldene Sternenschmelz an der Gedanken-Kuppel, die sich dieser Welt überwölbt ...“
Die Maschine tief unten im Schiffsrumpf stampfte.
„Sie haben wunderbar, ergreifend gesprochen, Antonio. Ihre Worte klangen wie eine Symphonie ... Haben Sie mir nichts mehr zu sagen!?“
„Gewiß! Gewiß! Mister! Wir sind eingetreten in das Zeitalter des „letzten Worts“, und dieses „letzte Wort“, das wir sprechen werden, muß ebenso wie das erste, das wir gesprochen haben, hart sein! Ein Machtwort!! In dieser Periode unserer Herrschaft können wir uns nicht mehr den Luxus der flauen Rede gestatten! ... Nach der politischen Seite hin betrachtet, entspricht der Faszismus noch am ehesten unserer Weltkonzeption. Wir können der Menschheit zwar keinen neuen Welt-Entwurf vorlegen, aber wir werden mit spitzem Hammerschlag noch einen neuen Zug ins Weltgesicht einmeißeln: eine grausame Linie, Schattenkurven unters Auge, eine maßlose Bitterkeit. Wir dürfen unter Umständen auch nicht davor zurückschrecken, das Welten-Antlitz offen und zynisch in eine Blutgrimasse umzuschminken ... Wir sind zwar Flüchtlinge. Wir sind auf dem Rückzug. Aber dieser Rückzug vollzieht sich unter der Parole des Angriffs, unter einem schmetternden Angriffssignal ... Wie auch unser Draufgängertum, unser brutaler Mut Lebensfeigheit und eine tiefe Welt-Angst zur Wurzel hat. Leichentürme türmen wir uns selbst zur Leichenfeier auf diesem Weg, Leichentürme, Opferberge. Wenn wir Menschen anstecken als Fackeln, zünden wir uns selbst an. Wir legen bei allem, was wir tun, Hand an uns selbst. Wir sind gezwungen, ob wir wollen oder nicht, uns an uns selbst zu vergreifen ... Wir verzweifeln an der Verzweiflung ... Aber, wie ich Ihnen schon sagte, wir sind noch stark genug, stark ...
„Das gewaltige Schüttelfieber, das seit langem uns alle befallen hat, schüttelt unter konvulsivischen Zuckungen aus uns noch die letzten Früchte heraus: eisig glühende, gespenstische, exzentrisch verformte Gewächse. Dann ist uns der Herbst gekommen, traum- und rauschlos ist er, dieser Welten-Herbst, von einer Kälte, Morschheit und Einsamkeit ohnegleichen, daß man sich schier selbst verbrennen möchte. Wird dann noch einmal wie dürres Blättergeraschel diese Welt aufflammen zu einem Scheiterhaufen, darauf man sich zur großen Ruhe betten kann!?“
Die Maschine unten im Schiffsbauch stampfte fester.
„Hören Sie, hören Sie ... Das ist es ... Die Maschine stampft, und sie stanzt mit jedem Kolbenstoß unser Grabloch tiefer aus der Erde heraus! ... Der Heizer im nackten Oberkörper da unten, der Arbeiterkittel, der feldgraue Rock ... Die, die sind es ... Ich berausche mich, wenn ich an sie denke bei dem Gedanken, sie, wenn ich schon auf mein Traumreich Verzicht leisten muß, eigenhändig mitzuwürgen. Stahl, Kohle, Erdöl: aus ihnen heraus destilliert sich auf einem langen, qualvollen Umweg mein Traumreich ... Und wenn Stahl, Kohle, Erdöl einst aufstehen wider mich –!?“
Die Maschine stampfte zurück.
Der Schiffskörper zitterte.
„Also!“
Der Bankier und der junge Musiker erhoben sich.
„Europa.“
„Was ich Sie noch fragen wollte, Antonio: glauben Sie an die Unsterblichkeit der Seele, an Gott?“
„Mr. Branting, bleiben wenigstens wir ehrlich voreinander. Wir beide wissen mehr, als wir für unbedingt geboten halten, daß es ausgesprochen wird ...“
„Also dann auf Wiedersehen, morgen früh, Punkt acht, im Flugzeug!“
Die Schiffssirenen schrillten.
An einem gewaltigen Hebelkran vorüber, der wie ein eisern gemuskeltes Armgelenk gebogen herniederhing, lief die „Columbia“ in dem Hafen von Southampton ein. –
* * *
„Ein eigenartiger Reiz!“ nickte der Bankier seinem jungen Freunde zu, als das Flugzeug wie ein Aufzug senkrecht in den lichtblauen Aether hineinschnellte.
„Gleicht nicht die ganze Welt einer gläsernen Riesenkugel,“ träumte Antonio Carracarra, „mit Lichtblau angefüllt, angefüllt mit schmelzendem Meerblau. Und der Mensch, von gekrümmten Klang-Mulden umgeben, eine melodische Schwingung darin: anklingend, eine kurze Spanne lang volltönend, und wieder verwehend ... O luftblaue Höhle des Nichts ...!“
Die Flugzeugmotore donnerten.
„Hören Sie, Mr. Branting, auch hier die Maschinen! Ueberall in der Welt singt es unseren Untergang. Aber auch wir stimmen darin ein wie in ein Triumphgeheul ... Sehen Sie, tief dort unten auf der Meeresfläche: Dreadnoughts, ein, zwei Geschwader ... Und ich berausche mich bei dem Gedanken an das, was kommen wird ... Ich berausche mich bei dem Gedanken an die wie ein leise sirrendes metallisches Gewitter heraufziehenden Geschwader der Bombenflieger, ich berausche mich an dem Gedanken an den kommenden Krieg, der die ganze Welt mit Gasschwaden einsumpfen wird ... Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von Geheimnissen umgeben werden. Die wenigen Eingeweihten werden zu schweigen wissen ... Ich berausche mich bei dem Gedanken an dieses Geheimnis, an unseren Absturz, an unseren Zusammenbruch, der die im Giftgas sich krümmenden Menschenmillionen wie eine lebendige grandiose Leichenschleppe hinter sich herziehen wird ... In Schönheit sterben, nenne ich das ...“
Der Bankier hörte mit halbgeschlossenen Augen den Worten seines Freundes zu.
„Was Sie sagen, nein, singen, Antonio, ist mir, als wäre es aus meinem Herzinnersten geboren ... Wie gottbegnadet Sie sind! Ein Dichter! ... Es ist gefährlich, was Sie sagen ... Der Weltabgrund, über den berauscht wir dahingleiten, selbst spricht ...“
* * *
Das Automobil, das die Flugzeugpassagiere vom Landungsplatz auf den Longchamps nach Paris bringen sollte, blieb plötzlich mitten in einem ungeheueren Menschenstrom stecken.
Rote Fahnen wehten.
Rufe erschollen:
„Nieder mit dem Krieg!“
„Eine Arbeiterdemonstration! ... Sie demonstrieren gegen den Krieg ... Damit meinen sie aber in Wirklichkeit uns! ... Es lebe der Krieg ... Der Krieg, er lebe ... Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den großen Tanz des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“
Langsam steuerte der Chauffeur das Automobil frei.
„Sehen Sie, Mr. Branting, wieder ist es die Maschine, die Millionen solcher Menschen, ganze Armeen aus dem Erdboden heraufstampft ... Es sind Millionen, Abermillionen Grabwürmer in Menschengestalt, die uns wie einen Berg bei lebendigem Leibe abtragen ... Hört ihr die Meute kläffen!? ... Werden wir sie daran hindern? Leisten wir ernsthaften Widerstand? Nein. Aber wir verstricken sie in unseren eigenen Untergang ... Spüren Sie nicht, wie jeder Blick der Demonstranten uns das Messer zwischen die Rippen hindurch wünscht?! ... Sehen Sie dort: die Polizei rückt an! Die Truppen schießen ... Die eiserne Kette des Demonstrationszuges schwankt, reißt ... Aber, aber ... Wie lange noch?! ... Giftgase über diese empörerische Erde! Die Sintflut über uns! ... Noch nicht genug durchfiltriert ist die Erde. Nun kommt die Giftgasschwemme als letzte Feuerprobe ... Bald ist’s so weit ...“
Die beiden Freunde verabschiedeten sich.
„Ich danke Ihnen! Von ganzem Herzen danke ich Ihnen! Sie haben mir unendlich viel gegeben!“
„Auch Sie mir, Mr. Branting! Ja, es ist mir jetzt, als ob ich damals unbewußt, als ich auf dem Schiff im letzten Augenblick an Sie herantrat, jenem noch wenig erforschten, aber sicher auch im Menschenleben geltenden Gesetz von der gegenseitigen Anziehung gleichartiger Größen gefolgt sei. Wir beide, wir gehören unzertrennlich zusammen, wie Stoff und Geist. Zwei verschiedenartige Profile nur ein und desselben Gesichts, und der Sockel, darauf wir ruhen: aus einem Guß ... Ich fahre morgen weiter nach Marseille, dann nach Nordafrika, Kairo ... Ich will den Kelch zur Neige leeren. Ich will die Welt zu Ende schmecken. Ich will das Nichts, das diese Welt ist, gründlich bis auf den Grund auskosten ... Im übrigen, beinahe hätte ich vergessen, da Sie gerade in Paris sind, müssen Sie einmal so einen kleinen Bummel über die Schlachtfelder machen. Lohnt sich. Großartig, sage ich Ihnen, das ... Und nun leben Sie wohl! Grüßen Sie mir, wenn Sie darüber wandern, die Katakomben der Schlachtfelder und dann, wenn Sie in St. Moritz sind, den Sonnenaufgang über den Schweizer Bergen, die ewigen Gletscher! ... Und ob wir uns noch einmal wiedersehen oder nicht –!? Hüten wir unser Geheimnis! ... Nun: glückliche Reise!“
Die beiden Freunde umarmten sich.
* * *
Der Bankier nahm, wie er sich ausdrückte, die den Fremden gebotene Gelegenheit nicht ungern wahr, unter sachkundiger Führung die berühmten europäischen Schlachtfelder aus dem Weltkrieg 1914 bis 1918 zu besuchen.
Wieder war es ein herrlicher Frühlingstag, als die jede Woche einige Male stattfindende Fremdenfahrt begann.
Es mochten gegen sieben vollbesetzte Autos gewesen sein, die an diesem Tage an der Exkursion teilnahmen.
Innerhalb zweier Stunden war, wie es in dem umfangreichen und mit auserlesenen Bildermaterial versehenen Prospekt hieß, das Schlachtfeld bequem zu erreichen.
Das Diner sollte programmäßig in dem neu aufgeführten Hotel „Zum Weltkrieg“ eingenommen werden, das an der Stelle eines in Trümmer geschossenen Dorfes errichtet worden war: fünfzig Stock hoch, nach amerikanischem Zweckstil, und in der sicheren Erwägung der Unternehmer, daß sich in dieser Gegend bald eine ausgedehnte Fremdenindustrie entwickeln werde.
Das hier ausgeführte Projekt war, mit dem ersten Preis gekrönt, aus einem internationalen Wettbewerb, ausgeschrieben von der Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., hervorgegangen, an dem sich die berühmtesten Architekten des In- und Auslandes beteiligt hatten.
Die Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., deren Aufsichtsrat prominente politische Persönlichkeiten Frankreichs angehörten, hatten riesige Flächen Schlachtgeländes schon während des Krieges, die Panikstimmung unter der ländlichen Bevölkerung ausnützend, oder gleich nach Beendigung des Krieges zu spottbilligen Preisen aufgekauft und beabsichtigte, wenn der von ihr inszenierte und klug propagierte „Besichtigungs-Rummel“ einmal abgeflaut sein würde, die Schlachtfelder mit ihrem gesamten beweglichen und unbeweglichen Inventar aufzuteilen, stückweis an die Bauern zurückzuverkaufen, um sie so wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzuführen.
Das Hotel „Zum Weltkrieg“ wurde sozusagen zu einer Art Wallfahrtsort.
Es war der Mittelpunkt aller Schlachtfeldbesuche, aber abgesehen auch davon, was die innere und die äußere architektonische Anlage betraf, eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges.
Die feierliche Einweihung fand schon vor zwei Jahren statt, im Beisein der Pressevertreter aller Welt und in Anwesenheit der sämtlichen Botschafter der alliierten Regierungen. Die Absicht der Gründung allerdings reichte schon, wie gesagt, bis in die Mitte des Weltkriegs selbst zurück. –
Nach Tisch waren die beiden Führungen in Aussicht genommen, eine zu Fuß mitten durch die Schützengrabensysteme hindurch, von denen es hieß, daß sie „echt“ und „original“ und „unaufgeräumt“ seien, um den Fremden auch wirklich einen möglichst unmittelbaren Eindruck der Kriegsereignisse zu vermitteln, die zweite sich daran anschließende Führung, deren jede gegen eine Stunde dauerte, sollte im Flug durch die Lüfte den Teilnehmern die Gelegenheit geben, sich in die Lage der tapferen und heldenhaften Flieger zu versetzen, zugleich aber auch die Kriegsereignisse durch höchstpersönliches Erlebnis von der verantwortungsvollen Warte des hohen Kommandeurs aus nachzukontrollieren und sie noch einmal im Geist an sich vorüberziehen zu lassen, als eine Warnung, als eine Belehrung und als ein seltsam ergreifendes Naturschauspiel zugleich.
Trotzdem Bankier Mr. Branting incognito reiste, hatten sich schon am frühen Morgen Reporter und Vertreter seiner Geschäftsfreunde im Hotel eingefunden, die durch den Sekretär des Bankiers kurzerhand abgefertigt wurden. Kaum aber eine Stunde nach Mr. Brantings Entschluß hatten es die Presseleute bereits in Erfahrung gebracht daß der Amerikaner mit der Autokolonne die Schlachtfelder zu besuchen beabsichtige. So war es auch nicht weiter verwunderlich, daß sich bei der Abfahrt eine Anzahl Filmoperateure und Photographen einfanden, die den Bankier, der sich die Hände vors Gesicht hielt in ein Kreuzfeuer nahmen, und von denen sogar einige sich es etwas kosten ließen, d. h. die Tournee in höchsteigener Person mitmachten. –
* * *
Schon eine Stunde von Paris entfernt, waren die Spuren des Krieges deutlich bemerkbar. Die Wiederaufbauarbeit verzeichnete scheinbar überhaupt keine Fortschritte.
Böse Zungen behaupteten, das aus den Deutschen herausgepreßte Reparationsgeld werde zu ganz anderen Dingen, zu Spekulationen usw. verwendet, und wiesen, nicht ohne einiges Beweismaterial für sich zu haben, auf das enorme Anschwellen der Automobilziffern in den Städten, besonders in Paris, hin, auf die unverhältnismäßig hohe Zahl neu errichteter Luxuspaläste, auf die Geldkonzentration, auf das Emporschießen neuer Vermögen und auf die rapide Zunahme industrieller Neugründungen Luxus und Verelendung standen, selbst nach bürgerlichen Maßstäben gemessen, kaum in einem auch nur einigermaßen mehr erträglichen Verhältnis zueinander. Trotz Güteranhäufung, trotz Reichtum und Verschwendung zog eine immer mehr zu einer Explosionskatastrophe sich verdichtende allgemeine Krise heran ... Zwar Villen und Landhäuser in einem neuen praktischen Stil gebaut sah man zu beiden Seiten der Chaussee; neu aufgebaute Bauernhöfe oder gar wiederaufgebaute zerstörte Ortschaften gab es beinahe überhaupt nicht ...
Der Erklärer im Vorderteil des Wagens erhob sich, deutete mit dem Finger in die Landschaft und begann:
„Diese Höhenzüge, die die Herrschaften jetzt in der Ferne sehen ... heiß umstritten ... zehnmal während des Krieges in unserer Hand, ebenso oft im Besitz des Feindes ... Noch nicht wegen der zahlreichen Minengänge betretbar ... Insgesamt 60000 Mann mögen bei der Erstürmung und bei der Verteidigung dieser höchst wichtigen Stellungen gefallen sein ...“
„Welch ein Kontrast!“ seufzte einer der Fremden ... „Das zarte reine unschuldige Himmelsblau und diese Landschaft ... Das ist ja alles noch totes Land. Nichts gesät, nichts geerntet ... O welch eine Katastrophe! Katastrophal das ...“
Das Auto schwankte, Dreckspritzer um sich schleudernd, auf der holperigen Landstraße, die erst seit kurzem wieder hergestellt war.
An einem Wald glitt man vorüber, an einem Fetzen von Wald, an einem Waldgespenst. Alle Bäume von Granaten zerrissen. Holzspäne lagen weit und breit. Wie in einer gewaltigen Hobelwerkstatt. An einem Weg quer durchs Feld bemerkte man schon Ansätze von Schützengräben. Der Erklärer bedeutete mit erhobener Stimme gewichtig, diese seien von den Franzosen in den Tagen der Schlacht an der Marne ausgehoben worden.
„Das wäre also vor Paris unsere letzte Stellung gewesen ...“
Die Gesellschaft wandte die Blicke rückwärts, wo die Konturen der Hauptstadt in einer dunstigen Nebelferne verschwammen.
Die Autokolonne raste weiter die Chaussee entlang.
Die einst prächtigen Alleepappeln waren alle in halber Höhe geknickt. Die zerschlissenen Reststämme zeigten die sonderbarsten Figuren.
Eine dreistimmige Fanfare schmetterte die Autokolonne in die Landschaft.
Hie und da in einer der zerstörten Ortschaften trat ein menschenähnliches Wesen aus einer der Ruinen hervor, über und über mit Lumpen bekleidet, blinzelte, beschattete das Auge mit der Hand und sah, wie zu einer Säule erstarrt, noch lange der dahinknatternden Autokolonne nach ...
Auch einige kleine Kinder spielten hie und da in Dreckpfützen herum, grimassierten und streckten die Zungen ...
Nun begann der Erklärer Kriegsgeschichten, Kriegsmoritaten und Kriegsheldentaten zu erzählen. Diese Erzählungen waren durchwegs alle mit Rücksicht auf etwaige deutsche Massengräberbesucher auf einen versöhnlichen und für die deutsche Armee außerordentlich anerkennenden Ton gestimmt.
„Man muß schon sagen, der Feind hat sich tapfer gehalten. Hier zum Beispiel, wenn wir ihm Gerechtigkeit angedeihen lassen wollen, hat er sich geradezu bravourös geschlagen ... Hier sehen Sie: der Tod fürs Vaterland! ...“
Und soweit das Auge reichte: Kreuz an Kreuz, schwarze schlichte Kreuzpfähle mit einer weißlichen, nun schon verblichenen Inschrift, lauter deutsche Namen.
„Rund eine Infanterie-Division! ... Alle mit Gas ...“
Aber schon wieder erschien ein neues Kreuz-Feld, dahinter noch eins und nebendran wieder eins, und dann Felder, Felder nur noch mit einem einzigen großen Holzkreuz darauf oder mit einem umgekehrten Spaten.
„Massengräber. In keinem unter tausend Mann ...“
„Hier soll noch im Laufe des Jahres, vielleicht im Herbst, ein großes Kriegerdenkmal errichtet werden, in Pyramidenform. Oder ähnlich dem Grabmal des „Unbekannten Soldaten“ unterm Arc de Triomphe ... Mit einer ewigen Flamme ... Es wird eine gewaltige Sache werden ...“
Langsam rückte am Horizont der fünfzigstöckige Turmbau des Hotels „Zum Weltkrieg!“ empor.
Ein allgemeines „Ah!“ entrang sich der staunenden Gesellschaft.
„Ein tollkühnes Projekt in der Tat! Noch dazu in solch einer Gegend!“ ...
„Wird sich das rentieren ...?“
„Doch, doch! Die Schlachtfeldbesuche sollen noch bedeutend ausgebaut werden ...“
„Da läßt sich noch allerlei dabei herausholen!“
„Dieses Hotel kann sozusagen das Zentrum einer neuen gewaltigen Stadt über den Schlachtäckern werden.“
„Entwässerungsanlagen usw. wären dazu allerdings nötig, aber wenn die Aufräumungsarbeiten munter und rüstig vorwärtsschreiten, wer weiß, in ein paar Jahren vielleicht ...“
Der Bann des Schweigens, der bis dahin die Gesellschaftsreisenden umfangen hielt, war gebrochen.
Die Autokolonne hielt.
Der Eingang zum Hotel war mit Palmen geschmückt.
„Ganz südlich!“ scherzte jemand.
Die Reisegesellschaft stieg aus.
Die Reisegesellschaft war in bester Stimmung.
Es waren Reisende darunter aus allen Ländern.
„Da kann man es wahrhaftig mit dem Gruseln zu tun bekommen!“ sagte eben ein deutscher Hochzeitsreisender zu seiner jungen Gattin, die sich ihrem Gatten, einem Professor, wie sich jetzt bei der allgemeinen Begrüßung herausstellte, furchtsam in die Arme hing.
„Nur nicht so schreckhaft, Amalie ... Nach Tisch will ich dir vielleicht den Schützengraben zeigen, wo auch ich gelegen habe. Die Gegend ist mir ziemlich genau bekannt ... Vielleicht find ich auch das Grab noch, wo mein Hauptmann liegt ... Blumen scheint man ja hier im Hotel zu bekommen, vielleicht auch ein neues Kreuz ... War ein Prachtkerl, mein Hauptmann. Ein Zufall wär das, gewiß ... Aber man kann nicht wissen ... sehr interessant das ... So über den Schlachtfeldern ...“
Er zog seine Generalstabskarte aus dem Zelluloidetui, das er an einem Band praktisch um den Hals trug, hervor, studierte dazu den Bädecker und durchforschte nach allen Richtungen hin die Landschaft mit dem Feldstecher.
„Aber ein Andenken möchte ich auch mitnehmen ...“ bat eine Gattin ... „Eine Reliquie, weißt du, die Glück bringt. Es gibt hier sicher so was ... Und auch für die Kinder! ...“
„Sei unbesorgt, natürlich ... Percy ist alt genug, er soll einen Stahlhelm erhalten ... Er wird ihn ja nicht, so wie ich ihn kenne, zum Spielzeug entweihen ...“
Lustig plaudernd schritt die Gesellschaft dem Hotel zu.
Eine Holzbude war nicht unweit davon aufgeschlagen, die zwar Wochentags geschlossen war. Dort wurde für minderbemittelte Besucher, die Sonntags oft aus Paris in Scharen herausströmten, billiger Schlachtfeldkitsch feilgeboten. –
* * *
Eine große Tafel war am Eingang zum Hotel angebracht.
Der Erklärer wies die Reisegesellschaft ausdrücklich darauf hin.
Die Tafel lautete:
„Es ist verboten, Gegenstände auf den Schlachtfeldern aufzuheben und mitzunehmen. Eigenmächtiges Betreten der Schlachtfelder ist mit Lebensgefahr verbunden. Eine ständige Ausstellung von Kriegsgegenständen aller Art aller am Weltkrieg beteiligten Armeen befindet sich im großen Saal des Hotels, im ersten Stock. Dieselbe soll mit der Zeit zu einem Völkerschlacht-Museum ausgebaut werden. – Andenken in reicher Auswahl. (Darunter Uniformknöpfe, Waffengegenstände, Achselstücke, Kunstgegenstände aus Granatsplittern und Knochenteilen von Pferdeskeletten.) Führer, mit dem einschlägigen Material genau vertraut, stehen zu jeder Tageszeit im Hotel zur Verfügung. Photographische Aufnahmen nur mit besonderer Erlaubnis. Postkarten, interessante Situationen aus dem Weltkrieg festhaltend, ebenfalls in reicher Auswahl. – Zu weiteren Aufschlüssen gern bereit, empfiehlt sich dem verehrlichen Publikum
Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H. Die Hotel-Direktion.“
Man nahm Platz zum Diner.
„Siehst du also, es ist hier für alles gesorgt!“
Zeigte sich der Bankier seiner Gattin gegenüber außerordentlich befriedigt über die wohlgelungene Organisation der ganzen Schlachtfeld-Besuchs-Unternehmung.
„Hier hat man nicht das Gefühl des Genepptwerdens. Kein unfeines Animieren. Man kann der Gesellschaft gratulieren. Durchaus solide Aufmachung. Und was die Ausstellung mit Verkaufsgelegenheit von Schlachtfeldandenken betrifft, gut so, sehr gut so, da braucht man sich nicht eventuell der Unterschlagung von Heeresgut schuldig zu machen ...“
Einige der Schlachtfeldbesucher schrieben noch während des Essens Postkarten.
Andere richteten Fragen an die Kellner:
„Wie stehts eigentlich mit der Flora?“
„Faul! Oberfaul!“ war die Antwort –
„Nur Unkraut. Hie und da ganz krankhaft fette Kartoffeln ... Hier wächst nichts. Wir beziehen alles aus Paris ...“
* * *
Das Diner war beendet.
Der Führer erhob sich zu einem kleinen feierlichen Einleitungsakt.
„Meine sehr verehrten Herrschaften! Wir wollen heute ein Totengedenkfest auf besondere Art begehen. Wir geloben uns dabei: Wir wollen das Andenken der Toten ewig hoch in Ehren halten!“
Die Lippen der Schlachtfeldbesucher kräuselten sich zu einem stillen Schwur.
* * *
Wieder eine Tafel:
„Privat-Weg! Unbefugten ist der Zutritt streng untersagt!
Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.“
„Ich bitte die Herrschaften, auf den Weg zu achten! Nicht von den Pfählen abzugehen ... Das Gelände ist hier durchwegs verschlammt, und Sie geraten dabei leicht in die Gefahr, sich zu beschmutzen.“
Der Führer ging den Pfahlweg voran.
Zwei und zwei hintereinander folgte die Gesellschaft.
Es mochten gegen fünfzig Personen sein.
„So einen Pfahlweg haben wir immer für Seine Majestät anlegen müssen, wenn sie einmal die Front besuchte“ – tat der deutsche Professor geheimnisvoll, als ob er damit etwas ganz besonderes verriete.
Der Pfahldamm führte zunächst einen Schützengraben entlang, bog dann in einer Brücke darüber hinweg und senkte sich abwärts, direkt mitten in das Schützengrabensystem hinein.
Man sah auf den ersten Blick:
Alles war hier für die Fremden zugerichtet.
Es war eigentlich ein Schlachtfeld-Museum.
Auf blutgedüngtem historischem Boden. Das konnte man allenfalls gelten lassen.
Aus einem Unterstand blinkte, wenn man das elektrische Licht andrehte, ein Skelett hervor, den Stahlhelm noch auf und in der dürren Knochenfaust Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett.
„Ganz wie bei Dante!“ flüsterte der neuvermählte Professor wieder seiner Frau zu:
„Lasciate ogni speranza, voi chi entrate! – Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung schwinden!“
Tiefe Furchen schnitten sich hin. Waren es Ackerfurchen oder Furchen, von dem Todespflug der Granattrümmer gerissen!?
Mit unkenntlich entstelltem Kriegsgerät war rings hier der Boden bestreut, rohe, verrostete Eisenstränge, spiralig in die Länge gedehnt, oder, um und umgewickelt, zu einer komischen Verrenkung verstümmelt.
„Ich muß schon sagen, weit ergreifender, um so wievielmal menschlich näher liegt uns das als ein Besuch zum Beispiel im Gletschergarten von Luzern oder in den Bergwerken von Salzburg. Oder selbst als die Passionsschauspiele von Oberammergau. Die bayerischen Königsschlösser und Bayreuth mit einbegriffen ... Das hier ist zwar auch eine Kreuzigung, aber man hat entschieden mehr davon.“
Auch der Milliardär staunte.
„Da werden einem die Schrecken des Krieges erst so recht eigentlich gegenwärtig. Ein lebendiger Anschauungsunterricht das ... Wir, die wir nicht die Gelegenheit gehabt haben, den Weltkrieg aus direkter Nähe ...
„Wir, die wir nicht Brust an Brust mit dem Schicksal rangen in großer Zeit, nicht männlich Aug in Aug mit dem Grauen uns messen konnten –
„Wir, Unglückliche in einem gewissen Sinn, die wir nicht Schritt für Schritt in zähem Kampf für den Sieg unseres Vaterlandes ringen durften –
„Wir, die wir zur Hölle der Etappe verurteilt –
„Wir, die wir nur in der grauen, eintönigen Stube, sei es in das Büro, sei es in das Lazarett verbannt, nur ach, von fern von dem Fittich des Kriegsgottes gestreift wurden – –“
Das Bedauern, den Krieg nicht miterlebt zu haben, war allgemein.
Viele nickten mit den Köpfen, einen Ausdruck von Wehmut um die Lippen, sich selbst bemitleidend.
Alle beneideten aber den deutschen Professor, der bei jeder Gelegenheit als deutscher Kriegsteilnehmer sich auswies.
„Einen historischen Moment von ungeheurer tragischer Größe haben Sie da alle miteinander, meine Herrschaften, verpaßt ... Man müßte Ihnen eigentlich sein herzlichstes Beileid aussprechen, Sie aufrichtig bedauern“, triumphierte der Professor.
Doch allmählich verstummten die Klagen.
„Wir müssen uns eben trösten –
„Was vorbei ist, ist vorbei –
„Doch was nicht ist, kann noch werden –
„Dann werden wir uns ein solches Erlebnis bestimmt nicht wieder entgehen lassen –
„Ich wenigstens nicht, darauf können Sie Gift nehmen!
„Hier haben wir doch nur noch die spärlichen Restbrocken sozusagen, die von der Schlachtbank der Geschichte ...“
Alle beteuerten sich gegenseitig, schworen es sich hoch und heilig: im Fall eines nächsten Krieges in vorderster Front ...
„Meine Herrschaften! Aber bitte!“ wandte sich der Führer inmitten des allgemeinen Tumults einigen Damen und Herren zu, die Photographenapparate dicht vor sich hindrückten.
„Photographieren ohne vorherige Genehmigung ist strengstens untersagt. Im Hotel sind künstlerisch äußerst gelungene Ansichten von allen Stellungen und von jedem Kriegsschauplatz in reicher Auswahl vorhanden ... Ich habe Sie zu Anfang der Exkursion ausdrücklich auf die Vorschriften hingewiesen, die im Interesse aller Teilnehmer natürlich auch eingehalten werden müssen ...“
Ein zusammengestürzter Unterstand wurde jetzt einer eingehenden Besichtigung unterzogen.
Ganze Stapel von Konservenbüchsen, ausgerolltes zerknülltes Blech, Patronentaschen, Granaten, mit gelben, grünen und blauen, aber auch bunten Kreuzen bezeichnet, Geschütze, Maschinengewehr-Reserveteile lagen wirr durcheinander und anscheinend wirklich noch völlig unberührt herum, und große, rostbraune Flecken klebten tief in den Gebälken.
Der Führer erklärte:
„Getrocknetes Blut.“
„Ah ... choking ... Blut! Blu–u–u–t!“ echote es aus der Gesellschaft zurück.
Auch einige Zettel waren an die Balken geheftet, sie aber sowohl wie die ins Holz geschnitzten Inschriften waren nicht mehr zu entziffern. Nur aus einer der Wandzeichnungen war noch zu erkennen, daß sie einmal einen pornographischen Akt darstellte.
„Hier!“ begann der Führer weiter: „– ist jene berühmte Stelle, sowohl im deutschen, wie auch im englischen, französischen und amerikanischen Tagesbefehl öfter genannt, jene Stelle, die oft zwölfmal im Tag ihren Besitzer wechselte ...“
Nichts weiter als einige graue Erdhaufen waren zu sehen.
„Hier sehen Sie einige kurze gebogene Messer, es ist die Nationalwaffe der heroischen Sikhs, Meister im Gurgelabschneiden. Das riecht noch wie frisch importiert aus Dschungeln und Urwald ... Und Nachts huschten geduckt diese Gestalten, das Messer zwischen den Zähnen, über die Schlachtfelder und machten bei den Gefallenen des Feindes die „Stichprobe“ ... Hier sehen Sie weiter ein Instrument: es ist eine Mundharmonika, ein harmloses Musikinstrument, wie es mit Vorliebe die bayerischen Truppen benutzten ... Wie Sie sehen: hart aneinander wohnen hier im Raum die Gegensätze ... Hier sind wir nun an dem ausgedehnten Minenstollen, „Das Nadelöhr“ genannt, angelangt, bitte, bücken Sie sich einmal und was sehen Sie! Sieht vielleicht einer der Herrschaften durch das „Nadelöhr“ ins Himmelreich!? Keineswegs. Nein! Ganz und gar im Gegenteil! Eingequetscht in das Maulwurfsloch, das sie sich selbst gegraben haben, zwei brave Pioniere, umgekommen bei einem Gasüberfall, den die Deutschen unvermutet angesetzt haben, während sie hier unter der Erde, vom Geist der Pflichterfüllung beseelt, arbeiteten ... „Sei getreu bis in den Tod und ich werde dir die Krone des Lebens reichen ...“ So eben ist das Leben oder besser gesagt: der Krieg ...“
Die Schlachtfeldbesucher gaben ein dankbares Publikum ab für die humoristischen Zutaten des Führers. „Ohne Humor, nein, da müßte so ein Schlachtfeldbesuch zu einer unerträglichen Qual werden,“ meinten einige mit Recht.
„Das sind ja gar keine Leichen, das sind ja Wachspuppen, oder wollen Sie uns vielleicht weismachen, die hätten sich von selbst mumifiziert!?“
„Aber, meine Herrschaften! Pst!“ legte pfiffig blinzelnd der Führer den Finger vor den Mund: „Auch hier gibt es allerlei Geheimnisse ... Also, fahren wir fort nach diesem heiteren Intermezzo in unserer Wanderung über die Schlachtfelder ...“
„Na, schadet nichts, zwischendurch einmal so ein Scherz. Auch ich habe das natürlich gleich bemerkt. Gasleichen in konserviertem Zustand: absurd, ein Unding, hebt sich von selbst auf ... Das war eben so ein bißchen Castans Panoptikum ...“ schmollte jovial der Bankier. Räusperte sich, einen gutmütigen Baß lachend.
„Auch hier haben sich, meine Herrschaften, wie Sie sehen, brave Soldaten ihr Grab selbst gegraben, überdies soll auch, wie es heißt, ein General, der den Frontabschnitt zufällig in diesem Augenblick inspizierte, mit dabei sein. Ein Volltreffer von einem sogenannten „Schweren Brocken“ hat der hier postierten Kompagnie rasch schmerzlos ein Ende bereitet.“
Es ging innerhalb des Schützengrabens an dieser Stelle mehrere Meter tief hinab. Man hatte den Eindruck einer Senkgrube.
Einige von den Schlachtfeldbesuchern lüfteten die Hüte.
„Nicht immer aber ist es dabei so schmerzlos abgegangen, wir verlassen diese Stellung und sehen vor uns ein umfangreiches Stacheldrahtverhau. Der leichte Verwesungsgeruch, der sich auch jetzt noch deutlich bemerkbar macht – –“
Einige Schlachtfeldbesucher schnupperten ...
„... es riecht wie eine Mischung aus Jauche und verbranntem Fleisch, in der Soldatensprache, drastisch, wie sie nun einmal ist, „Offensivparfüm“ genannt, dieser leichte Verwesungsgeruch also läßt die Bedeutung dieser schwärzlichen Knollen, die dort auf die Pfähle gespießt sind oder hier zwischen den Drähten zappeln, leicht erraten. Es sind Menschen, Soldatenleichen, also kurzum wiederum Menschen, ob Deutsche, Engländer, Amerikaner oder Franzosen: das läßt sich nicht mehr mit absoluter Bestimmtheit sagen. Leiche bleibt Leiche, und eine profane Weisheit ist es, im Tod sind sich alle gleich, die verschiedenartige Kokarde, die sie noch an den Mützen tragen, macht es nicht ... Der Blutkreislauf wird geschlossen, die Blutkörperchen machen ihre letzte Runde und – stopp! ... Also, diese Drähte waren elektrisch geladen, Hochspannung, und –“
Einige Besucher wandten die Gesichter ab.
„Aber meine Herrschaften, stellen Sie sich doch nicht gemütsverweichlichter oder zartbesaiteter, meinetwegen, als Sie in Wirklichkeit sind! Sie müssen lernen, den Tatsachen, nackt und brutal, wie sie nun einmal sind, ins Gesicht zu sehen. Hier können Sie beinahe umsonst das Grauen lernen. Lassen Sie die Ihnen gebotene günstige Gelegenheit nicht zum zweiten Mal unbenutzt an sich vorübergehen! Wer weiß, wie lange noch? Auch die Schlachtfelder werden eines Tages in Bausch und Bogen verramscht; jedes Ding auf Erden nimmt diesen Lauf, das ist das Schicksal aller irdischen Güter, der Mensch mit inbegriffen ... Wie Sie aber zugeben werden: der Weltkrieg war ein genialer Regisseur, die von ihm inszenierten Landschaftsbilder besitzen heute, vier Jahre später, noch die Macht, höchst suggestiv und unmittelbar auf das Publikum zu wirken und es in eine Art magischen Bann zu schlagen ... So kann der Schlachtfelderbesuch zum Sport werden, zur Leidenschaft. Wir haben auch Dauerbesucher.“
„Es ist nicht halb so schlimm, hier aktiv gekämpft zu haben, als auf diese Weise den Weltkrieg nachzuerleben“, bestätigte der deutsche Professor.
„Folterqualen. Ein reines Martyrium ...“
Und mit einer erheblichen Gemütserleichterung stellte gewissermaßen im Auftrag aller der Bankier fest:
„Jeder einzelne von uns kann nach vollbrachter Wanderung mit vollem Recht von sich bekennen, er habe heute den leider von ihm versäumten Weltkrieg in seiner tiefsten Tiefenwirkung und in seinem breitesten Ausmaß nachgeholt. Man kann Buddhas Worte umdrehen und sagen: „Zu erleben ist alles schön, mitanzusehen aber alles schrecklich.“ Ja, wir können uns geradezu beglückwünschen, bald den ersten Teil einer im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlichen und heroischen Expedition hinter uns zu haben ...“
„Und nun, meine Herrschaften, um diesen Ort, auf dem hier das Kruzifix errichtet ist, hat sich eine heimliche Legende gewoben. Nach dem Glauben der armen Bauern dieser Umgegend soll Christus des Nachts, gefolgt von dem ganzen Stab der Apostel, der Seliggesprochenen und der Heiligen, wie früher einst über das Meer, so heute über das Schlachtfeld wandeln. Christus tastet dabei mit einer Art geistiger Wünschelrute den Erdboden ab, um den Standort der Totenregimenter festzustellen ... Hier, an dieser Stelle nun, sagen die armen Bauern, sei „Mund und Ohr“ der Erde. Hier spreche Christus auf seiner Erdenwanderung mit den Toten. An dieser Stelle befinde sich auch eine mystische „Naht“, an dieser Stelle finde dereinst die Auferstehung aller Gläubigen statt ...“
Der Bankier trat interessiert vor.
„Was spricht Christus mit den Toten?“
„Er tröstet sie und bezeugt ihnen immer wieder von neuem, daß sie nicht umsonst gestorben sind.“
„Zweifeln sie denn daran, daß sie für eine große und heilige Sache gefallen sind?“
„Na und ob! Aber sehr! ... Manche von ihnen fluchen gewaltig, nach dem Glauben der Bauern wenigstens, trommeln Mitternachts laut an die Erdkruste mit ihren Knochenfäusten und knurren oft im Chor: „Für nichts und nichts und wieder nichts!“ Sie schießen auch oft mit den Geschützen unter der Erde, sie fechten mit dem Bajonett. Sie üben sich für den „Großen Tag“.
„Für was für einen „Großen Tag“?
„An dem Christus der Welt die Rechnung präsentiert und an dem die ungeheuere Schuld fällig geworden ist, und von den Schuldnern sofort in bar beglichen werden muß. Die unter der Erde sind die Gläubiger ... Sie halten Versammlungen ab, sie beraten sich, auch wenn sie dem Wahne kurzsichtiger Menschen nach längst gestorben sind ... Und der „Große Tag“ kommt. Da geht es hart auf hart. Da geht es: Aug um Aug, Zahn um Zahn ... Es wird mit Blut bezahlt ...“
„Welches ist die Schuld, die bezahlt werden soll?“
„Allen denen, die zum Krieg gehetzt haben und allen denen, die dadurch, daß sie feig und untätig während des Krieges geblieben sind, sich zu Mitverantwortlichen am Kriegswahnsinn gemacht haben, legt Christus eine Frage vor. Die Frage lautet: „Hast auch du, du kriegsbegeisterter Vaterlandsfreund, deinen Schlachten-Sommer miterlebt, wo die Leichen vor Hitze flüssig werden und anfangen, zu brodeln ... Im Kraut knisterts, und wenn du hinschaust ... Ja, hast du das?“ Wer diese Frage nicht mit „Ja, Herr!“ beantworten kann, ist hauptschuldig ... Dann gibt es aber auch noch eine Schuld zweiten Grades, eine Mitschuld und eine Nebenschuld ...“
„Und Christus beruhigt die unter der Erde und überzeugt sie vom Gegenteil?“
„Er beruhigt sie eigentlich nicht, noch überzeugt er sie auch vom Gegenteil. Keineswegs. Im Gegenteil. Er sagt gerade das Gegenteil vom Gegenteil.“
„Was sagt Christus den Toten nach dem Glauben der armen Bauern?“
„Er spricht von einem Galgen, der an der Stelle des Kreuzstammes aufgerichtet werden wird, und erzählt ihnen von einem Menschengeschlecht, das glaubt, unter diesem Zeichen zu siegen. Zu gleicher Zeit aber mit der Errichtung des Galgens kommt schon ein anderer Galgen über diesen Galgen, der zweite Galgen setzt sich an die Stelle des ersten, entthront ihn, Galgen überwindet den Galgen. Ja, der Galgen wird vom Galgen selbst überwunden. Und der zweite Galgen ist gesetzt, um daran alle Wucherer, Schieber und Ausbeuter des Volks aufzuhängen ... Und Christus verspricht denen dort unten, ihrem Rachegelüste vollauf Genüge zu tun. Alle die werde er unbarmherzig vor sein Gericht ziehen, die sich auf Grund jener Herzblutopfer bereichert haben, deren das Volk unsägliche auf dem Altar des Vaterlandes dargebracht hat und – darbringt ... Diese Stelle hier, auf der wir stehen, soll auch die Stelle sein, wo der erste Galgen in Erscheinung tritt und von dem zweiten bald darauf überwunden wird ...“
„Ein modern frisierter, revolutionärer Christus! Hihihi ...“, kicherte jemand.
Alle sprachen aufgeregt durcheinander.
Man stellte sich mit erhobenen Fäusten vor den Führer hin.
„Korruption! Korruption!“
„Ketzer! Verräter!“
Wutverzerrte Gesichter. Zornrollende Augen quollen.
Man hätte den Legenden-Erzähler lynchen können.
Nur der Bankier blieb ruhig.
„Das soll Christus sagen? Ausgerechnet: Christus?! Ein wenig sonderbare Christen das, das müssen Sie doch selbst zugeben, die sich ihren Christus so vorstellen. Ein roter Christus also, ein roter Bauernchristus ... So wird eben auch das Allerheiligste von dem ungebildeten und in den tieferen Wahrheitsgehalt der religiösen Offenbarungen uneinsichtigen Pöbel in den Kot gezerrt. Ein Bolschewisten-Christus, haha! Zum Hausgebrauch der Schmutzfinke, Schlendriane, Gewohnheitsverbrecher und Hungerleider! Ein Christus mit dem Messer zwischen den Zähnen und die Knarre auf dem Buckel! Staatsgefährlich ist das, gotteslästerlich ...“
„Nicht doch!“ entgegnete ruhig der Führer.
„Die armen Bauern sprechen das auch nie laut und öffentlich aus. Aber wovon den armen Bauern das Herz voll ist, davon träumen sie ... Es ist eben ein Christus, zurechtgemacht für die Zeit, wie ihn sich die armen Bauern, naiv wie sie nun einmal sind, vorstellen ...“
* * *
Die Schlachtfeldbesucher schwiegen betroffen einen Augenblick. –
* * *
„Und nun, meine Herrschaften, entschuldigen Sie die Erzählung der Legende bitte, nichts für ungut, und setzen wir unsere Tournee fort!“
Noch immer schweigend folgten die Schlachtfeldbesucher dem Führer.
„Wenn Sie zu Hause ihre Kriegserlebnisse erzählen, dürfen Sie auch nicht vergessen ...“
Auf einer sauber gezimmerten Stufenleiter klommen sie nacheinander in eine Kiesgrube hinab.
Auf der einen Seite war eine dicke Sandsteinmauer.
„Spaß beiseite! ... Hier, meine Herrschaften, fanden regelmäßig Exekutionen statt von Verrätern, Deserteuren und anderen Vaterlandsschädlingen, bei allen Nationen gleichermaßen tiefster Verachtung preisgegeben ... Ich werde Ihnen, wenn wir wieder oben sind, das Wrack einer Mühle zeigen, von der aus ein französischer Bauer, mit Geld bestochen, das feindliche Artilleriefeuer mittels einfacher Laternensignale geleitet hat ... Die Kiesgrube mag durch ihre Lage besonders günstig für derartige Hinrichtungen gewesen sein, die sofort nach der Urteilsfällung durch die Kriegsgerichte, gegen die es keinen Einspruch mehr gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden vollstreckt werden mußten. So verlangt es bei allen Staaten ausdrücklich das Gesetz ... Die verschiedenen Sandhaufen, die Sie hier sehen, ohne Kreuzschmuck wohlgemerkt, das ist die Ruhestätte dieser Hingerichteten. Ihre Namen kennt keiner. Auch die Angehörigen nicht. Wäre es doch eine Schande für die Familie. Die Zahlen der hier Füsilierten kann ich nicht genau angeben, doch spricht man von Hunderten, die hier in dieser Grube ihre schändlichen Verbrechen sühnten ...“
„Zucht muß sein, ohne das geht es nun einmal in einem straff disziplinierten Heer nicht ab.“
Stützte der deutsche Professor seine Gattin beim Wiederaufwärtssteigen.
„In Deutschland würde es heute sicherlich anders aussehen, wenn alle Novemberverbrecher kurzerhand in solch einer ...“
„Und die Bauern, die da, wie ihnen ihr Christus prophezeit hat, den zweiten Galgen errichten wollen, sollen sich nur vorsehen, daß sie nicht vom Regen in die Traufe kommen, daß heißt, statt an den Galgen, hier in der Kiesgrube – –“
Der Bankier sprach diesen Ratschlag in einem geradezu väterlich gerührten Ton gedämpft vor sich hin. –
* * *
„Hui!“ und „Pfui!“ schrieen da plötzlich einige Damen, rissen die Röcke hoch, die Männer schlugen wild durcheinander mit den Spazierstöcken auf den Pfahldamm ein.
„Eine Ratte –
„Pfui! Hui!
„Was für ein abscheuliches, häßliches –
„Unappetitliches Tier –
„Solch ein Biest!
„Solch ein Freßsack ...“
Und die Rattentreibjagd begann.
Der Deutsche trillerte leis:
„Lützows wilde verwegene Jagd ...“
Es war eine ausnehmend große, prall gemästete Ratte.
„Rattenbisse sind tödlich unter Umständen! ... Bleiben Sie zurück, meine Herrschaften! ... Ein Rattenbiß überträgt Bazillen unter Umständen, die Pest ...“
Und der Führer setzte allein hinter ihr her.
Die Ratte stürmte wieder die Kiesgrube hinab, und aus halber Höhe knallte der Führer ihr einige wohlgezielte Pistolenschüsse nach.
Die Ratte kratzte einigemale energisch mit den Pfoten im Sand, dann drehte sie sich, verzuckend, auf die Bauchseite.
Pfiff noch einmal.
Pißte noch.
Teile der Gesellschaft stiegen nochmals die Stufenleiter zur Kiesgrube hinab, um die tote Ratte zu betrachten.
Stocherten mit den Spazierstöcken an ihr herum, wendeten sie nach allen Seiten hin und stiegen wieder herauf ...
„Ein ekliger Geselle! –
„Wie bissig das Gebiß! –
„Heißhunger, Leichenraub, Menschenhaß, die ganze Menschheitsverachtung blitzt ihr aus den Augen ...
„Oft hatten die Truppen in den Schützengräben, besonders nach lang andauernden Regenfällen oder Ueberschwemmungen, richtige Rattenschlachten auszufechten ... Da half aber keine Kugel, sondern nur das blanke Messer ...
„Es ist etwas Schreckliches um die Ratten –
„Gott, gibt es Tiere auf dieser Welt ...!“
Und weiter wanderte die Gesellschaft.
„Hier ein geplatztes Geschütz!“ demonstrierte der Führer. „Die ganze Mannschaft ist bei der Explosion durch einen sogenannten Rohrkrepierer mit in die Luft gegangen ... Ehre ihrem Angedenken! ... Und hier wieder Fallgruben, spanische Reiter, der Boden besät mit Blindgängern in Hülle und Fülle ... Bitte, und hier, treten Sie ruhig unbesorgt näher, es kann Ihnen garantiert nichts passieren: Was sehen Sie!?“
„Ah, davon hat man so oft in den Zeitungen gelesen, wie das aber in der Wirklichkeit oft so ganz anders sich ausnimmt!“
„Richtig geraten! Erstens: ein Flammenwerferapparat und zweitens: ein schwerer Minenwerfer mit der dazu gehörigen Munition: Flügelminen. Hier an dem Zaun sehen Sie außerdem einige der gebräuchlichsten Modelle von Gasmasken ... Wenn Sie wünschen, können die Herrschaften einmal eine aufprobieren. Vielleicht steht sie Ihnen. Vielleicht wird das noch einmal die große Mode ...“
Der deutsche Professor zog sich auch wirklich schon eine der Gashauben über und während alle um ihn herum „huhu!“ heulten, drehte er sich um sich selbst, kokett wie ein Mannequin, das eine neue Toilette zeigt.
„Welch eine Fratze! –
„Hui! Pfui!“
„Sie wollen mit uns wohl „schwarzer Mann“ spielen!?
„Wie die tote Ratte –“
Und „na, Sie Probiermamsell!“ foppte ihn einer und man wandte sich wieder den Flammen- und Minenwerfern zu.
„Erstens: Flammenwerfer, meine Herrschaften! ... Bequem von einem Mann zu transportieren. Hier wird mit verflüssigtem Feuer auf mindestens dreißig Meter Entfernung der Mensch rettungslos in Brand gespritzt. Wer starke Nerven hat, dem bin ich in der Lage hier das Folgende zu zeigen –“
Und der Führer reichte einige Photographien herum, die einen Flammmenwerferangriff naturgetreu darstellten. Die von den Flammenwerfern bespritzten Menschen brannten lichterloh, in eine weißliche staubähnliche Lichtlohe gehüllt.
„Auch „Wander-Krematorium“ genannt ... Realistisch, was ...“
Die Betrachtung der Photographien tat einem in der Herzgrube weh.
„Durchlöchert alles! Aehnlich wie ein hundertfach verstärktes Sauerstoffgebläse ... Stichflammen! Meine Herrschaften! Stichflammen!“
„Und nun, meine Herrschaften, zu den schweren Minenwerfern! ... Und hier habe ich eine Ueberraschung, ich zeige Ihnen solch ein Ungeheuer in Betrieb! An dieser Kommandotafel hier sehen Sie: diese Minen wurden alle von einem Punkt aus, oft gegen tausend Stück gleichzeitig, zur Entzündung gebracht – und auf einen Schlag abgeschossen. Ladung: Giftgase mit Brandeinlagen. Effekt also: tipptopp! ... Damit sich nun die Herrschaften einigermaßen eine Vorstellung machen können von der elementaren, geradezu naturhaften Wucht, mit der so eine schwere Flügelmine die Lüfte durchpeitscht und in dem feindlichen Graben zum Einschlag kommt, bringe ich hier, wenn Sie gütigst gestatten, so eine Mine zum Abschuß ... Damit wäre dann der Rundgang beendet und ich ersuche die sehr verehrten Herrschaften, sich wieder auf dem gleichen vorgeschriebenen Weg in das Hotel zurückzubegeben ...“
„Damit Sie aber zu gleicher Zeit auch einen möglichst wahrheitsgetreuen Eindruck vom wirklichen Schlachtenlärm erhalten, möchte ich Sie bitten, sich das Geräusch dieser einen Flügelmine in Ihrer Phantasie zu verhundert-, nein zu vertausendfachen ... Schauen Sie genau zu! Und richten Sie, wenn ich auf den Knopf hier drücke, sofort Ihr Augenmerk auf den gegenüberliegenden 300 Meter entfernten Graben! Vorsicht! Zurücktreten! Wenn mir der eine oder der andere Herr dabei vielleicht behilflich sein möchte ...“
* * *
Der Bankier und der Deutsche beteiligten sich beim Laden der schweren Flügelmine.
Mittels eines eisernen mechanischen Hebelkrans wurde die Mine emporgekurbelt, von vorn in die Rohröffnung des Minenwerfers eingeschwenkt, der Minenwerfer wurde mit einigen einfachen Griffen ausgerichtet, wobei die Flügelmine bis zu einem Viertel mit ihrer oval abgeflachten Spitze noch aus der Rohröffnung herausragte.
Der Bankier, der Deutsche traten zurück.
Der Bankier blies einige Stäubchen vom Rockärmel und streifte sich gegenseitig die Glaceehandschuhe von einigen darauf haftenden Schmutzkörnchen ab.
„Achtung!“
Und schon schoß nach einem gewaltigen Luftrauschen, das wie das Dahinflattern apokalyptischer Flügelreiter klang, und nach einer Erschütterung, als ob sich der Boden einem unten den Füßen hinwegziehe – schon schoß in dem gegenüberliegenden Graben eine über hundert Meter hohe Erdfontäne hoch, mit Felsbrocken und Balkensplittern untermischt. Das zerrte, zupfte an den Nervensträngen. Drückte auf die Magennerven. Erst das hagelwetterartige Niederprasseln der hochgeschleuderten Erdmassen brachte Erleichterung.
Ein pressender Luftdruck hatte sich sogleich nach Abschuß spürbar gemacht.
Der eine oder der andere taumelte sogar.
Viele hielten sich Nasen und Ohren zu. Einige hatten sich sogar sorgsam Wattebäuschchen in die Gehörgänge gestopft. Alle aber hielten den Mund weit aufgesperrt.
„Glänzend! nein, sowas –
„Fabelhaft ... Grauenhaft schön ... Wie ein Geysir!
„Das ist wirklich ein Kulturfortschritt, daß auch unsereins so etwas zu sehen bekommen kann ...
„Das erhebt die Brust! Läutert! Das läßt den Menschen über sich selbst hinauswachsen. Das macht heroisch und kühn! Da versteht man erst, was es mit dem geflügelten Wort „vom Krieg als von einem Stahlbad“ für eine tiefere Bewandtnis hat!
„Geradezu eine Verjüngungskur!
„Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Ohne Uebertreibung! ...
„Wirklich, ein Naturschauspiel ... Bravo! Dacapo! ...
„Und dem wohnen Menschen, kaum glaublich, lebendige Menschen bei, ganz der wissenschaftlichen und ästhetischen Betrachtung hingegeben ...“
Der Explosionsrauch verzog sich.
Der Führer sammelte indeß, stolz auf das gelungene Experiment, Trinkgelder ein.
Jeder gab noch ganz unter dem Eindruck dieses Ereignisses mit vollen Händen.
Die Legende vom roten Bauernchristus war vergessen.
„Und nun, meine Herrschaften, zurück zum Flugplatz! Sie haben jetzt sozusagen den Krieg von unten erlebt, den Krieg als einfacher Soldat, als Frontschwein, den Krieg im Granattrichter, Minenstollen und Schützengraben. Sie haben auch gegen Ungeziefer und Ratten gekämpft. Man müßte für Schlachtfeldbesucher wie Sie, meine Herrschaften, einen Orden stiften ... Es ist Ihnen jetzt Gelegenheit gegeben, den Krieg auch von der Vogelperspektive aus zu betrachten, den Krieg als Flieger und zugleich den Krieg von der strategischen Gesichtswarte eines hohen Kommandeurs aus. ... Aber auch zugleich, nicht zu verachten, den Krieg der Zukunft! ... Sie werden selbst eine Bombe abwerfen können, Sie werden in drei bis vier Meter Höhe über die Stacheldrahtverhaue, aus Ihren Maschinengewehren Tod und Verderben speiend, dahinstreichen, es ist Ihnen ferner Gelegenheit gegeben, einige zerschossene Tanks zu studieren, das Herzinnere der Tanks wird deutlich noch sichtbar sein, Aufräumungsarbeiten, die störend oder verschönernd wirken könnten, sind prinzipiell an keiner dieser Stellen bisher noch vorgenommen.“
Ohne Ausnahme entschloß sich die ganze Reisegesellschaft nach den vorhergegangenen gewaltig erschütternden und belehrenden Eindrücken auch noch mit dem Flugzeug das Schlachtfeld abzustreifen. –
* * *
Der Bankier blieb beim Rückweg, ohne daß er es selbst bemerkte, hinter der Gesellschaft zurück.
Er stand auf einem kleinen erdigen Vorsprung, wo es um eine Grabenecke ging, abwechselnd die Arme in die Seite stemmend oder vor sich verschränkt. Verträumt in die Landschaft hinausschauend ...
Er stand wie ein Standbild.
Ihm gegenüber das Kruzifix, der „rote Christus“, wie er ihn getauft hatte.
Es war, als ob der Bankier durch den gekreuzigten Holzleib hindurchsehe ...
Er dachte jetzt an die Worte seines jungen Freundes Antonio:
„Auch der Sinnenrausch, der Blutrausch ist für den geistigen Menschen ein geistiger Rausch.“
Und auch daran wieder:
„Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von Geheimnissen umgeben werden ...
„Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den großen Tanz des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“
Nur ab und zu blickte er ein wenig an sich herunter, tat, als ob er etwas, das aus der Tiefe zu ihm aufkriechen wolle, von sich abstreife, wischte dann verlegen an seinen Hosen herum und – wurde wieder zum Standbild.
„Pst! Er ist in Gedanken versunken! Stört ihn nicht!“ wehrte jemand, als man ihn rufen wollte.
„Fixieren wir ihn scharf! Er ist schon nicht mehr Fleisch und Blut. Er wirkt abstrakt. Er nimmt geistige Gestalt an. Sicher hat er eine Erscheinung, ein Fernsehen. Er wird zu einer Art spirituellen Elements ... Entsinnlicht, entleiblicht: er wird zur Idee ...“
Dozierte dazwischen vor einigen Damen ein Theosoph.
„Das ist die Stellung, die ich brauche!“ frohlockte der Filmoperateur.
„Wart, nun hab ich ihn. Solch ein Karnickel! ...“ Und setzte auch schon seinen Apparat in Bewegung.
„Finden Sie nicht: ganz Napoleon!“
„Vollkommen getroffen. Der Vergleich paßt wunderbar. Napoleon auf dem Feldherrnhügel in der Schlacht bei Waterloo ...“
„Nicht gerade Waterloo ... In der Schlacht bei Jena. Das paßt besser ...“
„Nein, Napoleon, finde ich gar nicht. Aber bis auf ein Haar: Friedrich der Große. Fridericus Rex in der Schlacht bei Leuthen, wie er auf jenem berühmten Gemälde in der Berliner Nationalgalerie verewigt ist ... Einem Beobachter der Gesamtszene erschienen wir sicher als Ziethen, Seydlitz, kurzum: als sein Generalstab.“
„Welch ein edler Ausdruck in seiner Haltung! Ganz antik. Wie verklärt! Ganz Cäsar ...“
„Und ist er doch auch ein Napoleon, ein Friedrich der Große, ein Cäsar meinetwegen ... Ein Napoleon, ein Cäsar, ein Friedrich der Große der Wirtschaft, wenn dieser Vergleich gestattet ist ...“
Der Bankier stand immer noch, den einen Fuß vor den anderen gesetzt, in einer lässigen majestätischen Haltung da.
Wie aus Traum gegossen ...
Der Filmoperateur kurbelte.
„Fertig. Schluß ... Nun können wir rufen ...“
Da riefen sie alle zugleich:
„Ha–a–allo!“
Der Bankier fuhr aus seinem Wachtraum erschreckt hoch, grüßte höflich, wie sich verabschiedend, noch immer in Gedanken versunken, mit seinem Zylinder flüchtig in die Richtung zum „Roten Christus“ hin, dann kam er gemessenen Schrittes, wie in einem Begräbniszug oder wie in einer Prozession hinter dem Allerheiligsten, den Pfahlweg entlang.
Das Schlachtfeld hing schwer wie Blei in seinem Schritt.
Mehrere moderne Flugzeuge wurden soeben aus den Schuppen auf dem Landungsplatz neben dem Hotel herausgezogen.
Sie wurden bei den Rundflügen über das Schlachtfeld von erfolgreichen Fliegeroffizieren gelenkt.
Der Führer meldete dem Bankier:
„Die Flugzeuge wären startbereit.“
Pünktlich vier Uhr nachmittags erfolgte der Start.
Der Pilot, die Brust über und über voll von Ehrenzeichen, salutierte.
Die Filmoperateure kurbelten.
Photographen knipsten.
Der Bankier und seine Gattin an der Spitze der Gesellschaft schritten durch ein lose gebildetes Spalier von Neugierigen hindurch, Angestellten, einigen Landleuten und Bauarbeitern.
Die Monteure nahmen die Mützen vom Kopf.
Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“ stand auf der Terrasse, den rechten Arm zum Gruß steil emporgereckt.
Die Motore brüllten ...
„Achtung!“
„Los!!“
Drei Flugzeuge erhoben sich zu gleicher Zeit, schraubten sich beinahe senkrecht in die Luft. –
„Meine Herrschaften!“ begann, kaum daß sich der Apparat von der Erde gehoben hatte, der Führer: „Der Pilot, der die Ehre hat, Sie durch das Luftreich zu geleiten, ist jener Glücklichen und Auserwählten einer, die den Rekord von über 100 Abschüssen innehaben ... Eugène Daudet ist sein Name ...“
„Wahrhaftig, wie eine Mondlandschaft! Krater an Krater ...“ ließ sich eine Stimme vernehmen, und einige Köpfe beugten sich zur Erde hinab, wo vereinzelt mit dem Taschentuch heraufgewinkt wurde.
„Es zieht!“ rief eine andere Stimme, „uch!“, und einige, die es beim Einsteigen unterlassen hatten, bewehrten ihre Augen mit Schutzbrillen.
Das Flugzeug kreiste einige meisterhaft ausgeführte Bogen im blendend blauen Licht, dann schwang es sich in einer langgezogenen Kurve, etwas seitlich sich neigend, erdab und schoß dicht über Stacheldrahtgewirren und Schützengrabenlabyrinthen dahin, der Stelle zu, wo die zusammengeschossenen Panzerwagen lagen.
Wie in der Mitte auseinandergeklappte dunkelgrau gestrichene Konservenschachteln staken die Kampfmaschinen mitten im Schlachtfeld, die Raupenschlepper tief in den Erdschlamm eingegraben, der Mechanismus des Wageninnern war deutlich erkennbar: eine völlig in sich verbogene Schnellfeuerkanone, dazwischen verkohlte Knochenreste, einige brikettartig gepreßt, und Uniformfetzen, die vielfach geborstene Stahlkuppe des Panzerturms tief bis auf den Wagenboden durch die Wucht der Explosion heruntergedrückt.
„Zehn Mann Inhalt!“ erklärte trocken der Führer.
„Durch einen schneidigen Stoßtrupp mittels einer Handgranatenballung von unten her auseinandergeplatzt. Die anderen, wie Sie sehen, im direkten Abschuß durch sogenanntes Infanteriegeschütz erledigt ...“
„Stimmt! Stimmt!“ freute sich der deutsche Professor diesmal beistimmen zu können, und er war stolz darauf, seiner Gattin einige nähere Einzelheiten über so einen abgeschlagenen Tankangriff erzählen zu dürfen, an welchem er, wie er laut betonte, selbst einmal in hervorragender Weise beteiligt war.
„Stimmt! Benzinbehälterexplosion. Durch direkten Abschuß erledigt, aus dem nahen Gehölz dort, höchstens 600 Meter Entfernung. Mit Panzermunition ... Wer hätte das je gedacht, daß es einem vergönnt sein würde, als Unbeteiligter noch einmal seine eigenen Heldentaten an sich vorüberziehen zu sehen ... Wie ein höchst lebendiger Film, das ... Schade, schade drum, daß Kriegsszenen nicht auch im Film vorgeführt werden. Reiches Material stünde doch in den Archiven unseres Generalstabes zur Verfügung. Aber natürlich: durch den Schandvertrag von Versailles ... Solche Filme mit Kriegsszenen könnten außerdem, was die pädagogische Seite der Sache anbetrifft, wesentlich zur militärischen Ertüchtigung unseres Volkes beitragen, denn nach unseren psychologischen Erfahrungen üben sie – was wieder einmal für die natürliche Empfindung und für die Gesundheit unseres Volkskernes zeugt – üben sie auf den weitaus größten Teil der Bevölkerung keine abschreckende Wirkung aus, sondern im Gegenteil ... Verkauft und verloren aber ein Volk, betrogen um seine heiligst verwahrten Güter, zur Sklaverei verdammt jenes Volk, in dessen Unbewußtem und aus dessen Triebkräften heraus sich nicht immer wieder allgewaltig die Stimme erhebt, urgewaltig, elementar die Stimme des Blutes spricht: Es lebe der Krieg!“
„Militärische Sachverständige, meine Herrschaften, behaupten –“, fuhr unterdessen der Führer fort, „daß der kommende Krieg, soweit er sich überhaupt noch auf der Erde abspielt, durch Geschwader solcher Kampfwagen zum Austrag gebracht werden wird, die dann eine sogenannte gepanzerte Feuerlinie bilden, und deren Gefechtsleitung ähnlich wie die einer Hochseeflotte in einer Seeschlacht erfolgt. Auch wird man dementsprechend der Größe, Schnelligkeit, Geschützzahl, Geschützreichweite usw. nach: Tank-Kreuzer, Tank-Dreadnoughts und Tank-Torpedoboote unterscheiden müssen. Völlig abgedichtet nach außen hin gegen Gas, mit langlebigen Sauerstoffapparaten versehen, werden diese Kampfwagengeschwader in der Tat die einzigen wirksamen Kollektivschutzräume gegen die hochkonzentrierten Gasangriffe darstellen, und damit auch die einzigen beweglichen Mittel, lebende Wesen durch Gassperren und Gassümpfe hindurchzubefördern, mit deren Dauer je nach den Witterungsverhältnissen unter Umständen sogar bis auf über acht Monate zu rechnen sein wird.“
Wieder stieg das Flugzeug auf der Luftfläche steil an.
Einige beobachteten den durch eine Glasscheibe von der Gesellschaftskabine abgetrennten Piloten, ließen sich Höhen- und Seitensteuer erklären, begriffen alles überraschend schnell und lächelten befriedigt.
„Und nun, meine Herrschaften, was weiter den kommenden Krieg betrifft, den einige militärische und nationalökonomische Autoritäten spätestens auf das Jahr 1928 angesetzt haben, so können wir heute schon behaupten, daß er sich wohl in der Weise abspielen wird, daß gewaltige Kampfflugzeugstaffeln in etwa 12 Kilometer Höhe, als unsichtbare, unhörbare Gewitterwolke heranziehend, versuchen werden, die Produktionszentren des Gegners so gründlich wie nur irgend möglich einzugasen, und zwar werden dabei chemische Kampfstoffe zur Anwendung kommen, deren Wirkung, wenn wir heute davon sprechen, dem Uneingeweihten märchenhaft und unglaublich klingt ...“
Die Passagiere bemühten sich krampfhaft, bei diesen Auslassungen des Führers nicht zuzuhören.
Nur der Bankier wußte unter den Schlachtfeldbesuchern eigentlich genauer Bescheid, um was es sich dabei handelte.
Hatte er doch als Mitglied des Ehrenpräsidiums einer chemischen Gesellschaft schon des öfteren Gelegenheit gehabt, einer Vorstellung des amerikanischen „Chemical Warfare Service“, des amerikanischen Gasdienstes, auf dem Versuchsfeld des Kriegsarsenals Edgewood beizuwohnen. Mechanische Armeen wurden dort ausgeprobt. Bald jeden Tag ein neues Gas. Und ein neuer Soldaten-Typ entstand, in eine der Taucherkleidung ähnliche Uniform gekleidet, die ganze Haut mit einer asbestartig wirkenden Salbe präpariert.
„Begeben wir uns, sehr verehrte Herrschaften, unseren Prinzipien treu, nicht unter die Legendenerzähler, Schauermärchendichter, berufsmäßige pathologische Schwindler und prophezeiungslüsterne Kolporteure, sondern bleiben wir weiter in unseren Erörterungen auf dem Boden der nüchternen Tatsachen, so werden wir feststellen können – vielleicht ist der eine oder der andere unter Ihnen, der mir das bestätigen wird! – so werden wir feststellen können, daß mittels der heutigen Kriegstechnik, in engster Verbindung natürlich mit der modernen Wissenschaft, bereits innerhalb einer Woche ein ganzer Erdteil radikal vergiftet werden kann ...“
Die beiden anderen Flugzeuge warfen jetzt aus beträchtlicher Höhe auf ein durch einen blendend weißen Kreis abgezeichnetes Ziel Versuchsbomben ab.
Die Explosion der Bomben erfolgte als ein feines stählernes Klirren, kleine weiße Staubwölkchen bliesen unten auf der Erde auf und ziehen mollig-verschleimt im Wind dahin ...
Die Passagiere fühlten sich in der prächtig ausgestatteten Luxuskabine des Flugzeuges wohl geborgen. Neben praktischer Waschgelegenheit war sogar ein elektrischer Zigarettenanzünder vorhanden, und in einem kunstgewerblich mit diskreten Farbenreizen ornamentierten Porzellanbehälter dufteten frische Rosen.
* * *
Es ging gegen Abend.
Ein dünnes Stimmchen, wie eine schwirrende Metallfaser, zirpte unten von der Erde herauf: es war die Glocke einer Dorfkirche, die Ave läutete.
Die Sonne brannte heißglühend im Westen herunter, der Himmel schimmerte wie Perlmutter, und fern rannen die von Geschoßböen glatt rasierten kahlen Berghöhen.
Wie ein unermeßlich ausgedehntes Gangrän schien unten die Erde.
Baumstümpfe, zerfetzte Telegraphenmasten, ganze Bündel in sich zerknäulter Drahtgewirre: wie aus dem durch und durch schlammig vereiterten Erdleib herausgerissene Sehnen, Gedärme und Nervenstränge. Die verstreut umherliegenden Felsblöcke in den Steinbrüchen gewannen das Aussehen von riesigen Schädeltrümmern, Gehirnschalen eines Giganten; aufgerissene Steinwege lagen, zickzack sich durch die Dämmerung schlängelnd, wie Gehirnwindungen bloß; und dazwischen Tümpel, Pfützen und verschimmelte Wasserlachen: ein Kunterbunt von nässenden Geschwüren. Hie und da knoteten sich die Narben von selbst zu einem unförmigen Wulst zusammen, aber die Nähte rissen wieder, und der erdige Kadaver bot sich den Beobachtern aus der Luft dar, wie ein unsagbar geschundener Leichnam auf einen Seziertisch gelegt, voll von Schnitten, Wucherung an Wucherung, über und über bedeckt von schwarz ausgeschlagenen Bluthöhlen und unheimlich zackig gerandeten Brandflächen ...
Und dieser Kadaver atmete noch.
Einen dumpfen, stickichten Dunst hauchte er aus, die Geruchsnerven beizend, und so intensiv, daß er Hustenanfälle, Niesen, Augenbrennen und Brechreiz verursachte.
Alle Gestänke der Welt stanken sich hier zusammen ...
Ein einsamer Vogel fing immer bei Einbruch der Nacht zu singen an, es war ein schluchzender, flötender Gesang, wie ihn die Vögel singen im Moor oder auf der Heide.
Hie und da blinkte auch jetzt unten ein Lichtpunkt auf.
Fern summte ein Schnellzug durch die Landschaft, wie eine wagrecht dahin flitzende goldspurige Nadel ...
Die Herren steckten sich in Anbetracht des „bestialischen Geruchs“, wie sie es nannten, eine besonders dicke Zigarre in den Mund, die Damen fächelten nervös und hielten mit Lavendel getränkte Taschentücher sich unter die Näschen.
Der Führer lächelte versteckt vor sich hin, ein wenig spöttisch und schadenfroh.
Er empfand das irgendwie als eine geheime Rache.
Er schwieg.
Der deutsche Professor redete tröstend auf seine Gattin ein, die ohnmächtig zu werden drohte, und sich fest in den Arm ihres Gemahls klammerte.
Der Bankier wunderte sich:
„Nein, so ein Geruch, trotz der Ventilatorenwirkung des Propellers ...“
Die Situation fing an bedenklich zu werden.
Der Führer erhob sich.
„Wir sind gleich aus dieser Zone heraus. Bitte, meine Herrschaften, nehmen Sie sich noch einen Augenblick zusammen, Sie werden mir doch nicht am Ende unserer Luftreise gar noch seekrank werden!“
„Nichts ohne Anstrengung, Schatz!“ tröstete der Professor flüsternd immer noch weiter: „Jed Ding hat seine Strapazen. Das ist eben allemal die Kehrseite der Medaille ... Na, ich möchte trotzdem die Tour nicht missen ... Hochinteressant! Hochinteressant! ... Per aspera ad astra! ... Und Aufregungen solcher Art haben immer eine Nachwirkung wie Schlummerpunsch. Wir werden großartig schlafen ...“
„Merkwürdig, das kommt immer zur gleichen Zeit, wie am Meer die Flut, abends, wenn die Sonne untergeht ...“
Die Zone war glücklich passiert.
Ein frischer Luftzug wehte.
„Ist aber auch höchste Zeit! ... Das möchte ich nicht noch einmal erleben ...“, stöhnte jemand im Namen aller befreit auf.
Federnd schoß das Flugzeug einige Meter auf der Landungsfläche dahin ...
Ein leichter Ruck und – stand. –
* * *
Ein einbeiniger und einarmiger Kriegskrüppel wartete dort, mit dem Kreuz der Ehrenlegion geschmückt, in einer völlig verblichenen Soldatenuniform, unartikulierte tierische Laute hervorstoßend, den Stahlhelm vorne auf die Brust gebunden.
Die Gesellschaft hätte ihn wahrscheinlich instinktsicher nicht bemerkt, hätte ihm der Führer nicht laut zugerufen:
„Hallo, scher dich fort, Emil! Halt die Schnauze! ... Sonst setzt es wieder mal wie neulich eine tüchtige Tracht Prügel ab ... Pack dich! ... Oder soll man es dir denn immer wieder von neuem einbläuen, daß du die hohen Herrschaften mit deinem Anblick nicht belästigen sollst ... Hast du wirklich denn den Verstand ganz auf Nimmerwiedersehen verloren? ... Und willst um jeden Preis immer wieder eine Extrawurst gebraten haben ... Hopla! Pack dich! ...“
Und der Gesellschaft zugewendet entschuldigte er:
„Ein armer Irrsinniger. Haust in einem Unterstand. Man nennt ihn wegen seiner Einbeinigkeit und Einarmigkeit den „Rumpf“. Macht die ganze Gegend unsicher mit seiner Bettelei ...“
Der „Rumpf“ zischelte etwas und humpelte von dannen, sich hie und da auf seinem einen Prothesenbein umdrehend.
„Halt’ die Schnauze!“ drohte der Führer noch einmal mit der Faust und machte eine Bewegung zum Erdboden hin, als ob er einen Stein aufheben wollte. „Pack dich! ... Ein ehemaliger Soldat und Betteln, das Ehrenkreuz noch dazu, schämt er sich denn nicht!?“
Der „Rumpf“ humpelte schneller. Man hörte deutlich die eiserne Spitze des Krückstocks schrill auf den Steinplatten aufschlagen.
Die Gesellschaft schüttelte sich vor Lachen.
„Für Kriegskrüppel ist doch wahrlich in allen Ländern hinreichend genug gesorgt!“ polterte ehrlich entrüstet der Bankier heraus: „Aber aus allem wird heutzutage ein Geschäft gemacht ... Dieses arbeitsscheue Gesindel fällt der ganzen Nation zur Last ... Schlachtfeldhyänen ... Der lebt sicher von Leichenschändung ...“
„Schlachtfeldhyänen ...“ stimmten einige aus der Gesellschaft bei, nicht ohne daß es ihnen dabei kalt über den Rücken herunterlief.
Die prall gemästete Ratte war noch in aller Erinnerung.
„Der könnte sich als Vogelscheuche verdingen!“
Ein herzerfrischendes Gelächter umplätscherte diesen Witz des Bankiers.
Nochmals schrie der Führer:
„He, Rumpf! ... Hast du gehört: als Vogelscheuche ...“
Der „Rumpf“ hielt in seinem Humpeln inne.
Stieß sich mit dem Krückstock vom Boden ab und schwenkte mit einer Bewegung, wobei er ein wenig in sein eines Prothesen-Knie einknickte, sich um sich herum.
„Tollwütig scheint der zu sein, so ein aussätzig kläffender Sakraments-Köter!“
„Wahrscheinlich auch von der „Roten-Christus-Vision“ angesteckt. Sieht grade so aus: der Lümmel –
„Der freche Bengel –
„Der giftgrüne Erz-Flegel ...
„Halunke! Gauner! Schurke! Schuft!
„Soll seine schmutzige Leichenwäsche, wenn er sie trocknen will, wo anders hin ausbreiten ...“
Wieder holte der Führer zum Steinwurf aus.
Unschlüssig wackelte der „Rumpf“ mit dem Kopf.
Hopste wieder auf seinem einen Prothesenbein auf und humpelte schnell von dannen, so schnell, daß es schien, als ob er über den Boden hinwegkollerte.
„Fix! Fix ist der! ... Donnerwetter! ...“
Damit war die „Rumpf-Episode“ beendet. –
* * *
„Arbeiten heißt es jetzt, arbeiten und nochmals arbeiten!“ Begann wieder nach einer kurzen Gesprächspause der Bankier: „Das ist, glaube ich, auch die Lehre, die wir unbedingt aus diesen Exkursionsstunden, die wir teils auf der Erde und teils in den Lüften erlebt haben, jetzt ziehen müssen ... Es soll nicht einmal heißen, wir hätten aus der Geschichte nichts gelernt ... Die Vergangenheit, wie sie hier vor uns auftauchte, gibt uns zu denken ... Aus den Lehren der Vergangenheit heißt es die Tat der Zukunft schöpfen ... Die Verantwortung für das Schicksal kommender Geschlechter, die uns allein schon durch die Tatsache unserer bloßen Existenz – ob wir nun wollen oder nicht – aufgebürdet ist, zwingt uns dazu. Ganz gleichgültig, ob wir jetzt Deutsche, Franzosen, Engländer oder Amerikaner sind ...“
„Ausgezeichnet! Blendend!!“
„Sehr richtig! ... Arbeiten ...“
Wiederholten einige.
Ein Journalist notierte:
„Goldene Worte ... Arbeiten: das ist des Rätsels Lösung.“
„Mit diesem Wort, mit diesem Schwurwort auf den Lippen, Amalie –“, schloß sich der deutsche Professor gern der allgemeinen Meinung an ... „können wir getrost der Zukunft in die Augen blicken.“
Und etwas leiser, daß es nur seine Gattin zu hören vermochte, lispelte er:
„Und wenn wir Deutschen es ein klein wenig schlau anfangen, du verstehst mich schon, was ich meine; dann kann auch Deutschland, unser geliebtes Vaterland, nicht untergehen. Es wird sich emporentwickeln am Zwiespalt der übrigen Welt. Dann werden auch wir noch den Tag, Amalie, erleben, Amalie, schau: den Tag der Auferstehung Deutschlands in Kraft, Schönheit und Herrlichkeit! Deutschland über alles ... Das walte Gott! Amen ...“
Frösche quakten, Grillen zirpten.
Der rote Vollmond kroch, von grünlichen Nebelgespinsten umschleiert, über dem Schlachtfeld herauf. –
* * *
Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“, von den beiden Oberkellnern assistiert, empfing, sich ununterbrochen verbeugend, die hohen Gäste.
„Darf ich mir die Frage erlauben, haben die Herrschaften einen hinreichenden Eindruck vom Weltkrieg gewonnen!?“
„Großartig ... unbeschreiblich ...“
„Kaum glaubhaft ... imponierend ...“
„Welch ein Panorama!“
„Phänomenal!“ –
„Ich habe mich einfach ganz köstlich dabei amüsiert!“
„Sensationell!“
„Und die Natur, die Aussicht dabei: prächtig ...“
Schallte es ihm vielstimmig entgegen.
Der Bankier allerdings, von einigen Teilnehmern der Gesellschaft unterstützt, bemängelte energisch die Art der Führung.
„Die Führung allerdings, Herr Direktor, läßt einiges zu wünschen übrig. Der Mann ist seiner hohen Aufgabe absolut nicht gewachsen, scheint mir im übrigen auch angetrunken gewesen zu sein, sonst könnte ich mir seine marktschreierischen Anzüglichkeiten in betreff eines kommenden Krieges nicht erklären. Ueber sowas spricht man nicht im Zusammenhang mit einem Schlachtfeldbesuch ... Solche Führer sind in der Tat nur recht wenig geeignet, das wissenschaftliche und ästhetische Vergnügen, das an sich normalerweise solch eine Schlachtfeldexkursion allen wirklich ernsthaft daran Interessierten bieten könnte, den Teilnehmern auch gebührend zu vermitteln. Auch das belehrende und sachlich aufklärende Moment ist in seinen Erläuterungen reichlich zu kurz gekommen. Die historische Seite wurde bei weitem zu wenig berücksichtigt. Viel zu viel überflüssige Details. Was habe ich schon davon, zu erfahren, daß jene zusammengeschossenen Tanks zu ihren Lebzeiten einmal „Susanne“, „Bubi“, „Eiserne Jungfrau Ottilie“ oder „Totila“ geheißen haben. Namen tun nichts zur Sache, sind Schall und Rauch ... Der Mann, den Sie uns beigegeben haben, seiner Natur nach offenbar ein Stimmungsmensch, scheint sich vorwiegend in der Kunst des Gruselnmachens zu üben. Aber das ist doch schließlich nicht der Zweck der Uebung und die Besucher des Schlachtfeldes müssen sich dafür bedanken, als Experimente für solch einen ungeschlachten Querkopf herzuhalten. Er pariert nicht. Das heißt: er richtet sich nicht nach den Wünschen der ihm Anvertrauten, sondern maßt sich eine Führung an, und zwar eine Führung besonderer Art ... Sehen Sie dem Mann in Zukunft besser auf die Finger. Scheint im übrigen, was seine Vergangenheit anbetrifft, früher einmal als Ausrufer vor einer Jahrmarktsbude angestellt gewesen zu sein. An dem hätte ein Barnum seine Freude gehabt. Mit allen Wassern ist der gewaschen. Ein ganz Geriebener. Trau ihm zu, es unter Umständen fertigzubringen, einem den Genuß eines Schlachtfeldes gründlich zu verleiden ... Ein ganz gemeiner imaginärer Kerl ...“
„Ja, gewiß doch! Bitte!“
Der Direktor, verlegen lächelnd und sich weiter verbeugend, versprach sofortige schleunigste Abstellung dieses Mißstandes, stammelte etwas von einer Prüfung im Takt, der man die als Führer in Frage kommenden Anwärter unterziehen müsse und schloß:
„Gewiß! Gewiß! ... Aber eben nur ganz wenige erweisen sich leider als zu solch einer heiklen Aufgabe qualifiziert!“
„Heikel!? ... Den Ausdruck versteh ich nicht!“ gab der Bankier unwirsch zurück, drehte sich energisch auf dem Absatz um, und schritt mit einem militärisch-stramm markierten festen Schritt zu dem soeben beginnenden Souper in den festlich erleuchteten Speisesaal.
* * *
Ein hundertkerziger kristallischer Lüster flimmerte, die Spiegelscheiben an den mit italienischen Landschaftsbildern ausgemalten Wänden vibrierten ein beruhigendes Licht-Echo, abgesprengte sprühende Lichtreflexe sprangen hin und her, verfingen sich in den fein geschliffenen Weingläsern und herrlich aufgebauten Obstschalen und Anrichteschüsseln, der Wein funkelte, und mild und gedämpft leuchtete ein Lichtmeer wieder von unten herauf aus dem tiefen Grund der spiegelblank polierten Parkettböden.
Die Menschenstimmen verflochten sich ineinander, schwebten sanft vertönend dahin im Saal, dessen ausgezeichnete Akustik von den dort konzertierenden Künstlern allgemein gelobt wurde, nur hie und da wurde das Geplauder durch ein feines helles Lachen unterbrochen, das wie eine Tropfenkette von Tisch zu Tisch entlang perlte.
Der Bankier schwieg hartnäckig.
Er hatte aus Gesundheitsrücksichten sich frühzeitig daran gewöhnt, auf seinen Erholungsreisen zu fletschern, das heißt: er kaute jede Speise dreißigmal ...
Ein Sektpfropfen knallte.
Das berühmte internationale Jazzband-Elite-Orchester begann mit seinem extra ausgewählten exquisiten Programm ...
* * *
Wüst und leer lag draußen das Land.
Emil, der Irrsinnige, der im Volksmund auch der „Unbekannte Soldat“ hieß oder auch kurz nur der „Rumpf“, kniete sich auf den Rand eines Granattrichters herauf.
Emils Gesicht war hölzern, wie ein Hackbrett, die Nase darin glich einem knolligen Gewächs, und ein Stirnfetzen hing darüber, wie ein lose angeflickter Knochenscherben.
Das mit vereinzelten bräunlichen Zahnstumpfen besetzte und ausgefranzte Zahnfleisch aus den schief verzogenen Kiefern herausbleckend, die durch und durch mit Klammern verheftet und schnurartig vernäht waren, lauschte er, lauschte ...
Der Jazzband hackte, tackte, quieckte und quietschte.
Wimmerte, stöhnte, schrie.
Rührte um, klapperte und schepperte ...
Und durch die hell erleuchteten Riesenscheiben des Hotels „Zum Weltkrieg“ hindurch sah man Menschen, prunkvoll angetan in Frack und Seide, in merkwürdig rhythmischen Zuckungen und eckigen Bewegungen, Körperpaare an Körperpaaren, wie zu einem einzigen vierbeinigen Körperstrunk verwachsen, im Tanz sich dahinschleifen.
„... Schlaraffenland! Schlaraffenland! ... Gebratene Tauben fliegen denen dort in den offenen Mund. Ah, wie schön lebendig das duftet, und köstliche Speisen rollen ganz von selbst auf fahrbaren Tischchen heran. Die ganze Welt wird denen zu einem „Tischlein, deck ich“ ... Die kosten sicher nur mal zur Abwechslung, wenn sie mit allzuviel Süßem und Fetten sich den Magen verdorben haben, das Bittere eines Mandelkerns ...“
Emil glotzte stier in das Lichtparadies.
Der Speichel zog sich ihm im Mund zu einem Schleimklümpchen voll säuerlichen Geschmacks zusammen.
„Kameraden!“
„Kamerad!“ schien es Emil als Antwort aus der Tiefe der Schlammkatakomben widerzuhallen.
„Kameraden! Hört ihr mich?“
„Kamerad! Wir hören dich!“
„Parole?!“
Wieder schien es Emil, als ob ihm ein millionenstimmiger Sprechchor antworte, dumpf, wie ein langgezogenes Gewitter in der Tiefe der Erde dahinrollend:
„Brü–der der Gro–ßen Gru–be!“
„Brüder der Großen Grube, hört!“
„Wir hören dich!“
„Da feiern sie ihr Siegesdiner und nicht einmal eine lumpige Brotrinde ist dabei für Emil, das Frontschwein, mit abgefallen. Seht her, nicht ein einziger Brosamen, wieder einmal ist mir der Stahlhelm leergeblieben. Ist es auch noch eine Art, mir ewig mit der gleichen Melodie aufzuspielen: „Pack dich! Pack dich!“? Und Kamerad Emil hat sich doch wacker, akkurat so wie jeder andere, geschlagen, ob in Phosgen, Yperite, ob im Bajonettkampf oder beim Handgranatenüberfall ... Weiß Gott doch! ... Sonst trüge er ja wohl nicht jetzt das Ehrenkreuz auf der Brust! ... He! ... Und steht Emil nicht Wachtposten Tag und Nacht ohne Sold, ohne Ablösung? ... Ihr Kindlein in der Grube! Ihr schmucken Waisenknäblein im pechschwarzen Ehrenkleid! Ist Emil nicht eine gute Mutter euch!? ... Aber da gibt es zweierlei Arten von Gewürm und Geziefer, Kameraden, solches unter und solches über der Erde, Kameraden! Ein Geschlecht zweibeinigen Gewürms ward der Welt zum Verhängnis, aus dem Kriegsschoß geboren, Kameraden, zweibeiniges, menschenähnliches, gar menschliche Worte sprechendes Gewürm ... Uns aber hat es dabei die Sprache verschlagen ... Legt nur einmal das Ohr auf den Boden! Horcht nur einmal hinunter durch die Erdporen, hinein in die innersten Erdgänge! Was knabbert, schmatzt und raspelt da!? Ja, das Erdinnere, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist auch so ein mitternächtlicher Festsaal. Da schlüpfen die Ratten, übervoll ihren Wanst mit Leichenfett angefressen, und die Wurzeln freuen sich, ist ihnen doch Leichendung und Kottunke Götterspeise ... Aber habt ihr sie auch gesehen, die Totenkäfer mit ihren Freßwerkzeugen und die Myriadenarmeen der Aasfliegen, die Madenhorden: das ist auch eine Melodie, wenn die schmausen. Fein säuberlich zerlegen die so einen Knochenleib und tragen ihn nach einem einheitlich organisierten Plan mit den Jahren wie einen Berg ab ... Schön weich wird das Fleisch und die Knochenwände knusprig, was ...?! „Kickericki!“ möchte man da sich wohl schon wünschen, und daß der Hahn kräht, damit der Verrat endlich an den Tag kommt! ... Kameraden! Brüder der Großen Grube! Hungert ihr?!“