Inhalt (continued 2)
Reading edition
„Wir hungern ... Hunger und Durst, besonderer Art, Emil! ... Man bindet sich dabei keine Serviette um, sondern die Schlächterschürze, Emil! „Rache“ schreit der Erdrachen, blutige Rache! Wer noch zwei gesunde Proletenbeine und -arme sein eigen nennt, nimmt Platz! ... Möge aus unseren Gebeinen die Rache erstehn! ... Prost Mahlzeit!“
– – –
„Tirili ... Ti–i–rili ... tiri ...“
Der einsame Vogel sang.
„Arm Vöglein! Du mein herzliebstes Vöglein, was singst du denn immer noch?!“
Und das irrsinnig gewordene Frontschwein Emil glotzte weiter stier in das Lichtparadies hinein. –
* * *
Wieder stampfte, knatterte, spritzte und schliß der Jazzband.
Ein langhin geblähtes Grunzen ...
Gluckste, wisperte, wieherte, gähnte ...
Und die ganze Gesellschaft rief plötzlich laut:
„Holla!“
Und gleich darauf:
„Hurra!“ und „hoch!“ und „holla!“
Wie eine Schnellfeuersalve krachte das Händeklatschen.
Ein berühmter Pariser Komiker war aufgetreten.
Eine feine Zoten-Lese wurde wie eine mit allerlei delikaten Ueberraschungen gefüllte Bonbonnière höchst anmutig serviert.
Wieder schnalzte der Komiker mit der Zunge und brachte, noch immer laut beifallumtost, am Ende noch als Zugabe das weltberühmte Couplet zum Vortrag:
„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes, Als Californien mit seinem ewigen Einerlei ...“
Leise summte der Bankier mit.
„Text und Melodie, beide wie aus einem Guß ... Trefflich ...“
Der deutsche Professor stieß mit einem Landsmann an:
„Auf Ihr Spezielles!“
Begeistert und kindlich gerührt drückte der Bankier noch während des Vortrages seiner Frau die Hand:
„Kätzchen, siehst du, das ist mein Mann! So einen muß ich mir doch noch einmal anschaffen. Das ist das richtige Gegengift gegen die Alltagssorgen und gegen die Schwermut, Claire. Das heilt. Das ist die richtige Kur bei Weltschmerz ... Gemütsmassage ...“
Mrs. Branting streichelte lieblos automatisch die kleine dicke, vom Weingenuß leicht angerötete Hand ihres Gatten.
„Es soll der Dichter mit dem König gehn, Sie beide wandeln auf der Menschheit Höhn ...“
„Schön gesagt, Claire ...“ erwiderte der Bankier mit einem dankbaren Blick. „Und vor allem echt und wahr empfunden. Tief wahr ... Der Mann des Ideals verbündet mit dem Mann der Tat ... Das ist’s, was der Menschheit am dringendsten nottut. Unter solcher Führerschaft ... Der Sieg über die Erdenschwere, der durch Wissenschaft und Technik schon so schön angebahnte Triumph über die Vergängnis wäre damit endgültig gesichert.“
„Ja, Arm in Arm die Beiden!“ fiel der deutsche Professor dazwischen: „... die könnten getrost das Jahrhundert in die Schranken fordern ...“
* * *
Es war schon spät in der Nacht.
„Tiri ... T–i–i–iri ... Tirili ...“
Der einsame Vogel sang immer noch ...
Die Autokolonne, die die Gesellschaft noch nach Paris zurückbringen sollte, fuhr vor.
„Ob das nicht ein bißchen zu viel wird, noch so eine gespenstische Nachtfahrt?“ fragten sich einige und überlegten sich, ob man nicht lieber im Hotel „Zum Weltkrieg“ übernachten solle ...
* * *
Als stimmungsvoller Abschluß der Tournee fand noch ein bengalisches Brillantfeuerwerk statt, verbunden mit einem groß angelegten Scheinwerfernaturschauspiel, nach dem Thema „Tausend und eine Nacht.“
Damen und Herren, Arm in Arm, unter den Klängen eines flotten Marsches des Jazzband-Elite-Orchesters, traten in einer glänzend ausgeführten Polonaise, jeder Herr sein Glas in der Rechten, auf die Terrasse.
Weit schossen schon durch die Schlachtwüste kegelförmige flache Lichtblitze.
Auf den spontan aus der Mitte der Gesellschaft einige Male dringend geäußerten Wunsch entschloß sich der Bankier nun doch noch nach einigem anfänglichen Zögern zu einer kurzen Ansprache:
„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Beim Anblick dieser Trümmer, grausige Ueberreste blutigen Geschehens, meldet sich auch in unserem Herzinneren wieder von neuem der uralte Menschheitswunsch nach Völkerverständigung, Erdenglück, Völkerfrieden. „Friede auf Erden!“ das ist das Gelübde, was sicher uns allen der Besuch dieses Schlachtfeldes abringt. Aber nur Arbeit, Arbeit und wiederum Arbeit, Arbeit und damit allgemeine Wohlfahrt, können für uns die Bürgschaft, die einzigen Garantien eines wahrhaft dauernden Friedens sein ... Mögen sich das die Völker mit goldenen Lettern in ihr Gedächtnis schreiben ... Meine sehr verehrten Herrschaften! Ich erhebe nun das Glas und bitte Sie, mit einzustimmen in den Ruf: Es lebe der Friede! Es lebe die Völkerverständigung, die Völkerversöhnung, jener gute Geist des gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Achtung, wie er jetzt so siegreich durch die Lande zieht ... Der Krieg ist tot. Es lebe ... Der Völkerbund, er lebe – – –“
„Hoch! Hoch! Hoch!“
Die Gläser klirrten ...
Der deutsche Professor schwitzte.
Seine junge Gattin wischte ihm mit seinem Taschentuch die Schweißtropfen von der Stirn.
„Paneuropa, meine ich“, debattierte er mit seinem Landsmann: „Paneuropa, meine ich, das wäre das richtige. Natürlich unter Deutschlands wirtschaftlicher und kultureller Führung. So unter einer Art geistiger Vorherrschaft ...“
Die Jazzband-Kapelle brachte jetzt ein Potpourri aus Soldatenliedern aller Nationen zum Vortrag, die am Weltkrieg beteiligt waren.
Darunter auch das Motiv, sentimentalisch variiert:
„Ich hatt’ einen Kameraden“ mit dem Schluß: „Die Vöglein im Walde ...“
Ganz sachte, in einem piano pianissimo verschwingend ...
* * *
Die Scheinwerfer spielten.
Die Lichtblitze kreuzten sich, zogen und dehnten sich fächerartig zusammen und wieder auseinander, oft glichen sie einer riesigen Knochenhand, die mit nervig ausgespreizten Fingern die Erdfurchen nach irgendeiner Beute abtastete.
Raketen prasselten aus dem Erddickicht hoch, magische Lichtbündel hingen in den Wolken, ein effektvoller Lichtregenbogen wölbte sich; hüpfende Sterne, tanzende Funkenreihen; eine lampionartig glühende, in Hunderte von blühenden Lichtschmetterlingen zersprühende scharlachene Riesenglanzkugel; sich drehende Flammensonnen; ein künstliches Firmament, in allen Farben orgiastisch schwelgend, aus dem herab – als Finale dieser Lichtsymphonie – ein blendend flimmernder Goldregen sich ergoß, der in der Vorstellung manch eines aus der Gesellschaft teils zu einem als mystischer Katarakt niederrauschenden Riesenweihnachtsbaum wurde, teils zu einer Vision der himmlischen Heerscharen, die „Friede auf Erden!“ singend aus den mit einem ewigen Hosianna unvergänglich imprägnierten Aeonen auf die zerrissenen Jammergefilde des Diesseits gnadenspendend herniederfuhren.
Der rote Vollmond verschwand oft für einige Sekunden hinter dem Zauberwerk.
Und dazu träumte das Jazzband-Elite-Orchester aus den geöffneten Fenstern des großen Hotelsaales heraus eine weich sich dem Nachtgold anschmiegende schmelzende Melodie.
– – –
Die Lichtblitze der Scheinwerfer schossen erdab, vereinigten sich zu einem einzigen weißlich-glühenden intensivsten Strahlen, und dieses Strahlen glich ganz einem unendlich durch die Schlachtenwüste hindurch gestreckten Lichtpfad.
Das war auch der Weg, den Nachts der Christus der armen Bauern wandelte ...
Noch immer kniete draußen in dem von der Lichtflut überschwemmten Land der „Unbekannte Soldat“, Dumpfes vor sich hinmurmelnd, auf dem Rand eines Granattrichters.
„... Emil heiß ich. Der „Unbekannte Soldat“ oder „Rumpf“ werde ich genannt ... Trillert nicht „Emil, wo bist du?“ das einsame Vöglein? „Allemal hier, Schatz!“ antwortet aus seinem Grabkeller der Rumpf ... Und der „Unbekannte Soldat“ klopft mir auf die Schulter und zupft mir am Nabel das Bärtlein fein: „Hat dein Weib dich geärgert? Mach’ kein gar so griesgrämig Gesicht! Regenwetter gibt’s ohnehin schon genug und auch saure Gurkenzeit. Komm, Rumpf, wir wollen eins saufen gehen! Komm, Rumpf! ... Bis zum Sammelblasen hat’s alleweil noch Zeit ...“ So bin ich der heiligen Dreifaltigkeit gleich. Bin drei und eins.“
* * *
Emil glotzte.
Die Lichtflut traf ihn.
Da sank der „Rumpf“ in seinen Granattrichter zurück. –
* * *
In dieser Nacht gab es zwei Träume.
Den einen träumte der Bankier.
* * *
Er schwebte unermeßlich hoch darin über der Erde, in einer kristallisch geschliffenen, eisklaren, atmosphärischen Traumwolke, und die Erde unter ihm war wüst und leer, brodelte dumpf und schäumte.
In morasttiefen Abgründen hausten die Menschen, und die ganze Menschenerde glich einem mit einem porösen Stoff ausgelegten Riesenbecken, darin die gewaltigen Blutströme die ununterbrochen vom Menschengeschlechte abfielen, spur- und farblos versickerten.
Eine auserwählte Schar von Dichtern und Presseleuten hatte der Bankier um sich versammelt, die ihm in seinem Flug nachfolgten, die ihm huldigten, indem sie ihm zu Ehren barock geschwollene Lobestiraden verfaßten und diese bei den häufig stattfindenden Empfängen und Festtafeln mehr oder minder pathetisch vortrugen. Und, ein wirbelnder Blättersturm, fegten die Zeitungen tagtäglich auf die Erde hinab, die lange Artikelserien mit wissenschaftlich sorgfältigen Analysen des neuen Zeitalters brachten, mit ausführlichen, höchst detaillierten und durch ein reichhaltiges statistisches Material ergänzten Beschreibungen der Rolle des Finanzkapitals und des Wesens des Imperialismus, was, mehr dem Kulturgeschmack nach ausgedrückt, bedeutete: „Das Neue Renaissance-Menschentum.“
Und in der Tat – wer hätte es leugnen können! – der Bankier wurde immer mehr Gott gleich!
Wenn der Priester z. B. betete „Vater unser!“, so flehte er doch insgeheim, im innersten Kammerwinkelchen seiner unruhenden Seele: „Hoffentlich wird uns der Herr Bankier nicht doch noch eines schönen Tages unsere fetten Pfründen sperren ...“ Aber Gott, der Bankier, dachte nicht im entferntesten daran, im Gegenteil, nach glücklicher Genesung aus einer höchst atheistischen Jugendkrankheit, wurde er mit den Jahren immer mehr der Ansicht: „Die Religion muß dem Volk erhalten bleiben!“ Das Aufklärertum kam in dieser Periode der Bankier-Herrschaft völlig außer Mode, und mit dem Salz des religiösen Glaubens waren diese Tage der Welt gewürzt.
„Die Welt wird schöner mit jedem Tag. Es ist eine Lust zu leben!“ – so verkündeten es wenigstens die offiziellen Apostel. „Die Herrschaft des Finanzkapitals: das ist der Anbruch des Paradieses auf Erden ...“ – prophezeien, selbst allerdings vom Gegenteil überzeugt, wieder andere.
Nun, hoch über dem immer mehr sich ausweitenden Erdsumpf durch die sphärischen Abgründe des Himmels dahinschwebend, wähnte der Bankier und seine Gefolgschaft, die Brust vom kühnen Erobererstolz geschwellt, gegen den immer tiefer bis in das Erdinnere vordringenden Fäulnisprozeß sich hinreichend gesichert. Gegen seine anscheinend unheilbare Berufskrankheit, gegen eine oft jede Lebensenergie lähmende und jeden Lebenswillen unterminierende Langeweile, die besonders kraß bei seiner Nachkommenschaft auftrat, erfand das ständige Aufgebot medizinischer Autoritäten aller Länder immer neue, den tödlichen Endprozeß verzögernde Gegenmittel ...
Trotzdem er aber so hoch in den Lüften schwebte, und scheinbar im Unendlichen und Zeitlosen thronte und kreiste, war er doch tiefer, als die Dichter es in ihren apotheotischen Gesängen wahrmachen wollten, mit der Zeit verwurzelt und mit dem Erdgrund verbunden.
Folgendes geschah:
Es geschah, daß er auf seinem Flug wie in einem Luftwirbel in den Strudel eines für ihn völlig unlösbaren Widerspruchs geriet, der für ihn schicksalhafte Gestalt annahm, und in den er sich, je mehr er sich daraus zu befreien versuchte, desto tiefer verstrickte.
Alles, was er auch unternahm: sei es, daß er Fabriken gründete, kolonisierte, neue Rohstofflager aus der Erde schürfte, alles was er für sich unternahm, unternahm er doch gleichzeitig auch wieder gegen sich selbst. Jede Verordnung, die er in seinem eigenen und nur in seinem eigenen Interesse erließ, kehrte plötzlich sich wieder unversehens gegen ihn selbst um, mit einem um so geschärfteren Stachel.
Das ist vielleicht besser zu verstehen, wenn man sich in die Lage jenes unglücklichen Schwimmers versetzt, der sich krampfhaft bemüht, Arme und Beine aus dem Gewirr von Schlingpflanzen zu lockern, dessen geringste Bewegung aber doch dazu bestimmt ist, ihn immer fester, unlösbarer in seinen eigenen Untergang zu verstricken.
So sah sich der Bankier auch eines Tages dazu veranlaßt, durch seine Regierungen das feste, allzu starre und geschriebene Gesetzprinzip in der Praxis aufzuheben und durch einen Ausnahmezustand, d. h. durch eine ausgesprochene Willkürordnung, zu ersetzen, denn er konnte nurmehr herrschen auf Grund einer absoluten Anarchie. Seine eigenen Erlässe, Dekrete, Gesetze wären ihm sonst unfehlbar zur Fallschlinge geworden.
So bewaffnete er auch einmal Schwarze gegen Weiße.
Plötzlich aber drehten eines Tages die Schwarzen das Gewehr um und nahmen ihn selbst als Weißen aufs Korn.
Oder:
Er züchtete künstlich Verwesung, aber er verweste auch selbst dabei, während das Volk trotz unbeschreiblicher Martern, die ihm dieser Verwesungsprozeß verursachte, letzten Endes an diesem Gift gesundete. Denn verschluckten sich gierig gegenseitig Trusts und Konzerne, so gab es wohl blutiges Bauchgrimmen beim Volk, zugleich aber bildeten sich auch als wirksame Gegengifte heraus: Klassenbewußtsein, Solidaritätsgefühl, Klassenkampfgeist, und als hochkonzentrierter Kampfstoff unter Führung einer straff disziplinierten Partei betraten alsbald darauf die revolutionären werktätigen Massen die politische Arena ...
Aber auch dann, als er von der Zwangsvorstellung des für ihn verhängnisvollen und unlösbaren Widerspruchs gehetzt, dazu überging, einen Staudamm von Galgen gegen die anbrandende rote Sturmflut der Empörer zu errichten, als ihm schon nichts mehr anderes übrig blieb, als in Wahrheit zur völligen Ohnmacht verdammt, seine Machtgefühle nurmehr darin zu äußern, daß er wahnwitzig und sinnlos drauflos mordete und die Volkskraft frivol und zwecklos ausplünderte, auch in dieser Periode seiner Scheinherrschaft war er widerwillig gezwungen, streng nach dem Grundsatz zu handeln: „Einerseits-andererseits“.
Einerseits vernichtete er physisch die Empörer und rottete sie oft mitsamt ihren Organisationen restlos aus, andererseits aber schuf er eben dadurch, durch diesen Vernichtungsakt, eifrig und geradezu behutsam doch zugleich wieder den Nährboden, auf dem Unzufriedenheit, Hungersnot, Streik, Empörung, Aufstand treibhausartig wucherten.
So fraß er, und wurde dabei doch zugleich auch selbst aufgefressen.
Es gelang ihm durch seine Gewaltmaßnahmen nicht viel an der Wahrheit jener unumstößlichen Tatsache zu ändern, die ihm einst ein von ihm zum Tode verurteilter Revolutionär ins Gesicht schleuderte:
„Sie ehrenwerter Herr!“ – ergriff der unter dem Galgen das Schlußwort: „Ihre Mörderpraxis und als Ueberbau darüber Ihre verlogene Henkermoral, das ist die beste Propaganda für uns und unsere Ideen. Fahren Sie fort in Ihrem Werk ... Je ungenierter, desto besser; bitte ... Dank Ihnen kommen wir rascher an unser Ziel ...“
Die letzten Stützpunkte, auf die sich der krampfhaft um seine Macht Ringende noch stützen konnte: illusionssüchtige und sensationslüsterne Kleinbürger, Deklassierte, Berufsmörder, Hasardeure: sie stützten ihn zwar, aber sie stützten ihn so, wie der Strick den Gehängten stützt.
Der Blutrausch ging jäh zu Ende.
Eine Sekundenpause grauenhafter Ernüchterung folgte.
Wäre es jetzt nach dem Bankier gegangen, so wäre das Ende der Welt gekommen.
Es kam aber anders.
Tiefer, immer tiefer senkte er sich in seinem Flug.
Schon spritzte Erdschaum hoch um ihn auf.
Denn er hatte die Schwerkraft bisher nur erfolgreich überwinden können dadurch, daß Millionen und Abermillionen Menschen willig für ihn Schwerarbeit leisteten. Nur auf Grund dieser von Millionen und Abermillionen Menschen willig für ihn geleisteten Schwerarbeit konnte er sich frei und ungehemmt im Luftraum bewegen.
Die Fesseln von Millionen und Abermillionen Menschen waren für ihn die unbedingte Voraussetzung seiner eigenen Freiheit. Deren Freiheit aber war gleichbedeutend für ihn mit seiner, mit seiner eigenen Fesselung.
Und immer tiefer zur Erde niedergleitend, sah er jetzt, wie die wohl über ein Jahrhundert lang ihm Dienstwilligen unter mörderischen Krümmungen und Zuckungen ihre Fesseln von sich abstreiften, ein ganzes Zwangs- und Fesselsystem zerriß, zugleich aber spürte er, wie sich ihm unlösbar Gehirn und Leib banden ...
– – – – – – –
Mit dieser Vorstellung wachte der Bankier auf, angstschweißtriefend, und wie ein Fisch, der aus seinem Element gehoben ist, nach Luft schnappend.
Langsam glättete sich ihm nun auch der tiefe Einschnitt vom Strick, der ihm in der letzten Traumsekunde noch umgeworfen worden war, an dem etwas speckig geratenen Gurgelknopf und im Nacken.
Eine dicke Träne kollerte.
„Das wär also der Dank. Undank ist der Welt Lohn.“
Und wieder nach einer geraumen Weile voll Gähnens und Nachdenkens:
„Wie vielen Millionen gab ich nicht Brot durch die Arbeit, schenkte ich nicht sozusagen überhaupt erst das Leben? ... Wenn ich nur an die Riesenkolonien der von mir errichteten Arbeiterwohnungen denke. Auch wunderbare Bauten von Erholungsheimen, Angestelltensanatorien, Heimstätten habe ich erst neulich in Gedanken projektiert! Geschäft ist Geschäft ... Aber außerhalb des Geschäfts kann man sich schon einmal ausnahmsweise den Luxus gestatten und seinen Gefühlen freien Lauf lassen ... Hauptsache für einen Geschäftsmann ist und bleibt, mag er einer Branche angehören, welcher er will, daß er innerhalb des Geschäfts sich von derartigen sentimentalen Anwandlungen und kuriosen Träumereien absolut frei hält ... Das Geschäft gehört ins Tal und die Seele auf die Berge ... Im übrigen: gegen Klagen, Drohungen, Träume, Gespenster usw. immun wie immer. Bange machen lassen gilt noch immer nicht ... wir sind noch stark, stark, stark genug ...“
Er streckte sich.
Befühlte seine Muskeln.
Die Knochen knackten.
„Quatsch! An dem ganzen Traum-Unsinn ist nur das Schlachtfeld und der Führer mit seinen dummdreisten und aufdringlichen Witzen schuld. Natürlich! Grünes Gemüse. Noch nicht trocken hinter den Ohren. So ein Lausejunge, so ein Hundesohn, Müßiggänger, Nichtsnutz, ein ganz gemeiner imaginärer Kerl ...
„Gehören die Träume, die ich träume, mir, oder nicht!?
„Spekuliert man auf meine Träume!? ... Sozialisiert man meine Träume!? ...
„Ist etwa mein Traumland gar schon ein öffentliches Terrain, und muß ich, wenn ich eine Traumwanderung antrete, mich auch von einem Führer begleiten lassen, der jede meiner Bewegungen, der jede meiner Traum-Zuckungen zynisch kommentiert ...!?“
Er klingelte dreimal kurz hintereinander scharf.
Er fetzte den letzten Traumgedanken sich mit der Reitpeitsche aus dem Gehirn.
Pfiff vor sich hin:
„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“
* * *
Der Sekretär erschien mit der Morgenpost und den Zeitungen.
Darunter war auch ein ausführlicher Brief seines bald zweiundzwanzigjährigen Sohnes Cuco, in dem dieser seinem Vater mitteilte, er mache jetzt eine neue Entwicklung durch „mit freiheitlichem Einschlag“, und er fühle sich, als „wenn er von innen aufgehe“.
Bei „freiheitlichem Einschlag“ stutzte der Bankier einen Augenblick.
Schmunzelte aber sogleich, als er weiter las:
„Unter freiheitlichem Einschlag verstehe ich, daß ich mich immer mehr von den sozialistischen Ideen, denen ich in meiner Jugend anhing, freimache, von dem historischen Materialismus im besonderen, und mich immer schärfer von dem jeden Geist tötenden und jeden freien Entschluß hemmenden, terroristischen, schändlichen Treiben der Gewerkschaften mit Abscheu abgrenze, das auf die Dauer jedes unbefangene, unvoreingenommene Verhältnis des Arbeitnehmers dem Arbeitgeber gegenüber zur Unmöglichkeit macht und unser ganzes Volkswesen in einen bürgerkriegähnlichen Fieberzustand hineinhetzen muß. Ich suche die Wahrheit und glaube jetzt bestimmt auf dem richtigen Wege zu sein. Die äußeren Verhältnisse sind es nicht, die Glück, Wesen und Wert eines Menschen ausmachen, Wandlung tut not, Einkehr nach innen und radikaler Bruch mit der herrschenden Idee dieser Zeit: mit dem alle wahren Lebenskräfte lähmenden Sozialismus. Das dünkt mich die große Krankheit dieser Zeit, aber sie wird auch aus sich selbst heraus, wenn auch unter Fieberschauern, das neue Heilmittel zeugen, das als Gegengift dazu zwangsläufig sich steigernde Wertbewußtsein der Persönlichkeit ...“
„Bravo, Cuco! Gut so! Du wirst deinem alten Vater noch Freude machen! Fahre weiter so fort, dann kann es nicht schief gehen ... Er fühlt sich, als ob er von innen aufgeht. Einfach aber für sein Alter schon recht nett gesagt.“
Und der Bankier gab den Auftrag, an Cuco ein Telegramm zu schicken, folgenden Inhalts:
„Gut so. Suche weiter die Wahrheit auf diesem Weg, und du wirst sie finden. Fördere freiheitlichen Einschlag mit allen Kräften. In Treue dein Vater.“
* * *
Den anderen Traum träumte Jacques.
Jacques Rillot, ein französischer Kleinbauer.
Die dürftige Hütte, die er bewohnte, und die während des Krieges vollkommen zusammengeschossen worden war, hatte er sich nach seiner Entlassung vom Militär eigenhändig wieder zurechtgezimmert. Es reichte sogar noch zu einem Stall, mit einer Kuh, Geflügel und zwei Ziegen darin.
Das alles, Mensch und Vieh, wohnte friedlich nebeneinander, Wand an Wand.
Ein feuchter warmer Geruch erfüllte gleichermaßen Stall und Wohnräume. –
Mit zwölf oder gar zehn Stunden Arbeit im Tag nun war es ja zwar nicht abgetan, es war schon ein hartes Stück Arbeit nötig dazu, um aus dem Boden das Lebensnotwendigste herauszuwirtschaften, und oft verdingte sich Jacques auch noch für einige Wochen, besonders im Winter, als Lohnarbeiter in der Nähe des Dorfes, in einer der Nachbargemeinden auf einer Baustelle.
Das aber war nach Jacques und Maries, seines Weibes Ansicht nichts weiter als nur recht und billig.
Oft hatte Jacques zwar schon von ferne die Reisegesellschaften beobachtet, die Autokolonne, die Flugzeuge, aber er dachte sich eigentlich weiter nichts besonderes dabei als höchstens:
„Nein, sowas! Verrückt! Komisch! Sonderbare Käuze das! Was sie nur davon haben, immer noch in dem Leichenschlamm herumzustochern!“
Und auch das Hotel „Zum Weltkrieg“, das mit seinen fünfzig Stockwerken hoch in das verwüstete Land hineinragte, sah Jacques bei seiner Arbeit Tag für Tag.
In der Dorfkneipe allerdings, die Jacques ab und zu besuchte, herrschten oft rauhe Töne.
Da schlug einer der Landarbeiter, der schon viel in der Welt herumgekommen war, plötzlich mittendrin, eine seiner abenteuerlichen Erzählungen unterbrechend, hart mit der Faust auf den Tisch und fluchte:
„Herrgottsakrament! Wir sind eben allzumal unheilbare Tölpel! Feige kotzerbärmliche Tröpfe sind wir, daß wir uns sowas gefallen lassen. Tut vielleicht die Regierung, trotz unserer Bandwürmer von Eingaben, etwas gegen die Rattenplage, die das ganze Land nun neuerdings von unten auffrißt und ruiniert!? Nicht einmal, und das wäre doch schon das allerwenigste vom allerwenigsten, nicht einmal das ... Geschweige denn ... Und was schon das Wiederaufbauen des Landes betrifft, wofür sie von den Deutschen das Geld bekommen haben!? Wiederaufbauen!? Pah! Fällt ihnen gar nicht im Traum ein! Laßt mich aus mit diesem heillosen Wiederaufbaurummel! Jede Ruine wird noch zum Spekulationsobjekt! Da geht einmal nach Paris und seht es euch mit an, wie vornehm die in ihren Automobilkutschen in der Stadt herumfuhrwerken! Dorthin fließt das Geld, sage ich euch, aber unsereins hat immer dabei das Nachsehen ... Will nur sehen, was dabei noch herauskommt ... Aber da ist eben nichts daran zu ändern ... Gott hab’ die Großkopfeten mit ihrem Reichtum selig ... Was die nur für ein Vergnügen daran finden: hängen ihre Rüssel in die Massengräber hinein, und wissen mit ihrer Zeit nichts gescheiteres anzufangen, als auf den Schlachtfeldern herumzubummeln, und dazu reisen sie sogar über den großen Teich herüber und kommen aus Amerika, zum Knochensammeln, ja zum Knochensammeln ... Und hier bei uns, welch’ eine Dorfarmut! Ist das ein Dorf vielleicht!? Gerümpel, vermorschte Bretterbuden, was nächstens der Wind zerschmeißt und mit sich fortfegt ...“
Aber sowie einer der Honoratioren, der Pfarrer, der Lehrer oder der Bürgermeister eintrat, legte sich sogleich der Lärm, und man begann gemeinsam auf die Arbeiter in den Städten zu schimpfen, die schon wieder einmal, zum soundsoviel hundertsten Male, streikten.
„Achtstundentag!“
Die Bauern lachten heiser auf.
Dann bissen sie fest mit den Zähnen auf die Pfeifenspitzen, pafften wild Wolken von Tabaksqualm aus ...
„Faulenzer! Ludriane! Lumpen! ... Als ob wir Bauern an einen Achtstundentag denken könnten! ... Und den Bauern das Vieh wegnehmen, ha, und die Ernte verbrennen, das tät ihnen wohl so passen, he, was ... Aber Senge sollen sie beziehen, daß sie sich ihr Leben lang ihren Buckel kratzen können, wenn die sich einmal aufs Land herauswagen sollten, was ...!“
Und der Bürgermeister prahlte, von allen applaudiert, mit seinem Maschinengewehr, da er zu diesem besonderen Zweck in seiner Scheune versteckt hielt.
– – –
Und so war die Trommelfeuerwalze des Krieges vier Jahre lang über dieses Land, das Jacques Heimat war, hinweggestampft: und das Land war wüst und leer.
Von diesem Land nun träumte Jacques, das ganz einer riesigen, schwarzbrandigen Wundfläche glich, Trichter an Trichter, Beule an Beule ...
Und über dieses Land hin flackerte breit ein irrnisblendender schwefelfarbiger Gewitterschein, und der Horizont war saftigrot übersprengt wie mit frischen Blutklexen.
Wesen und Dinge waren tief in dieses magische Lichtreich hineingetaucht, so unlotbar tief, als sei das ganze Land so stumm und verwahrlost, wie es war, längst im gläserigen Schutt des Meeres versunken ...
Und es erhob sich in der Ferne ein stählernes Knattern, und heran flog, aus Knochenstäben gefügt und mit einer ganz der Menschenhaut ähnlichen Leinwand bespannt, ein Apparat, der flog frei in der Luft und bohrte sich scheinbar mühelos durch ein schlackichtes Wolkengetümmel hindurch, und kam näher, immer näher, so nahe, daß Jacques den einzigen Passagier, der darin saß, erkennen konnte.
Ein kleines, unscheinbar graues Männchen war das, im Frack und mit Zylinderhut, freundlich nach allen Seiten zum Gruß hin nickend, gerade so wie der Präsident der Republik, als er die Paradefront der siegreichen alliierten Truppen abfuhr, damals nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages, auf den Champs Elysées in Paris. Aber das Männchen glich auch wiederum bis auf ein Haar dem Bankdirektor Michelet, der in der Nähe des Dorfes eine schöne neue Sommervilla besaß, nach der er regelmäßig jeden Samstag nach Börsenschluß auf der wunderglatten asphaltierten Landstraße zum Besuch seiner Familie herauskam.
„Nanu!“ aber staunte jetzt Jacques im Traum: „da fließt ja auch ein Regen, aber dieser Regen fließt ja gar nicht auf die Erde vom Himmel herab, sondern gerade umgekehrt: von der Erde zum Himmel hinauf, aus Millionen Menschenaugen sickert, fließt dieser Regen, dieser Tränenregen, und das ganze Himmelsgewölbe – Jesusmaria! – wird von diesen aufwärtsziehenden Tränenmassen prall, wie schwanger davon, füllt sich wie ein Sack und – Gott sei mir gnädig! – platzt! platzt! und ganze Stürze feuriger Lava-Lawinen brausen hernieder, o so eine höllische hitzige metallische Schmelzglut gibt das ... und eine Musik, o eine Musik dazu – – –“
Daß Jacques entsetzt aus dem Traum auffuhr.
„Alarm! Alarm! ... Marie! Das ganze Haus brennt! Die ganze Welt brennt! Hast du ihn denn auch gesehen, wie er auf dem „Tier“ über das Schlachtfeld geritten ist? Der Bankier, Marie, reitet über das Schlachtfeld, und o auf einem Tier, ich kann das nicht beschreiben ... Aber nein, nicht nur an allen vier Ecken angezündet ist die Welt, nein, nein, innerlich und äußerlich zugleich brennt sie, alles ist von außen und innen zugleich angezündet, da kommt, sage ich dir, ein Brändlein zusammen, da schlagen die Feuerflächen wie wild aufeinander, Marie ... Und wir, wir, Marie, mit unserem lebendigen sündigen Fleisch mitten dazwischen ... Jesusmaria! ... Heilige Mutter Gottes, bitt für uns arme Sünder jetzt und in der Stunde unseres Absterbens ... Amen! ...“
Bei den letzten Worten erst, die Jacques wild und gellend hinausstieß, war sein Weib aufgewacht.
Wieder begann er, wie vom Fieber geschüttelt, während ihn sein Weib festhielt. Er knirschte dabei mit den Zähnen und hatte Schaum vor dem Mund:
„Marie! Siehst du ihn immer noch nicht, wie er über das Schlachtfeld reitet!? ... Hop, hop, hop, hussassa, heissassa, hop, hop, hop ... Alarm! Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet! Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ... O so traumdunkelhaft ist das alles, so geheimnisinnig ... Und was für glatte, feinnervige Hände der hat, ein feiner, ein feiner Herr ist das, und jetzt, wie er wieder nickt und die Glacéhandschuhe sich überstreift ... Und wie die Erde voll Trübnis und Bitterkeit darunter ist, schmeckst du das nicht, Marie, o, o, das war was ... Gleich dem Weltende ... So eine Verkündigung, vielleicht etwa, wie ... So eine Gottesoffenbarung, ein Gesicht, was meinst du dazu ...“
Jacques Weib hatte inzwischen das Talglicht angezündet.
Dann rang auch sie flehend die Hände.
„Jacques, ob du nicht besessen bist? ... Geht nicht was um in dir, so was ganz Finsteres? Unaussprechbares!? ...“
Jacques lallte immer noch:
„Hop! Hop! Hop! Hussassa, heissassa! Hop! Hop! Hop! ... Der reitet, sag’ ich dir, reitet, reitet ... O gar kein Ende nimmt diese verfluchte, höllische, gespenstische Reiterei, bis das Feuer, dieses Feuer, diese glühende Höllenpestilenz wie eine Dusche von oben vom Himmel kommt!“
Dann knieten beide nieder, bekreuzigten sich immer und immer wieder und beteten bis zur Früh vor dem kleinen Altar, einer gipsernen Grotte, mit der Jungfrau Maria darin, und vor dem holzgeschnitzten Gekreuzigten, der so hoch, daß sein Dornenhaupt die Decke berührte, in dem Zimmerwinkel darüberhing.
„... sondern erlöse uns vom Uebel! ...“
„Amen! A–men!“ schluchzte monoton Jacques Weib.
Der Hahn krähte.
– – –
Früh am Morgen, noch vor der Messe, lief Jacques Weib zum Priester.
„Hochwürden! Denken Sie nur, was uns passiert ist! Ein Uebel ist uns wiederfahren, eine Heimsuchung! ...“
Der Priester hörte sich die Erzählung des Weibes an.
Da trat auch schon Jacques ein.
„So was wie Dämonen, Hochwürden! Schauen Sie doch, nur, wie er aussieht! Wirr, wirr, ganz wirr im Kopf!“
Der Priester besprengte Jacques einige Male mit Weihwasser.
Jacques bekreuzigte sich.
Dann nahm ihn der Priester bei der Hand, fühlte ihm den Puls und sagte ganz freundlich:
„Jacques, setz dich und erzähle!“
Jacques bekreuzigte sich.
„Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes ... Nichts werde ich auslassen noch hinzufügen, so wahr mir Gott helfe ... Amen!“
„Na also, Jacques, einen Traum hast du gehabt, und einen Reiter hast du darin gesehen, mit einem Zylinderhut, dem Bankdirektor Michelet ähnlich?“
„Gewiß, Hochwürden, so ist es. Genau so. Dem Bankdirektor Michelet ähnlich und auf einem Roß, doch auf keinem Roß eigentlich nicht, ist er doch freihändig durch die Luft gefahren.“
„Nun denk einmal genau nach, Jacques, war es auch wirklich ein Zylinderhut!?“
„Gewiß, Hochwürden, ein Zylinderhut.“
„Und also kein Dreispitz?“
„Nein, Hochwürden, kein Dreispitz.“
„Kein Dreispitz, Jacques, so wie der große Napoleon einen auf hat, weißt doch ...“
„Nein, Herr, kein Dreispitz, so wie der große Napoleon einen auf hat ... Ein Zylinderhut, ganz bestimmt ein Zylinderhut ... Der große Napoleon war es nicht, den hätte ich ganz bestimmt erkannt, wenn der über das Schlachtfeld geritten wär’ ...“
„Paß auf jetzt Jacques! Und auch nicht der Gestalten aus Johannis Apokalypse eine, von der, wie du gelesen hast, in der heiligen Schrift geschrieben steht: „Und ich sahe den Himmel aufgetan; und siehe, ein weiß Pferd, und der darauf saß, hieß treu und wahrhaftig, und richtet und streitet mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme und auf seinem Haupt viele Kronen, und hatte einen Namen geschrieben, den niemand wußte, denn er selbst. Und war angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprenget war; und sein Name hieß Gottes Wort. Und ihm folgte nach das Heer im Himmel auf weißen Pferden ...“
Jacques bekreuzigte sich und schüttelte wieder den Kopf.
„Nein, nein, nein, Hochwürden, auch der war es nicht. Das, was Johannes da in seiner Offenbarung meint, ist doch der gottseligen Engel einer ... Sicherlich, dieser war es ganz bestimmt nicht.“
„Und gesehen hast du ihn, wirklich gesehen, Jacques, mit deinen eigenen leibhaftigen Augen gesehen ...!?“
„Ich muß bekennen, Hochwürden, so wahr ich hier stehe, so wahr mir Gott helfe, ich sah ihn, von Angesicht zu Angesicht ...“
„Und gelächelt hat er und genickt und freundlich ringshin gegrüßt!?“
„Ja, Hochwürden, wenn ich mir sein Gesicht jetzt so in der Erinnerung vorstelle, da kann ich’s wirklich nicht mehr genau unterscheiden: es war aber, glaube ich, freundlich lächelnd und bissig zugleich. Vielleicht aber hat er auch gar nicht gelächelt, sondern gegrinst ...“
„Aber das eine steht unumwunden fest: es war kein Dreispitz.“
„Nein, Hochwürden, es war ein Zylinderhut.“
Der Priester ging unruhig auf und ab.
„Laß dir mal in die Augen sehen, Jacques. Gut so, gut! Also, ein Zylinderhut, und ausgesehen soll er haben wie der Bankdirektor Michelet ... Hallunzination ... Wie der Bankdirektor Michelet, der wohl im Park spazieren reitet oft morgens ... Aber so ein greuliches, abscheuliches Tier, so ein Drachengewürm, so ein Popanz von Reptil, wie du eines im Traum gesehen haben willst, Jacques, das gibt es ja auf der ganzen Welt nicht ... Warst du nie in deiner Jugend krank, Jacques?“
„Nein, Hochwürden!“
„Hast du nie unter Bettnässen gelitten, nie Anfälle gehabt!?“
„Nein, Hochwürden!“
„Hast du dir nichts beim Militär geholt, Jacques, Tripper. Schanker oder so einen Ausschlag ganz vorn unter der Vorhaut des männlichen Gliedes an der Eichel ...!?“
Der Priester sah dabei Jacques scharf ins Gesicht, hob den Zeigefinger und betonte alle Worte nachdrücklich pathetisch.
„Nein, Hochwürden ... so wahr ich ein treues Kind der Kirche bin, ich schwöre: nein ...!“
„Dann muß der Traum auf Ueberarbeitung beruhen, falscher Ernährung, nicht genügender Blutzirkulation, Jacques ... Iß von nun an nichts gewürzt und nur leichte Speisen ... Und mußt dir den ganzen unsinnigen Traum möglichst rasch aus dem Kopf schlagen, denn so ein Traumgebild kann gar leicht in Gotteslästerei, Zauberei oder in Gesetzesfrevel ausarten ... und leg’, wenn du schläfst, dir ein nasses Tuch auf den Kopf ... Und Beichten und Rosenkranzbeten nicht vergessen, Jacques ...“
Die Glocke zur Frühmesse von der Dorfkirche nebenan läutete.
Jacques und Marie standen, sich bekreuzigend, auf.
„Bürger Jacques Rillot! Ich muß jetzt das Verhör beenden ... Kommt beide gleich mit zur Frühmesse.“
Marie küßte dem Priester die Hand.
Dann krochen Jacques und Marie gebeugt rückwärts zur Tür hinaus.
– – –
Tief in sich gekrümmt knieten Jacques und Marie auf der hintersten Bank in der Dorfkirche.
Sie beteten nicht, sondern schrien:
„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt’ für uns arme Sünder jetzt und in der Stunde unseres Absterbens ... Hilf! Hilf! Hilf! ...“
Und wie es im Leichenschauhaus hallt, wenn der Totengräber und sein Gehilfe mit wuchtigen Hammerschlägen einen Sarg zunageln, so knarrten von den feuchten Wänden des Dorfkirchleins dröhnend wider die Stimmen der gläubigen Gemeinde im Chor:
„Amen! Amen!“
* * *
Jeder klassenbewußte Prolet hätte Jacques den Traum deuten können.
Dazu gehörte nicht ein sonderlich kluger Kopf, sondern – wogegen sich sonderbarer Weise die sonderlich klugen Köpfe oft am hartnäckigsten sträuben – die Einsicht in den Mechanismus der Geschichte und: daß unsere Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist, das Erlebnis dieser Tatsache am eignen Leibe.
„Die Auslegung deines Traumes, Jacques, ist meiner Meinung nach wenigstens höchst einfach“, hätte ihm solch ein Prolet zur Antwort gegeben.
„Hör’ gut zu, Jacques. Sie ist die folgende:
„Du hast es natürlich richtig gesehen: es war kein Dreispitz, sondern ein ganz banaler Zylinderhut. Ja, gewiß: der Bankier reitet übers Schlachtfeld. Ueberall, wohin der seinen Fuß setzt, er und mitsamt ihm die ganze Klasse der Ausbeuter, überall dort verwandelt die Erde sich unter mörderischen Kämpfen in ein Schlachtfeld, in ein Schlachtfeld der Arbeit zunächst, in ein maschinendröhnendes, betoniertes daraus die Schlote, die du bei klarem Wetter fern bei Paris sehen kannst, emporschießen; Arbeiterviertel, Fabrikreviere, Kolonnen von Wellblechbaracken. Ueberall, wohin du blickst, Jacques, ist dieses Schlachtfeld der Arbeit bereits zur Tatsache geworden, in Europa, in Amerika, und auch in den letzten Weltwinkeln, die nach der Aufteilung der Welt noch übriggeblieben sind, in Afrika, Asien, China vollzieht sich soeben unter dem Kreuzzeichen christlicher Pionierarbeit dieser Umwandlungsprozeß. Und dieses Schlachtfeld der Arbeit verwandelt sich wiederum eines Tages ebenso sprunghaft und plötzlich wie dem ganzen System nach, aus dem es hervorgegangen ist, notgezwungenermaßen in jenes Schlachtfeld, das nackter und brutaler den Charakter der heute herrschenden Gesellschaftsordnung offenbart, in jenes Schlachtfeld, auf dem nicht die Millionen und Abermillionen an Hunger, Krankheit, Ueberarbeit langsam dahin sich krepieren, sondern offen im Interesse der Herrschenden gegenseitig sich abwürgen: mit Mordwerkzeugen, Schnelltötemaschinen „Marke Patent Rapid“, die nur der Skrupellosigkeit und dem exquisiten technischen Ueberraffinement der bürgerlichen Kultur gemäß sind.
„Der Bankier reitet über das Schlachtfeld.
„Aber er reitet wohl auf keinem vierbeinigen Roß, er geht auch nicht zweibeinig zu Fuß: er ist millionenfüßig, millionenäugig, millionengliederig. Er kommt daher mit Tanks, Maschinengewehren, Dreadnoughts; als Massenmord, als Galgen, als elektrischer Hinrichtungsstuhl, als Attentat. Er fliegt durch die Lüfte, Bombenflieger an Bombenflieger. Einen Sang vom Heldentod fürs Vaterland befiehlt er den Dichtern zu singen, deinem Gemüt zum Trost, dann spritzt er das Giftgas ab und jedes Partikelchen, das eine Menschenhaut trifft, läßt sie bei lebendigem Leibe verbrennen. Ja, tief unter die Erde hinein erzeugt er durch Sprengminen künstliche Gewitter ... Das ist der kleine graue unscheinbare freundlich grüßende Herr, den du oft über die Straße gehen siehst, Jacques ... Siehst du ihn jetzt, Jacques, in seinem Büro an der Arbeit, zwölf Stunden und darüber hinaus oft noch arbeitet er, Tag und Nacht ist er unermüdlich an der Arbeit. Absatzmärkte aufspürend, Kriegsränke schmiedend, neue Mordapparate ausklügelnd, idealere Gifte, idealere Gase ... „Europa ist eine Idylle, Europa ist ein armseliger Tümpel, eine kleine schmierige Lache im Weltbrei ... Fort mit Europa! ... Wir werden Europa sanieren! ...“ Und das kleine, unscheinbare, graue Männchen, das dieser Herr ist, mittels einiger elektrischer Druckknöpfe über den gesamten Staatsapparat gebietend – so er nur will, so geschieht’s! – dieser Herr und mit ihm die Gewaltigen in deinem eigenen Land, Jacques, haben eine neue herrliche, dem humanen Zivilisationsalter ganz brillant angepaßte Methode erfunden, dir dein Blut abzusaugen, mittels deiner Hände Schweiß sich zeitlos zu ergötzen und aus deinem Lebensmark Profit zu quetschen, hinreichend genug, daß Generationen ihrer Geschlechter herrlich, sorglos und in Freuden davon noch zehren können. Für deren Mätzchen und Launen darbst du. Für deren Langeweile weint dein Weib, wahnwitzig vor Angst ums tägliche Brot, die Augen sich wund. Für der Reichen Spleen reibst du dir an die Hände die Schwielen. Für deren Mußestunden blutest du ... Doch so edel, hilfreich und gut dünkt dich selbst diese Methode, Jacques, daß, wenn du dem Bankier auf der Straße begegnest, du tief vor ihm die Mütze auf den Boden herunterziehst und andächtig lispelst: „Guten Morgen, Herr ...“ und gerührt ob so viel Menschengüte ihm nachgaffst: „Seht! Welch ein Wohltäter!“
„Jacques! Reib dir endlich den Schlaf aus den Augen! Lüfte dir den abergläubischen Bauernschädel gründlich aus, und jage den Priester zum Teufel, wenn er ihn dir wieder mit Weihrauch einbeizt ... Ist schon garnicht nötig, daß du der ewig genasführte Dummkopf bleibst, der du bis heute noch bist, dein ganzes Leben lang ... Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ... Jacques, du verstehst doch mit dem Gewehr umzugehen und hast doch Schießen gelernt ...!? Jacques, träum jetzt den zweiten Teil des Traumes, träum ihn so tief in dich hinein, bis er zur Wirklichkeit wird! ...“
„Noch ein zweiter Traumteil!?“ hätte bei diesen Worten Jacques zunächst noch ängstlich und mißtrauisch gestutzt ... „Laß mal! Ich habe am ersten schon überreichlich genug ...“ Aber er hätte dann wohl gleich ohne besondere Schwierigkeiten begriffen, was der Klassengenosse mit dem zweiten Traumteil sagen will, nämlich, daß Jacques nicht nur die Unterdrückung erleiden, sondern auch den Klassenkampf kämpfen und an den Sieg des Proletariats glauben soll.
Und der Klassengenosse, der Prolet aus der Stadt, in seinen Erläuterungen fortfahrend, bestätigte auch das:
„Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ...
„Aber aus diesem Schlachtfeld, Jacques, das er schafft, müssen ihm selbst in uns die Kämpfer erstehen, Kämpfer, die die Millionen Toter blutig einst an ihm rächen werden.
„Nun noch, was die Musik, die du im Traum gehört hast, betrifft. Du sagst, es sei wie Hämmern und Zähneklappern und Knochenknacken zugleich gewesen; die Orgel in der Dorfkirche hätte laut aufgeschrien, und die Register hätten sich von selbst alle durcheinandergezogen, und ein grausiger Wind hätte durch die Pfeifen gepfiffen, und der Blasebalg hätte triefende Schlammpest in das Orgelwerk hineingeschnaubt, und auf die Pedale hätte es gestampft, als ob dort ein ganzes Heer ununterbrochen auf- und niedermarschiere ...
„Nun, Jacques, wenn du den Traum verstanden hast, verstehst du auch diese Musik dazu.
„In der Tat, die schönen klassischen Symphonien und Kirchenkonzerte und sorgfältig gemeißelten Fugen entsprechen nicht mehr unserer Zeit. Der Rhythmus unserer Zeit ist ein anderer, es ist eine Schlachtmusik und eine Schlächtercarmagnole besonderer Art: kein Instrument ist bis heute noch gebaut, diesen Rhythmus wiederzugeben, dieses Höllentempo zu fassen, kein Künstler ist da, der dies auszudrücken vermöchte. Die Zeit heult sich selbst ihre Musik. Aber den letzten Satz dieser infernalischen Symphonie spielt: das Proletariat ...
„Uebe dich, Jacques, damit, wenn die Zeit gekommen sein wird, den Herren zum Tanz aufzuspielen, du mit deinem Instrument in das große Orchester recht kräftig mit einstimmen kannst ...
„Und auch das wirst du jetzt im Zusammenhang mit der Wirklichkeit verstehen, was es mit deiner phantastischen Vorstellung auf sich hat, daß der Himmel von den vielen Tränenergüssen, die aus der Erde aufstiegen, schwanger geworden und, flüssiges Feuer aus sich herausschüttend, unter einem gewaltigen Getöse eines Tages geplatzt sei ... Das heißt einfach: die Zeit ist reif, daß das Proletariat die Macht übernimmt. Denn mit soviel Bitternis, Trübsal, bestialischer Gemeinheit ist der Weltraum erfüllt, daß – gäbe es einen gerechten Gott – er in der Tat gar nicht anders könnte, als diesen Menschendreck, der nur von der grausamen Unterdrückung anderer Menschen sein Leben zu fristen gewohnt ist, mit einem Schleuderwurf seiner allmächtigen Hand von der Erde hinwegzufegen ... Nun, Jacques, dein Gott ist tot. Er hat nie dir gelebt ... Drum nimm die Knarre auf den Buckel, wenn wieder der Ruf an dich ergeht: spiel dein Instrument gut, Jacques. An uns Proleten ists, ein für allemal gründlich auszumisten ...
„Ja, Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet, Jacques! Der Bankier reitet übers Schlachtfeld!!!“
Und Jacques, der zum Klassenbewußtsein erweckte französische Kleinbauer hätte gesprochen:
„Jawohl, Kamerad von der Stadt, Du hast mir, das seh’ ich wohl ein, eine richtige Auslegung meines Traums gegeben ... Die Pfaffen betrügen eben allzumal ... Wir müssen Kampfgenossen werden ... Du und ich: wir gehören zusammen ... Unzertrennlich, ja ... Gib mir die Hand darauf! Fest ... Ja, so ist es ...“
* * *
Und der Bankier reitet übers Schlachtfeld.
Reitet über die Bretagne, über die Normandie, reitet quer über Deutschland hindurch, reitet, reitet hoch über Flußläufe und sommerdampfende Steppen hinweg, hoch hinan bis in die Gletscherwüsten, die Felsnester der Hohen Tatra ...
Die Maisfelder Chinas brennen unter seinem Flügelschritt. Wie die Halme der Sturm, so beugt es tief erdab den Kulis Nacken und Haupt ... Krummgewachsen muß ein Volk sein, damit der Bankier reiten, reiten, reiten kann ...
Ein Jahrzehnt mag inzwischen vergangen sein ... Der Bankier reitet, reitet immer noch. Aufrechter denn je steht er, wie eine mit einem Frack und einem Zylinder angeschminkte Götterstatue, im Sattel ...
Die Knochentrommel trommelt.
Die Gerippscherben klappern ...
Hop! Hop! Hop!
Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet! Der Bankier reitet übers Schlachtfeld. – – –
Aber die Sturmglocke, die jetzt geläutet wird, sie ist nicht mehr ein Alarmsignal, sie läutet zum Angriff!!!
Da werfen die unterdrückten Völker ihre Köpfe hoch, schnellen das Rückgrat wie eine Sprungfeder grad. – – –
* * *
Und Roß und Reiter wälzen sich in Blut und Staub!
Der deutsche Schicksalsroman im Zeitalter des Giftgaskrieges
Johannes R. Becher
(CHCl=CH)3As (Levisite) oder Der einzig gerechte Krieg
Dieses Werk vereinigt künstlerische Gestaltungskraft mit exakter Wissenschaftlichkeit. Wir durchwandern die Farbstoffabriken, vor allem Edgewood, das Hauptarsenal der Giftgasfabrikation, lernen die Fabrikationsmethoden kennen, lernen die Wirkung der Giftgase kennen auf dem Versuchsfeld und im Ernstfall. Flugzeuggeschwader, Tankarmeen marschieren auf, der chemische Krieg beginnt! ... Rücksichtslos werden an Hand einwandfreien, wissenschaftlichen Materials die pazifistischen Illusionen zerpflückt. Es gibt nur eine Lösung dieser Frage, die für Deutschland, für Europa, für die ganze Welt als Schicksalsfrage gestellt ist. Die Art der Lösung dieser Frage macht das Werk zu einem hochaktuellen, zu einem politischen Buch ... Ein Quellennachweis ist beigefügt, in dem alle Werke, die über dieses Thema bereits vorhanden sind, aufgeführt werden.
1. bis 10. Tausend
Umfang 380 Seiten – – – Preis kartoniert 4.50 Mark
Agis-Verlag, Wien VIII, Albertgasse 26
Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Agis-Verlag, Wien. Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover.
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... dieses Abend ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ... ... dieses Abends ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ...
... Eine der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ... ... Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ...
... der Schlammkatakomben wiederzuhallen. ... ... der Schlammkatakomben widerzuhallen. ...