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Der Adlerwirt von Kirchbrunn

Der Adlerwirt von Kirchbrunn. Eine Dorfgeschichte.

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1. Abschnitt.

»Also vorwärts!« rief das Männlein und sprang flink in den Wagen. »Wolfram, komm an meine grüne Seite, du hast ganz nett Platz neben dem alten Knaben! Wir wollen ja schwatzen unterwegs!«

Demnach setzte sich der junge Kutscher nicht auf den Bock, sondern schickte sich an, vom bequemen Sitze des Landauers aus die Pferde zu leiten. Es waren zwei muntere Braune, deren glatte Haut einen feinen Seidenglanz hatte, als ob sie wie das Riemzeug gewichst worden wäre.

Der Kutscher war Wolfram Seltensteiner, der junge Wirt vom »Schwarzen Adler« zu Kirchbrunn. Ein froh und freundlich in die Welt blickender Blondkopf von etwa dreiundzwanzig Jahren. »Ein Gesicht, länglich-rund wie ein Taubenei, Augen hell und blau wie der Himmel im Mai, Nase schlank Und stramm, rote Oberlippe keck und zahm, der Mund so angetan, daß er gut lachen und küssen kann. Vom Scheitel bis zur Zehe hinab ein schlanker, hübscher, gesunder Knab'.«

»Junger Mann!« rief ihm der kleine Alte zu, »stelle ja nichts an! Wenn du durchgehst und ich erlasse auf dich den Steckbrief, so kommst du nicht weit, die Weiber fangen dich ein!«

Einen Schnalzer mit der Zunge machte der junge Mann, da trabten die Rößlein fürbaß.

»Behüt' Gott, Herr Professor! Kommen Sie fein wieder im nächsten Jahr!« So riefen jetzt die vor dem Wirtshause stehenden Leute. Männer schwenkten die Hüte, Weiber die Sacktücher.

Das ältliche Herrlein im Wagen streckte die offene Hand zurück nach den Leuten, als wollte er ihnen noch wie Körner die Worte hinstreuen, die er sprach: »Grüß Gott das letzte Mal und gebet acht, Kinder, daß ihr nicht weniger werdet, bis ich wiederum komm', und betet manchmal ein Vaterunser oder ein Schnaderhüpfel für den alten Professor Nix!«

Der Wagen rollte die glatte Straße davon und verschwand bald im tauenden Herbstnebel.

»Ist ein lieber Herr!« sagten jetzt die Zurückbleibenden untereinander, »ist ein lustiger Herr! Alleweil heiter! So pudelnärrisch und so gescheit dabei! Wer wird uns jetzt Geschichten erzählen, Liedeln lehren am Feierabend, Rätsel aufgeben, Zaubereien vormachen und guten Rat austeilen? Das ist ein lieber Schatz!«

»Er heißt Nix!« brummte einer der Umstehenden.

»Was sagst du! der Professor heißt Nix? Ich denk' wohl ein bissel mehr wie du! Gib acht, daß wir dir dein Lästermaul nicht mit einer Feigensalbe verkleben!«

»Nein, er heißt Nix!« lachte ein Junge.

»Nix heißt er!« lachten jetzt auch die übrigen.

»Wenn ich nur wüßte, woher er den dummen Namen hat!«

»Muß ein Spitzname sein, weil er allemal nix antwortet, wenn man ihn fragt, wer er ist, was er treibt, was er weiß, was er hat, was er will! Er ist nix und treibt nix und weiß nix und hat nix und will nix! Darauf haben sie ihn den Professor Nix geheißen.«

»Ist nicht wahr!« rief der Nagelschmied. »Seit Jahren kommt er auf die Sommerfrische nach Kirchbrunn, wir kennen ihn als braven Mann. Das ist etwas! Nachher geht er in der Gegend umher, Pflanzen sammeln, Bäume und Hunde zeichnen, traurige Leut' lustig machen. Das ist auch etwas. Er weiß zu erzählen von Himmel und Erden, von den Russen und Franzosen, auch wie die Eisenstiften gemacht werden, weiß er, und wie er zu mir einmal in die Werkstatt kommt, nimmt er mir das Zeug aus der Hand und macht den Eggnagel fertig, daß es nur so eine Form hat. Das ist schon was, meine lieben Leut'. Wer ein Handwerk kann! Handwerk ist besser wie Kopfwerk! Nur fürs Nixhaben und Nixwollen mag sein Name passen, ich hab' mir oft gedacht: der lebt von der Luft und vom Wasser und vom Lustigsein.«

»Er hat gegessen und getrunken und seine Sach' bezahlt!« berichtete der alte Adlerwirt, der in Hemdärmeln und unter dem grünen Sammetkäppchen am Pferdetrog stand und mit dem kurzen Worte die Ehre seines Hauses und seines Gastes rettete.

Der Wagen fuhr mittlerweile hinaus über Wiesen und Fluren, durch Dörfer und Wälder, dem Bahnhofe in Geßnitz zu.

»Wolfram!« sagte der kleine hagere Mann, den sie den Professor Nix geheißen hatten, »warum rauchst du heut' keine Zigarre?«

»Weil ich keine habe,« antwortete der Bursche und zog den Leitriemen an.

»Was ist denn das?« fragte der Professor und tippte an Wolframs Brusttasche, aus welcher ihrer drei oder vier Glimmstengelspitzen hervorguckten.

»Das da?« fragte der Bursche schmunzelnd entgegen, »das sind Zigarren.«

»Knabe, du glaubst, daß mir der Rauch unangenehm sei!«

»Wer selber nicht raucht —«

»Ich will dich nicht zwingen. Weiß nur, daß man den Mund nicht gern leer stehen läßt. Wir Alten schwatzen, Ihr Jungen wollet busseln oder rauchen. Zum Busseln wirst keine im Sack haben. Also steck' etwas anderes in Brand!«

Lächelnd zündete Wolfram sich eine an.

Als sie aus dem Gebirgstal in die Fläche herausgekommen waren und am Dorfe Schwambach vorüberfuhren, kehrten im dortigen Wirtshause, denn es war Sonntag, gerade vier Musikanten ein: ein Trompeter, ein Klarinetter, ein Geiger und ein Baßgeiger.

»Was denkest du darüber?« fragte Professor Nix seinen Kutscher.

»Bis ich zurückfahre, wird's schon umgehen,« antwortete dieser. »Der Schwambacher gibt einen Freiball.«

»Du, da gib nur acht, daß dir die Pferde nicht scheuen auf der Rückfahrt! Ein paar feurige Tiere, die du hast!« so neckte das magere Männlein.

Auf der Hochebene, über die sie nachher wieder dahintrabten, kamen sie in einen Eichenwald, an welchem bereits die Blätter gilbten. Manchmal wehte ein goldig leuchtendes Blatt nieder auf die weiße Straße, und der Wald war so still und feierlich, daß es dem Professor wie ein Seufzer aus der Brust kam: »Ja, der Herbst!«

Jetzt sahen sie neben der Straße im Laubwerk und Schlinggewächse zwei Mädchen. Junge, erwachsene Mädchen, das eine in putziger Bauerntracht, das andere bürgerlich angetan; das eine mit einem roten Tuch über dem Haupt, das andere mit einem schwarzen Hütchen. Die unter dem Tuche hatte ein lachendes Rundgesichtlein, die unter dem Hute war blaß und ernsthaft und hatte schwarze Augen.

»Was wollen denn die?« fragte der Professor den jungen Kutscher.

»Sie haben Körblein bei sich. Wahrscheinlich Brombeeren pflücken.«

»Wollt' ein Madel früh aufstehn, Wollt' Brombeer brocken gehn« —

trillerte der Alte. »Kennst du das?«

»Ja, man singt so,« antwortete Wolfram.

»Wenn du der Jägerssohn wärest,« neckte der Alte weiter, »mit welcher von den zweien wolltest du Brombeer brocken?«

»Weiß 's nit,« sagte der Bursche.

»Na, dann ist es mit dir noch nicht gefährlich!« lachte der Professor, dem Burschen auf die Achsel klopfend.

»Just übel wär' keine — von den zweien,« sagte der Wolfram.

»Na, dann ist es gefährlich,« setzte jener bei. Sein frisches Gesichtlein unter dem grauenden Haar war plötzlich ernsthaft. Und die Mädchen waren ihren Augen entschwunden.

Als der Wagen wieder aus dem Walde kam, sah man in der Ferne die zwei weißen Türme von Geßnitz. Sie leuchteten nur schwach durch die nebelgraue Luft. Hinter dem stattlichen Marktflecken die Berglehne konnte man nicht mehr erkennen. Und gerade dorthin hatte Wolfram sein Auge gerichtet.

»Siehst du den Salmhof?« fragte ihn der Professor.

»Man sieht nichts,« antwortete der Bursche.

»Liegt sie dir im Sinn?« fragte der Professor.

»Aber ich kenne sie ja gar nicht,« entgegnete Wolfram. »Das ist wieder nur so von meinem Vater etwas. Weil sie Geld hätte, meint er. Ich denke, es muß nicht alles Geschäft sein, was der Mensch tut.«

»Brav bist, mein Sohn!« sagte der Professor, »für Geld heiratest keine. Aber ganz verachten mußt auch das Geld nicht, wenn sie zufällig eins hat. Geld ist Mist, aber Mist ist Dung, und Geld ist der Dung des ehelichen Glückes.«

»Die Salmhoferische wäre mir auch viel zu fürnehm,« bemerkte der Bursche, »die will höher fliegen als auf ein Wirtshaus, sagen sie. Körbe kann ich auch in Kirchbrunn haben, da brauch ich d'rum nicht gar bis Geßnitz zu gehen.«

»Junge!« rief der Alte und hieb ihm die Hand auf den Rücken, »du bist nur zu wenig keck! Ein Kerl, wie du bist, verlegt sich nicht auf Korbhandel. Aber auch nicht dreinpatschen! Keck und klug!«

Der Wolfram schwieg. Über die Hochebene her strich ein kühler Wind, der brachte Regenschauer.

»Ist schon gut,« rief der Professor ins Weite hinaus; »Herrgott, ich sehe deinen guten Willen, mir den Abschied von der Sommerfrische so leicht als möglich zu machen. Hast du nichts dagegen, Wolfram, so machen wir den Wagen zu!«

Das war bald geschehen, aber dann saß der Kutscher auf dem Bock und der alte Herr in dem finsteren Lederkotter. An das hatte er nicht gedacht. Nach einer Weile klärte sich der Himmel wieder, und da waren sie auch schon in Geßnitz auf dem Bahnhof. Professor Nix sprang rüstig aus dem Wagen. »Wolfram, mein Sohn!« sagte er noch, »geweint und gelacht wird nicht. Höre auf zum Wachsen, bleibe munter und mach' keine Dummheit. So Gott will, im nächsten Sommer komme ich wieder!«

Damit sprang er auf das Trittbrett, denn es läutete das dritte Mal, und der Sommerfrischler dampfte ab in die große Stadt.

Wolfram schaute dem Zuge nach und dachte: Der gute Professor Nix! Seinen bluteigenen Oheim kann man nicht lieber haben. Die elf Jahre kommt er schon nach Kirchbrunn und ist immer der gleiche. Wenn er lacht, ein Kind, wenn er schwärmt, ein Jüngling, und wenn er guten Rat gibt, ein Greis. Wenn man nur eigentlich wüßte, wie alt! Die Leute tragen ihn auf den Händen, das deutet auf ein Kind hin. — Und jetzt, Fuchsen, heimwärts nach Kirchbrunn.

Der Bursche war seit fünf Minuten anders geworden. Früher der fast befangene, wortkarge, dienstwillige Dorfwirt, der sein Verhältnis fühlt dem vornehmen Gaste gegenüber; jetzt der aufgeweckte, keck dareinschauende Hausbesitzerssohn von Kirchbrunn, sein eigener Diener und Herr, Kutscher und Kavalier zugleich auf dem Wagen. Nachdem er im Posthause etliche Briefe abgegeben, ein Kistchen mit Likören in Empfang genommen und auf dem Kutschbocke noch ein paar Gläser Bier ausgetrunken hatte, ließ er seine Zunge schnalzen, das ersetzte bei den klugen Rößlein stets die Peitsche, und ließ heimwärts traben.

Bei einer Straßenbiegung sah er vor sich an der Berglehne einen stattlichen Bauernhof liegen; der nahm sich fast schloßartig aus, hatte sogar ein Türmchen, auf dem eben Mittag geläutet wurde. Es war, als ob die Glocke zur Straße herabriefe: Komm, komm! Komm, komm! — Allein der Wirtssohn aus Kirchbrunn fuhr stolz vorüber. — Oh, zu der hätte ich weit! dachte der Wolfram. Wenn ich jetzt zur Haustochter im Salmhof hinauf wollte, um zu freien, da müßt' ich erst wissen, ob sie mich gern hat. Und ihr Gernhaben möchte mich nur freuen, wenn ich in sie verliebt wäre. Und verliebt in sie könnte ich nur sein, wenn ich mit ihr bekannt wäre, und das ist wieder nur möglich, wenn man sie einmal gesehen hat. — Ich weiß gar nichts von ihr, als daß mein Vater sagt, das wäre eine Frau für den »Schwarzen Adler« zu Kirchbrunn. Gott, bis sich so ein langer Faden abwickelt! Und am Ende wär' nachher ein Scheusal im Knäuel. Hübsche Dirndln haben kein Geld. Reiche sind oft nicht recht sauber. — Hia, Füchseln! Heim zu geht's! —

Der Himmel hatte sich fast aufgeheitert, es ward ein sommerlich warmer Mittag. Als der Wagen in den Eichenwald kam, leckerte es die Pferde nach grünem Kraute, das am Wege wuchs, und sie nahmen im Vorbeigehen manche Schnauze mit sich.

»Wenn es euch so sehr nach Preiselbeerkraut und Enzianen gelüstet,« sagte der Wolfram, »ich fände zwar nichts Gutes dran, aber es sei euch wohl vergunnt. Spannen wir ein bißchen aus.«

Er ließ den Wagen ein wenig von der Straße seitwärts auf ein grünes Angerlein ziehen, löste die Pferde los und hieß sie sich frei ergehen zwischen den Bäumen. Er selbst schlenderte auch so dahin, und da es gar warm und wohlig geworden war und die Pferde eine prächtige Grasbank gefunden hatten, so streckte er sich aufs Moos. Ein Stündel Rast kann nicht schaden. Heute ist ja doch alles beim Schwambachwirt, und in Kirchbrunn nichts los. Da kommt man noch früh genug heim. — Die Arme unter dem Haupte, so lag er auf dem Rücken schlank ausgestreckt und schaute in die hohen Baumkronen auf. — Warum im Herbst die Vögel nicht singen wollen! dachte er, kein einziger! Ist es denn gar so schlimm? Ich merke keinen Unterschied zwischen Frühjahr und Herbst ...

Fast ein wenig geschlafen mußte er haben. Regentropfen weckten ihn auf. — Ja, Knabe, es ist doch ein Unterschied zwischen Frühjahr und Herbst. — Eilig stand er auf, die Pferde waren nicht weit, er führte sie über das weiche Moos hin gegen den Wagen. Jetzt erlebte Wolfram eine Neuigkeit. In seinem Wagen hatten sich fremde Wesen eingeheimt. Er hörte schon von weitem kichern und lachen. Die zwei Brombeermädchen waren vom Sprühregen unter dieses Dach gejagt worden, und der Fürwitz der einen hatte alsogleich Besitz ergriffen von dem herrenlosen Wagen, der so mutterseelenallein unter den Bäumen stand. Der Schlag zu beiden Seiten geschlossen und zugefenstert, so hockten sie nun darinnen auf dem Lederpolster und waren just daran, in diesem feinen Gelasse ihr mitgebrachtes Mittagsmahl zu verzehren. Brot und Käse hatten sie, das schnitten sie auf dem Schoße säuberlich in Stückchen, naschten auch von den gesammelten Brombeeren dazu. Die eine mit dem blassen Gesichtchen war ernsthaft, die andere mit den blühenden Wangen und dem roten Kopftuche darüber war voller Schalkheiten.

»Hui sauer!« kicherte diese; »da wär' mir schon ein Bussel lieber.«

»Das kannst auch haben, Frieda,« sagte die andere und tat, als wollte sie einen Kuß hergeben.

»Geh, geh, Haustochter Kundel!« wehrte die Frieda ab, »da müßtest erst einen Schnurrbart haben!«

»Ach so!« antwortete die andere. »Wie kommst du mir denn vor, Jungdirn?«

Da trillerte Frieda:

»Busserlgebn, busserlgebn, Das is nit Sünd, Hat mir's schon d' Muater glernt Als a kloans Kind!«

»Ich kann da nicht mitreden,« gestand die mit dem Hütchen.

»Mich ärgert 's nur,« warf die Frieda ein, »da reden und singen sie immer davon, daß einem ordentlich der Mund wässerig wird, und wann's Ernst werden will, ist's verboten. Und das ist auch dumm: heimlich möcht' man's probieren, und kommt einer, schwupps hat er eine auf der Wange!«

»Wer wird denn so leckerig sein!« sagte die Kundel, »das sind lauter Dummheiten.«

»Weißt, von wem ich ein Bussel möcht'?« gab das frische Rundgesichtel zu raten, denn es schien, als wollte sie einlenken.

»Wahrscheinlich von einem schönen Junggesellen,« antwortete die Kundel.

»Von einem Mannsbild nit!« versicherte die andere. »Von einem Mannsbild möcht' 's mir grausen. Weißt du: ein Kindel, wenn ich hätt', von dem möcht' ich ein Bussel.«

In demselben Augenblick machte der Wagen einen Ruck und rollte davon.

Einen grellen Schreckruf hatten die beiden Mädchen ausgestoßen und dann ein Jammergeschrei erhoben. Das nützte nichts und schadete nichts, die Rößlein trabten flink die Straße entlang, der Wolfram auf dem Bocke schnalzte tapfer mit der Zunge, und so rollte es dahin wie der Wind, die Richtung gegen Kirchbrunn. Der Wolfram hörte das Gekreische und Hilfegeschrei in der Kutsche, er schmunzelte bei sich: »Das ist kein schlechter Spaß, ich entführe sie zum Freiball nach Schwambach. Zwei fremde Brombeerbrockerinnen, denen die Brombeeren nicht süß genug sind. Na, wartet!«

Als die gefangenen Dirndeln merkten, daß ihr Geschrei nichts richtete und das Hinausspringen zum Wagenschlag gefährlich sei, wurden sie mäuschenstill und berieten unter sich.

»Zwei Rösser sind angespannt und auf dem Bock ein Mannsbild!« flüsterte die Kundel. »Frieda, was wird mit uns geschehen?«

»Haustochter, wir kommen ins Afrika und werden als Sklaven verkauft,« antwortete die in dem roten Tuche mit einer Ernsthaftigkeit, in der man den Schalk kaum herausmerkte.

»Ich spring' aus!« rief die Kundel.

»Dann bist hin!« antwortete die Frieda. »Ich glaube, wir bleiben hübsch sitzen. Kommen wir durch eine Ortschaft, so schlagen wir Lärm.«

»Um keinen Streich!« versetzte die Kundel. »Die Schande! Eher laß ich mich entführen bis zum großen Wasser, dort springe ich hinein.«

Die Frieda hatte mittlerweile zum Fenster hinausgelauert und gefunden, daß der Mann auf dem Kutschbocke, soweit man von ihm etwas erblicken konnte, nicht allzu schrecklich aussehe. Ja, es wollte sie bedünken, als hätte sie diesen Menschen schon irgendwo gesehen, ohne Furcht vor ihm zu empfinden. Darüber waren die beiden nun ein bißchen getröstet.

Draußen regnete es, die Tropfen schlugen scharf ans Fenster, und schwere Nebel hatten sich niedergelegt über die Ebene, daß es schier dunkel ward. Und der Wagen rollte unablässig fort und in das Ungewisse hinein.

»Ach, mein junges Leben!« seufzte die Kundel. »O dieses unglückliche Brombeerbrocken.«

»So kommt es, wenn man am Sonntag die heilige Messe versäumt und im Walde umgeht,« sagte die Frieda lustig.

»Zwick' mich am Arm!« bat die Kundel.

»Du kommst mir wunderlich für, Haustochter. Warum soll ich dich jetzt am Arm zwicken?« fragte die Frieda.

»Damit ich wach werde. Drei Heuschöber verwett' ich, das ist nur ein Traum. Ich habe vor kurzer Zeit eine Rittergeschichte gelesen, wie der Raubritter Kuno das schöne Burgfräulein Adelgunde auf einem Rappen entführt hat. Das kommt mir jetzt im Schlafe vor. Ich bitte dich, so wecke mich doch auf!«

Frieda kicherte. »Wenn es bei mir auch ein Traum sollt' sein, dann sei so gut, wecke mich nicht auf,« sagte sie. »In einer so fürnehmen Kalesch' bin ich mein Lebtag noch nie gefahren und werd' auch gewiß nicht mehr die Gnad' haben. Jetzt laß ich mir's schmecken und denk' an nichts. Wenn er uns hinführt, so muß er uns auch zurückführen, jetzt kommt mir die Kurasch.«

»Frieda, du bist schrecklich leichtsinnig!« sagte die andere.

»Du bist nicht leichtsinnig und mußt auch mit.«

»Wenn ich glücklich davonkomme, so stifte ich eine Kapelle im Eichenwald,« beteuerte die Kundel.

»Und ich gehe hinein beten!« nahm die Frieda sich vor. »Jetzt wollen wir die gnädige Frau spielen und Brombeeren naschen.«

Die Brombeeren wären großenteils auf dem Kutschboden zu suchen gewesen, auf welchem sie zerstreut umherlagen.

»Sind die Rösser schwarz?« fragte die Kundel plötzlich.

»Fuchsbraun,« antwortete die Frieda.

»Gott sei Lob und Dank!« warf die Kundel hin.

»Warum?«

»'s kunnt auch der Teufel sein Spiel haben!«

»Ich weiß mich nicht schuldig. Bin eine arme Magd.«

»Schuldig weiß ich mich auch nicht,« sagte die Kundel, »wenn nicht etwa die fürwitzigen Träume was machen, manchmal. Dem Ritter Kuno traue ich um keinen Preis.«

»Ritter machen mir wieder nichts,« gestand die Frieda, »aber wenn gerade so ein sauberer Bauernknecht käm', da wollt' ich für nichts gutstehen.«

»Oder ein kernfester Holzknecht aus dem Siebenbachwald!« neckte die andere.

»Laß das gut sein, Haustochter, ich mag nichts hören von ihm,« so antwortete die Frieda.

Ähnliches sprachen sie halb im Ernst, halb im Scherz, halb in süßer Verwirrung. Der Jungmagd Frieda kam es possierlich vor, daß sie heute einmal mit der gleichen Elle wie die Haustochter gemessen wurde. Plötzlich hielt der Wagen. Ringsum standen, von düsteren nässelnden Nebeln halb verschleiert, Scheunen und Häuser, und aus einem solchen klang helle und grelle Tanzmusik.

»Du,« flüsterte die Frieda zur Genossin, »jetzt kenn' ich mich aus, wir sind in Schwambach.«

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2. Abschnitt.

Der Wolfram öffnete den Wagenschlag. »Schöne Jungfrauen,« sagte er schmunzelnd, »da sind wir. Ich bin der Adlerwirt aus Kirchbrunn, ein durch und durch bösartiger Geselle, und lade euch zu einem Tanzel mit mir beim Schwambachwirt.«

Die mit dem roten Tuche wollte zeigen, daß sie sich durchaus nicht so leicht ins Bockshorn jagen lasse; sie machte daher, rasch aus dem Wagen steigend, einen Knix und sagte: »Wird uns eine große Ehr' sein! Aber nimm dich in acht, Adlerwirt, wir sind auch bösartig.«

»Nachher stimmt's,« versetzte der Wolfram, Roß und Wagen dem Hausknechte überlassend. Er nahm die eine gleich am rechten Arme, während die andere sich an seinen linken hielt. Diese schwieg, dachte aber bei sich: Ist er nett, so wird's fein, und sonst wird er gefoppt.

Also trat zum Erstaunen der Leute der Schwarze Adler von Kirchbrunn mit den beiden hübschen Dirndln ins Haus und alsogleich die Stiege hinan auf den Tanzboden. Einen funkelnden Silbergulden warf er auf den Spielleuttisch, da schrieen die Pfeifer und Geiger vor Freuden auf, und einen »gestrampften« Steirischen machte der Wolfram mit der, welche Frieda hieß. Wenigstens ein Dutzend junger Paare reigten zugleich, die Burschen mit den Händen klatschend, mit der Zunge schnalzend, lustig jauchzend oder kecke Liedlein singend, die Mädchen sich den Tänzern sanft anschmiegend, ihre Köpflein hingegeben an die Brust der Burschen legend; manche schloß also im Arme des Trauten die Augen, als wolle sie die Seligkeit bis an die äußerste Grenze austräumen. — Macht es nicht auch die Frieda so? Liegt sie nicht hingegossen an die breite wogende Brust Wolframs, von seinen Armen fest umschlossen, von seinem Auge, das unverwandt auf ihrem blühenden Gesichtlein ruhte, bewacht, und angeweht die heiße Stirn, die glühenden Wangen von seinem warmen Atemhauch! Wohl war's nach ihrer scheinbar gelassenen Sicherheit zu vermuten, daß sie heute vielleicht nicht ganz das erste Mal einer solchen Kopflehne sich erfreute, doch aber der Unterschied! Ach Gott, was nicht für ein Unterschied ist zwischen Mannsbild und Mannsbild! — O du herziger Schatz! dachte sich der Wolfram, dich habe ich gefangen, wie man das Vöglein fängt mit der Falle, und dich laß ich nimmer frei, nimmer! mein Lebtag nimmer! — Die Frieda, die dachte gar nichts mehr, sie fühlte, als würde sie hingetragen durch die Lüfte, hoch über den Erdboden, hoch über den Wolken — wohin? Das wußte sie nicht, war ihr auch ganz gleichgültig.

Endlich war der Tanz aus. Der Wolfram ließ seine Genossin lockerer und erinnerte sich nun, daß er deren zwei gehabt hatte. Wo war denn die andere! — Der Schwambachwirt hatte schon Lichter aufgesteckt im Saale, aber die andere war nicht zu sehen. Sie wird schon auch gut aufgehoben sein, flüsterte eins dem anderen zu, und die beiden machten sich nicht viel daraus. Mittlerweile tranken sie auch Wein, die Frieda mit, der Wolfram ohne Zucker. Die Leute ringsum wurden immer lauter, lustiger und toller, und Weindunst und Menschendunst betäubten die Herzen und regten sie auf. Dort und da im dämmernden Winkel kauerte ein Einschichtiger und schleuderte scheelsüchtige Blicke auf die glücklichen Pärchen, wovon viele ganz in sich selber versunken und weder Auge noch Ohr hatten für die Umgebung. So auch der Adlerwirtssohn von Kirchbrunn und seine Entführte. War nur erst der Abend vorgerückt, dann wollte er mit ihr ein unbelauschtes Plauderstündchen halten und sie nach ihrem Herkommen fragen. Übrigens war es recht reizend, daß er nicht wußte, wer sie war, und falls er hätte voraussetzen können, daß auch er ihr unbekannt gewesen, tat es ihm fast leid, sich vorgestellt zu haben. Sich so weltfremd sein und sich so innig umschlungen halten, das ist ja doch ein Hauptspaß, wie es nicht leicht einen zweiten gibt.

Als es draußen rabenschwarze Nacht geworden war, trat durch das Gedränge ein Holzknecht aus der Kirchbrunner Gegend auf den Wolfram zu und sagte: »Der Adlerwirt soll hinaus kommen in den Hof, dort möcht' wer sprechen mit ihm.«

Aha, fiel es dem Burschen bei, die andere! Jetzt will die andere dran. Hätte sie sich nicht einen anderen aussuchen können? Nun aber, da er sie schon mit hergeführt hat, muß er auch an ihr Ritterdienste üben.

Es war aber nicht die andere, sondern ein anderer, der im Hofe seiner wartete. Am Brunnentroge lehnte er, und vom Küchenfenster hinaus fiel das breite Licht auf seine Gestalt. Ein baumstarker Kerl stand da, in der Tracht der Gebirgsholzhauer, mit wildwucherndem Bart und tief ins Gesicht gedrücktem Hute.

»Grüß dich Gott, Adlerwirt! Geh nur her! Komm nur herüber da!« Also lockte der ruppige Geselle mit einem zarten Fistelstimmlein den Wolfram hinter den Brunnentrog.

»Wer ist's denn?« fragte der Wolfram.

»Komm nur her zu mir!« sagte der andere.

Der junge Adlerwirt erkannte in dem Manne jetzt einen Holzarbeiter aus dem Siebenbachwalde, welcher von den Leuten der Schopper-Schub genannt ward. Der Mann war mehrmals schon im Adlerwirtshause zu Kirchbrunn eingekehrt, hatte sich dort aber stets in die hinterste Ecke gesetzt, ein paar Gläschen Branntwein getrunken und dabei stier vor sich auf den Tisch geblickt. Er war ein Mann von etwa dreißig Jahren, aber stets im Äußern so zerfahren und ungepflegt, daß es sogar den Weibern zweifelhaft schien, ob das ein hübscher oder ein häßlicher Mann sei. Er war nicht in der Gegend daheim, und man wußte nicht viel von ihm, als daß er ein tüchtiger Arbeiter, sonst aber ein ungeselliger und sonderbarer Mensch wäre. Irgend jemand wollte von seiner Vergangenheit etwas gehört haben und deutete an, daß in derselben so etwas wie Brandgeruch zu verspüren wäre.

»Du bist ja der Holzknecht Schopper,« sagte nun der Wolfram.

»Ah, kennst mich schon?«

»Was willst denn von mir?«

»Auf ein ganz kleines Wörtel, Adlerwirt. Da stell dich her, daß ich auch was seh' von dir. So.« Hernach hob er seine Stimme in eine noch weichere Tonlage und sagte: »Adlerwirt, was geht denn dich die Frieda an?«

»Welche Frieda?«

»Tu' nicht so, mein Lieber, liegt dir doch nur eine im Kopf. Wo hast sie denn her, deine Tänzerin?«

»So?! Meine Tänzerin? Wen kümmert denn die?«

»Die wird schier mich kümmern, Adlerwirt.« Dann wurde er um einen halben Kopf höher und setzte in einer keuchenden, wie vor Wut erstickten Stimme bei: »Wenn du mir sie nochmal anrührst, nachher —«

»Nachher —? — Nun!« also jetzt der Adlerwirt und stellte sich stramm vor den Waldgesellen hin.

»— nachher siehst du keine Sonne mehr aufgehen!«

Der Wolfram trat einen Schritt zurück, so daß er über den Unterbalken des Troges stolperte. In demselben Augenblicke war der finstere Bursche schon über ihm, in der Hand das blinkende Messer.

»Stechen?!« schrie der andere, im Hause gellte die Musik, polterten die Tanzenden.

»Stechen —« sagte es der Waldmensch langsam nach und ließ den Arm sinken. »Nein, jetzt noch nicht. Du hast es vielleicht nicht wissen können, daß sie mein ist. Das Unband sagt's ja keinem! Aber aufgesetzt ist sie mir! Das Grausen, das sie haben, diese Gäns', vor einem Manne, der kein Nest hat und bei dem 's Weib selber sein Brot muß verdienen. Na freilich, besser ist's schon, wenn das Mandel alles zusammenschleppt, was Weib und Kind not haben — ich glaub's. Ein armer Holzarbeiter kann so was nicht leisten und desweg ist er der Niemand bei den Weibsbildern. Aber wenn eine ins Wasserfloß stürzt und unters Mühlrad kommt, da ist er gut genug, der Waldbär, daß er sich gegen das Rad stemmt, ehe die Kröt' — Kreatur, will ich sagen — totgedrückt ist — ja freilich, da ist er gut —«

Der Wolfram war wieder frei geworden und so fragte er nun: »Red' deutlich, wie stehst denn mit ihr?«

»Hast es nicht gehört, im vorigen Winter? Am Faschingdienstag! Der Salmhofer läßt seine Leute zum Freiball gehen nach Geßnitz. Die Frieda auch mit. Ich vor sie hin, werb' um einen Tanz. Dank schön! sagt sie und geht einem anderen nach. Sich halb zu Tod tanzen und beim Heimgehen in der Nacht auf dem Steg schwindelig werden — und plumps in den Mühlbach. Schwimmen kann sie wie ein toter Spatz, und schnurgerade der Mühle zu, wo das Rad geht. Jesus, wenn ich ihr in derselbigen Nacht nicht wäre nachgeschlichen! Gleich spring' ich in die Radlaufe, stemm' mich an. Das Zeug steht still, und wie mein stolzes Schätzel dahergeschwommen kommt, zieh' ich's heraus und sag': Guten Morgen! — Nach einer langen Weile, wie sie wahrnimmt, wo und bei wem sie ist, und wie sie fertig vom Wasserspucken, sagt sie: Dank schön! und läuft davon. Just wie auf dem Tanzboden. Dank schön! sagt sie und läuft davon.«

»Das ist wohl brav von dir gewesen,« versetzte jetzt der Adlerwirt.

»Still sei!« knurrte der Holzhauer, »gelobt bin ich schon mehr als genug worden, das hilft mir nichts. Die Dirn will ich haben.«

»Hätte ich das gewußt,« also der Wolfram, »daß du ein Recht auf sie hast, so wollt' ich mich nicht an sie gemacht haben. Aber das möchte ich wissen: hat sie dich auch gern?«

Jetzt zuckte der andere zusammen, tief ließ er sein Haupt sinken, preßte das Gesicht in den Ellbogen seines Armes und hub an zu grölen.

»Zur Liebe kann man niemand zwingen,« sagte der Wolfram.

»Verfault! Ihre Knochen von den Würmern abgenagt, wenn ich nicht bin!« gurgelte der Waldmensch schluchzend. »Und ihr Leben, mit dem sie jetzt da drinnen wie eine Mairose steht, das hat sie von mir, das gehört mir! Und wenn ich zum hohen Gericht gehe, so muß es mir zugesprochen werden.«

»O du guter, armer Mensch,« sagte nun der Wolfram. »Leben und Liebe, das wird wohl ein großer Unterschied sein. Dir ist gewiß noch die Zeit im Kopfe, wo die Leute leibeigen gewesen sind. Wen du dazumal gekauft oder gewonnen hast oder auf der Straße gefunden oder im Mühlbach, der ist dein gewesen mit Seel' und Leib. Das ist anders geworden. Eine Dienstmagd hat freilich auch ihren Herrn; wenn ihr wer das Leben rettet, so soll sie dankbar sein, aber ihr Herz kann sie verschenken, an wen sie will.«

»Nachher ist's aus,« sagte der Schopper-Schub.

»Hast sie denn gar so gern, Holzknecht?«

»Sündhaft gern. Und schon lang her. Und gerade die! Und just die! Als ob ich besessen wär'! Zu Wallischdorf draußen habe ich einen Vetter, der hat mir vor einem Jahre sein Bauerngut wollen in Pacht geben, es wär' mir besser gangen, als wie da oben im Siebenbachwald. — Ich habe nicht fort können — ihretwegen nicht. Alle Sonntage gehe ich hinaus in die Geßnitzer Kirche und stehe hinter dem Turmpfeiler und schau' hin auf den Platz unter der Kanzel, wo sie sitzt. Und geh' dann wieder in den Wald zurück. — Wenn ich wüßt', wer mir diese Lieb' hat angetan!« Er knirschte mit den Zähnen, als wollte er einen Missetäter zermalmen.

Eine Magd, die mit dem Wasserzuber zum Brunnen kam, unterbrach dieses Gespräch. Der Schopper-Schub packte den jungen Adlerwirt am Arm und raunte ihm zu: »Hüte dich!« dann schritt er rasch über den dunklen Hof dahin.

Als der Wolfram in einer recht wunderlichen Stimmung zurück ins Haus kam, hörte er von mehreren Seiten zugleich, daß die Salmhofertochter von Geßnitz da sei! — Die Salmhofertochter! da horchte der junge Adlerwirt einmal auf. Und die Erregung im Wirtshaus war keine geringe. Das ist schon eine besondere Auszeichnung des Freiballes beim Schwambachwirt, daß ihn die Salmhofertochter besucht. Die Fürnehmste in der ganzen Gegend, die von den Burschen heimlich Begehrte und doch nur wenig Umworbene, weil sie stolz und unnahbar. Ist sie mit ihrem Vater da? oder mit einer Gesellschaft von Geßnitzer Bürgern und Bürgerinnen? oder gar mit einem Bräutigam, der sie heute das erste Mal als Braut aufzeigt! Das alles nicht! Ganz allein soll sie sitzen d'rin im Extrazimmer, nur die Schwambachwirtin bei ihr, welche ihr Gesellschaft leisten zu müssen glaubt, trotzdem sie draußen in der Küche alle Hände voll Arbeit hätte. Will denn niemand ins Stübel, die Salmhofertochter zu unterhalten? — Dachte der Wolfram: Kennen lernen möchte ich sie doch, dieselbige, von der es immer heißt, sie wäre die richtige Adlerwirtin. Was kann mir geschehen, wenn ich sie zu einem Tanz auffordere? Weist sie mich ab, so drehe ich mich vor ihrer Nase mit einer anderen um und um.

Wie nun aber der Wolfram ins Extrazimmer trat, sah er am weißgedeckten, mit feinem Backwerk besetzten Tische neben der dicken Wirtin das schwarzbraune Mädel sitzen, welches er mit der anderen, der Frieda, in seinem Wagen kecklich dem Walde entführt und nach Schwambach gebracht hatte. Und das — das wäre die Salmhofertochter, die stolze Kundel?

Er brauchte sich nicht erst nach einer Ansprache zu besinnen.

»Da ist er ja, der tapfere Ritter,« so redete sie ihn schier ernsthaft und gelassen an. »Schön ist es nicht vom Adlerwirt, daß er sich um die zweite Entführte gar nicht mehr umsehen will, bevor er die erste zu Tode getanzt.«

Der Wolfram stammelte eine Entschuldigung. Die Kundel sah recht gut ein, daß es das beste sei, das Abenteuer, welches ihr nun gar nicht geheuer schien, ins Scherzhafte zu ziehen. Sie rückte daher ein wenig auf der Bank und sagte: »Setzen Sie sich nur willig her zu mir, es wird Ihnen nichts mehr anderes übrig bleiben. Sie zahlen mir jetzt ein feines Nachtmahl, tanzen einen mit mir und führen mich dann wieder nach Hause.«

Das war alles so ernsthaft und kühl gesprochen, als ob sie zu einem Diener redete. Er setzte sich hin neben sie und tat, wie sie befohlen hatte. Alsogleich ward es im ganzen Hause kund: der schwarze Adler von Kirchbrunn und die Salmhofertochter von Geßnitz sitzen beieinander, essen und trinken miteinander wie ein Brautpaar. Und als die beiden gar Arm in Arm auf den Tanzboden traten, da wichen die Leute nur so in Staunen und Ehrfurcht zurück, daß das schöne junge Paar fast allein den Reigen tanzte im Saale. In der Ecke hinter dem Stiegenverschlag stand die Frieda, ein großer Schreck hatte ihr Antlitz blaß gemacht. — Er ist verspielt! so konnte sie noch denken, meine Haustochter hat ihn, da ist er verspielt für die arme Magd. Ist das ein Tag, dieser heutige Sonntag! — Wie das Paar in der Nähe vorüberreigte, trafen sich die Blicke des Wolfram und der Frieda. In diesem Augenblick war ihm, er tanze mit einem Stück Holz. Fast plötzlich, bevor der Tanz aus war, ließ er die Kundel los und machte vor ihr eine höfliche Verbeugung.

Es half ihm aber nichts, er hatte für den Abend ihr Ritter zu sein und war recht froh, als die Kundel den Wunsch aussprach, nach Hause zu fahren. Endlich saßen die beiden Mädchen wieder im geschlossenen Wagen und der Wolfram auf dem Kutschbock.

Als sie aus dem Hoftor des Schwambacher Wirtshauses fuhren, noch zum Abschiede mit hellem Musikklang begrüßt, sah der Wolfram, wie hinter dem Pfosten sich der Waldmensch duckte — dann ging es fort, hinaus in Nacht und Nebel.

Die beiden Mädchen im Wagen führten nicht die angelegentliche Unterhaltung miteinander, wie auf der Herfahrt. Die Kundel war mürrisch und breitete sich so sehr aus, daß die andere völlig in die Ecke gedrückt wurde. Wohl auch die Frieda war nicht aufgelegt zum Sprechen, sie hatte zu denken genug und zu tun genug, ihre Gedanken nicht zu verraten. Wie erschrocken war sie daher, als die Haustochter mit einem Male den Mund auftat: »Eine wahre Schand' ist's, wie du dich heute aufgeführt hast!«

Es hatte schon den Anschein, als wollte die Magd nichts entgegnen, endlich sagte sie aber doch: »Kann ich etwas dafür, daß er zuerst mit mir gegangen ist?«

»Du hast dich ihm ja angeklettet! Männersüchtige Rassel, du!«

Nun sagte die Frieda nichts mehr.

»Ich werd' mir's merken,« setzte die Kundel noch bei, und damit war das Gespräch zu Ende.

Der Kutscher Wolfram sah träumerisch auf die Bäume, Büsche und Wegplanken hin, die im Scheine der Wagenlaternen gespenstisch auftauchten und verschwanden. Die Laternenlichter warfen im dichten Nebel eine Art Heiligenschein um die Kutsche. — Ein sauberer Heiligenschein, das! dachte der Wolfram; wenn ich heute nicht sündige, so geschieht's einzig nur, weil die Gelegenheit dazu fehlt. Jetzt kann ich in der ödweiligen Nacht den langen Weg dahinradeln und nachher wieder zurück. Ein hübsches Vergnügen. Bis ich nach Kirchbrunn komme, stehen schon die Leute auf. Das hat man von seinem Übermut. Sonst nichts. — Hia! den Braunen wird's auch schon zu dumm.

Endlich waren sie auf dem Marktplatz zu Geßnitz. Der Wolfram wollte halten, aber die Kundel rief zum Wagenschlag heraus: »Vorwärts! Zum Salmhof hinauf!«

Und nach einer weiteren Weile hielten sie vor dem großen Hofe, der mit seinen weitläufigen Gebäuden wie leblos dalag. Nur ein gewaltiger Hund reckte sich mitten im Hofe und der knurrte ein wenig, schien ihm aber nicht der Mühe wert, sich weiter um das herangerollte Gefährte zu bekümmern.

Die Kundel wartete im Wagen, bis der junge Adlerwirt abgestiegen war und ihr den Arm zum Aussteigen bot.

»Und was wird jetzt mein Vater sagen?« fragte das Mädchen. »Wenn ich ihm nicht gleich nach der Ankunft in Schwambach einen Boten geschickt hätte, daß er weiß, wo ich bin — Sie hätten seiner Angst nicht geachtet.«

Jauchzen wollte der junge Mann über dieses Wort, es war ein Herzenswort gewesen, das erste, welches er von ihr gehört. Ein gutes Kind kann wohl auch ein gutes Weib sein ... Ei ja, mein Vater kann doch recht haben! Wer die einmal heimführt!

»Anläuten, geh'!« hastete die Kundel der Jungmagd zu, die schier kopflos dagestanden; und während diese nun an die Haustür eilte und den Glockenstrang zog, flüsterte die Salmhofertochter zum Wolfram: »Seien Sie schön bedankt, kühner Ritter! Aber wie böse ich auf Sie bin, das sollen Sie noch erfahren. Warten Sie nur! Schnell hinweg! Gute Nacht!«

Diesen raschen Abschied erklärte der Adlerwirt sich so, als sollten die Hausbewohner das nächtliche Gefährte nicht wahrnehmen; das war aber ein wenig anders, die Haustochter wollte es verhindern, daß er der Jungmagd gute Nacht sagen konnte. Und den Wolfram wurmte es richtig den ganzen Weg heimwärts, daß er ohne einen Händedruck, ohne ein einziges gutes Wort von Frieda hatte scheiden müssen.

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3. Abschnitt.

Jetzt würde männiglich raten, daß am anderen Tage der alte Adlerwirt zu Kirchbrunn seinem Sohne ein arges Wetter gemacht hätte. Anstatt am Sonntagnachmittage, war der Wolfram mit den Rössern am Montag früh nach Hause gekommen!

Männiglich hätte aber schlecht geraten. Als am Montag nach zwölf Uhr mittags der Wolfram erwacht war und die Küchenmagd ihm den Kaffee ans Bett brachte, kam auch der alte Adlerwirt herein, er brachte das Semmelkörbchen, schaute schmunzelnd auf den Burschen hin, der kerzengerade ausgestreckt da lag und gähnend sich noch ein Weiteres streckte.

»Geschlafen hast nicht schlecht,« sagte der Wirt.

Jetzt kommt's, dachte der Wolfram, und er hat ganz recht, ich verdiene schon eine Portion.

Aber es kam nicht.

»Trink' ihn, so lange er noch heiß ist,« riet der Alte, auf die Kaffeetasse deutend, »was Warmes tut immer gut nach einer solchen Nacht.«

Der Wolfram richtete sich, auf den Ellbogen gestützt, halb empor; der Hemdkragen war abzubinden vergessen worden, er lag noch um den Hals; durch die Spalte des weißen Hemdes sah man einen Teil der nackten Brust; das Gesicht des jungen Mannes war ein wenig blässer als sonst, also daß der junge Bart um so dunkler schattete. Die wirren, feuchten Haare hingen in braunen Tatzen und Ringen über die Stirn herab. Der Wirt schaute nicht ohne Wohlgefallen auf seinen Sohn. So ein hübscher Junge ist auch ein Kapital. Nur muß man ihn versilbern oder vergolden lassen. Sind ja auch in der Kirche die größten Heiligen vergoldet.

»Trau' einer noch einmal so einem Duckmäuser!« sprach nun der alte Wirt mit schwerem Wiegen des Hauptes und im Tone des Vorwurfes. »Wo unsereiner erst hindenkt, ist der schon gewesen. — Aber,« fuhr er fort, »lachen habe ich auch müssen gestern abends. Wie der Weidknecht heimkommt, sag' ich: Wo denn heute der Wolfram stecken mag mit den Pferden! Daß ihm am Ende kein Malheur passiert ist! — Oh, gibt der Weidknecht Antwort, dem jungen Herrn fehlt nichts, der sitzt draußen beim Schwambachwirt im Extrastübel und tut mit der jungen Salmhofertochter aus Geßnitz Nachtmahl essen. Wär nicht schlecht! sage ich. Ja freilich nicht, meint der Knecht und erzählt mir die ganze Geschichte, wie du sie mit dem Wagen zum Tanz geholt hättest. Teufel! denk' ich, der geht's scharf an! Der kennt sich aus. Je schwerer man an eine herankann, desto kecker muß man sie anpacken. — Jetzt hast gewonnen, Wolf, und ich kann dir's nicht sagen, wie mich das freut. Wirst sehen, jetzt stehst auf einmal ganz anders da. Neider wirst genug haben, ich glaub's! Und nun, Wolf, kann ich dir's wohl sagen: wir brauchen eine reiche Heirat so notwendig wie der Fisch den Schluck Wasser. Seit die neue Eisenbahn drüben geht, steht's nicht gut mit uns Wirtsleuten auf der Kirchbrunnerstraße. Zu harter Not, daß es mir bisher gelungen ist, unser Ansehen aufrecht zu halten, lange wär' das nicht mehr möglich gewesen. Wir stecken tief in der Schlamaß, mein Bub', wir stecken tief!«

Der Wolfram war von dieser Mitteilung nicht gerade erbaut, er sagte aber nichts darauf, sondern war von diesem bitteren Augenblicke an entschlossen, das Abenteuer mit der Salmhoferischen ernsthafter aufzufassen, als er es bisher getan.

»Schau nur dazu, Wolf, daß Ihr bald Hochzeit macht!« mahnte der Alte noch. »Ist gut, daß dem Professor sein Zimmer leer geworden, das lassen wir jetzt gleich herrichten. Wird Euch eh am liebsten sein, ist hübsch groß und ruhig.«

»Ja ja!« sagte der Wolfram ziemlich barsch, um dieses Gespräch abzubrechen, welches ihm durchaus nicht heimlich war. Er sah sein Verhältnis zur Salmhofertochter lange nicht so rosig als sein Vater, und wenn etwas Rosiges für ihn dabei war, so konnte es nur das blühende Gesichtlein der — anderen sein.

Auf gar keinen Fall war es zu leugnen, daß Wolframs Sinn nach dem Salmhofe in Geßnitz stand. Und es ereignete sich auch, daß er nun häufig nach Geßnitz fuhr, immer in Geschäften, wie es hieß. Einige Wochen vergingen so, da hatte der alte Adlerwirt die feinste Brautwerberfahrt veranstaltet.

Rollte eines Tages das sorgfältig aufgewichste Gefährte die Straße entlang gegen Geßnitz. Auf dem Bock saß heute der Pferdeknecht, aber hübsch mit flatterndem Hutbande. Im Wagen saßen der alte Adlerwirt und sein Schwager, der Herr Amtskontrollor aus der Kreisstadt. Beide im schwarzen Anzuge, mit Seidenhut und bunten Halsmaschen. Dem Adlerwirt war besonders in den weißen, stramm um die fleischigen Finger gespannten Handschuhen höchst unbehaglich, er war nicht imstande, den einfachsten Handgriff zu tun, selbst den Überrock mußte — als es gegen Geßnitz hin schwüler wurde — der Herr Schwager ihm aufknöpfen, und als sie zur Wegmauth kamen, fanden die eingepferchten Finger in den Taschen kein Geldschnäppchen, so daß wieder der Schwager aushelfen mußte. Trotzdem war der Adlerwirt guten Mutes und hieb dem Genossen ein- ums anderemal die breite Hand auf den Oberschenkel: »Na, was meinst, Schwager, wirst stecken bleiben bei der Anrede?«

»Du wirst dir noch die Hundeledernen zersprengen!« mahnte der Schwager fürsorglich.

Der Amtskontrollor war ein dürres Herrchen, dem auch die Kampflust, das heißt die Brautwerbelust aus den Augen blitzte. Der Adlerwirt hatte ihn eigens für diesen Zweck aus der Kreisstadt verschrieben. Es fährt sich doch ganz anders auf mit einer Autorität aus der Stadt, die Schick kennt und Vornehmheit hat. Das Amt, in welchem der Herr Schwager saß, oder vielmehr auf und ab sprang, bestand in einer Fahrkartenkontrollorstelle auf der Pferdeeisenbahn.

Nun also, im Bewußtsein voller Ehrenhaftigkeit fuhren sie den Hügel hinan gegen den Salmhof. Da fielen ihnen die zahlreichen armen Kinder auf, die — obzwar schon zur Allerheiligenzeit — barfuß und in schlechten Gewändlein den Weg hin und her liefen. Durch das weit offenstehende Tor rollte der Wagen so rasch in den Hof, daß es mit einem der Kleinen schier ein Unglück gegeben hätte. Alsogleich stand auch der dienstbare Bursche da, der die beiden Pferde in Obhut nahm, während die beiden Herren sich an einen Mann wandten, um so gleichsam wie im Vorübergehen ein wenig die Wirtschaft begucken zu können. Der Angesprochene führte sie bereitwilligst durch verschiedene Gebäude, und überall war es erstaunlich. Dieser Wohlstand, dieser Überfluß in allem. Die Haustiere in schönsten Rassen, die Vorräte an Feldfrüchten, an Heu, an Werkzeug, an Wagen und Schlitten, an Häuten, Pelzwerk und Wolle, an Edelholz, kurz an allerlei, woran die meisten Leute gar nicht denken, geschweige es besitzen.

Nach einem solchen Rundgang im Hofe kamen sie zum Eingange in das stattliche Wohnhaus; das Untergeschoß desselben war gemauert und weiß übertüncht, der obere Stock aus Holz gezimmert. Es hatte viele Fenster, die größer waren als solche bei anderen Bauernhöfen und mit zierlichen Holztäfelungen ausgeschlagen. Auch an den Dachvorsprüngen waren Holzschnitzereien, das Dach selbst war aus Schindeln, und über demselben ragten mehrere weiß übertünchte Schornsteine empor. Neben der Haustür an der Wand hing eine schwarze Tafel, auf welcher Kundmachungen klebten, denn der Salmhofer war Vorstand der Landgemeinde Geßnitz, die sich einen eigenen »Bürgermeister« wählte, seitdem der Ort Geßnitz selbst eine Marktgemeinde geworden war. Als die beiden Gemeinden sich trennten, wollte jede den Salmhof für sich haben, der lag so gut bürgerlich als bäuerlich, allein der Salmhofer mochte gedacht haben: lieber der erste Bauer, denn der letzte Bürger, und hatte sich zur Landgemeinde geschlagen, was ihm seine Nachbarn gar nicht hoch genug anrechnen konnten.

An der offenen Haustüre war in der unteren Weite ein zierliches Holztörchen, wie solche an vielen Bauernhöfen üblich sind und dazu dienen, daß vom Hofe das Kleinvieh nicht ins Haus laufen kann. An diesem Türchen grunzten heute aber weder Schweine, noch meckerten Lämmer oder Ziegen, es war umdrängt von armen Kindern, dreijährigen bis etwa zwölfjährigen, die ihre Händchen aufhoben und mit hellen Stimmen schrieen: »Bitt' gar schön um ein Allerheiligenbrot!«

Und hinter dem Törchen stand ein feines, etwas blasses, ernsthaftes Mädchen in dunkelblauem, fast städtisch geschnittenem Anzug, am Halse ein weißes Kräglein, wie es Männer tragen. Dieses Mädchen nahm aus einem großen Korbe, der neben ihm stand, geschnittene Brotstücke und verteilte sie an die Kinder. Die vorne standen, denen gab sie es in die Hand, den hinteren, vergeblich nach vorne drängenden warf sie die Stücke über den Köpfen zu und kümmerte sich nicht weiter um das Gebalge, welches darüber entstand.

»Da ist sie!« flüsterte der alte Adlerwirt dem Herrn Amtskontrollor zu, und sie zogen ehrerbietig vor ihr die hohen Hüte. Das Mädchen dankte dem Gruße mit einem fast unmerklichen Neigen des Hauptes, scheuchte mit einer lebhaften Handbewegung die Kinder auseinander, und unsere beiden Männer traten in das Haus.

Nach den »Herren Eltern« erkundigten sie sich bei der Kundel. »Bitte nur die Treppe hinauf, Mutter wird in der Küche sein!« Also in höflichem, aber entschiedenem Tone der Bescheid. Der Adlerwirt nickte dem Genossen vielsagend zu. Der Kundel war ihr erheuchelter Gleichmut ganz ausgezeichnet gelungen, nun aber huschte sie rasch unter die Stiege hin und spähte nach. Es schwante ihr etwas, als gehe dieser Besuch sie an. Für das Austeilen des Allerheiligenbrotes war nun alle Neigung dahin, sie stellte den Kindern den Korb mit dem Reste der Brote vor die Tür und schlich die Treppe hinan.

In der Küche waren zwei Weiber, welche mit langen Messern die Kohlkopfstengel zerschnitten und die Scheibchen in einen Kessel warfen. Beide waren wie Mägde angezogen, nur daß die ältere, eine magere und fast kümmerlich aussehende Person, ein weißes breites Schürzenband hatte, an welchem ein Schlüsselbund hing.

»Können wir mit der Frau Salmhoferin reden?« sprach diese der alte Adlerwirt auf gut Glück an.

»Was wird's denn sein?« fragte das Weib in fast schüchterner Weise entgegen und wischte ihre Hände an der Schürze ab.

»Wir sind von Kirchbrunn,« sagte nun der Herr Kontrollor, »und kommen in einer wichtigen Angelegenheit, wie sich's schon manchmal so fügt auf dieser Welt.«

»Dann müssen Sie schon zu meinem Manne gehen. Ich weiß nichts,« so antwortete die Salmhoferin, wies sie über den Gang bis zur letzten Türe links und ging wieder an die Bereitung des Schweinefutters.

Bei der letzten Türe links klopften die Männer höflich an. Drinnen hustete jemand. Nach einem Weilchen klopften sie zum zweiten Male, und drinnen hustete es zum zweiten Male. Nach dem dritten Klopfen schnarrte es im Zimmer: »Zum Satan, ja hab' ich gesagt!«

Es war barsch, doch der Adlerwirt hielt das Ja im Vorhinein für ein gutes Zeichen. Sie traten ein.

Es war eine schmale, längliche Stube mit zwei Fenstern und einem großen Kachelofen. Zwischen den Fenstern stand eine lange Lehnbank und daneben ein braunangestrichener Tisch. Auf der Lehnbank lag ein alter Mann, der nur mit Socken, einem schwarzen Beinkleide und einem grauen, locker um Brust und Arme flatternden Wollenhemde bekleidet war. Der Mann hatte auf dem Haupte fast kein Haar, hingegen einen üppigen, schneeweißen Bart. Das Gesicht war gerötet und hatte eine lange, wulstige Nase. Auf dem Schoß hatte der Mann ein weißes Kätzchen, das er fortwährend streichelte und mit Brotkrümchen fütterte. Auf dem Tische lag ein blaues, zusammengeknülltes Sacktuch, ein paar Brillen und ein Pack mit Schriften. Daneben stand ein grünglasierter Krug, aus welchem er häufig einen Schluck nahm.

Dieser Mann war der Salmhofer. Der alte Adlerwirt verleugnete seine Befangenheit und grüßte ihn wie einen Bekannten, denn der Salmhofer war ja oftmals eingekehrt bei ihm in Kirchbrunn.

»Au!« sagte der Alte und richtete sich ein klein wenig auf. »Das ist seltsam. Was seid Ihr denn so närrisch aufgestiefelt?«

Da stellte sich der Herr Kontrollor vor und begann so zu reden: »Hochachtbarer Herr! Die Schicksale der Menschen sind mannigfach und unerforschlich. Sie hätten wohl auch nie gedacht, daß wir einmal an Ihres Hauses Schwelle stehen würden, und zwar in einer Angelegenheit, die — in einer Angelegenheit, welche —« Da stak er.

»Was wollt's denn?« fuhr der Salmhofer mit seiner breiten, röchelnden Stimme drein.

»Daß wir an Ihres Hauses Schwelle stehen werden, und zwar in einer Angelegenheit, die —« Trotz des neuen Anrandes konnte er noch nicht weiter. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn.

»Still sei, Mistvieh!« sagte der Salmhofer zum Kätzchen, welches miaute, und gab ihm mit dem Finger einen zärtlichen Klapps.

»Bitt' Euch, macht's keine Faxen!« hierauf zu den Ankömmlingen, »kann mir's ja eh denken. Meiner Tochter die Fahrgelegenheit zum Schwambachwirt soll ich zahlen. Was kostet sie denn?«

Jetzt lachten die beiden und meinten, nun wären sie schon bei der Stange. »Billig fahre der junge Adlerwirt nicht bei Nacht und Nebel, leicht koste es den Passagier selber.«

Der Salmhofer hob von der Katze die Hand und machte damit einen Schlag in die leere Luft. War das die Antwort? War das nicht gerade, als ob er sagen wollte: Fort mit Schaden?

»Dafür stehe ich gut,« sprach nun der alte Adlerwirt, »einen braven Mann bekommt sie. Und lieb haben sich die jungen Leut' wie Tauben.«

Der Salmhofer tat aus dem Kruge einen langen Schluck, und auf seinem Barte noch die Tropfen, schnarrte er: »Mein Geld willst, Adlerwirt!«

»Aber! Aber!« rief der Adlerwirt. »Wer denkt denn an so was! Geld macht nicht glücklich, sage ich alleweil. Daß sie zusammenpassen, ist die Hauptsache. Das andere wird sich alles geben.«

»Losgehen kann's, wann's will,« sagte der Salmhofer und trank wieder. Während er trank, sprang das Kätzchen auf den Fußboden hinab; da fuhr der Alte empor, fing es ein und setzte es wieder sachte auf seinen Schoß.

»Nachher könnten wir vielleicht jetzt mit der Kundel reden?« meinte der Adlerwirt.

»Weiß schon, weiß schon,« wehrte der Salmhofer ab. »Das Mädel ist ja schon ganz dumm vor lauter Verliebtheit. — Da bleibst, Vieherl.«

Den beiden Männern kam es schier vor, der Alte sei nicht recht bei Trost. Der grüne Krug! Auf jeden Fall reichte der Adlerwirt ihm nun die Hand und sagte in feierlicher Stimmung: »Also abgemacht, Schwieger! Bruder! Gott segne unsere Kinder!«

»Ist schon recht, ist schon gut!« murmelte der Alte, und seine Handbewegung deutete an, sie könnten wieder gehen.

»Er hat zwar einen martialischen Rausch,« sagte der Herr Kontrollor vor der Tür, »aber richtig ist's. Er hat mehr gestanden, als er im nüchternen Zustande beigegeben hätte, und das kann uns recht sein.«

Auf der Hausflur begegneten sie der Kundel. Der alte Adlerwirt hielt ihr die Hand hin und sagte weichmütig: »Jetzt mache ich nicht viel Umstände mehr, Töchterl, ich darf wohl einen Gruß ausrichten beim jungen Adlerwirt zu Kirchbrunn?«

»Bitt' schön,« antwortete das Mädchen und senkte das Aug'.

»Und wann darf die Hochzeit sein?« fragte kühnlich der Herr Kontrollor.

»Je eher, desto besser,« antwortete das Mädchen. Da wußten die Brautwerber einstweilen genug.

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4. Abschnitt.

Der Winter war mit viel Schnee gekommen. Das wirtschaftliche Leben des Dorfes nahm eine neue Gestalt an, vom Walde wurden auf Schlarpfen[2] große Reisigfuhren gezogen, aus den Berggräben mächtige Holzblöcke geschleift, von den Teichen her schwere Eisladungen geführt. Wer einen Bau vorhatte im nächsten Jahre, der zog jetzt Zimmerholz und Steine zusammen; der Schnee — von welchem nicht Unterrichtete glauben, daß er die Wege versperre — hatte die Bahnen geschaffen, auf welchen die schwersten Lasten leicht weiter befördert werden konnten. Die Straße entlang schellte manch leichtes Schlittenzeug lustig fürbaß und hielt wohl mit seinen Insassen an in Kirchbrunn beim Adlerwirt auf ein Glas Wein. Seit es laut geworden, daß die einzige Tochter des Großbauern zu Geßnitz bald einfahren werde in das Adlerwirtshaus, war dieses den Leuten neuerdings anziehend geworden. Einzig nur das Weibervolk betrachtete nun dieses Haus nicht mehr ganz mit den wohlwollenden Augen als ehedem, aber das verdirbt nicht viel; Weibsbilder, meinte der alte Wirt, sind ohnehin nicht die besten Gäste.

Um diese Zeit kehrte eines Tages der Schopper-Schub ein im Adlerwirtshause. Er hatte immer denselben verwilderten Bart, der nie geschnitten wurde und der auch nicht eigentlich in die Länge wuchs, sondern mehr Neigung hatte, sich zu kräuseln und zu filzen, was dem Waldmenschen auch recht war. Mit dem Haupthaar stand es wahrscheinlich auch ähnlich, man sah es aber nie, weil der Mann den Hut immer auf hatte und die schweren schwammigen Krempen zu allen Seiten tief herabhingen. Das mattbraune Lodengewand hatte einige Flicken, doch sah man es an ihrer Ungefügigkeit, daß sie nicht von schlichtender Weibeshand herrührten. Eben fast so unbehilflich war der Verband, den er am linken Arme trug. Daß der Schopper mitten in der Woche Feiertag hatte, kam daher, weil er sich mit der Holzaxt unversehens die Hand gespalten hatte. Weiter war es nichts. Ein Kamerad hatte ihm ein Harzpflaster gemacht und den Verband angelegt; somit ist die Sache in Ordnung, nur daß der Mann einstweilen nicht arbeiten kann.

Also saß der Holzknecht da am dämmerigen Winkeltisch und trank etliche Gläschen Branntwein.

»Wo ist denn der Jungherr?« fragte er auf einmal kurz und scharf.

»Wo wird er denn sein!« antwortete der alte Adlerwirt, »in Geßnitz wird er sein. — Hast was mit ihm?«

»Will selber mit ihm reden,« sagte der Schopper. »Ich kann ihm ja nachgehen. Hab' eh Zeit dazu. Was macht's!«

»Dreimal drei macht neun,« rechnete der Wirt die drei Gläschen zusammen. »Bekommst von zehn einen Kreuzer heraus.«

»Schenkt ihn einem Bettler,« sagte der Schopper. Da lugte der Wirt einmal. — Seit wann geben denn die Herren vom Siebenbachwald Trinkgeld? Wahrscheinlich, seit sie sich selber die Knochen entzweihauen.

»— Soll einmal ein Vaterunser dafür beten,« setzte der Holzknecht bei, während er sich rasch von der Bank erhob und, den Stock fest auf den Boden stoßend, davoneilte.

»Für einen Kreuzer ein Vaterunser,« murmelte der Wirt, die kleine Münze in der hohlen Hand schüttelnd, »viel Andacht wird man da nicht verlangen können.«

Der Schopper-Schub wanderte die Straße entlang gegen Geßnitz. Der Weg war wohl für den Schlitten eingerichtet, aber nicht für ungelenkige Füße. Das glitt immer nach rechts oder nach links und brachte den Mann in Gefahr, auf seine wunde Hand zu fallen. Trotzdem setzte er seinen Stock fest ein und kam vorwärts. Er sann unterwegs, wie er es machen werde auf dem Salmhof. Das waren ja zwei triftige Gründe, wesweg er jetzt hinausging. Ein fast leidenschaftliches Dankgefühl hatte ihn vom Siebenbachwald herausgetrieben. Der in sein enges Wesen zutiefst eingesponnene und doch vielleicht gelegentlich einer Selbstentäußerung fähige Waldmensch glaubte, daß der junge Adlerwirt rein ihm zuliebe von der Frieda abgestanden sei und, damit aller Zwiespalt aufhöre, rasch die andere heiraten wolle; denn es war ihm nicht möglich zu denken, daß unter allen jungen Weibern der Welt nicht die Jungmagd Frieda die Begehrenswerteste sein sollte! — Adlerwirt! wollte er sagen und ihn um den Hals packen, für mein Lebtag bin ich dein Knecht! Wenn du einmal in Not solltest sein, so rufe mich! Du bist mein treuester Freund auf der Welt! Du hättest das Mädel haben können und hast es mir überlassen, hast dich einer Fremden angeschmiedet, die dir gleichgültig ist, höllisch gleichgültig. Gott geb's, daß sie dich recht lieb hat! Und wenn du einmal wen brauchen solltest, Wolfram, der für dich lebt und stirbt, so laß mich holen! — Also wollte der Schopper zu ihm sprechen, daß seinem heißen, in Zorn wie in Freude überschwänglichen Herzen Genüge getan werde. Dann wollte er aber auch ernstlich an die andere herantreten und am heutigen Tage die Sache endgültig machen. — Hopp! jetzt lag er im Schnee.

Wenn es so fortgeht auf der Rutsche, so wird das mühsam bis Geßnitz. Ein feines Schellen hörte er hinter sich. Mit flinkem Rößlein jagte und auf leichtem Schlitten saß der Groß-Grübinger von Kirchbrunn, er fuhr auch gegen Geßnitz. Ei, dachte der Holzknecht, dem ist's ein leichtes, daß er mich mitnimmt. Als der Schlitten vorüberschliff, rückte der Schopper manierlich den Hut, aber der Grübinger tat nichts desgleichen.

»He!« rief nun der Holzknecht dem Gefährte nach, zog sein blaues Sacktuch aus der Tasche und hielt es hoch in die Luft, »he, Vetter! Vetter Grübinger!«

Der Bauer hielt an: »Was ist denn?«

»Ihr habt Euer Sacktuch verloren!« rief der Holzknecht. Die List gelang; während der Bauer seine Taschen durchsuchte, kam der Schopper zum Schlitten heran und legte seine Hand schon an das Joch.

»Mir gehört er nicht, der Fetzen!« brummte der Bauer und wollte es wieder vorwärts gehen lassen.

»Nachher muß er wem anderen gehören,« meinte der Holzknecht und steckte das Tüchel in seinen Sack. »Aber gelt, Vetter Grübinger, Ihr seid so gut und habt nichts dagegen, wenn ich mich da hinten auf die Kurve stelle. Ich will nach Geßnitz und es geht so kläglich auf den Füßen. Euer braver Rappen —«

»Kunnt mir einfallen!« lachte der Bauer grell auf, »Hia!« Und der Schlitten glitt rasch dahin, kaum hatte der Schopper Zeit, das Joch auszulassen; sich an dasselbe haltend, stolperte er eine Weile hinten drein, bis der Bauer ihm mit dem Peitschenstock eins auf die Finger gab. Da ließ er los und stand wieder allein mitten in Schnee und Nebel.

»Die Leute sind hart,« murmelte er vor sich hin; um so weicher ist der Schnee, in welchen er seine Fersen wieder kräftig einsetzte. Es ging langsam fürbaß.

Als er nach Stunden durch den Markt Geßnitz schritt, war es finster, was sich gar nicht übel traf. Schon einmal hatte ihn hier der Gendarm festgenommen, obschon auch bald wieder losgelassen, nachdem es sich herausgestellt, daß hinter der verwilderten Hülle ein gewöhnlicher Holzknecht steckte. — Auf dem Turme läutete die Abendglocke. Er zog seinen Hut vom Kopfe und betete: »Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft ...« Der junge Adlerwirt war ihm nicht begegnet, also mußte er wohl noch im Salmhofe sein. Der Schopper ging den Hügel hinan, aber nicht nach dem breiten Fahrweg, sondern hinterwärts auf dem Rainsteige. Den Wirtschaftsgebäuden trachtete er zu, er wußte wohl die Futterkammer, in welcher die Jungmagd um diese Zeit ihre Arbeit zu verrichten pflegte. — »Heut' nimm dich zusammen, Schopper-Schub,« so ermahnte er sich selbst. »Denk' nicht immer daran, daß du verachtet bist. Denk', daß du auch ein Mensch bist wie alle anderen, und sei herzhaft. Gesund und stark zum Arbeiten, niemand kann dir was ausstellen im Holzschlag, du verstehst dein Geschäft. Niemand kann dir was nachsagen; was du dein Lebtag hast angestellt, das ist nur dein eigener Schaden gewest. Die neue Riesen wird sich machen im Waldschlag. In ein paar Jahren bist Holzmeister, da kannst Weib und Kind erhalten so gut wie ein Graf. Warum soll sie dich nicht gern haben? Wenn ihr dein Gewand nicht gefällt, so wirf's weg, der inwendige Kerl wird nicht zu schlecht sein für eine brave Dirn. In Gottesnamen, Schopper!«

Der junge Adlerwirt hatte sich im Laufe desselben Nachmittags in der großen Wirtschaft des Salmhofes herumgetrieben. Anfangs tat er solches in Begleitung seines künftigen Schwiegervaters, dieser wurde aber bald zurückgerufen, er hatte in Gemeindevorstandsgeschäften zu tun. Der Wolfram spähte überall umher und spielte mit dem Gedanken, was mit all dem geschehen werde, wenn einmal Vater und Mutter mit Tod abgehen sollten. Gegen Abend ins Haus zurückgekommen, gab's eine Jause, aber eine etwas zerrissene. Die Salmhoferin trank ihren Kaffee in der Küche, der Salmhofer trank seinen Weinkrug auf der Stube aus, die Haustochter Kundel schlürfte ihren Tee im Küchenzimmerchen und knusperte süßes Backwerk dazu. Der Wolfram, welcher neben ihr saß, dankte für den ihm gebotenen Imbiß, er sei nicht gewohnt, eine Jause zu nehmen, aber eine Zigarre, wenn er sich anzünden dürfte! Hierauf besprachen sie die Hochzeit. Die Kundel gestand vielleicht mehr unwillkürlich als absichtlich, daß es ihr manchmal schrecklich sei auf dem Salmhofe, daß sie froh sei, diesem Orte zu entkommen. Elternliebe, wovon andere Leute sprechen, habe sie ja doch nie kennen gelernt. Der Vater habe sie ein paar Jahre lang in ein Institut gesteckt, sie nachher zu einer Zierpuppe herrichten wollen, um sich mit ihr zu prahlen; bei der Mutter wäre überhaupt nichts zu suchen, diese verrichte in der Küche ihre tägliche Arbeit, die gerade so gut auch eine Magd besorgen könne, und sei dann zufrieden. — Dem jungen Adlerwirt schmeichelte dieses Vertrauen der Braut und es kam ihm fast gemütlich vor im Stübchen, bis die Kundel plötzlich und ziemlich rasch das Fenster aufmachte. Der Tabakrauch ging freilich hinaus, aber die kalte, neblige Winterluft ging herein. Endlich verabschiedete der Bräutigam sich, und während die Pferde eingespannt wurden, stand er draußen in der Tür der Heukammer und plauderte ein wenig mit der Jungmagd. Er lehnte an dem einen Pfosten der Tür, sie an dem anderen, weiter ließ sie ihn mit der brennenden Zigarre nicht in die Kammer. Sie tat's aber nicht des Rauches, sondern der Feuersgefahr wegen.

Ihr Gespräch wurde ganz leise geführt. »Frieda,« sagte der Wolfram, »du wirst doch auch bei der Hochzeit sein?«

»Weiß es nicht,« antwortete sie, »ich werde wohl müssen haushüten. Die Haustochter hat schon so etwas gesagt.«

»Hat sie?« fragte flüsternd der Bräutigam. »Nein, Frieda, ich will's haben, daß du bei meiner Hochzeit die erste Kranzljungfrau sein sollst. Es geht doch!«

»Ja, gehen tät's schon,« meinte die junge Magd, »aber sein darf's nicht.«

»Wer sagt das?«

»— Sie.«

»Das möchte ich wissen. Ihr seid ja immer gut gewesen miteinander? Und kameradschaftlich.«

»Früher, ja,« sagte die Frieda, »aber seit dem Tanz beim Schwambachwirt ist sie arg auf mich.«

»Laß es gut sein, Dirndel,« entgegnete der junge Adlerwirt. »In das Kapitel werde ich auch etwas dreinzureden haben. Sie mag zur Hochzeit laden, wen sie will, ich werde es auch tun. Und verhoff's, daß wir uns bei der Hochzeit nicht das letzte Mal sehen werden, Dirndel. Gib mir die Hand drauf!« Und er schnalzte mit der Zunge, was so seine Gewohnheit war, wenn er Mut und Übermut in sich fühlte. »Dirndel, die Hand drauf!«

»Auf das gebe ich keine Hand,« war ihre Antwort, »der Mensch weiß nicht Zeit und Stund.« Zögernd und zagend hatte sie das gesprochen.

»Und auch zum Abschied willst mir die Hand nicht geben?« fragte er nicht ohne Beklommenheit.

»Zum Abschied — schon gar nicht,« antwortete das Mädchen.

»Frieda!« erscholl es in diesem Augenblicke von der Stallwand her. Die beiden stoben auseinander. Eine männliche, hohle Stimme war es gewesen. Der junge Adlerwirt sprang in den Schlitten, und vorwärts ging's durch Nacht und Winter gegen Kirchbrunn.

An demselben Abende war's, als die Jungmagd Frieda die Tür ihrer Kammer verschlossen hatte und nun vor einem Muttergottesbildchen, welches an der Wand klebte, ihr Nachtgebet sprach, als auf einmal wie ein Gespenst der Holzknecht vor ihr stand. Der Schreck war so groß, daß ihr zum Schrei die Stimme versagte. Beide Hände ans Herz gedrückt, so sank sie mit einem Hauch auf den Schemel hin.

»Geschehen tut dir nichts,« also sprach nun der Schopper. »Aber das Leutrufen laß sein. Sie brauchen es nicht zu wissen, was wir zwei miteinander zu reden haben.«

»Wir haben nichts miteinander zu reden,« konnte jetzt die Frieda sagen. »Geh fort! Du hast dich wie ein Dieb hereingeschlichen! Geh fort!«

»Hast wohl recht, Dirndel, wie ein Dieb!« entgegnete der Schopper. »Weil ich deinetwegen schlecht werden muß. Aber daran schuldig bist du. Zu einem Engel hättest mich machen können. Und jetzt — jetzt kann ein Teufel draus werden.«

»Fort geh!« rief das Dirndel und sprang zur Tür, um sie zu öffnen. Er fing sie auf, hielt ihr die Hand fest und sagte: »Frieda. Sei barmherzig. Schau, ich bin ein armer Bursch'. Glaubt hätt' ich's nimmer, daß einen die Lieb' so kunnt zurichten. Zwingen kann ich dich nicht, Frieda. Ich sag' dir nur das: Wenn du mich nicht nimmst, so erleben wir was. Mit mir und mit dir! Ich spring' ins Verderben und du in dein Unglück. Der junge Adlerwirt! Unterwegs her bin ich noch voller Vertrau gewesen zu ihm. Und was ich jetzt hab' gehört!«

»Was hast denn gehört?«

»Mehr, als er geredet hat, meine liebe Dirn! Daß der so schlau ist, das hätte ich mir nicht gedacht. Die eine heiraten, die andere gern haben! Bist denn du blind, Frieda! Oder bist wirklich so schlecht?«

»Holzknecht,« versetzte jetzt das Mädchen ruhiger, »laß mich aus, dann will ich reden.«

Im Augenblick ließ er ihre Hand los.

»Für mich,« so redete sie nun, »wär' es auch besser, du hättest mich zerdrucken lassen vom Mühlrad. Ich dank' dir's nicht, daß du mich hast herausgezogen. In der Unschuld wäre ich gestorben, und wie es jetzt steht, seh' ich vor mir nichts, als lauter Sünd' und Elend.«

»Den Adlerwirt mußt vergessen!« sagte der Schopper.

»Vergessen! Weißt du, was du redest? Kannst du vergessen? So vergiß mich, ich geh' dich ja nichts an. Bin nicht deine Schwester und nicht dein Geschwisterkind. Such' dir eine, die besser für dich paßt, und mich laß in Gottesnamen zugrunde gehen, wenn es mir schon aufgesetzt ist, daß ich seinetwegen zugrunde gehen soll.« Sie weinte.

Der Waldmensch stand wie erstarrt vor ihr. Endlich antwortete er: »Um das von dir zu hören, bin ich heute weit aus dem Siebenbachwald herausgekommen. — Du, Frieda! Flennen darfst mir nicht! Flennen kann ich dich nicht sehen!« Fast wie drohend stieß er die letzten Worte heraus, und dann fuhr er mit den Fingerspitzen über ihr Haar hin, als ob er sie streicheln wollte. »Frieda!« fuhr er milder fort. »Vor neun Jahren am Magdalenatag, wie sie deine Mutter haben in die Erden gelegt, habe ich dich zum ersten Mal gesehen. Wie du dazumal geweint hast, du liebes Kind, du arme Waise, so verlassen auf der Welt, — wie du dazumal so geweint hast, das geht mir nimmer aus dem Kopf, gar nimmer.«

»Mein Gott,« flüsterte jetzt die Frieda, »du bist ja ein guter Mensch, ein herzensguter Mensch. Aber jetzt mußt du fortgehen, du armer Bursch, schau, es kann nicht anders sein. Ich habe ja nichts gegen dich, wenn ich nur könnt', wie wollt' ich dich lieb haben mit Freuden, dich ganz allein. Und es hätt' eine gute Wendung. Wie es jetzt steht, ich weiß mir ja nicht zu raten und nicht zu helfen.«

»Sollst schuldigerweis so reden?« fragte er.

»Gott Lob und Dank, nein!« antwortete die Jungmagd, »aber fürchten tu' ich mich, so oft ich ihn sehe. Bei der Hochzeit will ich nicht sein, nach Kirchbrunn auch mein Lebtag nicht gehen. Ich will mich ja hüten, soviel es menschenmöglich ist. An meine Mutter hast mich gemahnt, Schopper. Ihr letztes Wort zu mir ist gewesen: Frieda, wenn du dir nicht aus weißt, so knie' hin und tu' beten. Ich will's tun, Holzknecht, und will so lange beten, bis ich dich recht lieb hab, und nur dich allein.«

Das sagte sie mit solcher Innigkeit, als wäre die Liebe zu ihm bereits da.

»O glückselige Stund'!« wimmerte der Waldmensch und drückte sein bärtiges Gesicht an ihre Schulter, in ihr Haar, »du herzliebe Dirn, ich geh' schon, ich geh' gern. Beten! Beten! Gute Nacht, du herzliebe Dirn!«

Also stürzte er wie rasend vor Glück davon, hinaus in die tiefe Winternacht, den jauchzenden Himmel im Herzen, seinen fernen Wäldern zu.

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5. Abschnitt.

Ganz Geßnitz war in Aufruhr. Bald nach Mitternacht schon hatten sie angefangen mit den Pöllern zu knallen, und zwar nicht bloß auf dem Salmhof, wo hinter dem Hause ein großes Feuer brannte, sondern auch bei anderen Bauernhöfen der Umgegend, die da zeigen wollten, welch freudigen Anteil sie nähmen an dem Fest- und Ehrentage der Familie ihres großständigen Gemeindevorstandes. Und als über den Dunstschichten der große, rote Sonnenball heraufstieg und die Hochzeitsgäste gegangen, gefahren kamen von allen Seiten her, da knatterten auch die Pistolen drein, das Kleingewehrfeuer zu den Kanonenschüssen, daß es schier zu hören war, als würde eine große Schlacht geschlagen im Tale von Geßnitz. Wo der Weg vom Salmhofe in den Markt hineinmündet, war sogar ein Schwibbogen gebaut aus Fichtenreisern. Von der Gärtnerei der Herrschaft Klobenstein war ein großer Brautstrauß gekommen als Hochzeitsgabe, denn der Klobensteiner Baron und der Salmhofer standen miteinander in reger Geschäftsverbindung.

Übrigens hatte die Hochzeit des jungen Adlerwirtes mit der Salmhofer Tochter etwas Städtisches. Es gab dabei Herrschaften in Frack und mit hohen Seidenhüten, worunter der Herr Schwager Amtskontrollor eine der würdigsten Erscheinungen war. Auch der Salmhofer trug einen sehr langen Frack, einen schwarzen Röhrenhut, einen hohen, aufgesteiften Halskragen mit zwei an beiden Seiten des Kinnes hervorstehenden Spitzen, eine schneeweiße Weste, die über den halben Bauch hinabging, ein schwarzes Beinkleid und tadellose weiße Handschuhe. Die Salmhoferin an seiner Seite sah dagegen ganz bäuerlich und fast ärmlich aus. Der Bräutigam war in schwarzem, dorf-bürgerlichem Anzug, der sich nur auszeichnete durch das Myrtensträußchen am linken Brustflügel. Dieses schwarze Gewand gab dem jungen Manne ein überaus interessantes Aussehen, sein Gesicht schien blasser als sonst, und in seinem großen Auge war ein seltsamer Schmelz, wer es nur hätte sagen können, ob mehr auf frischen Mut oder auf weichmütige Rührseligkeit hinweisend. Seine natürliche Heiterkeit schien er heute daheimgelassen zu haben beim Alltagsgewand, ernsthaft, gesetzt, wie es einem Bräutigam ansteht, war sein Wesen, und man sah gleich, daß die Würde des Großbauernhofes sich auf ihn zu vererben begann. Die Braut Kunigunde trug ein schweres weißes Seidenkleid mit Schleppe, und auf dem kunstvoll geflochtenen, fast schwarzglänzenden Haar ein Myrtenkränzlein. Ihr schönes Gesicht war jetzt, wie sie vor dem Altare standen, als ob es von reinstem weißen Marmor gemeißelt wäre. Man hatte zu Geßnitz nie eine Braut gesehen, die so würdig und ernst war, und nie eine, die am Hochzeitstage nicht einmal ein wenig gelächelt und nicht einmal ein wenig geweint hätte. Aber die Kunigunde war eine solche. Manche behaupteten, das wäre ein tiefes Wasser, auswendig eine Mutter Gottes, inwendig —. Ein Glücksmensch sei dieser Adlerwirt! Die Braut so schön, so achtunggebietend, so reich! — Ob sie für eine Wirtin am Ende nicht doch ein wenig zu vornehm ist! Wirtinnen können nicht artig genug sein. — Oho, Wirtinnen können nicht zurückhaltend und ernsthaftig genug sein! — Ein Glücksmensch, dieser Adlerwirt!

Als das Brautpaar vor dem Altare stand, als der Wolfram ihre zarte kleine Hand in der seinen hielt, als der Priester die Stola darüber wand, da machte der junge Adlerwirt im Herzen ein Gelöbnis. — Ich will ein treuer Mensch sein. Junge, leblustige Weiber gibt es genug, auch solche, die Ehrenhaftigkeit verkaufen! Nein. Ich habe jetzt mein Weib. Und ist sie gleichwohl noch frostig wie ein Märztag, ich will so viel Sonnenschein auf sie legen, bis die Blume aufblüht. Durch die Liebe kann man alles überwinden, sagt mein Professor Nix, auch die schlimmen Weiber. Schlimm aber ist sie gar nicht, nur ein wenig herb. Und herbe Trauben geben den haltbarsten Wein. Mein liebes Weib, du! — Er drückte ihre Hand, sie wußte freilich nicht, was er dachte.

Die Mahlzeit im Salmhofe war üppig bis zum Tischbrechen. Auch dabei ging es so vornehm zu, daß alle Kellner von Geßnitz anwesend waren, um an der Tafel die Speiseschüsseln herumzutragen von Gast zu Gast. Die Braut winkte fast jedes Gericht mit einer Handbewegung ab, sie aß nichts, sie trank nichts, sie sprach nur wenig, ließ aber ihr wachsames Auge stets in die Runde gehen, um die Ordnung des Dienervolkes zu überwachen und etwaige Verstöße desselben mit einem strafenden Blick, mit einem tadelnden Worte zu rügen. Der Wolfram suchte mit der nebensitzenden Schwiegermutter ein Gespräch zu unterhalten; es war jedoch mit der einfachen, bescheidenen Frau nicht viel anzufangen. Um so mehr fröhlichen Lärm machte der Salmhofer, besonders wenn das weiße Kätzchen, welches er bei sich auf dem Schoß hatte und mit Leckerbissen fütterte, auf den Tisch sprang und ungebührlich ward. Also, dachte der Wolfram, werden wir uns nur ans Essen und Trinken halten, dieser Tag wird mit Gottes Hilfe ja auch nicht ewig dauern.

Am Abende, als die Lichter gekommen waren und die Musikanten, hub die Hochzeitsgesellschaft einen anderen Takt an. Es ward laut und lustig, die Leute wogten durcheinander, aber die Braut zog sich zurück auf ihr Stübchen, weil ihr die Aufregung und der Lärm des Tages ein wenig Kopfschmerz verursacht hatten.

Der Wolfram ging hinaus in die frische Luft. Ein klarer Sternenhimmel flimmerte, der Adlerwirt sah ihn kaum, er war in verschiedenerlei Empfindungen versunken, und auf einmal tat er einen tiefen Atemzug und sagte halblaut: »Also wäre ich verheiratet!«

Dann kam ihm zu Sinn, was er am Altare gedacht und daß er nun von jemandem Abschied nehmen müsse mit allem Ernst.

Im Wirtschaftsgebäude war die Gesindestube hell beleuchtet, da drin ging's fröhlich zu, der Wolfram trat ein. Mit hellem Geschrei hoben sie ihm die Gläser entgegen und tranken auf seine Gesundheit. Er setzte sich ein bißchen zu dem Gesinde an den Tisch, da erschien die Aufträgerin mit frischem Teller und Glase, legte ihm Krapfen vor, und einschenken, meinte sie, würde er sich wohl selber können.

»Ja, Frieda!« lachte der Bräutigam der jungen Aufträgerin zu, »einschenken, das kann ich, aber austrinken mußt du. Auch von dir will ich eine Gesundheit haben.«

Die Jungdirn nahm das Glas, schwenkte es ein wenig gegen ihn: »Zur guten Gesundheit!« und nippte.

»Jetzt ist's recht!« rief der Wolfram lustig mit der Zunge schnalzend und faßte sie an der Hand und blickte ihr frisch ins Auge, »trink' noch einmal, Frieda!«

»Dank' schön!« antwortete sie schmunzelnd, »es möcht' zu viel sein.«

»So gib her!« Er nahm ihr das Glas aus der Hand, und während er ihr fest ins Auge blickte, leerte er es auf einen Zug.

Als er nachher wieder über den Hof schritt, ward ihm bedenklich. — Ein Abschied das? —

Also das war die Hochzeit gewesen.

Und nun kam das Siedeln. Der Möbelfuhren von Geßnitz nach Kirchbrunn waren so viele, daß die Leute schon sagten: »Mein Gott, wie wird denn das alles Platz haben beim Adlerwirt, es zersprengt ja das Haus!«

Frau Kunigunde war eingerichtet wie eine Gräfin. Alles nagelneue Sachen. Rokoko war Mode. Rokoko! Man wußte zwar nicht, was das war, bestellte es aber. »Kosten tut auch ein Trödel was,« hieß es, »also am besten, sich gleich ordentlich einrichten.« Es gab Überraschungen, als die Sachen ankamen. Frau Kunigunde war nicht so leicht zufriedengestellt von den Arbeiten der Tischler und Tapezierer aus der Kreisstadt, sie meinte, das plumpe Zeug sei gar nicht anzusehen und es wäre am klügsten, solche Dinge geradeswegs aus Paris zu bestellen. Mit diesem Sinn für die feinste Vornehmheit setzte die junge Frau ganz Kirchbrunn in Erstaunen.

Ungefähr eine Woche nach der Hochzeit war der Salmhofer angefahren gekommen, um sich das neueingerichtete Nest der jungen Leute zu besehen.

»Nur so zu, Wolf!« schnarrte er den Schwiegersohn an. »Meine Tochter hat Erziehung genossen. Halt' sie fein! Laß ihr nichts abgehen! Für die Küche nimm dir eine Köchin, mein Kind hat Nerven, die nicht für den Küchendunst sind.«

Der Wolfram nahm diese Verhaltungsmaßregeln ganz ruhig hin. Nach einem Imbiß, der dem Schwiegervater vorgesetzt worden und wobei der Salmhofer einmal seinen würdigen Bart streichelte und das andere Mal seinen Oberschenkel, obzwar heute das weiße Kätzchen nicht darauf saß — bat der alte Adlerwirt ihn auf ein Wort in seine Stube. Der alte Wirt war vor langem Zuwarten auf eine gewisse Unterredung schon ganz aufgeregt geworden. Und weil der Schwieger auch heute wieder nichts desgleichen tat, als wäre eine solche an der Zeit, so machte der Wirt nun keine Umstände mehr.

»Schwieger,« sagte er, ihm einen Sessel hinschiebend, »mußt schon entschuldigen, es ist, daß man sich einmal ausredet von wegen Lebens und Sterbens. Wir sind nimmer jung, und mein Sohn weiß, was er von mir zu erwarten hat. Es ist, daß er weiß, wie er daran ist und die Wirtschaft einrichten kann.«

»Hast ganz recht, Adlerwirt, nur alles in Ordnung machen,« antwortete der Salmhofer. »Weiß auch, daß mein Kind bei Euch gut gestellt ist. Ist ein gutes Kind, wer es zu behandeln versteht, ein herzensgutes Kind.«

»Und eine rechtschaffen stolze Natur,« lenkte der schlaue Adlerwirt über, »so daß ich mir schon gedacht habe, ob sie nicht etwa gedrückt ist, wenn ... Das möchte ich ihr nicht wünschen! Sie wird auch auf was pochen wollen, und hat ganz recht. Ich meine, Schwieger, du — sollst was schreiben lassen.«

Der Salmhofer hatte sich kaum gesetzt, so stand er jetzt wieder auf, nahm Hut und Stock; aber noch an der Tür wendete er sich um und stieß sprudelnd die Worte hervor:

»Ich glaube, die Ausstattung ist nicht zu gering ausgefallen. Hat mich bare zweitausend Gulden gekostet. Nach meinem Ableben — wenn ich um ein Eichtel Geduld bitten darf! — wird sie kriegen, was da ist. Wer denn sonst?«

Ohne ein weiteres Abschiedswort ging der Großbauer zur Tür hinaus und fuhr davon.

Etwas kleinlaut teilte der alte Adlerwirt dem jungen dieses Gespräch mit und fügte bei: »Heißt's halt so weiter fretten derweil. Wie lang wird er's denn machen! Er trinkt zu viel.«

Der Frau Kunigunde war es nach ihrem Einzuge ins Adlerwirtshaus vor allem darum zu tun gewesen, jedermann zu zeigen, daß sie hier die Frau sei. Alles wurde geändert, schon in den ersten Tagen. Kein Möbelstück blieb an seinem Platze stehen, und wenn der Wolfram einwendete, das sei schon bei seiner Mutter Lebzeiten so gewesen, gab sie zur Antwort: »Liebes Kind, also hat's deine Mutter gestellt nach ihrem Belieben, und ich werde es auch tun.« Im Salmhofe war um zwölf Uhr Mittagszeit, also mußte auch im Adlerwirtshause die Suppe um zwölf Uhr auf dem Tische stehen. »Kundel,« gab ihr der Wolfram zu bedenken, »in den Wirtshäusern macht sich eine spätere Mittagsstunde besser, wenn die Gäste gespeist haben.« — »Was kümmern mich die Gäste!« war ihre Entgegnung.

Der Wolfram wußte wohl, was darauf zu sagen war, doch er wollte nicht streiten. »Junge Hausfrauen sind schon so,« tröstete ihn der Vater, »und sie wird sich die Hörner schon abstoßen.«

Auch mehrere Dienstboten, die sich nicht gleich in die neue Hausordnung schicken konnten, wurden entlassen und neue aufgenommen. Und gerade wenn eins recht brauchbar war und schon lange im Hause, gerade das mußte fort. Die Frau Kunigunde wollte nicht, daß ein Dienstbote im Hause sei, welcher besser Bescheid wußte als sie selber.

»Daß dir die fremden Gesichter nicht zuwider sind!« sagte einmal der Wolfram zu seiner Frau.

»Mir sind die einen wie die anderen fremd,« war ihre Antwort.

»So möchte ich an deiner Stelle wenigstens solche nehmen, die ich schon kenne. Dein Vater wollte dir gewiß gerne ein paar Leute von seinem Hofe abtreten, die deiner Art und Weis' leichter nachkommen könnten. Besonders Weibsleute solltest verläßliche um dich haben.«

»Meinst?« gab sie lauernd zurück.

»Wir haben jetzt keine ordentliche Küchenmagd und keine Weidmagd.«

»Wie soll sie denn heißen?«

»Heißen kann sie wie sie will, aber brav und fleißig muß sie sein.«

»Soll sie nicht Frieda heißen?« fragte spitzig die Frau Kunigunde.

Der Wolfram tat überlaut einen Lacher. »Wie du jetzt auf die Frieda kommst!« Er brach ab und ging hinaus.

Von diesem Tage an war er eine Weile wortkarg. Und damit Frau Kunigunde die Ursache nicht merken sollte, warf er ihr unverhohlen vor, daß das nicht schön wäre von ihr, dem alten Vater die liebgewordenen Gewohnheiten zu vergällen, ihm sogar die Mittagszeit nach ihrem Gutdünken zu verlegen. Über die Speisen selbst rede man ohnehin nichts, diese würden zubereitet nicht nach seinem, sondern nach ihrem Geschmack, und der sei nicht allemal der beste.

»Einen besseren hast du,« gab sie rasch wie immer zur Antwort, »weil du deiner eigenen Frau schon jetzt, wenige Wochen nach der Hochzeit, das Essen mißgönnst und dich nach einer Stalldirne umsehen möchtest.« Da weinte sie auch schon heftig in ihr Spitzentuch.

»Aber Kunigunde!« rief nun der Wolfram und wollte kosend begütigen, sie stieß mit dem Ellbogen heftig nach ihm, da ging er zum Herde, zündete sich eine Zigarre an, stieg in die Gaststube und unterhielt sich mit den Gästen.

Ein Fleischhauergeselle aus Geßnitz war da, den fragte der junge Adlerwirt nach Neuigkeiten. Natürlich marschierte der drohende Krieg auf, der in den Zeitungen stand, denn er steht immer drin. Aber dem Wolfram war das zu wenig. Als braver Schwiegersohn fragte er dem Salmhofe nach, ob dort alles gesund sei, oder sonst beim alten? Ja, der Salmhofer liege auf seiner Holzbank, schäkere mit den Katzen und habe so manchmal sein Räuschchen. Man merkte es dem Fleischergesellen an, welche Gewalt er sich antun mußte, um die ganz unverhältnismäßige Verkleinerung zuwege zu bringen, aber anders mochte er mit dem Schwiegersohne doch nicht sprechen. — Und was die Mutter mache? wollte der Wolfram wissen. — »O Gott!« sagte der Fleischer.

»Daß sie nicht am Ende mehr Sorgen zu tragen hat, jetzt, weil die Tochter fort ist!« fürchtete der junge Adlerwirt. »Sie wird sich doch von den Dienstmägden eine abrichten fürs Haus oder so?«

»Im Gegenteil,« erzählte der Geßnitzer, »verjagen tut sie eins ums andere. Gestern ist bei der Jungmagd die Dienstzeit aus worden.«

»Bei der Frieda?« fragte der Wolfram.

»Wird so geheißen haben. Bin just mit einem Kalb vorübergekommen, wie sie mit ihrem Bündel den Hof verlassen hat. Und Augenwasser, daß ich sie noch frag': Was hat's denn, Dirndel? Wandern mußt? Ja, wohin denn jetzt im Winter? Wisse es selber nicht, hat sie gesagt, und fort nach der Straßen.«

Nun wußte er's, der Adlerwirt, was er wissen wollte. Daß er jetzt aber noch mehr wissen wollte, und was alles, das konnte er niemandem sagen.

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6. Abschnitt.

Endlich war der Winter vorbei.

Und eines Tages in den Maien kam der junge Adlerwirt zu seiner Frau mit einem erbrochenen Briefe und sagte froh erregt: »Dies Jahr kommt er früh. Er kann es schon kaum erwarten, die junge Adlerwirtin kennen zu lernen, schreibt er. Der Professor Nix.«

»Wer ist denn der?« fragte Frau Kunigunde gleichmütig.

»Ich habe dir ja erzählt von dem Herrn, der allsommerlich zu uns kommt und bei uns bleibt, und der mich so mancherlei gelehrt hat. In diesem deinem Zimmer hat er immer gewohnt.«

»So soll ich wohl jetzt ausziehen und den Herrn Professor Nix hereinlassen?«

»Kundel,« sprach der junge Adlerwirt und machte einen vorwurfsvollen Blick. »Kundel, du bist immer so boshaft. Wie kann denn vom Ausziehen die Rede sein! Der Professor bekommt das Stübchen gegen den Baumgarten hinaus, er wird damit zufrieden sein. Es ist ein netter Herr, du wirst ihn gewiß liebgewinnen.«

»Das Baumgartenzimmer kann ich ihm nicht abtreten, ich habe meine Garderobe drin.«

»Vielleicht wolltest du deine Kleider hier in der Nebenkammer unterbringen, es wäre bequemer für dich.«

»Geh, geh, Wolf,« entgegnete sie, »meine Bequemlichkeit, daß ich nicht lachen muß! Nur um deinen Herrn Professor geht's dir. Nein, das Baumgartenzimmer bekommt er nicht!«

»So werde ich ihm das große Zimmer über der Gaststube einräumen,« sagte er, aber in einem Tone, der anzeigte, daß er nicht gewillt sei, weiter mit sich handeln zu lassen.

»Das kannst du tun,« antwortete Frau Kunigunde. »Ich kümmere mich nicht um deine guten Freunderln. Nur bitte ich dich, auch mir nichts dreinzureden, ich will Ruhe haben.«

Und eine Woche nach Ankunft seines Briefes kam er selber. Es war noch ganz der alte wie im vorigen Jahre. Dem Wolfram fiel er mit den Worten: »Junge! Hat die Liebe noch ein Stückchen Wolfram übrig gelassen für den alten Nix?« in die Arme.

Die Artigkeiten, welche der Adlerwirt stotterte, unterbrach er sofort: »Ist schon recht. Laß die Torheiten, dein Weibchen will ich sehen.«

Er stürmte in die Gaststube, in die Küche, da war sie aber nicht. Als er später hinaufstieg zu seiner neuen Stube, begegnete ihm auf der Treppe eine Dame, die er flüchtig grüßte, weil er sie für eine Fremde hielt. Es war aber Frau Kunigunde. Als er das gewahr wurde, eilte er ihr nach: »Frau Adlerwirtin! So wollen wir zwei nicht beginnen selbander. Einen herzhaften Händedruck oder so etwas! Mit meinem Segen für den heiligen Ehestand komme ich wohl spät! Aber nie zu spät! Nie zu spät! Gottes Gruß zu tausendmal, Frau Adlerwirtin!«

»Guten Morgen!« entgegnete die Frau ruhig.

Professor Nix war hübsch abgekühlt, und sie wechselten einige höfliche Worte.

Mit der Stube war der Professor recht zufrieden, da hatte er Platz genug für alle seine Bücher und Schriften und Ledertaschen und Botanisierbüchsen und Staffeleien, und er breitete sich behaglich aus. »Ein Herzenskerl bist du!« rief er dem Wolfram zu, »gut meinst du mir's. Wenn ich einmal sterbe, so bedenke ich dich in meinem Testament. Du sollst das ganze Firmament haben mit allen Sonnen und Sternen. Nur der Halbmond ist ein Legat für die Türken. Ein charmantes Zimmer das!«

Der Wolfram sagte nichts auf diese Ergießung. Und bald machten sich zwei kleine Nachteile fühlbar in der schönen großen Stube. Tagsüber war's der Rauch des scharfen Bauerntabaks, dessen Düfte von dem Gastzimmer durch die Fugen in des Professors Stube drangen. Aber das war nicht das schlimmste, am Bauerntabak war auch noch eine Pfeife, und an der Pfeife sog so ein unsauberer Geselle, der bis in die Nacht hinein sitzen blieb und mit anderen ähnlichen Gesellen lärmte, so daß der gute Professor Nix oben kein Auge schließen konnte. Aber er tat nichts desgleichen, sondern tröstete sich damit, daß solches zur Sommerfrische gehöre.

Bei einer nächsten Gelegenheit sagte er zu seinem jungen Wirte folgendes: »Wolf! Ich muß dir nur gestehen, du hast ein schneidiges Weib. Das hat mir alle Kurasch abgekauft. Eine solche Hausfrau wird ganz gut sein, sie erspart den Kettenhund. Die Diebe und die Betrüger und die Heuchler und Schmeichler wirst du nicht zu fürchten brauchen, Frau Kunigunde hält sie alle fern. Einer Untreue wirst du bei ihr auch sicher sein, sie läßt keinen an sich herankommen. Wenn sie dir so recht ist, nachher bist du geborgen, nachher kann dir nichts mehr geschehen.«

Der Wolfram wußte nicht recht, waren diese Bemerkungen ein Lob auf seine Frau oder etwas anderes. Er nahm's in Gottesnamen fürs erstere und war's zufrieden.

Der Professor ging, wie es in den früheren Sommern geschehen, seinen Vergnügungen nach in Wald und Flur. Die Gegend um Kirchbrunn ist so recht das, was man freundlich nennt. Mittelhohe Berge mit sanften Kuppen und Muldungen und alles, was nicht im Tale Feld und Wiese war, hübsch bedeckt mit hellgrünenden Buchenwäldern, in welchen dunklere Fichtenbestände eingesprenkelt waren. Aus den schattigen Engtälern kamen Bäche hervor, zwischen den Wiesen gab es Teiche und Heuschoppen und Getreidemühlen. Professor Nix kannte alle Wege und Stege und die meisten Bewohner des Tales. Mit dem einen sprach er ernsthaft, mit dem anderen scherzte er. Wenn er aber in Regentagen an das Adlerwirtshaus gebannt war, da kam's ihm — so sehr der Regen draußen auch rieseln mochte — in der Stube nicht mehr ganz so gemütlich vor wie sonst. Häufig saß er in der Gaststube, doch es fehlte auch hier manchmal an Gesellschaft. Der alte Wirt war mißlaunig, der junge wortkarg und die Wirtin gar nicht zu sehen.

Eines Tages war der Wolfram davon. Am ersten Tage kümmerte sich um seine Abwesenheit niemand; am zweiten Tage meinte der alte Wirt, sein Sohn müsse auf einen Vieheinkauf gegangen sein, aber man wunderte sich doch, daß er weder seiner Frau noch seinem Vater davon etwas gesagt hatte. Als er am dritten Tage immer noch nicht zurück war, wurde dem alten Wirt bang und wurde dem Professor bang. — Wenn der Wolf nichts gesagt hat, wohin, so dachte letzterer sich, und in der Nachbarschaft weiß auch niemand etwas von ihm, und es ist sonst nicht seine Art, daß er so davonläuft, so sieht das ja aus wie ein Unglück! Frau Kunigunde hub an zu zanken. Der Professor stellte ihr vor, daß dem Wolfram etwas zugestoßen sein könne.

»Ja natürlich, der Leichtsinn ist ihm zugestoßen!« rief sie. »Gott weiß, wo er umherzigeunert! Ich laufe ihm nicht nach. Meinetwegen mag er fortbleiben über Jahr und Tag. Wenn ich nicht will, da kriegt mich keiner mit Lieb' und keiner mit Trutz.« —

Der Wolfram war unter dem Vorwande, vorjährigen Apfelwein zu kaufen, die Geßnitzergegend abgegangen bis hinaus nach Niederleuth und Sankt Magdalena; in allen Bauernhäusern hatte er zugesprochen, sich nebenbei auch um Zuchtkälber umgesehen; erstanden jedoch hatte er nirgends etwas. Dann war er in großem Umkreis gegen das Gebirge gewandert, hatte dort anstatt nach Apfelwein nach Bauholz gefragt, aber auch hier nichts gekauft. Endlich rückte er seiner Absicht näher und erkundigte sich nach Dienstboten für die Sommerarbeit, vor allem nach Heuheberinnen und Schnitterinnen — es war vergebens, die er suchte, fand er nicht.

Und als er ratlos schon auf dem Heimweg war, fiel es ihm ein: sie ist im Siebenbachwald bei den Holzleuten. Er mußte es aber wissen. Er wanderte in die Wälder und kam zu den Siebenbachhütten, welche in einem engen Waldtale standen, von zerrissenen Bergen umgeben. Hoch von einem Bergschlag nieder ging eine neue Holzriesen, in deren Rinne glatte wuchtige Blöcke herabglitten. Sausend und dröhnend kam das niederwärts auf steiler Riesen, die in großen Bogen sich wand, über Hänge und Schluchten gebrückt war und so sorgfältig und wohlberechnet gemuldet, daß kein Block ausspringen konnte. So kam das herab bis zu Tale, wo die Riesen sachte sich ebnete und die schwersten Blöcke fast sanft aufs Erdreich warf, daß die Blöcke dann von etlichen Männern zur Kohlstatt geschafft werden konnten. Bei diesen Männern war sie nicht. Der Wolfram fragte dem Schopper-Schub nach. Der sei auf dem Berge an dem obersten Ende der Riesen. Der Adlerwirt stieg hinauf; der Berghang war steil und vielfach von Schluchten und Gräben durchfurcht. Da sah man erst die ganze Kühnheit des Baues der Holzleitung. Streckenweise strich sie in schönen Kurven an dem steilen Hang dahin, dann setzte sie, auf schlanken Stämmen wie auf Strohhalmen gestützt, über Waldwipfel und Abgründe, in deren Tiefen Wässer rauschten.

»Seit Menschengedenken,« so erzählte der Holzknecht, welcher den Adlerwirt hinaufbegleitete, »hätte man es nicht für möglich gehalten, daß wir den Zagelwald herabkriegen könnten. Zu Hunderten und zu Tausenden sind sie vermodert und verfallen, oben, die schönsten Tannen und Lärchen, und kein Mensch hat sie nutzen können, weil sie nicht herabzubringen gewesen sind. Jetzt geht's spielend. Und haben ihn zuerst alle ausgelacht, den Schopper, wie er gesagt, er baut die Riesen. Hat aber den Holzmeister sauber überzeugt, daß es geht, hat sie mit dreißig Holzknechten in vier Monaten gebaut, und jetzt lacht niemand mehr. Der Schopper ist Vorknecht geworden.«

»Also der Schopper-Schub hat dieses Werk gebaut!« Der Adlerwirt hätte es ihm nicht angesehen. Der Mann, der solches kann, darf sich am Ende doch keck um die Herzliebste bewerben.

Auf der Höhe gab es eine schöne Aussicht hin in die Waldberge, aber dem Wolfram ging es nicht um das. Rings um ihn lag der geschlagene Urwald in vielen tausend Stämmen, welche von den Holzhauern entschält, zu Blöcken geschnitten und an die Einmündung der Riesen gebracht wurden; dem Wolfram ging's auch nicht um Holz. Inmitten der Leute stand der Schopper in braunen Hemdärmeln und barhaupt. Er hielt einen langen Maßstab in den Boden gestemmt und traf Anordnungen. Der Wolfram hatte ihn erkannt an dem üppigen Barte und ging nun, über Stämme und Rindenwälle kletternd, auf ihn zu.

Die beiden Männer standen sich ein Weilchen gegenüber und schauten sich an, bevor das erste Wort gesprochen wurde.

»Dich suche ich,« sagte endlich der Adlerwirt. »Wenn ich den weiten Weg her mache zu dir, so kannst dir denken, daß es etwas Wichtiges wird sein. Willst so gut sein, Schopper, und mit mir ein wenig auf die Seite gehen?«

»Das kann ich schon tun,« antwortete der Holzknecht, und sie gingen gegen einige Schirmtannen hin, die man stehen gelassen hatte.

»Schopper,« bemerkte der Wolfram, »deine Riesen ist ein Meisterwerk.«

»Daß du mir das sagst, deswegen bist du nicht gekommen,« entgegnete der Holzknecht. »Adlerwirt, tu' nicht lang' um und sag', was du willst.«

»Schopper,« sprach nun der andere im vertraulichen Tone. »Du kannst dir's denken, es ist der Frieda wegen. Du bist offenherzig mit mir gewesen, und ich will es auch sein. Hast du das Dirndel noch im Kopf?«

Der Schopper starrte den Fragenden an und entgegnete: »Was geht das dich an? Du hast dein Weib.«

»Das wohl, Schopper, das habe ich, und just deswegen kann ich offen mit dir sprechen. Die Frieda ist eine Jugendfreundin meiner Frau, und wir wollen nicht, daß sie sollte verderben müssen. Vielleicht, daß ihr meine Frau einen Platz verschaffen könnte.«

»Hat sie denn keinen?« fragte der Schopper.

»Du wirst doch wissen, daß sie nicht mehr im Salmhof ist.«

»Ei freilich weiß ich das.«

»Wo sie nur mag umherirren auf der weiten Welt? Und hat keinen Menschen, der ihr's gut tät meinen!«

»Adlerwirt!« sagte der Schopper ganz leise, aber nachdrucksvoll, »sie hat einen!«

»Heiratest sie, Schopper? Hast sie bei dir?« Ohne daß er es recht wollte, waren ihm diese Worte über die Lippen gesprungen, denn es war ein großer Sturm in ihm, und das Herz pochte so heftig in seiner Brust, daß es nachklang in den Schläfen.

Der Schopper sagte: »Mein lieber Adlerwirt. So dumm bin ich nicht, daß ich dir sie verrate. Geh' nur ruhig heim nach Kirchbrunn und kümmere dich um deine Leut', die Frieda geht dich nichts an.«

Damit wendete er sich seiner Arbeit zu, und dem Adlerwirt blieb nichts übrig, als den mühevollen Weg wieder zu Tale zu steigen.

»Wenn Sie bis zum Feierabend warten wollen,« rief ihm einer der Arbeiter zu, »so können Sie auch hinabfahren. Wir rutschen alle hinab. Mit dem Brettel ist man in fünf Minuten zu Tal. Aber jetzt geht's nicht, jetzt haben die Holzblöcher das Vorrecht.«

Dem Adlerwirt kam aber die ganze Gegend ein wenig unheimlich vor, und er ging angestrengt drei Stunden lang, bis er den Turm von Kirchbrunn sah.

Als er hinaus über die Wiesen schritt, saß dort an einem Wassertümpel der Professor Nix und schaute den Krebsen zu. Der Alte erhob ein Freudengeschrei, als er seinen Hausherrn sah, und wollte alsogleich wissen, was die Adlerwirtshausbewohner verbrochen hätten, daß er sie über drei Tage lang im Fegfeuer zappeln lasse.

Der Wolfram setzte sich hin auf den Rasen und seufzte: »Ach ja, lieber Professor!«

»Junge, du gefällst mir nicht!« sagte der Professor.

Der Wolfram schaute bekümmert in den Tümpel, dann sprach er: »Daß es seine Ursache haben muß, wenn einer wie halbverrückt davonläuft, ohne dem alten Vater, ohne dem Weibe zu sagen, wohin, das können Sie sich denken. Und eine Ursache hat es. — Sie wohnen gemütlich in Ihrer großen Stube, Herr, ärgern sich vielleicht ein wenig über den Lärm der Gäste am späten Abend, haben aber freilich keine Ahnung, was zwischen uns vorgeht. Sie ist hart. Sie ist herzlos, daß ich's nicht sagen kann. Sie macht mich ganz verzagt ...«

»Na, na!« beschwichtigte der Professor und neigte sich über den jungen Mann, denn dieser preßte seine Hände ins Gesicht und schluchzte.

»Ich habe mir's gedacht,« sagte der Alte gedämpft, »ich habe mir's wohl gedacht.«

Dann schwiegen beide eine lange Zeit und starrten in das klare Wasser, wo langsam die Krebse krochen und stets nach rückwärts — nach rückwärts.

»In den ersten Wochen,« so fuhr Professor Nix endlich fort, »da habe ich vorgehabt, dir Trost zuzusprechen, habe sie wohl für eine herbe Natur gehalten, aber wer den Schlüssel findet zu solchen Naturen, der hat's gut. Sie zeigen und feilen ihr Herz und Gemüt nicht auf der Gasse umher, sie geizen gegen alle Welt mit ihrer Güte, um ja recht viel davon aufzuhäufen für den einen und einzigen, den sie selig machen wollen. So eine goldene, habe ich gemeint, hättest du dir auserwählt. Freilich ist mir nach und nach anders zu Mute geworden. Ganz krampfig ist mir zu Mute geworden, mein lieber Wolf! Aber reden! Wenn er nicht redet, ich bin auch still. Wenn einer zum jungen Ehemann hingeht und sagt: Du, dein Weib paßt nicht für dich! so ist das ein schlechter Kerl, den man mit einem Rattenschwanz erdrosseln soll. Aber dir sage ich es doch, Wolf, und du erdrosselst mich nicht, wenn ich dir sage: Sie paßt nicht für dich!«

Der Wolfram murmelte: »Ich erdrossele Sie nicht.«

»Von der mußt du los, Junge!« rief der Professor.

»Aber wie?« seufzte der junge Mann.

»Scheidung! frisch! rasch! Heute besser als morgen.«

»Ehescheidung!« sagte der Adlerwirt. »Das geht nicht. Dieses Aufsehen!«

»Wenn sie dich in die Strafanstalt führen, das wird auch ein Aufsehen sein!«

Der Wolfram sprang empor.

»Verzeihe!« begütigte der Professor. »Das Wort war schlimm. So endet's bei dir nicht, so nicht. Du bist ein weicher Mensch, du wirst verderben und vergehen, und wer dich umbringt, der kommt auch nicht ins Zuchthaus, weil du dich vor Gram und Jammer selber verzehrst. Und der, welcher dich mit kleinen Dosen täglich vergiftet, hat noch den Triumph, als Leidtragender an deiner Grube zu stehen. — Wolf, wenn du bisher alle sieben Todsünden begangen, die eine mußt du sühnen, auf der Stelle, ohne Säumnis sühnen: daß du dieses Weib genommen hast!«

»Ich hätte mir ja leicht eine andere gewußt.«

»Eine andere!« sprach nun der Professor. »Wolf, eine andere laß einstweilen aus dem Spiele! Das ganze Firmament, habe ich gesagt, vermach' ich dir, nur den Halbmond nicht, der gehört den Türken. Und Türke wirst du keiner sein wollen. Jetzt eine andere! Das wäre hübsch! Erst scheiden, dann wieder binden!«

»Nicht mir zulieb' habe ich sie genommen.«

»Man merkt es wohl, Junge. Wäre auch nur ein bißchen Neigung da, es müßte sich anders zeigen.«

»Mein Vater wollte es so haben,« gestand nun der junge Adlerwirt, »ihm zuliebe bin ich hineingesprungen. Wir stehen schlecht, wir müssen uns mit ihrem Gelde aufhelfen.«

Notes in this chapter

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