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Der Adlerwirt von Kirchbrunn

Der Adlerwirt von Kirchbrunn. Eine Dorfgeschichte. (continued 2)

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»Wolf,« sagte hierauf der Professor. »So lang dein Weib mißt, so lang mißt dein Unglück. Wo das Weib aufhört und das Geld anfängt, fängt in dir der Wicht an. — Schelm, armseliger! Das Geld! — Adlerwirtssohn. Ich habe dich als Kind auf den Armen getragen und dabei gesungen: Lieber Engel, werde ein braver Mensch! Hernach der wißbegierige Knabe! Der warmherzige Jüngling! Es war eine Freude. Er wird's! habe ich oft gejauchzt. — Na, und wie der Mann fertig ist, von dem man glaubt, daß er edle Früchte wird tragen — steht der heißhungrige Geldwolf da. Irr und toll könnt' einer werden!«

Da der Adlerwirt bei diesen herben Worten sich abgewendet hatte, fiel der alte kleine Professor vor ihm auf die Kniee, umfaßte seine Beine und rief: »Mußt mir's zugute halten, Wolf, mir tut deinetwegen das Herz so weh, daß ich schreien muß. Dem Vater zulieb'! Es war ja gut gezielt, aber es ist schlecht getroffen. Mein Wolf, glaube mir! Folge mir! Gehe heute noch ins Amt und laß dich scheiden!«

»Dann bin ich ein Bettler!« rief der Adlerwirt.

Der Professor stutzte. Als er seiner Verblüffung einigermaßen Herr geworden, sagte er in singendem Tone: »So, so. Also nur eine Ausrede ist der Herr Vater. Du selber willst Geld haben. Du willst lieber ein elender, verächtlicher Gauch sein, von deines Weibes Groschen zehrend, unter eines Weibes Fuß wimmernd, dich windend wie ein zertretener Wurm, anstatt mit gesunden Armen mannbar dir dein Brot zu verdienen! — Adlerwirt, ich mag dich nicht mehr.«

Er erhob sich rasch und ging quer über die Wiese hin durch das lange Gras, daß kaum sein Kopf manchmal hervorragte über den Germen und Rispen. —

Als der Wolfram nach Hause kam, gab's von Vaters Seite ein arges Wetter. Er ertrug's gleichgültig. Frau Kunigunde blieb drei Schritte vor ihm stehen und fragte: »Bist denn schon da, Wolfram? Hast dir die Socken lochig getreten, oder hat dich der Hunger nach Hause getrieben? Die Köchin soll dich nur sattfüttern, daß du wieder gehen kannst.«

In der heißen Wut über solchen Hohn tat der Wolfram schon den Mund auf, um sie zu fragen: wenn eins gehen müsse, welches von beiden? — Aber der alte Adlerwirt hielt ihn fest am Arm und raunte ihm zu: »Um Christi willen, schweig still! Wir müßten vom Haus ziehen wie ein paar Zigeuner. Kein Nagel auf dem Dach ist mehr unser Eigentum. Nur noch kurze Zeit Geduld! Hast du's schon gehört? Der Salmhofer liegt auf den Tod!«

Der Wolfram hat sich die Lippen blutig gebissen und geschwiegen.

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7. Abschnitt.

Jetzt währte es noch zwei Tage, und von Geßnitz langte ein Bote ein. Der Jungknecht aus dem Salmhofe war's. Er stand vor dem Adlerwirtshause so eine Weile herum, stolperte dann ins Gastzimmer und ließ sich einen Krug Apfelwein geben. Er zerrüttete sich fast den Kopf im Nachsinnen, wie er es angehen werde, daß seine Neuigkeit nicht tödlichen Schreck hervorbringe. Fürs erste tat er ein paar herzhafte Züge, das machte ihn mutiger. Und als der alte Adlerwirt — grau und mager war er geworden die letzte Zeit her — in die Stube trat und den allein dasitzenden Gast fragte, was es Neues gäbe? antwortete der Jungknecht mit unbehilflichen Worten, es sei halt so auf der Welt. Er bringe gerade nichts Gutes. — Dann trank er wieder.

Der alte Wirt horchte gespannt hin. »Wenn ich mich nicht verkenne,« sagte er, »du bist ja ein Salmhoferischer?«

»Wohl eh, wohl eh,« antwortete der Knecht und fuhr sich mit der flachen Hand über das breite Gesicht.

»Also wie geht's daheim, wie geht's?« fragte der Wirt unter den lebhaftesten Zeichen der Teilnahme.

»Gestern auf den Abend ist's halt gar worden mit ihm,« berichtete der Knecht.

»Was sagst?« fuhr der Wirt auf. »Der Salmhofer! Mein Schwieger! Wird doch nicht —«

»Er liegt schon auf der langen Bank,« sagte der Bote.

Der alte Adlerwirt schlug sprachlos die Hände zusammen.

»So viel schnell ist es gegangen,« berichtete der Knecht. »Das Blut ins Hirn gesprungen, sagt der Doktor. Morgen nachmittags ist die Leich.«

Der Wirt schritt mit gerungenen Händen die Stube auf und ab und konnte sich nicht fassen. Immer schüttelte er den Kopf und murmelte: »Wer hätte sich das gedacht!« Aber auf einmal rief er mit gehobener Stimme: »Er hat's überstanden. Man muß noch froh sein, daß er kein großes Ableiden gehabt hat. — Trink aus, Bub, ich füll' dir noch einmal nach.«

Als bald darauf der Wolfram eintrat, sagte der alte Wirt zu ihm: »Du, Wolf, eine große Neuigkeit. Mußt aber nicht zu arg erschrecken. Morgen heißt's nach Geßnitz fahren. Das Schlimmste ist eingetroffen.«

Der Wolfram schaute seinen Vater an, sagte aber kein Wort, blieb gelassen, zeigte weder Trauer noch Freude. Dann stieg er die Treppe hinan zu seiner Frau. Vor ihrer Tür stand er still und schöpfte Atem. Es kam ihm sauer an, daß er ihr jetzt einen großen Schmerz bereiten sollte. Doch wer wird's sonst tun als er? Mit der möglichsten Schonung will er ihr die Nachricht mitteilen und ihr liebevoll beistehen im kindlichen Leide. An die Vorteile, die durch des Schwiegervaters Tod dem Adlerwirtshause zukommen sollen, konnte er nicht denken, es empörte sich in ihm etwas dagegen. Ihm war der Salmhofer nie nahe gestanden, aber mit seinem Weibe fühlte er Mitleid, und jetzt das erste Mal war es ihm, als ob er sie doch lieb hätte. Endlich trat er ein. Sie saß am Tischchen, war mit einer Stickerei beschäftigt und zählte just die Maschen. Er setzte sich ihr gegenüber und tat, als schaue er aufmerksam ihrer Arbeit zu. Sie wollte aufstehen, er faßte sanft ihre Hand und sagte: »Bleib' ein wenig bei mir, Kunigunde.«

Sie blickte ihn forschend an. »Was bedeutet denn das?« fragte sie kalt.

»Ich muß dir's doch sagen,« fuhr er fort, »ein Bote ist da vom Salmhof. Mit deinem Vater steht's recht schlecht.«

»Lüg' nicht!« herrschte sie ihm zu. »Tot ist er!«

Der Wolfram schwieg.

»Tot ist er!« rief sie und brach in ein heftiges Weinen aus.

Er stand zu ihr, sagte ihr gütige Worte, streichelte ihr Haupt. Mit dem Arm stieß sie ihn von sich. »Heuchler! Ihr habt seinen Tod doch kaum erwarten können!«

»Kunigunde!« sprach er nun scharf und herb. »Das Wort sagst du mir nicht noch einmal! Meinetwegen hätte er noch hundert Jahre leben können. Ich suche nichts mehr bei ihm. So klug bin ich wohl geworden, meine liebe Kunigunde, daß ich endlich einsehe: vom Salmhof kommt mein Glück nicht.«

Sie hatte ihr Haupt ins Bettkissen gedrückt und weinte. Ihm wollte das Herz zerspringen darob, daß er ihr jetzt, gerade jetzt das rohe Wort gesagt. Aber so stand's mit ihm, je wärmer sein Gemüt war, desto leichter und plötzlicher sprang es, wenn ihm wehe getan wurde, in das Gegenteil um. Wenn er gegen sein Weib Gleichgültigkeit, ja Abneigung empfand, da gab es nie etwas, da blieb er ruhig und überlegsam; so oft er aber mit einem warmen, hoffenden Gefühl an sie herantrat und enttäuscht ward, setzte es fast immer einen Wettersturz und wilden Sturm.

Frau Kunigunde rüstete sich, um nach Geßnitz zu fahren. Sie fuhr allein davon. Der Wolfram wollte zum Professor gehen, um ihm das Herz auszuschütten, aber der war nicht zu Hause und seine Stube verschlossen. Die Stubenmagd berichtete ihm, der alte Herr wäre seit einigen Tagen recht mißmutig und verlange an jedem Abende die Rechnung.

Das Leichenbegängnis des Salmhofers ward mit großem Pompe vollzogen. Wie zu einem Jahrmarkte kamen die Leute zusammen. Der alte Adlerwirt war überaus gerührt, und manche weichherzige Person mußte nur darum weinen auf dem Kirchhofe, weil sie den alten Mann so bitterlich schluchzen sah. Der junge Adlerwirt schien merkwürdig gefaßt zu sein; nur als er die Großbäuerin sah, die gebeugt, aber ergeben am Grabe ihres Mannes kniete, ward ihm das Auge feucht. Frau Kunigunde weinte nur wenig, aber in ihrem ganzen Wesen war eine kalte, fast ehrfurchtgebietende Trauer ausgedrückt. Sie war stets an Seite ihrer Mutter und suchte diese damit zu trösten, daß sie ihr zum künftigen Aufenthalte das Adlerwirtshaus antrug. Der Salmhof soll verkauft werden und die Mutter nach Kirchbrunn ziehen.

»Das wäre ja gut,« meinte die alte Bäuerin, »wenn's nur auch deinem Manne recht ist.«

»Meinem Manne!« rief Frau Kunigunde fast lachend aus. »Was geht denn das meinen Mann an! Glaubst du, Mutter, ich werde mich vom Manne auch so tyrannisieren lassen wie du? Das wirst du anders erfahren, bis du im Adlerwirtshaus bist. Was du hast leiden müssen, Mutter! Du bist still gewesen, aber ich weiß es, und ich werde es den Männern heiß entgelten, das hab' ich mir vorgenommen.«

»Gott tröst' seine Seel'!« sagte die alte Salmhoferin mit gefalteten Händen, »ich trag' ihm nichts nach, meinetwegen soll er nichts zu leiden haben.«

»Ja, ja, es soll's statt seiner nur ein anderer büßen!« versetzte Frau Kunigunde.

Auf den Hof zurückgekehrt, sahen die beiden Frauen mehrere fremde Leute in den Wirtschaftsgebäuden umhersteigen.

»Was wollen denn diese?« fragte die Adlerwirtin.

»Laß sie umhergehen,« antwortete die Mutter, »die Neugier plagt sie. Mir scheint, es ist auch der Klobensteiner Verwalter dabei. Der wird Vieh kaufen wollen. Der Großknecht wird's schon ordnen. — Komm', Kundel, wir wollen einen warmen Kaffee trinken.«

Die erste Zeit nach dem Tode des Großbauers blieb Frau Kunigunde nun im Salmhofe bei ihrer Mutter.

Die beiden Adlerwirte kehrten alsbald nach Kirchbrunn zurück. Den Wolfram erwartete zu Hause die Nachricht, daß der Professor Nix abgereist sei und einen Brief hinterlassen habe. Dieser Brief lautete:

»Lieber Wolfram!

Mich geht die Sache nichts an, aber zusehen mag ich nicht. Und still sein mag ich auch nicht. Ich werde unwirsch. Was soll ich Dir weh tun? Du hast schon auch so Dein Teil. Zu helfen ist Dir nicht. Also breche ich meinen Sommeraufenthalt im schönen Kirchbrunn ab und gedenke eine Reise zu machen. Sei bedankt für alles. Umkehren wirst Du kaum. Du stehst jetzt auf dem Punkte, wo viele Wege sich zweigen. Schlimm ist jeder, aber wähle nicht den allerschlimmsten. Gott walt's.

Josue Nix.«

Als der Wolfram diesen Brief gelesen hatte, befiel ihn ein solches Leid, daß er zusammenbrach auf eine Bank und stöhnte. Jetzt war dieser Mann von ihm gewichen, der seit Jahren als fröhlicher Genosse und Ratgeber sein Vertrauen gewonnen. Er hatte einen Vater, aber der war oft herrisch, eigennützig, launenhaft und nicht immer verläßlich. Er hatte Jugendfreunde gehabt, hatte viele gute Kameraden, aber sie waren Schmarotzer, Schelme oder Dummiane. So recht aus Herzensgrund sich geben und vertrauen glaubte er nur mehr diesem Manne zu können, der allsommerlich sich eingefunden mit seinem hellen Kopfe, mit seinem heiteren, treuen Herzen. Er war selber schier ein anderer geworden in dieser Gesellschaft, er hatte, bei aller Verehrung für ihn, manche Schalkerei, manchen kecken Burschenstreich mit dem kleinen Alten durchgemacht, er hatte manchen ernsten Rat desselben befolgt, und er hatte es nicht ein einziges Mal zu bereuen gehabt. Und diesen seinen letzten Rat — Ehescheidung! kann er nicht befolgen, unmöglich! Wie wird das enden?

Der alte Adlerwirt lebte ordentlich auf. Neue Geschäfte hub er an, Bauholz kaufte er, einen Steinbruch unweit des Dorfes wollte er erstehen, denn für das nächste Jahr hatte er einen Neubau des Adlerwirtshauses vor. Kirchbrunn soll ein Hotel bekommen! Eine Sommerfrischanstalt mit Lustgarten und Bädern. — Seine Zeit muß man verstehen! Die Passionen der Mitwelt muß man ergründen, auf die Lösung dieses Rätsels ist eine große Prämie gesetzt — die Million.

Endlich kam ein Schreiben aus Geßnitz vom Notar. Der alte Adlerwirt atmete auf, er hatte es schon seit Wochen erwartet. Der Adlerwirt zu Kirchbrunn wird ersucht, in Angelegenheit des Salmhoferischen Nachlasses bei dem Notariat zu Geßnitz sich einzufinden.

»Einspannen!« kommandierte der alte Adlerwirt. Er selber wollte fahren, der Wolfram war auf einem Holzeinkauf aus.

Der Notar, ein alter, hagerer Mann mit brauner Perücke und schwarzgefärbtem Schnurrbarte, empfing den Adlerwirt sehr höflich, kramte hernach eine Weile in Papieren um und stellte die Frage, ob der Adlerwirt, als Schwiegersohn des seligen Salmhofers, geneigt sei, dessen Erbe anzutreten.

Der alte Wirt war über die förmliche Frage in so selbstverständlicher Sache etwas erstaunt. Er antwortete: »Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich als Bevollmächtigter meines Sohnes Wolfram hier bin, und daß ich in seinem Namen erkläre —«

»Gemach!« unterbrach ihn der Notar. »Ich glaube, die Sache müßte wohl überlegt werden. Ich würde nicht raten.«

»Wieso? Wie meinen Sie das, Herr Doktor?«

»Außer Ihr Sohn denkt so vornehm, daß er die Ehre seines Schwiegervaters retten will.«

»Ich verstehe nicht, Herr Doktor.«

»Es ist höchst wahrscheinlich,« fuhr der Notar fort, »daß in dem Nachlasse des verstorbenen Salmhofers die Passiven größer sind, als die Aktiven.«

Es war heiß in der Kanzlei. Der Adlerwirt trocknete sich mit dem Taschentuche die Stirn, dann lallte er mit grinsendem Gesichte: »Ist ein Spaß, hi, hi.«

»Ist kein Spaß, lieber Adlerwirt,« sagte der Notar. »Mit dem Vermögen des Salmhofers steht es ganz anders, als man angenommen hat. Es steht unerhört schlecht.«

»Aber, Jesses, man sieht ja, was da ist!« brauste der alte Wirt auf.

»Nichts ist da,« versetzte der Notar mit fürchterlicher Ruhe. »Alles gehört dem Baron Klobenstein. Seit vielen Jahren hat der Baron Geld geborgt, den Viehbestand beigestellt, die Steuern bezahlt für den Salmhof. Der Großknecht auf dem Hof war so viel als Klobensteinischer Verweser, der alte Salmhofer genoß seit einiger Zeit vom Baron eine Art Gnadenbrot. Alles, was Sie heute sehen, und mehr als alles, gehört der Herrschaft Klobenstein. Leider, so steht es.«

Und jetzt wußte es der Adlerwirt. »Der Teufel hol' eine solche Erbschaft!« schrie er in wilder Empörung. »Schulden! die habe ich selber.«

Betäubt war er, wie er spät abends nach Hause kam. Als ein reicher Mann war er ausgefahren, als Bettler kam er heim. In die Wut brachte ihn erst der Wolfram. Als er diesem die saubere Neuigkeit mitteilte, was geschah? Der Wolfram fuhr nicht auf, wurde nicht rasend, sagte gar nichts, zuckte nur die Achseln.

»Ist das ein Hosenlupf?« fragte der Alte den Sohn voll giftigen Grimmes. »Nein, Freund, das ist kein Hosenlupf. Wie wir jetzt hingeworfen sind, da stehen wir nicht wieder auf. Was sagst denn dazu? Pfeif' eins, wir sind ruiniert! Pfeif' eins, großer Geist, Narr, angesteckt vom alten Narren, der gottlob zum Teufel gegangen ist.«

»Ich weiß nicht, was du willst, Vater,« sagte nun der Wolfram. »Dir muß es immer sehr gut ergangen sein. Was mich anbelangt, habe ich schon Schlimmeres erfahren, als was du mir da sagst. Du hast freilich nur auf das Salmhoferische Geld gewartet und nicht gespürt, daß ich deine Habsucht im Fegefeuer büße. Und nicht darnach gefragt, was ich ausstehen muß neben dieser Person. Den Eltern zu gefallen eine heiraten, das ist die achte Todsünde; heute noch gehe ich zum Pfarrer und lasse sie in den Katechismus schreiben.«

»Du bist ein dummer Knabe!« schrie der Alte.

»Der Vatername schützt dich, daß ich dir jetzt nicht ein anderes Wort sage!« so der Wolfram, blaß, glühenden Auges, am ganzen Körper bebend. So viel Besinnung hatte er noch, daß er merkte, es wäre die höchste Zeit, aus der Stube zu eilen.

In seinem einsamen Zimmer, nächtig dunkel, feindselig fast die Stimmung des Raumes, in welchem Frau Kunigunde zu walten pflegte, saß der Wolfram und stützte seinen schweren Kopf auf die Hand. Und weil in dem Menschen etwas ist, das ihn nicht ganz versinken lassen will in Verzweiflung, so fiel es ihm ein: Vielleicht ist diese Wendung zum Glücke. Vielleicht ist ihr Stolz, ihre Härte jetzt gebrochen, wenn sie weiß, daß sie arm ist wie ein Karnerweib, vielleicht kommt jetzt ihre bessere Natur zum Vorschein. Ich will ihr's leicht machen. Kein Vorwurf, keine Anspielung soll über meine Lippen kommen; beweisen will ich ihr, daß ich nicht das Geld in ihr achte und suche, wohl aber das warme Herz.

Zu seinem Vater ging er noch einmal, der im Hofe wie wahnsinnig hin und her rannte, und zu diesem sprach er: »Vater! Eines merke dir! Sage meiner Frau, wenn sie heimkommt, kein ungeschaffenes Wort! Ich will sie respektiert wissen, verstehst!«

»Ja versteht sich,« höhnte der Alte, »eine solche Frau muß man respektieren!« Dann schlug er um: »Bettelbub! Was ist das für eine Manier?! Glaubst du, Laff', weil ich dich nicht mehr enterben kann, du darfst mit mir umgehen, wie mit einem Landstromer?«

Der Sohn schritt ins Haus zurück.

In der Gaststube saßen ein paar angeheiterte Bauern und machten faule Späße über ihre Weiber. Jeder prahlte sich damit, daß die seine daheim die Häßlichste und Unsauberste und Zuwiderste wäre; und der eine stieß sein leeres Glas von sich, hieb mit der Faust auf den Tisch und gurgelte: »Das weiß ich!« Er wollte etwas sagen, wußte aber nichts.

»Wenn mich meine Alte recht fuchtig macht, so geh' ich ins Wirtshaus und sauf' mir einen Rausch!« rief der andere.

»Ha ha, ha ha!« lachte der eine, »und wenn du nachher heimkommst, siehst du den Drachen doppelt und dreifach. Das muß eine Freud' sein!«

Der Wolfram hörte ihnen mit Wehmut zu, diesen unglücklichen Ehemännern, die so lustig sein und so tapfer trinken konnten. Auch er hatte das Trinken schon versucht, es ging aber nicht. Nur in der Frohstimmung schmeckte ihm der Wein, aber es kam nie zu einer.

Und es wird doch wieder zu einer kommen! also ermutigte er sich selbst. Vielleicht nimmt's eine Wendung. Denn daß es so bleiben sollte fürs ganze Leben — er vermochte es nicht zu denken, geschweige zu ertragen.

Ein so hartes Weib als er — also empfand er's — hat keiner mehr auf der Welt. Ihre Herbheit, ja Roheit gegen ihn tat ihm um so weher, als Frau Kunigunde sonst manchmal und gegen andere Herz und Gemüt zeigte. So war sie nicht karg gegen Arme; manchem Bettelmann, der ihr zu schmeicheln wußte, gab sie mit vollen Händen. Ward ein Dienstbote krank, so war sie zwar ungehalten, besorgte aber schleunigst Pflege und Arzt; noch mehr Neigung wendete sie den Tieren zu, von denen sie sagte, sie verdienten mehr Liebe als die Menschen. Am rücksichtsvollsten und aufmerksamsten war sie gegen ihre Verwandten. So unzufrieden sie zu Hause auf dem Salmhofe gewesen war, so lebhaft strebte sie jetzt manchmal nach dem Salmhofe zurück, all ihre Herzenswärme verschwendete sie dahin. Und nur ihrem Manne nichts und gar nichts als Trotz und Bitterkeit.

Nach diesen ruppigen Tagen stand es an zwei Wochen lang, da kamen sie plötzlich angefahren, die Frau Kunigunde und ihre Mutter. Und mit Sack und Pack.

Für die Salmhoferin wurde alsbald das Baumgartenzimmer eingerichtet, und als der Wolfram endlich Gelegenheit hatte, mit seiner Frau ein paar Worte zu sprechen, sagte er: »Ganz recht, Kundel, daß du deine Mutter mitgebracht hast. Solange wir selber in diesem Hause sind, wird sie auch noch Platz haben. Es ist recht, es ist schon recht.«

»Habe ich dich darum gefragt?« entgegnete sie.

»Kundel,« sagte er und wollte ihre Hand fassen, was sie aber zu verhindern wußte, »Kundel! wie du hart bist auf mich! Das kann nicht dein Ernst sein. Du bist jetzt nur unglücklich, und das macht halt bitter. Mich erbarmst du.«

»Schenke du dein Mitleid einer anderen, ich brauch' es nicht!« so ihre Antwort, ging in ihr Zimmer und schlug hinter sich die Tür zu.

Der Wolfram stand noch eine Weile so allein da, dann tat er einen Seufzer: »Ach! das ist ein Leben!«

Der alte Adlerwirt ließ sich von nun an selten mehr sehen. Er saß in seiner kleinen Stube neben der Küche und brütete vor sich hin. Manchmal ging er, anstatt zu seinen wenigen, verdrossenen Gästen sich zu setzen, zum zweiten Dorfwirte hinüber und trank erstaunlich viel Wein. Aber die Gläubiger und die Exekutionsbögen fanden ihn auch dort, und endlich war es nicht mehr zu vertuschen, wie es stand. Und eines Tages war im Bezirks-Wochenblatte die Anzeige zu lesen von einer großen Vergantung zu Kirchbrunn.

Der Wolfram hätte sein schweres Herz gerne abgelastet vor dem einzigen Menschen, der ihm beigesellt worden zum gemeinsamen Tragen von Freud und Leid, aber die Tür ihres Zimmers war verschlossen und blieb verschlossen, wenn er auch klopfte. Also litt es ihn nicht mehr in den unwirtlichen Mauern seines Hauses, nicht mehr im Dorfe, wo er aus jedem Gesichte Mitleid oder Schadenfreude und Hohn zu lesen glaubte. Immer noch unter dem Vorwande, Vieh oder Holz einzukaufen, strich er im Gebirge um, verbrachte manche Nacht auf harter Bank der Schenkstuben oder in Heuscheunen. Mehrmals stieg er auf hohe Berge und blickte hinaus ins weite, schöne, sonnige Land, und da ward er noch trauriger. — Wie ist die Welt so schön! Und wie sind die Menschen so arg!

In Waldgeschlägen fragte er an, ob man einen kräftigen Holzarbeiter brauchen könne, er wisse einen solchen. Denn klar und gewiß war es ihm endlich geworden, daß er mit seinem Weibe nicht mehr weiterleben könne. So wollte er auch von ganz Kirchbrunn nichts mehr wissen, sondern auf einem anderen Fleck ein neues Leben anfangen — sei es noch so armselig, besser als dieses auf jeden Fall. Es gibt ja so viele Millionen Menschen, die Bankerott gemacht mit ihrem Glücke, und sie fügen sich und leben geduldig dahin so lange, bis sie sterben. Warum will es unsereiner besser haben als die meisten anderen? Je länger einer an seinem Glücke baut, desto tiefer baut er in die finstere Erde hinein, desto kümmerlicher wird's. Und es ist ganz gut so. Wie hart wäre das Sterben, wenn diese Welt desto schöner würde, je länger der Mensch daran verbessert und verschönert. Wenn es dem Unschuldigen schon oft gottlos schlecht geht, was will erst ich sagen! Ich habe das unrechte Weib genommen, habe es doch rechtzeitig bemerkt und bin nicht zurückgestanden. Ich kann mich zum Teil auf meinen Vater ausreden, der mich in diese Heirat hineingelockt hat, aber zum anderen Teil habe ich auch selber an ihren Reichtum gedacht und darnach geplant. Mir geschieht schon recht.

Also richtete der Wolfram sich selbst, und dann saß er wieder in Straßenschenken und goß Wein auf sein wehes Herz.

Kauerte er einmal an einem heißen Sonntagsnachmittag auf dem Schabelberg. Niemand war da als ein altes Weib, das im Bankwinkel nickend den Wünschen des Gastes harrte. Zahllose Fliegen umsummten den einsamen Zecher und sein Glas. Er starrte durch die trübe Fensterscheibe hinaus auf die blendend weiße Straße und auf die halbverdorrten, graubestaubten Halme und Sträucher, die am Rande hin und her standen. Da ging ein Weibsbild vorüber. Dieses Weibsbild hatte, um den schwarzen Spenzer, sowie das rote Halstuch vor Staub und ihr Haupt vor den glühenden Sonnenstrahlen zu schützen, den blauen Außenkittel so über ihre Gestalt geschlagen, daß er wie ein Schirmdach muschelförmig den Oberkörper einhüllte. Der graue Unterrock ging bis halb über die weißbestrümpften Waden und schlug bei jedem Schritte in pendelartiger Gleichmäßigkeit sachte hin und her. Aus der Muschel guckte ein frischrotes Gesicht, und dieses Gesicht war — dem Wolfram schoß alles Blut zum Herzen.

Rasch warf er ein paar Münzen auf den Tisch, stand auf und ging hinaus. Die Straße zog bergwärts, das Dirndel stieg tapfer an, der Adlerwirt duckte sich ein wenig hinter der Hausecke, und als sie einen gewissen Vorsprung hatte, schnalzte er mit der Zunge und ging ihr nach.

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8. Abschnitt.

Die Jungmagd Frieda einst auf dem Salmhofe. Ein paarmal hatte sie sich ihren Dienstgenossen gegenüber geäußert: die Ehre wäre ihr doch zuteil geworden, daß der junge Adlerwirt an seinem Hochzeitstage mit ihr gute Gesundheit getrunken! Und dieses Prahlen hatte ihr den Dienst gekostet. Es war schon so etwas in der Luft gelegen, und der alten Salmhoferin sogar kam es nicht ganz richtig vor. Ein Brieflein von der Kundel schlug dem Fasse den Boden aus, und die Frieda wurde verjagt.

Einen halben Tag lang war sie fortgegangen auf Wegen, Stegen und Steigen, ohne irgendwo um Arbeit zuzusprechen. Und als sie ins Gebirge gekommen war, wo die Bauerngüter seltener und die armen Waldhütten häufiger wurden, besann sie sich. Je entlegener und versteckter der Bergwinkel ist, in dem sie bleiben wird, desto besser. Es braucht's im Salmhofe niemand zu erfahren, wo sie ist, es braucht's im Adlerwirtshause niemand zu erfahren, und es braucht's der Holzknecht Schopper nicht zu wissen. Es wird sich mit Gottes Willen wohl auch anders wer finden, mit dem sich gut Freund sein läßt. Oder ist der junge Adlerwirt der einzige auf der Welt? Gott sei Dank, nein.

In der Abachleuten beim Möstl nahm sie Dienst. Die Abachleuten war ein zwischen Berghalden schräge ansteigendes Wiesental mit einigen kleinen Kornäckern und Erdäpfelgärten. Ein kaltes Wässerlein rauschte durchs Tal, und an den Wildstrüppen, die am Bachesrand standen, hingen auch an den Sommermorgen manchmal kleine Eiszapfen. An der sonnseitigen Lehne der Abachleuten stand das kleine Haus des Möstl, das letzte hier, welches sich noch kümmerlich von Feld- und Wiesenwirtschaft fristete. In diesem Waldhause lebten zwei ältliche Eheleute, die sehr arbeitsam, sehr häuslich und immer frohen Gemütes waren. Man merkte gar nicht, wie viel Sorge und Mühsal und Beschwerde es gab dahier. Der Möstl, ein rasches, gebücktes, ununterbrochen tätiges, stets glattrasiertes Männlein, war allezeit munter und aufgeräumt, und machte über jeden Graben, den das Schicksal ihm zog, einen kecken Sprung und lachte dazu. Seinem Weibe war's auch recht. Beide waren etwas schwerhörig und hatten daher sich eine laute Stimme angewöhnt, so daß man sie schon von weitem sprechen hörte mit klingendem Schall. Sie hatten sich immer etwas zu erzählen, zu fragen, zu raten, manchmal neckten sie sich einander sogar, daß ein helles Gelächter entstand. Der Ehekrieg, den auch diese Leute führten, bestand darin, daß sie einander immer zu überlisten suchten: beim Essen schmuggelte eines dem anderen möglichst unbemerkt die besseren Bissen zu, bei der Arbeit trachtete eines dem anderen die härtesten Dinge abzulasten.

Diese Möstlleute im Abachtale hatten auch ein Kind, eine bereits erwachsene Tochter, die aber schon seit Jahr und Tag in einem Strohsessel lehnte, weil infolge eines Wettersturmes, bei dem sie unter Wasser gekommen, ihre Füße lahm geworden waren. Das Mädchen mußte in vielem wie ein Kind gepflegt werden, konnte nur wenige Arbeiten verrichten helfen, hatte bisweilen Schmerzen zu leiden und blickte trotzdem mit ihrem blassen, gutmütigen Gesichte fröhlich ins Leben hinein, wenn man ihr Dasein und ihr Genießen überhaupt Leben nennen konnte.

Bei diesen Leuten nun hatte die wandernde Frieda eines Abends um Nachtlager gebeten, und bei diesen Leuten war sie verblieben. Ein guter Lohn, wie auf dem Salmhofe, war hier nicht zu haben, die Arbeiten hatten viele Beschwer, und doch war es der Magd, als sei sie im Himmel. Was war das im großen, reichen Salmhofe für ein Streiten, Beißen, Übervorteilen und Murren gewesen der Leute untereinander! Und hier, welcher heitere Frieden, welche herzliche Einigkeit! Die Möstlleute machten aus der Arbeit eine Unterhaltung, aus jedem Werktage einen Festtag, denn alles, was da war, packten sie von der erträglichsten Seite an und taten, als machten sie eine Kurzweil daraus. Das hatte die Frieda auch noch nicht gesehen, daß man laut lacht, als ob man gekitzelt würde, wenn man schwere Schmerzen leidet am siechen Körper. Die Adelheid konnte das! Das arme Mädchen lachte in den Nächten manch halbes Stündchen lang. Die Mutter tat ihr alles, was in ihrer Macht stand, zugute und hatte bisweilen in ihrem freundlichen Auge etwas Nasses. Aber ein heiteres Wörtlein mußte doch immer gesagt werden. Und wenn es manchmal besonders schlimm ward, so daß die Adelheid nicht mehr lachte, sondern ganz still war und die Zähne aufeinanderbiß, da huben die Alten ein emsiges Beraten an, verfielen auf allerlei Mittel und ergriffen jedes mit solcher Zuversicht und Hoffnungsfreudigkeit, als ob alles Heil vor der Tür wäre.

Die Magd Frieda lebte neu auf in diesem Hause; neigte doch auch ihre warmlebige Natur zum Frohsinn hin. Als ob sie wieder Eltern und Schwester gefunden hätte, so war ihr, und sie trachtete, den Leuten nach ihren Kräften zu dienen, Hartes zu mildern, Liebes zu tun, und besonders verstand sie bald, sich als Pflegerin der armen Siechen so zu erweisen, daß der Möstl einmal seinem Weibe zuschrie: »Alte! an der hat uns der Herrgott eine geschickt, daß wir ihm dafür die große Zehe wegküssen sollten wie die Betschwestern zu Rom dem heiligen Petrus.«

Was das Möstlweib darauf antworten wollte, das durfte aber nicht so herausgeschrieen werden. Erst draußen am Feldraine teilte sie ihm ihre Bedenken mit: »Daß sie dir gefällt, die Frieda, wäre schon recht. Aber: auweh und auweh! möcht' ich sagen, sie gefällt auch anderen Mannsbildern. Wenn du Zehen wegküssen willst, so mußt bald anfangen, sonst frißt sie vorher der Fuchs. Schon das zweite Mal habe ich am vorigen Samstag wahrgenommen, daß einer vor ihrem Fenster steht. Ein ganz fremder Kund ist's, habe mich zuerst schier gefürchtet vor ihm, aber geplaudert mit ihr hat er ganz gutmütig.«

Und das Möstlweib hatte nicht schlecht beobachtet. Kaum daß die Magd Frieda ein paar Wochen in diesem weltverlorenen Hause gelebt, war eines Abends auch schon der Schopper-Schub da. Vor dem gab's kein Verstecken! Eben wollte sie desselben Abends einschlafen, als er durch ein leises Klopfen an ihrem Fenster sich anmeldete. Sie war zuerst sehr erschrocken und sogar empört, allmählich jedoch kam es ihr zu Sinn, daß dieser Mensch doch gar zu anhänglich wäre, fast wie ein Bruder. Sie hatte ja ohnehin keinen Bruder. Sie setzte sich in ihrem Bette auf, er setzte sich draußen auf den vorspringenden Wandschrott, und so sprachen sie eine Weile miteinander. Er sagte, daß sie ganz recht habe mit ihrem neuen Dienstorte, und daß er schon bemerkt hätte, wie brav sie den armen Krüppel pflege und die Anhänglichkeit der Möstlleute besitze. Das würde ihr gewiß den Segen Gottes bringen, und ihr würde es noch einmal viel besser ergehen, als mancher reichen und hochmütigen Großbauerntochter. Ihm — so erzählte der Schopper treuherzig — fehle auch nichts. Er habe jetzt im Siebenbachwaldgraben eine große Riesen gebaut, welche von allen Holzmeistern gelobt wurde und welche ihm auch Geld und die Vorknechtstelle eingetragen habe. Vielleicht bringe er es doch noch einmal zu einer Eigenstatt, zu einer Hütte. Er wolle mit einer solchen klüger sein als das erste Mal.

»Ja, hast schon einmal eine Hütte besessen?« fragte die Jungmagd.

»So groß wie das Möstlhaus,« antwortete er.

»Ein Häusel hast gehabt? Und hast es denn vertan? vertrunken? verspielt?«

»Verraucht,« sagte der Holzknecht.

»Jessas! So viel Tabak rauchen tust?«

»Angezündet hab' ich's, mein Haus, und niedergebrannt.«

»Nicht gescheit bist!« hauchte die erschrockene Frieda. »Aber wie hat das können sein?«

»Weil ich ein rabiater Mensch bin,« sagte der Schopper. »Zufleiß hab' ich's getan. Und gereut hat's mich auch noch nie!«

»Bei dir kennt man sich frei nicht aus,« meinte die Jungmagd.

»Bist neugierig?« fragte er. »Nachher kunnt' ich dir's ja erzählen. Aber sitzen tu ich schlecht auf dem Schrottkopf.«

»Einen anderen Platz hab' ich nicht,« gab sie schneidig zurück.

»Alsdann bleib' ich sitzen auf dem Schrottkopf,« sagte er geduldig und hub an zu erzählen: »Von Wallischdorf bin ich her. Dort hat der Schopper-Rüppel ein Gütel gehabt und zwei Söhne, meinen Bruder Juch und mich, den Schubhart. Und da geht einmal am Frohnleichnamstag nach dem Umgang, er hat noch den Himmel tragen helfen, der Schopper-Rüppel her und verstirbt. So schnell ist das gegangen, daß er nicht einmal Testament machen hat können. Nur so viel hat er gesagt: Dem Buben gehört das Häusel und den anderen soll er mit dreihundert Gulden hinauszahlen. Jetzt, weil er keinen Namen genannt, so hat jeder von uns zwei Brüdern wollen der Bub sein. Denn du kannst dir denken, der ist im Vorteil. Und haben angefangen zu streiten. Der Juch hat das Gütel haben wollen, und ich hab' es auch haben wollen. Ist eine Wirtschaft mit ihrer zwölf Joch Grundstücken. Haben uns vorher gar nicht unlieb gehabt, der Juch und ich, aber jetzt ist der Teufel los gewesen. Gestritten wie die Bettelbuben, und gar beim Gericht hat's jeder beweisen wollen, er wäre der Bub, und ihn hätte der Vater gemeint, und ihm täte das Häusel gehören. So währt's ein halbes Jahr und länger, keiner von uns hat mehr gearbeitet, jeder nur sinniert, wie er den anderen möcht' hinaustauchen. Geld hat's gekostet und Hirnschmalz und Herzblut — und die ewige Seligkeit hätt's kosten können, uns beiden. Und wie wir einmal so im Wirtshaus sitzen und schauderlich gegeneinander geraten — die Leute haben uns noch angehetzt — und wie wir schon kein gutes Haar aneinander lassen, daß einer wie der andere einem rechten Spitzbuben gleichsieht vor dem ganzen Dorf, und zuletzt noch unseren verstorbenen Vater verschandieren — da spring ich gäh auf und davon. Nächtig Stund' ist, getrunken habe ich stark gehabt. Und wie ich zu meinem Häusel komm', das wie ein schwarzes Gespenst dasteht mitten in den Feldern, da fällt's mir ein: Niederbrennen! Das Gerümpel ist's nicht wert, was wir treiben. Im Aschen hat der Streit ein End'. — Kaum gedacht, bin ich mit dem Zündholz auch schon im Strohdach. Wie es licht wird im Tal und die Leute zusammenlaufen und ich auf einmal neben meinem Bruder steh' und vor uns bricht das Elternhaus nieder, da wird mir ganz eigen. Ich halte dem Juch die Hand hin und sag': Mein Teil ist verbrannt, die Grundstücke sollen dein sein, und wir wollen Fried' machen miteinand. — Er schaut mich an im Feuerschein und sagt: Schlecht genug bist du, daß du's selber hast getan. — Auf das bin ich fort ins Gebirg herein und Holzknecht geworden im Siebenbachwald. — Jetzt weißt es.«

»Du bist ja ein grundschlechter Mensch!« sagte die Jungmagd ganz verblüfft.

»Neid ist's nicht gewesen,« setzte der Schopper bei, »daß ich etwa hätte gemeint, wenn ich das Häusel nicht kann haben, so soll's auch der Bruder nicht haben. Aber Trotz ist's gewesen und Dummheit, und hinter mir immer der Teufel: Nicht nachgeben, nicht nachgeben! — Dabei das Streit-Elend, die Bruderfeindschaft! Und wie schon manchmal ein Sturm in mich fährt, daß ich selber nicht mehr weiß, was ich tu', so ist's über mich gekommen, und so ist's geschehen. Mit meinem Bruder bin ich immer noch nicht auf gleich. Er hat seine Sach', ich gönne es ihm, und was ich getan, hat mich noch nicht ein einziges Mal gereut.«

Die Jungmagd sagte: »Ein seltsamer Mensch bist.« Und bei sich dachte sie: Weiß nicht, soll man sich vor ihm fürchten oder was? ...

Also plauderten sie von diesem und jenem, und der Schopper kam nun öfter an ihr Fenster. Von allerhand redete er, aber nie von Liebe. Nichts von dergleichen. Nur einmal fragte er sie bescheidentlich, ob es ihr wohl auch recht sei, daß er so manches Stündlein an ihrem Fenster sitze, er tue es halt gerne und wäre so froh dabei.

Die Frieda brachte es nicht übers Herz, ihm zu gestehen, daß seine Gegenwart sie beklemme, daß sie ihn vielleicht gerne haben könne wie einen Bruder, aber Brüder kämen nicht ans Fenster der Schwestern, und ob er nicht besser täte, nach seiner schweren Tagesarbeit im Bette zu rasten, als den weiten Weg zu machen in die Abachleuten her. — Mehrmals nahm sie Anlauf, ihm das zu sagen, aber sie brachte es nicht übers Herz, ihn so zu kränken. Sie nahm sogar die kleinen Geschenke, als Wecken, frische Kaiserbirnen, welche er ihr mitzubringen pflegte — sie nahm derlei und sagte schön »Vergelt's Gott« dafür. Insgeheim jedoch waren ihr die Gaben von diesem Menschen zuwider, und es tat ihr selber weh', daß sie so undankbar sein mußte. — Viel schlechter, so rief es einmal in ihr, viel schlechter ist der andere Wicht, der nächtig meine Ruhe stört. Was hat der junge Adlerwirt von Kirchbrunn in meinen Träumen zu tun! Das geht ihn gar nichts an, ob ich mein Haar flechte oder nicht, und er soll nur seiner Frau Adlerwirtin die Augen küssen und nicht ein armes Dienstbot foppen.

Auf der Schabelhöhe, über welche eine Bergstraße führt, stand unter sieben alten Lärchen eine Kapelle. In derselben war ein frischer Brunnen und ein Muttergottesbild, genannt: Maria unter den sieben Lärchen. Dieses Bild war als wundertätig bekannt und besonders von Leuten aufgesucht, die an heimlichem Herzweh litten. Der Volkswitz sagte: Wenn eine Jungfrau siebenmal am Brunnen bei Maria unter den Lärchen trinkt, dann bekommt sie einen Mann. Obzwar dieser Ausspruch in der Gegend nicht gerade als Glaubensartikel bezeugt war, so ließ sich doch nicht leugnen, daß jahraus jahrein viel junges Frauenvolk hinaufkam zur Schabelhöhe, andächtig vor dem alten, ungefügen Bildnis betete und dann einen kräftigen Schluck nahm aus dem Brunnen. Also war es auch der Magd Frieda schon mehrmals zu Sinn gekommen, ob sie nicht eine Wallfahrt machen sollte zu den sieben Lärchen; der Platz war vom Abachtale aus in einer guten Stunde zu erreichen. Ganz fern stand das Gnadenbild den menschlichen Liebesangelegenheiten auf keinen Fall. Ein heimlich Herzweh — das stimmt ja. War nicht einst der sterbenden Mutter letztes Wort: Frieda, wenn du nicht aus weißt, so knie' hin und tu' beten! — Und hatte die Frieda nicht auch dem Schopper versprochen, sie wolle so lange beten, bis sie ihn recht lieb habe?

Und eines Sommersonntags am Nachmittage ging die Magd an den Waldhängen hinan, über die sonnigen Weiden fort, bis sie zur heißen, staubigen Straße kam. Wie von diesen Höhen aus der Blick sich weitete hin auf die blauen Berge, so weitete sich auch ihr Herz, und eine frohe Hoffnung kam über sie, daß sie nicht umsonst den Wallfahrtsweg machen werde zu der lieben Mutter Gottes.

Endlich stieg sie die Stufen hinan zur hölzernen Kapelle, die schon etwas hinfällig sich an eine der Lärchen lehnte. Sie hörte das Geplätscher des Brunnens, der an der Seitenwand aus dem Rohre in einen Steinkessel rann. Niemand war da, sie war ganz allein. Ihren Überkittel ließ sie vom Kopfe hinabgleiten, ihr Gebetbuch zog sie aus dem Säcklein und also kniete sie nieder vor der Mutter Gottes mit dem Kinde, die, aus Holz geschnitzt und mit Farben bemalt, fast in Lebensgröße auf dem Altare stand. Die Maria hatte eine Krone auf dem Haupte, hielt ein Zepter in der Hand, das Christkind trug im kleinen, nackten Händchen die Weltkugel. So viel Herrlichkeit und Würde lag in diesem Bildnis, daß die Frieda sich dachte: Und hier soll ich mein sündig Herz auspacken?

Mit dem Gebetbuche ging es heute gar nicht. Da sind allerhand Anliegen darin, aber das ihre nicht. Wie soll sie es denn nur anfangen, daß sie nach ihrer Meinung jetzt beten kann? — »Der gute arme Mensch, der Schopper. Ist er denn wirklich so unbegehrt? Ist er denn häßlich, so dumm, so ungefüg und selbstisch? Das ist er nicht. Er ist ein herzensguter Mensch, und wenn er seinen Bart kämmen und pflegen möchte, wer weiß, was draus werden könnt'! Hernach, wenn man bedenkt, was er für ein tüchtiger Mann in der Arbeit ist und bringt's über kurz zum Holzmeister. Schlecht kann's bei dem ein Weib nicht haben, ernähren kann er auch etwas. Und wenn er eine so recht lieb hat, als wie er sagt, daß er mich mag, da wird's kaum einen besseren Mann geben als den. Ich habe schon Beweise genug, wie er zu mir hält. Der wird ja närrisch, wenn er mich nicht kann haben. Also warum will ich ihn denn nicht, das möchte ich wissen, du liebe barmherzige Mutter Gottes! Ich bin ja gewiß nicht zu gut für ihn, schon eher zu schlecht. Ich weiß mir ja nichts auf der Welt und soll als arme Magd alt werden und versterben. Auf wen wart' ich denn? Ja, du himmlische Maria, warum will ich ihn denn nicht? Sei mir doch gnädig und gib mir deinen Segen. — Harte Anfechtungen habe ich oft, als müßte ich wohin gehen und was anstellen, daß es groß Unglück gäbe für Zeit und Ewigkeit. O heilige Mutter Gottes, führe uns nicht in Versuchung! Gib mir die Gnade, daß ich den Holzknecht recht kann lieb haben und sein Weib werden. O liebes Christkindel mit dem krausen Haar! Und wenn es schon nicht möglich kann sein, daß ich ihn lieb hab' wie einen Herzensschatz, so gib mir die Kraft, daß ich das Opfer mag bringen, so wie es für alle drei am besten ist. Ich will dir ja nicht zu sparsam sein mit Wachskerzen, wenn du mir hilfst und den rechten Weg weisest. O gegrüßt seist du, Königin, Mutter der Barmherzigkeit!«

Also dachte und murmelte die junge Magd vor sich hin, manches sprach sie laut und traumhaft, dann schlug sie das Buch auf, machte sich Vorwürfe, daß sie nicht einmal mehr beten könne, sie war sich's kaum bewußt, welch heißes, kindliches Gebet sie eben verrichtet hatte.

Und während sie so kniete in der Kapelle und mit sich rang, ehrlich und tapfer, wie noch selten ein Weibesherz gerungen, stand am Eingang einer und beobachtete sie. Sie entfaltete ein weißes Handtüchlein, fuhr sich damit über die heißen Wangen und erhob sich — da sah sie ihn.

»Schau,« sagte er und schnalzte mit der Zunge — der Wolfram war es — »da sehe ich eine Seltsame. Die will sich auch einen Liebsten erbitten.«

Sie verbarg ihre Überraschung hinter Trotz und antwortete: »Ja, das will ich auch. Aber nicht etwa so, wie es der Herr Adlerwirt meint.«

»Das hilft alles nichts, Frieda,« sagte der Wolfram. »Komm, Dirndel, setzen wir uns da auf die Bank. Wir haben schon lange nimmer miteinander geplaudert.«

Unter dem Schatten der Lärchen, am Rande von jungem Fichtendickicht hin waren aus rohen Brettern Tische und Bänke aufgeschlagen, weil alljährlich am Maria Heimsuchungs-Tage ein Fest hier abgehalten und dabei Getränke ausgeschenkt wurden. Die Frieda wollte eigentlich fest stillstehen und den Adlerwirt keines Blickes würdigen, aber ihre Füße stiegen sachte die Stufen herab und an seiner Seite über den grünen Anger zu einer Bank hin.

Als sie völlig zu sich kam, saß sie neben dem Wolfram, der, seinen Ellbogen auf den Tisch gestemmt, den Kopf in der Hand hielt.

»Ach ja, Dirndel!« seufzte er auf. »Seit wir zwei uns das letzte Mal gesehen, habe ich viel durchgemacht, du glaubst es nicht.« Und nun begann er zu erzählen von seinem häuslichen Elende, daß er so viel als vertrieben sei aus seinem Vaterhause, ja selbst aus Kirchbrunn, und daß er jetzt auf dem Punkte stehe, wo der Mensch nimmer weiß, ob er noch warten soll auf den nächsten Tag oder nicht.

»Mein Gott, Wolfram,« sagte sie voller Teilnahme. »Was willst denn, als warten, bis es wieder besser wird! Sollst dich nicht so viel kränken, Wolf, was hast denn davon, wenn du krank auch noch wirst!«

»Ich wollt', es hätt' alles sein Ende, alles, alles!« so rief er mit schriller Stimme und schlug sich die Faust auf die Stirn.

»Wolf! So mußt nicht. Mußt nicht auch noch selber dein Feind sein.« Sie legte ihre Hand auf seine Achsel. Er schlang mit Leidenschaft seinen Arm um ihren Nacken, sie warf dieses Joch heftig von sich, stand auf, um zu flüchten. Aber am Stamme eines Lärchenbaumes blieb sie stehen und strich wie traumhaft die losen Haarlocken aus dem Gesichte.

Der Wolfram war kauern geblieben auf der Bank, jetzt schaute er vorgeneigten Hauptes hin auf sie, in allen Enden seines Angesichtes zuckte es, dann lachte er auf.

»Das ginge noch ab,« sprach er. »Das Gedenken an dich ist meine einzige Labnis gewesen in dieser traurigen Zeit. Eine lebt doch auf der Welt, die zu mir steht. Wenn sie auch weit von mir ist und ich sie nicht mag finden, irgendwo ist sie doch und denkt an mich und wir sind beisammen. Und jetzt —«, er sprang auf, »jetzt bist auch du so?!«

Sie stand bewegungslos wie eine Bildsäule und schaute ihn an.

»Soll ich denn meines Irrtumes wegen ganz verloren sein?« sprach er weiter. »Soll ich mein junges Leben selber zertreten, wie man einen Waldwurm zertritt, vor dem sich alle entsetzen? Ja, Frieda, ich tue es. Sie, im Adlerwirtshaus, hätte mich nie so weit vermocht, sie ist mir eine Fremde. Aber wenn ich weiß, daß auch du dich von mir wendest, dann ist es aus!«

»Wann,« entgegnete nun das Dirndel zagend, »wann habe ich dir denn einen Beweis gegeben, Adlerwirt, daß ich — dir so gut wäre?«

»Leugne es nicht, Frieda!« sprach er mit Nachdruck, als wollte er einen Verbrecher überweisen. »Und wenn du mir nie was Liebes gesagt hättest, kein gutes Wort, und wenn du mir zehnmal weiter noch ausgewichen wärest, ich hätte es doch gewußt, daß du mich gern hast, und so gewiß, als du's von mir mußt wissen. Du hast es tapfer niedergedämpft, vielleicht tapferer als ich. Wir haben uns beide redlich voreinander gewehrt. Es hilft alles nichts. Von jenem Tanzabende in Schwambach an hat's so gespielt, daß wir zwei zusammenkommen sollen, wir haben's nicht verstanden, haben uns so lange gesträubt, bis es uns heute auf diesem Platze ganz zornig zusammenwirft. Ist es nicht so, Frieda? Ist es nicht so?«

Das Dirndel preßte die Hände ins Gesicht. »Ich hab' so gebetet da drinnen,« wimmerte sie, »so inständig gebetet zu der Mutter Gottes. Es ist alles umsonst! — Ich kann ja auch nicht sein, ohne deiner!« — Mit diesem Schrei stürzte sie ihm an den Hals.

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9. Abschnitt.

Vom Schopper-Schub wissen wir, daß er seit Jahren die Jungmagd Frieda nicht mehr aus den Augen ließ. Er verfolgte immer ihre Spuren und oft war er in ihrer Nähe, ohne daß sie es ahnte. Beim Möstl in der Abachleuten war es ihm gar bequem, da konnte er sich aus seinem Holzschlag an den Samstagabenden und manchmal auch an den Sonntagnachmittagen einfinden, um mit ihr zu plaudern. Die ganze Woche hindurch freute er sich auf das Stündlein, an welchem er nahe bei ihr, wenngleich durch eine Wand getrennt, sitzen konnte. Es waren zumeist die allergewöhnlichsten Dinge, über die gesprochen wurde, aber dem Holzknecht war wohl, wenn er ihre Stimme hörte und wenn er sah, wie sie manchmal so kindlich lachte.

Also war er auch an diesem Sonntagnachmittage in die Abachleuten gekommen, beim Möstlhaus zugekehrt, hatte sich auf die Stubenbank hingesetzt und gesagt, er müsse doch ein wenig in den Schatten gehen.

»Ja,« hatte das Möstlweib neckend geantwortet, »Schattens wegen wirst du in die Abachleuten kommen! Den hast in deinem Siebenbacherwald weit besser. Wirst den weiten Weg heut wohl umsonst gemacht haben. Sie ist zu den sieben Lärchen hinauf wallfahrten gegangen.«

»So,« antwortete der Schopper ganz gleichgültig. »Da hat sie schon recht. Das Beten schadet niemandem.«

Und wenn das Beten niemandem schadet, dachte er für sich weiter, so wird's ja auch mir nicht schaden. Und stieg an gegen die Schabelhöhe. Er ging nicht den guten Fahrweg, er wählte die steileren, aber kürzeren Steige; Bergesmühsal gibt's für den Holzknecht keine, und durch den Wald hinauf mag er sich das Schlagholz ansehen. Als er auf die freien Weiden kam und auf die weiße Straße hinüberblicken konnte, sah er sie dort gehen, er erkannte sie ja schnell. Und einen Büchsenschuß hinter ihr eilte ein Mann drein. Der Schopper schärfte sein Auge und erkannte den jungen Adlerwirt von Kirchbrunn. — Vor Überraschung wie gelähmt blieb er einen Augenblick stehen. — Was ist das? — Was ist das? — Steht es so mit der Wallfahrt zu den sieben Lärchen? Ei, da wollen wir ihnen doch einen Baum über den Weg werfen. Ist denn schon alles falsch auf der Welt? Gut, alsdann will ich's auch sein. — So seine Gedanken. Neuerdings zog er sich in den Wald zurück und lief durch denselben an der rückwärtigen Berglehne der Kapelle zu. Er kam früher hinauf als die anderen. Hinter der Kapelle kroch er in das Fichtendickicht und kauerte sich an die Holzwand, um durch eine Spalte in das Innere der Kapelle lugen zu können, während durch das Gezweige hin der Anger mit den Tischen sichtbar war. So beherrschte er den Schauplatz nach beiden Seiten. Er langte mit der Hand in seinen Sack, ob er das Messer bei sich habe. — Ja, mein lieber Adlerwirt, ich habe dir's gesagt, und du hast es nicht geglaubt. Des Herrgotts Mühlen mahlen langsam, aber sicher! —

Er hatte gesehen, wie die Frieda beklommen in die Kapelle getreten war, und als er merkte, daß ihr Gebet ihm galt, da löste sich von seinem Auge ein salziger Tropfen los und rann über die rauhe Wange, durch den struppigen Bart bis an die Lippen. Dann stand plötzlich an der Tür der junge Adlerwirt mit heißbegehrendem Blick. Der Holzknecht erfaßte die Hirschhornschale seines Messers. Als er hernach vernahm, was draußen gesprochen wurde an den Tischen, jedes Wort des armen Burschen voller Unglück und voller Liebe, und wie das Dirndel dagegen ankämpfte, bis doch in beiden die wilde Allgewalt Siegerin ward — da loderte in ihm Wut und Rachgier auf, daß der fliegende Atem glühte an seinem Munde. Und er stürzte mit gezücktem Messer hin auf das Paar. Die Frieda tat einen Schrei und wollte sich schützen unter dem Brette eines Tisches. Der Wolfram jedoch stand wie ein Baumstamm da und fragte: »Holzknecht! Was willst du?«

Diese starre Ruhe lähmte den Schopper für den Augenblick, denn er war auf Gegenwehr gefaßt gewesen und in einem Zweikampfe wollte er siegen oder fallen.

»Bist du da, um mich zu töten?« fragte der Wolfram. »So stoße zu. Ich habe mein Leben verspielt und wehre mich nicht. Willst aber ihr etwas zu Leide tun —!« Er ballte die Fäuste.

Dem Schopper sank der Arm mit dem Messer. Plötzlich wendete er sich, stürzte in das Dickicht und hastete davon durch den Wald hin. — Halb betäubt war er, und seine Gedanken wurden wirr. — Warum hast du es denn nicht getan? fragte er sich selbst. Und er selbst antwortete: Er hätte einen Bankbalken losreißen müssen. Nicht davonlaufen wollen und sich auch nicht wehren, wer kann denn da zustoßen? Einen Baum fällt man so, aber einen Menschen —. Und hernach, weiß ich denn, welches fort muß? Soll der Adlerwirt sterben? Ist er nicht der Ehebrecher und Verführer und der Räuber derer, die mir Gott gegeben hat? — Oder soll sie sterben? Ist nicht sie die Ursache seiner Treulosigkeit, die den Sünder anlockt und einen treuen Menschen verschmäht, verachtet, in Verzweiflung treibt? — Oder soll ein dritter sterben? Soll der Schopper sterben, weil alles aus ist, und freiwillig sterben, bevor er zum Mörder wird? Mir kommt's nur auf den Schuldigen an. — Denn das sah er nun wohl, es war die unbändige, rasende Liebe, in welcher das junge wehrlose Menschenpaar hinschmolz wie Wachs im brüllenden Feuer eines brennenden Hauses. Armer Holzknecht, so wie du selber wehrlos bist gegen diese Macht, so sind auch sie es. Was können sie dafür! — Du hast dir vorgenommen, Schopper-Schub, für die Frieda alles zu wagen und zu opfern, um sie glücklich zu machen. Siehst du es denn nicht, jetzt ist sie glücklich! — Was willst du denn noch? — Einmal hast du dein eigenes Haus angezündet, weil es böse Ursach' ist gewesen. — Kannst du rechnen, Holzknecht? Wenn du ein bißchen rechnen kannst, so sage, was mehr ist, eins oder zwei. Wenn zwei mehr sind als eins, so ist einer weniger als zwei. Laß die zwei sein, und den einen streiche weg. —

Also dachte der arme Mensch und ging — ach wie traurig! — den Holzhütten seines Tales zu.

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10. Abschnitt.

Wer genug Zeit und Tiefblick hat, um die Ursachen und Wirkungen zu betrachten, der wird — sei es zu seinem Schreck, sei es zu seinem Trost — finden, daß alle Fehltritte und Verstöße des Menschen gegen Sitte und Gesetz, gegen das Gute und Rechte überhaupt, sich fast allemal strafen, und zwar an derselben schuldigen Person oder an demselben Geschlechte. Schade nur, daß die Strafe nicht unmittelbar genug folgt, um stets als Strafe für Sünde und Vergehen empfunden zu werden. So mancher, der sein Elend selbst geschmiedet, hält sich für den Unschuldigsten von der Welt und ist geneigt, die Ursache dieses Elendes anderen in die Schuhe zu schieben. Solches Mißkennen führt ihn zu weiteren Fehlern und Ungerechtigkeiten, und im Gefühle des eigenen Sturzes sucht er auch andere mit sich zu reißen. Leichter kehrt der um, welcher ein schweres Verbrechen begangen, als einer, der tausend Fehler hat und den Mitmenschen täglich im kleinen tausendmal unrecht tut. Doch ist letzterer ebenso Verbrecher als ersterer, nur schreit er Zeter und Mordio, wenn endlich auch an ihn die Nemesis herantritt mit dem Richtschwert.

Frau Kunigunde hatte kaum eine Ahnung davon, daß sie eine der Hauptursachen an dem Niedergang ihres Hauses und die einzige Ursache an ihrem und ihres Mannes Unglück war. Sie war immer nur geneigt, alles auf ihren Mann, auf seinen Vater, auf alles andere zu schieben. Und je weher ihr ward, um so höher stieg ihre Verbitterung gegen die eingebildeten Feinde. Und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Bei dem Adlerwirtshause zu Kirchbrunn hatte sich reges Leben entfaltet wie schon lange nicht. Allerhand Wägen kamen angefahren von oben und von unten und spannten aus, Bauern, Bürger und Herren waren da, Schacher und Händler, und die Wirtsstube war viel zu enge, auch im Vorhause und im Hofe standen Tische, und die Kellnerinnen liefen über die Gasse hin und her. Das gab doch wieder einmal ein Geschäft.

Meint ihr?

Da müßte man erst noch die Wirtsleute fragen. Der alte Adlerwirt lag bei einem Nachbar im Scheunenstroh und bat mit lallender Stimme fortwährend um Branntwein. Er wolle nie mehr nüchtern werden auf dieser verdammten Welt. Der junge Adlerwirt war seit Wochen verschollen. Im Siebenbachwald, so hieß es, wäre er einmal gesehen worden, aber ganz seltsam aufgeregt, er müsse etwas Besonderes im Sinne haben, man werde noch merkwürdige Geschichten von ihm hören. So kam es, daß auch Frau Kunigunde nicht ruhig sitzen bleiben konnte in ihrem Zimmer. Sie ließ ihre Mutter, der ja alles gleichgültig war, allein, und als sie auf einem Steirerwäglein und in ihrer tadellosen Trauerkleidung hübsch fein geputzt aus dem Hofe fuhr, klang in demselben das erste Mal der Ganthammer. Alles wurde versteigert im Adlerwirtshause, nur nach den Insassen war keine Nachfrage.

Frau Kunigunde fuhr in das Gebirge hinein. Sie hieß auf das Pferd dreinhauen, sie bewarf den Pferdeknecht mit Schimpfnamen, denn sie wußte ihrer Galle kein Ende. Was sie dem Knecht und dem Pferde antat, das war alles ihrem Manne vermeint. Dem Flüchtling! dem gewissenlosen Ausreißer! Solange er Geld erwartet von ihrem Vater, hat er den Hausherrn gespielt, jetzt weil nichts ist, weil alles in die Brüche geht, verläßt er sein armes Weib in Not und Schande und stromert in allen Weiten um, man weiß nicht wo und mit wem. Aber warte, Schelm, wir werden dich noch einfangen. Du sollst Gott erkennen lernen! Du sollst mir kirre werden! Hinwärts zieht mich noch das spottschlechte Roß, es ist aber vieltausendmal besser als du; herwärts sollst du den Bettelkarren ziehen, und daß du zahm wirst wie ein Pfründnerschaf und mir Brennesseln aus der Hand frißt, das soll meine Sorge sein. —

Unter solchen Liebesgedanken fuhr Frau Kunigunde auf die Suche nach ihrem Manne. Sie sprach bei manchen Häusern zu, schämte sich aber, geradehin zu fragen: Habt Ihr meinen Mann, den Adlerwirt von Kirchbrunn, nicht irgendwo gesehen? — Ja, Frau Adlerwirtin, ist Euch Euer Mann durchgegangen? — Das wäre eine hübsche Unterhaltung gewesen.

Also faßte sie es so: »Hat nicht mein Mann hier zugefragt?« — »Wissen nichts, vor einer Woche oder wann haben wir ihn vorbeigehen gesehen.« — »Sollte er nach mir fragen, so weiset ihn, ich bin vorausgefahren in den Siebenbacherwald, wegen des Holzkaufes.«

Bei den Holzknechthütten im Siebenbachwald ließ sie ausspannen und begehrte etwas zu essen.

»Ja,« meinte ein resches Holzerweib, »kein Wirtshaus ist halt bei uns nicht. Geißmilch mit Schoten, wenn's recht wäre?«

Von Herzen gern hätte Frau Kunigunde geantwortet, daß sie Schweinefutter nicht gewohnt sei, wäre nur ihr Hunger nicht gar zu groß gewesen. Während sie die Milch trank, erzählte sie, daß mit ihrem Mann eine Zusammenkunft draußen bei den drei Brücken verabredet gewesen sei, daß sie sich aber verfehlt hätten. Und sie fragte, ob er, der Adlerwirt von Kirchbrunn, nicht etwa hier herum gesehen worden wäre?

»Seid Ihr die Adlerwirtin?« fragte das Holzerweib. »Nachher glaub' ich's gern, daß er bei den drei Brücken nicht gekommen ist. Von Euch ist er ja eben davongelaufen, sagen die Leute.«

Frau Kunigunde warf eine Münze hin und machte sich entrüstet auf die Wander zu den Köhlerstätten.

Bei der Kohlenbrennerei fragte sie wieder an.

»Der Adlerwirt?!« schrie der alte Köhler, denn er war schwerhörig, daher hielt er auch andere dafür. »Weiß nichts davon. Aber der Vorknecht soll letzt' Zeit her alleweil vom Adlerwirt reden.«

»Wo ist denn dieser Vorknecht?«

»Der ist jetzt nicht da, der ist oben im Zagelwald. Für ein Weibsbild nicht gut hinaufzusteigen.«

»Ich will hinauf!« sagte Frau Kunigunde.

»Weiß nicht, ob es Euch viel nutzen wird,« meinte der Kohlenbrenner, »letzt' Zeit her ist der Schopper — so heißt der Vorknecht — nicht recht im Kopf, ganz kleinsinnig oder was lauter. Ist nichts Rechtes von ihm herauszubringen. Vom Adlerwirt redet er nächtig im Traum.«

Die Frau dingte sich einen herumlungernden Knaben und stieg mit diesem hinan gegen den Zagelwald. Mehrmals ging es in tiefen Schluchten über Sand, Gerölle und wuchtige Steinblöcke dahin an brausenden Wässern, mehrmals unter einem schwindelnd hohen Holzgerüste durch.

»Was das für ein hoher Steg wäre?« fragte die Adlerwirtin.

»Das ist kein Steg,« antwortete der Knabe, »das ist die neue Holzriesen, wo die großen Blöcker herabrutschen und zum Feierabend die Holzknechte selber. Wie viele Kreuzer krieg' ich denn dafür, daß ich mitgeh'?«

Nach einer Stunde waren sie auf der Höhe bei dem Holzschlag. Die Leute, welche hier arbeiteten, blickten einander nur so an, als sie vernahmen, die junge Frau wolle mit dem Vorknecht sprechen. Der Vorknecht sei aber gar nicht auf dem Schlag, der liege auf dem Buchenanger im Grase; er sage, er arbeite nichts mehr, und das liebe Christenvolk möge gesund bleiben und ihm an den Buckel gucken. »Wollt Ihr das, so könnt Ihr ihn ja aufsuchen,« setzte der Berichterstatter bei.

Da ist etwas dahinter! dachte Frau Kunigunde und ließ sich zum Buchenanger führen.

Der Schopper, als er sah, wer daherkam, sprang rasch vom Rasen auf. Er sah wirklich wild und wirr aus. Ohne viele Einleitung fragte sie in strengem Tone nach ihrem Manne, dem Adlerwirt.

»Was weiß ich?« knurrte der Holzknecht. »Habt Ihr mir ihn zum Aufheben geschickt?«

»Du weißt, wo er ist!« sprach sie scharf.

»So? Na, wenn ich's weiß, dann muß ich's freilich sagen. Den Adlerwirt hat sein Weib verlassen, da ist er zu einer anderen gegangen.«

»Wo er ist, will ich wissen!«

»Vor etlichen Tagen,« antwortete der Holzknecht gottlos ruhig, fast träge, »hat er sich auf der Schabelhöh' aufgehalten oder im Wirtshaus dort herum. Jetzt kann's sein, daß er drüben in der Abachleuten ist.«

»Ein Schandmensch! Ein Schandmensch!« keuchte sie, und fast verging ihr der Atem vor Wut. »Der soll das höllische Feuer beizeiten kennen lernen, dafür stehe ich gut!«

»Dieweilen sitzt er im Himmel,« sagte der Schopper. »Und ich wäre der Meinung, wer so fest drin sitzt, den laßt man sitzen.«

Frau Kunigunde hatte sich niedergelassen auf einem Baumstock, ihr zitterten die Beine.

»Wie weit ist's bis in die Abachleuten?« fragte sie.

»Zwei Stunden, wer gut antaucht.«

»Mein Gott, mich verlassen schon die Füße.«

»Wenn die Frau ein Stündlein wartet, so kann sie mit mir auf dem Brettel hinabrutschen,« sagte der Holzknecht.

Ja, sie wolle warten. Und der Schopper dachte: Herrgott im Himmel, was ist das für ein Schick! Ich rutsche mit seinem Weib auf der Riesen hinab. Und ganz plötzlich fuhr es ihm durch den Kopf: Wenn er mir die Meine nimmt, so nimm ich die Seine. Wert ist sie's, daß sie mit mir kommt. Es geht nichts über die Ordnung. Und nachher ist Fried. —

Dieweilen Frau Kunigunde erschöpft auf dem Baumstock saß und mißmutig den Holzhauern zusah, die immer Blöcke an die Riesen schleppten und hinabgleiten ließen, strich der Schopper wie halb verloren auf dem Schlage um. Manchmal blieb er stehen und starrte auf den Erdboden, dann hob er das krause Haupt gegen Himmel und schnappte nach Luft. Dann lachte er hell auf, und einer der Männer hörte ihn sagen: »Besser kunnt sich's nicht mehr reimen. Wer ungeschickt ist, der muß hinab, daß er anderen nicht im Wege steht.«

»Du, Franzel,« redete er, als die Abendstunde kam, einen Arbeiter an. »Wenn du einmal beim Möstl in der Abachleuten vorbeigehst, gelt, so bist so gut und gibst das Ding dort ab. Es ist für die Magd Frieda.« Damit gab er ihm ein rotes, zusammengeknulltes Tüchlein. »Und jetzt, Leute!« rief er laut hinaus über den Schlag, »jetzt ist Feierabend. — Fahrt ihr nur voraus hinab, wir, ich und die Frau Adlerwirtin, rutschen hinten drein.«

Die Werkzeuge brachte man in Sicherheit, die Lodenröcke hing man sich über die Achsel, und da war's fertig.

Muldenförmige, vorn ein wenig aufgekurfte Bretter wurden in die Rinne der Riesen gelegt, und auf je einem solchen Fahrzeuge glitten ein oder auch zwei Mann hinab. In der Hand hatten sie lange Stöcke, mit welchen sie sich nötigenfalls leiten, anstemmen oder weiterschnellen konnten. Auf etwa hundert Schritte Zwischenräume wurden sie abgelassen. Anfangs glitt es gemächlich dahin, allmählich kam's in rascheren Lauf, und auf steileren Strecken sauste es unheimlich schnell dahin, manchmal an Erdeinschnitten und zweimal über grauenhaft tiefe Schluchten, aus welchen Schutt und Gestein und schäumendes Wasser heraufleuchtete. Über den schwindelndsten Stellen jauchzten einige. An den Rinnbäumen der Riesen dröhnte noch lange das Rollen herauf, selbst als die Bretter schon den Augen entschwunden waren.

Als die Holzknechte dermaßen alle angefahren waren, ging der Schopper zur Frau Kunigunde, die noch immer auf dem Stocke saß, machte eine kleine Verbeugung und sagte: »Also, Adlerwirtin, jetzt ist's an uns zweien.«

»Ist wohl doch keine Gefahr dabei?« fragte sie.

»Ihr seht ja, wie sie jauchzen unterwegs. In die ewige Seligkeit kann man nicht lustiger hineinfahren. Im Siebenbachwald gibt's halt keine so feinen Eisenbahnzüge wie in Geßnitz. Wir haben das lange Brettel mit zwei Sitzen. Ich setze mich voran, Ihr habt hinterwärts Platz. Nur frisch dran, Frau Adlerwirtin!«

»Es ist grauenhaft!« sagte die Frau.

»Nichts ist grauenhaft,« lachte der Schopper. »An fünf Minuten sind wir unten. Kommt nur. Prächtig wird's.«

»Ich will heut' ja noch weiterfahren.«

»Freilich, Adlerwirtin. Nur hübsch anhalten. Sitzen wir fest?«

»Ich sitze.«

»Also, im Gottesnamen!« Mit diesem Worte stieß der Schopper aus, und das Schifflein begann zu gleiten. Erst hielt der Mann mit beiden Händen den langen, derben Stock in die Luft. Vorwärts ging's rasch und rascher. Steiler wurde die Bahn, und da sauste das Brett pfeifend dahin. Es schoß über den ersten Abgrund, es schoß durch den Erdeinschnitt, es schoß dem zweiten großen Abgrunde zu, und als es hoch über der Schlucht rasend schnell hinglitt, senkte ganz plötzlich der Schopper den Stock, stemmte ihn vor sich in die Riesen, da sprang das Fahrzeug hinten empor, schlug über, und die beiden Menschen flogen in weitem Bogen durch die Luft — stürzten in die Tiefe.

Ein ganz kurzer Schrei gellte durch die abendlichen Lüfte, und dann war nichts mehr zu hören als das rauschende Wasser in der Schlucht. — —

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11. Abschnitt.

»Du, Alte!« schrie der Möstl in der Abachleuten seinem Weibe zu, als er von der Heuarbeit heimkam, »das wird nicht gehen mit der Frieda, 's ist schad', aber fortschicken mußt sie. Das Umziehen mit einem verheirateten Menschen können wir ja nicht leiden. Hab' sie just wieder auseinander gejagt allzwei.«

»Geh!« entgegnete das Weib, »bist doch nicht g'scheit! Schon wieder dagewesen ist er?«

»Soll ganz Kirchbrunn im Stich gelassen haben, sitzt jetzt da draußen im Zeilinger Hammer als Kohlenvermesser.«

»Das ist sauber,« sagte sie, »da hätten wir ihn alle Tag in der Hütten. Recht hart ist mir um die Magd, aber wenn sie's so macht, soll sie gehen, lieber heut' als morgen.«

»Ein Plangen haben die zwei zu einander, rein als ob's ihnen wär' angetan worden. Der Vorknecht Schopper soll ganz toll sein drüber, ich glaub's. Wenn nur da kein unliebsamer Handel herauskommt. Alte, der Schopper, wer ihn kennt, das ist ein gefährlicher Mensch!«

Noch sprachen sie so, als ein Holzknecht aus dem Siebenbachwald hereinstolperte. »Abrasten muß ich,« sagte er als Gruß und setzte sich gleich auf die Bank. »Bist eh daheim, Möstl, ist mir recht. Habt es schon gehört? das groß' Unglück im Siebenbachwald? Gestern auf dem Abend. Beim Abrutschen. Von der neuen Riefen in die Karwasserschlucht gestürzt!«

»Mutter Anna!« rief der Möstl aus. »Wer denn?«

»Er — der Schopper und ein fremdes Frauenzimmer!«

»Was sagst?«

»Die Adlerwirtin von Kirchbrunn soll's gewesen sein.«

»Was sagst?« schrie der Möstl und lachte auf.

»Na ich danke, wer bei so was lachen kann!« sagte der Holzknecht.

»Ist nicht schlecht gemeint,« redete das Möstlweib drein. »Der lacht alleweil, hat's Weinen und's Lachen in einem Sackel beisammen.«

»Der Schopper und die Adlerwirtin!« murmelte der Möstl und faltete die Hände. »Aber Herr, himmlischer Vater, ist das dein Ernst?« Er lachte wieder.

»Wir können es uns auch gar nicht denken, wie es geschehen ist,« berichtete der Bote. »Es kann was dahinterstecken. Wird schon aufkommen. Schauderlich, wer's gesehen hat! Von ihr ist kein Knocherl ganz verblieben. Bei ihm fehlt nur der Kopf.«

»Aber mein Gott!« rief das Möstlweib, »wie soll sich denn ein Christenmensch so was zusammenreimen!«

»Ist nicht eine Magd Frieda bei Euch da?« fragte der Holzknecht. »An die hab' ich ein Tüchel abzugeben. Ich weiß nicht, mir hat's der Schopper zugesteckt, gerade vor dem Unglück. Wir kennen uns nicht aus. Ein Knoten ist im Tüchel und ein Papierl ist drinnen, aber wir können keiner lesen. Weil ich's versprochen hab', daß ich der Magd Frieda die Sach' übergeben will.«

Alsbald wurde die Magd von der Wiese heraufgerufen.

»Du Frieda,« redete der Möstl sie an, »der da, der hat was für dich.«

Mit Hast löste sie den Knoten, mit zitternden Fingern entwirrte sie das Papier, es war ein abgerissenes, graues Streifchen, und darauf standen mit grobem Bleistift ungefüg geschrieben die folgenden Worte:

»Liebe Friederika!

Bin überflüssig, mach mich davon. Nehm auch eine andere mit, die Euch im Weg möchte stehen. Mehr kann ich nicht tun für Dich. Sei glücklich mit ihm.

Schubhart Schopper.«

Also hat sich's zugetragen. Und was wird jetzt geschehen sein? Alles Menschengeschick steht in Gottes Hand, alles vollzieht sich nach seinem Ratschlusse und fast nichts nach dem Sinne der Menschen.

Als die Magd Frieda in dem Opfertode des armen Waldmenschen seine unermeßliche Liebe zu ihr besiegelt sah, als das letzte Hindernis gefallen war zwischen ihr und dem Adlerwirt, daß sie sich nun vor Gott und der Welt hätten können die Hände reichen — fand sie, daß ihre heiße Leidenschaft für Wolfram anfing zu schwinden. Was war das für ein Unterschied! Was sind die gewöhnlichen Männer für zage, gemeinsinnliche, engherzige Schelme gegen diesen einen einsamen, heldenhaften! Von diesem allein war sie geliebt worden mit einer Liebe, wie wenigen Weibern auf Erden sie zuteil wird, mit einer Liebe, die stärker ist als der Tod. — Aber gekannt hat er es nicht, das Weibesherz, sonst hätte er im voraus wissen müssen, daß sein Opfer umsonst ist.

An demselben Tage, als die Reste der beiden Verunglückten auf einem kleinen Alpenkirchhofe still bestattet worden waren, schrieb die Frieda einen Brief an den Adlerwirt:

»Lieber Wolfram!

Weil das geschehen ist, muß es aus sein und ganz aus sein bei uns zweien. Er tät' immer zwischen uns stehen mit seinen blutigen Wunden. Ich habe wohl einmal gemeint, ich kunnt Dich glücklich machen, jetzt nimmer. Und im Unglück bist schon genug gewesen. Du bist frei geworden vor drei Tagen, ich habe geheiratet. Sein Sterbetag ist der Hochzeitstag zwischen ihm und mir geworden. Ich bin sein, und Du wirst auch wieder eine andere finden. Ich wünsche Dir alles Gute, und was vergangen ist, das soll vergessen sein.«

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