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Der 9. November

Erstes Buch (continued 2)

Reading edition

Klara saß still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war in Licht getaucht und ihre Augen gleißten. Schneeweiß und leuchtend war sie wie ein Gespenst. Sie atmete das Licht ein, sie war angefüllt vom Licht, und gleißendes Licht floß durch ihre Adern.

Das Paradies lag vor ihren Blicken ausgebreitet.

10

Otto wickelte sich fröstelnd in den Mantel.

Es war schon das beste, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht wahr? Sein Zug würde fahren, das stand fest! Er würde fahren, einerlei, was passierte. Kühle Gesichter, steife Verbeugungen, laute Unterhaltungen mit erkünstelt ruhigen Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, wo man plötzlich ein fernes Brummen hört. Die Front! Irgendwo in der Einöde hält der Zug, nur noch Männer, nur noch Soldaten. Autos, Wagen, Kommandostimmen, Dunkelheit, Schmutz, Regen, der Geruch einer öden Gegend. Geschütze poltern, Granaten winseln, es ist ganz wie früher. Die Kameraden kriechen aus den Unterständen, Hände strecken sich einem entgegen, man ist laut, man ist fröhlich, aber alles ist — Lüge.

Er wußte nicht einmal, ob er sie noch in der alten Stellung finden würde. Diese Stellung lag Tag und Nacht unter schwerem Feuer, aber doch war sie angenehm im Vergleich zu den flachen Gräben seinerzeit in Flandern, wo sie bis an die Brust im eisigen Wasser hockten und völlig gelähmt, an zwei Stöcken einherhumpelten.

Aber all das ist es nicht, nicht das Feuer, die Nässe, die Kälte, die Entbehrungen. Es ist das riesengroße Antlitz des Todes, das da draußen über den Trichterfeldern steht. Es ist nichts als die grauenhafte Furcht vor dem Tode, wenn man das Leben liebt, nichts sonst.

Das allein ist die Wahrheit! —

Ein freudiger Schreck lähmte seinen Schritt.

Stand nicht etwas Weißes am Fenster — das weiße Buch? Nein, nichts, der Reflex einer Gaslaterne. Finster das Haus. Das eiserne Gartentürchen war verschlossen. Otto berührte den Drücker, er war eisig kalt. Die kahlen Zweige der Büsche peitschten auf und ab, und Otto sah durch die brodelnde Efeuwand hindurch in Gängen und Zimmern die Heiligenfiguren in ihren grotesken Verrenkungen.

Sie schlief, fest und tief, aber ihr Blick glänzte über dem schwarzen Hause.

Quer durch den brausenden, finstern Tiergarten führte Ottos Weg. Ströbel wohnte bei den Zelten. Die Fröhlichkeit mußte jetzt in dieser Stunde ihren Höhepunkt erreicht haben — ja, schnell, schnell! Gierig erraffen von der Nacht, was noch zu erraffen ist. Fort!

Immer rascher ging er dahin, gepeitscht von Begierde und Qual. Die Zeit wanderte unter den Sohlen seiner Stiefel. Mit jedem Schritt wanderte ein Stückchen Zeit rückwärts, ein zertretenes Staubkorn Zeit floh mit rasender Schnelligkeit zurück in Nichts. Ja, Sand war die Zeit, rinnender Sand, rasend rinnender Sand, nichts sonst. Ein Meer, ein Sandmeer rinnt — und schon ist ein Jahrhundert vergangen — schon ein Jahrtausend. Ein Riesenkrater rinnt, und Städte, Völker, Kontinente kommen ins Gleiten und rinnen hinunter — ins Nichts. Zeit, welch entsetzlicher Begriff! Glücklich Tiere und Götter, die ihn nicht kennen.

In diesem Moment trat der Mond aus dem dunkeln Gewölk. Auch er raste dahin — wie alles auf dieser Welt, das vor dem sicheren Untergang floh — raste, obgleich einige Jahrtausende bei ihm keine Rolle spielten. Aber eines Tages würde seine langweilige Visage bersten und er, zusammen mit dem Staub dieser Erde, den Schwanzzipfel eines Kometen bilden, der zum großen Staunen der Astronomen plötzlich vor der Linse der Teleskope erscheint — irgendwo in undenkbarer Ferne.

Noch sieben Stunden! Rasend stürzte Otto vorwärts. Die Zweige des brausenden Parkes griffen nach ihm. Und plötzlich schrie Otto — wild, wie ein Tier. Er war jung und er liebte das Leben.

11

„Einen Augenblick nur!“ Schon hatte der General die Mappe mit den Akten, die heute noch alle bearbeitet werden mußten, aufgeschlossen. Den einen Schlüssel besaß er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Händen. Kein unbefugter Blick konnte in diese geheimen Aktenstücke dringen, es war alles bis ins Kleinste wohlorganisiert.

Er lehnte sich im Sessel zurück. Die Teegesellschaft bei Dora hatte ihn ermüdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit so an wie die Gespräche durcheinanderschwirrender Stimmen. Anders die Sitzungen, die er mit einem Zucken der Brauen lenkte! Aber in einer Gesellschaft, wo jeder glaubte sprechen zu können, wann und wie lange und wie laut es ihm beliebte, ja: wie laut, das war es — Einen Augenblick nur —

Reserven — ungeheure Heere — wie eine Sturmflut werden sie sich dahinwälzen . . . schon schlief der General.

Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, kaum kam das erste tiefe Röcheln aus seiner Brust, da wurde er auch schon wieder geweckt. Etwas pickte am Fenster, wie ein Finger, ein Fingernagel. Er wandte den Kopf: durch die Scheibe starrte ein kleines, glänzendes, stahlblaues Gesicht. Eine faustgroße Larve von leuchtendem Blau — in der Tat, ein intensives Blau, wie eine Spiritusflamme in einem dunkeln Raum — und erloschene Fischaugen mit einem toten Glanz. Von diesem stahlblauen, aus sich selbst leuchtenden Gesicht ging Drohung und Hohn aus, obschon das Gesicht ohne jede Regung durch die Scheiben starrte.

Der Schrecken, den das Gesicht durch die Scheiben strahlte, war so stark, daß der General nun wirklich erwachte. Er hatte, wie er sofort konstatierte, eine volle Stunde verschlafen. Unwillkürlich wandte er den Blick zum Fenster — aber es war natürlich nichts zu sehen, die grünen Vorhänge waren dicht geschlossen. Er räusperte sich, laut und ungeniert, wie es seine Gewohnheit war, und warf einen Blick durch die Vorhänge hinaus auf die Straße. Nichts, natürlich. Regen, Dunkelheit, keine Seele weit und breit.

Plötzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt hatte, wieder vor ihm — und zwar dicht vor ihm in der Luft des Zimmers — auch die Augen mit dem toten Glanz. Es ist, ja ja, es ist jener — von heute nachmittag, natürlich, dachte der General. Er hatte das Gesicht nachmittags kaum beachtet. Es ist jener kleine Alte, der den Brief überbracht hat.

Ein übrigens völlig wirrer Brief, den er nur überflogen hatte — wirres und törichtes Zeug, was dieser kleine Alte mit dem blauen Gesicht . . . Ja, wo steckte der Brief eigentlich. Hier, nun siehst du, schon dieser Umschlag —

Der General konnte aber nun nicht mehr widerstehen, obschon die Aktenmappe dickbäuchig dalag, eigentümlich. Er war neugierig geworden, mehr als das. Er entfaltete den Brief und las ihn — langsam, immer langsamer, immer aufmerksamer.

Wie heute abend unter der Lampe des Foyers, stieg Röte in sein Gesicht, aber nicht eine leichte Ziegelröte, sondern — Feuer. Die Stirn legte sich in tiefe Falten —

Wie —? Nein, in der Tat, er hatte den Brief nicht gelesen.

Aber —? Was wollte er — gefallen, auf der Höhe der Vier Winde, auf Quatre vents — nun, und — wie? — sogar von Ruth stand etwas hier, denn Ruth war wohl gemeint — wie? Nein — er hatte den Brief wirklich nur ganz flüchtig überflogen — er erinnerte sich nur, daß von der Bitte um eine Audienz die Rede war.

Wirr — mehr noch, viel mehr als wirr:

— untertänigst bitte ich um eine Audienz. Mein einziger Sohn, Robert, hat unter dem Befehl des Herrn Generals gekämpft. Er ist am 5. August beim Sturm auf Quatre vents gefallen. Er war begeisterter Soldat, Jäger, die einzige Hoffnung und der Stolz seiner Eltern. Ich bitte, mir gnädigst mitzuteilen, wo sein Grab sich befindet, und besonders, ob das Grab nicht den Granaten ausgesetzt ist! Dies beunruhigt mich sehr, so daß ich gänzlich schlaflos geworden bin —

Wie? Was meint er? Ob das Grab —?

Der General ist in ungeheure Erregung geraten. Seine Augen starren.

Die Höhe! Ja, der Brief hat die Erinnerung an die Höhe in seinem Blut geweckt.

Das dunkle, mit Borsten bestandene Ungeheuer qualmt plötzlich wieder vor den Augen des Generals: Quatre vents! Der 4., 5. und 6. August — am Abend des 6. war sie verloren!

Am 4., 5. und 6. ratterten die Lastautos vorüber, der Schmutz spritzte — behangen mit Schwärmen von Menschen. Rote Gesichter, schweißhelle Augen — sie schwangen die Helme: hurra — und der General, auf der Treppe seines Schlosses — salutierte. Welches Feuer! Die Erde bebte — jetzt hörte er es wieder! Die Hölle! Brennend stürzte ein französisches Flugzeug in den Schloßpark, mitten in den Rosengarten.

„Herr General, die Jägerbataillone!“

„Ich komme.“

Und die Autos schaukelten, rollten, rasten: hurra!

Die Höhe von Quatre vents war ein Friedhof von zwölf Stockwerken. Deutsche, Franzosen, Deutsche, Franzosen. Aber sie lagen nicht nach Nationen geschichtet, die Minen rissen ganze Stockwerke hoch und schleuderten die Toten durch die Luft. Der Spaten stieß auf den Schädel eines Franzosen, daneben traf er auf einen deutschen Infanteriestiefel. Auch auf Knochen stieß er, nicht auf frische, sondern auf alte gelbe Knochen und Skeletteile, denn auf der Höhe von Quatre vents hatte sich ein alter Friedhof befunden. Ein Dorf lag früher da oben — wo war es hin? In Atome zermalmt. Die Minen hatten die Kuppe der Höhe abgetragen. Zentnerweise wurde Dynamit in die Stollen gestopft — ganze Kompagnien und Bataillone flogen hoch — hoch Deutschland! — vive la France! Sie kehrten nicht wieder.

Der General hatte die Höhe nur zweimal betreten. Einmal in einer sternenklaren Nacht (wie unvergeßlich funkelten die Gestirne!), als es ganz ruhig war. Die Laufgräben hauchten eine eisige Kälte und fauligen Geruch aus, man trat auf Körper und wußte nicht, ob sie lebten oder tot waren — sonst hatte die Höhe, über die vereinzelte Kugeln zischten, nichts Furchtbares, und der General sagte sich im stillen, daß all die Geschichten von den Schrecken der Höhe von Quatre vents übertrieben wären. Das zweitemal zeigte die Höhe schon etwas mehr ihr wahres Gesicht. Der General kam am grauenden Morgen, und die Franzosen warfen schwere Flügelminen, die wie einstürzende Häuser krachten. Ganze Schwärme der langhälsigen, gierigen Raubvögel stießen auf die Kuppe herab. Zuweilen schob man ihn hastig in einen Unterstand oder einen Quergang, wenn der Schatten der Mine in der Nähe niederrauschte. Denn er, der General, hätte sich nicht von der Stelle gerührt. Angesichts seiner Offiziere und Leute, die aus den Stollen lugten, hätte er sich ohne Wimpernzucken in Stücke reißen lassen. Damals passierte ihm auch die — offen zugestanden — Albernheit mit jener ungeschickten Frage. Nun wohl, sein Gehirn hatte unter dem Eindruck der herabstoßenden Stahlvögel und des Lawinenkrachens einfach versagt. In einem eingeebneten Grabenstück lag ein blutgetränktes Tuch, etwas wie eine zerfetzte Unterhose, in einer Lache von Blut. Es war so viel Blut, daß der General keineswegs vermuten konnte — kurz und gut, er fragte: „Na, ihr habt wohl geschlachtet?“ Welche unbegreifliche Albernheit. — Die Grabenoffiziere antworteten mit einem verlegenen Lächeln. Und plötzlich sah der General ein Stück von einem Menschen an der Grabenwand kleben, daneben ein Stück des Hinterkopfes mit kurzen Haaren. Wie peinlich war ihm die Frage! Noch heute erinnert er sich voller Scham deutlich des verlegenen Lächelns der übernächtigten, vom Grabendienst beschmutzten Offiziere.

Um acht Uhr saß er schon wieder in seinem Quartier beim Frühstück.

Ein drittes Mal betrat der General die Höhe nicht.

Er sah sie das letztemal, als sie verlorenging, das heißt er sah nicht die Höhe, sondern Nacht und ein Büschel roter Notsignale, die ohne Unterbrechung in der Nacht aufglühten — Hilfe! — und hoffnungslos sanken.

Das also war Quatre vents.

Schwer atmend ging der General hin und her.

Deutlich hörte er wieder die Stimme des Adjutanten. Die Jägerbataillone, Herr General! Also auf einem dieser Autos saß er — unter hundert andern — mit den roten Gesichtern und den schweißgleißenden Augen — er, jener — wie hieß er doch — Robert! Am 5.! Ja, am 5., da hatte er noch Hoffnung — am Mittag des 6. wurde er schwankend und befahl einen letzten Gegenangriff — am Abend, da waren nur noch die roten Leuchtkugeln . . .

Erst allmählich verflog die Erregung. Plötzlich lag die dickbäuchige Aktentasche wieder auf dem Schreibtisch.

Sonderbare Menschen gab es! Sein Grab? Daß man es wagen durfte, ihm solch einen Brief zu senden!

Und da — was schrieb er am Schluß:

— sollten Exzellenz geneigt sein, mir diese Audienz zu bewilligen, so könnte ich Mitteilungen über das gnädige Fräulein machen, die Exzellenz gewiß interessieren würden. Ein Unglücklicher. —

Ja, sonderbare Menschen . . .

Der General zerriß den Brief und warf die Fetzen in den Papierkorb. Schon war er in die Akten vertieft.

Aber noch nach einer Stunde zitterte seine Hand: Hätte man ihm damals die verlangte Unterstützung geschickt — noch heute wäre Quatre vents in seiner Hand!

12

„Sind Sie es, Otto?“

„Ich dachte schon, die Polizei kommt. Sie machen wieder einen solch furchtbaren Lärm.“

Ströbel öffnete seinen Gästen selbst. Er hatte nach zehn Uhr keine Dienstboten mehr im Hause, um gänzlich ungeniert sein zu können.

Wüster Lärm drang aus der Wohnung. Das ganze Haus bebte. Dieser Herr Ströbel — oder Herr v. Ströbel, niemand wußte es genau — besaß vor dem Kriege nichts als ein paar gutsitzende Anzüge, darunter einen schwarzweiß karierten Sommeranzug, der so auffallend war, daß man sich heute noch an ihn erinnerte, einen Zylinder und einige Paar sehr elegante, etwas dandyhafte Schuhe. Das war alles, was er besaß — dazu Beziehungen.

Heute war er reich, er hatte eine Motorenfabrik, und seine Beziehungen waren noch besser geworden.

Er war auch kurze Zeit im Felde — aber das war eine Geschichte für sich . . .

„Welch abscheuliches Wetter“, rief Otto aus und schüttelte sich. Seine Augen flackerten vor Unruhe.

„Das Wetter ist nicht das Schlimmste“, erwiderte Ströbel, der sich in einen Sessel der Diele geworfen hatte und die Lackschuhe gegeneinander klappte. „Es ist die Finsternis! Eine nordische Stadt ohne Licht — wie stellen Sie sich das vor? Es ist ein schlechter Scherz! Eine nordische Stadt ist der Finsternis abgerungen und das Produkt des Lichts. Das Licht gab ihr Inspiration, Energie, Laune. Im Süden — Sie waren nie im Süden? — da braucht man kein Licht — Himmel, Sterne. — Aber hier oben? Ohne Licht sinkt eine nordische Stadt wieder in Bedeutungslosigkeit zurück. Verdunkeln Sie London und es wird ein armseliger, kleiner Fischereihafen —.“

„Nennen Sie Berlin eine nordische Stadt?“

„Natürlich. Es fiel früher nur nicht auf. Jedenfalls aber — schlimm, Otto, schlimm! — geht diese Stadt vor die Hunde. Ja vielleicht ist es schon so weit — wir wissen es nicht mehr —“

Otto schrak zusammen: Drinnen fiel ein Schuß. Geschrei. Händeklatschen.

„Wird bei Ihnen geschossen?“

„Ja, die Feuerwalze ist hier, produziert sich als Kunstschütze. — Sie kennen ihn doch? Hauptmann Falk.“

Der Qualm, die Gesichter, der wilde Lärm — von Otto wich augenblicklich alle Unruhe. Jene unvergeßliche Szene glitt ihm durch den Sinn: in der Nacht, bevor das Regiment ins Feld rückte, hatte einer der Kameraden, ein Hauptmann Below — lange tot, und zwar als erster gefallen — der sich vom Liebesmahl früher zurückziehen wollte, eine Droschke ans Kasino bestellt. Man kaufte dem Kutscher höchst einfach die Droschke ab! Diese Droschke wurde bei der Steintreppe aufgestellt, die fünfundzwanzig Stufen tief vom Kasino in den Park hinunterführte. Freiwillige vor! Augenblicklich war die Droschke überfüllt. Wie ein Schwarm hingen die Kameraden auf dem Gefährt. Ein kleiner Schwung, und die Fahrt in die Tiefe begann. Die Droschke zersprang in tausend Stücke, aber nichts passierte.

Sie alle indessen — von allen Offizieren des Regiments lebten nur noch sechs, zwei davon waren Krüppel.

Mit strahlender Miene trat Otto ein, bereit, sich kopfüber in den Strudel der Fröhlichkeit zu stürzen und jede Ausgelassenheit mitzumachen. Wohltuend schlug ihm die Atmosphäre der Kameradschaftlichkeit entgegen. Hier kannte man ihn. Hier wußte man zum Beispiel, daß er 1915 einen französischen Offizier, der verwundet zwischen den Stellungen liegengeblieben war, trotz aller Knallerei in den Graben geschleppt hatte — nicht aus Barmherzigkeit, nein, nur um zu zeigen, was für ein Bursche dieser Hecht-Babenberg war!

Welche Gesellschaft! Fast alle ergraut, fahl und erschöpft. Hauptmann Wunderlichs helle Katzenaugen blinkten, die Krücken lehnten wie immer hinter seinem Sessel. Ein schwarzer Glacéhandschuh über der Holzhand. Ein junger, totenbleicher Leutnant mit schräggeneigtem, verbundenem Kopf, aus dem Lazarett entsprungen. Ein Herr im Smoking, blond und schön, den leeren Ärmel in die Tasche geschoben. Auch einige geschorene Billardkugelköpfe mit Knollen am Schädel waren da, Majore, Hauptleute. Aber sie waren in der Minorität. Ein grünes Gesicht, mit Monokel, selbst ein Blinder saß da, vergnügt ins Licht blinzelnd. Otto erblickte auch einige Offiziere seines Vaters: den Adjutanten Weißbach, den hünenhaften Major Wolff. Viele von ihnen waren dreimal, fünfmal verwundet gewesen, morgen konnte die Reihe wieder an sie kommen. Der Krieg zog sich hin.

Alle aber waren in angeregter Stimmung, und auf ihren fahlen, zerfurchten, verwüsteten Gesichtern lag ein leichtsinniger, kindlicher Ausdruck.

„Also hier ist er — hier kommt er!“ schrie Hauptmann Falk Otto entgegen. Dieser Hauptmann Falk, mit dem sonderbaren Spitznamen „Feuerwalze“, war ein kleiner, klapperdürrer Mensch, rothaarig, mit staubgrauem Gesicht — nur um die Augen zogen kranke gelbe und olivgrüne Ringe. Er sprach hastig und mit einer hohen Kehlkopfstimme, die unangenehm und herausfordernd klang. Wie Hauptmann Wunderlich, der Menschenjäger, trug er den höchsten Kriegsorden. Er war ein verwegener Bursche, hatte die schlimmsten Tage an allen Fronten mitgemacht, und für die, die ihn kannten, war es unbegreiflich, daß er überhaupt noch lebte. Er selbst behauptete kugelsicher zu sein. Immer wieder tauchte er von Zeit zu Zeit in Berlin auf, um die wenigen Tage Urlaub zu durchschwärmen. Dann kam er drei, vier Tage nicht ins Bett, und erst auf der Rückreise zur Front schlief er sich aus.

„Rasch, Hecht!“ schrie er und fuchtelte mit einer Pistole. „Sie können die Saharet gewinnen!“

Eben diese Saharet stürzte sich Otto mit einem kleinen Katzenschrei entgegen.

„Sie werden sehen,“ rief sie, „ich kenne Otto —!“

Sie war ein kleiner schwarzhaariger Irrwisch mit runden Katzenaugen. Ihrer — sehr entfernten — Ähnlichkeit mit der Tänzerin Saharet verdankte sie ihren Namen. Früher hieß sie — ja, wer sollte es wissen? Ströbel hielt sie als eine Art Hauskatze. Sie räkelte sich auf den Sesseln, telephonierte, das war ihre ganze Beschäftigung. Sie sprach geziert wie eine Ausländerin, eine Russin, eine russische Fürstin, und spielte die große Dame. Mit einem Wort, sie war ungeheuer lächerlich. Welchen Grund hätte auch Ströbel sonst gehabt, die Saharet zu halten?

Ja, also die Sache war die: die Saharet sollte ausgeschossen werden, als Preis sozusagen. Sie wollte dem ein Schäferstündchen gewähren, mit oder ohne Publikum, der sich ein Glas vom Kopf schießen lassen würde. In irgendeinem Vorstadttheater hätte sie einmal Wilhelm Tell gesehen.

„Abgemacht, gut, abgemacht!“ Hauptmann Feuerwalze hatte soeben zwei Likörgläschen auf fünf Meter Entfernung freihändig vom Büfett geschossen, er war zu allem bereit — ein Glas vom Kopf, schön — bitte nur zu befehlen.

Hier aber begannen die Schwierigkeiten. Niemand hatte Lust, seinen Kopf zu riskieren — schon war die Saharet gekränkt, daß man ihre Schäferstündchen so niedrig einschätzte, sie ließ die Katzenaugen im Kreise gehen, schmollte, bettelte — da kam Otto, und sie stürzte sich auf ihn.

Otto, der Retter, der Lohengrin der Saharet!

Die Augen der Kameraden, alle Blicke waren auf ihn gerichtet, das Gelächter, das flehende Schmeicheln der kleinen Saharet, Otto konnte nicht widerstehen. Ohne zu überlegen, beseelt vom Wunsche gleich in den Mittelpunkt der Gesellschaft zu treten — nein, was für ein toller Junge war doch dieser Otto! — erklärte er sich augenblicklich bereit. Ein Glas Sekt, und die Vorstellung kann beginnen.

„Wie? Sofort?“ — Bravo! Ungeheurer Beifall!

Die Saharet tanzte vor Entzücken auf einem Bein und klatschte in die Händchen. „Ach, wie reizend, dieser Otto!“ Höchst persönlich kredenzte sie das Glas Sekt.

„Also los, fertigmachen“, schrie Hauptmann Falk mit wilden Augen.

Unter Gelächter und Scherzen wurde Otto gegen eine Wand gestellt. Es zeigte sich indessen zur allgemeinen Verwunderung, daß ein Glas auf seinem Schädel nicht so ohne weiteres stand. Ein kleines Buch, bitte! Darauf also stellte der kleine aus dem Lazarett entsprungene Leutnant mit dem verbundenen Kopf ein Sektglas. Sofort aber protestierte die Saharet. Das Glas war zu groß. Was sollte das für ein Kunststück sein? Sie selbst suchte ein kleines Weinglas heraus, rückte einen Stuhl heran und stellte es eigenhändig auf Ottos Kopf. „Nein, wie reizend von Ihnen, Otto!“

„Nun, fertig, los,“ schrie die Feuerwalze, „macht Platz.“

„Also — ein Schäferstündchen?“

„Wieso ein Schäferstündchen? Nein, nein —“

„Was also —?“

„Einen Kuß — Otto! Einen Kuß!“

„Schön — auch für ein Küßchen mache ich es.“

„Zurück! Sprechen Sie nicht, Hecht, sonst fällt das Glas herunter.“

„Es ist ein völliger Wahnsinn!“ protestierte Major Wolff, der Hüne, der noch einigermaßen nüchtern war. „Sie sollten es verbieten, Ströbel!“

„Verbieten, wieso?“ entgegnete Ströbel erstaunt. „Niemand hat weniger Rechte als der Wirt.“

Hauptmann Falk stärkte sich mit einem Kognak.

„Wenn Sie glauben, daß ich ewig hier stehenbleiben werde“, sagte Otto ungeduldig, und das Glas wackelte auf seinem Kopfe.

„Sofort, bitte — ich eröffne das Feuer“, schrie Hauptmann Falk.

„Achtung, meine Herren!“ Hauptmann Falk schwang die Pistole. Aber in diesem Augenblick warf ihn der Rausch einige Schritte zur Seite. Er wandte sich empört um. „Ich bitte gehorsamst, mich nicht an den Rockschößen zu zerren —“

„Sie sollten lieber die Sache sein lassen“, sagte Major Wolff.

„Weshalb denn?“ schrie Hauptmann Falk mit wütender Miene. „Sobald ich abdrücke, stehe ich wie eine Statue. Sie können sich auf mich verlassen. Also los, ich eröffne das Feuer.“

„Ruhe!“ rief die Saharet und preßte die Hände auf das Herz. Wie spannend es doch war!

Der Lauf der Pistole war auf Otto gerichtet. Langsam bewegte sich das runde Loch an ihm in die Höhe. „Daß mir jetzt niemand ein Wort redet,“ schrie Hauptmann Falk, „sonst schieße ich Hecht die Kugel in den Kopf.“ Alles war mäuschenstill. Die Saharet stand mit gefalteten Händen. Ströbel betrachtete voll Interesse Otto, der unmerklich mit den Augen zwinkerte, als die Mündung der Pistole zwischen seine Augen gerichtet war.

Otto hatte eine ganz gleichmütige, etwas belustigte Miene aufgesetzt. Ich wünsche jetzt nur das eine, dachte er, daß mir die Kugel mitten in die Stirn fährt. Mitten in die Stirn und Schluß! So drücke doch ab! Er war ganz ruhig . . .

Da wanderte das Loch der Mündung um einen Millimeter höher. Hauptmann Falk hatte die Zähne zusammengebissen, so daß die Backenknochen aus seinem grauen, mageren Gesicht vorstanden. Dann hielt er den Atem an, und im gleichen Augenblick zersplitterte das Glas.

Welcher Beifall! Welche Ovationen!

Augenblicklich aber ergriff die Saharet, aus Koketterie, die Flucht. Gläser zerschellten, Stühle krachten. Sie riß eine Tischdecke mit allem, was darauf war, herunter. Aus Höflichkeit, aus gar keinem andern Grund, hatte Otto die Verfolgung aufgenommen. Dieser schmale, armselige Mund reizte ihn nicht. Endlich hatte sich die Saharet in der Ecke der Bibliothek verrannt. Sie konnte weder vorwärts noch rückwärts und versuchte, an den Bücherregalen in die Höhe zu klettern. Aber als auch das nicht gelang, ergab sie sich, um Hilfe schreiend, in ihr Schicksal.

Schon hatte Otto die Hände ausgestreckt — plötzlich aber schwankte er und wurde weiß wie eine Wand. Erregt von der Jagd, berauscht, hatte ihn plötzlich Schwindel ergriffen. Das Gesicht der Saharet verschwamm, ihre Augen — ein entsetzliches, halbverwestes Gesicht erschien, mit blinkenden Zähnen, ein Totenantlitz.

„Ich werde fallen!“ fuhr es ihm durch den Sinn, mit der Gewißheit einer Erleuchtung, die keinen Zweifel zuläßt. Und dies war der Augenblick, wo er bleich wie eine Wand wurde.

Wieder erweiterten sich seine Pupillen, wieder wurden seine Augen zu Kratern voller Grauen. Ja, jetzt hatte er verstanden.

Schokolade knabbernd hockte die Saharet hoch oben auf dem Klubsessel, in dem der hünenhafte Major Wolff saß, der die Bank hielt. Die fahlen, verwüsteten Gesichter mit den grauen Schläfen drängten sich um den Tisch. Karten, Banknoten flatterten. Auch der Blinde spielte, er machte mit dem Einarmigen im Smoking ein Kompaniegeschäft. Nur Ströbel spielte nicht. Er füllte die Gläser.

Otto gewann — ganz im Gegensatz zu seinem sprichwörtlichen Pech beim Spiel. Im Augenblick hatte er, obschon er ohne jede Überlegung, völlig sinnlos spielte, dreitausend Mark gewonnen. Auch das war auffallend!

Und wenn ich falle, dachte er, was ist dabei? Viele Hunderttausend sind gefallen, weshalb sollte ich, gerade ich, verschont bleiben? Es ist schließlich völlig egal!

Noch einmal, einmal noch wollen wir das Schicksal befragen —

Die Bank war in eine Verlustserie geraten. Sie hatte sechsmal bezahlt, und es war völlig unwahrscheinlich, daß das Glück ein siebentes Mal gegen sie war.

„Dreitausend Mark Einsatz, Herr Major?“ fragte Otto. Gewann er, gegen alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit, nun, so würde er es glauben, so war es sicher . . .

Die Bank verlor ein siebentes Mal.

„Ich werde fallen, gut!“ — Otto zählte die Scheine, die man ihm zuschob, und steckte sie in die Tasche.

„Und ich werde sie nie wiedersehen!“

Er stand auf.

„Viertausenddreihundert — erstes Geschütz —!“ kommandierte Hauptmann Weißbach, der in einem Sessel eingeschlafen war und mit offenem Munde dalag, die bleiche Stirn in Falten zerknittert.

13

Nacht, der Regen rieselte, schwarzer Regen.

Die Riesenstadt schlief, sie keuchte im Schlaf. Die Menschen schwitzten, in ihren Betten, trotz der eisigen Kälte der Wohnungen. Der kalte Schweiß stand auf ihren Stirnen, mit offenen Augen starrten sie in die Dunkelheit. Es war nicht mehr wie früher, da die Riesenstadt nachts aufschrie — weißt du noch, am Anfang des Krieges? In jeder Nacht gellten entsetzliche Schreie aus Häusern und Höfen, furchtbares Jammern und verzweifeltes Schluchzen — die Depeschen regneten herab auf die Riesenstadt: gefallen, gefallen, dein Sohn, dein Gatte, dein Geliebter, der Ernährer deiner Kinder, gefallen, gefallen — und die Riesenstadt schrie! Das Geläute der Glocken, die die Siege feierten, summte noch in der Luft, mit Blumen geschmückte Jünglinge und bärtige Männer stürzten sich hinaus —

Nun schrien sie nicht mehr, sie lagen still, die verkrallten Finger in die Brust geschlagen, sie setzten sich in den Betten auf und flüsterten — einen Namen.

Still lag die große Stadt und dunkel.

Erloschen die Feuersbrünste, die nächtlich aus den Bahnhöfen emporloderten und den Himmel röteten, früher, nur noch scheue Lichtnebel über der unendlichen Finsternis der verkohlten Stadt. Heulend und winselnd rollten die Züge zwischen den finstern Häusern. Es waren die Transporte, die des Nachts in die Stadt schlichen, in die halbdunkeln Bahnhöfe, und die blutenden Menschen von den Schlachtfeldern brachten. Dieselben, die mit Blumen geschmückt die Stadt verlassen hatten. Der Tag durfte sie nicht erblicken. Riesenschatten schwankten über die hohen, verstaubten Bahnhofsmauern, Tragbahren glitten hin und her, Automobile schlichen auf ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und zurück, hin und zurück. Dann erloschen die Bahnhöfe und versanken in die Dunkelheit, bis wieder ein Zug winselte und schrie: ich bringe sie . . . Und wieder schwankten die Riesenschatten über die verstaubten Backsteinwände, wieder glitten die Tragbahren hin und her, wieder schlichen die Automobile auf ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und zurück. Die ganze Nacht hindurch, jede Nacht.

Schon winselt ein neuer Zug — und viele sind noch unterwegs, weit draußen zwischen den Kartoffeläckern und Rübenfeldern, über die der Regen fegt. Viele, Abertausende —

In jeder Nacht schlägt die Flut des blutigen Ozeans bis ins Herz der Stadt.

Im Grauen des Tages aber fahren die stillen Wagen von den Lazaretten durch die Vorstädte, immer weiter, bis zu den Friedhöfen. Mit Kisten beladen. Darin liegen sie, die mit Blumen geschmückt hinauszogen, ohne Kleider, ohne Stiefel, ohne Wäsche, nackt, aber sie frieren nicht mehr. Es ist Anfang Februar des Jahres 1918 —

Stumm fließen die Straßen dahin, ohne Ende. Höhnische Gespenster die Laternen an den Ecken. An den ausgebrannten Häusern hängen windschief die Firmenschilder. Riesenbuchstaben, kalt, bleich, Leichen. Die Namen sind nicht mehr, die Firmen sind erloschen, die Magazine sind leer. In der finstern Nacht kommen die Schatten zurück, sitzen an den Schreibtischen der Bureaus, schleichen durch die leeren Magazine. Schatten wimmeln die Treppen herab, Boten, Briefträger, gefallen. Straßenkehrer fegen die finstern Straßen, gefallen. Schatten von Omnibussen huschen zwischen den Fluten treibender Schatten dahin, die die Straßen überschwemmen, ein Meer. Die Kutscher der Omnibusse gefallen, die flinken Pferde gefallen. In jeder Nacht kehren die Toten in die tote Riesenstadt zurück.

Ängstlich lugt der Wächter um die Ecke. Seine Zähne klappern vor Furcht, die leichenhaften Riesenbuchstaben an den Häuserwänden starren auf ihn, sie winken, sie lächeln so eigentümlich — ach!

Da erzittert die tote Straße! Ein Schritt dröhnt, rasch, eilig. Ein Sturmschritt, der Schritt eines Läufers, der dahinjagt. Eine Stimme ruft. Die schlaflosen Menschen in den kalten Betten richten sich auf: schauerlich hallt die Stimme durch die dunkle Stadt. Die schweißigen Haare sträuben sich — was ruft er? Wieder? Wie in jeder Nacht . . .

Ein weiter, feldgrauer Soldatenmantel flattert um die dunkle Ecke. Er jagt durch die Straßen! Hände, zum Fluch gestreckt, züngeln empor. Dröhnend rollt die Stimme über die schwarzen Häuser.

„Wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen!“

Sind es diese Worte?

Die Menschen, die in den Betten horchen, verstehen die Worte nicht. Es sind uralte Worte, tausendjährige, sie fühlen es, es sind Worte des Fluchs und des Untergangs.

Der Wächter entflieht. Ein Soldat! Flink sind sie heute mit dem Messer . . .

In der Ferne schon schallt die Stimme. Sie rollt die endlosen Straßen entlang, hinaus in die Vorstädte, hinaus auf das flache Feld. Lange noch hängt ihr Hall zwischen den schlafenden Häusern.

Die Hausecken sind finster. Aber sobald der weite Soldatenmantel an ihnen vorüberflattert, strahlt plötzlich Licht aus den dunkeln Wänden: die schwarzen Steine haben ein Auge aufgeschlagen. Ein Wort leuchtet aus der Dunkelheit:

„Alle Völker sind Brüder!“

Kalkweiß flattert der weite Soldatenmantel im Schein einer fernen Laterne — schon ist er verschwunden. —

Wieder ist es still, wieder liegt die Riesenstadt tot wie eine Stadt aus Asche.

Draußen aber, die Vorstädte gleißten. Um die Stadt aus Asche schwang ein Gürtel blendenden Lichts — die gleißenden Feenpaläste der Fabriken schwammen in der Nacht. Der rote Dampf zischte, aus den Schloten quollen Schatten, dick und schwarz wie bei Kriegsschiffen in voller Fahrt. Die Räder schwangen, der Boden zitterte. Abertausende standen an den Drehbänken, das Öl spritzte — Abertausende schleppten Granaten, schraubten, polierten. Abertausende von übernächtigen bleichen Arbeiterinnen saßen im grellen Licht der Bogenlampen an den Arbeitstischen, füllten, wogen, verschnürten.

Und die schweren Züge keuchten dahin, hinaus.

Das ganze Land arbeitete in dieser Nacht, in jeder Nacht, Millionen Hände — der Tod war ihr Besteller.

14

Der Tiergarten brauste, in seiner Tiefe grollte es wie die Brandung des Meeres. Die Wipfel mahlten in der Finsternis, und zuweilen peitschte ein Zweig ohne jeden Grund rasend den Himmel. Ohne Aufhören floß der Regen herab.

Finsternis, kein Licht weit und breit. Doch halt, im Hause des Generals wurde nun ein Fenster hell. Es war das Fenster gleich rechts vom Hauseingang, Ottos Zimmer.

Der Morgen war nahe.

Am Rande des Tiergartens stand ein Schutzmann in seinem Regenmantel. Er horchte. Ein Schuß —? Er schabte mit den schweren Stiefeln auf dem Pflaster und ging ein paar Schritte über die Straße. Er blickte hinüber zu den Gärten, hinter denen die Regierungsgebäude liegen. Vielleicht hat sich jemand in den Regierungsgebäuden erschossen? Ein Minister? Wie? Wie? Und doch ein Schuß, sagte der Schutzmann und zog sich tiefer in das Dunkel des Tiergartens zurück. Jede Nacht erschoß sich hier jemand — ein Soldat, ein Bankrotteur, ein Verschmähter. Der Schutzmann bohrte seine Augen in den finstern Park und versuchte mit seinem Polizistenblick das Dunkel zu schrecken.

Immer noch war Ottos Zimmer, gleich rechts vom Hauseingang, hell erleuchtet. Immer noch sang melancholisch der Regen.

Nun aber dämmerte Licht auch in den Gemächern links vom Hauseingang. Die Türe zum Schlafzimmer des Generals wurde geöffnet, und ein Schleier von Licht drang durch die Gardinen.

Da erschien die breite Gestalt des Generals in der lichten Türe. Der General war im Schlafrock und taumelte schlaftrunken. Er verlor immerzu die zinnoberroten Pantoffeln, während er sich in das Vorderzimmer tastete. Ein Schatten kroch vor ihm her.

„Wie sagst du —?“ Er räusperte sich, seine Mundhöhle war ausgetrocknet, denn der General schlief mit offenem Munde und schnarchte. „Verletzt, sagst du —?“ Er bemühte sich, die Schnur des Schlafrocks zuzuziehen, um sich nicht zu erkälten. Schon wieder hatte er einen Pantoffel verloren und tastete mit dem nackten Fuße danach.

„An der Hand — der Herr Oberleutnant —“

„Man sollte doch meinen, daß er mit Schußwaffen umzugehen versteht!“ schrie der General den Burschen an. Eigentlich hätte er dies Otto sagen sollen, aber in derartigen Augenblicken wandte er sich mit Vorliebe an Untergebene.

„Mache Licht!“

Zornrot ragte der Kopf aus dem fleischfarbenen Schlafrock. Auch dieser Schlafrock zeigte karmesinrote Aufschläge, nicht so groß wie der Mantel, aber von der gleichen Farbe.

„Beim Packen also —? Was soll das Gestotter!“

„Der Herr Oberleutnant wollte den Revolver in die Kiste schieben, da ging er los — ganz von selbst. Er ist schon einmal losgegangen.“

Mit wütenden Schritten ging der General durch die Zimmer. Der fleischfarbene Schlafrock wehte. Plötzlich aber hielt er den Schritt an und tastete mit der Hand gegen einen Türrahmen. „Ein Glas Wasser, Jakob“, sagte er. „Und dann — hörst du — wecke meine Tochter, sofort — aber nicht du sollst sie wecken — sondern wecke Therese, und Therese soll meine Tochter wecken. Wangel soll sofort das Auto holen.“

Das Blut war aus seinem Kopf gewichen, er war totenbleich geworden. Er taumelte ein paar kleine Schrittchen rückwärts, bis seine Hand eine Stütze an einem Sessel fand. Der Atem pfiff in kurzen Stößen aus seiner Brust.

„Und nun also ein Glas Wasser!“

Der General hatte nur einen flüchtigen Blick durch Ottos halboffene Tür geworfen. Otto stand gestiefelt und gespornt, rasiert und frisiert, fix und fertig zur Abreise. Auf dem Boden lag die gepackte kleine graue Offizierskiste. Er sah völlig nüchtern aus, gesammelt, ohne jede Spur von Betrunkenheit.

Und dann ein Handtuch — zusammengerollt, wie ein blutiger Klumpen . . . Es war eine Schwäche des Generals, daß er kein Blut sehen konnte. Es war ihm immer peinlich gewesen — im Felde, wo es sich doch nicht vermeiden ließ — aber es war eine Schwäche, die er schon in der Kadettenzeit gehabt hatte. Es war ganz hoffnungslos, dagegen anzukämpfen.

Man hörte Therese an Ruths Türe pochen. Man hörte sie halblaut rufen. Dann ging die Türe. Therese verschwand in Ruths Zimmer und kam nicht wieder.

Nun?

Endlich — nach langer Zeit kam Therese wieder zum Vorschein. Ihre Miene war verstört. Hilflos blieb sie an der offenen Türe stehen. Therese — sie hieß gar nicht Therese, aber sie wurde, seit sie im Hause des Generals lebte, so genannt, sie hieß Ernestine — Therese war, wie häufig, von ihrer Angst vor dem General gelähmt. Sie fürchtete ihn für gewöhnlich, sie ließ sich nicht gerne in ein Gespräch mit ihm ein, lebte für sich in den hinteren Räumen und kam nur selten nach vorn. Aber bei besonderen Ereignissen steigerte sich ihre Furcht zum Entsetzen. Und in diesem Augenblick erschien ihr der General wahrhaft erschreckend — in seinem fleischfarbenen Schlafrock und den roten Pantoffeln. Ihre Augen zerrannen vor Ratlosigkeit, ganz wie seinerzeit, als sie vor dem Gericht aussagen sollte. Damals, als der General den Prozeß führte und man sie kreuz und quer über alles Mögliche ausforschte. Damals, als es keine Ruhe mehr im Hause des Generals gab, nur Tränen. Therese fühlte, daß wiederum etwas nicht in Ordnung war.

Der General aber starrte sie an, er begriff nicht. Sein Schnurrbart zitterte, und Therese, die dieses Anzeichen sehr gut kannte, machte eine verzweifelte Anstrengung zu sprechen. Ihr altes Gesicht legte sich in tausend Runzeln und kleine Falten, als ob sie weinen wollte. Die Finger zupften an den rasch übergeworfenen Kleidern.

„Ruth ist nicht hier.“

Der General hatte nicht recht gehört.

„Sie ist nicht in ihrem Zimmer.“

„Nicht hier —?“

Aber gerade in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit auf ein Geräusch an der Türe gelenkt. In der Türe der Diele drehte sich ein Schlüssel, und er wartete voller Spannung, was nun geschehen würde. Zuerst erschien also eine kleine Hand, in grauen Handschuhen. Dann der braune Pelzbesatz eines Ärmels, und schließlich stand Ruth in voller Person mitten in der Türe. Auf ihrer kleinen, braunen Pelzmütze lagen Regentropfen. Ruth erschrak nicht. Ihre braunen Augen, die weichen, leuchtenden Augen der Sommerstorf, waren voller Erstaunen auf den General gerichtet.

Dann aber begannen ihre Blicke sich langsam mit Unruhe zu füllen. Das Leuchten erlosch, sie wurden dunkel.

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