Erstes Buch (continued 2)
Reading edition
Kunze lag auf dem Sofa und schlug mit den geflickten, glänzend gewichsten Stiefeln den Takt auf dem Armpolster. Zuweilen unterbrach er sein Geschwätz und sang eine Strophe des Soldatenliedes mit, zuweilen auch rülpste er, mit Respekt zu vermelden. Eine Reihe leerer Flaschen stand auf dem Tisch mit der gestickten, lachsroten Decke — dem Stolz der Freundlichen, Korpulenten an der Wand.
Herr Herbst saß mit roten Bäckchen, die Äuglein glänzend vom Wein, und paffte eine kleine schwarze Zigarre. Er trank nicht aus dem Glas, o nein, Kunze hatte so etwas noch nie gesehen, er setzte einfach die Flasche an den Mund und ließ den Wein in die Kehle hineinlaufen. Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte er Kunze zu.
„— und auf diese Weise, sehen Sie, Verehrtester, kam ich also zu G III.“
„G III?“
„Ja, G III. So heißen wir. Nur eine Chiffre. So geheim sind wir, ganz geheim — pst, pst! Ja, nicht einmal einen Namen haben wir.“
„Viele Beamte?“
„Viele?“
Kunze lachte und richtete sich zur Hälfte auf. Das Gesicht des kleinen Herrn Herbst erschien ihm nun langgezogen, mit turmhoher Stirn, wie in einem Lachkabinett. „Viele, sagen Sie?“ wiederholte er geheimnisvoll und wichtigtuerisch. „Viele? — Wir sind Legion!“
„Legion?“
Die turmhohe Stirn sank in sich zusammen, und eine runde Rauchwolke erschien an ihrer Stelle. Herr Herbst war vor diesem Wort zurückgeprallt und hatte erschrocken den Rauch ausgestoßen.
„Ja, Legion, überall und allgegenwärtig. Selbst da, wo uns niemand vermutet. Ja ja, mein Verehrtester — überall. In allen Städten Deutschlands — bei allen Generalkommandos — bei allen Behörden — bei der Post, Eisenbahn — in den Ministerien — G III ist einfach überall.“
In der Heimat, in der Heimat, Da gibt’s ein — ha! ha! ha!
Kunze schnellte in die Höhe, und augenblicklich begann der Trichter von neuem zu heulen:
Ich hatt’ einen Kameraden . . .
„Ja, überall. Niemand weiß, ob das Auge von G III nicht auf ihn gerichtet ist. Selbst ich weiß es nicht, ob ich nicht selbst wieder beobachtet werde! Ja, so ist es, bei Gott! Alle Kulturstaaten haben diese Einrichtung, geben Millionen dafür aus — unsere Organisation ist sogar noch klein im Vergleich zu der anderer Großmächte. Klein, im Verhältnis, aber sie arbeitet zuverlässig. Sie können mir ruhig glauben.“
„Wir öffnen Koffer unterwegs, so daß der Eigentümer es nicht merkt, besonders das Öffnen von Briefen ist unsere Spezialität. Wir überwachen die Korrespondenz von Tausenden!“
„Wir nehmen ganz einfach Abschriften, und wenn es besonders interessante Fälle sind, photographische Kopien. Wir wissen alles, wir kennen die Geheimnisse der höchsten Persönlichkeiten. Wir erscheinen als Kellner in den Restaurants, wo irgendeine besondere Sitzung veranstaltet wird, da sind wir dabei. Selbst bei den hohen Würdenträgern unserer Verbündeten haben wir unsere Agenten. Wir bohren Löcher durch Türen und öffnen Schreibtische. Fürsten, Minister, Abgeordnete — wir kennen ihre geheimsten Gedanken.“
„Ja, wir machen alles! Ihr junger Schützling, Verehrtester — er ist in guten Händen. Und auch jene hochgestellte Persönlichkeit, die sich für den Lebenswandel ihres Töchterchens interessiert — auch sie wird zufriedengestellt werden. Ja, wir machen alles. Und Sie und ich — was glauben Sie? — wir werden einen Orden erhalten — auch Sie, hören Sie! Ich werde dafür sorgen, ich! —“
Aber da der Havelock selbst bei dieser blendenden Eröffnung still blieb, hob der Semmelblonde wiederum den Kopf über die Tischplatte. Das Gesicht des kleinen Herrn Herbst hatte sich abermals völlig verändert, es war ohne Augen, ohne Nase und ohne Mund, dagegen umgeben von einem dünnen, grauen Backenbart. Es war die Glatze des kleinen Herrn Herbst, der eingeschlafen war. In diesem Augenblick geriet der Havelock ins Gleiten, und ohne Laut sank er auf den Boden.
„Und noch eine Mosel — und noch eine Mosel — dreimal hoch!“ sang Kunze mit hellem Tenor und begab sich im Foxtrott hinaus in die Küche. Fürchterlich schlingerte das Haus.
„Gloria — Viktoria —“ heulte das Grammophon ganz allein für sich.
12
Vor dem grauen Hause in der Tiergartenstraße hielt Ackermann den Schritt an.
Unendlich zart umschlang ihn ein Arm.
„Ich werde mir Mühe geben“, flüsterte eine weiche, unendlich geliebte Stimme.
„Ich weiß es!“
„Ich werde versuchen, stark zu sein, obschon ich wenig Mut habe.“
„Du bist tapfer.“
„Wann?“
„Bald!“
„Du wirst mir Nachricht geben?“
„Du wirst es fühlen.“
„Ja, ich werde es fühlen!“
„Lebe wohl!“
Eine Weile wartete Ackermann noch, bis die Haustüre ins Schloß fiel.