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Das Mikroskop und seine Anwendung

Mikroskopische Objecte.

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Wenngleich die bildliche Darstellung mikroskopischer Objecte durch Holzschnitt sehr viel zu wünschen übrig lässt, so reicht sie dennoch für den anfangenden Mikroskopiker aus, ihm eine Vorstellung von den Objecten zu geben, sie zu erkennen, zu unterscheiden und sie aufzusuchen. Sie sind jedenfalls die erste und beste Anleitung, den Anfänger in das mikroskopische Studium einzuführen.

Für das Erkennen der Objecte aus dem Thier- und Pflanzenreiche ist die Bekanntschaft mit der Zelle ein vornehmliches Erforderniss; daher möge eine kurze Erklärung des Wesens und des Baues der Zelle hier einen Platz finden.

Die Zelle allein ist das Material, aus welchem Leben zu Stande kommt, sie ist daher das Element des Lebens, und jeder pflanzliche und thierische Organismus nimmt von einer einfachen Zelle seinen Anfang. Jede Zelle ist eine Lebenseinheit und jeder organisirte Körper besteht aus so vielen Lebenseinheiten, als er Zellen besitzt, die in ihrem ungelösten Zusammenwirken das Leben des Ganzen darstellen. Daher ist das Leben eines thierischen und pflanzlichen Körpers die Summe der Lebenserscheinungen aller Zellen, aus denen er zusammengesetzt ist. Die allen Zellen angehörenden Lebenserscheinungen sind vegetativ und bezwecken die Ernährung oder Erhaltung und die Vermehrung oder Reproduction. Die Zelle ist also zugleich Vegetations- und Reproductionsorgan.

Schleiden war es zuerst, der die Bausteine kennen lernte, aus denen die Pflanze ihren Leib bildet, und zwar die Zellen. Er zeigte zuerst das Wachsthum der kleinen Zellenblase auf und um den sie erzeugenden Zellkern, ihre verschiedenen Formen und Gruppirungen, ihre Umwandlung in Fasern und Gefässe. Die an der Pflanze erforschte Zelle hielt man für ein Eigenthum der Pflanzenwelt. Da trat Henle (1837) den Beweis an, dass die Zelle das Lebenselement der ganzen organisirten Natur sei, indem er die Oberhaut des Menschen als ein Complex von Zellen erkannte, welche selbstständig und ohne Einfluss der Blutgefässe wachsen. Th. Schwann endlich wies (1839) die Uebereinstimmung der „Thiere und Pflanzen“ im Aufbau ihres Körpers aus Zellen und im Wachsthum dieser Zellen mit aller Gewissheit nach.

Fig. 52.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

a Zwei Protoplasmazellen, b eine solche, deren äusserste Schicht dichter geworden ist c zwei solche Zellen, in deren Inhalte die Bildung von Zellkernen vor sich geht.

Fig. 53.

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a Eine von einer Membran eingeschlossene Zelle, b zwei Zellen mit Zellkern und den Anfängen (Protoplasmawänden) zu Tochterzellen, c zwei gleiche zusammenhängende Zellen nn wässerige Plasmatropfen, d Zelle mit Stärkemehlkörperchen.

Die Zelle ist ein bläschenartiges Gebilde, in ihrem ersten Urzustande eine Protoplasmazelle, eine nach aussen begrenzte Portion Plasma oder Protoplasma, Bildungsstoff, welcher sich in seiner Lebensthätigkeit zunächst mit einer Hautschicht, der Zellenmembran, umgiebt und meist auch in seinem Innern die Bildung der Anfänge von Tochter- und Enkelzellen, den Zellkernen und den in diesen lagernden Kernkörperchen ermöglicht. Der Inhalt der lebenden, sich entwickelnden Zelle, deren Gestalt eine sehr verschiedene sein kann, ist theils mehr oder weniger flüssig, theils auch fest. In der von einer Membran eingeschlossenen Pflanzenzelle findet sich als Wandbeleg dieser Membran eine dichtere, oft erhaltende Plasmaschicht (Primordialschlauch) und in dem von letzterer eingeschlossenen Flüssigkeit ein oder mehrere Zellkerne. Das Plasma, der Inhalt der lebenden Zelle, ist nicht structurlos, sondern organisirt, was sich durch die Bewegung, durch die Strömungen in dem flüssigen Theile des Plasma zu erkennen giebt. Bei den trocknen oder abgestorbenen organischen Körpern kommt natürlich die lebende Zelle nicht mehr in Betracht, sondern die todte, nicht vegetirende, trockne, mehr oder weniger feste Zelle.

Die Membran und der Kern der thierischen Zelle bestehen aus Eiweisskörpern verschiedener Art, denn die Membran wird z. B. von verdünnten Säuren (wie verdünnter Essigsäure) leicht aufgelöst, der Kern aber nicht. Der Zelleninhalt besteht theilweise aus Eiweisskörpern in verschiedenen Modificationen, theils in gelöster, theils weicher, theils fester Form. In der Muskelzelle nennt man die Eiweissmodification Syntonin, in den rothen Blutkörperchen Globulin, in den Zellen der Schleimdrüsen Mucin, in denen der Milchdrüse Kaseïn, in den Drüsenzellen der Magenschleimhaut Pepsin etc. Ein Hauptbestandtheil des Zelleninhaltes ist das Wasser, dann kommen darin vor: Fetttröpfchen, mineralische Bestandtheile, ferner auch Pigmente (Haematin, Haemoglobin, Melanin etc.).

Die Pflanzenzelle gleicht in ihrer Constitution der Thierzelle und nur die ältere Pflanzenzelle ist noch von der oben bemerkten, aus Cellulose bestehenden, gewöhnlich polygonalen Membran, der Zellhaut, eingeschlossen. Die äussere Hülle enthält hier also keinen Stickstoff und wird durch Jod und Schwefelsäure blau gefärbt, während eine zuweilen vorkommende entsprechende Hülle an der thierischen Zelle durch genanntes Reagens gelb oder braun gefärbt wird.

Mehl. Stärke.

Mehl. Die Art des Mehles ist durch die Form der Stärkemehlkörner, welche in jeder Getreidefrucht als Zelleninhalt auftreten, zu erkennen. Es kommen hier die auf den Seiten 77, 78, 79 und 80 angeführten Angaben und Abbildungen in Betracht. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass die Trennung des Getreidesamens verschiedener Art sowohl auf der Dreschtenne wie auf dem Mühlstein keine so sorgfältige zu sein pflegt, dass in einem Weizenmehl sich einige wenige Roggenmehlstärkekörnchen, im Roggenmehle einige Stärkemehlkörnchen des Weizens, der Gerste und des Hafers nicht auffinden lassen sollten. Wo eine Verfälschung oder Unterschiebung eines fremden Mehles zu constatiren ist, muss also auch auf die Zahl der fraglichen Stärkemehlkörnchen Rücksicht genommen werden. In den Fällen, in welchen im Mehle fremde, nicht stärkemehlhaltige Substanzen aufzusuchen sind, mischt man das Mehl mit Jodlösung (S. 64), welche das Stärkemehl blau oder violett tingirt, die fremden Stoffe aber gewöhnlich nur mit der Farbe der Jodlösung versieht. Dies letztere geschieht natürlich auch mit den leicht erkennbaren Trümmern des Gewebes der Getreidefrucht.

Stärke. Im Handel sind die gangbarsten Stärkesorten: Weizenstärke (gewöhnlich nur mit Stärke bezeichnet), Kartoffelstärke, Maisstärke und in neuerer Zeit auch Reisstärke. Verfälschungen der Weizenstärke bestehen in Kartoffelstärke und auch wohl weissen mineralischen Stoffen, deren Partikel unter dem Mikroskop entweder eine krystallinische oder doch eine solche Form zeigen, welche mit dem Stärkemehlkörnchen keine Aehnlichkeit haben und durch Jodwasser nicht blau gefärbt werden. Die Verfälschungen der Kartoffelstärke sind meist mineralische Stoffe, auf welche das vorstehend bemerkte ebenfalls Anwendung findet.

Das Stärkemehlkörnchen, eine Secretionszelle, besteht aus concentrischen, über einander gelagerten Schichten, welche unter dem Mikroskop mehr oder weniger zu erkennen sind. Das Wachsen der Körnchen geht von innen nach aussen vor sich, und die Ernährung geschieht vermittelst einer trichterförmigen Vertiefung, welche man Kern, Nabel, Vacuole nennt. Das Sichtbarwerden der Details wird befördert durch Befeuchten mit Jodwasser (l Th. Jodtinktur und 60 Th. Wasser) oder der Jodlösung, durch Aufquellen in warmem Wasser oder Branntwein.

Fig. 54.Fig. 55.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen
Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Kartoffelstärkemehlkörnchen.

200mal vergrössert. v Nabel oder Vacuole. 350mal vergr.

Kartoffelstärkemehlkörnchen sind von verschiedener Grösse und abgerundeter Gestalt, meist der Birnengestalt nahe kommend. Die concentrische Schichtung ist an den zarten Linien leicht erkennbar, welche schalenförmig einen (oder zwei) gewöhnlich am schmäleren Theile liegenden Nabel umlaufen. Länge der Körnchen 0,06–0,1 mm.

Fig. 56.

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Roggenstärkemehlkörnchen.

200mal vergrössert.

Roggenstärkemehlkörnchen sind verschieden gross, oval und rund, und viele der grösseren Körnchen zeigen einen 1- bis 4mal linear- oder kreuzförmig gestreiften Nabel. Durchmesser der Grosskörnchen 0,040–0,055 mm.

Fig. 57.

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Weizenstärkemehlkörnchen.

250–300mal vergrössert.

An den Weizenstärkemehlkörnchen ist der Nabel undeutlich und bei 200facher Vergrösserung als eine punktförmige Vertiefung zu erkennen. Sie sind von zweierlei Grösse, rund oder etwas länglich-rund, im Allgemeinen aber etwas kleiner als die Roggenstärkemehlkörnchen. Durchmesser der grossen Weizenstärkemehlkörnchen 0,035 bis 0,040 mm.

Fig. 58.

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Gerstenstärkemehlkörnchen.

300mal vergrössert. 500mal vergrössert.

Gerstenstärkemehlkörnchen sind meist weniger gerundet, und einige zeigen schwache Längs- und Querrisse, andere haben eine längliche Form. Durchmesser der Grosskörnchen 0,023–0,026 mm.

Fig. 59.

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Haferstärkemehlkörnchen.

200mal vergrössert. 400mal vergrössert. Zusammengesetzte Haferstärkemehlkörnchen.

Haferstärkemehlkörnchen haben theils eine Apfelkern-, theils Birnenform, wenige sind rund. Durchmesser der Körnchen 0,004–0,005. Die Haferstärke besteht aus zusammengesetzten und einfachen Körnchen. Die zusammengesetzten haben einen Durchmesser von 0,020–0,045 mm.

Fig. 60.

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Buchweizenstärkemehlkörnchen.

200mal vergrössert. 400mal vergrössert.

Buchweizenstärkemehlkörnchen sind klein und haben eine vieleckige Form. Durchmesser 0,015–0,023 mm.

Fig. 61.

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Maisstärkemehlkörnchen.

200mal vergrössert. 400mal vergrössert.

Maisstärkemehlkörnchen sind klein und abgerundet vieleckig, mit sichtbarem, querrissigem oder stark vertieftem Nabel. Durchmesser 0,013–0,023 mm.

Fig. 62.

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Reisstärkemehlkörnchen, zusammenhängend und einzeln.

300mal vergrössert.

Reisstärkemehlkörnchen sind sehr klein und scharfkantig-vieleckig, zuweilen noch in rundlichen Massen dicht zusammenhängend. Durchmesser 0,006–0,007 mm.

Fig. 63.

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Bohnenstärkemehlkörnchen.

200mal vergrössert. 400mal vergrössert.

Stärkemehlkörnchen der Hülsenfrüchte sind meist oval oder nierenförmig, wenige sind kugelig. Die meisten haben einen länglichen oder auch wohl sternförmigen Sprung oder Nabel.

Fig. 64.

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Erbsenstärkemehlkörnchen.

200mal vergrössert.

Fig. 65.

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Linsenstärkemehlkörnchen.

200mal vergrössert a Linsenhülsenreste.

Fig. 66.

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Zellentrümmer der Hülsenfrüchte, ungefähr 100mal vergrössert.

Neben den Stärkemehlkörnchen findet man im Mehle, besonders in dem Mehle der Hülsenfrüchte, Kleberkörnchen, welche sehr kleinen Körperchen jedoch erst bei circa 80facher Vergrösserung sichtbar sind und bei 400–600facher Vergrösserung ihre grubig-runzelige Oberfläche erkennen lassen.

Fig. 67.

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Kleberkörnchen.

100mal vergrössert. 600mal vergrössert.

Sie sind theils dicht, theils hohl und enthalten oft krystallisirte Körper. Sie werden durch Jod nicht blau, sondern gelb gefärbt.

Besondere, als Verunreinigungen im Getreidemehl vorkommende Gebilde.

Im Getreidemehl können vorkommen: Mutterkornmehl (Claviceps purpurea Tulasne); ferner die Sporen des Flug- oder Russbrandes (Ustilago Carbo Tulasne oder Uredo segetum), des Schmierbrandes, Weizenbrandes oder Steinbrandes (Tilletia Caries Tulasne oder Uredo sitophila).

Fig. 68.

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ab Ein Theil der Schnittfläche aus dem Spermogoniumlager des Mutterkornpilzes.

(vergr.)

a Hyphen; b Keimhaut (hymenium) mit Spermatien oder Stylosporen; c Spermatien; d Keimschläuche treibende Spermatien (sämmtlich vergr.).

Der Mutterkornpilz wuchert auf verschiedenen Gramineen, besonders auf Aehren des Roggens. Dieser Kernpilz durchläuft drei wesentlich unterschiedene Entwickelungsstadien. Im ersten Stadium tritt er zur Zeit der Roggenblüthe als sogenannter Honigthau auf, nämlich als ein zäher gelblicher süsser Schleim von unangenehmem Geruche. In diesem Honigthau beobachtet man unter dem Mikroskop unzählige Spermatien (Stylosporen). Er ist eine Absonderung eines Mycelium (Trieblagers), dessen Hyphen (Fäden, Flocken) den unteren Theil des jugendlichen Fruchtknotens der Getreideblüthe allseitig durchziehen. Dieser Fruchtknotenkörper zeigt innen Lücken und aussen verschieden gewundene Falten und Vertiefungen, ein Spermogoniumlager darstellend. Aus der zelligen Schlauchschicht oder Keimhaut, welche jene Falten und Vertiefungen auskleidet, erheben sich gedrängt stehende basidienähnliche Schläuche, an deren Spitze sich eine Kette kleiner länglich-ovaler Zellen, Spermatien oder Stylosporen, abschnüren. Mycelium und Spermatien erscheinen nach dem Austrocknen der klebrigen Flüssigkeit wie ein weisses, den Fruchtknoten bedeckendes Pilzgewebe.

Das zweite Entwickelungsstadium des Mutterkornpilzes liefert in einem sterilen Stroma das in den Apotheken gebräuchliche und allgemein bekannte Mutterkorn, dessen Genuss im Getreidemehle oder im Brote Ursache der sogenannten Kribbelkrankheit sein soll.

Fig. 69.

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Mutterkornpilz im 2. Entwickelungsstadium.

Roggenfrucht von Hyphen des Mutterkornpilzes durchsetzt und ein Mycelium bildend (Verticaldurchschnitt, 1½fache Linearvergrösserung). a Ansatz des sterilen Fruchtlagers (Sclerotium).

Aehrentheil des Roggens mit einem Mutterkorn (Sclerotiumstroma). Natürliche Grösse.

Verticaldurchschnitt (4fache Linearvergrösserung) des sterilen Fruchtlagers oder Sclerotiumstroma (e), als Mütze das Spermogonium tragend.

Dasselbe mehr entwickelt, g Sclerotium, b Sphacelia-Lager. Verticaldurchschnitt (1½fache Linearvergrösserung).

Der Fruchtknoten ist bis zur Spitze von dem Mycelium total zerstört und durchbrochen. In seinem Grunde entsteht nun aber durch Anschwellung und Verdichtung der Mycelienfäden ein innen weisslicher, aussen dunkel violetter Kern, ein steriles Fruchtlager, welches, aus den Spelzen der Aehre hervorwachsend, an seiner Spitze das vertrocknende Spermogonium, sowie Ueberreste der Fruchtknotenspitze wie ein Mützchen trägt. Das sogenannte Mutterkorn ist also ein Pilzfruchtlager, ein Sclerotiumstroma. Das schmutziggelbe vertrocknete Spermogonium (Mützchen) fällt beim Rütteln leicht ab.

Das dritte und letzte Entwickelungsstadium tritt ausserhalb des Bereiches der Getreideähre ein, wenn nämlich das Sclerotiumstroma im Herbst oder Frühjahr auf feuchten Boden gelangt. Nach Verlauf mehrerer Wochen löst sich die violette Oberflächenschicht des Stroma hier und da in Läppchen ab, welche sich umlegen, und an den entblössten Stellen entspriessen kleine weisse Knöpfchen, welche sich anfangs graugelb, dann schmutzig-violett färben und zu dünnen glänzenden, blass-violetten, 3–4 Ctm. langen Stielchen, 1-, seltener 2warzige Knöpfchen an der Spitze tragend, auswachsen. Knöpfchen nebst Stielchen repräsentiren die Pilzfrucht, den Kernpilz.

Fig. 70.

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Mutterkornpilz im 3. Entwickelungsstadium.

Sclerotium mit Pilzfrüchten (natürliche Grösse). s fruchtbares Sclerotiumlager, c Früchte des Mutterkornpilzes (fruchtbares Pilzlager).

Ein Fruchtknöpfchen vergrössert im Verticaldurchschnitt, Fruchtbehälter Perithecien (p) zeigend.

Zwei Perithecien stark vergrössert, 8sporige Sporenschläuche enthaltend. a noch geschlossene Perithecie, b geöffnete Perithecie, Sporen auswerfend.

Jene Knöpfchen oder fertilen Fruchtlager sind dicht von Wärzchen bedeckt und enthalten unter jedem Wärzchen einen eiförmigen Fruchtbehälter (Perithecie), welcher mit zahlreichen, gegen den Scheitel convergirenden, linienförmigen, 8sporigen Schläuchen (Sporenschläuchen) gefüllt ist. Bei der Reife öffnet sich jede Perithecie mit einem Loche inmitten des deckenden Wärzchens. Aus dem oberen Ende des Sporenschlauches treten die fadenförmigen Sporen in Bündeln zusammenhängend aus und schieben sich durch die Perithecienöffnung nach aussen. Nach Flückiger’s Angabe kann ein Sclerotium 20–30 Kernpilzchen tragen, welche mehr denn eine Million Sporen entwickeln. Wie nothwendig die Einsammlung und Vertilgung des Mutterkorns (des Sclerotiumstroma) für die Landwirthschaft ist, wird durch Flückiger’s Forschung angedeutet.

Das Mutterkorn des Weizens ist etwas kürzer und dicker.

Fig. 71.

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R Roggenmehl, r Gewebetrümmer.

M Mutterkorn, c Oeltropfen, f Fäden (Hyphen), sp Spermatien, k Zellengewebe. 150fache Linear-Vergrösserung.

Die Erkennung des Mutterkornes (des Sclerotiumstroma) im feineren Mehle mittelst Mikroskops bietet keine Schwierigkeit. In ein Fläschchen giebt man eine Messerspitze des Mehles und Wasser oder verdünntes Glycerin nebst etwas der oben S. 65 erwähnten Jodlösung, schüttelt gut durcheinander und bringt einige Tropfen der Mischung auf das Objectglas. Die Stärkemehlkörnchen sind violett oder blau gefärbt, dagegen zeigen die Theile des Mutterkornes nur die Jodfarbe. Von letzterem sind die Menge Oeltröpfchen, Fäden und Gewebemassen, hier und da mit schwarzem Rande, von der dunkelen äusseren Hautschicht des Mutterkornes herrührend, beachtenswerth. Wenige und vereinzelte Theile des Mutterkorns werden auch in einem guten Mehle nicht selten sein, sind jedoch in gesundheitspolizeilicher Hinsicht nicht von Belang.

Im groben Mehle ist die Erkennung des Mutterkornes wegen Gegenwart einer grösseren Menge Gewebselementen der Getreidefrucht schwieriger. Der Gesundheit nachtheilige Mengen Mutterkorn im Brote und im Mehle sind nur auf chemischen Wege zu bestimmen. Es ist in Deutschland allgemein Gebrauch, das Mutterkorn auf der Dreschtenne von der Getreidefrucht zu sondern, was bis auf wenige Mutterkorntrümmer auch gelingt. Aus einem Sacke gut durchmischtem Korn von einem Kleinbauer entnommen, wurde 1 Kil. genau untersucht und daraus 0,3 g Mutterkorntrümmer gesammelt, gewiss eine Menge, von welcher ein Nachtheil für die Gesundheit nicht zu erwarten ist, selbst wenn sie 3mal mehr betrüge.

Die Theile des Mutterkornpilzes aus dessen dritter Entwickelungsperiode kommen nicht im Mehle, also auch nicht im Brote vor.

Ein Mehl, bis zu 5 Procent mit Mutterkornmehl verunreinigt, giebt beim Zusammenmischen mit Aetzlauge einen Häringsgeruch. Zur weiteren Prüfung extrahirt man das Mehl mit sehr starkem Weingeist und vermischt den Rückstand mit verdünnter Schwefelsäure. Es stellt sich eine rothe Färbung der Mischung ein, wenn Mutterkorn gegenwärtig war, oder man extrahirt das Brot oder Mehl mit einer doppelten Menge Aether, welcher mit 3 Procent verd. Schwefelsäure versetzt ist und schüttelt den Auszug mit concentrirter Natronbicarbonatlösung aus. Es färbt sich der Aether violett, schon wenn 1/5–1/10 Procent Mutterkorn gegenwärtig war. Man kann auch die Portion Mehl für das Objectglas mit etwas starkem Spiritus, dem man auf 30 Tropfen 2–3 Tropfen verdünnte Schwefelsäure zugesetzt hat, mischen und davon unter das Objectiv bringen. Man sieht dann aus den Mutterkorntheilen sofort eine rothe Färbung hervorgehen (die Kleberzellen färben sich später roth).

Der Flugbrand oder Russbrand wird öfter bei Hafer und Gerste angetroffen, seltener im Weizen. Neben den Sporen dieses Staubpilzes, welche eine dunkelbraune Farbe haben und deren jede einen deutlichen Kern zeigt, findet man auch Fädchen (Mycelien).

Fig. 72.

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Mycelium des Flugbrandes

in einem Getreidestengel, ca. 200mal vergr.

Fig. 73.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Flugbrandsporen

mit den Fäden des Mycelium, ca. 200mal vergr.

Fig. 74.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Flugbrandsporen.

400mal vergr.

Fig. 75.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

b Keimschlauchtreibende Flugbrandspore.

500mal vergr.

Die Keimschläuche der am Getreidesamen hängenden Sporen dringen in den Keim des Samens, entwickeln hier ein Mycelium, welches mit der Pflanze fortwächst, in die Fruchtkörner der Aehre endlich eintritt und hier Sporen bildet.

Der Schmierbrand oder Weizenbrand ist ein schmieriges schwarzes, nach Häringslake riechendes Pulver, womit das Weizenkorn statt des Mehles angefüllt ist. Die Sporen dieses Staubpilzes (Tilletia Caries) sind mehr eiförmig und mit kleinen Stacheln oder Borsten besetzt. Ihr Keimschlauch entwickelt an seiner Spitze einen Wirtel von circa 10 Sporidien, deren je zwei durch ein Querband zu einem umgekehrten ∀ verbunden sind. Diese Sporidien fallen ab und treiben Keimschläuche und secundäre Sporidien, welche wieder der Ausgangspunkt eines neuen Myceliums werden.

Fig. 76.

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Alte Schmierbrandsporen.

700mal vergr.

Fig. 77.

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Schmierbrand oder Weizenbrand.

a Sporen (300mal vergr.). b Spore mit Keimschlauch und Sporidienwirtel (600mal vergr.). c Eine Doppelsporidie, secundäre Sporidien (d) treibend.

Arrow-Root.

Arrow-Root, Marantastärke oder Pfeilwurzelmehl, welches von vielen wegen seiner leichteren Verdaulichkeit und Nahrhaftigkeit (?) unseren inländischen Stärkemehlarten vorgezogen, besondere den an Diarrhöe leidenden kleinen Kindern gereicht wird, kommt in verschiedenen Sorten, oft auch mit Reismehl oder Kartoffelstärke verfälscht in den Handel.

Fig. 78.

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Bermuda-Arrow-Root. Marantastärkemehl.

400mal vergr.

Fig. 79.

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Brasilian-Arrow-Root. Kassavastärkemehl. 400mal vergr.

Fig. 80.

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Bombay- oder Malabar-Arrow-Root. Curcuma-Arrow-Root. 400mal vergr.

Fig. 81.

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TS Tahiti- oder Tacca-Arrow-Root. 400mal vergr. RS Reisstärkemehl. 400mal vergr.

Das beste Arrow-Root ist die Bermudasorte oder das eigentliche Marantastärkemehl, geringer schätzt man die Brasilianische Waare, Tapioka oder Kassavastärke, dann das Bombay-Arrow-Root oder Tikmehl und das Tahiti- oder Tacca-Arrow-Root. Mit 100 Th. kochendem Wasser geben diese Stärkemehle einen dickflüssigen, nicht gallertartigen, durchscheinenden Schleim.

Die Körnchen des Marantastärkemehls, sowohl der Bermuda- wie Brasilian-Sorte, sind im Ganzen kleiner als die der Kartoffelstärke, welche am häufigsten als Verfälschung angetroffen wird. Bei letzteren sind die Schichten scharf hervortretend, daher auffallend sichtbar, bei ersteren dagegen sehr zart und daher weniger sichtbar. Statt des punktförmigen Nabels oder Kernes des Kartoffelstärkekörnchen zeigt sich an dem Körnchen der Marantastärke eine kurze, selten 3- bis 4strahlige Querspalte oder eine kleine runde schattige Vertiefung, meist in der Mitte oder dem stumpferen Ende zu, während der Nabel bei den Körnchen der Kartoffelstärke fast immer am spitzeren Ende liegt. Die concentrischen Schichten an den Körnchen der Bombay-Sorte sind gleichfalls zarter wie an denen der Kartoffelstärke. Die Form ist auch eine verschiedene. Die Reisstärkemehlkörnchen (Fig. 62) sind an ihrer eckigen und kantigen Form und an ihrer geringeren Grösse leicht zu erkennen.

Fig. 82.

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Stärkemehlkörnchen des echten Sago. 250mal vergr.

Der ostindische Sago ist das in der Wärme in kleine Kugeln geformte Mark der Sagopalme. Behufs der Prüfung unter dem Mikroskop werden einige Kügelchen des Sago zu Pulver gerieben und dieses einige Stunden in kaltem Wasser geweicht. Dadurch schwellen die Stärkemehlkörnchen an und wird ihre Structur restituirt.

Gretreiderost.

Fig. 83.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Grasrost. u Uredospore im Verticaldurchschnitt. 400mal vergr. t Teleutosporen. 400mal vergr.

Fig. 84.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Keimende Teleutospore mit einem Promycelium, welches Sporidien sp abschnürt. 400mal vergr.

Der am häufigsten vorkommende Getreiderost entsteht aus der Vegetation der Puccinia Graminis (Grasrost), welche sich sowohl direct nach Art ähnlicher Pilze, als auch auf dem Wege des Generationswechsels fortpflanzt. Diese Puccinia giebt sich durch rothgelbe Flecke auf dem Blatte des Grasgewächses kund, welche als Mycelium, zuerst innerhalb der Blattsubstanz befindlich, später die Epidermis durchbrechen und als rostfarbene Staubflecke auf der Blattfläche auftreten. Ein solcher Fleck lässt bei der mikroskopischen Untersuchung Myceliumfäden innerhalb des Blattgewebes und darauf sprossende, aus der Blattfläche hervortretende Basidien erkennen. Letztere tragen sogenannte Sommersporen, Uredosporen, Basidiensporen, welche keimfähig sind und, auf eine andere oder dieselbe Grasart übertragen, wieder die Bildung eines Pilzmyceliums (Fruchtlagers) veranlassen können. Die Uredospore ist eiförmig und besteht aus 2 Häuten, von welchen die innere im Gürtelumfange 4 Löcher, Keimporen, hat, durch welche die Keimschläuche hervortreten. Im Herbst verliert diese Spore ihre Keimfähigkeit und verschwindet, dafür aber entwickelt das Pilzmycelium Askobasidien, deren Sporen die sogenannten Wintersporen, Teleutosporen (Askobasidiensporen) sich im Frühjahr zu einem vorkeimartigen Organe (Promycelium) ausbilden, aus welchem sich Sporenschläuche (Sporidien) entwickeln. Die Teleutosporen nehmen jedoch ihren Entwickelungsgang auf keiner Graspflanze vor, sondern finden auf den Blättern des Sauerdorns (Berberis vulgaris) ihren Vegetationsboden, in deren Zellgewebe ihre Schläuche eindringen und zu einem Mycelium auswachsen, aus welchem auf der Unterseite des Blattes sogenannte Aecidiumbecherchen (Sporangien), angefüllt mit Spermogonien und Spermatien, die später als eine klebrige Masse entleert werden, hervortreten. Im Grunde der Aecidiumbecherchen entspringen Askobasidien, deren Sporen beim Austritt auf feuchte Theile des Getreides fallend sich wie die Sommersporen verhalten und wieder den Grasrost erzeugen. Von anderer Seite wird behauptet, dass das Mycelium der Puccinia gleichzeitig Basidien und Askobasidien, also Uredo- und Teleutosporen zu gleicher Zeit neben einander hervorbringe.

Fig. 85.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Getreiderost.

Aecidiumbecherchen (Sporangie) im Blatte des Sauerdorns im Verticaldurchschnitt. 500mal vergr. pp Blattparenchym. z Epidermis. m Mycelium. pa Paraphysen als Bekleidung der Oeffnung des Becherchens, welches mit Spermogonien oder Sterigmen st und Spermatien sp angefüllt ist, welche letzteren entleert werden. bs Askobasidien, s Sporen. 500mal vergr.

Mehlmilbe, Weizenschlängelchen.

Im verdorbenen Mehle des Weizens und Roggens findet man häufig die gefiederte Mehlmilbe (Acarus plumiger), seltener die gemeine Mehlmilbe (Acarus Farinae), ferner Vibrionen, wie das Weizenschlängelchen (Vibrio Tritici). Die gemeine Mehlmilbe findet sich häufiger in dem Mehle der Hülsenfruchtsamen und unterscheidet sich von der gefiederten nur dadurch, dass sie an Stelle der federartigen Haare mit einfachen Borsten besetzt ist.

Fig. 86.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Mehlmilbe, 100mal vergr.

Fig. 87.

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Weizenschlängelchen, 120mal vergr.

Kartoffelpilz.

Kartoffelpilz, Peronospora devastatrix, Peronospora infestans, ein parasitischer Pilz und die Ursache der Kartoffelfäule oder Kartoffelkrankheit, giebt sich im Juni bis Mitte Juli durch braune Flecke auf den Blättern des Kartoffelkrautes und durch einen schwachen weissen Schimmel auf der Unterfläche der Blätter zu erkennen. Die braunen Flecke werden durch ein Mycelium (Trieblager) verursacht, dessen Fäden (Hyphen) auf der Unterfläche, bei feuchter Witterung auch an der Oberfläche des Blattes, durch die Spaltöffnungen hervortreten und das Ansehen eines zarten Schimmels darbieten. Die Mycelienfäden verästeln sich ausserhalb der Blattfläche und bilden an der Spitze dieser Aeste Sporangien (Sporenbehälter), welche reif geworden abfallen, sich bei Gegenwart von Feuchtigkeit ihrer Sporen in Portionen durch eine Oeffnung an ihrer Spitze entledigen. Die Portionen Sporen bilden sich in Schwärmsporen um, verlieren aber bald ihre Wimpern und gestalten sich zu kugeligen Gebilden, welche sofort zu keimen beginnen. Die Keime dringen durch die Epidermis anderer Theile der Kartoffelpflanze und erzeugen ein neues Mycelium.

Fig. 88.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Kartoffelpilz.

m Mycelium. h Hyphen. sp Sporangie (350mal vergr.). p eine der Sporenportion sich entleerende Sporangie (500mal vergrössert). s Schwärmspore, links: keimende Spore.

Weintraubenpilz.

Weintraubenpilz, Traubenpilz, Oidium Tuckeri, ein parasitischer Pilz und Ursache der Traubenkrankheit, tritt im ersten Stadium seiner Vegetation als ein zarter weisser Hauch oder Anflug auf den jungen Weinstockzweigen, Blättern und den Weinbeeren auf, bildet später bräunliche Flecke; die Trauben schrumpfen ein und vertrocknen oder gehen bei nasser Witterung in eine faulige Masse über. Die mikroskopische Prüfung ergiebt ein Mycelium (Trieblager), mit welchem die Epidermis der genannten Weinpflanzentheile überzogen sind und welches vermittelst Saug- oder Haftorganen den Zellen der Epidermis fest anhängt, das Wachsthum der Epidermis verhindert und ein Bersten derselben zur Folge hat. Durch die Spalten und Risse dringt das Mycelium in das innere Gewebe der Beere und erzeugt hier Fäulniss. An den nach aussen gewendeten Enden der Mycelienfäden entwickeln sich in unserem Klima gewöhnlich in Stelle der Sporangien eiförmige Gebilde (sogenannte Cicinobolusfrüchte, Oogonien, Oidiumformen), gleichsam mit gitterförmiger Cuticula bekleidete Asken, welche abfallen und auf Zweigen und Beeren des Weinstockes wieder zu einem Mycelium auswachsen. An der Rinde des neugebildeten Holzes der Nährpflanze überwintert das Mycelium.

Fig 89.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Traubenpilz.

c Myceliumfäden. c′ Haftorgane. a Cicinobolusfrüchte. b keimende (Mycelium bildende) Cicinobolusfrucht (400mal vergr.). d eine Cicinobolusfrucht noch mehr vergr. e Sporen.

Gespinnstfaser. Haar.

Gespinnstfasern. Behufs der Erkennung und Unterscheidung der Gespinnstfaser in einem Gewebe vermittelst des Mikroskops wird das Gewebe zuvor von aller Appretur durch Auswaschen befreit, die Kettenfäden (Längsfäden) und die Fäden des Einschlages (Querfäden) von einander gesondert und jede Art geprüft. Der Faden wird mit einer Nadel zerzasert und mit Wasser betropft unter das Mikroskop gebracht.

Fig. 90.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Leinenfaser in 30facher Vergrösserung.

Fig. 91.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Leinenfaser 200mal vergr. p Porenkanal.

Fig. 92.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Leinenfaser aus irländischer Leinwand. p Porenkanal 200mal vergr.

Leinenfaser ist walzenförmig, nicht oder nur wenig hin- und hergebogen, glatt, hin und wieder verdickt, der Länge nach von einem engen Kanal (Zellhöhe) durchzogen. Letzterer erscheint bei 120facher Vergrösserung wie eine schmale Linie. Die Leinenfaser läuft in eine schmal zulaufende stumpfe Spitze aus. In kleineren oder grösseren Zwischenräumen bemerkt man schräg oder schief über die Faser verlaufende Linien, nämlich die Porenkanäle, in Form verdünnter Stellen der Bastzelle. Je nach Art der Bearbeitung und der Behandlung ist die Leinenfaser glatt oder rauh. Handgespinnst hat gemeiniglich eine glattere Faser als Maschinengarn. Jodlösung und Schwefelsäure färben unter Aufquellen und gleichzeitiger Verkürzung der Faser diese blau, indem sich bei starker Vergrösserung wahrnehmbare blaue spiralförmige Windungen bilden.

Fig. 93.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Leinenfaser aus Handgespinnst, an der Oberfläche zerzasert. 200mal vergrössert.

Fig. 94.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Baumwollenfaser, 200mal vergrössert.

Fig. 95.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Baumwollenfaser bei 30facher Vergrösserung.

Fig. 96.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Baumwollenfaser mit gitterförmigen Streifen, 200mal vergrössert.

Baumwollenfaser erscheint unter dem Mikroskop als eine platte oder bandförmig-zusammengefallene, mehr oder weniger langgestreckt schraubenähnlich gewundene, oder in der Art eines Pfropfenziehers um sich selbst gedrehte, theils auch wohl wellig gebogene oder gekräuselte Faser, welcher überdies die der Leinenfaser eigenen Porenkanäle fehlen, doch zeigt sie sich häufig gitterartig schief gestreift, was bei der Leinenfaser höchstens an den breiteren Stellen vorkommt.

Die Zellhöhle ist mehr oder weniger deutlich und breiter als bei der Leinenfaser. Auch die Baumwollenfaser ist je nach Behandlung und Bearbeitung glatt oder mehr oder weniger zerfasert.

Die durch Jodlösung und Schwefelsäure hervorgerufene Anschwellung und Färbung tritt in derselben Art wie bei der Leinenfaser ein.

Fig. 97.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Jute- oder Dschutefaser. 100mal vergr.

Fig. 98.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Hanfbastfaser, am Ende gabelig gespalten. v Querschnitt einer Bastfaser. 200mal vergr.

Die Chinagrasfaser, Jute (Dschute), ist starr und bandförmig, ähnlich der Baumwollenfaser, aber nicht pfropfenzieherartig gewunden wie diese. Sie hat wie die Leinenfaser schief gestellte Porenkanäle, aber eine breitere Zellhöhle, und ist auch holziger und starrer. Ihre Enden sind meist konisch. Der Durchmesser beträgt 0,04–0,11 mm. Die Einwirkung der Jodlösung und Schwefelsäure ist ähnlich wie bei der Leinenfaser, aber wegen der Holzfaser langsamer.

Die Hanfbastfaser ist sehr lang, im Durchmesser zu 0,01–0,027 mm. Die Contouren sind unregelmässig, die Enden stumpf abgerundet, bisweilen gespalten. Bei starker Vergrösserung zeigt sich die Hanfbastfaser parallelstreifig.

Fig. 99.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Seide (S) und Wolle (W). 400mal vergr.

Fig. 100.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Wolle (W), mit Baumwolle (b), 30mal vergr.

Fig. 101.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Seide (S) und Wolle (W), bei 30facher Vergrösserung.

Die Seide besteht aus glänzenden dichten, walzenförmigen, structurlosen, nicht hohlen Doppelfäden mit gleichförmiger Lichtbrechung. Der Querschnitt eines Kokonfadens ist von stumpfeckigem Umrisse. Gefärbte Seide erscheint mitunter an einzelnen Stellen breitgedrückt oder mit kleinen Unebenheiten. Der Mangel einer Innenhöhle unterscheidet sie von allen übrigen Gespinnstfasern. Zuckerlösung mit Schwefelsäure färben den sich rasch auflösenden Seidenfaden schneller als die Wolle rosenroth, und die hierbei quellende äussere Schicht zeigt eine bogig gezackte Contour. Bei noch nicht ganz erfolgter Auflösung bemerkt man innen einen noch festen Längsfaden, der nicht mit einer Innenhöhle zu verwechseln und nur noch unveränderte Seidensubstanz ist. Die sogenannte Jama-may-Seide (vom chines. Eichenspinner) zeigt eine starke Längsstreifung und eine porige Querschnittfläche.

Das Wollenhaar ist wie alle Haare der Säugethiere (man vergleiche auch weiter unten unter Haar) ein cylindrisches röhrenförmiges, von einem Markstrange der Länge nach durchzogenes Gebilde, bekleidet mit ziegelartig sich deckenden Schüppchen, welche sich bei geringer Vergrösserung durch dicht und unregelmässig neben einander liegende Linien oder Risse kennzeichnen. Zuckerlösung und Schwefelsäure färben das Wollenhaar rosenroth, nie wird es durch Jodlösung nebst Schwefelsäure blau gefärbt. Das Wollenhaar ist von verschiedener Dicke. Die Electoralwolle z. B. 1/4–1/3 so dick als grobe Schafwolle.

Alpakawolle kommt von einer Lamaart Amerika’s, dem Paco oder Alpaca (Auchenia Paco). Die rohe Wolle ist entweder weiss oder schwarz, es kommt aber auch schwarzgefärbte Wolle vor. Die Structur ist der der Schafwolle ähnlich, im Markstrange jedoch finden sich einzelne dunkelgefärbte Conglomerate, wie dies in der folgenden Figur angegeben ist.

Fig. 102.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Alpakawolle. a und b 100mal vergr., c 200mal vergr., a und c weisse, b schwarze.

Fig. 103.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Mohairwolle. 200mal vergrössert.

Mohairwolle, Mohärwolle, Kameelziegenhaar, Angorawolle, Poil de chèvre, stammt von der Angoraziege in Kleinasien. Das Haar ist von der Structur der Schafwolle und unter dem Mikroskop von der Alpacawolle leicht zu unterscheiden.

Vicunnawolle ist das Wollhaar der Vicunna. Es ist ein zartes flaumartiges zimmtfarbenes Haar, in der Structur der Schafwolle ziemlich ähnlich. Es ist gemeiniglich mit einzelnen dreifach stärkeren Haaren gemischt, welche unter dem Mikroskope schwarz erscheinen.

Vigogne oder Vicunnagarn ist ein Gemisch aus Baumwolle und Schafwolle.

Fig. 104.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Vicunnawolle, 200mal vergr.

Fig. 105.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Hasenflaum, 200mal vergr.

Hasenflaum unterscheidet sich durch die schräge Schuppung.

Zur chemischen Untersuchung eines Gewebes auf seine Zusammensetzung genügen folgende drei Lösungen:

1. eine mit Zinkoxyd gesättigte concentrirte Chlorzinklösung;

2. eine 10prozentige Aetzkali- oder Aetznatronlauge;

3. eine ammoniakalische Kupferoxydlösung.

Seide wird von der Chlorzinklösung, schneller beim Erwärmen, gelöst. Wolle wird von der Aetzlauge, die Pflanzenfaser von der ammoniakalischen Kupferoxydlösung gelöst.

Eine Beimischung von Baumwolle in Leinen lässt sich (nach R. Boettger) erkennen, wenn man die von der Appretur befreiten Quer- und Längsfäden oder auch ein Stück des Gewebes zuerst in eine spirituöse Lösung der Bosolsäure (Aurin, gelbes Corallin des Handels), hierauf in eine concentrirte wässrige Lösung des kohlensauren Natrons (Soda) eintaucht und endlich mit Wasser abspült. Die Leinenfaser erscheint dann rosaroth gefärbt, Baumwollenfaser nicht gefärbt. — Zündet man einen herabhängenden (von Appretur befreiten) Faden an und löscht die Flamme wieder aus, so zeigt der Leinenfaden ein glattes zusammenhängendes, der Baumwollenfaden dagegen ein büschelförmig ausgespreiztes verkohltes Ende. — Hält man die Faser oder ein Stück des Gewebes 2 Minuten lang in englischer Schwefelsäure untergetaucht und spült dann mit Wasser aus, so findet man die Wollenfaser unverändert, die Seidenfaser in Lösung übergegangen.

Fig. 106.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

W Schafwolle.

E Electoralwolle.

A Alpakawolle.

S Seide.

B Baumwollenfaser.

J Dschute- (Jute)faser.

H Hanffaser.

L Leinenfaser.

300–400fache Vergrösserung.

Die Haare sind mehr oder weniger lange, dünne, elastische, biegsame, empfindungslose Organe mit kreisrunder oder elliptischer oder eckiger Querdurchschnittsfläche. Die Masse, woraus sie bestehen, gleicht physikalisch und chemisch der Hornsubstanz. Das Haar tritt aus der Haut hervor, in welcher es durch eine weiche Anschwellung oder Verdickung, Haarzwiebel oder Haarwurzel genannt, befestigt ist. Am Haar unterscheidet man eine Corticalsubstanz und eine Medullarsubstanz. Erstere entsteht bei der Entwickelung des Haares zuerst, letztere später. Die Haupthaare eines unreifen Foetus sind daher gewöhnlich ohne Medullarsubstanz. In der longitudinalen Ausdehnung des Haares unterscheidet man die Wurzel oder Zwiebel, welche in der Lederhaut innerhalb eines von Gefässen durchzogenen Balges festsitzt, und den Schaft, den Haupttheil des Haares, welcher ausserhalb der Haut liegt.

Die Corticalschicht zeigt sich dem Auge bei starker Vergrösserung aus drei Schichten bestehend: einer äussersten Schicht, Peridermaschicht, darunter die eigentliche Corticalschicht und unter dieser die Markscheide, welche das Mark oder die Medullarsubstanz einschliesst. Die Peridermaschicht ist aus schuppenähnlichem, dachziegelartig an einander liegendem Epithelium gebildet. Die äussere Corticalschicht besteht aus parallel an einander liegenden Hornsubstanzfasern mit durchstreuten, einzelnen, theils unter sich zusammenhängenden, röhrenförmigen Lufträumen. Die innere Corticalschicht, welche auch als Markscheide bezeichnet ist, besteht ebenfalls aus dicht an einander liegenden Hornsubstanzfasern, aber ohne oder fast ohne Lufträume, dafür aber hier und da kleine mit Pigment gefüllte Räume, Pigmentzellen, einschliessend.

Der Markstrang liegt mehr oder weniger in der Mitte, innerhalb der Markscheide, und führt in zellenartigen Räumen, von der Form rundlicher oder abgeplatteter Behälter, Pigment. Der Markstrang verläuft nicht nothwendig von der Wurzel bis zur Spitze des Haares; er kann auch mehrmals durch Corticalsubstanz unterbrochen sein.

Die Peridermaschicht stösst allmählich Epithelialsubstanz schuppig ab und regenerirt das Abgestossene, welches die unter dem Mikroskop sichtbaren häutigen Unebenheiten des Haares darstellt.

Das Wachsthum findet hauptsächlich zwischen Schaft und Wurzel statt, indem der Haarkeim, Haarpulpa, der Centraltheil der Haarwurzel, die Hornsubstanz ausschwitzt und zur Haarsubstanz ausbildet, welche den alten Haarschaft vor sich herschiebt. Daher findet man den unteren Theil des Haares bei eingetretener schlechter Ernährung dünner und dürftiger als den oberen Theil, welcher seine Entstehung noch bei guter Ernährung fand.

Nur Haare an gewissen Körpertheilen des Menschen wachsen anhaltend, andere erreichen eine gewisse Länge und wachsen dann nicht mehr, wie z. B. die Flaumhaare der Mädchen, die Haare auf den Handrücken der Männer.

Die Querdurchschnittsfläche der Haare ist eine sehr verschiedene und ihre Form für die Haargattung eine wenig charakteristische. Das Kopfhaar des einen Individuums kann bald eine runde, bald eine ovale, bald eine dreieckige Querdurchschnittsfläche zeigen. Diese Form ist ganz von der Form der Hautöffnung abhängig, durch welche das Haar hervorwächst.

Das Pigment des Markstranges und der Interfibralräume der Markscheide und Corticalschicht ist nur zum Theil die Grundlage des Farbentones der Haare. Dieser ist hauptsächlich von der Farbe der Corticalschicht abhängig. Die Hornfasermasse ist bei schwarzem Haar schwarz oder vielmehr in der einzelnen Faser dunkelgrau, bei rothem Haar röthlich, bei braunem Haar bräunlich, bei blondem gelblich. Der dunklere Ton der Farbe ist eine natürliche Folge des Haarfettes, welches das Haar ausschwitzt. Jedes Fett macht eine matte Farbe dunkler und lebhafter, wie wir dies aus der Oelmalerei wissen. Das weiss werdende Haar entsteht daher auch nicht durch ein Verschwinden des Pigments des Markes, sondern durch verminderte Fettausscheidung, oder gleichsam durch Absterben der Corticalschicht, welche dadurch undurchsichtig wird, und dessen Hornfasern dann in derselben Weise nicht mehr das Licht durchlassen wie ein Bündel feingesponnenen Glases. Ein weisses Haar kann daher in dem Markstrange und in den Zellen der Markscheide das ursprüngliche dunklere Pigment noch enthalten.

Obgleich charakteristische Unterschiede der Haare der Menschen scheinbar kaum hervortreten, so ergeben sich dennoch in forensischer Beziehung viele Anhaltspunkte, welche für sich oder mit einander combinirt, zu gewissen Schlüssen hinleiten.

Die mittlere Dicke der Haare von verschiedenen Körpertheilen des Menschen fand Dr. Pfaff[6]:

Flaumhaar der Säuglinge0,008–0,01 mm.

Flaumhaar am Arme eines Mädchens0,015 mm.

Flaumhaar an der Oberlippe einer Frau 0,018 „

Haar am Arme eines Mannes0,03–0,04 mm.

Augenwimper eines Mannes0,04 mm.

Haar aus dem Gehörgange0,045 „

Haupthaar eines Weibes0,06 „

Haar von der Hand eines Mannes0,07 „

Haupthaar eines Mannes0,08 „

Haar aus der Nase eines Mannes0,08 „

Schamhaar eines Mannes0,11 „

Augenbrauenhaar eines Mannes0,12 „

Haar aus dem Schnurrbart0,13–0,14 mm.

Schamhaar eines Weibes0,15 mm.

Backenbarthaar0,15 „

(Schweinsborste0,27 „)

Diese Angaben bieten nur annähernde Zahlen, lassen auch manche Abweichungen zu, z. B. kann ein Kopfhaar eines Mannes einen geringeren Querdurchmesser haben als dasjenige eines Weibes.

Fig. 107.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Kopfhaar, a vor einem Vierteljahr verschnitten. 500mal vergr.

Fig. 108.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Kopfhaar, b blondes Kopfhaar, c weisses Kopfhaar eines Greises, d sich spaltendes Haar. 500mal vergr.

Das Kopfhaar des Mannes unterscheidet sich von demjenigen eines Weibes durch eine dickere Wurzel. Die Spitze läuft um so mehr verjüngt aus, je entfernter der Zeitpunkt liegt, seit welchem es verschnitten wurde. Die Spitze des Kopfhaares einer Frau ist gewöhnlich nicht dünner als der Hauptschaft, häufig auch noch mehrfach gespalten. Wenn bei älteren Frauen das Wachsthum der Haare nachlässt, fangen auch die Haarenden an, dünner und spitziger zu werden. Frauenkopfhaar soll durch Aetzlauge schneller zerstört werden als Männerkopfhaar. Kopfhaar mit einer Querdurchschnittsfläche von der Form der Ellipse ist zur natürlichen Kräuselung geneigt.

Die Augenbrauenhaare sind glatt, oval oder kantig im Durchschnitt und laufen in eine feine Spitze aus, wenn sie nicht verschnitten wurden.

Fig. 109.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Dunkelbraunes Frauenkopfhaar. Markstücke spitz. a Spitze. 500mal vergr.

Fig. 110.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Kinnbarthaar. br braunes, gr grau werdendes. 500mal vergr.

Das Augenwimperhaar ist meist scharfkantig, an den Kanten mit scharfen, dornähnlichen Hervorragungen versehen, deren Spitzen nach der Spitze des Haares gerichtet sind. Die Wurzel ist schlank und rübenförmig.

Das Schnurrbarthaar ist dem vorigen ähnlich, aber glatter und mit dickerer Wurzel.

Das Backenbarthaar ist ziemlich dick, mit sehr unebenem Periderma. Seine Wurzel ist nur weniger dick als der Schaft. Das Backenbarthaar derjenigen Männer, welche leicht und stark transspiriren, soll in der Peridermaschicht hier und da dunkle punktartige Erhabenheiten zeigen.

Das Nasenhaar hat gemeiniglich eine sehr unebene Aussenfläche voller warziger Auftreibungen. Es läuft in eine feine dünne Spitze aus, und die Wurzel zeigt im Längendurchschnitt Guitarrenform. Das Härchen aus dem Ohre ist dem Nasenhärchen sehr ähnlich, nur weniger uneben und mehr konisch auslaufend.

Das Achselgrubenhaar tritt aus seiner Wurzel nicht allmählich, sondern stielartig hervor. Am Austritt, also am untersten Theile seines Schaftes, ist es glatt, dann aber längs seines Schaftes mit vielen blättrigen und warzenförmigen Erhabenheiten bedeckt, in Folge der Auflockerung der Peridermaschicht durch Schweiss und Reibung. Seine Spitze ist konisch, aber nicht fein auslaufend. Die Farbe ist meist röthlich.

Das Brusthaar ist dem vorigen sehr ähnlich, gewöhnlich aber kürzer, nicht nothwendig röthlich. Die Wurzel ist fleischig und dick, die Spitze kolbig.

Das Handrückenhaar des Mannes hat eine keulenförmige Spitze, ebenso dick oder dicker als der Schaft. Die Wurzel ist lang und dünner als der Schaft. Die Haare vom Vorder- und Oberarm des Mannes haben eine ähnliche Form, es ist jedoch in Folge der Reibung durch die Bekleidung die Spitze gespalten.

Das Haar an den Extremitäten der Frauen ist meist Flaumhaar.

Die Schamhaare sind durch die Neigung zur Kräuselung charakterisirt. Die Querdurchschnittsfläche ist meist oval oder elliptisch, die Markstücke sind stumpf. Die Peridermaschicht ist uneben, knorrig und von abgelöster Hornsubstanz ästig. Das Schamhaar der Männer ist meist dünner als das der Weiber, jedoch ist die Wurzel des ersteren dicker und knolliger, die Wurzel des letzteren dagegen nicht dicker als der Schaft. (Das weibliche Schamhaar ist wegen flach liegender Wurzel leichter auszureissen). Das Haar vom Mons Veneris ist an der Spitze keulenförmig, bei jungen Personen konisch-spitz. Das Haar vom Scrotum ist dem Achselgrubenhaar sehr ähnlich, jedoch häufig mit unegal dickem Schafte.

Ob ein Haar unlängst oder vor längerer Zeit abgeschnitten ist, beantwortet die Spitze des Haares. Ausgefallenes Haar hat eine mehr glatte abgerundete Wurzel, ausgerissenes Haar eine rauhe zackige oder ästige Wurzel. Zerrissenes Haar zeigt an der Rissfläche Hornfaserstumpfe von verschiedener Länge. Eine Schnittfläche ist glatt, flach oder convex.

Fig. 111.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Schamhaare. 500mal vergr.

Fig. 112.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Schamhaar mit darauf eingetrocknetem Sperma. a, aa Spitzen des Schamhaares. 500mal vergr.

Die Wurzeln der Haare junger Personen lösen sich nach Pfaff schneller in Aetzlauge auf als diejenigen der Haare älterer Leute. Die Marksubstanz geschwächter oder älterer Leute ist weniger zusammenhängend und durch Hornsubstanz häufiger unterbrochen.

Bei der Frage der Nothzucht kann sich auch in den Schamhaaren der Genothzüchtigten eingetrocknetes Sperma mit Fäden vorfinden, oft untermischt mit kleinen Krystallen.

Der Weichselzopf (Plica Polonica), im Weichselgebiet Polens endemisch, ist dem Kopfgrind verwandt und besteht durch Verkittung und Verfilzung der Kopfhaare zu einzelnen Bündeln. Haare und Kopfhaut schwitzen eine klebrige Feuchtigkeit aus, welche aus den Sporen und Schleimlagern eines Pilzes, Trichomaphyton oder Mycoderma plicae Polonicae, bestehen.

Fig. 113.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Weichselzopfhaar mit seinem Pilze. 500mal vergr.

Fig. 114.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Biber. bc Oberhaar, a Spitze, links Flaumhaar (Grundwolle). 300mal vergr.

Fig. 115.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Biber. Starkes Oberhaar (Grannen). 300mal vergr.

Das Haar der Thiere zeigt einen von dem Menschenhaar wesentlich verschiedenen Bau, auch die Verschiedenheit des von verschiedenen Körpertheilen desselben Thieres entnommenen Haares ist eine sehr grosse. Eine Eigenthümlichkeit des Thierpelzes ist die Zusammensetzung aus den eigentlichen Haaren, Oberhaaren, und dem Flaum oder Unterhaar. Letzteres ist zart und oft 100mal dünner als das Oberhaar. Die in den folgenden Figuren dargestellten dünneren Theile gehören dem Unterhaar (Grundwolle) an. Sämmtlich in 300m. Vergr.

Fig. 116.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Hund (Prairienhund). Links Flaumhaar.

Fig. 117.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Zobel. Links Flaumhaar.

Fig. 118.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Virginische Otter. Links Flaumhaar.

Fig. 119.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Nerz. Links Flaumhaar.

Steinmarderpelzhaar ist dem Zobelhaar sehr ähnlich, nur ist die Markröhre dunkler und die Seitenzacken treten stärker hervor.

Baummarderhaar ist dem Nerzhaar sehr ähnlich.

Fig. 120.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Hamster. In der Mitte Flaumhaar.

Fig. 121.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Kaninchen. Links Flaumhaar.

Fig. 122.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Katze. Links Flaumhaar.

Fig. 123.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Bisam. Links Flaumhaar.

Fig. 124.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Fuchs. Links Flaumhaar (Grundwolle).

Gewürze.

Die mikroskopische Untersuchung erstreckt sich hauptsächlich auf die gepulverten oder gemahlenen Gewürze, welche häufig verfälscht mit den Pulvern aus Brot, Semmel, Eicheln, Hülsenfruchtsamen, Mahagoniholz, Zuckerkistenholz und dergleichen angetroffen werden. Behufs der mikroskopischen Untersuchung eines gepulverten Gewürzes ist das Pulver, wenn es ein gröbliches ist, in einem porzellanenen Mörser zu einem höchst feinen Pulver zu zerreiben, in einem Gläschen mit der verdünnten Glycerinflüssigkeit (S. 55) zu mischen und von der Mischung tropfenweise auf Objectgläsern zu vertheilen. Circa 0,5 g oder eine Messerspitze des Gewürzpulvers ist hier mehr denn ausreichend. Die Untersuchung wird zuerst bei 100–150facher, dann folgend bei 200–300facher Vergrösserung ausgeführt. Um sich vor Irrthum zu bewahren, möge der Anfänger in mikroskopischen Untersuchungen gleichzeitig mit reinem gutem Gewürz experimentiren. Wäre Pfefferpulver zu untersuchen, so zerreibe man circa 3 Pfefferkörner zu feinem Pulver und betrachte dieses unter dem Mikroskop, um von den Formelementen des Pfeffers ein Bild zu erlangen. Die Abbildungen sind nie mit der Accuratesse ausgeführt, um dem Anfänger in der Beurtheilung des Befundes volle Sicherheit zu bieten.

Pfeffer ist das am stärksten consumirte Gewürz. Er ist die Beerenfrucht eines in Ostindien einheimischen Kletterstrauches. Der sogenannte schwarze Pfeffer ist die nicht völlig reife und an der Sonne und in Oefen getrocknete, der weisse Pfeffer die reife, nach dem Einweichen in Meer- oder Kalkwasser von der äusseren Fruchthaut befreite Frucht. Ersterer hat einen schärferen brennenderen Geschmack als letzterer.

Schwarzer Pfeffer. Der zu einem feinen Pulver zerriebene Pfeffer bietet dem Auge mehrere charakteristische Formelemente seiner Gewebeschichten. — 1) Oelzellen oder Harzzellen, rundliche, kugelige oder mehr oder weniger eckige Zellen in mässiger Menge, angehörend dem Parenchym des Fruchtgehäuses und dem Eiweisskörper. Sie enthalten ein farbloses flüchtiges Oel und ein Weichharz, welche den Geschmack des Pfeffers bedingen. — 2) Steinzellen aus dem Theile, welcher zunächst unter der äusseren Fruchthaut liegt. — 3) Unregelmässig geformte, meist vielkantige Zellen des Eiweisskörpers, angefüllt entweder mit formlosen homogenen Stärkekleistermassen, oder — 4) mit umränderten Stärkemehlkörnchen. Diese sind äusserst klein, rundlich oder vielkantig, zu 2, 3 und mehr reihenweise aneinander liegend oder zu rundlichen Ballen gehäuft. Bei starker Vergrösserung lassen viele dieser Stärkemehlkörnchen eine tiefe Kernhöhle (Nabel) erkennen. — 5) Spiralgefässe. — 6) Krystalle, jedoch nur wenige, wahrscheinlich aus Piperin bestehend.

Fig. 125.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Schwarzer Pfeffer. Feines Pulver aus Pfefferfrüchten, welche schwerer als Wasser sind und darin untersinken. 300malige Vergr.

Fig. 126.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Schwarzer Pfeffer. Pulver aus Pfefferfrüchten, welche leichter und schwerer als Wasser sind. o Oelzellen, st Steinzellen, e Zellen mit Kleistermassen aus dem Eiweisskörper, a Stärkemehl, sp Spiralgefässe, k Krystalle. 150–200mal vergr.

Fig. 127.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Stärkemehlkörnchen des Pfeffers. 500mal vergr.

Als Verfälschungen des gemahlenen Pfeffers sind Eicheln, getrocknete Kartoffeln, Rapskuchen (Presskuchen aus der Darstellung des Rüböls) vorgekommen. Die Stärkemehlkörnchen der Eicheln und Kartoffeln sind leicht an ihrer Form zu erkennen. Die Rapskuchen zeigen Partien Steinzellengewebe, dessen Zellen 5–6eckig, sehr dickwandig und rothbraun erscheinen.

Weisser Pfeffer. Der zu einem feinen Pulver zerriebene weisse Pfeffer bietet dem Auge ähnliche Formelemente wie der schwarze Pfeffer, nur fehlen die Steinzellen, die Trümmer der äussersten Fruchthaut und des Parenchyms des Fruchtgehäuses. Vorwiegend und in grösserer Menge vertreten als im schwarzen Pfeffer sind die Zellen des Eiweisskörpers mit den Kleistermassen und den Stärkemehlkörnchen.

Fig. 128.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Weisser Pfeffer. Feines Pulver. 150–200mal vergr.

Piment, Nelkenpfeffer, Englisch-Gewürz, Neugewürz, ist die vor der völligen Reife gesammelte und getrocknete Frucht eines in Westindien, besonders auf Jamaica cultivirten kleinen Baumes (daher auch der Name Jamaicapfeffer). In ein feines Pulver verwandelt lässt er unter dem Mikroskop erkennen: — 1) einfache, sehr kleine Härchen, auf der Oberhaut der Frucht befindlich. — 2) Grosse bräunliche Oelzellen, aus dem Fruchtgehäuse und der Umgebung des Keimes. Im Fruchtgehäuse stehen sie dicht gedrängt und bilden die halbkugelig hervortretenden Warzen der Oberfläche der ganzen Frucht. Die äusserste Fruchthaut zeigt auch deutlich Spaltöffnungen. — 3) Dickwandige Steinzellen, viele mit verzweigten Porenkanälen. — 4) Spiralgefässtrümmer. — 5) Stärkemehlkörnchen. — 6) Zellen mit dunkelrothem Farbstoff. — 7) Nur bisweilen rhomboëdrische Kalkoxalatkrystalle.

Fig. 129.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Piment, in feines Pulver verwandelt. o Oelzellen, st Steinzellen, sp Spiralgefässe, a Stärkemehl.

Da Piment Gerbstoff enthält, so nehmen die Gewebselemente mit stark verdünnter Lösung des Eisenchlorids (Ferrichlorids) befeuchtet eine indigblaue Farbe an.

Gewürznelken (Caryophylli) sind die getrockneten Blüthenknospen des Gewürznelkenbaumes, welcher auf den Molukken einheimisch ist, aber auf anderen Inseln Ostindiens und in Westindien cultivirt wird.

Bei der Prüfung des Gewürznelkenpulvers unter dem Mikroskope vermisst man Stärkemehlkörnchen und dickwandige Gewebezellen. Eine zarte Querschnitte durch den Unterkelch einer Gewürznelke ist in folgender Abbildung (Fig. 130) bei 120maliger Vergr. vergegenwärtigt.

Zu der mikroskopischen Untersuchung des Gewürznelkenpulvers verwendet man zunächst das nur mit verdünntem Glycerin gemischte Pulver, dann aber auch zur besseren Examination der Zellen und Gefässe eine Portion des Pulvers, welche mit verdünnter Aetzlauge geschüttelt, in einem Filter gesammelt, mit Wasser abgewaschen und mit Glycerin gemischt ist.

Fig. 130.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Zarte Querschnitte aus dem Unterkelch der Gewürznelke. d Gefässbündel, v centrale Gefässbündelgruppe, f lockeres Zellgewebe.

Es lassen sich folgende Formelemente wahrnehmen: — 1) Oelzellen, unter der kleinzelligen Oberhaut liegend. — 2) Bastzellen, meist spindelförmige. — 3) Spiralgefässe, zum Theil in einem kleinzelligen Parenchym, dessen Zellen Krystallgruppen (Krystalldrusen) enthalten. — 4) Pollenkörner (Blüthenstaubzellen). Diese erscheinen dreiseitig oder dreikantig und sind dreiporig. — 5) Spaltöffnungen (mit den beiden Schliesszellen).

Fig. 131.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Gewürznelken. Formelemente des Gewebes: k Zellen mit Krystallen (Kalkoxalatkrystalldrusen), f Bastfaser, o Oelzellen, sp Spaltöffnungen, b Pollenkörner. Circa 250mal vergr. h Querschnitt eines Holzbündels 50mal vergr. st Treppengefäss aus den Nelkenstielen.

Das Gewürznelkenpulver mit verdünnter Lösung des Eisenchlorids (Ferrichlorid) befeuchtet färbt sich blauviolett wegen des Gehaltes an Gerbstoff. Diese Reaction erfolgt nicht oder ist gering, wenn eine gepulverte, bereits extrahirte Waare vorliegt.

Fig. 132.

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Stärkemehl der Eicheln. a 120mal, b 250mal vergr.

Fig. 133.

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Steinzelle aus den Nelkenstielen. t Hohlraum, p Porenkanal. 250mal. Vergr.

Die Verfälschung des Gewürznelkenpulvers mit dem Pulver der Gewürznelkenstiele (Blüthenstiele) war vor Jahren eine sehr häufige, mit gerösteten Eicheln eine gewöhnliche. In dem Pulver der Gewürznelkenstiele sind vorwiegend sehr dickwandige Zellen, Steinzellen mit dickschichtiger Wandung, stärkere und bedeutend grössere Holzbündel und Bastbündel, treppenförmige Gefässe mit weiterem Lumen und nur wenige Oelzellen vertreten. Eichelnpulver verräth sich durch das darin befindliche Stärkemehl, dessen Körner dem Stärkemehl der Hülsenfrüchte sehr ähnlich, aber von geringerer Grösse sind und einen langen Kernhöhlenspalt (Nabel) zeigen. (Vrgl. auch unter Kaffee.)

Zimmt. Im Handel unterscheidet man Ceylonzimmt oder echten Zimmt und Zimmtkassie oder Kaneel. Der gemahlene Zimmt oder Zimmtpulver wird nur aus der Zimmtkassie hergestellt.

Zimmtkassie, Kaneel, Chinesischer Zimmt, gewöhnlich nur mit Zimmt bezeichnet, ist der Bast der Aeste des Zimmtbaumes, welcher im südlichen China und Cochinchina einheimisch, aber in verschiedenen Theilen Ostindiens cultivirt wird.

Fig. 134.

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Formelemente des Gewebes der Zimmtkassie. s Steinzellen, st Stärkemehlführende Steinzellen, b Bartzellen, bp Stärkemehlführende Bastzellen, o Oelzellen. 150–200mal. Vergr.

Behufs der mikroskopischen Prüfung des Zimmtpulvers ist eine kleine Portion mehrere Stunden in verdünntem Glycerin einzuweichen. Es bietet dem Auge folgende hauptsächliche Formelemente: — 1) dünne spindelförmige, meist glatte Bastfassern (circa 0,05 mm lang). Sie sind so verdickt, dass der Innenraum wie eine linienförmige Spalte erscheint. — 2) Dickwandige Zellen des Bastparenchyms, Stärkemehl führend. — 3) Steinzellen mit und ohne Stärkemehl. — 4) Oelzellen. — 5) Schleimzellen. — 6) Stärkemehlkörnchen (0,01–0,018 mm im Durchmesser) finden sich in rothbrauner Masse eingebettet in allen Parenchymzellen, in vielen Steinzellen. — 7) Wenige, sehr kleine prismatische Kalkoxalatkrystalle (aus den Markstrahlzellen).

Der Ceylonzimmt enthält sehr grosse (bis zu 0,1 mm grosse) starkverdickte Steinzellen, dünnere (0,02–0,025 mm), Bastzellen, wenige und kleinere Stärkemehlkörnchen und eine mehr braungelbe Masse in den Parenchymzellen. Die kleinen Kalkoxalatprismen fehlen ganz. Ceylonzimmt ist die theuerste Zimmtsorte.

Die Holzkassie, Malabarzimmt, Cassia lignea, ist die Rinde der Aeste eines dem Ceylonzimmtbaume verwandten Baumes. Bisweilen fehlt darin das Stärkemehl. Sie wird zur Verfälschung des Zimmtkassien- und Ceylonzimmtpulvers gebraucht. Die Gewebeelemente haben viele Aehnlichkeit mit denen des Ceylonzimmts. Der Geschmack der Holzkassie ist schwach zimmtartig und sehr schleimig, der Geruch sehr schwach zimmtartig.

Weitere Verfälschungen des Zimmtkassienpulvers sind die Pulver aus Mahagoni- und Zuckerkistenholz, verschiedener Baumrinden, Eicheln, Brot etc. Verdünnte Eisenchloridlösung färbt die Zimmtkassie nur dunkler bis rothbraun, nicht aber violett, blau oder grün.

Ingwer ist der geschälte oder ungeschälte, getrocknete Wurzelstock der im tropischen Asien einheimischen Ingwerpflanze. Es kommen im Handel vor: ungeschälter, geschälter und gebleichter Ingwer.

Der gepulverte Ingwer ist vor der mikroskopischen Untersuchung in verdünntem Glycerin einzuweichen. Die Formelemente des Gewebes sind: — 1) Oelzellen. — 2) Gerundete Harzzellen. — 3) Vieleckige Parenchymzellen mit Stärkemehl angefüllt. — 4) Gefässbündel aus dünnwandigen Faserzellen, dickwandigen, eine weite Höhlung zeigenden, bastartigen Holzfasern und Treppengefässen bestehend. — 5) Stärkemehlkörnchen. Diese sind flach, eiförmig oder länglich (0,02–0,04 mm lang), concentrische Schichtung zeigend.

Fig. 135.

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Formelemente aus dem Gewebe des Ingwers. h Harzzellen, o Oelzelle, sp Holzbündel, a Stärkemehl. 120mal vergr.

Verfälschungen des gemahlenen Ingwers sind: Eicheln, Rapskuchen, Brot, Curcuma (Gelbwurzel). Letztere verräth sich durch ihren Gehalt an gelbem Farbstoff, welcher durch Borax und Alkalien leicht erkannt werden kann.

Fig. 136.

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Stärkemehlkörnchen des Ingwers. 400malige Vergr.

Muskatnuss ist der Samen aus der Frucht des auf den Molukken einheimischen, auf den Bandainseln cultivirten Muskatnussbaumes: Das Pulver zeigt vieleckige, dünnwandige, mit Stärkemehlkörnchen erfüllte Zellen. Die Stärkemehlkörnchen sind hier und da in einer fettigen rothbraunen Masse eingebettet. Die Stärkemehlkörnchen sind zu 2, 3, 4 und mehr, meist regelmässig zusammengesetzt, das Theilkörnchen zeigt eine rundliche oder eckige Kernhöhle. In den meisten der Stärkemehl führenden Zellen findet sich von Stärkemehlkörnchen umlagert ein krystallförmiger rhomboëdrisch oder kubisch gestalteter Körper (Krystalloid). Auch beobachtet man hier und da prismatische Fettkrystalle. Nach der Befeuchtung mit Jodlösung erscheinen die Stärkemehlkörnchen blau, die Krystallkörper dunkelroth.

Fig. 137.

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Pulver von Muskatblüthe und Muskatnuss. Mac Muskatblüthe, Macis. Musk. N. Muskatnuss. a Zelle mit Krystalloid und Stärkemehl. 120mal. Vergr.

Muskatblüthe, Macis, ist der fleischige Samenmantel aus der Frucht des Muskatnussbaumes. Das Pulver zeigt unter dem Mikroskop gerundete oder kantige Zellen, neben kugeligen, eiförmigen oder kantigen Oelzellen (0,04–0,08 mm im Durchmesser). Stärkemehl fehlt. Jodlösung färbt gelbroth, rothbraun und purpurroth. Beimischungen Stärkemehl enthaltender Stoffe sind daher leicht zu erkennen. Siehe Fig. 137.

Fig. 138.

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Curcumapulver. b Kleistermassen, h Harzzellen (100mal vergr.), a Stärkemehlkörner (300mal vergr.)

Curcuma, Gelbwurz, der in künstlicher Wärme getrocknete Wurzelstock der in Ostindien und dem südlichen und östlichen Asien einheimischen Curcuma longa, Gelbwurzlilie. Das Pulver der Curcuma ist zuweilen ein Verfälschungsmittel der Gewürze und Bestandtheil des vom gemeinen Manne mit Safran benannten Safransurrogats für den Gebrauch in der Küche. Es zeigt unter dem Mikroskop mit verdünntem Glycerin befeuchtet, dieses gelb färbend, kugelige eiförmige oder längliche gelbgrünliche, durch Jodlösung sich blau färbende Massen (Stärkekleistermassen), Stärkemehlkörnchen besonderer Form, gelbe Harzzellen, Trümmer von Treppengefässen. Obgleich das Curcumamehl eine billige Waare ist, so wird es nicht selten mit Stoffen verfälscht, welche eine andere oder abweichende Form der Stärkemehlkörnchen aufweisen.

Rothes Santelholz, rother Santel, das Holz des in Ostindien einheimischen Santelbaumes, Pterocarpus santalinus. Das Pulver dieses Holzes ist nicht selten verfälscht oder es dient als ein unschuldiges Färbemittel einiger Genussmittel, auch ist es ein Bestandtheil des Safransurrogates, des in der gewöhnlichen Küche gebrauchten Safrans. Unter dem Mikroskope in verdünntem Glycerin, welches sich weinroth färbt, eingeweicht zeigt es — 1) mit zierlichen Tüpfeln versehene Holzgefässe, — 2) bastartige Holzfasern, — 3) getüpfelte Holzparenchymzellen, — 4) kleine Zellen, einen einfachen Kalkoxalatkrystall enthaltend, — 5) Farbstoffmassen und vereinzelte Stärkemehlkörnchen. Weingeist löst den Farbstoff mit rother, Aetzkalilauge mit violetter Farbe.

Fig. 139.

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Gepulvertes rothes Santelholz. h Holzzellen, gh getüpfelte Holzparenchymzellen, hh Holzparenchymzellen mit umhöften Tüpfeln, m Zellen aus den Markstrahlen, k Krystallzellen mit einfachem Kalkoxalatkrystall. (Circa 120malige Vergr.)

Senf. Mostrich.

Speisesenfpulver und Mostrich sind für den Gebrauch in der Küche und auf dem Tische entsprechend und dem Geschmack convenirend zusammengesetzte Genussmittel, in welchen schwarzer und auch gelber Senfsamen die den Geschmack bedingenden Substanzen sind.

Das Senfmehl von Sarepta ist das Pulver der Samen von Sinapis juncea und entspricht in seinen mikroskopischen Theilen ganz unserem gelben oder weissen Senfe. Das sogenannte Englische Senfmehl ist gewöhnlich nur ein pulveriges Gemisch aus 1 Th. schwarzem Senf, 8 Th. gelbem Senf und 1–3 Th. Getreidemehl.

Eine mikroskopische Untersuchung beider Genussmittel könnte nur den Zweck haben, darin Substanzen zu bestimmen, welche den Nahrungs- und Genussmitteln nicht angehören und genossen nachtheilige Wirkungen haben und endlich die Gegenwart des Pulvers der Senfsamen zu erkennen, wenn etwa der Geschmack diesen nothwendigen Umstand bezweifeln lässt. Beide, sowohl das Speisesenfpulver (Mostrichpulver) wie der Mostrich, sind zusammengesetzte Genussmittel, welche den Zwecken der Verwendung in der Küche und auf dem Tische, sowie den Ansprüchen des Geschmackes entsprechen sollen. Zur Erreichung dieser Zwecke ist die Vermischung des Pulvers von schwarzem und gelbem Senfsamen mit Salz, Gewürzen, Mehl, Essig, Wein, Zucker und anderen Genussmitteln nothwendig, und können solche Beimischungen nie als ungehörige oder als Fälschungen angesehen werden, und das um so weniger, als man den Werth der Senfpräparate nach der äusseren Beschaffenheit und dem Geschmack beurtheilt und eine einfache Mischung von reinem Pulver des schwarzen oder gelben Senfes mit Wasser, Wein, Essig dem Geschmacke nicht genügt, selbst die Mischung nur mit schwarzem Senfsamen den Giften beizuzählen wäre.

Fig. 140.

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Pulver des schwarzen und weissen Senfsamens. s Schwarzer Senf, w weisser oder gelber Senf, st Steinzellen, kl Kleberzellen, k Keimzellen ep Epidermalgewebe, o Oeltröpfchen.

Auch eine Beimischung von gemahlenem Rübsen- oder Rapssamen an Stelle des weissen Senfsamens, wenn sie überhaupt vorkommen sollte, ist keine Verfälschung, da dadurch das Angenehme des Geschmacks eher gehoben als herabgedrückt wird. Wäre der Rübsensamen geschält, so ist er auch gar nicht nachzuweisen.

Fig. 141.

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Pulver des Rapskuchens. st Steinzellen, kg Keimgewebe, kl Kleberzellen, o Oeltröpfchen.

Ein wesentliches Erkennungszeichen der Samenpulver des schwarzen Senfes und des Rübsens unter dem Mikroskop sind die Gewebetrümmer der äusseren dunkelroth-braunen Samenhaut. Die Steinzellen derselben sind beim Rübsensamen grösser und auch etwas abweichend geformt als beim schwarzen Senf, und farblos beim gelben Senf.

Cacao. Chocolade.

Cacaomasse oder präparirter Cacao gehört zu den einfachen Genussmitteln und besteht aus den Cacaosamen, welcher schwach geröstet, dann von der Samenschale befreit und in der Wärme in eine zwischen den Fingern oder auf der Zunge unfühlbaren Masse übergeführt sind. Diese Masse soll nichts enthalten, was nicht Cacaosamen ist. Vorkommende Verfälschungen oder Gewicht vermehrende Stoffe dieser Masse sind: schwach geröstete Eicheln, Getreidemehl, Maismehl, Hülsenfrüchte, Stärke, Brot u. dgl.

Behufs der mikroskopischen Prüfung wird etwas der Masse fein zerrieben, ein Theil davon mit verdünntem Glycerin gemischt, ein anderer Theil mit Wasser längere Zeit geschüttelt, auf einem Filter gesammelt und dann geprüft.

Cacao hat verschiedene Gewebeelemente, welche sich von denen der Verfälschungsmittel wesentlich unterscheiden. Zunächst sind zu erwähnen die verlängerten, cylindrischen, keulenförmigen oder spindelförmigen, an ihrem einen Ende oft getheilte, durch Querscheidewände, hin und wieder auch durch Längsscheidewände geschichtete Schläuche oder sogenannte Mitscherlich’sche Körperchen, dann die in Fett gelagerte, zusammengesetzte, sehr minutiöse Stärkemehlkörnchen führenden braunen vieleckigen Zellen der Keimlappen und die denselben untermischten oder in Reihen gestellten Zellen, einen rothbraunen Farbstoff enthaltend.

Fig. 142.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Cacao. m Schläuche der inneren Samenhaut, die sogenannten Mitscherlich’schen Körperchen, k Theobrominkrystalle (120–150fache Vergr.).

Fig. 143.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Cacao. s Stärkemehl führende, f Farbstoff führende Zellen der Keimlappen (150fache Vergrösserung).

Unter dem Mikroskop sieht man auch Fett in kugeligen Massen, zuweilen jedoch nicht immer, kleine farblose prismatische Krystalle.

Fig. 144.

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Cacaomasse. k Cacaostärkemehl, m Mitscherlich’sche Körperchen.

Der Farbstoff wird durch verdünnte Schwefelsäure mit blutrother, durch Essigsäure mit violetter Farbe gelöst. Verdünnte Eisenchloridlösung tingirt blau, was auf eine gerbstoffartige Substanz deutet.

Die Stärkemehlkörnchen des Cacao sind, wie bereits bemerkt ist, zusammengesetzte, im Uebrigen sehr klein (0,005–0,008 mm) im Durchmesser.

Chocolade ist ein zusammengesetztes Genussmittel, welches einen angenehmen Geschmack haben und in kochendem Wasser oder kochender Milch zertheilt ein angenehm schmeckendes, aber auch schleimiges Getränk liefern soll, in welchem die Partikel der Cacaomasse in Suspension erhalten bleiben. Um nun letzteres zu erzielen, ist ein Zusatz eines stärkemehlhaltigen Genussmittels nothwendig. Die Chocolade kommt in verschiedenen Sorten in den Handel. Die theuren Sorten bestehen zumeist nur aus gleichen Theilen Cacaomasse und Zucker nebst verschiedenem Gewürz. Die geringeren und billigen Sorten enthalten ausser den genannten Stoffen geröstetes Getreidemehl oder Stärkemehl, Maismehl, Reismehl etc. Werden diese Sorten in der Küche zum Getränk gemacht, so bedürfen sie keines Mehl- oder Stärkemehlzusatzes, welcher bei den theuren Sorten nicht umgangen werden kann. Diese Erinnerung ist gemacht, um zu warnen, den Gehalt der Chocolade an fremden Stärkemehl als eine Verfälschung aufzufassen. Chocolade ist eben Cacaomasse, welche sich zur bündigen Darstellung des Chocoladengetränkes eignet.

Will man Chocolade mikroskopisch untersuchen, so wird sie kalt zerrieben, zuerst zur Beseitigung des Fettes mit Aether, dann zur Beseitigung des Zuckers mit lauwarmem (30–35°) Wasser ausgezogen und nun das in Aether und Wasser unlösliche unter das Objectiv gebracht.

Das holländische Cacaopulver ist das feine Pulver der mit Soda behandelten Cacaosamen. Es zeigt einige Gewebeelemente des Cacaosamens in zerstörter Form.

Chocoladenmehl, Chocoladenpulver. Mit diesen Namen wird ein Surrogat der Chocolade bezeichnet. Es ist ein sehr billiges Pulver, welches in kochendes Wasser oder kochende Milch eingerührt, sofort ein dem Chocoladengetränk ähnlich schmeckendes und aussehendes Getränk oder Suppe liefern soll. Es besteht aus 10 Proc. Cacaomasse, 19 Proc. geröstetem oder auch nicht geröstetem Getreidemehl, 70 Proc. Zucker und 1–2 Proc. rothem armenischem Bolus.

Kaffee.

Fig. 145.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Spindelförmige Steinzellen der Samenhaut des Kaffeesamens.

Fig. 146.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Ein Stück des Gewebes aus dem Samenkörper des Kaffees.

Die mikroskopische Untersuchung hat nur beim gemahlenen Kaffee einen Zweck. Man zerreibt eine kleine Menge zu einem höchst feinen Pulver und prüft es unter dem Objectiv. Dann extrahirt man dieses Pulver mit Aether, zur Entfernung des Fettes, und nach der optischen Prüfung extrahirt man auch noch mit Wasser oder verdünntem Spiritus und prüft wiederum, gleichzeitig parallele Experimente mit echtem gutem Kaffee vornehmend. Waren an der Kaffeebohne, in der Samenspalte, noch Reste der Samenhaut, so wird man in dem feinen Pulver des gebrannten Kaffees auch gelbliche dickwandige spindelförmige, mit zahlreichen Porenkanälen versehene Steinzellen wahrnehmen. Zuweilen sind diese Zellen nur in einigen wenigen Exemplaren vertreten. Das Gewebe des Eiweisskörpers ist in grösster Menge vertreten. Die Zellen derselben sind vieleckig, dickwandig und reichliche Porenkanäle zeigend. Die Zellen enthalten formlose Eiweissmassen, Stärkemehl, Glykose, Kaffeegerbsäure, Oeltröpfchen. Das Stärkemehl ist in nur höchst geringer Menge vertreten. Wenn man das Object mit Jodlösung befeuchtet, so färbt sich das Stärkemehl dunkelblau, während Zellgewebe und Eiweiss gelblich, die Fetttröpfchen dunkler gelb oder grünlich erscheinen. Macht man gleichzeitig optische Versuche mit echtem Kaffeepulver, so erlangt man auch sofort Anhaltspunkte zur Erkennung von Gewebeelementen, die nicht dem Kaffee angehören.

Fig. 147.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Kaffee und Cichorienkaffee. a reiner Kaffee, b Cichorienkaffee. 100–120fache Vergr.

Verfälschungen des gemahlenen gebrannten Kaffees sind Cichorien, geröstete Getreidekörner, geröstete Eicheln, geröstete Bohnen. Auch werden Feigenkaffee, geröstete Mandeln, Braunkohle u. dgl. angegeben.

Cichorienkaffee, geröstete zu einem höchstfeinen Pulver zermahlene Wurzeln der cultivirten Cichorienpflanze (Cichorium intybus). Diese Wurzel enthält Zucker in bedeutend grösserer Menge als die der wildwachsenden Pflanze. Die im Handel vorkommende Waare enthält auch andere geröstete Wurzeln z. B. der Runkelrübe, Mohrrübe, und etwas geröstete Getreidesamen. Als Verfälschung sind diese Substanzen nicht aufzufassen, denn gerade diese Stoffe in ihrer Mischung liefern eine Waare, welche dem Consumenten besonders gefällt. Man hat daher unter dem Namen Cichorienkaffee in heutiger Zeit nicht allein die geröstete Cichorienwurzel, sondern ein Kaffeesurrogat zu verstehen. Der gewöhnliche Mann fordert zwar beim Kaufmann Cichorien, er erhält aber ein Packet, auf welchem sich der Name Kaffeesurrogat verzeichnet findet. Wenn hier an dieser Stelle die Bilder einiger Gewebeelemente vorgelegt sind, so geschah dies nur für den Fall, dass reiner Cichorienkaffee optisch zu prüfen sei.

Fig. 148.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Cichorienwurzel. h Holzgewebe, hp Zellen des Holzparenchyms, sb Siebröhren.

Fig. 149.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Cichorienwurzel. ng Netzgefässe.

Fig. 150.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Cichorienwurzel. m Milchsaftgefässe, gewöhnlich netzartig verzweigt.

Die Netzgefässe (Fig. 149 m) fehlen auch nicht in dem gerösteten gemahlenen Getreidesamen, bei welchem besonders Stärkemehl in Betracht kommt, ferner auch nicht in dem sogenannten Mandelkaffee (die gerösteten und gemahlenen Erdmandeln, die Knollen von Cyperus esculentus).

Geröstete Eicheln, Eichelkaffee, verrathen sich durch ihre mehr oder weniger länglichrunden oder nierenförmigen Stärkemehlkörnchen mit einer länglichen Kernspalte oder Kernhöhle. Diese Stärkemehlkörnchen haben einige Aehnlichkeit mit denen unserer Hülsenfrüchte, sie sind aber nur halb so lang. Ihre Länge beträgt 0,025–0,035 mm. Mit verdünnter Eisenchloridlösung färbt sich das Eichelpulver wegen Gerbstoffgehalt dunkelblau.

Fig. 151.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Stärkemehlkörnchen der Eichel. a 120mal b 200mal vergrössert.

Feigenkaffee nennt man die gerösteten und zu einer gröblichen Masse oder Pulver zerstampften Feigen. Hier machen sich unter dem Mikroskop grosse Parenchymzellen mit Krystalldrusen (Kalkoxalat), ferner die kleinen Steinzellengruppen des Samens, auch einzelne Haargebilde der Oberhaut der Feige und gabelästige Milchgefässe bemerkbar.

Fig. 152.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Feigenkaffee. st Steinzellen der Samen, k Krystallzellen, Parenchymzellen mit Krystallen, h Haargebilde, o Zellen der Oberhaut.

Blut.

Blut. Das normale Blut besteht aus einer farblosen wässerigen Flüssigkeit und darin schwimmenden zellenähnlichen rothen und auch farblosen (weissen) Körperchen, den sogenannten Blutkörperchen. Diese werden von einigen für Zellen, von anderen für keine Zellen gehalten, obgleich ihnen alle die Eigenschaften angehören, welche an der lebenden Zelle angetroffen werden. Die rothen im Blute des Menschen in grösster Menge vertretenen Blutkörperchen oder Blutzellen erscheinen unter dem Mikroskop als kreisrunde, etwas biconcave, durchsichtige, farblose oder gelbliche Scheiben mit klar hervortretendem Kugelschatten, die unter Einfluss des Wassers die Gestalt hyaliner sphärischer Bläschen annehmen. Sie zeigen sich oft geldrollenähnlich an einander gereiht (Fig. 154). Lässt man Glaubersalz zwischen Objectglas und Deckglas treten, so tritt eine Contraction der Blutkörperchen ein, der Schatten tritt näher an die Ränder der Scheiben, die Ränder gestalten sich allmählich verzerrt, eckig, zerrissen, gezackt, gekerbt.

Fig. 153.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Blutkörperchen, 1200mal vergr. a auf der Kante stehend, b flach liegend.

Fig. 154.

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Blutkörperchen, freiliegend u. geldrollenähnlich aneinanderhängend, 500mal vergr.

Fig. 155.

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Rothe Blutzellen. 200malige Vergrösserung. a Im frischen Blute, b nach der Einwirkung des Wassers, c im eingetrockneten Blute.

Fig. 156.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Blutzellen. 800–900malige Vergr. b Rothe Blutzellen, b eine rothe Blutzelle im Verticaldurchschnitt c rothe Blutzellen im Wasser macerirt, d weisse Blutzellen, e eine solche mit einer Fettgranulation beladen, f solche nach der Einwirkung des Wassers, g eine solche nach der Einwirkung der Essigsäure.

Die weissen Blutkörperchen, farblose Blutzellen, Lymphkörperchen, werden stets nur in wenigen Exemplaren im normalen Blute angetroffen, höchstens 5 unter 1000 rothen Blutzellen. Sie sind ungefähr 1/3 grösser als die rothen, und zeigen bei starker Vergrösserung eine zart granulirte Oberfläche und derselben entsprechend eine feincrenulirte Contour.

Wenn man einen Tropfen Blut auf einem Objectglase einige Minuten sich selbst überlässt, so schrumpfen die Blutkörperchen ein und man trifft sie dann meist zackig gerändert. Geschieht die Eintrocknung schnell durch warme Luft oder unter der Luftpumpe, so behalten sie dagegen meist ihre Form.

Fig. 157.Fig. 158.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen
Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Blutkörperchen

in langsam eingetrocknetem Blute, 600mal vergr. in schnell eingetrocknetem Blute, 600mal vergr.

Wie Glaubersalz zerstören andere Salzlösungen, schwache Säuren und schwache alkalische Laugen die Blutkörperchen, dagegen nicht concentrirte Aetzlaugen. Eingetrocknete Blutkörperchen schwellen in letzteren an und werden dadurch wieder sichtbar. In einem dünnen Scheibchen geronnenen Blutes findet man die Blutkörperchen in der faserig erscheinenden Fibrinschicht gebettet.

Fig. 159.Fig. 160.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen
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Blutkörperchen

im geronnenen Blute. 600mal vergr. der Vögel. Vergr.

Die Blutkörperchen sind bei den Säugethieren meist rund, beim Menschen kreisrund und etwas biconcav, bei den anderen Säugethieren, besonders den Wiederkäuern sind sie meist kleiner (beim Kameel, Dromedar, Lama grösser und elliptisch-biconvex). Die Blutkörperchen der Vögel sind länglich-oval, in der Mitte etwas erhaben; die der Fische und Amphibien ebenfalls länglich oder elliptisch, flach oder etwas convex, die der letzteren aber sehr gross.

Der durchschnittliche Durchmesser der Blutkörperscheibchen beträgt beim:

Menschen 0,0074–0,0080mm.

Schwein0,0060–0,0065„

Rind0,0054–0,0060„

Schaf0,0040–0,0048„

Hasen0,0065–0,0070„

Pferd0,0050–0,0055„

Hund0,0070–0,0075„

Huhn0,0070–0,0081„in der Breite

„0,0120–0,0135 „in der Länge.

Bei der Untersuchung einer Substanz, welche man für Blut hält, pflegt man zuerst ihr Verhalten gegen Wasser zu prüfen.

Man bedeckt z. B. die Substanz mit 1–2 Tropfen Wasser. Ist sie eingetrocknetes Blut, so wird sie je nach ihrem Alter früher oder später an ihrer Oberfläche etwas aufquellen und sich das Wasser anfangs gelb, dann rothgelb, endlich dunkelroth färben. Lässt man dann den Tropfen abfliessen, so wird sich bei Musterung der benetzt gewesenen Stelle mit einem Vergrösserungsglase das netzartige Geflecht des Fibrins erkennen lassen. Betupft man dasselbe mit einer verdünnten Jodjodkaliumlösung, so wird es sich dunkelbraun färben.

Steht eine reichliche Menge der blutähnlichen Substanz zu Gebote, so giebt man eine senfkorn- bis linsengrosse Menge in einen Reagircylinder, übergiesst sie mit einigen Cubikcentimetern destillirtem Wasser, und mischt sie so einige Zeit unter nur sehr sanftem Schütteln. Nachdem sich das Wasser gefärbt hat, wird es schon nach sehr sanftem Schütteln an seinem Niveau einen Schaum bilden. Diese Eigenthümlichkeit des bluthaltigen Wassers nennt man Spumescenz. Diese lässt sich selbst an einem Tropfen der Flüssigkeit auf dem Objectglase beobachten, wenn man das Deckgläschen wiederholt hebt und abwärts drückt.

Die vorstehend erhaltene wässrige Blutlösung im Tageslichte beobachtet zeigt Dichroïsmus, d. h. im durchfallenden Lichte erscheint sie gelbroth oder roth, im reflectirten Lichte grünlich oder grün.

Die Grundlage der rothen Farbe des Blutes ist mit Haemoglobin bezeichnet worden. Dieses Haemoglobin besteht aus einer eiweissartigen Substanz und Haematin, einem eisenhaltigen Farbstoff. Wirken auf diese Verbindung Alkalien oder Säuren ein, so wird sie zersetzt und der Blutfarbstoff, das Haematin frei gemacht und unter gewissen Verhältnissen in Krystalle verwandelt. Deshalb nannte man diesen Blutfarbstoff früher Haematokrystallin.

Als eine sehr geeignete Flüssigkeit, die rothen Blutzellen von eingetrocknetem Blute oder Blutflecken behufs der mikroskopischen Untersuchung aufzunehmen, und das Haematin aus seiner Eiweissverbindung abzuscheiden, ist nach Roussin ein Gemisch aus 3 Th. Glycerin, 1 Th. concentrirter Schwefelsäure und 35 Th. Wasser.

Es soll sich der Blutfarbstoff der Säugethiere (nicht der Vögel) an und für sich in Krystalle verwandeln lassen und er dabei verschiedene je nach Art der Thiere aber ziemlich bestimmte Formen annehmen. Die prismatische Krystallform soll beim Menschen und vielen Säugethieren, die tetraëdrische beim Meerschweinchen und der Maus, hexagonale Tafeln bei dem Eichhörnchen, die Rhomboëderform beim Hamster etc. vorwalten. Zur Darstellung dieser Krystalle soll man nach Funke einen Tropfen Blut auf das Objectglas bringen und, nachdem er 3–4 Minuten an der Luft gestanden hat, mit einem Tropfen Wasser versetzen. Nach mehrmaligem Anhauchen legt man ein Deckgläschen darauf und stellt das Ganze an einen hellen Ort zur Verdunstung. Gut soll es sein, die Fläche des Objectglases, worauf der Tropfen Blut gegeben wird, vorher mit Seidenzeug recht tüchtig zu reiben. Die Krystallbildung gelingt übrigens in dieser Weise nicht leicht und ist es nothwendig, gleichzeitig 2–3 Objecte herzustellen.

Fig. 161.

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Formen der Haematinkrystalle, vergr.

Wichtig für die Untersuchung der Blutflecke ist die Darstellung der Teichmann’schen Häminkrystalle. Das Haematin hat nämlich eine grosse Verwandtschaft zur Salzsäure, und diese Verbindung hat eine vorwiegende Neigung zu krystallisiren. Diese Teichmann’schen Häminkrystalle sind Haematinhydrochloratkrystalle. Zu ihrer Darstellung aus Blutflecken wird die wässrige, nicht zu dünne Blutlösung (2–3 Cubikcentimeter) mit einigen Tropfen Eisessig und einer sehr geringen Menge (circa 1 Ctgr.) Kochsalz versetzt. Werden dann einige Tropfen der Lösung auf einem Objectglase an einem lauwarmen Orte abgedunstet, so beobachtet man unter dem Mikroskop die braunrothen bis schwarzbraunen Haematinhydrochloratkrystalle in Form rhombischer Nadeln und Täfelchen. Man kann auch die trockne, pulverig zerriebene blutähnliche Masse nach Zusatz einer unbedeutenden Menge Kochsalz mit Aetherweingeist, welcher mit wenigen Tropfen Eisessig versetzt ist, extrahiren und diese durch Glaswolle filtrirte Lösung verdunsten lassen, um dieselben Krystalle zu erlangen. Der Kochsalzzusatz ist nur ein Ersatz des im Blute von Hause aus vorhandenen Chlorids, im Falle die Blutsubstanz der Einwirkung von Wasser ausgesetzt war.

Fig. 162.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Haematinhydrochloratkrystalle. Teichmann’sche Haeminkrystalle. 350–400malige Vergr.

Auch fauliges, selbst altes eingetrocknetes Blut liefert diese Krystalle. Brücke giebt folgende Anweisung zur Untersuchung der Blutflecke. Die Flüssigkeit, welche man durch kaltes Ausziehen mit destillirtem Wasser aus dem Blutfleck gewonnen hat, lässt man, mit einem sehr kleinen Körnchen Kochsalz versetzt, in einem Uhrglase unter der Luftpumpe oder über Schwefelsäure verdunsten oder an freier Luft eintrocknen. Dann durchmustert man das Uhrglas unter dem Objectiv, ob sich nicht etwa Krystalle darauf befinden, die den Haeminkrystallen ähnlich sind und damit verwechselt werden können. Hierauf übertropft man den Boden des Uhrglases mit Eisessig und verdampft denselben an einem warmen Orte von 50–80° C. Nun giebt man einen Tropfen destillirtes Wasser auf das Uhrglas, nimmt damit den Rückstand auf und bringt die Mischung auf Objectgläsern unter das Mikroskop. Ein bohnengrosser Blutfleck liefert viele tausende dieser kleinen, gelben bis braunrothen Haeminkrystalle in Form von rhombischen Tafeln und Säulen, oft sich kreuzend über einander lagernd. Sie sind in Essigsäure, Salzsäure, Weingeist, Wasser unlöslich, dagegen löslich in Aetzalkalien und concentrirter Schwefelsäure. Im Uebrigen gelangt man rascher zum Ziele, wenn man das mit dem Blutflecke bedeckte ausgeschnittene Stück Zeug oder das mit dem Fleck bedeckte Scheibchen Holz, oder die von einer Metallplatte abgekratzte blutfleckenartige Masse in einem Probircylinder mit Eisessig aufkocht, heiss und rasch filtrirt und die Flüssigkeit in einem flachen Glasschälchen an einem warmen Orte eintrocknet. Bei frischem Blute ist der Zusatz von Kochsalz gerade nicht nothwendig.

Schleim. Eiter.

Schleim, das Absonderungsprodukt der thierischen Schleimhäute (z. B. der Speichel), ist eine durchscheinende oder durchsichtige dickflüssige Masse mit darin befindlichen Epithelialzellen (den Zellen der äussersten Schicht der Schleimhaut). Jene dickflüssige Masse besteht aus den Schleimkörperchen. Diese erscheinen unter dem Objectiv als runde, stark granulirte, farblose, einzelne oder an einander hängende, Gruppen und Flächen ausfüllende Körperchen, welche einen und mehrere Kerne enthalten.

Fig. 163.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Schleimkörperchen. 200mal vergr.

Eiter. Eiterkörperchen sind schwierig von den Schleimkörperchen zu unterscheiden. Bei einiger Uebung in der optischen Musterung von Schleim und Eiter erlangt man sehr bald in der Bestimmung und Unterscheidung der Schleim- und Eiterkörperchen Sicherheit. Die Eiterkörperchen erscheinen unter dem Mikroskop wie runde, matt granulirte Zellen mit einem Kern, der häufig 2-, 3- bis 4mal gespalten ist oder eine längliche oder eine hufeisenförmige Gestalt hat. Die Umrisse (Contouren) sind öfter matt als scharf hervortretend. Unter Einwirkung verdünnter Essigsäure quellen die Eiterkörperchen auf, ihr granulirtes Ansehen verschwindet, sie werden hyalin und die vorerwähnten Kerne treten sichtbarer hervor.

Fig. 164.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Eiterzellen. circa 400mal vergr., a Eiterzellen, b dieselben nach Einwirkung der Essigsäure, c freie, aus den Zellen getretene, in Theilung begriffene Kerne der Eiterzellen.

Fig. 165.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

sg Schleimgerinnsel, s in stärkerer Vergr., e Eiterkörperchen, p Gährpilze, circa 150mal vergr.

Lymphkörperchen.

Lymph- oder Chyluskörperchen bilden matt granulirte Zellen, welche durch verdünnte Essigsäure in ihre sie constituirenden Theile zerlegt werden.

Fig. 166.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Lymphkörperchen, a dieselben in Essig macerirt

Fig. 167.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

a Lymphkörperchen aus der Lymphdrüse eines Säugethieres, b dieselben in verdünnter Essigsäure macerirt. 400mal. Vergr.

Sputum an Lungen-Tuberculosis (Lungenschwindsucht) leidender Menschen. Dieser Auswurf enthält neben Schleimkörperchen und Epithelialzellen Eiter, mehr oder weniger rothe Blutkörperchen und dann eigenthümliche elastische Fasern von dunkler Farbe, der Lungensubstanz angehörend.

Fig. 168.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Auswurf tuberculöser Lungenmasse. Circa 300malige Vergr. a Eiterkörperchen, b Epithelialzellen, c Blutkörperchen, d Tuberkelfasern.

Gährpilze.

Fig. 169.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Gährpilz, Cryptococcus cerevisiae, a 150–200mal vergr. b 750–900mal vergr.

Gährpilz, Hefenzelle, Cryptococcus cerevisiae, Saccharomyces cerevisiae Meyen. Der Gährpilz ist eine einzellige Alge, ein Hauptbestandtheil der Bierhefe. Er findet sich im Brote, im gährenden Harn und als ein pflanzlicher Parasit häufig in dem Magen, Munde etc. des Menschen. Er entsteht da, wo Zucker durch Gährung zersetzt wird, und vermehrt sich durch Theilung und Knospung. Er hat rundliche und ovale Formen, ist durchsichtig und farblos.

Sarcinien.

Magensarcinie, Merismopedia (Sarcinia) ventriculi, ist eine Alge, zur Familie der Chroococcaceen und der Ordnung der Cystiphoren gehörend, bestehend aus Zellen, welche einschichtig zu einer tafelförmigen Gruppe verbunden sind. Das Cytioderm ist fest, schleimig, häufig weisslich-grau oder gelblich, das Cytioplasma bläulich. Diese Alge theilt sich meist quadratisch oder zu vier in einem Quadrate stehenden Zellen. Sie findet sich im Magen, ist jedoch ohne alle pathologische Bedeutung. Ein etwas grösseres Format ist Merismopedia punctata Meyen (M. Kuetzingii) mit schwach begrenztem, fast farblosem Trieblager und blass grünspanfarbigem Cytioplasma. Sie wird in Tümpeln und Seen mit stehendem Wasser angetroffen.

Fig. 170.Fig. 171.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen
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Merismopedia ventriculi aus einer erbrochenen Masse, 450mal vergr. Merismopedia punctata, 800mal vergr.

Die sehr kleine Merismopedia urinae kommt in der menschlichen Harnblase, M. renis in der Niere vor.

Kopfgrind. Favuspilz.

Favuspilz, Achorion Schoenleinii, ist die Ursache des Kopfgrindes. Dieser pflanzliche Parasit dringt in die feinsten Risse der Haut, in die Haarbälge, erzeugt Entzündung und Eiterung der Kopfhaut und zerstört, indem er seine feinen Myceliumfäden zwischen und in die Fasern, woraus das Haar besteht, einschiebt, das Haar.

Fig. 172.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Favuspilz, an der Wurzel und dem unteren Theile des Haares sitzend. 300mal vergr.

Soorpilz, Zungenbelegpilz, Vibrionen, Oscillarien.

Fig. 173.

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Soorpilz, stark vergr., nach Robin. a Epithelialzellen der Mundschleimhaut, bedeckt mit dem Rasen des Soorpilzes b und den Sporen desselben c.

Soorpilz, Aphthenpilz, Oidium albicans, ist ein als Parasit häufig vorkommender Fadenpilz, welcher die bei kleinen Kindern vorkommenden sogenannten „Schwämmchen“ bildet. Er besteht aus Sporen und Myceliumfäden, die zwischen und unter dem Epithel der Schleimhaut wuchern und dasselbe zur Abstossung bringen. Er giebt der Schleimhaut das Ansehen, als wäre sie mit Käseflocken bedeckt. Verwechselt kann dieses Gebilde nicht werden mit Leptothrix buccalis Robin, einer parasitischen Alge, welche sich auf jeder Zunge, zwischen allen Zähnen findet und aus weit feineren stabförmigen, wenig oder nicht gebogenen und wenig verästelten Fäden besteht. Diese Alge gehört zu den Oscillariaceen, einer Familie, welche fadenförmig und mit einer eigenen Bewegung begabt ist, von welcher jedoch die Leptothricheen selten eine und dann nur langsam oscillirende Bewegung zeigen. Dagegen haben die Species der Oscillarieen und Spirillineen, zwei andere Unterfamilien der Oscillariaceen, eine sehr lebendige (oscillirende, kriechende oder spiralige) Bewegung, so dass man sie früher für Thiere hielt. Sie scheinen jedoch nur den Uebergang zu diesen zu bilden. Zu den Spirillineen gehören die Vibrionen, welche in cylindrischer und fadiger Form, frei oder in ihren natürlichen Schleim gehüllt, unter dem Mikroskop eine sehr lebhafte Bewegung zeigen. Sie findet man besonders da, wo eine Milchsäure- oder eine Buttersäuregährung stattfindet, in dem Schleim an den Zähnen, zwischen den Zehen der Füsse, zuweilen im Harn. Spirillum volutans ist schlangenförmig und spiralig gewunden und gegliedert.

Fig. 174.Fig. 175.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen
Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Soorpilz. Oidium albicans. Vergr. Leptothrix buccalis. Zungenbelegpilz. Vergr.

Fig. 176.Fig. 177.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen
Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Vibrio lineola (links), obere 50mal, untere 300mal vergr. Vibrio bacillus (rechts), 750mal vergr. Spirillum volutans, 750mal vergr.

Fig. 178.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

a Beggiatoa alba, b Beggiatoa nivea. Vergr.

Fig. 179.Fig. 180.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen
Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Oscillaria viridis. a ein Glied von vorne gesehen. Vergr. Chamaesiphon incrustans. a 200fach vergr. b 1200fach vergr.

Von den Oscillarieen bewohnt die Gattung Beggiatoa viele Thermen und natürliche Schwefelwässer. Sie hat eine oscillirende Bewegung, ist haarförmig, sehr dünn, sehr durchsichtig und starr. Beggiatoa alba ist in einen weissen Schleim gehüllt und bildet lange Fadenfortsätze mit granulirtem Cytioplasma. B. nivea ist durchsichtig und zeigt eine dunkle Gliederung. Die Gattung Oscillaria ist mit einer dreifachen Bewegung begabt, gegliedert, entweder von Mutterschleim umhüllt oder eingeschlossen von einer engen röhrenförmigen, an beiden Enden offenen Scheide. Die Glieder sind von vorne gesehen scheibenförmig und mit punktförmigen peripherisch ständigen Knötchen versehen. Eine parasitische Oscillariee ist Chamaesiphon incrustans, eine sehr kleine circa 0,01 mm lange, dicht zusammengedrängt stehende Alge mit undeutlichen Gliedern, aber deutlichen Endgliedern und sehr zarten Scheiden. Sie bewohnt andere Algen, diese incrustirend.

Interessante Algen sind die Spermosireen durch ihren rosenkranzähnlichen Bau. Die Gattung Anabaena hat kugelige oder elliptische Glieder und goldgelbe oder braungelbe Sporen. Anabaena circinalis findet man in stehenden Wässern.

Fig. 181.Fig. 182.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen
Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Anabaena circinalis. Vergr. a Microcystis violacea, b Anacystis marginata. Vergr.

Von der Algenfamilie der Chroococcaceen möge noch erwähnt sein Microcystis, welche aus sphärischen, dicht zusammengedrängten und von einer Mutterhülle eingeschlossenen Zellen besteht. Microcystis (Gloeocapsa) violacea hat eine violette Färbung. Sie bewohnt die Fensterscheiben und Mauern feuchter Keller. Die zu derselben Familie gehörende Anacystis, welche schwimmend in stehendem Wasser angetroffen wird, besteht aus zahlreichen sphärischen, in Schleim nistenden, mit einer gemeinsamen mehrschichtigen Decke umhüllten Zellen.

Diatomaceen.

Diatomaceen sind einzellige Algen. Sie liefern verschiedene mikroskopische Probeobjecte. Ihnen fehlt das Chlorophyll, dagegen tritt in ihrem Cytioplasma ein gelblicher oder bräunlicher Farbstoff auf, der grün wird, wenn sie absterben oder wenn man sie mit Säuren behandelt. Sie schwimmen entweder frei im Wasser oder sind einem Polster oder einem Stengel aufgewachsen oder in Schleim verschiedener Form gebettet, in und ausser dem Wasser. Die Zellen sind zweiklappig und symmetrisch gestaltet, die Klappen durch eine in Salpetersäure lösliche Zellsubstanz zusammengeleimt. Die Membran (Cytioderm) der Diatomaceen besteht nicht aus Cellulose, wie bei den meisten anderen Algen, sondern aus Kieselerde, die weder durch Fäulniss noch durch Glühhitze zerstörbar ist. Die Gestalt dieser Kieselpanzer ist sehr verschieden, rund, scheibenförmig, walzenförmig, prismatisch, viereckig, nachenförmig, keilförmig etc., oft mit symmetrisch geordneten Verdickungen, wodurch der Panzer mit mannigfaltigen Zeichnungen geziert erscheint.

Fig. 183.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

a Achnanthes exilis, b Diatomella, c Gomphonema, d Diatoma vulgare.

Einigen Familien dieser Algen, wie den Naviculaceen und Synedreen, ist eine scheinbare freiwillige Bewegung eigen. Sie schwimmen im Wasser mit zitternder Bewegung vor- und rückwärts, stossen sie hierbei aber auf ein Hinderniss, so ziehen sie sich ein oder zurück und versuchen wiederholt auf’s Neue, die Richtung um einen sehr spitzen Winkel verändernd, vorwärts zu dringen, und kehren, ohne sich umzudrehen, ganz und gar zurück, wenn das Hinderniss dasselbe bleibt. Diese eigenthümliche Bewegung gab Grund, sie für Infusionsthiere zu halten. Aus den Kieselpanzern dieser Algen bestehen sogar grosse Strecken der Lüneburger Haide. Das schwedische Bergmehl, welches mit Brod gemischt in Hungerjahren genossen wurde, sind Kieselpanzer abgestorbener Diatomaceen. Man findet diese Algen fast in allen natürlichen Wässern oder als Schmarotzer auf Wasserpflanzen oder in eine braune Schleimmasse eingebettet als feuchten Ueberzug der Felsen. Häufig trifft man sie in solchen Mengen, dass man sie für Schlamm hält.

Milch.

Milch von Kühen. Sie ist die bekannte emulsionsartige Flüssigkeit, welche verschiedene Salze, Milchzucker, Kaseïn enthält und in welcher Fett (Butter) in Gestalt sehr kleiner, unter dem Mikroskope scharf begrenzter, homogener, durchsichtiger Kügelchen schwimmt. Jedes Fettkügelchen ist mit einer Kaseïnhülle umgeben, welche das Zusammenfliessen des Fettes verhindert. Unter dem Mikroskope erscheint die Milch als eine klare Flüssigkeit mit jenen darin suspendirten Fettkügelchen (Fig. 184).

Fig. 184.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Milch bei 500maliger Vergrösserung.

Fig. 185.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Zum Theil entrahmte Kuhmilch, 500mal vergrössert.

Fig. 186.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Sahne. 500mal vergrössert.

In der Ruhe scheidet sich die Milch in zwei Schichten, in eine untere fettarme und in eine obere fettreiche, gewöhnlich Rahm oder Sahne genannt. Die von dem Rahme gesonderte, sogenannte abgenommene Milch zeigt unter dem Objective weit weniger Fettkügelchen und diese sind meist klein. Es treten also die grösseren Fettkügelchen beim ruhigen Stehen der Milch zuerst an die Oberfläche derselben. Der Milchrahm bietet daher dem Auge sehr grosse Fettkügelchen.

Fig. 187.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Colostrum. 500mal vergrössert.

Die dickliche gelbliche Milch, welche jedes Säugethier (also auch die Kuh) einige Tage vor und in den ersten Tagen nach dem Gebären giebt, heisst Colostrum, Colostrummilch. Sie ist von fadem Geschmacke, enthält Eiweiss, weniger Kaseïn und Milchzucker, besonders aber die Colostrumkugeln, nämlich die mit Fett erfüllten Zellen der Milchdrüsenschleimhaut. Unter dem Mikroskop erscheinen die Fettkügelchen der Colostrummilch gewöhnlich weniger scharf begrenzt, von sehr verschiedener Grösse, in Gruppen darin herumschwimmend, und daneben findet man einzelne grosse, nicht völlig kugelrunde, trübe Buttermassen mit körniger Oberfläche, jene Colostrumkügelchen. Diese sammeln sich beim Stehen der Milch an deren Oberfläche und bilden eine dunkelgelbe Rahmschicht. Diese Colostrummilch hat meist eine blassgelbliche oder gelbe Farbe. Sie ist zwar keine gesundheitsschädliche, denn sie äussert nur eine den Stuhlgang gelind vermehrende Wirkung, sie ist aber für den Genuss der Menschen nicht geeignet und wegen ihrer Farbe nicht appetitlich.

Die Milch und Sahne wird (nach Angabe einiger Schriftsteller) zuweilen mit der von Blut und Häuten befreiten Gehirnsubstanz der Schafe gemischt, um ihre Consistenz zu vermehren. Eine solche Milch hat einen hellgrauen Farbenton und setzt beim Stehen an die Gefässwandung eine feine weisse kleinkörnige Masse ab, welche feine Fäden von der Zellsubstanz des Gehirns enthält. Unter dem Mikroskope erkennt man die Gehirnsubstanz an den warzig erweiterten, oft perlschnurartigen Nervenprimitivfasern, an den Resten von Capillargefässen, welche gefässartig verzweigte, aus strukturloser Membran bestehende Gebilde darstellen, an denen sich ovale Kerne befinden, die nach Zusatz von Essigsäure mehr hervortreten.

Fig. 188.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Milch mit Gehirnsubstanz. 500mal vergrössert.

Fig. 189.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Milch aus einem mit Eiter-absonderndem Ausschlage behafteten Euter. a Fettkügelchen, b Eiter.

In Folge exsudater Processe im Euter oder in Folge einiger epidemischer Rinderkrankheiten findet man in der Milch Eiter. Die Eiterkörperchen sind den Butterkügelchen ähnlich, aber im Umfange etwas grösser, matt granulirt und enthalten einen Kern, oder sie bilden granulirte Körperchen mit unregelmässigem Rande, löslich in Aetznatronlauge, unlöslich in Aether. Bei Eiterausschlägen soll die Milch mikroskopisch kleine maulbeerähnliche Kügelchen enthalten, aus Schleim und Eiter bestehend. Eine eiterhaltige Milch ist als eine gesundheitsschädliche zu beurtheilen.

Butter.

Butter. Tafelbutter oder Marktbutter in einer Menge, welche einer halben Linse gleich kommt, zwischen Objectglas und Deckglas zu einer dünnen Schicht auseinandergedrückt, ergiebt sich bei 200–300facher Vergrösserung als ein Conglomerat rundlicher und runder Tröpfchen von verschiedener Grösse, untermischt mit kleinen Kochsalzkrystallen.

Fig. 190.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Markt- oder Tafelbutter bei 200–300facher Vergrösserung.

Die sogenannte Schmelz- oder Schmalzbutter, Dauerbutter, welche behufs Befreiung von den Milchbestandtheilen eine Schmelzung erfahren hat, ebenso die mit Talg gefälschte und geschmolzen gewesene Butter liefern unter dem Mikroskop nicht diese Tropfenform, welche bei der sogenannten Kunstbutter jedoch mehr oder weniger ausgeprägt ist.

Harn. Urin.

Harn. Der Harn, besonders der des kranken Menschen, bietet mehrere Bestandtheile, welche sich durch das Mikroskop erkennen und bestimmen lassen. Sowohl ein Tropfen des klar abgegossenen Harns, sowie eine entsprechende Quantität des etwaigen Bodensatzes (Harnsediments) werden gesondert der mikroskopischen Betrachtung unterworfen.

Fig. 191.Fig. 192.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen
Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

a Eiterzellen, b dieselben mit verdünnter Essigsäure behandelt, c Schleimkörperchen. Zellen der Harnblasenschleimhaut, stark vergrössert.

Fig. 193.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Epithelialzellen aus den Nierenbecken, Ureteren, Kelchen. Vergr.

An organischen Stoffen können sich im Harne finden:

a. Schleimgerinnsel bildet Streifen, aus reihenförmig geordneten, äusserst kleinen Körnchen zusammengesetzt. Es darf nicht mit den Harncylindern verwechselt werden.

b. Schleimkörperchen. Vergl. S. 141.

c. Blutkörperchen. Vergl. S. 134.

d. Eiterkörperchen oder Eiterzellen. Vergl. S. 141.

e. Harncylinder und Epithelialzellen. In Folge krankhafter Beschaffenheit der harnleitenden Gänge findet man im Harn Beimengungen von Gewebetheilen, wie Zellen, (Pflasterepithelien) der Harnblasenschleimhaut, Epithelialzellen aus den Nierenbecken, den Ureteren und den Kelchen, endlich sogenannte Harncylinder, nämlich Stücke des Epithelialüberzuges aus den Bellini’schen Röhrchen in Form cylindrischer Schläuche.

Fig. 194.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

a, b Harncylinder; c, d, d Epithelialhäutchen aus den Bellini’schen Röhren mit Blutkörperchen.

f. Spermatozoën. Vergl. S. 158.

g. Krebsmaterie neben Eiterkörperchen, verschieden gestaltete Degenerationsgebilde mit Zellen mehr oder weniger bedeckt.

Fig. 195.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Krebsartige Absonderungen und Gebilde. Vergr.

Fig. 196.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Gährpilzchen. Vergr.

h. Gährpilze. Vergl. S. 143.

i. Vibrionen. Vergl. S. 146.

An krystallisirten Stoffen können vorhanden sein:

Das Sediment des Harns wird allein und dann mit Salzsäure angesäuert auf das Objectglas gegeben oder man lässt Harn auf dem Objectglase verdunsten.

a. Hippursäure bildet, aus kaltem Harne allmählich ausgeschieden, halbdurchsichtige rhombische, vierseitige Prismen und Säulen (mit der Grundform des Rhombenoctaëders), an den Enden in 2 oder 4 Flächen auslaufend.

b. Harnsäure nimmt verschiedene Formen an. Sie bildet bald rhombische, glatte, durchsichtige, oft orange, bräunlich oder gelb gefärbte Tafeln, bald mit abgerundeten stumpfen Winkeln, bald mit spindelförmigen Verlängerungen. Aus der alkalischen Lösung mittelst Salzsäure auf dem Objectglase abgeschieden bildet sie mitunter Dumb-bells (kurze Stränge mit pilzhutförmig erweiterten Enden). Bald nimmt die Harnsäure die Form von Wetzsteinen an, bald vereinigt sie ihre Prismen zu besenähnlichen Büscheln, von denen gemeinlich je zwei mit ihrer Basis zusammenhängen.

Fig. 197.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Hippursäure.

Fig. 198.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Harnsäurekrystallformen.

c. Saures harnsaures Natron bildet unregelmässige Gruppen kleiner grützlicher Körnchen.

Fig. 199.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Saures harnsaures Natron.

Fig. 200.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Saures harnsaures Ammon.

d. Saures harnsaures Ammon in Form kleiner, runder, mit Spitzen besetzter, vereinzelter oder in Gruppen zusammenliegender Körperchen.

Fig. 201.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Phosphorsaure Ammon-Magnesia.

Fig. 202.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Oxalsaure Kalkerde.

e. Phosphorsaure Ammon-Magnesia (Tripelphosphat) gewöhnlich in rhombischen, sargdeckelähnlichen Krystallen, welche sich durch ihre leichte Löslichkeit in verdünnter Essigsäure von der oxalsauren Kalkerde unterscheiden.

f. Oxalsaure Kalkerde in Gestalt kleiner durchsichtiger quadratoctaëdrischer Krystalle, den Briefcouverten ähnlich oder sanduhrförmig.

g. Harnstoff mit Chlornatrium giebt Krystalle, an welchen die Kreuzform vorherrschend ist.

Fig. 203.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Harnstoff mit Chlornatrium verbunden.

Fig. 204.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Harnsediment bei 200–300facher Vergrösserung. h Harnsäure, u saure Urate des Ammons und Natrons, o Kalkoxalat, p Doppelphosphat, phosphorsaure Ammon-Magnesia, e Epithelialzellen und Harncylinder, f Fermentkörperchen, ei Eiterkörperchen.

Samenfäden. Flimmerzellen. Cercomonaden.

Samenfäden, Spermatozoën, Zoospermien, sind Zellengebilde. Sie zeigen bei starker Vergrösserung einen ovalen abgeplatteten Körper mit einem langen, feinen, fadenförmigen Schwanze. Die Bewegungen der lebenden scheinen unter dem Mikroskope ungemein schnell und lebhaft.

Fig. 205.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Spermatozoën. a auf dem Rande stehend, b auf der platten Seite liegend, an letzterer in der Mitte eine kleine Vertiefung. 1200mal vergr.

In der Wirklichkeit ist die Bewegung natürlich nur eine langsame, denn jede Bewegung erscheint durch starke Objective gesteigert. Beim Absterben legt sich der fadenartige Schwanz meist ösenförmig oder spiralig an den ovalen Körper.

Fig. 206.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Flimmerzellen verschiedener Form. Vergr.

Die Zoospermien sind keine Thiere, wie man sonst wegen ihrer lebhaften Bewegungen glaubte, sondern sie sind analoge Gebilde wie die Flimmerzellen der Schleimhäute und entstehen jedenfalls aus den Kernen jener eigenthümlichen Bildungszellen, welche während der Geschlechtsreife durch Umwandlung des Drüsenepithelium der Samenkanälchen gebildet werden. Wie die Flimmerzellen eine lebendige Bewegung der Fäden und Härchen (Flimmerbewegung, Wimperbewegung) unter dem Mikroskope erkennen lassen, so auch die Samenfäden. Die Bewegung wird durch sehr verdünnte Aetzkalilauge oder verdünnte Zuckerlösung gesteigert, eine kürzlich zur Ruhe gekommene dadurch oft wieder erweckt.

Im frischen Sperma findet man ferner vereinzelte, hyaline, farblose, kugelförmige, mattgranulirte Körper, Spermakörperchen genannt.

Fig. 207.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Spermakörperchen. Vergr.

Die Aufsuchung der Spermatozoën in Flecken der Wäsche geschieht in der Art, dass man ein kleines Stückchen des Zeuges ausschneidet, in einem Uhrglase mit mehreren Tropfen Wasser aufweicht und nach 1 bis 2 Stunden mit einem Glasstabe sanft hin und her bewegt. Von dem Wasser bringt man dann ein Tröpfchen auf das Objectglas, ebenso auch einen Tropfen von der aus dem Zeuge gedrückten Flüssigkeit. Bei Untersuchung älterer Flecke schneidet man ein Stück des mit dem Fleck bedeckten Gewebes aus und theilt es mit der Scheere in drei Theile. Den Theil a weicht man, je nach dem Alter des Fleckes 1–3 Stunden in kaltem Wasser ein, den Theil b dagegen in verdünnter wässriger Pikrinsäurelösung und den Theil c zuerst in Pikrinsäurelösung und nach Verlauf einer halben Stunde in kaltem reinem Wasser. Von jedem dieser Theile des befleckten Gewebes trennt man behutsam einzelne Fädchen und mustert diese unter dem Objectiv bei circa 300-, 500-, 800-maliger Vergrösserung. Durch die Pikrinsäure wird das Samenfädchen gelb gefärbt, auch der Samenschleim, nicht aber die Leinenfaser, von welcher adhärirende Pikrinsäure sich durch Wasser beseitigen lässt. Die von einem Gewebe gesammelten Spermatozoën haben meist ihre Schwänze verloren und ist dann die Identität des schwanzlosen Spermakörperchens festzustellen. Eine Verwechselung mit Cercomonadenkörperchen wäre möglich.

Fig. 208.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Durch vorsichtige Waschung der einen Tag alten Flecke in einem Hemde einer gewaltsam Deflorirten Gesammeltes circa 400fach vergr. h Schamhaare b Blutkörperchen, s Schleimkörperchen, e Eiterzellen, p Pflasterepithelialzellen, l Leinenfaser.

Cercomonaden, geschwänzte Monaden, finden sich in thierischen Absonderungen. Die Intestinal-Schwanzmonade des Menschen (Cercomonas intestinalis) ist von verschiedener Grösse und körperlicher Ausbildung. Die Länge ihres Körpers ohne Schwanz schwankt zwischen 0,005 bis 0,01 mm. Die Bewegungen dieser Gebilde sind sehr lebendige und schnelle in bogig gekrümmten Touren. Sie finden sich in den schleimigen und flüssigen Dejecten des Darmkanals bei Diarrhöe, Cholera etc.

Fig. 209.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Cercomonas intestinalis. 500–600fache Vergrösserung.

Fig. 210.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Trichomonas vaginalis. 500–600fache Vergrösserung.

Vaginal-Monade (Trichomonas vaginalis) ein in dem Vaginalschleime häufig vorkommendes Gebilde, welches von einigen für eine Art Flimmerzelle gehalten wird. Sie ist von verschiedener Grösse, an dem einen Ende ihres Körpers mit 1–2–3 peitschenförmigen, sehr beweglichen Anhängen versehen. Der am andern Ende befindliche Ansatz bildet einen unbeweglichen Fortsatz des Körpers. Letzterer hat eine Länge von 0,008–0,018 mm.

Parasiten des thierischen Körpers.

Haarsackmilbe (Demodex folliculorum) (Fig. 210), eine Milbe niederer Ordnung und Parasit (Epizoë) der menschlichen Haut, 1842 von Simon entdeckt. Streicht man mit einem stumpfen Messer aus Holz oder Knochen unter mässigem Drucke über die Haut an Nase, Stirn, Wangen, Brust etc., so drückt man dabei aus den Ausführungsgängen der Talgdrüsen jene Milbe heraus, die auch in den Haarbälgen (zwischen Haarschaft und Wurzelscheide) wohnt. Das auf die angegebene Weise zusammengeschabte wird mit etwas Wasser auf das Objectglas gebracht. Diese Milbe ist 1/6 bis 1/4 mm lang, borsten- und haarlos und hat einen kleinen Saugrüssel mit zwei unter diesen befindlichen Haftzangen. Das jüngere Thier hat 2 Paar, das ältere 4 Paar stummelförmige Beine. Diese Parasiten sitzen im Innern der Talgdrüsen und Haarbälge mit dem Kopf nach innen, mit dem Hintertheile nach aussen. In ihrem Wohnsitze legen sie auch ihre Eier. Sie sind gemeiniglich ein Bild vom Ernährungszustande des Menschen, auf welchem sie leben, denn sie sind dick und rund bei gesunden wohlgenährten, und schmal und mager bei mageren Menschen.

Fig. 211.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Haarsackmilbe, 120mal vergr.

Im Uebrigen sind sie ohne Nachtheil.

Die Krätzmilbe, Sarcoptes hominis, Sarcoptes scabiei, hat einen breiten, länglich runden, 1/3 bis 1/2 mm langen, mit Haaren und Borsten besetzten Körper. Sie ist die Milbe, welche die Symptome der Krätze verursacht und nicht mit der Haarsackmilbe zu verwechseln.

Diese Milbe bohrt sich 3–4 mm tief in schiefer Richtung in die Haut und legt im Grunde dieser Höhlung ihre Eier. In Folge des dadurch verursachten Reizes entzündet sich der Eingang dieser Höhlung und es entsteht eine Pustel (Krätzpustel) und eine Entzündung der Haut. Daher das Hautjucken Krätzkranker. Die Heilung kann auch nur durch Tödtung der Milbe und ihrer Eier erreicht werden. In neuerer Zeit hat man den Perubalsam und Storax als vorzügliches Krätzmittel erkannt.

Fig. 212.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Krätzmilbe bei circa 150facher Vergrösserung.

Trichinen. Die Trichine, Trichina spiralis, ein lebendig gebärender Rundwurm mit Gehirn und vollkommenem Verdauungsapparat, ein Eingeweidewurm warmblütiger Thiere. Vor circa 30 Jahren zuerst von einem englischen Arzte Hilton entdeckt, ist die Natur dieses Thieres seit den letzten 15 Jahren sorgfältig studirt worden, seit welcher Zeit die Gesundheitsschädlichkeit des Genusses trichinigen Fleisches erkannt wurde.

Fig. 213.

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Fleischfasern mit wandernden Trichinen und einer sich einkapselnden Trichine. f Fettbläschen, p Miescher’sche Körperchen.

Lebenslauf und Entwickelung der Trichine im lebenden Thierkörper sind folgender Art: die mit dem Fleische genossenen Muskeltrichinen verbleiben im Darmkanal und bilden sich daselbst in wenigen Tagen zu geschlechtsreifen Trichinen, Darmtrichinen, aus, es findet die Begattung zwischen männlichen und weiblichen Trichinen statt, in 7 bis 10 Tagen erzeugen die Weibchen lebendige Junge (Embryonen), welche in die Muskeln überwandern, daselbst wachsen, sich nach längerer Zeit dort spiralig einrollen und innerhalb der Fleischfaser einkapseln. Mit der Zeit verkreidet sich die Kapselhülle und die Muskeltrichine verharrt in dieser Lage (also ohne sich zu vermehren), so lange bis sie durch Zufall in die Verdauungswege eines anderen Thieres gelangt, wo sie sich in dem Darmkanale zur Darmtrichine ausbildet. Nachdem die Darmtrichine ihre Brut, die sie aus vielen hunderten Eiern erzeugt, abgesetzt hat, geht sie unter.

Die weibliche Darmtrichine hat eine Länge von 1 bis 3 mm, die männliche von 0,8 bis 1,5 mm, die Embryonen von 0,08 bis 0,13 mm, die Muskeltrichine von 0,7 bis 1 mm.

Die Wanderung der Embryonen in die Muskeln, mag sie auf dem Wege der Blut- und Lymphgefässe oder durch Durchbohrung der Darmwände geschehen, ist eine unausgesetzte, bis ein Hinderniss entgegensteht. Ein solches Hinderniss bilden die sehnigen Ansätze der Muskeln, durch welche diese an die Knochen angeheftet sind. Hier kommen die wandernden Trichinen meist zur Ruhe und lagern sich zur Einkapselung. Um die sehnigen Ansätze herum findet man daher die meisten Trichinen.

Fig. 214.Fig. 215.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen
Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Weibliche Trichine, 200mal vergr. Haken am After der männlichen Trichine.

Die Darmtrichinen sind meist gestreckt, nach dem Kopfende zu (k, siehe vorstehende Fig. 213) bedeutend dünner, mit etwas spitz zulaufendem Kopfe; nach dem Hinterende (a) nehmen sie an Dicke zu, mit stumpf abgerundeter Endigung. Die Männchen haben am Hinterende 2 Haken oder Zapfen (Fig. 214) neben der Oeffnung der Kloake. Die äussere Decke des Wurmkörpers besteht aus einer sehr durchsichtigen glatten feinen strukturlosen Haut (Chitinhaut), mit nichts besetzt und nur sehr leicht geringelt. Unter dieser Decke liegt der Hautschlauch, aus einer sehr dünnen muskulösen Haut bestehend, auf deren innerer Seite eine dichte Schicht fein gekörnter rundlicher Zellen als Auskleidung der Körperhöhle befindlich ist. In der Länge des Hautschlauches verläuft ein aus Zellen zusammengefügtes Band, welches sich vom Kopfende nach dem Hinterende und von hier auf der anderen Seite nach dem Kopfende zurück erstreckt. Im Innern des vorderen oder dünneren Theiles des Körpers liegt der Munddarm, welcher sich nach hinten allmählich erweitert und bei stärkerer Verdickung der Wandung deutliche Zellen zeigt. Am Uebergange dieses Theiles in den zweiten Theil des Körpers erblickt man um das Darmrohr eine dunkle mit Kernkörperchen gefüllte Masse, die sich weiterhin in den Darm fortsetzt, welcher am hinteren Ende endlich seinen Ausgang hat. Mit der zunehmenden Dicke des Wurmes nehmen die Darmzellen an Grösse zu und liegen dicht an der Wandung des Hautschlauches. Der hintere Theil des Körpers enthält ausserdem die Zeugungsapparate. Bei dem Weibchen erstreckt sich der Geburtsweg bis innerhalb des ersten Drittels der Körperlänge und hat hier, also am Vordertheile des Körpers, seitlich seinen Ausgang.

Fig. 216.

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Eingekapselte Trichine.

Die Kapsel oder Cyste der Muskeltrichine (Fig. 215) hat eine ovale Form. In ihrem weiteren Theile liegt die Trichine spiralig eingerollt. Unter dem Mikroskop erscheint die Kapsel, wenn ihre Verkreidung noch nicht vorgeschritten ist, hell und durchsichtig, und man kann darin den Wurm deutlich sehen. An jedem Ende des Ovals findet sich ein stumpfer, etwas dunklerer Ansatz, so dass die Kapsel mit den Umrissen eines menschlichen Auges Aehnlichkeit hat. Hat die Ablagerung von Knochenerde an der Kapselhülle zugenommen, so erscheint die Kapsel unter dem Mikroskop bei durchfallendem Lichte dunkel und sie ist nicht mehr durchsichtig. Häufig sind dann die Ansätze der Kapsel von kleinen Fettzellchen umlagert. Legt man ein dünnes Stück Fleisch mit verkreideten Kapseln in mässig verdünnte Essigsäure oder Salzsäure, so erfolgt die Lösung der Kalkschale und die Kapsel wird wieder durchsichtig.

Fig. 217.

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Fleischfaser mit älteren und jüngeren Trichineneinkapselungen.

Die Trichine könnte mit blossen Augen sicher erkannt werden, wäre sie nicht zu durchsichtig. Die verkreideten Kapseln lassen sich bei auffallendem Lichte, weil sie weisslich sind, mit blossen Augen erkennen.

Von den Muskeln, welche die Trichinen vorzugsweise aufsuchen, sind zu nennen: das Zwerchfell, die Augenmuskeln, die Nackenmuskeln, die Muskeln der Bauchwand, die Muskeln des Hintertheils. Proben aus diesen Theilen, besonders aus der Gegend der Sehnenanheftung entnommen, also mit fünf Fleischproben, kann der mikroskopischen Fleischschau genügt werden.

Von jeder Probe nimmt man zwei, höchstens drei feine Scheibchen nach der Länge der Fleischfaser, mit der krummen Scheere abgeschnitten und mittelst der Präparirnadeln zerzasert, legt sie in mässiger Distanz nebeneinander auf ein starkes, farbloses Objectglas und giebt, wäre das Fleisch nicht frisch und saftig, einen Tropfen Wasser darauf. Auf das sorgsam ausgebreitete Object legt man ein Deckglas (ein zweites dünnes Objectglas) und drückt beide Gläser so gegeneinander, dass die Fleischscheibchen zu einer sehr dünnen, durchsichtigen Schicht ausgedehnt werden. Bedient man sich hier eines Compressoriums, besonders aber des Hager’schen Compressor-Mikroskops, so ist man der äusserst lästigen Mühe des anhaltenden Pressens der Objectgläser mit den Fingern enthoben.

Die Beschauung wird bei 30- bis höchstens 60facher Vergrösserung vorgenommen. Freie Trichinen oder in der noch durchsichtigen Kapsel befindliche Trichinen werden hierbei sofort erkannt werden, theils im Fleische, theils in der um das Object befindlichen Flüssigkeit, welche beim Drücken des Fleisches gewöhnlich ausfliesst. Verkreidete Kapseln erscheinen als dunkle undurchsichtige Körper. In diesem Falle zerzasert man das Object mit den Präparirnadeln, giebt einen Tropfen Essigsäure darauf und legt es nach einigen Minuten gepresst wieder unter das Mikroskop.

Findet man eine verdächtige Wurmgestalt, so schreitet man zu einer 100- bis 200fachen Vergrösserung, um den inneren Bau des Wurmförmigen zu mustern. Letzterer ist charakteristisch genug, als dass eine Verwechselung mit wurmartig gekrümmten Fleischfasern, Miescher’schen Körperchen, oder Gespinnstfasern möglich wäre.

Fig. 218.

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Miescher’sche Schläuche und (oben rechts) der ausgedrückte körnige Inhalt derselben in den Muskelfasern, 30fach vergr.

Miescher’sche oder Rainey’sche[7] Körperchen oder Schläuche, Synchytrium Miescherianum, sind sehr häufig vorkommende, eigenthümliche Gebilde in den Muskelfasern (und auch in anderen Theilen des Thierkörpers), welche zwar grössere Conglomerate bildet als die Trichinenkapsel, aber mitunter im Umrisse eine entfernte Aehnlichkeit mit Trichinenkapseln oder Finnen haben können. Diese Gebilde gehören dem Pflanzenreiche an. Prof. Dr. Kühn glaubt sie zu den Myxomyceten (Schleimpilzen) zählen zu können. Sie sind von verschiedener Grösse und weisslicher Farbe, jedoch sehr gut mit blossen Augen zu erkennen. Damit sehr stark durchsetztes Muskelfleisch sieht graustreifig und missfarbig aus. Gemeiniglich bilden sie längliche abgerundete Schläuche aus strukturloser Membran, angefüllt mit einer körnigen Masse. Unter dem Mikroskop sind sie dunkler als die Fleischfaser. Haben sie eine elliptische Form, so können sie mit Trichinenkapseln verwechselt werden. Ein Druck auf das Deckglas genügt, diese Gebilde zu zerdrücken, wobei sich der körnige Inhalt ergiesst und das Object überschwemmt.

Fig. 219.

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Inhalt eines zerdrückten Miescher’schen Schlauches bei sehr starker Vergrösserung.

Miescher entdeckte diese Gebilde 1843 zuerst im Fleische der Mäuse. Einige Gelehrten nennen sie Psorospermienschläuche, den Inhalt Psorospermien. Die aus den Schläuchen herausgedrückten Körnchen haben bei starker Vergrösserung Formen, wie sie vorstehende Zeichnungen (ps) angeben. Der Genuss des Fleisches mit diesen Körperchen hat sich bis jetzt nicht schädlich erwiesen, der Geschmack des Fleisches ist aber nicht besonders.

Fig. 220.

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Schweinefinne (vergr.). Bandwurm- oder Finnenkopf.

Mit eingestülptem Kopf. Mit vorgestrecktem Kopf.

Fig. 221.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Hakenkranz des gewöhnlichen Bandwurmes. 50mal. Vergrösserung.

Fig. 222.

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Die im Rinde vorkommende Finne der Taenia mediocanellata. Diese Finne ist 3–5 mm lang.

Schweinefinne, Finne, Bandwurm. Die Finne der Schweine, Blasenwurm, wohnt zwischen den Muskelfasern, des Fleisches dieser Thiere und bildet mit unbewaffnetem Auge erkennbare weissliche oder halbdurchsichtige, mehr oder weniger walzenförmige, senfkorn- bis erbsengrosse Blasen innerhalb einer häutigen weissen Kapsel, welche mit dem umgebenden Fleische verwachsen ist. In dem Fleische der Schweine (zuweilen im Fleische des Rindes und anderer Thiere, auch im Fleische des Menschen) findet man die Finnen häufig in unzähliger Menge. Nimmt man die Finne aus ihrer häutigen Wohnung heraus und bringt sie in lauwarmes Wasser, so streckt sie nach und nach Kopf (Amme) und Hals aus ihrem blasenförmigen Körper (Schwanzblase) heraus. Unter dem Mikroskop findet man an dem Kopfe schon bei schwacher Vergrösserung vier wulstige, in ihrer Mitte vertiefte Erhabenheiten, Saugnäpfe, und inmitten derselben einen Hakenkranz, dessen Haken zweierlei Form und Grösse haben. Gelangt die Finne lebend in den menschlichen Magen, was beim Genusse rohen Schweine- und Rindfleisches, oder roher Wurst, oder nicht genügend gekochten Fleisches geschieht, so entwickelt sie sich hier zum Bandwurm, indem der Kopf sich an die Wandung der Verdauungswege ansaugt und festsetzt, die Blase aber abfällt und dafür sich bandförmige Glieder (Proglottiden genannt) entwickeln, deren Zahl viele Hunderte erreicht, so dass ein Bandwurm zu 3 Meter und mehr auswächst. Der Kopf des gewöhnlichen Bandwurmes (Taenia solium) hat eine Breite von circa 1 mm, der darauf folgende ungegliederte Hals eine Länge von 10 bis 15 mm, die folgenden Proglottiden oder Glieder eine Länge von 0,1–13,0 mm, und zwar sind sie um so weniger lang, je näher sie dem Kopfe liegen. Die Breite der Glieder steht in einem gleichen Verhältnisse und beträgt 1,3–6,3 mm. Inmitten der Gliederkette läuft der Fruchtbehälter, welcher in den untersten und letzten Gliedern die Eierbildung besorgt. Diese Glieder erlangen einen gewissen Grad der Reife und trennen sich gefüllt mit Eiern von selbst ab, um mit dem Darminhalte zugleich nach aussen entleert zu werden. Die reifen Glieder entleeren ihre Eier durch eine besondere, an dem Seitenrande liegende Mündung. Das Bandwurmei, 0,02–0,03 mm im Durchmesser, erscheint unter dem Mikroskop als ein braunes, kugelig ovales Körperchen. Gelangen diese Eier in den Magen oder Darmkanal des Schweines, des Menschen oder eines anderen Thieres, so entwickeln sie sich hier schnell und die Embryonen entschlüpfen ihrer Schale in Form kleiner wasserheller Bläschen, an denen sich 4–6 paarweise geordnete Häkchen entwickeln und welche nach allen Gegenden des Körpers wandern, um sich an irgend einer Stelle als Finne (Cysticercus) auszubilden. Im Schweine findet der Embryo den zusagendsten Vegetationsboden. Vorstehende Notizen gelten vom Kürbiskernbandwurm, Taenia solium. Bei anderen Bandwurmarten findet sich ein ähnlicher Generationswechsel und Entwickelungsverlauf. Bei Untersuchung eines Bandwurmes auf Anwesenheit des Kopfendes und des Fleisches auf Gehalt an Finnen genügt einfach die Loupe, zur Erkennung der Eier eine 50fache Vergrösserung.

Fig. 223.

Illustration from Das Mikroskop und seine Anwendung Ein Leitfaden bei mikroskopischen Untersuchungen

Taenia solium. k Kopf von der Seite gesehen (stark vergr.). g eine Proglottide mit Uterus und Geschlechtsöffnung (vergr.), e ein Ei der Taenia solium mit Schale, äusserer Gallerthülle und Dotterkern. (Stark vergrössert.)

Notes in this chapter

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