Ankauf und Prüfung eines Mikroskops.
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Wer sich ein Mikroskop anschaffen will und davon keine Kenntniss hat, möge sich einem Kenner oder einem renommirten Mikroskopenverfertiger anvertrauen und diesen mit den Arbeiten, welche er mit dem Mikroskop vorzunehmen gedenkt, sowie auch mit dem dafür verwendbaren Geldquantum bekannt machen. Wer genöthigt ist, viel mit dem Mikroskop zu arbeiten, soll nie das billige Instrument kaufen, denn er zersplittert damit das Geld, welches er später dennoch für ein gutes Mikroskop verwenden muss[3]. Demjenigen, welcher ein Mikroskop selbst kaufen will und keine genügende Kenntniss von diesem Instrumente hat, gebe ich den Rath, sich vorher eine halbe Stunde mit einem guten und theuren Mikroskop und besonders mit den schwächeren Vergrösserungen desselben zu beschäftigen, um dann sich aus den billigen Mikroskopen das ihm am besten scheinende herauszusuchen. Optiker, welche selbst Mikroskope bauen, haben gewisse Nummern für ihre Instrumente, die sie möglichst genau arbeiten und über deren Leistungen sie Rechenschaft geben können.
Das gute Instrument soll man nie bei einem unbekannten Optiker, der keine Mikroskope baut, suchen, überhaupt lege man kein Gewicht auf marktschreierische Anpreisungen, sie mögen herkommen, von wo sie wollen, denn die Optiker, welche nur gute Mikroskope aus der Hand geben, haben sich bis jetzt jeder Marktschreierei sorgsam enthalten.
Für den gewöhnlichen Gebrauch und für gröbere Untersuchungsobjecte, wie Trichinen, Durchschnitte von Pflanzentheilen etc., mögen die kleinen, fabrikmässig construirten Mikroskope (sogenannte Dutzendmikroskope) ausreichen, wenn sie achromatisch sind, niemals aber sind diese Instrumente zum Studium und zur Prüfung feinerer und zarter Objecte, wie sie in forensischen Fällen vorkommen, verwendbar. Objective für mehr als 300malige Vergrösserungen sind hier gemeiniglich nur lockende, aber völlig werthlose Zugaben. Der Nichtkenner lässt sich nämlich leicht durch die hohe Zahl der Vergrösserung, welche das Instrument bieten soll, zum Kauf verleiten, es liegt jedoch nicht der Werth in dieser Zahl, sondern in der Schärfe und Deutlichkeit des Bildes, welches es hervorbringt. Ein Mikroskop mit einer 200mal vergrössernden Kraft bietet oft mehr als ein anderes mit 600maliger Vergrösserung. Was nützt ein stark vergrössertes Bild, was die feineren Details oder die wesentlichen Merkmale eines Objects undeutlich entwickelt? Dagegen ist ein scharfes Bild der kleineren Vergrösserung weit unterrichtender. Für Aerzte, Apotheker, Thierärzte, Schullehrer, Botaniker genügen 40- bis 350fache Linearvergrösserungen mit scharfen Bildern in allen ihnen etwa vorkommenden Fällen. Ist an dem Mikroskop die Vorrichtung zur schiefen Beleuchtung angebracht, so ist es um so brauchbarer. Der Naturforscher gebraucht natürlich häufig sehr hohe Vergrösserungen, dazu Mikrometer, Nicol’sche Prismen, Zeichnenprisma und anderes Beiwerk, welches Alles für Nichtnaturforscher meist entbehrlich ist.
Ob ein Mikroskop scharfe Bilder liefert, lässt sich am besten durch Vergleich mit einem guten Mikroskope erkennen. Die auflösende oder resolvirende (penetrirende) Kraft oder das optische Vermögen[4] eines Mikroskops wird durch gewisse Probeobjecte (Testobjecte) geprüft. Seit den letzten 20 Jahren sind die Mikroskope so vervollkommnet worden, dass die früheren gebräuchlichen Probeobjecte jetzt nicht mehr gelten. Dagegen ist der Satz stehen geblieben:
„Je schwächer die Vergrösserung eines Probeobjectes zu sein braucht, um dessen feinere Details erkennen zu lassen, um so besser ist das Mikroskop.“
Unkundige pflegen, wenn sie sich nach der Güte eines Mikroskops erkundigen, nur zu fragen: wie hoch seine vergrössernde Kraft gehe. Dies ist leicht erklärlich, weil sie glauben, dass man die winzigen Objecte nur bei sehr starker Vergrösserung erkennen könne, und sie von der optischen Construction und der Bestimmung eines Mikroskopes eine unvollkommene oder unrichtige Vorstellung haben. Würde man ihnen zwei Mikroskope, ein solches mit geringen Vergrösserungen und sehr scharfen Bildern und ein solches mit sehr starken Vergrösserungen zur Disposition stellen, sie würden sehr bald das letztere bei Seite werfen. Durch die in neuerer Zeit vorgeschrittenen Verbesserungen der Aberrationen und die grösseren Oeffnungen der Objective haben unsere jetzigen Mikroskope die älteren durchweg überflügelt, so dass ältere zu 300 Rmk. den neueren zu 100 bis 120 Rmk. kaum gleich kommen.
Wie man weiss, tragen die Flügel der Schmetterlinge und die Haut vieler anderer Insekten kleine Schüppchen. Auf den Schüppchen der Schmetterlinge sieht man bei einer gewissen Vergrösserung Längsstreifen und bei einer gewissen noch stärkeren Vergrösserung auch Querstreifen, welche die Längsstreifen verbinden, und wenn die Vergrösserung zu einem hohen Grade gebracht wird, so lösen sich bei einigen Schmetterlingsschuppen diese Längs- und Querstreifen in Kügelchen auf, welche in geordneten Reihen stehen.
Fig. 40.

a Schuppe von Hipparchia Janira, 60mal vergrössert, b ein Theil derselben bei 200mal. Vergröss., c die Querstreifung bei 600mal. Vergrösserung.
Fig. 41.

a Pleurosigma angulatum, b die Felder desselben bei 300facher Vergr., c dieselben bei sehr starker Vergrösserung.
Gewöhnlich legt der Optikus seinem Mikroskope mittleren Werthes die Schuppen der Hipparchia Janira als Probeobject bei, und er beweist die Güte des Mikroskops damit, wenn die Längsstreifen bei einer 60- bis 80fachen Vergrösserung, bei einer 180- bis 200maligen Vergrösserung auch die Querstreifen entwickelt werden. Für die grösseren Mikroskope wählt man jetzt häufig Diatomeen, unter denen Pleurosigma angulatum und Navicula Hippocampus angulata schwer zu entwickeln sind. Anfangs erscheint die Schale glatt und ohne Zeichnung, bei starker Vergrösserung (300- bis 350facher) und schiefer Beleuchtung werden quer und theils schiefe, sich kreuzende Linien sichtbar, welche bei der stärksten Vergrösserung und schiefer Beleuchtung sich zu zusammenhängenden 6eckigen Feldern mit heller Umwallung auflösen. Das schwierigste Probeobject bietet Surirella Gemma. Diese Diatomee bildet eine elliptische Scheibe mit gröberen sichtbaren parallelen Querleisten, welche von einem in der Mitte liegenden Kiele ausgehend in die Peripherie verlaufen. Zwischen diesen Querleisten, und zwar diesen parallel, erblickt man bei stärkerer Vergrösserung feine Linien. Vermag das Mikroskop endlich die diese feinen Querlinien wellig durchschneidenden Längslinien zu entwickeln, so dass sich gleichsam ein Korbgeflecht dem Auge darbietet, dann kann man in der That mit der Leistung des Mikroskops zufrieden sein. Aehnlich steht es mit einem anderen Probeobject, der Grammatophora subtilissima, an deren Kieselpanzer bei schiefer Beleuchtung sich Querlinien entwickeln lassen.
Fig. 42.

Surirella Gemma, circa 400mal vergrössert.
Fig. 43.

Ein Theil der Surirella Gemma bei 1000–1200facher Vergrösserung.