Wanderschaft
Reading edition
Es war ein Sonntag. Wir kehrten im Hecht ein und blieben da den ganzen Tag. Alles gaffte mich an, als wenn sie nie einen jungen Tockenburger oder Appenzeller gesehen hätten, der in die Fremde ging, nicht wußte wohin, noch viel minder warum. An allen Tischen hört' ich viel von Wohlleben und lustigen Tagen reden. Man setzte uns wacker zu trinken vor. Ich war des Weins nicht gewohnt und darum bald aufgeräumt und recht guter Dingen.
Nachtwanderung
Wir machten uns erst bei anbrechender Nacht wieder auf den Weg. Ein fuchsroter Herisauer, und, wie Laurenz, ein Müller, war unser Gefährte. Es ging auf Gossau und Flohweil zu. An letzterm Ort kamen wir bei einem Schopf vorbei, wo etliche Mädel beim Licht Flachs schwungen. »Laßt mich einmal,« sagt' ich, »ich muß die Dinger sehn, ob keine meinem Schatz gleiche?« Damit setzt' ich mich unter sie hin und spaßte ein wenig mit ihnen. Aber da war wenig zu vergleichen. Indessen musterten mich meine Führer fort, sagten, ich werde derlei Zeug noch genug bekommen, und machten allerlei schmutzige Anmerkungen, daß ich rot bis über die Ohren ward. Dann kamen wir auf Rickenbach, Frauenfeld, Nünforn. Hier überfiel mich mit eins eine entsetzliche Mattigkeit. Es war, des Marschierens und Trinkens nicht einmal zu gedenken, das erstemal in meinem Leben, daß ich zwo Nächte nacheinander nicht geschlafen hatte. Allein die Kerls wollten nichts vom Rasten hören, pressierten gewaltig auf Schaffhausen zu, und gaben mir endlich, da ich schwur, ich könnte keinen Schritt weiter, ein Pferd. Das gefiel mir nicht unfein. Unterwegs ging's an ein Predigen, wie ich mich in Schaffhausen verhalten, hübsch grad strecken und frisch antworten sollte. Dann flismeten[40] sie zwei miteinander, doch mit Fleiß so, daß ich's hören mußte, von galanten Herren, die sie kennten, deren Diener es so gut hätten als die Größten im Tockenburg. »Sonderlich,« sagte Laurenz, »kenn' ich einen Deutschländer, der sich dort inkognito aufhält, gar ein vornehmer Herr von Adel, der allerlei Bediente braucht, wo's der geringste besser hat als ein Landamman.« »Ach!« sagt' ich, »wenn ich nur nicht zu ungeschickt wäre, mit solchen Herren zu reden!« — »Nur gradzu gered't, wie's kömmt,« sagten sie, »so haben's dergleichen vornehme Leut' am liebsten.«
In Schaffhausen
Preußische Werbeoffiziere
Wir kamen noch bei guter Zeit in Schaffhausen an und kehrten beim Schiff ein. Als ich vom Pferd eher fiel als stieg, war ich halb lahm und stund da wie ein Hosendämpfer. Da ging's von Seite meiner Führer an ein Mustern, das mich bald wild machte, da ich nicht begreifen konnte, was endlich draus werden sollte. Als wir die Stiege hinaufkamen, hießen sie mich ein wenig auf der Laube warten, traten in die Stube und riefen mich nach wenigen Minuten hinein. Da sah ich einen großen hübschen Mann, der mich freundlich anlächelte. Sofort hieß man mich die Schuh' ausziehn, stellte mich an eine Säul' unter ein Maß und betrachtete mich vom Kopf bis zu'n Füßen. Dann red'ten sie etwas Heimliches miteinander; und hier stieg mir armen Bürschchen der erste Verdacht auf, die zwei Kerls möchten's nicht zum besten mit mir meinen. Dieser Argwohn verstärkte sich, als ich deutlich die Worte vernahm: »Hier wird nichts draus, wir müssen weiter gehn.« »Heut' setz' ich keinen Fuß mehr aus diesem Haus,« sagt' ich zu mir selber; »ich hab' noch Geld!« Meine Führer gingen hinaus. Ich saß am Tische. Der Herr spazierte das Zimmer auf und ab und guckte mich unterweilen an. Neben mir schnarchte ein großer Bengel auf der Bank, der wahrscheinlich im Rausch in die Hosen geschwitzt, daß es kaum zu erleiden war. Als der Herr während der Zeit einmal aus der Stube ging, nahm ich die Gelegenheit wahr, die Wirtsjungfer zu fragen, wer denn wohl dieser Bursche sein möchte. »Ein Lumpenkerl,« sagte sie. »Erst heute hat ihn der Herr zum Bedienten angenommen, und schon sauft der H. sich blindstern voll und macht e'n Gestank, puh!« — »Ha!« sagt' ich, eben als der Herr wieder hereintrat, »so ein Bedienter könnt' ich auch werden.« Dies hört' er, wandte sich gegen mich und sprach: »Hätt'st du zu so was Lust?« »Nachdem es ist,« antwortet' ich. »Alle Tag neun Batzen,« fuhr er fort, »und Kleider so viel du nötig hast.« »Und was dafür tun?« versetzt' ich. Er: Mich bedienen. Ich: Ja! wenn ich's könnte. Er: Will dich's schon lehren. Pursch, du gefällst mir. Wir wollen's vierzehn Tag probieren. Ich: Es bleibt dabei. Damit war der Markt richtig. Ich mußt' ihm meinen Namen sagen. Er ließ mir Essen und Trinken vorsetzen und tat allerlei gutmütige Fragen an mich. Unterdessen waren meine Gefährten, wie ich nachwärts erfuhr, zu ein paar andern preußischen Werbeoffizieren gegangen, deren sich damals fünf auf einmal in Schaffhausen befanden, und machten bei ihrer Zurückkunft große Augen, als sie mich so draufloszechen sahen. »Was ist das?« sagte Laurenz. »Geschwind, komm! Jetzt haben wir dir einen Herrn gefunden.« »Ich hab' schon einen,« antwortet' ich. Und Er: »Wie, was? ohne Umständ« und wollten schon Gewalt brauchen. »Das geht nicht an, ihr Leute!« sagte mein Herr. »Der Bursch' soll bei mir bleiben!« »Das soll er nicht,« versetzte Laurenz. »Er ist uns von seinen Eltern anvertraut.« »Lirum! Larum!« erwiderte der Herr. »Er hat zu mir gedungen, und damit auf und Holla!« Nach einem ziemlich heftigen Wortwechsel gingen sie miteinander in ein Nebenkabinett, wo Laurenz und der Herisauer, wie ich im Verfolg hörte, sich mit drei Dukaten abspeisen ließen, von denen einer meinem Vater werden sollte, den er aber nie ansichtig ward. Damit brachen sie ganz zornig auf, ohne nur mit einem Wort von mir Abschied zu nehmen. Anfangs sollen sie bis auf zwanzig Louisdor für mich gefordert haben.
Als Bedienter
Den folgenden Tag ließ mein Herr einen Schneider kommen und mir das Maß von einer Montierung nehmen. Alle andern Beitaten folgten in kurzem. Da stand ich gestiefelt und gespornt, funkelnagelneu vom Scheitel bis an die Sohlen. Ein hübscher bordierter Hut, samtne Halsbinde, ein grüner Frack, weißtüchene Weste und Hosen, neue Stiefel, nebst zwei paar Schuhen: alles so nett angepaßt. — Sackerlot! Da bildet' ich mir kein kaltes Kraut ein. Mein Herr reizte mich noch dazu, nur ein wenig stolz zu tun. »Ollrich!« sagte er: »Wenn du die Stadt auf- und abgehst, mußt du hübsch gravitätisch marschieren, den Kopf recht in die Höhe, den Hut ein wenig auf's eine Ohr.« Mit eigner Hand gürtete er mir einen Pallasch an die Seite. Als ich so das erstenmal über die Straße ging, war's mir, als ob ganz Schaffhausen mein wäre. Auch rückte alles den Hut vor mir. Die Leut' im Haus begegneten mir wie einem Herrn. Wir hatten in unserm Gasthof hübsch möblierte Zimmer, und ich selber ein ganz artiges. Ich sah aus meinem Fenster alle Stunden des Tags das frohe Gewimmel der durchs Schifftor aus- und eingehenden Menschen, Pferde, Wagen, Kutschen und Chaisen, und, was mir nicht wenig schmeichelte, man sah und bemerkte auch mich. Mein Herr, der mir bald so gut war, als ob ich sein eigner Sohn wäre, lehrte mich frisieren, frisierte mich anfangs selbst und flocht mir einen tüchtigen Haarzopf. Ich hatte nichts zu tun, als ihm bei Tisch zu servieren, seine Kleider auszuklopfen, mit ihm spazieren zu fahren, auf die Vögeljagd zu gehn und dergleichen. Ha! das war ein Leben für mich. Die meiste Zeit durft' ich vollends allein wandeln, wohin es mir beliebte. Alle Tag' ging ich bald durch alle Gassen in dem hübschen Schaffhausen; denn außer Lichtensteig hatt' ich bisher noch keine Stadt gesehn, und kein größer Wasser als die Thur. Ich spazierte also bald alle Abend an den Rhein hinaus und konnte mich an diesem mächtigen Fluß kaum satt sehn. Als ich den Sturz bei Laufen das erstemal sah und hörte, ward mir's braun und blau vor den Augen. Ich hatte mir's, wie so viele, ganz anders, aber so furchtbar majestätisch nie eingebildet. Was ich mir da für ein klein winziges Ding schien! Nach einem stundenlangen Anstaunen kehrt' ich ordentlich wie beschämt nach Haus. Bisweilen ging's auf den Bonenberg, der schönen Aussicht wegen. An der Lände half ich den Schiffleuten, und fuhr bald selbst mit Pläsier hin und her.
Unerwarteter Besuch
So stund's, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel durch meine wackern Begleiter, das Gerücht in meine Heimat kam, man hätte mich aufs Meer verkauft; namentlich sollte dies ein Mann ausgesagt haben, der mich mit eignen Augen anschmieden und den Rhein hinunterführen gesehn. Schon stellte man mich allen Kindern zum Exempel vor, daß sie fein bei Haus bleiben und sich nicht in die böse Welt wagen sollten. Zwar glaubte mein Vater kein Wort hievon; weil aber die Mutter so grämlich tat, ihm Vorwürf' über Vorwürfe machte und Tag und Nacht keine Ruhe ließ, entschloß er sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren und sich selbst nach dem Grund oder Ungrund dieser Märe zu erkundigen. Also an einem Abend, welche Freude für uns beide, als mein innigstgeliebter Vater so ganz unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, in meine Kammer trat! Er erzählte mir, was ihn hergeführt, und ich ihm, wie glücklich ich sei. Ich zeigte ihm meinen Kasten, die scharmanten Kleider darin, alles Stück für Stück bis auf die Hemdknöpflin, und stellte ihn meinem guten Herrn vor, der ihn freundlich bewillkommte und bestens zu traktieren befahl. — Nun aber traf's sich, daß man gerade den Abend nach dem Nachtessen in unserm Gasthof tanzte, und mein Herr als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten sich solches auch schmecken ließ, so wie mein Vater und ich uns am Tischchen in einem Winkel der großen Gaststube unsern Braten. Ganz unversehens kam er auf mich zu: »Ollrich! komm, mußt auch eins mit den jungen Leuten da tanzen.« Vergebens entschuldigt' ich mich und bezeugte auch mein Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt hätte. Da half alles nichts. Er riß mich hinterm Tisch hervor und gab mir die Köchin im Haus, ein artiges Schwabenmeitlin, an die Hand. Der Schweiß tropfte mir von der Stirn vor Scham, daß ich in Gegenwart meines Vaters tanzen sollte. Das Mädchen inzwischen riß mich so vertummelt herum, daß ich in kurzem sinnlos von einer Wand zu der andern platschte, und damit allen Zuschauern zum Spektakel ward. Mein lieber Ätti red'te zwar bei dieser ganzen Szene kein Wort; aber von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen wehmütigen Blick, der mir durch die Seele ging. Wir legten uns noch zeitig genug zu Bette. Ich ward nicht müde, ihm nochmals eine ganze Predigt zu machen, wie wohl ich mich befinde, was ich für einen gütigen Herrn habe, wie freundlich und väterlich er mir begegne und so fort. Er gab mir nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja, so, es ist gut, und schlief, so wie ich nicht minder, ziemlich unruhig ein. Des Morgens nahm er Abschied, sobald mein Herr erwacht war. Derselbe zahlte ihm die Reisekosten, gab ihm noch einen Taler auf den Weg, und versicherte ihn hoch und teuer, ich sollt' es gewiß gut bei ihm haben und wohl versorgt sein, wenn ich mich weiter treu und redlich betragen würde. Mein redlicher Vater, der nun schon wieder Mut und Zutrauen faßte, dankte höflich und empfahl mich aufs beste. Ich gab ihm das Geleit bis zum Kloster Paradies. Auf der Straße sprachen wir so herzlich miteinander, als es seit jener Krankheit in meiner Jugend nie geschehen. Er gab mir vortreffliche Erinnerungen: »Vergiß deine Pflichten, deine Eltern und deine Heimat nicht, so wird dich Gottes Vaterhand gewiß auf gute Wege leiten, welche freilich weder ich noch du voraussehn.« Beim Abschied zerdrückten wir uns fast. Ich konnte vor Schluchzen kaum ein: Behüte, behüte Gott! herstammeln, und dachte immer: Ach! könnt' ich doch mein gegenwärtiges Glück ungetrennt von meinem guten Ätti genießen, jeden Bissen mit ihm teilen, und dergleichen.
Der Dienst
Johann Markoni
Meines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne mein Wissen, etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie und da im Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern preußischen Werboffizier sein Bedienter mit dem Schelmen davonging und ihm über achtzig Gulden enttrug, sagte mein Herr zu mir: »Willst du mir's auch einmal so machen, Ollrich?« Ich versetzte lachend: Wenn er mir so etwas zutraue, soll er mich lieber fortjagen. Ich hatte aber wirklich sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir den ganzen Winter durch die Schlüssel zu seiner Stube und Kammer ließ, wenn er etwa ohne Bedienten kleine Touren machte. Hinwieder ehrte und liebte ich ihn wie einen Vater. Aber er war auch freundlich und gütig danach. Nur zu viel konnt' ich spazieren und müßig gehn, und fuhr ich, besonders im Herbst, oft über Rhein auf Feuerthalen, denn die alte Brücke war kurz vorher eingefallen, und die neue erst akkordiert, in die Weinlese. Dort half ich dem jungen Volke Trauben essen, bis ans Halszäpflin. Einmal bei einer solchen Überfahrt sagte mir jemand: »Nun, wie geht's Ulrich? Weißt du auch, daß dein Herr ein preußischer Offizier ist?« Ich: »Ja! meinetwegen, er ist ein herzguter Herr.« »Ja, ja!« sagte jener, »wart' nur, bis d'enmal in Preußen bist, da mußt Soldat sein und dir den Buckel braun und blau gerben lassen. Um tausend Taler möcht' ich nicht in deiner Haut stecken.« Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und dachte bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; ich ging dann geschwind nach Haus und erzählte meinem Herrn alles haarklein, worauf derselbe versetzte: »Ollrich, Ollrich! Du mußt nicht so jedem Narren und Flegel dein Ohr geben. Ja! es ist wahr, preußischer Offizier bin ich — und was ist's denn? von Geburt ein polnischer Edelmann, und damit ich dir alles auf die Nase binde, heiß' ich Johann Markoni. Bisher nanntest du mich Herr Leutnant. Aber eben dieser Grobiane wegen sollst du mich künftig Ihr Gnaden! schelten! Übrigens sei nur getrost und guten Muts, dir soll's, bei Edelmanns Parole! nie fehlen, wenn du anders ein wackrer Bursche bleibst. Soldat solltest werden? Nein, bei meiner Seel' nicht! Ich konnt' dich ja haben, um ein paar schlichte Louisdor wollten deine beiden saubern Landsleut' dich verkaufen. Aber du warst mir dazu etwas zu kurz; von deiner Länge nimmt man noch keinen an, und ich behielt dir was Besseres vor.« Nun, dacht' ich, bin ich Leibs und Guts sicher. Ha, der gute Herr! Er hätt' mich können haben. Die Schurken! Ja wohl, mich verkaufen? Der Henker lohn's ihnen! Aber komm' mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde stopfen. Was für ein vornehmer Herr muß nicht Markoni sein, und dabei so gut! Kurz, ich glaubte ihm von nun an alles wie ein Evangelium.
Oh, die Mütter
Markoni machte bald hernach eine Reise nach Rottweil am Neckar, zwölf Stunden von Schaffhausen. Ich mußte mit, und zwar in der Chaise. In meinem Leben war ich in keinem solchen Ding gesessen. Der Kutscher sprengte die Stadt hinauf bis ans Schwabentor, daß es donnerte. Ich meinte alle Augenblick', es müsse umschlagen, und wollte mich an allen Wänden halten. Markoni lachte sich die Haut voll: »Du fällst nicht, Ollrich! Nur hübsch gerade!« Ich war's bald gewohnt, und das Fuhrwerk, sowie überhaupt die ganze Tour machte mir viel Vergnügen. Indessen begegnete mir während der Zeit ein fataler Streich. Meine Mutter war wenige Tage nach unserer Abreise gen Schaffhausen gekommen, und mußte, da ihr der Wirt nicht sagen konnte, wenn wir zurückkämen, noch welchen Weg wir genommen, wieder nach Haus kehren, ohne ihr liebes Kind gesehen zu haben. Sie hatte mir mein Neues Testament und etliche Hemden gebracht, und dem Wirt befohlen, mir's nachzuschicken, falls ich nicht wieder auf Schaffhausen käme. Oh, die gute Mutter! Es war eine kleine Buße für ihren Unglauben, sie wollte dem Vater nicht trauen, daß er mich angetroffen, sondern mit eignen Augen sehen und erst dann glauben. Ganz trostlos, unter tausend Tränen soll sie wieder von Schaffhausen heimgegangen sein. Dies schrieb mir auf ihr Ansuchen bald darauf Herr Schulmeister Am Bühl zu Wattweil, mit dem Beifügen, sie lasse mir, da sie keine Hoffnung habe, mich jemals wieder zu sehen, hiemit ihr letztes Lebewohl sagen, und gebe mir ihren Segen. Es war ein sehr schöner Brief, er rührte mich innig. Unter anderm stand auch darin: Als das Gerücht in meine Heimat gekommen, ich müsse über Meer, hätten meine jungen Schwesterchen all ihr armes Gewändlin dahingeben wollen, mich loszukaufen, die Mutter desgleichen. Damals waren ihrer neun Geschwisterte bei Hause. Man sollte denken, das wären ihrer genug. Aber eine rechte Mutter will keins verlieren, denn keins ist das andre. Wirklich war sie drei Wochen vorher noch im Kindbett gelegen und kaum aufgestanden, als sie meinetwegen auf Schaffhausen kam. Oh, die Mütter, die Mütter!
Hin und her
Leben in Rottweil
Da wir uns einstweilig in Rottweil im Gasthof zur Armbrust niederließen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen, wo er wäre, damit, wenn seine Wachtmeister Rekruten machten, man ihm solche nachschicken könnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das Geschenk meiner Mutter, das Schreiben des Herrn Am Bühl, und — ich sprang hochauf! — eines von Ännchen beigebogen; dieses letztre offen, denn es sollte ein Zürchgulden zum Grüßchen drinstecken, und der war fort. Was schierte mich das? Die süßen Fuchswörtlin in dem Briefchen entschädigten mich reichlich. Meiner unverschobnen ausführlichen Antworten auf diese Zuschriften will ich nicht gedenken. Die an Ännchen zumal war lang wie ein Nestelwurm. — Diesmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rottweil, gingen wieder nach dem lieben Schaffhausen zurück, und machten von Zeit zu Zeit kleine Touren auf Dießenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld u. s. f. Alle Wochen kamen Säumer aus dem Tockenburg herunter. Schon als Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald ich nur die Schellen ihrer Tiere hörte. Jetzt machte ich nähere Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwister mit, erhielt aber keine Antwort. Ich wußte nicht, wo es fehlte. Das drittemal bat ich einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er guckte das Päckchen an, runzelte die Stirn und wollte weder ja noch nein sagen. Ich gab ihm einen Batzen. »So, so,« sprach jetzt mein Herr Landsmann, »das Ding soll richtig bestellt werden.« Und wirklich bekam ich bald ordentliche Empfangscheine. Meine ältern Briefe und schweren Sachen hingegen waren natürlich nach Holland geschwommen.
In Schaffhausen lagen damals fünf preußische Werboffiziers in verschiedenen Wirtshäusern. Alle Tag traktierte einer die andern. So kam's auch jeden fünften Tag an uns. Das kostete jedesmal einen Louisdor, dafür gab's freilich Burgunder und Champagner gnug zu trinken. Aber bald hernach wurde ihnen ihr Handwerk gelegt, wie die Sag' ging, weil ein junger Schaffhauser, der in Preußen seine Jahre ausgedient, keinen Abschied kriegen konnte. Kurz, sie mußten alle fort, und neue Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute gemacht, drei einzige Erzschurken ausgenommen, die sich, Verbrechen wegen, auf flüchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach Rottweil. Hier kriegten wir in etlichen Wochen vollends einen einzigen Kerl, einen Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm polnisch parlieren konnte. Sonst war's in Rottweil ein lustig Leben. Besonders gingen wir oft mit einem andern Werboffizier, nebst unserm braven Wirt und etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs Jagen. Im Hornung 1756 machten wir eine Reise nach Straßburg. Auf dem Weg nahmen wir zu Haßlach im Kinzingertal unser Schlafquartier. In derselben Nacht war das entsetzliche Erdbeben, welches man durch ganz Europa verspürte. Ich empfand nichts davon, denn ich hatte mich tags vorher auf einem Karrngaul todmüd geritten. Am Morgen aber sah' ich alle Gassen voll Schornsteine, und im nächsten Wald war die Straße mit umgeworfenen Bäumen in die Kreuz und Quer so verhackt, daß wir mehrmals Umwege nehmen mußten. In Straßburg mußt' ich Maul' und Augen aufsperren, denn da sah' ich erstens: die erste, große Stadt; zweitens: die erste Festung; drittens: die erste Garnison; und viertens: am dortigen Münster das erste Kirchengebäud', bei dessen Anblick ich nicht lächeln mußte, wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht Tag' zu dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch diesmal gastfrei und zahlte mir gleich meinen Sold. Da hätt' ich Geld machen können wie Heu, wär' ich nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst hielt nicht viel besser Haus. Bei unsrer Rückkehr hatten wir zu Rottweil alle Tage Ball, bald in diesem, bald in jenem Wirtshause. Fast alle Hochzeiten richtete man, Markoni zu Gefallen, in dem unsrigen an. Der beschenkte alle Bräute, und trillerte dann eins mit ihnen herum. Auch für mich war dies ein ganzes Fressen. Zwar hatt' ich mir's fest vorgenommen, meinem Ännchen treu zu bleiben, und hielt wirklich mein Wort, gleichwohl aber macht' ich mir kein Gewissen daraus, hie und da mit einem hübschen Kind zu schäkern, wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten. Mein Herr war vollends ein Liebhaber des schönen Geschlechts bis zum Entsetzen, und im Notfall jede Köchin ihm gut genug. Mich bewahre Gott davor, dacht' ich oft, so ein armes bisher ehrliches Mädchen zu besudeln, dann heut oder morgen wegzureisen und es sitzen zu lassen. Eine von den beiden Köchinnen im Wirtshause, Mariane, dauerte mich innig. Sie liebte mich heftig, gab und tat mir, was sie mir an den Augen ansah. Ich hingegen bezeigte mich immer schnurrig, sie ließ sich's aber nicht anfechten, und blieb gegen mich stets dieselbe. Schön war sie nicht, aber herzlich gut. Die andre Köchin, Hanne, machte mir schon mehr Anfechtungen. Diese war zierlich hübsch, und ich, vermutlich darum, eine Zeitlang sterblich verliebt in sie. Hätt' sie meine Aufwart williger angenommen, wär' ich wirklich an ihr zum Narren worden. Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stund. Ich merkte, daß sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schlich. Damit tat sie mir einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß, zweitens stand nun mein Herr nicht mehr so früh als gewöhnlich auf, also konnt' auch ich hinwieder um so viel länger schlafen. Bisweilen kam er schon gestiefelt und gespornt auf meine Kammer und traf mich noch im Bett' an, ohne mir Vorwürf' zu machen, denn er merkte, daß ich wußte, wo die Katz' im Stroh lag. Nichtsdestoweniger warnte er mich, nach solcher Herren Weise, vor seinen eignen Sünden mit großem Ernst. »Ollrich!« hieß es da, »hörst, mußt dich mit den Mädels nicht zu weit einlassen, du könnt'st die schwere Not kriegen!« Übrigens hatt' ich's in allen Dingen bei und mit ihm wie von Anfang, viel Wohlleben für wenig Geschäfte, und meist einen Patron wie die liebe Stunde, zwei einzige Mal ausgenommen, einmal, da ich den Schlüssel zum Halsband seines Pudels nicht auf der Stell' finden konnte, das andre Mal, da ich einen Spiegel sollte zerbrochen haben. Beidemal war ich unschuldig. Aber das hätt' mir wenig geholfen, sondern nur durch demütiges Schweigen entging ich der zumal des Schlüssels wegen schon über mir gezogenen Fuchtel. Derlei Geschichtchen, kurz, alles, was mir Süßes oder Saures widerfuhr, meine Liebesmücken ausgenommen, schrieb ich fleißig nach Haus, und predigte bei solchen Anlässen meinen Geschwistern ganze Litaneien voll, wie sie Vater, Mutter und andern Vorgesetzten ja nie widerbelfern, sondern, auch wo sie Unrecht zu leiden vermeinen, sich hübsch gewöhnen sollten, das Maul zu halten, damit sie's nicht von fremden Leuten erst zu spät lernen müßten. Alle meine Briefe ließ ich meinem Herrn lesen, nicht selten klopfte er mir während der Lektur auf die Schulter! Bravo, Bravo! sagte er dann, verpitschierte sie mit seinem Siegel, und hielt mich in Ansehung aller an mich eingehenden Depeschen portofrei.
Mir ist so wohl beim Zurückdenken an diese glücklichen Tage! Heute noch schreib' ich mit innigem Vergnügen davon, und ich bin jetzt noch so wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich, so geneigt, mich über alles zu rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum tat und ließ. Freilich vor dir nicht, Allwissender! Aber vor Menschen darf ich's sagen: Damals war ich ein guter Bursch' ohne Falsch, vielleicht für die arge Welt nur zu redlich. Harmlos und unbekümmert bracht' ich meine Tage hin, heut' wie gestern, und morgen wie heute. Kein Gedanke stieg in mir auf, daß es mir jemals anders als gut gehen könnte. In allen Briefen schrieb ich meinen Eltern, sie sollten zwar für mich beten, aber nicht für mich sorgen, der Himmel und mein guter Herr sorgten schon für mich. Man glaube mir's oder nicht, der einzige Kummer, der mich bisweilen anfocht, war dieser: Es dürft' mir noch zu wohl werden, und dann möcht' ich Gottes vergessen. Aber nein! beruhigte ich mich bald wieder, das werd' ich nie: War er's nicht, der mir, durch Mittel, die nur seine Weisheit zum besten lenken konnte, zu meinem jetzigen erwünschten Los half? Mein erster Schritt in die Welt geriet unter seiner leitenden Fürsorge so gut; warum sollten die folgenden nicht noch besser gelingen? Auf irgendeinem Fleck der Erde werd' ich vollends mein Glück bau'n. Dann hol' ich Ännchen, meine Eltern und Geschwister zu mir, und mache sie des gleichen Wohlstands teilhaft. Durch welche Wege? fragt' ich mich nie, und hätt' ich daran gedacht, so wär's mir nicht schwer gewesen, drauf zu antworten, denn damals war mir alles leicht. Zudem kam mein Herr tagtäglich mit allerlei Exempeln von Bauern, die zu Herren worden, und andern Fortunaskindern angestochen. Der Herren, die zu Bettlern worden, tat er keine Meldung. Er versprach auch, an meinem ferneren Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbeiten. Was hätt' ich weiter befürchten sollen, oder vielmehr, was nicht alles hoffen dürfen? Von einem Herrn wie Markoni, einem so großen Herrn, dacht' ich Esel, dem zweit- oder drittnächsten vielleicht auf den König, der Länder und Städte, geschweige Gelds zu vergeben hat, soviel er will. Aus seiner jetzigen Güte zu schließen, was wird er erst für mich in der Zukunft tun? Oder warum sollt' er auf mich groben, ungeschliffenen Flegel jetzt schon so viel wenden, wenn er nicht große Dinge mit mir im Sinn hätte? Konnt' er mich nicht, gleich andern Rekruten, geradezu nach Berlin transportieren lassen, wenn er je im Sinn hätte, mich zum Soldaten zu machen, wie mir's ehemals ein paar böse Mäuler aufbinden wollten? Nein! Das wird in Ewigkeit nicht gescheh'n, darauf will ich leben und sterben. So dacht' ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen je Zeit zu denken hatte. Gesund war ich wie ein Fisch. Das Traktement konnt' ich nach meinem Geschmack wählen, und Mariane ließ mir's an guten Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd förderten die Dauung; denn ohne das hätt's mir freilich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald hie bald da, alle Edelleut' in der Runde. Ich mußte überall mit; und es tat mir in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er ordentlich Hoffart mit mir trieb. Sonst waren solche Ausritte zu diesen meist armen Schmalzgrafen seinem Geldbeutel wenig nutz. Dann kostete ihn das Tarockspiel mit Pfaffen und Laien auch schöne Batzen. Einst mußt' ich darum die Karten vor seinen Augen in kleine Stück zerreißen und dem Vulkan zum Opfer bringen, aber morgens drauf ihm schon wieder neue holen. Ein andermal hatt' er auch eine ziemliche Summ' verloren, und kam abends um neun Uhr mit einem tüchtigen Räuschchen verdrießlich nach Haus. »Ollrich!« sagte er, »geh', schaff mir Spielleut', es koste, was es will.« »Ja, Ihr Gnaden!« antwortet ich, »wenn ich dergleichen wüßte; und dann ist's schon so spät und stockfinster.« »Fort, Racker!« fuhr er fort, »oder —« und machte ein fürchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich packen, stolperte im Dunkeln durch alle Straßen, und spitzte die Ohren, ob ich nirgends eine Geige höre? Als ich endlich zu oberst im Städtchen an die Müller- und Bäckerherberg' kam, merkt' ich, daß es da etwas Herumspringens absetzen wollte. Ich schlich mich hinauf und ließ einen Spielmann herausrufen. Die Bursch' in der Stube schmeckten den Braten; ein paar von ihnen kamen ihm auf dem Fuß nach, und husch! mit Fäusten über mich her. Dem Wirt hatt' ich's zu danken, daß sie mich nicht fast zu Tod geschlagen. Der Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt, sie wollten bald aufwarten. Jetzt aber zweifelt' ich, ob er mir Wort halten könnte. Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus kam, mit den Worten ins Zimmer zu treten: »Ihr Gnaden! innert einer Viertelstund' werden sie da sein!« — Die Furcht vor neuen Prügeln, eh' noch die alten versaust wären, verführte mich zu diesem Wagestück. Aber nun stand ich Höllenangst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus übel ärger gemacht. Mittlerweile erzählt' ich Markoni, was ich seinetwegen gelitten, um per Avanzo sein Mitleid rege zu machen, wenn der Guß fehlen sollte. Die tausendslieben Leute kamen, eh' wir's uns versahen. Unser Wirt hatte inzwischen etliche lustige Brüder und ein paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandierte Markoni Essen und Trinken, was Küche und Keller vermochten, warf den Musikanten zum voraus einen Dukaten hin, und tanzte eine Menuett und einen Polnischen. Bald aber fing er auf seinem Stuhl an zu schnarchen; dann erwacht' er wieder, und rief: »Ollrich! mir ist's so hundsföttisch!« Ich mußt' ihn also zu Bett bringen. Im Augenblick schlief er ein wie ein Stock. Das war uns übrigen recht gekocht. Wir machten uns lustig wie die Vögel im Hanfe; alles so durcheinander, Herren und Dienstboten. Es währte bis morgens um vier Uhr. Mein Herr erwachte um fünf. Seine ersten Worte waren: »Ollrich! Sein Tage trau' Er keinem Menschen; 's ist alles falsch wie'n Teufel. Wenn der Kujon von R*** kömmt, so sag' Er, ich sei nicht zu Hause.«
Adieu Rottweil!
Dieser von R*** war einer von Markonis faulen Debitoren, wie er deren viel hatte. Nun fürchtete er zwar nicht, daß derselbe ihm Geld bringen, aber wohl, daß er noch mehr bei ihm holen möchte; denn mein Herr konnte keinem Menschen etwas abschlagen. Indessen wollt' er mich von Zeit zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen Schulden wieder einzutreiben; dazu aber taugt' ich in Grundsboden nicht: die Kerls gaben mir gute Wort'; und ich ging zufrieden nach Haus. Aber länger mocht' eine solche Wirtschaft nicht dauern. Dazu kam, daß Markoni am End' das ärgste befürchten mußte, wenn er bedachte, wie wenig Bursche er für so viel Geldverzehrens seinem König geliefert hatte; denn der Große Friedrich, wußt' er wohl, war zugleich der genaueste Rechenmeister seiner Zeit. Er strengte darum mich, unsern Wirt, und alle seine Bekannten an, uns doch umzusehn, ob wir ihm nicht noch ein paar Kerls ins Garn bringen könnten? Aber alles vergebens. Auch die beiden Wachtmeister Hevel und Krüger langten um die gleiche Zeit ebenfalls mit leeren Händen wieder zu Rottweil an. Nun mußten wir uns sämtlich reisefertig machen. Vorher aber gab's noch ein paar lustige Tägel. Hevel war ein Virtuos' auf der Guitarr, Krüger eine gute Violine; beide feine Herren, solang sie auf der Werbung lagen, beim Regiment aber magere Korporals. Ein dritter endlich, Labrot, ein großer, handfester Kerl, ließ ebenfalls seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als Werber geschoren trug. Diese drei Bursche belustigten noch zu guter Letzt ganz Rottweil mit ihren Sprüngen. Es war eben Fastnacht, wo die sogenannte Narrenzunft, ein ordentliches Institut dieser Stadt, bei welchem über zweihundert Personen von allen Ständen eingeschrieben sind, ohnehin ihre Gaukeleien machte, die meinem Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe Zeit, den Fleck zu räumen. Jetzt ging's an ein Abschiednehmen. Mariane flocht mir einen zierlichen Strauß von kostbaren künstlichen Blumen, den sie mir mit Tränen gab, und den ich ebensowenig mit trockenem Aug' abnehmen konnte. Und nun ade! Rottweil, liebes friedsames Städtchen! liebe, tolerante, katholische Herren und Bürger! Wie war's mir so tausendswohl bei euerm vertrauten, brüderlichen Zechen! Ade! ihr wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirtshaus so gern von ihren Geschäften plaudern hörte, und so vergnügt auf ihren Eseln heimreiten sah! Wie trefflich schmeckten mir oft Milch und Eier in euern Strohhütten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schönen Fluren, wo Markoni so viel Dutzend singende Lerchen aus der Luft schoß, die mich in die Seele dauerten! Wie entzückt war ich, so oft mein Herr mir's vergönnte, in euern topfebenen Wäldern, an des Neckars reizenden Ufern, auf und nieder zu schlendern, wo ich ihm Hasen ausspähen sollte, aber lieber die Vögel behorchte, und das Schwirren des Wests in den Wipfeln der Tannen! Und nirgends war's so lustig als um Hefendorf, und dann bei dem auf einem schauerlich schönen Felsenberg gelegenen Schlosse Rotenstein, welches der dasselbe fast rund umrauschende Neckar zu einer höchst romantischen Halbinsel macht. — Nochmal also ade! Rottweil, wertes, teures Nestchen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich hab' seit der Zeit so viel Städte gesehn, zehnmal größer, und zwanzigmal saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner Kleinheit, und mit allen deinen Miststöcken, warst du mir zehn- und zwanzigmal lieber als sie! Ade, Marianchen! Tausend Dank für deine innige, und doch so unverdiente Liebe zu mir! Ade! Sebastian Zipfel, lieber, guter Armbrustwirt! und deine zarte Mühle desgleichen! Lebt alle, alle wohl!
Reise nach Berlin
Den fünfzehnten März 1756 reisten wir in Gottes Namen, Wachtmeister Hevel, Krüger, Labrot, ich und Kaminski, mit Sack und Pack, und, den letztern ausgenommen, alle mit Unter- und Übergewehr, von Rottweil ab. Marianchen nähte mir den Strauß aufn Hut und schluchzte; ich drückte ihr einen Neunbätzner in die Hand und konnt's auch kaum vor Wehmut. Denn so entschlossen ich zu dieser Reis war, und so wenig Arges ich vermutete, fiel's mir doch ungewohnt schwer auf die Brust, ohne daß ich eigentlich wußte, warum? War's Rottweil oder Marianchen, oder daß ich ohne meinen Herrn reisen sollte, oder die immer weitere Entfernung vom Vaterland und Ännchen? — Ich hatte allen zu Hause mein letztes Lebewohl geschrieben. Markoni gab mir zwanzig Gulden auf den Weg; was ich mehr brauche, sagte er, werde mir Hevel schießen. Dann klopfte er mir auf die Schulter: »Gott bewahre dich, mein Sohn, mein lieber, lieber Ollrich, auf allen deinen Wegen! In Berlin sehn wir uns bald wieder.« Dies sprach er sehr wehmütig; denn er hatte gewiß ein weiches Herz. Unsre erste Tagreise ging sieben Stunden weit, bis ins Städtchen Ebingen, meist über schlechte Wege durch Kot und Schnee. Die zweite bis auf Obermarkt neun Stunden. Auf der erstgenannten Station logierten wir beim Reh; auf der zweiten weiß ich selbst nicht mehr, was es für ein Tier war. An beiden Orten gab's nur kalte Küche und ein Gesöff ohne Namen. Den dritten Abend bis Ulm wieder neun Stunden. Diesen Tag fing ich an, die Beschwerlichkeiten der Reise zu fühlen; schon hatt' ich Schwielen an den Füßen, und war mir's sonst sterbensübel. Im Städtchen Egna setzten wir uns ein Stück Wegs auf einen Bauernwagen, da denn das gewaltige Schütteln dieses Fuhrwerks, zumal bei mir, seine gewohnte, herzbrechende Wirkung tat. Als wir unweit Ulm abstiegen, ward's mir schwarz und blau vor den Augen. Ich sank zu Boden. »Um Gottes Barmherzigkeit willen,« sagt' ich, »weiter kann ich nicht; lieber laßt mich auf der Gasse liegen.« Ein barmherziger Samariter lud mich endlich auf seine nackte Mähre, auf der ich mich vollends bis ins Städtchen so lahm ritt, daß ich weder mehr stehen noch gehen konnte. Zu Ulm logierten wir beim Adler und hatten dort unsern ersten Rasttag. Meine Kameraden besorgten da ihre alten Herzensangelegenheiten. Ich legte mich auf die faule Haut. Nur sah ich an diesem Ort einen Leichenzug, der mir sehr wohl gefiel. Das Weibsvolk ging ganz weiß bis auf die Füße. Den fünften Tag marschierten wir bis Gengen sieben Stunden. Den sechsten auf Nördlingen, wieder sieben Stunden, und hielten da den zweiten Rasttag. Hevel hatte dort beim Wilden Mann ein lieb's Liesel. Sie spielte artig die Guitarr, er sang Lieder dazu. Sonst weiß ich von diesem und so vielen andern Orten, wo wir durchkamen, nichts zu erzählen. Meist erst nachts langten wir müd' und schläfrig an, und morgens früh mußten wir wieder fort. Wer wollte da etwas recht sehen und beobachten können? Ach Gott! dacht' ich oft, wenn ich nur einmal an Ort und Stell' wäre, mein Lebtag wollt' ich nicht mehr eine so lange Reise antreten. Kaminski war, wie ich schon einmal angedeutet, ein lustiger Polack, ein Mann wie ein Baum, ein paar Beine wie zwei Säulen, und lief wie ein Elefant. Labrot hatte auch seinen tüchtigen Schritt. Krüger, Hevel und ich hingegen schonten ihrer Füße, und bald alle sechs Tage mußte man uns flicken oder versohlen. Am achten Tage ging's nach Gunzenhausen, acht Stunden. Gegen Mittag sahen wir Hevels Lieschen über ein Feld dahertrippeln. Das arme Ding rannte ihm durch andere Wege bis hierher nach, und wollte sich nicht abweisen lassen, ihn wenigstens bis auf unsere Station zu begleiten. Von hier gingen wir über Nürnberg, Bayreuth und Hof weiter und erreichten in sechs Tagen Schleiz, wo wir endlich wieder Rasttag hielten. Von Gunzenhausen an hatten wir in keinen Betten gelegen, sondern wenn's gut ging, auf elendem Stroh. Und überhaupt, obschon wir viel Geld verzehrten, war's ein miserabel Leben, meist schlecht Wetter, und oft abscheuliche Wege. Krüger und Labrot fluchten und pestierten den ganzen Tag; Hevel hingegen war ein feiner, sittlicher Mann, der uns immer Geduld und Mut einsprach. Den neunzehnten Tag gelangten wir über die Elbe bis auf Halle. Als wir den breiten Strom passiert hatten, bezeugten die Sergeanten große Freude, denn nun betraten wir Brandenburger Boden. Zu Halle logierten wir bei Hevels Bruder, einem Geistlichen, der aber nichts desto minder den ganzen Abend mit uns spielte und haselierte,[41] so daß ich glaube, sein Bruder Sergeant war frommer als er. Inzwischen war mein Geld alle geworden, und Hevel mußte mir noch zehn Gulden herschießen. Den zwanzigsten bis vierundzwanzigsten Tag ging's über Zerbst, Dessau, Spandau und Charlottenburg in vierundvierzig Stunden nach Berlin. An den letztern Orten zumal wimmelte es von Militär aller Gattungen und Farben, so daß ich mich nicht satt gucken konnte, die Türme von Berlin zeigte man uns schon, eh' wir nach Spandau kamen. Ich dachte, wir hätten's in einer Stunde erreicht, wie erstaunt' ich darum, als es hieß, wir gelangten erst morgen hin. Und nun, wie war ich so herzlich froh, als wir endlich die große herrliche Stadt erreicht. Wir gingen zum Spandauertor ein, dann durch die melancholisch angenehme Lindenstraße, und noch ein paar Gassen durch. Da, dacht' ich Einfaltspinsel, bringt man dich dein Lebtag nicht mehr weg, da wirst du dir dein Glück bauen, dann schickst du einen Kerl mit Briefen ins Tockenburg, der muß dir deine Eltern und Ännchen zurückbringen, die werden die Augen aufsperren. Nun bat ich meine Führer, sie sollten mich zu meinem Herrn führen. »Ei!« erwiderte Krüger, »wir wissen ja nicht, ob er schon angelangt ist, und noch viel minder, wo er Quartier nimmt!« »Der Henker!« sagt' ich, »hat er denn kein eigen Haus hier?« Über diese Frage lachten sie sich die Haut voll. Mögen sie immer lachen, dacht' ich, Markoni wird doch, will's Gott! ein eigen Haus haben.
In Berlin
Es war den achten April, als wir zu Berlin einmarschierten und ich vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr, schon acht Tage vor uns angelangt war. Labrot, denn die anderen verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte, wo sie hinkamen, transportierte mich in die Krausenstraße, in Friedrichsstadt, wies mir ein Quartier an und verließ mich kurz mit den Worten: »Da, Mußier, bleib' Er, bis auf fernere Order!« Der Henker! dacht' ich, was soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus! Wie ich so staunte, kam ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit auf seine Stube, wo sich schon zwei andre Martissöhne befanden. Nun ging's an ein Wundern und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch konnt' ich ihre Sprache nicht recht verstehen. Ich antwortete kurz, ich komme aus der Schweiz, und sei Sr. Exzellenz des Herrn Leutnant Markoni Lakai, die Sergeanten hätten mich hierher gewiesen, ich möchte aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, daß ich hätte weinen mögen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß mit wenigem Appetit. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein müsse. Es war ein Feldweibel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, die er über den Tisch ausspreitete, legte ein Sechsgroschenstück dazu und sagte: »Das ist für dich, mein Sohn! Gleich werd' ich dir noch ein Kommißbrot bringen.« »Was? für mich?« versetzt' ich, »von wem, wozu?« »Ei, deine Montierung und Traktement, Bursche! Was gilt's da Fragens? Bist ja ein Rekrute.« »Wie, was? Rekrute?« erwidert' ich! »Behüte Gott! da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein, in meinem Leben nicht. Markonis Bedienter bin ich. So hab' ich gedungen, und anders nicht. Da wird mir kein Mensch anders sagen können!« »Und ich sag' dir, du bist Soldat, Kerl! Ich steh' dir dafür. Da hilft jetzt alles nichts.« Ich: Ach! wenn nur mein Herr Markoni da wäre. Er: Den wirst du sobald nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener sein, als seines Leutnants? Damit ging er weg. »Um Gottes willen, Herr Zittemann!« fuhr ich fort, »was soll das werden?« »Nichts, Herr!« antwortete dieser, »als daß Er, wie ich und die andern Herren da, Soldat und wir folglich alle Brüder sind, und Ihm alles Widersetzen nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache führt, kreuzweis schließt, und Ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen krachen, bis Er kontent ist!« Ich: Das wär', beim Sacker! unverschämt, gottlos. Er: Glaub' Er mir's auf mein Wort, ander's ist's nicht, und geht's nicht. Ich: So will ich's dem Herrn König klagen. Hier lachten alle hoch auf. Er: Da kömmt Er sein Tage nicht hin. Ich: Oder wo muß ich mich sonst melden? Er: Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist alles umsonst. Ich: Nun so will ich's probieren, ob's so gelte? Die Bursche lachten wieder, ich aber entschloß mich wirklich, morgens zum Major zu gehn und meinem treulosen Herrn nachzufragen.
Zum Rekruten gepreßt
Sobald also der Tag an Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier zeigen. Potz Most! das dünkte mich ein königlicher Palast und der Major der König selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig großer Mann, mit einem Heldengesicht und ein paar feurigen Augen wie Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: »Herr ... Major! Ich bin ... Herr Leutnants Markonis Be ... Bedienter. Fü ... fü ... für das bi ... bi ... bin ich angewo ... worben, und sonst wei ... weiters für ni ... ni ... nichts. Si ... Si ... Sie können ihn selbst fra ... gen. I ... Ich weiß nicht wo er i ... i ... ist. Jetzt sagen's da, ich müsse So ... o ... oldat sei ... ei ... ein, ich wolle o ... der wolle nicht.« — »So!« unterbrach er mich, »so ist Er das saubre Bürschchen! Sein feiner Herr hat uns gewirtschaftet, daß es eine Lust ist, und Er wird wohl auch seinen Teil gezogen haben. Und kurz, jetzt soll Er dem König dienen, da ist's aus und vorbei.« Ich: Aber Herr Major! Er: Kein Wort, Kerl! oder die Schwernot! Ich: Aber ich hab' ja weder Kapitulation noch Handgeld! Ach! Könnt' ich doch mit meinem Herrn reden! Er: Den wird Er sobald nicht zu sehen kriegen, und Handgeld hat Er mehr gekost't als zehn andre. Sein Leutnant hat eine saubere Rechnung, und Er steht darin obenan. Eine Kapitulation soll Er haben. Ich: Aber — Er: Fort, Er ist ja ein Zwerg, daß — Ich: Ich bi ... bi ... bitte. — Er: Kanaille! scher' Er sich zum Teufel. Damit zog er die Fuchtel. Ich zum Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier, das ich vor Angst und Not kaum finden konnte. Da klagt' ich Zittemann mein Elend in den allerhöchsten Tönen. Der gute Mann sprach mir Mut ein. »Geduld, mein Sohn! Es wird schon alles besser gehn. Jetzt mußt' dich leiden, viel hundert brave Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche tun. Denn, gesetzt auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt' er dich doch unter sein Regiment abgeben, sobald es hieß: ins Feld, marsch! Aber wirklich, einstweilen würd' er kaum
Kapitulation
einen zu nähren imstande sein, da er auf der Werbung ungeheure Summen verzehrt und dafür so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich unsern Oberst und Major schon oft lamentieren gehört, man wird ihn gewiß nicht mehr so geschwind zu derlei Geschäften brauchen.« So tröstete mich Zittemann, und ich mußt's wohl annehmen, da mir kein besserer Trost übrigblieb. Nur dacht' ich dabei, die Größern richten solche Suppen an, und die Kleinern müssen sie aufessen.
Soldatenleben
Des Nachmittags brachte mir der Feldweibel mein Kommißbrot nebst Unter- und Übergewehr und fragte, ob ich mich nun eines Besseren bedacht. »Warum nicht?« antwortete Zittemann für mich, »er ist der beste Bursch' von der Welt.« Jetzt führte man mich in die Montierungskammer, paßte mir Hosen, Schuh' und Stiefeletten an und gab mir einen Hut, Halsbinde und Strümpfe. Dann mußt' ich mit noch etwa zwanzig andern Rekruten zum Herrn Oberst Latorf. Man führte uns in ein Gemach, so groß wie eine Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem, einen Zipfel anzufassen. Ein Adjutant, oder wer er war, las uns einen ganzen Sack voll Kriegsartikel her und sprach uns einige Worte vor, welche die mehrern nachmurmelten, ich regte mein Maul nicht, dachte dafür was ich gern wollte, ich glaube an Ännchen; er schwung dann die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine Garküche und ließ mir ein Mittagessen nebst einem Krug Bier geben. Dafür mußt' ich zwei Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen noch viere übrig; mit diesen sollt' ich vier Tage wirtschaften, und sie reichten doch bloß für zwei hin. Bei dieser Überrechnung fing ich gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran, einer derselben, sagte mir mit Lachen: »Es wird dich schon lehren. Jetzt tut es nichts, hast ja noch allerlei zu verkaufen! Per Exempel deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar doppelt armiert, das läßt sich alles versilbern. Auch kriegen solche junge Bursche oft noch eine Traktements-Zulage, und kannst dich deswegen beim Obrist melden.« »Oh! oh! Da geh' ich mein Tage nicht mehr hin,« sagt' ich. »Potz Velten!« antwortete Cran, »du mußt mal des Donners gewohnt werden, sei's ein wenig früher oder später. Und dann der Menage wegen nur fein aufmerksam zugesehn, wie's die andern machen. Da heben's drei, vier bis fünf miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirnen und kochen selbst. Des Morgens um e'n Dreier Fusel und e'n Stück Kommißbrot. Mittags holen sie in der Garküche um e'n andern Dreier Suppe und nehmen wieder e'n Stück Kommiß. Des Abends um zwei Pfennig Konvent oder Dünnbier und abermals Kommiß.« »Aber das ist, beim Strehl, ein verdammtes Leben,« versetzt' ich, und Er: Ja! So kommt man aus und anders nicht. Ein Soldat muß das lernen, denn es braucht noch viel andre Ware: Kreide, Puder, Schuhwachs, Öl, Schmirgel, Seife und was der hundert Siebensachen mehr sind. Ich: Und das muß einer alles von den sechs Groschen bezahlen? Er: Ja! und noch viel mehr, wie z. B. den Lohn für die Wäsche, für das Gewehrputzen und so fort, wenn Er solche Dinge nicht selber kann. Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche hatt' ich noch Vakanz. Ich ging in der Stadt herum, auf alle Exerzierplätze, sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir schon zum voraus der Angstschweiß von der Stirne troff. Ich bat daher Zittemann, mir zu Hause die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl lernen,« sagte er, »aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an. Da geht's dir wie e'n Blitz!« Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf Soldatenmanier frisieren sollte. Nach Crans Rat verkaufte ich meine Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche. Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las im Hallischen Gesangbuch, oder betete. Dann spaziert' ich etwa an die Spree und sah da hundert Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaren beschäftigen, oder auf die Zimmerplätze, da steckte wieder alles voll arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Kasernen, da fand ich überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache, so gab's deren, die spielten, soffen und haselierten; andre, welche ruhig ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten; etwa auch einer, der in einem erbaulichen Buch las und's den andern erklärte. In den Garküchen und Bierbrauereien ging's ebenso her. Kurz, in Berlin hat's unter dem Militär, wie, denk' ich freilich, in großen Staaten überall, Leute aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Religionen, von allen Charakteren, und von jedem Berufe, womit einer noch nebenzu sein Stücklein Brot gewinnen kann. Das dachte auch ich zu verdienen, wenn ich nur erst recht exerzieren könnte; etwa an der Spree? Doch nein! da lärmt's zu stark, aber z. E. auf einem Zimmerplatz, da ich mich so ziemlich auf die Art verstund. So war ich wieder fix und fertig, neue Pläne zu machen, ungeachtet ich mit meinem erstern so schändlich gescheitert. Gibt's doch hier, damit schläferte ich mich immer ein, selbst unter den gemeinen Soldaten ganze Leute, die ihre hübschen Kapitalien haben, Wirtschaft, Kaufmannschaft treiben, und anders. Aber dann erwog ich nicht, daß man vorzeiten ganz andere Handgelder gekriegt als heutzutag oder dergleichen Bursche bisweilen ein Namhaftes mochten erheiratet haben, besonders aber, daß sie ganz gewiß mit dem Schilling gut hausgehalten, und nur darum den Gulden gewinnen konnten; ich hingegen weder mit dem Schilling noch mit dem Gulden umzugehen wisse. Und endlich, wenn alles fehlen sollte, fand ich auch einen elenden Trost in dem Gedanken: Geht's einmal zu Felde, so schont das Blei jene Glückskinder so wenig, als dich armen Hudler! — Also bist du so gut wie sie.
Soldatendressur
Wiedersehen mit Markoni
Die zweite Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente Itzenblitz, die beiden erstern vollends unter der nämlichen Kompagnie Lüderitz befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase, Mengke mit Namen, marschieren lernen. Den Kerl mocht' ich für den Tod nicht vertragen; wenn er mich gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein Tage nichts begreifen können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem gleichen Platz manöverierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und nahm mich unter sein Peloton.[42] Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt kapiert' ich in einer Stund' mehr als sonst in zehn Tagen. Von diesem guten Manne vernahm ich auch bald, wo Markoni wohne; aber, bat er um Gottes willen, ich solle ihn nicht verraten. Des folgenden Tags, sobald das Exerzitium vorbei war, flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel verdeutet hatte, und murmelte immer vor mich her: »Ja, ja, Markoni! wart' nur, ich will dir deinen an mir verübten Lumpenstreich, deine verfluchte Verräterei so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen soll! Nun weiß ich schon, daß du hier nur Leutnant und nirgends Ihr Gnaden bist!« — Bei geringer Nachfrage fand ich das mir benannte Haus. Es war eins von den geringsten in ganz Berlin. Ich pochte an; ein kleines, magres, fuchsrotes Bürschchen öffnete mir die Tür und führte mich eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. Sobald er mich erblickte, kam er auf mich zu, drückte mir die Hand, und sprach zu mir mit einem Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen Grimm entwaffnete und mir die Tränen in die Augen trieb: »Ollrich! mein Ollrich! mach' mir keine Vorwürf'. Du warst mir lieb, bist's noch, und wirst's immer bleiben. Aber ich mußte nach meinen Umständen handeln. Gib dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem Herrn.« — »Ja, Ihr Gnaden« — — »Nichts Gnaden!« sagte er: »Beim Regiment heißt es nur: ›Herr Leutnant!‹« Jetzt klagt' ich ihm, nach aller Ausführlichkeit, meine gegenwärtige große Not. Er bezeugte mir sein ganzes Mitleid. »Aber,« fuhr er fort, »hast ja noch allerlei Sachen, die du versilbern kannst, wie z. E. die Flinte von mir, die Reisemütze, die dir Leutnant Hofmann in Offenburg verehrt, und dergleichen. Bring sie nur mir, ich zahl' dir dafür, so viel sie je wert sind. Dann könntst du dich, wie andre Rekruten, um Gehaltserhöhung beim Major« — »Potz Wetter!« fiel ich ein. »Nein, den sah ich einmal und nimmermehr!« Drauf erzählt' ich ihm, wie dieser Sir mir begegnet sei. »Ha!« versetzte er, »die Lümmels meinen, man könn' auf Werbung von Luft leben und Kerle im Strick fangen.« »Ja!« sagt' ich, »hätt' ich's gewußt, wollt' ich mir wenigstens in Rottweil auch einen Notpfennig erspart haben.« »Alles hat seine Zeit, Ollrich!« erwiderte er, »halt' dich nur brav! Wenn einmal die Exerzitien vorbei sind, kannst du was verdienen. Und wer weiß, vielleicht geht's bald ins Feld, und dann« — Weiter sagte er nichts; ich merkte aber, was er damit wollte, und ging vergnügt, als ob ich mit meinem Vater geredet hätte, nach Haus. Nach etlichen Tagen trug ich Flinte, Pallasch und die samtene Mütze wirklich zu ihm hin; er zahlte mir etwas weniges dafür, aber von Markoni war ich alles zufrieden. Bald darauf verkauft' ich auch meinen Tressenhut, den grünen Frack, so wie alles Übrige, und ließ mir nichts mangeln, so lang ich was anzugreifen hatte. Schärer war ebenso arm als ich, allein er bekam ein paar Groschen Zulage und doppelte Portion Brot. Der Major hielt ein gut Stück mehr auf ihn als auf mich. Indessen waren wir Herzensbrüder, solang einer was zu brechen hatte, konnte der andre mitbeißen. Bachmann hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl und harmonierte nie mit uns; doch schien immer die Stunde ein Tag lang, wo wir nicht beisammen sein konnten. Gästli mußten wir in schlechten Häusern suchen, wenn wir ihn haben wollten; er kam bald hernach ins Lazarett. Ich und Schärer waren auch darin völlig gleichgesinnt, daß uns das Berliner Weibsvolk ekelhaft und abscheulich vorkam. Ich wollt' für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit einem Finger berührt haben. Sobald das Exerzieren vorbei war, flogen wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruhiner- oder Gottwitzerbier, schmauchten ein Pfeifchen, und trillerten ein Schweizerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen. Meist bestand der Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage nimmt man mit noch weniger vorlieb.
Spaziergänge in Berlin
Vom Desertieren
Exerzierübungen
Schmale Kost
Heimweh
Der Gefangene
Berlin ist der größte Ort in der Welt, den ich gesehen; und doch bin ich bei weitem nie ganz darin herumgekommen. Wir drei Schweizer machten zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrach's uns an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von Strapazen so marode, daß wir uns lieber der Länge nach hinlegten.
Von der Stadt Berlin sagen zwar viele, sie bestehe aus sieben Städten; unsereinem hat man aber nur drei genannt: Berlin, Neustadt und Friedrichsstadt. Alle drei sind in der Bauart verschieden. In Berlin oder Cölln, wie man auch sagt, sind die Häuser so hoch wie in den Reichsstädten; aber die Gassen nicht so breit wie in Neu- und Friedrichsstadt, wo die Häuser wieder niedriger, aber egaler gebaut sind. Da sehen auch die kleinsten, oft von sehr armen Leuten bewohnt, wenigstens sauber und nett aus. An vielen Orten gibt es ungeheuer große, leere Plätze, die teils zum Exerzieren und zur Parade, teils zu gar nichts gebraucht werden; ferner Äcker, Gärten, Alleen, alles in die Stadt eingeschlossen. Vorzüglich oft gingen wir auf die lange Brücke, auf deren Mitte ein alter Markgraf von Brandenburg,[43] zu Pferd in Lebensgröße, von Erz gegossen steht, und etliche Enakssöhne mit krausen Haaren zu seinen Füßen gefesselt sitzen, dann der Spree nach, auf den Weidendamm, wo's gar lustig ist, dann ins Lazarett, um das traurigste Spektakel unter der Sonne zu sehn, bei dem einen, der nicht gar unsinnig ist, die Lust an Ausschweifungen bald vergehen muß. In diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, steht Bett an Bett gereiht, in deren jedem ein elender Menschensohn auf seine eigene Art den Tod, und nur wenige ihre Genesung erwarten. Hier ein Dutzend, die unter den Händen der Feldscherer ein erbärmliches Zetergeschrei erheben; dort andre, die sich unter ihren Decken krümmen, wie ein halb zertretener Wurm; viele mit an- und weggefaulten Gliedern. Meist mochten wir's da nur wenige Minuten aushalten, gingen wieder an Gottes Luft und setzten uns auf einen Rasenplatz. Da führte unsre Einbildungskraft uns fast immer unwillkürlich in unser Schweizerland zurück, und erzählten wir einander unsere Lebensart zu Hause: wie wohl's uns war, wie frei wir gewesen und was es hier für ein verwünschtes Leben sei. Dann machten wir Pläne zu unsrer Entledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns heut oder morgen einer gelingen möchte; bald sahen wir vor jedem einen unübersteiglichen Berg; am meisten schreckte uns die Vorstellung der Folgen eines fehlschlagenden Versuches. Fast alle Wochen hörten wir nämlich neue, ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs, die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und andre Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen, wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken — wie sie des folgenden Tags aufs neue dran mußten, die Kleider vom zerhackten Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauflosgehauen wurde, bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren!« Was hiernächst auch auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen Jünkerleins, und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und selber jahrein, jahraus so kujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang, in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz und Quer pfahlgerad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit furiosem Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stund, und alle Augenblicke wie unter Kabisköpfe[44] dreinzuhauen drohte. Bei einem solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und der geduldigste rasend werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so ging's schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurechtzumachen und jedes Fleckchen auszumustern, denn bis auf den blauen Rock war unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. Das währte so den ganzen Mai und Juni fort. Selbst den Sonntag hatten wir nicht frei; dann mußten wir auf das properste Kirchenparade machen. Also blieben uns zu jenen Spaziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und wir hatten kurz und gut zu nichts Zeit, als zum Hungerleiden. Wahr ist's, unsre Offiziere erhielten gerade damals die gemessenste Order, uns über Kopf und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon und dachten halt, das sei so Kriegsmanier. Alte Soldaten vermuteten wohl so etwas, schwiegen aber mausstill. Indessen waren Schärer und ich blutarm geworden; und was uns nicht an den Hintern gewachsen war, hatten wir alles verkauft. Nun mußten wir mit Brot und Wasser oder Kovent,[45] das nicht viel besser als Wasser ist, vorlieb nehmen. Mittlerweile war ich von Zittemann weg, zu Wolfram und Meewis ins Quartier kommen, von denen der erstre ein Zimmermann, der andre ein Schuster war, und die beide einen guten Verdienst hatten. Mit diesen macht' ich anfangs ebenfalls Menage. Sie hatten so ihren Bauerntisch: Suppe und Fleisch, mit Erdäpfeln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwei Dreier: Abends und zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich aß besonders gern eine Ochsenpfote, einen Hering oder ein Dreierkäschen. Nun aber konnt' ich's nicht mehr mit ihnen halten; zu verkaufen hatt' ich nichts, und mein Sold ging meist für Wäsche, Puder, Schuhwachs, Kreide, Schmirgel, Öl und anderes Plunderzeug auf. Jetzt fing ich erst recht an, Trübsal zu blasen, und keinem Menschen konnt' ich so recht von Herzensgrund meine Not klagen. Des Tags ging ich umher wie der Schatten an der Wand. Des Nachts legt' ich mich ins Fenster, guckte weinend in den Mond hinauf, und erzählte dem mein bittres Elend: »Du, der jetzt auch überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen Leuten daheim, wie armselig es um mich stehe, meinen Eltern, meinen Geschwisterten, meinem Ännchen sag's, wie ich schmachte, wie treu ich ihr bin, daß sie alle Gott für mich bitten. Aber du schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen Weg fort? Ach, könnt' ich ein Vöglein sein und dir nach in meine Heimat fliegen! Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! Ich wollte mein Glück bauen, und baute mein Elend. Was nützt mir dieser herrliche Ort, worin ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die Meinigen hier hätte und so ein schön Häuschen, wie dort grad' gegenübersteht, und nicht Soldat sein müßte, dann wär's hier gut wohnen; dann wollt' ich arbeiten, handeln, wirtschaften, und ewig mein Vaterland meiden! Doch nein! Denn auch so müßt' ich den Jammer so vieler Elenden täglich vor Augen sehn! Nein, geliebtes, liebes Tockenburg! Du wirst mir immer vorzüglich wert bleiben! Aber, ach! Vielleicht seh' ich dich in meinem Leben nicht wieder, verliere sogar den Trost, von Zeit zu Zeit an die Lieben zu schreiben, die in dir wohnen! Jedermann erzählt mir ja von der Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile fortzubringen, worin ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer weiß? Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, wie ich nicht aus Vorsatz oder Liederlichkeit dies Sklavenleben gewählt, sondern böse Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen sollte. Doch, nein! desertieren will ich nicht. Lieber sterben, als Spießrutenlaufen. Und dann kann sich's ja auch ändern. Sechs Jahre sind noch auszuhalten. Freilich eine lange, lange Zeit; wenn's zumal wahr sein sollte, daß auch dann kein Abscheid zu hoffen wäre! Doch, was? Kein Abscheid? Hab' ich doch eine, und zwar mir aufgedrungene Kapitulation! — Ha! Dann müßten sie mich eher töten! Der König müßte mich hören! Ich wollte seiner Kutsche nachrennen, mich anhängen, bis er mir sein Ohr verleiht. Da wollt' ich ihm alles sagen, was der Brief ausweist. Und der gerechte Friedrich wird nicht gegen mich allein ungerecht sein.« — Das waren so damals meine Selbstgespräche.
In diesen Umständen flogen Schärer und ich zusammen, wo wir konnten; klagten, überlegten, beschlossen, verwarfen. Schärer zeigte mehr Standhaftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab jetzt, wie so viele andre, den letzten Dreier um Genever, meinen Kummer zu vertreiben. Ein Mecklenburger, der nahe bei mir im Quartier und mit mir in gleichen Umständen war, machte es ebenso. Aber wenn der seinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der Abenddämmerung vors Haus, fluchte und haselierte da mutterseels allein, schimpfte auf seine Offiziere, und sogar auf den König, wünschte Berlin und allen Brandenburgern tausend Millionen Schwernot auf den Hals und fand, wie der arme Teufel, so oft er wieder nüchtern ward, behauptete, in diesem unvernünftigen Rasen seinen einzigen Trost im Unglück. Wolfram und Meewis warnten ihn oft; denn sonst war er noch vor kurzem ein recht guter, umgänglicher Bursche: »Kerl!« sagten sie zu ihm, »gewiß wirst du noch ins Tollhaus wandern!« Dieses war nicht weit von uns. Oft sah ich dort einen Soldat vor dem Gegitter auf einem Bänkchen sitzen, und fragte einst Meewis, wer er wäre. Ich hatte ihn nie bei der Kompagnie gesehn: »Just so einer, wie der Mecklenburger,« antwortete Meewis; »darum hat man ihn hier versorgt, wo er anfangs brüllte wie ein ungarscher Stier. Aber seit etlichen Wochen soll er so geschlacht[46] wie ein Lamm sein.« Diese Beschreibung machte mich lüstern, den Menschen näher kennen zu lernen. Er war ein Anspacher. Anfangs ging ich nur wie verstohlen bei ihm hin und wieder, sah mit wehmütigem Vergnügen, wie er, seinen Blick bald zum Himmel gerichtet, bald auf den Boden geheftet, melancholisch dasaß, bisweilen aber, ganz für sich, sanft lächelte, und übrigens meiner nicht zu achten schien. Schon aus seiner Physiognomie war mir ein solcher Erdensohn in seiner Lage heilig. Endlich wagt' ich es, mich zu ihm zu setzen. Er sah mich starr und ernst an, und schwatzte zuerst lange meist unverständiges Zeug, das ich doch gerne hörte, weil mitunter etwas höchst Vernünftiges zum Vorschein kam. Was ihm am meisten Mühe zu machen schien, war, soviel ich merken mochte, daß er von gutem Haus, und nur durch Verdruß in diese Umstände gekommen sein mußte, jetzt aber von Nachreu und Heimweh erbärmlich litt. Nun entdeckt' ich ihm durch Umwege auch meine Gemütsstimmung, hauptsächlich in der Absicht, zu horchen, was er allenfalls zu meiner Entweichung sagen würde; denn der Mann schien mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben: »Brüderchen!« sprach er, aus Veranlassung eines solchen Diskurses, einst zu mir: »Brüderchen, halt' du still! Deine Schuld ist's sicher, daß du leidest, und was du leidest, mehr oder minder verdiente Züchtigung. Durch Zappeln machst du's nur ärger. Es wird schon noch anders und immer anders kommen. Der König allein ist König; seine Generals, Obersten, Majoren sind selber seine Bedienten und wir, ach! wir, so hingeworfene, verkaufte Hunde, zum Abschmieren im Frieden, zum Totstechen und Totschießen im Krieg bestimmt. Aber all' eins, Brüderchen! Vielleicht kommst du nahe an eine Türe; geht sie dir auf, so tu', was du willst. Aber halt still, Brüderchen! nur nichts erfrettet[47] oder erzwungen, sonst ist's mit einmal aus!« Dergleichen und noch viel anderes sagte er öfters zu mir. Aller Welt Priester und Leviten hätten mir nicht so gut predigen und mich zugleich so gut trösten können wie er.
Kriegsgerüchte
Indessen murmelte es immer stärker vom Kriege. In Berlin kamen von Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekruten wurden auch unter eins gesteckt. Da ging's alle Tag vor die Tore zum Manövrieren, links und rechts avancieren, attackieren, retirieren, pelotons- und divisionsweise chargieren, und was der Gott Mars sonst alles lehrte. Endlich gedieh es zur Generalrevue; da ging's zu und her, daß dies ganze Büchelchen nicht klecken würde, das Ding zu beschreiben; und wenn ich's wollte, so könnt' ich's nicht. Erstlich wegen der schweren Menge aller Arten Kriegsgrümpel, die ich hier großenteils zum erstenmal sah. Zweitens hatt' ich immer Kopf und Ohren so voll von dem entsetzlichen Lärm der knallenden Büchsen, der Trommeln und Feldmusik, des Rufens der Kommandeurs und dergleichen, daß ich oft hätte bersten mögen. Drittens war mir das Exerziz seit einiger Zeit so widerlich geworden, daß ich nur nicht mehr bemerken mochte, was all' die Korps zu Fuß und zu Pferde für Millionszeug machten. Freilich kam mich hernach manchmal große Reue an, daß ich diese Dinge nicht besser in Obacht genommen; denn allen meinen Freunden und allen Leuten hierzulande wünscht' ich, daß sie solches nur einen Tag sehen möchten, es würde ihnen zu hundert und aberhundert vernünftigen Betrachtungen Anlaß geben. Also nur dies wenige. Da waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuten bedeckt; viele tausend Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwei große Armeen in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das grobe Geschütz aufeinander los. Sie avancieren, kommen zum Feuer, und machen ein so entsetzliches Donnern, daß man seinen nächsten Nachbar nicht hören und vor Rauch nicht mehr sehen kann: Dort versuchen etliche Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen's einander in die Flanke, da blockieren sie Batterien, dort formieren sie ein doppeltes Kreuz. Hier marschieren sie über eine Schiffbrücke, dort hauen Kürassiers und Dragoner ein, und sprengen etliche Schwadrons Husaren von allen Farben aufeinander los, daß Staubwolken über Roß und Mann emporwallen. Hier überrumpeln's ein Lager; die Avantgarde, unter der ich zu manövrieren die Ehre hatte, bricht Zelte ab und flieht. Doch noch einmal: Ich müßte ein Narr sein, wenn ich glaubte, hier eine preußische Generalrevue beschrieben zu haben. Ich hoffe also, man nimmt mit diesem wenigen vorlieb, oder, vielmehr, verzeiht's mir, um der Freude willen, mein Gewäsch nicht länger anzuhören.
Behüte Gott Berlin!
Ausmarsch
Endlich kam der erwünschte Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld! Schon im Heumonat marschierten etliche Regimenter von Berlin ab, und kamen hinwieder andre aus Preußen und Pommern an. Jetzt mußten sich alle Beurlaubten stellen, und in der großen Stadt wimmelte alles von Soldaten. Dennoch wußte noch niemand eigentlich, wohin alle diese Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein Schwein am Gatter. Einige sagten, wenn's ins Feld gehe, könnten wir neue Rekruten doch nicht mit, sondern würden unter ein Garnisonsregiment gesteckt. Das hätte mir himmelangst gemacht; aber ich glaubte es nicht. Indessen bot ich alle meine Leibes- und Seelenkräfte auf, mich bei allen Manövers als einen fertigen, tapfern Soldaten zu zeigen, denn einige bei der Kompagnie, die älter waren als ich, mußten wirklich zurückbleiben. Und nun den einundzwanzigsten August abends spät kam die gewünschte Order, uns auf morgen marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie ging es da her mit Putzen und Packen! Einmal, wenn's mir auch an Geld nicht gebrochen, hätt' ich nicht mehr Zeit gehabt, einem Bäcker zwei geborgte Brote zu bezahlen. Auch hieß es, in diesem Fall dürfte kein Gläubiger mehr ans Mahnen denken: Doch ich ließ mein Wäschkistchen zurück; und wenn es der Bäcker nicht abgefordert hat, hab' ich heutigen Tages noch einen Kreditor in Berlin, auch etliche Debitoren für ein paar Batzen, und geht's ungefähr so wett auf. Den zweiundzwanzigsten August morgens um drei Uhr ward Alarm geschlagen, und mit Anbruch des Tages stand unser Regiment Itzenblitz — ein herrlicher Name! — das die Soldaten wegen der gewaltigen Schärfe unseres Obristen auch Donner und Blitz nannten, in der Krausenstraße schon Parade. Jede seiner zwölf Kompagnien war hundertfünfzig Mann stark. Die in Berlin nächst um uns einquartierten Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat, Winterfeld, Meyring und Kalkstein; dann vier Prinzenregimenter: Prinz von Preußen, Prinz Ferdinand, Prinz Karl und Prinz von Württemberg, die alle teils vor, teils nach uns abmarschierten, nachwärts aber im Feld meist wieder zu uns gestoßen sind. Jetzt wurde Marsch geschlagen, Tränen von Bürgern, Soldatenweibern, Huren und dergleichen flossen zu Haufen. Auch die Kriegsleute selber, die Landskinder nämlich, welche Weiber und Kinder zurückließen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmut und Kummer; die Fremden jauchzten heimlich vor Freuden und riefen: Endlich ist unsre Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt umschnallt, dann die Patrontasche über der Schulter mit einem fünf Zoll langen Riemen; über die andre Achsel der Tornister, mit Wäsche und so weiter bepackt; item der Habersack mit Brot und anderer Furage gestopft. Hiernächst mußte jeder noch ein Stück Feldgerät tragen; Flasche, Kessel, Haken, oder so was, alles an Riemen; dann erst noch eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal kreuzweis über die Brust geschlossen, daß anfangs jeder glaubte, unter solcher Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge, gepreßte Montur und eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal deuchte, ich geh' auf glühenden Kohlen. Wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, kam ein Dampf heraus wie aus einem siedenden Kessel. Oft hatt' ich keinen trockenen Faden mehr am Leib und verschmachtete bald vor Durst.
Marschroute bis Pirna
So marschierten wir den ersten Tag (22. August 1756) zum Köpenicker Tor aus, und machten noch vier Stunden bis zum Städtchen Köpenick, wo wir zu dreißig bis fünfzig bei Bürgern einquartiert waren, die uns für einen Groschen traktieren mußten. Potz Plunder, wie ging's da her! Ha! da wurde gefressen. Aber denk' man sich nur so viele, große, hungrige Kerls! Immer hieß es, schaff her, Kanaille, was d' im hintersten Winkel hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefüllt, da lagen wir alle in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich, eine kuriose Wirtschaft! In jedem Haus befand sich ein Offizier, welcher auf gute Mannszucht halten sollte; sie waren aber oft die Fäulsten. Den zweiten Tag ging's zehn Stunden weit bis Fürstenwalde, da gab's schon Marode, die sich auf Wagen packen lassen mußten. Es war auch kein Wunder, da wir diesen ganzen Tag nur ein einzigmal haltmachen, und stehenden Fußes etwas Erfrischung zu uns nehmen durften. Am letztgedachten Orte ging es wie an dem erstern, nur daß hier die meisten lieber soffen als fraßen, und viele sich halbtot hinlegten. Den dritten Tag ging's sechs Stunden bis Jakobsdorf, wo wir drei Rasttage hielten, aber desto schlimmer hantierten und die armen Bauern bis aufs Blut aussogen. Vom siebenten bis vierzehnten Tage kamen wir über Guben, Spremberg und Hoyerswerda bis Kamenz, dem letzten Örtchen, wo wir einquartiert wurden. Von da an kampierten wir im Felde, und machten Märsche und Kontermärsche, so daß ich selbst nicht weiß, wo wir all durchkamen, da es oft bei dunkler Nacht geschah. Nur so viel erinnr' ich mich, daß wir am zehnten September Pirna erreichten, wo noch einige Regimenter zu uns stießen, und wir ein weites, fast unübersehbares Lager aufschlugen, sowie auch das über Pirna gelegene Schloß Königstein diesseits und den Lilienstein jenseits der Elbe besetzten. Denn in der Nähe dieses letzteren Berges befand sich die sächsische Armee, in deren Lager wir gerade übers Tal hinübersehen konnten. Unter uns im Tale an der Elbe lag Pirna, das jetzt ebenfalls von unserm Volke besetzt ward.
Bis hierher hatte der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text unsers Feldpredigers bei Pirna. O ja, dacht' ich, das hat er, er wird auch ferner helfen, und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland; denn was gehen mich eure Kriege an?
Mittlerweile ging's, wie's bei einer marschierenden Armee zu gehen pflegt, bunt übereck und kraus, so daß ich alles zu beschreiben nicht imstande bin, auch solches, wie ich denke, zu wenig Dingen nütz wäre. Unser Major Lüderiz, denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl besonders Achtung, mag mir oft meinen Unmut aus dem Gesichte gelesen haben. Dann drohte er mir mit dem Finger: »Nimm dich in acht, Kerl!« Schärern hingegen klopfte er bei den nämlichen Anlässen auf die Schulter, und nannte ihn mit lächelnder Miene einen braven Burschen, denn der war immer lustig und wohlgemuts und sang bald seine Maurerlieder, bald den Kühreih'n. Im Herzen dachte er wie ich, obschon er es besser verbergen konnte. Ein andermal freilich faßt' ich wieder Mut und dachte: Gott wird alles wohl machen! Wenn ich vollends Markoni, der doch keine geringe Schuld an meinem Unglück war, auf dem Marsch oder im Lager erblickte, war's mir immer, ich sehe meinen Vater oder meinen besten Freund, wenn er mir zumal vom Pferd herunter seine Hand bot, die meinige traulich schüttelte, mir mit liebreicher Wehmut gleichsam in die Seele 'nein guckte: »Wie geht's, Ollrich! wie geht's? 's wird schon besser kommen!« zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu erwarten, dieselbe aus meinem tränenschimmernden Aug' lesen wollte. Oh! ich wünsche dem Mann, wo er immer tot oder lebendig sein mag, noch auf den heutigen Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir nie mehr zu Gesicht gekommen. Mittlerweile hatten wir alle Morgen die gemessene Order erhalten, scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den ältern Soldaten ein Gerede: »Heute gibt's was! Heut setzt's gewiß was ab!« Dann schwitzten wir Jungen freilich an allen Fingern, wenn wir bei einem Gebüsch oder Gehölz vorbeimarschierten und uns verfaßt halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, sobald man wieder ins Freie kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten entwischen konnte, denn wir hatten immer feindliche Kürassiers, Dragoner und Soldaten zu beiden Seiten. Als wir einst die halbe Nacht durchmarschierten, versuchte Bachmann den Reißaus zu nehmen, und irrte etliche Stunden im Wald herum, aber am Morgen war er wieder hart bei uns und kam noch eben recht mit der Ausflucht weg, er habe beim Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns verloren. Von da an sahen wir andern die Schwierigkeit, wegzukommen, alle Tag' deutlicher ein, und doch hatten wir fest im Sinn, keine Bataille abzuwarten, es koste was es wolle.
Das Lager zu Pirna
Eine umständliche Beschreibung unsers Lagers zwischen Königstein und Pirna sowohl als des gerade vor uns überliegenden Sächsischen bei Lilienstein wird man von mir nicht erwarten. Ich schreibe nur, was ich gesehen, was allernächst um mich her vor- und besonders was mich selbst anging. Von den wichtigsten Dingen wußten wir gemeine Hungerschlucker am allerwenigsten, auch kümmerten wir uns nicht viel darum. Mein und so vieler andrer ganzer Sinn war vollends allein auf: Fort, fort! Heim ins Vaterland! gerichtet.
Lagerleben
Vom elften bis zweiundzwanzigsten September saßen wir in unserm Lager ganz still, und wer gern Soldat war, dem mußt' es damals recht wohl sein. Da ging's vollkommen wie in einer Stadt zu. Da gab's Marketender und Feldschlächter zu Haufen. Den ganzen Tag, ganze lange Gassen durch, nichts als Sieden und Braten. Da konnte jeder haben was er wollte, oder vielmehr was er zu bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Käs, Brot, aller Gattung Baum- und Erdfrüchte. Die Wachten ausgenommen, mochte jeder machen was ihm beliebte, kegeln, spielen, in und außer dem Lager spazieren gehen. Nur wenige hockten müßig in ihren Zelten. Der eine beschäftigte sich mit Gewehrputzen, der andre mit Waschen, der dritte kochte, der vierte flickte Hosen, der fünfte Schuhe, der sechste schnifelte was von Holz und verkauft' es den Bauern. Jedes Zelt hatte seine sechs Mann und einen Überkompletten. Unter diesen sieben war immer einer gefreit, dieser mußte gute Mannszucht halten. Von den sechs übrigen ging einer auf die Wache, einer mußte kochen, einer Proviant herbeiholen, einer ging nach Holz, einer nach Stroh, und einer machte den Seckelmeister, alle zusammen aber eine Haushaltung, einen Tisch und ein Bett aus. Auf den Märschen stopfte jeder in seinen Habersack, was er, versteht sich in Feindesland, erhaschen konnte. Mehl, Rüben, Erdbirnen, Hühner, Enten. Wer nichts aufzutreiben vermochte, ward von den übrigen ausgeschimpft, wie denn mir das zum öfteren begegnete. Was das für ein Mordiogeschrei gab, wenn's durch ein Dorf ging, von Weibern, Kindern, Gänsen und Spanferkeln. Da mußte alles mit, was sich tragen ließ. Husch! den Hals umgedreht und eingepackt. Da brach man in alle Ställ' und Gärten ein, prügelte auf alle Bäume los und riß die Äste mit den Früchten ab. Der Hände sind viel, hieß es, was einer nicht kann, mag der andre. Da durft' keine Seel' Mux machen, wenn's nur der Offizier erlaubte, oder auch bloß halb erlaubte. Da tat jeder sein Devoir zum Überfluß. Wir drei Schweizer, Schärer, Bachmann und ich, es gab unsrer Landsleute zwar beim Regiment noch mehr, wir kannten sie aber nicht, kamen keiner zum andern ins Zelt, auch nie zusammen auf die Wache. Hingegen spazierten wir oft miteinander außer das Lager bis auf die Vorposten, besonders auf einen gewissen Bühel, wo wir eine weite zierliche Aussicht über das Sächsische, unser ganzes Lager und durchs Tal hinab bis auf Dresden hatten. Da hielten wir unsern Kriegsrat: was wir machen, wo hinaus, welchen Weg wir nehmen, wo wir uns wieder treffen sollten. Aber zur Hauptsache, zum Hinaus fanden wir alle Löcher verstopft. Zudem wären Schärer und ich lieber in einer schönen Nacht allein, ohne Bachmann, davon geschlichen, denn wir trauten ihm nie ganz, und sahen dabei alle Tag' die Husaren Deserteurs einbringen, hörten Spießrutenmarsch schlagen, und was es solcher Aufmunterungen mehr gab. Und doch sahen wir alle Stunden einem Treffen entgegen.
Einnahme des sächsischen Lagers
Marsch und Kontermarsch
Endlich, den zweiundzwanzigsten September, ward Alarm geschlagen und erhielten wir Order aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung, in etlichen Minuten war ein stundenweites Lager, wie die allergrößte Stadt, zerstört, aufgepackt und allons, Marsch! Jetzt zogen wir ins Tal hinab, schlugen bei Pirna eine Schiffbrücke und formierten oberhalb dem Städtchen, dem sächsischen Lager en front, eine Gasse wie zum Spießrutenlaufen, deren eines End' bis zum Pirnaer Tor ging, und durch welche viele gefangene Sachsen zu vieren hoch spazieren, vorher aber das Gewehr ablegen, und, man kann sich's einbilden, die ganze lange Straße durch Schimpf- und Stichelreden genug anhören mußten. Einige gingen traurig mit gesenktem Gesicht daher, andre trotzig und wild, und noch andre mit einem Lächeln, das den preußischen Spottvögeln gern nichts schuldig bleiben wollte. An dem nämlichen Tage marschierten wir noch ein Stück Wegs fort und schlugen unser Lager bei Lilienstein auf. Den dreiundzwanzigsten mußte unser Regiment die Proviantwagen decken. Den vierundzwanzigsten machten wir einen Kontermarsch, und kamen bei Nacht und Nebel, der Henker weiß wohin. Den fünfundzwanzigsten früh ging's schon wieder fort, vier Meilen bis Aussig. Hier schlugen wir ein Lager, blieben da bis auf den neunundzwanzigsten und mußten alle Tag' auf Furage aus. Bei diesen Anlässen wurden wir oft von den kaiserlichen Panduren attackiert, oder es kam sonst aus einem Gebüsch ein Karabinerhagel auf uns los, so daß mancher tot auf der Stelle blieb und noch mehrere blessiert wurden. Wenn aber unsre Artilleristen nur etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, flog der Feind über Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt, ich wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' oft: Pah! wenn's nur den Weg hergeht, ist's so übel nicht. Den dreißigsten marschierten wir wieder den ganzen Tag und kamen erst des Nachts auf einem Berg an, den ich und meinesgleichen abermals so wenig kannten, als ein Blinder. Inzwischen bekamen wir Order, hier kein Gezelt aufzuschlagen, auch kein Gewehr niederzulegen, sondern immer mit scharfer Ladung parat zu stehn, weil der Feind in der Nähe sei. Endlich sahen und hörten wir mit anbrechendem Tag unten im Tal gewaltig blitzen und feuern. In dieser bangen Nacht desertierten viele, neben andern auch Bruder Bachmann. Für mich wollt' es sich noch nicht schicken, so wohl's mir sonst behagt hätte.
Die Schlacht bei Lowositz
Früh morgens mußten wir uns rangieren und durch ein enges Tälchen gegen das große Tal hinuntermarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine kamen und zur großen Armee stießen, rückten wir in drei Treffen weiter vor und erblickten von ferne durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem böhmischen Städtchen Lowositz. Es war kaiserliche Kavallerie, denn die Infanterie bekamen wir nie zu Gesicht, da sich dieselbe bei gedachtem Städtchen verschanzt hatte. Um sechs Uhr ging schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm Vordertreffen als aus den kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß die Kanonenkugeln bis zu unserm Regiment, das im mittlern Treffen stund, durchschnurrten. Bisher hatt' ich immer noch Hoffnung, vor einer Bataille zu entwischen; jetzt sah' ich keine Ausflucht mehr, weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir rückten inzwischen immer vorwärts. Da fiel mir vollends aller Mut in die Hosen. In den Bauch der Erde hätt' ich mich verkriechen mögen, und eine ähnliche Angst, ja Todesblässe las man bald auf allen Gesichtern, selbst derer, die sonst noch so viel Herzhaftigkeit gleißneten. Die geleerten Brenzfläschchen, deren jeder Soldat eines hat, flogen unter den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen ihren kleinen Vorrat bis auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute braucht es Courage und morgen vielleicht keinen Fusel mehr! Jetzt avancierten wir bis unter die Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwechseln mußten. Potz Himmel! wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen weg, fuhren bald vor, bald hinter uns in die Erde, daß Stein und Rasen hoch in die Luft sprang, bald mitten ein und spickten uns die Leute aus den Gliedern weg, als wenn's Strohhälme wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als feindliche Kavallerie, die allerhand Bewegungen machte, sich bald in die Länge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drei- und Viereck sich wieder zusammenzog. Nun rückte auch unsre Kavallerie an, wir machten Lücke und ließen sie vor auf die feindliche losgaloppieren. Das war ein Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie einhieben! Allein kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reiterei, von der österreichischen geschlagen, und bis nahe unter unsre Kanonen verfolgt, zurück. Da hätte man den Spektakel sehen sollen, Pferde, die ihren Mann im Stegreif hängend, andre die ihre Gedärme auf der Erde nachschleppten. Inzwischen stunden wir noch immer im feindlichen Kanonenfeuer bis gegen elf Uhr, ohne daß unser linker Flügel mit dem kleinen Gewehrfeuer zusammentraf, obschon es bereits auf dem rechten sehr hitzig zuging. Viele meinten, wir müßten noch auf die kaiserlichen Schanzen Sturm laufen. Mir war's schon nicht mehr so bange wie anfangs, obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beiden Seiten neben mir wegrafften und der Wahlplatz mit Toten und Verwundeten übersät war; als mit eins, ungefähr um zwölf Uhr, die Order kam, unser Regiment nebst zwei andern, ich glaube Bevern und Kalkstein, müßten zurückmarschieren. Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu, und alle Gefahr sei vorbei. Wir eilten darum mit muntern Schritten die gähen Weinberge hinauf, brachen unsre Hüte voll schöne rote Trauben, aßen vor uns her nach Herzenslust, und mir und denen, welche neben mir stunden, kam nichts Arges in Sinn, obgleich wir von der Höhe herunter unsre Brüder noch in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelärm hörten und nicht entscheiden konnten, auf welcher Seite der Sieg war. Mittlerweile trieben unsre Anführer uns immer höher den Berg hinan, auf dessen Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchging, der auf der andern Seite wieder hinunter führte. Sobald unsre Avantgarde den erwähnten Gipfel erreicht hatte, ging ein entsetzlicher Musketenhagel an, und nun merkten wir erst, wo der Has im Stroh lag. Etliche tausend kaiserliche Panduren waren nämlich auf der andern Seite den Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Rücken zu fallen. Dies muß unsern Anführern verraten worden sein, und wir mußten ihnen zuvorkommen. Nur etliche Minuten später, so hätten sie uns die Höhe abgewonnen, und wir wahrscheinlich den kürzern gezogen. Nun setzte es ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Panduren aus jenem Gehölz vertreiben konnte. Unsre Vordertruppen litten stark, allein die hintern drangen ebenfalls über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe gewonnen hatten. Da mußten wir über Hügel von Toten und Verwundeten stolpern. Alsdann ging's Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern herab, in die Ebene. Unsre gebornen Preußen und Brandenburger packten die Panduren wie Furien. Ich selber war in Jast[48] und Hitze wie vertaumelt, und, mir weder Furcht noch Schreckens bewußt, schoß ich eines Schießens fast alle meine sechzig Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war und ich sie am Riemen nachschleppen mußte. Indessen glaub' ich nicht, daß ich eine lebendige Seele traf, sondern alles ging in die freie Luft. Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz postierten sich die Panduren wieder und pülverten so tapfer in die Weinberge hinauf, daß noch mancher vor und neben mir ins Gras biß. Preußen und Panduren lagen überall durcheinander, und wo sich einer von letzteren noch regte, wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestoßen. Nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von Lowositz ausging, wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde hätten zergehen wollen; wo das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art Feldmusik, das Rufen so vieler Kommandeurs und das Brüllen ihrer Adjutanten, das Zeter- und Mordiogeheul so vieler tausend elender, zerquetschter, halbtoter Opfer dieses Tages, alle Sinnen betäubte! Um diese Zeit, es mochte etwa drei Uhr sein, da Lowositz schon im Feuer stand, viele hundert Panduren, auf welche unsre Vordertruppen wieder wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann auf das Städtchen selber losging; um diese Zeit war ich freilich nicht der Vorderste, sondern unter dem Nachtrab noch im Weinberg droben, von denen mancher, wie gesagt, weit behender als ich von einer Mauer über die andre hinuntersprang, um seinen Brüdern zu Hilf' zu eilen. Da ich also noch ein wenig erhöht stand, und in die Ebene wie in ein finsteres Donner- und Hagelwetter hineinsah, in diesem Augenblick deucht' es mich Zeit, oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der Flucht zu retten. Ich sah mich nach allen Seiten um. Vor mir war alles Feuer, Rauch und Dampf, hinter mir noch viele nachkommende auf die Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwei Hauptarmeen in voller Schlachtordnung. Zur Linken Weinberge, Büsche, Wäldchen, nur hie und da einzelne Menschen, Preußen, Panduren, Husaren, und von diesen mehr Tote und Verwundete als Lebende. Da, da, auf diese Seite! dacht' ich, sonst ist's nur lautere Unmöglichkeit!
Desertion
Glücklich entronnen
In Prag
Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf die linke Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preußen bei mir vorbei. »Komm', komm', Bruder!« sagten sie, »Viktoria!« Ich ripostierte kein Wort, tat nur ein wenig blessiert, und ging immer allgemach fort, freilich mit Furcht und Zittern. Sobald ich mich indessen so weit entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen mochte, verdoppelte, verdrei-, vier-, fünf-, sechsfachte ich meine Schritte, blickte rechts und links wie ein Jäger, sah noch von weitem, zum letztenmal in meinem Leben, morden und totschlagen; strich dann in vollem Galopp ein Gehölz vorbei, das voll toter Husaren, Panduren und Pferde lag, rannte eines Rennens gerade dem Fluß nach hinunter, und stand jetzt an einem Tobel. Jenseits desselben kamen soeben etliche kaiserliche Soldaten angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen hatten, und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum drittenmal auf mich an, ungeachtet ich immer das Gewehr streckte und ihnen mit dem Hut den gewohnten Wink gab. Doch brannten sie niemals los. Ich faßte also den Entschluß, gerad' auf sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern Weg genommen, würden sie, wie ich nachwärts erfuhr, unfehlbar auf mich gefeuert haben. Ihr Hunde, dacht' ich, hättet ihr eure Courage bei Lowositz gezeigt! Als ich zu ihnen kam und mich als Deserteur angab, nahmen sie mir das Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwärts wieder zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatroniert hatte, verlor sich bald darauf, und nahm das Füsil mit. Nun so sei's! Alsdann führten sie mich ins nächste Dorf Scheniseck, eine starke Stunde unter Lowositz. Hier war eine Fahrt über das Wasser, aber ein einziger Kahn zum Transport. Da gab's ein Zetermordiogeschrei von Männern, Weibern und Kindern. Jedes wollte zuerst in dem Teich sein, aus Furcht vor den Preußen, denn alles glaubte sie schon auf der Haube zu haben. Auch ich war keiner von den letzten, der mitten unter eine Schar von Weibern hineinsprang. Wo nicht der Fährmann etliche hinausgeworfen, hätten wir alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine Panduren-Hauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu, und die roten Schnurrbärte begegneten mir aufs manierlichste, gaben mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstunden, Toback, Branntwein und Geleit auf Leitmeritz, glaub' ich, wo ich unter lauter Stockböhmen übernachtete, und freilich nicht wußte, ob ich da mein Haupt sicher zur Ruhe legen konnte. Allein ich hatte von dem Tumult des Tags noch einen so vertaumelten Kopf, daß dieser Kapitalpunkt mir am mindesten betrug. Morgens darauf, den zweiten Oktober, ging ich mit einem Transport ins kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf ich bei zweihundert andrer preußischer Deserteurs, von denen, so zu reden, jeder seinen eignen Weg und sein Tempo in Obacht genommen hatte; neben andern auch unsern Bachmann. Wie sprangen wir beide hoch auf vor Entzücken, uns so unerwartet wieder in Freiheit zu sehn! Da ging's an ein Erzählen und Jubilieren, als wenn wir schon zu Haus hinterm Ofen säßen. Einzig hieß es bisweilen: Ach wäre nur auch der Schärer von Wil bei uns! Wo mag der geblieben sein? Wir hatten die Erlaubnis, alles im Lager zu besichtigen. Offiziers und Soldaten stunden bei Haufen um uns, denen wir mehr erzählen sollten als uns bekannt war. Etliche wußten Winds genug zu machen, ihren Wirten zu schmeicheln und zur Verkleinerung der Preußen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's auch unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler; und der kleinste Zwerg rühmte sich, wer weiß wie manchen langbeinigten Brandenburger auf seiner eignen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Drauf führte man uns zu etwa fünfzig Mann Gefangenen von der preußischen Kavallerie. Ein erbärmlich Spektakel! Da war kaum einer an Wunden oder Beulen leer ausgegangen; etliche übers ganze Gesicht heruntergehauen, andre ins Genick, andre über die Ohren, über die Schultern oder Schenkel. Da war alles ein Ächzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese armen Wichte selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen zu sein; und wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager übernachten und bekamen jeder einen Dukaten Reisegeld. Dann schickte man uns mit einem Kavallerietransport nach einem böhmischen Dorfe, wo wir, nach einem kurzen Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgingen. Dort verteilten wir uns, und bekamen Pässe, je zu sechs, zehn bis zwölf, welche einen Weg gingen. Wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von Schweizern, Schwaben, Sachsen, Bayern, Tirolern, Welschen, Franzosen, Polacken und Türken. Einen solchen Paß bekamen unser sechs zusammen bis Regensburg. In Prag selbst war ein Zittern und Beben vor den Preußen ohne seinesgleichen. Man hatte den Ausgang der Schlacht bei Lowositz bereits vernommen und glaubte den Sieger schon vor den Toren zu sehn. Auch da stunden ganze Truppen Soldaten und Bürger um uns her, denen wir sagen sollten, was der Preuß' im Sinn habe? Einige von uns trösteten diese neugierigen Hasen; andre hatten noch ihre Freude daran, sie tapfer zu schrecken, und sagten ihnen, der Feind werde spätstens in vier Tagen anlangen und sei ergrimmt wie der Teufel. Dann schlugen viele die Händ' über'm Kopf zusammen; Weiber und Kinder wälzten sich gar heulend im Kot herum.