Kapitelverzeichnis.
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Erstes Kapitel 5
Zweites Kapitel 19
Drittes Kapitel 34
Viertes Kapitel 45
Fünftes Kapitel 65
Sechstes Kapitel 95
Siebentes Kapitel 113
Achtes Kapitel 124
Neuntes Kapitel 150
Zehntes Kapitel 167


Die meisten Bewohner des Deutschen Reiches werden wissen, daß sich die Elbe in die Nordsee ergießt, und daß die erste Handelsstadt Deutschlands, das freie Hamburg, an den Ufern dieses Flusses liegt. Wer von Hamburg abwärts in die graue Nordsee fährt, der sieht zu seiner Rechten Holstein liegen, und an seiner Linken Hannover. Gleich hinter Hamburg erhebt sich die holsteinische Stadt Altona, und ihr folgen eine Reihe von hübschen Landhäusern. Das Ufer ist steil: von oben winken Kirchtürme und Ortschaften: endlich kommt Blankenese, das noch heute von Fischern bewohnt wird, darum aber gewiß kein Fischerdorf, sondern ein aufstrebender Ort, größer als manche Stadt, ist. Weiter geht die Fahrt. Überall Häuser, Ortschaften, Städte, bis die Nordsee erreicht ist. Ja, Holstein ist ein schönes Land: wer es kennt, der weiß davon zu berichten: aber auch Hannover, das andre Ufer, kann sich wahrlich sehen lassen. Mit seinen aufstrebenden Städten, seinen reizenden Dörfern, seiner roten Heide.
Ein gesegnetes Land: so sagen wohl die Menschen, die alles zuerst sehen. Manchmal wundern sie sich: denn die da aus dem schönen Süden kommen, denken wohl, im Norden gäbe es nur Eisbären und Wölfe.
Die Zeiten sind vorüber. Obs Eisbären vor grauer Zeit in Norddeutschland gegeben hat, kann ich nicht sagen. Aber Wölfe hausten hier noch vor knapp dreihundert Jahren. Damals, als der große Krieg, den man den Dreißigjährigen nennt, das Land verwüstete.
Das war eine böse Zeit. Dazumal war die Ortschaft Altona sehr klein, und die Hamburger lachten über sie. »All to nah —« neckten sie die Fischer und Bauern, die sich dort angebaut hatten. Denn die Hamburger fanden es unnötig, daß die holsteinischen Landesherren dicht vor ihren Mauern eine Ortschaft aufstreben ließen. Wiederum aber sahen sie ein, daß man es den Fischern und Bauern nicht verargen konnte, wenn sie sich hart an den Fluß bauten, der ihnen nicht allein reichliche Fische, sondern auch die Möglichkeit gab, einige kleine Reisen zu machen. Das ging am besten auf dem Wasser. Zwar gab es wohl Landstraßen, die das Land durchzogen, aber sie waren nicht gut im Stand, und dann erhob sich auch, gleich hinter dem Dorfe Ottensen, das westwärts an Altona stieß, ein großer Wald, in dem es nicht geheuer war. Es lagen auch hier, von Wald umfriedet, mehrere Bauernhöfe und einige Dörfer, in denen es sich zu Friedenszeiten gut leben ließ: wie aber das Kriegselend kam, da gehörte schon Mut dazu, sich allein aus dem Schutz der Städte zu wagen.
Zuerst hatte der böse Krieg den Holsteinern und Hannoveranern nicht viel getan. Sie hörten wohl von großen Schlachten und vielem Herzeleid, das sich in andern Gegenden abspielte, aber diese Geschichten drangen mehr aus der Ferne zu ihnen, und sie dachten nicht viel darüber nach. Bis es dem Dänenkönig, dem Holstein gehörte, einfiel, sich auch an diesem mörderischen Kriege zu beteiligen. Es erging ihm schlecht. Er hielt sich auf seiten der Schweden; da fielen die Kaiserlichen in Holstein ein und hausten dort grausam, wie es ihre Art war. Die Schweden, die sie vertreiben wollten, gingen gleichfalls nicht säuberlich mit den armen Schleswig-Holsteinern um, und wo die Dänen erschienen, benahmen sie sich oft eben so schlecht wie die Feinde. Da war es denn nicht zu verwundern, daß das Land verwüstet und menschenleer wurde. Wer konnte, der floh in die Städte; aber viele arme Bauern wurden von den Soldaten erschlagen und vielleicht vorher noch zu Tode gepeinigt. Und auch denen, die auf den Ritterburgen des Landes saßen, erging es nicht besser. Konnten sie sich nicht verteidigen, oder wohnten hier Frauen und Kinder ohne männlichen Schutz, so wurden sie grade so elend ermordet wie die Bauern oder vertrieben und in Gefangenschaft geführt. Dies geschah alles am Anfang des Dreißigjährigen Krieges; gegen das Ende wandte sich Christian der Vierte, so hieß der Dänenkönig, einmal zur Veränderung gegen die Schweden, mit denen er ehemals gut Freund gewesen war, und nun fielen diese als Feinde über Holstein her, und was die Kaiserlichen unverwüstet gelassen hatten, das wurde jetzt von den Schweden zerstört.
Es war eine traurige Zeit. Viele Menschen wußten nicht anders, als daß es nur Krieg und niemals Frieden geben konnte. Sie wurden im Elend geboren und kamen im Elend um. Daß es friedliche Landarbeit, einträglichen Handel, behagliches Leben geben konnte, ahnten sie nicht. Hinter jedem Heer folgten Scharen von Menschen, die man den Troß nannte. Mit ihm waren kleine und halb erwachsene Kinder, Frauen und manchmal auch alte Leute. Sie hatten keine Heimat, weil die ihre zerstört war. Sie liefen mit den Soldaten, und wo diese einen Besitz, einen Bauernhof fanden, an dem noch etwas zu rauben war, da holte sich der Troß nachher die letzten Reste. Manchmal ging so ein Troß von den Kaiserlichen zu den Schweden über, oder auch umgekehrt. Sie machten es so wie die Soldaten, die auch oft ihre Dienste wechselten. Denn allmählich wußte der gewöhnliche Mann wirklich nicht mehr, weshalb eigentlich dieser Krieg geführt wurde und die Machthaber, die in Stockholm, in Wien und Paris saßen, dachten nur darüber nach, wie sie den größten Vorteil aus allem herausschlagen konnten. Über diesem Nachdenken verging die Zeit, und das Elend wurde immer größer.
Nur in Hamburg merkte man nicht allzuviel vom Krieg. Die Stadt hatte sich schöne Wälle und Mauern mit Kanonen darauf bauen lassen und ließ weder die Schweden noch die Kaiserlichen ein. Gelegentlich versuchte irgend ein Häuflein, bei den Hamburgern anzuklopfen, aber es wurde mit blutigen Köpfen heimgeschickt, und daher war es in dieser festen Stadt ein recht angenehmes Leben. Die Kaufleute trieben ihren Handel wie sonst, und wenn sie auch ein starkes Söldnerheer haben mußten, das die Wagen mit ihren Waren über Land begleitete, und wenn ihre Handelsschiffe natürlich Kanonen hatten und kriegsgewohnte Mannschaft, so ging in der Hansestadt das Leben im allgemeinen seinen ruhigen Gang, und wer hier einmal wohnte, der freute sich seines Daseins und hütete sich wohl, die feste Stadt und ihren Schutz zu verlassen.
Als daher Herr Jobst Hanekamp in Hamburg durch einen Boten erfuhr, daß sein Neffe, der Hofbesitzer Fritz Hanekamp in der holsteinischen Marsch, Haus und Hof den räuberischen Soldaten hatte opfern müssen und selbst bei der Verteidigung seines Eigentums umgekommen war, da bedauerte er dieses Unglück zwar sehr, aber er schrieb doch an die Witwe, daß er leider nicht imstande wäre, etwas für sie zu tun. Die Zeiten wären schlecht: sein Geschäft ginge rückwärts, und er müßte für sein Alter sorgen. Er hätte aber gehört, daß Frau Jutta eine tüchtige Frau wäre, und zwei Söhne sollte sie auch haben. Wer arbeiten könnte, dem ginge es immer gut.
Es war grade kein erfreulicher Brief, den Frau Jutta Hanekamp nach ihrem großen Unglück und nachdem sie arm geworden, erhielt. Aber er kam zum Glück so verspätet an, daß sie lange gelernt hatte, nicht auf die Hilfe des Oheims zu warten. Ein treuer Knecht war ihr geblieben, der von der Elbe war. Da sie ihre Heimat verlassen mußte, weil alles verbrannt und verwüstet war, so ging sie mit ihren Söhnen an die Elbe, etwa eine Stunde landeinwärts vom Dorfe Ottensen. Dort war, mitten im Walde gelegen, ein Stück Land mit einem Häuschen darauf, billig zu haben. Mit dem Rest ihres geretteten Geldes kaufte sie es und bewirtschaftete dies Fleckchen Land mit ihren Söhnen, die allmählich heranwuchsen. Denn der treue Knecht starb an den Folgen einer Wunde, die er im Kampf mit Wölfen davontrug. Weil die Menschen hier im Lande immer spärlicher wurden, und die Dörfer zerstört waren, so kamen die Wölfe zur Winterszeit von Norden her und ließen sich schwer wieder vertreiben.
Also mußte Frau Jutta mit ihren Söhnen allein hausen, und sie tat es mit Ruhe und Umsicht. Sie war eine Frau, die das Arbeiten gelernt hatte, und wußte, daß man nicht immer über seinen Kummer nachdenken durfte. Ihr kleiner Besitz lag ziemlich verborgen, und bis jetzt hatten die umherziehenden Soldaten ihn nicht gefunden. Manchmal schien es auch, als ob sie überhaupt verschwunden wären. Bis wieder eine böse Zeit kam, und jedermann angstvoll dem kommenden Morgen entgegensah.
Es war im Monat März. Der Winter war streng gewesen, und die Elbe war lange mit Eis bedeckt. Die Schiffahrt lag still, wer sein Brot mit Fischen verdiente, hatte Not, sein Leben zu fristen. Aber die Fischer schlugen Löcher ins Eis, und wenn sie keine Fische fingen, dann kamen doch die Taucherenten und andre Wasservögel, die sich in den unters Wasser geschobenen Netzen verstrickten und dann mit der Hand gegriffen werden konnten. Das gab gute Braten, denn die Tiere waren fett, und ihr weißgrauer Pelz gab Mützen, die nicht allein warm hielten, sondern an denen Schnee und Regen abliefen, daß sie eigentlich niemals grundnaß wurden.
Auf der Elbinsel Finkenwärder gabs heute ein gutes Essen. Hunderte dieser Tauchervögel waren von den geschickten Fischern gefangen worden: nun wurden sie gebraten oder geräuchert, und auf der ganzen Insel rochs gut. Wer von den Finkenwärder Fischern etwas wußte, der gönnte ihnen eine kräftige Mahlzeit, denn nicht vor langer Zeit waren die Schweden von Holstein übers Eis gekommen, hatten bei den Finkenwärdern geplündert und viele von ihnen erschlagen. Zum Glück nicht alle: die jüngere Mannschaft war grade nach der Nordsee gewesen, um dort zu fischen oder Seehunde zu erlegen, aus denen in Hamburg Tran gekocht wurde und deren Felle zu allen möglichen Dingen zu gebrauchen waren.
Dieser jüngeren Mannschaft konnten die Schweden nichts anhaben; als sie heimkehrte, rückten die Soldaten grade ab. Im Dorfe brannte es; alte Männer und Frauen lagen erschlagen, und die Rückkehrenden konnten sich freuen, daß die meisten Kinder versteckt worden waren und noch lebten. Schlimm genug war es, was die Finkenwärder erlebten und wehrlos erleben mußten. Denn der unselige Krieg zog so hin und her, daß die Ausgeplünderten niemals wußten, wohin sie sich um Hilfe und Gerechtigkeit wenden sollten.
Seit der Zeit mußten die Finkenwärder noch anders arbeiten, wie bisher, weil ihr Wohlstand dahin war und sie kaum das trockne Brot hatten, um sich satt zu essen. Da kamen die Tauchervögel sehr gelegen, grade in ihre traurige Zeit, und wer noch lebte und essen konnte, dem war es zu gönnen, daß er wirklich einmal gründlich satt wurde.
Über die Dorfstraße mit ihren kleinen Häusern, von denen etliche notdürftig wieder zusammengeflickt waren, kam ein Mädchen. Sie mochte elf oder zwölf Jahre alt sein, hatte halblange Haare wie ein Knabe und ein verhungertes, blasses Gesicht. Ihre Augen waren blau, und über der Nase hatte sie eine scharfe Falte, als wäre sie schon alt. Diese Falte kam daher, weil sie sich angewöhnt hatte, scharf und vorsichtig umher zu spähen. An einem Bein trug sie einen langen gelben Reiterstiefel, am andern einen Holzschuh. Dann schlotterte ein zerrissener roter Rock um sie, eine Jacke aus zerschlissenem Marderfell bedeckte ihren Oberkörper, und im Gürtel steckte ein Messer. Wie sie langsam ging und sich umsah, stand eine der Fischerfrauen, die an ihrem Fenster saß und auf die Straße blickte, auf und schlug die Haustür zu. Denn ihr kam es vor, als sähe das Kind zu ihr hin. So war es auch. Das Mädchen klopfte an ihre Tür.
»Ich bin so hungrig!« sagte sie.
»Geh nur weiter!« rief ihr die Frau aus dem Fenster zu. »Meinetwegen kannst du verhungern! Du bist ein Lagerkind!«
Damit meinte sie, daß das Kind aus irgend einem Troß des Heeres stammte.
»Wollt Ihr mir nicht ein Stück Brot geben?«
»Gewiß nicht! Frag die Schweden, daß sie dir was geben! Die haben uns alles weggenommen!«
Die Frau schalt noch hinter dem Mädchen her, als es schon weiter ging. Es bettelte an verschiedenen Türen; und erhielt nichts. Eine Frau nahm sogar ein Entengerippe, das sie eben abgenagt hatte, und warf es der Bettlerin an den Kopf. Die nahm es ruhig auf, sah sich um und hielt es einem halb verhungerten Wolfshund hin, der langsam hinter ihr her ging. Es war ein großes Tier, mit einem gewaltigen Gebiß und glühenden Augen. Aber es schien keine rechte Kraft zu haben und ging langsam und schwerfällig. Das Gerippe verschlang es ohne weiteres, aber es sah das Mädchen an, als wollte es sagen: Mußt du noch immer hungern?
Burga war von jeder Tür gewiesen worden. Es war den Fischern nicht zu verdenken. Der Elbarm, der die Insel vom Herzogtum Lüneburg trennte, war gleichfalls zugefroren, und böses Gesindel schlich sich herum. Die Leute vom Troß waren oft noch schlimmer, als die Soldaten selbst. Es waren boshafte Kinder darunter, die Feuer ansteckten und unschuldige Tiere quälten; die Gutes mit Bösem vergalten und kein Gefühl zu haben schienen. Also schlossen sich jetzt die Türen auch vor den Kindern, und Burga durfte den Bratengeruch in der Nase spüren und mußte doch hungrig einherwandern. Sie war nicht sehr unglücklich; sie war wirklich ein Lagerkind, bald hier, bald dort umhergeworfen, und sie wußte nachgrade so viel vom Krieg, daß sie es den Leuten kaum verdenken konnte, wenn sie sie hungern ließen. Aber der Hunger tat weh, und wie sie jetzt an dem kleinen Hafen stand, in dem die eingefrornen Fischerboote lagen, da zog sie den Gürtel fester um den Leib.
»Wolf, wir kriegen nichts!« sagte sie zu dem Hund, der neben ihr stand und winselte. »Wir kriegen nichts, mein Jung. Müssen weiter marschieren!«
Auf einem Boote saß ein Junge und stopfte sich den Mund voll von gebratnem Fleisch. Vor ihm lagen noch drei gebratne Vögel, und man sah ihm an, daß er pumpsatt war. Wie Burga nun plötzlich vor ihm stand, atmete er erschrocken auf und faßte seine Vögel fester.
»Gib mir einen ab!« bat sie, und er schüttelte den Kopf.
»Das darf ich nicht!« entgegnete er weise. »Du bist eine Räuberin; bei meiner Großmutter sind Lagerkinder gekommen und haben ihre Katze ins Feuer werfen wollen!«
Burga sah sich um. Der Junge saß ganz allein auf dem Boot: niemand war in der Nähe. Also griff sie ohne weiteres zu den gebratnen Vögeln, steckte einen fast ganz in den Mund, und warf den andern dem Hunde hin. Der Junge stieß einen gellenden Hilferuf aus, und in demselben Augenblick kam ein langer Fischer von den Häusern her. Er trug ein Ruder in der Hand, und wie er auf Burga zuschritt, hob er es drohend.
»Was will die Landstreicherin?« fragte er, und Burga duckte sich unwillkürlich. Sie war gewohnt, geschlagen und gestoßen zu werden, und auch der Hund, obgleich er seine spitzen Zähne wies, stand mit hängendem Kopfe. Da aber rührte irgend etwas das Herz des kleinen Klas Stolz. War es, weil er zu satt war, um böse zu sein, oder tat ihm das blasse Mädchen leid. Er rief plötzlich: »Sie hat mir nichts getan, Vater, die Vögel habe ich ihr geschenkt!«
Und der große Klas Stolz ließ sein Ruder sinken, brummte etwas Unverständliches und ging wieder davon. An seinem Boot waren einige Bretter gelöst, die mußte er flicken.
Burga aß schweigend ihren Vogel, und der Hund Wolf zerknirschte die Knochen mit den Zähnen. Beide standen regungslos, und Klas betrachtete sie halb schläfrig. Er war so satt, daß er sich nicht rühren mochte, daher war er gutmütiger als sonst.
»Wo kommst du her?« fragte er die Dirn, und sie deutete nach dem Süden.
»Da bin ich zuletzt gewesen.«
»Wo willst du hin?«
Sie hob die spitzen Schultern.
»Vielleicht bleib ich erst mal hier!«
Er wurde ängstlich.
»Das darfst du nicht, wir nehmen keine Fremden auf! Geh nur nach drüben, nach Holstein. Da ist es viel besser als hier. Da sind Wälder, und Wölfe, und Füchse, und Schweine. Es ist sehr gut da!«
»Bist du da gewesen?«
Der kleine Klas Stolz zögerte. Dann sagte er die Wahrheit.
»Weit hinein ins Land bin ich nicht gewesen. Da drüben liegen Häuser, kannst du sie sehen? Da wohnen auch Fischer, und es heißt Neumühlen. Da wohnt ein Ohm von mir, und ich hab ihn wohl besucht. Weiter bin ich aber nicht gekommen, weil ich nicht in den Wald durfte, und weiter hin heißt es Teufelsbrücke. Dort kann man den Teufel sehen, wenn er grade da ist. Eine Hexe hat früher dort gewohnt, aber sie ist verbrannt worden. Nun reitet sie manchmal auf einem Besen in der Luft herum.«
»Die möchte ich sehen!« entgegnete Burga, und Klas sah sie erstaunt an.
»Hexen darf man nicht sehen wollen: die nehmen einen mit, und dann wird man selbst ein Teufel!«
Der große Klas Stolz kam wieder hinter seinem Boot hervor.
»Redest du noch mit der Landstreicherin, Junge? Das darfst du nicht, sie ist böse! Weg mit dir!« Und er drohte Burga mit dem Ruder.
»Wohin soll ich gehen?« erkundigte sie sich, und er wies auf das andre Ufer.
»Geh du nur nach Holstein! Das Eis hält noch, und du kannst vielleicht ein Unterkommen finden!«
Sie zögerte ein wenig. Grau und kalt lag die Eisfläche der Elbe vor ihr. Sie war rauh und uneben: Steine und Schneeberge lagen auf ihr, und hin und wieder ging es wie ein dumpfes Grollen durch den unter dem Eis schlafenden Fluß. Der rauhe Wintertag ging zu Ende. Im Westen flirrte ein kurzes, gelbes Licht über den grauen Himmel, dann erlosch es wieder.
»Kann ich nicht die Nacht hier bleiben?« fragte Burga, aber der Fischer faßte sie bei den Schultern und schob sie auf die Eisfläche.
»Wir nehmen keine Fremden; haben genug von ihnen gehabt!«
Burga ging also aufs Eis, und der magre Hund schlich hinter ihr her. Der kleine Klas Stolz sah ihr nach. »Vater, wenn die man rüber kommt. Das Eis hat schon geschrien.«
Sein Vater zuckte die Achseln.
»Was gehts uns an? Meinst du, daß ich die fremden Lagerkinder aufnehmen will? Sie sind alle undankbar und setzen uns den roten Hahn aufs Dach, wenn sie nur können!«
Da steckte sich der kleine Klas den letzten Rest seines gebratnen Vogels in den Mund und vergaß die einsame Wanderin.


Der Wind kam scharf aus Norden, und Burga hatte Mühe, gegen ihn anzukämpfen. Aber sie wickelte sich in ihr altes Marderfell und freute sich, daß sie einen guten Stiefel hatte. Damit konnte man tief in den aufgehäuften Schnee gehen, und der Fuß wurde doch nicht naß. Anders war es mit dem andern Fuß. Der Holzschuh hielt zwar warm, aber in ihn lief das Schneewasser hinein, und das war nicht angenehm. Es war schade, daß der tote Reitersmann, dem sie den einen Stiefel ausgezogen hatte, auch nur mit diesem bekleidet war. Vielleicht hatte der Feind, der ihn erschoß, sich den andern Stiefel genommen, vielleicht hatte er nur einen gehabt. Es war ein langer weicher Lederstiefel, und vielleicht hatte er einem vornehmen Herrn gehört. Während Burga so dachte, strebte sie langsam vorwärts und fiel plötzlich über etwas, das mit Schnee bedeckt auf dem Eise lag. Es war ein Ledersack, den Burga von Eis und Schnee befreite und dann neugierig öffnete. Es waren drei Würste darin, ein Laib Brot und eine Lederflasche, in der es gluckerte. Ein Soldat mußte diesen Beutel verloren haben.
»Das ist gut!« dachte Burga bei sich, und da sie noch lange nicht satt war, hatte sie nicht übel Lust, in eine der Würste zu beißen. Da aber kam der Wind und warf ihr eine Handvoll Hagelgraupel ins Gesicht, die Elbe begann zu stöhnen und durchs Eis ging ein Zittern. Also warf sich Burga den Sack über den Rücken und ging grade aus, dem dunklen steilen Ufer zu. Auch der Hund begann zu winseln und drängte sich an sie. Wo war das Fischerdorf Neumühlen, von dem der Junge gesprochen hatte, und wo der Teufelsbach, wo die Hexe wohnte? Wieder hagelte es; die Elbe stöhnte, und Burga sah nichts als eine graue Wolke, die sich vor sie schob. Einen Augenblick stand sie ratlos, und eine große Angst kam über sie, dann aber lief sie vorwärts, immer vorwärts. Zweimal fiel sie und es war ihr, als plätscherte es dicht neben ihr. Aber sie wollte nichts hören: vorwärts, vorwärts!
Die graue Wolke war vorüber gezogen; es wurde etwas heller, grade, wie Burga den Fuß auf gefrornen Sand setzte. Vor ihr gings steil nach oben, Gestrüpp und kahle Bäume bedeckten den Berg, und hier waren auch Spuren im Sand, der mit Schnee vermischt war.
Der Hund winselte wieder, seine Haare sträubten sich, und Burga sah auf diese Spuren. Unwillkürlich griff sie nach dem kurzen Messer in ihrem Gürtel und faßte Wolf an sein altes Lederhalsband. Da versuchte er den glatten Berg hinauf zu klimmen, sie hielt sich an ihm fest, und so kamen sie vorwärts. Bis sie unter höheren Bäumen waren, die Elbe unter ihnen lag und der Waldgrund gangbarer wurde. Aber beide, Herrin und Hund, standen jetzt atem- und regungslos. Aus der Ferne klang ein scharfes Geheul, und Wolf warf den Kopf in den Nacken und schien nicht übel Lust zu haben, Antwort zu geben.
Burga hielt ihm die lange Schnauze zu. »Wolf, das darfst du nicht! Wenn die uns kriegen, sind wir verloren!«
Es war, als verstände der Hund. Er stand schweigend und zitternd. Es war nun dunkel geworden. Hier, unter den Bäumen, konnte der Wind seine wilden Flügel nicht rühren: er murrte in den Kronen, und sie beugten sich und rauschten. Langsam ging Burga vorwärts: ihre Augen funkelten fast wie die ihres Hundes, und sie sah sich nach allen Seiten um. Immer die Hand am Messer, immer im Begriff, einen der Bäume zu erklettern, wenn das Geheul näher käme. Dann stieß sie einen kleinen Freudenruf aus. Vor ihr erhob sich eine kleine Hütte. Sie war kunstlos, auf kurzen Baumstämmen hingesetzt, aber sie hatte eine Tür, die mit zwei Knebeln geschlossen war. Burga konnte sie leicht öffnen und hineinklettern. Der Hund sprang ihr nach, und dann wußte sie, daß sie geborgen war. Sie lachte, als sie bald unter sich Fauchen und Heulen hörte.
»Ja, lieben Wölfe, heult nur! Heute kriegt ihr mich noch nicht, und vielleicht auch nicht morgen! Vielleicht übermorgen, aber das ist noch lange hin!«
Sie legte sich auf das dichte Heu, mit dem die Hütte ausgepolstert war, und zog ihren Hund zu sich.
»Merkst du deine Namensvettern? Laß sie wimmern: wir haben es gut!«
Sie zog den Sack auf, gab Wolf ein großes Stück Wurst und aß selbst mit Behagen. Dabei flüsterte sie wieder mit ihrem Hund.
»Haben wir nicht Glück gehabt, Wolf? Ich hab das Wasser plätschern hören, und ich glaube, morgen kann niemand mehr über diesen großen Fluß! Wie heißt er nur noch? Pah, ich habs vergessen, schadet auch nichts! Wer kann alle die Wasser behalten, über die man laufen muß! Aber dies Land scheint mir doch Holstein zu sein, und ich meine, den Namen einmal gehört zu haben! War das nicht der alte Magister, der was von Holstein sagte? Du weißt Wolf, der, der den roten Michel aus dem Kugelregen trug und dafür die Kugel selbst kriegte? Als der Magister tot blieb, Wolf, hab' ich geweint: sonst tu ich's nicht mehr. Das hilft ja doch nichts, nicht wahr mein Hund?«
So flüsterte Burga mit ihrem Hund, der eng an sie geschmiegt lag, die Ohren spitzte, als hörte er zu, und der dann den Kopf hob und wieder heulen wollte. Aber wieder wurde ihm das Maul zugehalten.
»Still, Still! Sie brauchen nicht zu wissen, daß wir hier sind!«
Aber sie wußten es schon lange. Zwei graue Wölfe saßen unter der Hütte, und es war, als käme ihr heißer Atem durch die Ritzen. Sie scharrten an den Stämmen, auf dem das leichte Gebäude ruhte, und sie heulten und bellten. Ein dritter kam dazu: da gab es eine Beißerei. Dann aber schienen sie sich wieder zu vertragen und saßen ganz still, als warteten sie.
Der Hund in der Hütte schlief nicht; er lag regungslos und mußte verstanden haben, daß er keinen Laut von sich geben durfte. Burga aber schlief ganz fest. Lange hatte sie kein Dach über dem Kopf gehabt, lange kein weiches Heu als Lager. Mochten die Wölfe heulen, sie kannte ihre Stimmen und hoffte, daß sie gegen Morgen wieder verschwinden würden. Und wenn sie's nicht taten, so mußte sie eben hier bleiben. Sie hatte ja Fleisch und Brot.
Der Tag begann zu grauen, und langsam entfernten sich die Wölfe. Der Hund, der immer die Ohren gespitzt hielt, hörte es und streckte sich jetzt zum Schlafen aus, als er mit einem Satz in die Höhe sprang. Die Tür der kleinen Hütte ging offen, und ein Knabe stand in der Öffnung. Er trug ein grob gewebtes Wams und eine Mütze vom Balg der Wasservögel.
»Heda!« zornig sah er Burga an, die sich den Schlaf aus den Augen rieb, während Wolf drohend neben ihr stand. »Was wollt ihr in unsrer Hütte?«
»Wir haben gut geschlafen!« entgegnete Burga, und er sah sie mißbilligend an.
»Das darfst du nicht! Wir haben keinen Platz für Landstreicher!«
»Ich bin ein Lagerkind!« entgegnete Burga stolz.
»Was ist das?«
»Das weißt du nicht?«
»Nein, ist mir auch einerlei. Geh weg aus meiner Hütte und ruf den Hund, daß er mich nicht beißt. Sonst steche ich ihn tot!«
Und er hob seinen Stock, an dem ein langes Messer befestigt war.
»Wenn du meinen Hund tötest, steche ich dich tot!«
Burga zog ihr Messer. Es war groß, und blank geschliffen, und der Junge trat zurück.
»Ich will ihn ja nicht töten; er soll mich aber nicht beißen!«
»Er beißt nur die, die schlecht gegen ihn sind!«
In diesem Augenblick erschien noch ein zweiter Knabe. Er war gekleidet wie der andere, aber größer und erwachsener.
»Gottfried!« der Kleinere wurde viel mutiger. »Sieh, welch Gefangene ich gemacht habe! Sie sagt, sie ist ein Lagerkind; ist das nicht eine Hexe?«
»Natürlich!« Gottfried, der eine verrostete Muskete trug, griff gleich nach dem Fuße Burgas, an dem der schöne gelbe Stiefel war. »Zieh ihn aus!« sagte er gebieterisch. »Wo ist der andere! Du mußt mir die Wahrheit sagen, sonst schieße ich dich tot!«
»Womit willst du mich totschießen? Mit der alten schlechten Büchse?«
»Sie ist nicht schlecht.« Gottfried zeigte das alte Gewehr, und mit raschem Griff riß Burga es an sich, spannte den Hahn und richtete den Lauf auf den Knaben.
»Soll ich euch nun erschießen?«
Beide standen regungslos, dann begann Gottfried zu schelten.
»Gib mir das Gewehr wieder, sonst ergeht es dir schlecht!«
»Du bist überhaupt eine Gefangne und ein Lagerkind!« setzte Konrad, der jüngere hinzu. Aber sie rührten sich doch nicht, und man konnte merken, daß sie ängstlich waren. Burga war zu schnell für sie gewesen und hielt noch immer das Gewehr im Anschlag.
Sie ließ es jetzt sinken. »Geht nur, ich tue euch nichts!«
»Weshalb sollen wir gehen? Die Hütte gehört uns, wir haben sie gebaut, damit wir manchmal auf die Wölfe schießen können. Aber, es ist wahr, die Kugeln treffen nicht immer.«
So sprach Konrad, während Gottfried wieder nach Burgas Stiefel griff und enttäuscht den Kopf schüttelte, als er sah, daß sie nur einen trug.
Es waren keine üblen Jungen; Burga merkte es bald, und da sie einsam war und einsah, daß es besser wäre, im fremden Lande gute Freunde zu haben, so entschloß sie sich, mit den Knaben zu gehen. Zuerst sprachen sie noch davon, daß sie nun ihre Gefangne wäre, aber dann vergaßen sie dies Wort und fragten sie, ob sie nicht mit ihnen kommen wollte. Sie wohnten hinter dem Wald, und ihre Mutter hieß Frau Jutta Hanekamp. Eine Kuh hatten sie und zwei Schweine, viele Hühner und auch Gänse. Es war nicht schlecht auf ihrem kleinen Hofe, Burga würde dort schon wohnen mögen.
Der Himmel war noch grau, aber die Wolken verschwanden allmählich, und auf dem verschneiten Erdboden zitterte hin und wieder ein Sonnenstrahl. Ganz heiter wars im Walde, und daß weiter unten die Elbe ihre grauen Wogen dort wälzte, wo Burga vor wenigen Stunden übers Eis gegangen war, beachtete das Mädchen kaum. Sie faßte Wolf ans Halsband und ging neben den Knaben her. Die Muskete hatte sie wieder an Gottfried gegeben, und Konrad trug den Ledersack, in dem sich noch einige Lebensmittel befanden.
Sie sprachen alle drei von den Wölfen. Ehemals sollten sie nicht hier gewesen sein, aber jetzt waren eine Menge da. Einige Leute sagten, daß sie von der andern Seite der Elbe kämen, andre wollten gesehen haben, wie sie von Norden ins Land zogen. Eigentlich war es ja ganz nett, daß sie da waren: ihr Fell war dicht, und man konnte es gut gebrauchen. Aber sie holten das Vieh aus dem Stall und fielen Menschen an. Das war nicht so angenehm.
So wanderten sie durch den Wald, Wolf schlich langsam hinter ihnen her, und bald kam eine Lichtung, die in einer Schlucht endete, Gottfried zeigte vor sich.
»Da liegt Hanekamps Hof. Hier wohnen wir, und Mutter sucht grade eine Magd, die ihr bei der Wirtschaft helfen kann. Die letzte ist mit den Soldaten gelaufen. Nun kannst du bei uns bleiben und für uns arbeiten!«
Burga machte große Augen. Aber sie erwiderte nichts.
»Freust du dich nicht?« fragte Konrad. »Wenn Mutter dich behalten will, dann brauchst du kein Lagerkind mehr zu sein oder wie du es nennst. Aber natürlich mußt du dich brav benehmen, sonst jagen wir dich wieder weg, nicht wahr, Gottfried?«
Der Gefragte antwortete nicht gleich. Dann hob er die Schultern. »Wir können nicht viel versprechen, die Mutter muß alles bestimmen!«
Bald standen die drei vor einem langen, niedrigen Hause, das sich fest an einen Hügel legte und dessen Dach von Moos und Stroh war, so daß man es schwer von dem Hügel unterscheiden konnte. Eine große Frau mit ernstem Gesicht stand in der geöffneten Haustür und sah den Ankömmlingen entgegen. Auch sie warf auf Burga den mißtrauischen Blick, den diese schon kannte, und als ihre Knaben erklärten, daß sie eine neue Magd mitgebracht hätten, schüttelte sie den Kopf.
»Lagerkinder sind schlechte Mägde!« entgegnete sie kurz, und Burga atmete auf. Es war ihr vorgekommen, als sollte sie in Gefangenschaft gehen, und nun hatte die Frau glücklicherweise keine Lust zu ihr.
»Gewiß bin ich eine schlechte Magd!« sagte sie eifrig. »Ich mag nur umherlaufen, und arbeiten kann ich nicht. Aber, wenn ich ein paar Tage hier bleiben könnte, würde ich mich freuen. Meine Füße sind wund, und mein Hals tut mir weh. Natürlich will ich dafür arbeiten, so gut ich kann, aber nachher will ich sicherlich wieder weggehen!«
Frau Jutta war mit dem fremden Kind auf die Hausdiele getreten. Hier brannte auf dem Herd ein behagliches Feuer, und über ihm hing ein Kessel mit Grütze. Sie duftete appetitlich, und auf dem dicken Eichentisch stand ein Zinnkrug mit Milch. Zwei oder drei Stühle standen in der Nähe des Herdes, und sie waren mit Wolfsfellen belegt. Traulich war es hier und warm. Burga seufzte einen kurzen Augenblick und sah vor sich hin. Dann setzte sie sich auf einen Wink der Frau, erhielt einen Teller mit Grütze und Milch vorgesetzt und aß langsam, während Wolf sich neben sie legte und leise winselte. Da wurde auch ihm ein Holzschüsselchen mit Milch gereicht, und nachdem er getrunken hatte, streckte er sich aus und schlief gleich ein. »Er ist müde, weil er in der letzten Nacht nicht geschlafen hat,« sagte Burga. »Auch ist er krank gewesen, daher ist er nicht so bissig wie sonst. Aber er wird sich schon wieder erholen!«
»Und woher kommst du?« fragte Frau Jutta, die sich gleichfalls gesetzt hatte und ihren Gast aufmerksam betrachtete.
»Ich bin viel umher gekommen!« entgegnete die Gefragte. »Wie alles hieß, weiß ich nicht mehr. Es war mir auch einerlei. So lange der Magister lebte, hat er mir manchmal die Namen der Städte gesagt, nachher, als er tot war, mochte ich nicht mehr fragen.«
»Wer war der Magister?«
Burga erhob sich.
»Werte Frau,« sagte sie etwas steif und halb verlegen. »Ich möchte wohl ein andres Gewand haben und auch um etwas Wasser bitten. Es ist sehr lange her, daß ich mich gewaschen habe, und wenn ich die Gelegenheit habe, tue ich's nicht ungern. Ich kanns auch bezahlen!« Sie legte einen Silbergulden vor Frau Jutta, den diese erstaunt betrachtete.
»Du hast Geld und bist zerlumpt, wie der schlimmste Bettler?«
Burga lächelte ein wenig.
»Ich habe nur wenig Geld, und in den letzten Wochen konnte ich mir nichts kaufen. Vielleicht gebt Ihr mir einen alten Rock, und die Jacke kann ich flicken. Dann wird sie noch wieder gut.«
»Und dann?« mußte Frau Jutta wieder fragen, und das Lagerkind hob die Schultern.
»Ich weiß nicht, was Ihr meint. Wenn mein Rock neu geworden ist und meine Jacke geflickt, dann gehe ich weiter.«
Frau Jutta erwiderte nicht viel. Sie wußte, daß die Zeit hart war, und daß viele Kinder nichts andres kannten, als umher zu streifen. Dies große und starke Mädchen würde sie wohl ins Haus genommen haben, daß sie ihr bei der Arbeit helfe, aber vielleicht war es böse, zündete ihr das Dach über dem Kopfe an und lief dann weiter.
Also holte sie einen alten Rock von sich und eine große Schale mit Wasser und wies Burga in ein Nebengelaß der Küche. Dort konnte sie sich waschen und ordentlich machen. Als Burga allein war, nestelte sie einen kleinen, gestickten Beutel los, der unter ihrer Jacke auf bloßer Haut saß und in dem, sauber eingenäht, etliche Gold- und Silberstücke waren. Nachdenklich betrachtete sie ihren Schatz, säuberte sich gründlich, schlüpfte in Frau Juttas Rock und erschien bald wieder auf der Diele, nachdem sie ihren Beutel von neuem an sich verborgen hatte. Sie hatte jetzt ein andres Ansehen. Ihr Gesicht war viel frischer geworden, und das schmutzige Blond der Haare war einer schönen Goldfarbe gewichen. Frau Jutta sah sie nicht ohne Wohlgefallen an. Die Frau saß am Herde und flickte eine Pelzjacke, und Burga setzte sich neben sie.
»Meine Jacke muß auch genäht werden!« sagte sie. »Wollt Ihr mir Faden und Garn geben, so kann ich's selbst tun.«
»Willst du mir nicht deinen Namen sagen?« fragte Frau Jutta, und Burga streifte den Ärmel ihrer Jacke hinauf und zeigte auf einige eingeritzte Schriftzeichen.
»Es ist ein wenig auseinandergewachsen,« erklärte sie, als Frau Jutta die Zeichen nicht lesen konnte. »Aber ich heiße Walburga Rantzau, und ein Prädikant hat's mir eingeritzt. Weil ich damals noch so klein war, meinte er, ich könnte meinen Namen vergessen.«
Frau Jutta sah Burga mißtrauisch an.
»Ich meine, die Rantzaus sind ein holsteinisches Geschlecht und sehr vornehm. Wie willst du zu ihnen gehören?«
»Sie sind vornehm? Ich weiß es nicht. Ich bin ein Lagerkind, und der Prädikant hat mir den Namen eingeritzt. Er ist lange tot. Er konnte nicht reiten, fiel vom Pferd und brach den Arm. Da ist er nicht wieder gesund geworden, und er mußte bald sterben. Ich habe sehr geweint, und nachher ist der andre Magister gekommen, der gleichfalls gut war. Er ist dann auch totgeschossen worden.«
Burga sprach gleichmütig. Man merkte, daß sie an Tod und Sterben gewohnt war, und Frau Jutta empfand Mitleid.
»Du scheinst ein hartes Leben gehabt zu haben.«
»Ich bins nicht anders gewohnt!« Burga stand auf und sah sich um. »Wo ist mein Hund?« Dann merkte sie, daß er ausgestreckt vorm Herdfeuer lag, und war zufrieden.
»Ihr habt gewiß einen Hund, und ich bin bange, er könnte den meinen beißen. Er ist noch schwach und kann sich nicht so wehren wie sonst. Man hat ihm kürzlich etwas Giftiges zu fressen gegeben, und das ist noch nicht aus seinem Körper. Aber er wird schon wieder gesund werden!«
Jetzt trat Gottfried ein und sah Burga überrascht an.
»Bist du unsre Gefangne? Du hast dich verändert!«
»Ich bin nicht deine Gefangne, aber ich habe mich gewaschen!« lautete die Antwort, und Gottfried warf den Kopf in den Nacken.
»Du darfst mir nicht widersprechen. Natürlich bist du meine Gefangne! Wir werden dich hier behalten, und du darfst für uns arbeiten! Willst du nicht, wie wir wollen, dann mußt du weiter ziehen!«
»Das werde ich auch tun!« entgegnete Burga ruhig. »Meinst du, ich will hier, auf diesem langweiligen Bauernhof, sitzen bleiben? Ich will mich nur ein wenig ausruhen, und ich habe deiner Mutter schon Geld gegeben!«
»Geld?« Gottfried spitzte die Ohren. »Mutter, ist's wahr, daß sie dir Geld gab? Einen Silbergulden? Laß ihn sehen!«
Frau Jutta schüttelte den Kopf.
»Ich zeige ihn nicht. Vielleicht gebe ich ihn dem Mädchen wieder, wenn sie brav ist und mir ein wenig in der Wirtschaft helfen will. Denn ich habe Hühner und Gänse, ein Schwein und eine Kuh; das will alles gewartet sein!«
Burga machte große Augen. »So viele Tiere habt ihr, und es ist noch niemand gekommen, der sie geschlachtet und mit sich genommen hat? Dort, woher ich komme, sind alle Tiere tot, und die Häuser sind verbrannt!«
»Wollte Gott, daß unsre Tiere am Leben bleiben!« entgegnete Frau Jutta schaudernd, und Gottfried deutete auf die alte Muskete, die an der Wand der Diele hing.
»Wer uns etwas tun will, den schieße ich gleich tot!«
»Oder du wirst tot geschossen!« erwiderte Burga und lachte dabei.
Da warf er sich in die Brust:
»Laß die Feinde nur kommen, ich werde schon meinen Mann stehen!«
Frau Jutta gebot ihm Schweigen.
»Prahle nicht! Wir wollen dankbar sein, wenn wir verschont bleiben!«
»Das meine ich auch!« entgegnete das fremde Mädchen und pfiff ihrem Hund.
»Nun kommt, Frau, und zeigt mir Eure Tiere! Wahrhaftig, sowas Lebendiges macht Spaß, und vielleicht bleibe ich ein wenig hier! Aber nur, wenn Ihr mich gut behandelt. Denn unfreundliche Worte und Schläge machen mir kein Vergnügen!«


Nun war Burga schon eine Woche auf dem Hanekamphof und sprach nicht mehr vom Fortgehen. Sie war müde vom Wandern und halb verhungert gewesen; jetzt, da sie sich ausgeruht und gesättigt hatte, mochte sie selbst einsehen, daß sie es gut hatte und daß die Landstraße ihr noch immer blieb, wenn der Wandertrieb sie erfaßte.
Es war auch gemütlich auf dem Hof, jetzt, wo das Frühjahr kam, wo die Vögel zu singen begannen, und die Wandervögel allmählich gen Norden zogen, um andren Platz zu machen. Burga war nicht ungeschickt. Sie konnte gut mit Vieh umgehen, fütterte das Schwein und melkte die Kuh. Auch der Hühnerhof machte ihr Freude, und da ihr Hund sich gleichfalls erholte, so war sie ganz zufrieden. Ganz geschützt lag der Hof — vorbeistreifende Soldaten fanden nicht den Weg, und doch konnte man bald auf die Landstraße kommen, die über die Elbdünen und durch den Wald gen Westen ging. Dorthin, wo landeinwärts das Dorf Wedel lag und am Elbufer das kleine Fischerdorf Blankenese. Aber es war ein weiter Weg bis dahin, und an einigen Stellen stand der Wald so dicht, daß es geratener war, niemals allein zu wandern. Geheuer sollte es auch nicht immer im Walde sein. Dort wo die Teufelsbrücke hart an der Elbe lag, wohnte allerdings keine Hexe mehr, aber im anstoßenden Walde trieben sich die Wölfe umher und auch manchmal die Räuber.
Gottfried und Konrad berichteten einige schauerliche Geschichten, und Burga hörte ihnen gleichmütig zu. Sie war's nicht anders gewohnt, als daß die Welt voll Krieg und Raubens war — natürlich mußte es böse Menschen auf ihr geben; wer es konnte, der ging ihnen aus dem Wege, und wers nicht konnte, der mußte sein Gut und sein Leben lassen.
»Du hast wohl schon viel gesehen!« sagte Gottfried zu ihr.
Die drei jungen Menschen standen auf einer Lichtung, die am Rande des Waldes war, von der man auf die Elbe und auf die gegenüber liegenden Ufer sehen konnte. Gottfried hatte grade eine Geschichte von der Hexe in Teufelsbrück berichtet und war ärgerlich geworden, weil Burga sie nicht glaubte.
»Selbst der Magister, der im Dorf Wedel wohnt, und der uns manchmal besucht, selbst dieser alte Mann glaubt meine Geschichte, und daß die Hexe sich in ein Schwein verwandelte und dann durch die Elbe schwamm. Hast du denn soviel Besseres erlebt, daß du ein so ungläubig Gesicht machst?«
Burga hob die Schultern. »Ein Mensch kann kein Schwein werden! Wenigstens nicht äußerlich. Es gibt Menschen, die schlimmer sind als ein wirkliches Schwein; aber verwandeln können sie sich nicht! Wir haben im Lager auch eine Frau gehabt, die eine Hexe sein sollte. Die Soldaten waren bange vor ihr, und einige kauften sich von ihr einen Brief. Den trugen sie auf der Brust und glaubten, die Kugeln träfen sie nicht. Aber dann sind sie ebenso gut totgeschossen worden wie andre. An sowas muß man nicht glauben; das ist Unsinn!«
»Unsinn!« Gottfried sah Burga mißtrauisch an. »Hexen gibt es, und auch Zauberer! Jedermann sagt es, und du bist töricht, wenn du es nicht glaubst! Ich habe selbst eine schwarze Katze gesehen, die auf einen Baum kletterte, und nachher stand da, wo die Katze eben gewesen war, eine alte Frau mit grünen Augen!«
Burga lachte laut. »Die armen alten Frauen!«
»Lache nicht!« Gottfried wurde empfindlich. »Wenn du mich auslachst, dann werde ich dich strafen!«
Sie achtete gar nicht auf seine Worte, sondern zeigte auf die Elbe. Von Osten her glitt ein großes Schiff durch das Wasser. Es hatte schneeweiße Segel, und vorne sah man zwei blanke Kanonen, die drohend ihren Lauf über den Schiffsrand streckten.
»Was ist das?« fragte sie, und Gottfried lachte spöttisch.
»Das weißt du nicht? Das ist eine Hamburger Bark, die nach draußen in die Nordsee fährt. Nach Engelland hin, oder auch weiter. Da sind Soldaten an Bord, mit Musketen und Spießen, und viel Pulver und Blei. Wenn die Feinde kommen, wird ihnen das Lebenslicht ausgeblasen!«
Immer näher kam das Schiff: es breitete seine Segel noch mehr aus, und auf dem Verdeck standen Söldner in bunten Röcken, sowie Matrosen.
»Die gehen in die Nordsee hinaus, und wohin dann?«
»Ich sagte es doch: nach Engelland. Das ist eine große Insel, und die Leute dort sind sehr reich. Sie kaufen alles, was ihnen die Hamburger bringen, aber diese holen dann wieder Waren, die hier nicht wachsen!«
Gottfried kam sich wichtig vor, und er erzählte eine ganze Geschichte. Von seinem Ohm, Herrn Jobst Hanekamp, der in Hamburg wohnte und vielleicht auch einen Anteil an diesem Schiff hatte. Einmal war Gottfried schon in Hamburg gewesen, als keine Feinde in der Nähe waren und man durch das große Tor nach Hamburg hinein durfte. Die Wächter paßten allerdings sehr auf, und wer hinein wollte, ohne seinen Namen zu nennen, der wurde in den Festungsgraben geworfen. Gottfried aber sagte nur, daß er Hanekamp hieß; da machte die Wache den Torflügel weit auf und erwiderte, der Herr Jobst Hanekamp wäre ein guter Hamburger. Wer so wie er hieße, der könnte in die Stadt kommen.
Gottfried flunkerte gern. So wie er es darstellte, war sein Einzug in Hamburg nicht gewesen. Seine Mutter war mit ihm gegangen und hatte einen Erlaubnisschein gehabt; aber es war Burga einerlei, ob er die Wahrheit sagte oder nicht. Sie sah dem Schiff nach, das die Elbe hinunterging und dem der Wind die Segel blähte. Also, dort weiterhin gab es ein großes Meer, und noch Land — ob dort auch immer Krieg war und verbrannte Häuser, zerstampfte Felder?
»Ist in Engelland auch Krieg?« fragte sie, und Gottfried hob die Schultern. »Davon kann ich nichts sagen, aber wenn der Magister aus Wedel kommt, dann will ich ihn fragen. Er weiß vieles, und manchmal geht er auch nach Hamburg und holt Neuigkeiten von dort. Er hat einen Schein, daß er aus- und eingehen kann, wie es ihm beliebt.«
Die Kinder gingen jetzt wieder ihrem Hofe zu, und Burga trennte sich zögernd von dem Platz, von dem man die Elbe so deutlich sah.
»Warum habt ihr nicht am Wasser gebaut?« fragte sie und zeigte auf einige Fischerhütten am Strande. Die Knaben schüttelten den Kopf. Im Walde war es besser; da konnten die Räuber, die Umhertreiber und Zigeuner den Hof nicht so leicht finden. Hier war auch kein Land für die Kuh, und dann würden die Fischer vielleicht unfreundlich gewesen sein — die hatten es nicht gern, wenn Fremde sich hier anbauten.
Burga war nachdenklich geworden. Sie ging schweigend neben den Knaben her, die wieder von Hamburg sprachen, und dann von Altona. In diesem kleinen Ort waren sie auch schon gewesen, aber es hatte ihnen nicht besonders gefallen. Für ein Dorf war es reichlich groß und für eine Stadt zu klein. Aber wenn man Eier zu verkaufen hatte oder eine Wurst, dann erhielt man mehr Geld dafür als in Ottensen, wo die Bauern immer sagten, sie hätten selbst Eier und Würste und brauchten nichts zu kaufen.
Als die drei wieder nach dem Hanekamphof kamen, stand die Mutter schon in der Tür und sah nach ihnen aus.
»Der Magister ist da!« sagte sie und gebot Burga, im Hühnerstall nach frisch gelegten Eiern zu suchen und den Grütztopf ans Feuer zu stellen.
»Ihr aber wascht euch Gesicht und Hände und kämmt euch die Haare!« wandte sie sich zu den Söhnen, die verdrießliche Gesichter machten, aber doch taten, wie ihnen geboten wurde.
Burga fand einige Eier und ging auf die Diele, auf der ein magerer Mann neben dem Herdfeuer saß. Er hatte ein vernarbtes Gesicht und nur eine Hand, die er Burga entgegenstreckte.
»Guten Tag, Burga, bist du zufrieden, hier zu sein?«
Seine Stimme hatte einen blechernen Klang, aber seine Augen blickten milde.
Burga legte ihre Hand in die seine, während sie ihn von oben bis unten betrachtete.
»Seid Ihr ein Prädikant? Und mit welcher Truppe zieht Ihr?«
Er lächelte.
»Ich bin ehemals ein Prediger gewesen, Burga, aber die Kaiserlichen brannten mir meine Kirche nieder, und auch das Dorf, das dazu gehörte. Seit der Zeit habe ich noch keine Pfarre wieder gefunden!«
Er sprach wehmütig, während Burga den Grütztopf aus dem Heu holte, wo er immer warm stand, und ihn ans Feuer schob, damit er noch heißer würde. Dann zerquirlte sie die Eier in einer Pfanne, setzte sie auf die Flammen und sprach erst wieder, als sie die fertigen Speisen dem Magister hinstellte.
»Es ist übel mit dem Krieg!« sagte sie altklug. »Unsere Prädikanten waren auch meistens von Haus und Hof gejagt und hatten keine Heimat mehr; aber selbst die, die zuerst traurig waren, sind nachher doch ganz lustig geworden. Ihr solltet auch in den Krieg gehen, Magister! Die Soldaten mögens gern, wenn ihnen was vorgepredigt wird!«
Der Magister nahm seinen Holzlöffel aus der Tasche und aß langsam. »Du hast viel vom Krieg gesehen!« sagte er nach einer Weile, und Burga wollte antworten, als die Tür offen ging und Frau Jutta, gefolgt von Wolf, eintrat. Der Hund schnupperte in der Luft und stürzte sich auf Burga, der er winselnd die Hand leckte. In dieser Woche hatte er sich schon erholt, sein Fell war glänzender geworden und seine kurzen Ohren spitzer. Burga streichelte ihn, sagte ihm einige leise Worte, und da legte er sich zu ihren Füßen hin.
»Du mußt ihn nicht hier lassen, wenn du ausgehst!« sagte Frau Jutta zu Burga. »Er hat dich überall gesucht und mich böse angeknurrt, als ich ihn streicheln und ein wenig trösten wollte.«
»Er kann noch nicht so weit gehen!« erwiderte Burga. »Darum ließ ich ihn hier. Auch soll er Euch beschützen, wenn die Feinde kommen. Er weiß auf den Mann zu gehen, und das ist eine gute Eigenschaft!«
»Aber er knurrte mich an!« wiederholte Frau Hanekamp, und Burga faßte Wolf am Halsband und führte ihn zu der Hausherrin.
»Bitte um Verzeihung!« gebot sie. »Diese Frau mußt du lieb haben!«
Da legte sich der Hund demütig vor Frau Jutta, leckte ihre Hand und wedelte mit dem buschigen Schwanz.
»Ein schönes Tier!« lobte der Magister, der sein Mahl beendet hatte und nun aufmerksam dem kleinen Vorgang gefolgt war.
»Er ist von guter Art und hat einem hohen Offizier gehört,« berichtete Burga. »Als ich ihn fand, lag er auf der Leiche und wollte nicht weggehen. Aber dann ist er allmählich hinter mir her gekommen.«
»Du hast schon viel erlebt!« begann der Magister von neuem, und Burga sah ihn ernsthaft an.
»Ich bin ein Lagerkind, Herr! Wie ich dorthin gekommen bin, kann ich nicht sagen, es ist zu lange her.«
»Sie will eine Rantzau sein!« warf Frau Jutta ein. »Sind das nicht sehr vornehme Adlige hier im Lande?«
»Ich will keine Rantzau sein, der Name steht aber auf meinen Arm eingeritzt!« entgegnete Burga. »Ich kann nichts dafür; er hat mir nichts genützt, aber irgend einen Namen muß ich doch in der heiligen Taufe erhalten haben!«
Jetzt erschienen Gottfried und Konrad. Beide rein gewaschen und mit gekämmten Haaren. Sie schienen aber nicht sehr froh zu sein und begrüßten den Magister ziemlich widerwillig. Er zog nun ein Büchlein aus der Tasche, fragte sie nach den zehn Geboten, wollte wissen, wie es mit Schreiben und Lesen stünde, und Burga merkte, daß er den zwei wilden Jungen eine Stunde geben wollte. Frau Jutta winkte ihr auch schon und ging dann mit ihr ins Freie.
»Der Magister kommt einmal in der Woche und sieht nach den Söhnen, damit sie ein wenig lesen und schreiben und dazu die Bibel kennen lernen. Sie dürfen doch nicht zu dumm bleiben.«
»Kann ich nicht auch bei dem Magister sitzen bleiben?« fragte Burga, und die Frau machte ein erstauntes Gesicht.
»Meinetwegen, obgleich es besser wäre, du sähest nach den Glucken, die auf den Eiern sitzen. Denn Mädchen brauchen sich nicht mit Gelehrsamkeit zu plagen, sie müssen kochen und backen lernen und allerhand andres Nützliches, aber lesen und schreiben tut nicht von nöten.«
Burga warf den Kopf in den Nacken.
»Ich meine nicht, daß ich hier eine Dienstmagd bin, sondern eine Freie, die auch schon einen Taler bezahlt hat und gern noch einen dazu legt, wenn es verlangt wird!«
Frau Jutta wurde betroffen, aber auch ein wenig beschämt. Denn sie hatte das fremde Mädchen eigentlich nur als Magd betrachtet und ihr alle Arbeit aufgebürdet, die sich grade fand. Nun dachte sie an den Silbertaler, den sie erhalten hatte, und daß Burga eigentlich für ihre Arbeit Lohn verdiente, anstatt selbst zu bezahlen.
»Geh nur zum Magister!« sagte sie hastig. »Meinetwegen magst du immer bei ihm lernen, wenn du Freude daran findest. Geh nur nicht gleich wieder weg; ich habe dich gern hier und will auch nicht mehr Arbeit verlangen, als du leisten willst!«
Burga war zufrieden und ging sogleich wieder auf die Diele, wo die Jungen mißmutig vor dem Magister saßen und durchaus keine Lust zur Gelehrsamkeit zeigten.
Frau Jutta sah dem Mädchen einen Augenblick nach.
»Ob sie wohl wirklich eine Vornehme ist? Manchmal könnte ich es glauben. Aber es gibt wohl viele vom Adel, die eben so wenig eine Heimat haben, wie die Bürger und Bauern. Ich will mich nicht darum sorgen!«
Und sie ging in den Hühnerstall zu den Glucken, während Burga vor dem Magister saß, ihm alle zehn Gebote hersagte, auf der Schiefertafel mit dem Griffel die Buchstaben des Alphabets malte und schon ganz ordentlich in der großen Bibel lesen konnte. Das war sehr ärgerlich für die Jungen, die sich garnicht denken konnten, daß ein Mädchen mehr von der Gelehrsamkeit verstand als sie. Alle zwei kriegten heiße Köpfe und gaben sich mehr Mühe als sonst, so daß der Magister ein sehr zufriednes Gesicht machte und wohlgefällig auf seine neue Schülerin sah.


Der Magister kam vom Hanekamphof und ging wieder gen Wedel. Das war schon damals ein ziemlich großes Kirchdorf, mehr landeinwärts gelegen, wohin durch Wald und Heide eine schmale Fahrstraße führte. Hier hatte der Magister Timotheus lange nach seiner schweren Krankheit eine Unterkunft gefunden. Denn schwer krank war er gewesen und vom Leben sehr hart geprüft. Hatten ihm doch die kaiserlichen Truppen nicht allein Kirche und Pastorat verbrannt, sondern auch seine Frau und sein kleines Kind erstochen. Er selbst verteidigte seine kleine Familie, bis er besinnungslos und schwer verwundet niederstürzte. Die Soldaten hielten ihn für tot und kümmerten sich nicht weiter um ihn, aber ein alter Bauer, dessen Hof allein von dem ganzen Kirchdorf nicht verbrannt und ausgeraubt wurde, weil er abseits lag, dieser Bauer schlich sich nachher in das zerstörte Pastorat, fand den Magister und trug ihn nach Hause. Es dauerte lange, ehe die gute Bäuerin, die etwas von der Heilkunde verstand, den armen Magister wieder gesund pflegte. Die Soldaten hatten ihm nicht allein die linke Hand abgeschlagen, sondern ihm auch ein ekles Wasser, das man den Schwedentrunk nannte, in den Hals gegossen. Als der schmählich Behandelte wieder zu sich kam, hatte seine Stimme jeden Klang verloren, und sein linker Arm war ohne Hand. Aber er lebte noch und wollte lieber nicht seinen traurigen Gedanken nachhängen, sondern arbeiten, soviel er konnte. Also ging er an die Westküste des Landes, um dort ein Unterkommen zu suchen. Bald, nachdem er auf der Insel Nordstrand angelangt war, kam die große Flut, die siebzehn Kirchen und viel reiche Dörfer mit sich gehen ließ. Die ganze große und wohlhabende Insel wurde zerstört, Tausende von glücklichen Einwohnern verloren ihr Leben, und wer dies rettete, der hatte alle Habe verloren. Der Magister Timotheus hatte nichts zu verlieren: er rettete und half, wo er konnte, aber eine neue Heimat war in dem zerstörten Lande nicht zu finden. Also wanderte er bald hier, bald dorthin, bis er sich einer alten Muhme erinnerte, die in der Elbgegend, im Dorfe Wedel, wohnte. Sie bat er um ein Unterkommen, und sie gewährte es ihm gern.
In Wedel war der Schulmeister von den Soldaten mitgenommen worden, und einige Bauernsöhne sollten doch lesen und schreiben lernen. Also fand Timotheus bald einige Schüler, und der Pastor Rist, der hier nicht allein predigte, sondern auch ein berühmter Dichter war, half ihm weiter, daß er sein Brot finden konnte. Mehr verlangte der Magister nicht; er war nicht allein froh über die Arbeit, sondern auch darüber, daß er andern noch nützlich sein konnte. Und wenn er an seine Frau und an sein Kind dachte, dann sehnte er sich wohl manchmal sehr nach ihnen; aber er wußte, daß es zu heutigen Tagen eigentlich besser war, mit dem Leben fertig zu sein und nicht mehr nötig zu haben, sich vor dem morgigen Tage zu fürchten. Denn der morgende Tag konnte neue Schrecknisse bringen, niemand war sicher, daß er ihn zu Ende erlebte.
Und doch schien heute die Sonne warm, die Vögel jubilierten, und über den Tannen kreiste der Wanderfalke, der in den höchsten Gipfeln sein Nest baute. Er stieß ein scharfes Krächzen aus, und der Magister packte seinen dicken Stock fester und sah sich um. Wenn der Falke so schrie, dann gabs etwas, das ihm nicht gefiel.
Siehe da, es jagte ein Häslein über den Weg und verschwand im Unterholz, während hinter ihm her ein Fuchs stürzte. Da nahm der Magister seinen Stock und warf ihn Meister Reineke zwischen die Beine, daß er einen langen Satz machte und ziemlich beschämt einen andern Weg einschlug. Der Hase war gerettet, aber wie lange? Als der Magister seinen Stock wieder holte, seufzte er, weil er an die armen schwachen Tiere des Waldes denken mußte, die die Beute der Stärkeren wurden. Und dann dachte er an den Fuchsbau, den er grade neulich mitten im Walde gefunden hatte. Vor ihm saßen die kleinen Füchse, spielten miteinander und warteten auf die Mutter, die ihnen etwas zu fressen bringen sollte. Sie kam auch und hatte zwei Hühner im Maul, auf die sich die Kleinen stürzten. Ach ja, die jungen Füchse wollten auch leben, und der Hase wäre wohl ein guter Braten für sie gewesen. Eigentlich mußte man die Tiere alle gewähren lassen. Sie hatten es wahrlich auch nicht leicht, sich durchzubringen.
Nur die Wölfe waren schlimm. Jetzt aber waren sie gen Norden gewandert, wenigstens liefen sie nicht mehr vor Wedel auf der Straße herum und heulten vor den Häusern, wie sie es im strengen Winter getan hatten.
Timotheus ging in so tiefen Gedanken, daß er nicht das Pferdegetrappel hinter sich hörte, bis er von einer scharfen Stimme angerufen wurde.
»He, Schwarzrock, kannst du nicht aus dem Wege gehen, wenn mein Pferd kommt?«
Timotheus blieb stehen, sah sich um und blickte auf zwei dänische Dragoner, die langsam hinter ihm her kamen. Er trat zur Seite und zog den Hut. Holstein gehörte dem König von Dänemark, und diese Reiter sollten also Freunde sein, aber in heutigen Zeiten waren die Soldaten überall wild und ungebärdig: die des eigenen Landes benahmen sich oft grade so schlecht, wie die Feinde.
Daher hoffte er, daß die Dragoner vorbei traben würden, aber, der ihn angerufen hatte, blieb neben ihm halten und zwirbelte seinen langen grauen Schnauzbart.
»Ich bin der königlich dänische Wachtmeister Balthasar und jeder, der mir begegnet, muß mir gehorchen!« sagte er drohend, während Timotheus seinen Hut wieder aufsetzte.
»Was wünscht Ihr denn?« erkundigte er sich, und Balthasar sah ihn unzufrieden an.
»Weshalb setzest du deinen Hut wieder auf, wenn du von mir angeredet wirst, das schickt sich nicht!«
»Weshalb nennt Ihr mich du, wo ich doch die Höflichkeit bewahre und Euch nicht dutze?« erkundigte sich der Magister, worauf der Wachtmeister rot im Gesicht wurde.
»Weil mir das so paßt, mein Freund! Wir Soldaten sind hier die Herren, und kein Schwarzrock hat uns etwas zu sagen! Vorwärts, marsch, Schwarzrock! Zeige uns die Häuser, in denen Jungen aufwachsen! Der König braucht Soldaten! Wo die Bengel vierzehn Jahre alt sind, da müssen sie in den bunten Rock, was bekanntlich eine Ehre ist! Nun, vorwärts, marsch!«
Er wollte nach dem Magister greifen, der aber sprang behende über den Graben, der Landstraße und Wald von einander trennte, und erwiderte:
»Ich kenne keine Häuser, in denen heranwachsende Knaben sind! Und kennte ich sie, würde ich sie dir nicht verraten! Eins aber will ich dir sagen, Freund! Auf derselben Landstraße, auf der du jetzt reitest, sind vor wenig Stunden wohl ein Dutzend schwedische Reiter gezogen! Wenn du denen in die Hände fällst, kann es dir schlecht ergehen!«
»Du lügst!«
Des Wachtmeisters grimmiges Gesicht ward noch grimmiger, und er winkte dem hinter ihm reitenden Dragoner, der seinen Karabiner bereits auf den Magister angelegt hatte.
»Schieß los, Jens! Dieser schwarze Kerl ist zu frech! Mich wagt er du zu nennen? Das soll er büßen!«
Der Dragoner schoß wirklich, aber die Kugel schwirrte weit über des Magisters Kopf in die Bäume, zwei Vögel flatterten auf, und ein Eichkätzchen fuhr den Stamm hinab, mehr geschah nicht, und Timotheus stand noch immer aufrecht.
»Ich habe dich gewarnt, Mann!« rief er noch einmal. »Wende dein Pferd und reite auf Ottensen zurück oder gar gen Altona. Zwei dänische Reiter, auch wenn sie tapfer sind, sind zu wenig gegen ein Dutzend Schweden!«
Seine Warnung verhallte. Auch der Wachtmeister schoß jetzt hinter ihm her, und noch einmal schüttelten die Zweige ihr Haupt, während einige kleine kaum erschlossene Blätter zur Erde flatterten. Der Falke krächzte, eine Weihe strich mit raschem Flug über den Magister dahin, der jetzt mitten im Unterholz zwischen Dornen und Buchengestrüpp stand und eilig weiterging. Dazu schüttelte er den Kopf. Er wußte, daß die Dänen mit ihren schweren Pferden ihm nicht nachreiten konnten; und die meisten Kugeln trafen bekanntlich auch nicht. Darum war er auch nicht sehr ängstlich gewesen, er ärgerte sich nur, daß diese rohen Menschen sich gerade so aufführten, als wären sie Feinde wie die Schweden und die Kaiserlichen.

Sie verlangten nicht allein Speis und Trank von den Bewohnern, sie wollten auch noch ihre Söhne haben, um sie gegen den Feind zu führen. Und dann konnte es geschehen, daß die jungen Leute ebenso hart und heftig würden wie dieser Wachtmeister.
Timotheus hörte noch die Stimmen der Dragoner. Sie schalten hinter ihm her und sandten einige Kugeln in den Wald, aber das war nur aufs Geratewohl, und der Magister machte sich nichts daraus. Aber er war traurig, sprach allerhand vor sich hin und wandte sich dann seitwärts der Elbe zu, deren steiles Ufer er hinabkletterte, um ein kleines Fischerhaus aufzusuchen, das hier zwischen Bäumen und Unterholz verborgen lag. Hier wohnte der Fischer Hans Peter, dem ein großes Boot gehörte, mit dem er auf den Fischfang ausging. Der Magister war schon oft mit ihm zu Wasser ziemlich weit hinausgefahren, und auch heute wollte er ihn bitten, ihn mitzunehmen. Dann brauchte er nicht den langen Landweg nach Wedel zu machen, sondern konnte hinter Blankenese ans Land gehen, um von da sein Dorf zu erreichen. Das Ufer war dort mit Wald bedeckt und so zerklüftet, daß es einem Fremden schwer halten mußte, sich zurecht zu finden. Weder dänische noch feindliche Soldaten würden hierher den Weg auskundschaften, und nur die Strandbewohner kannten die heimlichen Pfade und einige Höhlen in den Dünen.
Hans Peter stand in seinem Boot und schöpfte Wasser aus. Er war ein großer, ungeschlachter Mann, der selten den Mund auftat und dann auch nur, um ein Stück Tabak hinein zu stecken. Als der Magister zu ihm trat und sein Anliegen vorbrachte, schien er kaum zuzuhören, schüttelte dann aber nach einer Weile den Kopf.
Der Magister verstand ihn.
»Willst du nicht fahren?«
»Schweden!« erwiderte Hans Peter nach einer Pause. »Hast du sie auch gesehen?«
Mit dem Daumen zeigte Hans Peter auf ein großes Boot, das in der Ferne kreuzte.
»Lieber Gott,« der Magister seufzte. »Nun fahren sie schon in Booten auf dem Wasser! Ist denn niemand, der ihnen Einhalt gebieten kann?«
Hans Peter zuckte die Achseln. »Ich nicht, aber —« er wies mit dem Daumen auf eine schwarze Wolke, die vom Westen her kam.
»Boot kann leck springen!« sagte er mit kurzem Auflachen. Zog sein Fahrzeug ans Land und zeigte auf sein Häuschen.
»Bier und Brot!« setzte er mit einer Miene hinzu, die freundlich sein sollte.
Timotheus ging mit ihm. Dort oben im Wald wars wirklich nicht geheuer. Dem Wachtmeister noch einmal zu begegnen, war ebensowenig angenehm, als die Schweden wiederzusehen, die am Morgen mit Waffengeklirr über die Landstraße geritten waren. Da konnte man es sich schon gefallen lassen, bei Hans Peter Dünnbier zu trinken und dazu geräucherten Fisch und Brot zu essen. Heimlich und still war es in der Hütte. Das Feuer brannte auf dem Herd, und der Rauch zog durch ein Loch im Strohdach. Auf dem Herd saß die Katze, die jetzt aufstand und Hans Peter entgegenging. Sie rieb sich an seinen Beinen und ließ sich dann auch von Timotheus streicheln. Sie war Hans Peters einzige Gesellschaft. Ehemals hatte er eine Frau gehabt und auch zwei Söhne. Aber die Frau war schon lange tot, und die zwei Jungen waren in die Weite gegangen. Das war lange her — wenn der Magister den Fischer fragte, wie viele Jahre er allein hause, dann schüttelte dieser den Kopf, er wußte es nicht. Oft, sehr oft war der Winter wiedergekommen und der Frühling, seitdem er allein wohnte. Daher hatte er auch das Sprechen verlernt und konnte nicht begreifen, daß andre Menschen sich immer etwas zu erzählen hatten. Aber wenn der Magister zu ihm kam, dann freute er sich doch und horchte darauf, was dieser ihm berichtete.
So saß er denn auch heute vorm Herde, nahm die Katze auf den Schoß und ließ sich erzählen. Von den schwedischen Reitern, die heute morgen so lustig durch den Wald geritten waren und so große Eile gehabt hatten, daß sie den Magister, der sich hinter den Bäumen versteckt hielt, nicht sahen. Wahrscheinlich ritten sie landeinwärts, einem der Edelhöfe zu, die noch nicht ganz ausgeplündert waren. Hans Peter brummte. So wars wohl, und die andern Schweden, die unten in Neumühlen ein altes Boot weggenommen hatten und mit ihm davonfuhren, die gingen auch auf Raub aus. Aber das Boot konnte leck springen, und wie Hans Peter langsam mit vielen Zwischenräumen sprach, wie es allmählich Abend wurde, da pfiff es plötzlich aus Südwest, und die großen Bäume über dem Fischerhaus knarrten. — — — — — — —
Die ganze Nacht hindurch heulte der Sturm, und Timotheus konnte sich freuen, auf einem mit Seetang gefüllten Sack zu liegen und über sich ein Schafsfell zu haben, das wundervoll warm hielt. Er schlief auch einigermaßen, wenn er sich auch grämte, daß nun die Dänen alle Häuser der Umgegend nach jungen Knaben durchsuchten, die Soldaten werden mußten. Was würde Gottfried Hanekamp sagen, wenn er weggeführt wurde, und was sollte Frau Jutta dann beginnen? Mit Konrad allein konnte sie ihren Hof nicht bewirtschaften! Und in Blankenese und Wedel waren auch halbwüchsige Knaben, die nicht entbehrt werden konnten von ihren Eltern. Danach aber fragte der dänische König nicht, und wenn er auch vielleicht ein guter Herr war und Mitleid gehabt hätte, wenn man ihm die Sachen vorstellte, so kamen die Geringen doch nicht an ihn heran, und die Vornehmen um ihn, die sein Ohr hatten, kümmerten sich nicht um das Elend der Kleinen. Mit diesen Gedanken schlief der Magister ein, mit ihnen wachte er auf. Plötzlich war es schon ziemlich hell, und der Fischer hockte vorm Herd und kochte seine Grütze. Der Regen schlug gegen die kleinen, in Blei gefaßten Fensterscheiben, und die Elbe schien sehr aufgeregt. Man hörte ihre Wogen auf den Strand klatschen und dazwischen das zornige Brausen des Windes.
»Keine Bootfahrt!« sagte der Hans Peter kurz, als der Magister sich vom Lager erhob, und Timotheus mußte ihm schon glauben. Durch den Sturm war das kleine Boot weit auf den Strand getrieben worden, und es konnte noch Stunden dauern, bis die zornigen Wogen sich beruhigten.
Nachdem also der Magister die Morgengrütze gegessen und sich für das Nachtquartier bedankt hatte, stieg er wieder die Düne hinauf und begab sich zu Fuß auf den Heimweg. Der Weg war vom Regen durchnäßt, der Sturm hatte große Zweige von den Bäumen gerissen, daß das Gehen mühselig war, und im Walde stöhnten und knarrten die Bäume, als wollten sie sich beklagen, daß sie so unsanft behandelt wurden. Dem Magister aber war das Wetter schon recht. Dann lagen weder Schweden noch Dänen auf der Landstraße, sondern verkrochen sich irgendwo, wo es warm und behaglich war. Also konnte man ruhig seines Weges gehen und brauchte nichts Unangenehmes zu fürchten. Denn wenn der Magister auch nicht furchtsam war, so ging er doch lieber einer Gefahr aus dem Wege, als daß er sie aufsuchte.
Es war einsam im Walde. Die Vögel saßen im Schutz ihrer Nester, und wenn der rote Fuchs von gestern noch lebte, dann hockte er bei seinen Jungen oder spürte vielleicht dem Hasen nach, den er gestern nicht bekommen hatte.
Aber der Magister war doch weise geworden und ging lieber auf einem schmalen Waldpfad, als daß er die Landstraße benutzte. Der Wind pfiff noch immer, und dazwischen rauschten die Bäume, aber es wurde stiller, und mit einemmal kam ein Sonnenstrahl. Timotheus blieb stehen und sah, wie er durch die braunen Zweige und über die kleinen zarten Blätter des Unterholzes glitt. Der böse Winter war zu Ende, wenn auch der Sturm noch tobte. Und vielleicht ging auch einmal der Krieg zu Ende — obgleich man es nicht anders kannte.
Unwillkürlich blieb der Magister stehen und dachte an die Zeit, da er noch eine Frau und ein liebes Kind gehabt hatte. Der Krieg hatte ihm beides genommen und auch seine Kirche, in der er so gern predigte. Nichts war von dem Dorf übrig geblieben, als verbrannte Häuser. Er selbst war lange ein schwerkranker Mann, und als er gesund wurde, hatte er eigentlich keine Lust mehr zu leben. Und dennoch lebte er, und die Sonne schien ihm ins Gesicht, während über ihm ein Rabe krächzte.
Timotheus hob den Kopf. Er ging fast jeden Tag in den Wald und kannte seine Stimmen; wenn der Rabe so krächzte, dann spürte er Beute. Lief dort vielleicht ein junger Hase, oder sah der schwarze Gesell ein Vogelnest, wo der die Jungen fressen wollte? Vorsichtig ging der Magister weiter und blieb dann wieder stehen. Es kam ein sonderbarer Laut von den Bäumen her — das war kein Tier, sondern ein Mensch! Wieder krächzte der Rabe, und Timotheus ging dorthin, wo der große Vogel schwebte und unverwandt nach unten äugte. Dann stieß er einen Ruf des Mitleids aus und stürzte auf den dänischen Wachtmeister zu, der gestern auf stolzem Roß gesessen hatte und nun an eine der alten Tannen festgebunden war. In seinem Munde steckte ein dicker Knebel, so daß er nicht schreien konnte, nur hin und wieder stieß er dies Stöhnen aus; aber sein Kopf hing ihm schon tief auf die Brust. Schadenfroh koaxte der Rabe — nicht lange mehr brauchte er zu warten, dann konnte er sich den Gefesselten ganz aus der Nähe betrachten.
Aber seine Freude kam zu früh. Der Magister zog dem Wachtmeister den schmerzhaften Knebel aus dem Mund, zerschnitt seine Stricke und stützte ihn, als dieser, fast gelähmt, beinahe hingefallen wäre. Vorsichtig ließ der Retter ihn auf einen umgestürzten Baumstamm sitzen und kühlte ihm mit einem in das nasse Gras getauchten Tuch das blau gedunsene Gesicht. Der Wachtmeister war ein kräftiger Mann. Nachdem er einige Minuten verschnauft hatte, griff er nach der Brotrinde, die ihm Timotheus hinhielt, begann sie zu kauen, rieb seine schmerzenden Glieder und fluchte.
»Diese Schweden! Hinterrücks überfallen sie mich, nehmen mir die Waffen und das Pferd weg und binden mich an den Baum. Aber es sind Dummköpfe. Totschlagen hätten sie mich müssen, dann würde ich mich nicht rächen können, während jetzt — —« drohend erhob er die Hand, die aber kraftlos wieder niedersank.
»Denkt nicht gleich an die Rache!« ermahnte der Magister. »Freut Euch, daß Ihr mit dem Leben davonkamet!«
Der Wachtmeister sah ihn verdrießlich an.
»Laß das Predigen, Schwarzrock! Gib mir Geld, daß ich mir wieder einen Säbel und einen Karabiner kaufen kann! Diese Schweden sollen alle von meiner Hand sterben!«
»Ich habe kein Geld!« Der Magister mußte über den Unverschämten lachen. »Geh dorthin, woher du kamest. Die Dänen werden dir schon die Waffen wiedergeben.«
Mit diesen Worten ging Timotheus weiter.
»Halt!« Der Wachtmeister schrie es hinter ihm her. »Halt! Verlaß mich nicht! Siehst du denn nicht, daß ich noch nicht wieder gehen kann, und du willst mich hier allein lassen? Wenn ich dies der Obrigkeit berichte, wird sie dich strafen!«
»Meinst du? Vielleicht wird dir die Obrigkeit sagen, daß man den, der einem das Leben rettet, höflicher behandeln muß, wie du es tust!«
»Wenn du mir das Leben rettetest, dann mußt du auch weiter für mich sorgen!« rief der Wachtmeister und versuchte, sich aufzurichten, um den Magister zu ergreifen. Aber die Glieder versagten ihm, und er verlegte sich nun aufs Bitten.
»Herr Magister, wohledler Herr; helft mir doch! Ich bin doch ein dänischer Soldat und ein sehr guter Wachtmeister! Fragt nur meinen Obristen, den Herrn von Pechlin in Altona! Ich bin ein herzensguter Mensch, Herr Magister, und an meiner rauhen Sprache müßt Ihr Euch nicht stoßen! Das gehört nun einmal zum Kriegshandwerk und ist grade so, wie Ihr beim geistlichen Stande Barmherzigkeit üben müßt. Ich hab auch einmal Magister werden wollen, aber der Säbel paßte besser für mich!«
»Das glaube ich wohl!«
Der gutmütige Magister war wieder näher gekommen und half endlich dem Wachtmeister, so daß dieser sich auf ihn stützen konnte.
»Langsam, langsam!« knurrte er. »Immer vorsichtig, sonst sollst du mal sehen!« Und er versuchte, den kleineren Magister so fest zu halten, daß dieser sich nicht zu rühren vermochte.
Aber Timotheus war gewandt, trotz seiner fehlenden Hand. Mit einer schnellen Bewegung machte er sich frei und sagte ruhig: »Wenn du dich nicht ordentlich benimmst, Wachtmeister, lasse ich dich hier sitzen!«
Dieser unterdrückte einen Fluch und wurde wieder höflich.
»Entschuldigt nur, Herr Magister! Die Galle ist bei mir durch die Schweden in Unordnung geraten. Sie wird erst wieder besser, wenn ich die Kerle alle in die Pfanne gehauen hab!«
Nun ließ er sich ganz ordentlich führen, stöhnte manchmal auf und murmelte einen Fluch. Aber wenn er in das ernsthafte Gesicht des Magisters sah, dann nahm er sich zusammen und hütete sich wohl, den Unwillen seines Retters zu wecken. Es dauerte wohl einige Stunden, aber, als die Mittagsstunde vom Kirchturm zu Wedel schlug, da brachte der Magister den Wachtmeister zu seiner alten Muhme, die schon in der Haustür stand und nach ihm aussah. Sie war wohl achtzig Jahre alt und ein hageres Weib mit verrunzeltem Gesicht. Aber ihre Augen waren klar und hell, und als sie den dänischen Reiter sah, der müde und in zerrissener Uniform vor ihr stand, da machte sie weder ein großes Geschrei, noch schlug sie die Hände über den Kopf zusammen. Sie setzte den lahmen Mann ans Herdfeuer und brachte ihm gleich einen Becher mit warmer Milch, den er gierig hinunterstürzte. Dann bereitete sie ihm ein Lager und deckte ihn mit einem alten Federkissen zu.
»Er muß ausschlafen und sich erholen!« sagte sie zu dem Magister, der ernsthaft nickte.
»Wir müssen ihn wohl aufnehmen, aber ich fürchte, er taugt nicht viel!«
»Darnach sieht er aus!« entgegnete die alte Frau. »Aber wir müssen ihm doch Barmherzigkeit erweisen. Du würdest ihn auch nicht auf der Straße liegen lassen!«
»Vielleicht wäre es das Beste gewesen!« erwiderte Timotheus, aber Mutter Mumsen hörte ihn nicht, und das war auch eben so gut. Denn sie würde ihn wohl ein wenig gescholten haben.
Eine Woche blieb der Wachtmeister bei Mutter Mumsen und bei dem Magister. Er war ganz manierlich geworden und sprach sogar von Dankbarkeit. Das kam wohl daher, daß er noch in allen Gliedern Schmerzen spürte, und vielleicht auch davon, daß die Schweden die ganze Gegend unsicher machten, bald hier, bald dort einfielen und brandschatzten. Die Dänen waren nicht stark genug, sie zu vertreiben, und mußten sich vor ihnen verstecken. Eines Tages aber hieß es, daß die letzten Schweden weiter nordwärts gezogen wären, und da wurde der Wachtmeister wieder vergnügt und herrisch. Er konnte jetzt wieder gehen, versuchte, ein Pferd zu besteigen, das einem Bauern gehörte, und ritt dann gleich nach Altona, um sich bei seinem Regiment zu melden. Er hatte versprochen, das Pferd wieder zu bringen, aber er blieb weg, und der Bauer schalt auf den Magister.
»Wenn der Kerl nicht bei euch gewohnt hätte, ich würde ihm meinen Fuchs nicht geliehen haben!«
»Ich habs Euch nicht geraten!« erwiderte Timotheus, aber der andre blieb doch verdrießlich. Es war ein Glück, daß plötzlich einige herrenlose Pferde bei Blankenese aufgegriffen wurden. Sie mußten den Schweden gehören, denn sie hatten Zaumzeug in den schwedischen Farben. Wo aber waren ihre Reiter? Niemand wußte es zu sagen, und niemand fragte danach. Der Bauer suchte sich das beste Tier aus, und auch die andern Leute, die ein Pferd brauchen konnten, versorgten sich. Eins aber nahm der Magister an sich und führte es zum Hanekamphof.
»Ich meine, Frau Jutta, ein Gaul wäre nicht übel für Euch!« meinte der Magister, und die Frau bedankte sich.
»Es ist gut von Euch, an uns zu denken! Ich fürchte nur, das Tier wird bei uns nicht satt. Wir haben nicht allzuviel Hafer!«
»Bald könnt Ihr es auf die Weide schicken,« tröstete Timotheus. »Soldatenpferde dürfen nicht zu gut gefüttert werden, sonst werden sie faul!«
Gottfried und Konrad waren froh über das Geschenk, und auch Burga streichelte den Schimmel, der eine dichte Mähne hatte und einen langen Schweif.
»Es ist ein feines Tier und eigentlich zu schön für die Feldarbeit,« meinte sie, und Gottfried stieß sie unsanft zur Seite.
»Was weißt du von feinen Pferden? Du bist doch nur ein Lagerkind, und wir haben dich aus Barmherzigkeit aufgenommen!«
Auf diese Worte antwortete Burga nicht, aber die Falte zwischen ihren Augen, die fast schon verschwunden war, vertiefte sich wieder, und Gottfried traf ein finsterer Blick.
Doch als Frau Jutta nachher nach ihr rief, kam sie gehorsam und arbeitete, wie es ihr gesagt wurde.


Nun kam allmählich der Sommer, und es wurde heiß. Die Bäume hatten ihr frisches grünes Kleid angelegt, an den Zweigen der Tannen wuchsen die hellgrünen Schößlinge, und die Vögel fütterten ihre junge Brut. Auf dem Hanekamphof wanderten drei Glucken mit ihren Kindern umher, und die Kuh stand im hohen Gras, fraß, bis sie nicht mehr konnte, und brummte ein wenig mit ihrem Kalb herum, das erst wenige Wochen alt war und lieber Milch trank, als daß es Grünfutter nahm. Es war eine schöne Zeit; von den Schweden hörte man nichts mehr, und die dänischen Dragoner hatten sich auch nicht wieder auf der Landstraße sehen lassen. Vielleicht hatte ihr Obrist sie nach einer andern Gegend geschickt, und das war gut. Es war die Zeit, da auch die Hamburger sich aus ihren Stadtmauern wagten, die Zugbrücke über den Pepermolenbeck, den Grenzbach zwischen Hamburger und Altonaer Gebiet, hinabließen, und sich die Ortschaft Altona betrachteten. In Altona standen schon viele Häuser, einige Straßen waren angelegt, und auf der Südseite erhob sich ein Galgen. Denn, wenn eine Ortschaft auf sich hielt, dann errichtete sie natürlich einen Galgen, grade, wie sie auch ein Gefängnis haben mußte. Auch das war in Altona zu finden, und Herr Jobst Hanekamp, der an einem frühen Maimorgen einige Geschäftsgänge in dem neuen Dorf zu machen hatte, sah sich zufrieden um. Ihm war es ganz recht, daß hier, an der Elbe, eine Ortschaft lag, in der einige Kaufleute wohnten, mit denen er handeln konnte. Handelte er doch mit getrockneten Fischen, mit Seehundsfell, mit Tran, mit allem, das aus dem Meere kam, und die Kaufleute hier konnten ihm frische Ware besorgen, wie er sie für seinen Handel nach dem Inlande brauchte.
Herr Jobst Hanekamp war ein kleiner Mann mit rotem Gesicht und mit einer großen dunklen Perücke auf dem Kopfe, die ihm etwas Majestätisches gab. Gewuchtig schritt er über die ungepflasterten Straßen, und begab sich zu einem Geschäftsfreund, der in der Nähe des Hafens wohnte, und von dem er einige Fässer mit Tran kaufen wollte. Aber der Freund war nicht daheim; er war hinüber nach der Insel Finkenwärder gefahren, wo er mit den Fischern handelte. Bedächtig schritt Herr Jobst jetzt auch an das lustig plätschernde Wasser, betrachtete die Kauffahrteischiffe, die hier vor Anker lagen, und schüttelte den Kopf über einige dänische Dragoner, die auf den Brückenbohlen in der Sonne lagen und fest schliefen.
»Soldaten sind doch faule Kerls!« dachte er bei sich und ließ dann seine Blicke umherschweifen. Denn ihn war plötzlich die Lust angekommen, eine kleine Wasserfahrt zu machen. Dort hinter Ottensen und Neumühlen wohnte ja seine Nichte, die Frau Jutta mit ihren Söhnen, und wenn er im Winter ihrer sicher nicht dachte, so meinte er, daß die Landluft im Monat Mai für einen Großstädter nur gesund sein könnte. Die Zeiten schienen wirklich ruhiger zu werden, da mußte man sich einmal nach den andern Hanekamps umsehen.
Grade wollte Klas Stolz aus Finkenwärder mit seinem leeren Boot von der Brücke abfahren, als Herr Jobst ihn anrief.
»He, guter Freund, willst du einige Schillinge verdienen, so nimm mich mit!«
»Wohin?« Klas schob sein Boot wieder fest an die Brücke. Denn einige Schillinge verdiente er gern.
»So herum nach Neumühlen oder Teufelsbrücke!« rief Herr Jobst. »Ich war noch nie auf dem Hanekamphof, aber da herum muß er liegen!«
»Ich weiß, wo er ist!« sagte der Fischer, und der Kaufherr stieg vorsichtig ein.
»Also fahre mich, wo ich am ehesten zu ihm gelangen kann, und wenn du mir den Weg zeigst, will ich noch einen Schilling mehr bezahlen!« Klas nickte nur, faßte die Riemen an und ließ sein schweres Boot mit der Ebbe gehen. Denn das Wasser lief grade in die Nordsee, und das Rudern war leicht.
Herr Jobst bekümmerte sich nicht viel um den Fischer, er ließ seine Augen umherschweifen und wurde verdrießlich.
»Die Leute hier sind unordentlich!« tadelte er. »Ehemals standen hier doch nette kleine Häuser, und nun haben sie kein Dach mehr, oder sie sind abgebrannt.«
»Das kommt vom Krieg!« erwiderte der Fischer, und Jobst schüttelte den Kopf.
»Der Krieg muß jetzt bald zu Ende sein; ich weiß, daß über den Frieden beraten wird. Da müssen die Leute vernünftig werden und ihre Häuser wieder in Ordnung bringen!«
Klas Stolz hob die Ruder aus dem Wasser, daß schimmernde Tropfen von ihnen fielen. »Sicher ist es hier noch nicht!« meinte er. »Noch gar nicht so lange ist es her, da sind wohl ein Dutzend Schweden von Neumühlen die Elbe hinunter gefahren, weil sie einmal nachsehen wollten, wo an der Küste noch was zu holen wäre. Ihre Pferde hatten sie hinter Blankenese bestellt, und ein Knecht mußte dort auf sie warten. Aber es kam die Nacht ein Sturm, und das Boot muß leck gesprungen sein. Von den Schweden ist nichts mehr gefunden worden, und der Knecht, der bei den Pferden wartete, ist totgeschlagen worden. Die Bauern in der Gegend haben ganz feine Pferde zur Feldarbeit, und das ist ihnen zu gönnen. Denn alle Pferde, die einst ihr Eigentum waren, sind ihnen genommen!«
»Dummes Zeug!« Herr Hanekamp zog die Stirn kraus. »Solche Geschichten mußt du nicht berichten, Freund! Da könnte ich ängstlich werden, bei Teufelsbrück aus dem Boot zu steigen. Aber, du sagst ja selbst, daß die Bauern jetzt gute Pferde haben — also ist doch niemand gekommen, sie ihnen wieder abzunehmen, und das Land ist ruhig. Du mußt nur mit mir nach dem Hanekamphof gehen. Dann kannst du mich morgen wieder abholen. Denn wenn ich einmal die weite Reise mache, will ich auch etwas von der Fahrt haben!«
Klas nickte, und wie er nun in Teufelsbrück anlegte, trat er aus dem Boot, half dem Herrn heraus und schickte sich gerade an, sein Fahrzeug festzumachen, als es aus dem Baumgestrüpp knallte, und eine Stimme rief:
»Ergebt euch, sonst schieße ich noch einmal!«
Herr Hanekamp sah sich nicht um. Er war dick, und man konnte denken, daß er nicht gut laufen konnte. Aber er war mit Windeseile in den angrenzenden Wald gelaufen, der sich hart an der Elbe und neben dem Bache, der die Flottbeck genannt wurde, erhob. Hier kauerte er hinter einem dicken Busch, rückte seine Perücke gerade und griff nach dem Degen, den er an seiner Seite trug. Wenn es galt, dann wollte er sein Leben verteidigen. Aber er hörte nur noch einmal schießen und einen Schrei — dann wurde alles still. Also kroch er aus seinem Busch hervor und wollte sich grade umsehen, als eine derbe Faust ihn packte.
»Aha, hier haben wir den Heringsprinzen! Kerl, gib Geld, oder ich schneide dir die Kehle ab!«
Ein großer rothaariger Mann, in Lumpen gehüllt, stand vor ihm. Er hatte einen struppigen Bart und kleine, unheimlich blitzende Augen, mit denen er Herrn Hanekamp von oben bis unten betrachtete. Ein großes Messer hielt er in der Hand, aber er steckte es wieder in die Scheide.
»Mein Junge,« sagte er zu Herrn Hanekamp, »du siehst mir nicht aus, als wolltest du dich wehren. Da will ich dir dein Leben schenken. Zieh nur rasch deine Kleider aus! Sie scheinen mir sehr gut zu sein, und ich kann sie gerade gebrauchen. Und was du an Geld besitzest, lege dazu. So'n bißchen Mammon ist nicht vom Übel, und ich bin gewiß, daß du ihn mir gern gibst.«
Herr Hanekamp war ein verständiger Mann. Er ärgerte sich nicht wenig über den unverschämten Räuber, aber er sah ein, daß er sich fügen mußte. Lieber wollte er seinen Rock und sein Geld hergeben, als sein Leben. Also begann er sich langsam zu entkleiden, und der Räuber stand dabei und lachte.
»Ich hab Glück! Ein so fetter Vogel wie du, ist mir lange nicht ins Garn gesogen! Alle Wetter, du trägst sogar ein Hemd? Das habe ich seit Jahren nicht auf dem Leibe gehabt! Herunter damit, mein Junge! Du hast gewiß noch mehr von dem Kram zu Hause, und ich möchte wirklich wissen, wie es tut, so feine Leinwand auf der Haut zu haben!«

»Laß mir mein Hemd!« bat Herr Hanekamp; aber der Räuber wollte es ihm grade vom Leibe reißen, als eine helle Stimme rief: »Faß ihn, Wolf!«
Ein großer Hund legte seine Tatzen auf die Schulter des Rothaarigen und sah ihn an mit glühenden Augen. Dabei streckte er seine rote Zunge lang aus und zeigte zwei Reihen spitzer Zähne. Der Rothaarige stand regungslos. Wie gebannt starrte er auf den Hund, und seine Glieder zitterten.
»Rühr dich nicht, mein Junge!« sagte dieselbe helle Stimme, und ein junges Mädchen stellte sich hinter den Hund.
»Ich rühr mich schon nicht!« brummte der Rote. »Laß den Spaß sein, Burga! Dies ist doch ein Heringsprinz, und ich gebe dir die Hälfte ab, wenn du mich laufen lässest!«
Aber Burga trat nur zu ihm, um ihm sein Messer wegzunehmen, das der Räuber versuchte aus der Scheide zu ziehen, und dann nahm sie ihm auch den Karabiner, der über seiner Schulter hing.
»Guten Tag, Michel!« sagte sie ruhig. »Bist du einmal wieder beim Rauben? Weißt du nicht mehr, was du dem Prädikanten versprochen hast?«
»Ach, die alten Versprechen!« Michel setzte einen Fluch hinzu. »Diese Kerls, die wollen immer etwas Unmögliches, und man braucht es nicht zu halten. Wenn's einem so hanebüchen schlecht geht wie mir, dann muß man wirklich Räuber werden! Sonst kann man Hungers sterben!«
»Geh doch zum Bauern und arbeite!« rief Burga, aber Michel schüttelte den Kopf.
»Dazu habe ich keine Lust mehr. Wer Soldat gewesen ist, der mag nicht mehr auf einem Fleck sitzen und graben! Komm, Burga, ruf deinen Köter weg, denn er hat wirklich ein unangenehmes Gesicht! Und dann laß mir das Geld von dem Heringsprinzen! Ich hatte ihn mir grade eingefangen, und da mußtest du kommen! Etwas muß ich doch für meine Mühe haben!«
Herr Hanekamp hatte sich eilig wieder angezogen und griff jetzt nach seinem kleinen Lederbeutel. »Ich will dir wohl einen Gulden geben, obwohl du ein unverschämter Gesell bist und den Galgen verdienst. Dann aber mache, daß du wegkommst!«
Burga pfiff dem Hund, daß er von dem Räuber abließ, und dieser griff hastig nach dem Geldstück, machte eine Art Kratzfuß und verschwand.
Herrn Hanekamps Perücke war ihm auf ein Ohr gerutscht, und er rückte sie bedächtig wieder grade.
»Es war gut, daß du kamst!« sagte er zu Burga. »Wenn ich das gewußt hätte, was einem in Holstein passieren kann, ich wäre nicht gekommen. Das kommt davon, wenn man seine Verwandten besuchen will!«
»Wen wollt Ihr besuchen, Herr?«
»Den Hanekamphof. Bei dem schönen Wetter wollte ich die Landluft genießen, aber dieser Schreck wird mir sicherlich übel bekommen!«
»Ich komme vom Hanekamphof, und ich geleite Euch gern hin! Er ist nicht mehr weit!«
Herr Jobst betrachtete Burga mit einigem Wohlgefallen.
»Du scheinst mir eine ganz verständige Dirn zu sein, und wenn ich eigentlich keine Hunde ausstehen kann, so muß ich sagen, daß dieses Tier seine Sache nicht schlecht machte. Ich werde ihm dafür einmal einen Schinkenknochen schicken! Nun aber führe mich zum Hof, denn diese Sache hat mich doch recht angegriffen!«
Frau Jutta war nicht wenig überrascht, den Oheim, begleitet von Burga, kommen zu sehen, und die Knaben kämmten und wuschen sich hastig, damit sie vor dem strengen Blick des Hamburgers beständen. Burga mußte einige Lieblingshühner fangen und rupfen, damit es einen guten Braten gäbe, und Gottlieb holte aus dem Keller eine verstaubte Flasche mit Wein.
Herr Hanekamp ließ sich alle Umstände ruhig gefallen. Nach seiner Ansicht war sein Besuch eine große Ehre für die Verwandten, und er berichtete sehr umständlich von dem Räuber, der ihn so unsanft behandelt hatte.
»Aber,« setzte er hinzu, »ich wußte ihn zu nehmen, und er ist seiner Wege gegangen!«
»Ja, Burga kann sich auf ihren Wolf verlassen!« sagte Frau Jutta, aber Herr Hanekamp machte eine abwehrende Handbewegung.
»Ich würde mir schon allein geholfen haben! Mit solchen Strauchdieben werde ich immer fertig!«
Auf diese Worte erhielt er keine Antwort, denn Burga hatte natürlich schon berichtet, wie alles gewesen war. Die Jungen stießen sich an, und Burga lachte.
»Worüber lachst du?« fragte Herr Jobst streng, und sie antwortete: »Ich mußte daran denken, wie lustig es aussah, als der Rote vor Euch stand, und Ihr ihm beinahe auch Euer Hemd gegeben hättet!«
»So war es gar nicht!« rief Herr Hanekamp empört. »Wer bist du denn überhaupt, daß du hier bei meinen Verwandten dich aufhältst? Du scheinst mir auch eine Vagabondin zu sein, da du den Räuber kanntest, und ihn sogar bei seinem Vornamen riefest! Ich muß mich sehr wundern!«
Burga errötete, aber sie sah dem Kaufherrn gerade ins Gesicht.
»Ich bin ein Lagerkind, Herr, und kenne den Roten schon lange. Und wenn er Euch noch einmal anfällt, dann will ich Euch nicht befreien!«
Nun wurde Herr Hanekamp auch rot und murmelte allerlei Unverständliches vor sich hin, während er sich noch einen Becher Wein einschenkte. Denn diese Unterhaltung fand statt beim Mittagsmahle. Frau Jutta begann jetzt von etwas andrem zu reden, aber Burga war still geworden und stand bald auf. Die Knaben folgten ihr, und als Herr Hanekamp mit seiner Nichte allein war, hob er warnend den Finger.
»Mir scheint, du hast einen sehr sonderbaren Gast, liebe Nichte! Man muß nicht zu barmherzig sein!«
»Ich nahm sie nicht aus Barmherzigkeit, sie hilft mir in der Wirtschaft, sie hat etwas Geld, und sie sagt, daß sie Rantzau heißt!«
»Rantzau!« Hanekamp schüttelte den Kopf. »Da siehst du doch, daß sie lügt; eine Rantzau wird nicht in der Welt umherlaufen und Räuber kennen! Ein solches Mädchen würde ich nicht im Hause behalten!«
Er war so eifrig, daß er nicht merkte, wie Konrad schon wieder auf der Diele stand und seine Worte hörte. Eilfertig lief der Junge nach draußen, wo Burga ihrem Wolf grade das Futter gab. Der Hund war wieder ganz gesund und schien größer und stärker geworden. Er tauchte seine spitze Schnauze eifrig in den Futternapf, und es schmeckte ihm ausgezeichnet. Konrad war kein übler Junge, aber er klatschte gern. Er stieß Burga in die Seite. »Weißt du, was der Oheim eben sagte?« Er berichtete, was er gehört hatte. »Du bist natürlich keine Rantzau!« setzte er hinzu. »Ich habs auch nie geglaubt! Das sind furchtbar vornehme Ritter, und du gehörst sicher nicht zu ihnen!«
Der Hund hatte genug gefressen und steckte sein nasses Maul in Burgas Hand. Sie merkte es nicht, sie stand in tiefen Gedanken. Wie jetzt die Wärme gekommen war und das schöne Wetter, da hatte sie schon manchmal Sehnsucht gehabt, wieder durch das Land zu wandern. Aber Frau Jutta war gut gewesen, mit den Knaben vertrug sie sich; wenn der Magister kam, dann sprach sie gern mit ihm, und die Arbeit auf dem Hofe machte ihr Vergnügen. Aber sie war es nicht gewohnt, lange an einer Stelle zu sein; von Land zu Land war sie mit dem Troß gezogen, und im Sommer war es manchmal ganz schön gewesen. Jetzt, da sie satt war, vergaß sie, wie der Hunger sie gequält hatte, vergaß sie, wie schmutzig und zerlumpt sie gewesen war; sie dachte nur an die Freiheit, und daran, daß sie sich nichts von einem verdrießlichen alten Mann gefallen lassen wollte.
Konrad und Gottfried gingen aufs Feld, um der Kuh einen andern Weideplatz zu geben, und Burga pfiff ihrem Hund, steckte sich das von dem Räuber genommene Messer in den Gürtel, fühlte, ob die kleine Geldtasche sicher auf ihrer Brust ruhte, und ging davon. Wenn Herr Hanekamp meinte, daß sie eine Lügnerin, eine Freundin des roten Michels wäre, dann konnte sie ja gehen. Wie undankbar war der Hamburger! Wäre sie nicht gewesen, er liefe nackt im Wald umher und hätte Geld und Kleider verloren! Aber so waren die Leute, die hinter dicken Mauern saßen und die schöne, freie Welt nicht kannten! Die taugten alle nichts, und wenn der rote Michel noch einmal einen Bürger ausraubte, dann würde Burga ihn nicht daran verhindern! Ganz gewiß nicht!
Immer eiliger lief das Lagerkind durch den Wald, dem Elbufer zu, von dem sie gekommen war. Sie wollte wieder über den Fluß und das alte Wanderleben beginnen.
Es war ein schöner, heller Maientag. Überall sangen die Vögel, hier und dort schlüpfte ein Häslein durch den Busch, hart an der Flottbeck ging gravitätisch ein Storch spazieren und fing Frösche; die Elbe spiegelte den blauen Himmel wieder und lag so still, als könnte sie niemals hoch steigen und ihre Wellen donnernd gegen die Dünen schlagen. Burga kannte jetzt die Gegend. Sie kannte die Fischerhäuser am Strand, die einstmals Dächer gehabt hatten und Fenster, und die jetzt zum Teil halb verbrannt und unbewohnt waren. Das kam vom Krieg — darüber mußte man sich nicht wundern. Hinten in Blankenese sollte es besser sein, und im Dorfe Wedel gabs noch die Kirche, das Pfarrhaus und eine Menge von Häusern. Der Magister hatte es Burga erzählt und sie zugleich eingeladen, ihn zu besuchen. Sie würde gern einmal gekommen sein, aber nun wars zu spät; der Magister brauchte auch nicht zu wissen, wohin sie ging. Sie wußte es ja selbst noch nicht! Burga wischte sich die Augen und stampfte dann mit dem Fuß. Sie war doch kein Schreikind, das noch weinte! Sie wollte in die Welt und lustig sein! Und sie legte ihre Hand auf Wolfs Kopf, der sich zärtlich an sie schmiegte. Ja, die vom Hanekamphof mochten sich wundern, daß Burga und der treue Wächter nicht wieder kamen, aber es war ihre eigne Schuld! Warum hatten sie solch häßlichen Oheim!
Wolf steckte die Nase in die Luft und schnupperte.
»Nun, was ist?« fragte Burga, und Wolf knurrte leise. Burga griff nach ihrem Messer. Wölfe gabs nicht mehr, die waren nach Norden gezogen, und wenn hier ein Fuchs umherlief, so mußte er am Leben bleiben. Noch einmal knurrte der Hund und lief dann ins Dickicht, wohin ihm Burga folgte. Da lag ein Mann mit einer Schußwunde im Kopf, und neben ihm hockte ein Junge und weinte leise.
»Ich kann ihn nicht hoch kriegen!« schluchzte er. »Die Räuber haben ihn tot geschlagen!«
Burga beugte sich über den Verletzten.
»Er ist nicht tot. Hol Wasser aus dem Bach. Hast du nicht einen Becher?«
Der Junge trug einen Sack um den Hals. Er nahm einen Zinnbecher heraus und holte eilig Wasser. Burga wusch die Wunde, riß ein Stückchen von dem Sack und verband sie dann.
»Ich hab ihn so gesucht!« wimmerte der Junge. »Heute morgen ist er nach Altona gefahren, und ich wollte mit. Aber er sagte, ich sollte bei Mutter bleiben. Sie liegt zu Bett, und wir haben auch das kleine Kind. Aber heut nachmittag sagt einer von den Fischern, daß Vaters Boot bei Teufelsbrück läge. Ich bin mit der Jolle herüber, und ich kann ihn zuerst nicht finden. Das Boot liegt da —« Er zeigte auf den Strand. »Nun möchte ich ihn wieder ins Boot bringen, aber allein kann ich's nicht!«
Burga sah in sein trauriges Gesicht.
»Bist du nicht von da drüben?«
Er nickte.
»Von Finkenwärder! Vater ist Fischer und wir haben wenig zu essen!«
Burga erkannte den kleinen Klas Stolz. Sie sah ihn, wie er ihr den gebratnen Vogel ließ, und nun wußte sie auch, daß der große bewußtlose Mann vor ihr derselbe war, der sie mit ihrem Hunde aufs Eis geschoben hatte. Der kleine Klas weinte noch immer.
»Wenn er tot bleibt, dann bleibt Mutter auch tot!«
»Was sollte er tot bleiben! Faß ihn bei den Beinen an, und ich trage seinen Kopf; wir kriegen ihn schon ins Boot, und dann kannst du wohl das Rudern besorgen, denn ich muß seinen Kopf halten, damit er sich nicht stößt!«
Es ging langsam, aber es ging. Der Verwundete stöhnte, und der kleine Klas begann zu weinen, aber Burga gebot ihm, still zu sein. Und wie der Fischer erst in seinem eignen Boote lag, da schien es, als würde er ruhiger, und der kleine Klas mühte sich redlich ab, das schwere Fahrzeug über die Elbe zu bringen. Beinahe wärs nicht gegangen, aber plötzlich kam ein kleines, flinkes Fahrzeug hinter ihnen her, ein Fischer schwang sich ins große Boot und ruderte kräftig mit. Es war ein alter Mann, der kein Wort sprach und der Burga die ganze Zeit betrachtete, aber der kleine Klas flüsterte ihr zu, daß dies sein Ohm Hans Peter wäre und daß der niemals viel sagte. Auch Wolf saß mit im Boot, wußte aber auch, daß er sich nicht rühren durfte, und ließ nur Burga nicht aus den Augen. Und dann lag Finkenwärder vor ihnen, und Hans Peter griff mit an, den Verwundeten ans Land zu tragen. Um Burga bekümmerte er sich nicht weiter, und auch der kleine Klas vergaß das Danken. Er dachte nur an seine Mutter, und was sie zu dem verwundeten Vater sagen würde. Also blieb Burga allein am Hafen zurück, setzte sich ans Bollwerk und dachte darüber nach, ob sie sich ein Nachtquartier suchen, oder im Freien schlafen wollte. Denn es war spät geworden. Etwas abseits von den Fischerbooten lag ein Fahrzeug, das rote Kissen hatte, und recht einladend aussah. Sogar ein Wolfsfell lag darin, und wer sich da hinein wickelte, der hatte es gut. Burga betrachtete es, halb in Gedanken. Dann begann sie hungrig zu werden und beschloß, sich etwas Brot für sich und ihren Hund zu erbetteln. Sie hätte es auch kaufen können, aber sie wußte, daß es immer klüger war, kein Geld zu zeigen; sonst wurde es einem weggenommen. Langsam schlenderte sie durchs Dorf. Mittlerweile war die Nacht gekommen; aber es war lau, und die Sterne flimmerten freundlich und milde. In der Dorfstraße war kein Mensch mehr zu sehen. Nur einige kleine Hunde kläfften, aber sie rührten sich nicht aus dem Haus, in dem sie ein Loch in der Mauer zum Ein- und Auslaufen hatten; wahrscheinlich ahnten sie, daß Wolf hinter dem Mädchen herging, mit glühenden Augen, und gefletschten Zähnen.
Burga erhielt nichts zu essen, und nur in einem Hause war noch Licht. Das war das Wirtshaus zum Seeteufel, wo die Fenster offen standen und man ins Gastzimmer sehen konnte. Drei dänische Offiziere saßen hier hinter großen Zinnkrügen, würfelten und sangen. Burga betrachtete sie aufmerksam. Der eine von ihnen war jung, die andern zwei hatten graue Schnauzbärte und verwitterte Gesichter. Auf der Fensterbank lag ein großes, mit Butter bestrichnes Brot, und daneben stand ein Becher mit Wein. Burga trank eilig den Wein aus und nahm das Brot mit sich. Der Wein floß heiß durch ihre Glieder, da vergaß sie den Hunger und gab Wolf das größte Stück vom Butterbrote. Müde wurde sie auch, und ihr fiel das Boot mit den roten Decken und dem warmen Fell ein. Es mußte sich gut darin ruhen lassen; sie wollte es versuchen. Es lag auch noch an derselben Stelle; sie ging hinein, legte sich auf die eine Bank, deckte sich zu und forderte Wolf auf, unter die Bank zu kriechen. Er tats natürlich; wenn er bei seiner Herrin war, konnte er stundenlang still liegen und sich nicht vom Fleck rühren.