Kapitelverzeichnis. (continued 2)
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Es war behaglich auf dem leise schaukelnden Boot. Die Elbe gluckste leise, ein Nachtvogel strich unhörbar über sie dahin, und aus dem Wasser schnellte ein Fisch, um wieder zurück zu fallen. Burga dachte an den Hanekamphof, an Frau Jutta, an die Jungen. Was sie wohl sagen würden, wenn sie nicht wiederkäme! Aber der Oheim war wirklich zu häßlich gewesen. Mochten sie sehen, ohne sie fertig zu werden! Es war dort sicher nicht übel gewesen, aber man konnte nicht immer an einem Platz bleiben. Wozu war man denn ein Lagerkind und wanderte von Ort zu Ort? Ein Lagerkind. Halb im Traum wiederholte Burga das Wort. Immer war sies wohl nicht gewesen. Einmal hatte eine Mutter ihr die Hände gefaltet und sie beten lassen:
»Von Erd bin ich genommen, zur Erde werd ich kommen! Herr Christe tu mir weisen den Weg zum Paradeisen!«
Halblaut sprach Burga die Worte vor sich hin. Wie kam es, daß sie sich ihr plötzlich auf die Lippen drängten? So lange, lange hatte sie sie vergessen, nun kehrten sie zurück aus der Ferne. Ja, eine Mutter saß einst an ihrem Bettchen und flüsterte ihr sanfte Worte zu; dann aber kam Brand und Mord, Geschrei und Blut — wo war die Mutter geblieben, wo das Bettchen mit den dunklen Vorhängen, der rote Michel, der sie herausriß und vor sich aufs Pferd nahm? Blutigrot flammte es hinter ihr auf, und dann kam das Vergessen, das Umherwandern. Ein Prädikant ritzte ihr den Namen in den Arm, und der rote Michel rieb die kleinen Stiche mit Pulver ein, daher waren sie durch kein Wasser wegzubringen. Aber der Prädikant war lange tot und Michel ein Räuber geworden.
Der Wein war heiß gewesen, und Burgas Augen schlossen sich fest. Das Wasser gluckste stärker, und Wolf begann zu knurren, aber seine Herrin rief ihm schlaftrunken zu, ruhig zu sein; da legte er sich wieder hin.
Dann kam ein kalter Wind, die Sonne schien dem Mädchen ins Gesicht, sie fuhr auf und rieb sich die Augen. Auf dem Wasser lagen dichte Nebelschleier, aber das Boot trieb langsam stromabwärts. Vorn im Fahrzeug lag ein Offizier mit dem Kopf auf der Ruderbank. Er trug keinen Hut, sein Gesicht war blutig und geschwollen, und dabei schien er fest zu schlafen. Aber, wie Burga ihn verwundert betrachtete, fuhr er in die Höhe, steckte die Hände ins Wasser und rieb sich damit das Gesicht. Dies wiederholte er mehrmals und starrte endlich Burga aus großen blauen Augen an.
»Ich möchte wohl wissen, wo ich bin!« sagte er langsam.
»Das möchte ich auch!« erwiderte Burga, und er nahm wieder ein paar Hände voll Wasser und begoß seinen Kopf.
»Der Wein war stark!« murmelte er vor sich hin, dann griff er nach seiner Stirn.
»Da hat mich jemand gehauen!«
»Aber ordentlich!« versicherte Burga. »Ihr werdet Streit beim Trinken bekommen haben!«
»Meinst du?« Er dachte nach. »Ja, ich glaube, daß der Wirt kam und noch ein paar Fischer. Die Kameraden wollten keine Zeche bezahlen, und die Leute wurden böse.« Wieder wusch er sein Gesicht. Dann sah er sich um. »Wo sind die zwei andern Herren?«
Burga wußte es nicht. Der Nebel hob sich, und sie sah, daß das Fahrzeug den Strom hinunter trieb. Dorthin, wo viele Häuser standen und einige Schiffe lagen. Es war noch früh am Tage, und auf dem Wasser war nicht viel Leben. Nur ein Boot mit Soldaten kam ihnen entgegen, und aus ihm wurde Burgas Gefährte angerufen.
»Junker Rantzau, seid Ihrs? Und wo sind die andern Herren?«
Ein großer Offizier bog sich aus dem Boot, griff nach dem treibenden und schwang sich hinüber. Dann stieß er einen Schrei aus, denn Wolf war unter der Bank hervorgeschossen und packte ihn am Bein.
»Zurück Wolf« rief Burga, und der Hund ließ den Mann los, stand aber knurrend, mit geöffnetem Maul.
Der Offizier sah Burga zornig an.
»Was ist dies? Was willst du hier, im Boot, das Seiner Majestät dem König gehört? Und Ihr Junker, wie seht Ihr aus? Habt Ihr Euch mit Feinden geprügelt?«
Der Junker zuckte die Achseln.
»Ich kann mich nicht mehr auf die Geschichte besinnen, Herr Rittmeister! Es wird schon Krawall gegeben haben, wenigstens sagt mir dies mein Schädel!«
Der Rittmeister machte ein finsteres Gesicht.
»Es ist verboten, nach den Elbinseln zu fahren und dort Wein zu trinken! Die Schweden sind nicht weit, und die Kaiserlichen treiben sich gleichfalls umher, wo man sie nicht erwartet. Also habt Ihr Euch in unnötige Gefahr begeben, und der Obrist wird Euch in Arrest stecken! Besonders wenn Ihr nicht sagen könnt, wo die zwei andern Herren sind!«
Wieder rieb der Junker seinen Kopf.
»Es ist mir, als hätte ich sie auf der Erde liegen sehen. Und weil die Fischer in der Übermacht waren, bin ich wohl eilig in unser Boot gelaufen. Ganz genau kann ich's aber nicht sagen, Herr Rittmeister. Im Seeteufel gab's einen guten hispanischen Wein, und wenn's an mir gelegen hätte, würde ich ihn auch bezahlt haben.«
Der andre Offizier sagte nicht viel mehr. Er hatte das große Boot an das seine befestigen lassen, und die Soldaten ruderten es von ihrem Fahrzeug aus vorsichtig ans Land.
Neugierig sah Burga um sich. Dies war natürlich das Dorf Altona, von dem sie schon gehört hatte. Steil und aufrecht standen mehrere Speicher, dicht daneben lag ein großes, düsteres Haus, und in der Ferne erhob sich der Galgen, ohne den es nun einmal keinen anständigen Ort gab. Burga freute sich, wieder an Land gehen und bald nach dem Hanekamphof zurückkehren zu können. Es tat ihr doch leid, daß sie so davon gelaufen war. Frau Jutta und die Jungen hatten ihr nichts getan, und der alte unangenehme Ohm würde sicher heute wieder abreisen.
Sie stand schon auf der Brücke und sah sich nach Wolf um, der mit gesträubtem Haar vor einer Katze stand, als sich ihr eine schwere Hand auf die Schulter legte.
»Komm mit, Dirn! Ich will dir dein Gefängnis anweisen!«
Erstaunt sah Burga in ein verwittertes Soldatengesicht, in dem ein langer grauer Schnurrbart fast auf die Brust hing.
»Was soll ich im Gefängnis?« fragte sie, und der Wachtmeister lachte dröhnend.
»Eine lustige Frage! Was tut man im Gefängnis? Da wartet man fein säuberlich auf das Gericht und auf den Galgen!«
»Ich brauche beides nicht!«
»Du brauchst es nicht, Dirn? Wir aber brauchen dich! Zwei von unsern Rittmeistern sind in dieser Nacht elend umgekommen. In diesem Boot sind sie fröhlich ausgefahren, und nun sitzest du darin, mit einem Höllenhund, der einen andern hohen Offizier gleich ins Bein beißt!«
»Er hat nicht fest zugefaßt, er wollte mich bewachen!«
»So sagst du natürlich; ich aber glaube, daß du eine Hexe bist und daß dieser Hund der leibhaftige Teufel ist! Marsch!«
Noch einmal packte der Wachtmeister das Mädchen, um dann gleich einen wilden Fluch auszustoßen. Denn der Höllenhund ließ die Katze laufen und legte seine mächtigen Pranken dem Dragoner auf die Schultern, daß dieser fast zusammenknickte. Aber er verlor nicht die Besinnung.
»Nimm das Tier weg!« sagte er halblaut. »Sonst renne ich ihm mein Messer in den Leib!«
»Versucht es!«
Burga rief es trotzig, und wie der Wachtmeister eine Bewegung nach seinem Gürtel machte, da hätten die spitzen Zähne des Hundes beinahe zugebissen. Burga hinderte das Tier daran. Sie hielt ihm das Maul zu und flüsterte einige beruhigende Worte. Da ließ Wolf von dem Wachtmeister und stand zähnefletschend neben seiner Herrin. Der Wachtmeister aber fluchte, daß alle Soldaten zusammenliefen: »Jungen, nehmt eure Karabiner und schießt das Biest tot! Und wenn die Dirn eine Kugel trifft, wirds auch nicht schaden!«
»Oho! Bist du der Herr über Leben und Tod?«
Ein großer Offizier mit stolzem Gesicht stand plötzlich neben dem Wachtmeister, der die Hacken zusammenschlug und den Hut vom Kopf riß.
»Herr Obrist, diese Hexe hier und dieser Hund —«
»Schon gut, Balthasar!« Der Obrist machte eine lässige Handbewegung. »Ein alter Grimmbart, wie du, sollte sich nicht vom Zorn meistern lassen! Es wäre schade um den Hund, wenn er erschossen würde. Es scheint ein gutes Tier zu sein! Ich will ihn in meinen Stall nehmen. Die Dirn mag derweil ins Gefängnis gebracht werden. Ich werde untersuchen, ob sie des Galgens schuldig ist!«
Er winkte einigen Soldaten, daß sie den Hund anfassen und ihn mitnehmen sollten, aber sie standen und rührten sich nicht. Wolf sträubte seine Haare und zeigte sein mächtiges Gebiß.
»Wird's bald?«
Der Obrist sah sich um.
Da faßte Burga das Tier am Halsband und brachte ihn dem Herrn.
»Behaltet ihn, Herr, wenn Ihr mir versprecht, ihn gut zu behandeln. Ich will ihm sagen, daß er Euch gehorchen soll!«
Sie nahm die Hand des Obristen, streichelte sie und flüsterte ihrem Hunde etwas ins Ohr. Da verlor sich seine wilde Miene, er wedelte ein wenig und schloß das Maul mit den großen Zähnen.
»Seid gut zu ihm, Herr, dann werdet Ihr Freude an ihm haben!«
Der Obrist stand unschlüssig.
»Du schenkst mir den Hund, und ich schicke dich ins Gefängnis! Warum aber hast du meine Offiziere verschwinden lassen?«
Burga sah ihn ehrlich an.
»Ich tat's wirklich nicht, Herr! Wenn der Junker, mit dem ich fuhr, seinen Rausch verwunden hat, wird ihm vielleicht allerlei einfallen. Aber wenn ich gehängt werden soll, dann macht es nur schnell. Einmal kann man nur sterben; aber es ist langweilig, auf den Tod zu warten!«
»Herr Obrist, sie ist eine Hexe!« rief Balthasar. »Glaubt nicht ihrer unschuldigen Miene!«
Aber da drängte sich der Junker Rantzau an den Obristen. Er trug jetzt ein nasses Tuch um den Kopf, und sein Gang war straffer geworden.
»Herr Obrist, mit Verlaub zu melden, ich glaube nicht, daß die Dirn was Böses tat. Ich hab wohl zu viel Wein getrunken, und daher kann ich mich immer noch nicht ordentlich besinnen. Jemand hat mich auch mit einem Ruder auf den Schädel geschlagen, und er brummt sehr stark. Aber ich weiß jetzt, daß die Rittmeister den Wein nicht bezahlen wollten und daß der Wirt böse wurde. Wer mich ins Boot getragen hat, weiß ich nicht, und wie die Dirne hineingekommen ist, kann ich auch nicht sagen! Aber morgen werde ich mich auf alles besinnen können!«
»Also werden wir einige Mann nach Finkenwärder schicken und uns nach unsern Herren erkundigen!« sagte der Obrist nach einigem Nachdenken. Dann hob er die Hand. »Ihr, Junker Rantzau, begebt Euch in Arrest, denn es ist verboten, auf die Elbinseln zu gehen, und du, Dirn, magst vorläufig ins Gefängnis wandern. Wenn du nichts Böses tatest, wirst du schon wieder freigelassen werden!«
»Und weshalb soll sie ins Gefängnis!«
Eine heisere Stimme rief es, und der Magister Timotheus Lange drängte sich durch die Soldaten.
»Ich kenne dies Kind!« fuhr er fort. »Sie ist eine gute Dirne und arbeitet treu auf dem Hanekamphof! Weshalb sie nach Finkenwärder gefahren ist, kann ich nicht sagen! Aber Böses wird sie dort nicht getan haben!«
Der Obrist machte ein ärgerliches Gesicht. »Laßt das Reden, Magister! Wir sind hier nicht in der Kirche, und Ihr habt hier nichts zu sagen!«
»Oho!« Der Magister hob den Arm, an dem keine Hand mehr war. »Ich rede, wann ich will! Wer ein rechter Diener Gottes ist, der muß nicht allein in der Kirche reden, sondern auch auf der Straße. Und er muß helfen, wo Hilfe nötig ist! Fragt nur den Wachtmeister Balthasar, ob ich ihm nicht half!«
Doch wie sich Timotheus nach diesem umsah, da war er nirgends zu finden, sondern hatte sich eilig in ein Seitengäßchen begeben. Der Rittmeister aber, der das Boot eingefangen hatte und der ärgerlich neben dem Obristen stand, zog seinen Pallasch.
»Magister, haltet den Mund, Ihr seid unehrerbietig gegen des Königs Soldaten!«
Doch der Obrist legte den Arm in den seinen und ging mit ihm davon.
»Kommt, Herr von Brockdorf! Wir wollen in unser Quartier gehen und uns nicht weiter um die Sache bekümmern! Laßt die sonderbaren Leute laufen! Mir hat's gleich nicht gefallen, daß ich ein Mädchen hängen lassen sollte. Und wenn der Magister forsch redet, so habe ich daran auch nichts auszusetzen. Zu Haus hatten wir auch so einen Prädikanten, der das Reden verstand. Den haben die Kaiserlichen totgeschossen, als sie mein Elternhaus anzündeten! Darüber betrübe ich mich noch immer, und wir wollen diesen Mann in Frieden lassen.«
»Und der Hund?« Der Rittmeister fragte es, und der Obrist sah sich um. Langsam folgte ihm Wolf. Er trug den Kopf gesenkt und machte einen sehr traurigen Eindruck. Aber er ging hinter dem neuen Herrn her.
Der Rittmeister faßte nach einem Amulett, das er auf der Brust trug. »Das Mädchen ist doch eine Hexe! Sie treibt Zauberei mit Tieren! Die würde ich nicht frei laufen lassen!«
Der Obrist besann sich einen Augenblick.
»So geht zurück und befehlt, daß die Dirn das Dorf nicht verlasse, und auch der Magister soll bleiben!«
So also geschah es, daß gerade, als der Magister mit Burga Altona verlassen wollte, der Rittmeister erschien und sie beide mit Hilfe einiger Soldaten in das neue Gefängnis brachte.
»Morgen werdet Ihr gerichtet werden!« versprach er zugleich, aber der Magister zuckte die Achseln.
»Ihr seid ein ungerechter Mann, Herr Rittmeister! Ich habe Euch gar nichts getan, und das Mädchen ist ein unschuldig Kind! Möget Ihr Eure Ungerechtigkeit niemals bereuen!«
Aber Herr von Brockdorf faßte wieder nach seinem Amulett und ermahnte den Beschließer, die zwei gefährlichen Menschen treu zu bewachen. Denn dazumal glaubte man noch an Hexen und an Zauberer, und daher war dem armen Rittmeister kaum zu verdenken, daß er sich wunderte, wie Burgas Hund ihr gehorsam war. Aber der Magister war doch sehr ungehalten, als ihn der Kerkermeister in ein kleines Loch im Keller des neuen Hauses führte, und es war gut, daß Burga die Zelle neben der seinen hatte. Denn die Wände waren nur von Brettern, und die zwei Gefangenen konnten sich gut miteinander unterhalten. Burga berichtete nun von dem Ohm Hanekamp und von dem Finkenwärder Fischer, und der Magister hörte ihr nachdenklich zu.
»Du scheinst mir nichts Übles getan zu haben, Kind, und dir wird übel gelohnt. Aber so ist es in der Welt; wer da meint, daß die Menschen gut und dankbar sind, der irrt sich. Dem Balthasar habe ich das Leben gerettet, aber er will mich nicht kennen. Dabei bin ich nur nach Altona gekommen, weil mich der Pastor Rist mit einem Auftrag an den Prädikanten in Ottensen schickte. Er aber sollte hier zu finden sein. Nun sitze ich im Gefängnis und muß vielleicht Monate schmachten.«
»Es wird schon noch gut werden!« tröstete Burga von der andern Seite der Bretterwand. »Mir schien der Obrist ein gutes Gesicht zu haben, und der eine Junker war auch nicht übel. Man muß Geduld haben!«
Da setzte sich Magister Timotheus auf seinen Strohsack, faltete die Hände und schalt sich selbst aus, weil er mißmutig war. Und dann sagte er sich einige Sprüchlein und Bibelverse her, und Burga hörte ihm andächtig zu. Bis sie fest einschlief und auch nicht aufwachte, als der Kerkermeister eintrat und ihr einen Teller Wassersuppe und ein Stück Brot hinstellte. Denn der vorige Tag hatte sie müde gemacht, und der Schlaf auf dem Boote war nur kurz gewesen. Wie der Magister ihre Atemzüge hörte, legte auch er sich zum Schlafen und vergaß die dänischen Reiter und alles, was ihn ärgerte.


Herr Jobst Hanekamp fand das Landleben auf dem Hof seiner Verwandten nicht so angenehm, wie er es sich vorgestellt hatte. Denn so freundlich Frau Jutta ihn auch aufnahm, als sie merkte, daß Burga verschwunden war und nicht wiederkehrte, da wurde sie zerstreut und suchte sie in allen Winkeln des Hauses. Aber sie war nirgends zu finden. Gottfried und Konrad begannen den Wald zu durchstreifen und riefen nach dem Mädchen. Sie hatte ihren Hund mitgenommen, das war auch ein Kummer; denn niemals war der Hof so gut bewacht worden, wie seitdem Wolf ihn des Nachts langsam umkreiste. Als es nun klar wurde, daß alles Suchen vergeblich war, da saß Konrad in einer Ecke der Diele und weinte, während Gottfried laut über alles schalt, das weiblich war. Solch dummes Mädchen wie die Burga gab es nicht mehr; wenn sie ein Junge gewesen wäre, würde sie sich anders benommen haben! Wenn sie wieder käme, würde er sie vom Hof jagen! Darüber schalt Konrad, weil er sich nur freuen würde, wenn Burga wieder erschiene, und bald wären die Brüder tüchtig aneinander geraten. Frau Jutta ermahnte sie zum Frieden; aber sie verhehlte nicht ihre Trauer, und Herr Jobst bemerkte, daß man sich aus ihm, dem reichen Verwandten, nicht so viel machte, wie er es erwartet hatte. Es schlug ihm auch das Gewissen, weil er Burgas Hülfe nicht grade gut vergolten hatte, jedenfalls schlief er in dieser Nacht sehr schlecht und wollte gleich am nächsten Morgen nach Hamburg zurück. Das aber ging nicht so schnell. Erstens wollte Herr Jobst natürlich eine gute Begleitung haben, damit kein Räuber ihn anfallen konnte, und dann auch dachte er jetzt erst an den Fischer, den er sich zur Herreise nahm und den er sofort, als er in Gefahr kam, vergessen hatte. Wo war der Mann, und konnte man ihn am Elbstrand erreichen?
Herr Hanekamp ging natürlich nicht an die Elbe, aber er schickte seine Großneffen, die bald unverrichteter Sache zurückkehrten. Es lag kein Boot am Ufer, und von einem Finkenwärder Fischer war nichts zu sehen. Der war natürlich wieder in sein Dorf gefahren. Herr Hanekamp schalt. Auf niemand konnte man sich mehr verlassen, und nun wünschte er, daß die Knaben nach Altona gingen, um ihm einige Soldaten zu holen, die ihn wieder an die Hamburger Grenze, über den Pepermolenbeck geleiteten. Er würde auch eine gute Belohnung dafür geben. Jetzt erhob Frau Jutta Einspruch. Sie hatte ihre Söhne in der Wirtschaft nötig, und da Burga nicht da war, konnte sie sie noch weniger entbehren. Vielleicht konnte man eine Botschaft nach Ottensen oder an die Elbe schicken, wo die Fischer sich übers Wasser allerhand Zeichen gaben und dadurch ein Boot von der andern Seite herbeiwinkten. Aber Herr Hanekamp wollte nicht aufs Wasser. Dort konnte es auch böse Menschen geben; er war für die dänischen Dragoner, die ihn mit ihren Karabinern und großen Säbeln schützen sollten.
An diesem Tage ließ sich also nichts machen, aber am andern Morgen, als Gottfried auf dem Felde arbeitete, gewahrte er einige Reiter, die einen zerlumpten Menschen zwischen sich führten. Meistens ging der Junge den Soldaten aus dem Wege, aber heute lief er auf sie zu und fragte, ob sie einen Hamburger Kaufherrn wieder in seine Stadt geleiten wollten. Die Dragoner, drei an der Zahl, erklärten sich dazu bereit, wenn sie eine gute Bezahlung dafür erhielten, und so ritten plötzlich die Dänen auf den Hanekamphof, und zwischen ihnen hinkte jämmerlich derselbe Räuber, mit dem Herr Jobst schon einmal Bekanntschaft gemacht hatte.
Der Kaufherr war so froh, wieder heimreisen zu können, daß er gleich auf eins der Pferde steigen wollte. Aber der älteste von den Reitern, ein Unteroffizier, rief lachend: »Gemach, werter Herr! Laßt uns erst einmal diesen Hof betrachten! Wir haben ihn noch nicht gesehen, und man könnte uns hier wohl eine gute Mahlzeit bereiten! Außerdem —« er klopfte Gottfried, der breitbeinig neben ihm stand, auf den Rücken. »Mir kommt vor, als könnte dieser Junge einen guten Dragoner abgeben! Der König braucht Soldaten, es ist eine Ehre, seinen Rock zu tragen! Und was ist dort?« Er zeigte auf das Schwedenpferd, das grade an der Tränke stand. »Wißt Ihr nicht, daß laut königlichem Befehl alle Pferde abzuliefern sind, damit der Feind sich ihrer nicht bemächtigt? Ihr verdientet Strafe für Eure Unterlassung, aber ich will ein Auge zudrücken und den Schimmel stillschweigend mitnehmen. Der alte Hamburger darf sich darauf setzen, und der Junge kann nebenher laufen.«
Frau Jutta war schneeweiß geworden. »Nehmt das Pferd,« bat sie mit gefalteten Händen, »aber laßt mir meinen Jungen! Er ist erst vierzehn Jahre alt, viel zu jung fürs Kriegshandwerk!«
»Zu jung? Grade das rechte Alter! Wenn er sich Mühe gibt, kann er in etlichen Jahren Offizier sein!«
Frau Jutta wollte antworten, aber der Unteroffizier fiel ihr ins Wort.
»Keine Widerrede, Frau! Wenn du dich weigerst, deinen Sohn herzugeben, plündern wir den Hof aus!«
Er machte ein so finsteres Gesicht, daß man merkte, wie es ihm Ernst war. Und nun mußte Frau Jutta das Beste kochen, was sie auf dem Hof hatte. Fast alle ihre Hühner wurden geschlachtet, das Kälbchen wurde getötet und zerlegt, und was an Eiern und anderen Vorräten auf dem Hof war, wurde in Beutel gestopft und den Pferden auf den Sattel gelegt.
Es war ein trauriger Tag für den Hanekamphof; die Reiter zogen gesättigt davon, während der rote Räuber und der junge Rekrut neben ihnen her liefen. Herr Hanekamp saß auf dem breiten Rücken des Schwedenpferdes und in dem bequemsten Sattel; aber es war ihm nicht sehr gut zu Mute. Er sah ein, daß sein Besuch auf dem Hof der Verwandten nur Unglück gebracht hatte. Es war auch kein Trost für ihn, daß der rote Michel gefesselt neben seinem Pferde herlief; er dachte an das blasse Gesicht Frau Juttas, wie sie von ihrem ältesten Sohn Abschied nehmen mußte, und er hatte die Ahnung, daß die guten Tage des Hanekamphofes gezählt waren. Bis dahin war er verborgen geblieben; jetzt würden die dänischen Dragoner ihn allmählich ausplündern, und Frau Jutta konnte ihn, allein mit einem Sohn, wohl auch kaum halten.
Der Unteroffizier ritt lustig durch den Sonnenschein und ließ seine Reiter ein Lied nach dem andern singen. Wenn sie heiser waren, erzählte er Gottfried von seinen Kriegsabenteuern. Er war viel im Lande umher gewesen und hatte manche Schlacht mitgemacht. Gottfried sollte jetzt gleich nach Kopenhagen geschickt werden; wenn er Glück hatte, konnte er schon bald an die Schweden kommen.
Gottfried sagte nicht allzuviel; er hatte wohl Lust, ein Dragoner zu werden, aber er mußte an seine Mutter, seinen Bruder denken. Er kniff die Augen zusammen und ging trotzig weiter, während der rote Michel von den Soldaten gehänselt wurde.
»Jetzt wirst du ganz gewiß gehängt, Roter!« neckten sie ihn. »Unser Obrist kann keine Räuber leiden, und so einen Rotkopf wie dich, nun ganz gewiß nicht! In Altona steht ein feiner Galgen, und an ihm ist grade genügend Platz!«
Der Rote warf den Kopf in den Nacken und gab eine freche Antwort, und Herr Hanekamp wunderte sich, daß ein dem Galgen Bestimmter noch so antworten konnte. Plötzlich pfiff es gellend. Herrn Hanekamps Pferd stieg steil in die Höhe und raste mit ihm davon. Einige Kugeln sausten hinter ihm her, und der schwedische Schimmel schlug so aus, daß sein Reiter mit einem gewaltigen Schwung auf der Erde landete. Im Graben der Landstraße lag der arme Hanekamp und glaubte seine letzte Stunde gekommen, aber nach einer Weile bückte sich Gottfried über ihn und zog ihn aus dem morastigen Wasser.
»Herr Ohm, wir haben Glück gehabt! Die Dänen sind totgeschossen, und die Helfershelfer des roten Räubers sind mit den Pferden und allen Lebensmitteln weggeritten. Euer Pferd haben sie nicht gekriegt, und sie sind auch nicht dahinter her gewesen; sie haben die andern Gäule genommen und sind mit ihnen an die Elbe geritten. Ich glaube, sie wollten ins Lüneburgische!«

Herr Hanekamp stand naß und schmutzig da und rieb sich die schmerzenden Gliedmaßen.
»Wenn ich noch einmal mein Hamburg verlasse, soll man mich gleich hängen!« brummte er, während Gottfried sich scharf umsah.
»Wir sind wohl schon beim Dorf Ottensen, und weiter hinten liegt Altona. Wenn Ihrs erlaubt, will ich Euch hinbringen. Vielleicht krieg ich unser Pferd wieder; vorhin hab ich's noch laufen sehen!«
So also konnte Herr Hanekamp nach einer Weile einen nicht grade großartigen Einzug ins Dorf Altona machen: Er war mit Schlamm bedeckt, seine Perücke war im Graben liegen geblieben, und er hinkte stark. Aber er hütete sich, zu schelten. Freute er sich doch, daß Gottfried bei ihm war und ihn beschützte. Dabei berichtete der Junge von dem Überfall, der so schnell kam, daß niemand genau sagen konnte, wie alles eigentlich zugegangen war. Die Räuber waren mit einem Male dagewesen, und ihre Schüsse trafen nur zu gut. Alle drei Dragoner waren vom Pferd gefallen, und wer nicht tot war, dem wurde vom Roten noch mit einem Messer der Garaus gemacht. Gottfried schauderte beim Erzählen, er deutete auf das Elbufer weiter unten. Dorthin hatten die Räuber die Pferde getrieben und die Toten geschleppt. Wahrscheinlich wollten sie sie noch der Uniformen berauben.
Herr Hanekamp hörte schon gar nicht mehr zu, er wollte gleich an den Pepermolenbeck, um auf Hamburger Gebiet zu kommen, aber eben vor Altona trafen die zwei Wanderer auf eine dänische Schildwache, die sie anhielt und sie auf den Markt führte. Hier stand der Obrist von Pechlin im Kreise seiner Offiziere und hörte den Bericht von zwei Herren, die verprügelt und verwundet zu sein schienen. Beide hatten verbundene Köpfe und während dem einen die Uniform zerrissen war, lief der andere auf bloßen Füßen.
Der Obrist machte ein böses Gesicht und seine Stimme schallte weit über die Straße. Eben hatte er einen kurzen Befehl gerufen, worauf sich ein Soldat in ein düsteres auf dem Markt stehendes Gebäude begab, als seine Augen auf Herrn Hanekamp und auf Gottfried fielen, die die Schildwache dicht an den Kreis brachte.
»Was sind dies nun wieder für Vögel?« erkundigte er sich, und Herr Jobst richtete sich würdevoll auf, so weit ihm dies möglich war.
»Herr Obrist, ich bin der Hamburger Kaufmann Jobst Hanekamp, und dicht vor Altona haben mir die Räuber übel mitgespielt.«
Er berichtete, wie alles gewesen war, und Gottfried stand daneben, und wenn Jobst nicht weiter wußte, half er aus.
Der Obrist ließ die zerzausten Herren Offiziere stehen und hörte aufmerksam zu, fragte hin und her und riß an seinem Schnurrbart. Herr Hanekamp war immer ruhiger geworden und erzählte ohne Umschweife, wie die dänischen Reiter auf dem Hofe gehaust hätten, wie sie nicht allein fast alles Eßbare nahmen, sondern auch den ältesten Sohn. Und dabei waren es die Soldaten, die das Land verteidigen sollten gegen die Feinde.
Als er soweit gekommen war, zuckte der Obrist mißmutig die Achseln.
»Herr Hanekamp, Ihr müßt bedenken, daß wir im Kriege leben; da geht mancherlei drunter und drüber!«
»Man sollte diese Ungerechtigkeit nicht dulden!« erwiderte der Kaufherr ernsthaft. »Was soll aus dem Holstenlande werden, wenn die eignen Soldaten es ausplündern? Ich muß gestehen, daß ich mich recht freute, wie diese Dragoner das Leben lassen mußten, obgleich ich ein ehrlicher Mann und nicht für Räuber bin.« Er wollte noch etwas hinzusetzen, als sein Auge auf den Hund fiel, der neben dem Obristen stand. Er hielt mit Sprechen inne, und seine Augen wurden groß vor Staunen.
»Was habt Ihr?« fragte der Obrist, und der Hamburger deutete auf den Hund.
»Vor wenigen Tagen habe ich einen ähnlichen Hund mit einem Mädchen gesehen. Beide retteten mir damals wenn nicht das Leben, so doch meine ganze Habe, und ich möchte wohl wissen, ob besagtes Mädchen auch hier ist. Denn ich möchte ihr eine Schuld abbitten!«
Herr von Pechlin zeigte auf Burga, die gerade von einem Soldaten hergeführt wurde. »Hier ist das Mädchen! Was wollt Ihr von ihr?«
»Vielleicht darf sie mich nach Hamburg begleiten!« sagte Herr Hanekamp feierlich. »Zum ersten wird es für sie gut sein, da sie doch ein Lagerkind ist und nicht weiß, wie man sich in der Welt zu benehmen hat, und zum zweiten, weil ich gegen sie nicht so dankbar gewesen bin, wie sie wohl verlangen konnte. Aber ich bin ein langsamer Mann und muß mir alles erst überlegen. Ich glaube ja auch, daß sie nicht die Wahrheit spricht, wenn sie sich eine Rantzau nennt, aber ein junges Blut hat leicht die Zunge vorweg, und man muß ihr die Worte nicht zu hoch anrechnen. Ich werde ihr eine gute Erziehung geben lassen und dafür sorgen, daß sie einen ehrsamen Mann erhalte!«
Er sprach ernsthaft, und der Obrist hörte höflich zu. Denn er wußte, daß sein König große Stücke auf die Hamburger hielt, die ihm schon manchen Dukaten fürs Kriegführen geliehen hatten. Doch Burga lachte hell und trotzig auf.
»Vielen Dank, Herr Hanekamp, aber ich gehe nicht mit Euch! Ich bleibe lieber auf dem Lande und habe meine Freiheit, als daß ich in eine Stadt gehe, und wenn sie auch Hamburg hieße!«
»Du wirst nicht gefragt!« versetzte Herr Hanekamp.
»Ich will aber gefragt werden!« rief Burga. »Ihr seid kein guter Mann! Ihr habt schlecht von mir gesprochen bei Frau Jutta, obgleich ich Euch nur Gutes erwies, und Ihr habt Euch garnicht um den armen Fischer gekümmert, der Euch nach draußen brachte und den ein Räuber beinahe tot schlug! Ich hab ihn mit dem kleinen Klas nach Finkenwärder gebracht, und Hans Peter von Neumühlen ist dabei gewesen und hat mir geholfen!«
Sie wollte weiter sprechen, aber der Obrist hob die Hand.
»Du hast ja ein schreckliches Mundwerk, und ich würde mich freuen, wenn du in Hamburg bei dem ehrenwerten Herrn gute Manier und feines Benehmen lerntest; aber über alle Dinge habe ich nicht zu sagen, und wenn du ein Lagerkind bleiben willst, so will ich dich nicht daran hindern! Du magst gehen, wohin es dir gefällt!« —
Burga wollte davonlaufen, da aber hielt Timotheus Lange sie zurück. Er war gleichfalls aus dem Gefängnis geführt worden.
»Werter Herr Obrist!« sagte er. »Sind wir bei den Heiden oder bei den Christen? Vorgestern habt Ihr Walburga einstecken lassen, weil Ihr sie für eine Hexe und vielleicht für eine Mörderin hieltet. Die Herren Offiziere sind aber heute wieder zurückgekehrt, und wenn sie Prügel von den Fischern bekommen haben, so wird das ihre eigene Schuld gewesen sein.«
»Das Mädchen ist frei!« unterbrach der Obrist den Magister.
»Ganz recht, Ihr gebt sie frei; ihren Hund aber habt Ihr genommen, und sie selbst erhält keinen Ersatz für die ausgestandene Angst, ebenso, wie ich ohne Schuld eingesperrt wurde und nun laufen kann, ohne daß man sich bei mir entschuldigt!«
Timotheus Lange sprach laut, und der Rittmeister Brockdorf, der immer ein wenig vorwitzig war, griff nach dem Degen. Denn wenn er sich ärgerte, wollte er immer gleich losschlagen. Aber der Obrist erhob die Hand.
»Rittmeister, ärgert Euch nicht; ich tu's auch nicht. So ein Prädikant muß seine Zunge in Übung halten, und ich hab's im Grunde nicht ungern, wenn ich auch einmal ausgescholten werde. Denn das erinnert einen an die eigene Kindheit, wo man noch lustig war und keine Sorgen hatte.«
Er wandte sich an den Magister und zog zwei Goldgulden aus der Tasche. »Nehmt hier ein kleines Schmerzensgeld, Prädikant, und auch den Hund bekommt das Mädchen wieder. Das Tier ist mir wohl gefolgt, hat aber doch Heimweh gehabt, und dafür bin ich mir doch zu gut — meine Leute und Tiere sollen sich bei mir wohl fühlen!«
»Ist's wahr?«
Burga lief zu Wolf, der halb ängstlich neben dem Obristen stand. Sie legte ihm die Arme um den Hals, flüsterte mit ihm und führte ihn zu Herrn von Pechlin.
»Sag ihm Lebwohl!« befahl sie, und der Hund legte eine seiner Tatzen auf den Arm des Obristen. Dann stieß er ein Freudengeheul aus und drängte sich an Burga.
»Sie ist doch eine Zauberin!« sagte der Rittmeister Brockdorf, aber der Magister rief laut: »Wer die Seele der unvernünftigen Kreatur erkannt hat, ist darum noch kein Zauberer!«
Herr Hanekamp hatte diesem allem schweigend zugesehen. Nun ging er auf Burga zu.
»Ich würde an deiner Stelle doch mit nach Hamburg kommen. Wahrlich, du sollst es bei mir nicht schlecht haben, und ich denke, daß ich Frau Jutta und ihren Konrad auch zu mir nehmen werde. Im Holstenland ist es wirklich gefährlich, und bei uns in Hamburg ist Friede.«
Er sprach ruhig, und Timotheus Lange redete Burga zu.
»Geh mit dem Herrn, es wird besser für dich sein; du kannst lernen und eine ansehnliche Jungfrau werden!«
»Ich werde mich nach dem Fischer umsehen lassen!« versprach Herr Hanekamp, und Burga legte die Hand an Wolfs Halsband. »Den aber muß ich mit haben! Und du, Gottfried, kommst auch?«
Der Junge schüttelte den Kopf.
»Ich will ein Obrist werden wie dieser hier!« flüsterte er und sah Herrn von Pechlin so bewundernd an, daß dieser ihn auf die Schulter schlug. »Natürlich, Junge, du bleibst bei meinen Soldaten! Wirst sehen, wie schön das Kriegshandwerk ist! Dem kommt nichts gleich!«
»Es ist auch gut, ein Lagerkind zu sein!« sagte Burga halblaut für sich, denn es tat ihr schon leid, mit Herrn Hanekamp gehen zu sollen. Aber Timotheus Lange sprach ernsthaft auf sie ein.
»Kind, verwirke nicht dein Glück! Siehst du nicht an mir, wie schlimm es ist, in die Hände böser Menschen zu fallen, und wer weiß, auch dir könnte beim Umherziehen Übles begegnen!«
Er wies auf seinen Armstumpf, und seine Stimme klang besonders rauh und belegt.
Herr Hanekamp hörte ihm nachdenklich zu.
»Ihr scheint mir ein verständiger Mann zu sein, Magister, und man merkt es, daß Euch arg mitgespielt ist. Ich weiß jetzt, wie es tut, in die Hände der Bösen zu fallen, und auch Ihr solltet mit mir nach Hamburg kommen! Wir haben immer Männer nötig, die eine scharfe Predigt halten können und kein Blatt vor den Mund nehmen. In meinem Hause ist Platz für Euch, und ich werde Euch schon eine Anstellung besorgen!«
Der Magister zögerte mit der Antwort, und der Kaufherr wandte sich ab.
»Besinnt Euch auf meinen Vorschlag und kommt zu mir, wann Ihr Lust habt. Jetzt aber möchte ich an den Pepermolenbeck gehen und die Schildwache anrufen, daß sie die Zugbrücke herunterläßt. Zuerst wird mich in meiner Vaterstadt niemand kennen, da mich noch niemand in einem so trübseligen Aufzug wie heute gesehen hat. Aber meine Mitbürger mögen daraus sehen, wie verkehrt es ist, sich aus den Mauern unsrer guten Stadt ins offne Land zu wagen!«
Er winkte Burga, die nur unwillig hinter ihm herging. Noch immer besann sie sich, ob sie dem Kaufherrn folgen sollte, als der Junker Rantzau sie ansprach.
Er trug noch immer ein Tuch um den Kopf, aber seine Augen blickten hell, und die Geister des schweren Weines waren von ihm gewichen.
»He Dirne,« rief er mit seiner hellen Stimme. »Ich höre, du willst eine Rantzau sein? Wie kommst du darauf? Bist du einstmals von einer brennenden Burg geraubt?«
Aber Burga war übler Laune.
»Was geht's Euch an?« erwiderte sie.
»Was es mich angeht? Nun, unser Geschlecht ist ein altes und vornehmes, und wer sich so nennt, ohne es zu dürfen, der kann ins Gefängnis kommen!«
Burga warf den Kopf in den Nacken.
»Hierzulande scheint es mehr Strafen zu geben als andre Dinge!«
Der Junker Rantzau sah sie aufmerksam an.
»Du bist schlecht aufgelegt, und ich kann's dir nicht verdenken. Aber wenn du dich ein Lagerkind nennst, dann weißt du auch, daß die Zeiten hart sind und daß niemand mit Sammethandschuhen angefaßt wird. Sag, weißt du vielleicht noch etwas von der Burg, von der man dich raubte?«
Burga schüttelte den Kopf.
»Was soll ich wissen? Ich bin ein Lagerkind und will nichts andres sein!«
Der Junker wollte noch weiter fragen, aber Burga lief dem Magister nach, der Herrn Jobst Hanekamp an den Pepermolenbeck brachte. Hier standen die Hamburger Söldner und ließen die Zugbrücke nieder. Sie hatten schon von Herrn Hanekamps Mißgeschick gehört und begrüßten ihn feierlich. Und über dieselbe Zugbrücke wanderten hinter ihm der Magister und Burga, die ihren Hund am Halsband gefaßt hielt. Ihr kam es vor, als ginge sie in ein Gefängnis, und ihr Herz war schwer. Dem Junker aber, der noch hinter ihr hersah, wollte sie nicht antworten. Er war so hochmütig und würde ihr nicht glauben, wenn sie sagte, was sie von ehemals wußte. Und eigentlich war es nur das kleine Verslein:
»Von Erd bin ich genommen, zur Erde bin ich kommen! Herr Christe tu mir weisen den Weg zum Paradeisen!«
Über so ein Verslein würde der stolze Junker doch nur gelacht haben! Also ging sie nach Hamburg und sah nicht, wie der Junker Rantzau nachdenklich hinter ihr herblickte. Er dachte an seine Mutter, die in der Stadt Schleswig wohnte und oft von ihrem Töchterlein sprach, das sie bei der Zerstörung ihres Edelhofes verloren hatte. Sie suchte es noch immer, denn irgend jemand hatte es bei dem Brande mit einem Knecht davonreiten sehen; aber ihre Spur war lange, lange verloren, und jedermann in der Familie sagte, es sei tot und begraben.
Der Junker hatte lange nicht an das Schwesterchen gedacht; jetzt war er in Grübeln versunken. Dann schüttelte er den Kopf und strich sich über die Stirn, als wollte er einige Gedanken wegwischen. Es war besser, der Frau Mutter nichts zu sagen, und er selbst wollte auch nicht mehr an das trotzige Mädchen denken, das ihn mit ganz bekannten Augen ansah. Denn heutzutage war die Welt voll Lug und Trug; seine kleine Schwester lebte sicherlich nicht mehr, und diese Dirn war eine dreiste Betrügerin.
Er ging wieder seines Weges und vergaß Burga.


Nun war wirklich Friede, obgleich viele Leute sich noch nicht an diesen Gedanken gewöhnen konnten. Denn die meisten von ihnen kannten nur Plünderung, Mord und Totschlag. Daß man das Feld in Frieden bestellen konnte, daß wieder Kühe auf der Weide gingen, die ihrem Eigentümer Milch gaben und nicht jeden Augenblick geraubt werden konnten, war für viele ein Wunder, an das sie sich erst allmählich gewöhnen konnten. Und manchen Strauchritter gab es, der die Kriegs- und Mordzeiten lieber gehabt hatte und sich nun langweilte, weil er das Arbeiten verlernt hatte und nicht mehr stehlen und plündern durfte. Ihm aber gings jetzt schlecht, denn die Fürsten der ausgeraubten Länder paßten scharf auf, daß jedes Verbrechen bestraft wurde, und die Gefängnisse waren voll und die Galgen selten ohne Gehängte.
In dem Dorf Altona hatte der Dänenkönig noch immer ein Fähnlein Dragoner stehen, das in der Umgegend auf Ordnung halten mußte. Der alte Wachtmeister Balthasar war nicht mehr unter ihnen. Er gehörte zu denen, die das Rauben und Plündern nicht lassen konnten, und er hatte sich eines Tages versehen, indem er auf Hamburger Gebiet einen Bauernhof plünderte und einen Knecht, der ihm entgegentrat, erschoß. Dafür wurde ihm in Hamburg der Prozeß gemacht, und der Magister Timotheus Lange, der in der Stadt der Prädikant für die Gefangenen geworden war, mußte seinen alten Bekannten auf den Tod am Galgen vorbereiten. Er tat es nicht gern, denn er war mehr für die Gnade als für die Strafe; aber die Hamburger Ratsherren waren nicht so mitleidig wie er, wozu sie auch allen Grund hatten.
Denn die Obrigkeit ist dazu da, das Recht zu wahren und das Unrecht zu strafen, und so wanderte eines Tages der Wachtmeister im Armsünderhemd zum Galgen, und Timotheus Lange ging neben ihm und betete für ihn. Er stand auch neben ihm, als ihm der Strick um den Hals gelegt wurde, und sagte nachher zu Frau Jutta, daß das letzte Wort des armen Sünders ein gutes und christliches gewesen wäre. Wozu Frau Hanekamp zufrieden nickte. Denn sie hatte nichts mit den dänischen Dragonern im Sinn, die ihr den Hof ausgeraubt und ihren Gottfried mitgenommen hatten. Zwar war ihr Sohn wohl aus freien Stücken ein Kriegsmann geworden und stand jetzt als Fahnenjunker in Kopenhagen; aber wer weiß, wie's gegangen wäre, wenn damals die Dragoner nicht gekommen wären. Diesen ersten waren nämlich täglich andre gefolgt, und es war ein Glück, daß Ohm Hanekamp sein Haus in Hamburg als Zufluchtsstätte anbot. Auf dem Hofe hätte die Frau mit ihrem zweiten Sohne nicht bleiben können, ohne selbst in arge Gefahr zu geraten. Denn grade in den letzten Kriegsjahren steckte das ganze Elbufer voll von räuberischen Soldaten, die sich nach dem Friedensschluß nur langsam entfernten.
Mit schwerem Herzen war Frau Jutta damals nach Hamburg gezogen und fand sich mühsam in das Leben einer engen Straße, grade wie ihr Konrad, der zuerst nur weinte und wieder davonlaufen wollte. Bis er sich allmählich daran gewöhnte, städtische Kleidung zu tragen; und jetzt war er ein Kaufmannslehrling, der auf die Bauern draußen im Lande etwas spöttisch herabsah. Ganz anders wie Burga, die äußerlich eine frische Jungfrau geworden war, die nähen, spinnen, kochen konnte und beim Magister Timotheus sogar Latein lernte. Wer sie eifrig im Hause hantieren oder über die Straße, gefolgt von ihrem großen Hund, gehen sah, der würde nicht auf den Gedanken gekommen sein, daß sie oft oben auf dem Boden des hohen spitzen Hauses in der Domstraße stand und gen Westen blickte. Dorthin, wo das weite Land lag, die Dörfer Altona und Ottensen, wo der Tannenwald stand und wo einst die Wölfe hausten. Denn sie hatte noch immer nicht vergessen, daß sie einst ein Lagerkind war, und sehnte sich nach weiten Feldern und der Freiheit.
Aber dazumal ging man noch immer nicht weit von der sicheren Stadt, und es war ein großes Ereignis, als der alte Ohm Hanekamp an einem schönen Sommertage mit dem Leiterwagen des Fuhrmanns Heesch über Altona und Ottensen nach dem Hanekamphof fuhr. Denn der Hof gehörte noch immer Frau Jutta, und sie mußte sich einmal um ihn bekümmern.
Es war wunderlich, einmal wieder die Straße zu fahren, die niemand von ihnen wieder gewandert war, seitdem die Dragoner mit Herrn Hanekamp und Gottfried nach Altona reiten wollten und dabei ihr Leben lassen mußten. Nun sah es hier anders aus. Das Dorf Altona, durch das die Reisenden zuerst fuhren, machte schon einen städtischen Eindruck: eine Kirche wurde gebaut, und Herr Hanekamp hatte gehört, daß der dänische König dem Ort die Stadtgerechtigkeit verleihen wollte. Einige stattliche Häuser waren in den letzten Jahren errichtet worden, und auf dem Marktplatz stand ein großes Haus mit einer Schildwache davor. Hier wohnte der Rittmeister von Rantzau, der die Schwadron Dragoner kommandierte. Fuhrmann Heesch, der aus Altona war, berichtete es, während er gemächlich durch die Gassen fuhr und vorsichtig allen Düngerhaufen auswich, die vor den Häusern lagen und auf denen heute lustig die Hühner scharrten.
Burga betrachtete aufmerksam das Gebäude, aber als Frau Jutta sie ansah, wandte sie errötend den Kopf. Sie sprach niemals mehr von dem Namen, der auf ihrem Arm eingeschrieben war. In Hamburg nannte man sie Walburga Hanekamp, und mit diesem Namen gab sie sich zufrieden.
Fuhrmann Heesch mußte vorm Torhaus in Altona einige Zeit warten, da er verschiedene Waren hinaus nach Wedel nehmen sollte, das heute sein Endziel war. Da berichtete er denn noch einmal von dem Rittmeister Rantzau. Bei ihm wohnte seine Mutter, die gestrenge Frau von Rantzau, und der Fuhrmann war im vorigen Jahr nach der Stadt Schleswig gefahren, um ihren Hausrat zu holen. Die Edelfrau hatte nicht viel Hab und Gut: ihr Schloß war ehemals von den Kaiserlichen niedergebrannt worden, und alle guten Sachen waren geraubt oder verbrannt. Aber die gestrenge Frau sollte niemals geklagt, sondern sich in Gottes Ratschlag gefügt haben. Nur, sie konnte nicht gut kleine Mädchen sehen, ohne zu weinen. Ihr sollte nämlich ein Töchterlein geraubt sein, und sie wußte heute noch nicht, ob es lebte oder lange im Grabe ruhte.
So schwatzte der Fuhrmann, dann wurde ihm ein Ballen mit Waren auf den Wagen gelegt, und er fuhr weiter. Bei seinen Reden war Herr Jobst eingeschlafen, wie er immer tat, wenn er fuhr, und Konrad flüsterte mit seiner Mutter, weil er sich ein neues Samtwams wünschte. Nächstens gab es ein großes Schützenfest, und er wollte einen eben so schönen Rock haben wie seine Genossen.
So also hatte Burga wohl ganz allein dem Fuhrmann zugehört und saß nachher lange schweigend, während die andern allmählich die Gegend erkannten und sich lebhaft unterhielten. Herr Hanekamp, der aufgewacht war, wollte den Hof am liebsten verkauft sehen, während Frau Jutta sich nicht dazu entschließen konnte. Wie sie aber nun an einer Wegbiegung ausstiegen und nach etlichen Schritten vor einigen verbrannten Grundmauern standen, aus denen bei ihrer Annäherung ein Fuchs lief, da standen sie schweigend. Der Hanekamphof mochte noch gutes Land haben, aber seine Gebäude waren verschwunden. Dort, wo die Kuh ihren Stall hatte, wuchs ein großer Dornbusch, und wo einst die Hühner glucksten und Eier legten, hatten wilde Kaninchen ihre Gänge gegraben.
Frau Jutta wischte sich die Tränen aus den Augen, und sogar Konrad vergaß sein neues Wams und seufzte. Dann redete Herr Hanekamp darüber, wer wohl das Grundstück kaufen möchte, und Burga ging unterdessen durch eine halbzerstörte Tannenschonung der Elbe zu.
Einen Augenblick blieb sie stehen und sah dem Fuhrmann zu, der hier seine Pferde ruhen ließ, ehe er weiter nach Wedel fuhr, um dann gegen Abend die Hamburger wieder abzuholen. Aus einer Quelle in der Nähe holte er Wasser, das er den Tieren vorsetzte, und brockte grobes Brot hinein. Behaglich stand er, biß in ein Stück Speck, das er sich mitgebracht hatte, und setzte sich einen Augenblick auf den weichen Waldboden um auszuruhen. Er sah Burga nicht, und sie hatte keine Lust, mit ihm wieder ein Gespräch zu beginnen, als sie die Zweige des Unterholzes sich biegen sah und ein alter Mann vorsichtig herankroch. Er hatte wilde graue Haare und war mit schmutzigen Lumpen bedeckt. Eben richtete er sich auf, um dann zum Wagen zu gehen und einen Ballen Ware herabzulangen, als Burga eine unwillkürliche Bewegung machte. Der Strauchdieb mußte gute Ohren haben: er sah sich um, bemerkte das junge Mädchen und war gleich wieder im Busch verschwunden.
Burga weckte den Fuhrmann, der sich grade zum Schlafen legen wollte und nun brummend aufstand, seine Waren zählte und einige Flüche ausstieß, daß ein ordentlicher Mann nicht einmal jetzt, wo doch Friede war, im Freien schlafen könnte. Er bedankte sich auch nicht und setzte sich auf den Wagen, um weiter zu fahren.
Langsam rasselte der Wagen davon, und Burga ging weiter an die Elbe. Es fiel ihr nicht ein, daß sie besser täte, wieder nach dem Hof zu gehen, wo Frau Jutta den Korb mit den Lebensmitteln auspackte und man sich zum Essen sammeln sollte: sie stand oben auf einer der Dünen und blickte auf den großen Fluß, den sie jetzt so gut kannte. Breit und majestätisch floß der Strom dahin, an dem gegenüberliegenden Ufer schaukelten einige Fischerewer, und in der Mitte des Stromes ging ein Hamburger Schiff hinaus. Es hatte glänzend weiße Segel, und einige Kanonen blitzten in der Sonne. Draußen in der Nordsee gabs noch immer Seeräuber, und manchmal kamen sie in die Elbe, um die Fischerdörfer auszuplündern. Da war es gut, daß die Hamburger für Ordnung sorgten.
»Guten Tag, Burga!« sagte eine Stimme hinter ihr, und der Strauchdieb von vorhin schob sich neben sie.
»Wer bist du?« fragte das junge Mädchen erstaunt, und der Alte schnitt ein klägliches Gesicht.
»Wie, du kennst den roten Michel nicht mehr? Sind wir denn nicht zusammen beim Troß gewesen, und hab ich nicht manchmal für dich gesorgt? Weißt du noch, wie die Dänen mich gefangen nahmen und meine Freunde kamen und sie tot schossen?«
»Ich war nicht dabei!« entgegnete Burga, die den Roten erkannte, obgleich er nicht mehr rot, sondern grau war, und obgleich er schlimmer aussah als jemals.
»Du warst nicht dabei?« Michel besann sich einen Augenblick. »Nun ja, dann wirst du aber davon gehört haben. Die Dänen sind nachher höllisch aufgeregt gewesen, und ein paar von meinen Freunden haben auch ins Gras beißen müssen!«
»Das glaube ich wohl. Ihr seid schreckliche Menschen gewesen!«
»Schreckliche Menschen?«
Michel sah sie vorwurfsvoll an.
»Wir waren oft viel besser als die Soldaten und haben treu zu einander gehalten, obgleich ich natürlich die andern lieber hängen sah als mich! Ich merke schon, du bist eine vornehme Krämerstochter geworden, was sich nicht für dich schickt. Und Haare hast du so lang bekommen, wie es sich nicht für ein Lagerkind paßt, und eine Haut wie Milch und Blut. Auch das ist ungesund, Burga, und daß du mich störst, wo ich dem Fuhrmann ein paar Waren nehmen will, die ihm doch nicht gehören, ist gradezu unrecht. Seitdem der dumme Friede da ist, hat man wirklich keine Freude mehr vom Leben. In jeder Stadt stehen Galgen, und die Soldaten tun, als dürfte man garnichts mehr nehmen. Es ist eine böse Zeit, Burga, und wenn du noch einmal merkst, daß ich mir ein wenig nehmen will, dann sieh weg und mache nicht so große Augen wie vorhin!«
»Du solltest ehrlich werden, Michel!« sagte Burga. Ihr Gesicht war mitleidig geworden, und halbwegs freute sie sich, den alten Genossen wieder zu sehen.
Michel mußte ihre Gedanken merken, denn er stöhnte tief.
»Ja, Burga, du hast gut reden. Wenn ich ehrlich werden will, dann soll ich natürlich gleich arbeiten, und daran bin ich wirklich nicht mehr gewöhnt, und ich kann es auch nicht vertragen. Ich muß meine Freiheit haben und ein wenig Abwechslung. Hier einmal einbrechen, und dort ein paar Hühner oder Gänse nehmen, ist viel lustiger, als immer ehrlich sein!«
»Du siehst aber nicht sehr lustig aus!« meinte Burga, und Michel betrachtete seine Lumpen, seine nackten, schmutzigen Füße und kratzte seinen wilden grauen Kopf.
»Ich bin nicht für Feinheit wie die Krämer, und Wasser an den Körper ist grade so ungesund, als wenn man es sich in den Leib gießt. Im Augenblick sind die Zeiten grade sehr schlecht, und daher sehe ich nicht ganz ordentlich aus. Aber wenn du mir sagen kannst, wo ich vielleicht einen reichen Krämer treffe, dem ich seine Kleider nehmen kann, dann will ich dir dankbar sein. Damals hast du mir mit deinem wütenden Hund einen üblen Streich gespielt, und den mußt du nun wieder gut machen!«
»Burga, Burga!« Konrads Stimme hallte durch den Wald, und der einstmals rote Michel fuhr zusammen.
»Kann man denn nicht einmal ordentlich mit dir sprechen?« murrte er. »Ich wollte dir noch etwas erzählen!« Aber als die Rufe näher kamen, verschwand er im Unterholz, und als Konrad neben Burga trat, stand sie allein und sah auf die Elbe. Der junge Mann schalt, daß er sie so lange hätte suchen müssen und daß es hier doch wohl nicht ganz geheuer wäre. Er dachte jedoch kaum mehr an die Wölfe, die einstmals hier gehaust hatten; er sah den großen Schiffen nach und erklärte, daß auch er in die weite Welt reisen wollte. Jetzt aber müßte Burga nach der alten Hofstelle kommen und ihr Essen einnehmen.
So also saß Burga nachher bei den Hanekamps, versuchte zu essen und konnte es nicht. Die andern beachteten sie nicht. Herr Hanekamp sprach wieder davon, daß es wohl besser wäre, die Ländereien zu verkaufen, und Konrad erklärte, daß ihm alles einerlei wäre, da er doch niemals wieder hier draußen in der Wildnis wohnen würde. Nach einigen Stunden kam dann der Fuhrmann wieder, und alle fuhren nach Hamburg. Der Wagen rasselte, die Pferde schnoben, und jedermann hing seinen eignen Gedanken nach. Herr Jobst dachte an sein Geschäft, Konrad sah sich schon auf einem großen Schiffe, Frau Jutta gedachte der Zeit, da sie auf dem Hanekamphof wohnen und ihre zwei Jungen haben durfte, und Burga hatte die Augen geschlossen und sah wie im Traume eine brennende Burg, hörte das Klappern der Hufe und wilde Schreie. Und dann wieder war alles vorüber: eine weiche Hand strich ihr übers Haar, und eine milde Stimme sprach: »Von Erd bin ich gekommen, zur Erde werd ich kommen. Herr Christe tu mir weisen den Weg zum Paradeisen!« Und sie sehnte sich, und wußte nicht, wonach.


Zum Träumen und Sehnen war dazumal nicht allzuviel Zeit, Burga vergaß den alten Räuber vom Elbstrande und schaffte im Hausstand oder lernte Latein beim Magister Lange. Dann wurde Frau Jutta krank und mußte gepflegt sein, und aus Kopenhagen schrieb Gottfried, daß er Offizier geworden wäre und vielleicht einmal nach Hamburg auf Urlaub käme. Das war eine gute Nachricht, und seine Mutter zählte jetzt die Tage, da sie ihren Sohn wieder sehen sollte. Dann aber kam die Botschaft, daß er noch keinen Urlaub erhielte, und Frau Jutta wurde wieder kränker. Herr Hanekamp war unzufrieden, denn er hatte kranke Leute nicht gern, und er lobte Burga, die nie krank war und immer mehr häusliche Pflichten auf sich nahm.
»Mit dir ist noch etwas anzufangen!« sagte er. »Du bist zwar nur ein Lagerkind, aber du bist stark und kräftig. Ich werde nichts dagegen haben, daß einer der Hanekamps dich heiratet. Zwar hast du kein Geld, und das ist bedauerlich. Aber eine tüchtige Frau ist wie Bargeld, ich werde dir wohl auch eine Aussteuer geben!«
Burga lachte über den alten Herrn. Ihr war noch garnicht nach Heiraten zumute, aber, da der Kaufherr von Geld gesprochen hatte, so holte sie aus ihrer Lade den kleinen Lederbeutel heraus, den sie als Lagerkind immer um den Hals getragen hatte. Wie sie dann nach Hamburg kam, legte sie ihn ab und vergaß ihn, bis sie sich seiner jetzt wieder entsann. Es war ein kleiner gestickter Lederbeutel, in dem noch aus ihrer Wanderzeit mehrere Gold- und Silbertaler steckten. Sie wußte kaum mehr, wie sie zu dem Geld gekommen war; den Lederbeutel aber meinte sie eben so lange getragen zu haben wie die Buchstaben auf dem Arm.
Allerlei Gedanken stiegen in ihr auf, wie sie das kleine Ding in der Hand hielt; aber sie waren verworren, und sie wollte ihnen auch nicht nachhängen. Gern hörte sie sich nicht mehr ein Lagerkind nennen, es war doch besser, im Frieden des Hauses zu wohnen und nicht mehr heimatlos umher zu ziehen.
Sie schloß den Beutel wieder weg und kam grade unten in die Diele, als Konrad eilig eintrat und ganz heiß war vor Aufregung und Vergnügen. Eben war es in der Stadt ausgerufen worden, daß ein Hamburger Schiff draußen in der Elbe einen guten Fang gemacht hatte. Eine ganze Gesellschaft von Seeräubern war den Hamburgern in die Hände gefallen, und morgen schon wurden sie eingebracht, um dann feierlich gerichtet zu werden.
»Die armen Kerls!« sagte Burga halb mitleidig, und Konrad sah sie erstaunt an.
»Was sagst du da? Freust du dich nicht, wenn die Gegend wieder sicher wird? Dicht bei Blankenese haben einige in den Dünen gewohnt; Fuhrmann Heesch hat mir auch erzählt, daß sie oft hinter ihm her gewesen sind. Man muß sich doch freuen, wenn sie alle gehängt werden!«
Am andern Tage zog wirklich ein langer Zug von gefangenen und mit Ketten geschlossenen Räubern vom Hafen her durch die Straßen, die Jungen liefen hinter ihnen her und bewarfen sie mit Steinen, während die Erwachsenen grausend die finstern Gesichter und die zerlumpten Kleider der Männer betrachteten, von denen mancher noch roh verbundene Wunden aufwies. Eine böse Gesellschaft war es, die nun hinter Schloß und Riegel gebracht wurde, und Konrad berichtete nachher, wie zornig die Räuber gewesen waren und wie entsetzliche Flüche sie ausgestoßen hatten. Denn er war natürlich mit den Neugierigen gelaufen, die sich alles ansehen mußten, und forderte Burga dringend auf, am nächsten Tage mit ihm zum Gefängnis zu gehen. Hier vor dem düstern Gebäude sollten die Gefangenen öffentlich an den Pranger gestellt werden, damit sie jedermann besehen und sich ein Beispiel an ihrem schrecklichen Ende nehmen konnte. Aber Burga schüttelte den Kopf. Sie wollte Frau Jutta nicht verlassen, die wieder krank war, und dann graute es ihr auch, soviel menschliches Elend auf einem Haufen zu sehen. Also ging Konrad allein und kehrte nach einer Weile zurück, um zu berichten, daß ein so großer Andrang von Neugierigen vor dem Gefängnis war, daß er selbst gar nichts von den am Pranger Stehenden gesehen hatte. Nicht allein die Hamburger betrachteten sich die Gefangenen; aus Altona war viel Volk gekommen, sogar einige vornehme Dragoneroffiziere, die sporenklirrend durch die Straßen gingen, und von Finkenwärder einige Boote voll Fischer, die sich's auch nicht nehmen ließen, die Räuber zu betrachten. Denn sie hatten lange unter ihnen gelitten, und nun wollten sie sich auch der Strafe freuen, die diese Missetäter erlitten.
So erzählte Konrad, lief aber gleich wieder weg, und Herr Jobst Hanekamp, der gerade aus seinem Kontor kam, ließ sich Stock und Perücke geben und ging gleichfalls zum Gefängnis. Er war zwar durchaus nicht neugierig, wie er immer wieder versicherte, aber hier mußte er doch dabei sein.
Auch die zwei Mägde und der Knecht liefen davon, und Burga stand allein auf der halb dämmrigen Diele. Oben lag Frau Jutta im Bett und schlief; durch die geöffnete Haustür fiel das Licht der untergehenden Sonne, und von draußen her kam nur das Zwitschern der Spatzen. Die ganze Straße war menschenleer, alle waren zum Gefängnisplatz gelaufen.
Es war ein klarer Tag im Vorsommer, noch kalt, aber sehr freundlich, und wie Burga in die Sonnenstrahlen sah, die über die roten Dächer der Domstraße huschten, mußte sie an das düstre Gefängnis denken, in das jetzt die Räuber geworfen wurden. Einmal war auch sie im Kerker gewesen, und daher wußte sie, wie es tat, hinter Mauern zu schmachten. Und gerade dann, wenn der Sommer kam und die Welt freundlich wurde!
Ein Schritt kam die Straße entlang, und sie stellte sich in die Haustür, um den Menschen zu betrachten, der jetzt nicht vor den Räubern stand und sie verhöhnte. Es war ein junger Fischer, der schwerfällig auf seinen Holzschuhen daher trabte, sich unschlüssig umsah und dann vor Burga stehen blieb. Er hatte kurze blonde Haare und ein ehrliches Gesicht, und er roch nach geräucherten Fischen.
»Ich such' 'ne Jungfer Hanekamp!« sagte er, als Burga ihn fragend ansah, und sie erwiderte:
»Die bin ich!«
Denn alle Leute nannten sie so, und sie war es zufrieden.
Der junge Mann rieb sich den Kopf und zog langsam seine Mütze aus Seehundsfell.
»Ich bin Klas Stolz!«
»Klas Stolz?« Burga wiederholte diesen Namen ohne Verständnis, und der junge Fischer sah sie erstaunt an.
»Wenn du die Jungfer bist, die meinen Vater damals von Teufelsbrücke nach Finkenwärder gebracht hat, dann solltest du doch wissen, wie ich heiße!«
»Ich hab's vielleicht gewußt, aber hab's vergessen!« entgegnete Burga lachend, und Klas schüttelte den Kopf.
»Man muß nichts vergessen!« sagte er ernsthaft. »Ich denk noch immer daran, wie ich allein bei meinem Vater saß und wie du mir halfest! Auch weiß ich, daß ich mich nicht bedankte und daß du dann beinah ins Loch gekommen bist, weil du mit einem der unverschämten dänischen Junker fuhrest. Wir haben die Geschichte nachher erst erfahren, und es hat uns leid getan; auch meiner Mutter, die damals im Bett lag und ein kleines Kind hatte. Aber Vater hat lange gelegen, ohne daß er die Besinnung wieder kriegte. Herr Hanekamp hat ihm einmal Geld geschickt, und nun sitzt er vor dem Hause und strickt Netze; aber aufs Wasser gehen und Fische fangen kann er nicht mehr; der rote Michel hat ihm zu arg mitgespielt! So ist es also gekommen, daß wir uns nie etwas von Dankbarkeit merken ließen, und wir haben auch lange nicht gewußt, wer das Mädchen war, die uns damals half — aber wir haben's vom Magister Lange erfahren, der neulich auf unsrer Insel war, um unsern Pastor zu besuchen. Und daher will ich mich jetzt bedanken!«
Aus seinem Korb, den er in der Hand trug, zog Klas ein Paket hervor, das er Burga in die Hand gab.
»Mach es nur offen!« sagte er stolz. »Die Bürgermeisterin von Hamburg wird kein so schönes Seehundsfell haben, wie ich dir bringe!«
Er zog selbst die Leinwand von der langen, seidigen Pelzjacke, die er Burga über den Arm legte.
»Es sind sieben Felle, und ein feiner Schneider in Amsterdam hat die Jacke gearbeitet. Du kannst sie tragen, wenn du dich jetzt verheiratest, und wenn du eine Großmutter geworden bist, wird die Jacke noch gut sein!«
Burga stieß einen Laut des Entzückens aus über die leichte und doch warme Jacke, die noch dazu mit Marderfell gefüttert war. Dann aber schüttelte sie den Kopf.
»Was schenkst du mir solche Kostbarkeit? Ich weiß kaum mehr, daß ich etwas für deinen Vater tat. Hast du mir auch nicht einmal etwas gegeben, als ich hungrig war? Dafür habe ich dir noch gar nichts geschenkt!«
Klas lachte. »Von der Geschichte weiß ich nichts mehr; jedenfalls wollte ich dir dies Ding schenken, und mir ist es gar nicht teuer gekommen. Ich hatte damals einen großen Seehundsfang gemacht, und diese Jacke ist dabei abgefallen. Wir Finkenwärder lassen uns nicht lumpen, kann ich dir sagen, und darum mußt du das Geschenk schon annehmen. Und nun leb wohl, ich will mir mal den roten Michel besehen, der auch am Pranger steht. Schade, daß ich ihn nicht hängen darf, das würde mir Vergnügen machen!«
»Der rote Michel hat deinem Vater doch nichts getan!« rief Burga rasch. »Ganz gewiß, er war es nicht, der deinen Vater verwundete, das wird ein andrer Räuber gewesen sein. Jetzt fällt's mir wieder ein, der Rote hat damals Herrn Hanekamp überfallen, und darüber kam ich dann zu.«
Klas machte ein mißvergnügtes Gesicht.
»Das ist ja schade. Ich hab grade einen verrotteten Winterapfel in der Tasche, den wollte ich ihm ins Gesicht werfen, wenn er am Pranger steht. Mehr darf ich nicht tun, die Hamburger sind immer so eigen mit ihren Gefangenen und wollen sie nicht durchprügeln lassen!«
Burga hörte nicht auf ihn. Sie sah vor sich hin und wiederholte: »Der rote Michel war es nicht, der deinen Vater fast tötete! Den habe ich doch nachher von Herrn Hanekamp weggejagt!«
»Wer war es denn?« fragte Klas, aber darauf konnte Burga keine Antwort geben. An diese Dinge hatte sie lange nicht gedacht; sie wußte nur, daß dieses Mal der rote Michel schuldlos war.
Also ging Klas Stolz achselzuckend davon und meinte, den verrotteten Winterapfel wollte er jedenfalls aufs Geratewohl zu den am Pranger Stehenden werfen. Verdient hatten sie alle noch viel Schlimmeres.
Burga stand mit ihrem kostbaren Pelz über dem Arm und hatte das Geschenk vergessen. Schon oft hatte sie mit einer großen Unruhe gekämpft, sie aber zu unterdrücken gesucht; jetzt, wo der rote Michel in Hamburg war und bald gehängt werden sollte, kam es über sie, als müßte sie zu ihm.
Herr Hanekamp und Konrad kehrten von ihrem Gang ans Gefängnis zurück. Ganz Hamburg hatte vor den Prangern gestanden, hatte auf die Räuber gezeigt und sie gescholten und geschimpft wegen ihrer Missetaten. Und die Räuber hatten frech geantwortet, die Zunge hinausgestreckt und waren wenig bußfertig gewesen. So würden sie also nun ohne Reue ihre irdische Strafe erleiden.
Still hörte Burga diesen Berichten zu, und wie sie dann nachher in ihrem bequemen Bett lag, konnte sie nicht schlafen. Der rote Michel — war er es nicht gewesen, der sie als kleines Kind aus dem Feuer getragen und aufs Pferd gehoben hatte? War er es nicht gewesen, der nachher mit dem guten Prädikanten sprach, daß dieser ihr den Namen auf den Arm ritzte? Der rote Michel war sicherlich ein Räuber; aber ganz schlecht war er niemals gewesen, wenigstens nicht gegen sie! Er wußte, daß sie den kleinen Lederbeutel mit dem Gelde um ihren Hals trug, und er hatte ihn ihr nicht genommen, sondern gelegentlich, wenn er Geld hatte, ihr einen Gulden gegeben, damit sie einen Notgroschen hatte.
Die Sonne ging schon auf, da hatte Burga noch keinen Schlaf gefunden. Es nützte nichts, daß sie immer wieder ihr kleines Gebet sprach; sie wurde erst ruhiger, als sie sich hastig ankleidete und unhörbar auf die Straße schlich. Noch war alles still; nur ein Wächter schlief fest auf einer Haustreppe, und Burga konnte, ohne gesehen zu werden, bis ans Gefängnis gehen, das jetzt finster und schweigend dalag. Vor dem Gebäude waren noch alle Halseisen, in denen die Räuber am Pranger gestanden hatten, und ringsherum lagen kleine Steine, Fischköpfe und Gemüsereste, mit denen das Volk sie beworfen hatte. Aber Burga achtete nicht darauf. Sie klopfte an die niedrige Tür eines Häuschen, das sich hart ans Gefängnis lehnte. Hier wohnte Timotheus Lange, den der Senat als Gefängnisgeistlichen angestellt hatte und der in dieser Zeit sein gerüttelt Maß zu tun hatte.
Er war aber ein Frühaufsteher, und als Burga nur leise den Klopfer hob, stand der Magister schon vor ihr und wunderte sich gar nicht einmal des frühen Besuchs.
»Ich hab dich wohl herbeigedacht, Kind!« sagte er nur mit seiner heisern aber doch so gütigen Stimme, und dann führte er Burga in sein kleines Arbeitsstübchen, in dem eine ältere, in Schwarz gekleidete Frau saß, die große Augen auf das junge Mädchen richtete. »Dies, edle Frau, ist Walburga, auf deren Arm der Name Rantzau neben dem der Walburga steht!«
Er schob den leichten Stoff zurück, der Burgas Arm bedeckte, und zeigte die schwarzen Zeichen.
Die Angeredete stand auf und faßte Walburgas Hand. »Sag, was du noch weißt, von damals, aus der Zeit, als du vielleicht mein Kind warest!«
Walburga begann zu zittern, aber sprechen konnte sie nicht. Sie konnte sich auf nichts besinnen, nur auf ihr kleines Gebet. Sie faltete die Hände.
»Von Erd bin ich genommen, zur Erde werd' ich kommen! Herr Christe tu mir weisen den Weg zum Paradeisen!«
Die Edelfrau brach in Tränen aus.
»Dies Verslein habe ich mein Kind gelehrt, als es noch kaum sprechen konnte! Ach, Walburga, bist du wahrhaftig mein lang entbehrtes und oft beweintes Töchterchen? Fast ist es zu gut, um es zu glauben!«
Auch Walburga weinte.
»Edle Frau, ich weiß nur, daß ich ein armes Lagerkind war und von Land zu Land irrte. Gehungert hab ich und viel Durst gelitten, aber mein Verslein und der Name auf dem Arm sind mit mir gegangen!«
Dann saßen sich beide Frauen, die ältere und die junge, gegenüber, und wußten nicht, ob sie sich in die Arme fallen sollten oder nicht.
Lächelnd stand der Magister daneben.
»Ich kann mir denken, Frau von Rantzau, daß Ihr zweifelt; aber ich meine, so klar, wie im irdischen Leben überhaupt etwas sein kann, so klar ist es, daß Ihr die Mutter dieses Mädchens seid. Zum wenigsten ist die Jungfrau Euch aus den Augen geschnitten. Aber nun wollen wir zu dem gehen, der gestern von mir verlangte, Euch und Euren Sohn rufen zu lassen, da er vor seinem Tode ein Geständnis zu machen habe.«
Er winkte, und beide Frauen gingen hinter ihm her, während sich aus einer verborgenen Ecke ein junger Mann erhob, der Walburga zunickte. Das war der Rittmeister von Rantzau, mit dem Burga vor etlichen Jahren über die Elbe gefahren war; sie beachtete ihn heute aber nicht.
Ihre Gedanken waren von der Frau in Anspruch genommen, die langsam vor ihr herschritt. Wie mußte es sein, eine wirkliche Mutter zu haben! Sie merkte kaum, daß der Weg ins Gefängnis ging, und dann erst kam sie zu sich, als sich eine düstre Zelle vor ihr auftat, in der ein alter Mann an Ketten lag. Mühsam erhob er sich von seinem Strohlager.
»Burga,« sagte er kläglich, »rede du für mich! Bin ich nicht immer ganz ordentlich gegen dich gewesen und habe dafür gesorgt, daß dir nichts Böses geschah? Wenn ich einen Prädikanten traf, dann habe ich dich gleich zu ihm gebracht, und du hast schreiben und lesen und die zehn Gebote gelernt. Und wenn ich Geld hatte, hab ich dir auch etwas abgegeben. Du hattest den kleinen Beutel um den Hals, als ich dich aus der Burg trug, darin steckten ein paar Goldtaler; ich hab sie dir gelassen.«
»Ja, ja,« Burga klopfte ihm den krummen Rücken und vergaß einen Augenblick die andern. »Ich weiß, du bist nie ganz schlecht gewesen, Michel, und ich habe manchmal an dich gedacht!«
»Seht Ihr?« Der Gefangene wandte sich an den Magister, »sie sagt selbst, daß ich kein übler Kerl war. Ihren Namen habe ich ihr auch auf den Arm schreiben lassen und dann mit Schießpulver verrieben.«
»Aber du brachtest die Feinde auf die Finkenburg!« rief der Rittmeister von Rantzau, der sich immer im Hintergrund gehalten hatte und nun erst vortrat. »Warum tatest du das? Unsre Burg wurde verbrannt, meine Eltern und ich mußten fliehen, unsre kleine Walburga nahmest du von uns! Was taten wir dir, daß du so böse gegen uns warest? Ist mein Vater nicht immer ein guter Herr gewesen? Hat meine Mutter dich jemals hungern lassen?«
Der Gefangene schwieg eine Weile, dann kratzte er sich den Kopf.
»Die Edelfrau ist nicht schlecht gewesen, aber der Herr hat uns mehr geschlagen, als recht war. Und dann war es so langweilig auf der Finkenburg. Immer Arbeit und niemals ein Vergnügen; unsereins will auch mal einen Spaß haben. Und als ich vier Monate Wasser und Brot haben sollte, nur weil ich nicht gern arbeiten mochte, da lief ich weg, grade den Kaiserlichen entgegen. Sie fragten mich, wo etwas zu holen wäre, und der General versprach mir eine Trompeterstelle in seiner Nähe und ein feines neues Wams; da hab ich ihnen den Weg gezeigt.«
Er seufzte und rieb sich die Augen.
»Lieber Gott, viel Spaß ist ja nicht beim Kriegshandwerk, und der General wollte mich nachher hängen lassen, weil er meinte, ich wäre frech. Da bin ich schnell wieder weggelaufen und habe nur die kleine Burga mit mir genommen. Wir stießen auf die Schweden, und da war es nicht besser als bei den andern. So ist es allmählich weiter gegangen, und von meinem Leben habe ich blitzwenig gehabt. Auf den Galgen mag ich aber doch nicht gern; in Nordschleswig liegt ein kleiner Gottesacker, auf dem sind meine Eltern begraben, und ich wollte dort auch ausruhen. Hamburg ist keine freundliche Stadt. Die Bürger haben uns sehr unverschämt angestarrt, als wir gestern am Pranger standen, und einige dumme Jungen haben uns mit Steinen und mit Bücklingsköpfen geworfen. So etwas habe ich nicht gern, und hier auf dem Schindanger zu liegen, denke ich mir auch nicht angenehm. Darum, liebe Burga, mache, daß ich hier sicher wegkomme. Der Magister wird dir helfen. Er hats versprochen, wenn ich die Wahrheit sagte; und die Wahrheit ist, daß ich dieses Mädchen von der Finkenburg mitgenommen und ihr gewissermaßen das Leben gerettet habe. Denn ohne mich wäre sie in den Flammen umgekommen!«
Sie hatten alle still zugehört. Die Frau von Rantzau griff nach Burgas Hand und drückte sie fest, während der Rittmeister den Kopf schüttelte.
»Lieber Michel, du wirst sicher wahr reden, und ich freue mich, daß du zu guterletzt die Wahrheit sprich'st und meine Mutter sehr erfreust. Denn sie hat alle diese Jahre große Angst und Trauer um ihre Tochter ausgestanden, und auch ich bin froh, eine liebe Schwester zu haben. Aber hängen wirst du doch, lieber Michel. Dieweil wir hier nichts in Hamburg zu befehlen haben und die Hamburger dich nun einmal gefangen nahmen. Also bereite dich auf dein Ende vor und freue dich, daß wir alle deiner im Gebet gedenken werden. Ich will dem Henker sagen lassen, daß er es kurz mache!«
Michel begann laut zu heulen; da faßte Burga ihn am Arm.
»Schäm dich, Michel, wer wird denn gleich weinen? Hast doch oft genug dem Tod in die Augen geschaut und weißt, daß das Sterben einmal kommen muß. Aber ich möchte auch gern, daß du am Leben bliebest, und darum will ich meine liebe Frau Mutter bitten, mit mir zum Herrn Bürgermeister zu gehen und ihn um Gnade für diesen Mann zu bitten. Er wird sie schon gewähren, wenn eine Edelfrau ihn bittet.«
Mit flehenden Augen sah Burga ihrer Mutter ins Gesicht, aber ehe diese antworten konnte, trat der Junker dazwischen.
»Ich wünsche nicht, daß der Mann lebe!« sagte er hart. »Er hat die Burg meiner Väter zerstören helfen, und wir sind durch ihn arm geworden. Wer solche Missetat auf sich ladet, der muß sterben!«
»Verdient hat er die Strafe, Herr!« entgegnete Burga. »Aber wollt Ihr nicht bedenken, daß der Alte wohl kaum bedacht hat, was alles durch seine Untat kommen würde! Und haben wir nicht alle Sünden auf dem Gewissen und hoffen auf die Barmherzigkeit Gottes? Wenn niemand mit mir zum Bürgermeister gehen will, so werde ich's allein tun. Und wenn meine Frau Mutter und mein Herr Bruder mir darob zürnen, so will ich mich ihnen als Tochter und Schwester nicht aufdrängen. So bleibe ich in Hamburg, und Herr Hanekamp wird mir sein Haus nicht verschließen.«
Michel hatte bis jetzt leise vor sich hingewimmert. Aber, wie Burga sprach, hörte er still zu wie alle andern und schlug sich jetzt aufs Knie, daß seine Ketten klirrten.
»Burga, du gefällst mir!« rief er. »So wie du redet ein rechtes Lagerkind! Das ist vor nichts bange, und ich will auch nicht mehr bange sein! Hängt mich meinetwegen, ihr vornehmen Leute, die ihr nicht wißt, wie einem armen Schelm zumute ist! Der liebe Herrgott wird mich vielleicht einmal später aus der Hölle nehmen!«
Aber der Rittmeister Rantzau hatte schon ein rotes Gesicht bekommen, als Burga redete. Nun hob er die Schultern und wandte sich an den Magister, der von neuem lächelte.
»Ihr habt mir gesagt, daß Walburga Eure Schülerin war und noch ist. Meiner Treue, sie hat das Reden gelernt, und sie spricht nicht ganz übel. Daran erkenne ich auch, daß sie eine Rantzau ist; weil diese Edelleute ihre Worte zu setzen vermögen. Meinetwegen also mag der Michel laufen! Aber ich will nicht für ihn zum Bürgermeister gehen, das mögen die Frauen besorgen!«
Dann ging er auf Burga zu, und gab ihr die Hand.
»Da du nun einmal ein Lagerkind gewesen bist, muß ich wohl mit deiner Art Geduld haben, und ich hoffe, daß wir uns immer gut vertragen werden! Aber ich hoffe, daß du auch dessen eingedenk bist, nun ein Edelfräulein zu sein, und dich nicht allzuviel mit Spitzbuben und ähnlichem Gelichter einlässest! Denn wir haben jetzt Frieden im Land, und wer ruhig leben will, der muß gegen die Bosheit kämpfen!«
Er machte eine kurze Verbeugung und ging sporenklirrend davon, während Frau Rantzau Burga an sich zog.
»Ich danke Gott, daß wir uns fanden!« sagte sie. »Und du hast recht, daß es besser ist, barmherzig zu sein als allzu streng. Ich werde mit dir zum Bürgermeister gehen und für das Leben Michels bitten!«
So geschah es denn auch, und daß am nächsten Tage der rote Michel in den Reihen der Räuber fehlte, die zum Galgen geführt wurden, merkte niemand von den Hamburgern, die eifrig das grausige Schauspiel betrachteten, das meiste nicht sehen konnten und sich gegenseitig drängten und schlugen, so daß wohl ein Dutzend Neugierige totgedrückt wurden. Von diesen war nachher mehr die Rede, als von den Verbrechern, und jeder, der nicht auf der Straße gewesen war, freute sich und sagte: »Das kommt davon, wenn man so neugierig ist!«
So sprach auch Herr Hanekamp, der übrigens sehr übler Laune war und heimlich mit Timotheus lange schalt.
»Magister, was wolltet Ihr die Rantzaus benachrichtigen und auf das Gerede des verflixten roten Michels hören! Wäre es nicht gescheiter gewesen, die Burga hier zu lassen? Sie hätte einen guten Mann gekriegt, und ich würde ihr eine ordentliche Aussteuer gegeben haben. Jetzt zieht sie mit ihrer Mutter, die nicht viel haben soll, und wer weiß, ob sie glücklich wird? Und dann dieser Michel! Wenn ich der Bürgermeister gewesen wäre, würde ich ihn nicht begnadigt und außerdem noch frei gelassen haben, obgleich es wiederum nicht nötig ist, daß unsre gute Stadt alle fremden Missetäter in Kost und Wohnung behält! Aber ich bin unzufrieden mit Euch, Magister, und es tut mir leid, Euch den Platz als Gefängnisprädikant besorgt zu haben!«
Timotheus lächelte ein wenig.
»Lieber Herr Hanekamp, glaubt ihr denn, daß es mir gleichfalls leicht fällt, von Burga zu scheiden? Aber wir müssen doch ihrer Mutter gedenken, die sich so lange nach der Tochter sehnte! Viele Jahre ist sie ohne sie gegangen, nun gebührt ihr doch ein Teil der Liebe, die sie so viele Jahre entbehren mußte!«
Aber auch für Burga war es keine Kleinigkeit, plötzlich von allem Abschied nehmen müssen, das ihr wert und lieb geworden war. Frau Jutta weinte bitterlich, als sie das Mädchen, das sie wie ihre Tochter liebte, von sich geben sollte, und selbst Konrad, der sich etwas darauf einbildete, ein forscher junger Mann geworden zu sein, selbst dieser ärgerte sich über den holsteinischen Junker, der ihm seine Schwester wegnahm. Er dachte sogar ernsthaft darüber nach, ob er Walburga nicht heiraten sollte; damit sie immer bei den Hanekamps und in Hamburg bliebe, aber Frau Jutta redete ihm diesen Gedanken aus. Zum Heiraten war er noch zu jung, und die Rantzaus würden auch nicht gestatten, daß eine ihres Namens einen Hamburger Kaufmann heirate.
So mußte denn Abschied genommen werden, und zwar auf lange Zeit. Denn der Rittmeister Rantzau hatte Befehl erhalten, mit seinen Dragonern nach dem nördlichen Schleswig zu reiten, und er freute sich nicht wenig darüber. Lag doch sein Stammschloß, die Finkenburg, ganz im Norden des Landes, mitten auf dem Heidrücken und umgeben von dichten Waldungen. Nach dem Brande und der Zerstörung der Burg war er nur einmal wieder dort gewesen, und damals hatte es sich nicht gelohnt, an einen Aufbau und daran zu denken, die öde liegenden Felder wieder zu bestellen. Denn der Feind war immer noch im Land und konnte mit leichter Mühe alles zerstören, was mühsam geschaffen war. Nun aber war Friede, und es konnte daran gedacht werden, wieder in die alte Heimat zu ziehen.
So also fuhr Walburga mit ihrer neuen Mutter und dem neuen Bruder nordwärts. In einer schweren alten Kalesche, die von vier Pferden gezogen wurde und doch nur mühsam durch die schlechten Wege weiter kam. Eine Abteilung Dragoner ritt vor, eine andre hinter dem Wagen, denn die Wege in Holstein waren noch immer unsicher, und man mußte sich vorsehen, daß nicht irgendwo aus dem Hinterhalt Räuber hervorbrachen, die alle Habe nahmen und das Leben dazu. Die Bauern, durch deren Dörfer der Weg ging, wußten davon zu berichten, wie die Wegelagerer hausten, und sie freuten sich auch nicht, wenn sie die dänischen Dragoner sahen; versteckten Hühner und Schweine und meistens auch sich selbst, bis der Rittmeister ihnen versicherte, daß seine Soldaten weder plündern, noch sonst irgend etwas Böses tun wollten.
Der Rittmeister Rantzau war wohl ein wenig herrisch, aber doch ein braver Mann, der gut gegen seine Mutter war und freundlich gegen seine Schwester, obwohl er sie noch manchmal kopfschüttelnd betrachtete.
»Es ist ganz merkwürdig, mit einmal wieder eine Schwester zu haben!« meinte er wohl. »Weiß garnicht, wie ich mich zu dir stellen soll, Walburga!«
Seine Mutter aber legte ihm die Hand auf den Arm.
»Denk darüber nicht nach, Kord! Freu dich, daß sie wieder da ist!« Liebevoll strich sie über das Haar ihrer Tochter, und diese küßte ihr die Hand. Noch immer wars ihr wie ein Traum, nun endlich eine echte Heimat gefunden zu haben, und diese Heimat lag fremd und unbekannt vor ihr; manchmal kam es wie eine Furcht über das ehemalige Lagerkind, ob sie auch glücklich werden würde in den neuen Verhältnissen. Aber dann dachte sie an den Magister Timotheus, dem sie ihre Zweifel gesagt hatte.
»Burga,« hatte er gesagt, »es kommt nicht darauf an, ob man glücklich wird; man muß aber versuchen, glücklich zu machen!«
Aber einer war ganz glücklich. Das war Wolf, der neben dem Wagen herlief und wieder jung wurde. In dem behäbigen Hamburg war auch er behäbig geworden. Das Umherstreifen in Feld und Flur hatte ihm gefehlt; gesittet in den Straßen zu wandern, war nicht nach seinem Geschmack gewesen: daher lag er lieber hinter dem Ofen, oder in der Sonne und wurde fett. Nun aber lief er sich das Fett wieder von den Knochen, jagte bellend hinter den Krähen her, die auf der Landstraße saßen, oder machte einer wilden Katze den Garaus. Er war zahm geworden; hier im Freien wurde er wieder wild, zeigte jedem, der ihm zu nahe treten wollte, die Zähne und hörte nur auf Burga.
Der Rittmeister war damit zufrieden.
»Wenn ihr erst oben in Nordschleswig seid, dann müßt ihr solchen Schutz haben!« sagte er. »Da kommen im Winter Wölfe und im Sommer die Wegelagerer, also müßt ihr euch wehren können. Kannst du schießen, Schwester?«
Sie lachte.
»Das hab ich verlernt, Herr Bruder. Dazumal, als ich noch ein Lagerkind war, hab ich wohl mit dem Feuerrohr umgehen können, aber in Hamburg hätte sich für eine ehrsame Jungfrau nicht geschickt, mit Waffen zu hantieren. Herr Hanekamp würde wohl recht böse geworden sein!«
»So also werde ich dir zeigen, mit dem Pistol umzugehen!« erwiderte der Rittmeister ernsthaft, und Walburga freute sich nicht wenig. Denn ihr erging es wie ihrem Wolf. Wohl war der Wagen hart und stieß mächtig auf den schlechten Wegen, aber die linde Luft, die sie umgab, der Geruch der Felder, der Anblick der Wälder beglückten sie. Die enge Stadt war nichts für sie gewesen; sie merkte es, je länger die Fahrt dauerte. Schlecht waren die Quartiere in elenden Wirtshäusern, und außer Milch und Eiern konnte man fast nichts genießen; aber herrlich war es, morgens früh in die frische Natur zu fahren. Wenn die Sonne eben aufgegangen war und die Felder vom Tau noch dampften. Wenn die Pferde mutig ihre Reiter weiter trugen, während diese ein Soldatenlied anstimmten und vom Krieg und Tod zu singen begannen, als wäre beides das Beste auf der Welt. Dann summte Walburga das Lied leise mit, und als ihr neuer Bruder ihr ein Pferd brachte, das an einen Damensattel gewöhnt war, da schwang sie sich auf den Gaul, als habe sie im Leben nichts andres getan, als mit den Dragonern zu reiten.
Aber sie vergaß nicht die zarte Frau, die ihrer Pflege und Liebe bedurfte. Frau von Rantzau war seit dem Brande ihrer Burg und unter den nachher ausgestandnen Leiden nie wieder recht gesund geworden. Sie hielt sich zwar tapfer und klagte selten, aber sie konnte nicht mehr viel vertragen und sah es als eine besonders gnädige Fügung an, daß ihr die Tochter grade jetzt wieder gegeben wurde, wo sie ihrer so sehr bedurfte. Aber sie verhehlte ihr auch nicht, daß sie keinem leichten Leben entgegen ginge.
»So sanft wie in der reichen Stadt wird dich das Leben nicht anfassen, Burga!« sagte sie oft. »Der Wind oben im Norden ist grade so rauh wie die Luft und die Menschen. Wer weiß, ob du es ertragen kannst!«
Aber Burga lachte unbekümmert.
»Frau Mutter, ich bin ja ein Lagerkind! In Hamburg hatte ich's gerade vergessen; da war es gut, daß Ihr kamet und ich wußte, wohin ich eigentlich gehöre!«
Mühsam und lang war die Reise. Oft mußte unterwegs gerastet werden. Dann hatte der Rittmeister in Kiel zu tun, und einige Tage wurde auch in der Stadt Schleswig verweilt. In Kiel betrachtete Burga die Ostsee, die grade ihr blauestes Kleid übergeworfen hatte und dazu lächelte, als gäbe es für sie keinen Sturm und keine haushohen Wellen.
»Ist dies Wasser immer so brav?« fragte sie ihren Bruder, der zu lachen begann.
»Komm einmal wieder, wenn der Ostwind heult, wenn er das wilde Wasser weit bis in die Straßen jagt. Wenn die Wellen die Schiffe wie Nußschalen umwerfen und ihre Mannschaften ertrinken lassen. Dann wirst du nicht fragen, ob die Ostsee immer so brav ist!«
Nachdenklich betrachtete Burga das lächelnde Wasser, die grünen Buchenwälder an seinem Ufer.
»Ich dachte nicht, daß die Welt so schön wäre!« sagte sie dann.
Ihr Bruder sah sie scharf an.
»Möchtest du hier bleiben? Ich könnte der Frau Mutter hier ein Häuschen kaufen, und ihr könntet in Frieden wohnen.«
»Und die Finkenburg?«
Kord Rantzau hob die Schultern.
»Sie würde alsdann das bleiben, was sie ist, ein Haufen Trümmer und viel ödes Land!«
Da schüttelte Burga den Kopf.
»Ich will Arbeit haben und nicht immer in der Stube hinter dem Spinnrocken sitzen!«
Der Bruder sagte hierauf nicht viel, aber nachher, als er einmal mit seiner Mutter allein war, erzählte er ihr diese Unterhaltung.
»Manchmal hab ich wohl gedacht, es wäre Teufelsspuk und Burga gehörte nicht zu uns; aber nun weiß ich, daß sie unser Blut in den Adern hat!«
»Das habe ich lange gewußt!« erwiderte die Mutter.
In der Stadt Schleswig gabs allerlei für den Rittmeister und seine Leute zu tun. Auch Frau von Rantzau besuchte einige Verwandte, und Burga mußte sie begleiten, Ihr war etwas übel zumute, als sie vor einige alte Damen geführt wurde, die sie aufmerksam betrachteten und endlich erklärten, daß sie diesem oder jenem Vetter ähnlich sähe. Denn die adligen Familien in Schleswig-Holstein waren alle miteinander versippt und verschwägert, und so mußten sie auch einander ähnlich sehen. Walburga antwortete freimütig auf alle Fragen, geduldig zeigte sie immer wieder den eingeritzten Namen auf ihrem Arm, und obgleich eine sehr alte Base kopfschüttelnd erklärte, an so etwas würde sie nicht glauben, und es könnte wohl sein, daß diese Walburga Rantzau eine Betrügerin wäre, so meinten die andern, sie wollten nicht zweifeln. Denn hatte man nicht mehr als ein Beispiel, daß verschleppte Kinder später nur an solchem Zeichen erkannt waren? Und, ach, wie viele andre waren verschwunden und nie wiedergekommen! Es war noch immer eine böse Zeit, und jedermann mußte sich mit Frau von Rantzau freuen, die viele Jahre keine Tochter gehabt hatte und nun, wo sie alt wurde, sie wieder geschenkt erhielt. Wie Frau von Rantzau dann erzählte, wie gern die Hanekamps Walburga in Hamburg behalten hätten und wie sie es dort viel besser gehabt, als sie es bei ihr haben würde, da wurden alle noch viel freundlicher. Denn soviel wußten alle, daß es für den, der den Frieden und das Wohlleben liebte, besser war, in Hamburg zu bleiben, als auf die nordschleswigsche Heide zu reiten und nichts zu haben als Arbeit.
In diesen Tagen wurde Walburga das, was sie von Haus aus war, nämlich ein Edelfräulein mit stolzer Haltung und mit vornehmer Art, den Kopf in den Nacken zu werfen. Grade so, wie sie es an den Verwandten sah. Und nicht deshalb, weil sie sich besser dünkte als ehemals, sondern, weil es in ihr lag. Wenn sie aber allein war oder bei der Mutter saß, dann nannte sie sich selbst ein Lagerkind und freute sich, es einstmals gewesen zu sein.


Der König von Dänemark war in der Stadt Flensburg und sandte Botschaft an den Rittmeister Rantzau, ihm seine Dragoner vorzuführen. Kord Rantzau war nicht sehr zufrieden. Denn er hatte gehofft, Mutter und Schwester mit seinem Fähnlein erst nach der Finkenburg bringen zu dürfen. Aber dem königlichen Gebot mußte gehorcht werden, und so bat er seine Mutter, mit Walburga in Schleswig zu bleiben, bis er sie selbst mit einigen Reitern geleiten konnte. Aber Frau von Rantzau sehnte sich nach der alten Heimat.
»Immer habe ich gehofft, die Burg wieder zu sehen, und es sind vielleicht noch einige Leute da, die mich kennen und mir gut dienen werden. Laß mich hingehen; auch Walburga sehnt sich, und wir können mit einigen Frachtwagen reisen, die nach Jütland fahren. Ich weiß, daß Herr Josias Petersen in diesen Tagen gen Norden reisen läßt!«
So also besuchte der Rittmeister den Herrn Kaufmann Josias Petersen, der von Schleswig aus einen großen Handel mit fremden Waren nach dem dänischen Reiche betrieb. Er hatte wohl zehn mächtige Frachtwagen, die immer auf der Landstraße unterwegs waren, viele Pferde und einen Troß von Fuhrknechten. Als der Rittmeister in sein Kontor trat, begrüßte er ihn freundlich.
»Gewiß, werter Herr!« entgegnete er auf des Junkers Frage, »meine Leute kennen das Reisen und haben schon manche Fährlichkeit bestanden. Sie werden es sich zur Ehre rechnen, Eure Frau Mutter und Jungfrau Schwester zu geleiten. Wie in Abrahams Schoß werden sie sein, und Geld will ich nicht dafür nehmen. Denn ich kenne doch die edle Frau Rantzau und weiß, wie viel sie durchgemacht hat. Sie solls gut haben, und mein Gesellschafter, der mit den Waren reist, wird sich bestreben, die zwei Frauen samt ihrem Gepäck richtig dort abzuliefern, wo einst die Finkenburg stand. Denn, edler Herr, ich glaube nicht, daß noch ein Stein von ihr auf dem andern steht! Aber ich weiß, daß das Land um sie her Euch noch gehört, und es ist verständig, die Hand wieder nach dem Besitz auszustrecken, da es sonst von andern Liebhabern genommen werden möchte!«
»Wen meint Ihr mit dieser Andeutung?« fragte Kord, und Herr Petersen strich an seinem feinen Tuchrock.
»Die Troiburg ist nicht allzuweit von der Finkenburg!« erwiderte er. »Dort sitzt ein Vetter von Euch. Ein braver Mann gewiß; aber heutzutage greift jedermann nach fremdem Gut!«
Der Rittmeister erwiderte nicht viel, aber seine Miene wurde sorgenvoll, worauf der Kaufherr ihn gutmütig betrachtete.
»Es mag so arg nicht sein, edler Herr!« sagte er tröstend. »Ich wollte nur sagen, daß es gut ist, wenn ein Besitzer nach dem Seinen sieht, auch wenn es den Anschein hat, wertlos zu sein!«
Noch einmal empfahl der Rittmeister Mutter und Schwester dem Kaufherrn, dann ritt er am nächsten Morgen mit seinen Dragonern gen Flensburg. Fröhlich klapperten die Hufe der Reiter durch die Straßen der Stadt, und Burga stand am Fenster des kleinen Wirtshauses, um ihren Bruder abreiten zu sehen. Er hatte ihr ganz besonders die Mutter ans Herz gelegt, und sie erwiderte ihm, daß es dieser Ermahnung nicht bedürfe. War seine Mutter nicht auch die ihre? Dann, wie die Reiter allmählich verschwanden und sie sich allein mit der schwachen Frau wußte, wurde ihr einsam und traurig ums Herz. Die Verwandten hier waren gewiß freundlich gegen sie und wollten sie wohl als eine von den Ihren anerkennen; aber keinen von ihnen hätte sie um ihre Hilfe bitten mögen.
Wie sie noch so in Gedanken stand, fühlte sie Wolfs kalte Schnauze an ihrer Hand. Sie hatte ihn in ihr Zimmer genommen, weil er ungebärdig war und sich mit keinem Tier, sei es Hund oder Katze, vertragen konnte.
»Wolf, Wolf!«
Walburga streichelte seinen struppigen Kopf.
»Weißt du, daß wir wieder allein sind und daß wir gut für die Frau Mutter sorgen müssen?«
Wieder legte der Hund seinen Kopf an ihre Knie, begann zu winseln und dann zu knurren. Es war jemand an der Tür, die vorsichtig offen gemacht wurde.
»Burga, nimm den Hund ans Halsband, sonst komme ich nicht herein!«
»Michel!« Fest hielt die Jungfrau den Hund, der seine spitzen Zähne zeigte. »Was willst du hier?«
»Was ich will?« Der rote Michel schob sich vorsichtig ins Zimmer. »Du liebe Zeit, das ist, mit Verlaub, eine dumme Frage! Ich will doch auch nach der Finkenburg!«
Er riß seine Kappe vom Kopf und machte einen ungeschickten Kratzfuß. Sein struppiger Bart war gestutzt, er trug ein ordentliches Lederwams und im Gürtel ein langes Messer.
»Die Jungfrau wird mich gut gebrauchen können!« fuhr er fort, während Burga vor Staunen nicht sprechen konnte. »Ich bin doch dort aus der Gegend und kenne manches, was die Jungfrau nicht kennt. Und mit alten Leuten verstehe ich auch umzugehen, so daß ich die Frau Mutter bewachen kann, wenn die Jungfrau keine Zeit dazu hat.«
»Du bist ja selbst alt!« rief Walburg, unwillkürlich lachend, worauf Michel eine beleidigte Miene aufsetzte.
»Ganz genau weiß ich zwar nicht, wie lang ich schon auf dieser Erde umherlaufe, aber viel mehr als fünfzig Jahre werdens nicht sein. Und das ist für einen Kerl wie mich kein Alter, besonders, wenns gutes Futter gibt. Die Jungfrau wird sehen, daß ich ihr in allen Stücken helfen kann!«
»Aber du warst ein Räuber und bist nur durch die Gnade des Hamburger Bürgermeisters vorm Tode bewahrt geblieben!«
»Redet doch nicht von alten Geschichten!« sagte Michel verdrießlich. »Was gewesen ist, ist gewesen, daran braucht man nicht mehr zu denken! Oder glaubt Ihr, daß vornehme Herren in diesen üblen Zeiten nicht auch einmal ein wenig geräubert haben? Ich will wahrhaftig ein braver Mann werden und habs dem Magister Timotheus in die Hand versprochen. Seht doch, wie anständig ich aussehe! Den ganzen Anzug habe ich mir durch meiner Hände Arbeit verdient, in Kiel und in Schleswig!«
»Du bist in Kiel gewesen?«
»Ganz sicher, edle Jungfrau! Bin Euren Spuren gefolgt und immer dort gewesen, wo Ihr waret. Ich drängte mich nicht vor; erstmals wollte ich einen ordentlichen Kittel haben, und dann bin ich auch ein wenig bange vor dem Herrn Rittmeister. Der wollte ja durchaus, daß ich hängen sollte, und da will ich ihm vorläufig aus dem Wege gehen. Fragt aber nur die Frau Mutter; sie wird schon Erbarmen mit mir haben und mich mitnehmen nach der Finkenburg!«
In diesem Augenblick trat Frau von Rantzau ein, und obgleich sie zuerst sehr erstaunt über Michels Erscheinen war, so erklärte sie nach einigem Nachdenken, daß sie nichts gegen seine Begleitung habe. Hierüber wurde Michel so gerührt, daß er nach ihrer Hand griff, um sie zu küssen.
»Ich will ein treuer Diener werden, edle Frau!« rief er. »Wahrlich, wenn der rote Michel etwas verspricht, dann hält er sein Wort! Ich habe doch damals die Burga aus dem brennenden Schloß getragen und dafür gesorgt, daß sie in gute Hände kam. Lesen und Schreiben hat sie gelernt, und ich will sie jetzt auch mit Ehrerbietung behandeln, wie es ihr zukommt!«
Michel ging jetzt, um sich dem Kaufherrn als Begleiter anzubieten, die zwei Frauen freuten sich eigentlich, den roten Freund wieder zu haben. Besonders Walburga, und ihre Mutter wußte auch, daß man es in diesen Zeiten nicht allzu genau mit dem nehmen durfte, was die Männer einstmals getan hatten. Wenn sie nur nachher treue Dienste leisteten, mußte man zufrieden sein.
Zwei Tage später ging der Kaufmannszug aus den Toren der Stadt. Frau von Rantzau und ihre Tochter saßen wieder in ihrer Kalesche, die ein Knecht lenkte, und Wolf mußte sich gefallen lassen, an einem langen Riemen von Michel geführt zu werden. Er knurrte und war verdrießlich, aber Burga flüsterte mit ihm und versprach ihm die goldne Freiheit, wenn er erst auf der Finkenburg wäre. Und wieder war es, als ob das Tier ihre Worte verstünde. Er gab sich zufrieden und ließ sich geduldig von Michel führen. Es war kein sicheres Land, durch das jetzt die Reise ging. Hügelige Heide und Moorstrecken wechselten mit weiten Wäldern ab; die Ortschaften lagen verstreut; die Landstraßen waren schlecht, und zur Winterszeit kamen die Wölfe und überfielen die Wanderer. Jetzt aber war Sommer, die Heide begann zu blühen, und auf dem Moor liefen die Wasservögel mit ihrer jungen Brut. Manchmal rannte ein Hase über den Weg und einmal sogar ein Hirsch. Da war es besser, den Hund nicht frei laufen zu lassen, da er im Jagdeifer in den Wassertümpeln des Moores hätte versinken können. Oder der Wolf tauchte aus dem Dickicht auf und sprang ihm an die Kehle. Denn vor kurzem war trotz des Sommers ein ausgewachsener Wolf von einigen Bauern im Netz eingefangen worden. So berichtete der Gesellschafter des Herrn Petersen, der zu Pferde die Reihe von Wagen begleitete, überall seine Augen hatte und gelegentlich einige höfliche Worte an die zwei Frauen in ihrem Wagen richtete. Er hieß Jens Nielsen und stammte aus Jütland. Aber er sprach das Deutsch geläufig und wußte gut mit den Fuhrknechten und den Soldaten umzugehen. Denn auch einige Soldaten hatte man mitgenommen. Langsam nur kam der Zug vorwärts. Hin und wieder versank ein Wagenrad im Moor, oder der Sand auf den Heidewegen war so hoch, daß die Pferde kaum vorwärts kommen konnten. Burga, die gemeint hatte, in zwei oder drei Tagen auf der Finkenburg zu sein, mußte Geduld lernen. Eine Woche konnte es noch dauern, ehe der Zug nach dem Dorf Lügumkloster kam. Von dort war es dann nur eine Tagesreise nach der Finkenburg. So berichtete ihr Herr Nielsen, mit dem sie manchmal wanderte, wenn sie nicht mehr in dem schaukelnden Wagen sitzen mochte. Es war herrlich, die Heideluft einzuatmen, die Vögel fliegen zu sehen, sich einen Busch Heidekraut zu pflücken oder die kleinen Moorenten zu beobachten, die auf den Wassertümpeln schifften.
Dann tat es ihr nicht leid, so langsam zu reisen, und Michel tröstete sie am Ende des dritten Reisetages.
»Wir kommen noch früh genug nach der Finkenburg!« versicherte er. »Glaubt mir, Jungfrau, nun habt Ihr große Ungeduld, in die alte Heimat zu kommen, wenn Ihr aber einmal dort seid, werdet Ihr Euch vielleicht wünschen, bald wieder wegzureisen. Das aber wird nicht schnell gehen. Noch manchmal werdet Ihr nach Hamburg zurück denken und vielleicht auch an den Hanekamphof. An dem war ja eigentlich nicht allzuviel, aber besser als die Finkenburg wird er schon gewesen sein!«
Es war ziemlich spät am Abend, als die Wagen vor einer kleinen Herberge rasteten, die hart am Rande des Waldes lag. Am Tage wars heiß gewesen, und auf dem sandigen Wege kein Schatten. Da waren die Pferde müde geworden und hatten die schweren Wagen kaum noch ziehen können. Jetzt stand ein Gewitter am Himmel, und Herr Nielsen freute sich, in dieser kleinen Herberge ein Unterkommen gefunden zu haben. Schlecht genug war es; die Wirte waren finstre Leute, die einmal übers andre erklärten, weder Milch noch Bier für die Reisenden zu haben. Mürrisch schafften sie endlich ein Faß saures Bier zur Stelle und brachten für Frau von Rantzau einen Becher mit Milch. Aber sie versicherten, keinen Raum zum Schlafen für die zwei Frauen zu haben, sie müßten in ihrem Wagen bleiben. Wolf winselte und knurrte zugleich, als er mit Michel vor dem düstern Hause stand, und sein Führer sah sich mit scharfen Augen um. Dann drückte er Burga den Lederriemen des Hundes in die Hand und ging, ohne ein Wort zu sagen, in den wilden Krautgarten, der hinter dem Hause lag. Als er zurückkehrte, ging er auf Herrn Nielsen zu und sprach eifrig auf ihn ein. Dieser aber lächelte nur und zuckte die Achseln.
Michel kehrte zu Walburga zurück.
»Der junge Herr will mir nicht glauben, aber ich spüre was Verdächtiges, und Wolf ergeht es grade so.«
»Sind Räuber in der Nähe?« fragte Walburg, und Michel nickte.
»So wirds wohl sein, und wenn ich die Jungfrau wäre und eine Mutter hätte, würde ich was andres tun, als die Nacht hindurch vor dem Haus im Wagen zu bleiben!«
Walburga sah sich um. Die Soldaten saßen im Schenkzimmer um das Faß Bier, und die Fuhrknechte hockten neben ihnen. Die Pferde waren abgesträngt, und man hatte einige Eimer mit Wasser so gestellt, daß die meisten trinken konnten. Auch die Pferde vor dem Wagen der zwei Frauen standen mit hängenden Köpfen, und Michel schleppte ihnen einen Eimer mit Wasser hin, den sie gierig austranken. Der Fuhrknecht, der als Kutscher diente, war nirgends zu sehen. Erschöpft lehnte Frau von Rantzau in den Kissen. Sie hatte ihre Milch getrunken und nun die Augen geschlossen. Die Fahrt begann, für sie sehr mühselig zu werden. Michel sagte nicht viel; aber, nachdem die Pferde getrunken hatten, strängte er sie von neuem an, kletterte auf den Bock, machte Walburg ein Zeichen einzusteigen und fuhr mit dem Wagen in ein Dickicht, das etwa eine Viertelmeile von der unheimlichen Herberge lag. Hier war es feucht und schattig, dichtes grünes Gras bedeckte den Boden. Michel sprang vom Wagen, riß einige Büschel von dem Gras ab und gab sie den Pferden.