Front matter (continued 3)
Reading edition
»Das Rauchen ist für einen so jungen Menschen eigentlich auch noch nicht gut.«
»O bewahre, Herr Pastor, der hat noch keine Pfeife Tabak in den Mund genommen. Ich wollte ihm auch! Nee, ich wollte man sagen, daß ich alter Mann mir ab und an mal ein Pfeifchen gönne. Denn ich halte das für keine Sünde ...«
»Das Zeugnis über die einzelnen Unterrichtsfächer schicken Sie mir in den nächsten Tagen wohl zu, damit ich es beilegen kann.«
»Jawohl, Herr Pastor, gleich morgen früh sollen Sie es haben.«
Nach den Herbstferien zog Peter also in die Seminarstadt. Durch einen Marsch von einigen Stunden erreichte er die nächste Bahnstation und benutzte von hier ab die vor einigen Jahren dem Verkehr übergebene Eisenbahn. Mit einer Geschwindigkeit, die den unerfahrenen Heidjer zuerst in Angst versetzte, trug sie ihn seinem Ziel entgegen.
Die Stadt mit der Fülle ihrer für Peter neuen Eindrücke, der Seminarbetrieb, das Zusammenleben mit den Altersgenossen, alles dies wirkte zunächst erfrischend und belebend auf seinen müden Geist.
Der Direktor des Seminars war ein jüngerer Geistlicher, der die Leitung der Anstalt erst kürzlich übernommen hatte. Er stammte aus den Kreisen der kirchlichen Erweckungsbewegung und war bemüht, seine Zöglinge von der rationalistischen Betrachtungsweise der Religion, die sie meistens mitbrachten, abzuleiten. Dabei fiel über die Vernünftigkeit und Plattheit des geltenden Katechismus manches harte Wort, und Peter stimmte der Kritik innerlich meist zu. Aber was sein Lehrer an die Stelle setzen wollte, das leuchtete ihm deshalb noch nicht ein. Und selbst wenn nicht so viele harte Nüsse darin zu knacken gewesen wären, würde Peter das Gelehrte sich kaum innerlich angeeignet haben. Denn jenes zarte Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler, das gerade für diesen Unterricht unbedingt nötig ist, soll er nicht das gerade Gegenteil von dem wirken, was mit ihm beabsichtigt wird, kam zwischen Peter und seinem Direktor nicht zustande. Dieser, der in dem Pastoralzeugnis gelesen hatte, daß Peter wenig Gemüt zu haben scheine, mochte von vornherein ihm nicht ohne Mißtrauen begegnet sein, und Peter war so geartet, daß er einem Menschen, der ihm nicht mit vollem Vertrauen entgegenkam, einfach sein Herz verschloß. Er hatte das Gefühl, daß sowohl der alte Katechismus wie auch der junge Direktor sehr viel von Gott und göttlichen Dingen wußten, aber wer von beiden recht hatte, und ob überhaupt einer von ihnen recht hatte, blieb ihm ungewiß, und er fühlte auch keinen Zwang in sich, sich darüber zu entscheiden. Wenn die studierten Herren sich nicht einmal darüber klar und einig werden konnten, wenn, wie der Direktor sagte, auf den Universitäten auch der Kampf zwischen den Professoren über diese Fragen hin und her wogte, was sollte denn so ein armer Schulmeister machen?
Das Seminar war Internat, und Peter mußte sein Zimmer mit zwei Seminargenossen teilen. Und während des Unterrichts, in den Pausen, beim Essen, war er mit der ganzen Schar zusammen. Dies war ihm anfangs nicht unangenehm. Es riß ihn ja auch von dem Grübeln über das Vergangene und Verlorene hinweg. Dieser Verkehr verschaffte ihm auch manchen Einblick in andere Art und fremdes Leben, der ihm, dem Lebensunkundigen, wertvoll sein mußte. Aber er fühlte immer wieder, daß er ein langweiliger Geselle war, der sich selbst nicht geben konnte. Was war denn in seinem Leben, das sich andern mitteilen ließ? Die andern erzählten von zu Hause. Daran dachte er am liebsten nicht einmal. Die andern machten sich über die alten Schulmeister lustig, bei denen sie in die Lehre gegangen waren. Ueber des alten Wencke Wunderlichkeiten Witze zu reißen, fehlte es Peter sowohl an Begabung wie an Lust. Die andern zogen hin und wieder einander mit zarten Verhältnissen auf, und es waren auch mehrere unter ihnen, von denen die Rede ging, sie wüßten genau, wen sie im nächsten Frühjahr zur Frau Schulmeisterin machen wollten. Wenn auf derartiges die Rede kam, fühlte Peter einen heißen Schmerz und stürzte am liebsten davon.
Manchmal mußte er sich wundern, wie viel andere erlebt hatten, und kam sich ihnen gegenüber vor wie ein unerfahrenes, unbeholfenes Kind. Aber dann kam's ihm plötzlich wieder zum Bewußtsein, daß er viel, viel mehr durchgemacht hatte als die andern. Nur war es nicht derart, daß man davon erzählen, damit sich aufspielen, darüber Scherze machen konnte.
Einige Kameraden begegneten ihm, denen gegenüber er das Gefühl hatte, als ob aus ihnen etwas Verwandtes ihm entgegenkäme, und er versuchte, sich ihnen zu nähern. Aber zu einer wirklichen Freundschaft kam es nicht. Der Boden, auf dem eine rechte Jugendfreundschaft gedeihen kann, war in ihm, der der Liebe Lust und Leid so früh und so tief erfahren, wohl schon zerstört. Und das geräuschvolle, genau geregelte Anstaltsleben war dem Werden einer solchen in einem Menschen von der Veranlagung Peters ohnehin nicht günstig.
So vereinsamte er mehr und mehr unter seinen Kameraden. Die einen hielten ihn für stolz und unkameradschaftlich, andere sahen in ihm einen Kopfhänger, noch andere meinten einfach, es wäre aus ihm nicht klug zu werden. Und alle ließen ihn seiner Wege gehen und kümmerten sich nicht um ihn.
Dieses Verhältnis zwischen Peter und seinen Mitseminaristen entging auch den Lehrern nicht, welche dadurch das Urteil des mitgebrachten Zeugnisses und die eigenen Eindrücke bestätigt sahen. Als sie einmal in der Konferenz ihre Ansichten darüber austauschten, erhob sich aber doch eine Stimme des Widerspruchs. Der Jüngste des Kollegiums, der erst kürzlich von seiner Dorforgel an das Seminar versetzt war, sagte: »Ich glaube, in diesem Peter steckt mehr, als es zunächst scheint. Es fiel mir in der Gesangstunde auf, daß er musikalisch sehr begabt ist. Und da habe ich nun aus Liebhaberei angefangen, ihn im Geigenspiel privatim etwas vorzunehmen. In der Art, wie er die Geige anlegt, in dem Ausdruck seiner Augen beim Spielen liegt etwas, was mich zweifelhaft macht, ob der junge Mensch in unserm Kollegium ganz richtig beurteilt wird.« Die älteren Herren lächelten mild im Bewußtsein ihrer teils durch Universitätsstudium, teils doch durch höheres Lebensalter erworbenen überlegenen Menschenkenntnis, und der Direktor sagte, leicht verweisend: »Mein lieber junger Freund, Sie sind geneigt, die Menschen allzusehr nach dem Verhältnis zu Ihrer geliebten Musik zu beurteilen. Peter Eggers stammt aus den gedrücktesten und unglücklichsten Familienverhältnissen, und in solchen Menschen kommt das Beste, das Herz, das Gemüt, nicht zur Entwicklung. Ich merke das besonders in der Religionsstunde. Aber den andern Herren wird das auch nicht entgangen sein.« Diese nickten, und der Jüngste schwieg. Aber er hörte, nicht auf, den Vereinsamten auf sein Zimmer zu rufen — er selbst wohnte auch im Seminargebäude — und den Unterricht, den einst Schulmeister Wencke so schnell abgebrochen hatte, fortzusetzen. Er hatte an den Fortschritten seines Schülers viel Freude. Aber der Mensch blieb ihm nach wie vor rätselhaft.
Eines Abends, als über dem Geigenunterricht die Dämmerung hereingebrochen war, schloß der Lehrer das Notenheft, nahm selbst die Geige zur Hand und spielte Händels Largo. Als er den letzten Ton verklingen ließ, hörte er Peter leise schluchzen. Er legte ihm sanft den Bogen auf die Schulter und fragte teilnehmen: »Was ist dir?«
Peter schwieg.
»Willst du's mir nicht sagen?« fragte der Lehrer, indem er den Bogen auf den Tisch legte und nach Peters Hand griff.
»Ach, solche Musik wühlt alles wieder in einem auf ...«
»Was denn ...?«
Peter schwieg.
»Du hast es wohl zu Hause nicht leicht gehabt?« fragte der Lehrer mitleidig.
»Och, das ist es nicht ...« sagte Peter und schüttelte den Kopf.
»Kannst du's mir denn nicht sagen? Ich frage dich nicht als dein Lehrer, sondern als dein Freund. Einem Freunde einmal sein Herz ausschütten, das tut wohl ...«
»... Als ich bei Schulmeister Wencke in Wehlingen war, ... als ich da zwei Jahre gewesen war, ... als ich letzte Ostern nach den Ferien wieder hinkam ... ich ... ich kann's Ihnen doch nicht sagen ...«
»Denn quäle dich nur nicht ... Du sagtest erst, die Musik wühle das alles wieder auf. Ja, das tut sie wohl. Aber sie bringt es auch fein sanft wieder zur Ruhe. Sie ist eine holde, freundliche Trösterin ...«
»Ja, das fühle ich wohl ...«
»Komme nicht erst in vier Tagen wieder, sondern schon morgen nachmittag. Wir wollen diese letzten Wochen bis Ostern jeden Tag ein halbes Stündchen geigen, damit du dir nachher selbst weiterhelfen kannst. Willst du?«
»O Herr Seminarlehrer!« —
Peter hatte also einmal einen Menschen gefunden, der ihm mit warmem Herzen entgegenkam. Es fiel wieder einmal ein Sonnenstrahl in sein armes Leben hinein, und sogleich war's, als ob es unter dem warmen Anhauch neu aufblühen wollte. Die Kameraden wunderten sich nicht wenig, daß Peter plötzlich viel kameradschaftlicher und munterer erschien, und gingen dem Verkehr mit ihm nicht mehr so ängstlich aus dem Wege. Der Herr Direktor war erstaunt, daß Peter anfing, Antworten zu geben, die eine innere Anteilnahme verrieten. Ja, dachte er, wenn man's nur versteht, den jungen Leuten ans Herz zu kommen! In der letzten Konferenz vor der Schlußprüfung sagte er: »Über Peter Eggers habe ich mich die letzten Wochen recht gefreut. Er hat sich bei uns gut herausgemacht. Die Herren werden das auch gemerkt haben.« Die Herren nickten zustimmend, nur der Jüngste unten am Tisch nicht. Der lächelte ganz fein vor sich hin.
Peter bestand die Abgangsprüfung gut. Die halben Stunden bei dem freundlichen Manne und bei seiner Musik hatten ihm ein so frohes Lebensgefühl gegeben, daß er frisch und munter antworten konnte und in dem rechten Augenblick sich an manches erinnerte, was er einst in Wehlingen gelesen oder gelernt, aber längst vergessen geglaubt hatte. Bei der Bekanntmachung des Ergebnisses schüttelte der Direktor ihm besonders herzlich die Hand und sprach die Hoffnung aus, ihn nach einigen Jahren als Hauptseminaristen wiederzusehen.
Am Abend des Prüfungstages ging Peter zu seinem Musiklehrer, um sich von ihm zu verabschieden. Als er bei ihm eintrat, sagte dieser: »Ich habe mir gedacht, du kämst doch wohl nicht fürs erst dazu, dir eine Geige anzuschaffen. Und es wäre doch schade, wenn du das Spielen unterbrechen müßtest. Ich habe nun zufällig für einen Spottpreis ein ganz gutes Instrument kaufen können und möchte dich bitten, es von mir zum Andenken und aus Liebe zu unserer gemeinsamen Freundin, der Musik, anzunehmen. Hier ist's.« Peter starrte abwechselnd seinen Lehrer und die ihm in die Hand gedrückte Geige an, und suchte nach Worten. Aber der feinfühlende Mann half ihm darüber hinweg. »Probier' man gleich mal,« sagte er munter, »oder laß uns mal zweistimmig etwas spielen. Vielleicht einen Choral? Schlag' mal einen vor! Gestimmt habe ich die Geige schon.« Peter schwieg noch immer.
»Na, was soll's sein?« fragte der andere und setzte seine eigene Geige an. Da sagte Peter hastig: »Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren,« faßte die Geige und ließ dreimal nacheinander die Saiten die jubelnde Weise jauchzen. Und der Seminarlehrer spielte ebenso freudig bewegt die zweite Stimme dazu, und dachte im stillen, indem er in Peters glückverklärte Augen sah: Das ist nun einer ohne Herz und Gemüt. O ihr klugen Menschenkenner!
Als Peter die Geige absetzte, fing er an zu stammeln: »O Herr Seminarlehrer, w ... was soll ich ... bloß ...« »Du sollst bloß den Mund halten,« sagte der lächelnd und hielt ihm den Rücken seiner Geige vor den Mund. »Was du meinst und fühlst, das hast du ja eben schon mit deiner Geige gesagt. Möge sie dir eine gute Freundin werden, die in der Freude mit dir jubelt und im Leid mit dir weint und dich durch ihr mitfühlendes Herz tröstet.«
»O Herr Seminarlehrer!« —
Am Tage darauf — es war am Sonnabend vor Palmsonntag — setzte Peter sich auf die Eisenbahn, um nach Hause zu fahren. Das gute Examen, die ihm vom Direktor gemachte Aussicht auf das Hauptseminar, die Erinnerung an den freundlichen Musiklehrer, die Geige, die in ihrem schwarzen Kasten nahe bei ihm stand, die frische Märzluft, der Sonnenschein, der in die Fenster des Wagenabteils fiel, alles wirkte zusammen, Peter in eine frohe und mutige Stimmung zu versetzen.
Auf einer größeren Station, wo die Lokomotive Wasser einnehmen mußte, stieg ein alter Bauer ein, musterte die drei Insassen des Wagenabteils, unsern Peter, einen Handlungsreisenden und eine Bauerfrau, und machte sich's bequem.
»Wat hollt he hier so lang?« fragte die Frau den Bauern.
»O,« sagte dieser trocken, »dat Peerd is noch jung; dat möß eben mal an'n Titt.«
Die drei Fahrgäste lachten, jeder auf seine Art: Peter still, die Frau hehehe, der Handlungsjüngling hihihi.
Der Bauer klopfte mit dem Knöchel seines Mittelfingers auf Peters Geigenkasten und fragte: »Wat hett he dar in?«
»'n Vigelin'.«
»Kann he spälen?«
»'n bäten.«
»Denn späl he mal eenen up!«
»Och ...« sagte Peter zögernd.
»Man to; dor geiht de Tied bi hen,« fiel die Frau ein.
»Sain Se doch kain Frosch und tun Se's. Ain luschtiges Schtickche verkürzt die Fahrt durch de langwailige Lineburger Haide,« ermunterte der Handlungsreisende.
Peter, in der frohen Laune nach wohl bestandenem Examen, ließ sich erbitten, nahm seine Geige und fidelte munter darauf los: Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus, den Dessauer Marsch, und was ihm sonst in die Finger kam.
Als er aufhörte, weil seine Station nahe war, fragte der alte Bauer:
»Is he Spälmann?«
»Nee.«
»Wat denn?«
»Scholmester.«
»Wonem hollt de Schol?«
»Heww noch keen Schol. Kam hüt eben von't Seminar.«
»Deuker! Dat könn passen. Ick bin ut Solten. Dat liggt'n halbe Stund' van Brundörp. Wi bruckt just'n Scholmester.«
»So—o?«
»Weet he wat? Ick kann god mit unsen Herrn Zupperndenten. Dar gah ick morrn vor de Karktied hen. Denn, schall he man sehn, kriggt he den Deenst.«
»Scholstellen sünd upstunns genog to hewn,« sagte Peter. »Wenn ener'n god Tügnis hett, kann he sick'n Platz utsöken. Makt jo keen' Umstänn' von min'thalwen, Vader.«
»Wenn ich m'r darf erlauben ain gut gemainte Rat,« mischte sich der Handlungsreisende ein, »ich wird' gehen nit zu de Bauern, ich wird' gehen in de Schtadt zu de jebildete Lait'.«
»Di hollt keener fast,« sagte der Bauer trocken. »Dine Ort[9] könnt wi up'n Lanne nich bruken. Aber, wat ick man seggen woll,« wandte er sich wieder zu Peter, »god schall he't bi uns in Solten hewn. Wi sünd alltohopen gode Lüe.«
Der Zug pfiff, Peter mußte aussteigen.
»De Zupperndent well em woll schriewen. Und wenn he nah Solten kummt, denn frag' he man glieks nah Clas Mattens ...« rief der Alte ihm nach. »Aber deukerweg, ick weet ja noch gar nich, wat sin Nam' is, und wo he to Hus is?«
Er lehnte sich aus dem Wagenfenster und Peter rief dem Zuge, der sich schon wieder in Bewegung gesetzt hatte, seinen Namen und Wohnort nach. Dann machte er sich rüstig auf den Marsch nach Hause, wo er spät am Abend ankam. An die Begegnung in der Eisenbahn dachte er kaum wieder zurück.
Fünf Tage später bekam er ein Schreiben folgenden Wortlauts:
»Es gereicht mir zur Freude, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Bewerbung um den Schuldienst zu Solten, die durch den Bauern Claus Mattens an mich gelangt ist, von mir als dem Patron der genannten Stelle berücksichtigt worden ist. Ich habe Sie bereits gestern Hohem Königlichen Konsistorio präsentiert, und wird Ihre Anstellung zweifellos unverzüglich erfolgen. Es wird gut sein, wenn Sie gleich nach dem Feste sich mir vorstellen und mit den Schulverhältnissen bekannt machen wollen. Der Weg von Ihrer Heimat nach hier beträgt gute vier Stunden, was ja für einen gesunden jungen Mann eine Kleinigkeit ist. Sie müssen über Wiechel gehen.
Beerbohm, Superintendent.«
Peter machte große Augen, als er diesen Brief las. Er ärgerte sich zunächst, daß der zufällige Reisegenosse auf solche Weise in sein Schicksal und Leben eingegriffen hatte. Dazu kam, daß sein Vater und er sich folgenden Tages das Schulhaus eines näher gelegenen Dorfes ansehen wollten, von dem viel Rühmens gemacht wurde. Aber bald gab Peter sich zufrieden. Aus dem Briefe des Superintendenten schien ihm Wohlwollen zu sprechen. Der alte Bauer in der Eisenbahn hatte ihm auch nicht übel gefallen, und allzu nahe bei Muttern zu bleiben, darauf kam es ihm ja nicht gerade an.
Am Dienstag nach Ostern machte Peter sich auf, um seinen Vorgesetzten und seine künftige Wirkungsstätte kennenzulernen. Der Vater bestand darauf, ihn zu begleiten.
Anfangs gingen sie schweigend nebeneinander. Aber bald kam es Peter vor, als ob der Vater etwas Besonderes auf dem Herzen hätte. Er räusperte viel und spuckte übermäßig oft aus. Endlich machte er Anstalt, damit herauszukommen.
»Peter, ick mutt di mal wat seggen.«
»Man to, Vader.«
»Weeßt du, wat Mudder und ick uns dacht hewwt?«
»Nee.«
»Wi wollen woll mit di trecken[10].«
»Mit mi? Nah Solten?«
»Ja, min Jung. Süh, dat is bäter för di. Denn mak ick di fein dat Land to Schick[11]. Du kriegst da doch nix van torecht. Bist ja de starkste nich, din sel' Mudder wör't ok nich. Und Trina, de kakt[12] di denn wat ... Dat du dine Uppassung[13] hest ... Süh, 'n Fro kannst du di noch nich nehmen. Da bist du to jung to ... Wat makst du för'n Gesicht? ... Is Trina de lesten Johren nich jümmer ganz god mit di wän?«
»Och ja, dat güng woll ...«
»Süh, uns well dat in dat ole Hüsselhus gar nicht mehr recht gefallen. De Bur lett us dat Dak so rein öwer'n Kopp tohopen fallen. Und Land hewwt wi ok nich genog to Katuffeln for de välen Kinner.«
»Und det schöt denn ok alle mit nah Solten?«
»Alle nich. De beiden öllsten könnt wi all verme'en[14].«
»Denn sünd dat noch veer ...«
»Nee, fief.«
»Is dat nich'n bäten väl för so'n Scholhus?«
»Och nee. Wenn de in so'n Hüsselhus ünnerkreepen[15] könnt, hewwt se in so'n grot Scholhus Platz mehr als to väl.«
»Meenst du ...?«
»Hm, süh, dat wär doch schön, wenn du dine lütten Bröers und Süsters[16] sülwst als Scholmester lehren künnst.«
»Och ... dat will ick just nich seggen. Und wenn se mal wecke verdeent hewwt und ick hau' jüm, wat seggt ehre Mudder denn?«
»Dar is se god van stellt.[17] Up't Hauen hollt Trina grote Stücke.«
»Dar hest du recht. Aber wenn ick ehr Fleesch und Blod hauen do, dat well ehr doch woll nich passen.«
»Och, Peter, dat well so slimm woll nich wän. Und dat si di sleit, da brukst du nich bange vör to wän. Se fat't di nich mehr an.«
»Is dankenswert. Dar harr ick ok keene rechte Lust mehr to.«
»Du bist also davon tofreden, dat wi mit di treckt ...?«
»Och Vader, da mutt ick mi erst up besinnen. Wi möt ok erst tosehn, wenn dat in Solten mit dat Hus und dat Annere passen deit.«
»Da hest du recht; deshalw bin ick ok hüt mit di gahn.«
Als sie in Brundorf bei der Kirche anlangten, trennten sich ihre Wege. Der Sohn ging nach rechts zur Superintendentur, der Vater nach links in ein Wirtshaus, um seine Rückkehr zu erwarten.
Peter wurde von einem älteren, sehr behäbigen Herrn freundlich aufgenommen, wegen des guten Zeugnisses, das eben angekommen war, beglückwünscht und in das Sofa genötigt.
Darauf belehrte der Superintendent ihn über die Schulverhältnisse, die er in Solten vorfinden würde. Die Schule wäre ein Jahr lang bei dem großen Lehrermangel unbesetzt geblieben. Da würde viel nachzuholen sein. Und eine frische, junge Kraft sei da gerade am Platze.
Peter versprach, er werde sein Bestes tun.
»Welches ist Ihre religiöse Stellung?« fragte der geistliche Herr plötzlich und unvermittelt, und sein joviales Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an.
Peter sah ihn verdutzt an. Danach hatte ihn in seinem ganzen Leben noch kein Mensch gefragt. »Meine religiöse Stellung?« wiederholte er langsam, um Zeit zu gewinnen, sich die Antwort zu überlegen.
»Ich wollte wissen, ob Sie ein Pietist sind,« erklärte der Superintendent seine Frage näher.
»Pietist?« fragte Peter zögernd. Die Spitznamen, mit denen die verschiedenen kirchlichen Richtungen einander belegten, waren ihm nicht geläufig.
Der Geistliche machte eine ungeduldige Handbewegung. »Dann muß ich mich deutlicher aussprechen. Der neue Seminardirektor ist so einer von den neumodischen Pietisten, die die Welt um zweihundert Jahre zurückschrauben und den Leuten die Köpfe verdrehen möchten. Ich wollte gern wissen, ob er das bei Ihnen auch fertiggebracht hat.«
»Der Herr Seminardirektor,« sagte Peter, »lehrte in vielen Stücken anders als unser Landeskatechismus, den wir in der Schule gelernt haben. Ob aber seine Lehre so viel besser war, wie er immer behauptete, das kann ich nicht entscheiden.«
»Es freut mich sehr, mein lieber junger Freund,« sagte der alte Herr sichtlich erleichtert und klopfte dem jungen Schulmeister auf die Knie, »daß Sie sich haben nicht einfangen lassen, daß Sie sich Ihre geistige Freiheit und Selbständigkeit bewahrt haben. Ich begreife gar nicht, was diese Menschen darin finden, uns immer wieder mit ihren alten unklaren, mystischen Geschichten zu kommen. Gott, Tugend, Unsterblichkeit, diese drei Größen stehen fest. Der Philosoph Kant hat sie ein für allemal als Postulate der praktischen Vernunft nachgewiesen. Was darüber ist, das ist vom Übel.«
»Ja,« sagte Peter nachdenklich, »diese Dinge sind sehr schwer.«
»Was? Schwer?« fragte der andere verwundert. »Absolut nicht schwer. Man muß nur seinen gesunden Menschenverstand gebrauchen. Dann ist alles ganz klar. Daß ein höheres Wesen diese wunderschöne Welt geschaffen haben muß, daß wir Menschen ohne Tugend nicht menschenwürdig leben können, und daß für die vielen Ungerechtigkeiten dieses Lebens einmal eine ausgleichende Gerechtigkeit eintreten muß, das werden Sie doch nicht leugnen wollen?«
»Gewiß nicht, Herr Superintendent, ich will gar nichts leugnen,« sagte Peter.
»Es freut mich wirklich,« nahm der andere wieder das Wort, »erst einmal die Gewißheit zu haben, daß Sie kein Pietist sind. Einen solchen könnte ich in Solten auch nicht gebrauchen. Die Verhältnisse sind nämlich in dieser Beziehung dort etwas verwickelt. Freilich, der Kern der Bevölkerung besteht aus vernünftigen Leuten. Die Tätigkeit meines Amtsvorgängers, und meine eigene — das darf ich in aller Bescheidenheit sagen — haben in der Gemeinde sehr aufklärend gewirkt und die alten verstaubten Spinngewebe zum größten Teil aus den Köpfen herausgebracht. Nun ist aber gerade in Solten mir vor einer Reihe von Jahren der Wolf in die Herde gebrochen. Ein fremder Schuster, aus der Rheingegend zugewandert, ist dort hängengeblieben und hat sich eine Anbauerstelle erheiratet. Der hält wenig auf die Kirche, ist ein echter Pietist und Okkultist, und sucht in Solten Anhang zu gewinnen. Und, wie ich leider sagen muß, nicht ganz ohne Erfolg. Es gibt ja immer urteilslose Menschen, die so einem nachlaufen. Ich hoffe nun, daß Sie dort dem verderblichen Treiben dieses Mannes entgegenarbeiten und nicht nur in der Schule, sondern auch außerhalb derselben aufklärend wirken werden ... Übrigens, ich habe gleich von vornherein die besten Hoffnungen auf Sie gesetzt. Unser alter prächtiger Claus Mattens, der Sie neulich in der Eisenbahn für uns eingefangen hat, hat mir erzählt, wie Sie da im Zuge frank und frei Ihre Geige aus dem Kasten genommen und eins nach dem anderen gefiedelt haben. Solche frischen, lustigen jungen Leute, die das Leben genießen, natürlich in Züchten und Ehren, die habe ich für mein Leben gern. Denn ich bin auch einmal jung gewesen. Da dachte ich gleich: Der ist kein Kopfhänger, und heute habe ich ja darüber Gewißheit bekommen. Na, wie denken Sie sich denn einzurichten?«
»Das weiß ich noch nicht genau,« sagte Peter. »Meine Eltern denken halb und halb daran, mit mir zu ziehen.«
»Ach du meine Güte! Aber das Schulhaus hat ja nur eine einzige Stube außer dem Schulzimmer, und Sie haben Reihetisch bei den Bauern.«
»Soo?«
»Ja, hat Ihnen das denn der alte Claus Mattens nicht gesagt?«
»Nein.«
»Und Sie haben sich danach nicht erkundigt?«
»Nein, dazu war keine Zeit; ich mußte aussteigen.«
»Und dann bewerben Sie sich um die Stelle?«
»Herr Superintendent, ich habe mich nicht beworben. Der Mann sagte, ich müßte in Solten Schulmeister werden. Ich hielt das für Spaß, und habe gar nicht wieder daran gedacht, bis ich dann auf einmal Ihren Brief kriegte.«
Der alte Herr schlug die Hände zusammen und schüttelte sich vor Lachen. »Dieser alte Schlauberger! Darum kam er so pfiffig an und sagte: ›Herr Zupperndent, ick heww uns'n Scholmester infungen, 'n ganzen nüdlichen frischen Jungkeerl‹. Schön war das nicht gerade von dem Alten, Sie so hinters Licht zu führen. Aber schließlich, was soll man dazu sagen? Jeder ist sich selbst der Nächste. Für sein Dorf hat der Alte gut gesorgt. Ich fürchtete schon, die Stelle müßte wieder unbesetzt bleiben. Und ein paar Jährchen werden Sie es da schon aushalten. Nur, daß Sie Ihre lieben Eltern mitbringen, das ist unmöglich, so leid es mir tut.«
»Och,« sagte Peter, »das schadet am Ende nicht ganz viel.«
»Es sollte mich freuen,« versetzte der andere, »wenn diese Enttäuschung nicht gar zu groß für Sie wäre ... Um aber noch einmal auf die eigentümlichen Verhältnisse in Solten zurückzukommen, ich möchte Sie bitten, sich den Pietistenschuster vom Leibe zu halten und ihn überhaupt nicht zu besuchen. Er wird's natürlich probieren, Sie für seine überspannten Gedanken zu kapern und durch Sie Einfluß auf die Jugend zu gewinnen. Denn wer die hat, hat ja die Zukunft. Also hüten Sie sich vor ihm, gehen Sie ihm aus dem Wege! Junge Leute von Ihrem Alter sind noch nicht innerlich gefestigt genug, um solchen Einflüssen, wenn sie ihnen Zutritt zu sich gestatten, den nötigen inneren Widerstand entgegenzusetzen. Und dann noch eins, aber im Vertrauen. Wir haben einen sehr vernünftigen Amtshauptmann, der durchaus nicht gewillt ist, solches Konventikelwesen der Dunkelmänner in seinem Bezirk umsichgreifen zu lassen. Der würde uns ganz gern einmal seinen Landjäger zur Verfügung stellen. Also, wenn Sie etwas merken von polizeiwidrigen Abendversammlungen und Zusammenrottungen in den Häusern, so machen Sie mir gefälligst Meldung. Ich habe auch schon einigen zuverlässigen Bauern einen leisen Wink in dieser Richtung gegeben. Aber es ist nun einmal so, gegen die Geistlichkeit hält diese Gesellschaft immer zusammen, und den Landjäger sehen sie nicht gern in ihrem Dorf. Also ich verlasse mich auf Sie. Ich würde Ihnen nun raten, sich heute gleich Ihren künftigen Wirkungskreis und Ihr Häuschen anzusehen. Und dann treten Sie Anfang nächster Woche frisch und fröhlich Ihren Dienst an.«
Peter war aufgestanden, machte den tiefen und steifen Bückling, den er Schulmeister Wencke abgesehen hatte, und bekam von seinem freundlichen Vorgesetzten einen warmen Händedruck zum Abschied.
Als er in die Gaststube des benachbarten Wirtshauses trat, um seinen Vater abzuholen, blickte dieser, hinter einem Schnapsglas sitzend, mit gerötetem Gesicht ihn höhnisch an und sagte, unbekümmert um die Anwesenheit einiger Gäste: »Du bist doch'n Döskopp und bliwst'n Döskopp.«
Peter war starr mitten im Zimmer stehengeblieben und fragte aufs höchste erstaunt: »Wat is denn?«
»Läßt di dor de slechste Scholstelle in't ganze Land uphangen, läßt di von so'n olen Glattsnacker in de Iserbahn so anfleiten, dat de nu in alle Wirtschaften vertellen kann, wat ick for'n Dämelklas van Jungen heww. Hähähähä.«
»Aber Vader, besinn' di doch!«
»Ick? Ne besinn' du di! Wer hett domols, as em dat verlöwt würd, Scholmester to weern, sinen Vader verspraken, dat he em helpen wull, de lütten Kinder grot to kriegen?«
»Vader!«
»Wer harr dat grote Wort, dat he sin' olen Öllern, de so väl Godes an em dan hewwt, to sick nehmen woll?«
»Vader,« sagte Peter, sich mühsam beherrschend, »ick gah nu nah Solten, wullt du mit?«
»Ick? Hähähä. Ick? Wat heww ick da to söken? In dat ole Muslock, wo nich mal een Morgen Land to hört, hä! Gah man alleen und kiek di dine Dummheit an! Hüt abend kummst du hier wedder för und halst mi aff. Weertsmann, schenk mi noch'n Lütten in! Wenn ener as Vader so'n Dämelklas van Jungen hett ...«
»Affhalen do ick di nich,« sagte Peter hart und bestimmt, »ick kann god ahn' di henfinnen, wo ick hen will.«
Der Vater stürzte eben hastig sein Glas hinunter.
»So is't recht,« fuhr Peter voll Bitterkeit fort, »sup di man düchdig enen an, daß de Lüe glieks Bescheed weten, wat de nee Scholmester för'n Vader hett. Adjüs.«
»Du verdammte Jung,« keuchte Harm Eggers und sprang in voller Wut auf. Aber er wurde von zwei Männer, die mit ihm am Tische saßen, festgehalten. Und Peter ging aufrecht und die Füße hart aufsetzend hinaus. Draußen hörte er noch, wie der Vater drinnen lärmte und fluchte, und mit schnellen Schritten eilte er davon.
Es kam ihm zwar für einen Augenblick ein leises Gefühl der Reue, daß er mit solchem pietätlosen Wort von seinem Vater geschieden war. Aber ein inneres Kindesverhältnis zu dem Manne, der in den letzten Jahren durch den Trunk immer mehr heruntergekommen war, hatte er eigentlich doch nicht mehr gehabt. Dann war es ja schließlich zu ertragen, wenn das äußerliche lose Band nun auch durchgerissen war. Und das Neue, dem er entgegenging, brachte ihn schnell über solche Gedanken hinweg.
Als Peter das Kirchdorf hinter sich hatte, lag Solten in der Ferne auf einer mäßigen Anhöhe vor ihm. Er mußte das Dorf mit Wehlingen vergleichen. Das behäbige Bauerndorf in dem wiesen- und waldreichen Bachtale war ohne Frage viel reizvoller als diese neue Heimat auf der hohen Geest. Heide sah man von dieser Seite nur wenig. An der Straße zwischen dem Kirchdorf und Solten war alles Ackerland, das aber mit seiner losen, sandigen Ackerkrume wie mit dem hungrigen Winterkorn den Eindruck großer Magerkeit und Kargheit machte.
Bei den ersten Häusern des Dorfes griff Peter sich einen Jungen auf, um sich zum Schulhause führen zu lassen. Der Junge ging mit ihm eine Weile die ungepflasterte Dorfstraße entlang, bog dann auf ein Gehöft ab und auf ein Gebäude zu, das man zunächst für eine Scheune halten mußte. Als sie aber um dasselbe herumgingen, zeigten sich einige Fenster und eine Tür. Peter stand vor seinem neuen Heim.
Er rüttelte an der Tür, die jedoch verschlossen war. Als er sich umsah, kam aus dem Bauernhause, auf dessen Hofe das Schulhaus lag, ein Mann in Hemdsmauen mit einem Schlüssel in der Hand. Der sagte trocken »Dag« und schloß dem jungen Schulmeister sein Haus auf. Während sie miteinander die Schulstube und einen zweiten weißgetünchten Raum mit einem Fenster, in dem eine Scheibe zerbrochen war, besahen, erzählte er, bis vor wenigen Jahren hätte die Schule und Schulmeisterwohnung von Hof zu Hof gewechselt. Aber das wäre der Gemeinde schließlich lästig geworden, und so hätte sie ihm diese Scheune abgekauft und zu einer schönen Schule umgebaut. Die Fensterscheibe hätten im Winter die Jungens beim Schneeballen eingeworfen, aber er glaube sicher, daß die Gemeinde eine neue würde einsetzen lassen. Beim nächsten Bauernmal wollte er das vorbringen, und Eile hätte die Sache ja wohl nicht; denn es ginge ja auf den Sommer.
Als die beiden mit ihrer Besichtigung fertig waren und wieder ins Freie traten, sah Peter, daß sein alter Freund aus der Eisenbahn auf die Schule zugeschritten kam, den Brösel im Munde und sein pfiffigstes Lächeln im Gesicht. Peter fühlte einen Grimm gegen den Mann und überlegte sich, wie er dem Ausdruck geben sollte. Der Alte kam ihm aber zuvor: »Kiek mal an, da is he ja all, unse lütte Scholmester van de Iserbahn.« »Jawoll,« unterbrach ihn Peter, »den ji so bannig anföhrt hewwt. Dat harr ick van jo nich dacht.«
»Anföhrt?« fragte der Alte mit der unschuldigsten Miene von der Welt, indem er die Pfeife aus dem Munde nahm und behaglich ausspuckte.
»Jawoll, anföhrt! Wat is denn dat för'n Scholhus?«
»Och, so'n jungen Bengel, de keen Fro und Kinder hett, kann't genog dormit don.«
»Und de por elenden Daler, för de ener sick hier schinnen mutt.«
»Oh, he kriegt ja Äten und Drinken to. Wo woll he denn mit väl Geld hen? Dat hett all mannigenen up slechte Weg' brocht. Abers nu kam he man, min lüttje lewe Scholmester. Min Olsch' is bi und kakt'n Tass' Kaffee. Dorbi wöt wi uns wedder verdrägen.«
Peter wollte noch Schwierigkeiten machen, aber der Alte streckte den Arm mit der Pfeife aus und schob ihn lachend vor sich her. Da ergab er sich und ging mit.
»Spaß mutt makt weern,« begann der Bauer wieder, »aber nu lat uns dar mal vernünftig öwer snacken. Süh, wi hewwt all'n ganz Johr keenen Scholmester hatt, und de, den wi harrn, wör'n ganzen Natten. Aber unse Kinner könnt doch nicht upwassen as de armen Heiden, as dat lewe Veih. Nich wohr, dat geiht doch nich?«
»Nee, dat geiht nich,« sagte Peter. »Aber möß ick denn jüst her?«
»Och nee, min beste Minsch, harr ick'n annern in de Iserbahn drapen[18], de mi ebenso god gefallen harr as he, denn harr ick den nahmen.«
»Dat glöw ick,« sagte Peter lachend.
»So, nun sünd wi to Hus,« sagte der Bauer und trat mit Peter in die große Missentür seines stattlichen Hauses.
Während sie über die lange Diele gingen, beobachtete er Peters Gesicht von der Seite, blieb dann plötzlich stehen und sagte: »Scholmester, hett he denn keene Ogen in sinen Kopp?«
»Wat is denn?« fragte Peter erschrocken und sah sich vor die Füße, ob er etwa dem umherlaufenden Federvieh zu nahe getreten wäre.
»Dor rechts und dor links steiht dat beste Veih in't ganze Dorp und he sleit[19] dor keen Og' nah hen?«
»Och ja, dat is ok wahr ...« sagte Peter und holte das Versäumte nach. »De Koh dor mit den Blessen vor den Kopp, dat is gewiß de beste.«
»Nee, lütt' Scholmester, dat is just de ordenärste in'n ganzen Stall.«
»Ach soo ... ick verstah van so wat nich ganz väl.«
»Gor nix versteiht he; dat seh ick,« sagte Clas Mattens.
Am Herde angekommen rief er: »Hier, Mudder, is he, unse Scholmester. Nu bring dinen Kaffee man rin.«
Sie gingen in die Stube und nahmen auf der Bank am gedeckten Tische Platz.
»Na Scholmester, nu segg he mal,« begann Mattens wieder, »geiht he noch wedder nah Hus oder bliewt he forns[20] hier?«
»Forns hier bliewen? Güng dat woll?« fragte Peter lebhaft.
»'t geiht allens,« antwortete der Bauer. »Min' Peer hewwt woll mal'n Dag Tied. Denn spannt wi morrn an und halt sin Saken, Bedd, Disch und wat he süssen[21] noch hett, und denn is't ferdig. 't schall em ok nich väl kösten.«
»Hmhm.«
»Schall ick morrn anspannen?«
»... Da is man'n Haken bi ...«
»Wat denn?«
»Ick heww keen Bedd und Disch und Stohl und wat dor süssen noch tohört ...«
»Denn mutt he sick dat köpen. Is keen annern Rat.«
»Dor is ok man wedder 'n Haken bi.«
»Wat denn?«
»To'n Köpen hört Geld.«
»Dat stimmt.«
»Und dat heww ick nich.«
»Hett denn sin Vader nix?«
»Wat de hett, dat brukt he sülwst.«
»Dat is'n verdullten Kram,« sagte Clas Mattens und kratzte sich hinter den Ohren. »Nee, dat gelt nich, erst Bodder un denn dick Honnig up. Dat smeckt bäter.« Er schob Butter und Honigteller nahe an Peter heran, und dieser war auch nicht blöde. Da er den Honig schon aufgestrichen hatte, schmierte er die Butter dazwischen.
»Dat is'n verdullten Kram ...« wiederholte der Bauer nachdenklich. »Ohn' Bedd geih't nicht, und'n Disch und Stohl is ok nödig.«
Nach einer Weile sagte er entschlossen: »Scholmester, he hett seggt, ick harr em anföhrt. Dat mag wän, he harr süssen woll'n bätern Platz kriegen könnt. Aber nu hör he to: ick will dat wedder god maken. Ick will em dat Geld, wat he nödig hett, lehnen[22], dat he sick inrichten kann. Aber denn mutt he mi dat'n bäten upschriewen, dat dat Bedd und de annern Saken mi tohört, bet he se ganz betalt hett. 't is man wegen Lewen und Starwen ... Is em dat so recht?«
»O beste Vader Mattens, daför schall he väl dusendmal bedankt wän! Up wecke Ort schall ick dat noch wedder ...«
»Nu mak he keenen langen Dröhnsnack. Dat wör afmakt. Hören deit em also nix as wat he up'n Liew hett? Wo hett he denn sin Vigelin'?«
»De is noch tu Hus. Und ok süssen heww ick dar noch allerhand, wat hier her mutt, Strümp und Hemden und'n bäten Tüg und min Böker ...«
»God, denn spann ick morrn an, und wi beiden föhrt hen und halt den ganzen Kram her. Und wat wi süssen brukt, dat köpt wi uns unnerwegs.«
»Dat geiht ja schön. Aber, wat ick noch seggen woll, in min Stuw' is'n Fenster twei.«
»Dat schall Discher Buck insetten. Dat well ick woll vör de Gemeen' up mi nehmen.«
»Och Vader Mattens, wat freu ick mi, dat ick jo in de Iserbahn drapen heww, und dat ick nah Solten kämen bin!« sagte Peter mit ehrlicher Freude.
Clas Mattens, der nach beendigtem Kaffeetrinken eben seine Pfeife wieder angesteckt hatte, schmunzelte und blies ein paar mächtige Wolken von sich.
Am nächsten Morgen spannte Mattens mit dem Frühesten an, und neben dem breitschulterigen, behäbigen Bauersmann nahm der schmale, lang aufgeschossene Schulmeister Platz. So fuhren sie langsam in den frischen Aprilmorgen hinaus.
Das Gespräch zwischen ihnen riß nicht ab. Die Führung lag in den Händen des Bauern. Er sprach von den Feldern, Heiden, Wäldern, Wiesen, Dörfern, Gehöften, Menschen und Tieren und allem andern, was in seinen Gesichtskreis gehörte, mit jener Treffsicherheit und Sachlichkeit und jenem trockenen Humor, die nur aus dem intimen Umgang mit den Dingen und der behaglichen Freude an ihnen sich ergeben. Er sprach in jener urgesunden echten Bauernart, die den nicht gar zu blasierten Kulturmenschen immer wieder überrascht, und ihn erquickt wie der frische Duft der Scholle, die nachdenkliche Menschen immer wieder zweifelhaft macht, ob unsere ganze Kultur und »Bildung« wirklich so viel wert ist, wie es uns von allen Dächern gepredigt wird, ob wir für sie nicht einen zu hohen Preis gezahlt haben; in jener Art, von der ein Bücherschreiber, der nicht raffiniert für ein raffiniertes Publikum, sondern deutsch für das deutsche Volk schreiben möchte, immer wieder lernen muß, und um die er manchmal so einen schlichten Heide- und Moorbauer aufrichtig beneidet. Denn ganz lernt's einer doch nicht wieder so, der leider »schrecklich viel gelesen.«
Hätte Peter vor einem Jahre mit einem Mann wie Clas Mattens eine Fahrt über die Heide gemacht, so würde er mit Kunst und Tücke das Wort an sich gerissen und belehrende Vorträge über wer weiß was für abliegende Dinge gehalten haben. Denn damals hielt er sich wegen seines bißchens Bücherweisheit für »gebildet« und verpflichtet, andere zu bilden und zu belehren. Heute aber hielt er den Mund, hörte zu und fragte. Denn er war jetzt gebildet genug, um einzusehen, daß auch ein Schulmeister, der ein gutes Abgangszeugnis vom Seminar in der Tasche hat, noch nicht alle Weisheit mit Löffeln gefressen hat, daß er noch tüchtig lernen mußte und sich auch nichts vergab, wenn er von einem Bauern lernte. Er war gebildet genug, um die Welt des gefestigten, auf seine Scholle und Arbeit stolzen Bauerntums als eine ganze und reiche Welt zu empfinden, die es durchaus nicht nötig hatte, sich vor der Welt der Bildung und Bücher, in die er selbst ein wenig hineingerochen hatte, schamhaft zu verkriechen. Und er war gebildet genug, um einzusehen, daß er an diese Welt, in der er ja auch leben sollte, wieder mehr Anschluß suchen mußte, daß neben dem, was in den Büchern stand, auch das ihn umgebende Leben Beachtung verdiente. So machte er denn während dieser Fahrt Ohren und Augen weit auf und war des Bauern lernbegieriger Schüler.
Es kam bei diesen Gesprächen zwischen Bauer und Schulmeister zufällig heraus, daß Clas Mattens nicht schreiben und nur mangelhaft lesen konnte. Peter kannte ja viele, die statt ihres Namens drei Kreuze machten. Aber bei Mattens wunderte ihn das doch, und er sagte: »Dat harr ick nich dacht.« »Jawoll,« lachte der Alte, »ji Scholmester bild't jo jümmer in, wenn da'n düchdigen Keerl is, de in de Welt paßt und sinen Kram versteiht, denn harrt ji dat Meiste darto dan. Kinners, Kinners, 't hett all Keerls in de Welt geben, as noch keen Scholmester de Jungs de Böxen stramm tög.«
Nach einer Fahrt von vier Stunden langte das Gefährt vor Harm Eggers' Häuslingskate an. Als Peter innerlich auf alles gefaßt und gegen alles gewappnet, in die Tür trat, hörte er den Vater in der Stube laut schnarchen. Seine jüngste Schwester erzählte ihm eifrig, er wäre dun[23] nach Hause gekommen und hätte von Muttern schreckliche Prügel gekriegt. Sie zeigte ihm auch lachend den Stock, der in der Ecke stand. Die Mutter wäre auf der Nachbarschaft zum Waschen. Peter raffte in größter Eile seine Sachen zusammen, trug sie auf den Wagen, sprang selbst hinauf und bat Mattens, davonzufahren.
»Wat? Nich mal'n Tass' Kaffee kakt uns din' Mudder? Dar harr ick mi bannig up spitzt.«
»Se is nich to Hus,« sagte Peter kurz.
Auf der Rückfahrt kauften sie in einem Flecken, was sie für die erste Einrichtung für nötig hielten. In ihren Ansichten darüber stimmten sie bis auf einen Punkt überein. Der Bauer meinte, Peter könne sich wenigstens den Sommer über ganz gut draußen am Hofbrunnen waschen und brauchte kein Waschgeschirr. Aber Peter, der an diesen Luxus von Wehlingen und vom Seminar her gewöhnt war, wollte nicht gern auf ihn verzichten. Mattens meinte, die Schulmeister würden immer großartiger, und man wüßte nicht, wo das schließlich noch hinaus sollte, gab aber endlich doch nach.
Es ging bereits gegen Abend, als sie wieder zu Hause anlangten. Der Bauer half dem jungen Schulmeister, die Siebensachen abzuladen und ins Haus zu schaffen. »So,« sagte er, als sie damit fertig waren, »nu mak he sick man allens fein to Schick, und adjüs ok.« Dann hängte er in die Stränge ein und zog mit seinem Gespann ab.
Peter stand in seiner Stube zwischen seinem Hausrat. Jetzt war's wirklich eine kleine Aussteuer. Da kam ihm plötzlich die Erinnerung, wie Schulmeister Wencke in Wehlingen ihn vor drei Jahren auf seine Kammer geführt und gesagt hatte: »So, nun mach's dir nur gemütlich in deinem Heim.« Wehmütig dachte er daran, mit was für einem jäh erwachenden Heimgefühl er damals von dem Dachstübchen Besitz ergriffen hatte. Von dem Glück und Jubel jener Stunden war er heute weit entfernt. So konnte er sich überhaupt nicht mehr freuen. Aber froh war er doch, daß er nun wieder ein eigenes Heim hatte. Das enge Zusammenleben mit innerlich ihm fremden Altersgenossen, wie das Seminar es mit sich gebracht hatte, war ihm zuletzt fast unerträglich geworden. Es mochte ja zuerst ganz heilsam für ihn gewesen sein. Aber im Grunde war er doch einer der Menschen, deren Bestes nur in der Stille und Einsamkeit reift, und denen es darum einfach Lebensbedürfnis ist, oft und viel allein zu sein. Das war ja nun im Soltener Schulhause wieder möglich. Und darüber freute er sich.
Er machte sich an die Einrichtung seines Zimmers. Denn gemütlich sollte es hier auch werden.
Die schwierigste Arbeit nahm er zuerst in Angriff: das Bettmachen. Da sie hierfür nur Oberbett und Kissen gekauft hatten — ein Laken hatte Frau Mattens aus ihrem Leinenschatz hergegeben und mäßig verrechnet — so brauchte Peter Stroh, um die Butze aufzufüllen und sich eine weiche Unterlage zu bereiten. Er ging in das Bauernhaus, auf dessen Hof die Schule lag, und bat darum. Swiebertsbauer war glücklicherweise nicht zu Hause. Wahrscheinlich hätte er Peter auf das nächste Bauernmal vertröstet, wo beschlossen werden könnte, welche Höfe je ein Bund Stroh für das Bett des Schulmeisters zu liefern hätten. Die Bäuerin aber war menschenfreundlicher. Sie kommandierte ihre Magd, das nötige Stroh nach dem Schulhause hinüberzutragen und dem Schulmeister auch gleich das Bett fertigzumachen. »So'n Mannsminsch kennt dar doch nix von,« sagte sie.
Als die Magd nach Ausführung ihres Auftrages gegangen war, fuhr Peter mit dem Einrichten fort. Die Geige, sein wertvollstes Besitztum, stellte er auf den niedrigen Beilegerofen, dessen Eisenplatten zweimal mit dem »Fräuwlein von Samaria« und einmal mit Christi Taufe geschmückt waren. Den gekauften Tisch stellte er an die Längswand und baute seine Bücher an dieser auf. Die Wände waren gänzlich kahl, und gerade über dem Tische war ein Stück Bewurf abgefallen. Aber Peter besaß ein Mittel, diesen Schönheitsfehler zu verdecken und der kahlen Fläche einigen Schmuck zu verleihen. In der Seminarstadt hatte er sich einmal bei einem Althändler für wenige Groschen ein paar ungerahmte Bilderblätter gekauft. Die brachte er mit kleinen Nägeln über seinem Tische an. Das eine Blatt zeigte das Bild eines alten Mannes mit tiefgefurchten Zügen und wallendem Barte, der einsam auf seinem Lager saß und das Haupt auf eine vor ihm stehende Harfe gestützt hielt, auf deren Saiten seine welken Finger leise Töne zu greifen schienen. Darunter standen die Worte:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Wegen dieser Worte vor allem, die er zum erstenmal an jenem glücklichsten Tage seines Lebens gelesen hatte, als seine Seele eben mit Goethes Mailied gejubelt hatte, war ihm dieses Bild in dem Fenster des Antiquars so lieb geworden, daß er es sich endlich kaufen mußte. Und da hatte der Mann ihm gleich ein anderes Bild gezeigt, das dazu gehöre, und er hatte sich dieses auch gekauft. Da stand ein Mädchen in langem, weißem Kleide, halb Kind, halb Jungfrau, an eine Säule gelehnt und schaute mit schmerzlich sehnsüchtigem Blicke in die Weite. Darunter stand:
So laßt mich scheinen, bis ich werde; Zieht mir das weiße Kleid nicht aus! Ich eile von der schönen Erde Hinab in jenes feste Haus.
Als Peter mit dem Einräumen seines Zimmers fertig war, setzte er sich an seinen Tisch, stützte den Kopf in die Hände, sah gerade vor sich auf seine Bilder und ihre Verse, und verfiel in tiefes Sinnen.
Tränenbrot und durchweinte, kummervolle Nächte ... ja, er selbst kannte sie auch, so jung er war gegen den Alten auf dem Bilde ...
Der alte Harfenspieler hatte durch sie die himmlischen Mächte kennen gelernt. Konnte er das auch von sich sagen? ... Nein. Im Gegenteil. Vorher hatte er von Gott — so setzte er stillschweigend für die himmlischen Mächte ein — gewußt und ohne Bedenken und Zweifel, aber freilich, auch ohne sich viele Gedanken zu machen, über ihn gelehrt. Das war so leicht gewesen. Es stand ja alles fertig im Katechismus und in der Bibel. Dann hatte er in jener Verzweiflungsnacht zu Gott geschrien und keine Antwort bekommen, keine Erhörung gefunden. Seitdem fühlte er im Unterricht manchmal etwas wie ein böses Gewissen, wenn er von ihm lehrte. Aber er beruhigte sich: Wir Schulmeister müssen's alle, es steht einmal in den alten Büchern so drin, und Religion ist immer gewesen und muß auch sein.
Und doch waren auch wieder Stunden in seinem Leben, in denen er das Gefühl gehabt hatte, als ob er jetzt, nachdem er den Gott seiner kindlichen Vorstellungen verloren, erst auf dem Wege wäre, Gott von ferne zu ahnen, ihn vielleicht einmal zu kennen; als ob er sein Liebesglück und Liebesleid, seine Jubelstunden und seine durchweinten Nächte einbeziehen könnte, ja müßte, in einen verborgenen Liebeswillen, der geheimnisvoll über seinem Leben waltete. Selten waren solche Stunden, und es waren auch dann nur Ahnungen, die ganz leise und heimlich durch seine Seele zogen. Die entgegengesetzte Stimmung, daß er mit einem blinden, grausamen Geschick haderte, daß er sich dumpf und stumpf unter etwas Unabänderliches zu beugen suchte, hatte die Vorherrschaft ... Der Harfenspieler war ein alter Mann. Vielleicht hatte der auch nicht immer so an seine Leiden und Schmerzensnächte gedacht, so voll stiller Ergebung, ja voll Dankbarkeit für das, was solche Zeiten ihm gegeben. Das kam vielleicht erst mit den Jahren ...
Peter ließ seine Augen auf dem zweiten Bilde ruhen. Von dessen Versen hatte er bislang überhaupt nichts verstanden. Es war ihm lieb geworden, weil das weiße Kleid des Kindes und ein leiser Zug in ihrem Gesicht ihn an seine Tote erinnerte. Und bei dem festen Hause hatte er ganz unbestimmt an das goldene Tor gedacht. Wie er nun so in stillem Sinnen hinschaute, haftete sein Auge an einem kleinen Wörtlein: So laßt mich scheinen, bis ich werde ... Werden ... Werden ... Was werden? Das stand da nicht ... Nur: werden ... Wie er darüber nachdachte, wollte es ihm plötzlich scheinen, als sei in diesem schlichten Wörtlein sein ganzes Jugendsehnen auf das kürzeste und treffendste ausgedrückt. Nicht, was so an der Oberfläche getrieben hatte: Hauptseminar und Küsterstelle usw., sondern das, was in der Tiefe geströmt und jene Wünsche getragen hatte. Und es kam ihm die Erinnerung an eine Frühlingszeit seines Lebens, da er dieses Werdens mit seligen Schauern selber inne geworden war. Aber dann waren ja wieder Zeiten gekommen, in denen er die Empfindung hatte, als ob alles in ihm tot und still läge. Nun stand dieses Wort vom Werden über seinem Schreibtisch, und er wollte es als eine freundliche Verheißung nehmen, daß das Werden doch noch nicht aufgehört habe, daß die alte Sehnsucht noch Erfüllung finden könnte.
Die beiden Bilder hingen nebeneinander. Und der Antiquar hatte ihm beim Kauf gesagt, daß sie eng zusammengehörten. Er hatte auch irgend eine Geschichte erzählt, die das beweisen sollte. Die war ihm aber entfallen, wenn er sie überhaupt recht aufgefaßt hatte.
Ja, vielleicht gehörte, auch ohne diese besondere Geschichte, überhaupt im Leben, alles dieses zusammen: Die kummervollen Nächte und das Tränenbrot und das Werden, die schöne Erde und das feste Haus und das goldene Tor; das Suchen und Sehnen, das Weinen und Verzweifeln, das Wachsen und Werden, und ... Gott ...
Es war etwas in ihm, was sich nach Aussprache sehnte. Da nahm er seine Geige. Den Blick auf den Harfenspieler gerichtet, begann er zu spielen, schmerzvoll klagende Weisen mit einem leisen Unterton der Ergebung, wie sie der Alte einst seiner Harfe entlockt haben mochte. Dann wandte er sich dem andern Bilde zu und zog lange, süße, innige Töne. Tränen füllten seine Augen, und mit den umflorten Blicken sah er in Mignons Bild das Bild seiner teuren Toten. Da packte ihn ein wilder Schmerz, und schrill und scharf zog er mit dem Bogen über die Saiten. Dann schaute er wieder auf den zum Frieden gekommenen Alten, strich allmählich ruhiger, und ging zuletzt in Händels Largo über, das ihm von allen Tonstücken, die er kannte, das liebste war. Er stand jetzt vor dem Fenster, und sein Blick flog zu dem Stückchen Himmel auf, das zwischen der Schule und dem nahen Bauernhause sichtbar war.
Am nächsten Tage fing Peter an, sich in Solten herumzuessen. Das Dorf zählte sieben Halbhöfe, und jeder hatte die Verpflichtung, einen Tag der Woche den Schulmeister zu Mittag und Abend zu beköstigen. Den Morgenimbiß nahm er zu Hause ein, und traf mit einer benachbarten Häuslingsfrau, der er auch die Wartung seines Zimmers übergab, das Abkommen, daß sie ihm durch eins ihrer Kinder dazu einen Becher frischgemolkener Ziegenmilch herüberschickte.
Da Peter jetzt des Willens war, die Welt, in der er lebte, und das ihn umgebende Leben kennenzulernen, so war ihm der Reihetisch ganz lieb. Denn dazu bot er ja die beste Gelegenheit, die sich nur denken ließ. Wenn er des Mittags mit hungrigem Magen auszog, kam er sich fast wie ein Entdeckungsreisender vor und hielt Augen und Ohren offen. Er versuchte von dem Aussehen der Häuser auf ihre Bewohner, von dem Vieh auf die Menschen, von den Menschen auf das Vieh, von den Eltern auf die Kinder, von den Kindern auf die Eltern zu schließen, er verglich, stellte Betrachtungen an, kurz, er studierte das Leben und die Menschen. Was die Hofbesitzer betraf, so fand er bald heraus, daß er gleich am ersten Tage die größten Gegensätze kennengelernt hatte: den wortkargen, stumpfen, geizigen Swiebertsbauern, und den humoristischen, klugen, noblen Mattensbauern. Frauen gab's, wie überall, ordentliche und schlampige, heitere und mürrische, gut aussehende und häßliche, mütterliche und stiefmütterliche. Von den Altenteilern hatten die einen etwas Patriarchalisches in ihrem Wesen, die andern hatte das Leben, Arbeit und Sorge müde und stumpf gemacht. Peter packte das Leben mit wachen Sinnen, und wo er's packte, da wurde es ihm interessant. Während er die Menschen beobachtete, beobachteten die Menschen ihn, und schon am Ende der Woche stand das Urteil über ihn ziemlich fest: »Wi hewwt'n lütten schönen Scholmester krägen. He is gar nich stolz, itt wat up'n Disch kummt und hett Ogen in'n Kopp.« Nur die Schulkinder, die ja demnächst am meisten mit ihm zu tun haben sollten, hielten ihr Urteil in der Schwebe. Die wollten doch lieber erst sehen, wie er sich in der Schule machen würde.
Am Sonntag ging Peter nach Brundorf zur Kirche. Er setzte sich auf den Orgelchor, woselbst der Organist ihm schlimmes Herzeleid antat. Er hatte seine Orgel schlecht in Stimmung und griff und trat mehr als einmal böse daneben. Denn er dachte: Was verstehen die dummen Bauern von Musik? Wenn's ihnen man tüchtig in die Ohren braust! Peter drehte sich einige Male herum und bearbeitete den breiten Rücken des Kollegen mit empörten Blicken. Aus dem Stadium, in dem ein Tongeräusch wie Schulmeister Wenckes Geigenkratzen Musik für ihn gewesen war, war er jetzt heraus, und die gute und gutgespielte Orgel der Hauptkirche der Seminarstadt hatte ihn verwöhnt.
Als der Superintendent auf der Kanzel erschien und seine Predigt begann, hörte Peter aufmerksam zu. Viel aufmerksamer und angestrengter, als je früher in Steinbeck und Olendorf. Denn es war nun einmal der Trieb in ihm erwacht, das Leben und die Menschen, wo und wie sie sich ihm boten, kennenzulernen. Da hatte er nun bald das Gefühl, solche Predigt könnte nur ein Mann halten, der mit Gott und der Welt, vor allem aber mit sich selbst auf das schönste zufrieden ist. Er beneidete den geistlichen Herrn und alle, die wie er das Leben im hellsten Sonnenschein liegen sahen, verklärt von der Güte eines alliebenden Vaters und von einer allgemeinen, die Welt — wenigstens mit Worten — umspannenden Menschenliebe. Indem er dann aber tiefer darüber nachdachte, fand er doch, die wirkliche Welt und das wirkliche Leben zu erkennen und zu verstehen, das hatte doch auch seine Vorzüge, wenn dabei auch mancher schöne Traum zerrann, und so schöne Phrasen, wie sie von der Kanzel herunterpurzelten, unmöglich wurden. Die Erkenntnis des Wirklichen empfand der junge Schulmeister, wenn er auch erst eben angefangen hatte, die Augen und Ohren aufzumachen, doch schon als eine Bereicherung des eigenen Lebens.
Wie seine Augen so auf dem glattrasierten, runden, strahlenden Gesicht des Geistlichen ruhten, sah er plötzlich neben diesem den abgehärmten, von langem weißen Bart umwallten Kopf seines alten Harfenspielers. Da mußte er die beiden nach ihrem Aussehen und nach ihren Worten vergleichen und von diesen Aeußerungen aus auf das dahinterliegende Wesen schließen. Der eine redete des langen und breiten von der Güte und Liebe eines großen Vaters über dem Sternenzelt. Der andere sprach bescheiden, fast scheu, von himmlischen Mächten. Der Mann auf der Kanzel redete von sich und seinem fröhlichen Glauben und legte dabei beteuernd vor der ganzen Gemeinde die Hand auf die breite Brust. Der alte Harfner saß allein in einer engen Zelle, auf die Harfe gestützt, und sprach, ganz für sich, wie von einem Dritten, aber in Worten, in denen des eigenen schwergeprüften Herzens Schlag zitterte ... Da fühlte der junge Schulmeister sich dem Manne auf der Kanzel fremd und fremder, und dem alten Harfenspieler immer verwandter.
Als von der Kanzel ein Ausfall gegen die Feinde des Lichts und der Aufklärung kam, mußte er an den Schuster denken, vor dem er so eindringlich gewarnt war. In Solten hatte er sonst noch nichts über den Mann gehört, als daß er gute und billige Ware liefere. Jetzt, wo der Superintendent gegen Leute seiner Art zu Felde zog, fühlte Peter beinahe etwas wie Sympathie für ihn und beschloß, trotz aller Warnung vor der damit verbundenen Gefahr, seine Bekanntschaft zu machen.
Als Peter nach beendigtem Gottesdienst sich auf den Heimweg machte, beschäftigten ihn die Gedanken, die ihm während der Predigt gekommen waren, noch immer. Dieser Superintendent gehörte ohne Zweifel zu den Menschen, die der Seminardirektor als »öde, platte, geistlose Rationalisten und Totengräber der Kirche« bezeichnet hatte. Und der letztere war ja von ersterem als »Pietist und Dunkelmann« gebrandmarkt worden. »Und welches ist Ihre religiöse Stellung?« hatte der Superintendent ihn gefragt. Peter lachte, als ihm die wunderliche Frage einfiel. Aber sofort wurde er wieder ernst. Er gestand sich, daß er jetzt, nachdem der Trieb, das Wirkliche zu erkennen, in ihm erwacht war, den Wunsch verspürte, auch über diese schweren, schwersten Fragen, die in der Schule täglich vorkamen, Klarheit zu gewinnen. Aber wie? Aus Büchern? Zu ihnen hatte er in dieser Sache wenig Vertrauen, seitdem er wußte, wie die hochstudierten Herren, die sie schrieben, einander widersprachen. Da dachte er wieder an seinen alten Harfenspieler. Der wußte von den tiefen verborgenen Kräften, die der Menschen Leben gestalten, tragen und segnen, wohl mehr als jene hochgelehrten Herren. Wo hatte er das gelernt? In der Schule des Lebens ... In der Schule der Leiden ... Ja, in der Schule der Leiden, vielleicht war da das Letzte und Tiefste und Größte zu lernen ...
»Na, lütte Scholmester,« rief hinter ihm Clas Mattens' muntere Stimme, »he hollt den Kopp ja so dal, he is woll ganz deepdenksch[24] vandag?«
Peter blieb stehen und erwartete den herankommenden Bauern.
»Hewwt wi nich'n schönen Zupperndenten?« fragte dieser, nachdem er Peter eingeholt hatte.
»Och ja,« meinte der Schulmeister, »he kann bannige Wöer[25] maken.«
»Blot eenen Fehler hett he,« sagte Mattens, »he makt to väl Wöer. He künn datsülwige in de halwe Tied seggen. Aber dat hört woll to de Gelehrsamkeit van de groten Herrns, dat se sick nich so kort befaten könnt as'n dummen Buersmann. Ick hol't mit den Spruch: 'n lange Wost[26] und'n korte Predigt, dorbi kann'n dat Winderdag und Sommerdag utholen.«
Am nächsten Morgen wurde Peter durch die Stimmen der Kinder, die sich frühzeitig vor der Schule versammelten, aus dem Schlaf geweckt. Er stand schnell auf, schloß die Schultür auf, trank seine Ziegenmilch und trat zum erstenmal vor die ihm anbefohlene Kinderschar.
Das Gesicht der Schule war das ihm von Wehlingen her vertraute: Blaue und graue Augen, hellblonde Haare, die Langköpfe weit zahlreicher als die Kurzköpfe. Der Kinder, die irgendwie von dem allgemeinen Typus abwichen, waren nur wenige. Aber ein Kind — das sah Peter auf den ersten Blick — machte in dieser Umgebung einen fremdartigen Eindruck. Es war ein Mädchen von etwa zwölf Jahren. Das schmale Gesichtchen war feiner geschnitten und weißer in der Farbe als die der Kameradinnen, und die dunklen Augen hatten ganz ihren eigenen Ausdruck. Peter glaubte die Gesamtheit der übrigen Kinder auf den ersten Blick ihrem Grundcharakter nach zu kennen. Es war dieselbe Art, mit der er herangewachsen war, und die er in Wehlingen zweiundeinhalb Jahre unterrichtet hatte, die ungemischte niedersächsische Rasse. Aber dieses eine Gesicht gab ihm Rätsel auf.
Peter eröffnete seine Tätigkeit als selbständiger Lehrer nach einigen Gesangversen mit einer kleinen Ansprache, in der er die Kinder zu Fleiß, Aufmerksamkeit, gesittetem Betragen und anderen Schülertugenden ermahnte und die Hoffnung aussprach, daß sie selbst es ihm möglich machen würden, den Stock nicht zu gebrauchen. Denn er schlüge höchst ungern und wäre in seiner ersten Schule beinahe ganz ohne Schläge ausgekommen. Dieser Teil seiner schönen Rede fand die größte Aufmerksamkeit seiner Zuhörer. Ein großer Bengel wechselte mit seinem Banknachbarn einen vielsagenden Blick.
Darauf begann Peter nach dem Stundenplan mit der Religionsstunde. Er wollte zunächst feststellen, was die Kinder an Memorierstoff beherrschten, und stellte Fragen aus dem Landeskatechismus. Die Kinder hatten den Text leidlich binnen, trotz des lehrerlosen Jahres, während dessen nur selten ein Schulmeister aus der Nachbarschaft zur Vertretung herübergekommen war. Aber, so oft Peter fragte, fiel es ihm auf, daß das fremdartige Mädchen nicht aufzeigte, ja, nicht einmal aufblickte. Wie verlegen saß sie da und sah vor sich nieder. Zuletzt stellte er eine ausgesucht leichte Frage und rief sie auf, obgleich sie sich wieder nicht meldete. In die Schule kam eine Bewegung, die Kinder stießen sich an, lachten, legten sich auf die Tische und wandten die Köpfe, um die Gefragte zu beobachten. Peter brachte durch ein paar energische Worte die Gesellschaft zur Ordnung und Ruhe und wandte sich dann wieder an die aufgerufene Schülerin, die mit gesenktem Kopf schweigend in der Bank stand. Er versuchte ihr zu helfen, indem er die Antwort anfing. Vergeblich. Ratlos sah er sich in der Klasse um. Da meldete sich ein anderes Mädchen, und als Peter ihr zunickte, sagte: »Lina ihr Vater will das nicht haben, daß sie den Katechismus lernt.«
»Sooo?« fragte er verwundert.
Da flog die kleine Plappertasche wieder in die Höhe und fuhr fort: »Lina ihr Vater sagt, im Katechismus steht der rechte Glaube nicht in.«
»Setz dich und halt deinen Mund!« sagte Peter ärgerlich.
»Was ist dein Vater?« fragte er freundlich das Kind, das noch immer stand und jetzt rot übergossen war.
»Schuhmacher,« war die schüchtern gegebene Antwort.
Die Plappertasche zeigte wieder eifrig den Finger, wobei sie dem Schulmeister den Arm entgegenzuckte und sich über die Bank warf.
»Was willst du denn nur?« fragte Peter ärgerlich.
»Lina ihr Vater ist ein Fremder, er ist ...«
»Wenn du dich noch einmal um Sachen kümmerst, die dich nichts angehen, stelle ich dich dort in die Ecke,« sagte Peter, scharf verweisend. Das Mädchen nahm die Schürze und maulte.
»Na, Lina, setz dich,« wandte er sich wieder an die andere, »ich denke, fortan müssen wir hier in der Schule lernen, was der Lehrer will. Das geht wohl nicht anders.« Er sagte das ganz freundlich. Das Kind in seiner Verlegenheit tat ihm leid. Und über die andern, die mit Interesse und Schadenfreude die Szene zwischen dem neuen Lehrer und dem Kinde des fremden Schusters verfolgten, ärgerte er sich. Er hatte gleich die Empfindung, daß diese Fremdartige keinen leichten Stand unter ihren Mitschülern hätte, und nahm sich vor, auf sie besonders zu achten und sie zu schützen, wenn es nötig sein sollte. Denn er kannte die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Jugend gegen alles, was anders ist und sich nicht glatt dem Hergebrachten fügt. Hatte er doch selbst in seiner Jugend sie öfter erfahren.
Nach einer Weile ging er zu der biblischen Geschichte über. »Wer kann mir die Geschichte von Maria und Martha erzählen?« fragte er.
Einige Finger wurden zaghaft gehoben und wieder zurückgezogen. Nur Schusters Lina zeigte ruhig und sicher auf, und ihre dunklen Augen sahen den Lehrer voll an.
Peter war froh, daß er ihr vor der Klasse eine Genugtuung geben konnte, und rief sie freundlich auf.
Und nun erzählte sie. Und erzählte so, daß Peter sie verwundert ansehen mußte. Es kam ihm vor, als hörte er eine ganz neue Geschichte, ja, als sähe er sie vor sich, die geschäftige Martha und die stille, innige Maria, und den Herrn, der von der Wanderung in dem Heim der Schwestern eingekehrt ist. Als sie fertig war, sagte Peter: »Das hast du gut erzählt, Lina. Darüber habe ich mich gefreut.«
Er ließ sich dann noch einige Geschichten von anderen Kindern erzählen. Die beherrschten den Text ja auch wohl. Aber wie hölzern und plump kamen sie damit über, wie ging dabei das Zarte, Schöne, Tiefe verloren! Er konnte sich nicht versagen, Linas Erzählen den anderen als vorbildlich hinzustellen. Als er es getan hatte, bereute er es aber auch schon. Die Kinder, die ihre Geschichten ebenso fließend aufgesagt hatten, machten verwunderte Gesichter und sandten einen nicht gerade freundlichen Blick nach der durch das erste Lob des neuen Schulmeisters ausgezeichneten Mitschülerin hinüber.
Um zehn Uhr entließ er die Kinder. Er hatte, dem Beispiel seines alten Lehrmeisters folgend, für diese Stunde die Schulneulinge bestellt.
Auch hier in Solten kamen die Eltern der Kleinen zum Lehrer und überreichten ihm süße Anlockungsmittel. Die nahrhafteren Beigaben für den Schulmeister selbst fehlten hier natürlich, wegen des Reihetisches. Peter schrieb auf jede Tüte den Namen des Kindes, das er mit ihr an sich fesseln sollte. Als er fünf Tüten vor sich hingelegt hatte, trat ein Vater mit leeren Händen vor ihn hin und redete ihn hochdeutsch an: »Herr Lehrer, mein Paulchen kommt auch ohne Zuckertüte gern zu Ihnen. Wir haben ihm erzählt, daß Sie ein lieber, freundlicher Herr sind.« Peter sah sofort an den Augen des Mannes, die Ähnlichkeit mit denen der kleinen Lina hatten, daß er den Schuster vor sich hatte.
Vor den versammelten Eltern erklärte der junge Schulmeister, er werde die Kinder einstweilen nach dem Abc setzen, und später nach Betragen, Fleiß und Tüchtigkeit. Die Eltern räusperten sich, einige sahen sich an, und ein Bauer, den Peter von den Hofbesitzern, die er bislang kennen gelernt hatte, am wenigsten leiden konnte, weil er in seinem Wesen etwas Dummprotziges hatte, sagte: »Jea, dat is man so'ne Sak'; min Kinner hewwt bi den olen Scholmester jümmer baben an säten. Und ick bin ok de böberste wän. Min sel. Vader harr den grötsten Hoff.« »Denn will ick wünschen, Westermann,« sagte Peter, »dat jon Willem 'n düchdigen Jungen is und ok wedder den böbersten Platz innenehmen kann.«
Er entließ die Eltern und rief seine Kleinen in die Schulstube. Sie kamen ängstlich und zaghaft. Denn auch in Solten hatten die lieben Mütter aus erzieherischen Gründen die Person des Schulmeisters mit allen erdenklichen Schrecken umkleidet. Auch die Zuckertüten konnten nicht alle Angst aus den Gesichtern verscheuchen. Nur ein kleines, eckiges Bürschchen kam munter angestapft, sah sich mit den schwarzen Äuglein interessiert um und ließ sie dann voll Vertrauen in denen des Lehrers ruhen. Als aber die anderen ihre Zuckertüten bekamen, verdunkelte sich das fröhliche Gesichtchen, und in den schwarzen Augen wurde Regenwetter. Peter fragte Westermanns Willem, der, weil sein Vater den größten Hof besaß, die größte Tüte hatte, ob er Paul etwas abgeben wollte. Willem sagte stramm: »Nee.« Er wandte sich an die anderen. Die wollten sich, Willems Beispiel folgend, ebenfalls auf nichts einlassen. Peter hielt eine kleine plattdeutsche Rede über das Wohltun und Mitteilen und bat dann die Kinder, sie möchten je zwei Boltjen aus der Tüte nehmen, und ihm, dem Schulmeister, schenken. Alle taten es, bis auf Willem. Peter ärgerte sich über den dickköpfigen Bengel und nahm sich von ihm, was die andern freiwillig gegeben hatten. Da stellte sich der kleine Kerl steil hin und sagte: »Dat segg ick to minen Vader, dat du mi de Boltjen stahlen hest. De hett he för mi kofft, und nich vör den Schoster sinen.« Peter überreichte die auf diese Weise verfügbar gemachten Süßigkeiten dem kleinen Paul, bei dem nach dem Regen denn auch sofort wieder Sonnenschein eintrat.
Darauf wies er den Kleinen ihre Plätze an. Paul Döhler wurde nach dem Alphabet der erste, Willem Westermann mußte den letzten Platz erhalten. Dieser machte ein Gesicht, als ob er protestieren wollte, sagte aber doch nichts.
Peter beschäftigte die Kinder ein Stündchen mit einem Bilde, auf dem Haustiere fraßen, brüllten, krähten, schliefen und sonst sich ihres Lebens freuten. Viel brachte er aus ihnen noch nicht heraus. Aber es schien ihm, als würde sowohl Paul Döhler seinen ersten wie Willem Westermann seinen letzten Platz während der Schuljahre behaupten.
Als er die Kinder entlassen hatte und in seine Stube gegangen war, hörte er plötzlich draußen ein lautes Geschrei. Er lief hinaus und sah, daß der große, starke Willem den zarten Schusterpaul zu Boden geworfen hatte und auf ihn losschlug. Als er hinzugeeilt war, erhob er sich soeben, die dem Schwächeren geraubten klebrigen Bonbons in der Hand. Peter nahm den Jungen beim Kragen, schnitt sich von einem nahen Birkengebüsch eine Rute und erteilte ihm eine tüchtige Tracht Schläge. Die Süßigkeiten warf der Junge dabei in den Sand.
Als Peter den kleinen Bösewicht losließ, entfernte dieser sich um einige zwanzig Schritt, und aus dieser sicheren Entfernung streckte er die Hand drohend nach dem Schulmeister aus und sagte: »Töw[27] man, dat segg ick minen Vader, dat du mi slan hest.«
Peter mußte über den erbosten kleinen Kerl laut lachen, aber ganz wohl war ihm doch nicht. Die ersten Schultage nach Ostern in Wehlingen beim Schulmeister Wencke waren harmonischer, zu größerer allseitiger Zufriedenheit, verlaufen. Und er selbst hatte das Gefühl, nicht in allem ganz richtig gehandelt zu haben.
Wenn er in Solten Schwierigkeiten haben würde, das fühlte er, so würden sie irgendwie mit den Schustersleuten zusammenhängen. Dem Superintendenten blühte von dieser Seite her viel Verdruß, und der junge Schulmeister machte sich darauf gefaßt, daß es ihm ebenso gehen würde. Er stellte sich aber die Frage, ob er darum die beiden schwarzäugigen Kinder missen möchte, und beantwortete sie sich mit einem entschiedenen Nein. Die beiden würden seine Tätigkeit als Lehrer und seine Stellung im Dorfe erschweren, aber die beiden würden ihm auch Freude machen. Um der beiden willen erschien ihm gleich heute seine Schule so interessant, wie ihm die in Wehlingen mit ihrer ungemischten Niedersachsenrasse niemals erschienen war.
An diesem Tage war der Reihetisch bei Clas Mattens. Beim Mittagbrot war der Bauer sehr aufgeräumt, und über seinen originellen Schnäcken überwand Peter die etwas unbehagliche Stimmung, die sich seiner bemächtigt hatte. Als er aber am Abend wieder zu ihm kam, war ander Wetter eingetreten. Der Bauer fuhr seine Frau an, und dann den Knecht, und war über Tisch sehr einsilbig. Als die Familienangehörigen nach dem Abendbrot das Zimmer verlassen hatten, räusperte er sich einige Male und sagte dann endlich: »Scholmester, dat helpt nich. Ick mutt em mal'n bäten vörnehmen. In't Dörp is düssen Nahmiddag väl öwer em snackt worrn.«
»Soo?« fragte Peter. »Wat harrn de Lüe denn to snacken? Wat Godes?«
»Nee,« sagte Mattens kurz, »hüt' wör't nix Godes!«
»Wat denn?«
»De Lüe hett dat verdraten[28], dat he glieks den ersten Dag enen van de Lütten dörtagelt[29] hett.«
Peter erzählte, wie ehrlich Willem seine Schläge verdient hatte, und sprach seine Überzeugung aus, daß sie ihm sehr heilsam sein würden.
Der Bauer zuckte die Achseln. »Wenn ick min' Meenung seggen schall,« sagte er, »de Scholmester is Meister van de Schol. Wat buten[30] passeert, dat geiht em nix an. Daför sünd de Öllern.«
»Nee, Mattens-Vader, dar stah ick up'n ganz anner Stück,« rief Peter lebhaft, »ick bin Scholmester in de Schol, up de Straten und in de Hüser, Alldag und Sünndag. Ick will de Öllern düchdig helpen, de Kinner god uptotrecken.«
»Scholmester, Scholmester, ick ra'e[31] em god. Lat he sine Näs' davon! Dormit makt he blot böse Lüe und't helpt nix. Unse Lüe sind god, wenn ener jüm gewähren lett. Abers wenn ener jüm an den Wagen föhrt ... Scholmester, he is noch jung, he kennt de Buern noch nich.«
»Bangemaken gelt[32] nich,« sagte Peter zuversichtlich. »De Lüe willt dat woll marken, dat ick dat god mit jüm und ehre Kinner meen.«
»Und denn is da noch väl hen und her snackt. Dat den frömden Schoster sin Jung as de böberste[33] sitt, und Krischan Westermann sin, den grötsten Buern in't Dörp sin, as ünnerste ...«
»Kann ick wat darto, dat de Schoster 'n D und de grötste Buer 'n W in sinen Namen hett?« fragte Peter.
»So is dat niemals Mode wän,« sagte Clas Mattens ernst. »Süh, Scholmester, unse Herrgott hett dat so inricht, dat't Kaiser und Könige und Edellüe und Börger und Buerslüe in de Welt giwt. Und unse Herrgott hett dat ok inricht', dat't in de Dörper Buern und Anboer und Hüsselüe[34] giwt. Dor kann he nix an ännern.«
»Will ick ok nich. Aber deshalw kann den Schoster sin doch baben sitten in de Schol.«
»Dat is Revolutschon.«
»Revolutschon!?«
»Jawoll. Wat is Revolutschon denn anners as wenn dat, wat nah ünnen hört, nah baben kummt, und wat nah baben hört, nah ünnen. So 'ne Grappen as de, dat he nu up'n Mal de Kinner anners setten well, as dat van Adam sine Tieden her begäng[35] wän is, de stammt ok van dat dulle Jahr achtunveertig.«
»Dor mögt ji woll recht hewn, Mattens Vader. Van dat Johr stammt öwerall väl Godes.«
»Godes?« Der Bauer machte ein bedenkliches Gesicht. »Scholmester, ick ra'e em god, spräk he sökke Ansichten nich vör de Lüe ut! So wat mögt wi Buern up'n Lanne nich hören.«
»Na, de Revolutschonstied hett doch för den dütschen Buernstand ok väl brocht. Dar hett de Erbuntertänigkeit uphört und ...«
»Erbuntertänigkeit? So lange as de Heide bläuht und de Wind weiht und de Hahn kreiht, sünd wi Lüneborger Buern kenen unnerdan wän as den Herrgott in sinen hogen Hewen[36]. Nee, lütte Scholmester, mit sökke Geschichten mutt he uns nich kamen! Daför sünd wi to klok, und mit den olen Demokratenkram wöt wi nix to don hewn. Ick ra'e em god, richt' he sick nah't Dörp und föhr he keene neen Moden in! Dormit schad't he sick man sülwst. Und mi ok. Ick heww em ja 'ranhalt, und wenn dat mal mit em nich so inslan schöll, as ick dat höpen[37] do, denn krieg' ick de Nackensläg.«
Claus Mattens griff nach seinem Nacken, als ob er die Schläge schon fühlte.
Peter ging von dieser Unterredung nachdenklich nach Hause. Die ersten Tage in Solten hatte er das Gefühl gehabt, daß es ihm leicht werden würde, sich in diese Welt der Bauern, die ihm plötzlich interessant geworden war, einzuleben. Heute war es ihm deutlich geworden, wie tief doch die Kluft war, die ihn von dem Empfinden dieser Leute trennte. Ganz konnte einer, der einmal etwas durch die Bücher in einer weiteren Welt zu Hause geworden war, doch in dieser engen Welt eines Bauerndorfes nicht wieder heimisch werden. Da er aber gelernt hatte, von sich und seinem Berufe etwas kleiner und von dem ihn umgebenden Leben größer zu denken, so nahm er sich vor, so weit es ihm möglich wäre, dem Hergebrachten und den Wünschen der Gemeinde Rechnung zu tragen. Und als er sich ins Bett legte, war er bereits entschlossen — am nächsten Tage die Kleinen nach der Ordnung: Bauern-, Anbauer- und Häuslingskinder umzusetzen.
Dem gegenüber, was ein ganzes Dorf als das Selbstverständliche, Natürliche, weil Althergebrachte, ansah, seine eigene Ansicht durchzudrücken, war Trinas Stiefsohn und Schulmeister Wenckes Zögling denn doch nicht Charakter genug. Und andererseits war er zu klug und kannte die Bauern zu gut, um nicht zu wissen, daß er mit Hartnäckigkeit in dieser Lappalie den Erfolg seiner Berufstätigkeit in Solten gleich am ersten Tage aufs Spiel setzte.
Außerdem war die Beweisführung des alten Bauern nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben. Er war ja auch selbst der Sohn eines der konservativsten deutschen Stämme. Und wenn er auch ein Wörtlein für achtundvierzig geredet hatte, so hatte er einfach nachgeschwatzt, was er irgendwo einmal gelesen hatte. Er wußte weder, um was es sich damals gehandelt hatte, noch, was dabei herausgekommen war. Von Politik hatte er überhaupt nicht die geringste Ahnung. Ihre bewegenden Fragen wirklich kennenzulernen, dazu fehlte es ihm an Anleitung und Gelegenheit. Und auf ein paar leicht aufgeschnappte Schlagworte zu leben und zu sterben, dafür war er schon zu reif.
Kurz und gut, am nächsten Morgen nahm er die Umordnung vor. Die Kinder waren damit einverstanden, und das Dorf sehr befriedigt. »'n düchdigen Scholmester,« hieß es, »he is nich so'n Hornoss', de mit den Kopp dör de Wand well. He well noch wat toleern[38].«
Als Claus Mattens den jungen Schulmeister zuerst wiedersah, klopfte er ihm freundlich auf die Schulter und sagte: »Ick heww mi doch nich in em irrt. He hett Charakter.«
Peter sah ihn verwundert an. Daß er in dieser Sache nun gerade viel Charakter gezeigt haben sollte, war ihm neu.
Die ganze körperliche Kraft der Jugend, den vollen Schwung eines jugendlichen Idealismus hatte der junge Lehrer nach Solten nicht mehr mitgebracht. Eine gewisse körperliche und seelische Müdigkeit lag vielmehr auf ihm. Er vergaß sie, wo seinem suchenden Geist sich etwas Neues zum Erkennen bot. Aber in dem täglich wiederkehrenden Einerlei des Schulbetriebes fühlte er sie, da drückte sie auf ihn. Unter diesem Druck war die Gefahr groß, daß er mit der Zeit in den alten Schlendrian des Unterrichtens zurückfiel, in den er bei Schulmeister Wencke im zweiten Jahre, nachdem der Reiz des Neuen verflogen, schon ziemlich tief hineingeraten war: daß er sich nämlich begnügte, den Text der biblischen Geschichten stumpfsinnig einzuprägen und abzufragen, mit dem Landeskatechismus das gedruckte Frage- und Antwortspiel zu treiben, das Lesen nach der Seite der rein mechanischen Fertigkeit zu betreiben usw. Der eingesessenen Soltener Schuljugend gegenüber hätte er dabei sein Gewissen mit der Zeit beruhigt. Die säßen ihre Stunden und Jahre ab, um konfirmiert zu werden und dann möglichst schnell alles zu vergessen, so hätte er sich wohl vorgeredet. Nun war da aber in der Schule ein Augenpaar, das gehörte nicht einem Leib, der seine Stunden absaß, sondern einer Seele, die hungrig war, die etwas verlangte. Den Eindruck hatte Peter am ersten Tage gewonnen, und er wurde ihn nicht wieder los. Es war, als ob diese Augen ihm zuriefen: Schulmeister, laß dich nicht gehen. Hüte dich vor dem Schlendrian. Bereite dich ernsthaft vor. Komm nicht mit dem alten abgeleierten Formelkram ... Schulmeister, das war heute mal schwach. Das hast du nur so dahingeschwatzt, um die Stunde auszufüllen ... Schulmeister, in dieser biblischen Geschichte liegt viel mehr drin, als du herausgeholt hast. Dieses und Ähnliches las Peters Gewissen in den dunklen Augen des Kindes und konnte darüber nicht einschlafen.
Indem aber Peter sich zusammenraffte, um dem einen Kinde etwas zu geben, gab er auch den andern mehr. Er merkte bald selbst, daß sein Unterricht Interesse weckte. Hier und da bekam ein Augenpaar einen lebhafteren Ausdruck. Hin und wieder erhielt er gute Antworten von Kindern, von denen er sie nicht erwartet hatte. Es war doch ein anderes Unterrichten, als früher in Schulmeister Wenckes Manier.
Und vor allem auch für sich selbst gewann Peter etwas, indem er sich zwang, es mit der Vorbereitung ernst zu nehmen und in der Stunde seine Kraft einzusetzen. Er bemerkte mit Verwunderung, wie ihm an den alten Unterrichtsstoffen, die er längst an den Schuhen abgelaufen zu haben glaubte, ganz neue Seiten aufgingen, wie ihm dabei Gedanken kamen, die ihn selbst überraschten und die ihm persönlich wertvoll wurden. Vor allem erging's ihm so mit den biblischen Geschichten. Als Jungen, und auch noch als jungen Schulmeister in Wehlingen, hatte ihn bei diesen besonders das Fremdartige, Wunderbare, das von seiner Umgebung und von dem gewöhnlichen Lauf der Dinge Abweichende interessiert. Das trat jetzt zurück. Er sah hier jetzt Menschen vor seinen Augen irren und zurechtkommen, leiden und jubeln, wachsen und werden, kämpfen und siegen. Immer wieder mußte er sich über den Lebensreichtum der evangelischen Erzählungen und Gleichnisse wundern. Das war nicht das Leben seiner Bauern und auch nicht das Leben seiner Bücher. Aber Leben war's, echtes, rechtes Leben, das fühlte er immer wieder. Und all dies Leben, das wurde ihm immer deutlicher, ging von einer Quelle aus, von Jesus Christus. Der hatte es so reich und stark in sich und nahm es immer wieder aus verborgenen Tiefen. Und seine Freunde konnten nicht von ihm loskommen. »Herr, wohin sollten wir gehen?« fragten sie, »du hast Worte des ewigen Lebens.« Und was wurden sie in dem Verkehr mit ihm, diese galiläischen Fischer und Bauern!
Es war durchaus kein theologisches Interesse, was den jungen Schulmeister bei diesen Entdeckungen leitete. Es war vielmehr das Interesse des innerlich werdenden Menschen, der sich nach vollem, ganzem, tiefem Leben sehnt und sich dahin wendet, wo etwas diesem Lebenshunger Sättigung zu versprechen scheint. Es war das Wachsen einer Seele, die sich wie die junge Pflanze unwillkürlich dahin streckt, wo die Bedingungen des Wachstums, Licht und Luft und Wärme, vorhanden sind.
Als Peter etwa drei Wochen in Solten war, verspürte er eines Abends Lust, den Schuster einmal zu besuchen. Durch die Kinder hatte er auch an ihrem Vater Interesse bekommen. Und auch die Angst des hochwürdigen Herrn in Brundorf vor diesem Verführer machte den Wunsch in ihm rege, den gefährlichen Menschen kennenzulernen. So wollte er sich denn doch nicht von dem Herrn Vorgesetzten bevormunden lassen, daß er sich von ihm in seiner eigenen Schulgemeinde seinen Verkehr vorschreiben ließ.
Er wartete die völlige Dunkelheit ab und machte sich dann auf den Weg. Das Haus lag etwas außerhalb des Dorfes auf einer kleinen Anhöhe.
Als er sich diesem näherte, tönte ihm Gesang entgegen. Schon wollte er umkehren, da verstummte der Choral, und er setzte seinen Weg fort. Als er vor der Tür ankam, hörte er drinnen einen Mann reden, im Gebetston. Neben dem nicht ganz schließenden Vorhang her sah er, daß eine größere Anzahl von Menschen in dem Zimmer auf den Knien lag. Da wandte er sich zum Gehen. Aber in eben diesem Augenblick schlug ein Satz des Gebets ganz deutlich an sein Ohr: »Bringe unsern jungen Schulmeister aus der Finsternis zu deinem wunderbaren Licht.«
Peter lachte kurz auf, wandte sich schnell auf dem Hacken herum und machte, daß er von dem Hause fortkam.
Dieser unverschämte Pechhengst! Diese unausstehlichen Pharisäer! Da lagen sie auf den Knien und beteten, wie weiland ihr Vorbild im Tempel: »Herr, wir danken dir, daß wir nicht sind wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Schulmeister.«
Ha, diese Dunkelmänner wollten einen klug machen, der auf dem Seminar die Abgangsprüfung als Zweitbester bestanden hatte?
Wie die Menschen doch bemüht waren, ihn zum Licht zu führen! Der Seminardirektor auf seine Weise, der Superintendent auf seine, und nun auch noch dieser Schuster! Wenn nur nicht das, was der eine für Licht hält, in den Augen des anderen gerade die allerdickste Finsternis wäre! Eine verrückte Welt! Da hält jedermann die armselige Tranfunzel, bei der er sich selbst vielleicht leidlich zurechtfindet, für das große Licht, das aller Welt leuchten soll, und hält alle die für Lichtfeinde und Dunkelmänner, die lieber ihrer eigenen Tranfunzel folgen wollen.
Von dem Wunsch, den Schuster kennenzulernen, war Peter geheilt.
Am nächsten Morgen, als die beiden Kinder des Mannes vor ihm in ihren Bänken saßen, mußte er sie nachdenklich betrachten. Die hatten beide etwas Sonniges in ihrem Wesen. Auch der kleine Paul. Es war eine Lust zuzusehen, wie er mit muntern Äuglein und spitzen Fingern den Feinden, Buchstaben genannt, keck zu Leibe ging. Wie traurig, daß solche Kinder in dem Hause des Dunkelmannes dahindämmern mußten! Nicht einmal eine Zuckertüte am ersten Schultage hatte der harte Mann dem kleinen Kerl gegönnt, und die hatte doch sogar er, Peter, seinerzeit bekommen. Er nahm sich aufs neue vor, ihnen wenigstens in der Schule zu geben, was irgend in seinen Kräften stände. Was denn? fragte er sich. Auch wieder — Licht. Da mußte er lachen. Das steckte in den Menschen doch einmal unausrottbar drin, daß sie einander Licht bringen wollten. Und es war vielleicht auch gut, wenn auch die Unvollkommenheit der menschlichen Natur es mit sich brachte, daß die Menschen so verschieden darüber dachten, was nun eigentlich das Licht sei. Aber es war doch wohl gut, daß die Menschen das, was sie für das Beste hielten, einander gönnten. Wie er sich die Sache so überlegte, konnte er auch über den Schuster nicht mehr ganz so hart urteilen, als er es gestern abend getan hatte.
Eines Tages im Herbst, als Peter eben den Unterricht begonnen hatte, klopfte es an die Tür, und ehe er Herein rufen konnte, trat der Superintendent in die Schulstube. »Guten Morgen, lieber Eggers,« sagte dieser, indem er sich mit einem großen Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte. »Sie sind nun schon fast ein halbes Jahr hier. Da möchte ich doch mal sehen, wie's eigentlich bei Ihnen aussieht. Lassen Sie mich mal!«
Peter trat bescheiden zwei Schritt hinter den Vorgesetzten zurück.
»Na, Kinder, wollen mal biblische Geschichte nehmen. Wer erzählt mir vom Jüngling zu Nain?«
Einige Finger hoben sich. Auch Schusters Lina zeigte auf, in ihrer stillen, sicheren Weise. Wenn er sie doch nur aufriefe! dachte Peter. Aber der alte Herr griff sich einen vierschrötigen Jungen, der die Geschichte denn auch auf seine Art ordentlich erzählte.
Darauf sprach der Superintendent mit den Kindern von dem Jüngling, den sie so früh von der schönen Erde weg in das dunkle, schauerliche Grab tragen wollten, von der Mutter, die nur den einen Sohn hatte und eine arme Witwe war, von dem teilnehmenden Gefolge und von den anderen Einzelzügen, die dabei aus der schlichten Einfalt der evangelischen Erzählung in rührselige Breite gezerrt wurden. Zuletzt fragte er: »Nun sagt mir noch mal, Kinder, wie war also der Jüngling, als der Heiland ihn traf?«
»Tot,« lautete die Antwort.
»Gut, aber was für ein Tod ist das wohl gewesen?«
Kein Finger rührte sich. Die Kinder machten dumme Gesichter und sahen bald den Fragenden, bald den im Hintergrunde stehenden Schulmeister an.
»Dann will ich deutlicher fragen: Wie tot ist der Jüngling wohl gewesen?«
Ein kleines Mädchen meldete sich lebhaft.
»Nun, mein Kind«
»Ganz tot.«
»So, glaubst du das wirklich?« fragte der alte Herr lächelnd. »Hast du schon jemals gesehen, daß ein Toter wieder aufgestanden ist?«
Die kleine Unschuld schwieg. Sie hatte überhaupt noch keinen Toten gesehen.
»Habt ihr das schon gesehen?« wandte der Superintendent sich an die ganze Schule.
Keine Hand hob sich.
»Na, also!«
»Haben Sie das den Kindern nicht erklärt?« wandte der geistliche Herr sich an den jungen Lehrer.
»Nein, Herr Superintendent ...«
»Dann will ich's euch sagen. Paßt nur hübsch auf! Der Jüngling war schwer krank gewesen und zuletzt vor allzu großer Schwäche in einen Zustand tiefer Bewußtlosigkeit, in einen ganz festen Schlaf gefallen. Da meinte seine Mutter, er wäre tot, und bestellte die Beerdigung. Weil es bei solchen Leuten scheint, als ob sie tot wären, nennt man sie scheintot. Als nun die Träger unterwegs den Sarg hinstellten, gab das schon einen Ruck, und als nun der Meister den Jüngling an der Hand zog und ihn laut anrief, erwachte er aus seinem Scheintode. Dergleichen hat man öfter gehabt.«
Die Kinder waren ganz Ohr. Peter sah auf seine linke Stiefelspitze.
»Nun wollen wir Katechismus nehmen,« sagte der Superintendent. »Frage 165: Wie hat man für seine Gesundheit zu sorgen?«
Alle Kinder der ersten beiden Bänke zeigten auf, bis auf Schusters Lina. Wenn er nur das Unglückskind nicht faßte! Denn Peter hatte dem Mädchen das Nichtlernen des Katechismus stillschweigend so hingehen lassen.
Richtig, da hat er sie schon. »Du, da, die zweite auf der zweiten Bank!«
Lina stand auf, sah vor sich nieder und schwieg.
»Das weißt du nicht? Und alle auf deiner Bank zeigen die Finger. Schäme dich, du großes Mädchen, setz dich!«
Ihre Nachbarin gab die Antwort.
»Durch gesunde Speise und Trank, durch Mäßigkeit in Essen, Trinken und Schlafen; durch Mäßigung aufwallender heftiger Gemütsbewegungen, durch Arbeitsamkeit, Vorsichtigkeit, und durch die, auch zu unserer Empfehlung bei anderen Menschen unentbehrliche Reinlichkeit.«
»Gut. Wie sagt der weise Sirach darüber?«
Ein Junge schrie die Antwort:
»Mein Kind, prüfe, was deinem Leibe gesund ist, und was ihm ungesund ist, das gib ihm nicht.«
»Gut. Nun aber du noch mal, du Faule da, so billig können wir dich nicht laufen lassen. Warum haben wir unseren Gliedmaßen eine gewisse Leichtigkeit und Gewandtheit zu nützlichen Arbeiten zu verschaffen?«
Lina stand wieder auf und sah verlegen vor sich nieder.
Peter wagte die bescheidene Bemerkung, den kleinen Katechismus Luthers könnte das Mädchen sicher und gut.
»Das genügt mir nicht,« sagte der Superintendent kopfschüttelnd. »Gerade auf den Abschnitt unseres Landeskatechismus, der von dem pflichtmäßigen Verhalten gegen uns selbst handelt, lege ich besonderen Wert. Lassen Sie das Kind nachher zurückbleiben und das lernen, was es nicht gewußt hat.«
Ein anderes Mädchen mußte die ausstehende Antwort geben: »Wir erleichtern uns dadurch unsere Berufsgeschäfte, daß sie uns schneller und besser vonstatten gehen, und machen uns bei anderen angenehm.«
»Gut, mein Kind. Einen schönen Vers dazu. Finger weg! Im Chor!«
Die Kinder standen auf und schrien:
Gesunde Glieder, muntre Kräfte, Wieviel sind die, o Gott, nicht wert! Wer taugt zu des Berufs Geschäfte, Wenn Krankheit seinen Leib beschwert? Ist nicht der Erde größtes Gut Gesundheit und ein froher Mut?
So laß mich denn mit Sorgfalt meiden Was meines Körpers Wohlsein stört, Daß nicht, wenn meine Kräfte leiden, Mein Geist den innern Vorwurf hört: Du selbst bist Störer deiner Ruh, Du zogst dir selbst dein Leiden zu!
Darauf prüfte der Superintendent noch kurz im Lesen, Schreiben und Rechnen. Die »Realien« standen noch nicht auf dem Stundenplan einer Dorfschule.
Nachdem er sich zum Schluß einen Choral hatte singen lassen, sagte er freundlich:
»Nun sollt ihr für heute frei haben. Macht, daß ihr nach Hause kommt!« Lina sah fragend ihren Lehrer an, der aber gerade in anderer Richtung blickte. Einen Augenblick zögerte sie, dann ging sie mit den anderen hinaus.
Als das Geklapper der Holzschuhe verhallt war, klopfte der Superintendent dem jungen Schulmeister auf die Schulter und sagte: »Ich bin im ganzen mit Ihren Leistungen zufrieden. Das wird schon werden. Sie müssen nur in der biblischen Geschichte nicht vergessen, den Kindern die Sachen vernünftig zu erklären. Sonst verdunkeln wir damit wieder, was wir in anderen Stunden aufklären. Und im Katechismus müssen Sie alle Kinder gleichmäßig im Auge haben. Das darf nicht vorkommen, daß ein so großes Mädchen gänzlich versagt. Sie nannten vorhin Luthers Katechismus. Nun, ich verkenne natürlich nicht, daß Luther für seine Zeit ein ganz tüchtiger Mann gewesen ist. Aber sein Katechismus ist im Grunde heute doch veraltet. Es ist auch bezeichnend, daß unsere neuesten Pietisten sich gerade auf ihn berufen, um uns in das von ihm nicht überwundene finstere Mittelalter zurückzustoßen. Sehen Sie, wir haben Männer wie Röhr und Wegscheider, und Teller und Gabler, und auch der Verfasser unseres Landeskatechismus gehört zu ihnen, die sein Werk für unsere Zeit fortgesetzt und vollendet haben. Um noch einmal auf Luthers Katechismus zurückzukommen, wo finden Sie da etwas, was dem Abschnitt unseres Landeskatechismus ›Vom pflichtmäßigen Verhalten gegen uns selbst‹ an die Seite zu stellen wäre?«
»Herr Superintendent, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, es will mir scheinen, als ob die Dinge, die in diesem Abschnitt abgehandelt werden, zum Teil eigentlich mit der christlichen Religion so ganz viel nicht zu tun hätten.«
»Das verstehen Sie nicht, mein lieber Eggers, weil Sie nicht studiert haben ... Sehen Sie, in der alten Religion grübelte man stets über Dinge nach, die wir nicht wissen und nicht wissen können. Da ist es nun gerade der Vorzug der Religion der Aufklärung, daß sie durchaus praktisch gerichtet ist, daß sie sich um das wirkliche Leben kümmert und dafür allerhand nützliche Lehren gibt. Sie werden bemerkt haben, wie ich mich Sonntag für Sonntag bemühe, den biblischen Texten praktische Seiten abzugewinnen, was wirklich zuweilen gar nicht leicht ist. Wenn Sie sich daran ein Beispiel nehmen wollen, werden Sie Ihren Religionsunterricht immer praktischer und fruchtbringender zu gestalten lernen. Nun aber, wie gesagt, im allgemeinen bin ich wirklich sehr mit Ihren Leistungen zufrieden. Und was nicht ist, das wird schon noch werden ...
Apropos, was machen denn unsere hiesigen Dunkelmänner?«
Peter sagte, er hätte den Schuster erst einmal gesprochen, am ersten Schultage, als er seinen Sohn gebracht habe.
»Hat er auch schon ältere Kinder in der Schule?« fragte der alte Herr interessiert.
»Eins,« sagte Peter kurz.
»Wie machen seine Sprößlinge sich denn?«
»Gut. Es sind tüchtige und fleißige Kinder.«
»Naja, wir wollen hoffen, daß die Schule ihnen die Rückständigkeiten aus dem Kopfe herausbringt, die ihnen zu Hause hineingesetzt werden. Haben Sie auf die Kinder besonders acht! Na, nachher kriege ich sie ja auch noch, im Konfirmandenunterricht ... Haben Sie etwas gemerkt von heimlichen Wühlereien und Winkelversammlungen?«
»Och, Herr Superintendent, es widerstrebt mir, dahinter her zu spionieren. Ich denke immer: Was die Menschen so in ihren Häusern treiben, das geht dich nichts an. Ich möchte auch nicht, wenn einer sich darum kümmerte, was ich zwischen meinen vier Wänden treibe.«
»Es handelt sich aber hier um unerlaubte, heimliche Zusammenrottungen,« sagte der Superintendent mit einem verwunderten Blick auf den jungen Schulmeister.
»Wenn der Schuster sich einige gute Freunde einladen will, um mit ihnen zu singen und zu beten, was ist dagegen zu sagen?«
»Dagegen ist zu sagen, daß zum Singen und Beten die öffentlichen Gottesdienste in der Kirche eingerichtet sind. Ich muß jetzt gehen, damit meine Frau nicht mit dem Essen auf mich zu warten braucht. Vergessen Sie aber nicht, mein Freund, daß Kirche und Schule gemeinsam berufen sind, über dem Wohl und der Gesundheit des Volkslebens zu wachen. Und lassen Sie sich nicht verführen! Bleiben Sie ein geistig freier und aufrechter Mensch!«
Der alte Herr hatte Hut und spanisches Rohr genommen und ging. Peter gab ihm über den Hof bis an die Straße das Geleit. Nachdenklich ging er dann nach seinem Hause zurück. Alle diese Menschen, der Superintendent, der Schuster, Claus Mattens, lebten zusammen in einer kleinen Heidegemeinde, fernab von der großen Welt, aßen dasselbe Brot, tranken dasselbe Wasser, und doch lebte jeder von ihnen in seiner eigenen Welt, ohne den anderen und seine Welt zu kennen. Und alle waren sie bemüht, ihn, den Unfertigen, der sich noch nicht irgendwo festgesetzt hatte, zu sich herüberzuziehen, der eine durch sein Gewicht als Vorgesetzter, der andere durch seine Bauernklugheit, der dritte durch sein Gebet. Eine wunderliche Welt!
Peter schüttelte den Kopf. Wie leicht wurde der alte Herr mit den Dingen fertig, die er selbst für die schwersten hielt! Der sagte einfach: »Ich habe das studiert; ich muß das wissen. Und Sie haben nicht studiert; folglich verstehen Sie nichts davon.« Wenn es mit der Religion nicht mehr auf sich hat, als dieser studierte Herr sich darüber zusammenstudiert hat, dann weg damit, lieber heute als morgen, aus der Schule, und aus dem Leben auch. Aber etwas mehr sitzt doch wohl dahinter ... Oder wenigstens ursprünglich ist's mehr gewesen ... Darüber würde wohl die Bibel am besten Auskunft geben können, die ja damals geschrieben ist. Will mich doch einmal danach umtun, unbekümmert darum, was Kirchenleute und Schuster nachher aus dem Ursprünglichen gemacht haben. Interessant ist und bleibt die Sache nun doch einmal. Wenn unsereiner nur Lesen, Schreiben und Rechnen pauken sollte, es wäre ja, um aus der Haut zu fahren. Hierbei kann man doch einmal warm werden, kann seinen Kindern mal ans Herz kommen ...
Wenn unter eine Spatzenschar ein Spatz kommt, der etwas anders aussieht als die anderen Spatzen, dann hacken diese so lange auf ihm herum, bis er tot ist. Ein Spatz soll eben ein Spatz sein, von der alten guten Spatzenart. Jede Abweichung davon ist ein todwürdiges Verbrechen.
Die Rolle eines solchen unglücklichen Vogels spielten unter der Soltener Schuljugend die Schusterskinder. Warum hatten die dunkle Augen? Warum kamen sie nicht mit Holz- sondern mit Lederschuhen zur Schule? Warum balgten sie sich nicht wie die anderen? Warum kamen sie abends nicht zum Spiel? Warum machten sie sich durch ihre Streberei bei dem Schulmeister so beliebt? Kurz, warum waren sie anders als die anderen? Das konnte die Schuljugend nicht hingehen lassen, und wo sie konnte, wischte sie den Fremden eins aus. Und sie hatte dabei das allerbeste Gewissen von der Welt. Sie war überzeugt, damit die Sache der Heimat gegen das Fremde, ja die der Kirche gegen die Abtrünnigen zu vertreten. Ja, sie war eben auch ein getreues Abbild der großen Welt, die Schule in Solten.
Peter hatte einige Male den Stock gebraucht, als er von diesen Hänseleien und Quälereien etwas gemerkt hatte, aber damit die Sache nur schlimmer gemacht. Nur daß die Bösewichter jetzt vor den Augen des unbegreiflich parteiischen Lehrers sich hüteten, wenn sie ihrer guten und gerechten Sache weiter dienten.
Peter war jetzt fünfviertel Jahr in Solten. Er hatte sich gut eingelebt, und die Leute hatten ihn gern. Er fühlte sich wohl im Dorfe und brachte auch die Ferien dort zu. Nach Hause zu gehen, konnte er nicht mehr über sich gewinnen, seitdem der Vater ihm öffentlich im Wirtshause von Brunsdorf Undankbarkeit für die empfangene Wohltaten vorgeworfen hatte. Von der bei Clas Mattens geliehenen Summe hatte er bereits einen Teil zurückgezahlt.
Am Abend vor dem Wiederbeginn der Schule nach den Sommerferien sah Peter zu seiner Verwunderung den Schuster auf sein Haus zukommen. Er hatte sonst keine Beziehung zu ihm, als daß er sich von ihm seine Schuhe flicken und besohlen ließ. Was mochte der Mann wollen? Wollte er einen Bekehrungsversuch machen? Peter nahm sich die größte Kühle und Zurückhaltung vor.
Er schlug sein dickstes Buch auf und begann irgendwo zu lesen.
Es klopfte. Peter schwieg.
Es klopfte noch einmal. »Herein,« sagte Peter wie aus dem tiefsten Nachdenken heraus.
»Guten Tag, Herr Lehrer.«
»Guten Tag,« sagte Peter tonlos und las seinen Satz zu Ende. Dann wandte er sich langsam herum und fragte kühl: »Was wünschen Sie?«
»Herr Lehrer,« sagte der Schuster, wobei er in großer innerer Erregung die Mütze zwischen den Händen drehte, »meine Kinder müssen von den anderen Kindern im Dorfe viel leiden. Aber ich habe bis jetzt immer dazu still geschwiegen. Denn es steht geschrieben: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr. Aber, Herr Lehrer, heute darf ich nicht schweigen. Denn wenn Menschen schweigen wollten, müßten die Steine schreien.«
»Was ist denn passiert?« fragte Peter. »Machen Sie doch nicht so viele Worte!«
Der Schuster erzählte nun kurz und sachlich, seine Tochter Lina hätte mit dem kleinen Paul diesen heißen Nachmittag unten in den Wiesen das letzte Heu trocken gemacht, das wegen der Regenzeit nicht eher hätte eingebracht werden können. Und da hätten die beiden wegen der großen Hitze sich in der Aue gebadet. Während sie im Wasser waren, wären ein paar Jungens gekommen, die von ihnen unbemerkt im Gebüsch geangelt hätten, und hätten Linas Kleider versteckt und sich dann von ihrem Gebüsch aus an der Verlegenheit des Mädchens geweidet und ihr häßliche Worte zugerufen. Paul hätte lange suchen müssen, bis er die Kleider wiedergefunden hätte. Und seine Tochter läge nun im Bette, müsse in einem fort krampfartig weinen und wolle sich gar nicht beruhigen lassen.
Peter war aufgefahren und fragte zornblitzenden Auges: »Wer hat das getan?«
»Erkannt haben meine Kinder,« sagte der Schuster, »nur Westermanns Johann. Aber es ist noch ein anderer dabeigewesen.«
»Gut,« sagte Peter, »ich werde die Buben schon herauskriegen und sie dann in einer Weise bestrafen, daß Sie zufrieden sein sollen.«
Der Schuster sagte sanft: »Ach, Herr Lehrer, es ist ja nicht um meinetwillen. Es ist doch nur der armen Jungen wegen, daß die nicht so auf dem Weg des Verderbens weitertaumeln.«
»Meinetwegen können Sie's auch so ansehen,« sagte Peter, unangenehm berührt. »Übrigens, ... es tut mir sehr leid, daß gerade Ihre Lina von einer solchen Bosheit und Schändlichkeit betroffen ist. Ich kann mir denken, wie sie das mitgenommen hat. Sie ist so ein feines, zartfühlendes Kind. Überhaupt eigentlich meine liebste Schülerin.«