Front matter (continued 2)
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Aber solcher Wunsch wurde ihm von keiner gütigen Fee gewährt, und bald staken die Schächte alle in der Erde. Es blieb nur noch übrig, die Verbindungsstangen über die Kreuzungsstellen zu legen und festzubinden. In stillschweigender Uebereinkunft machten sie das so, daß jeder eine um die andere Kreuzungsstelle verband, so daß sie, immer wieder voreinander vorübergehend, die ganze Stangenreihe entlang beieinander blieben. Peter band richtige Knoten, Marie Schleifen, aber fest saßen die Schleifen wie die Knoten.
Nun stand das Stangengerüst, aufrecht, gleichmäßig und fest. Noch einmal prüften sie das Ganze mit derbem Ruck. Das Gebäude gab nicht nach. »Das haben wir gut gemacht,« sagte er stolz und froh, »ja, ja, wir beide zusammen, das gibt was.«
Ein Fink kam angeflogen, setzte sich auf die höchste der Stangen und schmetterte seinen Vers herunter.
»Kuck da, Marie,« rief Peter, »der freut sich auch über unser Werk.«
Marie sagte verwundert: »Mensch, heute sollte man gar nicht denken, daß du ein Schulmeister bist.«
»Ein Schulmeister?« fragte Peter lustig, »das bin ich heute auch nicht. Heute nachmittag bin ich mal ein Mensch. Meinst du denn, daß unsereiner immer ein weises, feierliches Gesicht machen muß?«
»Och nee,« lachte sie, »das habe ich noch niemals gemeint. Aber nun sind wir fertig. Nun kannst du wieder an deine Bücher gehen.«
»An meine Bücher? Och Menschenkind, schnack' doch nicht so'n dummes Zeug! Die Bücher? Die sind ganz gut für den Winter. Aber an solchem Maitag wie heute? Am liebsten möchte ich in einem fort jubeln und singen.«
»Denn sing doch!« sagte sie. »Ich hab' dich noch niemals singen hören.«
»Och nein, zum Singen ist's doch viel zu schön ... Fliegen möchte ich, so hoch wie die Schwalben, und noch viel höher; so hoch wie die Sonne da steht, und noch tausendmal so hoch.«
»Menschenkind! Was hast du bloß? Du bist ja ganz aus dem Häuschen.«
»Oh, Marie ... es ist heute so wunderschönes Wetter. Das dringt einem ins Herz und ins Geblüt. Wer heute nicht anders ist als sonst, weißt du, was der verdient?«
»Na?«
»Ordentlich welche hinten vor!« sagte Peter übermütig, hielt die rechte Hand schlagbereit und sah sich um, als ob er jemand suchte, an dem er diese Strafe vollziehen könnte.
Marie lachte hell auf. »Nun bist du ja auf einmal doch wieder Schulmeister,« sagte sie und sah ihm lustig in die Augen.
»Kuck mal den kleinen Vogel da zwischen den Kartoffeln,« flüsterte Peter eifrig, indem er mit dem Finger hinzeigte.
»Das ist ja ein Wippsteert,« sagte sie froh. »Ei kuck doch mal, wie zierlich er da hüpft und wippt ... Die kleinen Vögel kommen mir immer vor wie lebendige Blumen ...«
»Ei ja,« sagte Peter verwundert, »das hast du dir fein ausgedacht ...«
»Wie hat der liebe Gott das doch alles so schön gemacht in der Welt!«
»Ja,« sagte Peter nachdenklich und froh.
Das Vöglein erhob sich plötzlich und flog mit lautem Angstgeschrei dem Hause zu. Die beiden sahen ihm nach. Da kam von dort eine Krähe geflogen, die lautlos über die Baumkronen dahinstrich und von zwei kleinen Vögeln unter schrillen Klagetönen verfolgt wurde.
»Die armen Wippsteerte!« sagte Marie traurig, »da hat ihnen die scheußliche Krähe ein Kind geraubt.«
»Und eben saß das kleine Tier hier so seelenvergnügt vor uns und wippte mit dem Schwanz,« sagte Peter ernst. »Ja, so geht es oft ... auch im Menschenleben ...«
Sie schwiegen beide. Marie bückte sich und legte eine in der Luft schwankende Bohnenranke an die nächste Stange. Peter folgte ihrem Beispiel, und so boten sie allen Pflanzen, die sich schon nach einem Halt sehnten, hilfreiche Hand. Zu einem zarten Ränkchen, das sich widerspenstig zeigte, sagte Peter, und die alte Fröhlichkeit war wieder in seiner Stimme: »So halte dich doch, du eigensinniges Ding! Und wachse tüchtig drauflos! Im August wollen wir Bohnen essen. Magst du gern Bohnen, Marie?«
»Und wie! Und wenn wir sie vor uns auf dem Tische haben, dann denken wir immer an diesen schönen Nachmittag. Nicht?«
»Ja, das ist gewiß,« sagte Peter mit frohen Augen.
Wieder ertönte das Jammergeschrei des Bachstelzenpärchens. Die Krähe holte sich eben das zweite Junge für ihre Brut.
Peter hatte einen Stein aufgegriffen und warf grimmig hinter dem Räuber her.
»Dabei kann man ja gar nicht wieder fröhlich werden, wenn man das immer sehen und hören muß,« sagte Marie, noch trauriger als vorhin.
»Ach, Tiere trösten sich bald,« sagte Peter.
»Da hast du wohl recht ... aber wenn ich daran denke, wie damals mein kleiner Bruder starb ...«
»Und wie damals meine Mutter starb ...« fügte Peter noch leiser hinzu. Nach einer Weile sagte er: »Du, das Sterben müßte überhaupt nicht sein. Oder die Menschen müßten doch erst sterben, wenn sie alt und lebenssatt sind. Meinst du nicht auch?«
»... Ich weiß nicht ... Als mein kleiner Bruder starb, da fingen wir andern Geschwister an, uns viel mehr lieb zu haben als früher. Und ich glaube beinahe, unsere Eltern hatten uns von da an auch viel lieber. Und ob das gerade immer das beste ist, wenn man so sehr alt wird, weiß ich auch nicht.«
Sie bückten sich schweigend zu den Bohnenranken. Nach einer Weile fragte Marie: »Du, sag' mal, magst du eigentlich meine Großeltern gern leiden?«
»Gern leiden?« wiederholte Peter. »Weißt du, Marie, die sind beide alt, und ich bin jung. Und du bist auch jung.«
»Jaa ... davon mag das wohl kommen.«
»Was?«
»Och ... ich meinte man ...«
»Ja, Marie, davon kommt das. Wenn wir alt sind, sind wir auch anders. Aber jetzt sind wir jung. O Marie, was ist das schön, daß wir jung sind! Zwei Alte und ein Junger im Hause, das war manchmal nicht schön. Aber nun, zwei Alte und zwei Junge, das geht wunderschön. Meinst du nicht auch, Marie?«
»Och ja, Peter ... ich war das ja auch von Hause so gewohnt, wo wir die vielen Geschwister waren.«
Die Gartentür ging. »Großvater,« sagte Marie erschrocken. »Sei man nicht bange,« sagte Peter zuversichtlich, »du kannst sicher sein, daß er diesmal zufrieden ist. Was mit soviel Lust und Liebe gemacht ist ...«
Der Schulmeister kam, prüfte das Werk der beiden, erst mit den Augen auf das Aussehen, dann mit der Hand auf seine Festigkeit, und sagte dann: »Das habt ihr sehr gut gemacht, Kinder. Ich muß euch loben. Kommt, nun sollt ihr auch Kaffee haben!«
Er wandte sich, die beiden warfen sich einen frohen Blick zu und gingen als gute Gesellen nebeneinander hinter dem Alten her.
Zum dritten Male erklang das Wehgeschrei der Vogeleltern, und Peter und Marie sahen sich erschrocken an. Der Schulmeister aber hob den Kopf und fragte: »Was sind das for welche?«
»Wippsteerte,« sagte Peter hinter ihm.
»Schade,« sagte der Schulmeister, »der Wippsteert gehört auch zu den nützlichen Vogelarten.« —
»Was ist das für ein herrlicher Tag heute!« sagte sich reckend Schulmeister Wencke, als sie am Kaffeetisch saßen, auf den die Sonne bunte Kringel malte. »Man sieht's euch ordentlich an, Kinder, wie die Arbeit euch gut getan hat. Jaja, die Arbeit. Und wenn man jung ist. Wenn unsereiner nur nicht das vermuckte Reißen in den Knochen hätte! Aber etwas besser ist's auch schon als heute mittag.«
»Drinkt man düchtig Kaffee,« mahnte Mutter Wencke, die das Mittagsschläfchen gestärkt und der sonnige Maientag und die gute Laune ihres Gebieters aufgeheitert hatten. »Wenn de Putt leddig[6] is, geet[7] ick frischen up.« Sie sprach immer plattdeutsch.
Peter dachte, solch ein Maientag könnte doch beinahe alte, grämliche Schulmeistersleute wieder jung und lustig machen. Heute ging im Schulhause wirklich ein anderer Geist um.
Als sie vom Tisch aufstanden, taumelte er glücklich seine knarrende Bodentreppe hinan. Was sollte er nun bloß diesen Nachmittag anfangen?
Da standen seine Bücher und sagten: »Wir sind auch noch da.«
Er stellte sich ans Fenster — zum Sitzen hatte er keine Ruhe — und nahm ein Buch vor die Augen. Aber die Sonne lachte auf die Blätter, und die Buchstaben tanzten. Sie wollten sich nicht zu Wörtern zusammenfinden, und zu vernünftigen Sätzen erst recht nicht.
Er legte das Buch hinter sich und nahm ein anderes. Es war dieselbe Geschichte. Der Geist, der in diesen beiden Büchern wohnte, war nicht stark genug, seinen vor Freude außer Rand und Band geratenen Geist zu fesseln.
Da nahm er ein drittes Buch. Es war eigentlich nur ein schmales Heftchen, das er sich von einem Kollegen im Kirchdorf geliehen hatte. Darauf war zu lesen: Goethe, Ausgewählte Gedichte.
Peter hatte mehrfach darin geblättert. Er schätzte Goethe im allgemeinen nicht. In dem Heft standen manche Dinger, die Gedichte sein sollten, aber sich durchaus nicht reimten. Ja, in einigen waren nicht einmal die Verse gleich lang. Um so ungereimtes, unegales Zeug zu schreiben, dachte Peter, brauchte einer doch kein großer Dichter zu sein. Aber anderes reimte sich gut, und er fand es auch sonst ganz nett.
Als er das Büchlein durchblätterte, fiel ihm ein Gedicht in die Augen, das war überschrieben: Mailied. Die Maisonne lag auf dem Garten und blinkte in den Blättern des Apfelbaumes vor seinem Fenster. Das kann passen, dachte Peter, das Lied wollte er lesen. Und die Buchstaben hörten auf zu tanzen und standen ganz klar vor ihm.
Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch.
Der Kuckuck! dachte Peter. Das ist ja gar nicht zusammengedichtet, das ist ja wirklich so! Er überzeugte sich noch einmal davon, indem er in den blühenden Garten hinabblickte und den Vogelstimmen lauschte, die so süß herauftönten.
Und Freud' und Wonne Aus jeder Brust, O Erd', o Sonne! O Glück, o Lust!
Er griff sich an seine glückdurchbebte Brust und las die herrlichen Worte noch einmal, sie leise vor sich hinsprechend und jedes einzeln durchkostend.
O Lieb', o Liebe! So golden schön, Wie Morgenwolken Auf jenen Höh'n!
Du segnest herrlich Das frische Feld Im Blütendampfe Die volle Welt.
Er atmete tief auf und schlug das Blatt um:
O Mädchen, Mädchen ...
Er erschrak und las hastig weiter, mit angehaltenem Atem:
Wie lieb' ich dich! Wie blinkt dein Auge! Wie liebst du mich!
So liebt die Lerche Gesang und Luft, Und Morgenblumen Den Himmelsduft,
Wie ich dich liebe Mit warmem Blut, Die du mir Jugend Und Freud und Mut
Zu neuen Liedern Und Tänzen gibst, Sei ewig glücklich, Wie du mich liebst!
Er warf das Buch hin, streckte die Arme von sich, sah mit weitoffenen Augen in die Sonne und fühlte das warme Blut und neue Jugend und Kraft und Mut durch seine Adern rinnen. Ja, ja, das war's: O Mädchen, Mädchen, wie lieb' ich dich! ...
Der gute Peter! Seine jungen siebzehn Jahre hat er unter dem Druck und in der Kälte gestanden. Elternliebe, Geschwisterliebe, Freundschaft — bis auf die mit dem Hund — sind ihm fremd geblieben. Einsam und verprügelt daheim, einsam und gedrückt hier im Schulhause. Nun ist's auf einmal über ihn gekommen. Nun ist seine junge Seele plötzlich erglüht und weiß sich nicht zu helfen und zu fassen vor übergroßem Glück.
Plötzlich, mitten in seiner jubelnden Freude, mußte er an die armen Wippsteerte denken. Da kam eine tiefe Traurigkeit über ihn. Er redete sich ein, Wippsteerte gäbe es ja so viele, und auf ein Nest voll käme es nicht an. Aber die Traurigkeit wollte nicht weichen. Und er merkte, daß er gar nicht über die Wippsteerte traurig war. Aber worüber denn? Das wußte er selbst nicht. Er blätterte gedankenlos in seinem Goethe. Da fiel sein Blick auf die Verse:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!
Bis hierher war er gekommen, da rief's unter dem Fenster: »Peter!« Da ist alle Traurigkeit mit einem Schlage verschwunden. Es ist ihre liebe, helle Stimme. O Mädchen, Mädchen, wie lieb' ich dich! —
Mit zitternden Knien stieg Peter seine Treppe hinunter. Als er in die Wohnstube trat, wehte es ihm wie Eisesluft entgegen. Bei den Alten war der Maientag schon wieder dahin. Grämlich hockten sie auf ihren Stühlen ...
Aber da kommt ja der Frühling. Wie ihre Augen leuchten! Wie sie das viele Geschirr sicher und zierlich zu tragen weiß! Aber da! Eine Untertasse fängt an zu wackeln, bekommt das Übergewicht, Peter springt hinzu, zu spät! Mit lautem Krach fliegen die Scherben auseinander. Die Alte bekommt vor Schreck einen nervösen Zufall, dem Schulmeister fährt's in die kranke Schulter, beide schimpfen, Marie weint, und Peter sitzt da voll Wut, Liebe und Mitleid und denkt unwillkürlich an die Worte, die er eben gelesen: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß ...« Nur diese waren ihm im Gedächtnis geblieben.
Schulmeister Wenckes rheumatische Schulter behielt, wie immer, recht. Es wurde ander Wetter. Die schönen Sonnentage waren dahin, und graue Regenwolken ließen alle die Herrlichkeit, die jene hervorgezaubert hatten, in einem viel nüchternerem Licht erscheinen.
Und mit Peters Maienglück ging's ähnlich. Die abendliche Szene, die ihn aus seinen Himmeln in die rauhe Wirklichkeit des Wehlinger Schulhauses herabriß, machte den Anfang, und die folgenden Tage mit Schulplackerei und unwirscher Stimmung im Hause und Regen draußen arbeiteten weiter, ihn einigermaßen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und das war auch gut. Wie hätte ein Junge, dem die Buchstaben vor den Augen tanzten, die Wehlinger Schuljugend das Lesen lehren können? Deshalb war es gut, daß sie bald wieder leidlich vernünftig und ehrbar vor seinen Augen einhermarschierten.
Mit dem Einstecken der Bohnenstangen hatte die Gartenarbeit einstweilen ihren Abschluß gefunden. Das war Peter freilich nicht angenehm. Aber vielleicht war auch das ganz gut.
Aber, obgleich Wolken und Regen die Maienherrlichkeit verhüllten und die Menschen ihre Arbeit einstellten, es war im Garten doch alles lebendig und wuchs und kam vorwärts. Und obgleich Peter wieder mehr Schulmeister und Büchermensch war und keine Bohnenstangen mehr einsteckte, den Frühling hatte er doch in sich, und der wirkte und schaffte in ihm an allen Enden. Er wuchs und kam vorwärts.
Unter den großen Schulkindern, denen er auch in einigen Fächern Unterricht gab, hatte er einen langen Jungen, der ebenso begabt wie frech war. Es war Peter immer schwer geworden, ihm gegenüber sein Ansehen als Lehrer zu wahren. Im Wissen konnte jener es mit ihm ja nicht aufnehmen, aber im übrigen fühlte der von Kindheit an gedrückte, arme Häuslingsjunge nicht selten die Überlegenheit des körperlich und geistig gesunden Sprößlings bester Bauernrasse. Als der Schlingel sich nun wieder einmal eine Ungezogenheit erlaubte und den aufmerksam gewordenen jungen Schulmeister kameradschaftlich herausfordernd ansah, fühlte dieser sich plötzlich überlegen. Er ging mit festem, dröhnendem Schritt auf seinen Gegner los und sagte ihm mit jetzt völlig gewechselter Stimme, er möchte die Ungezogenheit nur noch einmal wiederholen, dann sollte er mal was erleben. Der Junge sah Peter verdutzt in die Augen, merkte, daß aus ihnen eine Kraft und Entschlossenheit sprach, mit der nicht zu spaßen war, und ärgerte ihn fortan wie ein Schüler seinen Lehrer, aber nicht mehr auf kameradschaftlichem Fuße. Zu seiner großen Genugtuung hörte Peter am Schluß der Stunde, wie die großen Mädchen sich zuflüsterten: »Kinners, Kinners, de lüttje Scholmester is nu abers 'n Keerl worrn!«
Peter machte sich jetzt, nachdem die Gartenarbeit zur Ruhe gekommen war, auch wieder mit Eifer an seine Bücher. Damit erging's ihm auch merkwürdig. Früher meinte er, ein Buch wäre ein Buch und hätte als solches Anspruch darauf, von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen zu werden. Jetzt klappte er manche Bücher nach ein paar Seiten zu, und in andern las er nur einzelne Abschnitte, die er sich selbst auswählte. Früher hatte er wahllos alles zu behalten gesucht, was ihm unter die Augen kam. Jetzt verbot er seinem Gedächtnis oft geradezu, sich mit irgend welchen gleichgültigen Dingen zu belasten. Manchmal machte er sich im stillen Fragezeichen, obgleich die Sache da schwarz auf weiß vor ihm stand. Der Glaube an die Unfehlbarkeit der Druckerschwärze wurde ihm wankend.
Einmal bekam er zwei Bücher geliehen, von denen das eine eine »wahre Geschichte«, das andere ein »Roman« sein wollte. Er nahm die »wahre Geschichte« mit gutem Vertrauen zur Hand, aber bald legte er sie mit dem Gefühl zur Seite, daß in dem Buche alles unwahr und verlogen wäre. Dann machte er sich mit großem Mißtrauen an den »Roman«. Dieses Fremdwort übersetzte er sich nämlich mit »Lügengeschichte«. Aber schon auf der zweiten Seite wurde ihm, als ob aus den Zeilen ein stilles, ernstes Menschenauge ihn anschaute, und bald klopfte ihm ein Menschenherz entgegen, und sein Herz klopfte mit. Bald mußte er vor Behagen lächeln, dann wieder mußte er sich die Tränen trocknen. Als er das Buch zu Ende gelesen hatte, fing er gleich wieder von vorne an. Und nach vier Wochen las er es zum dritten Male. Dann konnte er das Buch ruhig wieder zurückgeben. Denn die Menschen, von denen es erzählte, lebten jetzt mit ihm und waren ihm gute Freunde geworden. Von da an suchte er nach solchen Büchern, fand ihrer aber nur wenige. In den meisten, die sich auch Romane nannten, waren die Menschen ebensolche mit allerlei zweifelhafter Weisheit ausgestopfte und mit fadenscheinigem Tand behängte tote Puppen wie in der »wahren Geschichte«.
Als Peter so angefangen hatte, beim Lesen auszuwählen, abzulehnen, Fragezeichen zu machen, zu vergleichen, Verbindungslinien zu ziehen, das Lebendige zu suchen, kurz, als er angefangen hatte, nicht mehr als Schulmeister, sondern als Mensch zu lesen, hatte er an seinen Büchern eigene tiefe Freude und brauchte nicht mehr nach Abnehmern für seine jeweilig neueste Weisheit zu suchen. Er wußte auch gar nicht mehr so viel, was er andern hätte erzählen können, und wenn der frühere Eifer, zu belehren, ihn noch einmal packte, sagte er sich: Vielleicht wissen sie's auch ohne dich, und wenn sie's nicht wissen, dann schadet's auch nicht viel.
Wenn er einmal darüber nachdachte, wann und wie die große Wandlung über ihn gekommen wäre, mußte er immer wieder an das Bohnenstangenstecken und an Marie denken. Und wenn er so recht von Herzen an sie dachte, tanzten die Buchstaben wieder, und die lebendigsten Bücher waren tot. Aber das schadete nichts. Nachher waren sie dann wieder um so lebendiger, und aus den Buchstaben schaute mit helleren Augen eine Welt, in die einzudringen ihm von Tag zu Tag mehr Freude machte.
Ja, ja, der Frühling schaffte an allen Enden. Unten in des Schulmeisters Obst- und Gemüsegarten, und oben in der engen Dachstube, wo ein junges Menschenherz ihn erlebt hatte, endlich, nachdem es lange unter der Eisdecke des Winters in Erstarrung gelegen hatte.
Und auch in einem andern jungen Herzen schaffte er wohl, trotz der Nähe der beiden alten Eisklumpen, die er nicht mehr schmelzen konnte. Wo etwas werden und wachsen will, dahin hat er ja noch immer den Weg gefunden.
Die Sommerferien nahten. Peter hatte sich die ganzen Jahre noch nicht auf Ferien gefreut. Aber dieses Mal fürchtete er sich vor der langen, langen Zeit, die er fern von Wehlingen zubringen sollte. Er hätte etwas darum gegeben, wenn er die vier Wochen hätte ausstreichen können.
Am letzten Sonntag vor Schulschluß hatte er in Olendorf den Gottesdienst besucht und blieb den Nachmittag über bei einem Kollegen und Altersgenossen, mit dem er oberflächlich ein wenig verkehrte. Marie war seit einigen Tagen verreist, um zu Hause die Kindtaufe von Nummer acht mitzufeiern. Und den Sonntagnachmittag allein bei den sauertöpfischen Alten zu verleben, hatte er keine Lust. Ohne sie konnte er sich das Schulhaus gar nicht mehr denken.
Gegen Abend trat er den Rückweg an. Der Kollege begleitete ihn eine Strecke.
Im Kirchdorf war heute Tanzmusik, und die Straße auf und ab schlenderten Scharen geputzter junger Leute. Die Musikanten kamen eben mit ihren Instrumenten, und die Wirtshausdiele hatte ihre bekränzten Tore weit und einladend geöffnet. »Möchte auch wohl mitmachen,« sagte der andere, lüstern hineinblickend, »aber mein Küster gönnt's mir nicht. Er ist noch einer von den Altmodischen und meint, wir Schulmeister gehörten so halb und halb mit zur Geistlichkeit.«
»Die jungen Kerls,« sagte Peter, »nehmen uns Schulmeister doch nicht für voll.«
»Aber die Deerns,« sagte der andere, »wenn einer man'n rechter Kerl ist.« Er hielt sich ohne Zweifel für einen solchen und zupfte an den Härchen, die ihm auf der Oberlippe sproßten. Die waren etwas länger als Peter seine und konnten übers Jahr vielleicht schon Bekanntschaft mit dem Rasiermesser machen.
Um Peter zu beweisen, daß er kein Dummer mehr war, erzählte er dann allerhand Geschichten vom Olendorfer Jungvolk. Geschichten, wie der weltfremde Peter sie von der Wehlinger Jugend nie gehört hatte. Nachdem dieser eine Zeitlang schweigend zugehört hatte, sagte er zuletzt: »Na, Mensch, nun hör' man endlich auf mit deinen dummen Geschichten!«
Als der Begleiter umgekehrt war, ging Peter langsam durch die Heide. Es war sehr warm, und Eile hatte er ja nicht.
Nach einer Viertelstunde führte der Weg in eine Senkung, das Wendenloch, hinab. Dort sollte es nicht ganz geheuer sein, wie Peter aus einer alten Chronik wußte. Und eine alte Frau hatte ihm erzählt, hier wäre ihr einmal der Heideteller begegnet, der zur Strafe für seine Sünden bis an den jüngsten Tag die Heidekräuter zählen müßte. Und was ihre Mutter gewesen wäre, die hätte zweimal den Ohnekopf gesehen. Einmal hätte er seinen Kopf unter dem Arm getragen, das andere Mal mit ihm den Hügel hinab Kegel geschoben, und aus dem Tale habe einer, wahrscheinlich der Teufel selbst, unheimlich gerufen: Alle Neune! An diese Geschichten dachte Peter, der Volksaberglaube hatte auch über ihn einige Gewalt, und so zögerte er ein wenig, ehe er in das von dunklen Wacholdern und weißen Sandblößen durchzogene Tal hinabstieg.
Plötzlich rief es munter hinter ihm: »'n Abend, Peter!« Er flog jäh herum. Marie! —
»Wo kommst denn du auf einmal her?«
»Ich bin eben mit der Post in Olendorf angekommen. Und du? Was stehst du hier herum?«
»Och, ich habe mal den jungen Schulmeister in Olendorf besucht.«
»Den alten ekligen Flapps, der neulich bei uns war?«
»Ja. Was sollte ich mich allein zu Hause herumlangweilen?«
»Und nun gehst du auch nach Hause?«
»Ja, natürlich doch!«
»Ob wir zusammen gehen ...?«
»Och ja, das meine ich doch. Zu zweien geht's sich besser, besonders abends. Und auf diesem Wege!«
Sie wandten sich zum Gehen.
»Warum ist's denn gerade hier gut, zu zweien zu gehen?« fragte sie.
»Weil's da unten nicht sauber ist.«
»Nicht sauber?« lachte sie auf. »Du kluger Mensch glaubst noch an Spuken?«
»Das nicht gerade. Aber etwas anderes ist's einem doch, wenn man abends allein in solche Gegend kommt. Soll ich dir erzählen, was Wohlers Mudder mir von dem Wendenloch verraten hat?«
»Ach, laß man! Glauben tu ich's doch nicht. Und was sollen wir uns mit solchen dummen Geschichten gruseln machen?« —
»Na, wie war's denn zu Hause?« fragte Peter nach einer Weile.
»Och, ganz nett ...«
»Jetzt seid ihr schon acht.«
»Ach ja ...«
»Was seufzest du? Du meintest doch Ostern, sieben, das wäre gar nicht zu viel. Acht ist doch bloß einer mehr.«
»Ach Peter, wenn man älter wird, denkt man über manche Dinge mehr nach. Acht Geschwister, das sind nicht bloß acht lustige Spielkameraden, das sind auch acht hungrige Münder, die jeden Tag satt werden wollen.«
»Das habe ich schon lange gewußt.«
»Ja, du kluger Peter du! Und denn in so 'n armen Schulmeisterhause ... bei hundertundzwanzig Taler ... das hat seine liebe Not.«
»Aber du bist da nun ja heraus und hast bei uns genug zu essen.«
»Ja, aber meinst du denn, daß ich bloß an mich denke?« —
Sie gingen jetzt eine Weile schweigend.
Je tiefer sie in das enge Heidetal hinabkamen, desto heißer und dumpfer wurde die Luft.
Peter sah sich um. Sie waren zwischen den Wacholdern und Sandmulden ganz allein ...
Plötzlich fielen ihm die Geschichten ein, die ihm vorhin der Kollege erzählt hatte.
Da mußte er zur Seite blicken und sie ansehen. Aber schnell wandte er wieder den Kopf.
Nach einer halben Minute sah er wieder zur Seite und ließ die Augen langsam an ihrer Gestalt entlang gleiten.
»Was kuckst du?« fragte sie.
»Darf ich dich nicht ankucken?« Er versuchte zu lachen.
»Nein, so nicht ...«
»So nicht?« lachte Peter verlegen und heiser. Aber er zwang sich, nicht wieder hinzusehen. Nur einmal sandte er einen schnellen Blick nach ihrem Gesicht. Er wollte sehen, ob sie auch nicht böse wäre. Nein, das war sie nicht.
Der Weg führte jetzt wieder aufwärts. In dem staubfeinen Mahlsand war das Gehen schwer.
»Was für eine Hitze!« stöhnte Peter und riß sich die Mütze vom Kopf.
»Wenn wir nur erst oben wären!« sagte sie, »es ist so schrecklich schwül hier.«
»Wollen wir uns nicht einen Augenblick ausruhen?« fragte Peter.
Sie blieb stehen und sah ihn an. Dann sagte sie hastig: »Nein!« und schlug einen noch schnelleren Schritt an.
Endlich hatten sie die Höhe erreicht. Ein frischer Lufthauch wehte ihnen ins Gesicht. Sie blieben stehen und atmeten tief auf. »Ach, wie tut das wohl!« sagte das Mädchen.
»Sieh mal da,« sagte Peter lebhaft und zeigte mit dem Finger nach dem Horizont.
Sie hob die Augen und sagte: »Ja, das ist wunderschön ...«
Ein schönes, farbenkräftiges Abendrot mit tiefem Goldton war durch Höhenzüge, Wälder und Wolken so abgegrenzt, daß nur ein schmales Stück davon sichtbar war, welches in der dunklen Umrahmung aber um so wunderbarer leuchtete.
»Sieht das nicht gerade so aus wie ein Tor?« fragte Peter andächtig, als sie eine Weile schweigend hingeschaut hatten.
»Ja,« stimmte sie nachdenklich zu, »wie ein Tor von lauter Gold. Und unser Weg führt ganz gerade hinein.«
»Weißt du, woran ich da denken muß?«
»Ach Peter, wie kann ich das wissen?«
»Da ist mir auf einmal eine Geschichte eingefallen.«
»Was für eine?«
»Och ... ich habe sie noch keinem Menschen erzählt.«
»Ist's denn keine gute Geschichte ...?«
»O doch. Wunderschön ist sie, oder nein, eigentlich auch sehr traurig ... Weißt du was, Marie? Ich hätte beinahe Lust, sie dir zu erzählen ...«
»Ja, Peter, ganz wie du meinst. Ich habe immer gern schöne Geschichten gehört. Wenn sie auch 'n bißchen traurig sind, das schadet gar nichts.«
»Du weißt doch, daß meine rechte Mutter ganz früh gestorben ist, als ich erst drei Jahre alt war?«
Er sah sie an. Sie nickte still.
»Als sie meine Mutter nach dem Kirchhof getragen hatten, und ich das nicht wußte und die Leute fragte, wo sie geblieben wäre, zeigte mir eine ganz alte, weiße Frau den dunklen Himmel mit seinen Sternen und sagte, da oben im Himmel wäre meine Mutter nun, und die Sterne wären lauter Fenster, da könnte sie herauskucken. Ich glaubte das natürlich, denn ich war damals noch ein Kind. Als ich nun wohl so fünf Jahre alt war, spielte ich eines Abends nicht weit von unserem Hause am Waldrande. Es war ziemlich dunkel, die Fledermäuse flogen schon. Wie ich so zufällig den Weg entlang durch den Wald sehe, ist's da auf einmal ganz hell, und über dem Hellen steht ein großer goldener Stern, gar nicht hoch über der Erde. Da denke ich, heute abend ist die goldene Himmelstür offen, und wenn du schnell läufst, kannst du hinkommen, ehe sie wieder zugemacht wird. Und dann findest du da wohl eine Treppe, die zu dem hellen Fenster hinaufführt, und findest da wohl deine Mutter. Ich lief also in den Wald hinein. Da war's so still, daß ich mich fast fürchtete, und ich dachte: Wenn du bloß einen hättest, der mitginge! Aber ich lief doch weiter. Da plötzlich rauschte etwas Schreckliches dicht über mir und rief: Uhuh, Uhuh — ich glaube jetzt wohl, es ist ein Uhu gewesen. Da duckte ich mich schnell in den Graben am Wege und weinte laut und war schrecklich bange, weil ich ganz allein war. Zuletzt kam ein Mann auf dem Wege daher, hob mich auf und fragte, wie ich so spät noch in den Wald käme. Ich wollte in den Himmel, sagte ich, und zeigte ihm das goldene Tor. Da schüttelte er den Kopf und sagte, der Weg wäre viel zu weit, dahin könnte ich allein nicht gehen. Und nahm mich auf den Arm und trug mich nach Hause, und da erzählte er, wie er mich gefunden hätte. Und meinem Vater seine neue Frau gab mir eine tüchtige Tracht Schläge und sagte, sie wäre nun meine Mutter, und ich müßte sie liebhaben. Aber wenn ich auch die Schläge gekriegt habe, an die goldene Himmelstür habe ich doch noch oft denken müssen ... Und habe sie auch noch oft gesehen ... Und habe immer gedacht, wenn du doch bloß einen hättest, der mit dir gehen könnte. Aber ich konnte keinen finden, den ich darum bitten mochte. Sie sahen alle aus, als ob sie dazu keine Lust hätten ... Ich bin beinahe immer allein gewesen als kleiner Junge ... Und bin immer allein geblieben ... das ganze Leben durch ... Erst zu Hause ... und dann bei deinen Großeltern auch ... Aber, o Marie, seit Ostern ist mir's, als ob ich zum ersten Male in meinem Leben nicht allein wäre ... Wir beide haben ja zusammen im Garten gegraben. Wir haben zusammen die Bohnenstangen eingesteckt. O wie war das schön! Und nun gehen wir hier miteinander. Hier ist der Weg. Und da ist das goldene Tor wieder. Sieh, wie es leuchtet und lockt! Ich glaube ... wenn wir beide zusammenblieben, dann kämen wir hin ...«
»Och Peter ...« sagte sie und sah ihn mit großen, weitoffenen Augen an, »... wenn wir dahin wollen, wo deine Mutter ist, dann müssen wir doch vorher erst — sterben.«
»Och Marie,« sagte Peter erschrocken, »sprich nicht solch ein Wort und mache nicht solche Augen! Hör' zu, ich will dir sagen, wie ich jetzt, wo ich groß bin, das mit dem goldenen Tor verstehe. Sieh, ich bin ja jetzt noch ein armer, dummer Junge. Aber das möchte ich nicht bleiben. Und ich möchte auch nicht so'n Schulmeister werden, der in einem halben Jahr auf dem Seminar so das Allernotdürftigste gelernt hat und selbst nicht mehr weiß, als was er die Kinder lehren muß. Nein, ich möchte nachher auf das Hauptseminar und da noch ein paar Jahre tüchtig lernen und studieren, damit ich von den Dingen den Grund zu wissen kriege. Und das Orgelspiel möchte ich gründlich lernen. Ich mag furchtbar gern Musik hören und habe noch mehr Lust, selbst welche zu machen. Dein Großvater hat mir schon einmal etwas Geigenstunden gegeben, und ich konnte das auch ziemlich gut begreifen. Aber bald hatte er keine Lust mehr und hat's wieder aufgegeben. Und dann möchte ich Küster werden, irgendwo, wo eine große, schöne Orgel ist. Und dann möchte ich lange Jahre gesund wirken und schaffen. Und auch tüchtig Geld verdienen. Denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert. Daß ich gemütlich leben kann in einem freundlichen Heim. Und mir auch mal was Schönes kaufen kann ... eine schöne alte Geige; denn die alten sind die besten, hat dein Großvater mir mal gesagt ... und gute Bücher auch. Daß ich lesen kann, was die größten und besten Menschen gedichtet und gedacht haben. Denn, Marie, es gibt nicht bloß diese Welt, die wir mit unsern Augen vor uns sehen. Es gibt auch eine Welt, die wir nicht sehen können. Die Musik ist eine Pforte dazu, und gute Bücher führen uns auch hinein. In diese wunderbare Welt habe ich bis jetzt nur ein paarmal einen schnellen Blick getan, aber ich möchte so recht darin zu Hause werden ... Und dann, ganz zuletzt ... ja, dann möchte ich auch dahin, wohin ich als Kind schon laufen wollte, durch das goldene Tor dahin, wo meine Mutter nun schon so lange ist ...«
»Peter, das ist aber nicht wenig, was du dir da alles vorgenommen hast. Und du meinst, daß du dieses alles erreichen wirst?«
»Ja, Marie; denn es ist so viel Sehnsucht in mir. Ich habe sie schon immer gehabt, aber nun hast du sie erst recht geweckt.«
»Ich!?«
»Ja, du. Und ich werde alles erreichen ... wenn du mit mir gehst.«
»Aber Peter, ich kann doch nicht mit dir auf das Seminar und Hauptseminar gehen ...«
»Brauchst du auch nicht. Ich muß bloß wissen, daß wir beide, die wir hier jetzt auf diesem Wege zusammen gehen, für unser ganzes Leben zusammengehören. Sagst du ja, gut, dann erreiche ich auch, was ich will und wonach ich mich sehne. Seit dem Nachmittag, wo wir zusammen die Bohnenstangen eingesteckt haben, bin ich ein ganz anderer Mensch geworden. Ich kann viel besser unterrichten jetzt und verstehe auch viel mehr von dem, was in den Büchern steht. Wenn du ja sagst, dann erreiche ich, was ich will, das fühle ich ganz deutlich in mir. Und dann wirst du einmal Küsterfrau, und wenn deine Eltern für die vielen Kinder nicht genug zu essen haben, können wir gern eins oder zwei zu uns nehmen. Aber, Marie, daran mußt du jetzt nicht denken. Auch daran nicht, daß ich gern möchte, daß du ja sagst. Du mußt ganz tief hinabsteigen, bis in dein innerstes Herz, und das mußt du fragen. Denn nur ein Ja, das da herauskommt, kann mir was helfen ... Du brauchst dich gar nicht zu übereilen. Wir haben noch beinahe eine Viertelstunde bis nach Hause ...«
»O Peter ...« begann sie, brach aber schnell ab.
Schweigend stiegen sie in das Tal hinab. Nur einmal sagte Peter: »Sieh dir das goldene Tor noch einmal an, ehe die große Wolke es zuschließt!« Da blieben sie eine Weile stehen, sahen schweigend zu, wie die Nachtwolken das letzte Abendglühen verhüllten, und gingen dann langsam weiter.
Als sie am Schulgarten ankamen, — das Haus war von dieser Seite das erste im Dorf — fühlte Peter, daß ihre leichte Hand sich unter seinen Arm schob, sein Herz fing an stürmisch zu klopfen, und er hörte, wie sie leise sagte: »Mein lieber Peter, ja, ich gehe mit dir.«
Da blieb er stehen, faßte ihre beiden Hände und fragte: »Marie, ist das ganz gewiß? So furchtbar gewiß, als du hier vor mir stehst? Kann ich mich darauf verlassen, heute und alle Tage, im Leben und im Sterben?«
»Peter, warum fragst du das so furchtbar ernst?« fragte sie erschrocken.
»Weil bis jetzt in meinem Leben das Glück und das Gute immer nur ein paar Stunden gedauert hat. Wenn ich eben anfangen wollte, mich darüber zu freuen, war's wieder weg ...«
»Du armer Junge du!«
»Kann ich mich darauf verlassen?« fragte Peter noch einmal.
Sie machte leise ihre Hände los, und plötzlich umschlang sie ihn und drückte ihm einen Kuß auf den Mund.
Ehe Peter, der, von dem Gefühl des Ernstes dieser Stunde völlig durchdrungen, auf so etwas nicht im mindesten gefaßt war, zu sich kam, war sie ihm entschlüpft. Jetzt wollte er hinter ihr drein. Aber sie gebot ihm mit aufgehobenem Finger Halt und flüsterte, er möchte draußen noch etwas warten und dann erst auf sein Zimmer hinaufgehen. Die Großeltern hätten einen so leisen Schlaf. Dann verschwand sie in der Haustür.
Peter schlich durch eine Zaunlücke in den Garten und setzte sich in die Jelängerjelieberlaube. Vor ihm lag die dunkle Masse des Hauses. Nun blinkte dort ein Lichtschein auf, und eine schlanke Gestalt trat vor das Fenster, sich gegen das in der Tiefe des Zimmers brennende Licht abhebend. Peter legte die Hand auf sein klopfendes Herz und sagte zu sich: Die gehört nun mir, durch Wort und Kuß mir verbunden. Da habe ich nun endlich gefunden, was ich so lange gesucht habe, ein Menschenkind, das mich liebhat, das mit mir gehen will, all den Zielen entgegen, von denen ich so lange geträumt habe. Und wie an jenem ersten Abend in Wehlingen, als er von seiner Dachstube Besitz ergriff, so kam auch jetzt wieder, wo er ein viel größeres Gut errungen hatte, ein heißes, tiefes Dankgefühl über ihn. Die Blüten der Laube dufteten stark und süß, Nachtschmetterlinge flatterten und surrten zwischen den Blättern, und drinnen saß ein junges Menschenkind mit gefaltet um die Knie geschlungenen Händen vor dem Schöpfer seines Lebens, wortlosen Dankes und tiefen Glückes voll. —
Hinter dem zugezogenen Fenster und niedergelassenen Vorhang war der Lichtschein längst erloschen, als Peter endlich aufstand und dem Hause zuschritt. Nachdem er leise den Schlüssel hinter sich umgedreht hatte, zog er die Stiefel aus und schlich auf Socken die Treppe zu seiner Dachkammer hinauf.
Am andern Morgen in der ersten Unterrichtsstunde wiederholte er mit den Kindern biblische Geschichten. Ein Junge erzählte, wie Jakob des Nachts von der Himmelsleiter träumte. Wie träumend schaute Peter zum Fenster hinaus. »Setz dich,« sagte er dann mechanisch, »Stina Blom, fahre fort!« Stina Blom war das feinste, zarteste Kind der Schule, und die erzählte nun in ihrer stillen, feinen Art: »Als er noch mit den Hirten redete, kam Rahel mit den Schafen ihres Vaters. Und er wälzte den Stein von dem Loch des Brunnens und tränkte ihre Schafe; und küssete Rahel und weinte laut. Und Jakob blieb bei Laban und dienete ihm. Und nach einem Mond sagte Laban: Du sollst mir nicht umsonst dienen. Sage an, was soll dein Lohn sein. Laban aber hatte zwo Töchter: die älteste hieß Lea, und die jüngste Rahel. Aber Lea hatte ein blödes Gesicht, Rahel war hübsch und schön. Und Jakob gewann die Rahel lieb, und sprach: Ich will dir sieben Jahr um Rahel, deine jüngste Tochter dienen. Laban antwortete: Es ist besser, ich gebe sie dir, denn einem andern; bleibe bei mir. Also dienete Jakob um Rahel sieben Jahre, und deuchten ihn, als wären's einzelne Tage, so lieb hatte er sie.«
»Halt!« rief Peter, »bis dahin. Das hast du wunderschön erzählt, Stina, setz dich!« »Also dienete,« wiederholte er langsam, »Jakob um Rahel ... sieben Jahre, und deuchten ihn, als wären's einzelne Tage, ... so lieb hatte er sie ... Ja ja, das war gut, Stina. Also warum kamen die sieben Jahre Jakob so kurz vor, Stina?«
Stina stand wieder auf und sagte: »Weil er Rahel so schrecklich liebhatte.«
Zwei Tage später zog Peter in die Sommerferien. Als er in die Küche kam, um seiner Marie für vier lange Wochen Lebewohl zu sagen, griff sie hinter sich in den Schrank und brachte ein sauber eingewickeltes Butterbrot zum Vorschein. »Steck's weg! Zum Andenken,« sagte sie, und Peter ließ es in seiner Tasche verschwinden. Tief gerührt von solcher zarten Aufmerksamkeit — bisher hatte noch niemand daran gedacht, ihm für die dreistündige Wanderung einen Imbiß mitzugeben — suchte er nach Worten des Dankes. Aber da kam Mutter Wencke in die Küche und machte diese unmöglich, und überhaupt der Abschiedsszene ein Ende.
Peter nahm seinen Stock und ging. An der Straßenbiegung, wo das Schulhaus seinen Blicken entschwinden mußte, sah er sich um. Ob sie ihm nachblickte? Er suchte mit den Augen Haus und Garten ab, fand ihr Köpfchen aber nirgends. Aber er tröstete sich schnell. Sie hatte ihm ja das Butterbrot gegeben ... und Sonntagabend noch viel was Schöneres. Und froh wanderte er seines Weges, in den goldigen Sommertag hinein, durch reifende Kornfelder im Tale und dann durch die weite, braune Heide. Bald singend, dann summend, dann pfeifend, und endlich wieder schweigend, zog er seine Straße.
Als er anderthalb Stunden gewandert war, lockte ein gluckerndes Bächlein ihn vom Wege. Er legte sich in die Blumen, die es umsäumten, und zog sein Brot aus der Tasche. Andächtig faltete er das Papier auf seinen Knien auseinander. Da lagen zwei belegte Butterbrote vor ihm. Dünn das Brot, dick die Butter, und noch dicker die Mettwurst. Marie, Marie, was bist du gut! Lange erfreute er sich an dem Anblick. »Zum Andenken,« hatte sie gesagt. Aber schließlich sagte er sich doch, dies würde die vernünftigste Verwendung sein, auch ganz im Sinne der Spenderin, wenn er dabei nur mit Liebe an sie dachte. So begann er denn, in warmen Gedanken an sie, die Butterbrote zu verzehren. Solche hatte er alle seine Lebtage noch nicht gegessen; Stiefmutter und Mutter Wencke hatte beim Butterbrotmachen einen anderen Schnitt und Strich. Von Zeit zu Zeit führte er die hohle Hand zum Bach hinab und schöpfte sich einen kühlen Trunk. So hielt er sein Wanderfrühstück, umsummt von Hummeln und Bienen, die in den Blumen am Wasser und in der schon erblühten Moorheide Honig suchten. Als er die Andenken sich einverleibt hatte, nahm er das Einwickelpapier von der Erde auf. Das wollte er als wirkliches Andenken an diese schönste Wanderung seines Lebens und die besten Butterbrote, die er je gegessen, mit sich nehmen. Es waren zwei aus einem gefüllten Schreibheft gerissene Blätter. Das eine war von oben bis unten sorgfältig mit der Wahrheit bemalt: »Köln ist eine Stadt am Rhein,« das andere mit der ebenso zweifellosen Tatsache: »Der Löwe frißt gern Fleisch.« Dazu zeigten beide schöne, runde Butterflecken. Peter betrachtete die Blätter genau und andächtig, dann faltete er sie zusammen und schob sie in seine Rocktasche.
Als er weiterging, überlegte er sich, wie er diese Wohltat wieder gutmachen sollte. Er beschloß, demnächst den Markt in Steinbeck zu besuchen und Mutter Bollermann aus Lüneburg das größte Kuchenherz abzukaufen, das sie hatte, und seiner Marie dieses nach den Ferien mitzubringen.
Peter hatte sich vor den langen Sommerferien im Vaterhause gefürchtet. Jetzt fand er sie viel weniger schlimm, als sie ihm vorgeschwebt hatten. Die Lebensfreudigkeit, zu der sein gedrücktes Wesen in dieser glücklichen Zeit aufgeblüht war, war durch die elenden häuslichen Verhältnisse nicht tot zu kriegen. Und sein Humor auch nicht. Was? Peter Eggers und Humor? Wer hätte je gedacht, daß diese beiden sich finden würden? Der junge Schulmeister, der alle Dinge gleich ernsthaft nahm und von jeder Widerwärtigkeit tief verstimmt wurde, und der leise und heimlich lächelnde Lebensvergolder und Lebensüberwinder Humor? Aber es war so, Peter hatte auf einmal Humor. Wenn die Stiefgeschwister sich wie eine kleine Ferkelschar um das Eßtröglein drängten und eine Viertelstunde nichts waren als kauendes und schmatzendes Behagen, konnte Peter lächeln. Nicht so erhaben, wie früher, daß die Stiefmutter erbost auf ihn losfuhr und rief: »Du ole uppgepuste Scholmester du!« sondern so ganz fein, so ganz von innen heraus, daß ein anderer es nur eben sehen und Trina ihn freundlich ansah und sagte: »Ja, Peter, 't is'ne gesunde Art, freten könnt se as de lütten Swin'.«
Peter merkte bald, daß man, wie in der Schule, so auch hier im Hause ihm anders begegnete, wie früher. Die Stiefgeschwister zeigten einigen Respekt, auch Trina behandelte ihn nicht mehr einfach als dummen Jungen. Er merkte auch hier, daß die Schulmädchen recht hatten mit ihrem Flüstern: »He is'n Keerl worrn.« Da er sich in einem Holzverschlag am Ziegenstall eine eigene Schlafgelegenheit einrichten durfte, hatte der durch die Dachstube im Schulhause Verwöhnte auch in seinen äußern Lebensverhältnissen einigermaßen seine Gemütlichkeit.
Eines Sonntagnachmittags nahm Vater Eggers seinen Erstgeborenen heimlich beiseite und sagte vertraulich: »Kumm, Jung, wöt mal'n bäten utgahn.« Peter wußte gleich, wohin die Reise gehen sollte, und machte Schwierigkeiten. Aber diese neue Anerkennung seiner Männlichkeit schmeichelte ihm, und er ließ sich bereden. Und in der Kneipe angekommen, trank er tapfer aus, was der Vater im einschenken ließ. Am andern Morgen erwachte er mit greulichem Kopfweh, und Trina fragte ihn freundlich: »Wullt du ok so'n Süpern weern as din Vader?« Da gelobte er sich, auf solche Proben seiner Männlichkeit ein für allemal zu verzichten.
Einmal besuchte Peter auch seinen Pastor, gegen den er ein Gefühl der Dankbarkeit behalten hatte, weil dieser ihm die Wege zu seinem Beruf geebnet hatte. Der alte Herr machte große Augen und sagte verwundert: »Sieh mal an, Peter, wie du dich herausgemacht hast. Es gefällt dir wohl gut in Wehlingen?« »Jawohl, Herr Pastor, es könnte mir in der ganzen Welt nirgends besser gefallen,« sagte Peter mit leuchtenden Augen. »Ja, ja,« meinte der Pastor, »der alte Wencke hat als Schulmann einen sehr guten Ruf,« worauf Peter nichts sagte. Der Pastor fragte ihn dann noch dies und das, und hatte an seinem ungezwungenen Wesen und seinen frischen Antworten eine solche Freude, daß er ihn zum Kaffeetrinken einlud. Die Pastorin machte zwar erst ein etwas krauses Gesicht. Aber nachher meinte sie, und ihre sehr kritisch veranlagten ältlichen Töchter stimmten zu, man sollte gar nicht glauben, daß der alte Saufaus Eggers einen so manierlichen und netten Sohn haben könnte.
Er arbeitete viel in diesen Wochen; denn Michaelis sollte er ja nun auf das Seminar. Als die Ferien halb herum waren, wollte er die Weltgeschichte vornehmen. Da merkte er zu seinem Schrecken, daß er den Leitfaden in Wehlingen vergessen hatte. Aber der Schreck verwandelte sich schnell in Freude. Er mußte nun ja hin und das Buch holen. Die nächste Nacht schlief er unruhig, und in aller Herrgottsfrühe machte er sich auf den Weg.
Bislang hatte er für die Wanderung nach Wehlingen immer drei Stunden und länger gebraucht. Heute legte er den Weg in kaum zwei und einer halben zurück. Als er jene Höhe erreichte, von der das Dorf im Grunde sichtbar wird, wirbelte er den Stock um den Kopf und sprang in langen Sätzen ins Tal hinab.
Nun stand er mit klopfendem Herzen vor dem Schulhause und streckte die zitternde Hand aus, die Tür zu öffnen ... Was ist das? Sie ist verschlossen. Wie er ratlos steht und umhersieht, kommt eine Nachbarsfrau mit dem Schlüssel und erzählt ihm, die Schulmeistersleute wären heute morgen alle drei verreist, zum Besuch bei dem verheirateten Sohne. Da wäre was Lüttjes angekommen. Sie müßte das Haus bewachen und das Vieh versorgen. Peter machte ein sehr langes Gesicht, und als die Frau ihm aufgeschlossen hatte, stieg er sehr langsam die knarrende Treppe hinauf. Lange saß er an seinem Tisch und ärgerte sich, daß er nicht einen Tag früher auf den Gedanken gekommen wäre, Weltgeschichte zu arbeiten. Beinahe hätte er aber den Leitfaden, um dessentwillen er die weite Reise gemacht hatte, noch einmal vergessen, als er seine Dachstube verließ.
Von der schnellen Wanderung erhitzt und durstig geworden, ging er in die Küche, um sich ein Gefäß zum Wasserschöpfen zu holen. Da sah er eine Schürze an der Wand hängen, blau mit weißen Tupfen. Er erkannte sie sofort wieder. Die hatte sie getragen, als sie ihm die Butterbrote gab. Mit Rührung und Dankbarkeit betrachtete er das unschuldige Stück Zeug. Dann nahm er die Schöpfkelle, hob sich auf dem Hof einen Eimer voll Wasser aus dem Brunnen, und tat einen hastigen und langen Zug. Beim Trinken hatte er das Gefühl, als sei das Wasser für seinen erhitzten Zustand eigentlich zu kalt, aber er achtete nicht weiter darauf. Danach ging er in den Garten, geraden Weges zum Bohnenfelde. Hier dachte er mit stiller Freude des sonnigen Maientages, da sie zusammen die Stangen eingesteckt hatten. Jetzt waren sie von den Bohnen grün umwunden und mit tausend roten Blüten bedeckt. Ach, was hatte seit jenen Stunden auch in ihm alles zu grünen und zu blühen angefangen! — Einige Saudisteln, die sich unpassender Weise auf diesem für ihn geheiligten Boden angesiedelt hatten, riß er aus und warf sie über den Zaun.
Endlich trat er den Rückweg an. Er ging sehr langsam. Jetzt wirkte ja keine heimliche Kraft mehr, die ihn zog. Bald fühlte er sich ermüdet, und der Weg wurde ihm sauer. Ein Schmerzgefühl stellte sich ein, und er kam auf den Gedanken, dieses möchte von dem hastigen kalten Trunk kommen. Aber er tröstete sich, es würde schon wieder vorübergehen.
Die nächsten Tage fühlte er sich nicht recht wohl. Er lag nicht zu Bett und war nicht eigentlich krank, aber es war doch nicht mit ihm, wie es sein sollte. Da kamen ihm allerhand trübe Gedanken. Ob sein Glück Bestand haben würde? Konnte nicht irgend etwas Ungeahntes kommen und es grausam zerstören? Sein Lebensglaube, der eben angefangen hatte, sich von dem jahrelangen Druck zu erholen, wollte in diesen Tagen körperlichen Übelbefindens wieder wankend werden.
Einmal wachte er in der Nacht plötzlich auf, stieß einen Schmerzensschrei aus, sah starr um sich, fühlte sein Herz bis in die Halsschlagader hinauf klopfen und hatte das deutliche Gefühl, daß etwas Schreckliches geschehen sein mußte. Es dauerte lange, bis er ganz zu sich kam und sich mit dem Gedanken trösten konnte, daß er in sechs Tagen wieder zu ihr kommen sollte, die ihm Wort und Kuß darauf gegeben hatte, daß sie immer und ewig treu zu ihm halten wollte. Trotzdem dauerte es lange, bis er wieder einschlief.
Die letzten Ferientage ging es ihm wieder besser, und er konnte den Steinbecker Sommermarkt besuchen. Er paßte einen Augenblick ab, wo nur Kinder den Stand der Lüneburger Kuchentante umringten, und brachte bescheiden sein Anliegen vor. Mutter Bollermann lächelte verständnisinnig, und brachte aus einer besonderen Kiste ein rot bemaltes, mit weißem Guß verziertes Riesen-Kuchenherz zum Vorschein. »So eins hat dem Redbauern sein Willem seiner Braut auch geschenkt,« sagte sie, »ist's Ihnen so recht, junger Herr?« Peter errötete tief und fragte leise nach dem Preise. Die sechs Silbergroschen, die verlangt wurden, konnte er gerade aufwenden. Denn er hatte einige Tage für den erkrankten Schäfer des Bauern, dem die väterliche Kate gehörte, die Schafe gehütet.
So nahten die Ferienwochen ihrem Ende. Es war doch nicht ganz so, daß die Jahre ihn gedeucht hätten, als wären es Tage. Nicht einmal von den Wochen konnte er das sagen. Ja, sogar die Tage und Stunden konnten ihm lang genug werden, so lieb er seine Rahel hatte.
Endlich!
Endlich war der Tag gekommen, da er sein Bündel schnüren und wieder dahin fliegen konnte, wo's ihm lieb und heimisch war.
Nur mit Mühe bezwang er sich, bis nach Mittag zu warten. Aber der Schulmeister hatte ihm einmal erklärt, es sei nicht nötig, daß er früher als am letzten Nachmittag vor dem Beginn der Schule aus den Ferien zurückkehre.
Gegen ein Uhr, in der tollsten Mittagsglut des heißen Augusttages, brach Peter auf. Den Rock über der Schulter, den Lederholster mit Wäsche und einigen Büchern auf dem Rücken, das rote Herz, dreifach eingepackt, unter dem linken Arm und den Wanderstab in der rechten Hand, so zog er stillfroh seine Straße. Eine laute Fröhlichkeit ließ die glühende Hitze, wie in der ganzen Natur, so auch in ihm nicht aufkommen.
Im Süden braute sich etwas zusammen, und unheimlich schnell zog ein Gewitter herauf. Peter wollte sich anfangs nicht in seinem Marsch aufhalten lassen. Als aber die Donner härter rollten und in der Ferne die grauen Schrägstreifen niedergehender Regenmassen den Himmel verfinsterten, flüchtete er doch in einen leeren Schafstall, der nicht weit vom Wege in einem kleinen Fuhrengehölz stand.
Es war gut, daß Peter Zuflucht gesucht hatte. Denn das Unwetter brach gleich darauf mit unheimlicher Gewalt los. Die Fuhren ringsum bogen sich ächzend, um dem über die Heide daherbrausenden Sturm auszuweichen. Durch das blaugraue Dunkel, das sich über das Land gelegt hatte, zuckten unaufhörlich die grellen Blitze und erleuchteten den Stall bis in die verstaubten Spinnegewebe unter dem Dach, und die rollenden Donner ließen den aus Eichenholz gefügten Bau in seinen Grundfesten erbeben.
Das Unwetter ging so schnell vorüber, als es gekommen war, und bald verließ Peter seine Zufluchtsstätte, obgleich es noch nicht aufgehört hatte, zu regnen.
Da sah er, daß das Gewitter auf seinem Wege vor ihm herzog. Schneller als er, mußte es jetzt schon Wehlingen erreicht haben. Da kam eine Angst über ihn. Eben vorher, als das Gewitter über seinem eigenen Kopf stand, hatte er davon nichts gewußt, sich vielmehr des grausig-schönen Naturschauspiels gefreut. Nun kam's auf einmal über ihn. Konnte nicht jeder Blitzschlag, der drüben niederging, das ihm so teure Leben vernichten? — Er dachte plötzlich an das schreckhafte Erwachen vor einigen Nächten, wie er da das ganz deutliche Gefühl gehabt hatte, daß etwas Schreckliches geschehen sei. Da wurde seine Angst noch größer. Und nun tauchte auf einmal eine Erinnerung auf, die sie noch steigerte. Es hatte ihm vor Jahren einmal jemand gesagt, in der Familie seiner Mutter wäre das »Vörkieken,« das Ahnen künftigen Unheils, erblich. Wenn auch er diese Gabe hatte ...?
Mit wachsender Angst eilte er dahin, so schnell seine Füße ihn tragen wollten. Wenn ein Blitz von Wolke zu Wolke fuhr, atmete er erleichtert auf. Wenn der nächste dann wieder zur Erde zuckte, zitterten ihm die Knie vor Angst.
Nun liegt die letzte Höhe vor ihm. Er läuft, stürmt sie hinan. Wird die Rauchwolke, die Feuergarbe noch nicht sichtbar? ... Noch nicht? ... Nun hat er die Höhe gewonnen. Unversehrt und friedlich liegt das Dorf in seinem grünen Tale vor ihm. Das Gewitter ist nahe daran, am Horizont mit leisem Grollen zu verschwinden.
Ein Gott sei Dank entrang sich Peters Lippen. Er versuchte, über seine törichte Furcht zu lachen. Aber so recht frei wurde ihm dabei nicht.
Er kam ins Dorf. Einige Leute begegneten ihm auf der Straße, und er sah ihnen scharf ins Gesicht. Es wollte ihm scheinen, als ob sie ihn traurig und fragend anblickten, so ganz anders als sonst. Da wurde die Angst vor drohendem Unheil wieder wach. Ein Kind dämmte und leitete, am Wege hockend, die Bäche, die nach dem Gewitterregen die Straße hinabliefen. An dessen harmlos heiterem Wesen und Gesicht richtete Peter sich auf und suchte wieder über seine dumme Angst zu lachen.
Nun stand er vor dem Schulhause. Sein Herz klopfte in freudiger Erwartung. Und doch fürchtete er sich, die Tür zu öffnen. Er ließ die Augen an dem Hause entlangschweifen. Und es kam ihm vor, als ob dieses etwas Fremdes hätte. Was es war, wußte er nicht, aber es war irgend etwas anders als sonst.
Endlich faßte er sich ein Herz und öffnete die Haustür ...
Warum schweigt die Glocke? ...
Wie angebannt blieb er stehen und wagte nicht, einen Schritt nach vorwärts zu tun.
Da öffnete sich die Stubentür, und ein fremder Mann kam heraus. Er ging leise, auf den Fußspitzen. Peter starrte den Unbekannten an. Ein Zug in seinem Gesicht schien ihm bekannt.
»Was willst du?« fragte der Mann flüsternd.
»Ich will Schule halten,« sagte Peter ebenso leise.
»So, denn bist du wohl Peter Eggers?«
»Jaa.«
»Hast du unsere Nachricht nicht bekommen, daß du vorläufig noch zu Hause bleiben solltest?«
»Nein, aber warum denn?«
»Meine Tochter ist schwer krank.«
»Wer!? Marie? ...«
Der andere nickte: »Doppelseitige Lungenentzündung ... Bitte, gehe leise die Treppe hinauf, und verhalte dich oben ganz still. Sie liegt gerade unter dir. Wir haben ihr Bett in die Wohnstube gebracht.«
»Sie wird doch wieder gesund?« fragte Peter, und die helle Angst stand in seinem Gesicht.
»Wir hoffen es zu Gott,« sagte der Mann. »Heute abend ist die Krisis. Dann muß es besser werden ... oder ...« Er wandte sich und barg das Gesicht in der Hand.
Peter setzte den Fuß so leicht wie möglich auf die dritte Treppenstufe. Trotzdem knarrte das alte Holzwerk. Da zog er die Stiefel aus und schlich auf den Socken nach oben. In seiner Kammer angekommen, ließ er sich auf seinen Stuhl fallen, legte die schlaffen Arme lang auf den Tisch und starrte vor sich hin. Er wiederholte sich die eben gehörten Worte, und immer wieder aufs neue ... aber nur bis zu dem Oder. Davor prallte seine Seele wie vor einem schauerlichen Abgrund zurück.
Irgendein Geräusch traf sein Ohr. Da lauschte er gespannt, hörte nun aber nichts. Nur vor dem Fenster war ein Fliegengesumm. Er merkte, daß in seinem Zimmer noch die schwüle Gewitterluft der Mittagsstunden war, und öffnete das Fenster. Die Fliegen stürmten hinaus, und ein frischer, würziger Luftzug strömte herein. Da atmete Peter einige Male tief auf.
Dann setzte er sich wieder hin und wagte nicht, sich zu rühren in der furchtbaren Stille, die um ihn war. Das Haus war wie ausgestorben.
So saß er lange, lange, und dachte an die vergangenen glücklichen Tage, vom Spaziergang am ersten Sonntag unter der Kirchzeit, über die gemeinsame Arbeit im Garten, bis zu der abendlichen Wanderung, dem goldenen Tore entgegen, und bis zum Abschied in der Küche. In diesem Kreise suchte er seine Gedanken festzuhalten, aber zuweilen gingen sie doch über die Bannlinie hinaus und kamen bis an das entsetzliche Oder, und flüchteten sich, von Grausen gepackt, wieder in die vergangenen Tage.
Ein Geräusch traf sein Ohr. Es kam jemand die Treppe herauf ... Was mochte er bringen ...? Die Hand gegen das stürmisch klopfende Herz gepreßt, ging Peter an die Tür und öffnete. Da stand der alte Schulmeister vor ihm und sagte, hastiger, als sonst seine Art war: »Peter, es muß einer zum Arzt, daß er sofort noch einmal kommt. Willst du?« »Ja,« hauchte Peter. »Dann aber schnell!« Und Peter ergriff Mütze und Stock, nahm die Stiefel in die Hand und sprang die Treppe hinunter, zog sie draußen an, drückte die Daumen in die Hände, das Seitenstechen zu hindern, und lief im Laufschritt dahin. Wenn er, um Luft zu schöpfen, im Lauf innehalten mußte, ging er in lang ausgreifenden Schritten, den Stock kräftig einsetzend. Als er das Wendenloch hinunterlief, stürzte er in dem losen Sande, aber ebenso schnell war er wieder auf den Füßen. Es war nur ein Gedanke, ein Wille in ihm: Vorwärts, vorwärts! An jeder Minute konnte das teure Leben hängen. Eine Viertelstunde vor Olendorf mußte er langsamer werden, da er einen stechenden Schmerz in der Brust fühlte. Dieser wurde zuletzt so heftig, daß er bei den ersten Häusern des Dorfes eine halbe Minute sich an einen Baum lehnen und innehalten mußte. Dann aber quälte er sich weiter und erreichte das Haus des Arztes.
»Nachtglocke!« stand über der Tür. Ohne sich zu besinnen, riß er stürmisch an dem Handgriff und hörte, wie es gellend durchs Haus klang. Da kam des Doktors Kutscher und fragte, was für ein Ochse da so unvernünftig bei offener Tür an der Nachtglocke risse. »Ich muß zum Doktor,« stieß Peter atemlos heraus. »Der Herr Doktor sitzt drüben beim Bier.«
Auf den Gedanken, den Arzt herausrufen zu lassen, kam er nicht. So platzte er denn mitten in den Kreis der Honoratioren hinein, die in bester Laune um den Stammtisch saßen. Sie hatten eben ein lautes Gelächter über eine Anekdote angestimmt, die ihr Witzbold, der Apotheker, zum besten gegeben hatte. Wie dieser sich triumphierend im Kreise umsah, begegneten seine Augen über den Tisch denen Peters. »Baah, du Mondkalb, kommst wohl direktemang vom Monde 'runtergefallen?« sagte der Apotheker und machte seine beliebte Blödsinnsgrimasse. Schallendes Gelächter, alle Augen wandten sich dem Jungen zu. Wie aber dessen flackernde Augen von einem zum andern irrten, wie er dann an den Arzt herantrat und mit heiserer Stimme sagte: »Herr Doktor, kommen Sie schnell zu des Schulmeisters Marie nach Wehlingen!« da verstummte das Lachen, und der Witzbold war über diesen Witz nicht froh. Der Doktor aber sagte freundlich: »Geh nur mein Sohn. Ich komme gleich, will nur eben mein Bier austrinken.«
Peter wandte sich und ging taumelnd durch die Stube. An der Tür hörte er aus dem Gemurmel, das sich am Tisch erhoben hatte, zwei Worte deutlich heraus. Die Worte des Arztes: »Wenig Hoffnung.«
Nun war er draußen und schwankte, die Hand auf die noch immer schmerzende Brust gepreßt, die Dorfstraße entlang. Bei jedem Schritt klang es in ihm: Wenig Hoffnung, wenig Hoffnung. Oder hatte der Arzt gesagt: Keine Hoffnung? Nein. Oder doch? Nein, nein, er hatte den Klang noch im Ohr: wenig Hoffnung ... Er kam ins Freie, der kühle Abendwind umfächelte seine heiße Stirn. Da konnte er sich an das zweite Wort anklammern: Hoffnung. Wenig Hoffnung, aber Hoffnung.
Dann wollte er auch hoffen. Aber nicht wenig Hoffnung, nicht eine kleine Hoffnung wollte er haben, sondern eine große, feste, starke.
Aber wo diese Hoffnung verankern? In der Kunst des Arztes? Unmöglich. Der wollte erst sein Bier austrinken. Und hatte selbst nur wenig Hoffnung.
Da, als er bei dem Menschen, an den in solchen Nöten die letzte Hoffnung sich anklammert, keinen Ankergrund für seine Hoffnung fand, dachte er plötzlich an Gott. Er hatte viel über ihn gelernt, viel über ihn gelehrt, auch wohl in Stunden übergroßen Glücks seiner dankbar gedacht. Jetzt kam er zum erstenmal zu ihm, von des Lebens Jammer und Not gepeitscht. Über ihm wölbte sich in hehrer Schönheit der Sternenhimmel. Sollte der, der diese wunderbaren Welten geschaffen hat, nicht dem jungen Menschenkinde, das auch sein Geschöpf ist, das Leben lassen und die Gesundheit wiedergeben können, auch wenn die armseligen Menschen nur wenig Hoffnung haben? Ja, er kann es gewiß. Aber will er es? Er hat gesagt: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten. Und er begann zu rufen und zu beten und zu flehen. Aber seine Hoffnung fand keinen Ankergrund. Da fiel ihm das Wort Jesu ein: Ich sage euch: Wahrlich, so ihr Glauben habt als ein Senfkorn, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein. Also auf den Glauben kam's an. Und er zwang sich zum Glauben. Er biß die Zähne aufeinander und sagte: Ich will glauben. Und hoffen. Ja, ich behalte sie. Aber dann kam plötzlich wieder das: Oder? und: Wenig Hoffnung, und der Glaube brach zusammen, und der Hoffnungsanker riß aus. Immer neuen Anlauf nahm er, aber immer wieder stürzte er ab. Zuletzt erhob er sein Haupt und schaute fest zu einem großen, leuchtenden Stern auf, der in unausdenkbaren Fernen über seinem Wege stand, und es wollte ihm scheinen, jetzt wollte es gehen mit dem Glauben, Auge in Auge mit dem aller Erdennot Entrückten. Aber plötzlich traf ein blendender Schein seine Augen. Ein Meteor schoß in weitem Bogen durch die Himmelsräume, um dann plötzlich zu erlöschen ... Nein, wenn selbst die Sterne vom Himmel fallen! ... Bald sah er wohl, daß sein Stern noch in der alten Ruhe und Klarheit am Himmel stand. Aber seine Seele war so müde, daß er nicht noch einmal versuchte, sie zu dem bergeversetzenden Glauben zu zwingen.
Was er heute innerlich erlebt und körperlich geleistet hatte, das ging über seine Kraft, und jetzt taumelte er wie träumend, die Augen manchmal schließend. Das Wendenloch hatte er schon hinter sich und stieg zu jener Höhe empor, von der sie damals in das goldene Wolkentor geschaut hatten. Da machte er die Augen weit offen und sah zur Rechten ... Da sah er sie an seiner Seite gehen ... Er wunderte sich gar nicht darüber ... Nur darüber wunderte er sich, daß sie ein langes, weißes Kleid trug, und daß er ihren Schritt nicht hörte ... Und als er auf ihre Füße sah, ging sie nicht, sondern schwebte ... Und als er nach vorne sah, sah er auch wieder das goldene Himmelstor geöffnet. Da kam eine tiefe, stille Seligkeit über ihn ... Aber plötzlich fing sie an, schneller zu schweben. Er wollte sie halten. Aber ihr weißes Gewand glitt ihm aus den Händen. Er wollte ihr sagen, sie hätte ihm versprochen, daß sie mit ihm zusammen zum goldenen Tor gehen wollte. Aber er brachte keinen Ton über die Lippen. Er strengte sich an, sie einzuholen. Aber der Abstand wurde immer größer. Nun war sie in dem leuchtenden Tore angelangt, wandte sich um, ihr Gesicht glänzte, sie winkte ihm mit der Hand, deutete auf den Weg, das Tor schloß sich, er fühlte den stechenden Schmerz in der Brust, kam zu sich — und stand unmittelbar vor dem Schulhause.
Er wußte jetzt, daß sie gestorben war, ohne daß es ihm jemand zu sagen brauchte. Beim Hinaufsteigen auf seine Kammer gab er sich jetzt auch keine besondere Mühe, das Knarren der Stufen zu vermeiden. Körperlich und seelisch erschöpft sank er angekleidet auf sein Lager und lag wach mit geschlossenen Augen. Unten fuhr ein Wagen vor. Brr! sagte der Kutscher. Der Doktor, dachte Peter, der hat hier nichts mehr zu suchen. Die Haustür wurde geöffnet, kurzer gedämpfter Wortwechsel, Gute Nacht, Üh! der Wagen rollte wieder davon. In der Wohnstube unten wurde es lebendig. Hin und her gehen, leise Stimmen, Geräusche wie von Waschgeschirren ... jetzt waschen sie die Tote ... jetzt legen sie ihr das Totenhemd an ... Wieder gehen Türen, und Pantoffeln schurren über den Fußboden ... sie tragen sie aus der Stube hinaus. Wohin? ... Schräg über die Diele, in ihre Kammer. Dort also wird sie aufgebahrt ... Nun ist die Familie wieder unter der Dachkammer in der Wohnstube versammelt .. Gedämpfte Unterhaltung ... Der alte Schulmeister liest den Abendsegen, wie immer. In seinem eigentümlich singenden Tonfall. Jetzt betet er das Vaterunser ... Amen ... Sie gehen auseinander ... Jemand verläßt das Haus ... Noch hin und wieder ein leises, unbestimmtes Geräusch ... Dann ist's still ...
Peter hörte dies alles mit scharfem Ohr und verfolgte es mit wachem Bewußtsein. Aber ohne allen Schmerz, wie etwas, was ihn gar nichts anging, was sich von selbst verstand und nicht anders sein konnte. Sein Geist registrierte einfach mit größter Schärfe, was geschah, ohne daß irgend ein Gefühl die Vorgänge begleitete. Sein Empfindungsleben war lahm gelegt, ausgeschaltet. Dieser Zustand hatte durchaus nichts Unangenehmes. Es war vielmehr eine Art wohliger Schwäche, die ihn umfangen hielt.
Zuletzt fiel er in eine Art Schlaf, ohne jedoch das Bewußtsein ganz zu verlieren. Auch blieb ihm dumpf gegenwärtig, daß er in der Brust einen Schmerz fühlte.
Der Tag war schon weit vorgeschritten, als er endlich die Augen aufschlug.
Das erste war, daß er sich fragte, ob er einen schweren, schrecklichen Traum geträumt hätte. So ähnlich, wie vor einigen Nächten, als er in großer Angst aufwachte. Aber ein Blick auf die beschmutzten Stiefel, die er noch an den Füßen trug, brachte ihm die Erinnerung wieder. Und mit der Erinnerung kam seinem ein wenig ausgeruhten Nervensystem nun auch die Empfindung zurück. Wie eine ungeheure Last warf der entsetzliche Verlust sich mit seiner ganzen Schwere ihm auf die Seele. Er warf sich herum, bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen und wühlte sich tief in die Kissen. Das Licht, das nach solcher Nacht wie an jedem Morgen die Kammer füllte, konnte er nicht ertragen.
So lag er lange, lange. Zuletzt fühlte er einen brennenden Schmerz in den Augen. Da wunderte er sich, daß er nicht weinte. Sonst war der Tränenquell ja so leicht geflossen. Schon, wenn er etwas Trauriges oder Rührendes las. Heute war er wie ausgetrocknet. Er versuchte zu weinen und bewegte die entzündeten Lider über den trockenen Augäpfeln auf und nieder. Aber Tränen kamen nicht. Ist auch gut, tröstete er sich, bitter lachend, so kannst du besser den gleichgültigen Menschen unten im Hause was vormachen, die nicht wissen, wie es in dir aussieht, und es auch nicht wissen dürfen.
Er stand auf und fing an, sich umzukleiden. Da fiel sein Blick auf das Bild über seinem Bett, das die Opferung Isaaks darstellte. Er hielt inne, sein Gesicht verzerrte sich, und Verzweiflungsgedanken gingen durch seine Seele. Da sagen sie nun, du wärest die Liebe; du wärest barmherzig und gnädig und von großer Güte und Treue. Und doch quälst du uns arme Menschenkinder bis aufs Blut. Ja, früher, in der Zeit der Wunder, ging dann zuletzt doch noch alles gut ... wie bei dem alten Mann da ... Aber der war ja auch der Vater der Gläubigen ... Aber bei uns andern, die wir uns zu solchem übermenschlichen Glauben nicht zwingen können ... Ha! ... Uns, die wir aus der Tiefe heraus möchten ... ja, eine Zeitlang ist's uns wohl, als ob du uns die Hand reichtest, aber dann plötzlich lässest du uns fallen und stürzen, in den Abgrund, in die Verzweiflung.
Er lachte heiser und wandte sich dem anderen Bilde zu. Manchmal hatte es ihm wohlgetan, das verklärte Antlitz in den Wolken. Aber jetzt lachte er es spöttisch an. Ja, Himmelskönigin, du hast es leicht, ein hoheitsvolles, erhabenes Gesicht zu machen. Schwebst ja in den Wolken, fern von Erdenjammer und Erdennot ... Aber einst ... ja, als du auf Erden gingst, ja, da hast du diese auch kennengelernt ... damals, als du, das Schwert im Herzen, mit tausend Schmerzen aufblicktest zu deines Sohnes Tod ... Bei diesem Gedanken löste sich ein klein wenig der spöttische, höhnische Zug um den Mund des Verzweifelnden.
Sein Blick fiel auf das gut verpackte Kuchenherz, das auf dem Tische lag. Er nahm es und warf es unter die Bettstelle. Die ganze Geschichte kam ihm plötzlich wie eine kindische Albernheit vor.
Als er sich fertig angekleidet hatte, ging er hinunter. Die Familie war im Wohnzimmer versammelt. Es wurde gerade das Mittagessen aufgetragen. Peter lachte bitter in sich hinein. Vor zwölf Stunden wuschen sie hier die Tote. Nun setzen sie sich hin zu schmausen ...
Er überlegte sich, ob er nicht den Eltern und Großeltern teilnehmend die Hand geben sollte. Aber warum? Was hatten die denn verloren? Die Großeltern eins von zwanzig Enkelkindern, und die Eltern von den acht Kindern, die sie nur mit Mühe sättigen konnten, ein einziges. Die blieben reich und behielten genug übrig, womit sie sich trösten konnten ... Aber er? ...
Er sagte tonlos »Guten Tag«, und wie das Wort sein Ohr traf, lachte er innerlich darüber, daß die Menschen auch an einem solchen Tage eine solche Redensart über die Lippen bringen konnten.
Als er sich an seinen Platz gesetzt hatte, sagte der alte Schulmeister: »Peter, der Doktor ist gestern abend doch nicht mehr früh genug gekommen.«
»Nein,« sagte Peter gleichgültig, »er wollte erst sein Bier austrinken.«
Die vier Menschen sahen ihn verwundert an.
»Es hätte doch vielleicht nicht mehr geholfen,« sagte Mariens Vater sanft.
»Nein, es war keine Hoffnung mehr,« sagte Peter.
»Wir müssen uns unter Gottes Willen beugen,« sagte der Schulmeister.
»Sein Wille ist ja stets der beste,« sagte Peter.
»Aber Peter, wie sagst du das merkwürdig?« fragte der Alte.
»Wieso?« fragte Peter dagegen. »Es ist doch so; das bringen wir ja schon den kleinen Kindern bei.«
Er beugte sich über seinen Teller und aß, gierig und hastig, fast wie ein ausgehungertes Tier. Seit vierundzwanzig Stunden hatte er ja gefastet.
Da sagte Mariens Mutter: »Es ist schade, daß du diese Nacht nicht etwas eher wiedergekommen bist. Unsere Selige fragte nach dir.«
Peter sah die Frau an. Es war das erstemal, daß er einen der Tischgenossen ansah. »Nach mir?« fragte er. In seiner Stimme war ein leises Zittern.
»Ja, zweimal. Sie wollte dir auch Adieu sagen.«
Peter fühlte, daß sich in ihm etwas lösen wollte. Er konnte nicht weiteressen. Aber mit großer Selbstbeherrschung drängte er die Bewegung, die ihn übermannen wollte, zurück.
Als sie vom Tisch aufstanden, fragte die alte Schulmeisterin, ob er die Tote sehen wollte. Sie sähe so schön und friedlich aus, als wenn sie schliefe und jeden Augenblick aufwachen könnte. Peter fühlte ein Würgen im Halse und stieß ein rauhes »Nein!« heraus. Dann ging er schnell hinaus.
Mariens Vater sah ihm kopfschüttelnd nach und sagte: »Ein merkwürdiger Mensch. Scheint sehr wenig Gemüt zu haben.«
»Och ja,« sagte der Schulmeister, »was soll man von so einem verlangen? Der Vater ist ein Säufer.«
Peter war inzwischen auf seine Dachstube gegangen. Er fühlte, daß er nicht nachdenken und zu sich kommen durfte. So nahm er ein Rechenbuch und zwang sich, Rechenaufgaben zu lösen. Er wählte die schwierigsten, die er finden konnte. Wo er die richtige Lösung nicht gleich fand, rechnete er die Aufgabe ein zweites und ein drittes Mal. Als sein Geist dieser Arbeit müde war, nahm er das Lesebuch und begann zu lesen. Den Sinn der Sätze faßte er nicht, und wollte es auch nicht. Es kam ihm nur darauf an, durch das mechanische Wiedererkennen der Buchstaben eine Stunde zu überwinden. Zuletzt schlug er ein Schreibheft auf und malte einmal über das andere die Worte: »Aller Anfang ist schwer.« Sorgfältig zog er Haarstrich um Grundstrich, Haarstrich um Grundstrich. So gelang es ihm, sein Empfindungsleben fast ganz auszuschalten und den Tag hinzubringen. Er bedurfte dazu seiner ganzen Willenskraft. Aber er fühlte deutlich, wenn er seinen Empfindungen nachgäbe, so würde er zusammenbrechen, so wäre sein Verstand in Gefahr.
Gleich nach dem Abendessen, bei dem die Familie ihn nicht wieder ins Gespräch zog, ging er zu Bett und zwang sich von tausend an abwärts zu zählen. Es gelang ihm wirklich, einzuschlafen.
Als er aufwachte, war es dunkle Nacht, und die Uhr in der Wohnstube unter ihm schlug zwölf. Der Schlaf hatte ihn gestärkt. Seine Nerven hatten einige Widerstandskraft wiedererlangt, er durfte es wagen, an sie zu denken. Da faßte ihn auf einmal eine unendliche Sehnsucht, sie zu sehen. Er vertröstete sich auf den kommenden Tag, aber das heiße Verlangen seines Herzens ließ sich nicht abweisen. Zweimal hatte er ihm Schweigen geboten. Als es aber den dritten Angriff auf seine Willenskraft machte, da gab er nach. Er stand auf, kleidete sich leicht an, nahm das brennende Licht in die Hand und trat mit bloßen Füßen aus seiner Kammer. Oben an der Treppe blieb er stehen und horchte angespannt ins Haus hinab. Er hörte nichts als das Klopfen seines Herzens. Da stieg er vorsichtig hinab, die unsicheren Stufen, die am lautesten zu knarren pflegten, meidend. Unten an der Treppe lauschte er noch einmal. Kein Ton als das Ticken der Uhr in der Wohnstube. Da ging er weiter, das Licht mit der Linken schirmend. Nun stand er vor ihrer Kammertür. Er stellte das Licht auf die Erde und faßte den Drücker mit beiden Händen, um jedes Geräusch zu dämpfen. Die Tür wich lautlos, er trat ein, zog das Licht nach sich und schloß die Tür so leise, wie er sie geöffnet hatte. Dann erst wandte er sich um. Da stand das Bett, von einem weißen Leintuch überspannt. Mit leise zitternder Hand hob er die Hülle, die sein Liebstes barg. Und nun lag die Geliebte vor ihm, das Haupt leicht zur Seite geneigt, im Haar eine welkende Rosenknospe, die Hände über einem Kreuz auf dem weißen Totenhemd gefaltet. Da löste sich die Erstarrung, die seit vierundzwanzig Stunden auf seiner Seele gelegen hatte, in heißen Tränen, und er mußte sich mit Gewalt bezwingen, daß er nicht laut schluchzte. Aber dem Lauf der Tränen wehrte er nicht.
Plötzlich fuhr er auf und horchte. In der benachbarten Kammer hatte sich etwas geregt. Der Schein des Lichtes konnte ihn verraten, und schnell drückte er es aus. Und nun war er in der dunklen Kammer mit seinem toten Lieb allein. Er umklammerte mit seinen fiebernden Händen über ihren kalten Händen das Kreuz, er beugte sich nieder und küßte sie, auf die Stirn, die Augen und den Mund. Er fühlte die Kälte des Todes nicht. Er fühlte nichts als die heiße, heiße Liebe, die sein ganzes Wesen mit der Geliebten verband. Dann deckte er sie sorgfältig wieder zu, nahm die Kerze und schlich im Dunkeln in sein Dachstübchen hinauf.
Als er wieder in seinem Bette lag, faltete er die Hände über der Brust. Nicht um zu beten. An Gott dachte er mit keinem leisen Gedanken. Aber er hatte ein so dankbares Gefühl in seinem Herzen, daß die Todesstarre, die so lange seine Seele zusammengepreßt hatte, von ihm genommen war, daß er wieder weinen, fühlen und lieben konnte. Wenn aber ein Gefühl froher Dankbarkeit sein Herz durchwärmte, dann mußte er die Hände falten, der gute Peter. — —
Auf der Diele des Schulhauses war über drei Stühlen der Sarg aufgebahrt. Zu Häupten und zu Füßen brannten Lichter, die in einem leisen Zugwind flackerten. Einige Tannenkränze lehnten umher.
Nach und nach fand sich das Trauergefolge ein. Die Lehrer der Nachbarschaft und die großen Bauern wurden in die Stube genötigt, tranken Kaffee oder Grog, nach eigener Wahl, aßen Kuchen. Die kleinen Leute standen auf dem Vorplatz und der Diele umher und ließen die Flasche kreisen. In einer Ecke der Diele hockten die Singjungens um eine Truhe und aßen schwatzend die ihnen als Sangeslohn zukommenden Stuten. Zwei Ziegen streckten die langen Bärte aus ihrem Stall heraus und sahen neugierig zu. Die Hühner, die man nicht vom Wiemen heruntergelassen hatte, gaben ihren Unwillen durch Scharren kund. Eine Henne verkündete gackernd, daß sie ein Ei gelegt hatte.
Peter kam erst von seiner Dachstube herab, als sie angefangen hatten zu singen. Die Jungens sangen mit schrillen Stimmen: Alle Menschen müssen sterben, alles Fleisch vergeht wie Heu, und musterten inzwischen, da sie die Verse auswendig konnten, die fremden Schulmeister. Dann las Schulmeister Wenckes nächster Nachbar mit halb singender, halb weinerlicher Stimme den neunzigsten Psalm und sprach ein Vaterunser. Nachdem dann die Kinder noch einmal gesungen hatten, traten die Träger herzu, entfernten die Lichter vom Sarge, trugen ihn hinaus und hoben ihn auf den vor dem Tor wartenden, im Grunde mit Stroh bedeckten Leiterwagen. Dann stiegen an einer Leiter die Frauen der nächsten Verwandtschaft hinauf und nahmen tief verhüllt vor und hinter dem Sarge Platz. Der Fuhrmann ergriff das Handpferd am Zügel und ließ anziehen. Da lüfteten die Männer ihre Mützen, und hinter dem Wagen ordnete sich das Gefolge; die Familie voran, die befreundeten Lehrer, die Dorfleute.
Der Leichenzug folgte nicht dem nächsten und gebräuchlichsten Wege nach dem Kirchdorfe; denn alter Volksglaube ließ nicht zu, daß die Toten denselben Weg nähmen mit den Lebendigen. Er zog durch eine Talsenkung, die von dem Zug der Toten seit alters den Namen »Totengrund« führte. Die Wagengeleise waren von blühender Heide überwuchert; denn es war diesen Sommer nur ein Toter dieses Weges gefahren.
An der Grenze der Wehlinger Gemarkung wurde ein Strohbündel unter dem Sarge hervorgezogen und hinter dem Wagen quer über die Spur geworfen. Das sollte den Geist der Toten hindern, in die alte Behausung zurückzukehren und die Lebenden zu schrecken. Das Gefolge wich vor dem Bündel behutsam rechts und links aus.
Peter ging zuerst bei den Lehrern. Da begann ein alter Schulmeister Fragen an ihn zu stellen: Wann er aufs Seminar wollte? Wie alt er wäre? Für welche Fächer er sich besonders interessierte? Nach welchen Büchern er arbeitete? Peter gab kurz Antwort, benutzte aber einen Augenblick, als der Ausfrager mit seinem Nachbarn auf der andern Seite sprach, ein wenig zurückzubleiben.
Nun war er unter den Bauern. Diese hatten ihre kurzen Pfeifen in Brand gesteckt und sprachen über den vor wenigen Tagen im Flecken abgehaltenen Viehmarkt.
Peter blieb noch weiter zurück und folgte bald dem Zuge als letzter. Aber mit seinen Gedanken und Gefühlen war er ihr, die jetzt ihre letzte Straße zog, von allen wohl am nächsten.
Vor ihm wand sich der lange schwarze Zug durch die vollerblühte Heide. So weit der Blick reichte, ein Meer roter Blüten. Und darin das Gesumm und Geschwirr der Immen, die überall, im Totengrund wie auf den luftigen Höhen, ihre süße Weide fanden.
Als die Spitze des Zuges das Kirchdorf erreichte, läuteten die Glocken. Die große tief und regelmäßig, die kleine, von einem Kinde schlecht geläutet, unruhig und aufgeregt dazwischen. Vor dem Kirchhofstor stockte der Zug. Nach einer Minute setzte er sich unter Kindergesang wieder in Bewegung. Nachdem er sich nach alter Sitte um die Kirche bewegt hatte, hielt er aufs neue, der Gesang verstummte mit einer langgezogenen Schlußnote des Küsters, das Geläut mit einem letzten Nachklang der kleinen Glocke. Peter hielt sich im Hintergrunde, hatte die Augen geschlossen und hörte nur wie aus weiter Ferne, was da vorne vor sich ging: das Schurren der Taue, die liturgischen Formeln, das hohle Aufschlagen der Schollen, das wieder einsetzende Singen und Glockengeläut ... Als er aufblickte, sah er die Augen des Totengräbers fragend auf sich gerichtet. Da wurde er mit Schrecken gewahr, daß die andern sich bereits alle vom Grabe abgewandt hatten. Hastig drehte er sich um und folgte ihnen in die nahe Kirche. Hier setzte er sich im Rücken der Gemeinde hinter einen Pfeiler. Er war froh, einen Platz gefunden zu haben, wo ihn niemand sehen konnte, und er selbst auch keinen Menschen sah.
Peter war nicht gekommen, um sich trösten zu lassen. Er hatte ja in den vergangenen glücklichen Zeiten sein Glück allein, heimlich vor allen Menschen, getragen, und wußte, sein Leid würde er erst recht ganz allein und einsam tragen müssen. Und das wollte er auch. Kein Mensch konnte und sollte ihm davon das Geringste abnehmen.
So hörte er denn auch kaum hin, wie der Pastor die Eltern und Großeltern tröstete, wie er ein blaß gehaltenes Bild der in der Blüte geknickten lieblichen Jungfrau entwarf. Was ging ihn das alles an? Was konnte der Pastor von der Toten wissen, die nur ein Vierteljahr seiner großen und zerstreuten Gemeinde angehört hatte, mit der er wohl nie ein Wort gewechselt hatte? —
Aber plötzlich traf ein Wort von der Kanzel sein Ohr, das ihn aufmerken ließ. Der Pastor hatte von einem goldenen Tor geredet. Wie kam der Mann dazu, von etwas zu reden, was zwischen ihr, deren Mund nun geschlossen war, und ihm heiligstes Geheimnis war? Und nun horchte er mit angehaltenem Atem. »Die Entschlafene,« so führte der Geistliche aus, »hat sich in ihren Fieberträumen immer wieder mit einem goldenen Tore beschäftigt, so ist mir gesagt worden. Und dann hat sie mit einem Begleiter gesprochen, der an ihrer Seite dem goldenen Tore zugewandert ist. Was, meint ihr, liebe Christen, ist das für ein Wandergenosse gewesen? Ich zweifle nicht daran, es war ein heiliger Engel, den Gott der Herr ihr zum Geleite gegeben, um sie aus dem dunklen Tal der Todesschatten durch das goldene Tor hinaufzuführen in das Land des ewigen Lichts.«
Durch die Gemeinde ging ein lautes Schluchzen.
Wenn einer hinter den Pfeiler geblickt hätte, und er hätte die rechten Augen gehabt, so würde er da ein Menschenantlitz gesehen haben, das für einen Augenblick von tiefinnerer Seligkeit durchleuchtet war. Und vielleicht hätte er da an ein Engelsantlitz denken müssen. —
Die Trauerfeier war beendet. Die Verwandten traten noch einmal an das Grab, die andern kehrten nach der Sitte zu kurzer Rast in dem nahen Wirtshause ein. Peter aber machte sich sofort auf den Heimweg. Er mußte allein sein.
Langsam ging er über die weite, stille, blühende Heide, und dachte mit stiller, tiefer Wehmut der glücklichen Zeiten. Er hatte das Gefühl, als ob sie weit, weit hinter ihm lägen. Und doch lagen nur drei Tage dazwischen. Aber was für Tage! ... Und wie lange war es her, daß er an ihrer Seite den Weg gegangen war? Es waren fünf Wochen. Da wurde er auf einmal zweifelhaft. War er nicht zweimal mit ihr diesen Weg gewandert? Einmal am letzten Sonntagabend vor den Ferien. Dessen erinnerte er sich ganz deutlich. Da hatte er ihr ja die Geschichte vom goldenen Tore erzählt, und sie hatten sich versprochen, von nun an Wandergenossen zu bleiben. Aber es war ihm, als müßte er noch ein zweites Mal mit ihr dieses Weges gegangen sein ... Allmählich dämmerte ihm herauf, was er vor drei Tagen, in jenem merkwürdigen Zustande jenseits der Schwelle des wachen Bewußtseins, auf diesem Wege erlebt hatte. Er hatte sich dieses Erlebnisses seither nicht erinnert, wohl deshalb, weil es in Regionen des Unterbewußtseins vor sich gegangen war, die dem vom Willen abhängigen Sicherinnern nicht zugänglich sind. Jetzt, an dem Orte, wo es ihm begegnet war, bei dem lebhaften und innigen Denken an jene erste Wanderung, kam es herauf, traumhaft verschleiert ... Hatte er sie da nicht an seiner Seite schweben sehen? ... In langem, weißem Kleide? ... schnell und immer schneller dem goldenen Tore zu? ... Das mußte um die Stunde ihres letzten Kampfes gewesen sein ... Also um dieselbe Stunde, da sie, wie die Verwandten dem Pastor berichtet hatten, das goldene Tor offen und den Wandergefährten an ihrer Seite gesehen hatte ... Wunderbar ... Während sie mit dem Tode ringend auf ihrem Bette lag, und während er zerschlagen und seiner selbst nicht mächtig über die Heide ging, hatte da zwischen ihren Seelen ein geheimnisvoller Verkehr stattgefunden? ... Hatten die einander geschaut, gegrüßt, aneinander Geleit und Halt und Freude gefunden? ... War das denkbar? ... Denkbar wohl nicht ... aber vielleicht trotzdem Wahrheit ... Je länger er darüber nachsann oder vielmehr -fühlte, um so gewisser wurde es ihm. Dann aber war es ja sicher, daß ihre Liebe nicht an das leibliche Beieinander gebunden war ... daß sie Weggenossen bleiben konnten, auch wenn sie ihm vorausgeeilt war ... Und hatte sie nicht auch, ehe sie in dem goldenen Tore verschwand, auf den Weg, der deutlich vor ihm lag, gewiesen und ihm gewinkt? ... um ihm zu zeigen, daß sie denselben Weg hatten und zusammengehörten? ...
Er dachte an seine Mutter. Die hatte ihm, obgleich sie so früh hinweggerissen war, durch die ganze Kindheit das Geleit gegeben. Ganz gewiß, dann konnte auch die jetzt ihm entrissene, aber durch die engsten Seelenbande ihm verbundene Weggefährtin seine Weggefährtin bleiben, das Stück Weges, das er noch vor sich hatte. Vielleicht war dieses ja auch gar nicht so lang, wie er ihr das vor fünf Wochen in seinem jungen, frohen Lebensmut ausgemalt hatte. Vielleicht mußte er in Beziehung auf das goldene Tor noch einmal umlernen. Am Ende hatte sie doch recht gehabt, als sie damals, wohl vorahnend, sagte: »Aber Peter, wenn wir in das goldene Tor hineinwollen, dann müssen wir ja vorher — sterben.« Damals war er darüber erschrocken und hatte das Sterben ganz ans Ende gesetzt, nach all dem Großen und Schönen, das er vorher erreichen wollte. Aber wenn es früher käme, wäre denn das so schlimm? ... Und vielleicht kam's ja auch so. Er dachte an die Besorgnis seines Vaters, daß er, Peter, zu viel von der Mutter geerbt haben möchte und in keiner guten Haut steckte. Und der dumpfe Schmerz in seiner Brust war ja seit jenem rasenden Laufen nach dem Arzt immer noch nicht ganz gewichen ...
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er dachte wieder an die Begräbnispredigt. Was? Er, der Schulmeister Peter Eggers, ein Engel? Das war wirklich zum Lachen. Aber plötzlich wurde sein Gesicht wieder ernst. Ja, sie, wie sie da in weißem, wallendem Kleide neben ihm schwebte, wie sie am Ziel das von innen durchleuchtete Antlitz nach ihm zurückwandte, sie hatte wie ein Engel ausgesehen. Und war sie überhaupt nicht in sein armes, einsames, dumpfes Leben wie ein Engel aus einer andern Welt hineingetreten? Hatte er nicht eines Abends in duftender Jelängerjelieberlaube gesessen und Gott gedankt, daß er sie ihm gegeben? ...
Gefaßt und getröstet langte Peter am Schulhause an. Als er aber eintrat und auf der Diele die drei Stühle sah, die den Sarg getragen hatten, und als sein Blick in ihre offene Kammer fiel, in der eben die einhütende Nachbarsfrau Ordnung schaffte, da übermannte ihn der Schmerz aufs neue. Er hielt die Hand vors Gesicht, eilte die Treppe hinauf und warf sich auf sein Bett.
Die Nachbarsfrau hatte es auch übernommen, für die von der Beerdigung Zurückkehrenden den Kaffee zu kochen. Als sie sah, daß Peter zurück war, goß die gute Seele ihm vorab eine Tasse auf, legte ein Stück Butterkuchen auf den Rand und trug's ihm hinauf. Sie fand den jungen Schulmeister auf dem Bette liegend, den Kopf in die Kissen vergraben.
Da faßte sie ihn mütterlich am Arm, schüttelte ihn und sagte: »He! Wat fehlt em? Is he krank?«
Peter flog erschrocken in die Höhe und sah die Frau hohläugig und verstört an.
»Hier hett he'n Tass' Kaffee ... Wat? He hett weent? Achjajija, dat junge söte Lewen« — die Frau führte mit der freien Hand die Schürze an die Augen — »in düsse Johren, wenn eene so väl köst[8] hett und just to bruken is, huhuhu. Aber se is ja den besten Weg, huhu. Nu drink he man. So'n Tass' Kaffee helpt den Menschen wedder up.«
Peter nahm die Tasse und setzte sich auf seinen Stuhl. Die Frau stand neben ihm, hatte die Schürze wieder fallen lassen und die Hände in die Seiten gestemmt.
»Hett se 'ne schöne Liekenred' krägen?« fragte sie.
»Och ja,« sagte Peter.
»Wat for'n Text?«
»Text? ... de Text? ... Mewsmudder, dat weet ich würklich nicht.«
»Wat? 'n Scholmester, und denn so vergätern?« sagte Mewsmutter verwundert. »Ick hew noch alle Liekentexte von mine Fründschap in'n Kopp.« Und nun zählte sie ihm die der letzten zwanzig Jahre auf, gab auch bei mehreren einige Gedanken aus der über sie gehaltenen Rede wieder. Dabei weinte sie noch einmal über die Verluste und ließ sich noch einmal von all den schönen Texten trösten. Zuletzt wischte sie sich mit der Schürze die Augen, schnaubte sich in derselben gründlich aus, nahm die leere Tasse und ging wieder an ihre Arbeit.
Peter sah ihr kopfschüttelnd nach. Wie waren solche Leute zu beneiden! Die weinten ihre Tränen, backten Butterkuchen, hörten eine schöne Leichenpredigt, kochten Kaffee und gingen wieder an ihre Arbeit.
Und gingen wieder an ihre Arbeit. Ja, und das tat Peter am andern Morgen auch. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Denn die kleinen Wehlinger Jungens und Deerns wollten darum doch lesen und schreiben und rechnen lernen, wenn Peter auch ein wehes, zerrissenes Herz hatte. Sie stellten sich am nächsten Morgen wieder vollzählig ein. Auf dem Schulhofe waren sie wohl etwas stiller als sonst. Aber ihr Morgenlied sangen sie mit kräftigen Stimmen, und die beiden Lehrer hatten alle Hände voll zu tun. Denn die Jugend hatte beim Heu viel verschwitzt und war durch die lange Freiheit des Stillsitzens auf den Schulbänken entwöhnt.
Am Mittagstisch sagte der Schulmeister, indem er sich ein wenig reckte: »Wie ist das gut, daß wir endlich so weit sind! So etwas bringt immer viel Aufregung mit sich, und die ist nichts für alte Leute. Gott sei Dank, daß nun alles wieder im alten Geleise ist.«
Ja, alles wieder im alten Geleise. Auch den leergewordenen Platz am Tische fand Peter nach drei Tagen wieder besetzt. Beim Familienkaffee nach der Beerdigung war die Verabredung getroffen, daß der Schulmeistersleute ältester Sohn seine älteste Tochter der schwächlichen Mutter zur Hilfe im Haushalt schicken sollte. Diese hieß auch Marie, und war ein munteres, quickes, junges Ding mit lebenshungrigen Augen und runden Gliedern.
Die neue Marie langweilte sich bald bei den grämlichen Alten und suchte Zeitvertreib bei Peter. Wenn die beiden, durch eine Wiederholung der Rede des Schulmeisters vom Zeitvertrödeln und von der Unschicklichkeit getrennt, im Garten Sommerarbeit taten, war sie alle Viertelstunden bei ihm und hatte bald dies zu fragen und bald das zu schwatzen. Das »Es schickt sich nicht für so'n großes Mädchen« des Schulmeisters war für sie nicht da. Peter hörte ihrem munteren Geplauder ganz gern zu, und da ihre in das dumpfe Schulhaus eingezwängte Lebenslust ihn dauerte, so war er immer freundlich gegen sie und zwang sich, auf ihre Interessen einzugehen, auch wenn ihm danach nicht gerade zumute war. Aber das genügte ihr nicht. Und als sie merkte, daß sie ihm durch Äugeln und andere Kunststückchen nicht mehr abgewinnen konnte, versuchte sie's mit einem Bauernsohn auf der Nachbarschaft, wo sie mehr Glück hatte. Sie ist dann nach einem guten Jahre aus dem grämlichen Schulhause als Herrin auf den schönen Bauernhof übergesiedelt und eine kleine dicke, fröhliche, tüchtige Bauerfrau geworden.
Eines Nachmittags gegen Ende September, als Peter Birnen pflückte, kam sie angetänzelt und bat ihn, ihr bei dem Ausziehen der Bohnenstangen zu helfen. Das trockene Kraut hätte sie schon zum größten Teil heruntergerissen. Aber die Querstangen lägen ihr zu hoch. Da könnte ein so kurzes End wie sie nicht heranreichen. Peter verbarg sein Gesicht hinter einem Birnenast und sagte: »Marie, das laß nur. Das will ich wohl gegen Abend allein besorgen.« »Du bist zu nett, Peter,« sagte sie erfreut, »dann kann ich ja gleich hingehen und mich hübsch machen. Aber vorher schmeiß mir eine süße, gelbe Birne herunter!« Peter erfüllte ihren Wunsch, und sie ging, herzhaft die Zähne in die Frucht schlagend, davon.
Am Abend, als der müde Herbstsonnenschein auf dem Garten lag, machte Peter sich daran, das Werk des leuchtenden Mainachmittags niederzulegen. Er zog Mariens Schleifen auf und löste seine Knoten. Dann zog er die fest in der Erde steckenden Stangen heraus, erst seine Reihe, dann ihre. Als sie alle auf dem Haufen lagen, setzte er sich darauf und hielt den Kopf in die Hände gestützt. So saß er eine ganze Weile. Dann stand er auf und begann, die Stangen ins Haus, zu tragen. Einst hatte er je acht mit spielender Leichtigkeit auf die Schultern genommen. Jetzt ging er schon unter der Last von sechsen gebückt und mühsam.
Als er zum letztenmal zum Felde gehen wollte, um die letzte Tracht zu holen, begegnete ihm Marie auf dem Gartenwege. Sie sah ihn groß an und rief: »Mensch, wie siehst du aus! Fehlt dir was?«
»Ich bin müde,« sagte Peter tonlos.
»Die Stangen sind wohl schwer?«
»Ja ...«
Diese Arbeit war die letzte, die Peter für die Wehlinger Schulmeistersleute tat. Am Tage darauf zog er in die Herbstferien. Den Winter sollte er auf dem Seminar zubringen.
Auf jener Höhe, von der er an jenem Vorfrühlingsabend zuerst das Tal und das Dorf erblickt hatte, blieb er stehen und schaute lange zurück. Er lehnte sich an eine junge Birke, und diese ließ einige vor der Zeit gestorbene gelbe Blätter an ihm hinab zur Erde wirbeln. Auf der Heide ringsum lag das braune Blühen des Herbstes. Keine Imme summte mehr nach Honig; kein blauer Schmetterling gaukelte über den toten Blüten. Nur eine Grille zirpte müde und leise, und in der Ferne rief der Regenpfeifer sein langgezogenes Tühttüht.
Dem Einsamen auf der Höhe lief ein Frieren über den Rücken. Noch einen Blick tat er in das verlassene Tal, dann fuhr er sich mit der Hand über die Augen und wandte sich langsam zum Gehen.
Ein halbes Jahr nur nahm die Ausbildung der jungen Schulmeister auf dem Seminar in Anspruch. Selbstverständlich genügte diese Zeit nicht, um das Wissen wesentlich zu erweitern oder gar die Bildung zu vertiefen. Sie diente vielmehr in der Hauptsache dazu, dem Schulwesen des Landes eine gewisse Einheitlichkeit zu geben. Manche der alten Schulmeister, die der Anzucht des Nachwuchses oblagen, gaben ihren Zöglingen allerhand persönliche Liebhabereien und Wunderlichkeiten mit, selbsterfundene Schnörkel an den Buchstaben, Rechenmethoden eigenen Gewächses, theologisierende Privatmeinungen in der Religion und ähnliches. Das alles wurde in dem halben Seminarjahre heruntergehobelt, und dann wurden die jungen Leute als fertige und selbständige Schulmeister wieder auf die Dörfer geschickt. Da mochten sie sich denn entwickeln, wie ihre Anlagen und die Verhältnisse es mit sich brachten. Die einen wurden richtige Bauern, denen die Landwirtschaft obenan stand und die Arbeit in der Schule Nebensache war. Andere wuchsen sich zu wunderlichen Pedanten oder Originalen aus, wie sie in den Witzblättern noch heutigen Tages herumspuken. Aber viele wurden auch tüchtige Menschen, die in der Schule wie in der Dorfgemeinde, wie in der eigenen Haus- und Ackerwirtschaft voll ihren Mann standen, das Nötigste die Jugend lehrten und im übrigen durch Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit Jungen wie Alten ein Vorbild waren. Manches Dorf in stiller Heide hat wohl noch heute viel von dem Besten seiner Eigenart der Saat zu verdanken, die vor fünfzig oder mehr Jahren so ein schlichter, frommer, tüchtiger Mensch mit wenig Kunst und treuem Herzen ausgesät hat.
Peters Lebensschiff begehrte ja damals, als der volle Wind in seinen Segeln stand, nach ferneren Zielen als nach der nächsten besten weltverlorenen Nebenschulmeisterei. Seit es aber im Sturm Mast und Segel verloren hatte, war es mit dem nächsten kleinen Hafen zufrieden.
Für die Aufnahme in das Seminar sollte Peter ein von einem beamteten Arzt ausgestelltes Gesundheitszeugnis beibringen. Als der Amtsphysikus des nächsten Fleckens ihn untersucht hatte, fragte er, ob seine Eltern noch lebten. Peter sagte, seine Mutter wäre seit vierzehn Jahren tot, und auf die weitere Frage des Arztes, woran sie gestorben wäre, sie hätte viel husten müssen. »Haben Sie niemals einen Schmerz in der linken Brustseite gefühlt?« fragte der Arzt weiter. »Ja,« sagte Peter, »vor ein paar Monaten hab' ich einmal schrecklich laufen müssen, und da hat es hier in der Brust mir zuletzt sehr weh getan. Zuweilen fühle ich das noch an derselben Stelle.« Der Arzt überlegte einen Augenblick, mit den Fingern auf den Tisch trommelnd, dann setzte er sich hin, zu schreiben. »Sie haben,« sagte er dabei, »einen kleinen Knacks in der Lunge weg. Sie müssen sich gut ernähren und viel in die frische Luft gehen. Dann heilt das wohl wieder aus und vernarbt. Das hat man oft.«
Um dieselbe Zeit sprach der Pastor von Olendorf gelegentlich einer Amtshandlung in Wehlingen bei Schulmeister Wencke vor, der seinen Vorgesetzten mit ebenso tiefen wie steifen Bücklingen empfing. »Ich muß,« sagte dieser, »ein eingehendes Zeugnis für Peter Eggers an das Seminar schicken, kenne ihn aber zu wenig und möchte mich deswegen mit Ihnen beraten. Ich mache mir gleich Notizen. Fleiß?«
»War sehr gut,« sagte Schulmeister Wencke mit Nachdruck, »er hat viele dicke Bücher durchgelesen. Meine Bücher alle zusammen, und hat sich noch welche zugeliehen.«
»Betragen?«
»Hat sich immer sehr gut betragen. Fürs Weltliche, was den jungen Leuten heutzutage mächtig im Kopfe sitzt, hatte er gar keinen Sinn.«
»Fähigkeiten und Leistungen?«
»Das ging auch an. Ich denke, dieser Zögling soll mir noch Ehre machen.«
»Wollen Sie noch ein allgemeines Urteil über seinen Charakter abgeben?«
»Jaa, das ist nun so' ne eigene Sache. Wenn ich ehrlich sein soll, es fehlt ihm wohl an Gemüt.«
»So? Ob Sie sich da nicht täuschen? Wenn ich so an die Augen des jungen Menschen denke ...«
»Och, Herr Pastor, ich habe ihn zweiundeinhalb Jahr in meinem Hause gehabt. Wenn man einen da nicht kennen lernt! Und denn so'n alter Schulmeister, der bald fünfzig Jahre Schule gehalten hat — wenn der den Menschen nicht bis auf den Grund sieht? Uebrigens, bei Peter Eggers war das nicht schwer. Als wir neulich hier im Hause den traurigen Todesfall hatten, sagte mein Schwiegersohn, gleich nachdem er nur ein einziges Mal mit ihm am Tisch gesessen hatte: »Vater,« sagte er zu mir, »dieser junge Mensch scheint sehr wenig Gemüt zu haben.« Naja, woher sollte er's auch haben, der arme Junge? Sein Vater ist ja leider Gottes dem Trunk ergeben, und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«
»Also auch schon Neigung zur Trunkfälligkeit haben Sie bei ihm entdeckt?«
»O bewahre, Herr Pastor, sehr solide, Herr Pastor. Na, ich wollte so einem denn auch, hier bei mir im Hause! Wir haben gar keine Spirituosen im Hause, und ins Wirtshaus komme ich manchmal ein ganzes Jahr lang nicht hinein. Nur daß man sich mal ein Pfeifchen gönnt.«