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Das Feuer hinter dem Berge

Das Feuer hinter dem Berge

Reading edition

Roman von Juliane Karwath

Illustration from Das Feuer hinter dem Berge: Roman

Egon Fleischel & Co. Berlin 1913

Alle Rechte vorbehalten Copyright 1913 by Egon Fleischel & Co. Berlin

Christiane und Hardi Dorreyter waren nicht die Kinder innig zusammenströmender Gattenliebe. Ihre Mutter, ein herzlich armes, sehr schönes, aber unbegehrtes Fräulein hatte den viel älteren Hauptmann in dem Glauben genommen, daß für ihr Zähnezusammenbeißen das Gute schon nachkommen werde. Aber es geschah ihr, daß sie ohne Liebe zu tragen hatte, was der Liebe selber oft recht schwer fällt. Der Mann verwickelte sich infolge zögernden Avancements in allerhand Querulantengeschichten, die zwar noch einigermaßen beigelegt wurden, ihm aber den Abschied einbrachten. Es ging in ein recht enges und armes Leben, das Mutter und Kindern schlecht bekam: der Frau, weil sie dem Manne, mit dem sie sich betrogen hatte, noch immer Weib sein mußte, und den Kindern, weil sie an allem ziemlich unverhüllt mitzutragen hatten, denn die Mutter gab ihnen in ihrer Verlassenheit ihre Not sehr zeitig preis.

Die Mädchen lernten Abneigung und Mißtrauen gegen den Mann.

Die lagen ihnen schon im Blute, die Stunde, die sie geschaffen, hatte sie ihnen tief eingetränkt.

Sie blühten nicht recht auf. Zwar hatten sie den einen oder anderen Zug der Rhanes, welcher blaublütigen Familie ihre Mutter entstammte, aber ihre Gestalten blieben gestreckt, lang, flach, herb wie Schattenfrüchte.

Der Hauptmann starb. Frau Dorreyter, die ihre Leute bisher nur durch Unterstützung der Rhanes sattbekommen hatte, erhielt von diesen als endgültige Abfindung ein kleines Kapital. Die Rhanes kauften zu der Zeit, einer günstigen Heirat wegen, zwei Rittergüter und gründeten ein Majorat. Frau Dorreyter stürzte sich über die paar Groschen, selig, ihre Mädchen ausbilden zu können. Sie war durch und durch Frauenrechtlerin, ohne viel mit Büchern oder aufrührerischen Personen zusammengekommen zu sein.

Sie lernte mit den Kindern. Die fühlten, wie gierig die Mutter zu trinken versuchte und wie sie innerlich erzitterte, wenn sie ihre Kraftlosigkeit erkannte, und stemmten sich tüchtig an, um wenigstens selber zu glänzen und ihr dadurch Grund zum Stolz zu geben.

Die leise hervortretenden Rätsel des jungen Weibwerdens blieben den Kindern gleichgültig. Sie grübelten nicht.

Sie sehnten sich nach keiner Süßigkeit.

Frühzeitig kamen sie in das Seminar der Provinz.

Die Vorsteherin war ein derbmännliches Frauenwesen, das Unerhörtes leisten wollte. Mit einer rücksichtslosen Energie schaltete sie alles Schwache aus. Die Lehrerinnen, die sich verlobten, mußten sofort weg, die Schülerinnen, die irgendwie versagten, wurden sofort entfernt. Muster sollte alles sein, Auslese.

Fräulein Schmöckler war nicht beliebt. Ihrem Schritt ging der Schrecken voraus, die reifen Lehrer erröteten vor ihren eisernen, oft rücksichtslos vor allen Schülerinnen gegebenen Tadelworten und bebten gleich ihren Kolleginnen, wenn sie ins Bureau befohlen wurden.

Christiane erwarb sich rasch ziemliches Wohlwollen, Hardi aber bekam sofort ›Halbheit‹ vorgeworfen, das Schlimmste, was Fräulein Schmöckler vorwerfen konnte, ohne daß sich aber entdecken ließ, wohin Hardis andere Geisteshälfte neigte. Die Rhanesche Familienkrankheit, die Bleichsucht, waltete über der Kleinen.

Christiane kam ihr rasch voraus in die Oberstufe, wo sie mit Ada Wehrendorf zusammentraf, die aus ihrer Heimat stammte. Der Vater, ein Justizrat, war rasch gestorben, und für das völlig verwaiste und vermögenslose Ding mußte bald ein Lebensunterhalt gefunden werden, zumal sie dünn wie eine Spindel und ohne jedes Temperament war. Beim Abschlußexamen kam sie mit einer knappen Drei heraus, während sich die glänzendste der Schülerinnen, der Fräulein Schmöckler keinerlei Halbheit hatte vorwerfen können, noch an demselben Tage öffentlich verlobte und somit ihre ganze Weisheit und eine ihr von der Vorsteherin schon bereitgehaltene Stelle glattweg preisgab.

Hardi kam Christiane verweint entgegen, denn die Schmöckler hatte ihr an dem Tage bedeuten lassen, daß sie für ihren Teil am besten täte, die aussichtslose Sache zu lassen. So reisten beide Dorreyters mit Sack und Pack nach Hause, und die Mutter verriet in ihrem Entsetzen über das Unglück der geliebten Jüngsten keinerlei Freude über Christianens Sieg.

Die merkte nichts davon, denn Fräulein Schmöckler hatte ihr die von der Braut ausgeschlagene Stelle in einem vornehmen Töchterinstitut der Schweiz verschafft, und der Himmel hing ihr voller Geigen. Sie packte von neuem, und mitten im Kramen fielen ihr auf einmal Briefblätter entgegen, die die Mutter bewahrte, und sie las neugierig darüber hin.

Auf einmal wurde sie aufmerksam und winkte die in ihre Melancholie versunkene Hardi herbei.

In diesen Blättern lasen sie zum ersten Mal von der Liebe.

In den Tagebuchblättern und Briefen der Urgroßmutter, die dem schlesischen Adel entstammte, glomm eine ehebrecherische Sünde. Die Frau des Hofstallmeisters von Rhane hatte es mit einem Prinzen gehalten, der, wie sie, nachher recht tugendhaft und brav geworden war, aber mit einem Schuß nervöser Geistigkeit, und kein Glück in der Politik gehabt hatte. In den Blättern waren Glut, Zärtlichkeit und französische Verse. Dazwischen lagen später geschriebene Mutterbriefe an den Sohn im Kadettenhaus, das Fürstenpatenkind.

Es war auf einmal begreiflich, warum die jetzigen Rhanes sich plötzlich im Glanz und mit Majoraten aufgetan hatten: sie waren von ihrem Bluteinschuß getrieben.

Die Mädchen schauten sich an.

Über Hardis kleines, verweintes Gesicht flirrte es.

»Da sind wir – ja – auch – – –«

Die Mutter kam. »Was habt ihr da? Die Briefe? Ach, die Briefe –« Einen Augenblick hatte sie gestutzt. Dann nahm sie sie verächtlich zusammen: »Schmutzkram. Der kann fort.«

Christiane bat: »Gib sie mir.«

Sie packte sie in ihren Lehrerinnenkoffer.

Mit ihr reiste die kleine Wehrendorf, die an dieselbe Anstalt kam, aber des minderen Zeugnisses wegen ›au pair‹.

Das Schweizer Institut war ein Erziehungskasten von oben bis unten. Die Leiterin war sehr fett und behäbig. An Zöglingen waren ungefähr achtzig da, darunter viele Bräute. Es wurden Wissenschaften getrieben, gekocht, genäht, geputzt, gestickt, gemalt, gebrannt, Tennis und Golf gespielt und getanzt. Es gab Unterricht in Sprachen, Musik, Gesang, Gymnastik, Rezitation und Körperpflege. Man hatte in einem Jahr ausgelernt oder in einem halben. Es gab auch Vierteljahrs- und Monatskurse, ganz nach Wunsch, und immer hatte man ausgelernt. Eine Auslese fand nicht statt, nur eine Trennung nach Rang und Stand und Geld. Man unterschied einen Flügel der Aristokratinnen, unter denen auch eine junge Freiin von Rhane war, eine Abteilung der Ausländerinnen und noch viele andere Gruppen bis zu den reichen Fabrikanten- und Handwerkertöchtern. Die Zimmer, die den besichtigenden Eltern gern gezeigt wurden, waren blank und hell, wie Ziervogelkäfige.

Christiane aber bewohnte mit drei Kolleginnen ein enges Kabinett im Hintergebäude, in dem zwei alte Holzbetten der Quere nach nebeneinander und zwei an der Wand standen. Dazwischen war nicht viel Raum. Im Flur befand sich ein wurmzerfressener Kleiderschrank, in dem die vier Lehrerinnen ihr Eigentum aufbewahren konnten, und unter dem schmalen Zimmerfenster war eine Bank etabliert, unter der das Schuhwerk stand, während man die Oberfläche ganz gut als Tisch benutzen konnte.

Die Lehrerinnen durften nur dunkle, hochgeschlossene Kleider und glattgestrichene Haare tragen.

Christianens Bettnachbarin war eine nicht mehr junge Holsteinerin, die beiden anderen eine Engländerin mit einem dunklen warmen Schmeichelgesicht und eine magere Französin, die etwas von einer Ziege an sich hatte. Diese beiden trieben bei guter Laune Spaß, nannten sich die ›Babies‹ und stellten sich an, als ob Christiane und die Blonde Vater und Mutter seien und das Ganze eine warme Familienstube. Die Holsteinerin sagte nie ein Wort dazu. Einmal erwachte Christiane von etwas Merkwürdigem, horchte in die ferne Mondnacht hinaus und merkte auf einmal, daß ihr ganzes Lager zitterte. Neben ihr lag die Holsteinerin in einem furchtbaren, rüttelnden, lautlosen Weinen.

Am Morgen wagte Christiane die andere kaum anzusehen, aber die hatte keine Ahnung von der Beobachtung, sondern tat ihre Pflicht in derselben verschlossenen Art wie zuvor.

Die arme Wehrendorf hieß bald nur das ›Sneewittchen‹.

Die junge au pair-Lehrerin mußte nämlich aus Platzmangel in einem gläsernen Erker schlafen, der an ein Zimmer der Pensionärinnen grenzte und nur Raum für das Bett und eine Waschkiste bot. In der Tiefe lag der See, und die Schwalben strichen ganz nahe an den nur mit dünnen Gardinchen verkleideten Scheiben vorbei. Es gab viel Gekicher unter den verwöhnten jungen Damen, wenn die Lehrerin in ihr Glaskästchen ging, und die Wehrendorf trug es stumm und ergeben wie das Pechkind im Märchen.

Die dicke Leiterin konnte mit dem großen Unternehmen allein nicht fertig werden, sondern hatte als Stab ein paar ältere Lehrerinnen um sich, unter denen besonders ein zähes, dürres Fräulein Beierlein hervorragte, die sich mit der Ausbildung der ›Neuen‹ beschäftigte.

Die konnten ihre mühsam erworbene Schulweisheit getrost in den Koffer packen. In diesem Erziehungskasten ging es nur darum, sich die Zufriedenheit der Zöglinge und deren Eltern zu verschaffen – wehe der Lehrerin, über die eine junge Dame sich beklagt hätte! Und dreimal wehe der, um deretwillen eine Pensionärin verloren gegangen wäre! Die achtzig wurden behütet wie Gold – das war Geschäft!

Die Miß und die Französin standen in einem bewährten Freundschaftsverhältnis mit der Beierlein und hatten die Organisation dieses vortrefflichen Institutes vollkommen begriffen. Christiane und die Wehrendorf aber hörten alle Augenblicke den windschnellen Schritt der Vorgesetzten hinter sich und wurden mit nadelscharfen Blicken aufgespießt und von spitzigen Worten ins Herz getroffen.

Was der Mann am Weib verschulden kann, reicht in aller Welt nicht an das, was eine Frau der andern anzutun vermag, besonders, wenn die eine alt, die andere jung, die eine übergeordnet und die andere untergeben ist!

Die beiden kamen aus den Unterrichts- und Aufsichtsstunden nicht heraus. Der Dienst währte von morgens sechs Uhr bis abends um zehn Uhr. Die Wehrendorf mußte auch Zimmer putzen, die jüngeren Zöglinge baden und kämmen und der dicken Vorsteherin bei der Toilette helfen. Freistunden gab es nicht. Ausgänge auch nicht. Mit den Zöglingen gingen immer nur die älteren Lehrerinnen.

Christiane kam kaum in den Garten, erblickte Wald und See und Berge nur von den Fenstern und Terrassen aus und hatte von der neuen Welt nur ganz verwischte Vorstellungen. Sie hörte die Pfiffe der Züge, mit denen sie in den Tunnel glitten, das Geläut, mit dem sie wieder herauskamen, die Signale der Dampfer und die Stimmen der Touristen.

Oft wurden junge Mädchen von ihren Anverwandten abgeholt und kamen abends froh erregt wieder. Blumen wurden bei jeder Gelegenheit hereingeschleppt und die Pensionszimmer malerisch damit geschmückt. Es gab große Ausflüge, sanfte Besteigungen und Dampferpartien, an denen die beiden jungen Lehrerinnen aber nicht teilnehmen durften. Eine Freude blieb der armen Wehrendorf: sie mußte jeden Sonntagabend die an diesem Tag laut offizieller Erlaubnis geschriebenen Briefe der Zöglinge nach der weiter unten im Ort befindlichen Poststation bringen. Mit Stößen von legitimen Liebesbriefen zog das arme, häßliche Sneewittchen los und genoß die kurze Freiheit.

– – Christianens Nerven begannen zu versagen. Ihr grauste vor dem Lärm, dem Geschnatter, dem mechanischen Unterricht, den unaufhörlichen Aufsichtsstunden, dem Aufpassen der Beierlein und dem nächtlichen Zusammensein mit den Kolleginnen. Ergab sich am Tage einmal ein passender Moment, so stürzte sie nach oben in ihr Zimmer, in dem um die Zeit niemand war, verriegelte die Tür und starrte aufatmend um sich: allein! Allein! Ihre Blicke wanderten. Scheu horchte sie nach außen und atmete von neuem auf: allein – allein –!

Leise schlich sie an ihr Kommodenfach. Doppelt verschlossen lag da ihr bißchen Eigenes: ihre Zeugnisse, die Briefe der Mutter und die Tagebücher der Frau von Rhane! Wie gut, daß sie vor der Abreise noch die Mappe gekauft hatte – jetzt hatte sie doch ein Fleckchen für sich!

Allein – allein – – – –

Da rief es schon draußen, da trippelte es und klopfte an die Tür: »Fräulein Dorreyter! Fräulein Dorreyter!« Christiane fuhr, öffnend, zurück – das Fräulein von Rhane! Jäh sah sie, was sie noch nicht gesehen hatte: das Jugendgesicht der Mutter, die Rhanesche Schönheit.

»Fräulein Beierlein läßt bitten,« sagte die junge Aristokratin in dem wenig respektvollen Tone, den die Pensionärinnen für die Unterlehrerinnen hatten.

– – Christiane konnte nicht schlafen. Nacht für Nacht ging das stumme Weinen der Nachbarin. Christiane wollte manchmal rufen, fragen, die anderen wecken, aber sie wagte es doch nicht: es war für die Verzweifelte die einzige Stunde, in der sie allein zu sein glaubte – allein!

Stundenlang zitterte das Bett. Stundenlang liefen Christianens krause Gedanken zur Mutter zurück und zu der Frau von Rhane. Sie sah die blonde Familienschönheit und wieder die Frau von Rhane.

Blau schien die Mondnacht. Ein ungewisses Raunen scholl: der See. Ein Flimmern stand fern: die Berge.

Die Französin schnarchte mit spitz gehobener Nase, die Miß hatte ihr Haar stramm geflochten und den abgebundenen Zopf an den Bettpfosten gehängt. Das Lager der Holsteinerin hob sich in schweren, krampfhaften Stößen – –

Christiane dachte an die Frau von Rhane.

Eines Morgens sagte die Wehrendorf: »Du, deine Schwester wird ja heiraten –!«

Christiane starrte sie an. »Hardi!« Sie hob die Hand zur Stirn. »Hardi!«

»Ja, ja,« sagte Ada hinterhältig.

Christiane dachte nach. Die Mutter hatte angefangen, Hardi gewaltig mit Eiern und Peptonen zu füttern, denn zum Herbst sollte sie auf ein anderes Seminar.

Christiane schrieb eine scherzhaft vorsichtige Anfrage. Sie wußte, es war Unsinn. Wen sollte Hardi kennen bei dem Leben, das sie führten. Wen? Wen?

Die Antwort kam, und die Mutter entschuldigte sich und Hardi. Es war auch gradezu romanhaft. Auf der Straße hatte ein Herr von der Regierung Hardi gesehen und verfolgt, dann war korrekte Bekanntschaft daraus geworden. Er hatte Besuch gemacht. Sie mußten ihn einladen. Die Mutter knüpfte beunruhigte und bestürzte Bemerkungen daran.

Nach drei Wochen kam die Anzeige: Hardi Dorreyter und Ludwig von Cöldt, und die Mutter schrieb hoffnungsvoller. Die Verhältnisse seien ja gut. Es sei wohl das beste für Hardi. Zum Herbst wäre Cöldt nach Posen versetzt und wolle vorher heiraten. Er sei sehr verliebt.

Christiane dachte an die Peptone.

Sie schrieb an die Schwester und bekam einen kleinen, halb verlegenen und halb triumphierenden Brief. Fräulein Schmöckler hatte die Anzeige bekommen!

Christiane konnte an der Hochzeitsfeier nicht teilnehmen, denn sie bekam keinen Urlaub, auch das Reisegeld hätte gefehlt. Sie sandte ein Telegramm und durfte es selbst zur Post bringen.

Sie ging an roten Ranken vorbei und sah blaues Wasser und unwahrscheinlich weißes Getürm in der Höhe. Eine gebogene Straße lief in die Ferne hinein.

Nachher mußte sie Schrankrevision halten, fand sehr viel Schokolade und ein Dutzend illegitime Liebesbriefe.

Die Depesche war längst in der Hochzeitsgesellschaft.

Im Winter gab es Tanzstunden, Faschingfeste, Theateraufführungen und Schlittenfahrten. Die Wehrendorf erfror sich in ihrem Glaskäfig die Zehen und wurde in einem Badezimmer einquartiert. Sie hieß jetzt ›die Seejungfrau‹.

Christiane erhielt Botschaft aus Posen. Die Mutter war zu Weihnachten dort.

Nebelzeiten begannen. Die Schlafkammer war lichtlos. Es regnete.

Eines Morgens war das Bett der Holsteinerin leer. Ihre Sachen hingen da. Sie war fort.

Der Aufruhr wurde im Keim erdrückt. Keiner durfte eine Frage stellen. In das Bett kam schon nach wenigen Tagen eine Belgierin, die sehr schnarchte und aussah, als ob sie sich nicht ganz sauber wüsche.

Christiane lag noch immer häufig wach. Sie hörte den Tropfenfall und sah die Verschwundene auf nackten Füßen durch den Tauschnee eilen. Wohin? Wohin? Zu wem?

Sie stand und horchte. Der Föhn heulte. Die Fenster zitterten.

Leise öffnete sie einen Flügel. Schwül schoß es ihr entgegen: drüben war der See. Sie sah ferne Straßen. Wohin? Wohin? Zu wem?

Ihr Herz zitterte.

Am Sonntagabend war es klar. Die Wehrendorf erschrak, als Christiane auf einmal an ihrer Seite stand: »Ich gehe mit dir zur Post!«

Der Wind pfiff. Aus dem geschuppten Wasser sahen entfremdete Sternbilder.

»Hier war es sicher – hier,« flüsterte die Wehrendorf, scheu auf das Ufer deutend.

Christiane lachte und eilte weiter.

»Wohin willst du?« rief Ada ihr nach.

Es ging bergauf, der Wind kam bergab. Wuchtig und warm schlugen seine großen Flügel, wuchtig schlugen sie auf die brausenden Wasser, wuchtig fuhren sie an Christianens warmen Mädchenleib. Die Sterne zitterten.

Ada Wehrendorf rief aus der Ferne.

Christiane aber ging, wie sie in ihrem Leben noch nicht gegangen war. Sie ging auf der Erde, deren freie Krume sie noch nie so unter ihren Schuhen gespürt hatte, in der Luft, die noch nie so rein in ihren Lungen gewesen war. Sie fühlte im Sturm die Gletscher, über die er gefahren, die Wälder, durch die er gestürzt war, die Wasser, von denen er getrunken hatte. Sie fühlte den freien, dunklen Duft der Welt.

Allein!

Beim Nachhausekommen erhielt sie ihre Kündigung.

* * *

Als Christiane der Mutter davon schrieb, kam ein erlöster Brief: »Geh nach Posen. Hardi hat Heimweh. Geh nach Posen.«

Christiane reiste.

Die Polen feierten eben Ostern. Die Stadt inmitten der Wälle war voll gedrängtem Glockengeläut. Man betete und aß, aß und betete.

Herr von Cöldt holte Christiane vom Bahnhof.

»Hardi geht es nicht gut,« sagte er.

Sie begriff erst in diesem Augenblick, in welch ernstes Ehekapitel man sie hereingeholt hatte.

Hardi lag im Schlafzimmer. Sie war viel hübscher, als Christiane sie in Erinnerung hatte, ihr Profil zeigte eine pikante Mischung von Soubrettenhaftem und Sentimentalem. Sie warf dem Mann einen schnippisch koketten Vorwurf zu, der ihn zum Gehen zwang, und fing hinter ihm ein fürchterliches Weinen an. Christiane entdeckte jetzt, auf sie niederschauend, die Veränderung der Gestalt.

Hardi fuhr auf. »Bitte gib mir das Morphium.«

»Morphium nimmst du?« fragte Christiane, an die Mutter denkend.

Hardi warf einen Blick ringsum. »Schon lange.«

»Warum?« fragte Christiane herzlich, sich über sie neigend, »leidest du an Schlaflosigkeit? Oder was ist dir eigentlich?«

»Was mir ist!« Hardi lachte nervös auf. »Siehst du denn nicht, was mir ist – haha – –«

»Wie sprichst du nur,« sagte Christiane, »wenn das dein Mann hört –!«

»Das sage ich ihm immer.« Hardi warf sich herum. »Das sage ich ihm. Und noch mehr: er ist schuld.«

Christiane blickte auf sie nieder.

Ihr Herz schlug, leise rann es an sie heran.

»Er hat dich doch lieb,« sprach sie.

Hardi starrte sie gläsern an. »Ja–aa lieb,« sagte sie. Dann deutete sie ringsum. »Hier bleibst du. Mein Mann schläft hinten. Wir bleiben zusammen.«

»Warum hast du ihn denn genommen?« fragte Christiane.

»Weil mir bange war. Weil die Schmöckler mich herausgejagt hatte. Was blieb mir sonst übrig? Stundenlang haben wir überlegt, die Mutter und ich. Es war ja wegen der Mathematik. Das war ja der Haken bei mir. Damit wäre ich nicht durchgekommen ...«

»Das hättest du immerhin noch versuchen können. Deshalb –« Christiane sah sie an, »deshalb – – – Du mußt ihn doch – – du mußt ihn doch lieb gehabt haben!«

»Ja–aa. Lieb – ja. Aber nicht so. Nicht so.« Hardi zog die Schultern ein. »Wenn ich gewußt hätte! – – Das hab ich nicht gewußt. Das hat mir niemand gesagt. Sonst wäre ich lieber – –« sie sah mit irren Blicken um sich.

Christianens Backen brannten.

Vor den Fenstern war weites, flaches Land. Unten auf dem Wall ging ein Infanterieposten.

»Du wirst dich noch daran gewöhnen,« sagte sie leise, »es war der Übergang. Wenn du erst weiter bist –«

»Davor graut mir ja,« rief Hardi. »Deshalb schlaf ich schon nicht mehr. Ich bin ja so schwach. Die Mutter hat Angst, ich komm nicht durch. Jetzt tut ihr's leid.«

»Die Mutter hat dich mit ihren schwarzen Gedanken angesteckt.«

Hardi schauderte. »Damals hatte ich Angst vor dem Examen. Ach – tausendmal lieber würd ich jetzt ins Examen gehen, als das durchmachen, was mir nun bevorsteht!«

»Du bist hysterisch,« sagte Christiane scharf.

»Ich bin wie die Mutter. Der ist es auch so gegangen. Sie hat keine Kinder haben wollen. Sie hat nie Frau sein wollen. Ich auch nicht.«

»Das hättest du wirklich vorher bedenken müssen. Aber ich glaube, du lachst noch einmal darüber.«

»Jetzt lache ich nicht,« sagte Hardi. »Jetzt bin ich krank.«

Ludwig kam herein. Er und Christiane sahen sich an. Sie fühlte, daß seine Hoffnung bei ihr stand.

* * *

Es war noch das alte Posen mit dem dumpfen Gassengedräng, den mächtigen Wällen und den polnischen Dörfern dicht vor den Toren.

Es war urfremdes Land.

Fremd war das kleine, dunkle Volk, die vielen Kirchen und Kleriker, die langen Leichenzüge und der geniale Schmutz. Von der Warthe her kroch der Typhus, von den Dörfern her die Granulose.

Was deutsch war, saß lose obenauf, ging und kam und hatte wenig Freude an der gewagten Existenz.

Nach dem internationalen Gewäsch in der Schweiz war Christianens Blick für einfachere Konflikte offen. Sie hatte Freude an der ungeheuren Spannung, die zu ihr herüberwehte.

Ludwig von Cöldts Chef gehörte noch zur alten Schule, die mit den Polen tafelte. Um ihn herum aber raunte es. Eine deutsche Zeitung, die bisher in politisch gleichgültigem Fahrwasser geplätschert war, hatte sich auf einmal rätselhaft einer anderen Richtung verschrieben und schoß Pfeil auf Pfeil auf den ziemlich wehrlosen alten Herrn. Im polnischen Lager summte Unruhe auf, der heimliche Konflikt wurde bloß. Der Deutsche wehrte sich plötzlich gegen seine geduldete Existenz in diesem Lande, das von seinen Kräften fraß und stark wurde. Der Pole verteidigte seinen uralten Boden.

Der Kampf war da.

Den Anfang dieser Zeit erlebte Christiane Dorreyter in Posen.

Der Frühling wußte nicht viel zu zünden. Auf den Feldern hob sich ein riesiges, eintöniges Grün empor, die wilden, niedrigen Glacisbäume blühten. Die Warthe trieb gelbe Flut aus Rußland.

Christiane begriff, daß es schwer und seltsam war, hier zu leben. Sie kam nicht zum Klaren, ob Cöldts Versetzung eine zufällige war. Jedenfalls war er mit dem Mut der alten Kolonisten hergekommen, und sein Junkerblut drängte zum Kampf.

In Christiane war noch etwas von der freiheitlichen Abendstunde in den Bergen. Sie spürte den Osten wie einen fremden, starken Trank, mit dem sie fertig zu werden versuchte.

Sie schalt über Hardis Gleichgültigkeit. Ludwig gegenüber war sie erst unfrei, ihre Gedanken fielen ihn oft hinterrücks niedrig an. Dann wurde sie ruhiger und fast etwas beschämt.

Seine Art machte sich geltend.

Er besorgte ihr ein Pferd, und in freien Stunden ritt sie mit ihm bald junkerhaft durch die warmen, dampfenden Glaciswälder oder in die Felder hinaus, über denen die Windmühlen gingen.

Anfangs dachte Christiane noch an ihre bisherige Existenz, dann versank das.

Sie war aus einem Traum ins Wahre gekommen oder knüpfte an etwas an, das früher gewesen war.

In diesem flachen, unendlichen Lande war sie schon einmal gewesen, die Zügel in der Faust.

Über diese Straßen war sie schon einmal herrinnenhaft geritten, den Gesellen neben sich.

Es war ein Traum, der aus dem unendlichen Frühling dieser slawischen Unendlichkeit stieg. Es war doch Frühling.

Ludwig suchte sich auch literarisch zu informieren und brachte eine Menge polnischer Literatur an; Krasinski und sogar Kraszewski, vor allem aber Mikiewicz und Sienkiewicz.

Christiane las immer in einer gewissen Distanz, mit scharfem, jungem Denken und mit dem überlegenen Gefühl ihres reinen Germanentums, das dem slawischen Bruder das Leben und die Kultur im Herzensgrunde absprach.

Hardi beteiligte sich an diesen Erörterungen immer nur zeitweilig. Wenn sie wieder an ihren Zustand dachte, sanken ihr die Flügel, und sie saß wie eine Verurteilte.

Ludwig erzählte auf einem der Ritte von seinem Vorfahren, der mit Heinrich von Plauen gezogen war. Darauf begann Christiane von der Frau von Rhane zu sprechen, und er wurde aufmerksam und bat um die Blätter. Hardi hatte nichts davon erzählt.

Christiane wußte: sie war äußerlich keine Rhane, ihr fehlte die blonde, reinblütige Schönheit, wie sie im Grunde auch Hardi fehlte. Nur ihre Hände waren rhanisch. Ihre Hände waren die der Frau von Rhane.

Traumhaft ritt sie durch die maiheißen Straßen, die Mühlen gingen. Ihr Körper bog sich nach dem Rhythmus des Tieres, die Rhaneschen Hände regierten es.

Ihr Blut war das der Frau von Rhane.

Traumhaft sah sie in die maiblaue Ferne. Glühend, wie ein fallender Stern schoß es ihr durch die Seele. Wohin? Wohin? Zu wem?

»Ein Schicksal,« sprach Ludwig neben ihr.

Sie fuhr herum und sah ihn an.

»Unsere Mutter sagt: ›Schmutz‹.«

Er verzog den Mund und sagte: »Wir wollen zu den Mühlen.«

Sie trabten schneller, der Staub war wie lange Fahnen hinter ihnen. Mitten im Geklapper hörten sie Lerchenlaut. Sie trabten. In Christiane war der Rhythmus der Leonorenballade, ihr Blut sauste. Sie sah nichts mehr. Sie jagten.

Am Abend war ein Gast da.

Cöldts lebten sehr zurückgezogen, da Hardi sich gegen jeden Verkehr gesträubt und die gutmütig und neugierig teilnahmsvollen Kollegenfrauen beinahe brüskiert hatte. Sie hatte die Bilder ihrer Heimat um sich und unterhielt sich mit ihnen und schrieb heimwehkranke Briefe an die Mutter.

»Kraneis ist ein guter Kenner der slawischen Literatur,« sagte Ludwig.

Der Doktor war sein Studienfreund und als Assistent an der damals noch herzlich unfertigen Bibliothek tätig. Seine Stellung war auch unfertig. Er erwog immer die Aussichten, die sich ihm in dem sich nun langsam kultivierenden Posen eröffnen konnten, und schrieb zwischendurch Bewerbungsschreiben an alle Orte, in denen man einen Bibliotheksleiter suchte. So war sein Sinn auf jeden Fall zerspalten, und wenn er einmal fanatisch begeistert über die Kultivierung des Ostlandes sprach und nicht genug Opfer an deutschem Blut und deutscher Kraft erwarten konnte, wenn er sich in slawische Verhältnisse nachfühlend hineingrub, die östliche Seele ergründete, Polnisch lernte und Mikiewicz zitierte, so war er ein paar Tage später ganz und gar westlich gesinnt und redete mit Ausdauer und einem wahrhaft deutsch biederen Beamtentum von Elberfeld oder Mainz.

Christiane begann dieser Mensch zu interessieren und zu amüsieren. Sie getraute sich aber Ludwig gegenüber nicht viel darüber zu sagen, weil sie nicht wußte, wie weit dieses Freundschaftsverhältnis in die Tiefe ging.

Eines Tages suchte sie Bücher aus Ludwigs Bibliothek zusammen, weil Kraneis kommen sollte, und brachte neben Mereschkowski einen – Reiseführer durch Mainz, der ihr zufällig in die Hand geraten war. Ludwig sah ihn betroffen an – dann begriff er. Sie leise anblickend, sagte er mit einem feinen Lächeln:

»Weißt du auch, Christiane, warum dieser Kraneis jetzt so unheimlich westdeutsch wird? An Mainz knüpfen sich jetzt seine größten Hoffnungen.«

Sie schaute ihn an. »Er will sich dort eine feste Zukunft gründen, denke ich.«

»Und zwar recht fest. Bürgerlich fest. Haus und Herd.«

Jetzt stutzte sie. Dann hatte auch sie begriffen.

Als Kraneis dann erschien, bekam er den Führer durch Mainz nicht zu sehen.

Er sprach aber nur von dieser Stadt. Ein dortiger Freund hatte ihm unter der Hand Nachricht gegeben, daß seine Sache sehr günstig stünde.

Christiane fragte nach diesem Freunde, und seine Miene wurde etwas verlegen.

»Er ist in der Stadtverwaltung. Freilich nichts Besonderes. Hat sich so durchdrücken müssen.« Er zögerte eine Sekunde. »Wir waren Nachbarskinder in Neustadt.«

Christiane sah den jungen Mann an. Handwerkerssohn, dachte sie. Nicht, daß sie ihn deshalb verachtet hätte, aber irgend etwas an ihm störte sie. Vielleicht die Hände, die Bewegungen überhaupt. Oder die Sprache. Wahrscheinlich die Sprache.

In Mainz hatte auch die Frau von Rhane einige Zeit gelebt, nach ihrem Glanz als Witwe. Ihr Mann war bei einem Schlaganfall vom Pferd gestürzt und gestorben. Die Witwe hatte Bittbrief auf Bittbrief um eine Gnadenpension geschrieben. Dann war sie gestorben. Ohne Gnadenpension.

Irgend ein Gedanke zog in Christiane empor und hatte Farbe und Macht aus der kurz verstrichenen Vergangenheit. Sie sah auf einmal wieder das stickige Lehrerinnenzimmer in der Pension, hörte das Herantraben der Beierlein und das nächtliche Schluchzen der Holsteinerin.

Warum nicht in Mainz leben, als Frau Stadtbibliothekar? Reiten kann man doch nicht immer.

Sie war an dem Abend zerstreut. Hardi war ausnahmsweise dabei und wollte, von diesen Dingen gänzlich unberührt, etwas über Mereschkowski wissen. Die Übersetzung der Verse war von einem Kollegen Kraneis', einem Balten besorgt worden.

Kraneis schien auch nicht bei der Sache. Was ging ihn dieser hoffnungslose Russe an, was die fremde Flut, die mit dumpfem Brausen draußen dicht vor den Toren stand und weithin über Steppen und Steppen reichte? Er war weit weg, im goldenen Mainz.

Hardi zitterte. Das Fleckchen, auf dem ihr bißchen Leben verstört hockte, erbebte. Sie begann plötzlich laut zu schluchzen. Kraneis hielt erschrocken inne. Ludwig eilte zu ihr hin. Sie stieß ihn zurück. Aufweinend lief sie aus dem Zimmer.

Christiane ging ihr nach. Hardi wollte ihr Morphium haben. Die Schwester griff schon danach, aber auf einmal sank ihre Hand nieder, wie gedrückt. Wie sollte das werden? Was für Kraft bekam Ludwigs Kind? Was für Willen, was für Blut? Mit Giften wurde sein Organismus getränkt, noch ehe er ganz entwickelt war.

»Du sollst nicht,« sagte sie mit eiserner Energie. »Du darfst nicht. Ich gebe dir's nicht. Ich gebe dir's nicht.«

Sie setzte sich zu Hardi aufs Bett und hielt den Arm unter ihren Kopf, leise redete sie ihr zu. Die junge Frau weinte.

»Ich gebe dir's nicht.«

Hardi schrie, sie bettelte.

»Nein, nein,« sagte Christiane. Sie machte sich frei. »Du sollst Kraft haben! Du mußt!«

Scharf sah sie auf die Schwester hernieder. Hätte sie ihr nur von ihrem Willen abgeben können, von ihrem starken, entschlossenen Blut!

»Du mußt Kraft haben aus dir allein. Du darfst dich nicht einlullen. Durchhalten sollst du.«

Hardi wimmerte.

»Gib. Gib.«

Sie schluchzte.

Da kam Ludwig.

Christiane sagte ihm kurz Bescheid.

Er sah zu seiner Frau hin. Ohne Christiane anzublicken gab er ihr das Morphium. Dann ging er zur Tür hinaus.

* * *

Am nächsten Tage sprach Christiane mit dem Arzt.

Der sah sie ernst an.

»Die gnädige Frau ist sehr krank.«

»Krank –«

»Sehr krank,« sagte er mit dem scharfen ›R‹ der altansässigen Deutschen. »Sie fühlt vollkommen das Richtige. Ihr Organismus ist für die Ehe nicht geschaffen, wenigstens war sie viel zu jung. Es wird einen bösen Kampf geben.«

»Weiß mein Schwager – –«

Der Arzt zuckte die Achseln.

Wie geschlagen blieb Christiane zurück. Die ganze schöne Einrichtung der Wohnung, die Ludwig bezahlt hatte, schien ihr wie die Dekoration eines Totenhauses. Die kleine Hardi hatte ihre Examenscheu und das bißchen Frauenglanz mit dem Schwersten zu bezahlen. Ihr inneres und äußeres Wehren war der wahrhaftige und unbewußte Ausdruck der ahnenden Kreatur.

Sie ging zur Schwester und begriff nicht. Alles in ihr lehnte sich dagegen auf, in einem bißchen Wärme so dahinzuschwinden. Sie dachte wiederum an die Frau von Rhane.

Es blieb ihr wohl übrig, Ludwig vorzubereiten. An dem Tage hatte sie grade versprochen, ihn vom Amt abzuholen.

Das Regierungsgebäude lag mitten in der Altstadt an einem schmutzigen Markt und dicht bei einer riesigen dunklen Kirche. Weiber mit groben Tüchern um den Kopf kamen langsam und geduckt daher, Glocken läuteten. Sie sah durch ein Portal in das flimmernde Dunkel hinein: dort hinten war der Stern, an den sich das dumpf elende Volk hier hielt. Sie sann: konnte das auch über einen kommen? Kam nach aller Jugend oder – mitten in der Jugend – eine Stunde, in der man Hilfe brauchte – solche Hilfe?

Da fiel ihr Hardi ein. Die hatte – Morphium.

»Wollen wir noch tiefer in die Polackei?« fragte Ludwig, der ihr eben durch die enge Gasse entgegenkam, »oder ins – Freie?«

»Lieber ins Freie,« sprach sie hastig.

Sie waren auch dort in der Polackei. Rings um die Stadt zogen sich, dicht an die Wälle gedrückt, zahllose polnische Kirchhöfe. Wild war das Gesträuch drinnen gewachsen, wild lagen die Gräber, von den Leichensteinen sahen fremde Worte und Zeichen. Alte Weiblein zogen herum und schienen den Tod zu suchen, Kinder schlichen diebisch um die Blumen, da und dort kam eine ganze Familie an, um ein Grab zu begießen. Der Faulbaum duftete über den Zaun.

Es war keine Gegend, um von dem zu reden, was Christiane zu sagen hatte. Aber – wo war eine andere? Ihr kam es plötzlich vor, als müsse ganz Posen Ludwig wie ein Grab erscheinen, in dem alles Seine versunken war. Dabei fiel ihr auf, daß er selten mehr eine direkte Frage nach Hardi tat. Man merkte ihm kaum mehr die Besorgnis des Ehemanns an, der seine Frau in solcher Lage weiß. Kaum, daß er auf eine Erkundigung einging. War er schon – fertig? Was war alles vorgegangen?

Herrgott, dachte Christiane, wie gut könnte das sein. Warum muß gerade hier die Tragödie beginnen?

Er sprach über die augenblickliche politische Lage. Des alten Herrn Stellung war zweifellos erschüttert, selbst wenn dem frechen Blatt der Mund gestopft wurde. Die Zeitung mußte es büßen und die Exzellenz auch. Und dann – kam der neue Kurs.

»Du bist hier glücklich?« fragte sie, die eben noch gegrübelt hatte.

»So lange ich Arbeit habe, ja.«

Wie sie dir paßt, dachte sie. Mit einem Schablonenwerk bist du nicht zufrieden. Man läßt dir hier anscheinend Raum und wird dir vielleicht noch mehr lassen. Sie war schon längst überzeugt, daß er zu den Junkern gehörte, die noch Führer sein konnten, nicht nur Namensträger und Konnexionennützer. Er stammte aus einer altpreußischen Familie, sein Vater war als Intendanturrat in Danzig gestorben. Sie dachte: das hier wird ihm eine gute Lehrzeit sein. Seine Waffen können sich nicht besser schärfen, als hier im Kriege – selbst wenn der neue Kurs doch schließlich wieder im Sande verlaufen sollte. Selbst wenn er eine Weile Zickzack mitmachen muß, wird doch sein Gewicht einmal so stark geworden sein, daß er an irgend einer Stelle den Zickzack – biegt.

Sie erhoffte Großes von ihm.

Beide waren sie von jenem weltfremden alten Blut, das das moderne Protzentum, den Wettbewerb, die brutale Menschenausnützung, den Kapitalismus verachtete. Ihm war es noch undenkbar, anders als vom Staate Geld anzunehmen, jemand anderem als dem Staate überhaupt zu dienen. Er gehörte zu jenem stillen, armen Junkertum, das heute wie ein schmaler, alter, verrosteter Degen im Winkel liegt.

Auf einmal fiel ihr Hardi wieder ein, Hardi, seine Frau, die vielleicht sterben mußte.

Sie stockte mitten im Satz.

»Was ist dir?« fragte er.

Drüben hinter dem blühenden Dorn, der schwer niederhing, stand ein einsamer Mann an einem frischen Grab.

Sie zuckte.

Er folgte ihrem Blick.

»Wie häßlich ist das hier,« sagte sie nervös.

Wie kann ich in ihn eindringen, dachte sie plötzlich. Er muß selber fühlen, was vorgehen wird. Ich kann ja doch gar nicht an ihre Ehe heranreichen.

Sie kam sich in ihrer Absicht unzart vor.

Er wandte die Augen langsam vom Kirchhof weg und nahm das frühere Thema wieder auf.

Warum konnte ich nichts sagen? fragte sich Christiane, als sie abends in ihrer Stube saß. Ein Gedichtband aus Ludwigs Bibliothek war hingelegt. Beim Blättern schlug ein Gedicht von Agnes Miegel auf. Es hieß »Heinrich von Plauen. Lochstedt 1429«. Anfang und Schluß blieben ihr besonders im Gedächtnis.

Grau und schlaff

Dehnt sich das Haff.

An der Straße von Bischoffshausen

Müssen noch Linden in Blüte stehn,

Ich spüre den Duft in wanderndem Wehn

Und höre heimlich ein Bienenbrausen,

Das leise Rauschen der brandenden See.

Nie rastendes Weh,

Immerwogendes Leid, dessen salzige Fluten

Bis zur Seele mir stiegen,

Nun lege auch du

Wie das Meer da draußen,

Dich endlich zur Ruh.

Mit diesem Sommer wirst du verbluten,

Herz, das nie gelernt zu entsagen.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ich will hinab nach dem Hofe sehn.

Daß ich so frei darf gehn

Ist mir noch immer wie ein Traum.

Früher merkte ich's kaum,

Wenn ich Stunden und Stunden im Sattel gesessen.

Ich glaube, ich habe das Reiten vergessen.

Meine Glieder sind steif, die Stiege ist steil.

Es dauert eine gute Weil,

Eh' die Hand den Riegel zurückgeschoben. – – –

Heiß und schwül war es droben.

Hier unten ist's kühl und abendstill.

Aus den Ställen kommt der Kühe Gebrüll.

Wie Gold ist die Luft,

Purpurn im Abendduft

Über dem flutenden Tief

Ragt die Feste.

Die immer leise rief,

Die See, schläft ein,

Der Abend allein ist das Beste.

Sie schauerte und träumte. Ihre Augen spähten in die Nacht über den Wällen. Ihre Sinne suchten die Zukunft zu durchdringen und fanden plötzlich nichts mehr, keine Hoffnung, keine Aussicht, nichts mehr, nichts – – Der Abend allein, dachte sie – – –

Am nächsten Tage kamen Bücher für sie vom Doktor Kraneis. Nichts Slawisches. Alle diese Bücher waren rein germanisch und kümmerten sich nicht um östliche Konflikte. Kein Sturm schlug hinein, nur hier und da eine zarte Welle Lyrik.

Er hat einen ganz guten Geschmack, überlegte Christiane und bedachte dabei, daß seine Seele durch das ihr entgegenfahrende Glück wohl weicher und konfliktloser gestimmt sei, als sonst. Man merkte, er verlangte nach dem deutschen Herd und deutschen Süßigkeiten. Alle diese Bücher waren eine Liebeserklärung.

Sie sprach zu keinem davon, wurde etwas stiller und ging jetzt mehr für sich. Die Briefe der Mutter beantwortete sie in flach beruhigendem Tone, denn der Arzt wollte sie jetzt durchaus nicht hier haben. Damals hatte sie Hardi durch ihre Art noch aufgeregter gemacht.

Christiane traf Kraneis manchmal auf dem Wilhelmsplatz, in dessen Nähe die Bibliothek lag, sie gingen wohl ein paar Straßen lang miteinander, und sie spähte ihn verhohlen in Schärfe aus, fand nichts, das sie von ihm wegschob, aber auch nichts, das sie zu ihm trieb. Ob Ludwig – weiß? dachte sie immer. Ob man ihm gesagt hat –?

Hardi wurde immer reizbarer, hinfälliger, hoffnungsloser, und immer mehr nahm sie Morphium. Sie wußte jetzt aber von Kraneis' Absichten, und ihr Blick schlug manchmal wie eine Flamme über die Schwester hin, voll Geringschätzung und voll von verzweifelter Warnung.

Eines Tages fragte Kraneis, ob Christiane ihn nach dem Dom hinaus begleiten wolle. Sie ging mit ihm. Es war in der Zeit der Fronleichnamsprozessionen. Das holprige Pflaster der Straßen war mit geschnittenem Gras überstreut, die schmutzigen Hauswände mit Teppichen und Kränzen verhängt, an jeder Ecke war ein Altar. Am heiligen Nepomuk auf dem Markt flimmerten Kerzen, vom Rathausturm herab bliesen Musikanten, Volk an Volk war in den Gassen, bunt, voll Putz.

Vorsichtig drängten sich die beiden hindurch. Da waren die Bamberkas*) mit den weit starrenden, steifen, kniekurzen Röcken, die sommersprossigen kleinen Polinnen mit den Korallenkettchen um den Hals und den weiten schwarzen Jacken, die stieräugigen, halbbetrunkenen Bauern und Knechte aus der Umgegend. Dazwischen viele Kinder und so manche mit verbundenen Augen oder blauen Brillen, mit geschwollenen, tränenden Lidern. Überall Augenkranke.

*) Polonisierte Bambergerinnen.

Doktor Kraneis erzählte von einem Städtchen in der Umgegend, das er vor wenigen Tagen besucht hatte. Den Hut hatten sie ihm vom Kopf geschlagen, als die Prozession um die Marktecke kam. Und den ›Himmel‹, unter dem der polnische Propst mit dem Allerheiligsten schritt, trugen der Bürgermeister, der Kämmerer, ein Gutsbesitzer und ein junger Doktor. Der war ein Deutscher.

»Nein! Nein,« stieß Kraneis hervor. Und dann sprach er mit heiserer, feierlicher Stimme von dem goldenen Mainz.

Er hatte es.

Sie gingen rasch über die schmale, schmutzige Brücke, unter der das lehmgelbe Warthewasser trieb. Heute zog kein Flößer, kein Schiffer. Der Strom war leer. Aber weiter oben, wo die Ufer dämmerten, würden sie zum Sonnenwendstag eine nächtliche Johannisfeier veranstalten, Schiffe und Kähne würden sich zusammenrudeln, die rotweißen Fähnchen würden wehen, die Buntfeuer lohen und das ›Jeszcze Polska‹ über die Wasser klingen.

Ein paar junge Kleriker wanderten ihnen auf der Brücke entgegen, keinen Blick auf sie verwendend. Jetzt wurden die Straßen ganz eng, grabentief die Rinnsteine, hüttengleich die Häuser. Das Glockengeläut des Domes schwoll ihnen entgegen, die zwei kurzen Türme stachen in die Luft, ein paar Bäume grünten. An der Seite lag hinter hoher Mauer das erzbischöfliche Palais, in dem damals noch der kluge Stablewski hauste. Nach ein paar engen Gassen und düsteren Plätzen kam auf einmal freieres Land, ein grüner Wall, ein Tor, Wachsoldaten. Endlich Felder, Gärten, Land.

Christiane blieb stehen. Das war kein deutsches Land. Nicht mit der kühnsten Phantasie konnte man sich vorstellen, daß das deutsches Land sei: diese endlosen Felder. Hinter ihnen stand die finstere Silhouette des Domes, ein ferner Goldschein schwamm am Himmel: fremdes Abendrot. Fremdes Land – fremdes Abendrot. Vor ihnen, aus dem stahlblauen Osten wälzte es sich ihnen mit lautloser, zäher Wucht entgegen – die Fremde, die unendliche Ebene, die Steppe.

Man tat gut, wenn man floh.

Sie sagte es Kraneis, und er begann wieder bebend von Mainz.

Den Rhein würde sie nun also sehen. An seinem Ufer, über seine Brücken würde sie mit diesem Manne gehen, Arm in Arm und mit dem Bewußtsein und der Erinnerung enger Gemeinschaft. Sie blickte ihn an. Er sah doch nicht schlecht aus. Die Figur war gut. Sein Dialekt ließ sich abgewöhnen, oder vielleicht sprachen sie dort alle so.

Sie war dabei ›ja‹ zu sagen. Nicht feierlich, auf ein bestimmtes Wort, sondern im Nachgeben, im Eingehen, indem sie zuließ, daß er sie immer fester damit verflocht. Mainz – da konnte sie das Grab der Frau von Rhane suchen, vielleicht gab es auch noch das Haus, in dem sie gewohnt hatte.

Der neugebackene Bibliothekar streckte die Hand aus.

»Sehen Sie doch, wieviel Zwetschen dort angesetzt haben,« rief er selig, in einen der erbärmlichen Bauerngärten deutend, »so viele –!«

Seine ganze Herkunft klang aus diesem Wort. Man sah auf einmal das pfälzische Kleinbürgerhaus, aus dem er hervorgegangen war. Man fühlte das Milieu, dem er entstiegen war – es klebte ihm ja an! Wie er an den Zäunen entlangging, mit der Schulterhaltung seiner Ahnen, die Lasten getragen hatten, und immer noch nach den Zwetschen spähte, erkannte sie jäh, wieviel an ihm lose saß, wieviel er im Augenblick nur übergetan hatte, um ihr zu gefallen, wieviel Brücken er zu ihr hinüber gebaut hatte – die er dann sämtlich abreißen würde, wenn sie drüben bei ihm war – in Mainz.

Sie erkannte auf einmal, daß er in allem, was er vielleicht noch erreichte, in seinem ganzen Leben doch Kleinbürger bleiben würde, und wußte auf einmal eisern und unumstößlich: nein, nein, nein.

Es waren nicht Hardis zitternde Warnungen – – die nicht. Nicht die Ehe scheute sie, sondern die Ehe mit ihm. Sie würden sich nie verstehen.

Er betrachtete in glücklicher Jugenderinnerung noch immer die Pflaumen und sah wahrscheinlich im Geiste selber welche in seinem Gärtchen am Rhein, in dem er abends in der Laube womöglich in Hemdsärmeln saß.

Sie wußte immer sicherer: sie konnte, konnte nicht, und hörte mit kaltem, arglistigem Herzen auf seine Worte.

Endlich schien er ihr verändertes Wesen zu erkennen und zu begreifen, daß er sich etwas verdorben habe. Er fand es aber nicht, sondern suchte im Gegenteil das ganze Bauerndörfchen nach dem Glück im Winkel ab und wurde dabei immer ratloser, bis ihn schließlich der Trotz überkam. Er war doch jetzt der Stadtbibliothekar von Mainz, ein wichtiger Herr, um den man sich reißen würde – was machte ihm die arme Lehrerin aus, die sich sperrte. Wenn's ihr eben nicht paßte, na, dann nicht, dachte er zweifellos.

Sie las hellsichtig in ihm.

Bald nahmen sie kalten Abschied.

Als Christiane in die Wallstraße kam, traf sie Ludwig schon im Eßzimmer ihrer wartend. Hardi schlief bereits.

Er sah sie in jäher, eigentümlicher Prüfung an.

»Der Abend allein ist das Beste,« sagte er dann langsam.

Sie zuckte zusammen.

Irgend eine Welle schlug von ihm zu ihr, sie spürte sie in jedem Nerv, im Innersten erschüttert. Auf einmal sah sie die verflossene Stunde klarer – – Kraneis – o, Gott!

Ihr Herz schlug.

Sie saßen unter der verschleierten Lampe schweigend bei Tische, und Christianens Blick huschte immer wieder verstohlen zu Ludwigs festen Zügen. Ihre Gedanken wirrten hin und her, höhnten über Kraneis und zitterten zu Ludwig und hingen sich an ihn und wurden zart, weich, vergötternd. Verächtlich glitten sie zu Hardi hin, und alles Mitleid wandte sich zu – ihm.

Sie trennten sich bald.

Christiane fiel es nachher ein, daß sie Ludwig heute wohl am ehesten hätte vorbereiten können. Aber sie konnte nicht mehr.

Mochte alles – Schicksal seinen – Gang gehen.

Sie saß noch lange verstört in ihrem Zimmer, dann ging sie zu Hardi schlafen. Weit rückte sie von der Schwester ab, weit, ganz weit.

Sie hätte in dieser Nacht nicht denken mögen. Aber sie dachte viel.

* * *

Ganz unverhofft kam dann Hardis Stunde. Mitten im Juli, als alle Linden blühten. Christiane war bei ihr und schickte zu Ludwig aufs Amt.

Die Wohnung war voll Aufruhr, und dazwischen klang das trostlose Wimmern der Schwester, die keinen wilden Widerstand mehr aufbringen konnte. Sie war in der ganzen Zeit schon hundertfach im voraus gestorben. Nur in den Augen stand das ohnmächtige, haßvolle Widerstreben.

Der Mutter wurde telegraphiert.

Ludwig kam und kam nicht. War er beim Präsidenten? Hatte er irgend eine Konferenz? Sie wartete. Sie schaute aus dem Fenster. Auf jeden Wagen hörte sie. Immer noch kam er nicht.

Die Zeit verstrich. Die Lage wurde immer unheimlicher, und der Abend kam. Das fremde Rot brannte über der Ebene hinter den Wällen.

Da endlich ein Schritt auf der Treppe – Ludwig. »Ich konnte nicht eher,« murmelte er mit abgewandten Augen auf dem Flur. »Die Exzellenz – –« Seine Miene war bedeckt. Jetzt schien er sich auf einmal zu besinnen – er hörte auch. Seine Stirne wurde weiß.

»Hardi,« sagte er, wie in sich suchend, verstört.

Er blickte zu Boden.

In der Sekunde erkannte Christiane, daß er von Hardis verzweifelter Lage schon lange wußte.

Das Kind war tot, aber die junge Frau wurde gerettet.

Ludwig kam zu Christiane, die fiebernd, auf jeden Laut horchend, in ihrem Zimmer saß. Der Sommermorgen dämmerte, der weite, unendliche Sommermorgen des slawischen Landes. Lerchen sangen drüben. Fern drehten sich die Flügel der Mühlen. Weite, gelbe Felder leuchteten.

Ludwig sagte es.

Sie schauten sich an.

Und jetzt, da die Wellen verebbten, die das Haus erfüllt hatten, jetzt, da die Fluten der Unruhe, der ungeheuren Verwirrung und verstörten Erwartung aus ihren Herzen strömten – jetzt sahen sie erst, was sündig hoffend, sündig begehrend, heimlich darunter gelebt hatte.

Beide sahen es in dieser Morgenstunde.

* * *

Zwei Tage später reiste Christiane ab.

Die Mutter war gekommen und wollte einstweilen bleiben. Mutter und Tochter waren sich genug.

Ludwig brachte Christiane zur Bahn. Es war der Berliner Frühzug, der von Alexandrowo kommt, russischen Staub an den Rädern trägt und voll unruhigen Slawentums steckt. Juden, Polen, Russen, fast alles Geschäftsleute. Dazwischen ein paar Uniformen, Offiziere aus den großen östlichen Garnisonen, und einige Agrarier. Da und dort eine versprengte Familie mit Kindern, hilflos und stumpf in ein neues Leben hineinfahrend.

Das Abteil, in das Christiane stieg, war wie alle anderen schon sehr gefüllt. Ludwig stand draußen. Sie konnten sich ansehen. Dann und wann rannte jemand dazwischen, der verschmutzte Schaffner, ein Kellner, der Zeitungsmensch, Reisende, die noch aufgeregt nach leeren Abteilen spähten. Dann schauten sie sich wieder an.

Immer unruhiger wurden die Menschen, immer schneller liefen sie. Vom Anfang des Zuges her kam ein sonderbares Geräusch immer näher. Schlag auf Schlag. Immer näher. Jetzt kam der Schaffner heran. Schlag auf Schlag.

Nun wurde ihre Türe gefaßt.

An dem Mann vorbei streckten sich ihre Hände einander entgegen. Fest preßten sie sich, eisenfest. Stark sah Auge in Auge, alles bekennend, rückhaltslos.

Der Schaffner war weitergegangen. Jetzt kam der Ruf, der Pfiff.

Ludwig faßte die Tür und drückte sie mit leiser Hand zu.

Dann verschwand der Bahnhof.

Christiane sah in die weiten Felder hinaus, in die ungeheure gelbe Ebene, und ein wildes Verlangen faßte sie: hierbleiben, an seiner Seite um dieses fremde Land, diese riesigen Weiten ringen, kämpfen; kämpfen – mit ihm! Sie hätte jeden Zoll des rasend wegfliegenden Bodens festhalten mögen – diesen fremden, starken, feindlichen, geliebten Boden!

Bleiben, bleiben wollte sie! Über diese Ebene mit ihm sausen, Pferd an Pferd, an diesen roten Abenden bei ihm sitzen, bleiben, bleiben wollte sie – – –!

Dann sank sie zusammen. Über ihr im Netz zitterte ihr Lehrerinnenkoffer. Dicht an sie heran drängte sich kleinbürgerliches, verschwitztes Volk – ach, zu dem gehörte sie ja! Vorbei der Junkertraum, fort die schmalen Zügel, die sie in der Faust gehalten hatte, fort das urheimlich traute Beisammensein!

Gelbe Felder, grüne Felder. Dann und wann eine kleine Station. Dann wieder die unendliche Weite, die der Zug noch immer nicht durchmessen hatte und die doch schon eine andere war. Weite an Weite, immer verschwindend und sich von neuem aufschließend, Land an Land, Osten, noch immer Osten.

Die Frauen im Abteil hatten es sich bequem gemacht. Die junge Polin in der Ecke hatte den Hut abgenommen, den Kragen geöffnet und nestelte eben am Korsett. Die verängstigte Mutter mit den vier kleinen schwarzen Russen holte Kissen und Decken aus dem Netz und breitete sie über die Polster. Die Kinder kauerten, schliefen, tranken Milch, rannten, trieben es wie zu Hause. Eine furchtbare Luft war in dem engen Raum.

Christiane bog sich vor: daß sie es nur nicht vergaß – jetzt mußte sie umsteigen. Ludwig hatte es ihr auf der Fahrt zum Bahnhof auseinandergesetzt; die Verbindung war nicht gut. Sie fuhr nach Dresden.

Ein Ruck, ein sirrendes Verschwirren der Luft – Christiane stieg aus, und wie Fächeln streifte sie der reine Felderatem. Sie kam in einen anderen Zug, und nun war es allmählich nicht mehr Osten. Sie fuhren durch einen Zipfel märkischen Landes mit kleinen Fabrikstädten, kamen durchs Wendische und dann nach Dobrilugk. Wieder mußte sie umsteigen, und der neue Zug verschwand mit schnurrenden Rädern in der Ferne. Christiane aber fuhr in einem anderen, in dem es nur noch die deutsche Sprache und ein begrenztes Provinzlertum gab, nach Dresden hinein.

Sie war ruhiger geworden. Wie ein dumpfer Schleier lag es über ihr. Der Osten verwischte sich, wurde zum Märchen, zu einem fremden Lied. Ihre Existenz wurde ihr haarscharf deutlich.

Christiane mußte sich nun so bald als möglich eine neue Stelle suchen. Da ihre Papiere von der Schweizer Pension her mit einer mißbilligenden Note behaftet waren, würde es nicht ganz leicht sein.

Sie fuhr nach dem Lehrerinnenheim, einem alten Bau in enger Stadtgasse. Erst wurde sie vom Portier, dann von der Oberin gemustert. Sie stand vor ihr und sah dabei traumhaft fern eine weiße Landstraße und darüber hin zwei sausende Pferde, hörte etwas von großer Überfüllung und wurde dann in ein winziges Erdgeschoßzimmerchen geführt, es war billig, wie alles dort. Aber wenigstens war sie allein darin. Ein hartes, uraltes Bett, ein Liegestuhl, ein kleiner Tisch, ein Schrank. An der Wand die Hausordnung. Es roch nach Fremde.

Dann ertönte eine Glocke. Sie fing unten im Erdgeschoß zu leben an und stieg gleichsam die Treppen empor, jeden Winkel mit Klingen ausfüllend. Auf einmal war nichts mehr als Glockenläuten im ganzen Haus, Türengehen und Schreiten. Christiane ging nach oben. Auf den Gängen waren Türen und an jeder ein Name. Hinter jeder wohnte der zitternde Rest eines Lebens. Manchmal stach ein besonders schön gestickter Klingelzug hervor oder ein zärtlich bemaltes Täschchen für die Besuchstafel.

Da waren die emeritierten Lehrerinnen. Etwas Eiliges war an ihnen, eine große Spannung beherrschte sie. Flure und Treppen waren jetzt voll gebeugter Frauen. Es gab gute Gesichter darunter, liebe Frauengesichter, die fein zu Großmüttern gepaßt hätten, und scharfe, spitze, denen man ein glückloses Altjungferntum ansah, gleichgültige Gesichter, die man schon tausendmal gesehen hatte, und einige voll Rasse und geprägtem Adelszug.

Der leise Strom glitt an Christiane vorbei wie das Leben selber. Nicht das Leben, das im Tragischen oder Lichten vollkommen ausgleicht und Farbe auf Farbe gewissenhaft setzt wie ein guter, braver Maler, sondern wie der große Künstler, der im Überreichtum seines Schaffens seine Werke nicht alle beenden kann, der oft nur Fragmente schafft, Proben, Übergänge und dabei allerlei wegwirft, das eines Besseren wert gewesen wäre.

Sie waren alle den Bächlein gleich, die durch das Land rinnen, still, schmal, da einen grünen Streif finden, dort eine Weile unter hängenden Blüten treiben, aber spurlos im Größeren aufgehen ohne ein Mühlrad gejagt oder ein Schifflein getragen zu haben.

Mit Spannung schauten sie auf ihren Platz und grüßten einander, die Köpfe mit den schwarzen Spitzenhäubchen höflich neigend und nach der Oberin schauend, vor der die Suppenschüssel stand. Die eine oder die andere hatte aus Gesundheitsrücksichten ein Gläschen Wein neben ihrem Gedeck, ein Tellerchen war daraufgelegt, damit der Duft nicht verflog.

Erst sprach die Oberin das Gebet, dann gingen die Teller ringsum, die Köpfe neigten sich darüber, das Essen begann, nur da und dort von mildem Gespräch unterbrochen.

Christiane horchte und verstand nicht viel. Da war eine von einer früheren, längst verheirateten Schülerin besucht worden, dort hatte eine einen Brief bekommen, dort huschte auch wohl ein kleiner Streit mit geduckten Flügeln.

An Christianens Tisch ging es lebhafter zu. Sie saß auf der Jugendseite, unter den Lehrerinnen, die sich gleich ihr nur vorübergehend im Heim aufhielten, meist Ferienvolk. Viele Sprachen wirbelten über den Tisch. Die Ungarin schwatzte von der Operette, die beiden Norwegerinnen redeten vom grünen Gewölbe, die Engländerin fragte ihre Nachbarin mit zähen Blicken nach allen Sehenswürdigkeiten aus. Eintrittskarten gingen von Hand zu Hand, Pläne wurden gemacht, da hatte eine einen Kniff heraus, wie eine Sache billiger zu bekommen war, und rief's triumphierend über den Tisch. Eine unendliche Vergnügungsgier beherrschte die meisten. Das ganze Jahr hatten sie für ihre Ferien gespart!

Christiane bemerkte dann noch andere darunter, die stiller waren und mehr vor sich hinguckten, das waren solche, die keine Stelle hatten. Schöne, stolze, frische Gesichter darunter, noch mit allen Jugendillusionen, mit romantischen Erwartungen und heißer Fernsehnsucht, mürbe, schwache, ausgemergelte Erscheinungen und solche mit großer Vortrefflichkeit im ganzen Wesen, glattgescheitelten Haaren und dem Klemmer – die richtigen Lehrerinnen.

Christiane machte sich mit keiner bekannt.

Nach Tisch ging sie durch die Stadt. Die Straßen glühten, und doch waren sie nicht schläfrig; man sah viel Fremde. Christiane entdeckte manches Schöne, manche Rasseerscheinung, aber auch viel Talmi, viel lächerliches Provinzlertum in Warenhäusern aufgeputzt, und die braven Dresdner selber, diesen Typen nicht ungleich. Sie sah die Talmikultur in den Läden und an den Bauten und begriff nicht, wie man die schöne Linie so mißhandeln, zerbrechen, vergewaltigen konnte. Wieder schweiften ihre Gedanken nach dem Osten zurück: dort war noch ein Boden, auf dem zu schaffen war, eine königliche Fläche, die tragen und leuchten konnte.

Sie kam an die Elbufer. Die fernen Hügel schwammen in blauem Duft. Der Strom strich sommerlich schwach, die Wagen und Bahnen polterten über die weißen Brücken.

Christiane stieg in einen Dampfer und fuhr nach Pillnitz.

Das Boot war voll. Auch hier Fremde, einige rassig, elegant, voll hochmütig überlegener Kultur, still sich zurückhaltend, daneben die Familienrudel mit den unruhigen Kindern. Da und dort ein Künstlerkopf, ein Künstlerschauen, aber überragend die Masse, der ewig plappernde Durchschnitt. Der Dampfer fuhr unter den weißen Brücken mit den gelben und roten Bahnen hindurch, und nun sah man die Villenvororte, die weißen Häuschen an den Bergen, die Schlösser der großen Herren und der Künstler, die Protzenbauten der Reichgewordenen und die Massenrestaurants. An den Badeanstalten flatterten die Wimpel.

Hügel um Hügel glitt vorbei. Der Strom bekam ein wenig Weite und Einsamkeit. Dann leuchtete das grüne Dach des Schlosses zu Pillnitz. Christiane ging an ihm vorüber durch den Park in den Wald. Der Weg wurde einsam. Sie ging lange, bis sie an eine Mühle kam, die jetzt Wirtschaft war. Dort rastete sie. Es war still, ganz still.

Als sie wieder aus dem Walde an den Strom kam, sah sie, daß der Himmel sich umzogen hatte. Von den fernen Bergzügen merkte man nichts mehr, ein grauer Dunst kroch bergauf. Auf dem Dampfer sammelten sich schon die Leute. Das Wasser war grau.

Im Abenddämmer tauchte die Silhouette Dresdens wieder auf. In dem Fenster einer Kunsthandlung in der Prager Straße gewahrte Christiane plötzlich die ›eiserne Wehr‹ von Angelo Jank. Sie starrte das Bild an. Dann ging sie in den Laden und kaufte es.

So kam sie wieder in ihr Heim, wo sie es zusammengerollt in ihren Koffer legte. Draußen dröhnte schon wieder die Glocke, wieder zogen sie draußen nach dem Eßsaal. Der Abendtisch war leerer, nur die Alten und die Stellesuchenden waren da, die Ausflüglerinnen fehlten.

Christiane ging nachher wieder in ihr Zimmer. Sie holte die ›eiserne Wehr‹ aus dem Koffer und besah das dunkle Bild von neuem. Draußen trommelte der Regen, die schmale Gasse war überspült. Tapp, tapp, tapp – die Leute rannten. Es wurde finster. Das Bild verschwamm, das Zimmer verschwamm.

Der Abend allein – – dachte Christiane.

Sie warf sich plötzlich auf ihr Bett nieder und schluchzte.

Nach einer Weile wurde sie ruhiger und hob den Kopf.

Sie war wohl nicht die einzige hier im Hause, die so weinte.

* * *

Nach ein paar Tagen hatte sie eine Stelle bei einem Forstmeister dahinten in Sachsen. Christiane war es lieber, in die Familie zu kommen, statt in eine Pension, und sie erhoffte bei diesen Leuten etwas Kultur und auch ein wenig Leben für sich allein.

So fuhr sie nach Silberfähre.

Der Tag war verregnet. Das Bergland senkte sich nach Westen zu in so eigentümlicher Weise, daß es ihr vorkam, als ob der schwarze Zug mit seiner Menschenladung waghalsig am Rande der Erde dahinführe. Dünner und feiner wurde der Regen, noch ein Wirbel, ein flatterndes Ausfliegen der Tropfen, dann sank der Schleier, und darüber zog ein roter Himmel glühend auf, nahe, ganz nahe, nur eine lose, blaue Wolkenwand schwamm von unten herauf schwer vor ihm, wie die dampfende Sehnsucht der Menschen.

Neben Christiane schob sich eine Hand vor: »Entschuldigen Sie, das Fenster zittert echal so – darf ich mal –«

Und die Scheibe wurde gerückt.

»So,« klang die Stimme weiter, »fahren Sie auch bis Chemnitz?«

»Ich fahre noch weiter.«

»I gor, i gor – –«

– – Das Feuer stand noch drüben. Wie hundert goldene Fackeln lohte es vor dem armen Land. Wie ein rosenrotes sicheres Geheimnis stand es am anderen Ufer, von den dunklen bebenden Wünschen der Menschen zitternd umdünstet. Wie ein offenes Tor stand es da und hundert und hundert Schritte waren nur noch bis zu ihm.

Der Zug aber sprang jetzt wie ein Tier, das die Peitsche fühlt. Ein Klirren ging durch ihn, ein Ruck traf Rad um Rad – und Rad um Rad wandte sich gehorsam.

– – Das Feuer war nicht mehr da.

Nur ein schmaler verblichener Schein stand fern, wie von einer Tür, die zugeschlagen wird.

Berg um Berg war da, blau umhüllt, von Nebeln umgangen, die sich ihre Nachtplätze suchten, Tal um Tal war da, von Schatten gefüllt, von Häusern, aus denen die Wünsche wie Rauch aufstiegen, Wünsche, die keinen Weg mehr hatten.

Das Feuer war nicht mehr da. – –

Der Hauch des fremden Gebirges umfing Christiane beim Aussteigen. Ein Wasser rauschte. Die Gassen liefen bald rechts, bald links, immer wieder vom Berg abgefangen. Gradeaus aber erhob sich auf einem Kegel die alte böhmische Burg Silberfähre. Mitleidslos hoch stieg der Weg zu ihr hinan, die kleinen Häuser verschwanden, das Wasser entlief weit unten, die Weite war nahe, der Himmel bog sich heran.

Nun war Christiane in einem Schloß.

Die Frau Forstmeister aber trug eine Küchenschürze, und drinnen über dem Feuer schmorten die Quarkkeilchen. Die Tochter kam aus dem Garten, ein schlacksiges, dreizehnjähriges Ding, von dem man noch nicht wußte, ob es hübsch oder häßlich werden würde. Es waren noch zwei ältere Töchter da, die sich nach der einen und der anderen Richtung längst entschieden hatten. Anna war schön, mit fuchsigem Haar und dem lebendigen, dunkel spiegelnden Blick des Waldtieres, Hella ein Kind des Schattens, klein, mit einem Zwergengesicht und einer Wichtelstimme. Anna war verlobt, Hella war schon über dreißig Jahre.

Die Lehrerin wurde nicht sehr angestrengt. Viele Vorgängerinnen hatten in Nora ein so queres und sonderbares Wissen angehäuft, daß es Jahre und Jahre gebraucht hätte, um es zu entwirren. Nora sollte aber in ein oder zwei Jahren schon in eine Pension.

Christiane wanderte viel in den einsamen Wäldern des Erzgebirges. Manchmal traf sie unterwegs den Forstmeister, einen kleinen, blonden, stumpfnäsigen Herrn, der sich noch immer darüber wunderte, daß man ihn im Münchner Hofbräuhause, ohne daß er noch ein Wort gesprochen, als Sachsen erkannt hatte! Manchmal mußte sie auch der Frau Forstmeister bei den Quarkkeilchen oder den grünen Klößen helfen und hatte dabei Gelegenheit, über nord- und mitteldeutsche Lebensführung Beobachtungen anzustellen.

Fremde Menschen sah sie fast gar nicht. Einmal tauchte Annas Verlobter, ein Gerichtsassessor aus Bautzen, auf. Ein jähes Feuer schoß aus seinen Augen zu Christiane hin, sie spürte seine heimliche Jagdlust und wich ihm aus. Bald danach hatte das Paar Hochzeit und verschwand vom Schauplatz.

Der ältesten Tochter kam Christiane nicht nahe. Die Zwergin saß bei gutem Wetter im Schloßgarten und bei schlechtem im Zimmer und klöppelte. Manchmal besuchte sie die armen Spitzenklöpplerinnen im Dorf. Sonst sprach sie fast gar nicht.

Die Frau Forstmeister empfing jeden vierten Mittwoch ein Kaffeekränzchen auf dem Schlosse. Dann mußte Christiane den dicken Fabrikantenfrauen die Mantillen abnehmen und ihnen den Kuchen präsentieren. Sie musterten die Erzieherin voll Neugier und Herablassung und hatten keine Ahnung, wie stark sie beobachtet wurden.

Bei solchen Gelegenheiten schossen Christianens Gedanken immer nach Posen hin, obwohl sie viel ruhiger geworden war.

Sie konnte wieder objektiver an Hardi denken. In ihrem Herzen war eine Spur Mitleid mit der blutjungen Frau, die kinderzart und ahnungslos, von einer heißen Hand in die allertiefsten Geheimnisse verstrickt worden war. Immer wieder sah sie das junge Gesicht mit dem eigentümlich pikant sentimentalen, hilflosen Ausdruck.

Jetzt mußte Hardi reifer geworden sein und das tiefe Glück ihres Lebens erkannt haben.

Sie schrieb Christiane nicht. Ludwig sandte manchmal ein paar knappe Zeilen, die sie unterzeichnete.

Christiane brauchte nichts von ihm zu wissen – sie las von ihm. Seine Name tauchte immer öfter in den Zeitungsspalten auf, er hatte ein Buch über die Ostmark geschrieben, das sowohl von der einen, wie von der anderen Seite Angriffe erfuhr, obwohl von keinem übersehen wurde, daß da ein kommender Mann sprach. Der Nationalitätenkampf war längst aufgebraust, die Deutschen erwacht. Jetzt tafelte kein hoher Regierungsbeamter mehr mit den Polen.

Christiane lebte in diesem Kampf: sie verlor nicht einen Moment davon. Mitten in den sächsischen Wäldern und Bergschluchten, wo die Forellenwasser rauschten, dachte sie an die Völkertragödie des Ostens und an Ludwig von Cöldt.

Es ist schön, wenn der Liebste ein großes Werk hat, schön, wenn man seinen Namen in den Blättern lesen kann. Man weiß immer von ihm. Er ist immer nahe. Er lebt.

An einem glühenden Herbstnachmittag des zweiten Jahres fuhr Christiane nach Johann-Georgenstadt an die böhmische Grenze, hörte wieder scharfe, fremde Laute statt des braven Sächsisch und warf einen Blick in eine Welt, die eine Spur Ähnlichkeit mit der besaß, die sie im Osten verlassen hatte.

An den abendblauen Bergen, den glühenden Vogelbeerstraßen und den klirrenden Emaillierwerken vorbei fuhr sie zurück und fand zu Hause einen Brief der Mutter, in dem gesagt war, daß Christiane Tante geworden sei. Hardi hatte ein Kind.

* * *

Zu Ostern zog die Forstmeisterstochter in eine Pension – Christiane hatte wenigstens erreicht, daß es kein ›Erziehungskasten‹ war – und sie selbst ging als Lehrerin in eine Privattöchterschule von Fräulein Gusti Schellenbaum zu Crivenwalde in Mecklenburg. Fräulein Gusti war bucklig. Sie hakte Christiane schon am Bahnhof ein und erklärte, daß sie vom Rhein stammte, nicht etwa von hier aus dem steifen Norden. Übrigens sagte sie ›s–teif‹ und teilte der Lehrerin mit, daß sie auch so s–prechen müßte, sonst hätten die Kinder keinen Res–pekt vor ihr. Man müßte das lernen.

Sie kamen an der Schule vorbei, die den unteren Teil eines hübschen Hauses einnahm. Oben wohnte Professor Thiele, das erfuhr Christiane auch. Das Fräulein nickte zu ihm empor. Sie gingen über den Spielhof, der von großen Linden umstanden war und ein paar dürftige Recks und Stangen und eine vergessene Puppe zeigte, und dann durch eine Hintertür ins Haus. Alle mußten durch die Hintertür, das Portal vorn war verschlossen. Warum wußte Fräulein Gusti auch nicht. Sie hatte es so von ihrer Vorgängerin übernommen. Die lebte noch am Orte und zwar als die Gemahlin des Tierarztes. Mit fünfundvierzig Jahren hatte sie sich den Tierarzt gekapert – zufällig, weil ihr Kanarienvogel krank geworden war – und zusammen waren sie über hundert Jahre alt. Es war eine junge Ehe.

In Crivenwalde sah man dem Paar nach, wenn es auf der Straße erschien. Man sah überhaupt den Leuten nach.

Fräulein Guste s–prach eine Weile darüber, dann brachte sie ihrer neuen Lehrerin Kaffee. Sie hatte übrigens keinen Kanarienvogel, sondern nur Lachtauben. Und die waren gesund. Und wenn sie etwa krank würden, so würde sie doch keinen Tierarzt in Anspruch nehmen. Fräulein Gusti zog die Nase kraus. Sie schien an dem krankgewordenen Kanarienvogel ihrer Vorgängerin etwas zu finden.

Nun kam sie auf den Professor Thiele zu sprechen. Das Haus gehörte ihm, und er hatte es der Schule gestiftet. Sonst müßten sie noch in der kleinen Bude drinnen am Neumarkt hausen. Schrecklich soll es dort gewesen sein! Ja, also der Professor hatte sein Testament zugunsten der Schule gemacht, und die genoß schon bei seinen Lebzeiten davon. Er hatte sich ausbedungen, daß er in dem Hause wohnen bleiben und manchmal mit den Kindern sprechen durfte. In der Pause kam er immer herunter und verteilte Äpfel oder Bananen oder Schokolade. Die ganz kleinen Mädchen hielten ihn für den lieben Gott. Er war neunzig Jahre.

An der Schule waren noch zwei Lehrerinnen tätig, die Schwestern Dittmer. Nachher wollten sie die neue Kollegin begrüßen. Fräulein Dorreyter solle bei ihrem Anblick nicht erschrecken – sie seien ein bißchen lang. Die Kinder nannten sie die ›Erzengel‹.

Übrigens herrschte ein recht gemütliches Leben an der Schule.

Ob Fräulein Dorreyter – Frauenrechtlerin sei?

Christiane sah kritisch auf die Bücher und Broschüren, die das Fräulein sofort heranschleppte. Sie mußte sie mitnehmen. Die Vorsteherin tat es nicht anders. Und morgen fing die Schule an.

Christiane ging ins Hotel ›Friedrich Franz‹, dort wußte man schon von ihrem Eintreffen. Der Geschäftsführer hatte ihr bereits ein recht freundliches ruhiges Zimmer reserviert – die Damen von der Schule wären ja immer recht nervös. Er stellte sich als Berliner vor. Vorn nach der Straße wohnten die Reisenden. Crivenwalde betrieb einen Handel mit Bratheringen und Sprotten. Sie merkte es bald, denn die Stube war gleich voll von dem Duft einer nahen Räucherei.

Christiane spähte über einen Garten mit Tischen und Stühlen hinweg und sah hinter allerhand Bürgerhäusern, Schuppen und Speichern einen schmalen, grauen Streifen.

Sie erschrak etwas.

Die See.

Bald nachher kamen die Schwestern Dittmer. Sie traten unter die Tür wie Grenadiere des alten Fritz. Übrigens waren sie keine Mecklenburgerinnen, wie sie gleich erzählten, sondern stammten aus Osnabrück. Es schien das Eigentümlichste der Crivenwalder zu sein, daß sich keiner als Eingeborener bekennen wollte.

Die Fräulein wiederholten in Geschwindigkeit die Verhältnisse der Schule nicht anders, als die Leiterin sie schon geschildert hatte, und glitten dann auf die Stadt Crivenwalde über, die sie mit allen ihren Bewohnern genau zu kennen schienen, denn sie waren schon über fünfzehn Jahre am Orte. Übrigens s–prachen sie auch. Sie waren zusammen hergekommen und waren Zwillingsschwestern; man konnte sie kaum von einander unterscheiden. Allerdings hatte die eine eine etwas schiefe Backe.

Am nächsten Tage wurde Christiane im Beisein der beiden Erzengel, des alten Professors, den die Kleinen für den lieben Gott hielten, und eines dicken Lehrers vom Gymnasium, der auch Stunden an der Töchterschule gab, von Fräulein Gusti in ihr Amt eingeführt. Der dicke Lehrer stellte sich hernach als Hannoveraner vor.

Nachmittags ging sie dann auf die Wohnungssuche und fand ein kleines Zimmer bei einer Apothekersfrau, die zwei Kinder hatte, von denen das eine in Fräulein Gustis Schule ging und vom Herrn Professor immer die allergrößten Bananen bekam. Das liebliche, stille Kind nahm Christiane für die Wohnung ein.

Sie bezog das Zimmer. Übrigens war die Frau Apotheker eine Husumerin, und ihr Mann hatte gar keine Apotheke, sondern eine Drogenhandlung, und mit der war er grade im Bankerott. Es herrschte ein sonderbar verwirrtes Wesen im Hause, das einesteils von dem gescheiterten Mann, andererseits aber von der Frau auszugehen schien, die allen Dingen hilflos gegenüber stand, wie vom Himmel gefallen.

Als Christiane am ersten Morgen in die Schule gehen wollte, stürzte ihr Frau Thomsen mit verstörter Miene nach: »Ach, verzeihen Sie, Fräulein – in der Eile hab ich ganz und gar auf den Kaffee vergessen ...«

»Kaffee haben Sie mir gebracht –« sagte Christiane, auf die Tasse deutend, die noch ziemlich gefüllt auf dem Tische stand.

»Ja, ja. Ich hab ihn ja gekocht, aber dabei ... den Kaffee hineinzutun vergessen ... Sehen Sie ... hier ...« Sie deutete dabei auf ein braunes Pulver in einer Untertasse.

»Jetzt trinken Sie ihn nur, Frau Thomsen,« sagte Christiane und ging.

Als die Wirtin in der Folgezeit nicht nur das Kaffeepulver, sondern auch sonst allerlei vergaß, als das Mittagessen immer öfter ausblieb oder vollkommen ungenießbar war, als die Wirtin ihre Mieterin immer bedrohlicher anzuborgen begann und Christiane längst ihr Zimmer selbst rein hielt – sonst hätte sie es nie rein bekommen – mußte sie sich zum Ausziehen entschließen.

Sie zog mehr zum Hafen hinunter, was schon längst ihr Wunsch gewesen war, und die ›Erzengel‹ hatten ihr die neue Wirtin empfohlen. Sie sollte Witwe sein, es stellte sich aber bald heraus, daß sie nur von ihrem Manne getrennt und in beständiger Furcht lebte, er könnte wiederkommen und ihr einen Schaden zufügen. Deshalb verriegelte sie ihre Wohnung sehr sorgfältig, und man mußte ein ganzes Schlüsselsystem anwenden, um hineinzukommen. Vor dem Schlafengehen machte sie regelmäßig eine Runde durch sämtliche Räume, guckte in die Schränke und leuchtete auch unter Christianens Bett, in der Befürchtung, der geschiedene Mann könnte eines Tages schließlich darunter sein. Sie schneiderte, und man hörte den ganzen Tag das sonderbar ängstliche und ärmliche Geräusch der Nähmaschine.

Aber sonst war das Zimmer ganz nett. Die Terrakottabüsten waren samt ihren Zimmersäulen hinausbefördert worden, ebenso das, was Frau Claß ›Bilder‹ nannte. An der grauen Wand hing einzig die ›eiserne Wehr‹ in ihrer düsteren Wucht. Am Fenster stand Christianens Schreibtisch, und durch die Scheiben sah man hinter beschnittenen Lindenbäumen den grellen Streifen weißen Sandes und dahinter die bald graue, bald blaue See.

In der Schule ging es recht gemütlich zu. Fräulein Gusti war ebenso beliebt, wie die ›Erzengel‹, und wenn der dicke Lehrer bei seinen Gymnasiasten schärfere Saiten aufzog, – was übrigens zu bezweifeln war – so wandelte er sich in der Schule von Fräulein Schellenbaum so friedlich um, daß er ganz genau hineinpaßte. Nachmittags um vier gab es immer ein Kaffeestündchen in Fräulein Gustis Zimmer, und wenn der Oberlehrer dabei war, mußte er immer von seinem Jungen erzählen, mit dem ihn seine Gemahlin vor einem halben Jahr beschenkt hatte. Waren die Damen aber unter sich, so holte Fräulein Gusti ihre frauenrechtlerischen Bücher und Hefte heraus, und die ›Erzengel‹ sahen ebenso kritisch darauf wie Christiane und ließen das Fräulein reden. Brachte man das Gespräch aber auf die Vorgängerin, die jetzt Frau Tierarzt war, so wurde Fräulein Gusti spitz.

Die ›Erzengel‹ machten ihrem Namen alle Ehre und standen Christiane in allen Dingen wirklich wie ein paar langgeflügelte Himmelsboten zur Seite. In der freien Zeit machten sie weite Fußmärsche in die Umgegend, die wohl auch weit und flach, aber immer mit Möwen überflogen und mit dem nie weichenden, leise überdunsteten Streifen See im Hintergrunde nie mit jener östlichen zu verwechseln war. Auf den Wiesen weidete das schwarzbunte Vieh, das Getreide stand niedriger, der Wald war dürftig, wie zerblasen. Immer ging der Wind, und immer roch es nach Fischen im Rauch.

Sie segelten und schwammen auch, besuchten die Badeorte der Umgegend und machten in den Ferien gemeinsame größere Reisen nach Dänemark, Schweden und Norwegen, für das die ›Erzengel‹ so schwärmten, obwohl sie aus Osnabrück waren. Sie konnten nicht ohne Wasser sein.

Einmal gerieten sie auf der Rückreise – sie fuhren über Malmö-Lübeck – in eine Horde Engländer, die den Kontinent bereiste, alles Lehrer und Lehrerinnen, die eifrig bemüht waren, sich in der fremden Sprache zu üben. Ein großer, sehr rotblonder Dozent aus Nottingham hatte sich von Anfang an Christiane, die seine Tischnachbarin war, zur Partnerin ausersehen, und sie tauschten allerlei Rede und Gegenrede in der pikanten, spähenden, argwöhnisch höflichen Art, wie sie schon damals zwischen Vertretern der beiden Nationen zu herrschen pflegte. Als alles Neue erschöpft war und Christiane merkte, daß sie und der Engländer der Zielpunkt von allerhand Blicken wurden, die namentlich von seinen Landsmänninnen ausgingen, und als sogar die ›Erzengel‹ gutmütige Bemerkungen machten, zog sie sich rasch zurück. Es war möglich, daß Mr. Wyche, wie nachher erzählt wurde, auf dieser Seefahrt ein ganz ernstliches Interesse für die junge Deutsche gefaßt hatte, aber sie konnte es nicht zurückgeben. Von allem anderen abgesehen, hätte sie es undenkbar gefunden, ins Ausland zu gehen und mit einem fremden Volk zu leben, wo das eigene Land so voller Probleme und Arbeitsmöglichkeiten steckte.

Die ›Erzengel‹ begriffen sie nicht, und Christiane gab sich auch nicht die Mühe, sie aufzuklären, wie sie den braven Geschöpfen innerlich auch ganz fern stand.

Spät abends ging sie gewöhnlich allein am Strand spazieren, dort hinaus, wohin die Crivenwalder nicht mehr kamen. Sie sah die zart verdämmernde Opalfarbe der abendlichen See, spürte den fernen Duft der Linden, die hier so sehr spät blühten, und in ihrer Seele stieg es auf wie Wasser – – – – –

»Du hast es gut,« schrieb die Mutter, »viel besser, als Hardi, die sich in Posen noch immer nicht eingewöhnt hat und sich in Heimweh verzehrt. Du hast keine Sorgen – – –«

Nein, sie hatte keine Sorgen. Sie hatte – alles. – –

* * *

Im Herbst danach kam wieder ein Brief von Ludwig. Christianens Blicke flogen jäh darüber hin und suchten hungrig im voraus den heimlichen Gruß, das heimliche Gedenken, ehe sie alles Tatsächliche erfaßten. Und dann wurde ihr das klar.

Ludwig war in acht Tagen in Berlin, grade zurzeit ihrer Herbstferien. Ob sie ihre Reise zur Mutter nicht über Berlin richten und mit ihm dort zusammentreffen wollte?

Christiane hatte gar nicht zur Mutter fahren wollen, denn die vermißte sie kaum. Deren Sinn stand allein nach Hardi und war durch der Jüngsten Schicksal vollkommen ausgefüllt. Zudem hatte sie jetzt eine kleine Pension gegründet und dadurch eine neue Art Lebensinhalt.

Christiane interessierte sich nicht dafür. Ihr kam es überhaupt vor, als ob sie mit ihren Wünschen, mit ihrem ganzen Wesen längst heimlich weit über die letzten Inseln der Menschen hinausgetrieben sei. Jetzt – jetzt erkannte sie es – –

Wann begannen doch die Ferien? Wie lange fuhr man von Crivenwalde nach Berlin? Lehrter Bahnhof – –? Am Lehrter Bahnhof würden sie sich treffen!

Die ›Erzengel‹ wunderten sich redlich über die Kollegin, die sie in ihrer biederen Herzensharmlosigkeit zu kennen glaubten und die auf einmal so anders war. Am letzten Abend veranstaltete Fräulein Gusti noch ein frauenrechtlerisches Kränzchen, dem ein dicke Hamburgerin beiwohnte, die auf dem Gebiet irgendwelche Bedeutung hatte. Sie begrüßte die drei Damen mit großer Kollegialität und begann gleich mit ihren Ausführungen, dann und wann einen Schluck Tee mit Rum nehmend. Die ›Erzengel‹ guckten ihrem Wesen kritisch zu, und Christiane sagte auch nichts.

Fräulein Gusti ereiferte und ereiferte sich, die Hefte flatterten förmlich unter ihren Händen, sie suchte die Diskussion immer mehr anzufeuern – ihr Traum war: ein Frauenrechtsverein hier in Crivenwalde, der gewesenen Leiterin und jetzigen Frau Tierarzt erst recht zum Trotz! – Die ›Erzengel‹ tauten auf. Es war im Grunde nichts, nach dem Unterricht immer nur spazieren zu gehen oder zu baden, in den Schulpausen dem alten Professor zuzusehen oder vom Oberlehrer Müller zu hören, wie sich sein Sprößling weiter entwickelte. Es war am Ende am besten, Frauenrechtlerin zu werden und sich für allerlei fernliegende Dinge zu interessieren, wenngleich irgend etwas in ihrem Herzen entschieden ›Nein‹ sagte und die dicke Hamburgerin deutlich verlachte.

Aber sie sagten ›Ja‹, schon der Vorsteherin zuliebe, und wunderten sich auf dem Nachhausewege über Christiane, die noch immer schwieg.

Die verabschiedete sich eilig, lief in ihre Stube und ging an den Koffer – war nun schon alles darin? War nichts vergessen? Sie trat ans Fenster und sah mit gläsernem Blick hinaus – – draußen stand die See und hatte noch einen Schein wie aus den hohen, grauen Sommernächten, die Christiane im Norden erlebt hatte. Die Sterne flimmerten.

Der Morgen war sonnenhell, alle Wiesen grünten, wie im Frühling, und alle Stoppelfelder leuchteten, als ob das blonde Korn noch auf ihnen stünde. Knick auf Knick schloß sich daran, wie Kranz auf Kranz. Die Wasser der Seen blinkten blau auf und verschwanden wieder, der Buchenwald flimmerte in sommergrüner, unzerstörter Glut. Wald auf Wald, See auf See. Wie schön war diese Gegend doch!

Christiane starrte aus den Coupéfenstern wie im Traum. Sie fühlte immer deutlicher, daß sie über die letzten festen Länder und Inseln der Menschen weit hinausgetrieben wurde.

Station auf Station. Jetzt Schnellzugssausen. Der sonnige reine Morgen und die blauen Seen waren weit. Nauen, Spandau. Straßenbahnen und Soldaten, Glashallen, Vorortbahnhöfe. Endlich die schwarze Höhle der Lehrter Einfahrtshalle. Auf dem Bahnsteig war auf einmal ein Strudel entlassener, mit bunten Bändern behängter Matrosen, die Christiane gar nicht im Zuge gewahrt hatte.

Sie trennte sich instinktiv von der Menge, fühlte sich plötzlich verwirrt und verloren und in eine Fremde gerissen, hinter der Fräulein Gusti, die ›Erzengel‹ und ganz Crivenwalde wie freundliche Schatten standen, und sah dann auf einmal – Ludwig.

Da war er! Nur einer wie er!

Sie sah ihn an. Sie gaben sich fest die Hände.

Ihr Herz war stark und entschlossen.

Leicht schritt sie neben ihm her, und jetzt war Crivenwalde weit weg. Alles war weit weg. Auch Hardi und die ›eiserne Wehr‹.

»Du fährst zur Mutter?« fragte er.

Sie schrak auf. Ihr Blick flog in den hellen Großstadttag hinaus. Sie sah bunte Farben, Linien, Lichter, Menschen und – ihn.

»Ja, ja,« sagte sie.

Als sie im Wagen saßen, erzählte er, daß er Konferenzen in seinem Ministerium hätte. Er nannte die Namen der beteiligten Herren – alles Ostmarkenleute.

»Du gehörst schon ganz und gar zu ihnen,« sprach sie.

Er nahm das gleichgültig hin, denn es war in Wahrheit so.

Sein Gesicht war schärfer und länger geworden, das Junkertum prägte sich härter aus. Ob er noch ritt?

Sie traten in ein Restaurant. Sein Blick flog unwillkürlich nach den Mittagszeitungen, die eben kamen. Sie lachte und ließ sie bringen – sie kannte ihn. Jeder hatte ein Blatt, und darüberweg tauschten sie kurze erregte Bemerkungen. Ihm schien es gar nicht aufzufallen, wie sehr sie noch mitten darin war. Es war eine Situation, die auf der Spitze stand.

»Du müßtest in den Reichstag,« sagte sie.

Er zuckte die Achseln. In der Stadt Posen war nicht die geringste Aussicht für einen deutschen Kandidaten, und er fühlte sich auch so besser am Platze und das Heft stärker in der Hand.

Eine polnische Gesellschaft betrat den Raum, ein Herr, zwei Damen, diese klein, biegsam, mit wundervoller Eleganz gekleidet, an der aber noch etwas war, was man eben durchaus als polnisch erkannte. Ludwig sah kurz hin, und dann blickte er Christiane an – ihre Augen tauchten ineinander wie gezogen, eine Maske fiel, ein Vorhang sank, eine ganze Zeit, Jahre und Jahre verschwanden für einen Augenblick.

Er faltete ein Zeitungsblatt eng zusammen, immer kleiner wurde der Streifen. Er sah vor sich hin.

Dann begann er von der kleinen Hanni zu erzählen. Immer noch schaute er vor sich hin. In die Stimme kam neben dem Bewußten und Gewollten eine kleine Erregtheit, und plötzlich mußte sie an den Oberlehrer Müller in Crivenwalde denken, wenn der von seinem Jungen sprach.

Sie redete plötzlich dazwischen, scharf, kurz, fragend, immer mehr verstrickte sie ihn ins Erzählen, alles wollte sie wissen ... jetzt wußte sie. Ihr Gesicht wurde feindlicher, ihre Miene kälter, ihr Herz erstarb – warum war es nicht mehr wie damals an jenem Morgen? Warum war in ihr einfaches und naturgewaltiges Erkennen jetzt so viel anderes gekommen – – –?

Warum hatte er sie überhaupt sehen wollen und grade dieses Wiedersehen herbeigeführt? Er hätte sie ja auch nach Posen einladen können, sie wäre zu ihm und Hardi gekommen und hätte mit der kleinen Hanni gespielt. Geritten wären sie nicht mehr miteinander!

Sie saß in sich verbittert und schrak erst auf, als er Abschied nahm – er mußte jetzt in die Wilhelmstraße.

Sie gingen die paar Schritte nebeneinander, dann nannte sie ihm das Hotel, in dem er sie abholen konnte. Es war eines der ersten, Geld hatte sie ja. Hier in Berlin wollte sie einmal wieder Herrin sein, nicht die Schulmeisterin. Das sagte sie Ludwig freilich nicht, und es schien ihm auch nicht aufzufallen.

Als er fort war, wanderte sie durch die Straßen, ohne mehr zu sehen als die Menschen und unter den Menschen die Kinder. Die kleinen, die zweijährigen. Sie sah so viel Süßes an ihnen, daß ihr Herz auf einmal weich wurde und anfing zu verstehen. Sollte er das Liebliche nicht schätzen, das er besaß – wegen des einen, das er nicht besitzen konnte? Er war ein Mann. Eine Frau kann in der Liebe eher leben wie ein Hungerkünstler unter Glas – der Mann wird niemals hungern. Er sucht sich von allen Seiten zusammen, was ihn satt macht. Und es fällt ihm auch immer zu.

Ludwig war es auch zugefallen. Und wer weiß – es war ihm vielleicht – noch mehr – zugefallen. Was wußte sie denn – – –?

Sie ging zitternd und immer verwirrter und eifersüchtiger, und rasend peinigten sie jetzt die einsamen Abende an der See und so manches andere, sogar die Sache mit Kraneis und dem englischen Dozenten. – – –

Hochmütig und verbittert saß sie dann im Hotel, und das Rauschen und Sausen der Straße hinter der Glasscheibe quälte sie wie etwas Feindliches, und feindlich war sie selber.

Und Ludwig kam.

Er sah auf einmal jünger und lebendiger aus. Man merkte, daß irgend etwas für ihn erledigt, daß eine Last abgeworfen war. Und jetzt sprach er offen darüber. Neben ihr an dem kleinen Tisch saß er und sprach, und sie wußte, daß er zu keinem Menschen weder im Amt noch zu Hause davon sprechen würde wie zu ihr und daß er danach gehungert hatte, wieder so mit ihr zu sprechen. Daß er sie gerufen hatte, weil er sie brauchte und weil sie ihn verstand.

Die alte Stunde spann sich wieder an, aber es kam nichts Unreines hinein, und ihr Schiff wendete langsam und fuhr an den letzten äußersten Inseln und Bollwerken vorbei wieder auf die Küste der Menschen zu, nach dem Lande, das alle bewohnten und in dem noch ein eisernes Recht galt.

Nachher waren sie noch draußen in Potsdam, eine Stadt für ihn. Christiane sah im Adreßbuch nach und fand, daß einige Rhanes hier wohnten, Abkömmlinge wie sie. Sie schaute den Reitern nach, wie sie dahingaloppierten, und den jüngeren Offizieren in die sonnenverbrannten Gesichter – war einer von ihrem Blut dabei?

Dabei erzählte sie Ludwig von ihrem Leben in Crivenwalde und wußte dabei schon, daß es hinter ihr lag und daß der heutige Tag, das endliche Sichwiederkreuzen ihrer Leben eine starke Wendung gebracht hatte. Mit dem Nachtschnellzug fuhr sie zur Mutter, um die für ihre Pläne zu gewinnen und im voraus alles glatt zu wissen.

* * *

Und nun fing für Christiane Dorreyter eine schwere und sonderbare Zeit an. Die ›Erzengel‹ wunderten sich nicht wenig über sie, die plötzlich so merkwürdige Neigungen zeigte, und Fräulein Gusti streckte noch einmal erwartungsvoll die frauenrechtlerische Hand aus, ohne daß sie ergriffen wurde. Aber es war offenbar, daß Fräulein Dorreyter sich für das Studium vorbereitete und zunächst das Abiturientenexamen abzulegen gedachte.

Dem Oberlehrer Müller war dabei eine ziemlich bedeutende Rolle zugedacht, und er füllte sie auch aus und holte auch andere Kollegen vom Crivenwalder Gymnasium für die Fächer heran, die er nicht beherrschte. Und langsam kam das Lernen in Gang.

Auf den Straßen zeigte man sich Christiane. Die Herren grüßten respektvoll und doch mit einem verborgen prüfenden und etwas mitleidigen Schauen. Die Gattinnen spähten zu ihr hin, wie Kinder, die sich hinter einer Hecke vorm Gewittersturm gedeckt haben, nach nassen Leuten gucken. Von auswärts erhielt Christiane allerhand Briefe, Zirkulare und Agitationspapiere, und sogar die dicke Hamburgerin schrieb ihr – es war klar, daß man jetzt in ihr die größte Stütze der Frauensache in Crivenwalde erwartete, die noch weit über Fräulein Gusti ging. Sie sollte sogar einen Vortrag halten.

Lächelnd schob Christiane alles beiseite. Warum die Leute nur so taten? Sie erstrebte doch nichts anderes, als eine Tat für sich, die Crivenwalder ging die gar nichts an und die Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt auch nichts. Sie suchte doch nichts anderes, als ein Leben, das dem Geliebten gleichwertig war, wollte nicht in der Enge, in der Kleinstadt, im kleinen Lehrerinnendasein verstauben, während er am Werke war – sie wollte adlig Blut in adligem starkem Tun zeigen, wie er.

Sie wollte Mensch sein, wie er, und – schaffen.

Kraus war der Weg und oft verkehrt! O, dieses einsame Lernen an den eisern eingezäunten Erziehungsgärten der Männer vorüber. Sie guckte den Crivenwalder Schulbuben neidisch nach und war doch wiederum froh darüber, daß man sie nicht in diesen Zwangsweg des Durchschnittslernens pressen konnte! Sie kam in Freundschaft mit einem Primaner, einem Neffen des Herrn Müller, der sie erst argwöhnisch in der Anstalt Schellenbaum besuchte und dann ein guter Kamerad, ein unverzagter Mitreißer, ein bißchen Freund und ein ganz klein wenig Verehrer wurde.

Fort damit! Er verschwand bald wieder aus ihrem Leben!

Und so kam nach guten zwei Jahren, nach durchwachten Nächten und mancher hoffnungslosen Stunde der Morgen, an dem sie das Crivenwalder Gymnasium zum ›Mündlichen‹ betrat. Am Abend vorher schaute sie zufällig durchs Fenster auf die See, und plötzlich war ihr eingefallen, daß sie schon lange nicht mehr spät abends am Strand unter Lindenduft gewandelt war – sie hatte es ganz vergessen.

Außer ihr machte noch ein junger Volksschullehrer und ein junger Drogenhändler (Theissen und Wolters in Crivenwalde) das Examen. Sie guckten sich an, wie Tiere, die in denselben Käfig gelassen worden und sich gegenseitig keinen Vorteil zu gönnen gesinnt sind, und auf die schwarzen Examenherren wie auf die Bändiger mit der Peitsche.

Sie schnappten jede Frage, die ihnen hingeworfen wurde, mit einer Gier auf, wie sie die durchs Durchschnittlernen Gegangenen nicht kennen.

Die Herren wurden aber befriedigt.

Alle drei bestanden. Der Drogenhändler und der Volksschullehrer kneipten die Nacht durch, Christiane aber packte um dieselbe Zeit ihre Sachen und verließ beim grauenden Morgen Crivenwalde. Schnee und Eis fiel, es stürmte und graupelte. So häßlich war die Stadt schon lange nicht mehr gewesen. Die ›Erzengel‹ standen mit roten Nasenspitzen auf dem Bahnsteig.

Christiane wußte, daß sie das alles nie mehr wiedersehen würde.

* * *

Nun kam Berlin. Christiane wohnte bei einer Majorin am Lützowplatz, die mit Jean Paul verwandt zu sein behauptete und kein Dienstmädchen behalten konnte. Christiane amüsierte sich darüber und suchte mit den Dingen fertig zu werden, wie es eben ging. Nie und nimmer wäre sie in eine Massenpension gezogen und mit einem halben Hundert gleichgültiger Menschen täglich zusammen gewesen. Auch hier in der großen Stadt bewahrte sie ihr aristokratisches Prinzip auf Kosten ihres Menschenstudiums.

Von der Mutter vernahm sie zu dieser Zeit, daß Ludwig nach Danzig versetzt worden sei. Sie weilte eben bei Cöldts, um den Umzug in die Wege zu leiten, Hardi, die arme Frau, war ja so schwach.

Seit jenem Zusammensein war die Verbindung mit Ludwig äußerlich geringer geworden, er schrieb seltener und nie von sich und seinen politischen Ideen. Sie hörte eigentlich nur noch durch die Mutter von ihm.

Jetzt ging sie durch die Berliner Straßen mit dem Gefühl wieder freigewordener Kräfte und Gedanken. Leise kamen die Stimmungen wieder wie an jenen Abenden an der See, sie schaute auch die ›eiserne Wehr‹ wieder an und dachte von neuem an jene Verse. – Warum war Ludwig versetzt? War Danzig wirklich ein Fortschritt, eine neue Seite seines Werkes? Brauchte man ihn dort, wie man ihn in Posen gebraucht hatte? Die Mutter verriet nichts darüber und wußte es auch wohl nicht. Oder war diese Versetzung eine – Unterbrechung? Von einer Änderung des Ostmarkenkurses war nichts bekannt.

Sie grübelte und fühlte wieder Leichtsinn, Sehnsucht und Temperament. Und – Einsamkeit.

Schließlich lernte sie von den wenigen Damen, die zu jener Zeit Vorlesungen hörten, Yse Bernhart genauer kennen.

Eigentlich hatte sich Christiane anfangs an Käthe Arndt angeschlossen, die dasselbe Ziel wie sie verfolgte und die Tochter eines Universitätsprofessors und bekannten Frauenrechtlers war. Er hatte viel zugunsten der kämpfenden Frauen geschrieben, Angriffe zurückgeschlagen und war mit allen bedeutenden Führerinnen freundschaftlich liiert. Seine sechs Töchter hatten sämtlich Examen gemacht und waren im Lehramt. Nur eine einzige war mißraten und hatte geheiratet. Käthes Ziel bestand im Oberlehrerinnenexamen, mit dem sie ihre Schwestern auf der ganzen Linie schlagen konnte, und sie wütete so in die Arbeit hinein, daß sie trotz ihrer Jugend schon Nervenmittel nehmen mußte.

Durch Käthe kam Christiane mit Yse Bernhart zusammen, die mit ihr in der gleichen Pension wohnte. Yse hatte keinerlei Examina hinter sich, und daß sie als Gasthörerin zugelassen worden war, verdankte sie nur der Empfehlung eines bedeutenden Literarhistorikers, der ihre Bücher gelesen hatte. Sie war klein, schmächtig und sehr still.

In ihrem Zimmer hing als einziger Schmuck Thomas ›Sehnsucht‹, der nackte Mensch, der vor dem Abgrund steht und die Arme nach den weit über ihn wegfliegenden Wundervögeln streckt.

Das Bild sagte Christiane viel. Etwas Verwandtes berührte sie.

Yse stammte aus einer kleinen westpreußischen Stadt, in der ihr Vater Pastor war.

Es war kein Dilettantismus in ihr. Nie hatte sie das Leben gesucht, um es zu finden, um etwas zu ›erleben‹, es war zu ihr gekommen, lag von den Vätern her in sonderbarer Mischung in ihr drin, es hatte sie getroffen und damit zum Schaffen fertig gemacht. Keine Spur von Bohème war an ihr, sie rauchte weder Zigaretten, noch trug sie Eigenkleider, noch verriet sie irgend welche Hinneigung zur freien Liebe. Ein paar bedeutende Menschen in Berlin kannten und schätzten sie, luden sie ein und empfanden, wer sie war.

Kam sie aber wieder in den Kreis der heimatlichen Kleinstadt zurück, so ahnte kein Mensch mehr etwas von ihr, und sie brauchte die Leute dort auch nicht. Aber sie schuf.

Ihre Geschichten gaben Bilder aus dem Osten, die große Fläche, die endlosen Getreidebreiten, die Weichsel und Warthe, das Leben in der Stadt Posen, in der Wallischei und auf dem ›Städtchen‹, in der Dominsel, der ganze Nationalkonflikt tauchten auf und waren bis zum letzten beobachtet. Die ganze Wucht des Weltgeschehens stand hinter den Bildern.

Es dauerte eine Weile, ehe es zu einigen Wärmegraden zwischen ihr und Christiane kam, denn in ihr lag die harte Zurückhaltung der Einsamen und das ganze Mißtrauen der Frau gegen die Frau. Dann aber stieg das Thermometer langsam bis zu einem guten Punkt, bis zu jener naturgezogenen Eisgrenze, die ein Geheimnis um jeden Menschen wahrt.

Beide liebten sie die gleiche Heimat und die gleiche Freiheit. Sie verachteten Berlin, trotz allem, was es ihnen gab, als fürchterliche Beengung des Lebens, als offenbare Unkultur. Was als architektonische Schönheit galt, kam ihnen arm und zwangvoll vor, was an Kunst da war, hatte etwas mühsam Eingefangenes. Sie bedauerten die Menschen, die ihr Leben in der Großstadt zubringen mußten und ihre Ansprüche danach zumaßen, die Kinder, die nie ans volle Licht kamen, die Herzen, die nie einen Sommer erlebten.

Sie tasteten an die Welträtsel.

Alle Naturwissenschaft hatte Christiane schon von früh an gefesselt, und förmlich gierig horchte sie jetzt auf, wenn da und dort ein neuer Vers vom Weltenlied entdeckt schien. Sie grübelte selbständig daran herum und suchte nach neuen Gesetzen und fand doch immer nur die alten, weil sie in ihrer Zeit befangen war wie alle und das gleiche eiserne Netz auch über sie gespannt war. Dabei fühlte sie, daß im Ganzen für sie immer nur ein Stück Handwerk herauskam, ein bedingtes und begrenztes Frauenschauen, und daß sie nach dem allen nicht so unruhig und verwirrt und durstig geforscht hätte, wenn ihr Leben in eine andere Bahn hätte einlenken können. Sie suchte dort die Harmonie, die in ihr nicht war, eine Lösung, die sie einbezog und ihr Leben gültig machte, und fand sie nie und nirgends. Sie stand außer den Dingen. Dem ewigen, immer wieder ausholenden Kreise der Schöpfung war sie entrückt, sie war weder klein, noch groß, sie war übrig.

Yse kannte nur ein Gesetz für Mann und Frau und wollte es nicht gelten lassen, daß die Frau innerlich verwuchs und verdarb, wenn sie nicht gleich anderen Halmen in die Erntekammer kam. Sie kannte und sah in allem und jedem Entwickeln und Reifen und fand überall einen Sinn. Trotzdem sie die Dinge unverhüllt schaute, fühlte sie doch Harmonie im Weltgeschehen und das Dasein als ein Glück. Was an Rätseln ringsum starrte, was vor Not schrie, was verdarb, was Torso war, Übergang, Abriß, Sinnlosigkeit, Brutalität – alles das zog sie in ihre Kunst hinein, und da paßte es, rundete es sich und leuchtete fackelgleich und purpurn in die Weltfinsternisse.

Als Christiane eines Tages zu ihr kam, stand sie vor einem Papier am Tisch. Darinnen lagen Bücher – es waren sämtlich die gleichen, die gleiche Farbe, derselbe Schnitt, derselbe Band. Es war Yses neues Buch.

Sie hob es hoch und sagte ernst und doch voll seltsamen Zaubers, mit einem Verrat, der über die Eisgrenze glühend hinwegschoß: »Gott ist das Werk –!«

Christiane fuhr zurück.

Jetzt wußte sie es.

Zwischen ihnen war ein großer, nie zu überbrückender Unterschied.

Beide liebten sie das gleiche Land, aber Christiane liebte dort einen Mann, und Yse liebte dort ihr Werk.

Yses Leben wäre unter allem, was sie getroffen oder getragen hätte, immer wieder auf die eine gleiche Lösung, hinausgekommen, aber das ihre hatte sich erst eine suchen müssen.

Für Yse war alles Erleben die Saat zum Schaffen, und für Christiane gab es nur das nackte Erleben allein, und sie war darauf angewiesen.

Zum ersten Mal merkte sie, wie erlösend Kunst sein kann. Bisher hatte sie kaum darüber nachgedacht, ja, sie hatte sie in ihren exakten Studien fast ein wenig verachtet. Ihr schien es, als ob die Menschheit seit Jahrtausenden darin im gleichen Trott liefe und aus dem Haufen immer die gleichen Lieder kämen.

Aber die Kunst kam dem Weltschaffen am nächsten, und auch eine Frau konnte darin seliger werden als im reinsten Madonnenglück. Das Höchste und Primitivste war in seiner Wirkung gleich.

Was aber für die Frau dazwischen lag, war dürres Land, ein Weg mit verstreuten Halmen, die nicht zur Ernte kommen. Christiane mußte an eine kleine bucklige Studentin denken, die neulich mit ihrer krächzenden Stimme gesagt hatte, der große Überschuß an Weiblichkeit sei etwas Naturgewolltes, der Vorbote großer, sonderbarer Umwälzungen in der Menschheitsentwicklung und vor allen Dingen für die Gegenwart ein ungeheurer Auftrieb, der die Frauen mit einem Schlage aus den Niederungen der Jahrtausende stieße, ob sie wollten oder nicht.

Christiane dachte: Ja, so mag es sein. Denn wenn ich könnte, wie ich wollte, ich legte die Bücher hin. Ich stiege aufs Pferd und ritte mit meinem Liebsten und würde dann alles wissen – – – – – –

Sie starrte in ihrer Stube um sich, sah nach der ›eisernen Wehr‹ und biß die Zähne zusammen.

Aber es nützte nichts. Sie weinte wie sie, damals im Lehrerinnenheim unter dem Glockengeklingel und den schleichenden Schritten der Alten geweint hatte.

* * *

Es kamen noch andere Zeiten für Christiane Dorreyter, wo ihre Arbeit sie schärfer nahm und ihr keine Minute mehr zum Grübeln ließ. Wo sie froh war, wenn sie überhaupt ein paar Stunden zum Ausschlafen fand, und ihr Ehrgeiz ihr wieder zuflüsterte: ›Den andern voran!‹ Es ist notwendig für ein Gelingen, daß andere dabei sind, die das gleiche Ziel verfolgen, nie kommt man schneller weiter, als wenn ein Sichmessen dabei ist, ein Sieg im Siege!

Das Rhanesche Kapital, das die Mutter seufzend geopfert hatte, ging zu Ende. Christiane mußte Stunden geben und durch allerhand Aufsätze und Artikel etwas dazu verdienen. Langsam kam ein stärkeres Interesse für fachpädagogische Dinge über sie, und sie fand auch schließlich eine Meinung. Und dann ein Wissen und schließlich die Überlegenheit. Man wurde schon auf sie aufmerksam, als sie noch auf der Universität war, und sie bekam noch vor dem Examen allerhand Anerbietungen, denn man riß sich damals in den Städten um die ersten jungen Oberlehrerinnen. Sie konnte wählen und suchte einen großen Platz, eine berühmt schöne Stadt mit alter Kultur, in der sie Gelegenheit zur Weiterbildung fand und auch ein wenig Raum, um etwas zu sagen.

In den Jahren schrieb sie ein paar Bücher über Mädchenerziehung, die viel beachtet wurden und auch bei der langsam einsetzenden preußischen Schulreform nicht ganz ohne Einfluß blieben. Sie besuchte Kongresse und Versammlungen und war gewohnt, auf das Podium zu treten und zu einer respektvoll harrenden, meist weiblich pädagogischen Versammlung zu sprechen. Den führenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung trat sie näher und beobachtete mancherlei.

Viele Menschen gingen an ihr vorüber, wenige waren farblos und Dutzendware, und wenigen gegenüber blieb ihr Wesen stumm. Aber ihr Blut regte sich nicht, und wenn einer mehr begehrte, als nur Geistiges, so wandte sie sich von ihm ab. Sie schuf sich eine eigene feine Kultur und war darin glücklich.

Langsam sah sie alle Dinge ruhiger und reifer an und dachte kaum mehr an Ludwig von Cöldt. Was ging ein Mann sie an, der ihrer Schwester Ehegatte war und nicht mehr nach ihr fragte. Und von dem man nichts mehr – hörte.

Seit einiger Zeit war Ludwig auf seinen Wunsch nach Markburg, wo die Mutter noch immer lebte, zurückversetzt worden und damit von seinem Ostmarkenwerk, vielleicht auch von allem anderen größeren Werk für immer geschieden. Damit schien seine Karriere abgeschnitten. Sein Name war aus der Polenpolitik gelöscht.

Von Yse hörte Christiane noch dann und wann etwas. Sie war mit der Zeit berühmt geworden, schrieb aber nicht gern Briefe.

Die Mutter war jetzt stolz auf Christiane und verriet immer mehr Sehnsucht nach ihr. Jahr um Jahr hatte es ihr keine Unruhe gemacht, die Tochter draußen zu wissen, jetzt wo Christiane einen Namen hatte, wo Bücher von ihr in den Schaufenstern lagen, empfand sie immer größeres Verlangen nach ihr. Und eines Tages machte sie den Vorschlag, daß Christiane sich doch um die Direktorstelle an der Sophie-Reutterschule daheim in Markburg bewerben solle, die vor kurzem erledigt war und nach allem Hörensagen von dem Patronat mit einer weiblichen Kraft besetzt werden sollte.

Diese Schule hatte Christiane selbst ein paar Jahre hindurch besucht. Sie war etwas vor der Stadt in einem alten Herrschaftshause untergebracht, das im Volksmund das ›Reutterschloß‹ hieß. Die einstige Besitzerin, ein vereinsamtes Weib, hatte sich aufgehängt, und in ihrem Testament stiftete sie die Anstalt, die immer nur von den Töchtern der besten Familien besucht wurde und in ihrem Gepräge etwas hatte, das viel mehr an sehr alte Zeiten als an moderne Mädchenerziehung mahnte. Die Reutterschülerinnen wurden zu sehr vornehmen Haustöchtern und verwöhnten Damen erzogen, für den Sturm war keine gehärtet, und an Konflikte wurde überhaupt nicht gedacht, was für Markburg vielleicht auch nicht nötig war.

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